Ayagul Mantaeva: Die Depression

Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/28/prose/ayagul-mantaeva/depressiya/308

Die Erzählung „Depression“ von Ayagul Mantaeva erschien zuerst in kasachischer Sprache und wurde aus dem Kasachischen von Oral Arukenova ins Russische übersetzt.

Zum ersten Mal lernte ich das literarische Werk Ajagul‘ Mantaevas im Jahr 2016 kennen, als ich ihre Erzählung „Die Depression“ im Prosasammelband der zeitgenössischen kasachstanischen Autoren „Нақты қадам“, der mit der Unterstützung des Internationalen kasachstanischen PEN Klubs veröffentlicht wurde, las. Mir gefiel sehr der Stil der Autorin, die Art und Weise wie sie ein in der kasachischen Gesellschaft tabuisiertes Thema streifte und dabei eine neutrale Position wahrte. Die Wekre Ajagul’s kennzeichnen ein sehr feiner Psychologismus und Offenheit. Sie öffnet die aller fragilsten und schwierigsten Themen der kasachischen Gesellschaft, beschreibt Menschen und Ereignisse und nimmt dabei den Leser mit in eine Reflexion, dabei einen Raum für eigene Lesearten bewahrend und das aller bemerkenswerte ist, dass sie sie jeden von uns dazu bringt, über sich selbst und seinen Platz in der Welt nachzudenken. Leider verließ uns Ajagul’ im Juli 2021 auf dem Höhepunkt ihrer Schaffensphase. Sie bleibt in der Erinnerung der Kollegen und Freunde als eine schillernde, unabhängige, schöpferische Persönlichkeit. Ich wünsche mir sehr, dass mehr Menschen ihr Werk kennenlernen. Aus diesem Grund übersetzte ich diese Erzählung in die russische Sprache und möchte auch andere ÜbersetzerInnen dazu anregen, sie in weitere Sprachen zu übersetzen. Es wird sicherlich möglich sein, ihr Werk auch ins Englische und weitere Sprachen zu übersetzen.

Oral Arukenova

Das Licht der Lampe auf dem Pfosten vertrieb die Dunkelheit der Nacht und blendete die Augen: die Beleuchtung des Auls in einer mondlosen Nacht. Die Falter und Mücken wirbelten um den Pfosten herum, so als ob sie sich in die Schnelligkeit des Lichts einordnen wollten.

„Einige von uns sehen Faltern oder Mücken ähnlich. Ich möchte nicht einem Falter ähnlich sehen“, sie atmete auf.

Niemand möchte einem Falter ähnlich sehen.

Sie lächelte traurig und sprach:

„Und du siehst einer wilden Blume ähnlich, die auf dem Grund eines hohen Kelches wächst.“

„Ich möchte mich in einen schneeweißen Vogel verwandeln und hoch zum Himmel fliegen“, sagte ich mit Pathos in der Stimme.

„Die schneeweiße Taube pflückt vorsichtig die wilde Blume aus dem Kelch, hält diese in ihrem Schnabel und schwebt im Himmel“, fuhr sie fort. „Schade, dass ein Falter nicht so hoch fliegen kann: die Flügel sind zu schwach.“

„Mir tun die Falter leid. Eines Tages, als ich noch ein Kind war, schaffte ich es nicht einen bunten Schmetterling zu fangen. Ich wurde wütend und tötete mit dem Besen einen Haufen gelber Falter, die sich auf die Rüben setzten. Dann füllte ich mein Naturkundeheft mit ihnen.“

„Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen ähneln den Beziehungen zwischen einer Blume und einem Schmetterling. Hast du jemals gesehen, dass sich auf eine Blume, die auf der Fensterbank eines Hochhauses stand, ein Schmetterling setzte?“, sagte sie, den Blick fragend an mich gerichtet.

„Es ist dumm, eine wilde Blume mit einer künstlichen zu vergleichen“, antwortete ich.

„Ich spreche von der Ähnlichkeit einer Prostituierten, die nach körperlichen Vergnügungen sucht, mit einem Falter: die beiden spielen ja mit dem Tod“, sie unterbrach abrupt das Gespräch und fragte ängstlich: „Hast du eben eine schwarze Katze gesehen?“

„Eine schwarze Katze?“

„Ist dir nicht diese große, schwarze Katze aufgefallen, die unseren Weg kreuzte?“, fragte sie unsicher.

„Nein, sie ist mir nicht aufgefallen.“

„Ich habe Angst, beim Einschlafen die Augen zu schließen. In meinem Traum kämpfen die schwarze Katze mit ihren Kitten um das Fleisch meines Körpers und nagen an meinen Knochen. Beim Aufwachen habe ich Angst, die Augen zu öffnen. Als unsere schwarze Katze Kätzchen zur Welt brachte, füllte ich den Eimer mit Wasser und ertränkte die blinden Kätzchen der Reihe nach darin. Als die Katze im Frühling bemerkte, was ich da tat, stürzte sie sich auf mich wie ein Tiger und zerkratzte mein Gesicht und meine Hände. Dann schleppte sie der Reihe nach die Leichen ihrer Kinder, die nicht einmal einen Tag gelebt hatten, zum alten Grabmal.

Noch immer hat man die Katze mit dem winzigen, baumelden Körper in den Zähnen vor Augen. Dann schlug ich auf sie mit dem Spaten ein als ich sah wie sie die kleinen Leichen mit der Zunge leckte. Ich weiß, man kann mir meine Grausamkeit nicht als kindlichen Streich verzeihen, das wäre ein Verbrechen. Mein Hass der Mutter gegenüber, die uns fünf Kinder von verschiedenen Ehemännern hatte, verursachte in mir den Hass gegenüber der schwarzen Katze, die ein paar Mal im Jahr Kätzchen warf.

An jenem Tag schwor ich mir, dass ich meine leibliche Mutter umbringen werde, damit sie keine Kinder mehr gebiert. Eine Prostituierte hat nicht das Recht Kinder zu gebären, verstehst du, sie hat keinerlei Rechte dazu! Eine leichte Frau kann nur ein leichtes Mädchen gebären. Wusstest du, dass ich in der zehnten Klasse zwei Mal eine Abtreibung gemacht habe? Verstehst du, dass ich mit meinen eigenen Händen die eigenen Kinder getötet habe, während du, Dümmerchen, deinen Bruder dazu zwangst, jeden Kerl zu verhauen, der nur deinen Zopf berühren wollte?“ Sie krallte sich von beiden Seiten in den Kragen meines blauen Kleides und begann mich zu würgen.

Ich versuchte mich von ihr zu befreien und schrie:

„Hilfe! Man will mich umbringen. Hilfe!“

Ich hörte kaum meine Stimme, da blieb die stumme Nacht mir gegenüber schon teilnahmslos.

„Verzeih mir“, sagte sie, als sie sich wieder fing und die Hände spreizte. „Verzeih mir. Verzeih mir, dass ich dich gleichzeitig liebe und hasse. Gasyr…er spottete über meine Gefühle… Verzeih mir, dass ich ihm einen schnellen Tod wünsche. Verzeih mir, dass ich die ganze weite Welt hasse, alle Menschen in meinem Umkreis. Glaubst du an Schicksal?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an.

Ihre schönen Finger zitterten. Der Wind wirbelte in ihren schulterlangen Haaren. Die Tränen kullerten die weißen Wangen entlang.

Ich hörte alles, was sie mir gesagt hatte, doch konnte mich aus Angst nicht fassen.

„Ich weiß es nicht…“

„Hast du Angst vor mir?“, sie lächelte spöttisch. „Manchmal habe ich Angst vor mir selbst.“

Das Zittern hörte auf und ich begann zu frieren.

„Nun gut, tschüss! Wir werden uns wiedersehen“, sagte ich und eilte nach Hause.

Ich schlief erst beim Sonnenaufgang ein. Als ich erwachte, spürte ich in meinem Körper Schwäche und hob mit Mühe meinen Kopf.

Ich kehrte zwei Tage später als geplant in die Stadt zurück.

***

Sie und ich waren in einer Klasse. In den ersten Jahren saßen wir gemeinsam an einer Schulbank.  Wir stahlen aus den Rucksäcken unserer Klassenkameraden die Butterbrote, manchmal schwänzten wir zusammen die Schule. In der großen Pause deckten wir gemeinsam unsere Schulbank (wir saßen in der letzten Reihe) und machten ein Picknick: wir bedeckten den Tisch mit den Broten, die wir bei den Jungs geklaut hatten, Fladenbrote, die mit Butter beschmiert waren, ich brachte von zuhause Manty mit, Ajkorkem ein süßes Getränk, das sie in der Schulmensa gekauft hatte. Manchmal luden wir die anderen Mädchen zum Picknick ein, Jungs durften daran nicht teilnehmen, geschweige denn unsere Köstlichkeiten probieren.

 „Schon wieder habt ihr meine Fladenbrote gestohlen“, beschwerte sich der Froschjunge Dias.

„Glaubst du etwa, dass niemand außer deiner Mutter Fladenbrote backt?“, antworteten wir ihm immer mit einer vorgefertigten Antwort.

„Meine Mutter hatte gestern vergessen, sie rechtzeitig aus dem Tandyr herauszuholen und sie brannten etwas an. Ich erkenne sie, das sind meine. Gebt sie mir wieder, ihr Diebinnen!“, entrüstete sich das Äffchen Kurmaš.

„Unsere Mutter ist auch vergesslich, gestern brannte ihr auch das Brot an“, ich wollte nicht die Wahrheit zugeben.

In der siebenten Klasse hörten wir damit auf, den Jungs das Brot zu klauen. Von da an begann sich Ajkorem von mir zu distanzieren. Ich hatte Angst sie zu verlieren, fühlte, dass unsere Freundschaft nun einen Riss hatte. Wobei, möglicherweise, war es ich, die sich distanzierte und nicht sie.

In der Zeit der Krise, in den ersten Jahren der Unabhängigkeit kam Ajkorkem in teuren Kostümen zur Schule, die sie ständig wechselte. Ich bewunderte heimlich ihre Kleidung, war sogar neidisch. Ich selbst trug jeden Tag eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock, der von der Freundin meiner Mutter genäht wurde, die man dazu beauftragt hatte. Ich hatte eine Bluse zum Wechseln, doch keinen zweiten Rock. Ich wusch diesen jeden Sonntag, und wenn er nicht bis Montag trocknete, nahm ich das Bügeleisen zur Hilfe. Ich erinnere mich, wie ich ein Loch mit dem Bügeleisen in den Rock machte, daraufhin schnitt meine Mutter ein Stück von Vaters Hose ab und flickte das Loch mit diesem Stück Stoff. Ich trug diesen Rock bis zum Herbst, bis ich bei der Baumwollernte Geld verdiente und mir davon eine neue Schuluniform kaufen konnte. Der geflickte Rock entfernte mich noch weiter von Ajkorem, ich wurde auf Veränderungen in ihrem Verhalten aufmerksam. Sie schwänzte oft die Schule und war oftmals unpünktlich.

Eines Tages, als ich zu spät zum Unterricht kam, traf ich auf die beiden weinenden Ajkorkem und Asisu, die sich jeweils in den unterschiedlichen Ecken des Klassenraums befanden.  

„Man darf Ajkorkem nicht für die Fehler ihrer Mutter beschuldigen“, sagte die Klassenlehrerin. „Asima du musst sie um Verzeihung bitten.“

„Ich soll sie um Verzeihung bitten, dass ihre Mutter unsere Familie zerstört hat? Wobei, vielleicht soll ich sie als Schwester behandeln!? Sie ist ja zwei Monate älter als ich, vielleicht soll ich sie Epke nennen?  Mein teures Schwesterchen, Epke“, witzelte Asima.

„Wenn die Eltern sich stritten, hörte ich, wie die Mutter zum Vater sagte: Vielleicht ist Ajkorkem deine Tochter?! In diesem Fall wäre sie meine Schwester“, bemerkte der einfältige Kuanyš.

Ajkorkem, die hinter der Schulbank stand und schluchzte, hob den Kopf und schrie:

„Halt die Klappe, du dumme Nuss!“, dann näherte sie sich Asime, gab ihr ein paar Ohrfeigen und sagte: „Du Zicke, wag es ja nicht mich Epke zu nennen!“ Dann wandte sie sich Kuanyš zu: „Ich bin dir keine Schwester, du Blödel!“ Und sie warf ein Buch in sein Gesicht.

Ich begann nicht, sie zu beruhigen, ich hätte dafür so oder so keine passenden Worte finden können. Wir konnten nicht verstehen, das Ajkorkem nicht schuld war an den Sünden ihrer Mutter. Nun, genau diese Tatsache entfernte mich von ihr, und nicht die Tatsache, dass sie schnell erwachsen wurde. Haben wir etwa zu wenige von solchen frühreifen Mädchen wie sie? Seitdem ich meine Zöpfe geöffnet hatte, entfernte mich das Verbot meiner Mutter, Ajkorkem zu treffen, endgültig von meiner Klassenkameradin. Und nach jenem Vorfall verließ uns alle der Gedanke nicht, dass sie „die Tochter meines Vaters, Großvaters oder älteren Bruders“ sein konnte. Obwohl wir nicht darüber sprachen, versuchten wir in der Abwesenheit Ajkorkems gemeinsam zu „bestimmen“, wer ihr Vater war.

Die Schönheit einer Frau, die mit vier Töchtern eine Ehe mit einem Traktoristen einging, ließ den Männern des Auls keine Ruhe. Man nannte die Frau Župar (Die Wohlriechende). Die Männer nannten das Häuschen am Rand „das Wohlriechende“.

Die Frauen des Auls hassten dieses Haus und seine wohlriechende Hausherrin.

„Oh Gott, wie kann man ein „stinkendes Haus“ wohlriechend nennen?“, erzürnte sich meine wohlbeleibte Großmutter.

Die Kartenspieler unseres Dorfes bezeichneten sie mit dem Titel der nackten Frauen auf der Rückseite von Spielkarten.

Zu dem Zeitpunkt als wir uns in die Bibliothek des Kulturhauses einschrieben, um Märchen zu lesen, borgte sich ihr Mann dort haufenweise Bücher aus. Er liebte es zu lesen.  Unser kindliches Bewusstsein zwang uns dazu zu denken, dass Buchliebhaber alle weise seien. Als ich erwachsener wurde, glaubte ich nicht sofort daran, dass seine Frau jemand ist, der ein leichtes Benehmen hat. Wie kann die Ehefrau eines weisen Menschen eine Prostituierte sein? Die Erwachsenen erklärten es damit, dass sie ihn „in ihren Bann gezogen hat“. Als ich sie zum ersten Mal sah, da verstand ich intuitiv, dass sie keiner dieser Frauen ähnlich sieht, die ich früher getroffen hatte. Es war schrecklich für mich, das zu fühlen und zu verstehen. Immer wenn ich sie sah, ertappte ich mich dabei, wie ich ein unbewusstes Gefühl von Angst erlitt. Die Frau kam selten nach Hause aus der Stadt.

Als wir im Sommer die siebente Klasse beendeten, verlor ihr Mann den Verstand. Er hielt in seinen Händen eine Knute, zügelte ein imaginäres Pferd und ritt unaufhörlich durch den Aul. Er rief keine Angst bei mir hervor, mehr Mitleid und Ekel. Keine der vier Schwestern Ajkorkems heiratete, dafür vermehrte sich in unserem Aul die Zahl der unehelichen Kinder.

Ajkorkem…Keiner der Kerle aus dem Aul konnte seine Begeisterung und sein Interesse ihr gegenüber verstecken…Doch keiner von ihnen konnte in Wirklichkeit ihre Schönheit bewerten. Die Männer waren erpicht auf ihre Schönheit, verfolgten sie mit einem wölfischen Appetit. Ich habe mich vor ihr verschuldet, weil ich nicht mehr mit ihr befreundet sein konnte und ihr nicht die Hand reichte im richtigen Moment, weil ich nicht die Trauer in ihren schwarzen Augen zu lesen vermochte.  

**

Ajkorkem und ich trafen uns acht Jahre nach jenem Abschied. Sie hatte zugenommen, um die Augen hatte sie nun winzige Fältchen, die Trauer in ihren Augen wurde noch tiefer.

„Wurdest du immer noch nicht geküsst?“, fragte sie mich verschmitzt.

Ich wurde beleidigt:

„Sehe ich etwa einer Erzieherin im Kindergarten ähnlich?“

„Nein, du ähnelst einer wilden Blume am Grund eines hohen Kelches.“

„Du hast es nicht vergessen. Doch die schneeweiße Taube wird nicht kommen, um mich mitzunehmen in die Höhe.“

„Galym hat noch nicht geheiratet“, antwortete ich, obwohl ich mich von Zeit zu Zeit an den Kerl erinnerte, in den ich verliebt war und ihn sogar vermisste.

„Ich habe dir so viele Briefe geschrieben und bekam keine Antwort“, sagte ich.

„Und ich kann Galym nicht vergessen. Er ist der Einzige, der nicht meine Gefühle erwiderte. Er liebte nicht mich, sondern dich. Ulkig, dass er mir keinerlei Interesse gewidmet hat, mir, die solch eine Schönheit ist.“

„Manche Schönheiten haben bloß Gespöt von den Männern verdient“, erwiderte ich böse.

Sie war gar nicht beleidigt.

 „Du hast eine besondere Schönheit“, sagte sie und küsste mich auf die Wange.

„Ich weiß. Du hältst dich vor mir in Acht, hast Angst vor meinem Wesen, ich habe auch Angst vor dir, du erwürgst die Gefühle in dir, gibst nie zu, dass du liebst oder verliebt bist.

Deswegen vermisse ich dich, obwohl wir so verschieden sind. Ist es dir nicht peinlich, mit mir an einem Tisch zu sitzen?“

„Ich habe dich nicht verstanden…“

„Tu nicht so unschuldig, du aufgeblasene Zicke“, antwortete sie mit einem strengen Ton. „Ich erinnere mich nicht an die Männer, die meinen Körper für eine Nacht kaufen, dafür erinnern sie sich an meinen Körper. Ein Mann kann eine Frau nicht wertschätzen, die sich das ganze Leben um ihn kümmert, dafür erinnert er sich an die Vergnügungen, die er für Geld bekommt. Mein Körper ist mir teurer als mein Gewissen und mein Stolz. Gefühle und Hoffnungen, Fantasien und Wünsche haben mich betrogen. Das Geld, das mir eine Freundin nicht borgen kann, veridene ich mit meinem Körper.“

„Dein Leben – deine Wahrheit“, war das erste, das ich sagte, was in meinen Kopf kam.

„Gestern hatte ich wieder einen Albtraum, ich wachte auf vor Schrecken. Im Traum erschien an meinem Grab eine schwarze Katze. Wenn du dich meinem Grabmal näherst, vertreibe nicht die Katze von dort, die den Grund zerkratzt und durcheinanderwirft“, sagte sie wehleidig. „Lege keine Blumen auf mein Grab, bringe lieber etwas Milch für die schwarze Katze. Wohin ich auch gehe, werde ich von dem Schatten der schwarzen Katze verfolgt. Ist dir die Katze aufgefallen, die in das Fenster blickte?“ Sie glotzte mich an und verstummte.

„Was für ein Unsinn. Katzen sind nicht so ungeheuer. Du hast es dir eingebildet“, ich drehte den Kopf zum Fenster und erblickte eine riesige schwarze Katze, die ihren Blick nicht von uns wandte.

Mein Herz pochte vor Angst, ich fürchtete mich, lange in ihre grünen, verurteilenden Pupillen zu blicken. Vor meinen Augen wurde es dunkel und der Kopf drehte sich.

Am nächsten Tag wachte ich in einem Krankenhausbett auf.

 „Sie haben weder eine schwarze, noch eine grüne Katze gesehen. Die Ängste Ihrer depressiven Freundin beeinflussten Sie. Die Katze erschien in Ihrer Fantasie, Sie haben sie nicht gesehen. Ich verbiete es Ihnen, Ihre Freundin zu treffen. Ansonsten können Sie einen Nervenzusammenbruch erleiden“, sagte der junge Arzt.

„Hätten Sie den Hass in den Augen jener schwarzen Katze gesehen, dann wären Sie auch in einem Krankenhausbett gelandet.“

„Ihr Nervensystem ist an seine Grenzen geraten.“

„Ich bin tatsächlich müde. Nur habe ich nie gehört, dass depressive Menschen sich schwarze Katzen einbilden.“

Der Doktor lächelte und schwieg.

Die weichen Gesichtszüge und tiefen Augen des Arztes erinnerten mich an Galym. Da verstand ich, dass die Gefühle zu dem Kerl im heimischen Aul geblieben sind. Die Stadt ließ die Gefühle gegenüber Galym empfand, erkalten, doch abgesehen davon vermisste ich ihn.

„Wahre Gefühle gehen auch irgendwann vorbei“, murmelte ich.

„Was haben Sie gesagt?“, der Arzt schaute mich fragend an.

„Haben Sie als Kind Tulpen in der Steppe gesammelt?“

Er lächelte und wackelte mit dem Kopf:

„Wir hatten keine Verwandten im Aul. Meine Eltern wurden in einem Kinderheim großgezogen. Also habe ich nie Tulpen im Aul gesammelt, dafür habe ich Setzlinge gepflanzt, den Garten gewässert und Äpfel gesammelt.“

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, erblickte ich einen Strauß mit Tulpen in einer Vase und den sympathischen Arzt, der über meinen Schlaf wachte.

„Ich habe sie in der Steppe gesammelt, speziell für Sie“, sagte er schüchtern und verließ mit einem weichen Schritt das Krankenzimmer.

Ich drückte die Tulpen ohne Geruch an meine Brust und schritt vorsichtig zum Fenster. Draußen roch es nach Frühling. Auf die zitternden Blätter des Urjuks tropfte der Regen, ein auf einem Baumast sitzender Vogel krümmte sich vor der Kälte zusammen. Ich kniff die Augen zusammen und erblickte eine Katze auf dem Baum. Als ich die Augen öffnete, sah ich eine gefleckte Katze, die sich diebisch dem Vogel näherte. Um den Vogel zu verscheuchen, warf ich zwei Tulpen nach ihm.

„Haben Sie keine Angst. Ich sehe diese Katze jeden Tag im Hof des Krankenhauses“, ich hörte eine Stimme und drehte mich abrupt um. „Die Herren der Gefühle sind nicht die Tulpen, sondern das Herz ist der Herr der Gefühle“, sagte der junge Arzt rätselhaft und lächelte.

Ich wand meinen Blick von ihm und blickte schuldbewusst zuerst auf die Tulpe, die auf einem Ast hing und dann auf die, die auf der Erde lag.

„Sie müssen sich für ihr gutes Herz nicht schämen“, sagte er, „denn Sie wollten ja die Tulpen nicht wegschmeißen, sondern den Vogel retten.“

Ich stellte schweigend drei Tulpen in die Vase und blickte den Arzt mit einem Seitenblick an. Er lächelte. Ich verspürte von den Tulpen ohne Steppenduft einen Wohlgeruch der Gefühle.

Ajagul‘ Mataeva – eine kasachischsprachige Autorin und Preisträgerin des Serper Youth Preises. Sie wurde in einem Dorf in Bajkonys geboren und zwar in der Maktaaralsker Region im turkestanischen Gebiet. Sie absolvierte ein Magisterstudium an der russischen Universität der Freundschaft der Völker. Zu ihren Publikationen gehört der Gedichtsammelband „Doždlivaja vesna“ („Der verregnete Frühling“) und das Buch „Nazad k serdcu“ („Zurück zum Herzen“) Im Jahr 2010 bekam sie das Stipendium des Präsidenten in der Kategorie „Literatur“

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