Der Abgrund zwischen der maximalen Verfremdung und der unendlichen Betroffenheit
verstecken deinen Körper
all mein körperlicher Schmerz psychosomatischer Schmerz
wir kennen uns selbst nie und schon gar nicht die Wörter
die ohne unser Mitwissen aus diesem Loch herausfliegen
Chakren Höhlen Brüste sei grob Gruben Berge gru gru gru
uru ru uru ru uru ru
all der körperliche Schmerz ein somatischer Psychoschmerz
wie gewohnt trennt er den Verstand und das Seelchen und den Schlachtkörper
Titushka und Psychiatrie bitte geh nicht ich bitte dich darum
Birnbaum Birnbaum Apfelbaum und die Krone
horizontale boshka vertikale Bettlerin
zwischen dem maximalen Persönlichen und minimalen Gesellschaftlichen
unser ganzes neunundvierzig jähriges Leben Beweise Begünstigung
die Annahme winziger Beleidigungen ich enthalte mich die Schuld zu fühlen
ich spüre nichts außer Zorn
du versprachst mir zu kämpfen
du hast gewonnen
Adelante Cubanos
in uns gab es keine Vulgarität wir fliehen vor ihr
doch der Tod warum auch immer
zieht sich und zieht sie hinter sich her.
***
I.V.
der Weg entpuppte sich als eisern
und etwas latschig, doch unter diesen
Bedingungen haben wir uns gewöhnt nur
das Herz ist nicht eisern wie die nicht leichte Lunge
ich sitze in der Dämmerung des Irrenhauses höre die Spechte
und die Segler, dazu noch Musik
einer Lerche die von Vera gebacken wurde und kann nicht begreifen
warum wir es nicht geschafft haben zu kommunizieren
zum Lebensende bei der Haltestelle
jemand schreit langgezogen und ich werde mehr nicht reichen
meine Hand um deine nicht rasierte
eingefallene Wange zu streicheln verzeih
dass ich es dir nicht beigebracht habe aus der Ferne
die schnurlosen Kopfhörer zu benutzen
nun gehören sie für immer mir
Der Elektrakomplex
die Anzahl der Kerzen ist willkürlich
teilbar in drei Komplex „Elektro“ in dem
die aller billigsten Lämpchen sind wenn
mich der zweite Ehemann verlassen hat, und die dritte
war noch hinter dem Horizont der Ereignisse du kamst
mit einer Bohrmaschine zogst über den Kopf irgendein Küchenhandtuch
und etwas fluchend hängtest du unter die Decke
meiner ersten eigenen Wohnung irgendeine
wunderlich hinterfotzige Lampe die
einer riesigen Titte ähnlich sah welche ich an dem Tag zuvor kaufte
im berüchtigten „Elektro“-Komplex diese hing
dort beleuchtend das was verflucht in den Wänden geschah
nach ca. sechs Jahren fuhren wir weg von dort ich glaube in dieser Titte
transportierten wir etwas Zerbrechliches und sie riss Plüschkin in mir
schickt Grüße deinem sammele dort
jedes Elektron oder Neutrino oder was dort unter den Füßen liegt wenn du möchtest
werde ich den ganzen Spam lesen, den du mir geschickt hast?
Und werde jeden Link anklicken antworten ich auf diesen nichtweißen Lärm wohin wir
stopfen die Symbole und die Dimensionen des Fortgehens
***
not good not bad
an ambivalent cat
***
meine Vagina ist mir keine Vagina
dieses westliche Wort sagt mir nichts
ich bevorzuge Fotze zu denken
oder am* ich esse dich auf
Vagina Dentats isst nur was ihr gefällt
politisch kannst du deinen Geschmack sogar erneut formieren
und das ist prima
meine am-Fotze war einst ein Fotze-Grabmal
Und das ist bis jetzt eine der schwersten körperlichen Erfahrungen
die mir zuteil wurden
meine am-Fotze war immer hypersexuell
sie masturbierte nur über Frauen
doch es fügte sich historisch (kh) zusammen
dass ich lange Zeit mit Männern zusammenlebte obwohl eines Tages als ich dreizehn Jahre alt war
fragte ich meine Mutter was sind Lesben und meine Mutter sagte ruhig
das sind Frauen die Frauen lieben Liebe machen und manchmal
zusammen leben und seitdem endeten meine feuchtesten Träume
mit einem Orgasmus in dem Moment des Traums wenn die Mutter erschien
und mir die Hand auf das Schambein legte ich habe diese Träume nie als schreckliches Tabu wahrgenommen,
das ich mir wünsche zu brechen, sondern wie eine gewöhnliche Umdrehung eines ödipal-elektro–Komplexes
in manch einem lesbischen Sinne, wenn der Mann die Mutter begehren kann
warum kann dann das der Frau nicht erlaubt sein das wichtigste ist es rechtzeitig erwachsen zu werden
im Allgemeinen wuchs ich auf in einem Moment relativ weit von der eigenen Vagina
aus meiner staubigen grünen Stadt in einer Welt die langsam zerfällt und in der
mit vierundzwanzig Jahren ich die erste echte lesbische Erfahrung machte
doch das alles war relativ hoffnungslos wir, meine Freundin und ich, entfernten uns voneinander
sie interessierte sich für Geld ich mich für Musik und Wasser wie soll man hier zusammenkommen es ist unmöglich
und erst nach vielen Jahren
fand ich meine ideale akademische Schlampe mit der
ich vor nichts Angst habe auch nicht vor Außerirdischen
wir gewöhnten uns an die Apokalypse machen weiter die Experimente mit unseren nicht jungen
doch immer noch voller Leidenschaften körperlichen Symbionten und manchmal
andere Frauen und Männer und Kinder und Tiere und Pflanzen und Sterne und Kosmos
geben uns Licht und Dunkelheit und schnappen und bewahren auf
*am (Fotze. Kas.)
***
unsere Körper sind ohne überlebenswichtige Organe
mir fehlt die Schilddrüse, dir der Phallus (o)
bedingt vorfristig bedingt weiß bedingt jung
regulieren sich mit psychotherapeutischen Gesprächen
und Hormontherapie wer trägt die Verantwortung
und für was wer sind unsere Richter
wer wer wer ist er
ein Kater der weder lebend noch tot ist
eine Krabbe die schmackhaft und leer ist
der Fisch der den Mund berühren wird
es verfliegt als Bürgerin Laniakea meine Gämse
warte mal laufe nicht weg
***
die Menschen die keine Körper spüren
bewegen kaum in der Dunkelheit
zwischen mit-mir
stimmt-etwas-nicht
und mit-dieser-Welt
stimmt-was-nicht
ich wähle mich und die Welt
meine eigene umkonstruierte
intersektionelle begrenzte flint
organische
die zerfällt in die Politik der Einladungen
in die Politik der Identitäten in die Politik
mit dem Trans-par
ent das zerfällt
zer fall erstens fall zweitens fall steinfall
wie jener Hiob halte ich den Schlag
erstens Durchhaltevermögen zweitens Durchhaltevermögen
drittens ich habe nicht durchgehalten ex plo diere
wie jener Mischa kam ich von den Stadtblumen
wie jene Marina sammelte ich Wildblumen
wieder irgendein Berg im Saum nicht aufgehoben irgendetwas
nichts oder etwas verstand ich wieder kehrte zurück
wie in den Vorzeiten zum menstruierenden wie in den Vorzeiten Körper
der sich schnell bewegt in der Dunkelheit kehrte zurück durch die Rute das Gehirn
durch die Bewegung kam ich zu mir und blieb stehen
in der neuen Wurzel Ge
Ge sage ich zu mir
Ge-schichte
Ge-dichte
mal irgendeine Geschichte mal irgendeine Poesie was ich gehört habe
und dachte wieder nach und hob nicht auf dass ich alles
verstand
***
Pläne schmieden für die Vergangenheit
da es keine Zukunft gibt
____
bald wird A-baj Bajs zu sich holen
Be- äN-, und Ka-
was er nicht tut
das wird Lukas vollbringen
was UNO nicht tut das vollbringt Chronos mit Cha-ronchik
Danik mit Butonchik zart wie eine Blume
Doktor SPOK
schneller OK (X) wird sie alle zu sich holen
hier wird das Volk der Rheim sein, oder eher nicht
oder in jener Ewigkeit in der Leere wird es das Wort Volk nicht geben
nur der toj* der weibliche mutige toj
es wird nur „y“ und „a“ „wir“ und „ich“ geben wird vergessen zu sprechen
wird sich verstecken hinter dem Fenster-Grund
mit den Schwestern werden wir über uns violettfarbene Sonne öffnen
wir werden alle Dienste und Freundschaften mit einem dummen Feuer begießen
das uns nicht gebeugt hat in der Zukunft räumen wir um räumen wir auf
sja und tja und nja und andere Silben
legen mit unserer beweglichen äs-opschen Autor_innen-Sprache-OM!
* toj – Fest, Festessen (Kas.)
Marija Vil’kovsikaja ist Künstlerin, Kuratorin und Poetin. Sie wurde in Almaty geboren und absolvierte das Alamtiner Staatliche Konservatorium von Kurmangaz, die Literaturschule „Musaget“ (2008) und die Moskauer SommerkuratorInnenschule (2013). Seit 2011 kuratiert sie Ausstellungen und kulturelle Projekte in der Sphäre der zeitgenössischen Kunst. Seit 2013 leitet sie gemeinsam mit Ruth Dženbrekova die imaginäre Institution mit dem Namen „Kreol’skij kul’turnyj zentr“. Zu den Projekten gehören feministische Ausstellungen „Vtoroj pol“ („Das zweite Geschlecht“) (2013), Ženskoe Delo“ („Die weibliche Angelegenheit“) (2013), die Sommerschule der zeitgenössischen Kunst (2013), der queer-feministische poetische Sammelband „Ышшо Одна“ (2016), der Sammelband der Queerpoesie „Pod odnoj obložkoj“ („Unter einem Buchdeckel“) (2018). Sie ist Teilnehmerin des ersten Almatiner Poetryslams und von poetischen Festivals „Polifonija“ („Polyphonie“) und „Sozyv“ („Die Einberufung“). Ihre Poesie wurde in den Verlagen „Vozduh“ („Luft“), „Novyj Mir“ („Neue Welt“), „TextOnly“, „Apollinarij“, „Znaki“ („Zeichen“), in der Zeitung „Ышшо Одын“, „Megalit“ publiziert. Außerdem brachte sie das Buch „Imenno s ätogo mesta“ (Genau von diesem Platz aus“) (Almaty 2014) und den Gedichtband „Nekotorye otryvochnye svedenija“ („Einige bruchstückhafte Ausschnitte“) (Verlag: Kaninetnyj uchenyj, 2022) heraus. Marija Vil’koviskaja lebt und arbeitet in Almaty und Wien.