Gedichte von Marija Vil’koviskaja – übersetzt von Mascha Beketova und Lena Muchin

Der Abgrund zwischen der maximalen Verfremdung und der unendlichen Betroffenheit

verstecken deinen Körper

all mein körperlicher Schmerz psychosomatischer Schmerz

wir kennen uns selbst nie und schon gar nicht die Wörter

die ohne unser Mitwissen aus diesem Loch herausfliegen

Chakren Höhlen Brüste sei grob Gruben Berge gru gru gru

uru ru uru ru uru ru

all der körperliche Schmerz ein somatischer Psychoschmerz

wie gewohnt trennt er den Verstand und das Seelchen und den Schlachtkörper

Titushka und Psychiatrie bitte geh nicht ich bitte dich darum

Birnbaum Birnbaum Apfelbaum und die Krone

horizontale boshka vertikale Bettlerin

zwischen dem maximalen Persönlichen und minimalen Gesellschaftlichen

unser ganzes neunundvierzig jähriges Leben Beweise Begünstigung

die Annahme winziger Beleidigungen ich enthalte mich die Schuld zu fühlen

ich spüre nichts außer Zorn

du versprachst mir zu kämpfen

du hast gewonnen

Adelante Cubanos

in uns gab es keine Vulgarität wir fliehen vor ihr

doch der Tod warum auch immer

zieht sich und zieht sie hinter sich her.

***

I.V.

der Weg entpuppte sich als eisern

und etwas latschig, doch unter diesen

Bedingungen haben wir uns gewöhnt nur

das Herz ist nicht eisern wie die nicht leichte Lunge

ich sitze in der Dämmerung des Irrenhauses höre die Spechte

und die Segler, dazu noch Musik

einer Lerche die von Vera gebacken wurde und kann nicht begreifen

warum wir es nicht geschafft haben zu kommunizieren

zum Lebensende bei der Haltestelle

jemand schreit langgezogen und ich werde mehr nicht reichen

meine Hand um deine nicht rasierte

eingefallene Wange zu streicheln verzeih

dass ich es dir nicht beigebracht habe aus der Ferne

die schnurlosen Kopfhörer zu benutzen

nun gehören sie für immer mir

Der Elektrakomplex

die Anzahl der Kerzen ist willkürlich

teilbar in drei Komplex „Elektro“ in dem

die aller billigsten Lämpchen sind wenn

mich der zweite Ehemann verlassen hat, und die dritte

war noch hinter dem Horizont der Ereignisse du kamst

mit einer Bohrmaschine zogst über den Kopf irgendein Küchenhandtuch

und etwas fluchend hängtest du unter die Decke

meiner ersten eigenen Wohnung irgendeine

wunderlich hinterfotzige Lampe die

einer riesigen Titte ähnlich sah welche ich an dem Tag zuvor kaufte

im berüchtigten „Elektro“-Komplex diese hing

dort beleuchtend das was verflucht in den Wänden geschah

nach ca. sechs Jahren fuhren wir weg von dort ich glaube in dieser Titte

transportierten wir etwas Zerbrechliches und sie riss Plüschkin in mir

schickt Grüße deinem sammele dort

jedes Elektron oder Neutrino oder was dort unter den Füßen liegt wenn du möchtest

werde ich den ganzen Spam lesen, den du mir geschickt hast?

Und werde jeden Link anklicken antworten ich auf diesen nichtweißen Lärm wohin wir

stopfen die Symbole und die Dimensionen des Fortgehens

***

not good not bad
an ambivalent cat

***

meine Vagina ist mir keine Vagina

dieses westliche Wort sagt mir nichts

ich bevorzuge Fotze zu denken

oder am* ich esse dich auf

Vagina Dentats isst nur was ihr gefällt

politisch kannst du deinen Geschmack sogar erneut formieren

und das ist prima

meine am-Fotze war einst ein Fotze-Grabmal

Und das ist bis jetzt eine der schwersten körperlichen Erfahrungen

die mir zuteil wurden

meine am-Fotze war immer hypersexuell

sie masturbierte nur über Frauen

doch es fügte sich historisch (kh) zusammen

dass ich lange Zeit mit Männern zusammenlebte obwohl eines Tages als ich dreizehn Jahre alt war

fragte ich meine Mutter was sind Lesben und meine Mutter sagte ruhig

das sind Frauen die Frauen lieben Liebe machen und manchmal

zusammen leben und seitdem endeten meine feuchtesten Träume

mit einem Orgasmus in dem Moment des Traums wenn die Mutter erschien

und mir die Hand auf das Schambein legte ich habe diese Träume nie als schreckliches Tabu wahrgenommen,

das ich mir wünsche zu brechen, sondern wie eine gewöhnliche Umdrehung eines ödipal-elektro–Komplexes

in manch einem lesbischen Sinne, wenn der Mann die Mutter begehren kann

warum kann dann das der Frau nicht erlaubt sein das wichtigste ist es rechtzeitig erwachsen zu werden

im Allgemeinen wuchs ich auf in einem Moment relativ weit von der eigenen Vagina

aus meiner staubigen grünen Stadt in einer Welt die langsam zerfällt und in der

mit vierundzwanzig Jahren ich die erste echte lesbische Erfahrung machte

doch das alles war relativ hoffnungslos wir, meine Freundin und ich, entfernten uns voneinander

sie interessierte sich für Geld ich mich für Musik und Wasser wie soll man hier zusammenkommen es ist unmöglich

und erst nach vielen Jahren

fand ich meine ideale akademische Schlampe mit der

ich vor nichts Angst habe auch nicht vor Außerirdischen

wir gewöhnten uns an die Apokalypse machen weiter die Experimente mit unseren nicht jungen

doch immer noch voller Leidenschaften körperlichen Symbionten und manchmal

andere Frauen und Männer und Kinder und Tiere und Pflanzen und Sterne und Kosmos

geben uns Licht und Dunkelheit und schnappen und bewahren auf


*am (Fotze. Kas.)

***

unsere Körper sind ohne überlebenswichtige Organe

mir fehlt die Schilddrüse, dir der Phallus (o)

bedingt vorfristig bedingt weiß bedingt jung

regulieren sich mit psychotherapeutischen Gesprächen

und Hormontherapie wer trägt die Verantwortung

und für was wer sind unsere Richter

wer wer wer ist er

ein Kater der weder lebend noch tot ist

eine Krabbe die schmackhaft und leer ist

der Fisch der den Mund berühren wird

es verfliegt als Bürgerin Laniakea meine Gämse

warte mal laufe nicht weg

***

die Menschen die keine Körper spüren

bewegen kaum in der Dunkelheit

zwischen mit-mir

stimmt-etwas-nicht

und mit-dieser-Welt

stimmt-was-nicht

ich wähle mich und die Welt

meine eigene umkonstruierte

intersektionelle begrenzte flint

organische

die zerfällt in die Politik der Einladungen

in die Politik der Identitäten in die Politik

mit dem Trans-par

ent das zerfällt

zer fall erstens fall zweitens fall steinfall

wie jener Hiob halte ich den Schlag

erstens Durchhaltevermögen zweitens Durchhaltevermögen

drittens ich habe nicht durchgehalten ex plo diere

wie jener Mischa kam ich von den Stadtblumen

wie jene Marina sammelte ich Wildblumen

wieder irgendein Berg im Saum nicht aufgehoben irgendetwas

nichts oder etwas verstand ich wieder kehrte zurück

wie in den Vorzeiten zum menstruierenden wie in den Vorzeiten Körper

der sich schnell bewegt in der Dunkelheit kehrte zurück durch die Rute das Gehirn

durch die Bewegung kam ich zu mir und blieb stehen

in der neuen Wurzel Ge

Ge sage ich zu mir

Ge-schichte

Ge-dichte

mal irgendeine Geschichte mal irgendeine Poesie was ich gehört habe

und dachte wieder nach und hob nicht auf dass ich alles

verstand

***

Pläne schmieden für die Vergangenheit

da es keine Zukunft gibt

____

bald wird A-baj Bajs zu sich holen

Be- äN-, und Ka-

was er nicht tut

das wird Lukas vollbringen

was UNO nicht tut das vollbringt Chronos mit Cha-ronchik

Danik mit Butonchik zart wie eine Blume

Doktor SPOK

schneller OK (X) wird sie alle zu sich holen

hier wird das Volk der Rheim sein, oder eher nicht

oder in jener Ewigkeit in der Leere wird es das Wort Volk nicht geben

nur der toj* der weibliche mutige toj

es wird nur „y“ und „a“ „wir“ und „ich“ geben wird vergessen zu sprechen

wird sich verstecken hinter dem Fenster-Grund

mit den Schwestern werden wir über uns violettfarbene Sonne öffnen

wir werden alle Dienste und Freundschaften mit einem dummen Feuer begießen

das uns nicht gebeugt hat in der Zukunft räumen wir um räumen wir auf

sja und tja und nja und andere Silben

legen mit unserer beweglichen äs-opschen Autor_innen-Sprache-OM!

* toj – Fest, Festessen (Kas.)

Marija Vil’kovsikaja ist Künstlerin, Kuratorin und Poetin. Sie wurde in Almaty geboren und absolvierte das Alamtiner Staatliche Konservatorium von Kurmangaz, die Literaturschule „Musaget“ (2008) und die Moskauer SommerkuratorInnenschule (2013). Seit 2011 kuratiert sie Ausstellungen und kulturelle Projekte in der Sphäre der zeitgenössischen Kunst. Seit 2013 leitet sie gemeinsam mit Ruth Dženbrekova die imaginäre Institution mit dem Namen „Kreol’skij kul’turnyj zentr“. Zu den Projekten gehören feministische Ausstellungen „Vtoroj pol“ („Das zweite Geschlecht“) (2013), Ženskoe Delo“ („Die weibliche Angelegenheit“) (2013), die Sommerschule der zeitgenössischen Kunst (2013), der queer-feministische poetische Sammelband „Ышшо Одна“ (2016), der Sammelband der Queerpoesie „Pod odnoj obložkoj“ („Unter einem Buchdeckel“) (2018). Sie ist Teilnehmerin des ersten Almatiner Poetryslams und von poetischen Festivals „Polifonija“ („Polyphonie“) und „Sozyv“ („Die Einberufung“). Ihre Poesie wurde in den Verlagen „Vozduh“ („Luft“), „Novyj Mir“ („Neue Welt“), „TextOnly“, „Apollinarij“, „Znaki“ („Zeichen“), in der Zeitung „Ышшо Одын“, „Megalit“ publiziert. Außerdem brachte sie das Buch „Imenno s ätogo mesta“ (Genau von diesem Platz aus“) (Almaty 2014) und den Gedichtband „Nekotorye otryvochnye svedenija“ („Einige bruchstückhafte Ausschnitte“) (Verlag: Kaninetnyj uchenyj, 2022) heraus. Marija Vil’koviskaja lebt und arbeitet in Almaty und Wien.

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