Polina Žerebcova: Der Weg in den Himmel. Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/27/prose/polina-zherebcova/put-v-podnebese/277

Polina Žerebcova: „Der Weg in den Himmel“

                                                                          Eine Erzählung

(aus dem Buch „Dünner, silberner Faden“)

Das Paradies befindet sich unter den Füßen unserer Mütter

                                                                       Hadith

Der Wolf war außerordentlich grau, mit einem silbernen Schimmer auf dem Fell. Sein Blick war streng und wild, und in seinem Maul, am Gebiss, versteckte sich ein Lächeln – ein Buddha, der die Padmasana durch einen unendlichen Lauf ausgetauscht hat. Er verzichtete auf unsere Vorurteile und Beschränkungen, lief durch die Kluft zum am Horizont eingefrorenen Regenbogen, um, nachdem er diesen übersprungen hatte, zu beweisen, wie wahrlich mächtig er war.

Der erste Wolf der Welt, der den Regenbogen überquert hat! Alle Berg- und Waldbewohner, die davon erfuhren, neigten ihre Köpfe vor ihm.

Miša lachte. Wie ein Meister freute er sich über seinen auf dem Papier so gut gelungenen Helden.

Die Mutter war den ganzen Tag nicht zu Hause – sie ging zum Markt um mit Arzneien und Kräutern zu handeln, um abends mit Essen nach Hause zurückzukehren. Oftmals lagen in ihrer Leinentasche nur Zwiebeln und Kartoffeln.

Die Kartoffeln bereiteten sie in einem alten elektronischen Samowar zu – der Gasofen hatte vor kurzem seinen Geist aufgegeben.

Der Junge saß eingesperrt zuhause, zur hellen Tageszeit, und wartete nur auf das Eine – wann die Mutter zu ihm lebendig und unversehrt zurückkommen würde.

Nach dem ersten Krieg, der im Winter des Jahres 1995 stattgefunden hatte, hatte Miša sehr große Angst nicht nur vor der unaufhörlichen Schießerei auf den Straßen, sondern auch vor den Neujahrsböllern und vor den jetzt so ungefährlich scheinenden Flugzeugen.

Zur Nacht hin saß die Mutter, trotz ihrer Müdigkeit, neben dem Jungen, streichelte sein Haar oder rieb ihn mit der Hand hinter seinem Ohr und flüsterte:

„Mit deinen sieben Jahren malst du wie ein Erwachsener, Miša! Du musst dich weiterentwickeln. Schade, dass wir so arm sind wie Kirchenmäuse und diese verdammte Stadt nicht verlassen können.“

Doch Miša liebte seine Stadt, die im Umkreis der Berge lag. Hier lebten unterschiedliche Menschen: gute und schlechte, und die Stadt war die eine – für alle. Der Junge wollte sie nicht verlassen.

Und jeden Abend konnte er seine Mutter in einem neuen Licht, als ein neues Bild sehen.

Alleine zu Hause war ihm langweilig, und besonders trist wurde es, wenn er genau hinschaute und die leeren Regale sah und sich dann daran erinnerte, wie die Mutter das Tischeisen und das Geschirr herausnahm, aufatme und sagte:

„Perestrojka! Kein Essen, keine Arbeit!“

Dann brachte sie all die schönen Sachen zum Markt und verkaufte irgendetwas davon für wenig Geld oder tauschte irgendetwas einfach gegen Brot aus.

Das allerschlimmste für Miša war es, das Zimmer der Mutter zu betreten. Dort stand auf ihrem Tisch eine Fotografie in einem schwarzen Rahmen, auf der durch einen unbekannten Fotografen sein Vater und Großvater dargestellt waren. Es war seltsam, doch wenn Miša das Foto betrachtete, hatte er die Vorahnung, dass er sie bald treffen würde.

Der Junge erzählte der Mutter davon, doch die Mutter sagte, es lohne sich nicht so zu denken, und von da an hatte er sogar Angst, das Foto anzuschauen. Und zwar weil er dachte, dass der Vater ihm ständig zuzwinkerte und der Großvater ihn aufmerksam anschaute.

Die Angst kam immer unerwartet. Wie auch heute, einer Vogelspinne gleich, kroch er aus der Ecke des Schrankes und begann geschäftig seine raffinierten Muster zu spinnen.

Miša hatte schreckliche Angst vor Spinnen und nun schien es ihm, dass es schlimm um ihn stand – da sich die Angst sich genau in jenes Wesen verwandelt hatte.

Der Junge war nicht in der Lage zu Mittag zu essen, obwohl seine Mutter ihm Nudeln mit Käse dagelassen hatte – sein Lieblingsessen.

Seine Zeichnung mit dem Wolf lenkte ihn ab, doch zum Abend hin, als die Sonne sich gerade gen Untergang neigte, rauschte die Angst Spinne mit seinen haarigen Beinen.

Miša näherte sich dem Fenster und öffnete es. Man konnte die Leninstraße aus dem vierten Stock wie die eigene Handfläche sehen. Nun, hier waren die Beete und der Springbrunnen und etwas weiter auf dem Sockel stand früher der Großvater Lenin.

„Wer ist das?“, fragte Miša eines Tages seine Mutter Tanja.

„Ich weiß es nicht“, antwortete diese. „Manche Leute glauben, dass er einst ein großer Denker war, und andere behaupten, dass er mit seinen Büchern und Ausrufen Tausende von Menschen getötet hat …, dass er ein Besessener war und ein deutscher Spion.“

„Wahrscheinlich“, dachte Miša, „war er wirklich groß, dieser Großvater Spion, wenn er fähig war, Bücher zu schreiben und damit so viel anzurichten. Deswegen hatte man ihn auch irgendwann auf den Sockel gestellt, damit alle Spione und Mörder wussten – ihre Sache lebt.“

Miša liebte, wie fast jedes Kind der Epoche der Perestrojka, Erzählungen über den Zaren Nikolaj und seine Kinder, aber vor dem Großvater Lenin hatte er Angst. Während Miša sich seinen Gedanken hingab, klopfte es an die Tür. Das Klopfen war nicht freundlich. „Man hämmert mit den Füßen“, erriet Miša.

Die Mutter brachte es ihm bei: man öffnet Fremden nie die Tür. Und er und die Mutter hatten keinen, der ihnen nahe war. So hat es sich gefügt.

Miša bewegte sich nicht von der Stelle, doch dann hörte man böse Stimmen hinter der Tür, die an das Knurren eines Hundes erinnerten. Er hatte den Eindruck als ob man ihm auf die Handflächen mit Nadeln stechen würde.

Vielleicht wird sich alles von alleine regeln? Früher kam so etwas doch auch mal vor: es kamen Jugendliche und während die Mutter nicht zu Hause war, klopften sie bedrohlich an die Tür und schrien Beleidigungen:

„Weg mit den Russen aus Tschetschenien!“

„Russen sind Schweine!“

„Wir töten dich!“

Genau in solchen Fällen öffnete Miša die Tür, nahm ein Gewehr (dies war eine immer zuverlässige, großkalibrige Maschine, die sein Großvater, der mutig gegen die Faschisten in jenem weiten Krieg kämpfte, besessen hatte) und begann zu schießen; die tosenden Wände des heimischen Treppenhauses liefen blutrot an und schmolzen, und von den Feinden blieb keine Spur mehr.

Doch leider war das alles nur ein Teil von Mišas Einbildungskraft, sowie sein zum Regenbogen laufender Wolf – man kann ihn bitten so oft man möchte, er wird dich nicht mitnehmen.

Als die Schreie nicht verstummten und es unmöglich wurde, ihnen zuzuhören, ging Miša ins Badezimmer: dort stand ein Becken mit Wasser – für den Fall, falls man das Wasser abstellt, – und eine alte, eiserne Schöpfkelle. Mit dieser konnte man das Wasser schöpfen, zurück in das Becken gießen und zuhören, wie das Wasser rauscht. Das war beruhigend. Sonst musste er zittern und ihm wurde heiß.

Nach ein paar Stunden dieser Qual kam die Erleichterung – die Stimme der Mutter Tanja, die vom Markt zurückkehrte:

„Haut ab ihr Teufel! Was schreit ihr so? Tschetschenien ist unsere Heimat. Wir wurden, wie auch ihr, hier geboren!“

Und die Nachbarskinder liefen fort.

Zu Beginn machte Miša selbst die Tür dem Gesindel vom Hof auf und versuchte zu sagen:

„Lasst uns in Freundschaft leben!“

Doch er wurde nur verprügelt und man nahm ihm die Uhr ab, die sein Vater ihm vor seinem Tod geschenkt hatte.

Das Klopfen hörte nicht auf. Dazu kamen unangenehme, donnernde Geräusche – so als ob jemand gegen das Schloss hauen würde.

„Weißt du“, sagte ihm die Mutter eines Tages, „wir können nicht von hier fort gehen, es gibt niemanden, zu dem wir gehen könne, wir haben keine Verwandten. Und radikale Moslems töten manchmal Christen. So war es schon. Man schneidet sie quartalweise aus.“

„Was machen die?“, Miša verstand nicht.

„Man schneidet ihnen den Kopf ab!“

Seitdem stand der größte Schrecken in Verbindung mit einem abgeschnittenen Kopf. Doch in jenen Träumen, in denen Miša schrie und weinte, köpfte man nicht ihn, sondern den Großvater Lenin und einen Weiteren, Bärtigen, der einem nichtrussischen Menschen ähnelte. Im Traum war Lenin nicht so stattlich wie auf dem Podest, sondern lebendig und dürr und er flehte darum, ihm nicht den Kopf abzuschneiden:

„Verschont mich, ich habe doch gelehrsame Bücher geschrieben! Die Kinder lieben mich.“

Doch niemand hörte ihm zu.

Manchmal lachte er auch läppisch und sagte:

„Ihr Deppen! Was bin ich denn für ein Christ?! Ihr Lümmel!!

Er zeigte auf den Bärtigen und fügte hinzu:

„Dieser hat ja das Priesterseminar besucht…“

Der Bärtige dagegen, bettelte und schrie nicht. Er runzelte bloß die Stirn, nahm eine Pfeife aus der Tasche und stopfte diese mit Tabak. Man hat ihm wohl vor dem Tod erlaubt, zu rauchen.

Dabei entwich von den zum Tode Verurteilten ein seltsames Licht, so als ob ein roter Sonnenaufgang die Figuren durchdringen würde. Diejenigen, die sie hinrichteten, waren Abreken mit langen, schiefen Säbeln, in weißen Burnusen. Nun konnte Miša vor Angst zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden: die Tür wurde von den Schlägen kaputtgeschlagen.

Er sah die Mutter hinter dem Fenster: sie ging die Straße entlang und trug eine schwere Tasche, in der ein Knäuel Frühlingszwiebeln und ein Brot zu sehen waren.

„MAMA! MAMA! Man schlägt unsere Tür kaputt. Ich habe Angst!“, schrie Miša so laut er konnte. „Mamalein! Hilfe! Hilfe!“

Die Frau hob den Kopf nach oben, sah das erschrockene Gesicht des Sohnes, warf die Tasche hin und lief zum Treppenhaus.

Miša machte eine unvorsichtige Bewegung und warf die Staffelei, die Stifte und Farben um. Und auf die Zeichnung, auf der der Wolf so sehr in Richtung des Regenbogens strebte, fiel das alte Tintenfass des Großvaters und man verstand sofort, dass es am Horizont keinen Regenbogen gibt, sondern nur eine schwere, bleierne Wolke aus einem abstrusen und bösen Königreich.

Unbekannte Leute, die gegenseitig zornige Worte austauschten, betraten die Wohnung, und Miša schaffte es gerade so sich hinter der Tür des Zimmers seiner Mutter zu verstecken.

Die Unbekannten waren vier an der Zahl, Miša erkannte in den Händen von Zweien Gewehre – Maschinenpistolen.

Die erwachsenen Kerle schauten geschäftig auf die Möbel und Teppiche, und einer von ihnen sagte auf Russisch:

„Eine schöne Wohnung! Drei Zimmer! Die würde genau für Iljas in Frage kommen!“

„Es gibt hier keine Menschen…“, sagte nachdenklich der Mann mit dem Bart, der einem Zauberer aus einem Märchen ähnelte.

In diesem Augenblick hielt es Miša nicht länger aus und schluchzte.

„Hier ist ein Junge!“ Ein sehr junger Kerl von ca. siebzehn Jahren entdeckte Miša. „Soll ich ihn niederschießen?“

„Um mich zu erschießen braucht man eine Erlaubnis“, dachte Miša plötzlich als er in die Augen des jungen Mannes blickte. Jetzt hatte er mehr Angst um die Mutter als um sich selbst. Und er blickte über die Schulter des Menschen, der neben ihm in der Hocke saß, durch den Türrahmen.

Derjenige, den Miša für sich als Zauberer bezeichnete, näherte sich dem Tischchen, das neben dem Bett der Mutter stand, und als er dort eine Ikone entdeckte, warf er diese auf den Boden.

„Ich werde ihn Ahmed als Sklaven übergeben. Soll er Schafe hüten. Allah wird uns für unsere Gutherzigkeit belohnen. Und wenn Erwachsene auftauchen – sollen sie sterben. Du wirst doch Schafe hüten?“ Er näherte sich Miša und schmunzelte.

„Warum haben Sie die Ikone umgeschmissen?“, fragte Miša. „Das gehört sich nicht. Sind Sie ein Zauberer?“

„Ey, du Welpe“, die Ohrfeige ließ Miša in die Wirklichkeit zurückkehren und sein halbes Gesicht wurde taub. Er fiel kopfüber in die Diele und stieß mit dem Kopf gegen eine Ecke im Flur.

„Miša! Miša!“ Tatjana erreichte die vierte Etage und betrat die Wohnung.

„Mamalein!“ Miša versuchte aufzustehen. Doch der Jüngling packte ihn am Rand des Hemdes und warf ihn zurück auf die Farben und Pinsel.

Es erklang eine Reihe von Schüssen. Ta ta ta ta. Die Ohren wurden taub. Tatjana blieb stehen und schluckte dabei Luft. Auf der weißen Bluse tauchten rote Flecken auf.

„Mišen’ka…Söhnchen…“, murmelte sie, doch der Todesengel hatte bereits die Oberhand über sie gewonnen.

Miša begann fürchterlich zu schreien und zu wimmeln – und schon wieder erblickte er den Wolf auf seiner Zeichnung, direkt vor seinem Gesicht.

In diesem Augenblick schien es dem Jungen, als ob der Wolf echt sei und ebenfalls wimmelte. Er wimmelt, weil man ihn betrogen hatte, und dort wo er hin gelang, gab es nichts außer einen schwarzen Fleck, in dessen Inneren es darum ging, zu töten oder getötet zu werden – eine gewöhnliche Sache.

Und er wimmelte wegen der Erinnerung, dass alles bereits stattgefunden hat und er läuft unendlich weit durch die Welten des Todes, die wie Papierseiten in Mišas Malbuch, ganz nah nebeneinander liegen, und die Seiten gehen zu Ende und der Wolf weiß dann alles über Miša.

Die Augen der Mutter sahen nicht mehr, obwohl sie geöffnet waren, der Junge verstand klar, obwohl er nicht wusste warum.

Miša schrie und weinte, bis man gegen seinen Kopf mit etwas Schwerem schlug. Und durch den Hall in den Ohren erklang wie aus einer dunklen Höhe ein Befehl:

„Wickelt den Körper in eine Plane und werft ihn in die Grube hinter der Stadt. Und den Welpen bringe ich zu Ahmed.“

Die weiteren Ereignisse verzerrten sich wie ein Spiegelbild in einem schiefen Spiegel. Miša erinnerte sich nur ganz dunkel, wer ihn die Treppe entlang zerrte und wie. Er bemerkte noch den Kübel mit der Pflanze im Vorbeifliegen zwischen der zweiten und der dritten Etage und die Nachbarin Rosa, die dicke Mutter von sieben Kindern. Sie sprach irgendetwas laut aus, doch der Mensch, der Miša nach unten zerrte, schrie sie zornig an und sie versteckte sich hinter der Tür ihrer Wohnung.

Die Zeit schien mit ihnen zu spielen: mal wurde sie langsam, mal zog sie sich in die Länge wie schwarzer Honig, oder es erreichte im Gegensatz eine übernatürliche Schnelligkeit.

„Los! Beweg dich!“ Miša wurde in einen Wagen geschubst, der auf einer staubigen Straße von Grozny stand.

Sein Kopf drehte sich und er ordnete sich sofort unter. Während er in das Innere des Wagens geschubst wurde, fiel ihm auf, dass in der Tiefe des Wagens ein Mädchen saß, das seinen Kopf an die Knie presste.

Die Tür schloss sich mit einem quietschenden, scheußlichen Geräusch.

„So transportiert man normalerweise Vieh“, blitzte es in Mišas Bewusstsein auf. „Von hier kommt man nicht mehr weg.“

Miša machte einige Schritte über die Bretter, die im Wagen lagen und fiel auf diese.

„Komm mir nicht zu nahe! Ich werde dich töten!“, flüsterte das Mädchen. „Ich werde alle töten. Ich bin mutig.“

Dann fing sie bitterlich an zu weinen.

Und weil das Mädchen weinte, kam Miša, der mit einem leeren Blick in den Raum schaute, langsam zu sich. Er bemerkte, dass es im Auto nicht so dunkel war, wie es zu Beginn schien: durch die engen Öffnungen des Laderaumes drangen dünne Lichtstrahlen der noch nicht untergegangenen Sonne hindurch.

„Hat man deine Mutter getötet?“, fragte er in einem Flüsterton.

„Meine Mutter?“, das Mädchen hörte für einen Augenblick auf zu weinen.

„Nein, ich wohne mit Großmutter Maša. Ich war auf dem Nachhauseweg von der Schule, und die Banditen schubsten mich hier rein. Ich sitze auf meinem Ranzen. Darin liegt mein Schulbuch!“

„Du gehst zur Schule?“

„Ja, und du?“

„Nein!“

„Du Taugenichts!“ Das Mädchen hörte auf zu weinen und Miša spürte, dass sie sogar lächelte. „Ich bin schon elf Jahre alt!“, sagte sie stolz. „Ich gehe in die fünfte Klasse.“

„Man hat eben meine Mutter getötet…“

„Wie?“

„Sie haben geschossen und sie fiel hin…auf den Boden.“

Der Motor brummte und der Wagen begann sich zu bewegen. Als der Wagen durch eine Grube fuhr, wurden die Kinder durchgeschüttelt. Miša kroch auf allen Vieren zu dem Mädchen.

„Darf ich hier sitzen?“

„Darfst du.“

„Ich heiße Miša.“

„Und ich Vera.“ Sie streichelte ihm vorsichtig über die Haare. „Mach dir keine Sorgen wegen deiner Mutter. Meine Oma sagt, dass die Seele eines Menschen niemals stirbt. Deine Mutter ist nun bei Gott. Er wird ihr nicht weh tun.“

„Weißt du denn, wer Gott in Wirklichkeit ist?“

„Nein.“

„Ich auch nicht. Ich möchte nicht, dass er ihr weh tut!“

Zum ersten Mal kullerten aus Mišas Augen echte Tränen, er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und weinte.

Das Mädchen schwieg, weil es nicht wusste, was es sagen und wie es den kleinen Jungen beruhigen sollte.

Das Auto fuhr langsam durch die Stadt und ließ die bekannten Straßen hinter sich, bis es einen Wüstenweg erreichte, der in die Berge führte. Dort kam es in Fahrt.

* * *

Zu diesem Zeitpunkt machte sich die Großmutter Maša Sorgen, weil Vera nicht nach Hause kam, sie begab sich in die Schule, die in einem gemütlichen, grünen Park lag, drei Quartale von ihrem Haus entfernt. Sie erinnerte sich an diese Schule und liebte sie bereits seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts: sie ging selber auf diese Schule, hatte ihre beiden Kinder dorthin geschickt sowie ihre einzige, geliebte Enkeltochter.

Die Großmutter Maša hieß in Wirklichkeit Morozova Marija Semenovna, und abgesehen von ihrem betagten Alter, war sie eine sehr gute Ärztin und rettete Menschenleben in einem der wichtigsten Krankenhäuser der Stadt Grozny.

Marija bewertete nicht die Bürger der Stadt nach ihrer Religion, Nationalität oder der politischen Einstellung.

„Jeder braucht medizinische Hilfe!“, sagte sie sich gewöhnlich und ging zur Arbeit.

Viele Bewohner der Stadt liebten und respektierten sie.

„Haben Sie meine Enkeltochter gesehen?“, fragte die Großmutter Maša jeden, der an der Schule vorbeiging.

„Nein, wir haben sie nicht gesehen“, erklang es als Antwort.

„Sie ist schon lange her weg gegangen“, sagte ein tschetschenisches Mädchen mit zwei Zöpfen auf dem Kopf. „Schon nach dem Literaturunterricht. Sie sagte, ihr sei schlecht, sie habe Bauchschmerzen. Und dann ging sie.“

Großmutter Maša holte mit zitternden Händen eine Validol aus ihrer Jackentasche und legte sie sich unter die Zunge. Sie schaute in den Himmel und sagte:

„Gott! Meine Tochter und ihr Mann starben bei einem Flugzeugabsturz. Der einzige Trost – meine Enkelin. Sei gnädig! Bewahre sie! Wenn ihr jemand mit böser Absicht begegnet ist, möge sie ihn meiden. Ich bitte dich inständig. Gott!“

„Was tragen Sie hier vor?“, fragte eine vorbeigehende Frau mit einer fettigen Schürze. „Sie sind hier nicht in der russischen Kirche. Gehen Sie fort von hier!“

„Meine Enkeltochter ist verschwunden!“, antwortete Marija leise.

„Sachen gibt es, man hat sie wahrscheinlich gestohlen um sie zu verheiraten.“ Die Fremde lachte und zeigte ihre goldenen Zähne.

„Wie verheiraten?! Sie ist doch noch so klein!“

„Vielleicht hat sie sich jemand zur Nebenfrau geholt…!“

Die Fremde drehte sich nicht um und ging ihres Wegs. Die Großmutter Maša lehnte sich an den Schulzaun aus dem ersten Krieg.

„Lass es nicht zu lieber Gott!“, flüsterte sie nur mit ihren Lippen. Sie richtete ihr Kopftuch und bekreuzigte sich: „Bewahre sie und habe Mitleid!“

Und die Großmutter Maša stellte sich vor, dass sie sich mit der Enkeltochter ganz oben, in der höchsten Etage des Turmes von Babylon befand. Der Turm wackelte und war kurz vor dem Einstürzen. Und unten leuchtete rot von der Lava der Abgrund. Und es gab keinen anderen Ausweg, als in diesen Abgrund zu fallen und sich noch im freien Fall in ein sich wirbelndes Feuerknäuel zu verwandeln.

Und das Einzige, was notwendig war – die Seele vor dem Antlitz Gottes zu retten, wenn der letzte Augenblick kommt. Doch Marija konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Vera sterben muss und sie drückte sie an sich mit ihrer letzten Kraft.

Welches Ende der Traum nahm, daran konnte sich die Großmutter Maša nicht erinnern. Sie wusste nur, dass es keine Rettung gab und niemand zur Hilfe kommen würde.

Morgens spuckte Veras Großmutter gewöhnlich aus dem Fenster und spülte sogar ihren Traum in die Toilette. Dabei murmelte sie:

„Samson, Samson, nimm mir meinen Traum weg!“

Und jetzt wurde es klar: alles, was sie bei Sonnenaufgang gesehen hatte, stand in einem direkten Bezug zu dem was passierte.

„Man kann die Welt nicht verändern, sowie man sich nicht damit trösten kann, dass es tausende von alternativen Realitäten gibt. Wiederhallende Bruchteile der Phrasen erklangen im Kopf von Marija Semenovna, so als ob sich ein Mosaik aus all dem bilden würde, was sie in ihrem Leben gesehen und erfahren hatte.

Wahrscheinlich empfinden Menschen genau das vor ihrem Tod.

Marija Semenovna verstand, dass es schneller dunkel wurde als dass sich die Situation aufklärte und begab sich schnellen Schrittes zur Polizei, wo sie von zwei Aufsichtshabenden empfangen wurde. Ein Älterer und ein Jüngerer. Der Jüngere machte auf den ersten Blick den besseren Eindruck auf Veras Großmutter. Er war schüchtern, das bedeutete er war nicht gemein. Und nach dem Gesetz der Berge respektierte er alte Leute, egal welche Nationalität sie hatten. Als die alte Dame das Polizeipräsidium betrat und anfing zu weinen, rückte er einen braunen Stuhl mit schiefen Beinen zu ihr und gab ihr ein Glas Wasser.  

Marija lehnte das Wasser ab, nahm ihr Kopftuch heraus und begann zunächst vom Traum und dann von den darauffolgenden Ereignissen zu erzählen.

Der ältere Polizist schien bereits seit ihrer Ankunft gleichgültig zu sein und strahlte einen unverständlichen Hass aus, da er die Frau bei ihrer Erzählung unterbrach und sie anschnauzte:

„Wie ihr mich alle langsam auf die Nerven geht!“

Marija Semenovna, die fassungslos darüber war, schwieg zunächst, doch dann sammelte sie sich wieder und fuhr mit ihrer Erzählung fort:

„Sie ist doch alles was ich habe. Bitte findet sie, ich bitte Sie!“

Der Ältere reagierte folgendermaßen:

„Wenn es Ihnen in Tschetschenien nicht gefällt, dann haut doch ab von hier. Ihr Russen seid ganz frech geworden. Die Enkelin kehrte nicht von der Schule heim – da lauft ihr hierher, hat sie sich mit den Nachbarn gestritten, lauft ihr dorthin. Wir haben jedoch viele wichtige Dinge zu erledigen: Mordfälle, Diebstähle. Verstehen Sie? Kehrt man in Tschetschenien nach drei Tagen nicht nach Hause, soll man eine Anzeige schreiben.“

„Reden Sie nicht in diesem Ton mit mir!“ Marija wurde böse. „Meine Enkelin ist minderjährig…Sie ist noch ein Kind!“

„Das behaupten Sie. Vielleicht treibt sie sich irgendwo herum und trinkt Wodka?!“

Eine solche Frechheit hatte Marija Semenovna nicht erwartet, sie blickte verweint nach oben und bemerkte die Flasche Kognak auf dem Tisch des Chefs des Polizeipräsidiums.

Der junge Polizist fühlte sich unbehaglich auf Grund der Anwesenheit der traurigen, alten Frau und fragte seinen älteren Kollegen irgendetwas auf tschetschenisch. Doch dieser reagierte und antwortete ihm nicht.

Marija Semenovna stand auf und verließ das Büro. Sie verstand, dass es zwecklos war, auf die Hilfe der Machthaber zu hoffen.

„Das gibt es doch nicht“, erörterte sie vor sich selbst und irrte den leeren Weg entlang. „Man lebt so lange im eigenen Land, macht so vieles durch und plötzlich wird man absolut entrechtet und niemand braucht dich mehr…Zwei Quartale weiter tötete man eine russische Familie, man schnitt allen die Kehle durch. Ehemann, Ehefrau und zwei Kinder. Die andere Familie, im Haus gegenüber, hängte man auf. Dort lebten zwei einsame Alte. Es reicht nicht, dass man sie einfach aufhängte. Man häutete sie lebendig. Wie schrecklich sie sterben mussten! Man muss weglaufen! Weglaufen! Der Nachbar hatte doch eingewilligt, so scheint mir, unsere Einzimmerwohnung zu kaufen. Doch nun ist die Enkeltochter verschwunden…Und ohne sie gehe ich nirgendwohin. Ich werde hier sterben!“

Solche Gedanken begleiteten die traurige Marija Semenovna auf dem Nachhauseweg.

Sie betrat ihr Treppenhaus und fiel fast auf den Treppen hin – man schaltete das Licht häufiger aus, um Strom zu sparen. So etwas geschah ständig in Grozny, fast jeden dunklen Abend.

Marija Semenovna betrat das Haus, zündete einen Kerzenstumpf an, nahm eine Bibel in die Hände, öffnete diese und begann zu lesen…

Die Gedanken störten sie beim Lesen und ein Gedanke war schlimmer als der andere: und zwar, dass es kein Telefon gab, es niemanden gab, den man anrufen konnte, weder Freunde noch Bekannte, dass Vera noch nie von zuhause weggelaufen war, sie hatte auch keine Freundinnen…

Was tun?

Was tun?

Was tun?

Der gestreifte Kater Barsik kroch auf Großmutter Mašas Schoß, so als ob er ahnte, dass ein Unglück geschehen war, und versuchte sie zu beruhigen.

Nach einiger Zeit erlosch die Kerze und die Wohnung tauchte in Dunkelheit.

Durch die schweren, bordeauxfarbenen Vorhänge versuchten Lichtflecke des Mondes nach innen zu dringen und das gequälte Bewusstsein von Marija Semenovna wurde langsam vom Schlaf heimgesucht,

Auf der Allee, die bedeckt war vom Mondlicht, wuchsen außergewöhnliche Pflanzen, die großen Lotusblumen ähnelten. Die Pflanzen schaukelten und sangen, so ähnlich wie eine Mutter singt, die ihr Kind schaukelt.

Marija Semenovna verstand, dass es solche Pflanzen auf der Erde nicht gibt und fragte daher kaum hörbar:

„Wo bin ich bloß?“

Das Flüstern des Windes brachte ihr eine seltsame Botschaft:

„Auf dem Planeten Venus, im Tal der Kinder.“

Marija Semenovna war verwundert, da sie keine Kinder sah – um sie herum waren nur Blumen, aus denen Musik strömte.

„Die Blumen der Wiegenlieder“, flüsterte der Wind, „singen ihre Lieder.“

So schlafen die Seelen tiefer, so wird ihre Welt zauberhafter!

Und derjenige, der später auf der Erde geboren wird,

Wird den Tod, den Schmerz und das Böse vergessen…

Marija Semenovna neigte sich zu einer der Pflanzen und streichelte diese, so als würde sie ein Kätzchen oder einen Hund streicheln. Die Pflanze bewegte sich, murmelte etwas verschlafen und stimmte wieder mit dem Chor in das Wiegenlied ein.

Marija Semenovna gab nicht nach. Sie klopfte leicht mit der Hand auf die Pflanze. Da fauchte die Pflanze, öffnete ihre Blätter und in ihrem Inneren, genau mitten in ihrem Herzen, schlief, zu einem Knäuel zusammengefaltet, die Enkelin Vera.

Marija Semenovna nahm ihre Handflächen in ihre und schrie:

„Ich habe dich gefunden! Ich werde dich mit nach Hause nehmen!“

Doch Vera weinte:

„Nein, Großmutter! Man darf mich von hier nicht mitnehmen. Ich will hierbleiben!“

Das Herz stach Marija Semenovna, sie verstand, dass die Enkelin die Wahrheit sagte und legte sie zurück in die Pflanze.

„Doch wie willst du es schaffen, so ganz alleine?“

„Nein, Großmutter“, antwortete das winzige Mädchen. „Ich werde einen Freund bei mir haben. Hab keine Angst!“

In diesem Augenblick klapperten die anderen Pflanzen unzufrieden – so als ob kleine Gebisse mit ihren Zähnchen knirschten.

„Lauf, Großmutter! Lauf!“, flüsterte Vera und löste sich in der Luft auf.

„Du darfst nicht in dieser Stadt bleiben!“

Das Klappern wurde stärker und Marija Semenovna wachte wieder auf. Hinter den Fenstern auf den Straßen wurde geschossen.  

* * *

Während Miša und seine neue Bekannte sich im Laderaum des Wagens befanden und bei den Schlaglöchern Sprünge machten wie kleine Schafe, und die Großmutter Marija mal mit sich selbst, mal mit der Polizei sprach und dann dem Pfad der Träume folgte, fanden in der Wohnung, in der der Junge zusammen mit seiner Mutter gelebt hatte, einige Veränderungen statt.

Erstens beseitigte man die Leiche sofort. Tatjanas Körper wurde in eine Plane gewickelt, zu einem Auto gebracht, das unter einem Baum stand und vor den Augen eines gleichgültigen Publikums in den Kofferraum geladen.

Dann erteilte derjenige, den Miša unvorsichtig Zauberer genannt hatte, einige Befehle. Er rief den jüngsten seiner Helfer namens Adam zu sich und sagte:

„Du bist der Sohn meiner Schwester, deswegen gebe ich dir einen wichtigen Auftrag. Werfe den Körper in die Schlucht und wenn du zurückkehrst, begebe dich zu Ilijas und verkünde ihm die frohe Botschaft: wir haben für ihn ein Haus im Herzen Itschkeriens.

Adam nickte gehorsam, verabschiedete sich respektvoll und ging davon, Staubwirbel verursachend.

Zweitens brachte man dem Zauberer ein Funkgerät und er hörte sich aufmerksam irgendwelche Wünsche eines nicht sichtbaren Gesprächspartners an. Es sah so aus, als habe der Zauberer Angst vor dem Unsichtbaren, da er schmeichlerisch und laut in den Hörer antwortete:

„Ja, das werde ich machen. Ja, ich werde es erfüllen. Ja, erteile mir den Befehl.“

Er lenkte sich nur für einen Augenblick ab, als er bemerkte, dass man den Jungen in den Laderaum des Wagens drückte und hinter ihm die Autotür schloss.

„Äch, ich würde jedes russische Miststück umbringen!“, schoss es aus ihm heraus. „Doch wir müssen die Traditionen wahren…“

Über welche Traditionen er sprach, war unklar.

Als das Gespräch über das Funkgerät beendet war, näherte sich ihm einer der Helfer. Er führte eine Frau in einem langen Mantel und großen Kopftuch zu ihm.

„Bruder, im Haus ist Blut…“, sagte die Frau verwirrt. „Was ist geschehen?“

„Das waren Verräter, Schwester. Wir haben sie liquidiert.“

„Verräter?“

„Ja, Zarema, hier lebten Russen, die zu Kriegszeiten mit den Okkupanten kooperierten.“

„Ich verstehe“, die Frau senkte den Blick. „Allah rechnet schnell ab!“

„Man muss alles beseitigen und die nicht notwendigen Dinge wegwerfen.“

„Ich habe dich verstanden.“

Zarema betrat das Badezimmer. Sie nahm einen alten Eimer, der Tatjana gehört hatte, goss aus dem eisernen Becken etwas Wasser hinein und begann den Flur zu wischen. Aus dem Wasserhahn lief kein Wasser. Man hatte es abgestellt.

Der Zauberer und seine Helfer gingen zum Markt – eine Tür musste gekauft werden, denn kaputte Geschenke verschenkt man nicht. Dazu kam, dass Tatjanas Tür bereits alt war, genauso wie die Dinge, die Zarema geschäftig in einen Müllsack einsammelte.

Dorthin stopfte sie die Fotografien von verstorbenen Verwandten, die Zeichnungen Mišas, Ikonen mit den Bildnissen von Heiligen, die die Hausherren nicht vor dem Bösen bewahren konnten, und weiterer Kram, der im Zuge des Aufräumens dazu kam.

Nur über eines freute sich Zarema: ein wunderschöner, goldener Anhänger, der in der Schublade des Tisches lag. Er hatte die Form einer Weintraube und bewahrte die Erinnerung an Italien, an Sonne und Meer, an die Liebe, die sich in den kleinen, goldenen Trauben versteckte – das war das Symbol der Ergebenheit von Mišas Vater gegenüber seiner Tatjana.

Doch wenn Menschen in die andere Welt gehen, benötigen sie wohl kaum Gegenstände.

Die Lebenden brauchen Gegenstände.

Zarima behielt den Anhänger für sich selbst, sie dachte, dass die großherzige Familie von Ilijas nicht wegen einer solchen Kleinigkeit, wie einem goldenen Ding, leiden würde, denn das Haus ist nichts Wertvolles, das Haus ist die Behaglichkeit, die vom Menschen selbst erschaffen wird.

* * *

Die Zeit bewegt sich ruckweise die Wege entlang, doch führt sie beständig zum Ziel. So blieb auch der Wagen, mit dem die Kinder fuhren, manchmal in einem Bergdorf stehen und setzte dann seinen Weg durch die Nacht fort. Am Morgen wurde das Mädchen einer Alten übergeben, die kein Wort russisch verstand, und der Junge fand sich, wie versprochen, bei dem Hirten Ahmed wieder. Er lebte in einem weiß gestrichenen Lehmhaus, das am Rande eines Abhanges stand. Als er den Jungen erblickte, verzog er das Gesicht und fragte irgendetwas auf tschetschenisch. Die lange, astreiche Phrase ließ Miša nur verstehen, dass der Hirte wissen wollte, wer er war.

Der Helfer des Zauberers, der das Kind übergeben hatte, erzähle ausführlich irgendeine Geschichte, von der Miša die Worte „Allah“ und „russisch“ verstand. Und am Schluss fragte der Kerl den Alten:

„Nimmst du ihn bei dir auf?“

Der Alte nickte.

Der Kerl mit dem Maschinengewehr setzte sich in den Wagen und fuhr davon, Miša blieb.

„Folge mir, ich gebe dir Brot und Käse“, der Alte näherte sich dem Jungen und berührte ihn leicht mit seinem Stock, auf dem er lehnte, so als ob er überprüfen wollte, aus welchem Teig Miša gemacht war. Daraufhin sagte er: „Folge mir!“

Der Junge achtete nicht auf die russische Rede und blieb neben der Landstraße stehen, der Alte betrat das Haus.

Um ihn herum waren Berge. Miša hatte noch nie so große Berge gesehen. Die frische Bergluft verzauberte ihn: in ihr lagen die Aromen von Wiesen; und abgesehen von dem Krieg und die erlebte Angst, lächelte Miša zum ersten Mal.

Der Alte blickte wieder aus dem Haus heraus. Nun fiel dem Jungen auf, dass der Alte auf seinem Kopf eine Tjubetejka von grüner Farbe trug, solch eine, wie sie die gläubigen Moslems in Itschkerien tragen. Die samtene Tjubetejka nennt man im Volk „Peso“, sie wird von einem langen Pinsel aus seidenen Fäden geschmückt.

Der Alte war in einen braunen Pelz gekleidet, er trug eine warme Hose und Überschuhe aus Gummi. Er ging auf seinen Stock gelehnt, der fest und weiß und aus Holz geschnitzt war.

„Kannst du sprechen?“, fragte der Alte. „Oder bist du stumm?“

Miša nickte.

„Dann komm hierher!“

Miša schaute sich um und stellte fest, dass das Dorf sehr klein war und alle Häuser nebeneinander standen, nur das Haus des Alten befand sich abseits.

Er machte ein paar Schritte und fand sich im Inneren des Lehmhauses wieder.

Im Haus war alles aus Holz – der Tisch und die Hocker. Das Zimmer war sauber und gemütlich, auf dem Tisch stand ein Kelch mit Milch, darauf lagen auch ein in dicken Scheiben geschnittener, hausgemachter Käse und ein Fladenbrot.

„Wie ist dein Name?“, fragte der Alte.

Der Alte sah weder böse noch unfreundlich aus, er hatte einen dünnen, weißen Bart und tiefe, dunkle Augen. Er war stark und für seine Jahre unwahrscheinlich munter.

„Miša“, antwortete der Junge.

„Ein guter Name“, sagte der Alte. „Und ich heiße Ahmed!“

Er setzte sich an den Tisch und schwieg. Er schaute nur den fremden Jungen an und verstand nicht, was dieser hier, in einem tschetschenischen Dorf verloren hatte.

Miša griff nach einem Stück Fladenbrot, dieses schmeckte ihm so gut, dass er nicht bemerkte, wie er das ganze Brot und dazu ein Stückchen Käse aufgegessen hatte.

„Du musst Milch dazu trinken!“ Der Alte sprach diese Phrase aus während er einen blechernen Becher bis zum Rand mit Milch füllte. „Bald kommt Nuran, backt uns leckere Fladenbrote mit Frühlingszwiebeln und bringt uns salzigen Käse. Und nun gehen wir zur Schafherde, damit die Schafe nicht davonlaufen.

* * *

Vera hatte weniger Glück.  Der Kerl überließ sie einer Alten, die ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand nahm und sie im Schuppen einschloss. Vera hätte von Innen an die Tür zu klopfen versucht, doch die Alte schrie sie so zornig vom Hof aus an, dass Vera Angst bekam, die Alte könnte sie schlagen.

Der Schuppen war voller alter Dinge, Vera fand einen beigen Eimer aus Emaille, drehte diesen um und setzte sich auf ihn. Ihr größter Wunsch war es einzuschlafen, weil sie die ganze Nacht mit dem kleinen Jungen gesprochen hatte, dessen Mutter die Banditen getötet hatten. Mal weinte der Junge, mal erzählte er von seinen Zeichnungen, die zu Hause geblieben waren. Vera machte sich Sorgen um ihr Schulbuch und die Schulhefte, doch zum Morgen hin wurde sie so müde, dass sie nicht einmal traurig wurde, als man es ihr verbot, diese mitzunehmen. Das Schulbuch und die Hefte blieben auf dem aus Holzbrettern gefertigten Boden des Autos, im Ranzen mit dem Bild von Mickey Maus.

Das Mädchen wollte trinken, doch es gab kein Wasser, und Vera begann zu träumen, dass es regnet, sie stellte sich vor, wie der Regen durch das morsche Dach durchdringt und ihr Gesicht wäscht. Sie schlief langsam ein, lehnte sich gegen die Wand und blieb einige Zeit in dieser Position. Auf ihrem Herzen lag eine Schwere und die Träume ähnelten flimmernden Bonbonpapieren.

In einem der Träume erklärte Vera der Großmutter Maša, dass sie geraubt wurde und dann, beim Aufwachen, sah das Mädchen, wie sie zur Schule ging und die Schule brannte von einer aus einem Flugzeug herunter gefallenen Bombe. Doch auch das war nur ein Traum.

„Verstehst du, ich habe in einem Buch gelesen“, berichtete Vera einem unsichtbaren Gesprächspartner, „dass das Schiff eines Tages eine Katastrophe erlitt. Die Matrosen blieben in einem engen, kleinen Boot ohne Essen und Wasser. Nach ein paar Tagen des Herumtreibens im Ozean starben sie vor Durst. Und dann sagte einer von ihnen:

„Kommt, wir stellen uns vor, dass im Umkreis des Bootes Trinkwasser ist.“ Zuerst lachte man ihn aus. Und dann beschloss man, dass sie sowieso sterben mussten…Die Matrosen ließen ihre Hände über den Rand des Bootes fallen und begannen zu denken, dass das Wasser um sie herum Trinkwasser sei. Als sie dieses mit den Handflächen schöpften, verstanden sie, dass man das Wasser trinken kann! Das Salzwasser um sie herum wurde zu Trinkwasser!

„Ich glaube, dass es so war“, erklärte ihr jemand, der sein Gesicht nicht zeigte.

„Wir sehen und fühlen immer nur das, was uns zugänglich ist.“

Das Mädchen wachte vom Hundegebell auf, der Hund war angekettet. Und als das Gebell aufhörte, fing der Hund an zu wimmeln: es schien, als habe sie jemand mit dem Fuß getreten oder mit einem Stock geschlagen.

„Muss ich hier noch lange sitzen?“, dachte Vera. Doch sie hatte Angst zu schreien – denn man könnte sie töten oder erschießen, wie die Nachbarin Tante Dusja, die man wegen ihrer Wohnung getötet hatte. Vor dem Krieg lebten alle freundschaftlich miteinander, waren sich nahe, und nun schien es, dass alle, die einen russischen Namen trugen, Feinde waren und man sie töten musste. Warum?

Den sie heimgesuchten Gedanken konnte Vera nicht zu Ende denken, da sich die alte Tür öffnete, in ihrer Schwelle standen zwei Frauen. Die Alte, die Vera bereits morgens gesehen hatte, sagte irgendetwas in der unbekannten Sprache. Die andere, die ein schwarzes Tuch, das den Kopf und die Brust bedeckte, trug, erklärte auf Russisch:

„Du wirst nun mit uns leben, so sagte man uns das. Trampel mir nach!“

„Wer sagte das?“, fragte Vera.

Die alte Frau brach in Lachen aus. Die junge Frau sagte nichts, sondern befahl dem Mädchen mit einer machthabenden Geste, ihr zu folgen. Das Mädchen bemerkte, dass irgendein Schatten aus dem Fenster des Hauses sie beobachtete.

* * *

„Alif, Ba, Ta, Sa, Džim, Ha, Hja, Dal‘, Zal‘…“, der Alte namens Ahmed spricht und beobachtet dabei, wie Miša die arabischen Buchstaben, die ihm diktiert werden, ins Heft schreibt.

Die Schafe weiden in der Nähe, sie fühlen sich auf den grünen Wiesen in Sicherheit, wo die Sonne mit ihren Strahlen viel saftiges Gras wachsen ließ. Miša gewöhnte sich an den Alten, wobei er zu Beginn Angst vor ihm hatte. Der Alte erwies sich als freundlich: der Alte gab ihm zu Essen, ließ in der Stadt neue Kleidung für ihn kaufen und abends brachte er ihm die arabische Sprache bei. Der Junge lernte innerhalb eines Monats einfache Wörter der arabischen Sprache und erntete Lob.

Der Alte stellte dem Jungen keine Fragen: warum er bei ihm zu Gast sei, wo seine Nächsten leben, – und Miša, der in der ersten Nacht beschloss, wegzulaufen, überlegte es sich anders. Es lag auch nicht daran, dass in seiner Wohnung nun Fremde lebten und die Mutter irgendwo vergraben wurde, es lag daran, dass der Alte ihm einfach gefiel, obwohl der Junge es nicht vor sich zugeben wollte.

Jeden Morgen vollzog der Alte das Namaz auf dem kleinen Teppich neben dem Bett, zählte lange die Perlen der Gebetskette und erinnerte sich an Allah, dann wärmte er das Essen auf und teilte es mit seinem kleinen Gast.

„Die Buchstaben ähneln Vögeln“, sagte Miša, „sie können fliegen! Manchmal atmen wir sie ein wie Luft, und dann leben sie weiter in unserem Herzen.“

„Du kannst gut reden und gut zeichnen“, antwortete darauf Ahmed.

„Nächstes Jahr müssen wir dich in die Schule schicken. Ich warte die ganze Zeit auf die Ankunft meines Sohnes.“

„Wie heißt ihr Sohn?“, fragte Miša.

„Iljas!“, antwortete der Alte. „Er ist selten in unseren Gefilden, er kämpft mit den Russen, er ist ein Krieger. Und mein anderer Sohn wurde letztes Jahr getötet, in Grozny, der Hauptstadt Itschkeriens.“

Miša schrieb fleißig die Buchstaben auf und versuchte die Erinnerung zu verscheuchen: morgens, im Traum, besuchte ihn die Mutter und wunderte sich, wie gut es ihm ging. Dann beschwerte sich Miša bei ihr, dass in seinem Mund ein Zahn wackelte und diesen auszureißen hatte er Angst.

„Das ähnelt jedoch nicht einem Buchstaben!“, sagte der alte Ahmed, als er in Mišas Heft blickte, das der Junge auf seinem Schoß liegen hatte.

Miša schaute genauer hin und erkannte, dass er einen echten Zahn anstelle des Buchstaben „Kaf“ gezeichnet hatte.

„Ich war in Gedanken versunken…“

„Das sieht man. Am Abend gehen wir zum großen See. Früher gingen die Menschen zu solchen Orten, sprachen an diesen im Flüsterton, zogen ihre Schuhe aus, wenn sie an diesen vorbeigingen, und nun schießen sie. Wenn es keinen Respekt gibt, wird es auch die Welt nicht geben“, beendete der Alte seinen Satz.

Miša dachte an das Haus, in das er nicht mehr zurückkehren konnte, nicht dorthin fliehen, dort, wo seine Spielsachen waren und sein Leben.

Was soll er sagen, wenn fremde Menschen ihn dort antreffen?

Die Wohnung, die einst Mišas Eltern gehört hatte, wurde nun von den einen Banditen den anderen Banditen geschenkt.

Es wurden Danksagungen ausgesprochen. Der Anstand wurde befolgt.

Die Säcke vom Müllhaufen wurden von den örtlichen Pennern weggetragen, der ein oder andere wird dieses oder jenes bekommen: der eine bekommt die alten Kleider und das Geschirr Tatjanas, der andere bekommt Mišas Spielsachen und Schuhe. Sie hatten keinen Nutzen mehr für den Ort, der vom Krieg eingenommen war.

Die Ruinen, die vergaßen, dass sie vor gar nicht so langer Zeit die Lebenden vor Kälte und Hitze beschützt hatten, verdrängten die Menschen, die noch in ihnen lebten, und in den Bezirken, wo der Wohnort noch erhalten geblieben war, wie die Höhlen in uralten Zeiten, fand ein Kampf statt zwischen starken und schwachen Personen.

Nur der Markt half beim Überleben. Auf dem Markt, einem riesigen Ameisenhaufen gleich, konnte man etwas finden, stehlen, wegnehmen, alles Mögliche weiterverkaufen. Bloß gab es keine Sklaven dort, was diesen Markt von altertümlichen Märkten des Planeten Erde unterschied, so bot man auch dort keine Gewehre öffentlich an.

Von den am Markt grenzenden Ruinen drangen Hilfeschreie durch – wahrscheinlich raubte jemand jemanden aus oder er missbrauchte ihn, doch keiner schenkte dem Geschehen Beachtung: aus Gewohnheit.

Als aus den Maschinengewehren geschossen wurde, versteckte sich die Menge unter den Holztischen, bei schweren Schüssen lief man los. Danach platzierten sich alle wieder an ihren Platz.

Veras Großmutter irrte durch die Reihen des Marktes und fand einige Münzen, die auf der Erde lagen, danach gaben ihr ein paar mitleidige Menschen eine Pirogge und boten ihr Wasser an.

Ein paar Mal wurde die ältere Dame von jemandem getreten. Dann, durch die Marktreihen, die man „Trödelmarkt“ nannte, irrend, fiel Marija Semenovna der Ranzen ihrer Enkeltochter auf!

Sie hätte diesen unter Tausenden erkannt, weil sie es selbst war, die den alten, abgenutzten Griff mit einer großen Nadel flickte!

„Wieviel kostet der Ranzen?“, fragte sie mit einer brüchigen Stimme und zeige auf den Ranzen.

„Was Sie mir geben“, antwortete irgendeine Frau. „Ich fand ihn neben der Straße, jemand hat ihn weggeworfen. Ich kann ihn gegen ein Laib Brot tauschen!“

Sofort machte der Hass dem Schmerz Platz, weil der Faden bereits riss, bevor er sich aus dem Garnknäuel lösen konnte. Marija Semenovna begann zu weinen.

„Ist etwa der Preis zu hoch?“, fragte die Verkäuferin, die allerlei Trödel verkaufte. „Ja, Sie können ihn haben, nur weinen Sie nicht!“

„Meine Enkeltochter ist weg. Verschwunden. Und das ist ihr Ranzen.“

„Oh“, die Frau fühlte wahrhaftig mit. „Natürlich, Sie können ihn haben. Ich weiß nur, dass er neben der Černiševskij Straße lag. Jemand hatte ihn aus einem vorbeifahrenden Auto herausgeschmissen.“

Eine weitere Frau namens Medina, handelte gemeinsam mit ihrem Sohn in der Nähe. Sie kannte Marija Semenovna bereits von früher, sie begegneten sich auf dem Markt. Sie lief zu ihr und umarmte sie. Dann sagte sie mit einer festen Stimme:

„Die Enkelin wird wieder auftauchen! Ich fühle mit meinem ganzen Herzen mit! Leiden Sie nicht!“

Die Großmutter Marija nahm den einzigen Gegenstand, der ihr wertvoll erschien und ging fort, vorbei an den Menschenstimmen und dem Markttrubel.

* * *

Als Zarema die handgemachte Halva zubereitete, süß und köstlich, so wie ihr es die Großtante beigebracht hatte, erinnerte sie sich immer an ihre Tochter Lejla. Und auch diesmal war die Frau mit dem goldenen Anhänger so in Gedanken vertieft, dass sie sich sogar die Hand mit der heißen Butter verbrannt hatte.

Lejla hatte mit Zarema nicht mehr gesprochen, seit sie mit sechzehn Jahren geheiratet hatte. Der Vater, vor dem sie immer Angst hatte, hatte die Hochzeit ganz allein vereinbart: die Familie konnte nicht widersprechen. Lejla zog in ein fremdes Dorf und man hatte sie ganz vergessen. Es war abgemacht, dass sie die Mutter nach einem halben Jahr wiedersehen durfte, doch die Mutter starb an einem Herzinfarkt und es gab niemanden mehr, zu dem man fahren konnte.

Der Vater hatte das ganze Leben lang getrunken und war in Schlägereien verwickelt, er ging der Mutter mit russischen Frauen fremd. Wie viele Tränen hatte die Mutter vergossen! Wie oft haben die Kinder die Spuren der Schläge an ihr gesehen!

Am häufigsten tauchte in Zaremas Erinnerung ein Fragment aus der Kindheit auf: der Vater beschloss im betrunkenen Zustand die Mutter mit der Säge zu attackieren. Er warf die Frau auf die Erde und streifte ihren Rücken mit der Handsäge. Die älteren Brüder, Lejla und die Kleinste, Zarema, zitterten vor Angst und weinten nur wehleidig, kraftlos, sich in das Geschehen einzumischen. Der Vater kam zu sich und tötete die Mutter nicht.

Dem Gesetz nach konnte sich niemand über den Vater beschweren, da die tschetschenischen Gesetze befehlen zu schweigen, wenn so etwas in einer Familie geschieht: die Nachbarn dürfen es nicht erfahren. Einem Verräter, der den Streit außerhalb des eigenen Hauses auslebt, wird niemand verzeihen.

„Wie geht es jetzt nur der Mutter, so alleine in ihrem Grab? Ich habe sie so geliebt! Sie hatte niemals Glück erfahren, war dem Missbrauch des Ehemannes ausgeliefert, wurde von ihm geschlagen!“, dachte Zarema.

Zarema ängstigte sich vor der alten Volksweisheit: dass wenn man einen Menschen beerdigt, dessen Traum und Hilferuf jener hören wird, der ihn mal geliebt hatte.

Nach den lokalen Traditionen dürfen nur Männer Tote beerdigen, doch Zarema war an jenem Tag auch anwesend, obwohl sie die Absperrung nicht überquert hatte. Damit eine Frau die Absperrung überqueren darf, bedarf es eines ganzen Rituals: man muss ein Gazetuch in neun Schichten übereinander legen und dieses unter die Stelle legen, woraus die Kinder geboren werden; und an jenem Tag hätte man den Friedhof auf keinen Fall besuchen dürfen, da Zarema einen Schmerz im Unterleib verspürte und die Tage erwartete, die eine jede gesunde Frau in ihrem Leben hat.

Die Halva war fertig. Zarema richtete sie akkurat auf einem Teller an, las ein Gebet, das die bösen Schaitane verscheuchen sollte und begab sich in die Gärten, um Wasser zu holen.

„Du bist heute so nachdenklich“, sagte die Nachbarin zu ihr. „Hat dein Ehemann mit dir geschimpft?“

„Nein“, winkte Zarema ab. „Ich habe einen guten Ehemann! Ruhm dem Allermächtigsten!“

Die neue Besitzerin des goldenen Anhängers machte sich umsonst Sorgen! Die Schwester empfand ihr gegenüber keinen Hass, sie wollte einfach keinen Kontakt haben. Um nicht gefunden zu werden, änderte sie ihren Namen und hieß nun Medina. Wohin soll eine Tschetschenin verschwinden, die mit ihren Nächsten nichts zu tun haben möchte? Jeder weiß alles über jeden in den kleinen Dörfern, deswegen zog sie nach Grozny, das die tschetschenischen Patrioten nun Džokhar nannten – zu Ehren des ersten Präsidenten, der im Krieg ums Leben kam.

Medina hielt sich von der Politik fern. Als sie jung war, wollte sie zur Schule gehen, doch man erlaubte es ihr nicht und zerstörte ihr Leben. Manch einer resigniert, hängt von dem Ehemann ab und von seiner Familie, von ihrem Zorn und ihrer Gnade, doch nicht Medina. Mit ihren schwarzen Augen heiratete sie ohne Liebe und zog ein Kopftuch an, um ihre Zöpfe zu verbergen. Und nach einem Jahr kam Timur zur Welt, das Licht ihrer Seele.

Medinas Ehemann, Said, erwies sich als guter Mensch, der eine sowjetische Erziehung genossen hatte, ein „Intellektueller“, so bezeichneten ihn spöttisch die Nachbarn, die aus den Bergdörfern hinzuzogen.

Er erlaubte es seinen Schwestern und der Mutter nicht, seine Braut zu schlagen, trat für sie ein. Er verhätschelte Timur wie er nur konnte. Medina schätze es und freute sich über den Beschützer.

Said starb zu Beginn des ersten Tschetschenienkrieges, als er russische Alte retten wollte, die von den Platten ihres eigenen Hauses erdrückt wurden, nach den Artilleriebeschüssen.

Nach dem Begräbnis verließen Medina und Timur die Familie des Ehemannes, verschwanden in der Stadt und handelten nun auf dem großen Markt, der sich an der Straße und den Nebengassen entlang zog, inmitten von zerstörten Häusern und Tramwegen…

Medina kaufte ihre Ware bei den Aserbaidschanern aus der Stadt Baku:

Scheren, Kämme, Stecknadeln. Sie erhöhte den Preis jedes Gegenstandes um ein oder zwei Rubel und konnte damit ein Mittagessen für sich und ihren Sohn finanzieren. Timur ging nicht zur Schule. Er verließ diese bereits in der fünften Klasse.

„Ich werde dir helfen, Mama“, sagte der Junge.

„Gut“, die Mutter war einverstanden. „Du bist nun der einzige Mann im Haus, alles liegt an dir!“

* * *

Die Tage fädeln sich, Perlen ähnelnd, auf den Faden ein und ergeben ein Collier. Ein solches wird jeder seinem Tod schenken. Die einen haben lange Colliers, wie Lianen sehen sie aus, man kann sie zwei oder drei Mal rollen, die anderen haben nur wenige Perlen, und die Menschen geben dem Tod verlegen ihre kleinen Perlenarmbänder, doch der Tod ist nicht wählerisch, denn seine Koffer sind voll mit solchen Schätzen.

Für Vera flogen die Tage schnell vorbei, und sie wartete darauf, dass die Großmutter kommt und sie abholt, doch es kam niemand. Man gab ihr ein langes Kleid und ein Kopftuch, beides musste sie anziehen, da man ihr die alten Sachen weggenommen und sie dann weggeschmissen hatte. Man siedelte sie in der weiblichen Hälfte an, zu der die Männer gar keinen Zugang hatten. Die alte Frau hieß Sada, und die junge – Kometa. Man sagte Vera, dass ihre Verpflichtung es sei das Essen zuzubereiten und darauf zu warten, was ihr irgendein Idris über ihr Schicksal sagt.

„Wer ist das?“, fragte Vera.

Doch sie bekam wieder keine Antwort.

„Wahrscheinlich derjenige, der den Auftrag gegeben hat, mich zu    rauben“, beschloss das Mädchen. Ein paar Mal, als sie die Kuh nicht richtig melkte, belohnte die Alte sie mit Schlägen, doch Kometa trat für sie ein: sie nahm Vera zu sich und versteckte sie.

„Wenn die Älteren irgendetwas sagen, senke deinen Blick und höre ihnen zu“, warnte sie Kometa vor. „Hebe nicht den Blick! Nur dann, wenn man es dir erlaubt. Wage ja nicht, bei ihnen zu sitzen! Steh sofort auf, wenn jemand das Zimmer betritt. Eine Frau muss gehorsam sein!“

„Ich möchte von hier fortgehen! Ich möchte in die Schule!“, gab Vera zur Antwort.

„Das solltest du vergessen!“, riet ihr Kometa. Ihr Kopf war von einem Hidšab aus schwarzem Stoff geschmückt und das Kleid, das im Auftrag, im Nachbardorf genäht wurde, war mit östlichen Mustern bedeckt.

Nach einiger Zeit bekam Vera auch einen Hidšab. Und sie zog diesen an. Es gab keine andere Wahl.

Vera lebte in dem Haus der alten Seda, dort lernte sie es, Žižig Galnaš zuzubereiten (Knödel mit Fleisch), außerdem salzige Fladenbrote, Plow und Halva. Das Mädchen liebte es zu kochen, doch sie vermisste ihre Großmutter sehr.

„Wenn ich ihr doch wenigstens ein paar von den Köstlichkeiten anbieten könnte!“, dachte das Mädchen oft und betrachtete das einfache, tschetschenische Haus mit den in seinem Inneren gestrichenen Wänden, an denen handgearbeitete, dagestanische Teppiche hingen.

* * *

Wer in diesem Leben Glück hat, und wer nicht – das hängt davon ab, was die Seele in ihren letzten Leben angestellt hat. Man kann nicht sagen, dass Marija Semenovna, Veras Großmutter, eine Buddhistin war: sie bewahrte zuhause Ikonen auf, doch sie dachte ganz so wie ein tibetischer Mönch, den die bittere Erfahrung gelehrt hatte.

Die Träume erzählten ihr, dass Vera lebte, und das war das Wichtigste. Indem sie ihre Vergangenheit in ihrem Gedächtnis sortierte und genau betrachtete, konnte sich die Großmutter Marija an jene Augenblicke erinnern, die für immer verloren zu sein schienen: hier geht Vera zum ersten Mal in die Krippe, hier nähte man für sie ein rotes Trägerkleid und der weiße Sonnenhut schützte die Augen vor der Sonne. Wenn man den Kopf etwas neigte und die Augen etwas zusammenkniff, konnte man sehen, wie der Großvater die geliebte Enkelin aus dem Entbindungsheim nach Hause brachte und dabei noch witzelte:

„Was ist das denn für ein kleiner Frosch?!“, dabei trank er einen kleinen Wodka vor Glück.

Hinter dem Fenster krachte es, und Marija Semenovna erwachte von den süßen Schwärmereien.

„Gehen Sie in den Keller?“, fragte Raisa, eine junge Krankenschwester, sie.

„Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod, ich bleibe hier sitzen“, beruhigte sie Marija. „Aber du, geh! Du sollst noch lange leben!“

Nachts brachte man ihr einen verletzen Tschetschenen und Marija Semenovna operierte ihn, dabei daran denkend, dass wenn vor ihr ein verletzter, russischer Soldat läge, sie genauso handeln würde.

„Wäre es ein Russe, dann würde ich ihn mit meinen eigenen Händen umbringen“, sagte ihre Assistentin Malika.

Und Marija verurteilte sie nicht. Im Krieg starben drei von Malikas Kindern: ein Flugzeug warf eine Bombe ab, deshalb hatte sie das Recht, alle Russen zu hassen.

„Die Menschen haben nun komplett ihre Scham und ihr Gewissen verloren“, sagte Marija, die die Wunden vernähte. „Sie lieben es, einander zu töten, Blut zu trinken, wie Vampire. Wir leben immer zu Zeiten des Krieges, nur wütet der Krieg in unterschiedlichen Ländern, mit der Verwendung von unterschiedlichen Waffen, seiner Zeit gemäß. Doch er ist immer auf die gleiche Weise gnadenlos.

Malika schwieg als Antwort auf diese Worte.

* * *

Der Winter warf seinen Schleier auf das Dorf, in dem Ahmed und Miša lebten und der Junge fürchtete, dass der Alte sterben könnte. Morgens, als sie Brot und Dörrfleisch frühstückten, hustete der Alte und Miša sah Blut auf dem Taschentuch.

„Nicht schlimm, es wird vorbei gehen“, bemerkte der Alte. „Es ist nicht das erste Mal!“

„Geht es Ihnen wirklich nicht schlecht?“, fragte Miša.

„Du bist bereits erwachsen, doch verhältst dich wie ein Kind. Es wird die Zeit kommen, da wird mich und dich auch der Engel des Todes, Azrail, abholen. Allah hat es sich so ausgedacht.

Miša wurde nachdenklich.

„Warum sterben Menschen?“, fragte er.

„Die Sündiger erwartet die Hölle, und die Gerechten – das Paradies. Sie sterben, um ihren Weg dort fortzuführen, wo der Weg auf der Erde zu Ende geht.“

Miša wollte von seiner Mutter erzählen, doch wusste er nicht, wie er das Gespräch darüber beginnen sollte und stellte eine weitere Frage:

„Kommen schlechte Menschen immer in die Hölle?“

„So steht es im Koran, dem wichtigsten Buch aller Moslems. Das sagt der Prophet zu uns. Deshalb soll es so sein.“

„Verstehe“, sagte Miša.

„Wirst du auch zu einem Moslem?“, Ahmed lächelte.

Vor dieser Frage hatte Miša Angst. Ihm schien: wenn er den Glauben an Christus ablehnt, wird es einen Verrat darstellen.

Deswegen schwieg er.

„Es wird der Sommer kommen und du wirst einer werden. Du wirst bis dahin die Gebete auswendig gelernt haben!“

Miša kannte bereits einige, doch manchmal vertauschte er die Worte und es kam nur Wirrwarr heraus.

„Niemand wird eine Waise so unterstützen wie Allah, der barmherzig und gnädig ist“, Ahmed fuhr mit seiner Rede fort.

„Aber man hat meine Mutter getötet…“

„Rezvan erzählte mir, dass du eine Waise warst, als er dich zu mir brachte.“

„Ja, aber…“

„Es ist schwer darüber zu sprechen, deswegen möchte ich nicht, dass du darüber sprichst.“

Und da verstand Miša, dass der Alte nichts über ihn und seine Mutter wusste und auch nicht darüber, was in der Wohnung in der Leninstraße vorgefallen war.

* * *

Der Schatten im Fenster gehörte Ibrahim, dem Enkelsohn von Seda. Er ging mit den älteren Männern am Morgen weg und kehrte spät abends zurück.

Die Gedanken über seine roten, lockigen Haare und seine grünen Augen verfolgten Vera, während sie in Gedanken verfiel. Nach dem morgendlichen Namaz, für den Kometa sie aufweckte, beobachtete Vera durch das Licht zwischen den Gardinen, wie die Pforte des Zaunes ins Schloss fiel, als die Männer zu ihren Angelegenheiten in die Stadt fuhren.

An den Abenden erzählte man sich in dem Haus über große Taten, darüber wie die Tschetschenen die Pferde der Kosaken stahlen und sie den Terek, den gefährlichen Fluss entlangführten. Denn die Russen und die Tschetschenen waren bereits seit dem Altertum verfeindet.

Diese Geschichten hörte Vera von Kometa und den weiblichen Verwandten, die manchmal zu Besuch kamen und die russische Sprache beherrschten.

Über die annektierten Wohnungen herrschte in der Familie die folgende Meinung vor:

„Als wir nach dem Befehl Stalins im Jahr 1944, von unserer Heimaterde vertrieben wurden“, sagte Kometa eines Tages, „kamen die Russen her und okkupierten unsere Häuser und nahmen uns unsere Sachen weg. Sie behielten alles für sich. Die Türen sind geöffnet. Man kann sich alles unter den Nagel reißen! Unsere Leute wurden in Viehwaggons weggebracht, in dem was sie am Leibe trugen. Und nun werden ihre Enkel und Urenkel, die in die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind, von Flugzeugen und Panzern vernichtet. Deswegen erstechen und töten manche Tschetschenen die hier ansässigen Russen, um sie für ihre Schuld zu bestrafen. So erzählen es die Alten.“

„Das ist schlimm – jemanden umzubringen…“, entgegnete Vera.

„Ja“, Kometa wurde nachdenklich. „Das ist der Ast der Geschichte. Wenn sie jemand hinter sich herzieht, kehrt sie immer wieder auf ihren Platz zurück und peitscht einem schmerzhaft ins Gesicht.“

„Und wenn Russen getötet werden, die sich alles selbst fair erarbeitet haben?“

„Der Allmächtige verzeiht das Unwissen. Und übrigens, wenn du wie eine Muslima beten wirst, dann wird man dich auch nicht in ein anderes, schlechtes Haus als Sklavin abgeben!“, erschrak Kometa sie.

„Ich werde beten!“, sagte Vera. „Doch wie?“

„Dafür muss man einfach nur sagen: „Es gibt keinen anderen Gott als Allah. Und das ist alles. Dann bist du Muslima!“

„Und wenn ich getauft bin?“

„Das ist unwichtig. Wenn du so etwas aussprichst, dann bist du bereits eine Muslima.“

Nachdem sie den Islam angenommen hatte, verhielt man sich ihr gegenüber viel höflicher und gab ihr den Namen Iman.

„Iman bedeutet auf Tschetschenisch „Glaube“, erklärte ihr Kometa.

Kometa war eine dünne Frau mit großen Augen. Sie gebar fünf Kinder, doch ihr Ehemann vertrieb sie und die Kinder blieben nach dem Gesetz der Berge bei ihm, mit seinen neuen Frauen.

„Ich darf sie ohne Erlaubnis nicht einmal sehen!“, Kometa weinte manchmal. „Nun habe ich dich anstatt einer Tochter! Wir geben dich nicht weg zu Iljas! Er raubte dich und brachte dich hierher aus der Stadt.“

* * *

Der Sommer brachte nichts neues als die Gewohnheit in einer Unterwelt zu leben. Im Fernsehen erzählte man sich, dass Tschetschenien ein unabhängiges Land werden wird. Die Menschen betonten die Scharia und suchten darin die Gerechtigkeit. Manche Bewohner wurden nach ihren Gesetzen auf den Straßen erschossen und die Menge versammelte sich aus einem feierlichen Interesse um zu beobachten, wie dies von statten geht.

Ein paar Mal schien es in den Nachrichten durch, dass es zur Norm wurde, Geiseln zu nehmen und diese aus anderen Regionen Russlands nach Tschetschenien zu bringen, irgendeinem Russischen Mädchen schnitt man die Finger ab und forderte von der Familie eine große Geldsumme.

Die Welt schlug den Boden des einen Abgrunds auf und fiel rasant in den nächsten. Niemand war dem anderen ein Freund. Wenn Menschen mit Maschinengewehren zu den Nachbarn kamen, um sie umzubringen, gab es da überhaupt jemanden, der für sie Partei ergriff? Die seltenen russischen Familien, die in Grozny lebten, hatten es sehr schwer, sie trugen lange, muslimische Kleider und sprachen tschetschenisch. Die anderen, weniger schlauen Familien, erwartete der sichere Tod – wenn nicht durch Bomben oder Geschosse von vorbeifliegenden, russischen Flugzeugen, dann von tschetschenischen Banditen, die mutig wurden durch ihre uneingeschränkte Macht.

Vera erinnerte sich, als sie einmal mit ihrer Großmutter über das „tschetschenische Roulette“ gesprochen hat, welches in Grozny vor dem ersten Krieg begann.  Bewaffnete Menschen klopften an die Haustüren der Wohnungen und befragten die Familien:

„Für welchen Leader seid ihr? Wer soll über die tschetschenische Erde herrschen?“

Zunächst verstanden die Bewohner nicht, worum es ging, da die bewaffneten Bärtigen sich als „Wahlkomitee“ ausgaben. Doch dann häuften sich die Fälle, dass bei einer „nicht richtigen Antwort“, die die Ankömmlinge nicht befriedigte, ein Schuss in die Stirn folgte. Im Endeffekt hatten die Bewohner solch eine Angst, dass sie den Fremden nicht die Tür öffneten.

Die Großmutter warnte Vera vor:

„Egal was jemand dich fragt – antworte nicht! Schweige!“

„Wer soll mich schon was fragen – ich bin klein!“, antwortete das Mädchen.

Doch später verstand es, dass die Menschen schon voller Schrecken waren von der Folter und den Tötungen.

Und wenn die Antwort „richtig“ ausfiel, verschenkten die bewaffneten, bärtigen Männer ein leuchtendes, oranges Päckchen Waschpulver.

* * *

Die Jahre im Krieg vergehen schnell, so als ob man einen Film aus einem Paralleluniversum geschickt hätte. Die Kinder wachsen auf wie ein sorgsam begossenes Unkraut; ihr Blick wird schwer und tief. Die Fäden der Schicksale reißen ein und es entstehen neue.

Im Tschetschenien des Jahres 1996 wurde es modern drei oder vier Frauen zu haben. Doch das konnten sich nur die Reichen leisten – diejenigen, die mit Erdöl handelten und es mit kleingewerblichen Methoden erwarben. Manche wurden in die Luft gesprengt als sie versuchten Löcher in den eigenen Vorhöfen zu bohren!

Im Getümmel des Krieges gab es auch Menschen, die mit Sklaven und Waffen handelten.

Manch einer ging hinter die Grenze nach seiner Teilnahme an Plündereien und Tötungen, der Rest verstarb in Armut und sank auf den Grund.

Es gab auch solche, die den Tod ihrer Nächsten nicht verzeihen konnten. Solche banden Trotyl um ihren Körper und gingen, sich an den Russischunterricht in der Schule erinnernd und an die Unabhängigkeitsbewegung, wie einst die Narodvolcy, zu den Feinden, um sie in die Luft zu sprengen. Solche Menschen nannte das Fernsehen Terroristen.

Ihre Zahl wurde mit jedem Tag größer; Mullahs in den Moscheen riefen die Jugendlichen dazu auf, sich an ihren Feinden zu rächen, an den Eroberern ihrer Heimaterde.

Im Sommer 1999 gärten und wirbelten auf dem riesigen Markt von Grozny Nachrichten über einen neuen Krieg, über den Einfall nach Dagestan, darüber, dass Russland es Tschetschenien nicht gestatten wird, die Unabhängigkeit zu erlangen.

Die Menschen wünschten sich Unabhängigkeit, doch wussten sie nicht was sie damit anfangen sollten; an die Macht kamen schon wieder die Geldhungrigen. In Tschetschenien herrschen die Klans über alles und es ist von Bedeutung, auf welchem Berg du geboren wurdest und wer deine Vorfahren sind.

Es bleiben nur wenige Helden. Die Helden sterben zuerst. Gott nimmt sie noch als Jünglinge zu sich, und der Müll, der von dem Wind der Pausen angetrieben wird, bleibt am Leben, denn die Erde ist ein Planet der Prüfungen.

Vera, die eingehüllt war in ein riesiges, weißes Tuch aus Mekka, in ein grünes Kleid gekleidet, ähnelte einer reinen, exotischen Blume. Sie lernte es, Kräuter zu sammeln und sie auf alten Zeitungen zu trocknen, für Heilzwecke gegen Erkältungen in der Winterzeit. Sie war nicht zu faul, um im Garten Gemüse zu pflanzen. Tschetschenien ist eine warme Gegend, die von Bergen geschützt ist. Im Sommer herrschen Temperaturen über vierzig Grad Celsius, im Winter minus zehn.

Die Ernte sammelten die Bewohner zwei Mal im Jahr.

„Wenn du den Kämpfern im Krankenhaus als Krankenschwester helfen wirst, wird ihre Heilung schneller vonstattengehen!“, witzelte die alte Grauhaarige auf Tschetschenisch, und das Mädchen verstand sie gut. 

Die Tschetschenische Sprache erwies sich als einfach. Sie ist wild, rau, scharf wie ein Echo in den Bergen, wie der Schrei eines Adlers in den Wölbungen des Himmels. Seine Tonalität erschrickt die Feinde und erfreut die Freunde.

Eines Tages waren Kometa und Vera in der Stadt, doch Marija Semenovna trafen sie weder zuhause noch in dem Krankenhaus an. Die Nachbarn sagten, sie sei weggefahren.

Ibrahim und die Männer überließen das Mädchen nicht Iljas und vertrieben ihn vom Hof. Und Iljas protestierte nicht gegen die Dorfbewohner, denn er verstand, dass in einem Haus, in dem sich viele Waffen befanden, man besser nicht streiten sollte.

„Wenn du weg fährst um mit den Feinden zu kämpfen, stehe ich dir bei!“, betonte Vera hartnäckig gegenüber Ibrahim. Morgens tischte sie Tee und Gebäck, das in Öl gebraten wurden, süße Teilchen, auf, die man in der neuen Familie so liebte.

„Rede keinen Blödsinn, Frau. Es wird keinen Krieg geben!“, unterbrach sie der zwölfjährige Ibrahim.

Und Vera erstarrte vor Glück, weil er sie für eine Erwachsene hielt.

Kometa machte Witze, dass man die beiden verheiraten sollte, wenn der Herbst beginnt.

* * *

Als der alte Ahmed die Wahrheit erfuhr, verfluchte er den Sohn. Sein Gesicht wurde dunkel, er bekam oftmals keine Luft und fasste sich ans Herz.

Als Miša eines Tages an der Türschwelle den Zauberer selbst erblickte, zitterte er vor Schreck und begann laut an zu schluchzen, denn er dachte, man würde ihn umbringen, genau wie seine Mutter.

„Hab keine Angst“, sagte der Alte. „Gehe in das andere Zimmer. Ich werde selbst mit ihm sprechen.“

Das lange Gespräch verlief auf Tschetschenisch, und der Zauberer erklärte irgendetwas mit leiser Stimme, er erzählte etwas und brachte Argumente vor. Doch der Alte ging hinaus und brachte ein grünes Buch mit einer arabischen Ligatur.

„Das ist ein Koran“, sagte Ahmed. „Dieser wurde von meinem Urgroßvater und meinem Großvater gelesen, der von seiner Heimaterde von Stalin vertrieben wurde, man pferchte ihn in einen Zugwaggon, einem Vieh gleich und schickte ihn in seinen Tod in die kasachischen Steppen. Dieser Koran wurde von meinem Vater gelesen, der es geschafft hat zu überleben und all die Verwandten zu beerdigen. Nun lese ich ihn. Schwöre mir, dass du und mein Sohn keine russischen Menschen in Grozny getötet habt, um an ihren Besitz zu kommen. Jene Russen, die auch hier geboren wurden, und für die Tschetschenien ebenfalls eine Heimat ist, wie für uns auch. Wir lebten immer nah zu Allah, in den Bergen, doch in den Ebenen und in der Stadt lebten Russen, Armenier, Ingušen, Kumyken, Awaren, Zigeuner, Bulgaren…Und andere Völker. Von unseren Brüdern gab es dort wenige. Sie wurden von russischen Flugzeugen bombardiert, sie wurden ausgelöscht und zu Staub gemacht. Und nun sage mir: hast du mit den anderen Tschetschenen die letzten Nichttschetschenen fertig gemacht, um ihnen ihre Sachen wegzunehmen?! Wenn nicht und ich mich täusche, schwöre und nimm dieses Buch in deine Hände! Sage mir, dass du und mein Sohn Iljas dies nicht getan haben.“

„Bruder…Oh, mein Bruder…“, der Zauberer war sichtlich verlegen und sprach achtungsvoll, was Miša, der durch den Vorhang blickte, deutlich sehen konnte. „Als man uns im Jahr 1944 deportierte, kamen Russen hierher. Sie siedelten sich in unseren Häusern an, nahmen unsere Sachen…Dann, als Stalin starb, begannen wir nach einer Zeit wieder zurückzukehren. Wir bekamen nichts zurück…Und nun beginnt die Rache. Wir nehmen uns das Unsrige zurück. Das geschieht in jedem Bezirk, in jeder Straße.“

Der Zauberer nahm den Koran nicht in seine Hände und bemühte sich sogar nicht in Richtung des heiligen Buches zu schauen, so als würde er sich die Augen an ihm verbrennen.

„Nein, du irrst dich!“, sagte der Alte hart. „Ihr nehmt nicht das Eurige. Es gibt Menschen, die alles mit ihrem eigenen Schweiß und Blut erarbeitet haben. Es gibt jene, die unter den Bomben Vater und Mutter verloren haben, so wie wir Tschetschenen. Bist du etwa ein Engel oder ein Prophet, der weiß, ob man die unglücklichen Bewohner tötet, weil man ihnen dabei das Eigene oder das Fremde wegnimmt?! Ich weiß, dass im Nachbardorf die Tschetschenen darüber stritten, dass mit einem solchen Trupp der „Rächer“, auch junge Tschetschenen, einen Alten vor den Augen aller erschossen hatten! Das ist eine Schande!  Es taten jene, die unsere Adate (arabisch: Sitten), unsere Gesetze vergessen haben!  Weg von meinen Augen! Und wenn du Iljas antriffst, richte ihm aus, dass ich ihn verfluche. Ich will ihn nicht wiedersehen. Er soll ja nicht wieder zuhause erscheinen.“

Der Zauberer begann keinen Streit und ging hinaus. Er beschloss für sich, dass der Alte verrückt geworden war und nicht verstand, was in Itschkerien vor sich ging.  Das Auto des Zauberers verschwand schnell aus dem Blickfeld und Miša, der keine Angst mehr um sein Leben hatte, trat aus dem anderen Zimmer hinaus.

„Alle Moslems sind unterschiedlich“, sagte Ahmed. „Auch sind alle Tschetschenen unterschiedlich und alle Russen auch. Es gibt solche, die den rechten Weg entlang gehen und Gutes schaffen, doch es gibt auch solche, die dem Teufel dienen und sich unter Allahs Namen verstecken, deswegen geschieht ein solches Unglück in der Welt. Doch ich glaube, dass es eine andere Welt gibt, eine vollkommene, eine von Güte beschenkte.  Allmächtig sollen jene sein, die Licht von Dunkelheit unterscheiden können, diejenigen, die nicht wahnsinnig geworden sind durch Hass, denjenigen, denen der Šaitan (arab. Teufel) nicht den Blick vernebelt hat. All jene werden diese Welt betreten, die nicht beschmutzt sind durch Lüge und Unzucht. Jene, die ihre Fehler eingestehen, die ihre Sünden bekennen und den Koran befolgen. Die anderen, Nattern gleich, suchen nur ihre eigenen Interpretationen und Versionen dessen, was unser Prophet gesagt hat.

„Ich möchte beten und so wie Sie leben“, sagte Miša. „Ich möchte tapfer sein!“

„Ich bringe es dir bei, fünf Mal am Tag das Namaz zu halten“, sagte der Alte. „Wir werden zusammen beten und Allah darum bitten, unserer gemeinsamen Heimat Frieden zu schenken!“

Nun, jeden morgen vor dem Sonnenaufgang, lasen der Junge, dem der Alte den Namen Musa gegeben hat, und der Alte, die „Al Fatiha“ und den „Tašahhud“, dabei saßen sie nebeneinander. Sie falteten die Hände zum Gebet und beteten die Dua – ein Gebet, das um das Wohl nach dem grundlegenden Namaz bittet.

Im Herbst fühlte sich der Alte schlechter und wurde bettlägerig. Hin und wieder kam die Schwiegertochter Nuran vorbei. Der Alte sprach nicht mit ihr. Die junge Frau ließ stets etwas Essen da und ging wieder: zu ihren Pflichten gehörte es, sich um den Vater des eigenen Ehemannes zu kümmern. Miša fiel ihr nicht auf.

Ende September, als die russischen Flieger wieder Bomben auf Dörfer und Städte abwarfen, schlief der Alte nach dem nächtlichen Namaz ein und wachte nicht wieder auf. Als der Junge morgens seinen Körper entdeckte, schluchzte er lange und konnte lange Zeit nicht aufhören, obwohl der Alte es ihm beigebracht hatte, dass Männer nicht weinen sollten.

* * *

Ibrahim fehlte einige Tage, Vera fühlte sich einsam und konnte keinen Platz finden. Ein paar Mal, an der Quelle, sah sie den Jungen Michael Musa, doch nun konnte sie nicht lange mit ihm sprechen. Sie sprach nur ihr Mitleid aus.

Miša blieb in Ahmeds Haus leben, nachdem man den Alten auf dem heimatlichen Friedhof beerdigt hatte. Irgendjemand musste doch nach der Schafherde sehen: die lokalen Bewohner zahlten dem Hirten für ihre Schafe. Der Junge kam ziemlich gut zurecht, doch er bemühte sich, sich nicht zu weit vom Dorf zu entfernen: was passiert, wenn er von Wölfen überrascht wird?

Ibrahim kehrte mit schlechten Nachrichten aus Dagestan zurück: der Vetter wurde bei einem Beschuss getötet. Und dann wurden noch irgendwelche muslimischen Brüder umgebracht. Doch sie hatten es noch geschafft die Šahada vor ihrem Tod zu sprechen und wurden zu Šahiden.

Ibrahim bewunderte die waghalsigen Führer, die Meister des Weges zum Džannat (arab. Das höchste Paradies bei den Moslems), die sich dem Hattab unterordneten.

„Verstehst du den Džihad (arab. der heilige Krieg gegen Andersgläubige) – das ist, wofür wir leben und sterben müssen!“, rief Ibrahim.

„Wenn du auf dem Weg Allahs stirbst, werde ich mich für dich freuen“, sagte die alte Graue zu ihm. „Versuche nicht zu überleben. Die Russen ließen uns nie in Ruhe und haben nun beschlossen uns ganz auszurotten, damit es kein tschetschenisches Volk mehr auf der Erde gibt.  Ihnen ist es gleichgültig: möge hier sogar ein Meer sein – sie werden von seiner Tiefe das Erdöl herausholen!“

Kometa schwieg. Sie begann irgendwelche Sachen für den Weg einzusammeln.

„Man muss weiter gehen, in die Berge“, sagte sie.

Vera wollte sehr ihre Großmutter wiedersehen, wenigstens zum letzten Mal, doch sie entschied sich nicht zu fragen, dass man sie zu ihr ließ.

Vor dem Beginn des zweiten Tschetschenischen Krieges zog Marija Semenovna in die Region Krasnodar, zu einer entfernten Freundin. Die beiden schrieben jeden Tag gemeinsam Briefe für Fernsehsendungen, in denen man nach verschollenen Menschen suchte, doch sie verstanden, dass die Hoffnung nur klein war, ohne vorauszuahnen, dass diejenigen, nach denen man so akribisch suchte, es sich nicht einmal mehr wünschen gefunden zu werden.

Als der Fernseher erzählte, dass die Straßen von Grozny, die nach dem Ersten und -Sommerkrieg ausgebessert wurden, nun wieder zu Pulver werden, beschloss Veras Großmutter zurückzukehren. Sie konnte nicht den Gedanken zulassen, dass sie ihre Enkelin allein im Krieg zurückließ.

Medina und Timur waren erfreut darüber, ihr Obdach zu geben. Irgendwann tauschten sie auf dem Markt ihre Adressen aus. So etwas kam häufiger zwischen Fremden in Kriegsjahren vor.

„Wenn wir zuerst zerbombt werden, dann kommen wir zu euch…“, sagten die einen.

„Und wenn unser Haus mit Geschossen durchlöchert wird, dann besuchen wir euch…“, antworteten die anderen und schrieben eilig ihren Straßennamen und die Hausnummer auf die Fetzen von Zeitungspapier.

Das Unglück der russischen Frau war für Medina nachvollziehbar, sie war selbst nicht sonderlich glücklich. Und sie hatte niemanden in Russland, zu dem sie fahren konnte.

Viele Nachbarn zogen für eine Nacht aus, übernachteten mit den Kindern auf Parkbänken und kehrten nach den Bomben wieder zurück. Vom Staat erhielt man keine Hilfe, keine Unterstützung. Die Menschen, die vor den russischen Bomben und der lokalen Gesetzlosigkeit flohen, brauchte niemand. Niemand sollte ihren Erzählungen über Kriegsverbrechen lauschen: die lokalen Machthaber sorgten sich darum, dass man denjenigen den Mund versperrte, der das Gesehene mit den ausländischen Korrespondenten teilen wollte.  

Tschetschenien verlassen konnten nur diejenigen, die entweder etwas zusammengeraubt hatten oder reiche Verwandten in anderen Regionen Russlands hatten.

Weder Medina und Timur, noch Marija Semenovna, die wegen ihrer Enkelin zurückgekehrt war, konnten sich einen solchen Luxus wie die Auswanderung erlauben und beschlossen, dass sie auf der heimatlichen Erde sterben würden, wenn es der Allmächtige so vorgesehen hat.

* * *

Man musste durch den Wald rennen, in das Tal, inmitten der Nacht, nachdem Ahmets Sohn zuhause auftauchte. Miša Musa dankte Gott für die Rettung: er schaffte es die Fensterscheibe einzuschlagen, rauszuspringen und die Kugeln, die nach ihm zielten, durchbrachen die Dunkelheit, doch trafen nicht ihr Ziel.

All das geschah nach dem vorabendlichen Namaz. Der Zauberer sowie der Sohn des Alten, Iljas, betraten das Haus und verkündeten, dass der Junge am nächsten Morgen sie begleiten würde, da er sich ihrem Willen unterordnen soll. Miša nickte ergeben und man schloss hinter ihm die Tür des kleinen Zimmers. Der Junge hörte ihren Stimmen genau zu und verstand, dass die Männer irgendeine wichtige Sache erörtern. Es stellte sich heraus, dass der Zauberer begeistert war von Iljas‘ Einbildungskraft:

„Wie hast du es dir nur ausgedacht, Bruder! Was für eine Angelegenheit!“, sagte er.

Außerdem kam heraus, dass in Grozny wieder irgendeine russische Familie wegen ihrer Wohnung getötet wurde. Die Mutter, der Vater und die älteren Kinder wurden erstochen, doch mit dem Säugling im Kinderbettchen hatte man Mitleid und tötete ihn nicht. Man übergab ihn zur Erziehung in eine fremde, tschetschenische Familie.

„Wenn er erwachsen ist, wird er Russen töten!“, lachte Iljas. „Wir sagen ihm, dass er Tschetschene ist, und dass seine Familie auf grauenvolle Art und Weise getötet wurde. Er wird uns glauben. Denn es wird ihm niemand jemals die Wahrheit erzählen!“

„Du bist so klug! Ein Kopf!“, nickte der Zauberer. „Einfach nur ein prima Kerl!“

Als Miša Musa das hörte, schlug er die Fensterscheibe ein und lief in die Richtung, wohin seine Augen ihn führten, dabei waren ihm die Wölfe, die in dieser Gegend lebten, egal.

Am frühen Morgen, müde und hungrig, fand er sich bei einem Fluss wieder, den zu überqueren, wegen der starken Strömung, er sich nicht traute, deswegen lief er den Fluss entlang, in der Hoffnung, dass er bald irgendeine Siedlung erreichen würde. Er murmelte Gedichte von Lermontov vor sich hin, die ihm oft in guten Zeiten von seiner Mutter Tatjana vorgelesen wurden.

Vera, die nun Iman hieß, fuhr zusammen mit Ibrahim in ein anderes Dorf. Dort begann die junge Frau anderen Frauen zu helfen, die für die Kämpfer Essen zubereiteten und ihre Kleidung wuschen, Ibrahim ging zu dem Waldtrupp rüber. Es gehörte sich nicht für Männer und Frauen in einem Haus aufzuhalten, da auch dort die strengen Gesetze der Šaria galten.

Zarema kam nach ein paar Monaten in dasselbe Haus und konnte sich mit Vera nicht anfreunden, denn sie fand, dass selbst wenn eine Russin den Islam angenommen hatte, sie trotzdem eine Fremde war, es sei denn, wenn sie zur Nebenfrau wurde und sich der der ersten tschetschenischen Ehefrau unterordnete und unter ihrer Macht stand.

* * *

Der Markt half sogar in Zeiten des Krieges allen Bewohnern. Genau hier tauschte man Brot gegen Socken und Zigaretten gegen Kartoffeln. Man überlebte. Genau hier fand Medina den schmutzigen und hungrigen Mihael Musa, der es mit Mühe schaffte, die Stadt innerhalb von wenigen Tagen zu erreichen.

Sie brachte ihn nach Hause, gab ihm zu essen, hörte seine Geschichte an und sagte:

„Du wirst mein zweiter Sohn sein!“

Miša geriet in starke Verlegenheit darüber, dass die ihm wenig bekannte Tschetschenin solche Dinge erzählte, wobei er auch verstand, was der alte Ahmed ihm erzählt hatte darüber, dass alle Menschen unterschiedlich seien. Nur Timur freute sich nicht über eine solche Nachricht. Er war zwei Jahre älter als Miša und hielt sich für den einzigen Sohn Medinas, und nun musste er die mütterliche Fürsorge mit irgendeinem fremden Jungen teilen.

Marija Semenovna war mit der Suche beschäftigt, und als sie erfuhr, dass die Enkelin die ganze Zeit unweit der Stadt lebte, staunte sie. Doch Miša verkündete, dass er nicht wusste, wohin sich Ibrahim und Vera begaben.

„Irgendwohin in die Berge“, sagte er. „Suchen Sie nicht, machen Sie sich keine Hoffnung. Man kann dort niemanden auf Russisch etwas fragen!“

Veras Großmutter verstand es gut. Sie wusste, dass die russische Sprache Schaden anrichten und bei der Suche nach den Verwandten nicht helfen konnte.

Die Bewohner, umgeben von Panzern und Flugzeugen der Kriegszeit, suchten nach Brennholz, Essen und Wasser. Manchmal stritten sich Miša und Timur, doch Medina schaffte es stets sie zu versöhnen.

Und im Januar des Jahres 2000, als die russischen Kämpfer in das Fabrikgebiet eindrangen, wurden viele Nachbarn erschossen.

In Medinas Wohnung, während der Säuberung, drang ebenfalls eine Gruppe russischer Söldner ein, sie durchsuchten die Sachen und fanden die Pistole, die sie eines Tages auf der Straße gefunden hat.

„Die habe ich für die Notwehr!“ behauptete Medina, obwohl sie verstand, dass man ihr nicht glaubt. „Sie wissen doch wie schrecklich es ist zu leben, wenn man ständig von Banditen umgeben ist!“

Doch die Soldaten entschieden anders:

„Du bist eine Terroristin!“

Medina hatte Angst, dass Timur und Miša bald wiederkehren, denn am Morgen waren sie aufgebrochen, um Wasser bei den entfernten Brunnen zu holen.

Marija Semenovna betete aus Angst und versuchte gleichzeitig die eindringenden, bewaffneten Menschen mild zu stimmen. Doch es klappte nicht. Sie schnappten sich Medina und zerrten sie auf die Straße.

„Bleib hier stehen!“, sagten sie. „Gleich wirst du das Deine bekommen!“

Man richtete die Mündung eines Gewehrs gegen ihr Gesicht.

„Das war’s“, dachte Medina. „Das Wichtigste ist, dass die Jungen jetzt nicht zurückkehren!“

Marija Semenovna folgte ihr:

„Sie kann absolut nichts dafür, tötet sie nicht! Sie nahm einen obdachlosen, russischen Jungen auf und zieht ihn groß!“

„Was erzählst du für Märchen, du alte Schachtel!“, wurde sie von einem der Soldaten unterbrochen. „Hau ab von hier!“

Miša kehrte als Erster zurück, da Timur beschloss in den verlassenen Häusern nach Essen zu suchen, und als er sich dem Hof näherte, erblickte er Medina, die neben einer Wand stand, die weinende Großmutter Maša und einige russische Söldner.

Der erste Gedanke war, wegzulaufen, da Gefahr in der Luft hing und physisch spürbar war, doch Miša stoppte sich.

„Es gibt nichts Schlimmes am Tod“, dachte er und dieser Gedanke machte ihn wacher. „Ein toter Löwe ist besser als ein lebendiger Hund“, und schon wieder tauchte das Lächeln des alten Ahmeds neben ihm auf.

„Das ist meine Mutter!“, hörte Miša seine eigene Stimme. „Rührt sie nicht an!“

„Wer bist du?“, wunderten sich die Soldaten.

„Ich sagte doch bereits: der Junge ist russisch, sie erzieht ihn…“, betonte Veras Großmutter.

„Russisch?!“, fragten die Soldaten und riefen Miša zu: „Wie heißt du, Wolfskind?“

„Musa!“, sagte er. „Und das ist meine Mutter – Medina! Wenn ihr sie tötet, dann tötet auch mich!“

Es war augenscheinlich, dass der Junge russisch war, man konnte es seinen Gesichtszügen ansehen, es  an der reinen, schönen Sprache erkennen, die frei war vom kaukasischen Akzent, doch er betonte, er sei Tschetschene.

„Selbst der Teufel kann euch nicht verstehen!“ rief der Führer, ein stämmiger, russischer Mann. „Was geschieht nur bei euch! Gut, Scheiß drauf!“

Er winkte ab und befahl den Soldaten, diese Menschen in Ruhe zu lassen.

Sie gingen fort und nahmen die Pistole mit.

* * *

Einige Jahre vergingen. Vera verlor sich in den Bergen des Kaukasus und besuchte ihre Großmutter nur über die Pfade, die in den Träumen entlangführten, als ob sie extra für solche Fälle vorgesehen waren.  Sie berichtete der Großmutter, dass es ihr gut ginge.

Zarema starb als die Russen in das Dorf eindrangen. Ibrahim verschwand mit dem Trupp und löste sich in den Wäldern auf.

Die Bewohner Tschetscheniens warf die Nachricht um, dass eine mutige, junge Frau, sich mit Trotyl in ein Auto setzte und den russischen, militärischen Teil in die Luft sprengte. Man dichtete immer wieder neue Legenden über sie, doch es ging ständig um das Eine: eine mutige Schöne rächte sich für den Tod der Verwandten. Und ihr kurzes Leben, und ein genau so schneller Tod wurden zum Teil des unendlichen Lebens und Todes ihres Volkes.

Medina und ihre Söhne verließen Tschetschenien und sie fand eine Arbeit. In allem half ihr die alte Freundin von Marija Semenovna. Genau sie war es, die für sie in einem Dorf der Region Krasnodar ein Zuhause fand. Die Jungs konnten ihren Schulabschluss machen, abgesehen davon, dass es in der Schule aufgrund der Kriege weder Mathematik noch Englisch gelehrt wurde.

Als sich die Möglichkeit ergab, beschloss Medina den Hadž (Pilgerfahrt nach Mekka) zu vollziehen, wie es sich für jeden gläubigen Moslem gehört. Und sie begaben sich nach Mekka. Medina und ihre zwei Söhne – ein Russe und ein Tschetschene.

                                Polina Žerebcova

Polina Žerebcova wurde 1985 in Grozny, UdSSR, geboren. Sie ist Schriftstellerin und Poetin. Sie ist Autorin von tschetschenischen Tagebüchern, die sie mit neun Jahren begann zu schreiben, bei Kriegsbeginn 1994 in der tschetschenischen Republik, außerdem von Erzählungen, die in viele Sprachen übersetzt wurden.  Die Tagebücher „Eine Ameise in einem Glas“ kamen ins Finale der Prämie ANGELUS (Polen, 2019). Im Jahr 2013 bekam sie politisches Asyl in Finnland. Sie beschäftigt sich mit Menschenrechtsaktivismus. Außerdem ist sie Finalistin der Prämie A. Saharovs „Für den Journalismus als Tat“ 2012.

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