Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/45/poetry/anuar-duysenbinov/kodya/744
Kodja
ich erinnere mich nicht mehr daran, wann ich zum ersten Mal diesen Spitznamen hörte
doch ich verstand sofort, dass es sich dabei um dich handelte
dein ernstes, strenges Gesicht erinnerte sich nicht
an den romantischen, langhaarigen Studenten
dein zufriedenes, sattes Gesicht erinnerte sich nicht
an den gewandten Direktor der Schule, dessen Bedürfnis und Ambitionen
ihn auf den Markt der Möglichkeiten der Stadt hinauswarfen
der Arm liegt entspannt auf der Armlehne
das Gold und der Achat deines Ringes, so scheint mir, beruhigten dich
du streicheltest sie mit dem Daumen wieder und wieder
und jedes Mal kehrte die Stille zu dir zurück und es wurde klar
du wolltest Geld verdienen und dachtest es sei für uns
du dachtest so werden wir alle glücklicher
aber deine Füße, die Füße wussten nicht, wozu sie gehen
wozu diese Stiefelwerkstatt, wozu die blauen Fässer mit Spiritus
wozu der Piroggentransporter, der genau so blau ist wie die blauen Fässer mit Spiritus
der voller Stiefel ist
wozu kennst du jede Straße und jeden Hund
jede Grube jede Kantine und jede Tankstelle
noch schritten die Beine Rädern gleich, Zügen gleich, Flügen gleich
deine Stimme, deinen Geruch, dein Bild wegtragend, in meinem Herzen nistete sich und reifte
etwas anderes heran
das, was es in mir vorher nicht gegeben hat
das, womit ich nicht geboren wurde
etwas ging in mir auf und wuchs mit mir, in mir öffneten sich dunkle
Knospen
etwas ging in mir auf und wuchs mit mir, in mir gingen orangene
Blumen auf
etwas ging in mir auf und wuchs mit mir, in mir setzten
kränkliche Früchte an
etwas ging in mir auf und wuchs mit mir, in mir eröffneten sich schwarze
Territorien
unklare Tropen, neblige Weiten. Ich wurde größer, meine Welt
wurde weiter
unbekannte Welt
noch erwarbst du talentiert, geistreich, sehnsüchtig
ich schaute mir eine vhs aus der Videothek an, spielte Dandy
las die Tage im Flug, spähte in das Laub
hörte Märchen von Vinylplatten
nahm Audiokassetten auf
spielte Schach mit den Alten vom Hof
spielte Tischtennis mit den Nachbarsjungs
war einverstanden damit, mit ihnen durch Ruinen zu irren, durch verlassene Gebäude
schluckte meine Angst herunter, lief von der Scham weg
lernte es in den Gesichtern jede noch so kleine Veränderung zu bemerken
lernte es die menschlichen Herzen zu lesen
die Gefahr zu spüren mit den Härchen auf der Haut
die Bedeutung des Geräusches der Schritte abzulesen
lernte es geräuschlos zu sein
unsichtbar, anwesend
irgendwann hörte ich wieder diesen Spitznamen
Kodja, Kodja schrien sie
ist Kodja zuhause? rufen sich doch Kodja
sie riefen dich so
dein eingefallenes, graues Gesicht erinnerte sich nicht
an den soliden Businessman mit dem Achatring
dein müdes und nasses Gesicht erinnerte sich nicht an
das Lächeln
du zähltest fünf Checks
(einmal, da stahl ich einen Check, um dich zu verstehen)
die Päckchen aus Silberpapier wanderten in ihre Taschen
der Arm liegt entspannt auf der Armlehne
auf dem Tischchen wurde eine Spritze bereitgelegt und man verbrennt
ein Löffel auf dem Boden
es scheint, die Ruhe ist zu dir zurückgekehrt und es wurde klar
du wolltest mit einer hohen Euphorie deine Blöße bedecken
sperren – den Strom des fortdauernden Schmerzes sperren
du dachtest es sei für dich
du dachtest so würdest du glücklicher werden
doch deine Beine verrieten, dass die Wege bereits fast alle gegangen waren
angeschwollene Füße, zerstochene Hüften
man sieht die Muskeln durch die dünne blau-rote Haut hindurch
der Kopf gesenkt, die Augen verschlossen
ein kaltes Schweigen rennt durch die Venen des Raumes
ein kaltes Schweigen atme ich ein aus der Luft des Zimmers
ein kaltes Schweigen formte sich zu einem Knäuel in meiner Brust
und es lebte dort weiter, schwach pulsierend zusammen mit der Lunge.
noch gingen die Beine den Weg der Entkräftung
deine Stimme kehrte ohne Macht zurück
dein Geruch – ohne die Süße der warmen Umarmungen
dein Bild – die immer mit den gebeugten Ellenbogen
von den mit Verkrampfungen überdrehten Muskeln
leicht erhobenen Hände, mit den Handflächen nach unten
die Vereiterung an den Einstichstellen der Spritze führten zur Entfernung einiger Teile der Pobacken –
dein gebrochener Gang führte mich durch dunkle Territorien
unklaren Tropen, vernebelten Weiten
ich gehe durch die Dunkelheit, tastend sammele ich die kränklichen Früchte
ich gehe durch die Dunkelheit, blind schneide ich die orangenen Blumen ab
ich gehe durch die Dunkelheit, von den Schritten öffnen sich die dunklen Knospen
ich wusch deinen Körper, Kodja, er war kalt und hart
Kodja, ich wickelte dich zuerst in ein Leichentuch, dann in einen Teppich
drei andere Männer, Kodja, halfen mir
um dich zum Volk zu bringen für den Žanaz
Kodja, ich hob die Hand in dem Versprechen, deine Schulden abzubezahlen
und dann fuhren wir, Kodja, in die winterliche Steppe
der blendende Schnee konnte unsere Dunkelheit nicht festhalten
Kodja, auf schneeweißen Seilen ließen wir dich ins Grab herunter
wir richteten deinen Kopf, Kodja, in Richtung des heiligen Symbols
an das du wohl kaum geglaubt hast
ich habe dich versehentlich getreten, Kodja, bevor ich aus der Grube herauskam
und ich warf auf dich, Kodja, Klumpen gefrorener Erde
ich warf und warf bis der Wind mein Gesicht aufaß
ich warf und warf bis der Spaten kaputt ging
ich warf und warf auf dich, Kodja, Klumpen gefrorener Erde
ich warf und warf, und der Frost verbrannte meine Hände
ich warf und warf, über dir wuchs ein Hügel
über mir – der dunkelblaue Himmel
lebe wohl, Kodja, du gingst diesen Weg bis zum Ende
lebe wohl, Kodja, gib mir meinen Vater zurück.
Anuar Dujsenbinov
Anuar Dujsenbinov ist Poet. Seine Gedichte wurden in den russischsprachigen Internetverlagen Literratura (Лиterraтура), Polutona , TextOnly, Soloneba, Artikuljacija (Артикуляция), Doxa, Esquire, dem lettischen Satori, dem litauischen Satenai, dem polnischen Helikopter, dem englischen Asymtote und der Hayward Gallery und dem kasachischsprachigen The Bilge publiziert. Er ist Autor des Bandes „Рухани кенгуру“ (2022)