Manšuk Kali: „Das Trauergebet“

Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/46/prose/manshuk-kali/pominalnaya-molitva/759

Die Großmutter starb, als ich im Kino saß und mir den allzu teuren Film „Apokalypse“ anschaute. Ihr Tod eröffnete sich mir langsam und explosionsartig; eine dieser Explosionen wurde mir mit Erstaunen bewusst, als ich auf der oberen Liege eines Zugabteils saß und hinter dem Zugfenster Aule an mir vorbeizogen. Ein Haltestopp für ca. zehn Minuten, trockene Steppe, der leuchtend-grüne Fleck einer Trauerweide am Teich, Schafe, eine schiefe Umzäunung, ein Junge auf dem Pferd, das schwarze Feld von ausgetrocknetem Wermuth, über dem Kanal eine Holzbrücke, Kinder im selben Kanal, eine Metallstatue „Šieli.“ Häuser, Häuser, Häuser…In der monotonen Aulpastorale lag etwas Meditatives, ich schlief schlafend ein, mein Kopf senkte sich auf die Brust. Ich träumte von einem Säugling in einem Glas. Ich klopfte mit den Fingern gegen das Glas, er öffnete die silber-grauen, leeren Augen und schaute mich an, ohne zu blinzeln. Bei der Anfahrt in die Stadt verlangsamte sich der Zug, ruckelte, ich öffnete die Augen und sah die Ruinen einer Papierfabrik mit den finsteren Augenhöhlen der Fenster.

Auf eine Hitze von sechzig Grad kann man sich nicht vorbereiten – die Sonne blendet, schließt die Augenlider, der Wind wirbelt den fein verteilten Schwebstoff des Salzes und Sandes auf, verteilt dessen Körner, Asche ähnlich.

Ich stand einige Zeit neben dem Waggon, mich an die fiebrige Hitze gewöhnend und sah plötzlich meinen Vater. Er roch nach starken Zigaretten, Benzin und Baursaki. Mein Blick blieb am alten Gebäude des Bahnhofs hängen, an einer Tafel, die an das Jahr der Erbauung der Stadt erinnerte und daran, dass unsere Stadt vor ca. hundert Jahren die Hauptstadt gewesen war.

„Vor ein paar Tagen haben sie einen Sputnik abgeschossen“, der Vater schaute auf die Uhr. „Hamit-Aga kommt heute Nacht, er schafft es nicht zum Konak-Asy.“[1]

Am Tag nach dem Tod fand ein Essen für Gäste statt – Konak-Asy, das in alten Zeiten den Verwandten aus weiten nomadischen Gegenden die Möglichkeit gab, sich auszuruhen und Kraft zu tanken. Denkt man an das moderne Tempo des Lebens, wird die Tradition des Konak-Asy noch lange Zeit ihren Sinn erhalten.

Auf dem Nachhauseweg erzählte der Vater, dass die Großmutter im Schlaf starb. Bereits zwei Wochen zuvor lehnte sie Essen und Wasser ab und verkündete, dass ihr Leben jegliches Interesse verloren hatte. Er führte das Auto die neue Brücke entlang, über den Fluss. Ich erinnerte mich an einen Klassenkameraden aus der vierten Klasse, der ertrunken war. Nach dem Unterricht gingen wir als Klasse gemeinsam zu ihm nach Hause, auf dem Weg fingen wir wegen irgendeiner Kleinigkeit an zu lachen und konnten uns nicht beruhigen. Neben der Wohnungstür ermahnte uns unsere Lehrerin und wir schwiegen, wobei einige von uns sich kaum zurückhalten konnten. Später, als wir am Tisch saßen und Tee tranken, den uns die verweinte Mutter des verstorbenen Jungen eingoss, erwachte in unseren Gesichtern ein krampfhaftes Lächeln.

Jaskart, Sejhun, Inžu[2], Syr-Darija. Ich glitt mit meinem Blick über das dünne Rinnsal in der Mitte des ausgetrockneten Flussbetts – es war alles, was vom Fluss übrigblieb. 

„Wird der Reis gegossen?“

Der Vater nickte schweigend.

Ein großer schwarzer Kochkessel begrüßte im Hof unter der Überdachung die Gäste. Das Haus war voller Gäste, die Mehrheit dieser waren meine Verwandten. Von allen Seiten streckte sich Hände nach mir aus. Nachdem ich mich aus den unzähligen Umarmungen gelöst hatte, fand ich mich im kleinen Wohnzimmer wieder, wo man bereits die Tische abdeckte. Zwei Männer schaukelten hin und her von dem Zeug, dass sie hochhoben und brachten Großmutters Sandyk (kasachisch: eine Kiste), der verziert war mit Ornamenten aus geschmiedetem Metall. Die Frauen, Alt und Jung, unterbrachen ihre Aufgaben und betraten nun das Zimmer. Sie setzten sich auf den Boden und betrachteten mit Interesse wie Mutter und Tante den schweren Deckel hochhoben. Die Klimaanlage tat nicht ihren Dienst, doch es war als ob niemand außer mir die Hitze zu bemerken schien. Ich spürte ein Rinnsal von Schweiß, das über meine Schläfe lief und leckte meine salzigen Lippen ab. Auf ihnen knirschte Sand. Irgendjemand reichte mir ein Handtuch. Es stellte sich heraus, dass der Sandyk gefüllt war mit Kleidung, klirrendem Schmuck, glänzenden Stoffen – wie eine echte Piratenkiste. Die Mutter zog einen Gegenstand heraus, zeigte ihn allen und übergab diesen dann an einen der anwesenden Gäste. Die Luft schwebte wie in der Wüste. Nachdem man die neuen Gegenstände verteilt hatte, widmete man sich nun den getragenen Sachen von der Großmutter. Man hörte plötzlich ein gehetztes Aufatmen und jemandes Lachen, als die Mutter ein Abendkleid mit Glitzer vorzeigte. Die Frauen, von der Hitze oder der Erwartung verrückt geworden, begannen sich um Kostüme und Kleider zu streiten und die Gegenstände aus den Händen der anderen wegzureißen.

Meine Mutter stellte sich auf Zehenspitzen und warf mir Großmutters silbernen, mit Handarbeit gefertigten Armreif zu. Ich fing das Schmuckstück auf und ging rückwärts aus dem Zimmer hinaus.

Auf dem Hof rauchten Männer und sprachen im Flüsterton miteinander. Ich lief zu dem Waschbecken, spitzte mir Wasser ins Gesicht und formte die Hand zu einer Schale. Das frische Wasser war salzig.

„Konntest du irgendetwas ergattern?“, fragte der Vater.

Ich zeigte mit der Hand auf den Armreif.

„Sie hätten sich fast um das alte Wams geprügelt.“

„Jeder möchte ein Teilchen von der Langlebigkeit besitzen.“

„Wozu?“

In den Ecken der Augen des Vaters bildeten sich kleine Falten.

„Das Leben geht doch weiter.“

Er saß auf der Bank und rauchte eine billige Filterzigarette nach der anderen. Ich strich mit der Hand über den Armreif und erfühlte mit den Fingern die Schnörkel des Ornaments. Hundert Jahre leben? Ich setzte mich zu ihm und blieb in seiner Nähe sitzen, bis sich im Himmel die ersten Sterne zeigten. Der Wind wurde leiser. Es erschien ein tiefer Vollmond, mit Altersflecken übersät. Als ich in den schwarzen endlosen Raum des Kommos‘ blickte, mit seinen zitternden Punkten, wurde mir schlagartig bewusst, dass das Ende der Welt bereits herangenaht war, nur hatte es niemand bemerkt.

Die Mutter kam heraus und wir umarmten uns endlich.

„Kuljaš-Apa ist beleidigt. Sie dachte, man würde der Verstorbenen die Haare waschen.

„Soll sie dies ruhig machen“, sagte der Vater.

„Nein, die Großmutter hat alle zu Sujekšis[3] ernannt.“

Der Vater lachte, die Mutter kniff die Augen zusammen.

Am Morgen begannen die Sujekši-Frauen, den Körper zu waschen. Ich ging in die Sommerküche, wo Baursaki zubereitet wurden. Das Gespräch handelte von Verwandten, die geheiratet hatten, obwohl sie in der sechsten Generation miteinander verwandt waren. „Es gab einen schrecklichen Skandal“, flüsterte eine der Schwestern, „sie heirateten, doch mussten sie ihren Wohnort verlassen. Wenn man so darüber nachdenkt, dann wirkt es seltsam, dass sie sechs Generationen zuvor einen gemeinsamen Großvater hatten.“

Sechs. Sieben. Žeti Ata.[4] Wiederhole, das was ich gesagt habe“, brachte es mir der Vater bei als ich noch klein war, ich wiederholte die Namen den sieben Vorfahren und stellte mir dabei vor, wie sich die alten Starzen einander ähnelten. Šežire[5] aus einem Mund in den anderen. Ich erinnerte mich, dass man diesen ins Internet eingetragen hatte und holte das Mobiltelefon heraus, um nach der Seite mit dem Familienstammbaum zu suchen.

„Wozu?“, wunderte sich die Schwester. „Frauen werden sowieso nicht in diesen eingetragen.“

Auf der Internetseite war der Name des Vaters auf unserem Familienzweig als letztes eingetragen, so als ob er keine Kinder hätte, obwohl wir vier Mädchen hier saßen.

Bald fuhren die Männer zum Friedhof und die Frauen begannen wieder den Tisch zu decken. Nun wird im Laufe der nächsten vierzig Tage, jeden Donnerstag, ein gerichteter Dastarhan die Gäste erwarten.

Am Freitag fuhren der Vater und ich los, um den Grabstein zu bestellen. Die Großmutter gab uns vor ihrem Tod genaue Anweisungen: sie wünschte sich keine Fotografie auf ihrem Grabstein. Die Mutter schrieb auf dem Blatt eines Heftes den Namen und die Abstammung und zählte diejenigen auf, die diesen Stein aufstellen würden: Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder.

Ich stellte mir die alten Nomaden vor, die ihre Grabmäler genau so kennzeichneten, und nun folgen wir ihren Traditionen. Für mich blieb das immer ein Rätsel – so als ob wir hofften aus unseren Gebeinen Klone entstehen zu lassen.

Das Büro für die Herstellung von Grabmälern befand sich auf dem Prospekt Abajs, in der Nähe der Universität. Ich gab dem Vater einen Zettel, doch begleitete ihn nicht. Ich blieb in der Mitte der Straße stehen und empfand ein flüchtiges, sorgenvolles Déjà-vu als ich den Unikorpus anschaute. Als ich den von der Hitze ermüdeten Wächter erblickte, stieg ich in den zweiten Stock, blickte in die Seminarräume und suchte das Museum.

Zur Zeit meines Studiums empfing man hier viele Wissenschaftler, sie wunderten sich, als sie die Exponate betrachteten und bezeugten, dies sei das beste Naturkundemuseum des Landes. Als es an freien Seminarräumen mangelte, hielt man dort die Vorlesungen. „Im Inneren unseres Landes befinden sich aus der Periodentabelle der Elemente einige Elemente davon. Unser Gebiet ist reich an Erdöl und Gas…“, brummelte der altersschwache Professor und ich hörte nur mit einem halben Ohr zu, weil das das erste Mal war, als ich den Säugling sah. Die Tür ins Museum war offen. Ich ging am versteinerten Trilobiten vorbei, einer erstarrten Assel von einem Meter Höhe, vorbei an ausgestopften Wildschweinen und einem Säbelzahntiger, der einst in dieser Gegend verbreitet war, vorbei an dem regal mit alten Haizähnen, an den Stoßzähnen eines Mammuts, dem Knochenfragment eines Dinosauriers und den Bruchstücken eines Meteoriten. Ein Regal mit Anatomiebüchern versteckte sich hinter den Blättern von Farnen und einer Monstera. Die gläserne Tür quietschte. Ich ließ meinen Blick über die Gläser schweifen: Siamesische Zwillinge; ein Herz mit einer Bikuspidalplatte; eine Leber, die von Echinokokken befallen war, zusammen mit dem Parasiten; der Teil einer Lunge, beschädigt von Tuberkulose; der Säugling. Der Farbe nach zu urteilen, erinnerten die Exponate an konservierte Patissons und ähnelten Plastikgegenständen.

Ich wischte mir den Schweiß von den Händen an meinem Hemd ab und nahm das Glas mit dem Säugling in die Hände. Seine Härchen bewegten sich rührselig in der Flüssigkeit. Ein Junge. Es schien, als würde er jeden Moment seine Augen öffnen. Wenn man das Glas nicht bewegte, sah er schlafend aus. Ich drehte das Glas.  Auf der anderen Seite des schrägen Nackens zeigte sich eine hässliche Naht, die nach der Öffnung übriggeblieben war – das Kind kam ohne Gehirn zur Welt. Ich erinnerte mich, dass man ergänzte, er sei in Šieli geboren worden, in einem Dorf, wo man Uran abbaute, so jedenfalls erklärte man uns die Anenzephalie in der Genetik -Vorlesung. Es ist seltsam, sich bewusst zu machen, dass es etwas Nichtsichtbares gibt, das nicht nur dich tötet, sondern auch die hypothetische Nachkommenschaft, etwas, das deinen Code erneut herstellt, doch du lebst weiter, ohne etwas zu spüren.

Als ich zurückkehrte, saß der Vater bereits im Auto; wir fuhren los, um uns das Grab anzuschauen. Der Friedhof wuchs in den Zeiten der Pandemie: hohe Kuppeln, riesige Denkmäler aus Marmor und Granit und tausende Monde aus Metall, die leuchtende Lichtpunkte reflektierten.

Ich bewegte meinen Kopf, um eine Überdachung von dem unerträglichen Licht zu suchen und bemerkte eine Frau in einem hellen Kopftuch mit einer bunten Tüte in der Hand, aus der ein Besen hervorschaute. Sie bog nach links ab, zu dem Territorium des orthodoxen Friedhofes. Ich erinnerte mich, wie die Großmutter mit dem Onkel schimpfte, der ein ständiger Gast vom Grab des Großvaters war. „Lass den Vater in Ruhe! Es fehlt noch, dass ihr mein Grab genauso besucht. Der Mensch muss der Erde gleichwertig werden, so als ob es ihn nie gegeben hat…“

Die moslemische Hälfte erstreckte sich auf der rechten Seite. Gerade, symmetrische Reihen wurden zwischen den Gräbern geebnet. Pflastersteine bildeten den zentralen Weg und noch einige kleine Pfade, in den Ecken der Zäune sammelte sich Sand, welcher von Aralkum herbeiwehte. Die Sonne wurde von den Grabsteinen reflektiert, die Augen schmerzten von ihrer Leuchtkraft, doch wir setzten unseren Weg fort, wie seltene Überlebende in Filmen über die Apokalypse, die am Ende des Films vor dem Abspann die Straßen der toten Stadt entlang gehen.

Am Rand, dort wo die Gräber aufhörten und die Steppe begann, blieb der Vater neben einem frischgeschaufelten Hügel ohne Umzäunung und Grabstein stehen. Ich bedeckte meinen Kopf mit einem Kopftuch, wir setzten uns und er begann ein Gebet zu lesen. Wie in meiner Kindheit folgte ich seinen Händen, um nicht den Moment zu verpassen, in dem man die eigenen Hände zu einem Boot formte. Die Worte klangen wirr, monoton, wie das Geräusch von trockenem Gras. Endlich öffneten wir die Handflächen gen Himmel, richteten unseren Blick auf einen trockenen Haufen Erde und strichen mit unseren Händen nach einer kurzen Dua[6] für die Seelen der Verstorbenen über unsere Gesichter.

Manšuk Kali – Absolventin der OlŠA (Prosaseminar), Schülerin des Moskauer Dramaturgen Olžas Žanajdarov. Finalistin des Festivals „Драма.КЗ 2019“. Ihre Prosa wurde im Almanach „Literaturnaja Alma-Ata“ und der Zeitschrift „Tamyr“ publiziert.


[1] Konak Asy (kasachich): Ein Gedenkessen (wortwörtlich: ein Essen für Gäste)

[2] Alte Bezeichnungen für den Fluss Syr-Darija                             

[3] Sujeksis (Kasachisch: diejenigen, die den toten Körper waschen)

[4] Žeti Ata (Kasachisch: sieben Vorfahren)

[5] Šežire (Kasachisch: Familienstammbaum)

[6] Dua – Ein Gebet in der Muttersprache

Die Großmutter starb, als ich im Kino saß und mir den allzu teuren Film „Apokalypse“ anschaute. Ihr Tod eröffnete sich mir langsam und explosionsartig; eine dieser Explosionen wurde mir mit Erstaunen bewusst, als ich auf der oberen Liege eines Zugabteils saß und hinter dem Zugfenster Aule an mir vorbeizogen. Ein Haltestopp für ca. zehn Minuten, trockene Steppe, der leuchtend-grüne Fleck einer Trauerweide am Teich, Schafe, eine schiefe Umzäunung, ein Junge auf dem Pferd, das schwarze Feld von ausgetrocknetem Wermuth, über dem Kanal eine Holzbrücke, Kinder im selben Kanal, eine Metallstatue „Šieli.“ Häuser, Häuser, Häuser…In der monotonen Aulpastorale lag etwas Meditatives, ich schlief schlafend ein, mein Kopf senkte sich auf die Brust. Ich träumte von einem Säugling in einem Glas. Ich klopfte mit den Fingern gegen das Glas, er öffnete die silber-grauen, leeren Augen und schaute mich an, ohne zu blinzeln. Bei der Anfahrt in die Stadt verlangsamte sich der Zug, ruckelte, ich öffnete die Augen und sah die Ruinen einer Papierfabrik mit den finsteren Augenhöhlen der Fenster.

Auf eine Hitze von sechzig Grad kann man sich nicht vorbereiten – die Sonne blendet, schließt die Augenlider, der Wind wirbelt den fein verteilten Schwebstoff des Salzes und Sandes auf, verteilt dessen Körner, Asche ähnlich.

Ich stand einige Zeit neben dem Waggon, mich an die fiebrige Hitze gewöhnend und sah plötzlich meinen Vater. Er roch nach starken Zigaretten, Benzin und Baursaki. Mein Blick blieb am alten Gebäude des Bahnhofs hängen, an einer Tafel, die an das Jahr der Erbauung der Stadt erinnerte und daran, dass unsere Stadt vor ca. hundert Jahren die Hauptstadt gewesen war.

„Vor ein paar Tagen haben sie einen Sputnik abgeschossen“, der Vater schaute auf die Uhr. „Hamit-Aga kommt heute Nacht, er schafft es nicht zum Konak-Asy.“[1]

Am Tag nach dem Tod fand ein Essen für Gäste statt – Konak-Asy, das in alten Zeiten den Verwandten aus weiten nomadischen Gegenden die Möglichkeit gab, sich auszuruhen und Kraft zu tanken. Denkt man an das moderne Tempo des Lebens, wird die Tradition des Konak-Asy noch lange Zeit ihren Sinn erhalten.

Auf dem Nachhauseweg erzählte der Vater, dass die Großmutter im Schlaf starb. Bereits zwei Wochen zuvor lehnte sie Essen und Wasser ab und verkündete, dass ihr Leben jegliches Interesse verloren hatte. Er führte das Auto die neue Brücke entlang, über den Fluss. Ich erinnerte mich an einen Klassenkameraden aus der vierten Klasse, der ertrunken war. Nach dem Unterricht gingen wir als Klasse gemeinsam zu ihm nach Hause, auf dem Weg fingen wir wegen irgendeiner Kleinigkeit an zu lachen und konnten uns nicht beruhigen. Neben der Wohnungstür ermahnte uns unsere Lehrerin und wir schwiegen, wobei einige von uns sich kaum zurückhalten konnten. Später, als wir am Tisch saßen und Tee tranken, den uns die verweinte Mutter des verstorbenen Jungen eingoss, erwachte in unseren Gesichtern ein krampfhaftes Lächeln.

Jaskart, Sejhun, Inžu[2], Syr-Darija. Ich glitt mit meinem Blick über das dünne Rinnsal in der Mitte des ausgetrockneten Flussbetts – es war alles, was vom Fluss übrigblieb. 

„Wird der Reis gegossen?“

Der Vater nickte schweigend.

Ein großer schwarzer Kochkessel begrüßte im Hof unter der Überdachung die Gäste. Das Haus war voller Gäste, die Mehrheit dieser waren meine Verwandten. Von allen Seiten streckte sich Hände nach mir aus. Nachdem ich mich aus den unzähligen Umarmungen gelöst hatte, fand ich mich im kleinen Wohnzimmer wieder, wo man bereits die Tische abdeckte. Zwei Männer schaukelten hin und her von dem Zeug, dass sie hochhoben und brachten Großmutters Sandyk (kasachisch: eine Kiste), der verziert war mit Ornamenten aus geschmiedetem Metall. Die Frauen, Alt und Jung, unterbrachen ihre Aufgaben und betraten nun das Zimmer. Sie setzten sich auf den Boden und betrachteten mit Interesse wie Mutter und Tante den schweren Deckel hochhoben. Die Klimaanlage tat nicht ihren Dienst, doch es war als ob niemand außer mir die Hitze zu bemerken schien. Ich spürte ein Rinnsal von Schweiß, das über meine Schläfe lief und leckte meine salzigen Lippen ab. Auf ihnen knirschte Sand. Irgendjemand reichte mir ein Handtuch. Es stellte sich heraus, dass der Sandyk gefüllt war mit Kleidung, klirrendem Schmuck, glänzenden Stoffen – wie eine echte Piratenkiste. Die Mutter zog einen Gegenstand heraus, zeigte ihn allen und übergab diesen dann an einen der anwesenden Gäste. Die Luft schwebte wie in der Wüste. Nachdem man die neuen Gegenstände verteilt hatte, widmete man sich nun den getragenen Sachen von der Großmutter. Man hörte plötzlich ein gehetztes Aufatmen und jemandes Lachen, als die Mutter ein Abendkleid mit Glitzer vorzeigte. Die Frauen, von der Hitze oder der Erwartung verrückt geworden, begannen sich um Kostüme und Kleider zu streiten und die Gegenstände aus den Händen der anderen wegzureißen.

Meine Mutter stellte sich auf Zehenspitzen und warf mir Großmutters silbernen, mit Handarbeit gefertigten Armreif zu. Ich fing das Schmuckstück auf und ging rückwärts aus dem Zimmer hinaus.

Auf dem Hof rauchten Männer und sprachen im Flüsterton miteinander. Ich lief zu dem Waschbecken, spitzte mir Wasser ins Gesicht und formte die Hand zu einer Schale. Das frische Wasser war salzig.

„Konntest du irgendetwas ergattern?“, fragte der Vater.

Ich zeigte mit der Hand auf den Armreif.

„Sie hätten sich fast um das alte Wams geprügelt.“

„Jeder möchte ein Teilchen von der Langlebigkeit besitzen.“

„Wozu?“

In den Ecken der Augen des Vaters bildeten sich kleine Falten.

„Das Leben geht doch weiter.“

Er saß auf der Bank und rauchte eine billige Filterzigarette nach der anderen. Ich strick mit der Hand über den Armreif und erfühlte mit den Fingern die Schnörkel des Ornaments. Hundert Jahre leben? Ich setzte mich zu ihm und blieb in seiner Nähe sitzen, bis sich im Himmel die ersten Sterne zeigten. Der Wind wurde leiser. Es erschien ein tiefer Vollmond, mit Altersflecken übersät. Als ich in den schwarzen endlosen Raum des Kommos‘ blickte, mit seinen zitternden Punkten, wurde mir schlagartig bewusst, dass das Ende der Welt bereits herangenaht war, nur hatte es niemand bemerkt.

Die Mutter kam heraus und wir umarmten uns endlich.

„Kuljaš-Apa ist beleidigt. Sie dachte, man würde der Verstorbenen die Haare waschen.

„Soll sie dies ruhig machen“, sagte der Vater.

„Nein, die Großmutter hat alle zu Sujekšis[3] ernannt.“

Der Vater lachte, die Mutter kniff die Augen zusammen.

Am Morgen begannen die Sujekši-Frauen, den Körper zu waschen. Ich ging in die Sommerküche, wo Baursaki zubereitet wurden. Das Gespräch handelte von Verwandten, die geheiratet hatten, obwohl sie in der sechsten Generation miteinander verwandt waren. „Es gab einen schrecklichen Skandal“, flüsterte eine der Schwestern, „sie heirateten, doch mussten sie ihren Wohnort verlassen. Wenn man so darüber nachdenkt, dann wirkt es seltsam, dass sie sechs Generationen zuvor einen gemeinsamen Großvater hatten.“

Sechs. Sieben. Žeti Ata.[4] Wiederhole, das was ich gesagt habe“, brachte es mir der Vater bei als ich noch klein war, ich wiederholte die Namen den sieben Vorfahren und stellte mir dabei vor, wie sich die alten Starzen einander ähnelten. Šežire[5] aus einem Mund in den anderen. Ich erinnerte mich, dass man diesen ins Internet eingetragen hatte und holte das Mobiltelefon heraus, um nach der Seite mit dem Familienstammbaum zu suchen.

„Wozu?“, wunderte sich die Schwester. „Frauen werden sowieso nicht in diesen eingetragen.“

Auf der Internetseite war der Name des Vaters auf unserem Familienzweig als letztes eingetragen, so als ob er keine Kinder hätte, obwohl wir vier Mädchen hier saßen.

Bald fuhren die Männer zum Friedhof und die Frauen begannen wieder den Tisch zu decken. Nun wird im Laufe der nächsten vierzig Tage, jeden Donnerstag, ein gerichteter Dastarhan die Gäste erwarten.

Am Freitag fuhren der Vater und ich los, um den Grabstein zu bestellen. Die Großmutter gab uns vor ihrem Tod genaue Anweisungen: sie wünschte sich keine Fotografie auf ihrem Grabstein. Die Mutter schrieb auf dem Blatt eines Heftes den Namen und die Abstammung und zählte diejenigen auf, die diesen Stein aufstellen würden: Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder.

Ich stellte mir die alten Nomaden vor, die ihre Grabmäler genau so kennzeichneten, und nun folgen wir ihren Traditionen. Für mich blieb das immer ein Rätsel – so als ob wir hofften aus unseren Gebeinen Klone entstehen zu lassen.

Das Büro für die Herstellung von Grabmälern befand sich auf dem Prospekt Abajs, in der Nähe der Universität. Ich gab dem Vater einen Zettel, doch begleitete ihn nicht. Ich blieb in dder Mitte der Straße stehen und empfand ein flüchtiges, sorgenvolles Déjà-vu als ich den Unikorpus anschaute. Als ich den von der Hitze ermüdeten Wächter erblickte, stieg ich in den zweiten Stock, blickte in die Seminarräume und suchte das Museum.

Zur Zeit meines Studiums empfing man hier viele Wissenschaftler, sie wunderten sich, als sie die Exponate betrachteten und bezeugten, dies sei das beste Naturkundemuseum des Landes. Als es an freien Seminarräumen mangelte, hielt man dort die Vorlesungen. „Im Inneren unseres Landes befinden sich aus der Periodentabelle der Elemente einige davon. Unser Gebiet ist reich an Erdöl und Gas…“, brummelte der altersschwache Professor und ich hörte nur mit einem halben Ohr zu, weil das das erste Mal war, als ich den Säugling sah. Die Tür ins Museum war offen. Ich ging am versteinerten Trilobiten vorbei, einer erstarrten Assel von einem Meter Höhe, vorbei an vorbei an ausgestopften Wildschweinen und einem Säbelzahntiger, der einst in dieser Gegend verbreitet war, vorbei an dem regal mit alten Haizähnen, an den Stoßzähnen eines Mammuts, dem Knochenfragment eines Dinosauriers und den Bruchstücken eines Meteoriten. Ein Regal mit Anatomiebüchern versteckte sich hinter den Blättern von Farnen und einer Monstera. Die gläserne Tür quietschte. Ich ließ meinen Blick über die Gläser schweifen: Siamesische Zwillinge; ein Herz mit einer Bikuspidalplatte; eine Leber, die von Echinokokken befallen war, zusammen mit dem Parasiten; der Teil einer Lunge, beschädigt von Tuberkulose; der Säugling. Der Farbe nach zu urteilen, erinnerten die Exponate an konservierte Patissons und ähnelten Plastikgegenständen.

Ich wischte mir den Schweiß von den Händen an meinem Hemd ab und nahm das Glas mit dem Säugling in die Hände. Seine Härchen bewegten sich rührselig in der Flüssigkeit. Ein Junge. Es schien, als würde er jeden Moment seine Augen öffnen. Wenn man das Glas nicht bewegte, sah er schlafend aus. Ich drehte das Glas.  Auf der anderen Seite des schrägen Nackens zeigte sich eine hässliche Naht, die nach der Öffnung übriggeblieben war – das Kind kam ohne Gehirn zur Welt. Ich erinnerte mich, dass man ergänzte, er sei in Šieli geboren worden, in einem Dorf, wo man Uran abbaute, so jedenfalls erklärte man uns die Anenzephalie in der Genetik -Vorlesung. Es ist seltsam, sich bewusst zu machen, dass es etwas Nichtsichtbares gibt, das nicht nur dich tötet, sondern auch die hypothetische Nachkommenschaft, etwas, das deinen Code erneut herstellt, doch du lebst weiter, ohne etwas zu spüren.

Als ich zurückkehrte, saß der Vater bereits im Auto; wir fuhren los, um uns das Grab anzuschauen. Der Friedhof wuchs in den Zeiten der Pandemie: hohe Kuppeln, riesige Denkmäler aus Marmor und Granit und tausende Monde aus Metall, die leuchtende Lichtpunkte reflektierten.

Ich bewegte meinen Kopf, um eine Überdachung von dem unerträglichen Licht zu suchen und bemerkte eine Frau in einem hellen Kopftuch mit einer bunten Tüte in der Hand, aus der ein Besen hervorschaute. Sie bog nach links ab, zu dem Territorium des orthodoxen Friedhofes. Ich erinnerte mich, wie die Großmutter mit dem Onkel schimpfte, der ein ständiger Gast vom Grab des Großvaters war. „Lass den Vater in Ruhe! Es fehlt noch, dass ihr mein Grab genauso besucht. Der Mensch muss der Erde gleichwertig werden, so als ob es ihn nie gegeben hat…“

Die moslemische Hälfte erstreckte sich auf der rechten Seite. Gerade, symmetrische Reihen wurden zwischen den Gräbern geebnet. Pflastersteine bildeten den zentralen Weg und noch einige kleine Pfade, in den Ecken der Zäune sammelte sich Sand, welcher von Aralkum herbeiwehte. Die Sonne wurde von den Grabsteinen reflektiert, die Augen schmerzten von ihrer Leuchtkraft, doch wir setzten unseren Weg fort, wie seltene Überlebende in Filmen über die Apokalypse, die am Ende des Films vor dem Abspann die Straßen der toten Stadt entlang gehen.

Am Rand, dort wo die Gräber aufhörten und die Steppe begann, blieb der Vater neben einem frischgeschaufelten Hügel ohne Umzäunung und Grabstein stehen. Ich bedeckte meinen Kopf mit einem Kopftuch, wir setzten uns und er begann ein Gebet zu lesen. Wie in meiner Kindheit folgte ich seinen Händen, um nicht den Moment zu verpassen, in dem man die eigenen Hände zu einem Boot formte. Die Worte klangen wirr, monoton, wie das Geräusch von trockenem Gras. Endlich öffneten wir die Handflächen gen Himmel, richteten unseren Blick auf einen trockenen Haufen Erde und strichen mit unseren Händen nach einer kurzen Dua[6] für die Seelen der Verstorbenen über unsere Gesichter.

Manšuk Kali – Absolventin der OlŠA (Prosaseminar), Schülerin des Moskauer Dramaturgen Olžas Žanajdarov. Finalistin des Festivals „Драма.КЗ 2019“. Ihre Prosa wurde im Almanach „Literaturnaja Alma-Ata“ und der Zeitschrift „Tamyr“ publiziert.


[1] Konak Asy (kasachich): Ein Gedenkessen (wortwörtlich: ein Essen für Gäste)

[2] Alte Bezeichnungen für den Fluss Syr-Darija                             

[3] Sujeksis (Kasachisch: diejenigen, die den toten Körper waschen)

[4] Žeti Ata (Kasachisch: sieben Vorfahren)

[5] Šežire (Kasachisch: Familienstammbaum)

[6] Dua – Ein Gebet in der Muttersprache

Die Großmutter starb, als ich im Kino saß und mir den allzu teuren Film „Apokalypse“ anschaute. Ihr Tod eröffnete sich mir langsam und explosionsartig; eine dieser Explosionen wurde mir mit Erstaunen bewusst, als ich auf der oberen Liege eines Zugabteils saß und hinter dem Zugfenster Aule an mir vorbeizogen. Ein Haltestopp für ca. zehn Minuten, trockene Steppe, der leuchtend-grüne Fleck einer Trauerweide am Teich, Schafe, eine schiefe Umzäunung, ein Junge auf dem Pferd, das schwarze Feld von ausgetrocknetem Wermuth, über dem Kanal eine Holzbrücke, Kinder im selben Kanal, eine Metallstatue „Šieli.“ Häuser, Häuser, Häuser…In der monotonen Aulpastorale lag etwas Meditatives, ich schlief schlafend ein, mein Kopf senkte sich auf die Brust. Ich träumte von einem Säugling in einem Glas. Ich klopfte mit den Fingern gegen das Glas, er öffnete die silber-grauen, leeren Augen und schaute mich an, ohne zu blinzeln. Bei der Anfahrt in die Stadt verlangsamte sich der Zug, ruckelte, ich öffnete die Augen und sah die Ruinen einer Papierfabrik mit den finsteren Augenhöhlen der Fenster.

Auf eine Hitze von sechzig Grad kann man sich nicht vorbereiten – die Sonne blendet, schließt die Augenlider, der Wind wirbelt den fein verteilten Schwebstoff des Salzes und Sandes auf, verteilt dessen Körner, Asche ähnlich.

Ich stand einige Zeit neben dem Waggon, mich an die fiebrige Hitze gewöhnend und sah plötzlich meinen Vater. Er roch nach starken Zigaretten, Benzin und Baursaki. Mein Blick blieb am alten Gebäude des Bahnhofs hängen, an einer Tafel, die an das Jahr der Erbauung der Stadt erinnerte und daran, dass unsere Stadt vor ca. hundert Jahren die Hauptstadt gewesen war.

„Vor ein paar Tagen haben sie einen Sputnik abgeschossen“, der Vater schaute auf die Uhr. „Hamit-Aga kommt heute Nacht, er schafft es nicht zum Konak-Asy.“[1]

Am Tag nach dem Tod fand ein Essen für Gäste statt – Konak-Asy, das in alten Zeiten den Verwandten aus weiten nomadischen Gegenden die Möglichkeit gab, sich auszuruhen und Kraft zu tanken. Denkt man an das moderne Tempo des Lebens, wird die Tradition des Konak-Asy noch lange Zeit ihren Sinn erhalten.

Auf dem Nachhauseweg erzählte der Vater, dass die Großmutter im Schlaf starb. Bereits zwei Wochen zuvor lehnte sie Essen und Wasser ab und verkündete, dass ihr Leben jegliches Interesse verloren hatte. Er führte das Auto die neue Brücke entlang, über den Fluss. Ich erinnerte mich an einen Klassenkameraden aus der vierten Klasse, der ertrunken war. Nach dem Unterricht gingen wir als Klasse gemeinsam zu ihm nach Hause, auf dem Weg fingen wir wegen irgendeiner Kleinigkeit an zu lachen und konnten uns nicht beruhigen. Neben der Wohnungstür ermahnte uns unsere Lehrerin und wir schwiegen, wobei einige von uns sich kaum zurückhalten konnten. Später, als wir am Tisch saßen und Tee tranken, den uns die verweinte Mutter des verstorbenen Jungen eingoss, erwachte in unseren Gesichtern ein krampfhaftes Lächeln.

Jaskart, Sejhun, Inžu[2], Syr-Darija. Ich glitt mit meinem Blick über das dünne Rinnsal in der Mitte des ausgetrockneten Flussbetts – es war alles, was vom Fluss übrigblieb. 

„Wird der Reis gegossen?“

Der Vater nickte schweigend.

Ein großer schwarzer Kochkessel begrüßte im Hof unter der Überdachung die Gäste. Das Haus war voller Gäste, die Mehrheit dieser waren meine Verwandten. Von allen Seiten streckte sich Hände nach mir aus. Nachdem ich mich aus den unzähligen Umarmungen gelöst hatte, fand ich mich im kleinen Wohnzimmer wieder, wo man bereits die Tische abdeckte. Zwei Männer schaukelten hin und her von dem Zeug, dass sie hochhoben und brachten Großmutters Sandyk (kasachisch: eine Kiste), der verziert war mit Ornamenten aus geschmiedetem Metall. Die Frauen, Alt und Jung, unterbrachen ihre Aufgaben und betraten nun das Zimmer. Sie setzten sich auf den Boden und betrachteten mit Interesse wie Mutter und Tante den schweren Deckel hochhoben. Die Klimaanlage tat nicht ihren Dienst, doch es war als ob niemand außer mir die Hitze zu bemerken schien. Ich spürte ein Rinnsal von Schweiß, das über meine Schläfe lief und leckte meine salzigen Lippen ab. Auf ihnen knirschte Sand. Irgendjemand reichte mir ein Handtuch. Es stellte sich heraus, dass der Sandyk gefüllt war mit Kleidung, klirrendem Schmuck, glänzenden Stoffen – wie eine echte Piratenkiste. Die Mutter zog einen Gegenstand heraus, zeigte ihn allen und übergab diesen dann an einen der anwesenden Gäste. Die Luft schwebte wie in der Wüste. Nachdem man die neuen Gegenstände verteilt hatte, widmete man sich nun den getragenen Sachen von der Großmutter. Man hörte plötzlich ein gehetztes Aufatmen und jemandes Lachen, als die Mutter ein Abendkleid mit Glitzer vorzeigte. Die Frauen, von der Hitze oder der Erwartung verrückt geworden, begannen sich um Kostüme und Kleider zu streiten und die Gegenstände aus den Händen der anderen wegzureißen.

Meine Mutter stellte sich auf Zehenspitzen und warf mir Großmutters silbernen, mit Handarbeit gefertigten Armreif zu. Ich fing das Schmuckstück auf und ging rückwärts aus dem Zimmer hinaus.

Auf dem Hof rauchten Männer und sprachen im Flüsterton miteinander. Ich lief zu dem Waschbecken, spitzte mir Wasser ins Gesicht und formte die Hand zu einer Schale. Das frische Wasser war salzig.

„Konntest du irgendetwas ergattern?“, fragte der Vater.

Ich zeigte mit der Hand auf den Armreif.

„Sie hätten sich fast um das alte Wams geprügelt.“

„Jeder möchte ein Teilchen von der Langlebigkeit besitzen.“

„Wozu?“

In den Ecken der Augen des Vaters bildeten sich kleine Falten.

„Das Leben geht doch weiter.“

Er saß auf der Bank und rauchte eine billige Filterzigarette nach der anderen. Ich strick mit der Hand über den Armreif und erfühlte mit den Fingern die Schnörkel des Ornaments. Hundert Jahre leben? Ich setzte mich zu ihm und blieb in seiner Nähe sitzen, bis sich im Himmel die ersten Sterne zeigten. Der Wind wurde leiser. Es erschien ein tiefer Vollmond, mit Altersflecken übersät. Als ich in den schwarzen endlosen Raum des Kommos‘ blickte, mit seinen zitternden Punkten, wurde mir schlagartig bewusst, dass das Ende der Welt bereits herangenaht war, nur hatte es niemand bemerkt.

Die Mutter kam heraus und wir umarmten uns endlich.

„Kuljaš-Apa ist beleidigt. Sie dachte, man würde der Verstorbenen die Haare waschen.

„Soll sie dies ruhig machen“, sagte der Vater.

„Nein, die Großmutter hat alle zu Sujekšis[3] ernannt.“

Der Vater lachte, die Mutter kniff die Augen zusammen.

Am Morgen begannen die Sujekši-Frauen, den Körper zu waschen. Ich ging in die Sommerküche, wo Baursaki zubereitet wurden. Das Gespräch handelte von Verwandten, die geheiratet hatten, obwohl sie in der sechsten Generation miteinander verwandt waren. „Es gab einen schrecklichen Skandal“, flüsterte eine der Schwestern, „sie heirateten, doch mussten sie ihren Wohnort verlassen. Wenn man so darüber nachdenkt, dann wirkt es seltsam, dass sie sechs Generationen zuvor einen gemeinsamen Großvater hatten.“

Sechs. Sieben. Žeti Ata.[4] Wiederhole, das was ich gesagt habe“, brachte es mir der Vater bei als ich noch klein war, ich wiederholte die Namen den sieben Vorfahren und stellte mir dabei vor, wie sich die alten Starzen einander ähnelten. Šežire[5] aus einem Mund in den anderen. Ich erinnerte mich, dass man diesen ins Internet eingetragen hatte und holte das Mobiltelefon heraus, um nach der Seite mit dem Familienstammbaum zu suchen.

„Wozu?“, wunderte sich die Schwester. „Frauen werden sowieso nicht in diesen eingetragen.“

Auf der Internetseite war der Name des Vaters auf unserem Familienzweig als letztes eingetragen, so als ob er keine Kinder hätte, obwohl wir vier Mädchen hier saßen.

Bald fuhren die Männer zum Friedhof und die Frauen begannen wieder den Tisch zu decken. Nun wird im Laufe der nächsten vierzig Tage, jeden Donnerstag, ein gerichteter Dastarhan die Gäste erwarten.

Am Freitag fuhren der Vater und ich los, um den Grabstein zu bestellen. Die Großmutter gab uns vor ihrem Tod genaue Anweisungen: sie wünschte sich keine Fotografie auf ihrem Grabstein. Die Mutter schrieb auf dem Blatt eines Heftes den Namen und die Abstammung und zählte diejenigen auf, die diesen Stein aufstellen würden: Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder.

Ich stellte mir die alten Nomaden vor, die ihre Grabmäler genau so kennzeichneten, und nun folgen wir ihren Traditionen. Für mich blieb das immer ein Rätsel – so als ob wir hofften aus unseren Gebeinen Klone entstehen zu lassen.

Das Büro für die Herstellung von Grabmälern befand sich auf dem Prospekt Abajs, in der Nähe der Universität. Ich gab dem Vater einen Zettel, doch begleitete ihn nicht. Ich blieb in dder Mitte der Straße stehen und empfand ein flüchtiges, sorgenvolles Déjà-vu als ich den Unikorpus anschaute. Als ich den von der Hitze ermüdeten Wächter erblickte, stieg ich in den zweiten Stock, blickte in die Seminarräume und suchte das Museum.

Zur Zeit meines Studiums empfing man hier viele Wissenschaftler, sie wunderten sich, als sie die Exponate betrachteten und bezeugten, dies sei das beste Naturkundemuseum des Landes. Als es an freien Seminarräumen mangelte, hielt man dort die Vorlesungen. „Im Inneren unseres Landes befinden sich aus der Periodentabelle der Elemente einige davon. Unser Gebiet ist reich an Erdöl und Gas…“, brummelte der altersschwache Professor und ich hörte nur mit einem halben Ohr zu, weil das das erste Mal war, als ich den Säugling sah. Die Tür ins Museum war offen. Ich ging am versteinerten Trilobiten vorbei, einer erstarrten Assel von einem Meter Höhe, vorbei an vorbei an ausgestopften Wildschweinen und einem Säbelzahntiger, der einst in dieser Gegend verbreitet war, vorbei an dem regal mit alten Haizähnen, an den Stoßzähnen eines Mammuts, dem Knochenfragment eines Dinosauriers und den Bruchstücken eines Meteoriten. Ein Regal mit Anatomiebüchern versteckte sich hinter den Blättern von Farnen und einer Monstera. Die gläserne Tür quietschte. Ich ließ meinen Blick über die Gläser schweifen: Siamesische Zwillinge; ein Herz mit einer Bikuspidalplatte; eine Leber, die von Echinokokken befallen war, zusammen mit dem Parasiten; der Teil einer Lunge, beschädigt von Tuberkulose; der Säugling. Der Farbe nach zu urteilen, erinnerten die Exponate an konservierte Patissons und ähnelten Plastikgegenständen.

Ich wischte mir den Schweiß von den Händen an meinem Hemd ab und nahm das Glas mit dem Säugling in die Hände. Seine Härchen bewegten sich rührselig in der Flüssigkeit. Ein Junge. Es schien, als würde er jeden Moment seine Augen öffnen. Wenn man das Glas nicht bewegte, sah er schlafend aus. Ich drehte das Glas.  Auf der anderen Seite des schrägen Nackens zeigte sich eine hässliche Naht, die nach der Öffnung übriggeblieben war – das Kind kam ohne Gehirn zur Welt. Ich erinnerte mich, dass man ergänzte, er sei in Šieli geboren worden, in einem Dorf, wo man Uran abbaute, so jedenfalls erklärte man uns die Anenzephalie in der Genetik -Vorlesung. Es ist seltsam, sich bewusst zu machen, dass es etwas Nichtsichtbares gibt, das nicht nur dich tötet, sondern auch die hypothetische Nachkommenschaft, etwas, das deinen Code erneut herstellt, doch du lebst weiter, ohne etwas zu spüren.

Als ich zurückkehrte, saß der Vater bereits im Auto; wir fuhren los, um uns das Grab anzuschauen. Der Friedhof wuchs in den Zeiten der Pandemie: hohe Kuppeln, riesige Denkmäler aus Marmor und Granit und tausende Monde aus Metall, die leuchtende Lichtpunkte reflektierten.

Ich bewegte meinen Kopf, um eine Überdachung von dem unerträglichen Licht zu suchen und bemerkte eine Frau in einem hellen Kopftuch mit einer bunten Tüte in der Hand, aus der ein Besen hervorschaute. Sie bog nach links ab, zu dem Territorium des orthodoxen Friedhofes. Ich erinnerte mich, wie die Großmutter mit dem Onkel schimpfte, der ein ständiger Gast vom Grab des Großvaters war. „Lass den Vater in Ruhe! Es fehlt noch, dass ihr mein Grab genauso besucht. Der Mensch muss der Erde gleichwertig werden, so als ob es ihn nie gegeben hat…“

Die moslemische Hälfte erstreckte sich auf der rechten Seite. Gerade, symmetrische Reihen wurden zwischen den Gräbern geebnet. Pflastersteine bildeten den zentralen Weg und noch einige kleine Pfade, in den Ecken der Zäune sammelte sich Sand, welcher von Aralkum herbeiwehte. Die Sonne wurde von den Grabsteinen reflektiert, die Augen schmerzten von ihrer Leuchtkraft, doch wir setzten unseren Weg fort, wie seltene Überlebende in Filmen über die Apokalypse, die am Ende des Films vor dem Abspann die Straßen der toten Stadt entlang gehen.

Am Rand, dort wo die Gräber aufhörten und die Steppe begann, blieb der Vater neben einem frischgeschaufelten Hügel ohne Umzäunung und Grabstein stehen. Ich bedeckte meinen Kopf mit einem Kopftuch, wir setzten uns und er begann ein Gebet zu lesen. Wie in meiner Kindheit folgte ich seinen Händen, um nicht den Moment zu verpassen, in dem man die eigenen Hände zu einem Boot formte. Die Worte klangen wirr, monoton, wie das Geräusch von trockenem Gras. Endlich öffneten wir die Handflächen gen Himmel, richteten unseren Blick auf einen trockenen Haufen Erde und strichen mit unseren Händen nach einer kurzen Dua[6] für die Seelen der Verstorbenen über unsere Gesichter.

Manšuk Kali – Absolventin der OlŠA (Prosaseminar), Schülerin des Moskauer Dramaturgen Olžas Žanajdarov. Finalistin des Festivals „Драма.КЗ 2019“. Ihre Prosa wurde im Almanach „Literaturnaja Alma-Ata“ und der Zeitschrift „Tamyr“ publiziert.


[1] Konak Asy (kasachich): Ein Gedenkessen (wortwörtlich: ein Essen für Gäste)

[2] Alte Bezeichnungen für den Fluss Syr-Darija                             

[3] Sujeksis (Kasachisch: diejenigen, die den toten Körper waschen)

[4] Žeti Ata (Kasachisch: sieben Vorfahren)

[5] Šežire (Kasachisch: Familienstammbaum)

[6] Dua – Ein Gebet in der Muttersprache

Die Großmutter starb, als ich im Kino saß und mir den allzu teuren Film „Apokalypse“ anschaute. Ihr Tod eröffnete sich mir langsam und explosionsartig; eine dieser Explosionen wurde mir mit Erstaunen bewusst, als ich auf der oberen Liege eines Zugabteils saß und hinter dem Zugfenster Aule an mir vorbeizogen. Ein Haltestopp für ca. zehn Minuten, trockene Steppe, der leuchtend-grüne Fleck einer Trauerweide am Teich, Schafe, eine schiefe Umzäunung, ein Junge auf dem Pferd, das schwarze Feld von ausgetrocknetem Wermuth, über dem Kanal eine Holzbrücke, Kinder im selben Kanal, eine Metallstatue „Šieli.“ Häuser, Häuser, Häuser…In der monotonen Aulpastorale lag etwas Meditatives, ich schlief schlafend ein, mein Kopf senkte sich auf die Brust. Ich träumte von einem Säugling in einem Glas. Ich klopfte mit den Fingern gegen das Glas, er öffnete die silber-grauen, leeren Augen und schaute mich an, ohne zu blinzeln. Bei der Anfahrt in die Stadt verlangsamte sich der Zug, ruckelte, ich öffnete die Augen und sah die Ruinen einer Papierfabrik mit den finsteren Augenhöhlen der Fenster.

Auf eine Hitze von sechzig Grad kann man sich nicht vorbereiten – die Sonne blendet, schließt die Augenlider, der Wind wirbelt den fein verteilten Schwebstoff des Salzes und Sandes auf, verteilt dessen Körner, Asche ähnlich.

Ich stand einige Zeit neben dem Waggon, mich an die fiebrige Hitze gewöhnend und sah plötzlich meinen Vater. Er roch nach starken Zigaretten, Benzin und Baursaki. Mein Blick blieb am alten Gebäude des Bahnhofs hängen, an einer Tafel, die an das Jahr der Erbauung der Stadt erinnerte und daran, dass unsere Stadt vor ca. hundert Jahren die Hauptstadt gewesen war.

„Vor ein paar Tagen haben sie einen Sputnik abgeschossen“, der Vater schaute auf die Uhr. „Hamit-Aga kommt heute Nacht, er schafft es nicht zum Konak-Asy.“[1]

Am Tag nach dem Tod fand ein Essen für Gäste statt – Konak-Asy, das in alten Zeiten den Verwandten aus weiten nomadischen Gegenden die Möglichkeit gab, sich auszuruhen und Kraft zu tanken. Denkt man an das moderne Tempo des Lebens, wird die Tradition des Konak-Asy noch lange Zeit ihren Sinn erhalten.

Auf dem Nachhauseweg erzählte der Vater, dass die Großmutter im Schlaf starb. Bereits zwei Wochen zuvor lehnte sie Essen und Wasser ab und verkündete, dass ihr Leben jegliches Interesse verloren hatte. Er führte das Auto die neue Brücke entlang, über den Fluss. Ich erinnerte mich an einen Klassenkameraden aus der vierten Klasse, der ertrunken war. Nach dem Unterricht gingen wir als Klasse gemeinsam zu ihm nach Hause, auf dem Weg fingen wir wegen irgendeiner Kleinigkeit an zu lachen und konnten uns nicht beruhigen. Neben der Wohnungstür ermahnte uns unsere Lehrerin und wir schwiegen, wobei einige von uns sich kaum zurückhalten konnten. Später, als wir am Tisch saßen und Tee tranken, den uns die verweinte Mutter des verstorbenen Jungen eingoss, erwachte in unseren Gesichtern ein krampfhaftes Lächeln.

Jaskart, Sejhun, Inžu[2], Syr-Darija. Ich glitt mit meinem Blick über das dünne Rinnsal in der Mitte des ausgetrockneten Flussbetts – es war alles, was vom Fluss übrigblieb. 

„Wird der Reis gegossen?“

Der Vater nickte schweigend.

Ein großer schwarzer Kochkessel begrüßte im Hof unter der Überdachung die Gäste. Das Haus war voller Gäste, die Mehrheit dieser waren meine Verwandten. Von allen Seiten streckte sich Hände nach mir aus. Nachdem ich mich aus den unzähligen Umarmungen gelöst hatte, fand ich mich im kleinen Wohnzimmer wieder, wo man bereits die Tische abdeckte. Zwei Männer schaukelten hin und her von dem Zeug, dass sie hochhoben und brachten Großmutters Sandyk (kasachisch: eine Kiste), der verziert war mit Ornamenten aus geschmiedetem Metall. Die Frauen, Alt und Jung, unterbrachen ihre Aufgaben und betraten nun das Zimmer. Sie setzten sich auf den Boden und betrachteten mit Interesse wie Mutter und Tante den schweren Deckel hochhoben. Die Klimaanlage tat nicht ihren Dienst, doch es war als ob niemand außer mir die Hitze zu bemerken schien. Ich spürte ein Rinnsal von Schweiß, das über meine Schläfe lief und leckte meine salzigen Lippen ab. Auf ihnen knirschte Sand. Irgendjemand reichte mir ein Handtuch. Es stellte sich heraus, dass der Sandyk gefüllt war mit Kleidung, klirrendem Schmuck, glänzenden Stoffen – wie eine echte Piratenkiste. Die Mutter zog einen Gegenstand heraus, zeigte ihn allen und übergab diesen dann an einen der anwesenden Gäste. Die Luft schwebte wie in der Wüste. Nachdem man die neuen Gegenstände verteilt hatte, widmete man sich nun den getragenen Sachen von der Großmutter. Man hörte plötzlich ein gehetztes Aufatmen und jemandes Lachen, als die Mutter ein Abendkleid mit Glitzer vorzeigte. Die Frauen, von der Hitze oder der Erwartung verrückt geworden, begannen sich um Kostüme und Kleider zu streiten und die Gegenstände aus den Händen der anderen wegzureißen.

Meine Mutter stellte sich auf Zehenspitzen und warf mir Großmutters silbernen, mit Handarbeit gefertigten Armreif zu. Ich fing das Schmuckstück auf und ging rückwärts aus dem Zimmer hinaus.

Auf dem Hof rauchten Männer und sprachen im Flüsterton miteinander. Ich lief zu dem Waschbecken, spitzte mir Wasser ins Gesicht und formte die Hand zu einer Schale. Das frische Wasser war salzig.

„Konntest du irgendetwas ergattern?“, fragte der Vater.

Ich zeigte mit der Hand auf den Armreif.

„Sie hätten sich fast um das alte Wams geprügelt.“

„Jeder möchte ein Teilchen von der Langlebigkeit besitzen.“

„Wozu?“

In den Ecken der Augen des Vaters bildeten sich kleine Falten.

„Das Leben geht doch weiter.“

Er saß auf der Bank und rauchte eine billige Filterzigarette nach der anderen. Ich strick mit der Hand über den Armreif und erfühlte mit den Fingern die Schnörkel des Ornaments. Hundert Jahre leben? Ich setzte mich zu ihm und blieb in seiner Nähe sitzen, bis sich im Himmel die ersten Sterne zeigten. Der Wind wurde leiser. Es erschien ein tiefer Vollmond, mit Altersflecken übersät. Als ich in den schwarzen endlosen Raum des Kommos‘ blickte, mit seinen zitternden Punkten, wurde mir schlagartig bewusst, dass das Ende der Welt bereits herangenaht war, nur hatte es niemand bemerkt.

Die Mutter kam heraus und wir umarmten uns endlich.

„Kuljaš-Apa ist beleidigt. Sie dachte, man würde der Verstorbenen die Haare waschen.

„Soll sie dies ruhig machen“, sagte der Vater.

„Nein, die Großmutter hat alle zu Sujekšis[3] ernannt.“

Der Vater lachte, die Mutter kniff die Augen zusammen.

Am Morgen begannen die Sujekši-Frauen, den Körper zu waschen. Ich ging in die Sommerküche, wo Baursaki zubereitet wurden. Das Gespräch handelte von Verwandten, die geheiratet hatten, obwohl sie in der sechsten Generation miteinander verwandt waren. „Es gab einen schrecklichen Skandal“, flüsterte eine der Schwestern, „sie heirateten, doch mussten sie ihren Wohnort verlassen. Wenn man so darüber nachdenkt, dann wirkt es seltsam, dass sie sechs Generationen zuvor einen gemeinsamen Großvater hatten.“

Sechs. Sieben. Žeti Ata.[4] Wiederhole, das was ich gesagt habe“, brachte es mir der Vater bei als ich noch klein war, ich wiederholte die Namen den sieben Vorfahren und stellte mir dabei vor, wie sich die alten Starzen einander ähnelten. Šežire[5] aus einem Mund in den anderen. Ich erinnerte mich, dass man diesen ins Internet eingetragen hatte und holte das Mobiltelefon heraus, um nach der Seite mit dem Familienstammbaum zu suchen.

„Wozu?“, wunderte sich die Schwester. „Frauen werden sowieso nicht in diesen eingetragen.“

Auf der Internetseite war der Name des Vaters auf unserem Familienzweig als letztes eingetragen, so als ob er keine Kinder hätte, obwohl wir vier Mädchen hier saßen.

Bald fuhren die Männer zum Friedhof und die Frauen begannen wieder den Tisch zu decken. Nun wird im Laufe der nächsten vierzig Tage, jeden Donnerstag, ein gerichteter Dastarhan die Gäste erwarten.

Am Freitag fuhren der Vater und ich los, um den Grabstein zu bestellen. Die Großmutter gab uns vor ihrem Tod genaue Anweisungen: sie wünschte sich keine Fotografie auf ihrem Grabstein. Die Mutter schrieb auf dem Blatt eines Heftes den Namen und die Abstammung und zählte diejenigen auf, die diesen Stein aufstellen würden: Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder.

Ich stellte mir die alten Nomaden vor, die ihre Grabmäler genau so kennzeichneten, und nun folgen wir ihren Traditionen. Für mich blieb das immer ein Rätsel – so als ob wir hofften aus unseren Gebeinen Klone entstehen zu lassen.

Das Büro für die Herstellung von Grabmälern befand sich auf dem Prospekt Abajs, in der Nähe der Universität. Ich gab dem Vater einen Zettel, doch begleitete ihn nicht. Ich blieb in dder Mitte der Straße stehen und empfand ein flüchtiges, sorgenvolles Déjà-vu als ich den Unikorpus anschaute. Als ich den von der Hitze ermüdeten Wächter erblickte, stieg ich in den zweiten Stock, blickte in die Seminarräume und suchte das Museum.

Zur Zeit meines Studiums empfing man hier viele Wissenschaftler, sie wunderten sich, als sie die Exponate betrachteten und bezeugten, dies sei das beste Naturkundemuseum des Landes. Als es an freien Seminarräumen mangelte, hielt man dort die Vorlesungen. „Im Inneren unseres Landes befinden sich aus der Periodentabelle der Elemente einige davon. Unser Gebiet ist reich an Erdöl und Gas…“, brummelte der altersschwache Professor und ich hörte nur mit einem halben Ohr zu, weil das das erste Mal war, als ich den Säugling sah. Die Tür ins Museum war offen. Ich ging am versteinerten Trilobiten vorbei, einer erstarrten Assel von einem Meter Höhe, vorbei an vorbei an ausgestopften Wildschweinen und einem Säbelzahntiger, der einst in dieser Gegend verbreitet war, vorbei an dem regal mit alten Haizähnen, an den Stoßzähnen eines Mammuts, dem Knochenfragment eines Dinosauriers und den Bruchstücken eines Meteoriten. Ein Regal mit Anatomiebüchern versteckte sich hinter den Blättern von Farnen und einer Monstera. Die gläserne Tür quietschte. Ich ließ meinen Blick über die Gläser schweifen: Siamesische Zwillinge; ein Herz mit einer Bikuspidalplatte; eine Leber, die von Echinokokken befallen war, zusammen mit dem Parasiten; der Teil einer Lunge, beschädigt von Tuberkulose; der Säugling. Der Farbe nach zu urteilen, erinnerten die Exponate an konservierte Patissons und ähnelten Plastikgegenständen.

Ich wischte mir den Schweiß von den Händen an meinem Hemd ab und nahm das Glas mit dem Säugling in die Hände. Seine Härchen bewegten sich rührselig in der Flüssigkeit. Ein Junge. Es schien, als würde er jeden Moment seine Augen öffnen. Wenn man das Glas nicht bewegte, sah er schlafend aus. Ich drehte das Glas.  Auf der anderen Seite des schrägen Nackens zeigte sich eine hässliche Naht, die nach der Öffnung übriggeblieben war – das Kind kam ohne Gehirn zur Welt. Ich erinnerte mich, dass man ergänzte, er sei in Šieli geboren worden, in einem Dorf, wo man Uran abbaute, so jedenfalls erklärte man uns die Anenzephalie in der Genetik -Vorlesung. Es ist seltsam, sich bewusst zu machen, dass es etwas Nichtsichtbares gibt, das nicht nur dich tötet, sondern auch die hypothetische Nachkommenschaft, etwas, das deinen Code erneut herstellt, doch du lebst weiter, ohne etwas zu spüren.

Als ich zurückkehrte, saß der Vater bereits im Auto; wir fuhren los, um uns das Grab anzuschauen. Der Friedhof wuchs in den Zeiten der Pandemie: hohe Kuppeln, riesige Denkmäler aus Marmor und Granit und tausende Monde aus Metall, die leuchtende Lichtpunkte reflektierten.

Ich bewegte meinen Kopf, um eine Überdachung von dem unerträglichen Licht zu suchen und bemerkte eine Frau in einem hellen Kopftuch mit einer bunten Tüte in der Hand, aus der ein Besen hervorschaute. Sie bog nach links ab, zu dem Territorium des orthodoxen Friedhofes. Ich erinnerte mich, wie die Großmutter mit dem Onkel schimpfte, der ein ständiger Gast vom Grab des Großvaters war. „Lass den Vater in Ruhe! Es fehlt noch, dass ihr mein Grab genauso besucht. Der Mensch muss der Erde gleichwertig werden, so als ob es ihn nie gegeben hat…“

Die moslemische Hälfte erstreckte sich auf der rechten Seite. Gerade, symmetrische Reihen wurden zwischen den Gräbern geebnet. Pflastersteine bildeten den zentralen Weg und noch einige kleine Pfade, in den Ecken der Zäune sammelte sich Sand, welcher von Aralkum herbeiwehte. Die Sonne wurde von den Grabsteinen reflektiert, die Augen schmerzten von ihrer Leuchtkraft, doch wir setzten unseren Weg fort, wie seltene Überlebende in Filmen über die Apokalypse, die am Ende des Films vor dem Abspann die Straßen der toten Stadt entlang gehen.

Am Rand, dort wo die Gräber aufhörten und die Steppe begann, blieb der Vater neben einem frischgeschaufelten Hügel ohne Umzäunung und Grabstein stehen. Ich bedeckte meinen Kopf mit einem Kopftuch, wir setzten uns und er begann ein Gebet zu lesen. Wie in meiner Kindheit folgte ich seinen Händen, um nicht den Moment zu verpassen, in dem man die eigenen Hände zu einem Boot formte. Die Worte klangen wirr, monoton, wie das Geräusch von trockenem Gras. Endlich öffneten wir die Handflächen gen Himmel, richteten unseren Blick auf einen trockenen Haufen Erde und strichen mit unseren Händen nach einer kurzen Dua[6] für die Seelen der Verstorbenen über unsere Gesichter.

Manšuk Kali – Absolventin der OlŠA (Prosaseminar), Schülerin des Moskauer Dramaturgen Olžas Žanajdarov. Finalistin des Festivals „Драма.КЗ 2019“. Ihre Prosa wurde im Almanach „Literaturnaja Alma-Ata“ und der Zeitschrift „Tamyr“ publiziert.


[1] Konak Asy (kasachich): Ein Gedenkessen (wortwörtlich: ein Essen für Gäste)

[2] Alte Bezeichnungen für den Fluss Syr-Darija                             

[3] Sujeksis (Kasachisch: diejenigen, die den toten Körper waschen)

[4] Žeti Ata (Kasachisch: sieben Vorfahren)

[5] Šežire (Kasachisch: Familienstammbaum)

[6] Dua – Ein Gebet in der Muttersprache

                                           

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