Saule Kožataeva

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                                            Erzählungen

                                    Koržik und Tartaletka

Žumagul‘ mochte ihren Namen nicht. Deswegen nannte sie sich Žuma, Žumka.

Sie wurde an einem Freitag geboren und die Eltern nannten sie so. Der volle Name lautete dann Žumagulova Žumagul‘. Nein, sie machten sich keinen Spaß daraus. Sie hatten einfach schon elf Kinder. Und sie hatten nicht die Angewohnheit, lange zu überlegen und einen Namen für ihre Kinder auszuwählen. Eine der Töchter wurde beispielsweise im Juni geboren, deswegen nannten sie sie Mausymžan. Und einen ihrer Söhne nannten sie Ženis, weil er am 9. Mai geboren wurde.

Nein, die Eltern hielten sich nicht an die Zeichen des Schicksals. Sie hatten einfach keine Zeit. Die Mutter arbeitete als Köchin und verdiente sich nebenher als Tellerwäscherin etwas dazu. Nachdem sie das nächste Kind zur Welt gebracht hatte, ließ sie dieses bei den älteren Kindern und ging wieder arbeiten.

Der Vater arbeitete als Mechaniker bei der Eisenbahn. Er konnte gut arbeiten und genauso gut Kinder zeugen.

Žumagul‘ war das achte Kind. Manchmal träumte sie leidenschaftlich davon, das einzige Kind in der Familie zu sein. Doch dann erschrak sie sich vor ihren eigenen Gedanken.

Was wäre, wenn es den freundlichen und naiven Meržik nicht gäbe? Oder die strenge und gerechtigkeitsliebende Dina, die sie alle aufgezogen hat?

Nein, in ihrem Leben sollte es immer Brüder und Schwestern geben.

Doch für sich hatte sie beschlossen – sie wird ein einziges Kind haben. Und unbedingt eine Tochter. Sie wird ihr den schönen Namen Diana geben. Ihre Tochter wird nie die Kleidung von anderen Kindern tragen, denn Žuma wird ihr die aller schönsten Kleider kaufen. Diana wird lange, schöne Zöpfe haben und keine billigen Haarschnitte wie bei Jungen. Doch das Wichtigste ist – die Mutter wird nur ihr allein gehören.

Natürlich liebten die Eltern Žumas ihre Kinder. Doch sie hatten weder emotionale noch physische Kräfte diese Liebe zu zeigen. Das Wichtigste war, dass die Kinder immer Schuhe und Kleidung hatten.

Sie baten den Staat um nichts. Die Mutter bekam die  Medaille „Heldin-Mutter“.  Dazu bekam sie noch einige Ermäßigungen.

Das war die Zeit, als in den schwarz-weißen Fernsehern ein Mann mit einer runzeligen Stirn über die Entwicklung des Sozialismus und die Fünfjahrespläne berichtete.

Die kleineren Kinder trugen die Kleider der Älteren. Mäntel und Mützen, Schulranzen, Stiefel, Kleider und Pullover.

Žuma blickte oft auf die Vitrinen der Geschäfte und probierte in ihren Gedanken die nicht erreichbaren Kostüme an.

In ihrer Wohnung mangelte es katastrophal an Quadratmetern, vielleicht verliebte sich Žuma deswegen ins Lesen. Nur im Lesesaal der Bibliothek konnte man sich für längere Zeit zurückziehen.

In einer großen, kinderreichen Familie gibt es immer viele Regeln. Zum Beispiel gibt es einen Putzplan und einen Toilettenplan am Morgen. Ob du willst oder nicht – sei so lieb und wache um sechs Uhr auf und erledige alle Angelegenheiten im WC. Heute bist du laut Plan um sechs Uhr an der Reihe und dann, der Reihe nach, die ganze zwölfköpfige Familie.

Dazu kommt noch, dass in solchen Familien von Kindheit an jeder für den anderen einsteht. Dann, im weiteren Verlauf des Lebens, sind es die mehr erfolgreichen, die die Übrigen hinter sich herziehen.

Wenn eine der Schwestern in das elterliche Haus mit einem blauen Auge zurückkehrt, besuchen ihre fünf Brüder den Schwager und erklären ihm, dass man Frauen nicht schlagen darf. Vor allem empfiehlt es sich nicht, die Schwester zu beleidigen. Sollte man hinzufügen, dass der Schwager sich sein Leben lang an diese Empfehlungen erinnerte?

Nach der achten Klasse besuchte Žuma das Technikum und bekam ein Stipendium. Sie beschloss so früh wie möglich, selbstständig und unabhängig zu sein und dann weit, weit, weg zu fahren.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

 Eines Tages war Žuma an der Reihe, die Flaschen wegzubringen. Sie stand vor der Flaschenabgabe und wedelte mit ihrem Netz als ein Jüngling mit dem märchenhaften Namen Ruslan an ihr vorbei ging.

Ruslans Blick blieb auf Žuma hängen.

„Mademoiselle, erlauben Sie es mir, ihre wertvolle, zerbrechliche Tasche zu halten und mich der Schlange aus den würdigen Mitgliedern unserer Gesellschaft anzuschließen!“

Žuma betrachtete den Kerl in der spärlichen Jeans:

„Die Flaschen ergeben einen ganzen Rubel. Läufst du auch nicht weg?“

So begann ihre Liebe. Ruslan war das einzige Kind in der Familie.  Der Vater – ein Parteisekräter, die Mutter führte einen Großbetrieb.

Ruslan interessierte sich für alles. Er fragte Žuma arglos über alles aus:

„Wie ist es, nie am Meer gewesen zu sein?“

„Wie ist es, kein eigenes Zimmer zu haben?“

„Wie ist es, nie Bananen probiert zu haben?“

Žuma lachte:

„Ach du, goldene Jugend!“

Nach zwei Monaten Herumstreifens durch Treppenhäuser, beschlossen sie zu heiraten. Die Liebe war glühend heiß und es gab keine Möglichkeit, sie zum Erlöschen zu bringen.

Die Familien waren schockiert. Doch der Vater kam selbst aus einer mehrköpfigen Familie, aus einem Aul, und Ruslan konnte den Widerstand der Eltern bald überwinden.

Und Žumas Familie sagte zu ihr:

„Wir sind ihnen nicht ebenbürtig! Er wird mit dir spielen und dich dann im Stich lassen!“

Es fand trotzdem ein Treffen der beiden Familien statt.

Am Tisch herrschte Stillschweigen, nur ein wacher Mann im Fernseher sprach über die Beschleunigung in der Politik und die Perestrojka, sowie seinen Versuch das riesige, scheinbar unveränderbare Land, zu verändern.

Aber Žuma und Ruslan bemerkten nichts um sie herum.

Nach der Hochzeit sagte der Vater zu Žuma: „Töchterchen…wenn etwas sein sollte, dann kehre heim.“

Žuma hätte fast zu weinen begonnen: der Vater hatte sie nie Tochter genannt.

Die Schwiegermutter begann jeden Tag mit Gesprächen mit ihren Freundinnen: „Mesalliance, eine wahre Mesalliance!“, sprach sie im Flüsterton in den Telefonhörer, während sie auf tragische Art und Weise die Augen verdrehte.

„Kannst du dir vorstellen, sie weiß nicht einmal, dass man die Marmelade in Schälchen serviert! Dass für die Torte Tortenheber verwendet werden! Der arme Ruslan, und auch wir Armen!“

Ruslan beruhigte sie: „Žumka, ich habe eine sehr gute Mutter. Du wirst sehen, sie wird dich lieben!“

Der Schwiegervater nannte sie zärtlich „Žumaš, ajnalajyn!“ und immer, wenn er von der Arbeit zurückkehrte, küsste er sie auf die Stirn. Später würde er für sie eine kleine Wohnung organisieren.

Des nachts vergaßen die jungen Liebenden alles, sich gegenseitig mit jeder ihrer Zellen durchdringend. Ruslan flüsterte leidenschaftlich: „Žumka, du bist mein Freitag und ich dein Robinson! Uns gehört die ganze Welt und wir brauchen niemanden!“

So verflogen die drei Jahre im Nu – wie ein paar glückliche Flitterwochen.

Žumka versuchte ständig den Fragen der Verwandten auszuweichen: „Kinder? Welche Kinder? Wir sind doch selbst noch Kinder!“ Bis sich eines Tages die Freundin beschwerte: „Du hast es gut, Žumka, du schützt dich nicht einmal und ich bin ständig schwanger.“ 

Ein ewiges hin und her…

Ein Arzt nach dem anderen. Blutanalysen, gynäkologische Untersuchungen in Almaty, Fertilitätsuntersuchungen in Moskau. Man stellte Unfruchtbarkeit fest. Wie? Warum? Žumas Veranlagung sprach nicht gegen Infertilität, es gab also auch hier keine Probleme. Auch Ruslans Spermiogramm konnte sich sehen lassen: voller wacher, vollwertiger Samenfäden. Vererbung? Ich bitte euch, Žumas Mutter hat elf Kinder zur Welt gebracht und war dreizehn Mal schwanger.

Niemand konnte sich die Unfruchtbarkeit erklären. Genauer gesagt gab es keine Gründe für Unfruchtbarkeit, doch Unfruchtbarkeit bestand.

Im Fernseher tobten Kašpirovskij und Alan Čumak. Wie es für eine Epoche großer Wandel typisch ist, krochen auf den Bildschirm des Fernsehers verschiedene Pseudoheiler und spirituelle Gurus – ein nicht vermeidbarer, schmutziger Schaum vor dem Hintergrund der Geschichte. Žuma suchte diese auf und ließ viel Geld da und Reste ihres Glaubens in ein Wunder.

Weiter fanden Reise an heilige Orte statt. Žuma trug dabei stets ein Kopftuch, senkte demütig den Kopf und flüsterte leidenschaftlich: „Ich bitte dich! Schenke mir ein Kind, wenigstens eines! Warum schenkst du immer Denselben so unendlich viel, und mir nicht?!“ Dann fasste sie sich wieder in der Annahme, dass es sich nicht gehört mit Heiligen in einem vorwurfsvollen Ton zu sprechen und weinte dann leise. Dann folgte eine Periode verschiedener privater Reproduktionsspezialisten. Diejenigen, die ein Gewissen hatten, schickten Žuma zurück und erklärten, dass zwischen ihr und ihrem Ehemann alles gut sei und sie nicht helfen können.

Diejenigen, die weder Ehrfurcht vor Gott noch vor dem Teufel hatten, brachten noch mehr Verwirrung ins Spiel. Man verordnete hormonelle Therapien, von denen sie mal ab und mal zunahm, von denen es in ihrem Inneren wütete und die mal zu Hoffnung, mal zur Verzweiflung führten.

Ihr Geschlechtsleben verwandelte sich in einen strengen Plan, der vom Eisprung, dem Mond, der Tageszeit und weiteren Faktoren abhing. Sie rief Ruslan an und verlangte von ihm, dass er zu einer bestimmten Zeit nach Hause kam. Er ließ alles stehen und liegen und hetzte zu ihr, weil eine Verspätung und Nichtbefolgung des Plans zu einer schrecklichen Hysterie Žumas führten. Das alles beinhaltete keine fleischliche Liebe mehr. Es gab keinen Robinson und Freitag mehr. Es gab nur noch einen mechanischen Liebesakt zweier müder Menschen. Dann rannte Ruslan zur Arbeit und Žuma streckte die Füße nach oben aus, in einem günstigen Winkel, und stellte sich vor, wie der aller elastischste und lebhafteste Samen in den inneren ihrer Kanäle floss und in Fleisch eindrang. Heute nennt man das Visualisierung.

Ruslan lehnte Adoption, Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung grundlegend ab. Er glaubte daran, dass ihre Kinderlosigkeit nur eine zeitliche Prüfung war und sie auf jeden Fall Kinder haben würden.

So vergingen zwölf Jahre. In der Glotze sah man einen nun gänzlich anderen Mann, der mal das Jahr 2030, mal das Jahr 2050 präsentierte. Die Schwiegermutter beschwerte sich nach wie vor bei ihren Freundinnen: „Könnt ihr euch vorstellen, sie kann nicht einmal gebären! Der arme Ruslan!“ Der Schwiegervater kurbelte zusammen mit dem Sohn auf den Scherben der Parteikarriere ein Business an.

Ruslan war gänzlich in diese Tätigkeit vertieft. Nach dem Gesetz des Lebens konnte in jedem Moment seines Lebens eine andere Frau auftauchen. Oder sie konnte es eben nicht, weil er immer noch Žuma liebte, doch e wurde ganz anstrengend mit ihr. Sie verlor die Hoffnung und verfiel in eine Depression.

Eine der Schwestern der Žumagulovs, die zum vierten Mal schwanger war und nicht mehr das Leid Žumas mit ansehen konnte, schlug ihr vor, das zukünftige Kind an sich zu nehmen. Žuma schien wie aus ihrer Depression erwacht zu sein und Ruslan wagte nicht zu widersprechen. Doch der Ehamann der Schwester, der sonst immer sehr ruhig und nachgiebig war, stellte sich quer: „Ich verschenke keine Kinder. Diese findet man nicht einfach auf der Straße!“

Und da gebiert die Schwester auf der Geburtsstation das vierte Kind. Und neben ihr ist eine junge Frau, die eben gerade Zwillinge zur Welt gebracht hat und diese abgeben möchte. Eine Alltaggeschichte: der Kerl versprach sie zu heiraten und als die Frau schwanger wurde, löste er sich wie im Staub auf und tauchte auch nicht wieder auf. Die Eltern der Frau werden das Kind in ihrem Aul nicht aufnehmen, und der Vater wird die Schande nicht ausstehen. Die junge Frau weint, doch kehrt sie nicht von ihrem Entschluss ab, die Kinder abzugeben. Die Schwester ruft Žuma an. So und so, das ist deine Chance, alles schnell und ohne Probleme über die Bühne zu bringen, komm schnell her, ich habe mich über alles erkundigt. Man kann mit der Abteilungsleiterin alles klären.

Bei der Abteilungsleiterin handelte es sich um die Tatarin Zajtuna. Sie kümmerte sich um jene, die ihr Kind abgeben wollten und stellte diese den Menschen vor, die einen Kinderwunsch hatten und sich diesen nicht erfüllen konnten. Hierbei handelte es sich um irgendeine raffinierte Vorgehensweise am Rande des Gesetzes.

Zajtuna erwarte nichts und bat um nichts, die Menschen dankten es ihr mit einer kleinen Geldsumme, die sie ihr in Briefumschlägen übergaben, jeder so viel wie er konnte. Man wünschte ihr außerdem ein langes Leben. Und solche Menschen werden ohne Warteschlange ins Paradies gelassen.

So bekam Žuma einen Sohn und eine Tochter. Sie waren Frühchen und lagen noch in ihren kleinen Bettchen im Geburtshaus.

Žuma konnte sich nicht gedulden und überzeugte das Krankenhauspersonal davon, die Kinder das erste Mal zu besuchen.

Sie berührte mit dem Gesicht und den Handflächen die durchsichtigen Scheiben des verbotenen Zimmers. Da erinnerte sie sich daran als sie klein war und vor der Glasvitrine der kulinarischen Abteilung stand. Erinnert ihr euch an diese kulinarischen Abteilungen mit den großen Konen und den kleinen Kränen am Ende? In diesen Konen kostete der Tomatensaft zehn Kopeken und der Birkensaft elf Kopeken. Dann gab es dort noch eine Apparatur für Milchcocktails für zehn Kopeken. Und in den Vitrinen lagen die verschiedensten Teilchen. Die kleine Žumka schmiegte sich an die Vitrinen und betrachtete mit Begehren das Süßgebäck und die Tarteletten.

Nein, die elf Kinder der Žumagulovs hungerten nie, doch ihnen mangelte es händeringend an Süßem und an Obst. Es mangelte an Geld, sodass man es nicht kaufen konnte. Iriski-Karamellbonbons und Batončikpralinen aßen sie nur einmal im Jahr, und zwar zu Silvester. Die Eltern brachten ihnen elf Tüten aus den Profkoms. Und in der Schule bekam ebenso jeder eine Tüte.

Warum Koržik und Taratelka? Es ist einfach so, dass Žuma diese eines Tages bei einer ihre Klassenkameradinnen zu Hause probierte. Und sie verliebte sich definitiv und unwiderruflich in ihre süße und sandige Bröckligkeit. Und nun, während sie sich leidenschaftlich wünscht ihre Kinder auf den Arm zu nehmen, flüstert sie zärtlich: „Du bist mein Koržik und du meine Tartaletka…“

Danach erfüllten sich alle Wünsche Žumas. Die Kinder wurden aus dem Krankenhaus entlassen. Die Tochter nannte man Dina, den Sohn Dias. Natürlich schloss auch Ruslan sie ins Herz. Denn wenn ein Mann eine Frau liebt, dann liebt er alle, die ihr etwas bedeuten.

Es vergingen drei gänzlich glückliche Jahre. Eines Tages kehrten Žuma und die Kinder von einem Spaziergang nach Hause und trafen bei der Haustreppe eine ältere Dame. Diese blickte geizig und gleichzeitig diebisch auf die Kinder. Doch als ihre Augen Žumas Blick trafen, ging sie direkt fort. Dieser Blick erschreckte Žuma. Ihr Herz wurde von einem Schlag heimgesucht.

Žuma wusste noch nicht, dass so die Unvermeidlichkeit auf sie schaut. Das war der Blick des Schicksals.

Dazu kam noch, dass als ihr Herz von einem Schlag heimgesucht wurde, in ihrem weiblichen Inneren ein neuer Puls geboren wurde, ein neuer Herzrhythmus, ein neues Leben.

Dies war also im Sinne des Schöpfers. Žuma musste zwei Leben davor retten, Waisen zu werden, bevor ihr ein weibliches Glück geschenkt wurde, und zwar ein eigenes Kind zu gebären. Doch davon weiß Žuma noch nichts. Davon wissen nur wir. Ihr und ich.

                                        Mein griechischer Sommer

Das aller coolste Volk sind die Griechen. Immer entspannt, immer am chillen. Was sonst! Ihre Inseln wurden irgendwann für die Residenz der Boheme-Götter mit dem Oberhaupt Zeus auserwählt. Sie haben sich ja schließlich nicht unsere wasserlosen Steppen ausgewählt mit dem scharfkontinentalen Klima (stellt euch vor, wenn dem so gewesen wäre?!).

Die Götter sind auch gewiefte Kerle. Das schöne Mittelmeerklima, so um die sieben Meere, die Griechenland umspülen, die Ernte, die man mehrmals im Jahr erntet. Lebe und freue dich! Das ist es auch, was die Griechen die meiste Zeit machen.

Die Europäische Union hat es schon einige Male bereut, Griechenland aufgenommen zu haben. Nun ist sie wie ein Koffer ohne Griff. Subventionen-Subventionen, Kredite-Kredite, und ist irgendetwas, so fühlen sich die Griechen sofort angegriffen und erpresst. Doch dort Urlaub zu machen – oh Götter, es ist so wundervoll!

Unser Hotel entsprach seinen vielen Sternen, doch das Personal gab nie an. Es schien als ob es lächelte und meinte: „Erholt euch gut, wir werden euch nicht stören!“

 Am Morgen des ersten Tages gingen wir auf die Straße hinter das Hotel. Dort befanden sich kleine Geschäfte und Cafés. Alles war so schnuckelig und gemütlich.

In der Vitrine eines Geschäftes sehe ich ihn – den Hut meiner Träume. Der Hut hat breite Ränder mit erotischen Biegungen. Sie würden sich rhythmisch bewegen im Takt der Bewegung seiner Besitzerin. Keine banalen Blumen und Schleifen. Nur Faktur und Farbe. Und die Farbe des Hutes…Es gibt in der russischen Sprache kein Wort, das eine solche Farbe beschreibt. Habt ihr das Ionische Meer gesehen? Ich habe es gesehen. So, der Hut hat die Farbe des Ionischen Meeres. Meine Lieblingsfarbe, meine Lieblingsgröße.

Ich weiß, dass ich mit meiner Größe von anderthalb Meter mit diesem Hut einem Pilz ähnlich sein werde. Ein Pilz mit einem kurzen Bein und einem großen, schönen Hut. Doch die Lust ist stärker als die Unfreiheit.

Nachdem ich die stilistischen Ratschläge von Evelyn Hromčenko berücksichtigt hatte, möchte ich das Geschäft betreten. Doch es ist geschlossen. Daneben befindet sich ein Café mit drei Tischen. Auf dessen Treppe sitzt ein Mann mit einem Schnäuzer, er ist hier der Besitzer, der Barista und die Bedienung in einem. In der Sprache der Gesten und einem griechisch-englisch stellt sich heraus, dass es noch zu früh ist. Es ist erst zehn Uhr morgens. Der Besitzer des Geschäftes kommt später. Okay. Ich bin voller Entschiedenheit, den Hut zu kaufen.

Am nächsten Tag komme ich nach zwölf Uhr, eher gegen dreizehn Uhr. Das Geschäft ist geschlossen. Der Mann mir dem Schnäuzer sitzt wieder genauso auf der Treppe, die drei Tische sind wieder frei. „Siesta, Siesta“, er zeigt auf die Uhr. Das Geschäft war offen, doch ist jetzt für eine Pause geschlossen. Wie lange stand es denn überhaupt offen, wenn zehn Uhr noch zu früh ist und nach zwölf Uhr Zeit für Erholung ist?

Ich ging noch einmal sicher – der Hut meiner Träume befand sich noch an selber Stelle.

Am nächsten Tag komme ich nach siebzehn Uhr. Der Kaffeeschnäuzer sagte mir, dass es schon zu spät sei, das Geschäft sei bis morgen geschlossen. Man hätte früher kommen sollen.

In der ganzen Geschichte bereitet mit nur eines Sorgen – warum war der Schnäuzer die ganze Zeit auf Arbeit? Ein nichttypischer Grieche!

Ein Tourguide hat folgende Geschichte erzählt. Man bringt Reisegruppen aus aller Welt nach Athen um ihnen die Orte der Götter zu zeigen und verschiedene Ruinen. Da kommen sie an einem schönen Tag an und die Kasse ist geschlossen. Der Kassierer hat die Schlüssel zuhause vergessen und ist los um sie zu holen. Zwei Stunden hin und zurück.

Und nun, stellt euch vor, schlafen die prüden Briten, die pedantischen Deutschen, die gelassenen Japaner, die Radau machenden Amerikaner – und alle warten auf den Kassierer, um an der Exkursion teilzunehmen.

Nur in Griechenland ist so etwas möglich.

Und den Hut habe ich immer noch nicht gekauft. Manchmal muss ein Traum ein Traum bleiben.

Ich habe schon vermutet, dass wenn ich den Hut gekauft hätte, ich enttäuscht gewesen wäre. Wegen mir selbst oder wegen des Hutes. Warum soll ich enttäuscht sein?! Ich möchte mich begeistern!

Saule Kožataeva ist Philologin und studierte am pädagogischen Institut in Semipalatinsk. Sie machte ein Praktikum am Moskauer pädagogischen Institut und arbeitete als Dozentin am pädagogischen Institut in Semipalatinsk, und zwar an der Fakultät der modernen russischen Sprache. Weiterhin nahm sie an Kursen der Literaturschule von Il’ja Odegov, „Litpraktikum“, teil. Sie lebt in Almaty und beschäftigt sich mit Textilhandel.

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