Der Balhaš in Wirklichkeit oder die mentale Landkarte des Sees Balhaš
Meine Stimme existiert nicht in mir
Meine Stimme existiert nicht in der Kehle
Meine Stimme existiert nicht in der Mundhöhle
Meine Stimme existiert nicht in der Mimik
Meine Stimme existiert nicht in den Gesten der Hände
Meine Stimme existiert nicht im Gang
Meine Stimme existiert nicht in der Bewegung der Augen
Meine Stimme existiert nicht auf den Enden der Wimpern
Meine Stimme existiert nicht auf den Schläfen
Meine Stimme existiert nicht in der Haltung
Meine Stimme existiert nicht in mir
Wo dann ist meine Stimme
Wo dann vielleicht im Asphalt
der in kleinen Schneeschlangen aufkocht
Wo dann vielleicht in dem lila Licht vor dem Sonnenaufgang
der die Landschaft geheimnisvoll und sakral erscheinen lässt
Wo dann vielleicht auf der Wolke
die immer noch über dem Bektauat hängt
ohne diesen hätte der Moment die Hälfte der Magie verloren
Wo dann vielleicht in den eispolaren steinernen Fladenbroten
im Flüstern der bunten Flechten
im Geruch des Wacholders
Wo dann vielleicht in der kleinen Jurte aus Metall
auf dem Territorium des verlassenen Pionierlagers mit dem Namen „Fackel“
Wo dann vielleicht hat sie sich im Koffer versteckt
in der großen echten Jurte aus dem lokalen Museum
Wo dann hat sie sich vielleicht in den Pixeln verloren
verteilt auf die Fotografien einer 3D-Jurte aus dem lokalen Museum
Wo dann vielleicht unter dem Eis des gefrorenen Balhaš
zwischen den schlafenden Fischen, in der kleinen Dose für das Kaviar
Wo dann vielleicht auf der Oberfläche des gefrorenen Balhaš
im unsichtbaren Wind, der gegen die kränkelnden Segel der Erinnerung weht
Wo dann vielleicht in den Säften des Baumes
im Inneren des Kernstückes das in die Oberfläche des Zweiges eingewachsen ist
Wo dann vielleicht im andersseitigen Klang der Gletscher
die von den Wolken träumen
Wo dann vielleicht in den sorgenden behutsamen
lauten und delikaten Gesprächen
im Foyer des Uferhotels Comfort House
Wo dann vielleicht in der eisigen Luft
die in die Lungen dringt während der Spaziergänge und Raucherpausen
in der Leere des Geschäftes „777“
in dem es nie etwas gibt
und es doch alles gibt
Wo dann vielleicht in den klanglosen Schritten der Bedienungen der „Lagmannaja“
im würzigen Geschmack der Dapandž des Comjans mit den Pilzen
des festlichen dugansker Ššis
des eingelegten Kohls des gebratenen Reises
des turkmenischen Tees
dessen Name man sich hätte merken sollen
Wo dann vielleicht im langen Warten auf die Wärme des Lattes aus dem kleinen „Café im Bogen“
Wo dann vielleicht antwortet die Stimme nach einem Klingeln
wie die Bedienung des Warenhauses „Merey“
in der Abteilung „für Chauffeure“
Wo dann vielleicht im lebendigen Interesse der Volonteure
des Zentrums „Ruhani Žagyru“
in ihrer Fähigkeit im erwachenden Feuer zu lesen
Wo dann vielleicht im Rauch der kazakhmyskovischen Röhren welche die Wolken nähren
Wo dann unter den Granittafeln
mit dem Namen der Helden des Großen Vaterländischen Krieges, an die man sich nicht mehr erinnert
Wo dann vielleicht in den Rissen der schneeweißen Kolonnen des sowjetischen Flughafens
Wo dann vielleicht auf der Seite des schlecht gebundenen
doch unendlich ehrlichen Albums über die Stadt Balhaš
das als Geschenk gedacht war
Wo dann vielleicht in den zärtlichen Umarmungen des dichten Nebels
denen man nicht entweichen kann bis zum Gleiswechsel
Wo dann vielleicht in einem der 144 Kilometer
der Balhaš-Trasse in Richtung Saryšagan
Wo dann vielleicht in dem Hunger des Bahnhofsköters
dessen Hunger gedämpft wurde mit zwei Manty mit Rindfleisch für 80 Tenge
Wo dann vielleicht in den Kuhlen von zwei geräucherten Žerehs
die man nur deshalb kaufte, weil es das Brot von handelnden Frauen war
Wo dann vielleicht in der Leidenschaft der Ergebenheit dem Glauben
die ich beobachte
und sich deshalb auf der Suche nach meiner Sprache
sich die Suche meines Ortes dazugesellt
Wo dann vielleicht in dem hellen Lachen des improvisierten Lichtspielhauses
mit der absichtlichen Betrachtung vom kasachischen Filmtrash
in der zweiten Etage des Bahnhofs
in der Erwartung des Hochgeschwindigkeitszuges
welcher um halb zwei Uhr nachts ankommt
Wo dann im glatten Rascheln
der sauberen Bettwäsche im Zugabteil
Wo dann vielleicht im beruhigenden Klischee des Ratterns der Räder
in den unbewussten Bewegungen der schlafenden Fremden
im gemütlichen Schweigen der auf dem Tablett malenden Künstlerin
Wo dann ist meine Stimme
Hat sie sich aufgelöst in den Wassern des Tokyrauyn
Wurde sie zum Zusatz der schweren Luft
Oder wurde sie blind vom Pfeil des Schweigens
Eines langen hilflosen nichtbeweinten Schweigens
Eines schweren anstrengenden belastenden Schweigens
Eines toten lebendigen Grenzschweigens
Eines erniedrigenden erbarmungslosen absichtlichen Schweigens
Eines weißen schwarzen und roten Schweigens
Eines hungrigen hungrigen hungrigen Schweigens
Taucht wohl meine Stimme am Ufer des Flusses Sokyr auf
Taucht wohl meine Stimme in den Knochen der Erde der Argyns auf
Taucht wohl meine Stimme im zerfallenen Schilf auf
Taucht wohl meine Stimme in den kleinen Salzstreuern auf
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Schrei
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geheule
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geweine
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Gestöhne
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geächze
Dezember 2021
Anuar Duisenbinov ist ein Poet. Seine Schriften wurden in russisch-sprachigen Internetverlagen „Literratura“, Polutona, Textonly, Soloneba, „Artikyljacija“, DOXA, Esquire, im lettischen Satori, im litauischen Satenai, dem polnischen Helikopter, dem englischen Asymptote und Hayw publiziert.
Meine Stimme existiert nicht in mir
Meine Stimme existiert nicht in der Kehle
Meine Stimme existiert nicht in der Mundhöhle
Meine Stimme existiert nicht in der Mimik
Meine Stimme existiert nicht in den Gesten der Hände
Meine Stimme existiert nicht im Gang
Meine Stimme existiert nicht in der Bewegung der Augen
Meine Stimme existiert nicht auf den Enden der Wimpern
Meine Stimme existiert nicht auf den Schläfen
Meine Stimme existiert nicht in der Haltung
Meine Stimme existiert nicht in mir
Wo dann ist meine Stimme
Wo dann vielleicht im Asphalt
der in kleinen Schneeschlangen aufkocht
Wo dann vielleicht in dem lila Licht vor dem Sonnenaufgang
der die Landschaft geheimnisvoll und sakral erscheinen lässt
Wo dann vielleicht auf der Wolke
die immer noch über dem Bektauat hängt
ohne diesen hätte der Moment die Hälfte der Magie verloren
Wo dann vielleicht in den eispolaren steinernen Fladenbroten
im Flüstern der bunten Flechten
im Geruch des Wacholders
Wo dann vielleicht in der kleinen Jurte aus Metall
auf dem Territorium des verlassenen Pionierlagers mit dem Namen „Fackel“
Wo dann vielleicht hat sie sich im Koffer versteckt
in der großen echten Jurte aus dem lokalen Museum
Wo dann hat sie sich vielleicht in den Pixeln verloren
verteilt auf die Fotografien einer 3D-Jurte aus dem lokalen Museum
Wo dann vielleicht unter dem Eis des gefrorenen Balhaš
zwischen den schlafenden Fischen, in der kleinen Dose für das Kaviar
Wo dann vielleicht auf der Oberfläche des gefrorenen Balhaš
im unsichtbaren Wind, der gegen die kränkelnden Segel der Erinnerung weht
Wo dann vielleicht in den Säften des Baumes
im Inneren des Kernstückes das in die Oberfläche des Zweiges eingewachsen ist
Wo dann vielleicht im andersseitigen Klang der Gletscher
die von den Wolken träumen
Wo dann vielleicht in den sorgenden behutsamen
lauten und delikaten Gesprächen
im Foyer des Uferhotels Comfort House
Wo dann vielleicht in der eisigen Luft
die in die Lungen dringt während der Spaziergänge und Raucherpausen
in der Leere des Geschäftes „777“
in dem es nie etwas gibt
und es doch alles gibt
Wo dann vielleicht in den klanglosen Schritten der Bedienungen der „Lagmannaja“
im würzigen Geschmack der Dapandž des Comjans mit den Pilzen
des festlichen dugansker Ššis
des eingelegten Kohls des gebratenen Reises
des turkmenischen Tees
dessen Name man sich hätte merken sollen
Wo dann vielleicht im langen Warten auf die Wärme des Lattes aus dem kleinen „Café im Bogen“
Wo dann vielleicht antwortet die Stimme nach einem Klingeln
wie die Bedienung des Warenhauses „Merey“
in der Abteilung „für Chauffeure“
Wo dann vielleicht im lebendigen Interesse der Volonteure
des Zentrums „Ruhani Žagyru“
in ihrer Fähigkeit im erwachenden Feuer zu lesen
Wo dann vielleicht im Rauch der kazakhmyskovischen Röhren welche die Wolken nähren
Wo dann unter den Granittafeln
mit dem Namen der Helden des Großen Vaterländischen Krieges, an die man sich nicht mehr erinnert
Wo dann vielleicht in den Rissen der schneeweißen Kolonnen des sowjetischen Flughafens
Wo dann vielleicht auf der Seite des schlecht gebundenen
doch unendlich ehrlichen Albums über die Stadt Balhaš
das als Geschenk gedacht war
Wo dann vielleicht in den zärtlichen Umarmungen des dichten Nebels
denen man nicht entweichen kann bis zum Gleiswechsel
Wo dann vielleicht in einem der 144 Kilometer
der Balhaš-Trasse in Richtung Saryšagan
Wo dann vielleicht in dem Hunger des Bahnhofsköters
dessen Hunger gedämpft wurde mit zwei Manty mit Rindfleisch für 80 Tenge
Wo dann vielleicht in den Kuhlen von zwei geräucherten Žerehs
die man nur deshalb kaufte, weil es das Brot von handelnden Frauen war
Wo dann vielleicht in der Leidenschaft der Ergebenheit dem Glauben
die ich beobachte
und sich deshalb auf der Suche nach meiner Sprache
sich die Suche meines Ortes dazugesellt
Wo dann vielleicht in dem hellen Lachen des improvisierten Lichtspielhauses
mit der absichtlichen Betrachtung vom kasachischen Filmtrash
in der zweiten Etage des Bahnhofs
in der Erwartung des Hochgeschwindigkeitszuges
welcher um halb zwei Uhr nachts ankommt
Wo dann im glatten Rascheln
der sauberen Bettwäsche im Zugabteil
Wo dann vielleicht im beruhigenden Klischee des Ratterns der Räder
in den unbewussten Bewegungen der schlafenden Fremden
im gemütlichen Schweigen der auf dem Tablett malenden Künstlerin
Wo dann ist meine Stimme
Hat sie sich aufgelöst in den Wassern des Tokyrauyn
Wurde sie zum Zusatz der schweren Luft
Oder wurde sie blind vom Pfeil des Schweigens
Eines langen hilflosen nichtbeweinten Schweigens
Eines schweren anstrengenden belastenden Schweigens
Eines toten lebendigen Grenzschweigens
Eines erniedrigenden erbarmungslosen absichtlichen Schweigens
Eines weißen schwarzen und roten Schweigens
Eines hungrigen hungrigen hungrigen Schweigens
Taucht wohl meine Stimme am Ufer des Flusses Sokyr auf
Taucht wohl meine Stimme in den Knochen der Erde der Argyns auf
Taucht wohl meine Stimme im zerfallenen Schilf auf
Taucht wohl meine Stimme in den kleinen Salzstreuern auf
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Schrei
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geheule
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geweine
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Gestöhne
Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geächze
Dezember 2021
Anuar Duisenbinov ist ein Poet. Seine Schriften wurden in russisch-sprachigen Internetverlagen „Literratura“, Polutona, Textonly, Soloneba, „Artikyljacija“, DOXA, Esquire, im lettischen Satori, im litauischen Satenai, dem polnischen Helikopter, dem englischen Asymptote und Hayw publiziert.