Anuar Duisenbinov: „Der Balhaš in Wirklichkeit oder die mentale Landkarte des Sees Balhaš“. Ein Gedicht. Das russische Original des Gedichtes findet ihr in der Literaturzeitschrift daktil.kz in der Februarausgabe (2024)

Der Balhaš in Wirklichkeit oder die mentale Landkarte des Sees Balhaš

Meine Stimme existiert nicht in mir

Meine Stimme existiert nicht in der Kehle

Meine Stimme existiert nicht in der Mundhöhle

Meine Stimme existiert nicht in der Mimik

Meine Stimme existiert nicht in den Gesten der Hände

Meine Stimme existiert nicht im Gang

Meine Stimme existiert nicht in der Bewegung der Augen

Meine Stimme existiert nicht auf den Enden der Wimpern

Meine Stimme existiert nicht auf den Schläfen

Meine Stimme existiert nicht in der Haltung

Meine Stimme existiert nicht in mir

Wo dann ist meine Stimme

Wo dann vielleicht im Asphalt

der in kleinen Schneeschlangen aufkocht

Wo dann vielleicht in dem lila Licht vor dem Sonnenaufgang

der die Landschaft geheimnisvoll und sakral erscheinen lässt

Wo dann vielleicht auf der Wolke

die immer noch über dem Bektauat hängt

ohne diesen hätte der Moment die Hälfte der Magie verloren

Wo dann vielleicht in den eispolaren steinernen Fladenbroten

im Flüstern der bunten Flechten

im Geruch des Wacholders

Wo dann vielleicht in der kleinen Jurte aus Metall

auf dem Territorium des verlassenen Pionierlagers mit dem Namen „Fackel“

Wo dann vielleicht hat sie sich im Koffer versteckt

in der großen echten Jurte aus dem lokalen Museum

Wo dann hat sie sich vielleicht in den Pixeln verloren

verteilt auf die Fotografien einer 3D-Jurte aus dem lokalen Museum

Wo dann vielleicht unter dem Eis des gefrorenen Balhaš

zwischen den schlafenden Fischen, in der kleinen Dose für das Kaviar

Wo dann vielleicht auf der Oberfläche des gefrorenen Balhaš

im unsichtbaren Wind, der gegen die kränkelnden Segel der Erinnerung weht

Wo dann vielleicht in den Säften des Baumes

im Inneren des Kernstückes das in die Oberfläche des Zweiges eingewachsen ist

Wo dann vielleicht im andersseitigen Klang der Gletscher

die von den Wolken träumen

Wo dann vielleicht in den sorgenden behutsamen

lauten und delikaten Gesprächen

im Foyer des Uferhotels Comfort House

Wo dann vielleicht in der eisigen Luft

die in die Lungen dringt während der Spaziergänge und Raucherpausen

in der Leere des Geschäftes „777“

in dem es nie etwas gibt

und es doch alles gibt

Wo dann vielleicht in den klanglosen Schritten der Bedienungen der „Lagmannaja“

im würzigen Geschmack der Dapandž des Comjans mit den Pilzen

des festlichen dugansker Ššis

des eingelegten Kohls des gebratenen Reises

des turkmenischen Tees

dessen Name man sich hätte merken sollen

Wo dann vielleicht im langen Warten auf die Wärme des Lattes aus dem kleinen „Café im Bogen“

Wo dann vielleicht antwortet die Stimme nach einem Klingeln

wie die Bedienung des Warenhauses „Merey“

in der Abteilung „für Chauffeure“

Wo dann vielleicht im lebendigen Interesse der Volonteure

des Zentrums „Ruhani Žagyru“

in ihrer Fähigkeit im erwachenden Feuer zu lesen

Wo dann vielleicht im Rauch der kazakhmyskovischen Röhren welche die Wolken nähren

Wo dann unter den Granittafeln

mit dem Namen der Helden des Großen Vaterländischen Krieges, an die man                                                                       sich nicht mehr erinnert

Wo dann vielleicht in den Rissen der schneeweißen Kolonnen des sowjetischen Flughafens

Wo dann vielleicht auf der Seite des schlecht gebundenen

doch unendlich ehrlichen Albums über die Stadt Balhaš

das als Geschenk gedacht war

Wo dann vielleicht in den zärtlichen Umarmungen des dichten Nebels

denen man nicht entweichen kann bis zum Gleiswechsel

Wo dann vielleicht in einem der 144 Kilometer

der Balhaš-Trasse in Richtung Saryšagan

Wo dann vielleicht in dem Hunger des Bahnhofsköters

dessen Hunger gedämpft wurde mit zwei Manty mit Rindfleisch für 80 Tenge

Wo dann vielleicht in den Kuhlen von zwei geräucherten Žerehs

die man nur deshalb kaufte, weil es das Brot von handelnden Frauen war

Wo dann vielleicht in der Leidenschaft der Ergebenheit dem Glauben

die ich beobachte

und sich deshalb auf der Suche nach meiner Sprache

sich die Suche meines Ortes dazugesellt

Wo dann vielleicht in dem hellen Lachen des improvisierten Lichtspielhauses

mit der absichtlichen Betrachtung vom kasachischen Filmtrash

in der zweiten Etage des Bahnhofs

in der Erwartung des Hochgeschwindigkeitszuges

welcher um halb zwei Uhr nachts ankommt

Wo dann im glatten Rascheln

der sauberen Bettwäsche im Zugabteil

Wo dann vielleicht im beruhigenden Klischee des Ratterns der Räder

in den unbewussten Bewegungen der schlafenden Fremden

im gemütlichen Schweigen der auf dem Tablett malenden Künstlerin

Wo dann ist meine Stimme

Hat sie sich aufgelöst in den Wassern des Tokyrauyn

Wurde sie zum Zusatz der schweren Luft

Oder wurde sie blind vom Pfeil des Schweigens

Eines langen hilflosen nichtbeweinten Schweigens

Eines schweren anstrengenden belastenden Schweigens

Eines toten lebendigen Grenzschweigens

Eines erniedrigenden erbarmungslosen absichtlichen Schweigens

Eines weißen schwarzen und roten Schweigens

Eines hungrigen hungrigen hungrigen Schweigens

Taucht wohl meine Stimme am Ufer des Flusses Sokyr auf

Taucht wohl meine Stimme in den Knochen der Erde der Argyns auf

Taucht wohl meine Stimme im zerfallenen Schilf auf

Taucht wohl meine Stimme in den kleinen Salzstreuern auf

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Schrei

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geheule

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geweine

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Gestöhne

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geächze

Dezember 2021

Anuar Duisenbinov ist ein Poet. Seine Schriften wurden in russisch-sprachigen Internetverlagen „Literratura“, Polutona, Textonly, Soloneba, „Artikyljacija“, DOXA, Esquire, im lettischen Satori, im litauischen Satenai, dem polnischen Helikopter, dem englischen Asymptote und Hayw publiziert.

Meine Stimme existiert nicht in mir

Meine Stimme existiert nicht in der Kehle

Meine Stimme existiert nicht in der Mundhöhle

Meine Stimme existiert nicht in der Mimik

Meine Stimme existiert nicht in den Gesten der Hände

Meine Stimme existiert nicht im Gang

Meine Stimme existiert nicht in der Bewegung der Augen

Meine Stimme existiert nicht auf den Enden der Wimpern

Meine Stimme existiert nicht auf den Schläfen

Meine Stimme existiert nicht in der Haltung

Meine Stimme existiert nicht in mir

Wo dann ist meine Stimme

Wo dann vielleicht im Asphalt

der in kleinen Schneeschlangen aufkocht

Wo dann vielleicht in dem lila Licht vor dem Sonnenaufgang

der die Landschaft geheimnisvoll und sakral erscheinen lässt

Wo dann vielleicht auf der Wolke

die immer noch über dem Bektauat hängt

ohne diesen hätte der Moment die Hälfte der Magie verloren

Wo dann vielleicht in den eispolaren steinernen Fladenbroten

im Flüstern der bunten Flechten

im Geruch des Wacholders

Wo dann vielleicht in der kleinen Jurte aus Metall

auf dem Territorium des verlassenen Pionierlagers mit dem Namen „Fackel“

Wo dann vielleicht hat sie sich im Koffer versteckt

in der großen echten Jurte aus dem lokalen Museum

Wo dann hat sie sich vielleicht in den Pixeln verloren

verteilt auf die Fotografien einer 3D-Jurte aus dem lokalen Museum

Wo dann vielleicht unter dem Eis des gefrorenen Balhaš

zwischen den schlafenden Fischen, in der kleinen Dose für das Kaviar

Wo dann vielleicht auf der Oberfläche des gefrorenen Balhaš

im unsichtbaren Wind, der gegen die kränkelnden Segel der Erinnerung weht

Wo dann vielleicht in den Säften des Baumes

im Inneren des Kernstückes das in die Oberfläche des Zweiges eingewachsen ist

Wo dann vielleicht im andersseitigen Klang der Gletscher

die von den Wolken träumen

Wo dann vielleicht in den sorgenden behutsamen

lauten und delikaten Gesprächen

im Foyer des Uferhotels Comfort House

Wo dann vielleicht in der eisigen Luft

die in die Lungen dringt während der Spaziergänge und Raucherpausen

in der Leere des Geschäftes „777“

in dem es nie etwas gibt

und es doch alles gibt

Wo dann vielleicht in den klanglosen Schritten der Bedienungen der „Lagmannaja“

im würzigen Geschmack der Dapandž des Comjans mit den Pilzen

des festlichen dugansker Ššis

des eingelegten Kohls des gebratenen Reises

des turkmenischen Tees

dessen Name man sich hätte merken sollen

Wo dann vielleicht im langen Warten auf die Wärme des Lattes aus dem kleinen „Café im Bogen“

Wo dann vielleicht antwortet die Stimme nach einem Klingeln

wie die Bedienung des Warenhauses „Merey“

in der Abteilung „für Chauffeure“

Wo dann vielleicht im lebendigen Interesse der Volonteure

des Zentrums „Ruhani Žagyru“

in ihrer Fähigkeit im erwachenden Feuer zu lesen

Wo dann vielleicht im Rauch der kazakhmyskovischen Röhren welche die Wolken nähren

Wo dann unter den Granittafeln

mit dem Namen der Helden des Großen Vaterländischen Krieges, an die man                                                                       sich nicht mehr erinnert

Wo dann vielleicht in den Rissen der schneeweißen Kolonnen des sowjetischen Flughafens

Wo dann vielleicht auf der Seite des schlecht gebundenen

doch unendlich ehrlichen Albums über die Stadt Balhaš

das als Geschenk gedacht war

Wo dann vielleicht in den zärtlichen Umarmungen des dichten Nebels

denen man nicht entweichen kann bis zum Gleiswechsel

Wo dann vielleicht in einem der 144 Kilometer

der Balhaš-Trasse in Richtung Saryšagan

Wo dann vielleicht in dem Hunger des Bahnhofsköters

dessen Hunger gedämpft wurde mit zwei Manty mit Rindfleisch für 80 Tenge

Wo dann vielleicht in den Kuhlen von zwei geräucherten Žerehs

die man nur deshalb kaufte, weil es das Brot von handelnden Frauen war

Wo dann vielleicht in der Leidenschaft der Ergebenheit dem Glauben

die ich beobachte

und sich deshalb auf der Suche nach meiner Sprache

sich die Suche meines Ortes dazugesellt

Wo dann vielleicht in dem hellen Lachen des improvisierten Lichtspielhauses

mit der absichtlichen Betrachtung vom kasachischen Filmtrash

in der zweiten Etage des Bahnhofs

in der Erwartung des Hochgeschwindigkeitszuges

welcher um halb zwei Uhr nachts ankommt

Wo dann im glatten Rascheln

der sauberen Bettwäsche im Zugabteil

Wo dann vielleicht im beruhigenden Klischee des Ratterns der Räder

in den unbewussten Bewegungen der schlafenden Fremden

im gemütlichen Schweigen der auf dem Tablett malenden Künstlerin

Wo dann ist meine Stimme

Hat sie sich aufgelöst in den Wassern des Tokyrauyn

Wurde sie zum Zusatz der schweren Luft

Oder wurde sie blind vom Pfeil des Schweigens

Eines langen hilflosen nichtbeweinten Schweigens

Eines schweren anstrengenden belastenden Schweigens

Eines toten lebendigen Grenzschweigens

Eines erniedrigenden erbarmungslosen absichtlichen Schweigens

Eines weißen schwarzen und roten Schweigens

Eines hungrigen hungrigen hungrigen Schweigens

Taucht wohl meine Stimme am Ufer des Flusses Sokyr auf

Taucht wohl meine Stimme in den Knochen der Erde der Argyns auf

Taucht wohl meine Stimme im zerfallenen Schilf auf

Taucht wohl meine Stimme in den kleinen Salzstreuern auf

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Schrei

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geheule

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geweine

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Gestöhne

Wird wohl der Klang meiner Stimme irgendetwas sein außer einem Geächze

Dezember 2021

Anuar Duisenbinov ist ein Poet. Seine Schriften wurden in russisch-sprachigen Internetverlagen „Literratura“, Polutona, Textonly, Soloneba, „Artikyljacija“, DOXA, Esquire, im lettischen Satori, im litauischen Satenai, dem polnischen Helikopter, dem englischen Asymptote und Hayw publiziert.

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