In seinem Roman „Das südliche Mangaseja“ imaginiert Kior Janev eine Festung, eine Stadt, jenseits des Polarkreises, die des abends inbrünstig als aufschäumende Apfelsilhouette der Wolkenfestung emporragt (S.7)
Protagonist des Romans ist der Student Jan, der sich auf den Weg ins Südliche Mangaseja, die elterliche Festung macht. Durchgangsraum des Sujets ist hier die Eisenbahn: „Auf dem Kamm des Sonnenuntergangs, der über die Schienen schwappte, holte Jan endlich die Vergangenheit ein, die von einem einst spurlos verschwundenen Tag in Ringen auseinanderlief“ (S.8)
Die Sprache ist von purer Poesie durchtränkt: Begriffe wie „Evas Aspesteier“, „Korallenlichtsrahl“ und „Tiefseeeinsamkeit“ sind nur wenige Beispiele um den Sprachreichtum des Romans zu beschreiben. Und genau diese Sprachgewandtheit ist es, die sogar Engel schwach werden lässt: „Der Engel wurde zum Lumpenbengel, denn er kam hinter den schnellen Streichen seines Schutzbefohlenen nicht hinterher und sein einstürzendes Hirn erstarb jetzt unter der Himmelskuppel – Schädeldecke über der Sümaseja-Steppe.“ (S.17)
Wie soll sich der Normalmensch in dieser Welt orientieren, fragt sich der Leser – inmitten einer Architekturlandschaft, die aus erkalteten Lavaflügeln von Vögeln besteht, die regenbogenfarbene Muster und mineralische Versteinerungen entfalteten? (S.17)
Eine weitere Protagonistin des Romans ist die Studentin Klara Ajgul, deren Zuhause in einer Schlafstadt liegt und zwar „in der Bergoptik des Vorgebirges der Pamirgipfel, die Südmangeseja umgaben“. (S.18)
Ihr Vater, so heißt es im Roman, sei ein unterirdischer Recke, der das Berggestein auseinanderschiebt, die Mutter wischt die morschen Böden des Aul-Sowjets und geht zu den Russen in die Eingangsräume der Züge. (S.18-19)
Der Vater nimmt die Position des Retters ein, der seine Tochter in das blendend schöne Land mitnimmt, das „nicht mit Saksaul, sondern mit Flieder bewachsen ist, der nicht von der Sonne erblüht, sondern vom Glanz des Bergkristalls.“ (S.20)
Was bedeutet es, wenn Janev schreibt, dass beim Vorbeifahren eines Schnellzugs mit Russen, Klara Ajgul ihren Rock heben wird, die Strumpfhosen bis zu ihren Knien herunterlassen und sich in die einfache Ajgul verwandeln, die von den Russenaugen gespiegelten Sonnenstrahlen ihre Haut, wie Oma Solmeke es bereits gesagt hat, ihre Haut mit schwarzem Sonnenbrand bedecken werden, der nie wieder vergeht?
Ist Klara Ajgul mit ihrer vom Sonnenbrand bedeckten Haut eine Figur der imperialen Fremdbestimmung? Ist hier der russische Blick Zerstörer einer fragilen Kultur und Fresser eigener Geschichten wie der von Klara Ajgul, die ihren ersten Namen durch den Blick der Russen verliert? Ist der Akt der imperialen Fremdzuschreibung bereits durch einen einfachen Blick gegeben und der Zug hier ein Symbol für ein Transportmittel, das Schnelligkeit und die damit verbundene Gefahr der leichtsinnigen Beurteilung einer fremden Kultur ausdrückt?
Während einer Waschung singt die Großmutter Solmeke in einem Schlaflied ihrer Enkelin Klara Ajgul ein kleines Trostlied, und zwar darüber, dass die „Fäden der Blicke längst Vergessener, in der Welt Verlorener“ sie halten werden. (S.22) Ist dies eine Idee davon, dass die Schatten unserer vergessenen Vorfahren über uns wachen?
Bemerkenswert an Janevs Roman ist, dass siech hier Orte verweben, ja ineinander zu verschmelzen scheinen; Historizität wird dekonstruiert, Entfremdetes wird wieder zum Eigenen, das Eigene mit dem Fremden geteilt und wieder geliebt, gelebt, angenommen.
Das Wasser ist hier das verbindende Element, in dem die junge Solmeke das Essen sogar stehend einnimmt, während sie als schwimmende Agentin ausgebildet wird. Irgendwann ist Solmeke so weit, dass sie beim Tauchen lange die Luft anhalten kann und damit zur Ausführung eines hochwichtigen Regierungsauftrags befähigt ist, den sie zunächst in Regensburg ausführt.
Regensburg wird zur Stadt der verzauberten Geschichte; es ist eine Märchenstadt, durch die Solmeke mit dem Fahrrad unterwegs ist, durch die jedoch keine Kuh durchkommt, was auf den Leser den Eindruck erwecken kann, dass anderswo Geschichte vielleicht sogar vergessen wird, so verdichtet ist der Raum.
Bei tiefrotem Sonnenuntergang und Regen wird beim heiligen Nepomuk Halt gemacht – ein Symbol der Macht und Erhabenheit, und selbst der Sockel der Figur trägt Randgeschichte in sich, er war aus dem benachbarten Donausumpf gezogen worden und mit feinstem Ornament bedeckt. (S. 61)
Der Leser wundert sich bei der weiteren Lektüre, dass in Wirklichkeit weit voneinander entfernte Orte, wie die des Zentrums und der Peripherie hier nachbarschaftlich nebeneinanderliegen. So wird ein Diskurs um Topoi eingeführt, die real durch Machtverhältnisse gekennzeichnet sind, im Roman jedoch aufgebrochen werden: Moskau und die Steppenareale sind gleichwertig. (S. 66)
Nun ein paar Worte zu den Eigenschaften des Südlichen Mangeseja: dieses war von drei Seiten vom Tau – Vorgebirge umgeben. Die Drahtseilbahn- Station und der Werigina – Berg waren in eine alte Ruine hineingebaut: „Vor hundert Jahren ließ man nach dem Beispiel des Heiligen Berges keine Frauen in das Muschelkloster auf dem alten Kreidefelsen, der über und über mit so sensiblen Hörhöhlen übersät war, das in der Nähe der widerhallenden Spalten am Wiesenfuß die Kalkschmetterlinge mönchischen Ausatmens herumschwirrten und auf die Gesichter der Schlafenden in dem sich an den Berg schmiegenden Dorf wie eine Versuchung des Antonius herabfielen.“ (S. 70)
Wer sind diese Menschen, die in diesem Dorf leben und was macht ihre Identität aus? Klara Ajgul ist der Ansicht, dass das Leben der Menschen, das von ihnen skizzierte Land sei. (S. 83) Und noch dachte sie, dass wenn man in der Vergangenheit lebt, man im Gelebten lebt, „in etwas Festem, dem der Raum fehlt…“ (S. 83)
Die Poesie, die Janevs Text inhärent ist, gibt Grund zur Hoffnung auf eine bessere Welt, zerlegt doch der Autor auf teils obskure, teils ambivalente Art und Weise das Gesicht der Vergangenheit, löst den Knäuel der Zeit und befreit den gekerbten Raum von seinen Kerben.
Kommt man wieder auf die Vergangenheit zu sprechen, so zogen auf dem Territorium des Südlichen Mangasejas früher die Tschingisiden umher, die Kosaken – Kolonisten bauten ihre Hütten, doch durch ein Erdbeben wurde diese Erde wie durch ein Sieb in die Tiefwasserquellen gestreut. (S.86) Später wurde die Stadt dann wieder erbaut und provinzielle Sowjetarchitektur konnte nun hier betrachtet werden.
Über solchen Hochhäusern (und zwar über Moskau) lebte ein Stamm luftiger Seiltänzer, die nie auf die Erde hinunterkamen. Hierbei handelte es sich wohl um Nachfahren einiger von der Stalin’schen Repressionen Geflüchteter, die manchmal Rettungsfädchen zu Fenstern hinunterließen, hinter denen sie Verzweifelte bemerkten. (S. 109)
Wie kann man diese Schar engelhafter Wesen in Janevs Roman verortet sehen? Warum führt er die himmlischen Seiltänzer in das Sujet ein und lässt hier den historischen Kontext mitschwingen? Vielleicht um darauf hinzuweisen, wie grotesk und gefährlich der stalinistische Machtapparat war und den vollen Kontrast dazu nur etwas Himmlisches, Helles, bilden kann, wie diese Seiltänzer eben.
Ein apokalyptisches Szenario folgt, eingeleitet durch ein Unwetter; wie die Landschaft sich hier manifestiert, beschreibt Janev folgendermaßen: „Zwischen ausgebrannten Häusern lagen Puppen mit Engelgesichtern herum die schwarze Erde war von verschiedenfarbigen Scherben durchsetzt, die in einem plötzlichen Blitz aufglänzten, als ob mit dem Donner ein unterirdischer, von nassen Kletten gerahmter Himmel hervordrang.“ (S. 112)
Lichtblitze „knistern“ im Roman ein weiteres mal auf, über die der Student Jan nicht Herr sein kann. Er kann sich nämlich nicht gegen etwas lehnen und sich ausreißen aus dem Zusammenleben mit der Einsamkeit und „die Äderchen aus der Symbiose mit dem Bernsteinpanzer herausreißen“.
Äußerst aufrichtig ist auch das Kapitel, dessen Titel „Mädchentagebuch“ ist und das in verschiedene Abschnitte eingeteilt ist, die die Perspektive einer jungen Frau offenbaren. In ihrem sogenannten Manifest erzählt sie vom Kapitalismus – Überbleibsel – Patriarchat, das niemals zu besiegen ist. Ist es so, fragt sich der Leser. Unterwirft sich die Frau in Wirklichkeit als Geißel diesem Phallus? Die Antwort könnte ja lauten, ohne damit jemandem nahe treten zu wollen. Hier geht es wohl um Selbstakzeptanz als solide Basis eines verlorenen Nicht-Ichs.
Eine gänzlich neue Leseart könnte als Vorbild dienen. Doch wie soll man diese erreichen, wenn die Welt doch so voller Zauberei ist. So scheint auch der duftende Nebel (das sind graue Ausdünstungen), der über mittelrussischen Wäldern fließt und sich nicht in diesen niederlegt, sondern über die Städte ergießt, einer verzerrten, körperlosen, diffusen Erinnerung zu entsprechen, die der Landmensch so nicht kennt, weil ihm die urbanen Koordinaten fehlen und der Blick auf eine alte schwarz – weiß – Fotografie entspricht hier einer familiären Schmetterlingspuppenerinnerung.
Doch selbst in der Stadt scheint das Erinnerungsmoment eingestellt. Ein mächtiger Betäubungsnebel – so zittert nur auf den Hauswänden blass eine Kalligrafie, gemalt mit zitternden, in Kalk verquollenen Händen. (S. 175) Sollte, so fragt man sich da, der Stadtmensch dem Landmenschen nicht seine zitternde Hand reichen und vielleicht sogar einen Foxtrott mit ihm tanzen?
Pipa, eine kurzlebige Figur des Romans, wusste, dass man „unversehens eine ganze südliche, in die Kindheit zurückgefallene Stadt wegschleppen konnte. Felsen und Gebäude knitterte sich zusammen, wurden zart, verklebten als Fruchtknoten, die Zeit begann als Kruste zu altern“ (S. 177) Hier ist die Rede von einer Individualgeschichte, auf die jeder Mensch ein Recht hat, ist sie doch Teil einer Kollektivgeschichte.
Deren Topos ist beispielsweise auch die Rückseite eines Spiegels, die eigentlich ein Teich ist, „wo ein Eisläufer entlang einer Ufer – Himmels – Öffnung schwebt und beobachtet wie im nächstliegenden holzigen Raureif – Strauch die in vielen Etagen löchrig gewordene Dämmerung die Tannenkugeln herausstrahlt…“ (S, 194)
Diese metaphorische Beschreibung lässt den Leser nur erahnen, wie mächtig Sprache ist, wie erhaben und befähigt dazu, das Innere nach Außen zu kehren. Man stellt sich beim Lesen die Frage, ob die Wahrnehmung von natürlichen Landschaften durch die Augen eines Städters anders ist als die eines Dorfbewohners. Ja, wird wohl die Antwort lauten, aber nur deswegen, weil jeder Einzelne eine eigene, individuelle Wahrnehmung von der Welt hat und Klassifikationen hier fehlt am Platz sind.
Deswegen kann sich auch jeder, und wirklich jeder von den Lebenden zu den Überlebten scheren: „Poetische Naturen mit ihren Sternen haben ihren Platz unter den Demonstrationen. Sie gehen an den Außenseiten“. (S. 202)
Und deswegen ist auch jedes Leid, dem jeden eine eigene Geschichte eigen ist, individuell. So hat sich die Figur Chytsch es sich zur Aufgabe gemacht, Tränen des Lebens einzusammeln und zu destillieren, und sie außerdem in verschiedene Nuancen und Geschmacksrichtungen zu filtern. Man kann diese verkosten und zu vergangenen Zeitmomenten zurückreisen, wie in einer Zeitmaschine. (S. 209)
Weiter wird Moskau mit seinen Kreml-Nekropolen beschrieben, wo Rjurikowitschs Tränen dorthin fallen, wo man zärtlich auf Engeltränen wartet – als Glocken – Tau.“ (S. 243) Die trüben Erinnerungen des Himmelbewohners schweben dann leicht konfus „mit dem Himbeerklang von den hohen Glockentürmen empor und zurück in den zerstreuten Moskauer Himmel.“
Der Leser stellt sich hier die Frage, wer auf diese Engeltränen wartet und warum die Erinnerungen im Himmel verschwinden? Ist hier die Erinnerung derart stark an das Gegenständliche, also an die Glockentürme gebunden? Sind diese so imposant, dass für das Transparente, Feinstoffliche kein Platz mehr ist? Und was soll der hier genannte Glockentau darstellen. Gegenständlichkeit und Natürlichkeit verschmelzen hier miteinander. Das vom Menschen Erschaffene wird hier mit dem von der Natur (oder ist es gar Gott?) gleichgestellt.
Eines Tages kommt Jan mit dem Zug in einem Städtchen an, das Sümaseja ähnelt. (S. 245) Hier stehen Lehm – und Flechten – Häuser und der Südmangaseja – Schneeleopard ist hier auch beheimatet und „springt im Flug zu Steinschutt zerfallend.“ (S. 247) Was bedeutet diese Szenerie? Ist hier vielleicht von der bedrohten Schöpfung die Rede und von dem Aussterben der Fauna unserer Erde?
Doch die Glockenspiele der Vorgebirge sind geblieben, mit ihren an die Felsen geklebten vieletagigen Tannen mit „dornigen, seismisch gerunzelten alten Frauen auf Balkonpforten.“ (S. 247) So bleibt nur zu erahnen, dass unsere Erde mit ihren natürlichen Habitaten immer noch unser zuhause ist und ja, es sind nicht bloß die Steinhäuser, in denen wir leben, sondern es ist die Erde selbst, auf der wir zuhause sind.
Ein wichtiges Motiv ist hier das Fernglas, mit dem Jans Vater die hinter dem Eisernen Vorhang gelegenen Gegenden erblickt. Dieser Vorhang ist eine von den grauenvollsten Kreationen der Schöpfung Mensch und lässt sich nur dann überwinden, wenn die Grenzen nicht zwischen den Ländern verlaufen, sondern zwischen den Menschen.
Am Ende des Romans fragt sich Jan, wo er seine Fürstin suchen soll, „die bis in molekulare Tiefen Geliebte.“ (S. 267) Ist in dieser Tiefe vielleicht die Sehnsucht nach einem Raum angelegt, wo die Frau sich zum Matriarchat bekennt und ihre Teilschuld mitträgt, ohne sich aufzugeben oder vor der Leere wegzulaufen? Die Fürstin ist ein Pendant zum Fürsten, die ja noch im Zarenreich als Adlige über Russland regierten. Nun, ihre Nachkommen, die das Sowjetimperium überlebt haben, teilen sich hybride Identitäten, was einerseits für einen Raum spricht, der Multidimensionalität zulässt, andererseits auch für einen Irrgarten von Identitäten verantwortlich ist. Deshalb ist die Rolle der sogenannten heutigen „mentalen“ Fürstinnen nicht zu unterschätzen. Von ihnen geht die Autorität aus, sei diese materieller oder intellektueller Natur.
Das südliche Mangaseja ist ein vielschichtiger Roman, dessen psychologisches Relief die Antennen des menschlichen Unterbewusstseins anspricht. Jeder einzelne Satz lädt zum Meditieren ein, die Sprachgewalt durch liebliche Umschreibungen wie auf einem Syntax-Seil balancierend, um den Leser einzuladen auf ein Fest der Worte und Erkenntnisse, die nicht verurteilend sind, sondern offen für ein kindliches Schauen und Flanieren durch die Zeilen.