Eine kurze Notiz zum Roman Sibir von Sabrina Janesch

In ihrem Roman Sibir konzipiert Sabrina Janesch einen kaleidoskopischen Raum von Identitäten, die um Kasachstan, Deutschland und den Raum SIbir kreisen, der ebenfalls mit Zentralasien in Verbindung steht.

Lejla, die Tochter des für zehn Jahre in die kasachische Steppe verbannten Josef Ambacher, erinnert sich in Fragmenten an die Kindheit ihres Vaters. Kasachstan, so Lejla, sei für sie ein Wort, das sich selbst jetzt noch, Jahre nachdem sie das Land bereist hat, ein wenig fremd in ihrem Mund anfühlt. (S.203)

Die Heimkehr der Zehntausend – das sind diejenigen, die nach ihrer zehn Jahre währenden Kriegsgefangenschaft (es waren Kriegs – und Zivilverschelppte) einen Neuanfang in Deutschland wagten. Nachdem was sie erlebt hatten in der Steppe, schwiegen sie in ihrer alten neuen Heimat: „Die meiste Zeit wurde so lautstark geschwiegen, dass ihnen allen die Ohren dröhnten.“ (S.205)

Die Geschichte um Josef Ambacher und dessen Familie wird hier erzählt, Leilas Vorfahren, die sich im Ort Mühlheide, in Norddeutschland niederließen. Es fühlte sich jedoch nicht nach Heimat an.

Während seiner Kindheit in Zentralasien spielte Josef am Fluss Sartschaly, beobachtete Libellen und Wasserwanzen und wusste genau „in welcher Pappel die Turteltauben ihre Nester haben, wo Johannisbeeren, Hagebutten und Berberitzen heranreiften…“ (S 218)

Josefs Nachbarn lebten in Erdhütten, während sein Vater Abraham auch Harla genannt, der Familie eine richtige feste Behausung errichtete und eine Mauer, die die Familie vor der Steppe schützte, ja abschottete (S. 219)

Josefs Kindheit in Kasachstan war von Hunger geprägt. So angelte er am Fluss und machte Jagd auf Enten und Ziesel. Als er es jedoch vor Hunger nicht mehr aushielt, fiel er über die Hagebuttenmarmelade seiner Tante her und wurde von ihr und seinem Onkel in der Steppe ausgesetzt. Wer ihm half, war Tachawi, ein kasachischer Nomadenjunge, mit dem Josef die Schule besuchte.

Worte aus der russischen und kasachischen Sprache tauchen im Roman auf bei der Stelle, wo die beiden Kinder den Aul erreichen, der an den Wald grenzt: Wald (deutsch), les (russisch), orman (kasachisch). Die Trennung des Wortes in drei Sprachen zeigt, dass hier drei Kulturen einander begegnen, miteinander teilen und beistimmte kulturelle Anteile adaptieren.

Doch Josef und Tachawi verlaufen sich in der Steppe und finden sich auf aufgegebenen Weidegründen wieder. Hier klingt die alte, vorsowjetische Geschichte an, die der kasachischen Nomaden nämlich. Diese migrierten, bis die Sowjets die Macht über ihr Land übernahmen, von Weide zu Weide.

Die Kinder werden vom Hirten Bosdak gefunden. Dieser hat seine Schafherde, einen Hirtenhund und das Kamel Ak-Bota dabei. Ihr Verschwinden jagt den Verwandten jedoch Angst ein und man führt dies auf einen bösen Dschinn zurück, der von der Greisin Bis-Bikesch durch das Ausräuchern des Hauses mit Kräutern verjagt wird.

Bis-BIkesch, so Josefs Vater, repräsentiert alles Kasachische: das Ungebundene und das Verwurzelte, das von alters her Angestammte und das frei Strebende.“ (S. 248)

Doch im Roman ist nicht nur von den verschiedenen Kulturen die Rede, sondern auch vom großen Schweigen, eine Anspielung auf Stalins Befehle die eigene vorrevolutionäre Geschichte nicht anzurühren? Josef, so Janesch, stellt ständig Fragen an seine Großmutter, doch sie schweigt.

Diesem großen Schweigen will Lejla, die Tochter Josefs, Jahrzehnte später ein Ende setzen. Hier geht es auch um den Alltag in Deutschland, um das Verzehren von Sonnenblumenkernen und dem Plan ein Haus am See zu errichten. Die Aussiedler tauschen sich aus mit den Altsibirern, teilen ähnliche Vergangenheiten und Zukünfte.

Eine dieser Vergangenheiten ist die Gemischtwarenhandlung von Tjotja Katja, ein Ort des Austauschs, an dem die Dame Brotsaft, Birkensaft, Sanddornsaft, Selbstgebrannten und diverse Beerenliköre verkauft. Hier fand sich ein „wer es sich leisten konnte. Die Kasachen hatten, wenn es um Gerüchte, Nachrichten, Klatsch und Tratsch ging, das lange Ohr der Steppe, die Russen hatten Tjotja Katja.“ (S. 277)

Das Ende des Romans setzt ein riesiges Lagerfeuer ins Zentrum, bei dem Lejlas Vater Josef Ambacher sein Hab und Gut verbrennt, eine selbstgewählte Trennung vom Gegenständlichen und sein Kommentar dazu: „Es sind nur Gegenstände, Lejla. Sie gehören nicht zu uns. Nur wir gehören zu uns.“ (S. 340)

Sabrina Janesch: Sibir, Rowohlt Berlin, 2023

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