Die lila Allee. Die letzten Nachrichten von heute
Zu dieser nächtlichen Stunde bin ich es – die Hauptallee,
Ich – der Spiegel der Seegewässer!“
Jerard de Nerval
1.
Die letzten Nachrichten von heute:
Die Opposition plant keine maßstäblichen Aktionen bis zum Herbst
Was versteht sie, wenn sie dort unten steht? Unter den Linden – in der Befremdung und Verwirrtheit?
Meistens versteht sie nichts. Vor Wut ist sie wie abgestumpft, vor Ärger wie blind. Die Wörter fallen auseinander, zerfallen in einer Schwäche, überhaupt irgendetwas auszusprechen.
Dazu kommt noch, dass um sie herum die Stadt rauscht. Wie eine riesige Fabrik. Ein nicht enden wollender Schwal von Geräuschen. Und es scheint, als würden die Gebäude schweigen. Dafür knistern, rauschen, säuseln die Seitenstraßen, die gelassen ihr gewöhnliches Leben leben.
Und das was mit ihrem Schicksal geschieht, geht niemanden etwas an, hier ist es irgendetwas, was ankommt, weggeht, eine Straßenszene. Ein Sandkorn-Schicksal. Eines von tausend solcher Vergänglichen.
Es starben 9 von 14 Fallschirmspringer, die ein Waldfeuer löschten
Und sie steht unter den Linden und kann sich nicht bewegen. Es ist Mitte Juni, alles ist in leuchtendes Licht getaucht, in heißes honigartiges Leuchten. Die Sonne fällt endlos auf die Allee, zerfällt in Lichtstrahlen, rote und regenbogenfarbene Formen spielen in den zotteligen Linden.
In der Luft fliegt Pappelstaub, es scheint als sei dieser von den Hinterhöfen auf den Bürgersteig geweht worden, seine bauschigen Flocken bewegen sich unter den Leitungen. Auf dem Schotter scharren jemandes Schritte. Auf der Bank sitzt ein Pärchen, das wie ein Denkmal aussieht. Zwischen den Tischen, auf dem Rasen spielt ein Setter. Zwei Freundinnen fließen die Straße entlang und unterhalten sich, die eine trägt auf dem Kopf ein Mützchen mit Rüschen, die einem Lampenschirm ähnelt, die andere hält in der Hand ein Strauß Maiglöckchen, solche, die man stiehlt und dann neben der Metro verkauft. Doch sie sieht nicht. Nicht das Schimmern der Strahlen. Nicht die Gesichter der Vorbeigehenden. Die Stadt wurde ausgeschaltet, die Lindenallee hat sich aufgelöst und keine Spur hinterlassen. Sie ist ganz alleine auf dem Pfad, sie berührt die Schlaufe ihrer Tasche, und um sie herum der Abgrund, der Zerfall, man könnte in Heulen ausbrechen, doch sie kann sich nicht bewegen. Sie steht da ohne zu blinzeln. Und warum auch immer, aber sie merkt sich diese Augenblicke und schaut ihnen hinterher. Nur der Klang von Schuhsohlen, die den Schotter des Weges berühren, erklingt und erfüllt die ganze Welt. Nicht auszuhaltende, schnelle, verschwindende Schritte. Die Schuhspitzen lassen die Steinchen aufspringen. Heiße, sommerliche Luft. Seltene, in der Gedankenverlorenheit schwebende Flöckchen.
In Nigeria ist ein Passagierflugzeug auf eine Stadt gefallen
Und jedes Mal, dort in Mitten der Allee, formt sie ihre Hände zu Fäusten und presst die Nägel gegen die Handfläche. Abgeschnitten. Viel zu früh ausradiert und für immer ausgegrenzt. Verbannt. Vertrieben. Sie versucht aus aller Kraft nicht zu weinen, flammt dabei auf, auf einer langsamen Flamme des Bösen, des Leides, der Verwirrung. Sie spürt wie eine bevorstehende Explosion schmerzt und brennt.
Und er geht einfach weg. Drückt seinen Aktenkoffer unter der Achsel fest an seinen Körper und geht eilenden Schrittes immer weiter und weiter. Noch schneller, er drückt sich fast zusammen, drückt seinen Kopf gegen die Schultern, nur nicht zurückschauen, nicht sie anblicken, wie sie hinter ihm zu einer Eisfigur erstarrt ist. Für ihn ist jetzt das Wichtigste – an diesem letzten Tag, keine Schwäche zu zeigen, nicht zurück zu blicken, ihren Blick nicht aufzufangen für die Verabschiedung. Noch exakter – ihre blauen, bodenlosen Augen, die zitternden Untiefen, die zurückgehaltenen Tränen und eine stumme Frage, bitter wie das ganze Meer. Das Wichtigste ist nicht das Kornblumenfeld ihres Blickes zu sehen, das unruhig ist wie durch einen Wind vor dem Gewitter. Er verschnellert seinen Schritt, in der Panik der Flucht hat er Angst zurückzutreten und ausversehen seinen Fuß umzuknicken. Er rennt fort, so als ob Läufer hinter ihm her seien.
Das Grand-Prix-Festival bekam einen Film über Adoptiveltern
Das Denkmal für den Dramaturgen wartet gelassen am Ende des Boulevards. Ein Mann mittleren Alters mit einem spitzen Bart drängt niemanden, rät niemanden etwas. Ausgegrenzt und allwissend, innerhalb seines kurzen Lebens hat er es geschafft mehrere Familiengeheimnisse zu enträtseln, Streitereien, Trennungen, feste, zwischenmenschliche Verknotungen. Nun schaut der Dramaturg in die Weite über die Straße der Einfamilienhäuser, Büros, Theater und Geschäfte, unter deren Aushängen sich weiß Gott was verbirgt. Er ist niemandes Überbringer von Nachrichten mehr, kein Zeuge, keiner, der Mitgefühl empfindet. Er ist erstarrt in dem Lichtschimmer, in dem zwei Reihen Lindenbäume stehen. Und er wartet teilnahmslos auf den Flüchtling.
Auch sie steht wie erstarrt da – inmitten des Boulevards, wegen des unterdrückten Schluchzens und dem nicht Zusammenkommen des Gesprächs. Weder Erklärungen, noch Vorwürfe, weder Streit noch Abschiede. Nur eine unerwartete Kluft, ein Abgeschnittensein, eine abrupte Klinge des Abschieds. Sie versucht sich zu erinnern, in ihrem Geiste die heutigen Worte zu drehen. Was habe ich heute besonderes gesagt, stacheliges, endgültiges? Welches Wort ist diesmal abgetreten? Welche Umdrehung der Rede wurde zu einem zufälligen Sandkorn auf der Schale der Waage, der sie weggestoßen hatte, und ihn auch – um zu laufen?
Sie schluchzt, neben ihr heult die Sirene eines Krankenwagens. Am Himmel über dem Boulevard schwebt ein Hubschrauber. Eine Studentenschar nähert sich mit den Sträußen von Flieder. Karohemden, die bis zum Ellenbogen gefaltet sind, Milchwaden, die sich aus Schuhen mit Absätzen in die Höhe heben. Doch der Riss der Trennung blutet und wartet ohne Geduld. Am besten man presst den Mund zusammen. Und heult und beißt sich in die Handfläche.
„Atme aus, und vergesse bitte nicht zu atmen“, flüstert sie sich zu.
-2-
Die olympische Fackel hat einen berühmten Bobslayfahrer beim Staffellauf angezündet
Ebenda, auf dem Boulevard: nach einem Jahr / nach zehn Jahren. Ihr Leben entgleitet ihr die Lindenallee entlang. Einer nach dem anderen verschwinden, ohne sich umzudrehen die Freunde, Liebhaber, Verlobten. Und man meint, man kenne sich noch nicht so lange, man sei nur ein paar Mal nach der Arbeit bis zur Metro spaziert, hat sich locker für einen Kinobesuch verabredet. Irgendwann vielleicht, eventuell nächsten Samstag? Und plötzlich springt man von ihr entlang des Boulevards in die Richtung des Denkmals.
„Sei ja vorsichtig, trete lieber zurück, mein Liebling!“, flüstert sie ihm nach gnadenlos und hilflos.
In Indien hat man 11 Menschenhändler festgenommen, die mit Säuglingen handelten.
Der zwölfte, zwanzigste, einundzwanzigste, neunundzwanzigste Juni – Jahr für Jahr. Zum dritten Mal bemerkt sie darin irgendeine Gesetzmäßigkeit, eine sich bewahrheitete Verschwörung, und sie beschließt zu kämpfen und das ganze irgendwie zu überspielen.
Sie versucht dieses Teufelsmärchen irgendwie zu überlisten oder anzulügen. Obwohl sie nicht versteht, womit sie es eigentlich zu tun hat. Deswegen bricht sie für alle Fälle ab. Sie läuft den Pfad des Boulevards entlang, läuft die Lindenallee entlang – weg von sich selbst. Zur Metro. Zur Tramstation. Blind, erratend, heimlich, beschließt sie irgendeine andere mögliche Rolle zu ergattern, ja wenigstens zu erhaschen. Vor Empörung wirft sie sich an die Ränder. Nach einem nächsten Riss sammelt sie ein anders Ich ihres Selbst eilig vor dem Spiegel. Sucht danach, spielt es sich selbst vor und bestätigt vor sich selbst eine neue Sammlung von Lachen, Gesten, Bewegungen. Fuchsgang. Adlerblick. Schafshaut. Wasser wie von einer Gans. Nun ist sie eine Geflüchtete, Geflohene vor dem bösen Verhängnis, sie ist dazu verpflichtet ihr wahres, erschrockenes Gesicht zu verstecken, das bereit ist jeden Moment in Tränen auszubrechen.
Der Mörder des britischen Abgeordneten wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.
Nach der Dauerwelle – ein Karoschnitt im Stil der Zwanziger. Danach Fuchslocken. Ein blonder Igelschnitt. Dann zurückgekämmt ein Haarteil in der Form eines Pilzes. Ein tadelloser Pony, der die Stirn verbirgt. Hellblonde Wellen, schon wieder Locken, der rasierte Schädel eines Waisenkindes mit einem Ohrring im rechten Ohr. Rote Zöpfe des Mädchens in einem Schottenrock. Ein schwarzer, fliegender Flügel bedeckte während des Gehens das Haar.
Der Preis für ein Fass Erdöl Brent ist tiefer als 59 Doller gefallen.
Natürlich, sie ahnt es schon: es ist gar nicht mal so einfach diese kühle Durchsichtigkeit zu verstecken, es ist nicht einfach die marmorne Weiße / die eisige Zerbrechlichkeit zu überspielen. Und vor allem diese ewige Bläue der venösen Äste, die durch die Haut durchdringt. Sie schlängelt sich auch auf den Schläfen, Handgelenken, auf den Knöcheln. Doch sie gibt nicht auf- sie sucht wieder aus, probiert wieder an vor dem Spiegel, kramt: wie soll man hier nur schlau vorgehen. Als wer soll man sich vorstellen, wie sich präsentieren, in wen soll man sich dieses Mal verwandeln. Und laufen, laufen ohne sich umzuschauen vor sich selbst / vor dem bösen Verhängnis / vor der sich bewahrheiteten Verschwörung.
Mal ist sie Ljollja. Mal ist sie Vera. Mal Nadezhda. Und dann noch Ljubov‘. Doch jede Requisite. Jede Schminke, jede Rolle endet in der Lindenallee. All ihre Verwandlungen drehen sich um Eines und führen zu dem Einen, das immer Dasselbe ist: das Leben läuft vor ihr weg, auf dem Schotter scharrend. Das Leben in einem Karohemd mit kurzen Ärmeln reißt ruckartig den Rucksack von den Schultern, drückt dich an seine Brust, läuft weg ohne sich umzuschauen. Sogar der Rücken unter dem Hemd wurde nass. Auf der Bläue verschwimmt ein Fleck-See. Ein akkurat geschnittener Nacken und der Hals in einer anstrengenden Haltung – die Hauptsache ist man dreht sich nicht um. Die Hauptsache man sieht bei der Verabschiedung noch Mal den Vorgewitterblick, der das Schluchzen verbirgt, – die Hauptsache man taucht nicht in ihn ein, und ertrinkt nicht für immer in ihm.
Und sie steht unter den Linden – die verdammte Nymphe, die von dem Himmel runtergeworfene Göttin. Und manchmal – ein verlassenes Mädchen, das verzauberte Fräulein aus dem blauen Wagen, an den zwei blaue Schwäne eingespannt sind. Doch warum nur, warum nur hat die Zauberkutsche mit dem blauen Blätterdach schon wieder kein Glück gebracht, den Wunsch nicht erfüllt, sich nicht zu Staub aufgelöst?