„Der Schwarze Stern“ (russ.: „Chernaja Zvezda“, kas.: „Kara Zholdos“) lautet der Titel der phantastischen Erzählung, benannt nach seinem Protagonisten Kara Zholdos und geschrieben von zwei kasachstanischen Autoren, nämlich Bahytzhan Momyshuly und Jurij Serebrjanskij. Der erste Autor legte die Grundlage für die Erzählung, entwickelte das Sujet um den Pilger Kara Zholdos und führte den Text bis zu jener Stelle, wo Serebrjanskij anknüpfte und das Sujet weiterspann. Traditionelle Bildnisse und Allegorien, wie sie Momyshuly entwirft, werden abgelöst von einer metaphorischen Erfassung der modernen Welt durch Serebrjanskij.
Die Erzählung beginnt mit der Geburt des Königssohnes Kara Zholdos. Kaum ist das Kind auf der Welt, betritt ein riesiger, weißer Wolf das Filzhaus: „Er näherte sich dem Jungen, leckte seinen kleinen Körper und blickte fragend auf die Herrin [die Königsmutter Adzhe]“. Der Wolf wird den Prinzen im weiteren Verlauf der Geschichte zur Seite stehen, denn vor ihm liegt eine Pilgerschaft, die mit seiner Auserwähltheit in Zusammenhang steht. Ein Zeichen dafür ist das Muttermal in Form eines schwarzen Sterns im Nacken des Prinzen.
Der Vater des Prinzen, König Dasch-Demur, beruft eine Versammlung von Fürsten und Weisen, sogenannten Bashhelers, die am Ende feststellen, dass der Prinz ein Auserwählter des Himmels ist und der Stern im Nacken ein Zeichen dafür. Auch Adzhe ist sich dieser Auserwähltheit bewusst und ist der Meinung, dass ihr Enkel das Rätsel um den schwarzen Stern wird selbst entschlüsseln müssen. Eine Stimme sagt ihr: „Dein Enkel, Herrin, wird nicht den Weg des Kriegers gehen, er wird nicht nach Macht streben oder nach Reichtum, sondern nach Weisheit, und deren Weg ist unendlich.“
Interessant für den Leser der Lektüre der beiden kasachstanischen Dichter ist hier der Heimatbegriff. Heimat wird hier als Raum zwischen den Sternen imaginiert. Die Sterne sind auch das, wo die Verstorbenen hingehen. Eine Heimat ist also nicht zwangsläufig an ein Land gebunden.
Tiere sind im Roman „Der Schwarze Stern“ beseelt und verfügen über menschliche Eigenschaften und Gefühlsregungen: die Wölfe heulen aus Sorge und Leid, die Adler hüllen sich in Trauer nachdem die Mutter des Kindes stirbt. Der Tod der Königin wird von ihrer Schwiegermutter beweint, in Klageliedern und phantastischen Bildern; hier weinen die Drachen, zerbrechen sich die Flügel die Adler und der Begriff der Seele wird eingeführt, die von den Angehörigen des Toten nicht zu lange beweint werden darf, damit sie in den Himmel ziehen kann. Sie, so imaginiert es der Autor, wird sich über die Milchstraße erheben, zu ihrem eigenen Stern, der ihr zur Heimat in der Ewigkeit wird. Erlösung erfolgt hier kanonisch als Erlösung von, und zwar von der Schwäche und Schwere der Seele auf Erden.
Als Kara Zholdos ins Erwachsenenalter kommt, wird er von seinem Vater für die bevorstehende Pilgerschaft gesegnet und mit einem Reittier sowie zwei Wölfen-Begleitern ausgestattet. Die Dame-Wölfin verrät ihrem zu Beschützenden eine Weisheit, und zwar dass alles Materielle, und so auch die Steppe, endlich ist und irgendwann vergeht. Gott trägt den Namen Dangru in dem Roman. Er ist Gott – Schöpfer und die Menschen sind seine Schöpfung. Die Überwindung der Seelenarmut wird zur Aufgabe, vor die der junge Pilger gestellt wird.
Selbstentsagung wird beschrieben als Mittel zum Zweck der wahren Selbstwerdung. Steppe wird hier zum Raum des Durchgangs, zum Durch-Wolf-Gang-Raum, des Durchtretens der Materie und ihrer Öffnung zur sakralen Sphäre. Wir, so der Autor, seien jedoch irdische Wesen, Gäste auf dem Planeten Erde und es sollte nicht unsere Aufgabe auf der Erde sein, die himmlische Sphäre zu verstehen. Doch die Dunkelheit zu deuten ist uns erlaubt, dafür hat Gott uns die Gestirne gesandt.
Eine Begegnung mit der bösen Hexe Dzhesternag führt zu einem Kampf zwischen ihr und dem Prinzen. Letzter gewinnt und spricht nach ihrem Tod ein Gebet über ihrem Grabmal. Die Hexe wird Geschichte, ein Grabmal deutet daraufhin, dass auch sie Teil unserer Welt ist, dass auch sie würdevoll ist und an ihre Person erinnert werden soll. Interessanteweise bemerkt es die Wölfin, dass ihre Großmutter, die graue Wölfin, ihr bereits von Dzhesternag erzählt hatte. Wie soll man sich diese Hexe vorstellen? Eine Illustration der Hexe (Das Buch wurde sehr filigran von Assol‘ Sas illustriert) hilft dem Leser auf die Sprünge. Dzhesternag trägt ein buntes Kostüm und einen schwarzen Rock. Eine Schamanentrommel und ein Buch sind ihre Accessoires, über dem Gesicht befindet sich ein Tierschädel. Das Bildnis lässt den Betrachter erschaudern. Der Text beschreibt die Hexe im Flug, ihre langen, scharfen Krallen von roter Farbe leuchten in der Sonne.
Weiter führt der Weg Kara Zholdos und die Wölfe in eine Stadt, die an eine Stadt irgendwo in Zentralasien erinnert. Sie treffen auf freundliche Menschen und erreichen einen riesigen Platz, der von grünen Bäumen umsäumt ist. Und es steht auf dem Platz der Stadt, der von den Pilgern betreten wird, tatsächlich jemand – ein Mensch aus Fleisch und Blut, dessen Gesicht wie aus Erde gemacht ist. Die Figur sieht seltsam und fremd aus, inmitten der an ihm vorbeigehenden, festlich gekleideten Menschen der Stadt. Werden hier die Verhältnisse umgekehrt? Ist die Menschenstatue nichtig und arm und die Menschen um sie herum frei und unabhängig? Ist die Statue in Wahrheit nur ein Abbild einer starken Führerfigur, dessen charakterliche Schwächen hier versinnbildlich werden? In eine Schale, die vor der Figur steht, werfen die Vorbeigehenden Almosen. Von einem Städter erfährt Kara Zholdos, um wen es sich bei der ärmlichen Figur handelt. Diese Gestalt kommt aus einer anderen Welt und ist voller Sorge und Scham und sie ist nur deshalb auf dieser Welt, um Erbarmen und Herzlichkeit ihrer Bewohner zu erfahren. In einer anderen Welt verfügt die Figur jedoch über einen immensen Reichtum. Dieser Reichtum gehört nur dem Körper, nicht der Seele. Die Moneten, die der „verkehrte Held“ von den Städtern erhält, tragen alle Wörter wie „Mitgefühl“, „Freundlichkeit“ und „Gewissenhaftigkeit“ auf ihrer Oberfläche. Der Leser errät leicht, dass die Figur eine Art Spiegel eines demagogischen Herrschers darstellt, der für sein Volk nichts übrighat und erst am Ende die Erkenntnis macht, dass er Buße tun soll und das Volk um Verzeihung bitten. In dieser glücklichen Stadt wollen die Wanderer rasten. Glücklich ist die Stadt wahrscheinlich deshalb, weil innerlich und äußerlich Friede herrscht: „Niemand beachtete die Pilger, jeder hier, so schien es, war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, auf den Gesichtern der Vorbeigehenden lag ein Lächeln und es fiel auf, dass es nicht an das gegenüber gerichtet war.
Die Eindrücke der Umgebung wirken auf die Wanderer wie Postkarten und ändern sich innerhalb einer kurzen Zeit, mal ist die Fontäne fröhlich, dann wirken sie und die Bäume plötzlich bedrohlich. Der schnelle Wechsel der Wahrnehmung lenkt von der Monotonie der Steppe ab. Die Stadt ist sicherer Zufluchtsort und das Unbekannte zugleich. Die Wanderer werden von dem Herrscher Ol in seine Gemächer eingeladen, um dort zu nächtigen. Doch der nächste Morgen bringt nichts Gutes. Die Wölfin, Kara Zholdos‘ treue Begleiterin und Ziehmutter, wurde getötet und zwar von zwei menschenähnlichen Wesen mit gehörnten Köpfen. Auch der männliche Wolfbegleiter muss sich von einem Giftanschlag erholen. Ist es der Todestrieb, der sich gegen die instinktive, wölfische, wilde Natur richtet und für diese schlimmen Taten steht? Die Ausrottung des Wolfes als Angsttat, als Angriff auf die eigene, individuelle Vergänglichkeit?
Der weitere Weg des Pilgers und seines wölfischen Begleiters soll die beiden zu den westlichen Grenzen führen. Ein reißender Fluss ohne Brücke wird sie erwarten und der Bau eines Floßes. Dafür stellt Ol den Pilgern professionelle Bootsbauer zur Verfügung. Bei der Ankunft am Fluss bemerkt der Prinz, dass hier des nachts am Himmel gänzlich andere Sterne leuchten als in seiner Heimat. In der Erzählung von Momyshuly und Serebrjankij verkörpert der große Dangru (hier erinnert das Wort an die mongolische Bezeichnung für Himmel -> „Tengri“) das Göttliche. Der Wolfsbegleiter erkennt dies und ordnet alles seinem Willen unter. Dangru ist der Schöpfer: „Wir sind geboren, um unter diesem Himmel zu leben, jenen, den er [Dangru] erschaffen hat als Zeichen der Erinnerung und der Unendlichkeit der Schöpfung. Christliche Motive tauchen hier auf – der Widersacher wird in Form von gehörnten Wesen dargestellt, die auch für den Tod der Wölfin verantwortlich sind.
Die Herren und Herinnen der Erde des anderen Ufers, blinde Menschen, erlauben es den Pilgern in ihrem Land zu nächtigen. In einem Holzhaus werden sie zu einem Mahl eingeladen, bei dem die Gastgeber die Knochen des verspeisten Fleisches auf die Erde werfen. Ein Trauma, über das sie nicht sprechen, scheint über den Bewohnern des anderen Ufers zu liegen. Sie sind nicht nur blind, ihre Gesichter und Hände sind von Narben übersäht. Die Bewohner tragen außerdem keine Namen und verfügen auch nicht über ein Namensgedächtnis. Im Dialog mit den Bewohnern des anderen Ufers stellt Kara Zholdos fest, dass das Namensgedächtnis an schmerzhafte Ereignisse gebunden ist, an Traumata, die durch Kriege ausgelöst wurden. Im Augenblick dieser Erkenntnis heult der graue Wolf auf, so als seien Worte nicht mehr aussprechbar.
Interessanterweise stellt der Leser fest, dass die Begriffe „Westen“ und „Osten“ hier gänzlich befreit sind von Konnotationen. Zwar betont der Erzähler stets, dass sich die Pilger gen Westen bewegen, doch lässt er dem Leser die Wahl, sich die Bewegung auch in Richtung der östlichen Welt vorzustellen. Die Ankunft bei einem Abgrund, der durch eine natürliche, von Felsen gesäumte Grenze und eine Nebelwand gekennzeichnet ist, erinnert an das Ende der Welt. Ein neuer Horizont sticht hervor und eine Stadt erscheint hinter dem Abgrund. Khara Zholdos steigt den Abgrund hinab, alles ist von Gestein umgeben und weder Pflanzen noch Tiere erscheinen im Umkreis. Das Hinabsteigen ähnelt jedoch einem horizontalen Gehen bzw. Sehen – einem Lesevorgang möglicherweise. Als er beim Abstieg auf einen grauhaarigen Einsiedler trifft, der ihn dazu einlädt in seiner Höhle zu übernachten, nimmt der Schwarze Stern die Einladung an. Welche Rolle spielt der Einsiedler in dem Textkorpus, der ja einen Landschaftskorpus abbildet? Eremiten existieren in jeder Kultur und Religion. So gibt es beispielsweise auf dem Territorium Zentralasiens Eremitenhöhlen, wie die Sufihöhlen am Kaspischen Meer, die zum meditieren genutzt wurden. Meistens benötigen diese Menschen nicht viel zum Leben, wie man auch aus dem Mund dieses Einsiedlers erfährt: „Fladenbrote und Gedanken – mehr brauche ich nicht für meine Existenz.“
Khara Zholdos erreicht die Stadt und betritt diese durch ein Tor aus Lehm, das gänzlich verstaubt ist. Auf einem Platz inmitten der Stadt nimmt der Prinz die Umgebung wahr: Menschen und gehörnte Wesen leben dort. Letztere bestrafen die Menschen, genauer die Schamanen und Schamaninnen unter ihnen, weil diese den Regen beschworen haben. Anschließend findet eine Versammlung auf dem großen Platz statt. Bewohner und SchamanInnen vertreiben die Gehörnten mit Feuerfackeln, doch dann beginnt die ganze Stadt zu brennen. Als jedoch Khara Zholdos einen Schluck aus seiner Trinkflasche macht, bildet sich eine große Fontäne, löscht das Feuer und ein Regenbogen entsteht. Die Fontäne ist möglicherweise ein Kunstwerk für die Heilung von Traumata, der Regenbogen ein Handzeichen des Göttlichen, dass dieser Weg der richtige ist: durch künstlerische Interaktion zwischen den Kulturen können Kriege und Machtmissbrauch beendet werden.