Erstes Gedicht aus dem Gedichtzyklus „Der Wind der unterirdischen Nomadenumzüge“ (veröffentlicht in der kasachstanischen Zeitschrift Prostor, im Januar 2024; übersetzt aus dem Russischen von Lena Muchin)
der Riss dringt in die Wand ein, wie das Leben
in die Kunst –
das nackte Leben dringt in die kunstvoll
errichtete Wand ein
der schwarze Riss dringt in
den Raum der weißen Wand ein
der auseinanderklaffende schwarze Bruch breitet sich aus,
teilt das Weiße
wenn man den Fokus verschiebt von der schwarzen Linie
der Katastrophe –
kannst du mir sagen welches Weiß
das Weißeste ist?
erinnerst du dich daran, dass dieses Weiß einst
ein anderes Weiß war?
und außerdem – war das Weiß einmal ganz? wenn man
sich vorstellt
was auf dem Grund des Risses lag – ein Nagel
oder eine Verschiebung
von tektonischen Platten – ändert es
die Tatsachen? ist es immer noch
das Leben, das in die Wand eindringt, ohne zu sehen was
eine Zeichnung, ein Balken, ein Glühen, eine Lösung
ein Handwerk ist?
hast du das Leben für das Leben gehalten, auf
denn Riss blickend
in der Wand ganz am Anfang dieser Jagd
nach dem Bild?
Mit dem ersten Gedicht aus dem Zyklus „der Wind der unterirdischen Nomadenumzüge“, der in der kasachstanischen Zeitschrift Prostor (Januar 2024 / zhurnal-prostor.kz) veröffentlicht wurde, wirft der Avantgarde-Dichter Pavel Bannikov bei den Lesenden einige Fragen auf, beispielsweise ob sich diese an eine weiße Fläche erinnern, die anders aussah als die, wie sie vom Dichter beschrieben wird: ein Weiß vor dem Weiß – als Gegensatz zum Zeichen, ein befreites Weiß, eventuell die Rückseite des Schwarzen, die Implosion des Zeichens. Die Sprache ist weder lautmalerisch noch in ein Spiel versunken, sie ist klar und sinnhaft. Bereits die ersten Verse der ersten Strophe des Gedichts (der Riss dringt in die Wand ein, wie das Leben / in die Kunst -) eröffnen die Ausweitung des Räumlichen. Die Farbe des Risses wird in der ersten Strophe benannt (der schwarze Riss dringt ein in / den Raum der weißen Wand). Es handelt sich also weder um Rost, Schimmel oder irgendeine Verätzung. Die Farbe schwarz ist die Farbe von Teer, Dunkelheit; Erdöl kann schwarz sein und natürlich Tinte.
Weiterhin ist die Rede von einer Katastrophe (wenn man den Fokus verschiebt von der schwarzen Linie / der Katastrophe -), möglicherweise eine Katastrophe des Denkens, eine Verwirrung etwa durch zu viel Entropie, zu viel Zeichenhaftes, zu viel Schwarz. Und wenn der Fokus doch verlegt werden kann – von dem schwarzen Riss auf das Weiße (wenn man den Fokus verlegt von der schwarzen Linie / der Katastrophe -), fragt sich der Dichter, und ein Moment der Hoffnung tritt ein – kann der schwarze Riss in der Landschaft unseres Unterbewusstseins ausradiert werden?
Der Leser fragt sich natürlich auch nach dem Kontext des Titels des Gedichtzyklus und wie dessen Bedeutung mit dem Inhalt des ersten Gedichtes in Verbindung steht. Stellt der schwarze Riss vielleicht die Erinnerung dar? Wenn ja, dann ist der Bezug zur kasachischen Geschichte offensichtlich. Unterirdische Nomadenumzüge finden statt und verursachen einen Wind. Hier gibt es Erinnerungsmomente der Kollektivgeschichte zu trennen. Mit der Errichtung der sozialistischen kasachischen Sowjetrepublik entstanden in der neuen sozialistischen kasachischen Literatur folkloristische Mythen, die Notwendigkeit der Form wurde negiert. Diese wurde nun national imaginiert.
Subtil spricht das Gedicht durch den Titel auch den Klang von Sprache an. Er ist unterirdisch und gleicht einem Wind, ein Antagonismus, da unterirdische Winde nicht existieren. In der ersten Strophe des Gedichtes ist die Rede von einer „kunstvoll errichteten Wand“, die weiß ist. Möchte der Dichter damit sagen, dass jede Kultur ihr eigenes „Weiß“ hat, ihre eigene Vorstellung von Leere, von dem was hinter der Sprache liegt und nicht zu äußern ist, außer durch einen Eingriff in der Form eines schwarzen Risses? Die Jagd nach dem Bild, wie Bannikov den Blick auf den Riss bezeichnet – ist sie gleich zu setzen mit der de Saussur’schen Arbitrarität des Zeichens? Können wir uns also erst durch den Signifikanten vorstellen, was dahinter liegt oder existiert eine bildhafte Vorstellung außerhalb der Sprache? Wäre es animistisch anzunehmen, dass die Sprache des Windes (eine organische, natürlich entstandene, und nicht künstliche erschaffene Literatursprache), Bedeutungen transportieren kann, wenn sie auf das menschliche Bewusstsein stößt?
All diese Fragen bleiben offen und der Leser froh darüber, auf einen Kunstbegriff anzutreffen, der Kultur als Erinnerungsort versteht, welcher durch kunstvoll angelegte Wege begangen werden kann. Schwarze Risse als Spuren im Schnee, als Linien, verursacht durch das nomadische Umherziehen, Begrifflichkeiten, die durch Retrospektive erneuert werden können und befreit vom Ballast eines beispielsweise flachen Raumes des Sozialistischen Realismus.