Irina Gumyrkina Nun sind wir allein

Nun sind wir allein

und tonlos die Umrisse der Worte,

doch noch tonloser als alles andere –  der Mensch selbst…

Andrej Tavrov

Der Schnee heute ist weiß und schweigsam,

Und legt sich mühsam unter die Füße,

Taut gar nicht – seltsam und bange,

Und immer schwerer fällt es zu gehen,

Doch ich gehe bis ich weg geführt werde

Von der fast ununterscheidbaren Spur zur Grenze.

Nach ihr, ich weiß, wird es unmöglich sein

Sich selbst die Strapazen des Weges zu verzeihen:

Nach ihr ist der Schnee ganz anders – reiner,

Die Sonne weißer, und die Hügel ovaler,

Und der Himmel ist von Licht durchtränkt,

Weiter und dichter die Stille.

Meine Seele und mein Körper werden dort bettelarm sein.

Doch ich habe keine Angst, es ist ursprünglich:

Mit einem klanglosen Wort werde ich ohne Antwort bleiben,

Mit der Klanglosigkeit der Winter überstehe ich die Krankheit ganz.

***

Alles wie für Erwachsene: Bitterkeit, Tabakrauch.

Nur, weißt du: morgen wird es vorbei sein.

Der Fernseher heult auf jede Art und Weise:

Ein Flugzeug, ein abgestürztes Flugzeug.

Es sind nicht deine Verluste, nicht du bist dort.

Du krümmst vor Trauer den Mund in den Nachrichten.

Doch gewaltsam nehmen wir die Bürde auf uns,

Das heißt, es wird bald verheilen.

Den herben, nicht süßen Tee austrinkend,

Schaust du schwermütig durch das Fenster,

Wie die afghanischen Stare die Beute teilen –

Hartes Brot. Ein anderes gibt es nicht.

Keine Landschaften keine  anderen Farben drumherum –

Liebe du, was es gibt, schwarzen und roten Schnee.

Du weißt bloß: morgen zum nächsten Kreis,

Fliege hin, laufe dich nicht tot, Mensch.

***

Wir sprachen, manchmal schwiegen wir

Und rannten heraus, ohne den Mantel an zu ziehen,

Auf die Straße in herbstlichen Nächten,

Die Gedichte lasen wir laut. Und niemand

Konnte verstehen: woher wir waren –

Mit unseren müden Augen und der müden Seele,

Waren wir berauscht vom Wein oder von der Unterhaltung,

Das ist alles unwichtig – uns ging es gut,

Solange wir zusammen waren. Und dann, dorthin zurück gekehrt

Wo hasserfüllt sogar die Träume sind,

Wir wussten sicher, dass es nicht besser wurde,

Und wir bis zum Frühling durchhalten müssen.

Im Winter das Wasser, welches in Bächen lief,

Schwemmt Schicht für Schicht ab, und schon

Ist die Erwartung nachts nicht mehr furchtsam,

Man muss nicht einem Dieb gleich, auf der Hut sein,

Man muss den verwelkten Blick nicht verstecken –

Schau auf alles, als wäre es zum ersten Mal.

Ist es als Strafe oder als Belohnung uns –

Die Zeitlosigkeit, welche uns nicht verrät.

***

Es wird nichts übrig bleiben. Nichts einmal die einfache Rede

Sie wird wie ein Fluss austrocknen und nicht weiter fließen.

Und du wirst nicht verstehen, wie rein sie ist –

Wie die Träne von Christus

Nichts wird in Erfüllung gehen. Egal wie oft du fragst –

So leer ist über uns die pure Bläue des Himmels,

Nur das Echo multipliziert das heisere Lied der Krähen.

Und von allen Seiten

Nichts – kein Blick, kein Schwung einer fremden Hand:

Sie sind still auseinander gegangen, wie Kreise auf dem Wasser,

Sie schmolzen weg ohne Spur, wie der letzte Schnee.

Und es flachte ab

Alles, woran wir geglaubt haben, wir dachten – für immer.

Die Rede flachte ab, und der Stern war ausgebrannt.

Nichts zu machen. In der Ferne erlöschen die Feuer –

Nun sind wir allein.

***

Ich kehre dorthin zurück, wo die Zeit

nichts verändern kann,

wo der, auf die Erde gefallene Samen

in Gottes Handfläche wächst;

das Gras umrankt achtlos

die metallene Absperrung.

Ruhig windstill, heiter,

und man benötigt nichts mehr.

Doch sie ist wie eine Meereswelle,

bedeckt, und es wird plötzlich schrecklich,

davon, dass man nicht los lässt;

davon, dass auch ich eines Tages

nicht mehr kann – verschwinde, schmelze,

wie Zigarettenrauch im Wind.

Ich kehre zurück leer –

am Tod kann man nichts ändern.

***

Töte nicht meinen Glauben, welcher auf einem Haar hängt,

Und meinen letzten Frieden, bitte, stehle ihn nicht.

Ohne diesen ist es mühsam, wie ein Stein, eine Feder in der Hand,

Was ist von dem Vogel übrig geblieben, der in meiner Brust lebte.

Lüge mich nicht an in den Handlungen und in den Gedanken,

Ohne diese kann ich keine Träume sehen: keine eigenen, keine fremden –  keine Träume

Und dann ist es gleichgültig. Und dann – Leere im Inneren,

Und rufst du, rufst du nicht – es wird eine Stimme in der Antwort still sein.

Deswegen lasse mir keine Wahl, nach zu folgen

Und erkennen, wie –   ob salzig, ob bitter – im Geschmack.

Der in der Nacht gefallene Schnee wird lange nicht schmelzen.

Gehe nicht weg, lass nicht hier – ohne dich habe ich Angst.

***

Während du auf die Nachricht eines Menschen wartest,

Der niemals mehr schreiben wird –

Weil dort, wo er ist, gibt es keinen Schmerz,

Und der azurblaue Himmel ist reiner als die Luft nach dem Regen

In dieser Stadt, welche uns langsam tötet;

Noch erwartest du vom Meer ein gutes Wetter,

Dieses brennt allmählich nieder

Und es bleibt nur noch die tiefschwarze Asche,

Sammele diese und knete daraus eine unbezwingbare Festung –

Grenze dich ab von dem was geschehen ist und was geschehen wird:

Vom menschlichen Umkehrgrenzpunkt

Davon, dass auch der Himmel eines Tages

Verbrennen wird mit einer dunkel-blauen Flamme.

Ein Kommentar zu “Irina Gumyrkina Nun sind wir allein

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