Timur Nigmatullin: „Ich lüge nicht, Mama“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Kaptel I. Als erster darf  man nicht lügen

„Nässt er auch ein?“ fragte eine dicke Frau mit einem Schal über den Schultern und schaute meine Mutter an, „wie alt ist er?“

„Acht,“ antwortete ich, „Ich scheiße.“

„Also!“ die Mutter zog mich am Ärmel, „er ist sechs. Das war ein Witz. Sind sie die letzte in der Schlange?

„Da ist die letzte,“ die Dicke presste die Lippen aufeinander, verwandelte diese in einen Hühnerhintern, und nickte Richtung der buckligen Alten, die vor dem Arztzimmer saß.

Die Mutter ließ meine Hand nicht los, ging in die Mitte des Flurs und setzte sich auf die Bank.

„Sind sie die letzte?“

„Sie nagt bis zum Fleisch. Beißt es mit der Wurzel aus,“ antwortete die Alte und zeigte auf ihre Hand. Die Nägel auf den Fingern waren heraus gerissen, an ihrer Stelle schaute rosa Fleisch  hervor, wie ein zerkautes Würstchen.

„Schau nicht hin,“ meine Mutter bedeckte meine Augen, „geh spielen, so lange du noch Zeit hast.“

„Was ist denn nun mit dem Ihrigen?“ fragte beunruhigt die Dicke und rückte näher zu uns. „Stottert er? Meiner nässt ein. Das nervt, in der ganzen Wohnung riecht es nach Urin. Die Stirn ist schon erwachsen, sollte schon mit Weibern beginnen, und er pisst ein,“ sagte sie und setzte sich dicht zur Mutter, „der Ihrige ist auch etwas seltsam! Wahrscheinlich betrunken gezeugt?“

„Hören Sie!“ die Mutter wurde aufbrausend, „was wollen Sie?“

„Nichts,“die Alte wurde beleidigt und ihr Gesicht verwandelte sich in einen Hühnerhintern, „diese Geheimnistuerei. Sie sind wohl eine aus der Intelligenzija.  Ihr wollt alle rein  bleiben. Aber daraus wird nichts!“

„Der Ihrige wird geschlagen,“ sagte ich und zeigte zum Fenster, „hören Sie, wie er weint?“

„Wo?“ Die Dicke sprang plötzlich von der Bank auf und rannte zum Ausgang. Hinter ihr lief gebeugt die Alte, in solch einem Aufzug, dass mir ganz schwindelig wurde. Solche Kühe habe ich bei meinem Vater im Fleischkombinat gesehen: In den Augen sind Tränen, sie verstehen es und gehen trotzdem…

Die Dicke kam zurück und atmete schwer:

„Was, ist er immer am lügen? Da hat niemand niemanden geschlagen. Warum lügst du die Erwachsenen an? Mal sagst du, du seist acht, mal, dass sie meinen Dima schlagen. Er spielt ganz ruhig mit Alisa.“

„Geh du auch spielen,“ sagte die Mutter streng, „geh nur nicht zu weit weg.“

Ich rannte nach draußen. Mir entgegen kam die Alte im gleichen Aufzug wie vorhin. Bereitet sie sich auf den Tod vor, dachte ich und ging auf den Hof.

Im Sandkasten unter dem Dach saßen Dima und Alisa, sie bauten entweder ein Schloss oder eine Burg. Ich erkannte den Unterschied zwischen den beiden Bauweisen nicht. Hier wie dort sind Türme, Wände, Schießscharten. Onkel Naum sagt, dass bei vielen Dingen unseres Lebens der Unterschied nur im Namen liegt, in Wirklichkeit sind sie ein und dasselbe. Er brachte noch ein Beispiel. Nach diesem Beispiel spricht Babaj nicht mehr mit mir, ich habe ihn wohl, einen Kommunisten und Kriegsveteranen mit Faschisten gleich gesetzt. Aber das bin nicht ich, das ist Onkel Naum.

„Was baut ihr? Und wer sind die Insassen?“

„Menschenesser, „ sagte Alisa, „die haben jemanden gegessen.“

Ich schaute mit Interesse das Mädchen an. Weiße Strumpfhose, Sandaletten mit Blümchen an den Verschlüssen, auf dem Kopf eine rote Schleife. Das Gesicht dünn und lang gezogen. Der neben ihr sitzende Dima anders, aufgedunsen, dichte Brauen und einer großen Stirn. In Märchen nennt man so welche wie ihn Herrschersöhnchen.

„Wie alt bist du?“ fragte ich Alisa.

„Sieben,“ antwortete sie und starrte mich an. Nachdem sie das Gesicht studiert hatte, schaute sie  nach unten und blieb mit ihrem Blick auf meinen Händen hängen. Ich bemerkte, wie die Ecke ihres Mundes etwas schief wurde und sie ihre Zähne zeigte, ein dünner Spuck – Faden floss auf den Sand.

„Alisa,“ rief jemand leise in unsere Richtung, „wir müssen los.“ Die Alte streichelte Alisas Kopf, zog sie heraus aus der Abriegelung und stupste leicht ihre Schulter. Die rote Schleife wackelte bewegte sich kurz auf die Seite,  Alisa  hob wieder ihren Blick auf mich und als ob sie etwas kauen würde, schluckte sie die Spucke runter, „Papa wartet. Lass uns gehen.“

Dima und ich blieben alleine im Sandkasten. Es stellte sich heraus, dass er zehn Jahre alt war. Eine Burg bauen konnte er nicht, er malte auf dem Sand eine Sonne, mit mehreren Sonnenstrahlen. Die Sonne wurde schief. Es war kein Kreis, sondern ein Oval und das ganze sah eher einem Tausendfüßler, welcher sich im Sand verirrt hat, ähnlich.

„Man sagt, ich sei ein Dummkopf,“ lächelte Dima, „Mama sagt, ich sollte Rente bekommen. Und wenn man Rente bekommt, darf man im Boroovyj umsonst baden gehen. Bekommst du auch Rente?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Mama sagt, dass ich das von Papa habe. Der sei auch ein Dummkopf. Nur bekommt er keine Rente. Hast du einen Vater?“

„Habe ich,“ sagte ich, „er arbeitet im Fleischkombinat.“

Dima beendete seine Zeichnung, stieß mit einem Zweig in den Sand und hinterließ ein löchriges Sandfeld. Er machte es mit solch einer Monotonie, sodass er tiefe Gräben hinterließ und sich der nächsten  Reihe widmete.

Ich fand es langweilig daneben zu sitzen und beschloss das Territorium des Krankenhauses zu inspizieren. Das Gebäude war durch einen hohen Eisen-Zaun umschlossen. Ich versuchte drüber zu klettern, aber nach dem dritten erfolglosen Versuch beschloss ich, dass, die Erkundung des Zaunes ebenfalls eine Aufgabe sei und ich begab mich in Richtung Wärterhäuschen, welches am Ende des Pfades lag.

Das Gebäude des Krankenhauses war halb so klein wie die Länge des Zaunes, dafür stand direkt dahinter ein Gebäude mit zwei Etagen aus grauem Stein. Auf einer blauen Tafel stand der Buchstabe „Z“. Das Gebäude war von Blumenbeeten umkreist. Ich umkreiste es und fand mich im Innenhof wieder, in dessen Mitte anstatt eines Sandkastens, sich ein quadratisches Netz befand, das einem Basketballfeld ähnelte. Innerhalb des Netzes, gingen in einer Kette hintereinander Männer in gestreiften Anzügen. Ich ging ganz nah an das Netz und steckte meinen Finger hinein.

„Wohin, Kerlchen?“ kam aus der Ferne ein Schrei und im selben Moment spürte ich, wie jemandes Hände nach meinem Finger griffen, sie zogen mich näher zum Netz, hielten mich an den Haaren, sodass ich mein Gesicht nicht vom Netz nehmen konnte. An das Weitere erinnere ich mich nur dunkel. Gegenüber von meinen Augen öffnete sich ein riesiger Rachen, der etwas stinkendes ausatmete und zwischen der verfaulten Zähne entzündete sich eine Flamme, die sich schlangenartig entzwei teilte. Das Feuer leckte meine Wange und rutschte nach oben zu meinen Augen.

„Haltet ihn fest, ihr Fotzen!Ich bringe dich um!“ war das letzte, was ich gehört hatte, bevor ich das Bewusstsein verlor.

…Mama beugte sich über mich und weinte.

„Schon wieder bist du in Not geraten.“

„Gut, dass wir schnell zur Hilfe waren,“ sagte der Sanitäter im weißen Kittel, der in der Nähe stand und sich das Blut auf dem Ärmel weg wischte, „dort heilt man die ganz wild gewordenen. Man gibt ihnen Tabletten. Ständiger Hunger. Sie fressen alles was sie in die Finger bekommen. Seid hier vorsichtig.“

Ich schaute mich um. Im Inneren des Netzes war niemand mehr. Nur irgendjemandes Kleidung lag da herum und irgendjemandes Blut bedeckte den Asphalt.

„Du hast mir wieder einen Schrecken eingejagt,“ sagte die Mutter und wischte sich die Tränen ab, „versprich mir, deinen Kopf nicht in fremde Angelegenheiten zu stecken.“

„Ich verspreche es,“ sagte ich und sprang von der Bank auf, „wo sind Dima und Alisa?“

„Sie wurden eingewiesen. Nun komm, wir sind an der Reihe.“

Im Büro des Kinderpsychiaters  war es langweilig. Das einzig interessante war nur der Hammer, mit dem er einige Male auf meine Knie klopft, und ich, um ihn nicht zu verärgern, hob zweimal das Bein. Der Arzt sagte, dass er Onkel Anatolij Ivanovič heiße, man könne ihn auch Onkel Tolja nennen, und er reichte mir ein Bonbon.

„Diathese,“ sagte ich.

„Stimmt das?“ fragte  Anatolij Ivanovič die Mutter.

„Er phantasiert,“ atmete die Mutter auf, „deswegen sind wir zu Ihnen gekommen.“

„Hat er öfter so etwas?“ Der Arzt begann irgend etwas in sein Heft aufzuschreiben.

„Ständig. Ich höre von ihm nie die Wahrheit. Nach wem kommt er bloß?“

„Onkel Naum sagt, nach Gorbatschow.“

Anatolij Ivanovič hob die Augen, blickte erst mal auf mich, dann auf die Mutter, schmunzelte über irgend etwas und fuhr damit weiter fort, seine Aufzeichnungen zu machen. Als er diese beendet hatte, machte er das Heft zu, drehte den Kugelschreiber in seiner Hand und fragte:

„Wollen Sie sich mit ihm einweisen lassen?“

Die Mutter erzitterte.

„Anders geht es nicht,“ sagte Anatolij Ivanovič, „man muss so lange es noch nicht zu spät ist, ihn in die Realität zurück bringen. Er glaubt an das, was er erfindet. Das ist gefährlich. Wer ist Onkel Naum?“

„Ein Nachbar. Säufer. Aber ruhig, „sagte hoffnungsvoll die Mutter, als ob mein Schicksal in diesem Krankenhaus davon abhinge, dass der Nachbar zwar ein Säufer, aber ruhig ist.

„Er besucht ihn oft, wenn ich und mein Ehemann arbeiten. Müssen wir wirklich eingewiesen werden?“

„Warum bist du in den Käfig mit den Kranken geklettert?“ lenkte Anatolij Ivanovič das Gespräch in eine andere Richtung, „noch ein bisschen und man hätte dich in Stücke gerissen. Du weißt nicht, welche Menschen dort liegen. Hast du mit Alisa im Sandkasten gespielt?“

„Nein,“ ich wunderte mich, woher dieser glatzköpfige mit einer Glatze wie ein Knie, Arzt über den Sandkasten Bescheid wusste.

„Von hier aus sieht man alles,“ Anatolij Ivanovič zeigte zum Fenster, „außerdem hat sie es mir erzählt, sie sagte da sei ein Junge im Matrosenkostüm, ein schöner Junge mit schönen Fingern. Was sagst du dazu?“

Das aller abscheulichste ist, wenn man von zwei Seiten attackiert wird . Er hat mich aus dem Fenster beobachtet. Das hat Alisa ihm erzählt. Die Wahrheit ist noch abscheulicher, auch wenn sie nicht von dir stammt.

„Ich habe nicht gespielt,“ ich drehte mich weg von Anatolij Ivanovič, „sie hat gespielt.“

„Aha, ein Philosoph bist du also. Ja, ja. Die Sache ist eine andere. Hast du ihre Oma gesehen? Antworte nicht. Ich weiß es. Du hast sie nicht gesehen. Also. Die Alte mit den heraus gerissenen Fingernägeln. Von Alisa aufgefressen. Auf den Füßen die gleiche Geschichte. Alisa gewinnt Geschmack daran. Sie trainiert, kann man sagen. Und danach frisst sie es auf. Ob sie es raus haut oder lebendig abnagt, kann ich nicht sagen. Aber Fakt ist, dass sie es machen wird.

„.Was erzählen sie so etwas meinem Kind?“ rief die Mutter, „wie können Sie nur?“.

 Anatolij Ivanovič schaute erst mal sie streng an, dann mich.

„Du hast zwei Möglichkeiten, entweder du hörst auf zu lügen oder du wirst neben solchen wie Alisa liegen. Dima wird ebenfalls neben euch sein. Nur nässt er nicht unter sich ein, sondern unter andere. Ist das lustig?“

Die Mutter riss die Augen auf, schaute auf den Arzt und schwieg.

„Was sagst du?“ fragte  Anatolij Ivanovič und machte eine Pause, „du hast die Wahl.“

Ich schaute auf die Mutter. Sie war bleich wie Kreide, welche ich morgens im Kindergarten von der Tafel klaute und aß.

„Dann lege ich mich hin,“ sagte ich und machte die Hände zu Fäusten.

„Lügt er?“ fragte der Arzt die Mutter.

„Er lügt,“ sagte die Mutter und begann meine Sachen zu packen, das heißt wir können gehen?“

„Das geben Sie ihm abends. Das ist nichts Schlimmes. Ein Kräutersud,“ sagte  Anatolij Ivanovič und reichte der Mutter ein Blatt Papier. Beim Verlassen des Büros blieb sie kurz stehen, drehte sich um und fragte:

„Sollen wir Onkel Naum meiden?“

„Warum?“ wunderte der Arzt, „soll er ihn ruhig besuchen. Zu mir – wieder in einem Monat. Wir sehen dann was raus gekommen ist. Nun, lerne lesen,“ blinzelte mir  Anatolij Ivanovič zu und wischte sich seinen Kopf mit einem Taschentuch ab.

Nachts, vor dem Einschlafen, reichte mir die Mutter irgend eine Flüssigkeit, die nach einer Wiese roch. Auf der Oberfläche des Suds schwammen irgendwelche orangen Blätter.

„Wie heißt die Arznei?“ fragte ich die Mutter.

Diese las mir den Namen auf der Schachtel vor.

„Calendula oder Ringelblume“

„Was denn nun – Ringelblume oder Calendula?“

„Was gefällt dir besser?“ die Mutter streichelte meinen Kopf, „das wähle aus.“

Ich schaute auf meine Finger.

„Ringelblume, glaube ich.“

„Lügst du auch nicht? Erinnerst du dich, was der Onkel Doktor gesagt hat?“

„Ich lüge nicht,“ antwortete ich , wünschte ihr eine gute Nacht und deckte mich zu.

Nachts schrie Onkel Naum hinter der Wand und bat Gorbatschow darum, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen.

Kapitel II. Tatarisch-Unterricht

Meinen Opa nenne ich Babaj. Im Tatarischen heißt es Opa. Und die Oma nenne ich Abika, was übersetzt Oma heißt. Mehr tatarische Wörter kenne ich nicht und nun sitze ich hier und lerne sie mit Babaj in der Küche, während Abika bališ backt.

„Isenmesez“, sagt er zu mir und schaukelt im Schaukelstuhl: was bedeutet das?“

„Hallo“ antworte ich.

Welches hallo! Ein ganz schlechter Schüler bist du! Das heißt „Guten Tag“.

„Dann guten Tag!“

„Ati?“

Ich hebe die Augen zur Decke und mache den Anschein, als ob ich mich erinnern würde. In Wirklichkeit verstehe ich nicht, wie man Ati übersetzt, dafür erinnere ich mich, wann im Kinostudio „Oktober“der Film „Der kurze Abschluss“,  anläuft, den ich schon fünf Mal gesehen habe und noch einmal sehen könnte, wenn ich alle Fragen Babajs richtig beantworte.

„Also was heißt Ati?“ fragt er ,

„Papa,“ errate ich und treffe es auf den Punkt.

„Sehr gut Balam,“ freut sich Babaj und spricht  Abika auf tatarisch an, dann dreht er sich zu mir und reicht mir ein Blatt Papier und einen Stift.

„Und nun einen Aufsatz zum Thema „Heimatstadt“.

Babaj hat vergessen, dass ich weder schreiben noch lesen kann, ich kann nur sprechen und daran erinnert ihn Abika: „Ana alty jel. Er kann es noch nicht.“

„Dann werde ich schreiben, und du sollst lesen.“  Babaj hält den Kugelschreiber  über dem Blatt und beginnt zu schreiben.

„Wir leben in einer kleinen Stadt.“ Ich suche Bilder für den Aufsatz und schaue aus dem Fenster, welches einen Ausblick zum Fluss bietet, „diese liegt am schönen Fluss Išim. In diesem schwimmen Menschen und Segelboote. Wir baden jeden Tag im Fluss, wenn es draußen warm ist, obwohl wir nicht schwimmen können.“

„Beeile dich nicht,“ der Großvater wischt die Brille mit einem Tuch ab, „was hatten die Boote?“

„Segel,“ sagte ich und fahre fort mit dem Vortrag, „am Abend fahren Papa und ich Tretboot oder gehen angeln. Eines Tages sind wir von der Brücke in den Fluss gesprungen, er nennt diese „Visjačka.“

„Maskara,“ Abika drehte sich zu uns, „hörst du, was er sagt?“

„Tretboote und Angeln,“ Abaj schafft es fast nicht, es aufzuschreiben, „wie weiter?“

„Weiter machten wir ein Floß, schwammen den Išim entlang von der Datscha bis zum Dorf Kirovo und sangen ein Lied,“ ich stand vom Tisch auf und sang, den Schlagersänger Kobzon nachahmend. „Und du weine nicht und sei nicht traurig, meine teure, wenn ich im Meer ertrinke, dann ist es mein Schicksal!“

„Astagfirullah,“ sagte Abika.

Babaj kam nicht mehr mit, hörte auf meinen Mist aufzuschreiben und zog die Brille aus.

„Ich habe das Gefühl, dass wir nicht  im Neuland leben, sondern am Hafen. Haben wir etwas außer deinem Išim nichts mehr in der Stadt? Da fließt er durch die Stadt, und weiter?“

Er floss in den Irtyš,“ antwortete ich.

„Und weiter?“

„In den Ob’“

„Und danach?“

„Und dann floss er in den Karasee!“

„Und die Obskaja-Lippe?“ Babaj stand vom Schaukelstuhl auf und näherte sich der Karte, die an der Wand hing, „weißt du noch, ich habe es dir beigebracht, dass zuerst von hier, „Er zeigte mit seinem Fingern auf den Punkt, welcher sich am Rand des Landes befand und mit brauner Farbe angemalt war, „und dann nur noch in die Karasee. Wo soll es am Ende hinführen?“

„In den Arktischen Ozean,“ sagte ich feierlich und ahnte, dass der Unterricht sich dem Ende neigte.

Babaj setzte sich wieder in seinen Schaukelstuhl und grübelte über etwas. Währenddessen holte Abika den Bališ aus dem Ofen, nahm ihn vom Backblech und stellte ihn auf den Tisch.

„Lasst uns essen,“ sagte sie und goss Tee mit Milch in die Schalen, „danach könnt ihr weiter lernen.“

Ich verschlang drei große Stücke des Apfel-Bališ und trank zwei Schalen Tee. Babaj schwieg die ganze Zeit. Er schwieg oft während des Essens. Ich war derjenige, der quatschte, sich auf dem Stuhl hin und her bewegte, mal aufstand und in ein anderes Zimmer lief, als ob ich das etwas wichtiges vergessen hatte. Dafür bekam ich Rüge, und wurde dazu gezwungen, mir ständig die Hände zu waschen.

„Und was kommt da raus?“ sprach endlich Babaj, „dein Aufsatz- welchen Sinn hat es? Was haben wir mit dem Fluss gemeinsam?“

„Gemeinsam?“fragte ich und und schnappte mir noch ein Stück Bališ  in dem Augenblick als Abika  bereits vom Tisch ab zu räumen begann.

„Kaue erst mal zu Ende,“ sagte sie „und antworte dann.“

Ich kaute den süßen, warmen, tatarischen Kuchen und drehte in meinem Kopf hin und her, was wir mit dem Fluss gemeinsam haben könnten. Warum habe ich mich überhaupt daran erinnert als ich über die Heimatstadt erzählte. Im Kindergarten bringt man uns bei, über das Korn zu sprechen. Wir malen ständig Bilder vom Korn. Goldene Ähre, goldenes Körnchen. Keine Stadt, sondern ein Kornaufbewahrungslager.

„Nun, du hast mit dem Išim begonnen,!´“ fing  Babaj an, mir Tipps zu geben, „also ob dein Fluss durch die Stadt fließt und dann in einen anderen Fluss mündet. Welche von den beiden ist dann der größere?“

„ Irtyš,“ sagte ich, „der ist größer.“

„Und  Irtyš mündet deinen Worten nach in einen anderen?“

„Also der Ob‘ ist noch größer,“ ich verstand den Tipp Babajs. „Und der Karasee, ich meine die Lippe am Anfang von der Ob‘, ist richtig riesig, und das Meer ist noch größer, und der Ozean nimmt die halbe Welt ein.“

„Das ist richtig,“ sagte Abaj, „und mündet…?“

„Und mündet…“ wiederholte ich.

„Was…“

„Was…“

„Wir…“

„Wir…“

„Wir sind Menschen, die am Ufer des  Išims leben.“

„ Išim“ ich wollte den Satz nicht laut aussprechen

„Wir sind auch an der Arktis beteiligt und gehören zum Beginn des großen Weges.“

„Das gibt es doch nicht,“ wunderte ich  mich ernsthaft und kratzte mich am Kopf, „Das ist ja was!“

„Und du dachtest,“ sagte Babaj zufrieden mit seinen Worten, „dass es die Heimatstadt ist. Das Heimatland. Verstehst du? Alles hängt irgendwie zusammen. Du sprangst von der Brücke in den  Išim und davon kam im Karasee eine Welle auf. Du hast gestern im Park den Baum getreten? Und ich Afrika fiel ein Baobab um, direkt auf einen Elefanten.“

„Ich werde es nicht mehr machen,“ ich wurde traurig wegen der gestrigen Tat, „wirklich, ich werde keine Bäume mehr treten.“

„Dafür hast du auf der Datscha Radieschen gesät. Und Radživ Gandi hat in Indien mehreren Kindern zu essen gegeben.“

„Mit Radieschen?“ fragte ich erstaunt, „etwa mit meinen Radieschen?“ „Uff,“ Abika wusch das Geschirr zu Ende und atmete laut auf, „gibt es nichts anderes, was du dem Kind beibringen kannst? Hat dein Kinofilm nicht schon begonnen?“

Ich erinnerte mich an den Film. Wenn man läuft, sind es bis zum Kinotheater „Oktober“ fünf Minuten. Die Uhr lesen konnte ich noch nicht. Ich versuchte mich an der Sonne zu orientieren, wie Gojko Mitič im Film „Čingačuk – die große Schlange,“ doch es klappte nicht. Onkel Naum sagt, das liegt daran, dass ich kein richtiger Inder bin. Nur nach dem Vater.

„Und wie viel Uhr haben wir?“ ich rutschte auf dem Stuhl hin und her und vergaß augenblicklich das Heimatland und die Radieschen für die hungrigen Kinder in Indien.

„Du schaffst es,“ Babaj nahm von der Sessellehne seinen gestreiften Pyjama, nahm aus der Tasche einen Rubel und reichte mir diesen, „hier, für ein Eis.“

Ich zog mir Sandalen an und lief zum Kinotheater, lief vorbei am ewigen Feuer, schaute auf die unbeweglichen Pioniere, die daneben standen, fing auf mir ihren stolzen Blick auf und flog weiter.

Das Kinostudio war voller Menschen. Ich winkte mit der Hand den mir bekannten Jungs zu, setzte mich bequem in einen Sessel und begann den Film zu schauen, dabei auf  dem Papierbecher vom Eis kauend. In dem Moment , als der Roboter Nr. 5 den Grashüpfer zerdrückte, verstand ich endlich die Worte Babajs über die Radieschen und über Radživ Gandi.

Julia Agentova: „Die Formel der Liebe“

Übersetzt von: Lena Muchin

Paul saß am Tisch und drückte mit seiner ganzen Kraft die Hände auf seine Ohren. Wenn er sie runter nahm, um eine Seite um zu blättern oder irgend etwas in sein Heft zu schreiben, hörte er aus dem Nachbarzimmer:

„Wir existieren für dich nicht! Nur Formeln…“

„Weißt du, das gehört zu meiner Arbeit!“

„Wofür hat man Neujahrferien? Damit sich die Menschen mit ihren Familien ausruhen…“

„Aber letztes Jahr warst du ihm Dienst!“

„Ja, und dieses Jahr nahm ich mir vier Tage frei, um bei euch zu sein. Du hast versprochen, mit mir ins Theater zu gehen. Ich habe bereits Tickets besorgt.“

„Nimm deine Freundinnen mit.“

Mir bleiben nur die Freuninnen!“

„Wir gehen auch mal hin. Nur später.“

Allein mir fehlt der Glaube! Wie oft hast du es schon verspochen?“

„Ninchen, ich bin doch nicht Schuld, dass die Einladung vom NII jetzt erst kam und, dass heute erst  die Listen bestätigt wurden.“

„Ja, ja! Du kannst nie was dafür.

„Ja, ich trage die Schuld! Aber es betrifft eben mein Thema!“

„Nur ich gehöre nicht zum Thema!“

Paul machte wieder die Ohren zu. Am meisten hasste er es , wenn die Eltern sich stritten. Es war dann so unangenehm auf der Seele, dass er, um sich abzulenken, eine Sammlung mit Matheaufgaben nahm und zu rechnen begann. Sein Vater war einer derjenigen, die die Sammlung zusammenstellten und die Aufgaben in der Sammlung waren sehr interessant. Wenn er an sie dachte, vergaß er alles um sich  herum. Doch der Knall der Tür war sogar durch die Hände zu hören. Wer war es diesmal?“ Paul wollte aufstehen, um zu schauen, aber nun betrat der Vater den Raum.

„Verzeih mir Sohn! Haben wir dich gestört?“

„Nicht wirklich…das ist nur so. Keine Hausaufgaben.“

„Und? Klappt es?“ fragte der Vater als er auf dem Tisch die ihm bekannte Sammlung sah.

„Ja, zwei Aufgaben habe ich schon gelöst…Pa, warum streitet ihr immer?“

Der Vater setzte sich auf das Sofa, senkte den Kopf  und fasste an sein ohnehin schon ausgeprägtes Kinn. Seine schwarzen Haare standen in alle Richtunge und die Augen, wenn er diese hob, schauten sie verzweifelt drein. Dann sprang er auf und streckte die Arme vor sich aus:

„Ich weiß selbst nicht, warum das so ist…verstehtst du, ich bin Wissenschafler, ich kann die aller schwersten Formeln lösen und der eigenen Ehefrau, deiner Mutter, kann ich gar nichts beweisen! Und die Formel einer guten Beziehung kann ich nicht ableiten. Ja, um wieviel ist doch die Mathematik einfacher als das Leben!“

Er atmete ein und fügte hinzu:

„Söhnchen, ich fahre weg, möchte aber, dass du und deine Mutter euch gut erholt. Hier ist ein wenig Geld, das habe ich für die Veröffentlichung bekommmen, kauf dir irgendetwas davon oder geh irgendwohin.“

Auf dem Tisch hinterließ er ein Päckchen Scheine.

„Gut Papa, mach dir keine Sorgen.“

Der Vater schmunzelte, streichelte den Sohn auf den Kopf und verließ das Zimmer.

Paul nahm das Gedl und beschloss etwas raus zu gehen. Er wusste noch nicht, was er kaufen sollte und setzte sich auf die Bank im Hof, um etwas nach zu denken. In seiner Seele fühlte er sich wie immer einsam, nicht nur wegen der Eltern. Als er gestern seine Klassenkameradin ins Kino einladen wollte, schaute diese finster drein, zuckte mit der Schulter und sagte:

„Nein, ich mag nicht. Lass mich in Ruhe,“

Vater hat recht. – Wenn es eine solche Formal  geben würde, sei sie auch so groß, wie ein Haus mit vier Stockwerken, er hätte sie trotzdem lösen können. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann. Aber eine solche Formel gib es nicht. An ihm ging ein alter Mann im Mantel und Filzstiefeln vorbei. Er blieb neben der Bank stehen und blickte aufmerksam auf Paul.

„Darf ich mich setzen, junger Mann?“

„Setzen Sie sich…“

Es gab zwar viel Platz aber  Paul rückte für alle Fälle ein Stückchen weiter.

„Warum bist du traurig? Es ist ja schließlich bald Neujahr, überall stehen Tannen,“ beugte sich zu ihm der Alte.

Paul schmunzelte:

„Welchen Sinn hat es? Die Tannen sind für die Kleinen.“

„Was wünschst du dir zum Neujahr? Hast du irgendwelche Wünsche?“

Paul zuckte mit den Schultern.

„Habe ich, aber diese können nicht in Erfüllung gehen.“

„Warum?“

„Weil diese nicht einfach sind.“

„Vielleicht kann ich helfen?“

Paul bekam einen Lachanfall.

„Nein, Sie können nicht helfen. Wir brauchen einen guten Mathematiker.“

Der Alte wunderte sich noch mehr:

„Wozu brauchst du einen Mathematiker?“

„Ich muss eine Formel ableiten.“

„Welche Formel brauchst du denn?“ Der Alte schaute Paul aufmerksam an mit seinen grauen, etwas feuchten Augen.“

„Also, eine solche…“

Paul schwieg, suchte nach Worten und klärte dann auf:

„Eine solche, damit sich die Menschen nicht streiten, dass sie grundlos eine Bitte nicht ablehnen, damit sie immer ein gutes Verhältnis zueinander haben. Um es kurz zu sagen, wie man sich so verhalten soll, dass…

„Weißt du es denn nicht?“

Paul zuckte mit den Schultern.

„Du brauchst also eine Formel der Liebe,“ sagte nachdenklich der Alte.

Er war irgendwie seltsam. Paul stand schon auf, um weg zu gehen, aber der Alte sagte plötzlich:

„Wir müssen nichts erfinden. Es gibt eine solche Formel.“

Paul schaute ihn verwundert an.

„Warte, ich glaube ich hatte einen Zettel dabei…“

Der Alte kramte in seiner Hosentasche, holte ein zerknittertes Blatt heraus, aus dem Brustbeutel des Mantel einen kleinen, fast ausgeschriebenn Bleisitft, drückte den Zettel auf die Bank und begann schnell etwas zu schreiben.

„Hier.“

Das konnte nicht diese Formel sein! Das war zu einfach: keine Brüche, keine Wurzeln und sogar keine mathematischen Ausführungen. Paul hob den Kopf, um es zu sagen aber der Alte war schon irgendwohin verschwunden.

Der Junge schaute wieder verständnislos auf den Zettel.

„Aufmerksamkeit, Verständnis, Sorge“ stand darauf geschrieben.

„Dummheiten!“ dachte Paul und warf den Zettel in den Schnee.

Er ging in den Supermarkt und die Worte schwirrten immer noch in seinem Kopf herum- „Auf-merksamkeit, Ver-ständns, Sor-ge“, – knirschte aus irgendeinem Grund der Schnee . Diese Worte formten sich auch aus den Lichtern der Reklame.

Paul irrte in dem Supermarkt umher, konnte aber nichts aussuchen. Und als er nach Hause kam, legte er sich früher ins Bett, da er sich Sorgen machte, dass er wieder die Streiterei der Eltern hören würde. Er erinnerte sich an die  Worte des Alten am nächsten Tag als er aufwachte. Es schien sogar, dass er von ihnen geträumt hatte, doch der Traum selbst, wie das häufig so ist, verschwand sofort aus der Erinnerung.

„Vielleicht liegt in ihnen doch etwas wahres?! Dachte Paul beim Frühstück. „Man sagt ja nicht umsonst, dass alles Geniale einfach ist“ und auf dem Weg zur Schule hob er den Zettel auf, der noch neben der Bank lag. Im Matheunterricht hatte er Zeit, um nachzudenken, Im Test hatte er zwanizig Punkte von zwanzig möglichen gesammelt, also musste er keine Berichitgung machen.

Rimma Anatol’evna gab ihm ein paar Aufgaben und bat ihn, Michel, der neben ihm saß , zwei Rechenaufgaben zu erklären.

Paul beschloss, die Rechenaufgaben nicht zu lösen, es würde heute diese sowieso keiner überprüfen und im neuen Quartal gibt es auch neue Hefte. Michel war nicht dumm, er war einfach aus dem Ausland und sprach schlecht Russisch, und konnte deswegen die Aufgaben nicht lösen. Als er seine Fehler verstanden hat, begann er die Aufgaben selbst zu lösen. Paul schaute auf die vor ihm sitzend Polina, auf ihre elegant geflochtenen Zöpfe und fragte sich, wie er bloß die Formel überprüfen könnte.

„Aufmerksamkeit…“

Paul schaute auf die Schulbank, dann unter die Schulbank, und schließlich auf den rosanen Rucksack. Auf dem Boden neben ihm stand eine kleine Tasche, aus welcher ein Teil eines weißen Schuhs heraus schaute. Schlittschuhe! Das wusste er doch: Polina geht Schlittschuhlaufen und nimmt deswegen manchmal Schlittschuhe mit in die Schule, um danach direkt zum Training zu gehen. Vielleicht sollte man sie nicht ins Kino rufen, sondern zur Eiskunstlauf-Show? Gestern im Fernshen kam doch Werbung dazu…er holte sein Smartphone heraus, ging ins Internet und flüsterte etwas in den Rücken des Mädchens:

„Polina, magst du mich zu einer Eiskunstlauf-Show begleiten? Im Sportschloss  findet eine statt.

Sie drehte sich um, ihre Augen glänzten vor Freude:

„Und wann?“

„Morgen.“

Zwei Falten bildeten sich zwischen ihren Augen. Der Ausdruck des Gesichts veränderte sich.

„Nein, morgen kann ich nicht.“

Sie drehte sich um und Paul dachte mit Enttäuschgung: „Ist doch alles Lüge!“

Doch nach dem Unterricht folgte er Polinka und dachte darüber nach, was er ihr noch vorschlagen könnte und warum die Formel nicht funktioniert hat. Vielleicht hat er irgendetwas falsch gemacht? Er erinnerte sich an ihr trauriges Gesicht und hatte plötzlich einen Einfall.

„Polinka, warte!“ er rannte zu dem Mädchen.

„Was willst du?“

„Hast du Schwierigkeiten? Vielleicht kann ich  helfen?“

Polina schaute ihn eine Sekunde lang forschend an und sagte:

„Ja, es gibt ein Problem. Soll ich es dir zeigen?“

Paul nickte und sie führte ihn zuerst Richtung Haus, in dem sie wohnte und dann zu den Garagen. Sie holte aus dem Rucksack einen langen Schlüssel und ging zur einer der Türen, hinter der ein Geräusch zu hören war. Polinka machte die Tür auf – zu ihren Füßen warf sich ein Hundewelpe, der anfing zu bellen, um Polina herum zu springen und Paul zu beschnuppern.

„Wie niedlich er ist!“ sagte Paul, beugte sich über ihn und streichelte das helle Fell.

„Ich habe ihn vor zwei Tagen neben den Müllcontainern gefunden. Er saß zwischen ihnen und zitterte. Gestern war es doch so kalt. Ich nahm ihn mit nach Hause aber die Eltern wollten ihn nicht bei uns aufnehmen. Die Oma wollte auch nicht. „Den Pfoten nach zu urteilen, wird er mal ein großer Hund werden, und ich habe eine kleine Wohnung,“ Polina machte belustigend die Stimme der Großmutter nach.

Und fügte hinzu:

„Also, ich habe zwei Tage Zeit, um für ihn ein Zuhause zu finden oder ihn ins Tierheim zu bringen. Ich habe eine Anzeige im Intetner geschaltet, aber es meldet sich keiner… also muss ich morgen ins Tierheim gehen. Und Verka Sokolova sagt, dass wenn ein Hund zu lange im Tierheim lebt, er dann eingeschläfert wird.“

Die Stimme des Mädchens zitterte.

„Woher soll Verka das wissen?“

„Sie hat es irgednwo gelesen…“

Paul verstand Polina. Der Kleine tat einem wirklich leid. Irgendwie musste man helfen. Nur wie? Er darf auch keinen Hund bei sich halten, er hatte schon mal darum gebeten. Um nicht in die Augen des Mädchens zu blicken, setzte Paul sich in die Kniehocke und begann den Hund im Nacken zu streicheln!!!

„Ich habe ihn Barsik genannt,“ sagte Polina plötzlich.

Und da hatte Paul eine Idee: Onkel Ahmet!

Anfang Dezember besuchte er mit seinem Vater  die Schmetterlingsausstellung im Zoo. Dort traf der Vater einen alten Freund – einen Wächter, der im Zoo schon  arbeitete, als der Vater noch klein war und den Kreis der Naturalisten besuchte. Onkel Ahmet lud die zu sich ein: er lebte nicht weit entfernt vom Zoo und hatte in seinem Haus einen Mini-Zoo: Papageien, Kanarienvögel, Hamster und sogar ein kleiner Fuchs, der fast zahm war, nicht biss und es sogar erlaubte ihn zu streicheln.

„Und wo ist Bars?“ fragte der Vater als sie schon gehen wollten. „Man hört ihn irgendwie nicht.“

Onkel Ahmets Gesicht verfinsterte sich.

„Er liegt im Sterben,“  sagte er heiser. „Sein Leben geht zu Ende…“

Sie gingen in den Hof und Onkle Ahmed rief leise: „Ba-ars!“ Aus der Hundebude schaute eine helle Schnauze mit Flecken auf der Stirn, hervor. Der Hund stützte sich auf die Vorderpfoten, konnte jedoch nicht ganz aus der Bude herauskommen – er wackelte hin und her und sezte sich hin. Er bellte nicht einmal, sondern schaute mit schuldbewussten, wehleidigen Augen, als ob er sich für seine Hilflosigkeit entschuldigen wollte. Ahmet setzte sich neben die Bude und umarmte den Kopf des Hundes. Paul und sein Vater standen eine Weile da und gingen nach Hause.

„Papa, vielleicht kommt Bars wieder zu Kräften?“ fragte Paul

„Unwahrscheinlich,“ wackelte der Vater mit dem Kopf. „Ein Hundeleben ist kurz und Bars hat ganze achtzehn Jahre auf dem Buckel. Das ist für einen Hund sehr viel. Der Vater erzählte noch ein paar Geschichten über Bars, wie aufgeweckt und ergeben er war…

Nach zwei Wochen hörte Paul, wie der Vater mit jemandem telefonierte, dann betrat er sein Zimmer und sagte:

Ahmet hat angerufen, Bars ist gestorben…“

Der Vater atmete durch und fügte hinzu:

„Ahmets Ehefrau ist vor fünf Jahren gestorben und jetzt hat er noch seinen Freund verloren…“

Sie beschlossen, Onkel Ahmet an Neujahr zu besuchen, aber jetzt muss der Vater verreisen…

An das alles erinnerte sich Paul und erzählte es Polinka.

„Es ist noch nicht viel Zeit vergangen. Ich zweifele, dass er einen neuen Hund hat. Bestimmt nimmt er Barsik bei sich auf!“

Polina freute sich und lächelte:

„Dann lass uns ihn heute nach dem Training besuchen!“

Sie lief zur Bushaltestelle und Paul ging nach Hause.

Zuhause war es laut. Aus der Küche drangen weibliche Stimmen und Gelächter. Durch die geöffnete Tür sah Paul die ehemaligen Klassenkameradinen der Mutter. Er befürchtete, dass die Freundinnen der Mutter ihn wie immer tätscheln und umarmen würden und verschwand in seinem Zimmer.  Er wartete kurz ab und blickte zum Vater: er wollte dem Vater von Barsik erzählen.

Aber der Vater war beschäftigt. Er saß in der selben Pose wie kürzlich Paul mit den Händen auf den Ohren. Wenn er irgend etwas aufschreiben wollte oder finden- inmitten der herumliegenden Papiere, drückte er die Hände auseinander und bekam vor Verärgerung Falten.

Paul wackelte mit dem Kopf, ging in den Flur und rief leise:

„Ma-ma…“

Die Mutter ließ die Freundinnen allein und ging zu ihm ins Wohnzimmer:

„Bist du wieder da? Wahrscheinlich hungrig? Soll ich dir was zu Essen bringen?“

„Ich habe in der Schule gegessen, ich warte noch.“

Paul nahm die Hand der Mutter in seine:

„Komm.“

Die Mutter folgte ihm neugierieg. Sie gingen zu Vaters Zimmer, Paul öffnete die Tür. Zuerst blickte die Mutter leise auf den arbeitenden Vater, dann blickte sie auf Paul. Als sie den direkten, eindringlichen Blick des Sohnes sah, geriet sie in Verlegenheit, murmelte etwas unverständliches und ging zurück in die Küche.

„Mädels,“ sagte sie leise als sie den Raum betrat, „lasst uns etwas leiser sein. Mein Mann bereitet sich für das internationale Symposium vor, wir stören ihn.“

„Natürlich, natürlich,“ sagten die Frauen verlegen. „Warum hast du es nicht gleich gesagt?“

„Einen unglaublichen Man hast du! Wo kann man einen solch klugen Mann finden?“ fügte Lisa hinzu, die immer noch nicht verheiratet war.

„Die Guten sind alle weg“ lachte Svetlana. „Solche werden immer zuerst vergeben! Ich glaube, wir sitzen schon eine halbe Ewigkeit hier. Ich  muss den Sohn im Kindergarten abholen…“

„Ich muss auch gehe,“ sagte Galja. „Habe auch zu tun. Danke für den geselligen Abend, Ninochka!“

„Kommt nach den Feiertagen vorbei, Mädels. Der Mann führt auf Dienstreise, ich bin alleine.“

„Wir kommen, wir kommen unbedingt!“

Die Frauen standen von den Stühlen auf.

„Ich begleite euch und schaue auf dem Weg im Supermarkt vorbei,“ Nina ging gemeinsam mit ihren Freundinnen in den Flur.

„Hast du neue Möbel?“ Sveta beäugelte die moderne Einrichtung im Flur. „Importiert?“

„Aus Italien. Wir haben sie leztes Jahr geakuft und gegen die alte eingetauscht…“

„Wann werdich mir endlich so eine kaufen?“

„Die Frauen und verließen redselig die Wohnung. Paul schaute wieder bei seinem Vater vorbei.

„Papa,“ rief er, „willst du zu Mittag essen?“

Der Vater nahm die Hände von seinen Ohren und horchte hin:

„Was, ist das Schlachtfeld leer?“

„Ja, dafür sind die Trophäen geblieben,“ lachte Paul und meinte damit die Süßigkeiten und den Kuchen, welche auf dem Tisch lagen.

„Nein, ich esse später, bin noch beschäftigt.“ Der Vater wackelte mit dem Kopf und beugte sich über seine Papiere.

Paul ging in die Küche, legte die Salatreste auf einen Teller, auf einen weiteren Teller legte er ein Stück Kuchen, die übrigen Lebensmittel legte er in den Kühlschrank, die leeren Teller in die Spüle.

Nach einiger Zeit verließ er auch das Haus.

Polina und Paul standen beide neben dem Haus des Wächters. Paul dachte nicht einmal daran, dass Onkel Ahmet ihnen absagen könnte. Er dachte im Vorfeld daran, was er sagen würde. Und da machte der Wächter das Tor auf und ging ihnen entgegen:

„Onkel Ahmet, Sie haben einen Freund verloren. Und dieser Kleine sucht einen Freund!“

Und er gab dem verwirrten Wächter den Hund in die Hände.

Der Alte blieb einige Zeit stehen, schaute die Kinder an, dann den Hund und lud die beiden schließlich mit einer Geste dazu ein, das Haus zu betreten.

„Eigentlich wollte ich keinen Hund mehr halten,“ sagte er traurig, während er am Tisch saß und ihnen allen Tee eingoss. „Das Herz tut weh, wenn er stirb…

„Onkel Ahmet, er ist noch ganz klein, er wird lange, lange leben,“ beruhigte ihn Polina.

„Ja, kann sein, vielleicht werde ich früher sterben…“

„Oh nein, was sagen Sie da! Leben sie lange!“

Ahmet streichelte das Mädchen auf den Kopf.

„Wenn man so nette Kinder hat, will man gar nicht sterben!“

Und sie alle fingen an zu lachen.

Am Abend ging die Mutter zur Arbeit und der Vater versuchte in den Rachen des Koffers, die auf dem Boden und Sofa verteilte Kleidung, hinein zu stopfen. Paul konnte es nicht erwarten, ihm die Neuigkeiten mit zu teilen.

„Darf ich kurz zu dir, Papa?“

„Ja, ja. Komm herein.“

„Es sieht so aus, als ob jemand die Formel der Liebe bereits erfunden hat!“ – platzte er heraus und stellte sich neben ihn.

„Welche, welche Formel?“ Die dichten Brauen des Vaters zogen sich neugierieg nach oben.

„Na die Formel dieser…wie sagtest du? Der guten Beziehungen.“

„Und wer hat sich diese ausgedacht?“ lachte der Vater.

„Ich weiß es nicht. Ein alter Mann hat sie mir geschenkt. Und sie funktioniert, es ist bewiesen!“

„Der Weihnachtsmann etwa?“

„Naja, vielleicht nicht der Weihnachtsmann, sondern ein Zauberer!“

Und Paul erzählte alles, was ihm in diesen zwei Tagen wiederfahren ist.

„Sorge und Aufmerksamkeit, sagst du?“ sagte der Vater. „Wahrscheinlich denkst du auch, dass ich mich zu wenig um dich sorge und dir wenig Aufmerksamkeit entgegen bringe, sgtimmt’s?“

„Ach was, Papa!“

„Verstehst du, das Symposium ist sehr wichtig für mich. Es beinhaltet ein Thema, an dem ich und andre schon seit Jahren arbeiten…“

„Ich verstehe.“

„Wirklich? Du bist nicht böse?“

„Nein.“

Worauf sollte man auch böse sein? Soweit er sich erinnerte, war es immer so. Entweder ist er mit der Mutter zusammen und der Vater arbeitet. Oder die Mutter ist im Dienst (sie leitet eine ganze Abteilung im Krankenhaus), dann ist er mit dem Vater zusammen. Und wenn beide beschäftigt sind,

dann ist er bei der Oma. Die andere Oma, im Dorf, besucht er nur im Sommer. Und so, dass alle zusammen versammelt sind, soetwas gibt es nur sehr selten!

„Deine Mutter ist beleidigt. Sie hat es sogar abgelehnt, meinen Koffer zu packen. Ich habe ihn noch nie selber gepackt und habe Angst etwas zu vergessen. Das Wichtigste ist aber, wie ich meine Schuld wieder gut machen soll! Hör zu, vielleicht kannst du mir helfen? Ich habe wenig Ahnung von Frauen-Angelegenheiten…Ich will ihr Ohrringe schenken, aber was ist, wenn diese ihr nicht gefallen? Vielleicht begleitest du mich ins Geschäft?“

„Wozu wieder Ohrringe, Vater?“ sagte Paul und erinnerte sich and die Schmuckdose der Mutter.

„Sie hat eine Kiste voller Schmuck! Sie hat nicht einmal einen Anlass,  diesen zu tragen! All das will sie doch gar nicht, Pa, sie möchte mit dir irgendwas unternehmen, irgenndwohin fahren…“

„Wenn ich wieder da bin, machen wir das.“

„Dann wird sie wieder im Dienst sein.“

„Was soll man denn da machen?“

„Ich weiß es nicht, handele nach der Formel…“

Der Vater schaute noch einmal auf den Zettel und blickte verunsichert drein.

„Und wenn du die Summanden austauschst?“

„Auf keinen Fall! Ich dachte schon darüber nach und möchte sogar die Formel ergänzen,“

sprach der Junge schnell, „schau…hier gehören keine Kommas hin: die gleichen gleichgliedrigen Summanden kann man stellenweise austauschen, und hier darf man gar nichts!

Die Aufmerksamkeit ist dafür da, damit der Mensch versteht, was dein Gegenüber braucht. Und Verständnis, um zu wissen, wie man sich richtig um ihn sorgt. Das heißt, dass das eine in das anderes über geht. Deswegen denke ich, gehören hier anstatt Kommata Pfeile hin!“

Paul nahm den Kugelschreiber, strich schnell die Kommata durch und zeichnete an ihrer Stelle Pfeile auf.

„So:

Aufmerksamkeit Verständnis Sorge.“

„Ja, du bist wirklich schlau!“ sagte der Vater.

„Das bin nicht ich,“ winkte Paul ab, „das ist dieser Alte.“

Der Vater lachte und zog den Sohn in seine Uarmung.

Am 31 Dezember kehrte Paul, glücklich von der Eiskunstlauf-show zurück.

.Polina und er haben sich sehr amüsiert. Sie hatten gute Plätze, machten Fotos in den Zwischenakten und aßen Eis. Nach dem Theaterstück gingen sie auf dem großen Platz spazieren und dann brachte Paul Polina nach hause. Sie verabredeten sich für die Ferien um Barsik zu besuchen. Aus der offenen Tür der Wohnung kamen der Geruch von Wärme, und einer Mischung von magischen Düften: Hier gab es gebratene Gans, Vanille mit Zimt und Mandarinen.  Und aus dem Wohnzimmer zusammen mit der warmen Luft drang der kaum bemerkbare, bittere Duft von Nadelholz.

Aus dem stummen Fernseher in der Küche kamen schon irgendjemades Glückwünsche. Die feirlich gekleidete Mutter war gerade damit fertig den Tisch zu decken, der Vater saß auf dem Sofa und versuchte auf der Gitarre „Ein Tannebaum  im Wald geboren“ zu spielen. In der Ecke am Fenster stand der bereits gepackte und verschlossene Koffer. Aber das Wichtigste war- die Eltern lächelten.

„Sie haben sich vertragen!“ freute sich Paul.

Als das Neujahressen zu Ende war, verkündete die Mutter feierlich:

„Wir haben eine super Nachricht für dich, Sohn. Wir fliegen morgen Abend nach Paris: Papa hat für uns alle Tickets besorgt. Zum Glück ist das Visum vom Urlaub in Griechenland noch nicht abgelaufen . Solange dein Vater die Veranstaltungen besucht, schauen wir uns mit dir die Stadt an  und nach dem Symposium haben wir noch den ganzen Tag Zeit und können Abends in die Oper gehen. Das ist ein Wunder, aber ich fand die Tickets auf auf einer Internet-Seite.

„Hurra!“ rief Paul und sprang auf.

„Hurra!“ riefen auch die Eltern und der Champagner funkelte in ihren Gläsern in tausend goldenen nach oben strömenden Bläschen.

Sabyrzhan Madeyev: „Der Sarkasmus Fortunas“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise

„Für weniger als einen Fünfer fahre ich nicht“, sagte der Taxifahrer in einer ruhigen Manier.

„Und werde sicherlich nicht in dieses Provinzialdorf hineinfahren.“

„Nein, Danke! Ich müsste eigentlich gerade in dieses Dorf.“

Es war klar, dass es keinen Sinn machte zu versuchen, den Taxifahrer zu überreden. Andere „Fahrer“  kurbelten sogar schweigend die Fenster zu und fuhren davon.

Olžas schlenderte schon eine ganze Stunde über den Parkplatz, in der Hoffnung auch nur einen Einzigen zu finden, der ihn in das Dorf fahren würde, das sich an die 40 Kilometer von der Stadt entfernt befand. Auf den Hinweis eines Obdachlosen hin besuchte er sogar den Treffpunkt der „Taxifahrer“, von wo aus man selbst bis nach Antarktika fahren könnte, aber auch dort,sobald diese erfuhren, wo es lang ging, lehnte jedermann ab.

„Hör mal, Landsmann, abends fährt da schon lange niemand mehr hin!“, winkten die Männer ab. „Komm am besten morgens vorbei – kann sein, dass jemand fährt.“

Und als Olžas schon die Hoffnung aufgegeben hatte, einen Fahrer ausfindig zu machen, und sich in die Schlange vor dem Büfett aufstellte, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen, näherte sich ihm ein  ausgelaugt aussehender Mann, eher ein Knasti.  Dem Anschein nach, einer, der die Aufsicht über die Taxifahrer hatte (der das Sagen bei den Taxifahrern hatte), und zischte, mit einem Schlüsselbund auf seinem Fingern spielend, durch die Zähne:

„Du! wolltest doch nach Tonkeris?“

„Ja, ich!“

Der Mann kniff die Augen zusammen, wanderte mit einem schweren Blick über das Gesicht und die Kleidung von Olžas, blieb dann an seiner Tasche haften, verzog kurz seinen Mundwinkel, wobei man seine Goldplombe bemerken konnte, und nickte:

„Lass uns mal beiseite gehen.“

In einer anderen Situation würde Olžas sich nicht von der Stelle bewegen – schon gar nicht zusammen mit einem Menschen, dessen unrasierte Physiognomie in Verbindung mit den Tattoos auf seinen Armen keinerlei Vertrauen erweckte Aber irgendein sechster Sinn in Olžas sagte ihm, dass es seine letzte Chance sein würde.

Sie gingen hinaus und machten Halt, als sie die Zahlungsterminals erreicht haben.

Der „Goldzahn“ drehte sich um, prüfte mit einem kurzen Blick zur linken und rechten Seite die Luft, und verzog wieder einen Mundwinkel:

„Was willst du da?“

-“Was meinen Sie?“

„Hanf, was zu saufen oder Weiber?“

„Nein (nichts davon), ich möchte jemanden besuchen.“

„Ich kenne jeden drüben. Zu wem willst du?“

Olžas schwieg, verstand aber, dass der Unbekannte nicht locker lässt und gestand:

„Zu Ajdar. Zum Schwarzen Ajdar.“

Der Mann beugte sich zu Olžas vor und bohrte seine Augen buchstäblich in ihn hinein:

„Wartet er auf dich?“

„Nein.“

„Kennt er dich?“

„Sollte er an sich.“

Diese Speed-Befragung endete damit, dass der Taxityp sein Handy aus der Tasche nahm und eine Nummer wählte, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:

„Weißt du eigentlich, dass der Schwarze heute sein Jubiläum feiert?“

Olžas bemerkte sofort die veränderte Stimme und den weicheren Ton des örtlichen „Aufpassers“.

„Ich weiß Bescheid! deshalb will ich ja dort hin.“

„Ungebetene Gäste sind schlimmer als…“  der Typ lachte sarkastisch, aber Olžas                                     

    fühlte, dass sich die Stimmung lockerte und unterbrach ihn:

„Ich weiß, ich verstehe! Aber ich muss (dorthin). Es ist wichtig.“

Der „Aufseher“ musterte Olžas ein weiteres Mal mit seinem Blick und plötzlich war da so etwas wie Neugier in seinen Augen:

„Hör mal, mein Freund, dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer bist du?“

„Ist das jetzt notwendig?“

„Was meinst du denn! Wenn du dort Scheiße baust, muss ich es verantworten,  

    wen ich da an geschleppt habe. Und du wirst es vor mir verantworten müssen.“

„Ich – bin Solist.“

„Ach was!“ – das Gesicht des Fahrers erhellte sich mit Begeisterung. „So – so; ich  

 seh‘ schon – deine Fresse kommt mir bekannt vor. Du bist doch der….Nurtaj    Karatas? Kysyl orik, oder?

„Nein, ich heiße Olžas. Ich bin ein Opernsänger.“

„Was heißt das? Du singst so Arien und so?“

„Ja! Ich kann’s dir gleich zeigen.“

Olžas kramte in seiner Tasche, in welche er vorsichtshalber seine Flugblätter zum Theaterprogramm hinein geworfen hatte, fand die, wo er in der Rolle des Figaro abgebildet war, und reichte diese dem Aufpasser. Dieser wiederum nahm sie vorsichtig in die Hand, verglich mit einem schnellen Blick die Abbildung mit dem Original, und schien erst einmal zufrieden zu sein, aber dann spiegelte sich unerwartet in seinem Gesicht ein Anflug von Schrecken, und er meinte, sich zu den Seiten hin umschauend,  mit einer beunruhigten Stimme:

„Hör mal, du bist aber nicht schwul hier grad, oder?“

„Nein!“ – Olžas versuchte seiner Stimme mehr Nachdruck zu verleihen und antwortete für alle Fälle:. „Ich kann die selbst nicht ab haben.“

„Dann, sieh zu!“

Das „Oberhaupt“ der örtlichen Taxitypen war sichtlich aufgewühlt, aber, wohl eine innere Entscheidung getroffen zu haben, streckte er Olžas seine Hand entgegen.

„Hakim.“

Auf dem Weg nach Tonkeris, als Hakim herausfand, dass Olžas vor Kurzem in der Rolle eines Jurors in dem Fernsehe-Wettbewerb des 31-ten Kanals “ I am a singer Kasachstan“ teilgenommen hatte, wurde er vollends gelassen, und fing an lebhaft zu erzählen. Er hatte sich sogar daran erinnert, dass Olžas einen der  Abschnitte  des Songcontests mit dem Lied „Dudaraj“ eröffnet hatte, und deshalb seiner Frau, Natascha, in Erinnerung geblieben ist, der dieses Lied sehr gefallen hat. Und außerdem gefällt ihr der russische Contest „Toch-v-Toch“ – („Punkt-zu-Punkt“ Imitation der originalen Sänger durch Laien) und die Show „nasch Dimasch“ – („unser Dima“), wovon leider er selbst Nichts hält.

Hakim, im Gegensatz zu seinem übel-launischen  – brutalen Äußerem, schien dennoch ein redseliger Mensch zu sein, aber je weiter sich die beiden „Tonkeris“ näherten, umso mehr flachte Hakims  Enthusiasmus ab. Er wurde sogar leicht aggressiv, und letztendlich war völlige Stille im Auto als sie fast schon am örtlichen Restaurant ankamen.

Am Schlagbaum erkannte man zwar Hakims Auto und begrüßte ihn, aber, nach einem Blick auf den Beifahrersitz, fragte man ihn wen er denn da mitgebracht hätte. Der wiederum steckte das Programmblatt durchs Fenster, stellte Olžas als einen berühmten Opernsänger vor, und beide wurden durchgelassen. Während Hakim slalomartig an Anreihungen von teuren Cruisern und Lexus-Modelle vorbeimanövrierte, hin zum Restaurant-Eingang, fing er  leise an zu fluchen und gab Olžas Anweisungen hinsichtlich seines Auftretens auf dem Jubiläum. Er bremste am Eingang ab und drehte sich zu Olžas um:

„Das war’s. Ich werde dort nicht reingelassen. Viel Glück wünsch‘ ich dir! Wenn du mich brauchst, ruf an! Hier ist meine Visitenkarte. Ich bin nicht weit weg von hier bei meinen Kumpels.“

„Ich dank‘ dir, Bruder!“  – Olžas zahlte, holte dann aus seiner Tasche eine CD heraus und reichte diese Hakim. – „Das ist für deine Frau. Ein Geschenk! Mit Volksliedern in meiner Ausführung.“

Olžas drückte Hakim die Hand und stieg aus.

Das Erste, was Olžas verwundert hatte, war die Stille, die das Restaurant umhüllte –  trotz einer große Menschenmenge, und dann saßen da auch noch drei große „Alabajs“ neben dem Eingang an der Tür. Hunde hoben den Kopf hoch, als Olžas die Treppe hinauf ging, rührten sich aber nicht vom Platz. Die Türsteher empfingen Olžas ebenso schweigend, deuteten auf das Sakko, welches abzulegen wäre, dann auf die Hose, die er hochziehen sollte, klopften dann die Brust und den Rücken ab, und schauten in die Tasche. Während die Wächter sein Sakko durchtasteten und sich mit dem Inhalt seiner Tasche vertraut machten,, bemerkte Olžas, wie die Gruppe „Dilizans“ das Restaurant durch die Nebentür verließ. Sie wurden vom ehemaligen und berühmten „K-V-Nschik“ und Showman, Serik, begleitet, welcher sich, als er sich versichert hatte, dass alle im Auto saßen, zu Olžas umgedreht hatte. (K-V-N ist eine humoristische Freizeitsendung die auf einem Wettbewerb basiert)

„Oho! Wen sehe ich da! Was für Besuch – und dann auch noch ohne Bodyguards! Fühle dich wie zu Hause! Hier ist alles auf höchstem Niveau! Aber warum hat bloß Niemand Bescheid gegeben, dass du kommst! Lass mich mal aufschreiben, dass du singen wirst! Sonst habe ich heute schon genug Kopfschwindel. Trittst du mit Phonogramm auf? Wie soll ich dich richtig ankündigen?“

Olžas diktierte Serik geduldig die benötigte Information, reichte ihm dann den USB-Stick mit dem Playback und ging dann zu dem freien Stuhl an den Tisch, an dem schon weitere Artisten ihren Platz eingenommen hatten. Man schielte zu ihm rüber, begrüßte ihn, aber zeigte keinerlei sonderliche Emotionen.

Die grelle, flimmernde, aufwendige Dekoration des Saals für ungefähr fünfhundert Personen erschien ihm etwas chaotisch.  Gigantische Figuren aus Luftballons reihten sich an selbstgebastelte Plakate, surreale Blumenkompositionen reihten sich an künstliche Palmen und Kakteen.

Der Schuldtragende für solch eine Feier saß quasi auf einem Podest umgeben von einer stilisierten Jurte. An langen Schlaufen hing über dem Geburtstagskind ein grüner Vorhang mit der Aufschrift in zwei Sprachen: „60 žyl! – 60 Jahre!“ Neben ihm glänzte mit Brillanten seine Ehefrau, Perisat, die hier ungefähr vor zwanzig Jahren einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Ungeachtet dessen, dass sie bereits fünf Kinder hatte, konnte sie ihre modellartige Figur erhalten und wurde von den Schrankschrapnellen, den Frauen der dörflichen Beamten, beneidet. Die jüngeren Kinder und Enkelkinder aus erster Ehe liefen wie Wilde durch den Saal und störten die Kellner und die Bediensteten.

Die Kellner, mit einem unglaublichen Sinn für Equlibristik, verteilten geschickt das anstehende Menü an die Tische, Kelche und Wodkagläser wurden sogleich nach dem Leeren gefüllt, Besteck wurde alle halbe Stunde ausgewechselt. Zwischen den Tischen – wie Schatten – bewegten sich zwei Photographen und zwei Video-Operatoren.

Eine Bühne als solche gab es zwar nicht, aber in der Mitte des Saals lag ein turkmenischer, handgefertigter Teppich, auf denen mit Leichtigkeit zwei Kammerorchester-Besetzungen vom Olžas – Operntheater Platz finden könnten. Auf dem Teppich standen ein paar Stühle, paar Mikrophonhalter  und ein Konzert-Notenhalter. Der frei gebliebene Raum war übersät von Konfetti und Serpentine!

Serik lud eine weitere Schar von Gratulierenden auf de Bühne, kündigte eine musikalische oder eine Tanzvorführung an, alle applaudierten, alle erfreuten sich ihres Daseins. Bis die Anwesenden selbst zum Tanzen übergingen, war es noch lange her, also dinierten die Gäste, tranken und begutachteten die Neuheiten der Spiel-Industrie.

Der sechzigjährige Ajdar Achmetov, bekannt schon seit den gesetzlosen 90ern als der Schwarze Ajdar, und der bereits drei Jahre wegen Randalierung und kriminellen Geschichten im Knast verbracht hatte, war ein angesehener Mann. Er ließ zu seiner Zeit weder Kaukasier, noch Russen, noch sonstige Warjagen auf sein Territorium, schirmte lokale Geschäftsleute und schob durch Racket mitleidslos Fremde beiseite. Außerdem sponserte er freigiebig Sportler, und mit Hilfe der leichten Hand seiner Frau half er der örtlichen Schule und dem Kulturzentrum. Unter seiner direkten Aufsicht eröffnete in der Region ein industrieller Agrarkomplex nach israelischen und holländischen Technologie-Standarts. Ungeachtet dessen, dass kein einziges großes Ereignis in dem Bezirk ohne sein Mitwissen durchgeführt wurde, bevorzugte Kara Ajdar es eher im Hintergrund zu bleiben, obwohl alle wussten, dass sogar die Kandidatur der örtlichen Akyms inoffiziell mit ihm abgestimmt werden musste. Und heute also feierte der hiesige graue Kardinal, seinen 60-ten Jahrestag in Anwesenheit seiner Freunde, seiner Verwandten, in der Anwesenheit der örtlichen Amtsleiter und der Business- Elite. Und er hielt sich gewissenhaft an seine Rolle des Jubilars und lächelte wohlgesonnen seinen Gästen entgegen, die auf dem Teppich stolzierten. Dabei konnte Ajdar selbst diese allgemeine Freudenstimmung nicht teilen. Die Sache ist die, dass er heimlich, ohne seine Familie in Kenntnis gesetzt zu haben, auf den Rat seines alten Freundes, Timurjan, hin, nach Russland gereist war, wo er sich im tiefsten Winkel der Tajga mit einer altaischen Wahrsagerin getroffen hatte – mit der alten Stepanida.

Sie hörte Ajdar aufmerksam zu, zündete kreisförmig Kerzen an, legte auf einem altarartigen Tisch eine Komposition aus Zedernzapfen aus, einen kleinen Strauch aus irgendwelchen getrockneten Kräutern, redete irgendetwas mit beschwörendem Gemurmel über einen grünen Sud hinweg, welches sie ihn dann aufforderte in einem Schluck herunter zu würgen,  nahm seine Hand, schloss daraufhin die Augen und erzählte ihm Einzelheiten aus seinem Leben, die er längst für immer vergessen geglaubt hatte.

Ajdar, der in seinem Leben schon zwei Hadschs hinter sich gebracht und eine Moschee in seiner Heimat gebaut hatte, fühlte sich mehr als unwohl als so einige Details seiner Biographie in einer leisen, krächzenden, alten Stimme aus Stepanida hervor kamen.

 Auf die Frage, was er von der nahen Zukunft erwarten könne, antwortete die Alte, dass er auf sein Herz hören müsse und, dass schon sehr bald ein Mensch auftauchen wird, der ihn aufrütteln, aufwecken wird und die verbliebenen, sanftmütigen Gefühle aus den dunklen Ecken seiner Seele hervorheben wird.

„Gibt es diese denn noch?“ – fragte Ajdar in einer für sich ungewohnt zaghaft klingenden Stimme.  „Diese sanftmütigen Gefühle?“

„Wie soll es denn anders sein, mein Sohn! Sie leben in jedem von uns! Selbst der Antichrist hat sie; verzeih‘ ihm, lieber Gott, seine sündhafte Seele!“ – Stepanida bekreuzigte sich sehnlichst, schaute auf das Regal in der Ecke des Zimmers, auf dem abwechselnd Kerzen und die Ikone von Mutter Theresa,das Abbild von Mahatma Gandi  und des Dalai-Lama aufgestellt waren. „Alle besitzen sie, aber bei manchen sind diese tief versteckt. Wie bei dir, zum Beispiel.“

„Und was soll ich tun, sobald dieser Mensch auftaucht?“ – fragte Ajdar hoffnungsvoll in der Erwartung eines Wunders.

„Ich weiß es nicht, mein Sohn. Es bleibt dir überlassen. Du kannst auch gar nichts tun. Du kannst ihm aber auch ein Geschenk vorbereiten!“   hob Stepanida ihre Schultern. „Mach es so, wie es dir dein Herz befiehlt.“

„Altes Frauchen, noch zwei Fragen?“  – wandte sich Kara Ajdar, abermals seine Stimme nicht wieder erkennend, an sie.

„Frag!“ -Stepanida schaute listig drein und winkte zustimmend mit der Hand. Ajdar fühlte plötzlich, dass sie seine Fragen bereits kannte. Er schwieg eine kurze Zeit lang und fragte dann:

„Woran soll ich erkennen, wer eben dieser Mensch sein wird, hm? Was soll ich tun, um keinen Fehler zu machen? Das ist die erste Frage. Die zweite Frage ist die,  mein liebes, altes Weib…“ – Ajdar schwieg erneut. „Brauche ich denn all dies, hm? Dass all diese Gefühle in mir hochkommen? Ich bin doch….“

Ajdar suchte in sich nach den richtigen Worten und wusste nicht wie er dieser uralten, vom wirklichen Leben völlig losgelösten, internetlosen Alten erklären sollte, welche Folgen solche erblühenden sanftmütigen Gefühle für sein Ansehen und seine Autorität mit sich bringen könnten. Ajdar brauchte es sich nur vorzustellen, wie er all dies dem kahlen Roma oder dem fingerlosen Tšombe erzählte, und fing sogleich an mit den Zähnen zu knirschen.

Stepanida bemerkte, dass sich die Sehnen in seinem Gesicht anspannten und lächelte.

„Ich habe dich verstanden, mein Sohn. Es ist so: wenn dieser Mensch auftaucht, wirst du es unmittelbar fühlen und verstehen. Sei dir dessen ganz sicher, dass sie dir eine Antwort auf die erste Frage geben wird.“ – Die Alte lächelte erneut. „Auf deine zweite Frage kann niemand außer dir selbst eine Antwort geben. Zweifle auch daran nicht. Mehr kann ich dir nicht sagen…“

Als Serik in einem besonderen Pathos den nächsten Gast ankündigte, konnte sich Ajdar endlich von seinen erdrückenden Gedanken ablenken. Bis dahin tanzten und sangen diejenigen, die er, seiner eigenhändig zusammengestellten Liste folgend, bereits kannte. Ungeachtet seines ehrwürdigen Alters, konnte er sich nicht über ein schlechtes Erinnerungsvermögen beklagen.

Medea, Akbars, die Gruppe „Bajterek“, und so weiter und so fort – für deren Ankündigung reichte Serek ein Atemzug. Ajdar hätte jeden einzelnen Star auf seiner Liste mit der entsprechend dahinter in Dollar notierten Honorarsumme auswendig aufsagen können.

Aber jetzt wurde etwas Außerplanmäßiges verkündet. Serik las noch immer die Regalien des Gastes von einem Blatt Papier ab, als Perisat sich von ihrem I-Phone losriss und flüsterte: „Und dafür gibt es einen Rachmet für dich, einen Rachmet -Rachmet!“ Ajdar schüttelte mit dem Kopf, um die auf ihm lastenden Erinnerungen los zu werden, und betrachtete aufmerksam den jungen Mann, der sich dem turkmenischen Teppich näherte.

Er hatte nichts Ähnliches mit einem typischen Kasachen aus Ajdars Bekanntenkreis. Man könnte ihn eher mit einem Araber oder Griechen vergleichen. Seine Haltung war selbstsicher, obwohl Ajdar selbst von seinem Platz aus sehen konnte, dass er aufgeregt war.

„Und nun,“  –    verlautete Serik und zeigte mit seiner Hand auf den herantretenden Gast,    –  „Applaus für den besten lyrisch-dramaturgischen Bariton in Kasachstan und über seine Grenzen hinaus berühmten –  Olžas Kasenov!“

Olžas legte seine Hand aufs Herz und verneigte sich vor Perisat und Ajdar. Gleichzeitig flüsterte ihm Serik zu, dass der USB-Stick bereits im Computer war und fragte ihn, welche Arie er genau ansagen sollte.

„Eins nach dem Anderen.“ – sagte Olžas und wandte sich zum Mikro auf dem Podest.

„Die Arie von George Germon aus der Oper von Giuseppe Verdi „Traviata“!“  

 – verkündete Serik feierlich und ging zur Seite.

Die meisten der Anwesenden, nachdem sie so viele ungewohnten Ausdrücke gehört haben, hörten auf zu kauen und zu trinken, und richteten ihre Blicke auf den ungewöhnlichen Gast.

Olžas atmete tief ein und fing an singen. Die Bedienung blieb stehen, die Kinder hörten auf herum zu rennen, die Zeit verlangsamte ihren Gang und der Raum im Saal schlug sich über seiner Stimme zusammen.

Ajdar bemerkte die vor Bewunderung errötenden Wangen seiner Ehefrau und erinnerte sich an die Episode aus dem Film „Pretty Woman“, als Richard Gere Julia Roberts in die Oper einlud, um zu sehen, wie sie reagierte. Mit Verwunderung stellte er fest, dass auch ihm gefällt, was er hört, ungeachtet dessen, dass er kein einziges Wort auseinander hören konnte. Ajdar machte die Augen zu.  George Germont wurde abgelöst von Evgenj Onegin, dann ging die Arie von Don Huan reibungslos über zum dramaturgischen Monolog von „Mizgirj“ aus dem Märchen Sneguročka[1].

Perisat weinte und versuchte sich die Tränen mit dem Taschentuch weg zu wischen. Ajdar schaute in sich hinein und fühlte, dass sich etwas in ihm rührte, aber etwas fehlte ihm noch, damit seine stürmische Gefühle vollkommen aus ihm heraus kommen konnten. Olžas machte einen Schritt zurück, um Serik die nächste Aufführung verkünden zu lassen, als Ajdar seine Hand hob. Serik reagierte unmittelbar, schnappte sich das Mikrofon vom benachbarten Podest und stürmte zum Jubilar.

Ajdar nahm das Mikrofon, klopfte ein paarmal dagegen, hustete sich aus und sagte:

„Rachmet, Olžas!“ – und mit einer Hand den gerade noch so ausstehenden Applaus zum Schweigen bringend, lockerte er seine Krawatte und atmete aus: „Kannst du auch irgend etwas heimisches, etwas von uns, spielen, dass es genauso wirkt, die Seele berührt…“

Olžas wusste sofort, was Ajdar meinte. Er machte einen Schritt zum Mikrofon, winkte mit dem Kopf zu und sagte:

„Selbstverständlich, Adeke!“ – und fragte, sich zu Serik wendend:

„Habt ihr eine Dombra?“

Serik fing gerade an sich umzuschauen als die Anwesenden von allen Seiten in Hektik gerieten und Olžas gleich drei davon reichten. Eines nach dem anderen hob Olžas die Instrumente an sein Ohr und prüfte die Saiten.  Olžas warf sich den dünnen Riemen über die Schulter und fing an eine Melodie einzustimmen. Serik holte den zweiten Mikrofonhalter und stellte ihn in der Höhe von Olžas Händen auf.

„Geehrter Adeke!“ – Olžas fuhr fort an den Saiten zu zupfen.

„Viele schöne Worte und Lieder erklangen heute zu Ihrer Ehre! Und all dies haben Sie selbstverständlich verdient! Und im Großen und Ganzen betrafen diese Wünsche – die „Liebe“. Erlaubt auch mir ein Lied der Liebe zu singen. Ein Lied, das der Steppen-Akyn Estaj seiner Geliebten, Karlan, gewidmet hatte. Sobald Olžas anfing zu singen, zerbrach etwas tief im Inneren Ajdars, und all die Emotionen die sich bereits seit den letzten fünfzehn Minuten aus der schon längst versteinert geglaubten Seele Ajdars, dessen einziger Blick ausreichte, um jemanden ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten, befreien wollten, brachen heraus und nahmen ihm den Atem. Der Schwarze Ajdar senkte den Kopf, umfasste ihn mit seinen Händen, und, zum Schrecken Vieler, fing er an, kaum hörbar weinend, zu zittern. Perisat legte ihre Hand auf seine Schulter, doch Ajdar schüttelte sie ab und Perisat rückte wieder von ihm weg. Er konnte seiner Frau einfach nicht erklären, was genau in ihm in diesem Moment geschah. Vor seinen Augen erschien seine erste Liebe, Ajgerim, die Tochter des Schuldirektors, mit der er zusammen aus der Schule floh,wo sie sich dann hinter Stählen versteckend, wild küssten, und die von ihrem Vater, als dieser erfuhr, dass sie sich mit einem miserablen Schüler traf, der dazu auch noch kriminell war, in eine andere Landesregion zu „Azšheške“ und Ataške“ geschickt wurde.. Im nächsten Moment sah er sich plötzlich als  Kind – seiner Mutter entgegen laufend. Und dann, ohne jegliche Verzögerung, ging diese Erinnerung in die nächste über – er, kahl rasiert, im Richtersaal und die Mutter mit einem vor Tränen angeschwollenen Gesicht, die seine Rückkehr aus der Kolonie nie erleben durfte. Stechendes Selbstmitleid überschwemmte Ajdar, ließ das Herz für einen Augenblick still stehen, breitete sich dann über seinen gesamten Körper aus und provozierte einen weiteren Ausschnitt seines Leben in sein Gedächtnis: er saß neben seinem sterbenden Bruder und wechselte ihm einen nach dem anderen die Verbände auf seiner Stirn. Die Gestalten seiner Liebsten wechselten unaufhaltsam und gleichsam in Wellen überschwemmten ihn seine Erinnerungen. Und nur anhand seiner sich zu – und auf drückenden Fäuste konnte man nachvollziehen, was gerade in seiner Seele geschah. Aber Olžas, der wie kein anderer in diesem Saal den Zustand Ajdars nachfühlen konnte, fuhr fort an den Saiten der Dombra zu zupfen und sich mit seiner weltfremden Stimme in die Herzen der Menschen zu nisten, die die Kelche und das Besteck haltend, regungslos zuhörten. Unerwartet heulte jemand hinter einem Tisch auf und vergoss dabei den Whiskey, stellte diesen auf dem Tisch ab und holte ein Taschentuch heraus. Andere Frauen fingen an zu weinen.

Als Olžas sein Lied beendet hatte, stand im Saal völlige Stille, die nur mit kurzen aufheulenden Lauten unterbrochen wurde. Niemand dachte auch nur an einen Applaus. Ajdar, den alle eben als Ajdar den Schwarzen kannten, stand nun auf –  wie – der eiserne – Kara Ajdar, hob den Kopf, wischte sich mit den Handflächen über die Augen, stützte sich dann mit diesen gegen den Tisch und sprach zu Olžas:

„“Rachmet für dich, baurym! Rachmet!“ – Ajdar sprach nicht sehr laut, ohne Mikro, aber selbst die Küchengehilfen konnten ihn hören. „Erbitte um was immer du willst. Ich erfülle dir jeden Wunsch.“

Olžas verstand, dass sich in diesem Moment sein Schicksal für die nächsten Lebensjahre entscheiden konnte und vielleicht auch das seines ganzen Lebens. Jetzt oder Nie. So eine Möglichkeit ergibt sich vielleicht niemals wieder. Deswegen war er eigentlich hier und riskierte sowohl mit seiner Reputation als auch – mit seinem Leben.

„Adeke, ich möchte um nichts für sich selbst bitten. Rachmet!“ – Olžas schluckte.

„Aber meine Frau, Elvira, ist ernsthaft erkrankt. Nur im Ausland kann man ihr helfen. Die Operation ist sehr teuer.  Unsere Freunde und Verwandte haben so viel wie möglich zusammengelegt, aber es reicht nicht aus, die Zeit läuft aus. Könnten Sie nicht, Adeke…“

„Es ist gut. Kein Wort mehr!“ – Ajdar hob die Hand. – „Ich habe verstanden. Du wirst Geld erhalten.“

Er fand mit seinem Blick jemanden im Saal und nickte dann in Richtung Olžas.

Seine Tasche, vollgestopft mit Geld, an seine Brust fest gedrückt, fuhr Olžas zusammen mit Hakim in die Stadt. Hakim schwieg. Er wurde bereits von den Ereignissen im Restaurant in Kenntnis gesetzt und verstand, dass es seine nächste Aufgabe sein wird, Olžas sicher und unverletzt (wohl geschützt) nach Hause zu bringen. Olžas schwieg ebenfalls. Er hatte leichten Kopfschwindel, weil ein Gehilfe Ajdars Olžas Zustand mitbekommen hatte und ihm im letzten Moment ein Glas Hennesy einschenkte und meinte: „Trink! Danach geht’s dir besser.“

Olžas trank und fühlte sich vorübergehend wirklich besser, aber nun, im Auto, ließ der auf leeren Magen getrunkene Cognac von sich wissen. Er fiel einige Male in den Schlaf, wachte aber sofort panikartig auf und griff jedes mal wahnhaft fest nach der Tasche.

„Da!“ – sagte er zu Hakim als er die gewohnten Fassaden der Häuser wieder erkannte. „Halte bitte hier an.“ Hakim hielt an und nahm die Schlüssel, mit dem Vorhaben den wichtigen Passagier bis zur Haustür zu geleiten,aus der Zündung.   Aber der durch den Alkohol vernebelte Verstand Olžas‘ meldete sich mit dem Gedanken, dass der ehemalige Gefängnisinsasse nur wissen möchte, wo er wohnt, um ihn dann zu überfallen. Olžas schüttelte mit dem Kopf, fuchtelte mit seinen Händen, meinte, dass er selbst nach Hause findet,denn da war ja schon seine Haustür, und ging, Hakim keine Zeit zum Überlegen lassend, schnell in den Hauseingang hinein, wobei er die Tür hinter sich zu schlug.

Hakim zog mehrmals abwesend an der Autotür, setzte sich dann hinein, wartete noch fünf Minuten und fuhr davon. Olžas sah durch Fenster, dass das Auto wegfuhr und setzte sich auf den Treppenabsatz im Treppenflur. Sein Herz schlug wild. Er öffnete die Tasche und zählte die Dollar- und Eurostapeln durch. Von oben schlug jemand mit der Tür. Olžas zog schnell den Reißverschluss der Tasche zu, stürmte nach draußen und versteckte sich hinter einem Gebüsch. Aus dem Hauseingang kam ein junger Mann heraus, setzte sich in ein am Bürgersteig geparktes Auto und fuhr weg. Olžas blieb noch einige Zeit sitzen, kam wieder zu sich und stand auf als er dann zwischen den Häusern auf einem benachbarten Gebäude die  verlockende Aufschrift erblickte. Er hockte sich wieder hin. In seinem Kopf war der Plan schon fertig.

Dieses Geld reicht nur für die Operation aus, dann kommt die Rehabilitation, und die gepfändete Wohnung muss abgezahlt werden, Schulden müssen bereinigt werden.

 „Heute habe ich Glück und sollte den Augenblick nutzen, solange Fortuna mir zulächelt.“ –  Er stellte sich vor, wie Elvira  Morgen überrascht sein und sich freuen wird, ihn ausfragen wird, und wie er ihr einen roten Rosenstrauß schenken  und zu ihr sagen wird: „Alles wird gut werden, meine Liebste!“ ….

Olžas stand auf, strich sich das Herbstlaub von den Knien und wandte sich zielstrebig zum Durchgang zwischen den Häusern.

Zwei Stunden später verließ er das Casino mit einer leeren Tasche.


[1] gleichzusetzen mit: Kaufmann, Es handelt sich um ein volkstümliches Märchen,welches in den Märchensammlungen von  Alexander Afanassies verschriftlicht wurde (von 1855 bis 1863)

 über eine junge Frau, die nur in der Kälte leben konnte und im Feuer dahinschmolz – Sneguročka – in Verbindung mit „Sneg“ – „Schnee“ und entsprechend der russischen Semantik und morphologischen Komponenten wie „de -vočka-“ – das Mädchen, wird hier an das Wort Schnee der morphologische Baustein hinzugefügt. Sne(g – uro -) čka und der morphologische Baustein aus dem Wort Figur eingeflochten, um auf ihre Zierlichkeit hinzudeuten.)

Sabyrzhan Madeyev: „Ap!rilthesen“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise u. Lena Muchin

Nein, Jungs, was ihr auch sagt, aber früher war das Leben spannender! Sollen sie ruhig schimpfen auf unsere 70er-80er, den verfaulenden Sozialismus, den Stillstand und ähnliches, aber ich sage euch: in diesem allen war etwas, was man mit Worten nicht beschreiben kann. Aber ich versuche es.

Ich war vor kurzem auf einem Konzert in einer Anstalt und wäre vor Langeweile fast gestorben. Nein, von außen sieht alles gut aus, schön, kostümiert, angenehme Stimmen, backvokal, Tänze, alles in Ordnung. Aber gleichzeitig war alles irgendwie wie geleckt, zu pompös und im Ganzen vorhersehbar. Und die Mehrheit der Sänger unterschieden sich nur in ihren Namen voneinander.

Das Volk in dem Saal war fröhlich, klatschte, sang sogar mit und da erinnerte ich mich plötzlich, wie vor dreißig, vierzig Jahren, in der stärksten Blüte des Sozialismus, pünktlich vor der nächsten Veranstaltung des Komsomols, in der Universität, wo ich die Ehre hatte zu studieren, ein Konzert der Laienkunst aufgeführt wurde. Und weil dieses nicht geplant war, sondern spontan statt fand, konnten unsere staatlichen Sänger und Musiker aus verschiedenen Gründen nicht auftreten.

Die Leitung der Hochschule grämte sich nicht lange darum und entschied zu der Veranstaltung unser studentisches Theater anzulocken um das Fehlen von schönen Liedern und Tänzen zu kompensieren. Ich starte jetzt ein Random-Programm, das zufällig das Bild eines Plakats hat. Die Bürger der Sowjetunion sollten sich an solch ein Format des Ausdrucks patriotischer Gefühle erinnern. Gesagt-getan.

Zu dem Zeitpunkt war ich gleichzeitig Student im vierten Semester und Regisseur des studentischen Theaters.  Deshalb, als ich vom Dekanat gerufen wurde, entschied ich, dass die Rede von einem banalen Auftritt in einer WG oder dem traditionellen „Studentischen Frühling“ sein soll. Doch der Dekan überrumpelte mich schon bei den ersten Worten: „Also, Sabyržan, ich wurde von Oben angerufen!“ Akylbek Saulebekovič zeigte mit dem Daumen auf die Decke. „Es gibt eine wichtige Aufgabe für dich!“ Man konnte es verstehen, dass die Götter des Olymps dann herab klingeln, um  eine Medaille zu verleihen oder jemandem auf den Hintern zu klopfen. Und weil ich keine Trophäe erwartete (wofür denn auch?), sagte ich laut, dass es mir eine Ehre wäre, dass ich bereits jetzt bereit war zur Front zu gehen und ähnlichen Müll. Der Dekan schaute mich an und sagte irgendwie lang gedehnt: „Du, Madeev, mach keine Dummheiten. Ich kenne dich. Die Sache ist ernst, sie wird vom Parteikomitee kontrolliert.  Als  Akylbek Saulebekovič vom Vornamen zum Nachnamen wechselte und das Parteikomitee erwähnte, verstand ich, dass man mich mindestens in den Kosmos schicken wollte. Oder um dem Feind in den Rücken zu treten mit einer sehr geheimen Aufgabe vertraut machen wird. Man muss noch dazu sagen, dass ich damit sehr falsch lag.

„Was haben wir da auf der Nase?“ fragte mich nachdrücklich der Dekan.

„Der Studentenfrühling,  Akylbek Saulebekovič,“ antwortete ich ihm, „wir bereiten uns vor, erneuern das Repertoire…“

„Ich rede von was anderem,“ unterbrach  mich der Dekan, wackelte mit dem Kopf, schwieg vielsagend für einen Moment und legte dar: „Bald ist die Komsomol – Konferenz. Wir müssen einen Wettbewerb durchführen. Des politischen Liedes und Plakates.“

„Aber  Akylbek Saulebekovič, wir zeigen Theater, Miniaturen. Mit Politik haben wir, glaube ich, nichts zu tun…“ begann ich mich zu rechtfertigen. „Vielleicht will jemand anderes es durchführen und wir bereiten eine satirische Szene vor. Über die Reichen…“

„Madeev, habe ich mich falsch ausgedrückt?“ Der Ton des Dekans verhieß nichts gutes. „Es gab die Entscheidung einen Wettbewerb des politischen Liedes und Plakates durchzuführen, mit der Einbeziehung unseres Studententheaters, und dieser Beschluss muss in die Tat umgesetzt werden. Und wir werden es umsetzen. Verstanden?“

„Verstanden,“ konnte ich geradeso antworten. „Wann soll die Aufführung statt finden?“

„In einer Woche,“ ließ mich  Akylbek Saulebekovič wissen.

Ich ging zurück ins Auditorium, wo mich die besorgten Studenten erwarteten, ich spielte mit offenen Karten und legte die Situation dar. Die Reaktion war wie erwartet.

„Sind sie etwa verrückt geworden?“ antwortete Gena für alle. „Welcher Wettbewerb? Und dazu noch ein politischer!“

„Wir werden gar nichts machen!“ wurde er von den anderen unterstützt. „Haben die etwa ihre Deppen gefunden?“

Und ich zog mir die Maske des Dekans an und sagte, so ähnlich wie er, mit einer metallischen Stimme: „Ich habe es also richtig verstanden, dass niemand im Sommer auf das Theater-Festival in Almaty fahren will?“

Sofort trat Stille ein. Das war unser sehnlichster Wunsch, auf das Festival der studentischen Theater zu fahren und das nutzte ich nun verräterisch aus. Stille, begleitet von enttäuschtem Stöhnen, brachte mich auf den Gedanken, dass ich keinen schlechten Dekan abgeben würde.

„Es ist so,“ fuhr ich fort, „der Wettbewerb ist in einer Woche, und wir müssen uns sehr viel Mühe geben. Auf dem Wettbewerb wird die gesamte Führung vor Ort sein. Morgen früh bekomme ich eine Liste von Studenten anderer Fakultäten, und wir beginnen direkt nach dem Essen mit dem Proben.“

„Werden wir auch Plakate malen?“ betonte kritisch Sagan.

„Aha, wie Ostap Bender, der Sämann, der die Flugblätter  herum  wirft.“ fügte Darhan hinzu.

Alle wurden auf einmal laut, wetteiferten um Bissigkeit und Scharfsinn, und ich verstand, dass der Wettbewerb statt finden wird und sagte etwas weicher: „Es gibt bereits jemanden, der die Plakate malt, wir haben die Aufgabe, den Wettbewerb im Allgemeinen zu organisieren und irgendwie die  Nummern aller Teilnehmenden szenisch miteinander zu verbinden.“

„Wir müssen uns ein direktes Thema ausdenken,“ schlug Gena vor, „um es besser zu verbinden. Zum Beispiel über die Befreiungsbewegung oder irgendetwas über die NATO.“

Da durchfuhr es mich.

„Eine Idee!“ schrie ich

Alle schauten auf mich.

„Ich habe eine klasse Idee! Welchen Monat haben wir “ stellte ich die rhetorische Frage und antwortete selbst: April! Das bedeutet was?“

„Was?“ fragte Jura mit Nachklang.

„Wir müssen…“ ich machte eine theatralische Pause und gab bekannt, „das Erscheinen Lenins auf dem finnischen Bahnhof  inszenieren! So! Ich hab’s!“

Ich stellte so etwas ähnliches wie eine Skulptur dar, die ihren Arm in die Luft hält, ala Lenin, doch konnte damit keinen Enthusiasmus hervorrufen und auch nicht mit der von mir genannter Idee über die Inszenierung. Aber ich verlor nicht den Mut.

„Schaut, es ist ein politischer Wettbewerb, das heißt er ist ideologisch. Wir müssen alle Szenen irgendwie miteinander verbinden. NATO, Reagen und Bžezinskij gehen schon allen auf die Nerven. Wir brauchen etwas Positives! Stellt euch vor, April im Jahr 1917, Lenin kommt in Russland an und tritt auf dem finnischen Bahnhof auf. Auf dem Panzerwagen! Er hält eine Rede! Aprilthesen! Also…“

„Und wie sollen wir es mit den Szenen verbinden?“

„Ganz einfach! Wir inszenieren eine Szene mit der Ankunft Lenins auf den Bahnhof. Das ist doch der Beginn der Revolution! Klasse! Lenin klettert auf den Panzerwagen und beginnt eine Rede zu halten. Und seine Rede werden wir mit den Szenen unterbrechen, so nach dem Motto, dass die Worte Lenins sich direkt im Leben selbst verkörpern.“

Ich verstand natürlich, dass etwas Geniales nicht direkt angenommen wird, aber ich erwartete nicht, dass meine nahen Freunde so unbeeindruckt und dickhäutig waren, sie haben gar nicht reagiert, saßen nur da und schwiegen. Šuron schaute mich nicht einmal an und kritzelte irgendetwas. Ich hatte plötzlich die Vorahnung, dass sie gar nicht an den Sieg des Kommunismus auf der Erde glaubten.

„Also,“ begann ich vom Neuen, „Gibt es irgendwelche anderen Vorschläge?“

„Sei nicht sauer,“ Mišel‘ versuchte wie immer wie ein Friedensstifter dazustehen: „Die Idee ist gut, aber wie sollen wir sie  umsetzen?“

Als ich am nächsten Tag eine Liste mit vorgeschlagenen Studenten des Wettbewerbs bekam, erkannte ich mit  Schrecken, dass alles fehlgeschlagen war, keine einzige Szene passte zu dem von uns gestern erarbeiteten Szenarium. Lenin, so bin ich mir sicher, hätte seine revolutionären Absichten  abgelehnt wenn er gesehen hätte auf welche Weise wir vorhaben, seine Rede zu illustrieren. Abgesehen davon, dass diese uneinheitlich waren, von Pantomime bis zum Quartett, so stand neben mancher Szenen  die Aufschrift „Änderungen vorbehalten.“

Doch es war zu spät für einen Rückzug, und als in dem Hauptsaal der Fakultät um drei Uhr die zukünftigen Teilnehmer erschienen, war ich bereit auf irgend einen Panzerwagen zu klettern und zu irgendetwas Erleuchtendem aufzurufen. Es sah danach aus, dass meine Stimmung von allen dort Versammelten verstanden wurde und erst als ich in Kürze den Kernpunkt der Veranstaltung erklärte, ertönte zu meinem Erstaunen der Applaus.

Ich schaute siegessicher in die Richtung meiner Theater-Kollegen, doch ihre Gesichter waren düster und brannten nicht vor Enthusiasmus. Die Durchschau der Szene begann. Auf meine Belegschaft traute ich mich nicht einmal noch einmal hinzusehen. Die künstlerische Qualität der Lieder, der Gedichte und Tänze war mittelmäßig, aber noch schlimmer war, dass sie alle nicht mit der  allgemeinen Idee über die Aprilthesen  übereinstimmten. Am allermeisten erstaunte uns die Inszenierung des Liedes „We kill the world“, mehr oder weniger das einzige Antikriegslied der Gruppe „Boney M“. Drei Kerle in Frauenkleidern begleiteten es mit solchen Bewegungen, dass der vierte Teilnehmer, welcher Bobbi Farrell darstellte und auf der Bühne wie ein wilder Ziegenbock hüpfte, vor ihrem Hintergrund aussah wie ein unschuldiges Lamm. Und als am Ende des Liedes ein Kinderchor einstimmte mit den Worten „don’t kill the world,“ konnte man verstehen, dass der Wunsch der Kinder wahrscheinlich nicht erfüllt werden wird, weil zu diesem Zeitpunkt nur vier Teilnehmer als Ziegenböcke auf der Bühne sprangen. Am Ende des Stücks stellten sich die tanzenden Boneyemer in eine Reihe, holten irgendwo hinter dem Rücken Albumblätter heraus, jeder zwei und stellten diese vor sich auf. Auf den Blättern waren große Buchstaben abgebildet, die, so war die Losung, den Spruch „Friede der Welt!“darstellen sollten,  jedoch tauchte, in  voller Übereinstimmung mit dem zuvor apokalyptischen Geschehenen  die Aufschrift „Die Welt ist tot!“  auf.

Ich erinnerte mich direkt an eine Phrase, von irgendeinem der Klassiker: „Die Menschheit wird nur von der Atombombe zerstört oder von der Laienkunst!“ Die Durchschau  neigte sich dem Ende zu, ich fing bereits an nach Wegen für den Rückzug zu suchen, als auf die Bühne ein weiterer Darstellender auftauchte, der laut seine Nummer ankündigte: „Kommentar. Thusbal match. Ozerob“

Genauso sprach er es aus „Thusbal“ und „Ozerob.“ Wie viele Kasachen aus dem Aul, sprach er anstatt „F“ „P“ und anstatt „V“ „B“ aus. Hier eine Erklärung. Ich kniff die Augen zu, senkte den Kopf und stellte mir vor, welcher Schrecken jetzt folgen würde. Die Realität überbot alle Erwartungen. Nikolaj Ozerov konnte nicht in seinem schlimmsten Traum eine solche Interpretation der Fußballkommentare voraussehen.  Wirklich, die Unverständlichkeit der Wörter wurde mit der Schnelligkeit kompensiert, mit einem aktiven Gestikulieren und einer wütenden Energie, auf welche die größten Fußballfanaten neidisch sein könnten. Ich wartete ab, bis das Kerlchen  wieder „T-o-o-r“ rief, stand vom Stuhl auf, um seinen Auftritt zu unterbrechen, doch in diesem Augenblick klopfte Gena mir auf die Schulter und sagte:

„Hier hast du deinen Lenin.“

Und ich verstand sofort, dass er recht hatte. Die Sache ist die, dass gestern, während der Besprechung der Szene über die Ankunft Lenins auf dem finnischen Bahnhof, unser mit Mühe errungener Kompromiss, wegen der einfachen Frage, wer Lenin spielen soll, beinahe in Scherben zerbrochen war.

Zuerst sprach man mich darauf an, doch ich lehnte ab und ging damit d’accord, dass ich die Regisseurtätigkeit übernehme und darum keine Rolle auf der Bühne übernehmen konnte. Die anderen fanden auch alle einen Grund, um nicht Lenin spielen zu müssen. Sie alle verstanden, dass wenn, während der Aufführung, irgend etwas auf der Bühne geschieht, dann wird alles verziehen, bis auf die Diskreditierung des hellen  Bildes des Führers des Weltproletariats. Im Endeffekt fanden wir einen  Kompromiss – auf den Panzerwagen ein Portrait Lenins zu positionieren und seine Thesen durch ein Mikrofon verlauten zu lassen. Ich blickte aufmerksam auf „Ozerob,“ welcher weiter das nicht sichtbare Fußballspiel kommentierte und stellte mir vor, dass wenn man ihn bittet, all dies leise zu tun, ihn auf den Panzerwagen zu stellen und ihm eine Kappe anzuziehen, dann kommt vielleicht etwas Gutes raus. Ich nahm die Liste mit den Namen vom Tisch, las laut seinen Namen vor, hob dann  die Hand und sagte „Stopp“ . Es schien als hätte man den Kerl ausgeschaltet, der Wörterstrom wurde unterbrochen, doch seine Augen brannten weiter und die Hände bewegten sich nach dem Trägheitsgesetz. Es war offensichtlich, dass wohl irgend jemand vor längerer Zeit, dem Kerl eher aus Spaß sagte, dass er Ozerov gut imitieren könnte, und ihn wahrscheinlich die Verwandten damit bekräftigten. Der Kerl glaubte daran und begann seine Solo-Karriere als Kommentator und Improvisationskünstler.

„Jerbol,“ sagte ich durchdringend, „eine schöne Szene hast du.“

Jerbol erstarrte. Er hat nicht an eine solche Wertschätzung gedacht aber als er sah, dass ich es ernst meinte, setzte er sich stolz gerade hin und genauso wie ich vor anderthalb Stunden, blickte er siegessicher über meinen Kopf hinweg, irgendwohin in den Saal. Ich verstand, dass es gerade jetzt wirklich angebracht wäre und klatschte in die Hände. Das ganze studentische Kollektiv  unterstützte  mich freundschaftlich.

 Die Vorbereitung für den Wettbewerb verlief in einer sehr angespannten Atmosphäre. Wir übten jeden Tag und jeder Tag brachte eine Überraschung mit sich. Einige Teilnehmer schienen aus unbekannten Gründen aus, andere kamen erst im letzten Moment hinzu, und konnten sich nicht in mein grandioses Vorhaben hinein denken. Ich musste mich aus einem Regisseur in einen baltischen Matrosen verwandeln, um die Gelegenheit zu haben, mich immer auf der Szene zu befinden, im Sog der Ereignisse und Korrekturen mit einzubringen, so wie „Lenin“ und alle, die ihn trafen und darauf erpicht waren den Rahmen der Inszenierung zu überschreiten. Die anderen Teilnehmer, (stämovcy: студенческий театр эстрадных миниатюр) – Mitglieder des studentischen Theaters der Bühnenminiatüre, traten auf als Soldaten, Matrosen und Bauern und nahmen ebenso Schlüsselrollen auf der Szene ein. Unsere Lida trat als Krupskaja Nadežda Konstantinovna auf und wurde dem Lenin-Jerbol angeheftet, sie sollte immer in seiner Nähe sein und darauf achten, dass er nicht irgendetwas anstellte. Jerbol selbst badete buchstäblich im Licht des auf ihn plötzlich

herabgestürzten Ruhms, steuerte eine von ihm selbst tragbare Substanz zu seinem Charakter, versuchte es sogar uns Anweisungen zu geben.

Ich verstand den Grad der Verantwortung und musste mich an die Leitung des lokalen Dramentheaters Stanislavskij wenden. Wir versprachen diesem ein Stück  zu spielen und bekamen im Gegenzug professionelle Kostüme. Und unser Freund, der Schauspieler Saša Osipov gab uns ein paar nützliche Tipps.

Irgendwann, als wir gerade am proben waren, schaute  unser Dekan vorbei, blieb eine Zeitlang sitzen und rief mich mit einem Kopfnicken in den Flur.

„Sabyržan, ich habe eine gute Nachricht,“  Akylbek Saulebekovič fasste mich am Ellenbogen und wechselte in einen Flüsterton. „Ich wurde ins Parteikomitee gerufen, dort erzählte ich von deiner Idee mit den Aprilthesen. Die Idee kam gut an.  Man nahm sie gut auf. Man hat entschieden, dass anstatt des Wettbewerbes einfach nur eine Galavorstellung statt finden wird, verknüpft  mit unserer Konferenz,  zur Ehre des Geburtstags von Lenin. Verstanden?“

„Nein,“ sagte ich ehrlich. „Und was ist mit dem Wettbewerb?“

„Der Wettbewerb findet nicht statt,“ der Dekan begann nervös zu werden. „Hast du etwa nicht verstanden? Wer soll denn mit Lenin wetteifern? Es werden einfach nur Szenen sein. Und eure Szene mit ihm und seiner Rede, soll am Ende aufgeführt werden. Wie ein finaler Punkt. Übrigens, es werden noch ein paar Szenen dazu kommen . Kriegslieder. Die Philologen bereiten sie extra vor.“

„Und was ist mit unseren Szenen?“

„Ihr habt sie doch schon vorbereitet?“

„Ja, fast.“

„Das ist gut. Sie bleiben auch. Also los, macht euch bereit. Lasst uns nicht im Stich.“

Unauffällig nahte der Tag des letzten Gerichts. Seit dem frühen Morgen waren alle am Zug. Auch so schon verwöhnten wir die Vorlesungen nur selten mit unserer Anwesenheit, aber heute wurden wir offiziell von  den Seminaren befreit. Nach dem Befehl des Dekans zogen wir schon Mittags die entsprechenden Kostüme an und schufen damit eine feierlich-revolutionäre Atmosphäre. Diejenigen, die schwache Nerven hatten, liefen vor  mir weg – als ich unerwartet im Kostüm eines Matrosen mit einem geladenen Maschinengewehr hervor trat.

Innerhalb einer Woche verbreiteten sich Gerüchte über irgendeine außergewöhnliche Inszenierung des studentischen Theaters an der ganzen Uni aus und unser Proberaum war bereits gefüllt, bevor die Aufführung statt fand.

Aufdringlich versuchten unsere Leute Plätze in der ersten Reihe zu ergattern, die eigentlich für die Leitung vorgesehen waren. In den benachbarten Auditorien wurde geprobt, die Instrumente gestimmt, die Kostüme vorbereitet, die Requisiten zurecht gelegt.

In den Räumen nebst des Proberaums wurden die Bilder von Zugwaggons, auf denen Vladimir Il’ič Lenin mit seiner Begleitung ankommen sollte, fertiggestellt. Dann entschied irgendjemand von uns  im letzten Augenblick, dass die Ankunft der leninschen Garde auf dem Bahnhof, ohne Zug, irgendwie verfälschend wirken wird, und so begannen wir einen Zug zu basteln. Hätten wir bloß gewusst, welches Ende es nimmt…

Und nun, mit einer Verspätung von einer halben Stunde, erklangen die feierlichen Fanfaren und auf die Bühne trat Akylbek Saulebakovič. In seiner Manteltasche steckte eine Nelke, die er ständig zurecht rückte, doch das störte ihn nicht, kurz und leidenschaftlich alle mit dem sich nähernden Geburtstag von Vladimir Il’ič Lenin zu gratulieren, und er leitete dann den Beginn der Vorführung ein.

Es erklang die entsprechende Musik, hinter den Kulissen informierte Ženja alle mit der Stimme eines Leviatans, dass heute, am 16 April des  Jahres 1917 in Petrograd die Ankunft des aus der Emigration zurückgekehrten Führers der Partei der Bolschewiken und seiner Genossen erwartet wird. Der Saal reagierte mit einem überschwänglichen Applaus.

Auf der Szene erschien Larisa in der Gestalt einer Komsomolzin der 20er Jahre und teilte mit, dass in Erwartung des Zuges, ein feierliches Konzert statt finden wird. Die Sache war die, dass die Szenen, die uns zugewiesen wurden, nicht dem entsprachen, was wir einstudiert haben, deswegen wurde die Entscheidung getroffen, diese in einem musikalischen Auftakt zur Gesamtaufführung vorzustellen. Im Saal sprach sich niemand dagegen aus und Larisa kündigte die erste Szene an. Insgesamt waren es acht Szenen. Dies waren in erster Linie Lieder und Gedichte. Zu diesem Zeitpunkt des Abends wurden noch keine Überraschungen erwartet. Deswegen haben wir, sowohl die Ankommenden, als auch die Aufwartenden, uns gegenseitig aufgemuntert und verteilten uns  auf die Ausgangspositionen. Ich stand rechts hinter den Kulissen und konnte alle Teilnehmer gut sehen. Der Zug aus Karton beunruhigte mich etwas, aber es war schon zu spät, um etwas zu verbessern,  daher drehte ich mich um und begann den Kerl anzuschauen, welcher in der Ecke leise seine Gitarre einspielte und sich auf die Aufführung vorbereitete. Larisa ging zu ihm und sagte, dass er dran wäre. Der Kerl sprang auf, warf sich den Gitarrengurt über die Schulter und kam auf mich zu.

„Mach dir keine Sorgen, alles wird gut,“ flüsterte ich ihm zu als ich sah, dass er, kaum bemerkbar, jedoch zitterte. Er nickte. Larisa dreht sich zu ihm und fragte:

„Was wirst du aufführen?“

„Ein Lied. Eine Ballade über den Vater (Vater heißt auf russisch „Otec, dies klingt im Russischen wie a-b-c“) antwortete der Kerl.

„Ein Dreieck etwa?“ wunderte sich Larisa. .

„Warum Dreieck?“ wunderte sich der Kerl. „Ein Kriegslied. Ich habe es selbst geschrieben. Eine Ballade über den Vater.“

„Soll ich das genau so ankündigen?“

„Kündige das so an.“

„Gut, „sagte Larisa, ging zum Mikrofon und kündigte feierlich, mit  einer gestellten, schauspielerischen Stimme die nächste Aufführung an. „Nun wird ein Student des zweiten Semesters  der philologischen Fakultät, Timkin Vasilij, ein poetisches Lied vortragen „Ballade A-B-C!“

„Nicht A-B-C, sondern über den Vater!“

 Aber es war zu spät. Larisa ging graziös an ihm vorbei und stieß heraus:

„Leg los! Was stehst du da?!“

Der blass gewordene Vasja schlenderte zum Mikrofon und murmelte mit einer etwas beschämten Stimme:

„Nicht A-B-C, sondern über den Vater.“

Der Saal schwieg, Vasja versuchte noch einmal richtig zu stellen:

„Die Ballade heißt nicht A-B-C, sondern über den Vater. Über den Vater. Über Papa. Keine Dreiecke.“

Der Saal war begeistert.

Sogar Akylbek Saulebekovič lachte. Die Anspannung, die uns mit eisernen Handschuhen festhielt, war wie verflogen, wir mussten alle laut lachen und versuchten uns dabei den Mund zu zuhalten! Nur Larisa und Wasilij lachten nicht.

Wasja befand sich in einem halb-ohnmächtigen Zustand, wartete das Ende der Begeisterung ab und begann zu singen. Er hätte besser direkt gehen sollen! Denn das Lied, wie die Ironie so spielt, begann mit den Worten „Ich singe euch über den Vater“, dieses „über den Vater,“ wiederholte sich  immer wieder und rief einen homerischen Lachanfall im Publikum hervor.

Das letzte Lied klang aus.

Ženja kündigte mit einem samtenen Bariton an, dass Lenin und seine Genossen auf den finnischen Bahnhof eintreffen. Das Phonogramm spielte das Geräusch eines sich nähernden Zuges, unsere Leute sprangen alle auf die Bühne, schwangen mit den Gewehren und  riefen Volksparolen zu. Ich winkte mit der Hand und…

Zusammen- und auseinanderziehend, durch das uneinheitliche Gehen der Lenincer, die sich hinter den Wagen versteckten und die Besetzung sicher stellten, bewegte sich

das Kartonkonstrukt aus drei  Zugwaggons und der Lokomotive langsam von  der linken Kulissenseite auf die Bühne. Der Saal empfing den Zug mit einem stürmischen Applaus. In diesem Moment, wohl entschieden, dass es unangebracht wäre, die Zuschauer auf dem Halt des ganzen Zuges warten zu lassen, öffneten sich im mittleren Waggon plötzlich die Fensterläden des zugeschnittenen Fensters und – heraus schaute: ein glückliches Gesicht von Lenin-Jerbol. Das war seine Sternstunde – er winkte mit der Kappe und lehnte sich mit dem gesamten Oberkörper bis zur Taille aus dem Karton-Fenster heraus, wobei er es vollkommen zerknickte, und rief: „Es lebe die Welt-Revolution!“ In den Waggon zurück drängen – den Führer des Weltproletariats – war nicht nun unmöglich und alle, die auf der Bühne standen, begannen zu schreien und zu klatschen. Zu meiner Verwunderung sprangen viele im Saal von ihren Sitzplätzen auf, unterstützten unseren Applaus und riefen uns Losungen zu! Der Dekan drehte sich um, lächelte, stand dann auf und begann zu klatschen. Sogleich folgte ihm der ganze Saal!

In diesem Moment verstanden unsere Leute, die sich hinter der Lokomotive befanden und die, die im Zuschauersaal beginnende Revolution nicht mitbekamen, den verstärkten Geräuschpegel als ein Signal zum Anhalten. Der Zug, welcher nur die Hälfte der Strecke zurück gelegt hat, hielt plötzlich an. Zugleich aber fuhren die Mitstreiter Lenins mit der Bewegung fort und der Zug nahm die Form eines Akkordeons an. Zudem fiel Lenin-Jerbol praktisch schon aus dem Fenster. Um eine Katastrophe zu vermeiden, blitzten wir, die aufwartenden Soldaten und Matrosen, zum Waggon und zogen, entgegen der historischen Wahrheit, den Führer aus dem Fenster heraus. Jerbol war nicht mehr er selbst,  schrieb sich den stürmischen Ausbruch der  Liebe des Volkes zu Lenin zu,  und entschloss sich die Situation in vollstem Maße auszunutzen. Ohne lange nachzudenken, stieg er auf die Schultern der Soldaten, die ihn herausgezogen haben,  und übertönte den Saal: „To-o-r!!!“  Die revolutionär gestimmten Studenten im Saal ließen sich von einer solchen Interpretation der Aprilthesen nicht verunsichern und donnerten ihm entgegen: „Huraa-a!“ Als ich verstand, dass Lenin wieder irgendetwas über den Spartak oder den ZCKA  (Fussballvereine) ausrufen könnte, musste ich auf die Vorbühne treten und mit einer kreischenden Stimme los schreien: „Gegrüßt sei  Vladimir Il’ič Lenin! Hurra Genossen!“ Unter dem schallenden „Hurra“, rief ich den Soldaten, die Jerbol auf den Händen hielten, zu, dass sie diesen zum Panzerwagen tragen sollten. Und dann hielten die bis zum Anschlag zusammengepressten Waggons nicht mehr Stand und krachten aufs Parket. Zugleich stürzten auch die vielen Genossen Lenins, die es nicht rechtzeitig schafften, den Zug durch die Kartontüren zu verlassen. Was im Saal geschah, kann man nicht beschreiben! Das emotionale Pendel schwang um, und die Masse der Studenten brach in Lachen  über die in den Waggons zappelnden Bolschewiken aus. Die Soldaten, welche vom Führer des Proletariats und von mir angetrieben wurden, stürmten in alle Richtungen und suchten nach dem Panzerwagen, den man in all der Hektik vergessen hatte auf die Bühne zu bringen. Am aller  besten in dieser Situation fühlte sich – Jerbol. Caesar gleich, begrüßte er seine „Untergebenen“, immerzu etwas über die Revolution und die Bourgeoisie ausrufend, warf er, während man ihn herumtrug, seine Kappe in den Saal, riss  einem der Matrosen die Schirmmütze vom Kopf  und warf diese ebenfalls seinen Bewunderern zu. Die Rettung kam in Gestalt Lidas Krupskajas, die wie durch ein Wunder  nicht umfiel als der Zug einstürzte,  sie erblickte ihren Gatten nicht auf dem Panzerwagen, sondern in den Händen der Soldaten, verstand sofort, dass  die Situation gerettet werden muss und rannte mit dem Ausruf „Hier ist der Panzerwagen!“ zur Lokomotive, die noch auf der Bühne stand. Ich schrie zum hundertsten Mal „Hurra, Genossen!“ und schob die Soldaten und Jerbol Richtung Zug an.

Unerwartet sprang wieder das Phonogramm mit dem Geräusch eines Zuges an und die Verantwortlich, im völligen Ausnahmezustand, begannen diesen hinter die Kulisse zu schieben. Das war ein Bild! Ein zur Seite wegfahrender Zug , ein sich am Schornstein der Lokomotive festklemmender Lenin, eine Richtung Zug eilende Krupskaja, die Soldaten, die zugleich versuchten den Anführer festzuhalten, halb liegende, halb sitzende Bolschewiken, die herum-rennenden Matrosen und ich, mitten im Zentrum dieser kosmischen Phantasmagorie – fuchtelnd mit einem hölzernen Mauzer.

Im selben Moment, als der Zug endlich zum Stillstand gebracht werden konnte, und Lenin-Jerbol sich hinter ihm positionierte konnte, immer noch fest gehalten  von den selben unglücklichen Soldaten, tauchte auf der Bühne endlich der Panzerwagen auf. Jerbol nahm bereits eine leninsche Haltung ein und streckte den einen Arm nach oben, als er die Konstruktion erblickte, auf der er bereits eine ganze Woche seine  Rede ausarbeitete. Er schwankte in deren Richtung. Die Soldaten, welche das Erscheinen des Panzerwagens nicht bemerkten, beschlossen, dass der Anführer das Gleichgewicht verlor, zogen ihn zur anderen Seite –  Lenin riss den Schornstein ab.

Der Saal stöhnte. Die Menschen hatten keine Kraft mehr zum Lachen. Vor allem riss der Schornstein so ab, dass man der Eindruck hatte, dass der Totengräber des Kapitalismus in seinen Händen anstatt einer proletarischen Kappe, einen bourgeoisen Zylinder hält. Es dämmerte mir, dass mir der Ausschluss aus der Universität drohte, wenn nicht sogar eine Gefängnisstrafe, dann gestikulierte ich den Panzerwagen hinter die Kulissen, nahm Lenin den Schornstein weg, hob die Hand mit dem Mauzer und ging auf die Vorbühne.

„Ruhig, Genossen!“ schrie ich so überzeugend wie möglich. „Feinde der Revolution wollten Lenins Rückkehr nach Petrograd sabotieren, doch sie schlugen fehl!

Und um dies zu untermauern, zerbrach ich mit einer schnellen Bewegung den Horn-Zylinder an meinem Knie. Ich schmiss die Kartonhälften auf den Boden, durchbohrte den Saal mit einem düsteren Blick und drohte erneut mit dem Mauzer. Zu meiner Freude, wenn auch durchsetzt, unterstützte mich das Publikum mit einem Applaus.. Akylbek Saulebekovič saß in der Mitte der ersten Reihe, wischte sich seine Augen mit einem Tuch ab und nickte zustimmend.

„Wir sind revolutionäre Soldaten und Matrosen,“ fuhr ich entschieden fort. „Wir werden es den verdammten Kapitalisten nicht erlauben den Brand der Weltrevolution zu erlöschen!“

Ich zog die Zeit extra hinaus, um erstens, den Saal zu beruhigen, und zweitens, weil ich (mit absoluter Sicherheit) davon ausging, dass die durch solche Ausnahmesituationen abgehärteten Studenten, die revolutionären Soldaten, Matrosen und benommenen Bolschewiken in Übereinstimmung mit den sich verändernden Umständen, wieder aufgestellt haben. Man musste ihnen etwas mehr Zeit geben; ich meißelte mit unsichtbaren Nägeln mit meiner Faust:

„Le-nin lebte!  Le-nin lebt!“

Meine Worte erklangen dermaßen gewichtig, und ich schaute so fesselnd in den Saal, dass während meiner Pause, die ich absichtlich in die Länge zog, entschieden wurde, dass ich den wahrhaftigen Lenin inmitten der Anwesenden entdeckt habe, und begannen nach ihm Ausschau zu halten. Ich ging nach vorne und rief laut:

„Lenin wird (immer) leben!“

Der Saal applaudierte, ich hob wieder den Arm mit dem Mauser und kam zum Entscheidenden:

„Und nun Genossen,“ eiferte ich pompös, „wird Vladimir Il’ič Lenin uns seine berühmten Aprilthesen vortragen!“

Ich drehte mich um, Tränen schossen in meine Augen – alles war so, wie ich es erwartet habe. Lenin in einer entsprechenden Pose auf dem Panzerwagen, Krupskaja – gleich neben ihm, die Antreffenden und Aufwartenden mit auf den Anführer des Weltproletariats gerichteten Blicken – um ihn herum.

In einem schwergewichtigen Schritt ging ich zurück an meinem Platz an der rechten Seite der Kulissen und nickte dem Tontechniker zu. Er nickte auch mir zu und drückte auf den Knopf des Mikrofons.

Das Unglück kommt niemals allein.

Aus allen Dynamos prallte das Lied „Der Vogel des Glücks,“ auf den Saal herab, welches für die finale Aufführung vorgesehen war.

Die Teilnehmer aller Einzelszenen entschieden, dass es so geplant war, rissen sich von ihren Plätzen los, schnappten sich ihre Requisiten und stürmten auf die Bühne. Die Zuschauer,  vollkommen schockiert  von solch einer Lesung des leninschen Erbens, begrüßten, nichts desto trotz, die Teilnehmer mit einem stürmischen Applaus, und alles wäre nur halb so schlimm, aber wir unterschätzten die magischer Kraft der Kunst.

Es überstieg Jerbols Kräfte, nach dem soeben erfahrenen Triumph, alleine auf der Bühne zu stehen und pantomimisch den Mund zu bewegen. Er zog bei einem neben ihm stehenden Soldaten das Gewehr heraus, sprang vom Panzerwagen herunter und

wurde zum Vorsteher des abendlichen Aufmarsches!

„Bähl mich, bähl mich, Pogel des flücks des morfigen Tafes!“ schrie Jerbol feierlich und versuchte  mit seiner Stimme den Gnatjuk zu übertönen.

Hüpfend begann er auf der Bühne Kreise zu formen und lud alle Zuschauer dazu auf, sich  ihm anzuschließen,  aber schon beim nächsten Sprung rutschte er  aus, stolperte über die Kartonresten des Schornsteins und fiel mit aller Wucht mit den Füßen nach oben auf den Rücken. Und folglich, entsprechend dem natürlichen Gesetz der Trägheit , folgte die gesamte marschierende, revolutionäre Menge auf  ihn drauf  und irgendein Plakat landete mit einem großen Krach auf den Kopf von Jerbol-Lenin. Er begann etwas zu schreien, versuchte aufzustehen aber niemand hörte ihn  – die modernisierte Variante der Aprilthesen schaffte es in einem Zug eine neue Generation von Komsomolzen auf die Barrikaden zu stemmen, die entschlossen in die Zukunft blicken.

Der Vogel des Glücks des morgigen Tages kam herab geflogen und verzauberte mit seinen Flügeln.

Ich verstehe bis heute nicht, warum man unser Theater nicht auseinander jagte?!

Ilja Odegov: „Den Traum in die Hand“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Der Fleischer Džafar war ein relativ kleiner, weicher Mann mit großen, feuchten Reh-Augen und langen Wimpern. Wenn er sprach, lächelte er ein klein wenig, so als ob er daran zweifelte, was er sagte und klimperte mit den weichen Wimpern wie ein Schmetterling mit seinen Federn. Seine Hände waren groß und warm. Manchmal, vor allem dann wenn er Gras rauchte, wurden die Hände einfach riesig und Džafar mochte es, wie sich die Finger bewegten, sich nach den Signalen richteten, die vom Kopf kamen. In diesen breiten Händen, fühlten sich, sowohl die Axt als auch das große Messer wohl. Die Finger pressten sich aneinander und füllten jedes Grübchen auf dem Messergriff aus,  so dass es den Eindruck machte, als ob dieses in die Hand herein wuchs und zu einer Verlängerung dieser Hand wurde.  Džafar hackte tagsüber Ziegen-und Schaffleisch in Stücke und nachts schlief er in seinem Zimmer, welches er bei einer Dame von ca. vierzig Jahren, mietete. In diesen Nächten, wenn die Hausherrin, keine Zärtlichkeiten von ihm forderte, anstatt dem Geld für die Miete, er wundersame Träume. Er Träumte von einer schönen Welt, die gefüllt war mit besonderen Tieren – riesigen, bunten, farbenfrohen – solchen ist  Džafar in seinem ganzen Leben noch nie begegnet. Diese Tiere sprachen mit ihm und er verstand jeden Ton. Im Traum wollte Džafar immer auf sich selbst blicken, denjenigen sehen, mit dem die Tiere und Vögel sprechen, aber das gelang ihm nicht. Es schien als ob es nur den Blick aus irgendeinem Punkt in der Leere gäbe und der, dem der Blick gehörte, gar nicht existierte. Wenn  Džafar aufwachte, schaute er als erstes auf seine großen Hände um sich zu überzeugen, dass diese noch ganz sind und zu ihm gehören.

Eines Tages, als Džafar in der Kücke das Schulterblatt eines Schafes bearbeitete, öffnete sich leicht die Tür und eine Katze betrat den Raum. Eine kleine, graue Katze mit dunklen Streifen. Sie gähnte, dehnte sich, ging zu  Džafars Beinen, setzte sich, leckte sich ab und miaute leise.  Džafar schnitte ein Stück vom Schaffleisch ab und warf es ihr zu. Die Katze schaute auf das hin geworfene Fleisch.

„Iss,“ sagte Džafar.

Seitdem erschien die Katze jeden Tag in der Küche. Sie kam immer zur selben Zeit, aß ihr Fleisch und ging weg.

Džafar entschied, dass die Katze unbedingt einen Namen haben sollte. Er nannte sie „Farš“ (russisch für Hackfleisch). Er hatte den Eindruck, dass in diesem Namen etwas muslimisches sei, das gleichzeitig etwas mit seinem Beruf zu tun hat. Die Katze hörte nicht auf den neuen Namen. Sie kam einfach, aß das Fleisch und verschwand wieder. Džafar gewöhnte sich an diese Besuche, legte rechtzeitig leckere Stückchen auf den Boden und erwischte sich oft dabei, wie er auf die Tür starrte und auf ihre Ankunft wartete.

Aber nach einer Zeit, besuchte ihn die Katze nicht mehr. Zuerst machte Džafar sich Sorgen, ging ab und zu nach draußen und rief: „Fa-arš“, dann freundete er sich jedoch an, dass sie nicht mehr kam, bis zu dem Zeitpunkt als die Katze in seinen Träumen erschien. Das erste Mal sah er sie plötzlich beim Einschlafen. Sie unterschied sich von allen. Inmitten von riesigen Schnecken, schuppigen Kühen und violetten Reihern, schien die Katze so real zu sein, dass  Džafar sie berühren wollte. Gerade als er diesen Wunsch verspürt hat, miaute die Katze und verschwand. Er dachte lange an diesen Traum. Am nächsten Tag erschien die Katze wieder, doch sobald er sie berühren wollte, verschwand sie. So ging es einige Nächte hintereinander weiter. Tagsüber, wenn die Hände  Džafars das Fleisch bearbeiteten, war sein Kopf damit beschäftigt, eine Möglichkeit zu finden wie man das Gedachte durchführen könnte. Nach der Arbeit lief er schnell nach Hause und ohne zu Abend zu essen, legte er sich schlafen. Die Hausherrin bemerkte, dass sich in den Rehaugen  Džafars, die zuvor so sorgenlos waren, nun etwas geheimnisvolles, ja sogar angsterfülltes gebildete hatte, doch sie fragte ihn nicht aus, sondern weckte ihn morgens, um ihn zur Arbeit zu schicken. An einem dieser Tage kam  Džafar auf eine Idee. Als er die Küche abends verließ, nahm er ein Stück desselben Schaffleisches mit, mit dem er die Katze gefüttert hatte. Er hielt das Fleischstück in seiner großen Hand und machte die Augen zu. Als die Katze auftauchte, erinnerte er sich an das Fleisch  und als er sich mit Freude daran erinnerte, rief er mit einem Blick die Katze zu sich. Diese gähnte, streckte sich und begann sich zu nähern, mit jedem Schritt wurde sie etwas größer.  Džafar

bekam Angst, er schrie, kniff die Augen zusammen und sah in diesem Augenblick seine großen, weichen Hände. Morgens kam die Hausherrin in sein Zimmer, um ihn zu wecken, doch sah niemanden auf dem Bett. Sie wunderte sich und erinnerte sich daran, dass sie nachts im Traum irgendwelche Schreie gehört hat, beschloss sie wieder heraus zu gehen, doch fühlte sie plötzlich einen Blick auf sich. Sie drehte sich um und schaute sich noch einmal im Zimmer um, doch es war niemand zu sehen.

Marija Vilkovskaja: „Gedichte verschiedener Jahre“

Übersetzt von Polina Stoppel-Beise und Lena Muchin:

Der Tag der Kosmonautin I

Ich lebe auf dem Prospekt Gagarins

in der Stadt der umbenannten Straßen

dort wo Dzeržinskij und Kalinin die illegalen Decknamen der Helden Nauryzbaj

und Kabanbaj tragen

aber Gogol‘ und Ševčenko halten sich an die Pass-Daten

und Furmanov wartet auf den Tod von demjenigen, dessen Ehre und Würde

vom Staat bewacht wird.

Auf seinem Territorium ist ein Kosmodrom

und es fallen die verarbeiteten Stufen

(die zukünftigen Städte, wenn das Erdöl aufgebraucht ist, kommen mir manchmal vor

wie eine Müllhalde radioaktiver Abfälle von China und anderer Imperien)

und auf der Metrostation „Bajkonyr“ fliegt auf dem Monitor eine Rakete und Talgat

Musabaev

schwebt im der Schwerlosigkeit

an diesem Tag

wurde ich bei den Pionieren aufgenommen neben dem ewigen Feuer mit einer Wache

aus Schülern

es war Frühling, die Bäume blühten überall wuchsen Tulpen und das Wasser war

viel viel nasser

und die Erzählung der Mutter, wie sie die Passanten in Moskau umarmt hat

vor Freude, dass Gagarin endlich flog

ein Mensch im Weltall!

Das war unwahrscheinlich

wo seid ihr Außerirdischen?

Wann löscht ihr endlich

diesen traurigen Planeten

vom Antlitz des Weltalls.

Der Tag der Kosmonautin II

Ich schreibe dir eine Liste, damit du nichts vergisst,

Zucker

Whiskas

Servierten

Seife

drei mal zehn Eier

– So viele? Ach ja. Eier wegen Ostern.

So ein Art-Projekt: wir färben Eier, und dann

verzieren wir sie mit buddhistischen, islamischen Zitaten, man kann auch anflechten

Nietzsche, Žižek, Lacan.

Lacun

Lazkan

Laskan

Locon

Laka na

Durchlassen

Alles durchlassen

(Word ersetzt Lacan)

            Gott hat kein Bewusstsein – das ist die  wahre Formel des Atheismus

– Ja, wir färben sie mit leuchtenden Farben,

Zitate schreiben wir mit einem schwarzen wasserfestem Edding.

                        Gott ist tot, aber er weiß nichts davon.

Die ersten Christen versammelten sich in Katakomben, um die Bibel zu lesen. Im

Grunde genommen, waren sie Oppositionelle.

– Oppositionelle mit einem gekreuzigten Anführer

Denn, wo zwei oder drei versammelt sind in Meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

– Warum sind die traditionellen Religionen so standhaft? Wann wird die Menschheit endlich

einen Kult erfinden, der mit der Gegenwart übereinstimmt?

– Ein echter Atheist glaubt ohne Zweifel an Gott.

Warte, das schreibe ich auf.

Einmal im Jahr bereite ich Teig für den Osterkuchen vor und backe diesen der Mutter zuliebe. Das gelingt mir nicht so gut. Ostern – das ist so unerschütterlich wie Neujahr. Vor kurzem sagte ich der Mutter, dass ich ein Poster anfertigen möchte und damit gegen Christus protestieren. Ich sagte, dass ich die Gefühle der Gläubigen beleidigen wollte, ich schrie. Ruth hat mich weg gebracht. Die Mutter war beleidigt auf Ruth. Ostern ist dieses Jahr am selben Tag wie der Tag der Kosmonautin. Wir beschlossen mit den Eltern nicht über zeitgenössische Kunst und Politik zu sprechen, nicht über Religion und Genderidentität. Es bleiben nur das Wetter und die Küche.

 Achtteilige Suppe

                                                           1

einschlafen einstecken Dürre

                                                           2

Die Diagnose der Panikattacken (Ankündigung)

beobachtbar ist der Verlust der Verbindung zum Körper

die Symptome wollen sich nur mit Mühe heilen lassen

gezeigt wird die Kopfmassage Drehungen im Kreis

mit dem Körper nicht-einsamer Sex

schaut in die Wurzel zielt auf  den Punkt des Schmerzes

heilt den Körper der Barb und Turaten

(Das gab’s schon mal, Zojka lässt keinen lügen

Am Morgen des ersten Januars zieht Kuanyš

die Kleidung aus und legt diese in die Waschmaschine

startet das Kreisen zu zusammen mit den Zigaretten und dem Gürtel

und kreist mal in die eine mal in die andere Richtung

für ein oder zwei Mal

Kuanyš nimmt ein Bad und freut sich

ul’ken kuanyš bar

Alla ich gehe in die Bar versucht mir die Mutter zu erklären

Bei ihr geschieht alles unverständlich irgendjemand spricht unverständlich

Und alle Menschen fallen auf die Knie

die Nachbarmoschee singt mit einer vollkommen bescheuerten Stimme, es ist ja kein Freitag

ich kenne all eure Kater-Praktiken

schreib nicht schreib nicht schreib nicht

koch lieber ein Suppe mit Kraut und Rindfleisch

oder Kürbissuppe mit Ingwer nach dem Rezept von Ksju Ša

                                                           4

wie nur

nervt dieses Zeitgenössische

und der Snobismus und das Wackeln mit dem Hintern und das Ästhetische und das Natürliche und das Hässliche

wo war hier nur meine Waffe?

Ingwer und nicht nur Čužuk hat die Form von Genitalien

lass dich nicht fangen vom Abzugshahn mein unverkennbares Würmchen

                                                           5

Die Heimat des Ingwers wo bist du Heimat des Ingwers

Ihr Wort Genosse Browser

treibt nicht den Schneesturm an pumpt nicht vergeblich dem Nebel auf

„Die Heimat des Ingwers – Westindien und ich

bin Süd-Ost-Asien“

                                                           6

Ich betrete das Zimmer die Tochter redet schlaftrunken

willst du wissen warum ich mit den Beinen nach oben schlafe?

Ich träumte, du seist tot

es ist nur  Traum spreche ich in die Hand

denn irgendwann wird es geschehen

sie sagt nein ohne die Augen zu öffnen

ich gehe raus mache die Tür zu wir brauchen eine neue Matratze

                                                           7

gestern sprachen wir ein wenig über den Tod

und gut, dass wir es können

aber dann ist das Gespräch ins Stocken geraten

Pavlenski Pussy ein weißes Mädchen auf schwarzem Balken ist der Preis Kandinskys

Nehmt mich doch als Erzieherin im Kindergarten für die zukünftigen Samurais

ich zeige ihnen wie die japanische Kirschblüte das Laub verliert und erzähle davon, wie der Sukkubus schleicht

ich bringe ihnen die Musik Kurjehins bei

mit dieser werden sie den ganzen Schnee schmelzen

                                                                       8

Inzwischen ist der Kürbis-Halbmond bereit

ich werde die Kater einfangen und füttern

so ist meine Kunst

etwas elendig, aber schmackhaft

Maria Vilkovisky: „Gedichte“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise u. Lena Muchin:

Der Tag der Kosmonautin I

Ich lebe auf dem Prospekt Gagarins

in der Stadt der umbenannten Straßen

dort wo Dzeržinskij und Kalinin die illegalen Decknamen der Helden Nauryzbaj

und Kabanbaj tragen

aber Gogol‘ und Ševčenko halten sich an die Pass-Daten

und Furmanov wartet auf den Tod von demjenigen, dessen Ehre und Würde

vom Staat bewacht wird.

Auf seinem Territorium ist ein Kosmodrom

und es fallen die verarbeiteten Stufen

(die zukünftigen Städte, wenn das Erdöl aufgebraucht ist, kommen mir manchmal vor

wie eine Müllhalde radioaktiver Abfälle von China und anderer Imperien)

und auf der Metrostation „Bajkonyr“ fliegt auf dem Monitor eine Rakete und Talgat

Musabaev

schwebt im der Schwerlosigkeit

an diesem Tag

wurde ich bei den Pionieren aufgenommen neben dem ewigen Feuer mit einer Wache

aus Schülern

es war Frühling, die Bäume blühten überall wuchsen Tulpen und das Wasser war

viel viel nasser

und die Erzählung der Mutter, wie sie die Passanten in Moskau umarmt hat

vor Freude, dass Gagarin endlich flog

ein Mensch im Weltall!

Das war unwahrscheinlich

wo seid ihr Außerirdischen?

Wann löscht ihr endlich

diesen traurigen Planeten

vom Antlitz des Weltalls.

Sabyrzhan Madeyev „Das Lieben darf man nicht vergessen“

Übersetzung von: Lena Muchin:

„Rus, warum willst du mich nicht in den „Mega“ begleiten?“

„Ich mag nicht.“

„Wir haben doch Wochenende. Deine Mutter kommt zu Besuch. Wir haben schon alles gekauft.“

„Aber Rus.“

„Nein, Zami, nein. Ich gehe nirgends wohin. Ich habe doch noch die Betriebsfeier,“ Rustam wedelte selbstsicher mit der Hand und scrollte gleich mehrere Seiten auf dem Tablet weiter. „Ich muss noch Geschenke kaufen.“

„Warum wieder du? Hast du ihnen erzählt, dass du bald heiratest?“

„Sie wissen alle Bescheid, aber sie sind alle im Urlaub. Nur der Chef kommt zur Betriebsfeier,“

„Rus,“ Zamira hing zu dem über dem Tablet hängenden Rustam, bedeckte mit der Hand den Bildschirm und küsste ihn auf den Scheitel. „Rus, ich wollte es dir nicht erzählen, aber dort findet ein Wettbewerb statt. Für diejenigen, die heiraten wollen.“

„Was? Was für ein Wettbewerb?“ Rustan drehte sich verwundert zu Zamira.

„Was hast du dir wieder ausgedacht?“

„Weißt du, als wir den Antrag beantragten, hing da eine Anzeige. Die Mädels haben es mir gezeigt. Das ist zur selben Zeit wie der Stadtfeiertag. Ich habe gehört, man hat da letztes Jahr eine Wohnung verlost.“

„Zami, wir haben eine Wohnung.“

„Da wird noch mehr verlost…Rusik, Liebster, lass uns  hin gehen. Alle meine Mädels werden da sein. Weißt du, sie haben großen Respekt vor dir. Almuša sagt, dass wir ohne dich, das letzte Spiel verloren hätten…

Ja, letzte Woche war es klasse beim „Quiz -please!“ Das ganze Spiel war Rustans Team auf dem zweiten Platz aber die Frage über Freitag den dreizehnten nahm nur er an. Die Spieler standen darauf hin auf, gingen zu ihm und drückten seine Hand…

„Nur sei bitte nicht wütend, ich habe dich bereits für den Wettbewerb angemeldet.“ Zamiras Stimme lockte Rustam in ihr Zimmer.

„Was? Zami, ich habe es dir grade erklärt, dass ich nicht mitmachen will!“

„Aber Rus…“ Zamira blies die Lippen auf, tat so als ob sie beleidigt sei, lächelte aber, hob unschuldig die Wimpern und gurrte. „Weißt du, wie sehr sich deine Mutter freuen würde.“

Das vor ein paar Tagen in der Hauptstadt eröffnete Zentrum „Mega-Galatika“ ähnelte einem aufgebrachten Ameisenhaufen. Im Vorfeld des Stadtfeiertags wurden auf der großen, extra aufgebauten  Bühne ohne Unterbrechung Aufführungen populärer Musiker, Sänger und Zirkusleute inszeniert, außerdem gab es Modenschauen und Vorführungen verschiedener Neuheiten. Es sah so aus, als ob alle Handelsmarken der Welt hier versammelt wären, um der Stadt zu dienen. Sie verteilten in der Halle ihre Werbeschilder  und Banner, schmückten diese mit Luftballons und anderen feierlichen Accessoires. Verschiedene Boutiquen und Cafés  bemühten sich ebenfalls der sich der allgemeinen Stimmung anzupassen: in den einen wurden Souvenirs verkauft, in den anderen kostenlose Getränke angeboten und Meloman organisierte sogar eine Buchvorstellung von Ilya Odegov. Um es zusammen zu fassen, so machte „Meloman“ alles  Mögliche dafür um am Tag der Stadt die Einheimischen und Besucher der Hauptstadt glücklich zu machen. Rustan saß schon die zweite Stunde auf dem Sofa neben der Bühne, wartete den Wettbewerb und kämpfte gegen den  Wunsch an,  diesem feierlichen Krach zu entfliehen. Die neben ihm sitzenden Eltern und seine kleine Schwester Malika warteten darauf, dass es endlich anfing. Die Mutter trug ihr feierlichstes Kleid mit Lehrer-Auszeichnungen, der Vater trug eine Krawatte, die er von Zeit zu Zeit versuchte auszuziehen, aber er richtete sie nur. Malikuša nutzte die gute Stimmung der Mutter aus und  erbettelte zwei große Eiscremes  der Sorte „drei Pinguine.“ Zamira flatterte zwischen Rustam, seinen Eltern und ihren Freundinnen hin und her aber auch sie begann nervös zu werden wegen des verzögerten Konzerts, welches das wichtigste Ereignis des Abends einleitete. Und dann, als Malika neue Eiscreme holen wollte, beendete plötzlich die Jazzband auf der Bühne ihr Kozert und zu den Klängen der Fanfare kam auf die Bühne, noch aus den Zeiten der ersten KWN-Shows, der dem Publikum gut bekannte Moderator des Wettbewerbes mit dem Namen Timur. Zamira rief sofort Malika zu sich und setzte sich neben Rustam. Timur begnadete alle mit seinem sonnigen Firmen- Lächeln, winkte jemandem im Saal zu, neigte den Kopf etwas zur Seite und breitete begrüßend die Arme aus. Er verstand, dass der Wettbewerb mit Verzögerung begann und machte kenntlich, aus welchem Grund alle in das Zentrum „Mega-Galaktika“ gekommen sind: „Guten Abend sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste! Wir fahren mit unserem Programm fort, das dem Tag der Stadt gewidmet ist! Wie ihr alle wisst, führt unser Kaufhaus im Rahmen der feierlichen Veranstaltungen den Show-Wettbewerb „Du bist einfach super!“ durch. Den Titel des Wettberwerbs  sprach Timur accrescendo aus und dehnte die Wörter so, wie es Moderatoren von Boxkämpfen machen. Die vom langen Warten gequälten Zuschauer belohnten die Bemühungen Timurs mit einem stürmischen Applaus. Mit einer Handbewegung bat er das Publikum, sich zu beruhigen und fuhr mit der selben wachen Stimme fort: „Für die Teilnahme an dieser ungewöhnlichen Show luden wir heute diejenigen ein, die beschlossen ihre Herzen einander zu schenken  und so zu sagen den  Bund der Ehe  in genau in einer Woche ein zu gehen – Am Tag der Stadt. Hier sind sie – sie sitzen in den ersten Reihen unserer improvisierten Halle und warten ungeduldig auf den Beginn des Wettbewerbes! Lasst uns sie begrüßen! Ein neuer Applaus  erklang und die in den ersten, und nicht ersten Reihen sitzenden Teilnehmer begannen sich gegenseitig an zu schauen, so als ob sie sicher gehen wollten, dass die Teilnehmer des Wettbewerbs nervös sind. Timur wartete ab, bis die visuellen Express-Bekanntschaften vorbei waren und erhob theatralischdie Hände zum Himmel: „ Verehrte junge Paare, unser Einkaufzentrum bereitete für euch Hochzeitsgeschenke vor! Vom Salon „Bajan-Sulu und Kozy-Korpeš“ gibt es Sets mit Bettwäsche  und Handtüchern! Das Geschäft „Bogemija“ verlost Geschirr für 24 Personen! Vom Kaufhaus „Severnyj Veter“ bekommt ihr ein Filmtheater für Zuhause mit einem Blueray-System! Das alles und vieles mehr schenken wir Ihnen! Aber…“ Timur gab seiner Stimme das Maximum an Rätselhaftigkeit: „Zuerst müsst ihr uns überzeugen, dass ihr wirklich super seid! Ihr werdet es beweisen, indem ihr verschiedene Aufgaben löst. Diejenigen von euch, die die Aufgabe erfolgreich gelöst haben und uns damit bewiesen , dass sie einfach super sind, denjenigen versichere ich, dass staunen werden über den Super-Preis.“ Timur genoss die Stille im Saal, erklärte und zählte die Preise auf, ging, ohne sich zu beeilen, zum Computertisch und fuhr mit einer Alltagsstimme fort. „So, auf der Seite unseres Kurses haben sich siebenundfünfzig Brautpaare registriert. Ich werde nun ein Random-Programm starten, welches per Zufall einen Wettbewerb-Teilnehmer bestimmt. Timur hob feierlich die Hand über die Tastatur, ihm näherten sich sofort eine Videokamera. Die Aufnahme der Hand des Moderators tauchte auf dem großen Bildschirm auf, welcher neben der Bühne stand. „Eins, zwei, drei!“ Timur drückte auf die Taste Enter und auf dem Bildschirm schlugen die Nachnamen der registrierten Teilnehmer Purzelbäume, schubsten sich gegenseitig weg und liefen in alle Richtungen. Rustam machte die Augen zu, um nicht  mit einem Blick oder auf eine andere Weise seinen Nachnamen unter den Gewinnern zu wissen.

„Hier ist unser erster Teilnehmer!“ erklang sie Stimme des Moderators. „Lasst uns im Chor seinen Namen rufen und den Glücklichen bitten auf die Bühne zu kommen. Und plötzlich hörte Rustam den fröhlichen Schrei Zamiras und fast gleichzeitig einen polyphonen Chor, welcher seinen Namen und Nachnamen rief. Rustam machte die Augen auf und sah die Gesichter seiner Eltern, Malikas und Zamiras, die mit irgend einer erschrocken-fröhlichen Begeisterung auf ihn schauten. „Al, balam, mach schon!“spürte Rustam die Worte der Mutter, anstatt sie zu hören. Und dann hörte er auch die Stimme Zamiras: „Los Rus! Viel Erfolg!“ Rustam stand auf und bewegte sich mit dem Gang eines Zombies zur Bühne. „Hier ist er!“ schrie Timur. „Heißen wir den ersten Teilnehmer unseres Wettbewerbs-Programms willkommen.“ Zu einem schwachen Applaus begab sich Rustam auf die Bühne, wusste nicht, was er als nächstes machen sollte und verbeugte sich vor dem Publikum. Das wirkte jedoch irgendwie krumm und unnatürlich – irgend jemand lachte laut. Rustam schaute sich im Saal um und sah zu seinem Schrecken die  Köpfe der Freundinnen und Bräute. Der Moderator machte einen Schritt zur Seite und sprach in sein Mikrofon: „Guten Abend, Rustam! Es ist eine Ehre für uns, dass du an unserem Wettbewerb teil nimmst und wir sind froh darüber, dass der Computer dich ausgewählt hat.“ „Danke,“ Rustam erkannte seine eigene Stimme nicht. „Ich bin auch sehr froh.“ „Womit beschäftigst du dich, Rustam?“ Der Moderator blinzelte ihm zu. „Studierst du? Arbeitest du?“ „Ich arbeite in einer Firma.“ „Oh, und in welcher Sphäre? Womit beschäftigt sich die Firma wenn es kein Geheimnis ist?“ „Mit Bau und Verkehrslogistik.“ „Ausgezeichnet!“ Timur blinzelte wieder Rustam an. „Und du selbst besitzt sicher ein Auto?“ „Ja, habe ich. Einen Toyota. Vierziger.“

„Dann denke ich, sind ein Geschirrset und ein Minigrill der Firma  „Picknick am Wegesrand“ was für dich?“ Timur zeigte in irgend eine Richtung. „ Ja, das sind sie.“ antwortete Rustam sofort. „Ausgezeichnet. Wir können beginnen. Bis du bereit?“ Timur näherte sich Rustam. „Ja ich bin bereit.“ „Kannst du dir vorstellen, Rustam, welche Aufgabe dich in unserem Wettbewerb erwartet?“ Timur hielt Rustam am Ellenbogen und schaute ihm in die Augen. „Nein.“ „Dann kann ich sagen – es ist keine Aufgabe, sondern ein Bonbon.“ Der Moderator lachte kurz.  „Aber dieses Bonbon kann alles andere als süß sein!“ Timur wandte sich zum Publikum und lud dieses dazu ein, mit ihm zu lachen. Das Publikum unterstützte ihn. Dann fuhr er fort: „Für den Anfang, verehrte Gäste, erlauben Sie es mir, Sie daran zu erinnern, dass Rustam in einer Woche heiratet. Ist es so?“ „Ja. Die Hochzeit ist nächste Woche.“ „Und die Braut ist auch hier?“ „Ja,“ Rustan fand Zamira in der Menge. Sie winkte ihm zu. „Da drüben sitzt sie. Und die Eltern sind auch hier und die Schwester auch.“ „Ausgezeichnet,“ Der Moderator nickte den Verwandten Rustams zu und wandte sich wieder zu ihm. „Wahrscheinlich haben die Eltern schon eine Wohnung für euch ausgesucht und vorbereitet?“ „Ja, da geht langsam die Renovierung zu Ende.“ „Wenn das so ist, dann könnt ihr sicher eine Spülmaschine inklusive Trockner gebrauchen, der Marke „Tap-Taza“ und einen Kühlschrank mit zwei Bereichen „Arktika“ mit integriertem Display?“ „Ja natürlich, können wir das.“ „In diesem Fall gehören sie euch,“ Timur fügte Feierlichkeit in seine Stimme. „Und es gibt noch viel mehr Geschenke, so viele, dass man sie nicht zählen kann..“ Das gehört alles euch unter der Bedingung, dass du die Aufgabe lösen kannst…Verstanden?“ „Ja.“ „Ausgezeichnet,“ Timur nickte einem der Helfer zu, „Nun, wir fangen an. Hier folgende Aufgabe. Du sollst deine Exfreundin anrufen, die weiß, dass du vor hast, zu heiraten, und Achtung!…du sollst ein Treffen mit ihr vereinbaren. Du kannst alles sagen, bis auf zwei Dinge: Du darfst ihr nicht beichten, dass du an einem Wettbewerb teil nimmst und auch nicht, dass die Hochzeit nicht statt findet.“ Im Saal achte jemand und jemand fing an zu lachen. Rustam zitterte innerlich. „Und? Nimmst du die Aufgabe an?“ Der Moderator blickte auf Timur. „Ich nehme an,“ sagte unsicher Rustam. „Welche Exfreundin?“ Der Moderator fing an zu lachen: „Das musst du selbst wissen. So, rufen wir an?“ „Ja.“ Rustam kramte in seinen Taschen nach dem Mobiltelfon. „Nein, nein!“ Timur wackelte mit dem Kopf: „Dein Telefon brauchen wir nicht. Du wirst aus einer dafür vorgesehenen Kabine anrufen.“ Timur winkte den Helfern zu und diese schoben auf die Bühne eine große Kabine aus Metall, die aussah wie eine englische Telefonbude. „Hier ist sie!“ sagte feierlich Timur und wandte sich an Rustam. „Darin auf dem Tisch liegt ein Mobiltelefon. Damit wirst du telefonieren. Dazu musst du wissen, dass wir alle hier im Saal hören werden, was du und was die junge Frau sagen werdet, uns hören werdet ihr aber nicht. Abgesehen davon, Rustam, werden wir dich auch sehen. Verstanden?“ „Verstanden,“ antwortete Rustam und irgend etwas knurrte in seinem Magen. „Fangen wir an?“ „Warten Sie, ich muss nachdenken.“ „Ich verstehe,“ Timur drehte sich wieder zum Publikum. „Und so lange Rustam nachdenkt, will ich dran erinnern, dass die Firma „Diline“  Sponsor dieses Wettbewerbs ist. Und wenn Rustam die Aufgaben richtig löst, werden er und seine Ehefrau als Geschenk zwei Smartphones der Marke „Starking MS-10“ bekommen, einen vergünstigten Tarif und kostenloses  Internet für ein ganzes Jahr! Und, wie finden Sie das Rustam? „Keine Ahnung…irgendwie keine Ahnung.“ „Nun denn,“ der Moderator blinzelte zum tausendsten Mal Rustam zu. „Dann lass uns fragen, was deine Verlobte davon hält. Ich bitte die Braut aufzustehen. In der zweiten Reihe stand Zamira auf. „Ach, da ist sie, „ Der Moderator kniff die Augen zusammen, erhob seinen Kopf, zeigte Rustam den Daumen und sagte: „Eine Schönheit. Du hast Glück, Rustam. Und wie heißt deine Verlobte?“ „Zamira.“ Timur nickte mit dem Kopf: „Zamira, hast du die Aufgabe verstanden? Hast du nichts dagegen, dass Rustam es versucht? Oh, sie sagt sie hat nichts dagegen! Braves Mädchen! Dazu kommt noch, dass wenn ihr Glück habt, dann wird euch vom Reisebüro „Eurasia Travel“ eine zweiwöchige Reise auf die märchenhafte Insel Teneriffa gesponsert.“ Das Publikum klatschte in die Hände, der Vater zog an seiner Krawatte und die Freundinnen hoben die Plakate noch höher und riefen dreimal ihren Inhalt auf. Der Moderator drehte sich zu Rustam. „Und, Rustam? Was sagst du dazu?“ „Gut, ich versuche es,“ die innere Sorge, die ihn nicht locker werden ließ, wurde nun weniger und ihm wurde viel besser zu Mute. Timur spürte es, klopfte ihm auf die Schulter und fragte ihn: „Wie heißt die junge Frau, die du anrufen wirst?“ „Lena. Elena.“ „Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“ „Lange her. Vor ca. einem Jahr.“ „Weiß sie, dass du bald heiraten wirst?“ „Sie weiß es.“ „Okay,“ Timur öffnete die Tür der Telefonbude. „Lass uns beginnen. Erinnerst du dich an ihre Handynummer?“ „Ja…ich habe sie irgendwo bei meinen Kontakten gespeichert.“ „Ausgezeichnet, nur dein Handy musst du mir geben, deswegen such ihre Nummer aus, präge sie dir ein und geh in die Telefonbude.“ Rustam zog sofort sein iPhone heraus und gab ihn dem Moderator. „Ich hab ihre Nummer im Kopf.“ „Ausgezeichnet.“ Timur nahm das iPhone, zeigte es dem Publikum und reichte dieses einem der Helfer. „Geh in die Kabine und wähle ihre Nummer. Erinnerst du dich an die Aufgabe?“ „Ich erinnere mich.“ „Gut! Viel Glück! Los geht’s!“ Rustam betrat die Telefonbude, der Moderator schloss hinter ihm die Tür, lächelte und wandte sich an das Publikum: „Er hat die junge Frau über ein Jahr lang nicht gesehen und erinnert sich immer noch an ihre Nummer. Oh, sieh dich vor, Zamira!“ Timur unterbrach sein Lachen. „Ist ja gut, ich mache nur Scherze! Verehrte Gäste, lasst uns Zamira und ihren Bräutigam, den Teilnehmer unseres Wettbewerbs, Rustam, mit einem Applaus unterstützten. Es wurde geklatscht, irgend eine einsame Frauenstimme schrie: „Rustam- Champion!“ Timur hob die Hand und sagte laut: „So, ich sehe, dass Rustam es sich in der Kabine gemütlich gemacht und das Handy in die Hand genommen hat.“ Timur zeigte mit der Hand in Richtung Bildschirm. „Und hier, liebe Gäste, könnt ihr ihn auf unserem Monitor sehen.“ Auf dem großen Bildschirm war Rustam zu sehen, er saß auf dem Stuhl und wählte eine Nummer. „Achtung!“ Timur schnippte mit den Fingern. „Machen wir den Ton an.“ Im Saal erzitterten viele, die Geräusche des Telefons schlugen auf die Ohren. Aber nicht wenigen fiel auf, dass Rustams Hand, die das Telefon hielt, etwas zitterte. Am anderen Ende nahm jemand den Hörer ab. „Hallo.“

„Hallo. Lena, bist du es?“

„Ja. Wer ist das? Hallo.“

„Hallo, Lena ! Ich bin’s – Rustam.“

„Rustam?“

„Ja.“

„Welcher Rustam?“

„Na, Rustam…Lena, ich bin’s…“

„Rustam?…Rus, bist du es?“

„Ja, ich.“

„Was ist mit deiner Stimme? Sie klingt irgendwie…anders…“

„Ja, wahrscheinlich, die Verbindung ist schlecht…

„Und die Nummer, die auf dem Display erscheint, ist eine andere. Bist es sicher du?“

„Ich bin’s Lena, ich.“

„Das kann nicht sein.“

„Ja, ich bin’s“

„Nein, das glaube ich nicht. Auf wiedersehen und stören Sie mich nicht mehr…“

Rustam sprang vom Stuhl auf:

„Lena, warte, leg nicht auf! Weißt du noch, als deine Jessika krank wurde, da haben du und ich zwei Stunden bei Regen auf den Arzt gewartet…Ich habe mich danach erkältet, hatte eine Angina und du hast gelacht, darüber, dass ich eine Stimme wie ein Clown habe, ein schlechter Clown…weißt du noch?“

„Ja, ich erinnere mich, nur sagte ich wie bei einem provinziellen Clown.“

„Ja, genau.“

„Bist du krank?“

„Nein. Habe nur was mit der Stimme…Und die Verbindung ist irgendwie…Erinnerst du dich, Lena, als die Angina weg war, da haben wir beide beschlossen Bier zu trinken. Wir saßen auf der Bank und wären beinahe von Polizisten mitgenommen worden.“

„Ich erinnere mich.“

„Wir wollten noch vor ihnen weg rennen, aber es hat nicht geklappt.“

„Weil du nicht wolltest.“

„Ja, ja. Und dann hattest du noch einen Pudel, so einen alten. Du hast ihn irgendwo draußen gefunden. Ich glaube er hieß Al’ba.“

„Ja, Al’ba. Daran erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich. Und es gab einen Kater. Charlie hieß er, glaube ich“

„An das alles kannst du dich erinnern? Wozu?“

„Damit du verstehst, dass ich es bin.“

„Ich habe verstanden…irgendwie seltsam…dass du anrufst. Was ist das für eine Nummer? Hast du ein neues Telefon?“

„Du glaubst es mir nicht? Frag mich irgendwas!“

„Was soll ich fragen?“

„Etwas, was nur du und ich wissen.“

„Erinnerst du dich an unsere Pizzeria?“

„Natürlich. „Pinocchio“. Und an unseren Tisch erinnere ich mich . Und an deine Lieblingspizza – „Milana.“  Weißt du noch, die Bedienung war so lustig?“

„Sie stotterte etwas und war die ganze Zeit so verwirrt.“

„Ja, und brachte dir einmal eine „Margarita“ anstatt eine „Milana“ Und ich sagte dir, das liegt daran, weil du der Margarita von Bulgakov ähnlich siehst.“

„Das war am Valentinstag. Im Februar. Am 14….

„Uns gegenüber hing ein Fernseher und da wurde die ganze Noskov gezeigt. In einem seiner Videos war eine Frau…“

„Ja, du sagtest, dass sie mit ähnlich sieht.“

„Und wir haben noch dazu gesummt.“

„Ich liebe dich, und das ist wundervoll!“ Und dann sagtest du, wie Noskov, dass du zu weniger nicht einverstanden bist.“

„Und als wir raus gingen, fing es an zu schneien. Flocken…

„Und wir haben begonnen im Schnee ein Herz zu formen, wer als erster es schafft.“

„Und beim letzten Sprung…“

„Stießen wir uns gegenseitig und fielen fast um. Du hast mich zu dir geholt, umarmt und so standen wir noch lange da.“

„Und ich pustete die Schneeflocken von deinen Wimpern.“

„Ja.“

„Glaubst du es mir nun, dass ich es bin?“

„Ja.“

Rustam setzte sich auf den Stuhl und wischte sich mit seiner Hand über das Haar.

„Ja hallo Lena, wie geht es dir?“

„Gut, und selbst?“

„Auch gut. Bist du in der Stadt?“

„Ja, warum?“

„Nur so, du verreist ziemlich oft.“

„Das liegt an meiner Arbeit. Woher weißt du das?“

„Ich habe Gul’mira getroffen. Wir haben gequatscht. Sie sagte, du seist oft auf Dienstreise.“

„Verstehe. Und wo bist du zur Zeit?“

„Ich bin hier. Wo soll ich sonst hin sein?“

„Ich weiß es nicht. Das letzte Mal als wir uns gesehen hatten, plantest du nach Deutschland zu gehen.“

„Nein. Ich bin in der Stadt…“ Rustam hielt den Atmen an, zauste sich das Haar und atmete aus: „Lena?“

„Ja?“

„Lena, lass uns treffen,“

„Treffen?“

„Ja.“

„Wofür?“

„Ich will dich sehen.“

„Ist was passiert?“

„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich will dich einfach wieder sehen. Also?“

„Rus, was ist passiert?“

„Nein, es ist alles im grünen Bereich. Ich will mir dir reden.“

„Reden? Worüber?“

„Es gibt da was.“

„Dann rede.“

„So kann ich nicht. Kein Telefongespräch.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, was du mir sagen möchtest.“

„Es ist wichtig.“

„Ist irgend etwas mit der Mutter?“

„Nein, nein. Das geht nur uns beide was an.“

„Ich verstehe nicht. Hast du Unannehmlichkeiten?“

„Nein, ich sage doch, es ist alles in Ordnung. Ich muss dich treffen, dich sehen.“

„Sehen? Mich?“

„Ja, dich.“

„Soweit ich weiß, hast du vor kurzem geheiratet.“

„Noch nicht, erst in einer Woche.“

„Herzlichen Glückwunsch.“

„Danke. Lena, wirklich, wir müssen uns unbedingt treffen.“

„Willst du mich zur Hochzeit einladen?“

„Nein, ich will dich sehen, sehr.“

„Du willst mich sehen?“

„Ja.“

„Na, ich weiß nicht…“

„Wie wäre es mit morgen?“

„Morgen?“

„Ja. Abends.“

„Nein, morgen kann ich nicht.“

„Warum?“

„Ich habe morgen bereits ein Treffen. Mit einem Menschen. Übrigens dachte ich, dass er anruft. Er ruft mich oft um diese Zeit an.“

„Und übermorgen Abend?“

„Übermorgen kann ich auch nicht. Da ist auch ein Treffen.“

„Kannst du es nicht absagen?“

„Kann ich nicht.“

„Nun gut. Dann wähle du einen Zeitpunkt. Wann kannst du? Ein beliebiger Tag nächste Woche.“

„Ein beliebiger Tag?“

„Ja, es hat keine Bedeutung. Sag einfach, wann du dich treffen magst und wir treffen uns.“

„Du heiratest doch nächste Woche.“

„Ja, aber ich muss dich sehen. Ich muss dich unbedingt sehen.“

„Du willst mich unbedingt sehen, ja?“

„Nicht nur.“

„Was denn noch?“

„Das sage ich dir wenn wir uns treffen.“

„Willst du dich verabschieden?“

„Nein, das heißt, ja. Lena, nicht verabschieden…Lena…“

„Du machst mir Angst, Rustam. Bei dir ist irgend etwas vorgefallen.!“

„Ja, da ist was vorgefallen.“

„Was?“

„Es ist vorgefallen, dass ich dich unbedingt sehen möchte. Ich weiß nicht was mit mir los ist, aber ich will dich unbedingt sehen Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll.“

„Und ich weiß es auch nicht, was ich dir sagen soll.“

„Lena, willst du mich nicht sehen?“

„Ehrlich? Ich habe mich von dir entwöhnt…es tat sehr weh, Rus. Und ich bemühte mich, dich zu vergessen….“

„Und? Hast du mich vergessen?“

„So wie es aussieht, nein. Ich erinnere mich noch, erinnere mich noch an alles.“ Rustam streckte sich und berührte mit seinen Händen die Stirn. Auf dem Bildschirm sah man ganz groß, wie Rustams Adamsapfel sich bewegte, wie er die Spucke schluckte und mit einer bebenden Stimme sagte:

„Lena?“

„Was?“

„Ich fand es sehr schön mit dir!“

„Schön?“

„Ja, ich war glücklich mit dir!“

„Aber du hast es selbst zerstört.“

„Ich nicht“

„Nicht du, sondern deine Mutter. Und du nahmst mich nicht in Schutz.“

„Verzeih mir Lena…Lena, weinst du? Lena?“

„Nein, jetzt nicht mehr.“

„Also, wie sieht es aus mit dem Treffen?“

„Gut.“

„Du bist einverstanden?“

„Ja.“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Jetzt sofort?“

„Ja, kannst du nicht?“

„Ich kann Lena,natürlich kann ich!“

„Wo?“

„Wie du magst.“

„Dann lass uns ins Pinocchio“

„Abgemacht.“

„In einer Stunde.“

„Gut.“

„Ich werde in einer Stunde im Pinocchio sein.“

„Ich werde warte. Lena, ich bin sehr glücklich, dass du mich sehen willst. Ich danke dir herzlich dafür.“

„Und auch ich bin glücklich. Wirklich, Rus, einfach sehr, sehr glücklich.“

„Bist du wirklich glücklich?“

„Wirklich. Irgendwie seltsam, aber sehr glücklich. Gut, dann bis gleich!“

„Auf Wiedersehen!“

„Ja, genau. Auf Wiedersehen!“

Laute Signale des Telefons erklangen, viele im Saal erzitterten wieder. Das Publikum blickte immer noch auf die Tür der Telefonbude. Der Moderator näherte sich dieser und machte sie auf. Rustam verließ die Bude und hielt sich vor dem grellen Licht die Augen zu. Es brachen die Fanfare  herein. Timur nahm das Mikrofon in die Hand: „Wau!Yes-yes-yes! Begrüßen wir unseren Helden. Unseren Rusa-Rustam! Wie clever hat er alles gedreht? Der Hübsche! Super! Ich wette die Hälfte aller Frauen in diesem Saal ist bereit  zum Treffen in die Pizzeria zu laufen!“ Das Publikum lachte, es wurde geklatscht. Timur führte Rustam zum Mikrofon: „Nun, Rustam hat die Aufgabe blendend gelöst und bewiesen, dass er einfach super ist! Und ich drücke mit Vergnügen seine Hand.“ Mit Gefühl reichte er ihm die Hand. „Das war wahrlich keine leichte Aufgabe! Es hätte jeden Moment abbrechen können, so emotional war es! Aber Rustam war einfach super. Er hat das Ziel erreicht! Er ist ein Sieger!“ Timur klatschte, hob Rustams Hand und lud alle dazu ein, den Helden zu ehren. Dann wartete er auf den Applaus und trug feierlich vor:

„Verehrte Damen und Herren, Gäste unserer Show, lassen Sie mich die endgültige Liste aller Preise und Geschenke vortragen, die an Rustam und Zamira gehen, nach der Beendigung des Wettbewerbes! Das sind…“ „Warten Sie,“ unterbrach ihn Rustam. „Was ist nun mit dem Treffen? Das habe ich doch vereinbart?“ „Du musst nicht zum Treffen erscheinen.“  sagte Timur. „Wobei, wenn du unbedingt möchtest, dann geh.“ Und er wandte sich wieder zum Publikum und sagte theatralisch: „Ach, diese Jugend! Ach, diese Männer – Herzensbrecher!“ „Sie wird doch auf mich warten!“ Rustam griff den Moderator am Ärmel. Timur bedeckte mit der Hand das Mikrofon, neigte sich zu Rustam und sagte leise: „Wird sie nicht.“ „Aber sie ist wahrscheinlich schon los gefahren!“ „Ist sie nicht, mach dir keine Sorgen! Unsere Mitarbeiter rufen sie gerade an, um ihr zu verstehen zu geben was hier los ist.“ „Was?“ Rustam fröstelte. „Vielleicht mache ich das lieber? Lassen Sie mich das machen.“ „Nicht nötig, Rustam! Das ist doch eine Show!“ zischte Timur und sprach laut ins Mirkofon: „Es wird alles gut! Und dafür, dass Elena uns so echt an ihren Gefühlen teilhaben ließ und zu einem Schmuckstück unserer Show wurde, schenken wir ihr einen Ebook-Reader „Mac Air Pro“ mit einem doppelten System. Ja, ja! Er hat sogar die Option sich in ein Tablett zu verwandeln, mit verschiedenen Funktionen. Applaus, verehrte Gäste, für die Heldin unseres Abends!“ Der Saal wurde von einem Applaus erfüllt. Der Moderator fuchtelte mit den Händen, verursachte eine Welle von Emotionen und fröhlichen Schreien, dann mit einer dirigierenden Geste zwang er das Publikum zum Schweigen und führte wieder das Mikrofon zu seinem Mund: „So, unsere verehrten Damen und Herren, lasst uns zurück kehren zu unseren zukünftigen Ehepaar! Zu all dem, was ich bereits genannt habe, bekommen sie noch…“

„Hallo. Guten Abend! Ist da Elena?“

„Guten Abend, ja das bin ich.“

„Es ruft Sie der Manager des Show-Wettbewerbes „Du bist super!“ an.“

„Verzeihen Sie, wer? Welche Show?“

„Show-Wettbewerb „Du bist einfach super! Anlässlich des Tages der Stadt führt die Administration des Einkaufzentrums „Mega-Galaktika“ einen Wettbewerb durch.“

„Entschuldigen Sie, aber ich nehme an keinem Wettbewerb teil! Auf Wiederhören!“

„Warten Sie, Elena! Eben hat Sie Rustam angerufen, stimmt’s?“

„Eben? Ja. Aber woher…“

„Er bat Sie um ein Treffen und Sie stimmten ihm zu, stimmt’s?

„Ja, ich stimmte zu. Ich verstehe nicht, wer sind Sie?“

„Ich bin der Manager des Show-Wettbewerbes. Die Bedingung des Kurses war, dass Rustam sie anrufen und mit Ihnen ein Treffen vereinbaren soll. Er hat es geschafft und gewann einen Preis und Sie bekommen ebenfalls einen Preis…Hallo, Elena, hören Sie mich?“

„Ja, ich höre…“

„So, Elena. Für die Teilnahme an der Show bekommen Sie einen Ebook-Reader „Mac Air Pro“ mit einem doppelten System! Ich beglückwünsche Sie! Nennen Sie uns Ihre Adresse…“

„Was? Wiederholen Sie es noch einmal. Ich habe es nicht verstanden…“

„Sie, Elena, bekommen einen Ebook-Reader. Sie müssen…“

„Nein, nein, ich rede vom Wettbewerb! Was ist das für ein Wettbewerb?

„Elena, ich wiederhole. Rustam hat an einer Show teilgenommen. Anlässlich des Stadtfeiertags. Er musste ein Treffen mit Ihnen vereinbaren. Das tat er, stimmt’s? Stimmt. Aber Sie müssen nirgends wohin fahren. Es ist bloß eine Show. Ein Spiel. Und Sie als Teilnehmerin bekommen ebenfalls einen Preis. Verstanden?“

„Ja, nun habe ich es verstanden.“

Nun denn, Elena…“

„Sagen Sie, war das wirklich Rustam am Telefon?“

„Ja natürlich. Er hat direkt beschlossen, Sie anzurufen. Und er ist so…“

„Danke, ich habe es verstanden.“

„Das ist gut. Diktieren Sie mir Ihre Adresse und morgen…“

„Was? Adresse? Nein, nein, ich brauche nichts! Danke, nicht nötig!“

„Elena…“

„Auf Wiederhören!“

„Ja-ja! All diese wunderbaren Preise schenkt Ihnen das Kaufhaus „Mega-Galaktika“, Rustam und Zamira!  Wir wünschen Ihnen Rat und Liebe! Glück für all die Jahre! Und nun, Rustam…Rustam! Wo ist Rustam? Wo ist er hin?“ Der Moderator bemerkte jetzt erst die Abwesenheit Rustams und schaute auf seine Mitarbeiter. Von ihnen erhielt er irgend ein Zeichen, lächelte und klärte die Situation auf: „Wahrscheinlich  packt unser Superman gerade einen Kühlschrank aus. Oder er empfängt gerade die Reiseunterlagen. Ein Guter ist das. Übrigens, Zamira, du kannst zu ihm stoßen! All eure Geschenke befinden sich im Büro der Administration „Magi“ im ersten Stock…“

Timur hielt die Pause aus, in der Zamira an den Eltern Rustams und an Malika vorbei ging und in der Tiefe des Saals verschwand, und sagte laut: „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich beneide sie“ und ohne Unterbrechung wechselte er zur maximalen Lautstärke. „Verehrte Damen und Herren, während unsere Helden und Gewinner des Wettbewerbes „Du bist einfach super!“ die Geschenke betrachten, fahren wir mit unseren Feierlichkeiten fort, mit unserem Fest, das dem Tag der Stadt gewidmet ist! Wie sagt man so schön, „show must go on.!“

Timur Nigmatullin „Dämonen“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Die Sonne über unserem Hof steht als letztes auf. Sie steigt langsam auf der Seite der Mehretagenhäuser und schaut erst gegen Mittag in meine Fenster rein. In diesem Moment ist in unserem Haus schon alles auf den Beinen.

„Es leben hundertdreiundzwanzig Bewohner hier und sogar die Sonne will sich nicht bei uns zeigen“ beschwert sich Tante Heba und schlägt mit dem Staubklopfer den staubigen Teppich auf dem Balkon. „Hundertdreiundzwanzig Bewohner, hundertzwanzig  von ihnen kann man noch ertragen, aber drei von ihnen sind wahre Dämonen.“ Sie nennt sie sie immer so – Dämonen. Das sagt sie über mich, über ihren Sohn Kolja Ivanidi und Onkel Naum.

„Welche  hundertdreiundzwanzig Bewohner?“ Antworte ich ihr und bewege meine Finger. „Ivanidi, das sind Sie, Muratovy, das sind wir, Pirkiny aus der ersten Etage, die sitzen schon auf ihren Koffern und Onkel Naum. Das sind elf.“ „Ist dir das etwa zu wenig? Elf Menschen im Treppenhaus, dieses hält ja nicht mal zwei aus. Weißt du überhaupt, wie alt das Haus ist?“

„Ich weiß, mein Vater hat mir erzählt, dass man das Haus extra für die Umsiedler gebaut hat. Damit sie in der Steppe nicht erfrieren, sagte er, nur für ein, zwei Jahre, und nicht mehr. Und stehen tut es schon seit dreißig Jahren. Und genauso lange wird es noch stehen, dann,“ er hob den arm hoch, „dann wenn die Losungen alle sind, beginnt das richtige Leben!“ „Fünfunddreißig Jahre ist dieses Holzteil,“ fährt Tante Heba fort, „wer braucht das, ein Container Einetagenhaus. Weißt du welche Häuser in Griechenland stehen? Aus Marmor. Und hier? Aus Schilf.“

„Ich blicke vom Balkon auf den Išim. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Heba, aber mir gefällt es. Aber die Sonne könnte etwas früher zu uns herein schauen. Alle Bewohner des Hauses haben vor, es zu verlassen. Ivanidi nach Griechenland. Pirkiny nach Israel. Onkel Naum nach Deutschland. “Und wir,?“ Frage ich den Vater. „Wo fahren wir hin? In die Mongolei?“

„Wir werden hier sterben,“ antwortet der Vater und  dreht in seinen Händen  irgendein Detail vom Fernseher, „wo wir geboren wurden.“

„Wo wurde ich geboren?“

„In der ersten, städtischen.“

„Dort wählt man doch nach Nationalität aus?“

„Oh man,“ der Vater hat sich mit dem Lötkolben den Finger verbrannt, „Geh raus, spazieren, Ich erlaube es dir.“

Unser Hof, das ist Unkraut vom Schilfrohr, mit einem kleinen Fleck Sand, welcher direkt neben dem Damm ausgeschüttet wurde. Die Arbeiter haben die Leiter nicht zu Ende gebaut, welche zum Betonzaun führt und wir klettern auf dem Damm und erobern sie immer wieder auf der selben Stelle. Der Pfad führt direkt zum Damm. Unten rauscht der Išim. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Park. Hinter dem Park noch ein Park. Und dahinter ist Steppe!

„Wetten,“ schlägt Kolja Ivanidi vor, „dass ich es schaffe den Išim mit einem Arm zu überqueren?“

„Ich habe es bereits geschafft.“

„Wetten,“ hört er nicht auf zu reden, „dass ich von der Autobrücke in den Fluss springe?“

„Ich bin schon gesprungen.“

„Wie ein Hecht?“

„Nein, wie ein Soldat.“

„Und wie ein Hecht? Hast du etwa  Angst?“

„Wie ein Hecht in den Fluss zu springen, in dessen Tiefe verlassene Betonblocks liegen, das ist sehr dumm. Obwohl, wenn man so sieht, ist es auch dumm, wie ein Soldat zu springen. Es ist im Allgemeinen dumm dahin zu springen, wo die Chance besteht, nicht mehr zurück zu kehren. Für Dava Pirkin ist es dumm. Und für mich und Ivanidi ist es völlig in Ordnung.“

„Deppen seid ihr,“ warnt uns Dava, „Ihr habt ja überhaupt kein Gefühl.“

„Welches Gefühl denn?“ fragt Ivanidi.

„Dava, ich habe eine Vorahnung!“ sage ich.

„Und was sagt sie dir?“

„Dass ich springen soll. Als Hecht ist noch keiner der Jungs gesprungen. Wir sind die ersten.

Zu diesem Zeitpunkt hat Ivanidi schon sein Unterhemd ausgezogen. Er hatte nur noch eine rote Unterhose an, welche Tante Heba entweder aus ihrer eigenen genäht hat oder eine Flagge dafür  verwendete. Gleichzeitig hätte man den Stoff auch für Vorhänge verwenden können. Die Unterhose flatterte auf Ivanidi wie eine Flagge. Manchmal plusterte sie sich auf wie eine Kugel, ein anderes Mal rutschte sie nach unten und zeigten die männlichen Stellen meines Freundes.

„Macht nichts,“ sagte Kolja und rieb seine Beine, „Vielleicht fehlt es an Gefühl, dafür gibt es ein Ziel und das Ziel rechtfertigt das Gefühl.“

„Selbsterhaltung,“ beendigte seine Warnung David. „Denkt nochmal drüber nach!“

Kolja und ich kletterten auf die Brücke, lehnten sich an das Geländer, krochen in die Mitte, dort wo der Išim ca. fünfundvierzig Meter tief war. Vom Rand zu springen war zu gefährlich. Und in der Mitte hatte man noch eine Chance.

„Wer zuerst?“ fragte Ivanidi, welcher auf den Knien, auf dem engen Platz vor mir kroch. Ich drehte mich ständig weg von der im Wind flatternden Unterhose meines Freundes und sagte: „Lass uns zusammen springen.“

„Händchen haltend?“

„Als Hecht Händchen haltend?“

„Ich habe es auf der Olympiade in Seul gesehen. Synchronspringen nennt sich das,“ sagte er und hielt seine Unterhose fest.

„Gut.“ war ich einverstanden, kroch zur Mitte der Brücke und hielt dort an. Nach unten zu schauen versetzte mich in Schrecken. Die Strömung des Išims war unter der Brücke stärker, im Fluss hat sich ein Sog gebildet, drehte sie wie ein Trichter mit einer solchen Kraft, dass man das Gefühl hatte, er  wolle den Grund öffnen, sich nach unten kämpfen, die unterirdischen Wasser umgehen. Auf den Seiten der Trichter – wie  Felsenriffe, erhoben sich die Betonblöcke. Aus diesen schauten schwarze Armaturen heraus, wie Muränen aus ihren Höhlen. Das Wasser selbst war trüb von von dem in der Nähe arbeitenden Baggerschiff und diese Trübe, die nach oben stieg, verdeckte den ganzen Blick auf die für den Sprung ungefährlichen Stellen.

„In den Trichter…“ sagte ich und stand aus der Kniehocke auf. Es gibt nur eine Variante, wir springen in diesen Trichter,“ ich zeigte Ivanidi den größten Sog, „springen bis zum Flussgrund, stoßen uns mit den Füßen ab, lassen ca. zehn Meter hinter uns – dorthin zum Ufer!“

Ivanidi hielt seine Unterhose fest, stand ebenfalls auf und stand am äußersten Rand der Brücke. In diesem Moment erinnerte er mich an Gavroša auf den Barrikaden. Nur, im Gegensatz zum echten Gavroša, hat Ivanidi  die französische  Flagge zerrissen, nahm  sich von der Freiheit die rote Farbe der Unterhose,

„Einverstanden,“ bekräftigte Kolja meinen Plan, „eine gute Entscheidung.“  Er führte den Kopf vom linken zum rechten Flussufer des Išims und fügte hinzu: „Lass uns etwas durchatmen, und dann springen.“

„David!“ schrie ich zum Freund, der auf der Brücke stehen geblieben war. „Komm zu uns!“

Er gab keine Antwort. Ich lehnte mich an das Geländer und stand leicht auf. David war nirgends zu sehen..

„Er hat doch dieses komische Gefühl,“ sagte nachsichtig Kolja, „ist deswegen abgehauen. Gott sei mit ihm, er wird so wieso nicht springen.“

Ca. fünf Minuten saßen wir auf dem Platz, wackelten mit unserem Beinen über dem Išims, beobachteten, was der Trichter macht, in den wir springen wollten. Auf der Brücke fuhren Autos vorbei, sie sich auf das linke Ufer der Stadt beeilten. Dieses war voll mit Datschen und aufgeforstete Stellen.

„Hast du eine Datscha?“ fragte, warum auch immer, Ivanidi. „Wir haben keine, Mutter sagt, dass wir in Griechenland eine haben werden. Wir werden Oliven anbauen.“

„Wir haben eine. Dort, „ich zeigte mit der Hand über die Brücke, „Kartoffeln und Himbeeren.“

„In Griechenland gibt es alles,“ atmete  Ivanidi auf.

„Du mit deinem Griechenland,“ hielt ich es nicht aus, „wann fahrt ihr denn?“

„Du bist einfach nur neidisch,“ antwortete Kolja ruhig, „alle fahren weg. Onel Naum, David. Nur ihr fahrt nirgends wohin.“

„Doch, fahren wir.“

„Und wohin?“

„Nach Ulaanbaatar!“

Ivanidi begann mit Kraft seine Beine zu reiben.

„Du lügst?“

„Dich anlügen? Ich lüge niemanden mehr an. Und dich habe ich erst recht nie angelogen.“

„In die Mongolei? Was, ehrlich?“

„Ehrlich. Das sagte Vater mir heute. Wir werden Chingiskhans Schatz suchen. Sein Grab“

Vor Begeisterung grunzte Ivanidi.

„Das gibt es doch nicht. Könnt ihr mich mitnehmen?“

„Und was ist mit Griechenland? Mit dem Oliven? Tante Heba lässt dich nicht gehen“

„Zum Teufel mit dem Griechenland! Was habe ich da schon alles gesehen? Und die Oliven sind eklig. Hast du sie probiert? Ich habe sie dir mal zum Probieren gegeben. Du hast sie ausgespuckt. Hast nicht einmal probiert. Und  wozu brauche ich diese Oliven dort? Bin ich etwas ein Datschen-Besitzer?“

„Ich denke darüber nach. Wie Valentina Pawlowna sagt, wir beobachten Ihr Verhalten, Nikolaj Stavrovich Ivanidi. Und wenn das Benehmen gut ist, dann werden sie ein Oktjabrenok sein.“

Kolja lachte und spuckte in den Fluss. Der Spuckfaden wirbelte im Wind und setzte sich auf mein Bein.

„Das war keine Absicht,“ entschuldigte sich Ivanidi, „wir müssen den Wind mit berücksichtigen. Sollen wir aufstehen? Uns an den Händen halten?“

Ich nickte mit dem Kopf um noch einmal zu schauen, wohin Dava verschwunden war. Von der Seite der Straße, die direkt zur Brücke führte, liefen zwei Menschen. Ein winziger, das war David, und ein hoher, glatzköpfiger, in einem grauen, ausgezogenem Unterhemd.

„Bleibt stehen, ihr Dummköpfe!“ schrie der hohe Kerl. „Bleibt stehen, ich warne euch!“

Ivanidi drehte sich auch um.

„Ich habe Onkel Naum gefunden. Die Verwandten sind alle auf Arbeit. Hier ist der Käfer,“ Kolja spuckte erneut in den Fluss. Diesmal erreichte die Spucke den Trichter. In dieser Zeit waren Onkel Naum und David bereits auf der Brücke, fuchtelten mit ihren Armen und schrien uns zu, dass wir nicht springen sollen.

„Muratov, so dumm bist du doch nicht. Spring nicht. Ivanidi. Hör nicht auf diesen Zigeunerjungen. Denkt nicht einmal daran zu springen. Ihr sei beide Deppen. Bleibt stehen!“

„Es ist schon zu spät,“ sagte entschlossen Ivanidi, nahm mich an der Hand und wir sprangen runter.

Ich rutschte auf dem Platz aus, konnte mich nicht richtig mit den Füßen abstoßen und fiel einfach runter. Ca. zwei Sekunden befanden wir uns in der Luft, hielten uns an den Händen und dann wurde  unser Flug schneller, wie eine Raketenstufe. Von dem Schlag auf dem Wasser wurde meine Brust erdrückt, die Luft, die ich während des Fluges gesammelt hatte, war schon nach Außen entwichen. Ich dreht mich im Trichter und sank nach unten um wenn ich den Grund erreichte, mich stärker mit den Füßen abdrücken zu können und weiter weg von der gefährlichen Stelle zu schwimmen. Wo Ivanidi gelandet war und was mit ihm geschah, konnte ich mir nicht erklären. Die Brust brannte und drückte immer fester auf meine Lungen. „Vielleicht reicht es nicht aus bis zum Grund,“ dachte ich mir und warum auch immer, erinnerte ich mich an Mutter und Vater. In solchen Momenten denke ich immer an sie. Als ich auf der Eisscholle schwamm und diese sich vom Ufer weg bewegte, dachte ich an sie. Als ich auf der Pappel saß, nicht runter klettern konnte, als mein Kopf zwischen dem Geländer feststeckte und ich den ganzen Tag dort verbracht habe, als die Zunge an der kalten, eisernen Schaukel fest klebte…so auch jetzt – ich sinke immer tiefer auf den Grund des Išims und denke nicht an Meerjungfrauen und an Kikimoren, die auf dem Meeresgrund leben, sondern an sie. An Mutter und Vater. Die sitzen auf ihrer Arbeit und arbeiten, um sich nächsten Sommer rumänische Bettwäsche zu kaufen. Irgendjemandes Hand schnappte mich an den Haaren und zog mich nach oben. Auf der linken Uferseite, inmitten von den Zweigen einer Weide und anderem Gestrüpp, schnappten Ivanidi und ich von beiden Seiten das Trikot, wrangen dieses aus und drückten Wassertropfen heraus.

„Dreht fester, ihr wandelndes Fischfutter,“ schrie Onkel Naum zu uns. Er selbst saß auf einem großen Steinblock, neben ihm trockneten die auseinander gefallenen Zigaretten.

„Besonders du sollst fester drehen, du Nackthintern.“ Dich hätte man gar nicht retten sollen. Welchen Sinn hat man mit dir? Sieben Jahre alt und soviel Vernunft wie der Zar Priam .Sag mal,“ er goss sich Wodka in sein Glas und fragte Ivanidi, „warum zum Teufel musste er sich gegen alle stellen?“ Ivanidi, der seine Unterhose beim Flug verloren hatte, stand nackt da , zitterte im Wind und drehte mit mir gemeinsam das nasse Trikot Naums.

„Unter euch, zurück gebliebenen Nachbarn, ist nur David Pirkin in der Lage, richtig nach zu denken. Murytov und Ivanidi haben es noch nicht gelernt. Und wahrscheinlich werden sie es auch nicht lernen.,“ er atmete laut aus  und leerte in einem Zug das halbe Glas Wodka. David saß daneben und stimmte ihm zu.

„Ich sagte es ihnen! Das ist eine Dummheit! Kommt zur Vernunft!“

„Sehr gut Dava! Du wirst es zu etwas bringen. Und wenn es so weit ist, vergiss nicht, dass du einen Nachbarn hattest, den man Onkel Naum nannte. Der wahrscheinlich noch am Leben ist und irgendwo lebt. . Du findest ihn, also mich und besuchst mich. Bist bei mir Gast?…“

„Was?“ fragte Dava.

„Man geht nicht mit lehren Händen. Dreht noch fester. Die Tropfen kommen ja gar nicht raus. Nackthintern! Wie willst du nach Hause gehen? Du musst über die ganze Brücke und dann noch auf die  Straße. Dann noch auf den Hof! Und dort ist die Mutter, und vielleicht ist Alisa zu Gast?Muratov! Vielleicht kommt Alisa zu Gast? Und der eine ist nackt, und der andere hat ein rotes Gesicht von dem Fall auf das Wasser. Da wird sie sich freuen.“

„Sie wir nicht zu Gast sein,“ sage ich und wringe weiter das Trikot aus, „sie ist mit der Großmutter ins Dorf gefahren.“

„Ich flechte mir aus den Weidenzweigen ein Kostüm,“ schimpfte Ivanidi, „wie die alten Griechen.“

Onkel Naum goss sich noch mehr Wodka ein.

„Das ist nicht zu korrigeren. Du, Ivanidi, bist selbst wie ein alter Grieche. Du lernst nicht, du liest nicht, du arbeitest  nicht. Bald fängst du an Zeus anzubeten. Wein trinkst du auch. Ja, Dava?“

„Ja, das macht er!“ sagte Dava feierlich. Heute war er auf der Seite unseres Retters, deswegen zeigte ich ihm die Faust, damit Onkel Naum es nicht bemerkt. „Ihr seid direkt falsch gesprungen, Man muss es so machen,“ David stand auf, machte den Rücken zu einem Buckel, streckte die Hände vor dem Kopf aus, „und ihr seid einfach nur gefallen. Onkel Naum hat es gerade so geschafft über das Geländer zu springen, mir die Flasche zu geben, nur die Zigaretten behielt er. Zuerst zog er Kolja heraus, dann dich. Du warst schon auf dem Grund. Noch eine Sekunde und das wäre zu spät gewesen. Stimmt’s Onkel Naum?“

Dieses Pärchen unserer Lebensretter begann mich zu nerven, das letzte Mal wrang ich das Trikot aus und gab es Onkel Naum.

„Gut es ist trocken, ich danke euch! Ich gehe nach Hause.“

Ivanidi, der wie ein Ziegenbock die Zweige der Weide abriss, machte sie daraus zwei Kränze. Den einen setzte er auf den Kopf, den anderen steckte er zwischen den Beinen fest  und trug ihn anstelle einer Unterhose. „Man sieht trotzdem deinen Pimmel“ sagte Onkel Naum zu ihm, „wenn man genau hin schaut. Wer braucht dich schon? Wer will dich schon genau anschauen? Niemand . Also geht zum Haus und bleibt dort ruhig sitzen. Und wenn ihr rebelliert, werde ich allen von eurem Sprung erzählen. Verstanden?“

„Verstanden.“ muhten Kolja und ich..

„Und vergesst nicht, dass ich euch gerettet habe, ihr schuldet mir noch was. Wir werden morgen auf dem Hof Krieg spielen. Verstanden?“

„Verstanden.“

Wir kletterten auf die Brücke und gingen Richtung Haus. Dava und Onkel Naum blieben auf dem Steinblock sitzen und warteten darauf, dass die Zigaretten trockneten.

Neben dem Haus sagte Ivanidi finster: „Meine Mutter wird mich wegen der Unterhose ausfragen. Was soll ich dann sagen?“

„Sag, sie ist zerrissen und du hast sie weg geworfen.“

„Wie zerrissen?“

„An den Büschen!“

„Gut,“ er drückte meine Hand, „mir fällt was sein, Übrigens, hast du den Grund berührt?“

„Nein,“ sagte ich.

„Ich schon,“ lächelte Ivanidi, „so weich wie Brei. Habe mit dem Fuß irgendein Schloss berührt“

„Einen Schatz?“ fragte ich verwundert. „Lügst du mich auch nicht an?“

„Wann habe ich dich angelogen?“ Morgen müssen wir vom Ufer aus dahin schwimmen und es überprüfen.“

„Morgen spielen wir Krieg.“

„Übermorgen. Da ist sicher irgend etwas.“

Am Abend schaute sich die Mutter meine Brust und mein Gesicht an.

„Hast du eine Allergie? Was hast du gegessen?“

„Oliven!“

„Mach das nicht mehr. Wo findest du sie nur?“

„Im alten Griechenland gibt es alles,“ sagte ich zur Mutter und wünschte ihr eine gute Nacht.

Die Sonne steht nur langsam über unserem Haus auf. Nach allen Bewohnern. Sogar später als ich,

Tante Heba sagt, dass gerade deshalb die Dämonen diesen Ort besuchen, deswegen muss man so schnell wie möglich von hier ausziehen.

Ilja Odegov „Eine beliebige Liebe – Konzert in sieben Teilen“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Teil I. In einem Boot

Das Wasser drehte sich und wand sich um das  Boot, umfasste seine festen, nach Harz riechenden Seiten, riss weiter fort. Es bewegte sich mal zum Ufer, kreiste mal in Wasserwirbeln und brachte den im Boot sitzenden Jegor fort von seinen Gedanken, von seinen dummen Grübeleien. Weil man daran, woran Jegor dachte, nicht denken durfte, sondern nur spüren, wie es im Inneren klopft und mit den Fingern den Flaum streifen, der auf ihrem Kreuzbein wächst oder ihr ins Ohr atmen und denken…über so etwas zu denken war unmöglich. Aber Jegor entwirrte bemüht, zog heraus, tastete diese erste Naht, die sich an ihn kettete und ihn in dieses Kreisen brachte, in diesen seltsamen Walzer, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Und jetzt schien es Jegor, als ob das Wasser, über dem er sich befand mit Absicht im Takt sein verzerrtes Gesicht dreht und unten, in der Tiefe, wirbeln und peitschten mit Schatten seiner Wangen Schwärme schneller Fische.

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei spielte das Orchester und der Tag war gelb, sonnig und herbstlich. Und überall, drumherum lag dieses Laub, die Blätter rochen nach vergangenem Regen, sie glitschten, klebten an den Sohlen und deswegen war es unbequem sich zu drehen, zu tanzen. Als Jegor das erste Mal mit ihr tanzte, wusste er noch nicht, dass sie Tatjana heißt. Und al er es erfuhr, dann fing er an zu lachen, machte Witze, und so als ob in diesem Namen, sich Asien und Europa vereinen, das slawische „tat‘ und das türkische „džan“ und heraus kommt „die Seele eines Bösewichts,“ och eine gefährliche Frau sind Sie, verhängnisvoll!“ Und Tatjana lachte, sie mochte es, ihm zu zuhören, von sich selbst zu hören und zu spüren, dass sie verhängnisvoll ist. Das Orchester spielte, aber sie hörten es nicht mehr, weil in der Zeit der Liebe man nur sich selbst hört. Und an diesem Tag, zu dieser in ihnen klingenden Musik, küssten sie sich auf Parkbänken, drückten sich immer dichter aneinander und endlich, als es begann zu dämmern, penetrierte er sie, so sehr vereinigten sich ihre Körper, so als ob sie mal einzeln gewesen wären und nun wieder miteinander  verschmolzen. Und als es zu Ende war, lagen sie neben einander, diesmal nicht so nah, schauten in den Himmel, durch die Zweige und auf sie fiel vom Baum das letzte Blatt. In der Tiefe seiner Seele glaubte Jegor daran, dass das alles nicht zufällig geschah: diese Posaunen, Gitarren und der Herbst, und daran, dass das Blatt nicht zufällig fiel, sondern mit einem Sinn, sie zu berühren, sich zu ihnen zu strecken, sich zu drehen. Übrigens, Tatjana hat dieses Blatt behalten und bewahrte es auf, versteckte es auf der dreihundert-siebzehnten Seite, machte das Buch zu und das Blatt verschwand, verlor sich zwischen den Blättern. Und am nächsten Tag trafen sie sich wieder, küssten sich, gingen Händchen haltend spazieren, nur Jegor machte keine Scherze mehr, sondern lächelte nur über sein Glück. Und als es zu regnen begann, versteckten sie sich in einem Treppenhaus aber von ihren Armen, ihren Lippen floss das Wasser, dieses drang in die Haut ein und brachte die beiden noch näher aneinander. In all diesem war etwas altertümliches, unbekanntes, seltsames und süßes und gleichzeitig etwas vertrautes. Jegors Nase erahnte den Geruch ihrer Schultern, die Zunge erinnerte sich an den Geschmack ihres Speichels, der ganze Körper Jegors wurde von einem Wiedererkennen   durchdrungen – kaum hatte er sie berührt, doch daran denken durfte man nicht, nur spüren, aber denken nicht, „impossible“ ,  wie Tatjana es sagte als Jegor sie belustigte, – „du bist einfach unmöglich!“, und alles drumherum war unmöglich, und besonders Jegor mit diesem, seinem Glück. Und dann kamen der Winter und der Schnee. Und Jegor begann mehr zu schlafen, ihn zog es immer mehr in den Schlaf wenn er aus dem Fenster das Schneetreiben beobachtete. Er schlief ein, legte seinen Kopf auf ihren Bauch und sie verschmolzen so sehr miteinander wie zwei Tetrisfiguren.

Doch bald begann der Abriss ihres Bauches sich zu verändern und er konnte seinen Kopf nicht mehr halten, er rutschte ab, jemand hartnäckiges, freches fasste ihn unter der Haut an, drängte ihn weg von diesem weichen, warmen Bauch, drückte ihn weiter weg von Tatjana. Irgend jemand unter ihrer Haut lag zwischen ihnen und diesmal nicht mit dem Kopf, sondern mit einem anderen Gedächtnis, mit dem Körper, mit dem Körper, erinnerte sich, spürte Jegor, dass er mehr so nah mit Tatjana sein wird, nie ihre Säfte miteinander vermischen. Und derjenige, der im Inneren saß, war bereit, nach Außen zu gehen, sich zwischen Jegor und Tatjana stellen, sie zu trennen aber gleichzeitig es ihnen nicht zu erlauben ganz voneinander loszulassen wie eine grausame Wagenkette, die es den Wagen nicht erlaubt sich zu berühren, aber trotzdem einen Zug aus ihnen formt.

Und vor dem Fenster schneite es und heute rief die noch lebende Mutter an, hat ihn ausgefragt, über das wie und was und draußen sind  Schüler in Winterjacken, wie Sterne, da die Jacken dick sind und sie die Hände nicht herunterlassen können. Und mit diesen Händen richten sie nach unten rutschende Rucksäcke, obwohl sie kaum ihre Finger bewegen können (da es in Handschuhen unbequem ist), und sie bemühen sich eine Handvoll Schnee zu nehmen, diese zu einer Kugel zu formen und diese Kugel auf denjenigen zu werfen, der ihnen am nächsten steht. Und es vergeht ein Monat, ein weiterer, ein dritter und immer mehr erhebt sich der Bauch, und desto weiter entfernt sich Tatjana von Jegor, verblasst im Schatten der Rundheit und der Größe ihres Bauches. Und nun sind es keine Schneeflocken mehr, sondern Schmetterlinge und Libellen, die über der verblödeten Tatjana  und den in Gedanken verlorenen Jegor kreisen. Und das Dorf, in welchem sie ankamen, um die letzten Wochen vor dem Ereignis an der frischen Luft zu verbringen, ist ganz unscheinbar. Ein Häuschen, das nächste, das dritte und alle sind sie gleich, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei. Tanjas Mutter lebt in einem solchen Häuschen und nun auch sie mit ihr zusammen. Und eine solche Sehnsucht, solche Sehnsucht, solche Sehnsucht. Und die Alte fegt das alles weg, putzt alles, schrubbt dort irgendetwas, weil sie Besuch hat von lieben Menschen. Und der Fluss, wie soll man ohne Fluss sein?

Tatjana begann sich im Traum zu drehen, Jegor konnte nicht einschlafen, lag nachts wach: er betrachtete den Lampenschirm aus Stoff auf der Decke, der seltsam im Mondlicht schimmerte und roch, zog die Luft des Hauses ein: den Geruch von etwas Altem, vom Rauch, vom Putz an den Wänden und von eingelegtem Kohl. Er erwischte sich selbst bei dem Gedanken, dass er sich an die Vergangenheit erinnerte, an Tatjana, so als ob sie verschwunden sei, doch sie war hier, sie liegt neben ihm und atmet schwer. Und Jegor kann sie nicht vor diesen Gedanken verstecken und bleibt bis zum Morgengrauen wach.

Und am Morgen – solch eine Sonne! Der Tau legt sich mit großen Tropfen auf die Erde, der Nachbar Onkel Viktor raucht auf der Treppe, der Rauch seiner Zigaretten ist schwer, dicht und von der wenigen Sonne beginnen die Vögel zu zwitschern, zu pfeifen, die einheimischen Jungs gehen mit ihren Angeln zum Fluss, gähnen, und Jegor begibt sich auch auf dem Weg zum Fluss. Der Fluss fließt an Jegor vorbei und spült alles weg, spült seine Gedanken fort. An seinem Ufer schläft Jegor endlich ein. Er sitzt auf dem Baumstumpf und schläft, die Hände liegen auf den Knien und werden von Oben mit dem Kinn bedeckt. Jegor schläft still, weil der Fluss seine Gedanken vertreibt und er träumt von Bötchen, kurvig, üppig.  Und er träumt davon, dass er nicht mehr auf dem Ufer schläft, sondern auf einem solchen Bötchen. Die  Ruder sind ins Wasser gefallen und schwimmen neben ihm her wie zwei Fische. Aber ein Sonnenstrahl bewegt sich auf seinem Hemd, auf den Taschen, streichelt seinen Hals, berührt seine Lippen und schaut endlich auf die halb geöffneten Lider, unter denen sich, die Augen hin und her bewegen. Jegor steht auf, von einer unbequemen Pose tut ihm der Nacken weh und der rechte Arm hängt steif runter, will sich nicht bewegen und da sieht er, dass direkt neben dem Ufer auf dem Fluss ein Bötchen auf den Wellen schwimmt. Das Seil auf dem Heck ist abgerissen, ein Ruder liegt auf dem Boden des Bootes, das andere fehlt gänzlich. Das Boot ist klein. „Unzuverlässig“ denkt Jegor und wunderte sich still über dieses Wort. Jegor krempelt die Hose hoch, zieht die Schuhe aus und steigt in den Fluss. Das Wasser ist kalt. Brrr. Er geht zum Boot und trägt in der ausgestreckten Hand seine Schuhe, so als ob er sich ekeln würde. Er nimmt das Bötchen am Seil, doch dieses trotzt, wie ein altes Pferd. Die Wellen wollen nicht einfach so ihren Fang her geben. Das Boot lässt sich nicht so einfach zügeln, doch Jegor hält es gut fest. Endlich wendet er es mit der Seite zu sich und steigt unbeholfen in das Boot. Das Boot schaukelt hin und her, wahrscheinlich zittert es, doch Jegor sitzt schon drin. Er greift nach dem Ruder und rudert zur Mitte der Strömung. Das Rudern fällt schwer. Schon bald beginnt die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger weh zu tun. Mit den trockenen Händen schöpft Jegor Wasser und wäscht sich und dann wirft er das Ruder auf den Bootboden, legt sich selber hin mit dem Gesicht zum Himmel. Der Himmel ist klar, nicht ein Wölkchen, nur der weiße Fleck Sonne, und das seltsame ist, dass von diesem Licht, Jegor dunkler wird und trocknet.

Der Fluss wird etwas breiter, fließt weicher, stärker. Das Ufer hat sich verändert, die Bäume sind weiter weg, haben Platz für Sträucher gelassen, deren Zweige geschmückt sind mit Nestern. Jegor verstand erst jetzt, dass der Fluss nicht nur seine Gedanken fort gebracht hat, sondern auch ihn selbst und er begann sich Sorgen zu machen. Er steht auf, schnappt sich das Ruder, dreht sich um und versucht eine Zeit lang gegen die Strömung zu rudern, versteht aber bald, dass der Fluss schneller ist als er. Dann nähert er sich mit Mühe zum Ufer, steigt aus dem Boot und wandert entlang des Flusses zurück nach Hause. Es gibt keinen Pfad und sich vom Wasser zu entfernen, traut Jegor sich nicht. Er geht und schiebt mit seinen wunden Händen die Zweige weg, geht an Ameisenhaufen vorbei, an sumpfigen, mit Schilf zugewachsenen Pfützen. Hier und da flattern aus den Sträuchern wilde Tauben, muhen gedehnt einsame Kühe und einmal betäubt Jegor mit dem  Flügelschlag seiner staubigen Flügel ein Fasan. Das Flussufer wird langsam steil und der Pfad führt weg vom gefährlichen, steilen Abhang. Eine Zeit lang kann man den Pfad von anderen Pfaden unterscheiden, doch sie werden alle schmaler, dann wieder breiter, dann verheddern sie sich, dann verschmelzen sie miteinander, dann gehen sie auseinander, Jegor zum Tanz einladend, und Jegor schreitet voran, von einem auf den anderen Fuß tretend, im Takt dieses Steppenrhythmus. Manchmal dringen Stimmen zu ihm und Jegor biegt ab, doch die Stimmen lösen sich auf im Gras der Steppe und dann muss Jegor wieder den richtigen Platz finden. Bald beginnt Jegor zu verstehen, dass  die Stimmen einfach auf dem Wasser des Flusses springen, wie Steinchen, die von einer gekonnten Hand ins  Wasser geworfen wurden und in ihrem letzten Sprung dringen ihre Geräusche zu Jegor durch. Nun werden die tiefen und hohen Klangfarben des Chors der Vögel ausgetauscht und es erklingt der Gesang der Glühwürmchen, ihr piccykato bedeutet, dass der Abend da ist. Doch Jegor geht immer weiter, orientiert sich an Gerüchen, fängt in der Luft den Duft des Rauchs ein, denn wo Rauch ist, da müssen auch Menschen sein. Aber es gibt keinen Rauch und statt dessen atmet Jegor den salzigen Staub der Steppe ein, den Geruch  seltener Pfützen, das scharfe Aroma des Wermuts, den dichten Geruch von Kuhfladen und ihm fällt dabei auf, dass die Gerüche seine unordentlichen Gedanken vertrieben haben und dass davon der Kopf nicht leer wurde, sondern klar. Diejenigen Gedanken, die übrig blieben, kristallisierten, wurden glasklar und nun konnte Jegor denjenigen von ihnen aussuchen, welcher Ruhe und Erleichterung brachte aber nun war dafür keine Zeit. Irgendetwas nicht Menschliches, tierisches, woher auch immer kommendes riet ihm nicht in der Steppe zu übernachten, dies wäre gefährlich. Inmitten des Grases stehend, fühlt Jegor, dass er verschwinden kann.  Nun, jetzt steht er, dann geht er, bewegt die Beine, die Nase zieht gierig jeden Geruch ein, die Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und können die Konturen der Bäume wahrnehmen und die im Himmel fliegenden Vögel, doch auf der Erde, zuerst leise, dann immer lauter und schneller erklingt ein wehleidiges Gejaule, wovon es auf der Wirbelsäule zu kribbeln beginnt. Jegor scheint als ob er gelbe glänzende Augen sehe in dem Gestrüpp und ein heißes Atmen hinter seinem Rücken höre. Doch er dreht sich nicht um, er läuft zielorientiert, einem inneren, instinktiven Wissen folgend. So findet ein verlorener Hund das Haus, ohne den Weg zu kennen. Und wenn ich doch verschwinde, denkt Jegor, wie merke ich es dann? Wem fällt es auf? Und die Antwort kehrt zurück, nicht wie ein Gedanke, sondern wie ein Herzschlag, wie ein Wind. Merken es Tatjana, und der in ihrem Bauch? Und das, was Jegor weiter voran bringt scheint nicht in ihm drin zu sein, sondern außerhalb.  Er hat Angst davor und diese Angst zwingt ihn schneller zu Laufen.

Aber es begann nun nach Rauch zu riechen, man konnte Feuer sehen und Jegor verlangsamt den Schritt, bleibt stehen, atmet schwer und läuft dann wieder, schneller nach hause, zur warmen Tatjana und zu dem, der in ihr ist. Er schnuppert weiter wie ein Tier, läuft an Hütten vorbei, durch Hundegebell, vorbei an gelb leuchtenden Fenstern und endlich erreicht er sein Haus, dunkel, still, wie verlassen. Und auf dem Hof geht ihm jemand entgegen, nähert sich, eine Silhouette, die erst mal unerkannt bleibt und Jegor, besorgt,  bleibt ruckartig stehen. Im Licht erscheint, hin und her schaukelnd, der gar nicht nüchterne Nachbar Viktor, dieser erkennt Jegor, nähert sich ihm und packt ihn an der Schulter. „Du bist es,“ sagt mit Mühe Onkel Viktor, „Wo warst du?“

„Wo sind denn alle?“ schreit Jegor. Onkel Viktor hat Schluckauf und wackelt mit dem Kopf.

„Sie gebären alle,“ sagt er endlich. Und in diesem Moment fällt vom Baum, unter dem sie augenblicklich anfangen zu schweigen, das erste Herbstblatt dieses Jahres, es wirbelt und legt sich auf Jegor.

Teil 2. Hinter der Tür

Er taucht auf und rennt, rennt irgendwohin, aber es ist zu spät, so geht auch bald der Tag zu ende. Die Sonne ging jetzt erst auf und geht wieder unter. Und die Schuhe sind immer noch nicht geputzt worden, der Kragen ist zerknittert, hallo, Mama, ich kann jetzt nicht reden, Ehrenwort, aber Mama! Er muss sich beeilen, er, Golubcov kann doch nicht mit ungeputzten Schuhen gehen. Noch eine Stunde, nur eine Stunde, Zeit zu Laufen, sich zu beeilen, denn sie, sie! – wartet. Das heißt, dass er, Golubcov darauf hofft, dass sie wartet.  Wie denn sonst? Er schaut in seinen Taschen nach, ob alles auf seinem Platz ist. Darin befinden sich Zigaretten (eine volle Schachtel), ein Feuerzeug, ein sauberes Taschentuch, noch eins in der Hose, ein Zahnstocher, weil er in den Vorderzähnen eine Lücke hat, alles bleibt darin stecken, und das ist so lästig, denn vielleicht will sie ihm etwas zum Abendessen kochen, oder wenigstens Tee zubereiten, es gibt bestimmt Kekse und dann wird Golubcov schüchtern sein um zu lächeln, noch ist ein Ausweis darin, Haustürschlüssel, Geld für alle Fälle, falls sie außerhalb essen gehen, und natürlich das Mobiltelefon. Eine ganze Stunde lang suchte Golubcov nach einem Klingelton und wählte etwas schreckliches, sinnloses, irgend ein Saxophon, gar keine Melodie, aber ihr wird es gefallen, ja sie liebt diesen zeitgenössischen Jazz. Er verließ das Treppenhaus, schrie vor Schrecken auf, lief zurück, er vergaß, vergaß gänzlich, dass er doch Blumen gekauft hat, diese in eine Vase stellte, ihre Blätter zurechtbog, sie standen so schön in der Vase, so fröhlich, deswegen hat er sie wahrscheinlich vergessen. Er bleibt neben der Tür stehen, dies ist ein schlechtes Omen, aber wie soll er ohne Blumen erscheinen? Endlich beschließt er, springt ins Innere der Wohnung, auf Zehenspitzen, auf den Fersen, um den Boden nicht schmutzig zu machen, schleicht sich ins Zimmer, macht auf dem Weg Grimassen, schnappt sich den Blumenstrauß und kehrt zurück, schafft es gerade so die Tür zu schließen. Golubcov schaut nicht einmal auf die Uhr, es ist klar, dass er unter Zeitdruck steht. Er wollte doch kein Taxi nehmen, aber nun muss er wohl. Dazu kommt noch das Matschwetter, dann ist es auch schon Abend und im  Bus wird ihm jemand auf den Fuß treten, jemand anderes wird den Blumenstrauß zerknicken, der dritte wird ihm das Portemonnaie stehlen, der vierte ihm seinen Ellenbogen ins Ohr stoßen. Und es wird so dunkel, so eng sein, und wenn man raus will, muss man jemand anderen mit dem Ellenbogen stoßen. „Ich muss zur Gogol’“ schreit Golubcov in das geöffnete Fenster zum heran fahrenden Taxi und klettert mit dem Strauß auf den Rücksitz. Das Auto startet und in diesem Moment verschwindet die Sorge, die ganze Last des Tages von  Golubcov. Endlich sitzt er. Er ist von all dem überrascht, er hat es geschafft, das gibt’s doch nicht! Und nun ist zwischen ihm und ihr ein Durchatmen. Und Golubcov schaut verwirrt aus dem Fenster. Und draußen sind Autos, die Ampel leuchtet rot und ein alter, Angst einflößender Mann steigt aus dem Vorderauto und nähert sich ihnen. Immer näher und näher kommend.  Golubcov presst die Blumen an sich, so als ob er sie dem Alten nicht geben wollte  und versteckt sich gleichzeitig hinter ihrem Aroma und ihrer Farbe vor  der Verwahrlosung des Alten. Der Autofahrer kurbelt das Fenster runter und und legt dem Alten ein paar Groschen in seine Hand. Der Alte murmelt irgendetwas und schaut Richtung Golubcov. Und sie fahren los. Und Golubcov wischt von den Knien und dem Gesicht den Staub weg und fragt den Fahrer: „Kennen Sie ihn?“ Der Autofahrer antwortet willentlich doch Golubcov will ihm nicht zuhören und tut es auch nicht, weil der glückselige Augenblick des Durchatmens bereits verging und jetzt scheint in seinem Inneren alles zu erzittern, will laufen, laufen. Doch sie sind noch nicht angekommen und er bewegt die Finger, klopft mit diesen auf den Blumenstrauß, klopft auf die Knie, auf den Vordersitz. Golubcov klopft irgendeine ungerade, nur ihm hörbare Melodie, der Fahrer hört nicht dieses weiche Klopfen  und spürt eine Sorge, dass vor Ungeduld sogar die Luft selbst im Auto erzittert und macht daraufhin das Radio an. Es erklingt die Stimme eines Farbigen. Golubcov hat noch nie einen solchen getroffen, doch er weiß, es ist ein Farbiger, der singt. Solch eine weiche Bruststimme und unerwartet stellt sich Golubcov diesen Farbigen vor, so etwas geschieht nicht oft mit ihm. Der Farbige ist wohlgenährt, pausbackig, ein wenig unrasiert, er trägt warum auch immer einen gestreiften Mantel und hält eine Posaune in der Hand. Golubcov wirft die Anwandlung von sich und in diesem Augenblick schaltet der Fahrer, welcher bereits im Einklang mit Golubcovs innerer Welt steht, den Radiosender um. Alles zischt, klappert und dann dringt durch den Lärm, so als ob jemand husten würde, eine Männerstimme, die über die Etappe aus Tver’singt. Golubcov versucht den Text zu verstehen, doch verliert schon bald den Faden des Sujets und wieder beginnt alles in seinem Inneren zu laufen, sich zu beeilen. Und sie biegen in die richtige Straße ab, der Fahrer bleibt stehen und schielt auf Golubcov mit einem violetten Auge. Im Auto ist es warm, Golubcov hat sich bereits aufgewärmt, hat sich gewöhnt an die Wärme; er dehnt die Zeit, sucht in seinen Taschen nach dem Geld, atmet endlich auf, gibt dem Fahrer einen Schein und steigt mit dem Blumenstrauß aus dem Auto aus.  Draußen ist niemand, nur er und der Blumenstrauß. Er atmet weißen Dampf. Er wirft den Kopf zurück und sucht nach ihrem Fenster. Er glaubt es gefunden zu haben. Da leuchtet es. Golubcov fühlt sich unwohl. Er tritt von einem Fuß auf den anderen, hustet verwirrt und sieht plötzlich, wie aus dem Zwischenraum der Häuser unbekannte Silhouetten sich auf die breite Straße zubewegen. Golubcov entscheidet sich schnell und geht zum Treppenhaus. Selbstsicher bewegt er die Türklinke, aber so ein Mist, es ist abgeschlossen. Golubcov dreht sich um und sieht, wie sich die Silhouetten ihm nähern. Im Dunkeln versucht er die Klingel zu ertasten und bemüht sich, die Nummer ihrer Wohnung ins Gedächtnis zu rufen.Vierundzwanzig? Sechsundzwanzig? Keine Zeit, um zu warten. Er klingelt auf gut Glück und wartet auf das Tuten. Doch in der Dunkelheit sind hinter seinem Rücken nur Schritte zu hören. Was ist bloß los? Er wählt erschrocken eine andere Nummer, schon wieder Stille und dann versteht er, dass es keine Gegensprechanlage ist, die da angebracht ist, sondern ein Code-Schloss und dafür braucht er den Code-Schlüssel. Aber nun ist es zu spät. Angespannt wartet er auf den nächsten Augenblick, den  nächsten Schlag, eine Frage, was auch immer, doch die Schritte scheinen leiser zu werden. Golubcov dreht den Kopf und sieht, dass die Silhouetten sich wieder weiter von ihm entfernen. Er atmet auf und beginnt mit Erleichterung in seinen Taschen nach einem Feuerzeug zu suchen. Er findet dieses, leuchtet damit Richtung Tür, beugt sich vor und versucht zu unterscheiden, welche der Knöpfe am saubersten sind und poliert von den Fingern der Hausbewohner. Er weiß, dass die Knöpfe glänzen müssen, dafür ist das Drumherum etwas schmutzig.  Die Flamme ist zu schwach um die Knöpfe zu unterscheiden und Golubcov probiert alle aus: einmal, das zweite, das dritte.

„Haben Sie vielleicht eine Zigarette?“ hört er hinter seinem Rücken jemanden fragen. Golubcov schreckt auf und dreht sich langsam um, in der Hand das Feuerzeug wie eine Kerze haltend. Da sind zwei Kerle in Tarnkleidung, die Gesichter wetter-gebräunt, treten vor der Kälte von einem Fuß auf den anderen und schauen Golunbcov hoffnungsvoll an. Und dieser hält in der einen Hand den Strauß, in der anderen das Feuerzeug. Golubcov nimmt den Finger vom Knopf  und alles wird dunkel. In dieser Dunkelheit ertastet er in seiner Tasche eine Schachtel Zigaretten, nimmt diese heraus und reicht sie den Kerlen. „Und Feuer?“ fragen diese. Golubcov steckt die Zigaretten ein und holt wieder das Feuerzeug heraus. Einer der Kerle hat auf den Fingern eine Tätowierung (B.O.E.C.). Die Kerle atmen gierig den Rauch ein und husten. „Was machst du hier?“ fragt der Tätowierte und zieht an der Zigarette. „Hast du den Code vergessen ?“ Golubcov nickt aber bemerkt plötzlich, dass man in der Dunkelheit nichts sieht und sagt: „Ja, vergessen.“ „Warte du mal,“ rät ihm der Kerl. „Vielleicht kommt jemand raus. Kannst du uns noch ein paar Zigaretten geben für den Weg?“ Die Kerle gehen wieder und Golubcov atmet eine Zeit lang sehr schwer, kommt dann wieder zu sich, beruhigt sich, verlässt dann das Treppenhaus und blickt hoch zu den Fenstern, sich in Erinnerung rufend, welches ihres war. Er beobachtet immer noch die Fenster, bewegt die Lippen, zählt die Etagen und plötzlich macht er einen Schritt zurück, bewegt ungeschickt die Hände, fällt ins Gebüsch und macht mit einem lauten Geräusch ein paar Zweige kaputt. Von dem Laut wirft sich von dem Nachbarbaum eine Krähe in die Luft, kräht dabei beleidigt und beginnt über Golubcov zu kreisen. „Ein schlechtes Omen“,  flüstert Golubcov besorgt und liegt immer noch im Gestrüpp. Irgendwie versucht er wieder auf die Beine zu kommen, befreit die Stacheln von dem Mantel, genauer den Mantel von den Stacheln. Nachdem er sich befreit hat, macht er einen Schritt über die Grube, fegt den Schmutz von sich weg und in diesem Moment verwandelt sich alles um ihn herum in ein blasses, blaues Licht. Golubcov hebt den Kopf und sein Blick trifft den von der Seite scheinenden, rauen Mond. Golubcov hält es nicht mehr aus, senkt seinen Blick und sieht sich selbst, seine zerknitterte, staubige Hose, ein Schuh ist ganz schmutzig, bei dem anderen ist der Schnürsenkel offen, unter der Achsel hat der Mantel einen Riss, die kalten Hände sind voller Kratzer und die Blumen sind ganz krumm geworden von dem Frost. „Warum nur?“ flüstert Golubcov verwirrt. Und im Himmel fliegen die Wolken und davon ist das Licht mal heller, mal dunkler, mal verschwindet es ganz. Von irgendwoher kommen kleine Hunde, laufen an ihm vorbei und bellen ihn an. „U-U-U“, schreit er, wedelt mit dem Strauß und läuft ihnen hinterher. Und nun stellt sich eine Pause ein. Golubcov läuft, doch in seinem  Inneren ist alles eingefroren, stehen geblieben. Als ob es sich versteckt hätte und ein Geheimnis daraus machte, in welche Richtung er nun gehen soll. Und der Tipp lässt nicht auf sich warten. Golubcov atmet schwer und hört beim Laufen wie sich hinter ihm eine metallene  Tür schließt und laut ein Echo in der Stille hinterlässt. Er dreht sich zum Mondlicht und sieht, wie jemand aus dem Treppenhaus hinaus geht. Er wirft den Strauß auf den Boden und läuft humpelnd zurück. Golubcov schreit nicht, er will den Unbekannten nicht erschrecken und bemüht sich so leise wie möglich zu laufen. Er nähert sich, holt ihn ein, doch der Unbekannte hat das Einholen gehört und verschnellert den Schritt. Golubcov versteckt sich nicht mehr, er läuft aus all seinen Kräften. Der Unbekannte blickt sich erschrocken um, es handelt sich um einen älteren Herren,  einen Greis, doch Golubcov ist das Alter und das Geschlecht ziemlich egal. Er macht einen letzten Sprung und schnappt den Alten am Nacken. Der Alte versucht die Jacke auszuziehen, doch Golubcov hält ihn fest und atmet schwer, direkt in das Gesicht des Alten. „Code,“ bittet Golubcov heiser, „Nenne mir den Code.“ „Mein Gott,“ weint der Alte, „Gott, vergib mir!“ „Der Code der Tür,“ brummt Golubcov. „Gott,“ wiederholt der Alte und beruhigt sich allmählich, „Gott, bewahre mich vor dem  Bösen, Gott…“

„Nun sag schon!“ Golubcov schüttelt den Alten, doch dieser hat sich gänzlich beruhigt, die Augen gesenkt und murmelt mit leiser Stimme vor sich hin: „Gott, mit dem Licht deines Leuchtens, bewahre mich am Morgen, am Tag, am Abend, bewahre mich im Traum und gib mir Kraft, vertreibe alles böse Unglück, das nur vom Teufel kommen kann.“ Golubcov lässt mit Enttäuschung den Nacken des Alten los, der Alte hebt den Arm zum Himmel und spricht im Mondlicht: „Ruhm dir, Gott!“ Golubcov schweigt und senkt den Kopf. Der Alte senkt die Arme, entfernt sich ein paar Schritte weiter, bleibt dann doch stehen, dreht sich um und sagt: „Ich kenne den Code selbst nicht. Und wenn ich ihn nicht kenne, dann kennt ihm niemand.“ Der Alte geht weg und Golubcov betrachtet seine Hände und kann nicht verstehen, wohin der Blumenstrauß verschwunden ist. Wo sind die Blumen, die so schön, so feierlich bei ihm zuhause standen? Wo ist der Abend, auf den er so lange gewartet hatte, auf welchen er sich so lange vorbereitet hatte. Enttäuscht geht er zurück zum Treppenhaus. Mit jedem Schritt wird seine Kraft schwächer. Golubcov geht langsamer und in seinem Inneren kreisen genau so langsam seltsame Gedanken. Endlich tritt die Verschmelzung des Inneren mit dem Äußeren ein. Und seine Seele und sein Körper vereinen sich in diesem Augenblick und sogar die Bäume um ihn herum schaukeln langsam und bewegen ihre Äste. In diesem besonderem Moment werden Golubcov und die ihn umgebende Welt unerwartet (jedenfalls für Golubcov) zu Verbündeten. Golubcov integrierte sich in den Strom, den Fluss, ohne es selbst zu wissen, zu spüren. Genauso langsam nähert er sich wieder dem Treppenhaus. Er geht mit gesenktem Kopf und kann deshalb nicht sehen, dass ihre Fenster in der Dunkelheit leuchten. Er sieht nicht, wie sie aus dem Fenster blickt, ihre Hände auf die Schläfen legt und sich bemüht zu erraten was da draußen ist. Golubcov nähert sich langsam dem Treppenhaus, lehnt sich müde an die mit  Muschelkalk belegte Wand hinter der Tür, bleibt ca. eine Minute stehen und dann rutscht er entlang der Wand, die er mit seinem Mantel berührt, nach unten. Er sitzt da in einer unbequemen Pose, schließt die Augen und von Außen denkt man, dass er betrunken ist, das Bewusstsein verloren hat, tot ist, doch Golubcov war einfach nur müde. Er schläft. Er schläft und hört im Traum, wie ein heiseres Saxophon ihm ein zärtliches Wiegenlied spielt. Doch es ist kein Jazz, das ist das Quietschen der Müden Tür im Treppenhaus. Sie macht die Tür auf, hüllt sich in ihre Strickjacke und schaut sich mit Mühe auf dem Hof um. Doch der Hof ist leer, nur der vorsichtige Wind berührt ihre Haare. Und Golubcov sitzt hinter der offenen Tür und schläft leise. Und während er schläft auf der einen Seite der Tür, und sie ihn auf der anderen Seite sucht, beleuchtet der Mond das letzte Mal ihre Gesichter und versteckt sich hinter einer auftauchenden Wolke. Und der Hof mit seinen Bäumen, die Häuser und Türen, alle schlafenden Männer und verwirrten Frauen lösen sich in der Dunkelheit auf. Verschwinden langsam.

Teil 3. Das Monster

Und es ist unwichtig, wann all das begonnen hat, dass Jerken sein Pferd zügelte, sich das Messer am Gürtel befestigte, die Schafherde allein ließ und wieder zu Boltabeks Haus ritt, obwohl er das nicht tun sollte. Dann kam dazu, dass der Tag für eine solche Tätigkeit zu klar, zu sauber war, wie am ersten Tag der Erde. Aber für Jerken war all diese Schönheit nur bis zum Lämpchen sichtbar, jenes Lämpchen, welches er das letzte Mal vor drei Monaten gesehen hat, hundert Kilometer entfernt von ihm, und nun waren die einzigen Lichtquellen für ihn die Sonne und das abendliche Lagerfeuer. Und Sterne sah Jerken nicht. Er schlief nachts und wenn er erwachte, dann schaute er in den Himmel und erinnerte sich an seine Mutter.  Nach seiner Ankunft aus der Armee, konnte Jerken sich lange Zeit nicht an den Aul gewöhnen. In der Stadt war alles anders. Von da brachte er Chrom-Stiefel, einen  Outdoor-Kessel, die Tätowierung „B.O.E.C.“ auf den knöchernen Fingern und die Angewohnheit auf Toilette zu rauchen. Das Leben im Aul fand er langweilig. Von hier aus konnte man nur in die Steppe raus fahren. Jerken bekam nicht direkt die Erlaubnis, auf die Schafherde auf zu passen, man nahm an, dass er es vielleicht nicht schaffen würde. Und er erwies sich als schlechter Schafhirte. Nachdem vor zwei Wochen die halbe Herde von Wölfen gerissen wurde, verstand er, dass man ihm nicht erlauben würde den Aul zu verlassen und in die Steppe zu fahren. Und er lief nun nicht jedem einzelnen Schaf hinterher, wie in den ersten Tagen, sondern besuchte immer öfter Boltabek, dem einheimischen Jäger, in dessen Haus lustige, städtische Angler und Jäger zu Gast waren, die ulkige Geschichten erzählten und mit Vergnügen auf ein Glas Wodka einluden.

Außer dem Wodka genoss Jerken noch etwas anderes – im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein.  Er mochte es achtlos die Zügel runter zu werfen, an den Jägern vorbei zu reiten und besonders an ihren Ehefrauen. Er mochte es auch, ganz locker vom Sattel runter zu springen und etwas verächtlich den Steppenstaub, der sich im Mund angesammelt hat, durch die Zähne aus zu spucken. Er mochte es, über die naiven Geschichten der Männer zu schmunzeln und auf sich die Blicke der Ehefrauen zu spüren. Aber am allermeisten liebte es Jerken selbst Geschichten zu erzählen. Und abgesehen davon, dass darin nur eine Prise Wahrheit lag und die Details im Erzählen geboren wurden, fiel Jerken mit Vergnügen auf mit welcher Achtung, welchem Vertrauen man ihm zuhört. Jedoch nicht immer. Wenn die Gruppe begabt und zynisch war, wenn man ihm nur mit einem Ohr zuhörte, wenn man sich betrank, schnell und unaufmerksam, dann drängte Jerken niemandem seine Geschichten auf. Er war immer feinfühlig, wenn es um das Publikum ging und wann der richtige Moment gekommen war. Und Boltbabek, der alte Boltabek, freute sich anfangs darüber, dass Jerken die Gäste bespaßt, wurde dann aber neidisch, begann die Lippen aneinander zu pressen und ließ gestern Jerken nicht in sein Haus. Er ging zur Türschwelle und sagte, dass wichtige Gäste gekommen seien, die an eine Unterhaltung mit Dorfdeppen nicht gewöhnt waren und abgesehen davon, seien schon genügend Schmarotzer da, allein schon der Alabaj isst am Tag einen ganzen Eimer. Und als Jerken sich entrüstete und Boltabek am Nacken packte, wurde fast eben jener Alabaj auf ihn gehetzt.  Die ganze Nacht lang quälte Jerken sich, wiederholte die verletzenden Worte Boltabeks, hielt es am Morgen nicht aus und sattelte das Pferd. Und an diesem wundersamen Morgen, der gefüllt war mit dem Geräusch von Gras  und Vogelgezwitscher, ritt er durch die

Steppe , direkt zum Haus, aus welchem man ihn gestern so ungerecht vertrieben hat. Neben Boltabeks Haus sprang Jerken lässig vom Ross, band es an den niedrigen Karagach und schaute

über die Abzäunung. Vor der Außentreppe stand ein schwarzer, verstaubter Jeep. Doch auf dem Hof war niemand. Nur Alabaj, nachdem er den Fremden neben seiner Bude erahnte, begann laut an zu bellen und die Hühner gackerten erschrocken und gingen auf dem Hof spazieren. Jerken bemerkte, dass Alabaj eingeschlossen war, kletterte über den Zaun, ging um das Haus herum und blickte in die Fenster. Eine leere Küche, ein großes Zimmer mit einem Ofen darin, Unordnung, ein Haufen Flaschen, Teller mit Fleischstücken, das Haus schien leer zu sein, doch da sah Jerken in einem der Fenster eine Frau. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, kämmte sich die Haare und schaute in den kleinen Spiegel über dem Bett. Sorgenvoll drehte Jerken sich um. Das Herz klopfte, doch er hielt den Atem an, lehnte sich an die Wand und blickte wieder vorsichtig in das Innere. Die Frau drehte sich mit der Seite zu ihm und kämmte sich weiter die Haare. Jerken hatte das Gefühl, ihr Aroma wahr zu nehmen, würzig und warm, so rochen die Kätzchen im Dorf. Er hielt nicht mehr den Atem fest und hörte auf wahr zu nehmen was geschieht und schaute mit halb-geöffneten Mund  auf ihre weichen Schultern, die mit glänzenden Locken geschmückt waren, auf ihren gebeugten  Rücken und auf ihre dünnen, im Morgenlicht durchscheinenden Ohren.  „Ich schenke ihr das Pferd“ flüsterte er leise. In dieser Zeit hat die Frau die Haare gemacht und betrat das Nachbarzimmer. Leise auftretend, näherte sich Jerken dem nächsten Fenster. Die Fensterbank war hier höher, er musste auf Zehenspitzen stehen, um in das Innere zu blicken. Jerken sah, dass die Frau sich an einen Tisch gesetzt hat und sich aus einer Karaffe Wasser in ein  Glas eingoss. Die Sonne war bereits draußen und schien mit seiner ganzen Kraft auf Jerkens Kopfkrone. Er entfernte sich vom Fenster und entschied sodann zum Löwenzahn, welcher entlang von Boltabeks Zaun wuchs, zu gehen. Er pflückte zehn Blüten und begab sich zum Hauseingang. Als Alabaj ihn erblickte, stand er auf, brüllte tief und drückte sich mit aller Kraft gegen den Eingang seiner Hütte. Jerken beschloss, ihm keine Aufmerksamkeit zu schenken. Er klopfte anständig und bereitete sich auf das Treffen vor. Die Tür wurde nicht geöffnet. Jerken klopfte stärker, lauter, da ging die Tür auf und sie stand vor ihm. Sie blickte verwundert auf ihn, wartete ab, aber Jerken stand da als ob er die russische Sprache verlernt hätte, er vergaß auch den Löwenzahn, er stand einfach so da und blickte in ihre Augen.

„Wollen Sie zu Boltabek?“ fragte sie, lächelte und verstand, wie jede andere Frau es tun würde, was gerade mit dem Mann geschah, der vor ihr stand. „Ja,“ sagte Jerken und reichte ihr die Blumen, „Ich meine nein. Ich wollte zu Ihnen.“ Jerken erkannte, dass sie etwas blass wurde, sich etwas umschaute und akkurat den Blumenstrauß annahm. „Danke“ nickte sie, aber ins Haus lasse ich Sie nicht. Ich kenne Sie nicht“ „Dann lassen Sie uns in die Gartenlaube setzen“ sagte Jerken. Sie lächelte: „Ich denke mir genügen erst einmal die Blumen. Kommen Sie wieder wenn Boltabek wieder da ist.“ „Er wird nicht zurück kehren,“ sagte Jerken überrascht von sich selbst, „Deswegen bin ich gekommen.“ Die Frau wurde noch blasser. „Ja,“ wiederholte Jerken, spürend, wie die sich entwickelnde Geschichte ihn hinreißt. „Sie werden nicht zurück kehren. Ich habe ihr Auto gefunden. Da ist eine scharfe Kurve auf der Straße, man durfte nicht zu schnell fahren. Es tut mir sehr leid. „Nein, nein. Sie verwechseln da etwas“ fing sie schnell an zu sprechen und bemühte sich die Erscheinung wie einen dummen Traum, zu vertreiben. „Sie wollten doch mit dem Boot los, haben sogar das Auto da stehen lassen, dort, sehen Sie? Sie wollten doch…Nein, nein, das kann nicht sein.“ „Der Fluss ist weit weg,“ sagte Jerken, „Boltabek fährt immer seinen Lada. Er fuhr ihn. Und als ich heute los fuhr, habe ich sofort gespürt, dass die Enten bereits seit den Morgenstunden so tief flogen, seltsam schrien, das war ein böses Omen. Dann sehe ich Rauch. Bis ich dahin geritten war, war der Rauch schon weg. Dann bog ich um, und sehe sie. Das Auto ist ganz schwarz, komplett verbrannt. Die Scheiben sind eingeschlagen und im Inneren…Es tut mir wirklich leid. Waren da Ihnen nahe stehenden Menschen?“ „Jegor,“ sagte sie leise, „und Andrjuša.“ Jerken hielt die Pause aus. „Ja, ne, das kann nicht sein,“ schüttelte die Frau den Kopf, lachte künstlich und blickte mit feuchten Augen, fast gefüllt mit Tränen, auf Jerken. „Sie spielen mit mir, stimmt’s? Sie…Sie…Sie haben mich einfach im Fenster gesehen und wollten mich kennen lernen, stimmt’s? Haben Blumen gepflückt, und dann…Und dann ließ ich sie nicht rein und sie haben sich diese Geschichte ausgedacht, habe ich es richtig erraten?“ „Es tut mir leid,“ schüttelte Jerken wieder den Kopf und war selbst kurz vorm Weinen. Er hat sich die zerstörte, verbrannte Lada Boltabeks so gut vorgestellt und die verbrannten Körper darin, dass er fast selbst an das nicht Geschehene glaubte.

Jerken spürte, dass er für dieses Leid verantwortlich war, denn erst früh am Morgen wünschte er Boltabek Böses, deswegen war es seine Schuld, alles seine Schuld, nur wie, wie? „Der arme, arme Boltabek“ entwich es Jerken und Tränen flossen aus seinen Augen. „Es tut mir wirklich leid.“ Mit einem schmutzigen Ärmel begann er die Tränen im Gesicht weg zu wischen. „Warum weinen sie?“ fragte sie ihn. „Leben sie etwas noch?“ Sagen Sie schon. Vielleicht muss man den Krankenwagen rufen, Rettungskräfte? Hören Sie auf zu weinen!“ Jerken wackelte mit dem Kopf. Am allermeisten wollte er sich an sie schmiegen, an ihre große, weiche Brust.“ „Wie, das war’s?“ fragte sie leise.

„Das war’s?“ wiederholte Jerken, verfiel in Gedanken und schrie dann: „Ja, das war’s“ und begann mit aller Kraft zu weinen an. Und es geschah. Sie umarmte ihn, drückte ihn an sich, damit er nicht ausbüchst, nicht verschwindet. Jerken wurde von einem warmen, milchigen Geruch umhüllt. Und alles um ihn herum war so sanft, so weich, dass man immer tiefer eintauchen wollte, mit dem ganzen Körper. Jerken befand sich in dieser zärtlichen Wolke und begann sich zu beruhigen und sich zu erinnern. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Junge – Keša, so nannte ihn auch zärtlich seine Mutter, sich in ihrem Kleiderschrank versteckt hat und dort Stunden verbringen konnte, darauf warten, bis die Mutter von der Arbeit nach Hause kommt. Im Schrank roch es nach der Mutter und nach diesen schrecklichen, weißen Tabletten. Der Geruch der Tabletten störte Jerken und er schmiss sie leise weg, fand sie und warf sie weg. Dafür schimpfte man mit ihm und versuchte die Tabletten an einem anderen Ort zu verstecken.  Doch Jerken verbrachte viel Zeit in dem Schrank und kannte all seine geheimen Ecken. Am allerbesten roch Mutters Ausgehkleid, weiß, lang, mit großen, gelben Blumen. Es roch nicht nur nach Mutter, sondern nach einer fröhlichen Mutter. Nach einer Mutter, die lacht, Eis kauft, es erlaubt, bei ihr auf dem Schoß zu sitzen, laut zu sprechen…Auch mochte er Mutters bordeuax -rote Herbstjacke aus dem dicken, weichen Stoff. Es war schön sich an diese anzulehnen, sich in diese einzumummeln. In ihren dicken Ärmeln spürte man Mutters Arme . Und dann gab es keine Mutter mehr und man sagte  dem kleinen Keša, dass die Mutter vom Krebs gegessen wurde, doch er glaubte nicht daran, weil er Krebse schon im Brunnen der Nachbarn öfter gesehen hat. Sie waren ungefährlich, nur sammelten sie den Schlamm vom Brunnenboden. Aber eine andere Erklärung hatte Keša nicht und stellte sich immer häufiger vor, während er vor dem Einschlafen auf die Decke schaute, wie in die geöffnete Tür des mütterlichen Zimmers ein riesiger, grüner Krebs mit bewegendem Schnurrbart kriecht und sich immer näher zum Bett der Mutter bewegt. Und es sieht so aus, als ob die Mutter schlafen würde, sie deckt sich mit ihrer Decke zu und hört nichts. Und dann bewegt der Krebs seine Scheren und beginnt das Bett samt der Mutter wie mit einer Schere zu schneiden. Eins-zwei-drei, knips-knips-knips, aus den Kissen fliegen die Federn. Und Keša schreit und wacht mitten in der Nacht auf, und weint dann ganz lange. Schon damals, um das gruselige Sujet loszulassen, beginnt Keša neue zu dichten – und oft nicht weniger seltsame und schreckliche.  Er stellte sich vor, wie er mit dem Messer in der Hand, entweder seine Mutter verteidigt oder die immer schöne Frau. Er kämpft mit einer Armee lebendiger Pilze, schweigende, gesichtslose aber sehr starke, die, wie es aussieht aus einem einzigen, kräftigen Muskel bestehen. Er schnitt ihre Körper und aus ihnen lief weißer, klebriger Saft. Oder Keša stellte sich vor, wie er diese wunderschöne Frau-Mutter auf das andere Ufer des Flusses bringen kann, er paddelt mit der ganzen Kraft und aus dem Wasser schauen die Fische mit ihren Glotzaugen heraus und wackeln mit ihren Mündern, als ob sie ihn vor etwas warnen würden.  Und nun lösen sie sich auf in Schrecken und in dm dunklen Wasser taucht ein noch dunklerer Schatten auf. Der Schatten nähert sich, wird größer bis man versteht, dass man nicht zu langsam machen darf, er kann in einem Augenblick das Boot umwerfen. Keša nimmt das Ruder in die Hand und wirft dieses wieder zurück, das Ruder wird nicht helfen und er nimmt ein langes, schmales Messer. Mit einem lauten  Schrei wirft er sich ins Wasser, dort spürt er den kalten, harten Rücken des Monsters und beginnt  auf dieses mit dem Messer einzustechen und seine harte Schale zu durchbohren. Bald erkannte Keša, er hieß bereits Jerken, dass man diese Fantasien laut aussprechen sollte, und wenn andere ihm zuhörten, dann wollte er seine Geschichten so nah wie möglich an die Realität halten, sie erinnern an die Wirklichkeit. Davon wurden sie weniger seltsam, weniger persönlich, er ließ sich weiter von der Geschichte hinreißen und stritt sich heiß mit denen, die ihm  nicht glauben wollten. Und nach solchen Geschichten fühlte Jerken sich leichter – leerer. Er drückte sich gegen den warmen, jungen Körper der unbekannten Frau und atmete ihr milchiges, an die Mutter erinnerndes Aroma ein. Er erkannte plötzlich, dass er sein ganzes Leben nur mit Pilzen und irgendwelchen Monstern, die seiner Phantasie entsprangen, gekämpft hat. Als auf der Erde erst mal leise und dann immer lauter und schneller ein weites, einsames Heulen erklingt, welches die ganze Herde erzittern lässt, wenn schon gelbe und glänzende Augen hervorlugen im Gebüsch und ein heißes, stinkendes Atmen hinter dem Rücken, soll man da das Gewehr von der Schulter nehmen oder besser das Messer und sich in das Gestrüpp werfen, wie ins Wasser , und diese dichten Körper schneiden, die gefüllt sind mit rotem, heißen Saft. Wie durch die Schicht des Wassers hörte Jerken hinter sich das brummende Geräusch eines heran fahrenden Autos. Er hörte es so, als ob das Geräusch im Inneren des Körpers geboren wurde, an welchen er sich so fest schmiegte. Und in diesem Moment drehte sich der Körper weg von ihm und ihm schien, als hätte er den besten Teil seiner selbst verloren. Um ihn herum entstand die Welt, in der Welt wehte der Wind , die Sonnenstrahlen verbrannten die Haut, und er war allein, getrennt von ihr, aber sie stand in seiner Nähe, schaute ihn an, also ob gerade in dieser Sekunde, jetzt, etwas mit ihm geschah, so als ob er sich vor ihren Augen in ein Monster verwandelte.

Hinter dem Rücken Jerkens erklangen männliche Stimmen aber er verstand noch nicht, was um ihn herum geschah und konnte die einzelnen Wörter nicht von einander unterscheiden. Er drehte sich langsam mit seinem ganzen Körper um und sah, wie sich in der Hundehütte der zottelige Alabaj bewegte und plötzlich mit einem Schlag das Schloss entfernte, nach außen kam, für einen Moment erstarrte, ohne an das Geschehene zu glauben, aufsprang und sich direkt neben Jerken befand. Die Frau hinter seinem Rücken fing an zu schreien und noch lauter schrie der alte Boltabek, der sich dem Zaun näherte und von der Schulter eine Schrottflinte nahm.  Jerken wollte das Messer am Gürtel greifen, doch verstand, dass es zu spät war. Das einzige, was er noch schaffte, war die Beine und Arme so in Position zu bringen, um Alabaj nicht an die Frau mit dem wundervoll duftendem Haar und der warmen, fast mütterlichen Brust, durchzulassen. Das war das einzige, was er gerade noch geschafft hat.

Teil 4. Dankabrkeit

Siehe da – er nähert sich. Er geht langsam, mit einem Stöhnen, hinkend. Schaut vorsichtig. Schaut kurz hin und wendet den Blick ab. Er ist fast da und streckt die zitternde Hand heraus. Seine Hand ist wie ein Feuerschwamm, wie ein Knoten, hügelig, schmutzig. Die Nägel sind alle schwarz, angeschlagen. Während er geht, mache ich das Fenster auf, schaufele Kleingeld aus den Taschen und gebe ihm meine Hand. Halt fest, Opa. Er wirft die Groschen leicht in die Luft, diese rasseln, er schaut sie mit einem schnellen Blick an und zählt diese. „Das ist zu wenig,“  sagt der Opa und wackelt verurteilend mit dem Kopf. Doch mehr erwartet er nicht, dreht sich wieder um und hinkt zum nächsten Auto. Schnell, schnell, solange diese noch stehen, solange die Ampel auf rot ist. Die Autos fahren los, quietschen, rauschen, auch ich entferne mich und sehe ihn, wie er inmitten der Straße steht, kräftig noch, aber alt, er steht mutig da, wie verzaubert und die Autos fliegen, fliegen an ihm vorbei ohne ihn zu streifen. „Kennen Sie ihn?“ höre ich eine Stimme hinter mir. Meine Mitfahrerin. Ich beobachte sie in dem Rückspiegel. Hübsch. Und in meinem Auto ist es warm. Sie hat ihren Mantel abgelegt und darunter trägt sie ein Kleid, offen, festlich. Sie fährt ins Theater. Das errate ich an der Adresse. Ich bin ja Taxifahrer. „Hier kennen ihn alle,“ antworte ich unwillig. „Wir geben ihm alle etwas.“ „Ist er obdachlos, ein Penner?“ fragt sie direkt. Das ist ja super. Ich bin immer froh, zu reden. Vor allem wenn die Mitfahrerin so hübsch ist. „Wissen Sie, dort neben dem Stadion ist eine Warmwasserleitung“, sage ich. „Die Rohre sind warm dort und in dieser Luke lebt er. Scheint nicht zu frieren. Man sagt er hat eine Geschichte, ich fange an sie zu entschlüsseln. Irgend eine dunkle Geschichte. Aber ich weiß es selbst nicht, aber wenn man davon spricht.“ „Welche Geschichte?“ fragt sie ungeduldig, neugierig. „Man sagt, er habe jemanden mit der Axt…“ Ich hebe die Hand und senke sie wieder. Sie schreit auf. Ich schweige. Sie hält es nicht aus: „Und wen?“ „Ich weiß es nicht genau“ sage ich. „Möchte nichts falsches über einen Menschen erzählen.“ Ich dehne die Pause. „Ich meine zu wissen, dass es sich um seine Tochter handelt.“ Sie schreit noch lauter auf. „Bam!“ sage ich und wiederhole die Bewegung. Wir halten an auf der Kreuzung. Sie schaut sich um, so als könnte der Alte uns einholen. „Wie heißen Sie?“ frage ich sie und blicke sie im Spiegel an. „Ludmila,“ antwortet sie. „Man sagt, sie hieß Ira,“ fahre ich fort und mache wieder eine Pause. Doch sie hört begeistert zu. Schaut mich mit ihren großen Augen an. Schöne Augen, das hat sie wohl. „Nun, man erzählt sich, dass sie gemeinsam im Zentrum lebten, in einer großen Wohnung. Die Frau des Alten war verstorben, als die Tochter noch nicht laufen konnte. Weiß der Teufel, was mit der Frau geschehen ist, und der Alte hat die Tochter selbst erzogen. Liebte sie über alles. Der Alte war Parteimitglied, kein Geld war ihm für sie zu schade. Sie hatte alles, was sie brauchte.  Schwarze Haare, dunkle Haut, Augen, von denen man den Blick nicht wenden kann…so wie Ihre. Das Kompliment war etwas grob, doch ich bin zufrieden, sehe, dass sie verunsichert ist. „Doch ihr Charakter war anstrengend. Entweder hat sie der Alte zu sehr verhätschelt oder ihr fehlte die mütterliche Zuneigung in der Kindheit, keiner weiß es, aber sie war oft sehr hysterisch, dass das ganz Viertel es gehört hat. Haben Sie irgendetwas gesagt?“ Meine Mitfahrerin schüttelt mit dem Kopf, so nach dem Motto, ich höre zu. Ihre Brust  hebt sich und ihre Wangen nehmen Röte an. Eine heißblütige Frau. „Und ich sage, welche Frau ist denn nicht hysterisch? Soll man jetzt alle töten?“ sage ich empört und dann werde ich irgendwie nachdenklich: „Das hatte aber nichts mit Hysterie zu tun.“ Und ich schnalze mit der Zunge, mit Mitleid, mit Ingrimm. „Das war keine Hysterie. Das war Liebe. Ira, die Tochter des Alten, war vom Charakter zwar nicht so süß, aber die Kerle ließen sie nicht in Ruhe. Sie wachten unter ihrem Fenster, kämpften darum. Wer sie als nächstes morgens zum Institut fährt. Sie lernte am

technischen, am Institut für Textildesign. Da sind fast nur Frauen und Schwuchteln. Entschuldigen Sie den Ausdruck, „ ich blicke sie schuldig an. „Ist nicht schlimm,“ sagt sie und wird noch roter. „Also, sie wollte, dass man sie ständig irgendwohin fährt,“ fahre ich fort und lächele, „und sonst gab sie niemanden etwas. Und bei Frauen, ohne diese Angelegenheit, Sie wissen schon, verschlechtert sich der Charakter. Nun, sie fing an ihre Hände auf uns zu richten. Man durfte kein falsches Wort vor ihr sagen, mal gibt sie einem Liebhaber eine Ohrfeige, mal dem anderen. Und sie alle sind bereit es auszuhalten, Hauptsache sie können in ihrer Nähe sein. Am meisten hatte der Alte an ihr zu leiden. Sie schlug ihn mit Tellern auf den Kopf,  spritze kochendes Wasser auf ihn. Sie hat also daran Gefallen gefunden. Sie spürte ihre Unschuld, ihre Macht. Hat allen Befehle erteilt. Und eines Tages hat irgend ein Liebhaber es nicht mehr ausgehalten und hat ihr als Antwort auch eine Ohrfeige gegeben. Hat ganz schön reingehauen. Doch auch das hat ihr nur Gutes eingebracht, die anderen Liebhaber konnten eine solche Handlung nicht verzeihen, schnappten sich den Täter abends und verprügelten ihn bis zum Tod. Wirklich bis zum Tod. Und Ira hat in dieser Zeit den blauen Fleck im Gesicht angeschaut und dachte sich, dass sie endlich einen starken Mann gefunden hat. So haben die Gedanken den richtigen Platz gefunden, hehe. Und ihr Herzchen klopfte noch mehr und  schmolz  dahin. Doch dann am nächsten Morgen hat man ihr erzählt, dass ihr Liebhaber getötet wurde. Tot und das war’s. Als sie verstand, was passiert ist, ist sie weg gelaufen. Das ganze Viertel hat sie zwei Tage lang gesucht, am dritten Tag kehrte der Alte heim und sie steht in der Küche. Sie ist ganz blass, zerstreut und hält in der Hand eine Axt. Töte mich, sagt sie. Schlachte mich wie ein Schwein. Hast mich selbst geboren, also töte mich auch selbst. Wenn du mich liebst, sagt sie, dann töte mich.  Und wenn du es nicht tust, dann gehe ich auf die Straße und werfe mich vor jedem X-beliebigen, bis ich jemanden finde, der mich schlachtet. Ich habe nur ihn geliebt, und er ist wegen mir gestorben. Ich habe mich wie ein Tier verhalten also soll ich auch wie ein Tier sterben. Also nahm der Alte die Axt, fing an zu weinen, schloss die Augen und haute auf ihren Kopf , zwar leicht aber sie war sofort tot. „Warum hat er ihren Rat befolgt?“ fragt mich meine Mitfahrerin. „Ich verstehe nicht.“ „Sieht so aus, als ob er dran gewöhnt sei, auf andere zu hören,“ antworte ich, „hatte Angst zu widersprechen“ „Nein,“ flüstert sie, „er hatte keine Angst zu töten.“ „Er hatte keine Angst,“ gebe ich ihr Recht. Ich beobachte sie im Spiegel. Sie sitzt gedankenverloren, schaut aus dem Fenster. Und sagt dann: „Ich habe meinem Mann gestern eine Ohrfeige gegeben.“ „Naja,“ antworte ich, „er hat es wahrscheinlich verdient.“ „Ja, nein,“ atmet sie auf, „ich habe nur geübt…“ Den Rest des Weges schweigen wir. Es fängt an zu regnen und ich mache die Scheibenwischer an. Hin und her, hin und her. Ich habe versucht die Musik anzumachen, doch es gefällt ihr nicht, und ich schalte sie wieder aus. So fahren wir. Endlich macht sie ihre Tasche auf und nimmt das Geld heraus, um es mir zu geben. Während ich das Geld zähle, beugt sie sich über mich, legt ihre Hand auf meine Schulter und sagt leise: „Ich danke Ihnen.“ Und sie steigt aus. Und ich bin still. So schön und angenehm wurde es mir von ihrer Berührung. Aber es war schon zu spät. Ich bin losgefahren und habe es bei der Abbiegung beobachtet, wie meine Mitfahrerin von irgendwelchen Leuten mit Blumen begrüßt wurde. Aber dann schaltete die Ampel auf grün und ich fuhr weiter.

Teil 5. Auf der anderen Flussseite

In diesen Hotels ist es so, die Nachbarn hinter der Wand sitzen leise, wie Mäuse. Lärmdämpfung – Null. Deswegen sind alle so leise. Sie essen leise, halten die Zähne beim Geschlechtsverkehr zusammen, beschimpfen sich nur mit Blicken. Sich kennen lernen kann man nur in der Zeit des Frühstücks. Und was ist das für eine Bekanntschaft – man tauscht Lächeln aus und wünscht sich guten Appetit. Am Ecktisch sitzt immer ein Pärchen aus Japan, so zimperlich, wie Aristokraten. Sie halten die Gabel fest mit drei Fingern, wie Stäbchen. Essen kein Fleisch, nur Fisch und Gemüse. Sie werfen irgendwelche Tabletten ins Wasser, für die Reinigung. Angst haben sie. In der anderen Ecke sitzt eine Gruppe Amerikaner. Sie sind fett und essen alles durcheinander und kauen dann eine Handvoll ihrer bunten amerikanischen Nahrungsergänzungsmittel. Sie lachen laut und geben Kehllaute von sich, als ob etwas bei ihnen im Hals stecken geblieben wäre. Wenn ich sie anblicke, blinzeln sie mir zu. Ich blinzele ihnen nicht zurück, sondern drehe mich um. Aber diese gehen dann an mir vorbei und legen es darauf an, mir auf die Schulter zu klopfen. Und die chinesischen Businessmänner telefonieren ständig, sogar beim Frühstück, mit ihren Mobiltelefonen. Gut, wenn sie einfach nur reden würden, aber nachdem sie auf ihren Zimmern geschwiegen haben, reden sie hier nicht, sondern schreien! Sy! Sy! Das sagen sie zu mir als wir an einem Tisch sitzen. Sie so zu mir: „Sy!“ und ich zu ihnen: „Nicht Ssy!“ und nicke mit dem Kopf, so nach dem Motto, euch auch einen guten Appetit. Dann gibt es noch eine türkische Familie, er in Shorts, sie im Schleier. Er schreit auf die Bedienung und sie klimpert nur so mit ihren Augen. Man sagt, dass die Frauen im Schleier darunter nichts anhaben. Natürlich, bei so einer Hitze ist es zu warm in einem solchen Zelt zu sitzen. Ich selbst trage unter den Shorts keine Unterhosen, so ist es kühler.  Die Bedienungen haben besonders nervige Gesichter. Und sie alle wollen helfen: tragen zu zweit einen Teller weg, kaum habe ich ausgetrunken, kommen sie wieder zu mir um noch mehr Tee einzugießen. Ich halte es nicht aus. „Ich mache es selber!“ sage ich ihnen jedes Mal und nehme ihnen die Teekanne weg. Aber sie geben sie nicht her, tun so als ob sie es nicht verstehen würden. Dann wollen sie noch Trinkgeld haben, aber ich gebe ihnen keins. Das Essen ist irgendwie sauer, doof. Wie lange kann man uns denn noch dieses Omelett servieren? Ich hasse es.  Aber am allerschlimmsten ist dieser Kerl. Weiß der Teufel, wohin er gehört, sieht so aus, als ob zu jemanden von den Mitarbeitern. Er nähert sich einem und schaut auf die Zeitung. Ich lese russische Zeitung und hier spricht Gott seid Dank niemand russisch. Das einzige was hier russisch ist, ist die Aufschrift auf dem Felsen neben dem Meer: „Peterchen + Rita = Liebe“. Ich habe extra eine Woche im Netz gesurft um einen Ort ohne Landsmänner ausfindig zu machen. Und ich habe ihn gefunden. Den Namen der Stadt verrate ich nicht, Sie verstehen schon wieso, aber die Stadt liegt am Meer und ist voller Touristen. Nun denn, ich habe ja begonnen von dem Kerl zu erzählen, er nähert sich mir und schaut auf meine Zeitung. Ich so zu ihm: „Was glotzt du so?“ Und er lächelt mit seinen weißen Zähnen und antwortet mir fröhlich: „Was?“ Und er geht nicht weg, die Zeitung scheint ihn zu fesseln. So steht er neben mir und nervt mich. Okay, wenn er etwas verstehen würde, aber so? Schaut einfach nur. Und gestern Abend hat er einen Hundewelpen gebracht. Und dann, zwischen den Tischen, liegt mit ihnen fast auf dem Boden und der Welpe ist irgendwie abgeschabt, nass, weiß der Geier, wo der Kerl ihn aufgetrieben hat. Vielleicht ist er sogar krank und hat den Kerl angesteckt. Ich bin überhaupt nicht erpicht darauf, mir in diesen Tropen irgendetwas Ekelhaftes einzufangen. Und das wichtigste ist, ich bin wahrscheinlich der einzige hier, der so denkt. Die Japaner achten auf kaum irgendetwas, bis man sie in die Seite sticht. Die Türken lassen etwas vom Essen übrig und schmeißen es dem Hund vor die Nase. Sogar die Amerikaner hören auf zu lachen, machen niedliche Gesichter, verzeih uns Gott, aber was für eine Schönheit! Was für ein niedliches Paar! So klein, schmutzig, einfach ein Poster aus einer Survival – Zeitschrift. Hier ist er, ein Mensch, der in Harmonie ist mit unseren jüngeren Brüdern. Halleluja! Der aller ekelerregendste ist der dort, , wichtigtuerisch, dick und bärtig. Es ist so heiß und er trägt einen Bart. Bob. So heißt er.  Erbsen – Zar. Sein Shirt ist komplett durchnässt, das Gesicht glänzt, der Bart ist fusselig und steht zu allen Seiten ab, und er spitzt seine Lippen, formt die Augenbrauen zu einem Häuschen zusammen, hat den Kopf so liebevoll auf die Schulter gelegt und genießt es. Alles in allem, ist es dem Jungen scheißegal wer ihn anschaut. Unglücklicherweise hat jedes Hotel seinen eigenen Strand. Auf den Nachbarstrand darf man nicht. Und da sind wieder diese ganzen Fratzen, wenn es nur die Fratzen wären. Sie sind doch alle nackt! Gut, fast nackt. Alle bis auf die Türkin. Sie geht zum Strand in einem rosa Schwimmkostüm, das aussieht wie ein Pyjama mit einer Kapuze. Und weil sie nicht schwimmen kann, geht sie bis zum Knie ins Wasser und plantscht nur. Das sieht vielleicht aus. Wie ein Pokemon in einem Becken. Und die Japaner. Sie kommen zum Strand, sitzen in den Strandkörben, cremen sich mit Sonnencreme ein, dann machen sie ein Schwimmwettbewerb, zuerst ins offene Meer, dann am Strand entlang und genau nach fünfzehn Minuten geht es zurück in die Strandkörbe, sich abtrocknen, die Sachen mitnehmen und dann zurück ins Hotel. Alles nach Stundenplan. Ruhig, geschäftig, ruhig. Nicht wie die Chinesen. Diese, wenn sie erscheinen, fangen sofort an zu schreien. Vor allem weiß der Teufel, wen sie anschreien. Entweder sie streiten miteinander oder sie schimpfen. Wenn die Chinesen kommen, sollte man verschwinden. Weil die lange da bleiben. Sie fangen dann an, Sandburgen zu bauen, das, so scheint es, liegt bei ihnen im Blut. Und im Wasser bleiben sie nicht an einer Stelle, sondern zerstreuen sich am Ufer entlang, dass wen man selbst baden gehen möchte, man in der Nähe von einem von ihnen auftaucht. Und ich mag es, wenn niemand in meiner Nähe ist. Nur ich und das Wasser. Und überhaupt mag ich nichts, was mit Gruppen zu tun hat. Verschiedene Fußballklubs, Kolchosen, Versammlungen..das alles ist nichts für mich.

Ich mache sogar Geschlechtsverkehr vorsichtig. Ich habe das Gefühl, dass wenn zwei, drei oder vier Menschen etwas zusammen machen, sie dann gar nicht existieren. So als ob sie für eine Zeit verschwinden. Die Gruppe ist da, nur das Individuum verschwindet. Und dieses Gefühl gefällt mir so gar nicht. Das ist wie wenn man ein paar Schalen nimmt: in der einen ist Saft, in der anderen Tee und in der dritten Kaffee. Und dann tut man sie alle in eine Flasche, schüttelt diese gründlich durch  und kippt den Inhalt wieder verteilt auf die Schalen. Was kommt dann heraus? Irgend ein Mischmasch. Deswegen nehme ich nicht an irgendwelchen Gruppenaktivitäten teil. Weil du dann verschwindest und nicht mehr so bleibst, wie du davor warst? Nie mehr? Also, mit den Chinesen schwimme ich nicht. Dazu kommt, dass der Kerl mit dem Hund wieder da ist. Er hat irgendeine Seife gebracht und beginnt damit den Welpen im Wasser einzuseifen. Das ist natürlich eine gute Sache, aber warum hier? Hier baden doch Menschen. Nun, es scheint nur  mich zu stören. Und den anderen ist es egal. Die Deppen. Dann natürlich der Sonnenuntergang. Diesen kann keiner verpassen. Alle müssen sich davon überzeugen, dass die Sonne nicht einfach weg, sondern hinter dem Horizont verschwunden ist. Gut,  Amerikaner, diese wissen wenigstens, dass die Sonne jetzt in ihrer Heimat ist. Sie  ist in ihre Heimat verschwunden. Und die Chinesen mit den Japanern? Warum können sie sich nicht halten? Ich gehe zur Zeit des Sonnenuntergangs ins Hotel, um etwas in der Stille zu verweilen, während alle auf die Dächer und die Terrassen flüchten. Ich mache den Vorhang zu und sitze so da. Und dann höre ich, wie sie Krach machen, mit den Türen klopfen. Und ich gehe raus. Mir entgegen, kommt auf der Treppe Bob. Es gibt keine Möglichkeit an ihm vorbei zu gehen und ich gehe zur Seite. Er murmelt irgendetwas auf seinem amerikanisch, zeigt einen Daumen. Auf dem Gesicht Freude. Er ist zufrieden mit dem Sonnenuntergang. „Yes,“ sage ich und beuge ebenfalls meinen Daumen. Wir können kaum aneinander vorbeigehen. Ich nehme den Duft  seines Bartes wahr.  Der Geruch von Meer und Ketchup. Im Foyer, neben der Bar schlafen der Kerl mit dem Welpen, sie drücken sich aneinander, zusammengerollt zu kleinen Knäueln, liegen sie auf dem Ledersessel. Jetzt ist die Zeit der Spaziergänge. Ich weiß, dass jetzt alle aufgebrochen sind zu einem Spaziergang am Meer, sie gehen an den Restaurants vorbei und wählen aus, wo sie zu Abend essen sollen, wo der Ausblick am schönsten ist, das Essen besser, wo die Tischdecken sauberer sind, die Bedienungen freundlicher. Nirgendwo. Das heißt, es ist überall gleich. Es gibt nur die Illusion einer Wahl, denn diese Restaurants unterscheiden sich in nichts voneinander. Dieselben sauren Lächeln, derselbe Fisch, der selbe Blick. Ich gehe nicht dorthin. Da sind wieder zu viele Menschen. Ich gehe wieder in die andere Richtung, da wo der Fluss ist, wo die Gärten sind. Es ist schon ganz dunkel geworden, deswegen habe ich keine Angst, dass man mich sieht. Ich ziehe die Sandalen aus und gehe barfuß auf dem Gras. Das Gras ist weich, warm, feucht. Es ist angenehm darauf zu gehen. Ich fühle, wie ich den Säften der Erde näher bin. So fühlen wahrscheinlich die Bäume und die Blumen. Irgendetwas muss es in dieser Erde geben, etwas, was die Wissenschaftler noch nicht herausgefunden haben und ich spüre mit jedem Schritt, dass ich stärker und ruhiger werde. Ich gehe und gehe, bis die Geräusche des Strandes ganz verschwunden sind. Ich höre nur, wie der Fluss rauscht, an dem ich entlang gehe und wie der Wind die Blätter auf den Bäumen bewegt. Im Himmel zeigen sich bereits die ersten Sterne und zwischen ihnen flattern schnelle, geräuschlose Schatten – Fledermäuse, die auf die Jagd gehen. Im Gras, unter meinen Füßen, leben kleine, trockene Frösche. Die Frösche schweigen, aber ich weiß, dass sie da sind. Ich gehe ruhig, will nicht auf sie treten. Der abendliche Wind weht mir unters Hemd, so warm und zärtlich. Er wird stärker, der Fluss macht eine Kurve und hinter der Ecke, auf der anderen Seite des Ufers zeigt sich ein leuchtendes Segelboot. Von hier aus kann ich Frauen und Männer in festlicher Kleidung, ein Streichquartett und links einen Klavierspieler sehen. Ich höre Lachen, Musik und das dumpfe Öffnen von Champagner-Flaschen. Ich stehe barfuß auf dem Gras, im leeren, mit Blätter rauschendem Garten. Drei Schritte von mir entfernt rollt über die Steine dunkles, kaltes Wasser. Ich halte mich mit der Hand an der warmen Baumrinde fest, bin allein unter tausend Sternen und blicke auf das Segelboot am anderen Ufer, da wo Leben ist. Und in diesem Moment unterscheidet sich das Leben dort so sehr von dem meinen, es ähnelt so viel mehr einem Leben, dass ich ein seltsames Gefühl habe, so als sei ich verschwunden, mich aufgelöst habe, gestorben bin. So als ob ich mich vor dem Fluss befinde, von  dem die Griechen und Hindus gesprochen haben und ich drehe mich noch einmal um , um  mich daran zu erinnern, wie es damals war, zu leben. Doch ich befreie mich von der Anwandlung, drehe mich um, ziehe die Schuhe an und gehe zurück. Je mehr ich mich vom Segelboot entferne, desto dunkler wird es. Der Rückweg scheint für mich viel länger und verwinkelter zu sein. Und hier ist endlich das Hotel. Die Bar hat noch geöffnet und in ihr, natürlich, sind wieder die Amerikaner. Bob und seine Freunde. Sie alle wie aus einem Holz geschnitzt. Bier und Chips. Viel Bier und Chips. Ich setze mich an die Theke. In der Bar ist es ebenfalls dunkel, das Hotel spart Licht. Ungeachtet der späten Stunde, reden die Amerikaner laut und lachen. Bob lacht so laut, dass er sich nicht halten kann und vom Stuhl fällt. Der Stuhl fällt auseinander. Doch Bob selbst ist nicht verletzt, er zittert noch mehr vor Lachen. Er steht langsam auf, schaut sich um, will nach einem anderen Stuhl greifen, doch entscheidet sich anders. Ein paar Schritte von ihm entfernt steht ein schwarzer Ledersessel, direkt neben dem Abstelltisch. Das, auf welchem vor dem Abendessen der Junge mit dem Welpen geschlafen haben. Bob rückt den Sessel zu seinem Tisch. Die Amerikaner lachen freundlich. Im Halbdunkel sehe ich, dass sich auf dem Sessel etwas bewegt. Ich komme auf den Gedanken, dass der Junge den Welpen hier gelassen hat. Ich schaue hin, aber es ist zu dunkel. Dann stehe ich auf und gehe zum Tisch mit den Amerikanern. Bob ha den Sessel bereits zum Tisch gerückt und setzt sich mit seinem Hintern darauf. „Ey,“ schreie ich, doch die Bewegung hat bereits begonnen, das Beharrungsgesetz ist zu stark. Solange er nicht sitzt, darf ich es nicht zulassen. „Ey,“ rufe ich und laufe zu ihm. Ich sehe, wie die Amerikaner verstummen und mich anblicken, ich sehe wie der große Hintern sich nach unten zieht und den Sessel füllt und ich spüre den Schrecken dieser Aussichtslosigkeit, als ob ich auf den sich nähernden Hintern blicken würde, ich spüre wie das Licht und die Luft immer schwächer werden und dann plötzlich senkt sich auf mich dieser Fleischberg  und ich schreie aber es nützt nichts, ich kann mich nicht bewegen. Ich strecke die Pfoten vor mich, versuche den Tod von mir wegzurücken, doch ich werde immer tiefer nach unten gedrückt, irgendetwas knistert im Herzen, man hat kaum Luft zum atmen, kaum Luft. Und in diesem Moment krache ich mit Bob zusammen und mit der ganzen Kraft schlage ich mit den Händen auf diesen Kadaver, ich versuche ihn umzudrehen, doch Bob fängt an zu kreischen, schützt sich mit seien Händen, fällt aus dem Sessel und landet auf allen Vieren. Ich berühre den Sessel mit meinen Händen, kann jedoch nichts ertasten. „Machen Sie das Licht an!“ schreie ich, taste immer weite und verstehe, dass niemand da ist, und wahrscheinlich auch niemand da gewesen ist. „Doch es hätte jemand hier sein können,“ sage ich, atme dabei schwer und blicke in die erstarrten, schiefen Gesichter der Amerikaner , „hätte sein können, stimmt’s?“ Keiner antwortet mir, nur der verschreckte Bob heult unter dem Tisch. Und in diesem Moment kommt ein Mitarbeiter des Hotels und macht das Licht an.

Teil 6. Der glatzköpfige Pet’ka

Der Abend begann sehr gut. Nein, wirklich sehr gut. In letzter Zeit geschah so etwas sehr selten aber heute wollen sie ins Theater gehen und morgen hat Rita Geburtstag. Wie immer macht sie sich Sorgen, wünscht sich schon heute, dass der morgige Tag gut sein wird, voll mit Eindrücken und hat gleichzeitig Angst, das dies nicht passieren wird. Und Kirill versucht Rita abzulenken und merkt nicht, dass sie sich Sorgen machen will, Angst haben möchte. Und auch der heutige Theaterbesuch war seine Idee. Im letzten Augenblick wollte Rita ebenfalls unter Leute, machte sich irgendeine chaotische Frisur, und als sie raus gingen, als sie Kirill an der Hand hielt, als sie sich ins Auto setzten und los fuhren und die anderen Autos überholten und eine Kreuzung nach der anderen überflogen bei grüner Ampel, dann fühlte Rita sich glücklich, lebendig. Dazu kam, dass sie zu spät waren, und Rita liebte es zu spät zu sein, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sie liebte es, wenn sich alle nach ihr umdrehten, sie anblickten, sei es im ersten Blick unzufrieden, da hob sie die Augen, auf ihrem Gesicht tauchte ein unschuldiges Lächeln auf, wie eine zarte Blume, sodass alle anfingen dahinzuschmelzen, nur die Schauspieler auf der Bühne verloren die Verbindung mit den Zuschauern, vergaßen den Text und ärgerten sich. Aber diesmal, kaum hatten sie den Saal betreten, sah Rita in der zweiten Reihe den glatzköpfigen Pet’ka sitzen. Er war schon komplett kahl und glänzte wie eine geschälte Zwiebel. Als alle sich umdrehten, um Rita zu betrachten, war er der einzige, der es nicht tat.  Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem neben ihm sitzenden pummeligen, blonden Mädel. Kirill nahm Ritas Hand und sie setzten sich, entschuldigend, auf ihre Sitze. Von ihrem Platz aus sah Rita Pet’ka mit dieser Ollen und ärgerte sich, dass sie vorne sitzen und bessere Sicht haben. Kirill merkte, dass Rita nervös war und entschied, dass es an ihrem bevorstehenden Geburtstag lag. Abgesehen davon, entwickelte sich auf der Bühne die Handlung. Irgendjemand hat irgendjemanden getötet und das machte alle sehr nervös. Es schien, als ob der Sohn des Toten, der mit einem hohen Tenor sang, etwas gegen irgendeinen Mann mit angeklebten Schnurrbart hatte und dieser baggerte die Witwe an, bzw. wollte er es so. Und alles wäre in Ordnung, doch der Sohn benimmt sich sehr eigenartig, obwohl er nicht der Mörder ist, im Gegenteil, er will die Wahrheit erfahren, er ist voller Zorn und zittert, noch ein Jüngling und in der Nacht kommt seine Liebhaberin zu ihm, ja er hat eine Liebhaberin, sie ist auch jung, aber sie kommt heimlich, in der Hand hält sie ein kleines Fläschchen, von dem sie etwas in sein Glas tropft. Was ist das denn? Nicht etwa? Und wer wartet da auf sie hinter der Tür? Bäh, das ist er, der Mann mit dem Bart, er tut so als ob er sich an der Witwe interessieren würde und in Wirklichkeit hat er etwas mit der Braut des Helden gedreht, und nun sind sie wie Topf und Deckel. Die Liebhaber umarmen sich im Licht der Laterne, als der betrogene Ehemann aufwacht, aus dem Fenster schaut, sie sieht und die Gliederketten, klirr klirr, verbinden sich in seinem Kopf. Er wirft sich zur Mutter, um sie über den Betrug aufzuklären aber als er in ihr Zimmer stürmt, sieht er nur das geöffnete Fenster, hinter dem das Meer rauscht, der Vorhang flattert, es erklingt sorgenvolle Musik. Der Held greift nach dem Zettel, der auf dem Tisch liegt, und oh mein Gott, Mutter! Sie schreibt, dass sie selbst den Vater getötet hat, aus Liebe zum Bärtigen und jetzt, wo sie von dem Betrug erfahren hat, verstand sie, wie sehr sie gesündigt hat. Und so kann sie nicht weiter leben, sie möchte zum Vater, damit ihr dieser verzeiht. Der Held ist überrascht. Zerknittert und unter Tränen, kehrt er in sein Zimmer zurück, setzt sich auf das Bett, führt die Hand langsam zum Wasserglas, führt dieses zum Mund, macht einen großen Schluck und genau in dieser Sekunde stürzt in das Zimmer seine Braut, sie rennt herein und versteht beim ersten Blick, dass es schon zu spät ist. Aber er lebt noch! Und sie beugt sich über das Bett, bedeckt mit Küssen sein Gesicht und sing die ganze Zeit, singt, dass er nicht allein sterben muss. Und außerdem war dieser bärtige Mann krank, ernsthaft krank und heute um zwei Uhr Mittags ist er auf einmal hingefallen, hat ein paar Mal gezittert, seine Augen wurden leblos, die Lippen hörten auf sich zu bewegen, und niemand hat mehr Interesse an ihm. Wie schade, dass nun auch du stirbst! Aber das macht nichts. Wisse beim Sterben, dass ich leben werde und mein ganzes Leben an dich denken, mein Liebster, dich immer in Erinnerung behalten. Um mit meinem Leben die Sünde abzubüßen. Sie weint, doch in ihren glänzenden,  geschminkten Augen leuchtet ein heiliges, fanatisches Feuer. Sie steht auf, dreht sich zu den Zuschauern und singt für uns, dabei in unsere Seelen blickend. Der Saal weint. Zum finalen Si zurückkehrend, zittert sie vor Aufregung und hebt endlich die Arme, bricht den Ton ab. Für eine Sekunde ist es still im Saal, und dann klatsch, klatsch und es geht los mit dem Applaus, eine Lawine von Geräuschen, ohne den Anschein zu machen, mit dem Applaus aufzuhören. Und von diesem Krach stehen die Toten auf und verneigen sich. Da sind sie alle. Die Braut ist im Zentrum, natürlich – ein Stern! Und ihr Nachname ist sternenhaft – Ludmila Viloslavskaja. „Bravo! Bravo!“ schreien sie im Saal. Und Kirill und Rita stehen beide, ihre Oberschenkel aneinander geschmiegt, und klatschen mit. Und der glatzköpfige Pet’ka knutscht die Blonde, berührt ihre Rundungen, so als ob sie hier allein wären, als ob es hier keine Menschenseele gäbe, sondern nur wackelnde Bäume.

Und für einen Augenblick vergisst Rita den morgigen Tag. Sie dreht sich um und schaut auf Kirill, und Kirill hat dichtes Haar, Locken, eine solche Haarpracht. Doch er schaut sie nicht an, er ist noch voll mit Emotionen, ist noch bei denen auf der Bühne und Rita möchte schreien, sich in seine Locken fest krallen, wie in eine Pferdemähne. Doch ihre Hände sind beschäftigt mit Klatschen, und Rita klatscht in die Hände umso fester, umso schmerzhafter, das ist so klangvoll, als ob sie jemanden eine Ohrfeige nach der anderen geben würde. Doch nun wird es endlich still. Kirill ist glücklich. Er denkt, dass die Oper Rita gut gefallen hat. Kein Wunder, so leidenschaftlich wie sie geklatscht hat. Das Publikum senkt die Arme, das Licht wird heller, alle blicken sich um, einige husten, schnäuzen sich, führen Gespräche, werfen die Anwandlung von sich, befreien sich von der Kraft der Opernkunst, so als ob sie für eine Zeit einschliefen und jetzt müssen sie wieder funktionieren, schon wieder in das graue, alltägliche Leben mit seinem Erdöl, Dienstreisen, und der Arbeit am Zement. Sie gingen einzeln herein und heraus gehen sie als Gruppe. Schneller, schneller, raus aus dem Traum. Doch die Türen sind schmal, es können nicht mehrere gleichzeitig hindurch gehen und sie quetschen sich irgendwie durch, drücken gegeneinander vorsichtig, höflich, sie sind  ja schließlich in einem Theater und nicht im Bus. Kirill und Rita drängen sich auch durch, sind eingequetscht zwischen einem Dicken im Anzug, mit nassen Achseln und einer sportlichen Frau mit einem strengen Blick und einem Joch auf den Schultern. Die Türen beben, mahlen das Knäuel der Schätzer des akademischen Vokals, Rita und Kirill nähern sich ihnen, doch hier in der Menge entsteht eine Sorge, ein Zittern und aus der Tiefe taucht der glatzköpfige Pet’ka auf und diese Albino – Frau. Mit einer Hand hält Pet’ka die Blonde, und mit der anderen, wie das Kielwasser, gräbt er sich durch die Schlange. Rita erstarrt und erwartet, dass er sie nun endlich sieht. Sie nimmt Farbe an, blickt auf ihn mit Augen, die voller Glück und gleichzeitig Hass sind, doch ihm fällt Rita gar nicht auf. Mit einer Bewegung trennt er sie von Kirill, kehrt zur Tür zurück, fliegt wie ein Korken nach draußen und zieht die schmunzelnde Begleiterin mit sich.  Und plötzlich von diesem Klaps, reißt irgendetwas in Rita, spritzt aus den Augen nach Außen und wischt die Farbe weg aus ihrem Gesicht. „Was ist los, was ist los?“ murmelt erschrocken Kirill und drückt Rita an sich. Sie nähern sich immer weiter der Tür und endlich befinden sie sich draußen. Nach dem im Inneren vorherrschenden Duft der Intelligenz, werden ihre Lungen wieder mit  der staubigen, Benzinluft gefüllt. Den ganzen Weg hat Rita einen finsteren Blick. Und als sie zuhause angekommen sind, zieht sie sich im Schlafzimmer um und legt sich ins Bett.  Kirill weiß natürlich nicht, warum Rita so traurig ist und fühlt sich schuldig. Er findet keinen Platz für sich, ist wütend auf sich selbst, dass er sie ins Theater mitgenommen hat, kann aber nicht die richtigen Worte finden, um es ihr irgendwie mitzuteilen. Er macht sich große Sorgen und geht in der Wohnung hin und her, stellt überall Kerzen auf, bläst im Badezimmer Luftballons auf, bastelt Kraniche aus Papier, denn morgen ist ein besonderer Tag und nun wünscht er sich sehr, dass Rita glücklich ist. Er war gerade damit fertig, das Haus zu schmücken und beschloss endlich in das Zimmer zu blicken. Kirill weiß, dass Rita nicht schläft, sondern nur mit geöffneten Augen in der Dunkelheit liegt. Er hat Angst wenn sie in diesem Zustand ist, deswegen schaut er sie nicht an und macht langsam die Lampe an, ein schwaches Licht, dann nähert er sich dem Bett und setzt sich neben sie. „Was soll ich dir zum Geburtstag schenken?“ fragt er leise. Rita dreht sich um und schaut Kirill aufmerksam an. Er sitzt so gebeugt, unglücklich da, dass Rita aufatmen muss, ihn näher an sich  heranzieht, an die Brust drückt und seine Haare streichelt. „Rasiere dir eine Glatze,“ sagt sie.

Teil 7. Auf einer Linie

Und siehe da, er ist weg. Und er lenkt Richtung Bahnhofsvorplatz, fährt lange hin und her und kann endlich parken. Bleibt im Auto sitzen und steigt nicht aus. Er macht eine Atempause, beißt die Zähne zusammen. Und macht dann doch die Tür auf. „Hau ab,“ winkt er dem Parkhauswärter. Er macht den Mantel zu, hebt den Kragen, beugt sich und geht zum Bahnhof. Dort gehen alte Frauen mit Eimern hin und her. Dort sind Äpfel. Groß, rot. Woher kommen sie, jetzt ist doch Winter?

„Usbekische Äpfelchen!“ schreien die Alten.  Er steht lange in der Mitte des Saals und blickt auf den Fahrplan. Die Züge kommen und fahren. Die Menschen rennen mit schweren Taschen, ihn mit den Seiten streifend, entschuldigen sich nicht, sondern im Gegenteil, blicken ihn böse an, schimpfen vor sich hin und rennen weiter, verspäten sich. Er steht da und wartet auf irgendetwas. „So, so, so, so, so , so , so,“ flüstert er leise vor sich hin. Er wiederholt die ganze Zeit das doofe „so“, als ob er sich entscheiden würde und sich gerade entschieden hat, dabei denkt er an nichts, und mit der Hilfe seines „so“ versucht er diesen ersten Faden zu entwirren, herauszuziehen, zu ertasten, diesen Faden, welcher in seinem Inneren diesen klopfenden Rhythmus „so-so-so-so-so-so-so“ verursacht hat. Und man nennt ihn ganz seltsam – Sam. Aber er ist kein Amerikaner und sogar nicht Sam, sondern Samuil. Es ist einfach so, dass er sich seit seiner Kindheit selbst Sam nannte, wenn die Mutter ihm mit einem Taschentuch den schmutzigen Mund abwischen wollte, er griff nach dem Tuch und sagte: „Ich Sam“(im russischen Ich Selbst) .  Dann als sein Vater ihm hinterher lief, das Fahrrad nicht los lassen wollte, drehte er sich um und schrie: „Ich Sam!“ Wenn die Jungs ihn riefen, um draußen zu spielen, saß er vor seinen Schulbüchern, versuchte die Aufgabe zu lösen über diesen teuflischen Kohl, welchen man warum auch immer, nach Saratov brachte, seine ältere Schwester bot an ihm zu helfen, dann murmelte er nur irgendetwas und beugte sich über das Heft: „Ich Sam“ .  Und als er ganz zufällig den Zwillingen „Vanjushkiny“ (er wurde dazu gezwungen Aufschriften unter den Fotos zu machen, und unter dem Bild von den Zwillingen schrieb er „Vonjushkiny) die Suppe versalzen hatte, wurde er irgendwann nach dem Unterricht von ihnen abgefangen und verprügelt, und als die Jungs es sahen, kamen sie ihm zur Hilfe, er jedoch, schubste die Freunde weg und schrie: „Ich Sam!!!“ und warf sich auf die verwunderten „Vanjushkiny“

Noch zur Schulzeit transformierte sich leicht das Wort „Selbst“ in den Namen„Sam“. „Sam selbst,“ ärgerten ihn die Klassenkameraden, „Sam selbst, Sam selbst, Sam selbst“, es klang irgendwie usbekisch , „samsa, samsa, samsa“ (usbekische Teigtaschen). Am schlimmsten war es beim Sport. Sam konnte weder Fußball, noch Basketball, noch Hockey spielen und andere Spiele auch nicht. Keiner warf den Ball zu ihm, weil man wusste, dass er anfängt zu schreien: „Ich Sam“ (selbst)  und alleine zum Tor rennen wird, bis er den Ball nicht verliert. Doch oft konnte Sam Aufgaben besser lösen als manch anderer. Doch das Verhältnis zu den anderen wurde davon nicht besser.

„Wenn Sam, dann Sam,“ sagten beleidigt, überrascht und enttäuscht die Eltern, Ljuda, die Jungs, die Mädchen, die Lehrer, die Kollegen, der Vorgesetzte…Sie wollten doch nur helfen, handelten nach besten Absichten, und er…Und er wollte nicht, dass man ihm hilft. Hatte Angst. Hatte Angst, irgendjemanden in sein Leben zu lassen und an diesem teilzunehmen. Er stellte sich vor, dass das Leben eines jeden Menschen als Bild einer Linie dargestellt werden kann, eine gebrochene und biegsame Linie und wenn einer dem anderen helfen möchte, wenn man es gemeinsam macht, dann verschmelzen diese Linien miteinander und bleiben für eine Weile eine einzige Linie, so scheint es.

Und dann verschwindet einer von ihnen. Sam fürchtete sich davor, dieser  Verschwundene zu sein. Denn wenn du einmal verschwindest, kann man sich nicht sicher sein, dass man wieder der Alte wird, dass man dann überhaupt noch da ist.

Alles wurde anders, als Sam begann sich für Frauen zu interessieren. Wie gewohnt, war er es, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch bald bemerkte er, dass gerade hier, gerade in der Liebe sich dieses Verschmelzen, dieses Verschwinden zeigt. Um zu lernen, keine Angst zu haben, nahm Sam sich Prostituierte, brachte sie in Mietwohnungen, schaute in ihre leeren, animalischen Augen und verstand, dass man mit ihnen alle möglichen Varianten von Verschmelzung auf der Karte von Menschenleben, ausschließen sollte. Man musste die Situation vollständig kontrollieren und deswegen ging Sam raus, ins Geschäft, um sich Wodka zu kaufen. Die Prostituierten waren schnell betrunken, dann positionierte er ihre leblosen Körper auf dem Bett und machte alles selbst. Und Die Mädchen – jene mit den glänzenden Augen, Lächeln mit Grübchen auf den Wangen; jene, die mit ihm studierten oder in der Nachbarschaft lebten; jene, die er auf irgendeiner Party traf,  bei einem Bekannten oder einfach im Bus,- diese Frauen wünschten sich mehr. Gerade diese wünschten sich die Verschmelzung. Sie sagten es zwar nicht, aber an ihrem Verhalten, ihren Bewegungen, in ihren durchsichtigen Augen, schien der Wunsch nach dem Verschwinden durch.

Und als man Sam, nach seinem Abschluss an der Universität, anbot in einem Erdöl-Dorf zu arbeiten, nahm er das zur Gelegenheit, sich von diesen ewigen Versuchungen zu befreien und steckte drei Jahre in diesem von Gott verlassenen Ort fest, wo mitten in der Steppe gleiche Einetagenhäuser standen und die einzige Freude war die sonntägliche Wanderung in die Sauna, gemeinsam mit amerikanischen und chinesischen Spezialisten. Nach dem ersten Glas Bier erzählten sie sich die gleichen Witze und lachten selbst über sie. Und drumherum war nur die Steppe, staubig, heiß, und irgendwo dort, unter dem heißen Sand, sprudelte und strömte nach Außen das schwarze, fette Erdöl.

Nach seiner Rückkehr, noch am ersten Tag, ging Sam direkt zu den Vanjushkins. Diese feierten den gemeinsamen Geburtstag und es versammelten sich bei ihnen die Klassenkameraden und die unrasierten Nachbarjungs. Man freute sich über Sam, goss ihm ein, klopfte auf seine Schulter und fragte ihn aus. Und Sam war von seiner Reise der am meisten unrasierteste, er war müde aber glücklich, dass er endlich angekommen ist. Vor Glück konnte er sie gar nicht bemerken, konnte sich nicht rechtzeitig umdrehen. Sie hieß Tatjana und als Sam das erfuhr und sich selbst vorstellte, begann er Tatjana zu erklären, dass in ihrem Namen sich Europa und Asien miteinander vereinen, das slawische „tat’“ und das türkische „džan“, und raus kommt „Die Seele des Bösewichts“, doch Tatjana schaute ihn schnippisch an, wovon Sam ganz verwirrt wurde und immer leiser und leiser vor sich hin sprach ohne zu wissen wie er sich verhalten sollte. „Möchten Sie, dass ich Ihnen was einschenke?“ sagte er. „Schenken Sie sich selbst ein,“ drehte sich Tatjana um. „Erlauben Sie mir Ihren Teller…“ „Halten Sie besser Ihren fester.“ „Darf ich Sie begleiten?“ „Nein, danke, gehen Sie selbst.“ Und Sam stellte mit Erschrecken fest, dass er nicht selbst etwas machen will, sondern zusammen. Und am nächsten Abend, ohne einen Platz für sich zu finden, nahm er Vaters Auto und fuhr irgendwohin, dorthin wo sie leben könnte. Er fuhr hin und her, schaute sich alles an, stellte Fragen, aber Tatjana fand er nicht. Und hier entstand in seinem Inneren dieser tickende Rhythmus tak-tak-tak-tak-tak-tak.  Diesen Rhythmus klopf Sam mit den Fingern auf das Lenkrad, tritt mit dem Fuß im Takt und es kommt ihm vor, als ob er mit diesem tak-tak-tak irgendeinen wichtigen Gedanken ertastet, sich irgendeinen schweren Plan ausdenkt, aber in Wirklichkeit ist es in seinem Inneren leer und mit diesem unendlichen tak-tak-tak erlaubt er es einfach nicht, in der Tiefe zu versinken. In diesem tak-tak-tak liegt seine einzige Hoffnung. Weil solange der Rhythmus sich hält, hat er das Gefühl, das nicht alles verloren ist. Hauptsache man bleibt nicht stehen. Tak-tak-tak-tak-tak. Für Sam ist dieses tak-tak-tak wie ein Faden für Tesej, wie die Steinchen für Gretel, wie die Spuren des Herrchens für den verlorenen Hund. Und Sam schafft es gerade so, hinter diesem tak-tak-tak zu laufen, wie in einem Labyrinth, biegt er ab, dreht sich auf einer Stelle, rennt in die andere Richtung, klopft mit den Absätzen, ertastet die Wände, und über ihm Wolken, dicht, graublau und nur zwischendurch kommt ein Sonnenstrahl heraus und daraufhin murmelt Sam tak-tak-tak und die Sonne scheint hindurch zu kommen, sich durch zu zwängen. Sam hilft ihr mit seinem tak-tak-tak und die Sonne spürt die Hilfe, schlägt die Wolken auseinander und siehe da – man kann schon den Himmel erblicken – blau, blau. Die Sonne ist weiß, der Himmel ist blau und die Wolken reißen immer mehr auseinander, hören Sam zu, er so zu ihnen: tak-tak-tak und sie lösen sich auf. Und das war’s. Sie sind nicht mehr da. Und die Sonne zeigt sich als ganze Kugel. Und auf einmal durchfährt es Sam. Er hat ja gehört, wie Tatjana am Telefon sich über irgendetwas beklagte ihrer Freundin gegenüber, dass der Weg weit ist und sie nicht einen Tag ohne Duschen auskommt.

Sam wägt ab, zu Vanjushkins oder direkt zum Bahnhof, und beschließt zu den Zwillingen zu fahren. Er klopft an die Tür und direkt, ohne „Hallo“ und „wie geht’s’“ zu sagen, beginnt er direkt über sie zu sprechen: „Wohin ist sie gefahren?“ „Weiß der Teufel, entweder nach Kuznja oder nach Novosib. Kann auch sein, dass sie nach Sahalin gefahren ist. Komm rein, magst du Wodka? Setz‘ dich, trink wenigstens etwas Tee. Warum brauchst du sie? Sie ist doch verheiratet, Jegor, erinnerst du dich? Aus dem fünften? Ist reich geworden, zum Teufel, ganz voller Erdöl. Kommt einmal im Jahr zu uns, zum Angeln. Zu ihm ist sie wahrscheinlich auch gefahren. Und wirklich, dort ist ein scheiß-Klima, und wir hier in Alma-Aty haben Wassermelonen im Dezember, he-he. Ich habe erst gestern eine vom Bazar mitgebracht, so süß. Und dort? Im Sommer Stechmücken , im Winter Lawinen, das ist die ganze Freude. Sie ist sicher verheiratet! Ich sag es dir. Sie haben einen Sohn, so ein typischer Name, ich glaube Volodja…oder Andrjuša, erinnere mich nicht, will nicht lügen. Was, willst du etwa deinen Tee nicht austrinken? Und die Wassermelone? Du musst es selber wissen.“

Und er ging fort. Und da lenkt er auf den Bahnhofsvorplatz, dreht sich, es ist sehr eng, die einen laden etwas auf, die anderen tragen etwas, die dritten packen irgendetwas ein. Und er hat eine Lücke gefunden und parkt. Er bleibt im Auto sitzen, steigt nicht aus. Er beißt die Zähne zusammen. Er glaubt es nicht. Im Auto ist es stickig und Sam öffnet endlich die Tür. „Hau ab,“ sagt er zum Parkhauswärter. Er macht den Mantel zu, hebt den Kragen, beugt sich und geht zum Bahnhof. An ihm laufen alte Frauen mit Eimern vorbei. Darin sind Äpfel. Groß, rund, auf den ersten Blick sehr schwer. Er sieht sich um und sucht Tatjana, doch sie ist da nicht.  Die Menschen laufen an ihm mit schweren Taschen vorbei, ihn mit den Ecken streifend, ohne sich zu entschuldigen, im Gegenteil, sie schimpfen mit ihm und eilen weiter, verspäten sich. Er steht lange inmitten des Saals und schaut auf den Stundenplan. Die Züge kommen und gehen. Er bleibt stehen. Er wartet auf irgendetwas. „Tak, tak, tak, tak, tak, tak, tak,“ flüstert er und geht endlich zum Schalter. „Fräulein, geht heute ein Zug Richtung Sibirien?“ fragt Sam, der sich beugt, um ihre Augen zu sehen. „Novosibirsk, Novokuzneck, Surgut, Čeljabinsk, sie sind alle fort“ sagt schnell die Frau, „morgen geht einer nach Čeljabinsk.  Novosibirsk, Novokuzneck, Surgut, an ungeraden Tagen.“ Sam dreht sich um. Die Omas mit den Äpfeln spüren seinen Blick, schnappen sich die Eimer und eilen hoffnungsvoll zu ihm. Die Äpfel sind rot und schwer. Wo kommen die nur her im Winter? Sam stellt sich die Entfernung vor. Es sind noch dreißig Schritte bis zu ihm . Er schafft es. „Und gehen heute Züge in den Süden?“ fragt er und beugt sich wieder zum Fenster des Schalters. „Bis Ašhabad auf dem dritten Gleis. Fährt los in einer halben Stunde. Es gibt einen Platzkart-Platz. Nehmen Sie den?“

Sam blickt sich noch einmal um. Die Omas kommen immer näher. Reife Äpfelchen. Wassermelonen im Winter. Keine Stechmücken, keine Lawinen. „Natürlich nehme ich den“, sagt er, „zum Teufel mit diesem Sibirien.

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