Witch Daughters von Anna Ganich

Ich gebe zu, das war meine erste Bootsfahrt. Das Kris zu erzählen, war peinlich. Sie führte unser Motorboot sehr gewagt. Ich hielt mich zuerst hinten auf, warum auch immer, war ich dort sicher mit meiner Seekrankheit, dann wurde ich mutiger, ging zum Bug und die Reste der Verlegenheit lösten sich auf in salzigen Spritzern und einer wilden Geschwindigkeit, welche ich mit jeder Zelle meines Körpers spürte.

„Siehst du dieses Kap?“ Kris übertönte fröhlich das Geräusch des Motors. „Wir müssen dahin!“

Ich konnte mich nicht halten und schrie vor Freude. Das Kap sah von hinten wie ein seltenes Tier aus, welches sich hinlegte um sich vor dem Meeres-brausen aus zu ruhen.

Als wir anlegten, sprang ich auf das Ufer, ganz berauscht von der Freiheit, hüpfte auf den großen, antiken Steinblöcken und schaute mich um. Das war ein gänzlich wilder Ort, vom Festland mit riesigen Felsen abgegrenzt. Ich warf einen Seitenblick auf die Steinblöcke neben dem Wasser.

„Ja, ja, sie fallen von Zeit zu Zeit von der Spitze herunter,“ Kris bemerkte meinen Blick und bestätigte meine schreckliche Vermutung. „Nimm es als Meditation wahr: Wenn der Tod immer in der Nähe ist, fällt der Wunsch, das Leben aus zu leben, sofort weg.

Zwischen den Felsen und dem sandigen Strand zog sich das dichte Gestrüpp nach oben. Ein Teil des Lagers befand sich im Dickicht und auf dem Sand erstreckte sich der  sogenannte Gesellschaftsraum: Ein riesiger Platz, bedeckt mit marokkanischen Decken und einem Platz für Lagerfeuer in der Mitte. Jetzt lagen dort lässig ein paar junge Frauen und aßen Wassermelone.

„Hallo! Komm zu uns!“ lockte mich eine von ihnen, eine Blondine mit sonnen-gebräunter Haut, die einer australischen Surferin ähnelte.

In der nächsten halben Stunde machte ich Bekanntschaft mit allen lokalen Frauen. Sie hatten vieles gemeinsam: sie alle waren freundlich, entspannt, alle sie trugen Höschen mit Schnüren und alle sie lachten gleich, wenn ich sie nach dem seltsamen Namen fragte.

„Nun, wir müssen anfangen,“ sagte Milashka, blinzelte mit den blauen Augen und es begannen alle, mit Lächeln auf den Gesichtern, sich in einen Kreis zu stellen.

„Wir reden nichts überflüssiges“, sagte Kris, mich mit einem herben Wohlgeruch umhüllend. „Du wirst gleich alles selbst verstehen. Und sei dir bewusst – wir sind immer in der Nähe.

Ich nickte sorglos und roch an dem Getränk, welches in Gläsern im Kreis herum gereicht wurde, bis  jeder im Kreis ein Glas bekommen hat. Die braune Flüssigkeit roch nach feucht gewordenem Wacholder und ich beschloss den Genuss nicht in die Länge zu ziehen und leerte mit einigen Schlucken das Glas.

„Das hast du gut gemacht! Nun denn, die Einweihung hat begonnen.“

Ich erwartete laute Glückwünsche und Toasts zu meinen Ehren, und kein Wacholder – Smoothie.  Irgendeine kleine Frau in meinem Inneren blies beleidigt die Lippen auf und ich spürte, dass es witzig war, doch konnte nichts mit mir anstellen. Die Enttäuschung kratzte meine nackte Brust. Ich wollte von ihnen weg gehen und alleine sein.

Ich setzte mich auf einen der altertümlichen Steinblöcke, ganz nah am Meer und begann die Strahlen der Sonne auf dem Wasser zu beobachten. Die Enttäuschung löste sich langsam auf in eine mich umkreisende Harmonie. „Ich sitze nicht einfach so hier,“ sagte ich leise zu mir selbst. „Ich bin ein Aufnehmer.“ Von allen Seiten begann der Wind mir Nachrichten von den verschiedensten Frauen zu bringen – einige von ihnen lebten vor Tausend Jahren, und manche schickten mir ihre Botschaften genau jetzt. Mein Atem drehte sich um, doch ich näherte mich weiter dem Wasser. Das ist er – der ideale Kommunikator – Salzwasser, welches in mich dringt, in jede Zelle. Sie sprechen über Beziehungen oder geben kulinarische Tipps, und manche Nachrichten sind besonders intellektuell. Was ist das? Ein geheimnisvoller Chat, wo man mit Frauen aus allen Punkten des Raumes und aus allen Zeiten kommunizieren kann? Das ist pure Begeisterung und ich bekomme eine Gänsehaut, während ich die Signale empfange, Lachen, Tränen, Wörter, und dann schicke ich meine Nachricht:

„Neonfarbene Hunde jagen Hühnerschenkel (ebenfalls neonfarben) – so sehen die Beziehungen aus. Die Frage ist nur die, wessen Hühnerschenkel teurer ist.“

Ich schicke die Nachricht los und warte neben der Höhle, welche durch die Vibration der Wellen entstanden ist. „Ist es Post? Ein Telegramm?“ kichere ich vor mir selbst. Da geht aus der Höhle eine sehr ruhige Frau heraus, schwarze Zöpfe und Federn, und völlig gelassen schlägt sie mich mit einem Stock direkt auf den Kopf, so stark, dass meine Rede unterbrochen wird, und ich fliege, fliege, bis ich in das Masut stoße. Ich verletzte mir das Knie und drumherum finde ich keinen Wegerich, nur Masut und Stalagtiten. Oder Stalagtaten? Also die, die von oben nach unten wachsen.

Ich drücke mich weg von der stickigen Dunkelheit und tauche in einen hässlichen, schmutzigen Teppich, welcher sicher keinen Staubsauger kennt, und nähere mich einem großen Zeh mit alter Maniküre und rauer Haut, inmitten irgendwelcher beschwipster Szenen. Ich fliege hoch, fliege durch tausend Welten, wo mir keiner Aufmerksamkeit schenkt, vielleicht haben sie mich auch nicht bemerkt, denn ich flog so schnell wie eine Rakete, das weiß ich doch gleichzeitig erscheint mir alles wie eine hängende Kassette. Nun bin ich wieder am Meeresufer mit zwei Männern, von denen einer langsam mit einer verzerrten Stimme spricht: „Riiiiiiiiiiiiitaaaaaaaaa, wo sind deine Freundineeeeeeeeeen?“ Ich nehme einen Zug und falle in einer grauenhaften Slowmotion  auf den Sand, mache einen Salto durch weitere tausend Welten, die Neon-Köter folgen mir und ich höre bloß ihr Computer-Bellen in den verzweifelten Versuchen zu fliehen. Doch da blickt auf mich ein wunderschöner Flamingo, er schimmert in einer rosa-lila Farbe, ich verstecke mich in seinen weichen Federn und fühle eine nicht irdische Glückseligkeit.  Jede Hautpore füllt sich mit dem Aroma von Maiglöckchen. Das sind Fibern, Fibern. Fibern… Ich scheine mich im weichen, lila Tüll zu verknoten, und ihre jede Falte ist eine Fiber. Hier wachsen Jasmin, Pfingstrosen und weiße Kater gehen auf den nicht  nicht herabhängenden Fibren und ich verstehe, dass alles eins ist, und alles keine Bedeutung hat. Nichts hat irgendeine Bedeutung.

„Nun bist du eine von uns,“ sagen mir die Kater und einer von ihnen blinzelt vertraut mit seinen Saphir-Augen und murrt so  süß, dass mein ganzer Körper zu schmelzen scheint. „Nun verstehst du, warum Witch Daughters? Muss ich es noch erklären?“

„Musst du nicht,“ erlaube ich und schmelze leicht in dieser schönen Welt der plüschigen Kater, der schimmernden Blumen und der wohlriechenden Aromen.

Der Schlitten, von Oral Arukenova

Danik schaute auf die Uhr, richtete den Halswickel und ging zum Fenster. Von der fünfzehnten Etage aus hatte man einen guten Blick auf das rosa Zweietagenhaus neben dem Park. Ein Auto näherte sich dem Treppenhaus und hupte. Danik stellte das Fernglas richtig ein  und begann das Geschehen hinter der Tür zu beobachten. Bald ging diese auf und ein Dackel kam heraus und darauf hin ein Junge mit einem Schlitten, beide rannten sie zum Auto. Der Junge mit offenem Mantel flog zum Mann. Der Mann fing ihn im Flug, warf ihn in die Luft, fing ihn wieder auf und drückte ihn an sich. Dann setzte der Mann den Jungen auf den Schlitten, riss den Dackel mit sich und fuhr zum Park. Der Dackel wedelte mit den Schwanz und kreiste um sie herum. Danik beobachtete diese, bis sie aus dem Blickfeld verschwanden und setzte sich dann an den Tisch. Seine Mutter hat ihn gebeten einen Wunschzettel zu schreiben. Er nahm einen roten Filzstift und schrieb mit großen Buchstaben: ICH WILL, DASS PAPA MICH MIT  DEM SCHLITTEN FÄHRT. Er hörte Schritte auf der Treppe, knüllte schnell den Zettel zusammen und warf diesen in den Mülleimer. Die Großmutter mochte den Vater nicht.

„Zhanym, warum bist du aus dem Bett aufgestanden?“ fragte die Oma als sie die Wohnung betrat. Sie stellte eine Platte mit dem Abendessen und Arzneien auf den Tisch.

„Mama bat mich, einen Wunschzettel zu schreiben zum Neuen Jahr.“ sagte Danik.

„Gut, Zhanym , lass uns erst einmal essen, die Arznei einnehmen und dann kannst du schreiben. Тәңірі қолдасын – Gott wird helfen!“

Nach dem Essen wusch sich Danik die Hände, gurgelte mit der Mixtur und kehrte in das Zimmer zurück. Er setzte sich an den Tisch und schrieb ordentlich auf der Rückseite der Postkarte:

Ich bitte den Weihnachtsmann um:

  1. Ein Lehrbuch über das Schachspiel „Die Debüte. Der ganze Kurs“
  2. „Einen gestrickten Pullover

Vor ein paar Tagen, als er aus dem Badezimmer heraus ging, hörte er zufällig, wie sich die Mutter und die Großmutter über Geschenke für ihn unterhielten, die Großmutter hatte für ihn einen warmen Pullover gestrickt, mit einem Halskragen, und die Mutter hatte vor ein Tablet zu kaufen. Er dachte kurz nach und fügte hinzu:

      3. Tablet

Dann legte er die Karte in einen  Briefumschlag, klebte diesen zu und legte ihn unter den Tannenbaum auf einen nicht sichtbaren Platz.

***

Makpal schaute nach dem Mittagessen in der Buchhandlung vorbei.

„Guten Tag, ich hatte ein Buch bestellt,“ sagte sie als sie zum Tresen im Zentrum des Geschäfts ging.

„Guten Tag! Die Nummer der Bestellung, bitte.“

„378.“

„Die Debüts. Der ganze Kurs“?

„Richtig!“

Die Verkäuferin packte das Buch in leuchtendes, festliches Papier ein und legte es in eine Tragetasche. Makpal bezahlte den Einkauf, ging heraus und setzte sich in das Auto. Sie hatte gerade den Motor gestartet als ihr Handy anfing zu klingeln.

„Ja, ich höre.“

„Hallo! Wie geht es dir?“

„Alles in Ordnung. Was willst du? Ich bin in Eile.“

„Ich wollte mich mit dir beraten, was ich Danik zum Neuen Jahr schenken soll.“

„Kauf ihm ein Tablet , nur nicht den aller günstigsten, um einfach davon zu kommen, sondern einen ordentlichen.“

„Gut, ich habe gerade mein Honorar bekommen.  Übrigens die Alimente wurden heute transferiert.“

„ Du hast vielleicht ein Glück!“  sagte Makpal und bewegte sich vom Parkplatz weg.

„So ein Dummkopf, kann nicht einmal ein Geschenk für seinen Sohn aussuchen. Was hat mich nur dazu getrieben, solch einem Nichtsnutz zu heiraten! Ich zog ihn, zog ihn, und alles umsonst. Und mein Danik ist klug, ruhig, bleibt zu hause, liest Bücher, spielt Schach. Bittet um nichts. Gut, dass ich mich habe von diesem Nichtsnutz scheiden lassen, wozu braucht er ein solches Vorbild. Das wichtigste ist, dass Danik glücklich ist und von Liebe umgeben. Nur ist er oft krank, das hat er von Saken, meine Mutter hat recht, wenn sie sagt, dass sie vom gleichen Schlag sind. Mal sehen, welches Tablet er kaufen wird?!“

***

Saken wachte nachts auf und öffnete die Augen. Aus dem Fenster fiel ein gemütliches, nebliges Licht. Die Uhr zeigte halb vier Uhr morgens, der Kopf dröhnte von dem Alkohol am Stehempfang.  Er stand auf, schaute aus dem Fenster und pfiff. Die Straße, die Bäume, die Autos – alles leuchtete mit frisch gefallenem Schnee, das Thermometer zeigte  minus achtzehn Grad an. Für eine Sekunde fürchtete er sich, hat er etwa das Neue Jahr verschlafen und Danik kein Geschenk gekauft?! Er schaute auf den Kalender: 29 Dezember, er atmete erleichtert aus. Dann nahm er das Telefon in die Hand und begann die Grafik des Gehaltes zu überprüfen, heute müssten sie den Rest des Honorars auszahlen. Er dachte lange darüber nach, was er dem Sohn kaufen sollte und beschloss dann Makpal zu fragen. Sie hat den Überblick mit den Neujahrsgeschenken, alle müssen ihre Wünsche aufschreiben, in den Umschlag legen und unter dem Tannenbaum verstecken und sie entscheidet im Namen des Weihnachtsmannes, wem man was schenkt. Sie liebt es alles zu kontrollieren, manchmal schien es ihm, dass sie in seine Hirnschale hinein kriecht. Makpal gibt nicht einmal den Untergebenen Ruhe. Sie ruft sie sogar an Wochenenden an und während des Urlaubs, da verlangt sie Rechenschaft. Doch das Schlimmste ist mit Danik, sie wird doch einen Muttersöhnchen aus ihm machen.

Saken bekam das Geld und kehrte zurück nach hause, er trank mit Vergnügen die verdienten hundert Gramm Kognak und fuhr in das Elektrowaren-Geschäft. Dort suchte er das aller letzte Modell heraus doch dann verstand er, dass das Geld nicht ausreichen wird. Dann sollte es halt die mittlere Variante sein. Er nahm das festlich verpackte Tablet in die Hände und ging in den nächsten Raum, um Ausschau nach einer Waschmaschine zu halten. Doch der Raum war mit einem gelben Streifen abgegrenzt, dort wurde gerade neue Ware entladen. Saken beschloss nach den Feiertagen wieder zu kommen. Er drehte sich gerade um, um zu gehen, als er einen Knirps sah, welcher sich hinter der Absperrung aufhielt und sich auf dem Weg zum Elektrowagen befand.  Saken stürzte in seine Richtung, schnappte sich den Jungen und sprang zur Seite. Die Schachtel flog aus seinen Händen, stieß stumpf gegen den metallenen Korpus des Wagens  und fiel auf den Boden. Der Fahrer bremste abrupt ab und starrte sie an. Eine Frau kam mit einem Schrei her gerannt und schnappte sich aus den Händen Sakens den verschreckten Jungen. Saken hob die Kiste vom Boden auf, berührte diese, im Inneren knackste irgendetwas. Er warf die Kiste wieder auf den Boden, verfluchte sein unglückliches Schicksal und verließ das Geschäft. Er fühlte in der Tasche einen letzten Geldschein und beschloss Wodka zu kaufen.

„Söhnchen, hast du Kinder?“ fragte ihn ein alter Mann, welcher mit Schlitten beim Eingang des Supermarktes stand.

„Habe ich, einen Sohn, acht Jahre alt,“ Saken atmete bitter auf.

„Hast du schon ein Geschenk für ihn?“ fragte der Großvater an-teilnehmend. „Hier, kauf ihm einen Schlitten, dieses Jahr haben wir viel Schnee, kannst ihn damit fahren!“

„Sie machen Scherze, wen sieht man heutzutage mit Schlitten? Wie viel kostet er?“

„Ich gebe ihn dir für zwei tausend. Morgens habe ich für drei verkauft. Warum denkst du so? Eine ganze Partie wurde innerhalb von ein paar Stunden verkauft. Das verbreitetste Geschenk dieses Jahr.“

„Gut, ich kaufe ihn!“ erklärte sich Saken einverstanden und gab dem Alten seinen letzten Fünftausendschein .

„Ich glaube, man ruft dich dort,“ sagte der Alte und gab ihm das Restgeld.

„Herr, Herr!“ rief von der Seite des Elektrofachgeschäfts eine Frau und winkte ihm mit der Hand.

„Meinen Sie mich?“ Saken zeigte mit dem Finger auf sich.

„Ja, ja, Sie! Sie haben Ihr Tablet vergessen!“ rief sie ihm zur Antwort.

„Wozu, der ist doch kaputt,“ murmelte er , nahm den Schlitten in die Hände und ging in die Richtung der Frau.

„Nehmen Sie es trotzdem mit. Gut, dass ich Sie eingeholt habe, sonst hätte man in der ganzen Stadt nach Ihnen suchen müssen. Die Aufnahmen zeigten, wie sie das Kind gerettet haben. Die Frau ist noch ganz außer sich, sie bat mich, ihr Ihren Namen und die Telefonnummer zu nennen, sie wird sie später kontaktieren.“

Nach ein paar Stunden klingelte das Telefon, auf dem Monitor stand eine unbekannte Nummer.

„Guten Abend, Saken! Ich heiße Alexej, ich möchte Ihnen für die Rettung meines Sohnes danken.“

***

31 Dezember. Danik beobachtete den ganzen Morgen das Fenster, Kinder, die auf dem Hügel mit dem Schlitten fahren, plötzlich sah er den Vater.. Dieser näherte sich dem Haus, in seinen Händen ein Schlitten. Danik rannte in den Flur und begann sich anzukleiden. Die Großmutter blickte aus der Küche heraus, als er schon die Tür öffnete.

„Wohin gehst du?“ fragte sie.

„Gleich, Azheka, ich komme gleich!“ schrie er und machte die Tür zu. Er drückte mit dem Finger auf den Knopf im Aufzug, dieser ratterte irgendwo unten, blieb ein Stockwerk drunter stehen und fuhr wieder nach unten. Danik hatte keine Geduld mehr zu warten. Er rannte die Treppe herunter. Als er aus dem Treppenhaus heraus lief, betrat der Vater den Hof durch das Tor.

„Papa! Papaaaa!“ schrie Danik, rannte zu ihm und breitete die Arme aus. Saken verschnellerte  ebenfalls den Schritt. Er warf den Schlitten und die Tüte mit dem Tablet auf die Erde, fing den Sohn im Flug auf und drückte ihn an sich.

Danik drückte sich in den Kragen seines Mantels und dachte: Warum haben sich die Erwachsenen diesen seltsamen Alten mit seinem künstlichen Bart ausgedacht, wenn es doch Gott gibt?

Banu Ahmetbekova: Das Haus der Einsamkeit (aus der Sammlung „Der weinende Stern“)

Quelle zum russischen Text:

https://daktilmag.kz/6/prose/banu-akhmetbekova/dom-odinochestva/67

 

Jeder von uns, die wir irdisch und sterblich sind, hat seine eigenen Ängste. Jemand hat Angst vor der Dunkelheit, jemand vor Spinnen, manche haben ganze Labyrinthe von Angst. Doch es gibt die Angst, welche am stärksten ist – die Angst vor der Einsamkeit. Es gibt keine schmerzhafteres Gefühl als das Bewusstsein, dass du allein bist. Alleine einsam und einsam innerhalb anderer, die einsam sind. Es ist traurig darüber zu schreiben und daran zu denken, an die, welche einsam aus dem Fenster blicken, jene die gebeugt an der Pforte des Hauses sitzen, jene, die sich alleine schlafen legen. Die Einsamkeit hat kein Alter – es sind Kinder, Alte, Junge. Doch wie es auch klingt, die Einsamkeit tränkt sie völlig durch. Sie hinterlässt ihre Spuren im Gesicht, in dem Verhalten des Menschen. Ein einsamer Mensch riecht sogar anders. Mein Onkel mütterlicherseits war einsam, zwanzig Jahre lang. Er war ein Mensch  von einfachen Gesetzen. Etwas streng aber für uns alle verständlich. Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, blieb er mit der Großmutter im Haus des Vaters. Damals war er keine vierzig Jahre alt. Meine Großmutter bemühte sich um ihn, wie sie nur konnte. Ich kann jetzt nicht ihre Trauer wiedergeben, welche ich in ihren welken, großmütterlichen Augen erblickt habe. Sie hielt schweigend die Anwandlungen von Melancholie des Onkels aus sowie seine Besäufnisse, darüber trauernd , dass er hier, dass der geliebte Ehemann, unser Großvater nicht in der Nähe war. Sie trauerte wie sie es konnte, weiblich, weise und rührend. Er war ihr Sohn, den sie geboren hatte und in einer solch schwierigen Zeit erzog, die Zeit nach dem Weltkrieg und die Zeit der Hungersnot.

Nach dem Tod des Großmutter blieb der Onkel ganz alleine. Das Haus, in welchem er aufwuchs, wohin er seine Frau brachte und von welchem sie ihre eigenen, liebsten Kinder wegbrachte veränderte sich. Nach ein paar Jahren waren die Pappeln im kleinen Garten abgesägt worden, dort spielten meine Geschwister uns ich mit den Puppen, bereiteten Mittagessen vor aus Gras und Sand.  Die Geräusche des Pappel-Laubes höre ich immer noch obwohl seitdem fünfundzwanzig Jahre vergangen sind. Niemand mehr kümmerte sich um die Blumen, niemand mehr weinte, der seine Knie im Hof aufgeschlagen hatte. Im Haus kehrte Stille ein. Jetzt kann ich noch mehr genau sagen, warum die Kinder den Onkel nicht mehr besuchten. So wird er sterben, ohne sie umarmt zu haben und sie an seine Schulter zu drücken.

Ich irre immer gedankenverloren im Haus des Onkels umher. Dieses ist vertraut und unerträglich traurig. Ich sehe und höre die Stimmen der Vergangenheit und rufe Erinnerungen  hervor aus dem Herz des Hauses.

Doch das Herz antwortet nicht auf mein Rufen. Er, der fast zwanzig Jahre in Einsamkeit gelebt hat, hatte keinen Grund um das alte wieder zu beleben. Er möchte nicht die Wunde des Herren treffen, denn die Wände sind durchtränkt von den Tränen des Alten. Er blickte mit Hoffnung in die Augen des Alten, doch der Herr erwartete keine Pausen. Sein Leben ist eintönig, monoton und charakterlos. Manchmal tauchte er sein Leid in Wein und weinte wie ein Kind, das Schicksal fragend: „Wofür?“ Das Haus nahm schweigend den Schmerz des Onkels an, aber wie soll man ihm helfen?

Der Tod des Onkels war das finale Ereignis in der Einsamkeit des Hauses. Er lag eine ganze Nacht und den ganzen Tag zwischen der Wand und dem Ofen, wohin er fiel, als er zufällig zurück treten wollte.

Er starb vor Angst, vor Schmerz, und vielleicht daher, dass seine Kräfte ihn längst verlassen haben. Er konnte nicht einfach aufstehen … Darüber zu schreiben ist schwer, sowie es auch schwer ist, sich an das letzte Treffen zu erinnern, vor ca. fünf Jahren. Er lief hinter unserem Auto her, und es gab keine Kraft, das zu beobachten. Jetzt bereue ich es, dass ich das Auto nicht angehalten habe und ihn zum Abschied nicht umarmt habe, nicht sein ausgemergeltes Gesicht geküsst habe.

Das Haus meines Onkels – das ist das Haus der Einsamkeit. Das Haus der Tränen, immer noch nicht erfüllt von der Wärme derer, die jetzt in ihm leben. Sie brachten dieses in Ordnung, doch mit der Seele war das Haus treu seinem Herren geblieben. Es ist genau so einsam, wie viele Jahre davor. Nun bitte ich, den Onkel gehen zu lassen. Ihn gehen lassen entlang der Milchstraße in die Unendlichkeit.

Das Haus meines Onkels – das ist das Haus der Einsamkeit, in meiner Vorstellungskraft sehe ich, wie der Onkel das Haus verlässt und sein Blick ist friedlich. In seinen Händen hält er einen Koffer aus braunem Krokodil – Leder. Darin – seine Erinnerungen. Sein ganzes Leben. Kleine, von der Zeit gelb gefärbte Kärtchen: auf diesen ist er jung, lachend – man sieht kein Leiden von der Einsamkeit.

BRÜCKE von Oral Arukenova, übersetzt von Kuljash Bajchergasheva/Voag

                Ihre Anwesenheit nahm Jesen viel früher wahr, bevor sie auftauchte. Sie erschien sowohl in seinen Träumen als auch in der Wirklichkeit, er freute sich immer darüber. Seitdem seine Mutter nicht mehr lebte, träumte er von dieser Wölfin. Das war ein gutes Omen, so entschied er sich. Die Mama erklärte: so wie du den Traum interpretierst, so kommen die Dinge auf dich zu. Die Wölfin rettete ihn in seinen Alpträumen, entweder zog sie ihn aus dem Sumpf oder stellte sich vor die  Monster.

                Sie wurde für ihn sein Glücksbringer. Manchmal spürte Jesen ihre Anwesenheit auch in der Wirklichkeit. Wenn Zweifel aufkamen oder jegliche Gefahr drohte, tauchte die zierliche Gestalt seiner Beschützerin auf. Sie lief dem Fluss entlang, als er sie am anderen Ufer bemerkte. Die Wölfin begleitete ihn. Sie lief auf verschneitem Boden und schaute in seine Richtung. Vor einem Monat wäre Jesen sicher gewesen, dass sie ihn beschützen wollte, aber jetzt zweifelte er daran Der Grund dafür war das Misstrauen seiner Schwester Zhuldyz (1). Als er in ihrem Haus in der Stadt wohnte, konnte er in der ersten Nacht lange nicht einschlafen, bis der Schatten der Wölfin erschien. Er stand früh am Morgen auf und zeichnete sie, wie er es öfters in letzter Zeit getan hatte.

„Was ist das?“ – fragte die Schwester.

„Eine Wölfin!“ – antwortete Jesen, „aus meinem Traum“.

Zhuldyz fand das besorgniserregend und am übernächsten Tag brachte sie ihn zu einem Arzt, Spezialisten für Akupunktur. Jesen hörte zufällig am Tag zuvor mit, wie seine Schwester ihre Gedanken mit ihrem Mann Benoit teilte.

„Er hat Alpträume, weißt du, träumt von einem Wolf, den er sogar gemalt hat. Ich habe mitbekommen, dass er lange nicht einschlafen konnte. Ich hörte ihn mehrmals umdrehen, während ich die Hefte meiner Schüler prüfte. Am nächsten Tag hat er einen Wolf gemalt, nein, eine „Wölfin“ – hat er gesagt.

– Hast du mit ihm gesprochen?

– Ich glaube, ich gehe mit ihm zu Nina, zur Akupunktur.

– Richtig so. 

Die Nadeln haben mir geholfen, alles war vorbei. Sie steckte mir Nadeln in die Ohrmuscheln, nur dreimal und voila – ich schlafe seit einem Jahr ruhig“.

                Jesen bekam wegen den Nadeln in Ohren Angst. Er konnte in dieser Nacht wieder nicht schlafen. Aber seine Ängste waren vergeblich. Nina mochte er – lustig und freundlich. In ihrem Büro, hinter der Trennwand, bemerkte er zwei liegende Männer, deren Rücken mit dünnen, langen Nadeln bedeckt waren. Als sich die Männer bewegten, zuckten die Nadeln wie Drähte bei windigem Wetter, es sah so lustig aus, dass Jesen lachte. Zhuldyz war von dieser Reaktion überrascht und Nina zwinkerte ihm zu. Er setzte sich gerne auf  Stuhl und schloss die Augen. Nach ein paar Minuten sagte Nina ihm, er solle seine Augen öffnen und in den Spiegel schauen. Jesen lachte wieder. Wie konnte sie ihm zwei so lange Nadeln in die Ohren stecken, ohne dass er etwas spürte? Seine Schwester brachte ihn eine Woche lang zu den Prozeduren, Jesen konnte jetzt durchschlafen und wollte nicht einmal morgens aufstehen. Er träumte weiterhin von der Wölfin, aber erzählte Zhuldyz nichts davon. Sie sprachen nie wieder über diese Wölfin. Er hörte die Tante Nina sagen, dass Wölfe im Traum ein alarmierendes Signal seien und Jesen sollte eine Psychotherapeutin aufsuchen. Jesen machte sich Sorgen, er wollte nicht zum Psychotherapeuten, was passiert, wenn er in die Klinik eingewiesen wird.

                Die Jungs in der Schule nannten ihn bereits „ein Psycho“, weil er schweigsam und körperlich sehr stark war. Einmal während des Sportunterrichts zeigte der Lehrer eine Kampfwurftechnik – den Wurf über die Hüfte. Also Jesen warf Tolegen, einen mobbenden Redner und Lügner, mit vollem Eifer. Er wollte ihm vor langer Zeit eine Lektion erteilen. Dieser flog über die Matte, ein paar Mal im Salto sich drehend, landete auf der anderen Seite des Raumes, schlug mit der Schulter hart gegen den Boden und verrenkte sich die Hand. Wie er geschrien hat!

                „Meine Hand! Oh, Hand! Er hat mir den Arm gebrochen! Ich sterbe, meine Schulter tut so weh! Oh, mein Arm! Oh, Schulter!“

                Jesen konnte sein Lächeln nicht verkneifen und sah Tolegen hysterisch auf dem Boden zucken. Er hörte auf zu lächeln, erst nach dem der Schulleiter in die Halle hinein stürzte. Sein Vater wurde sofort angerufen, er kam gerade vom Bauernhof, um Lebensmittel zu besorgen.

                Sein Vater schimpfte nicht mit ihm, er war an sich ein wortkarger Mensch. Erst auf dem Weg von der Schule sagte er plötzlich verspottend:

„Zügele deine Kraft oder du wirst aus Versehen jemanden brechen“. 

                Seit diesem Vorfall hatten die Jungs Angst vor Jesen, provozierten ihn nicht und behandelten ihn mit scheinbarem Respekt. Tolegen wurde noch lange Zeit gehänselt: „Oh, Arm, oh, Schulter!“

                Zhuldyz suchte keinen Psychotherapeuten für Jesen auf, Benoit-Zhezde (2) und er schauten einen Film über Wölfe an, einen großartigen Film! Zhezde erzählte, dass er sich als Kind auch für Wölfe interessierte, viel über sie las und sogart einmal auf eine wissenschaftliche Expedition nach Sibirien mit ging, um die Verhaltensweisen der Wölfe zu studieren. Benoit, obwohl er ein Franzose war, sprach gut Kasachisch. Zusammen mit Zhuldyz unterrichteten sie Französisch an der internationalen Schule. 

***

                Nun zweifelte Jesen sehr. Warum lief die Wölfin ihm hinterher? Bewachte sie ihn oder verfolgte sie ihn? Und das seit einer Stunde! Das Schaf machte „määääh“ die ganze Zeit, wie verrückt. Jesen versuchte sie mit Tritten in die Seite und Schreien zum Aufhören zu bewegen. Und diese wollte sich überhaupt nicht beruhigen.

                Jesen brachte das Schaf zu seinem Nachbarn Amantai für das Wiegenfest. Nach sechs Töchtern bekam Amantai endlich einen Sohn. Er nannte ihn Alpamys und feierte seit Wochen, dafür schlachtete er alle seine Schafe. Es kam die Zeit, den Sohn in Besik (3) zu legen, aber Amantai hatte kein Fleisch mehr. Er wollte zuerst die Kuh schlachten, aber ließ seine Frau es nicht zu. Dann entschied er, die Kuh für den Sogym (4) aufzuheben. Letztendlich beschloss die Familie, ein großes Schaf vom Bauernhof von Jesens Vater zu kaufen. Die besagte Kuh sollte doch später geschlachtet werden, wenn Alpamys vierzig Tage alt wird. Daher ritt Jesen auf einem Pferd mit einem riesigen „määähndem“ Schaf auf der Seite und auf dem anderen Ufer begleitete sie die Wölfin.

                Irgendwann verschwand die Wölfin und das Schaf beruhigte sich. Jesen dachte sogar, dass er sich diese Wölfin nur einbildete. Doch bald wurde das Schaf wieder unruhig und das Pferd begann zu schnauben und zucken. Hinter den Bäumen bemerkte Jesen 3 Schatten. Die Wölfin und zwei kräftige Wölfe trabten am Ufer entlang, mal versteckten sie sich, mal tauchten diese wieder auf. Jesen hatte jetzt wirklich Angst. Das Dorf war fünf Kilometer entfernt,  davor befand sich eine Brücke, die Wölfe könnten leicht das Amantai-Schaf erreichen. Amantai würde sich ärgern. In diesem Moment wurde es Jesen klar, dass er bereits mehrere Brücken überquerte und die Wölfin versuchte nicht, an dieses Ufer zu gelangen. Aber eine andere Zweite? Die beiden Wölfe waren anders. Jesen spürte diese würden ihn nicht in Ruhe lassen, bis sie das Schaf bekommen. 

                Vor ihm erschien eine Brücke. Mit Eis bedeckt sah sie aus wie ein großer, dicker Eiszapfen, der die beiden Ufer verbindet. Nicht weit von der Brücke gab es eine Bergwasserquelle, die bereits von vielen Touristen im letzten Jahr besucht wurde. Diese Brücke, die für eine so große Anzahl von Autos nicht geplant war, konnte eine solche Belastung nicht standhalten und begann langsam zu zerfallen. Im Herbst wurde die Brücke demontiert und mit dem Bau einer neuen begonnen, aber nicht vollendet.  Auf einer Seite wurde die Metallkonstruktion der Brücke nur mit Holzbrettern für Fußgänger ausgelegt. Aber die Touristen konnten nicht aufgehalten werden, sie ließen ihre Autos an diesem Ufer stehen und gingen zu Fuß, mit verschiedenen Flaschen Wasser holen, und es dauerte bis Dezember, bis der Durchgang zur Brücke wegen Schneefalls gesperrt wurde. Einige der Bretter auf der Brücke brachen zusammen und an einigen Stellen waren Löcher zu sehen.

                 Wölfe eilten zur Brücke. Jesen holte ein Messer heraus, um dem Schaf die Kehle durchzuschneiden und es den Wölfen zuzuschmeißen. Es gab keinen anderen Ausweg. Ein kräftiges graues Männchen war als Erstes auf der Brücke, kletterte weiter, rutschte aus und rollte zurück. Der Wolf versuchte nochmal, sich vorwärtszubewegen, indem er sich hinlegte und begann langsam entlang der Brückenmitte zu kriechen. Dann kletterte die Wölfin auf die Brücke. Der zweite Wolf beobachtete sie vom Ufer aus. Jesen beschloss, nach vorne zu galoppieren, und falls die Wölfe ihn einholen sollten, würde er die Kehle durchschneiden und das Schaf den Wölfen zuwerfen. Kaum entfernte er sich von der Brücke, hörte er ein herzzerreißendes Kreischen. Jesen stoppte das Pferd und drehte sich um. Der kräftige Wolf zappelte im wilden Wasser und die Wölfin, die sich an der Brückenstange festhielt, hing in der Luft. Jesen drehte das Pferd um. Nachdem er vom Sattel gesprungen war, warf er seinen Mantel und seine Handschuhe ab. Er nahm das Schaf vom Sattel runter, eilte zur Brücke und näherte sich vorsichtig der Wölfin. Mit dem Rücken zum Geländer ging er in die Hocke und packte die Wölfin mit beiden Händen an den Vorderpfoten und zog sie zu sich heran. Die Wölfin schwankte in der Luft, krallte sich in die Handflächen und mit dem Schwung kletterte auf die Eisenstange. Sie legte sich ein wenig hin, schaute Jesen mit einem bedauernden Blick an, wimmerte und kroch an das Ufer. Als die Wölfin von der Brücke herunterkam, fiel sie in den Schnee, wälzte sich und setzte sich auf. Das Pferd blies seine Nüstern auf und stellte sich auf seine Hinterbeine. Das Schaf machte „määäähh“ und lief in Richtung Wald, aber versank und zappelte verzweifelt im Schneehaufen. Jesen lachte laut, richtete sich auf, er hatte keine Angst mehr und ging sicher über die Brücke. Aber er rutschte aus und schaffte es gerade noch, nach dem  Geländer zu greifen. Das Eisen war rutschig, aber Jesen hielt sich fest. „Wenn das Eis geschmolzen ist..“: dachte er, „dann könnte ich mich hochziehen und zurück auf die Brücke klettern“. Er schaute nach unten. Der wilde Wasserfall in der Mitte des Flusses trug den Wolf flussabwärts weit weg und  bewegte ihn als einen kleinen grauen Wollklumpen hin und her. Das Eis schmolz schmerzhaft in seinen Händen, Jesen warf seine Beine auf die Querstange und hielt sich sicher auf der Brücke. Aber das Seltsame war, er konnte seine Hand von der Eisenstange nicht befreien. Es schien ihm, seine Hände verschmolzen  mit ihr.  „Beruhige dich und überlege mal…“ dachte Jesen und in diesem Moment verspürte er die Kälte: Sein Hemd und Pullover rutschten nach oben und die Kälte des Wildwassers drang durch seinen Rücken.  Er versuchte seine rechte Hand zu öffnen, aber bei seiner ersten Bewegung könnte er vor Schmerz fast heulen. Die Haut klebte an dem gefrorenen Eisen. Er schaute auf das Ufer. Das Pferd beruhigte sich, das Schaf befreite sich aus dem Schneehaufen und beide beobachteten ihn. Und die Wölfin, die vorsichtig über die Brücke kroch, bewegte sich langsam auf ihn zu.  So kam sie näher, legte sich auf die Stange und fing an, seine Hände zu lecken, zuerst die eine und dann die andere. Ihr Kopf lag auf Jesen’s Brust, er beugte sich zu ihr und rieb sich an ihrem Fell. Die Wölfin gab ein freundliches Geräusch von sich. Bald konnte Jesen die eine Hand öffnen und dann die andere. 

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(1) Zhuldyz – kasachischer Frauenname, bedeutet „Stern“

(2) Zhesde – der Schwager, der Ehemann der äteren Schwester

(3) Besik – auf Kasachisch „die Wiege“

(4) Sogym – kasachische Tradition, es wird für die Winterzeit der Fleischvorrat angelegt, in dem man Tiere (Schafe, Kühe) schlachtet. Die Verwandten werden eingeladen, um Fleisch unter sich zu verteilen.

Irina Gumyrkina Nun sind wir allein

Nun sind wir allein

und tonlos die Umrisse der Worte,

doch noch tonloser als alles andere –  der Mensch selbst…

Andrej Tavrov

Der Schnee heute ist weiß und schweigsam,

Und legt sich mühsam unter die Füße,

Taut gar nicht – seltsam und bange,

Und immer schwerer fällt es zu gehen,

Doch ich gehe bis ich weg geführt werde

Von der fast ununterscheidbaren Spur zur Grenze.

Nach ihr, ich weiß, wird es unmöglich sein

Sich selbst die Strapazen des Weges zu verzeihen:

Nach ihr ist der Schnee ganz anders – reiner,

Die Sonne weißer, und die Hügel ovaler,

Und der Himmel ist von Licht durchtränkt,

Weiter und dichter die Stille.

Meine Seele und mein Körper werden dort bettelarm sein.

Doch ich habe keine Angst, es ist ursprünglich:

Mit einem klanglosen Wort werde ich ohne Antwort bleiben,

Mit der Klanglosigkeit der Winter überstehe ich die Krankheit ganz.

***

Alles wie für Erwachsene: Bitterkeit, Tabakrauch.

Nur, weißt du: morgen wird es vorbei sein.

Der Fernseher heult auf jede Art und Weise:

Ein Flugzeug, ein abgestürztes Flugzeug.

Es sind nicht deine Verluste, nicht du bist dort.

Du krümmst vor Trauer den Mund in den Nachrichten.

Doch gewaltsam nehmen wir die Bürde auf uns,

Das heißt, es wird bald verheilen.

Den herben, nicht süßen Tee austrinkend,

Schaust du schwermütig durch das Fenster,

Wie die afghanischen Stare die Beute teilen –

Hartes Brot. Ein anderes gibt es nicht.

Keine Landschaften keine  anderen Farben drumherum –

Liebe du, was es gibt, schwarzen und roten Schnee.

Du weißt bloß: morgen zum nächsten Kreis,

Fliege hin, laufe dich nicht tot, Mensch.

***

Wir sprachen, manchmal schwiegen wir

Und rannten heraus, ohne den Mantel an zu ziehen,

Auf die Straße in herbstlichen Nächten,

Die Gedichte lasen wir laut. Und niemand

Konnte verstehen: woher wir waren –

Mit unseren müden Augen und der müden Seele,

Waren wir berauscht vom Wein oder von der Unterhaltung,

Das ist alles unwichtig – uns ging es gut,

Solange wir zusammen waren. Und dann, dorthin zurück gekehrt

Wo hasserfüllt sogar die Träume sind,

Wir wussten sicher, dass es nicht besser wurde,

Und wir bis zum Frühling durchhalten müssen.

Im Winter das Wasser, welches in Bächen lief,

Schwemmt Schicht für Schicht ab, und schon

Ist die Erwartung nachts nicht mehr furchtsam,

Man muss nicht einem Dieb gleich, auf der Hut sein,

Man muss den verwelkten Blick nicht verstecken –

Schau auf alles, als wäre es zum ersten Mal.

Ist es als Strafe oder als Belohnung uns –

Die Zeitlosigkeit, welche uns nicht verrät.

***

Es wird nichts übrig bleiben. Nichts einmal die einfache Rede

Sie wird wie ein Fluss austrocknen und nicht weiter fließen.

Und du wirst nicht verstehen, wie rein sie ist –

Wie die Träne von Christus

Nichts wird in Erfüllung gehen. Egal wie oft du fragst –

So leer ist über uns die pure Bläue des Himmels,

Nur das Echo multipliziert das heisere Lied der Krähen.

Und von allen Seiten

Nichts – kein Blick, kein Schwung einer fremden Hand:

Sie sind still auseinander gegangen, wie Kreise auf dem Wasser,

Sie schmolzen weg ohne Spur, wie der letzte Schnee.

Und es flachte ab

Alles, woran wir geglaubt haben, wir dachten – für immer.

Die Rede flachte ab, und der Stern war ausgebrannt.

Nichts zu machen. In der Ferne erlöschen die Feuer –

Nun sind wir allein.

***

Ich kehre dorthin zurück, wo die Zeit

nichts verändern kann,

wo der, auf die Erde gefallene Samen

in Gottes Handfläche wächst;

das Gras umrankt achtlos

die metallene Absperrung.

Ruhig windstill, heiter,

und man benötigt nichts mehr.

Doch sie ist wie eine Meereswelle,

bedeckt, und es wird plötzlich schrecklich,

davon, dass man nicht los lässt;

davon, dass auch ich eines Tages

nicht mehr kann – verschwinde, schmelze,

wie Zigarettenrauch im Wind.

Ich kehre zurück leer –

am Tod kann man nichts ändern.

***

Töte nicht meinen Glauben, welcher auf einem Haar hängt,

Und meinen letzten Frieden, bitte, stehle ihn nicht.

Ohne diesen ist es mühsam, wie ein Stein, eine Feder in der Hand,

Was ist von dem Vogel übrig geblieben, der in meiner Brust lebte.

Lüge mich nicht an in den Handlungen und in den Gedanken,

Ohne diese kann ich keine Träume sehen: keine eigenen, keine fremden –  keine Träume

Und dann ist es gleichgültig. Und dann – Leere im Inneren,

Und rufst du, rufst du nicht – es wird eine Stimme in der Antwort still sein.

Deswegen lasse mir keine Wahl, nach zu folgen

Und erkennen, wie –   ob salzig, ob bitter – im Geschmack.

Der in der Nacht gefallene Schnee wird lange nicht schmelzen.

Gehe nicht weg, lass nicht hier – ohne dich habe ich Angst.

***

Während du auf die Nachricht eines Menschen wartest,

Der niemals mehr schreiben wird –

Weil dort, wo er ist, gibt es keinen Schmerz,

Und der azurblaue Himmel ist reiner als die Luft nach dem Regen

In dieser Stadt, welche uns langsam tötet;

Noch erwartest du vom Meer ein gutes Wetter,

Dieses brennt allmählich nieder

Und es bleibt nur noch die tiefschwarze Asche,

Sammele diese und knete daraus eine unbezwingbare Festung –

Grenze dich ab von dem was geschehen ist und was geschehen wird:

Vom menschlichen Umkehrgrenzpunkt

Davon, dass auch der Himmel eines Tages

Verbrennen wird mit einer dunkel-blauen Flamme.

Petras Mažulis: Raumfähre – 226

Der junge Unteroffizier und Außendienstbeamter Samat Ryspaev liebte seine Uniform: Die Offiziersschuhe (oben aus Chromleder, die Futterung: Naturleder, die Methode der Anbringung: mit Kleber, Farbe: schwarz),

Die Schuhe geraden Zuschnittes (Stoff: Gabardine, Farbe: dunkel-blau) mit Schlaufen und rotem Saum an den Seiten, mit einem Latz am Reißverschluss, an der Taille mit Gürtelschlaufen, zwei Seitentaschen, mit einer geschlitzten Hintertasche mit einem Knopf,

der Gürtel (Material: Naturleder, Farbe: schwarz),

das Hemd mit langen Ärmeln (Stoff: Baumwolle, die Zusammenstellung des Stoffes: Poly,ester – 35 %, Baumwolle – 65 %, Farbe: blau),

die Krawatte (Stoff: Polyester, Farbe: dunkel.blau) mit einer Klammer (Material: Messing, Farbe: goldfarben),

die Chevron-Ärmel (Material: Seide, gewebt, Symbol MVD RK honiggelb, stellt einen Lorbeerkranz dar, in dessen Zentrum sich ein Schild befindet, unter dem vertikal ein Schwert abgebildet ist, den zentralen Platz der Komposition nimmt ein schwebender Adler ein),

die Schulterklappen mit den beiden Stichen in goldener Farbe in der Standartgröße (Die Stiche sind mit den Ecken nach oben gerichtet),

die Kappe (Stoff: Wolle, Farbe: dunkel-blau) mit einer Kokarde und einem Emblem, mit einem Rand (metallen) und einem roten Saum.

Der junge Unteroffizier und Außendienstbeamter Samat Ryspaev liebte seine Uniform, doch konnte er sie nicht ausziehen. Er stand vor dem Spiegel, beobachtete sein Spiegelbild, berührte mit dem Finger den himbeerfarbenen Rand der Kappe, wischte von der Schulterklappe den nicht vorhanden Staub ab, streichelte die glänzende Krawatte.

Die Polizei-Uniform umschloss seinen hageren Körper und der junge Unteroffizier atmete friedlich auf, ohne auf dem Hemd nur eine einzige kleine Falte zu finden. Mit dem Kissen des Daumens berührte er den Knopf auf der Brusttasche und fühlte plötzlich von diesem eine ausgehende, angenehme Hitze. Er leckte sich über die trockenen Lippen und zog leicht an dem Knopf, dann fröstelte ihn vor einem süßen Schmerz, welcher in den unteren Teil des Körpers zog.

„Samat,“ hinter der Tür hörte man eine weibliche Stimme.

Der junge Offizier verzog das Gesicht. In den letzten tagen mochte er seinen Namen nicht. „Der steht mir nicht,“ dachte er und zupfte an dem warmen Knopf. Dieser juckte, ameiselte, der junge Offizier fühlte diesen, als ob man in den juckenden Knopf seine Nervenenden keimten. Er drückzte mit dem Finger auf den Knopf und heulte stimmt. Auf dem Körper hatte er Gänsehaut.

„Bist du wach?“ der verärgerte Kopf Madinas schaute aus der Tür heraus. „Frühstück ist fertig…“

In das Schlafzimmer schlüpfte eine Katze hinein. Der junge Offizier fand sie auf der Huabe des Nachbarautos und nannte sie Barsa – zu Ehren des Lieblingsfußballvereins. Huschte an den Beinen Madinas vorbei, lief zum Herrchen und begann sich an seiner Hose zu reiben. Dieser fluchte und schubste die Katze mit dem Fuß. Barsa kreischte auf und versteckte sich unter dem Bett.

„Gehst du weg?“ fragte Madina schüchtern.

Der junge Offizier drehte sich um und schaute auf die Ehefrau, wie auf einen toten Fisch. Er näherte sich ihr und saugte sich mit deinem breiten Blick an ihrem erschrockenen Gesicht fest.

„Geh raus!“ befahl der junge Offizier. 

Madina begab sich aus dem Zimmer heraus und machte die Tür zu unter dem verwüsteten Blick des Ehemannes.

„Zieh die Schuhe aus,“ sagte sie mit einer zitternden Stimme, begab sich in die Küche und stellte den kalt gewordenen Teekessel auf das Feuer.

„Ich mag nicht,“ dachte der junge Offizier und schüttete von der Hose das Katzenfell an, „ich kann nicht.“

Gestern kehre er spät von der Arbeit nach hause – die Polizei der Stadt Almaty wechselte zu einem verschärften Regime für die Dienstleistung von Rechtsverstößen und allgemeinen Ordnungswidrigkeiten am Feiertag der Hauptstadt. Nach den Angaben des Ministeriums der inneren Angelegenheiten planten die Vertreter einer der extremistischen Organisationen eine nicht sanktionierte Versammlung beim zentralen Stadion.  Zum Ort des nicht – behördlichen Meetings wurden  Rechtsschutzkräfte der Abteilung der inneren Angelegenheiten gesandt sowie ein spezielles Kommando, welches schnell reagieren konnte. Dank der Bemühungen der Polizei wurden um die zweihundert Rechtsbrecher festgenommen.

Der junge Offizier erinnerte sich an ihre hasserfüllten Gesichter, an ihre schwarzen Hälse, welche Flüche ausstießen, ihre irren, brennenden Augen, mit welchem sie den jungen Offizier anstarrten, als dieser sie in der Dunkelheit des gepanzerten Gefängnistransporters einschloss. Das Auto, welches mit den Gefangenen vollgestopft war, fuhr weiter mit dem Ruf der Sirenen und der Großmütter und der junge Offizier kehrte zurück um die explosive Menge zu beobachten. Mit einem kühlen Blick unter dem Mützenschirm suchte er in der Menge nach Provokateuren. Das Gespür ließ ihn nicht im Stich: ohne Fehler konnte er naive, mit der Macht unzufriedene Gaffer von professionellen Aufwieglern unterscheiden, deren Ziel es war, die Pfeiler des Staates zu erschüttern, das Land zu Chaos und Anarchie führen. Er nahm die Aufhetzer aus dem Inneren der viel- händigen Menge und schleppte sie mit all seiner Kraft zum Wagen. Wenn der Provokateur Widerstand leistete, kamen die Kollegen dem Offizier zur Hilfe, hoben den Widerständler gemeinsam und brachten ihn zum Wagen. Unter den Blitzen der rot-blauen Leuchten verschwand bald der mit Menschen volle Wagen in der Weite und der junge Offiziers widmete sich wieder seinen gewöhnlichen Aufgaben.

„Ich würde sie alle einsperren,“ dachte er und setzte sich auf den Rand des unordentlichen Bettes.

Bei der Miliz wurden die Gefangengenommenen befragt, und wegen Mangels an Beweisen innerhalb von ein paar Stunden in die Freiheit entlassen, wo sie wieder ihre umstürzlerische Handlungen weiter führen konnten und für Revolte bei den Bürgern sorgen konnten.

„Alle – bis zum Letzten!“ er haute mit der Faust auf das Kissen. Barsa sprang unter dem Bett hervor und versteckte sich hinter dem Kleiderschrank. Der junge Offizier legte seine Hand auf das Gesicht und sah vor sich den zahnlosen Mund des Alten, welcher quäkte, wie ein Mädchen, als man ihn mit Kraft aus der wütenden Menge heraus zog. „Сен — адамсың ғой!“ schrie ihm der Alte zu. „Адамсың ғой!“ Mit Hilfe des herannahenden Kollegen schnappte der Offizier den grau haarigen Unruhestifters an den Händen und schleppte ihn zum Wagen. Die Beine des Alten schleiften auf der Erde und erinnerten an solche aus Stoff. „ Адамсың ғой,“ wiederholte der Alte immer leiser und leiser, „ мен сияқты“ Die Polizisten hoben ihn auf und schmissen ihn in den gefüllten Gefängnistransporter. „Ich bin Polizist,“ äußerte sich der junge Offizier, zeigte seine schneeweißen Zähne und machte mit einem lauten Geräusch die Schiebetür zu.

„Rufzeichen – Raumfähre 224“ flüsterte er und stand vom Bett auf.

Komplett kraftlos kehrte er spät nachts nach Hause zurück. Ohne die Kappe ab zu setzen und das Hemd, die Hose und die Schuhe aus zu ziehen, fiel er in das weiche Bett. Und als er morgens erwachte, stellte er fest, dass er die Uniform nicht ausziehen konnte.

Die hellblauen Katzenaugen schauten vorsichtig aus dem Kleiderschrank hervor. Der junge Offizier schmunzelte und machte die Tür des Schlafzimmers auf. Barsa flog aus dem Zimmer wie eine Patrone. Aus der Küche drang der aromatische Geruch vom Backwerk. Der junge Offizier verstanden, dass er hungrig war.

Im Flur traf er Madina. Diese drückte sich an die Wand. Der junge Offizier warf einen missbilligenden Blick auf sie: ihre langen Haare waren zottelig, das ausgeblichene Kleid war voll mit Flecken, die Hände voller Mehl und Sonnenblumenöl. Er ging an ihr vorbei und versuchte sie an der Pobacke zu zwicken, doch Madina führte mit einer plötzlichen Bewegung seine Hand weg. Der junge Offizier grübelte und verbog die Lippen.

„Bring dich in Ordnung,“ sagte er und berührte mit Ekel ihre Haare, „zukünftige Frau eines Offiziers.“ 

Mit seiner Treue zum Dienst rechnend, mit seinem ungewöhnlichen Leistungsvermögen, worüber sich alle seine Mitarbeiter wunderten, und welche seine Vorgesetzten lobten, rechnete der junge Offizier auf zwei fünfzackigen Sterne, welche bald auf seine dunkel-blauen Schulterkappen fallen.

„Es ist Zeit,“ dachte der junge Offizier und betrat das Badezimmer. Er schnappte sie das Stück Seife und wusch sich, ohne die Manschetten zu berühren, die Hände. Er wusch sich den Seifenschaum weg und begann sich die Zähne zu putzen – jede Reihe dreißig Sekunden. Er gurgelte und spuckte in das Waschbecken. Dann wusch er die Zahnbürste unter dem laufenden Wasserstrahl und steckte sie in den dafür vorgesehenen Halter. Er machte das Schränkchen auf und nahm einem Abkratzer für die Zunge heraus, führte diesen über die herausgestreckte Zunge elf Mal. Nachdem er die Zunge vom Belag gereinigt hat, reinigte der Unteroffizier den Abkrazter unter fließendem Wasser und stellte diesen zurück in den Schrank. Er lächelte sein Spiegelbild an, doch das Lächeln verschwand schnell und wurde von einem Ausdruck des Schreckens abgelöst. Der Unteroffizier entdeckte auf seinem Hemd einen Fleck Zahnpasta.

„Mist!“ schrie er, riss ein Stück Toilettenpapier ab  und begann zügig das Hemd von der Zahnpasta zu säubern. Diese brannte in seinen Bauch. Der Offizier heulte vor Schmerz auf: Wie  eine Ätzlauge brannte die Zahnpasta auf seiner Haut. Er pustete auf den weißen Fleck, rieb diesen mit dem Toilettenpapier, bis es ganz verschwunden war.

Endlich verging der Schmerz. Der Offizier atmete mit Erleichterung auf und trocknete sich das verschwitzte Gesicht ab mit einem Handtuch.

„Ich bin das Hemd, ich bin die Kappe,“ lachte der junge Offizier leise, „Schuhe bin auch ich., und die Hose, ich bin auch der Gürtel und das Holster und die Krawatte!“

Diese ganze Situation mit der Uniform, die er nicht ausziehen konnte, erschien ihn sehr unterhaltsam und in irgendeiner Art auch gewöhnlich, leer, ohne irgend eine Aufmerksamkeit zu verdienen. So als ob jemand die Hose andersherum angezogen hat und alle um ihn herum machen sich über ihn lustig. Und er selbst lacht auch über sich. „Na und, dann kann ich sie halt nicht ausziehen?“ munterte sich der junge Offizier auf und begann an dem Knopf auf der Manschette zu zupfen. „Dafür steht es mir.“

Eine unbeschreibliche Glückseligkeit erfüllte ihn: diese kroch mit einer heißen Welle des Genusses seinen Arm hoch, legte sich leicht auf die Schultern und berührte mit Engelsfedern das Rückgrat. Der Knopf pulsierte immer stärker. Der junge Offizier zog die Luft zwischen den vor Sauberkeit quietschenden Perlen-Zähnen ein. Die ganze fühlbare Welt schrumpfte zusammen zu der Größe des Hemdknopfes. Während er den Knopf berührte, schien es ihm, dass er einen unsteten Nerv des Lebens  selbst  kitzelte,  die Klitoris des Alls.

„Ich, das bin ich!“ brüllte der junge Offizier.

Das berauschende Gefühl dessen, dass er von jetzt ab ganzheitlich, fundamental, summarisch ist, das Gefühl eines Verschwimmens der Form mit dem Inhalt übermannte ihn und er hob zu Himmel die vor Glück feuchten Augen. Von seinem spitzen Kinn rann Speichel. Die zitternden Hände knickten ein. In  irgendeinem Augenblick fiel es ihm schwer zu atmen – das Jucken des Knopfes blieb, das Glück wurde immer größer, es floss durch den jungen Offizier und brannte sich in ihn ein mit Lüsternheit.

„Es reicht,“ flüsterte er mit ganzer Anstrengung und ließ den Knopf in Ruhe.

Das unerträgliche Jucken verschwamm auf seiner linken Hand und ihm blieb nichts anderes übrig, als auf den Knopf mit dem Daumen zu drücken. Der Genuss verwandelte sich in einen unerträglichen Schmerz, wie brennendes Eis.

„Es reicht!“ heulte der Unteroffizier. Er nahm aus dem Spiegelschrank eine kleine Schere heraus und stach damit auf den Knopf. Das kalte Metall der Schere berührte den Seidennerv. Der junge Offizier beugte sich vor Schmerz und paradiesischer Glückseligkeit. Dann knackte er mit der kleinen Schere.  Der Knopf landete im Waschbecken. Er sprang mit einem Laut hoch und verschwand in der Ausflussöffnung. Aus der Manschete tropfte das Blut. Das Waschbecken färbte sich rot.

„Madina-a-a-a-!“ heulte der junge Offizier. „Madina-a-a-a-a-a!

Die Ehefrau betrat das Badezimmer und  mit ihr der Geuch von Backwerk. Der junge Offizier hielt die blutige Hand über dem Waschbecken.

„Ich habe den Knopf abgeschnitten,“sagte er mit einer schweren Stimme und bedeckte die blutige Manschette mit der Hand. Durch die Finger rann das Blut.

„Was ist geschehen?“ fragte Madina verwundert.

„Ich kann nicht..kann es nicht ausziehen,“ sagte der junge Offizier betrübt mit einem qualvollen Lächeln.

„Was kannst du nicht?“

„Ich kann nicht…der Knopf juckte…Kribbelte…Ich habe ihn abgeschnitten…Nun läuft das Blut…Rufe einen Krankenwagen. Und stehe nicht einfach so herum! Sag, dass ich es nicht ausziehen kann…Ich kann nichts ausziehen…Sogar die Schuhe nicht…Die Kappe nicht…Nichts, sag das so! Rufe sie an! Jetzt!

Die erschütterte Madina schaute auf ihren Ehemann. Dann zog sie die Augenbrauen zusammen, ging auf ihn zu und hob die Hand hoch.

„Sei nicht albern“ sagte sie leise und nahm ihm die Kappe weg.

Sein Mund öffnete sich in einem stummen Schreckensschrei. Er bewegte tonlos die Lippen, schwankte und fasste Madina an den Schultern. Er bemühte sich ihr irgendetwas zu sagen, mit dem Mund nach Luft ringend. In seinem Kopf pochte ein lauter Schmerz: Das Geräusch von Schritten, das Murren der Menge, Schreie und Weinen, Bedrohungen und Verfluchungen.

Samat Ryspaev blickte zum letzten Mal auf die Ehefrau, als ob er sich ihre Züge merken wollte, dann schmunzelte er, blinzelte mit den Augen und fiel auf die schwarz-weißen Kacheln.

Madina schrie und fiel auf die Knie. Ihr Mann schaute mit leeren Augen auf die  brennende Deckenlampe, schloss den Mund und öffnete ihn wieder. Madina hörte wie seine Zähne aneinander schlagen.

„Samat!“ rief sie und schmiss die Kappe auf den Boden. „Was ist mit dir?!“.

Barsa hörte den Schrei und begann sich an dem Schuh des jungen Offiziers zu rieben . Dieser richtete den Blick vom der Deckenlampe auf die Kappe – die Rückseite war bedeckt mit blutige Haarfetzen,  auf einem Teil der Kappe hing die  abgerissene Kopfhaut.

„Samat, hörst du mich?“ jemandes Finger drückten in seine brennenden Wangen. „Sag irgendetwas, Samat!“

„Raumfähre – 226,“ rief der Offizier und lächelte breit.

„Ein Papagei in unserem Wohnbezirk“ Daniar Moldabekov

Tagsüber handelte Onkel Jasha mit Schnupftabak und abends betete er, setzte sich auf seine kranken Knie vor der Ikone der heiligen Sofia, welche er für die Mutter Gottes hielt. Sofia wurde nach Almaty aus Istanbul gebracht. Wie diese zu ihm gelangte, zu einem einsamen Witwer, der sich mit winzigem Einzelhandel beschäftigte, in unserem Wohngebiet, wird zu seiner Zeit erzählt. Nun soll vom Papageien, genauer über seine Streiche erzählt werden.

Zum ersten Mal flog der Papagei gegen die Scheibe zum Höhepunkt des Gebetes, voller Herzlichkeit und Schluchzen, das mehr an einen Schluckauf erinnerte, an Nauryz. Der Hof, in dem  Onkel Jasha lebte, sah nicht feierlich aus, wie der Platz der Republik, weit und kalt, Island oder Kostanaj ähnelnd. Nein, der Hof sah gewöhnlich aus: wenn nicht der Geruch von Pferdefleisch, der aus den Fenstern der Wohnungen drang, in welchen Kasachen lebten, würde Onkel Jasha nicht an den Feiertag denken. Doch er dachte daran.  Das Treppenhaus verlassend, krumm und füllig wie er war, wie eine zweitrangige Figur eines Theaterstückes, sagte er: „Bitch, wie gut es ist, und wie ein Schwanz, verfickt.

Er handelte mit  Schnupftabak tagsüber auf der Straße, ca. hundert Meter von der Bushaltestelle entfernt, welche nachts die Prostituierten bevölkerten. Wir Jungs liebten diese Frauen, die nach billigem Parfum rochen und nach Milch, und deswegen beschimpften wir sie und nannten sie verfickte Bitches und böse Schlampen. Wir konnten unsere Liebe anders nicht zeigen, weil wir kein Geld hatten, um von diesen Frauen mitgenommen zu werden in die Keller, die zu Hotelräumen umgebaut wurden, welche eher Kasernen für Kindersoldaten der Zukunft ähnelten, die kahlgeschoren  wurden und mit Mikrochips versehen, welche die Erinnerung an die Mütter verbergen.  Dann, wenn diese Frauen auftauchten, die hinter sich einen schweren Geruch des Parfums trugen, wie eine Karaffe mit vergiftetem Wasser, kehrte Onkel Jasha nach Hause zurück. Den Arbeitstag verbrachte er mit Gesprächen mit den lokalen Alkoholikern, welche Sportanzüge trugen und verwaschene Hemden, welche sie öffneten  und ihre nackten Brüste zeigten, in deren Tiefe sich Kreuze versteckten, als ob sie sich im Wald verirrt hätten und nach Hilfe riefen, außerdem Talismane und Tatoos. An dem Tag als der Papagei zum ersten Mals gegen seine Scheibe flog, blickte Onkel Jasha lange ein weibliches Gesicht an, welches auf der Brust eines seiner Gesprächspartnes tätowiert war, rund und schön. Es erinnerte ihn an das runde und schöne Gesicht seiner Frau, welche vor zwei Jahren von einem Bus überfahren wurde, welcher Richtung Flohmarkt fuhr, wo sie neue Bettlaken kaufen wollte.

Als Onkel Jasha nach Hause zurück kehrte, in seine Einzimmerwohnung mit großer Küche und  alten Tapeten, warf er sich auf das Bett. Dieses beugte sich unter seinem Gewicht, und ähnelte einer trächtigen Kuh, welche Onkel Jasha in dem Dorf gesehen hatte, wo er  seine Kindheit verbracht hatte, bevor er sich hat zum Schlosser ausbilden lassen und in die Stadt zog. Onkel Jasha wollte sich nicht daran erinnern und es folgten weitere, warme Erinnerungen an seine Frau, an ihr rundes Gesicht und ihre warmen, fülligen Hände, dann verzog Onkel Jasha das Gesicht vor Schmerz und setzte sich auf die Knie  vor der nicht großen Kommode, die geschmückt war, mit der Ikone der heiligen Sofia. Und er begann zu beten. Er kannte keine Gebete, nicht einmal das „Vaterunser“ und er betete wie ein intuitiver Protestant  – mit seinen Worten, die einfach waren und einer neugierigen Intonation endeten: „Wen  wir Menschen immer die selben sind, dann verlasse wenigstens du mich nicht, Mutter Gottes, denn ansonsten kann man die Wand hoch klettern, nicht wahr?“ betete er und schaute Sofia direkt in die Augen. In dem Augenblick als er sich an die heilige Sofia wandte, welche er für die Mutter Gottes hielt, flog in Richtung seines Fensters von den Neunetagenhäusern  etwas buntes, was man für eine physische Verkörperung einer Muse des Modelliers Versace  halten könnte, welche auf der Vortreppe seines Hauses vor fünf Jahren getötet wurde. Doch es war nicht die Muse Versaces, sondern ein kubanischer Amazon, ungestüm und schreiend, wie ein sechzehnjähriger Halbbandit, welcher vor seinen dreizehnjährigen Komplizen damit angab, die Entführungeines aufgemotzten Subaru Impreza gemacht zu haben. Der Papagei flog zum Fenster des Onkel Jashas just in dem Moment als er schluchzte und las, was sein fleischiges Gesicht einem Stück Teig ähneln ließ, welches man ohne es aus zu rollen auf dem Tisch liegen ließ, weil man das Haus rechtzeitig verlassen musste vor den Bombardements. Als der Papagei gegen das Fenster flog, verwandelte sich das Gesicht des Onkels Jashas in ein Spiegelei, blass und leer. „Gott“ sagte er leise. Der Papagei, welcher gegen die Scheiben flog, drehte sich etwas zurück, beugte den Schnabel in die Seite, schrie auf und stieß wieder gegen die Scheibe. Diesen Streich machte der Papagei jedes mal und dann wurde er müde, ständig in das leere Gesicht Onkel Jashas zu blicken und flog wieder weg.  Als Folge dessen wurde Onkel Jasha verwirrt und verstarb  und wie genau das vor sich ging, erzählte mir ein Freund, welcher in der Nähe des Wohngebietes lebte, wo das alles geschah. Weil jeder Mensch eine Geschichte über sich selbst verdient, und besonders die Bewohner unseres Stadtbezirkes, erzähle ich über meinen Freund.

Er war ca. zwei Meter  hoch mit einer herausstehenden Stirn, welche an ein Seepferdchen erinnerte und hatte ein schiefes Gesicht. Man lachte über ihn.  Ich verhielt mich gut ihm gegenüber, weil er ein guter Kerl war, er liebte  Jack London, besonders Martin Eden. Sein schöner Stiefvater war relativ erfolgreich, er war Manager  eines nicht allzu hohen Ranges,dann machte er ein Geschäft auf mit dem Handel von Scheiße  und hatte zuhause eine Kollektion kalter Waffen. Mein damaliger Freund, über den ich manchmal Witze mache, hat mir einmal diese Kollektion gezeigt, heimlich. Handgriffe aus den verschiedensten Materialien, von Elfenbein ( ich kaufe mir etwas ähnliches in Beirut ein paar Jahre später, aber nicht zu Ehren seines Stiefvaters natürlich, sondern um später den Gästen zu sagen, dass ich ein Messer mit einem Handgriff aus Elfenbein habe, damit angeben) bis Gold.

Sein Stiefvater war ein richtiger Mann sozusagen. Und mein Freund, der Sohn des Stiefvaters, war noch cooler, doch das verstanden wir nicht. Der Besitzer des krummen Gesichtes, absolut unähnlich dem symmetrischen Gesicht des Stiefvaters und des Stiefbruders, Besitzer einer gigantischen Kollektion von Komiks, die niemanden in meinem Umkreis interessierteren, wurde er zu einem Abweichler in unsrem Wohnbezirk.  Das manifestierte sich nicht in Massakern (an so etwas kann ich mich nicht erinnern), sondern zum Beispiel in der Anbindung eines Unglücklichen an das Geländer. War es irgendeine Scherz bzw. eine Verspottung  die zu einem Spiel mit eigenen Spielregeln wurde, welche ich vergaß doch deren Ergebnis war, dass irgendein Ärmster mit Schnürsenkeln in einem dunklen Treppenhaus (in unseren Treppenhäusern gab es nie Licht) festgebunden wurde. Man  verschloss die Augen, sagte irgendeine Beschwörungsformel, die man für eine Regel auslegte und band ihn fest. Und dann rannten wir weg und ließen ihn allein im Dunkeln; dazu kam, dass man das in der Nähe von Nachbarn machte, die besonders grimmig waren.

Meinen Freund, den ich verrate, hat man nicht nur einmal an ein Geländer festgebunden. Er verstand, was ihn erwartet, doch log sich selbst an: Man liebte es, ihn neben der Tür anzubinden – neben der Tür des ehemaligen Aufpasser des Regimes (in jedem Fall gab es eine solche Legende in unserem Wohnbezirk und die Legenden der Vergangenheit sind mehr greifbar und real als statistische Fakten), der einen bösen Köter bei sich hielt, eine Mischung aus Labrador und Dämon. Er lief aus dem Treppenhaus heraus mit einem Turnschuh. Doch diesen brauchte er nicht, er hatte eine Kollektion von Komiks, welche er, wie er mir immer gestand, nie verkaufen würde.  „Du wirst sehen,“ sagte mir mein großer Freund mit der Seepferdchenstirn, „irgendwann werden sie mehr kosten als unser ganzer Wohnbezirk und ich werde sie trotzdem nicht verkaufen. Auf keinen Fall. Das war verwunderlich dies zu hören weil meine und seine Altersgenossen  immer drauf erpicht waren, irgendetwas zu verkaufen: ich kannte vierzehnjährige Geschäftemacher und Diebe von Autos, ich erinnere mich daran, wie ein Kind den Audi irgend eines Trottels auf den Backsteinen   stehen ließ. Die Kollektion der Komiks lagerte zum Teil auf Regalen , teils überall verstreut. Das ganze Zimmer war damit vollgestopft – der einzige Ort auf der Welt, wo er sich frei fühlte vor den Augen des Neids, den er nicht verdient hat. Die Komiks, im Gegensatz zu den Messern des Stiefvaters, standen nicht hinter Glasvitrinen, die niemand berühren durfte, um ja nicht die Männlichkeit des Mannes zu verschmutzen, sondern waren offen für alle. Nachdem man  zum Beispiel über irgend eine Ausgabe von Bat-man stolperte,  konnte man mit dem Gesicht in eine Szene  von «Die Hüter» landen. Damals war ich ca. 15 Jahre alt und  krank mit der Krankheit der Unwissenden, welche sich in die Welt der Kunst vertieften  und Komiks gering schätzen, wobei es Komiks gibt, die stärker sind als die Texte Sartres. Deswegen konnte ich seine Kollektion nicht richtig beurteilen, doch jetzt verstehe ich, wie dumm ich war, als ich auf seine Nacherzählungen der Sujets der Komiks  mit Ignoranz reagierte. ( Ich hatte doch schon die Auferstehung Tolstojs gelesen.)

Noch dümmer war ich, als ich ihn verraten habe. In seinem Treppenhaus war ein Aufzug, der am Tag zuvor bespuckt wurde, wobei die Spucke  ziemlich frisch war, ich erinnere mich dass ein Teil der Spucke die Wände des Aufzugs runter lief. Den Jungs kam in den Kopf ihn an den Händen und Beinen zu schnappen, ihn in den Aufzug zu schleppen, in diesem so lange zu springen, bis der Aufzug stecken blieb. Wir kletterten durch den Schacht, den wir gut kannten wie die Karte Manison 2000 in dem Shooter Counter Strike, und ließen ihn dort. Er kannte weder den Schacht noch die die Ego Shooter. Dann kam es dazu, dass ich immer seltener in diesem Teil unseres Wohnbezirkes  auftauchte. Das Leben ging seinen Gang, ich vertiefte mich mehr in das Lesen und einen jugendlichen Alkoholismus und mein Freund, den ich verraten habe, bekam eine Stelle in einem Waffen – Laden.

„Verkäufer?“  fragte ich.

„Nein,“  antwortete der von mir verratene Freund, ich sortiere Patronen im Lager in Kisten, verkaufen darf ich nicht.“

Und ich stellte mir vor, wie er die Patronen sortiert, mit ihnen spielt wie mit knochigen Fingern, sie in die Fächer einsortiert und dann aus dem stickigen Lager raus geht in die Freiheit. Mit einem vollen Magazin. Zu seinem Rechte.

So traf ich ihn vor eine paar Monaten – mit einem Tokarew-Gewehr in der linken Hand, ging er irgendwohin, sich beugend ohne auf die Seite zu schauen. „Bevor du das machst, was du vor hast,“ sagte ich und blickte auf das Gewehr in seiner Hand, erzähl mir, wie das zu Ende ging mit Onkel Jasha.  Als Erinnerung über eine Freundschaft die mal war.“

Hier ging es nicht ohne Himena.

Sie verstand  nicht direkt, was für ein Kerl der Ibrahim war, es begann doch alles gut, es begann alles ausgezeichnet. Himena, die das ganze Leben in der Wohnung verbrachte mit der verwirrten Alten, freut sich.

„Großmütterchen, du wirst es nie verstehen,“ fauchte Himena auf ihre alte Großmutter, welche wie immer die Tafel mit irgend einer  Aufschrift vor den Papagei—Amazon hielt, welcher bei ihr in Kürze nach dem Tod des Alten erschien. „Du wirst es nie verstehen. Weißt du, was ich gesehen habe? Nun er geht so mit diesen Blumen, da ist eine Straßenlaterne , kaum am leuchten, und die Blumen, ihre gelben Blütenblätter, sie sind wie die Sonne. Und sie beleuchten ihn. Genauer, sie beleuchten wie er auf mich zugeht.“

Die Sache war, dass Ibrahim vor ein paar Wochen Himena Chrysanthemen geschenkt hatte, die er im Kindergarten gepflückt hat in dem Territorium des Bandwurms, und sie mit einem leckeren Eis beglückt hat im Supermarkt, sie bumste auf dem Bett mit dem kaputten Bettbein in der Wohnung seines Freundes Zheka, welcher für eine Nacht auf die Datsche gefahren war, um Suz’ma kochen. Himena war dreiundzwanzig Jahre alt.

„Uf , Ibra, wie du gingst und wie die Blumen zu deinem Gesicht passen, nein zum Kostüm, haha, weißt du wirklich, einen schönen Blumenstrauß hast du gekauft, ich weiß du hast viel gearbeitet wie kein anderer früher, keiner hat mir früher, wobei egal, weißt du auch wenn ich nicht reden werde, ich muss doch schweigen, was soll man dazu sagen“ plapperte sie, alles vergessend, das Blut ebenso, welches das Laken rot färbte doch an das Blut konnte sich Ibrahim gut erinnern, der zufällig mit seinen zwei Fingern in ihre Rippe stieß: „Ä, Himena ,warum hast du nicht gesagt dass du Jungfrau bist?“

„Was mein Guter?“ antwortete Himena die sich durch die Datura – Erinnerung der Chrysantheme  kämpfte.

„Ich sage, was ist, Bitch, so viel Blut! Zheka ocht, ich habe nicht recht.“

„Du, hab keine Angst.“  Himena streifte mit ihrer Hand seine Wange, „ich mache das alles, mach dir keine Sorgen.“

Sie nahm das Laken zu sich um es zu waschen. Eine Waschmaschine wie vieles andere hatten sie nicht , deswegen beschloss Himena  es per Hand zu waschen, doch dann entschied sie sich das Laken bei sich zu lassen. „Soll es,“ dachte Himena „an der Wand hängen. Soll es an die Plakate erinnern, die bei allen Mädchen  an der Wand hängen, außer bei Himena selbst. Sie hielt sich auch jetzt für hässlich, und früher als sie in der Pubertät war, hielt sie sich für so hässlich, dass sie keine Liebe verdiente , und selbst nicht das Recht hatte zu lieben Deswegen beeindruckten Justin Timerlake  und seine Clique sie nicht,  die mit ihren Lächeln bezauberten. „Jetzt,“ dachte Himena, „wenn man mit ihr  Liebe macht, kann sie so hässlich nicht sein. Sie hat das Recht zu lieben, Ibrahim zu lieben, das rote Bettlacken, sich selbst. Und Ibrahim, welcher wegen ihr besoffen vor Zheka auftaucht –  ihm wird Himena  ihr Bettlaken aufdrehen. Dieses ist weiß und sauber. Im Flur erwartete sie eine Schranke: der Papagei-Amazon  ihrer Großmutter, der  Himena von Kopf bis Fuß anschaute und sich auf sie warf, sie mit den Flügeln schlug, Himena schlug zurück.

„Du Hurrensohn, hau ab du Bitch!

Bald kam aus ihrem Zimmer die Alte, und wedelte fröhlich mit den Händen. Der Papagei verstand die Alte. Er flog durch den schmalen Flur, stellte sich auf seine Pranken und ging zurück ins Zimmer. Himena begann wegen dieses Ereignisses, wie mit jedem Ereignis, das mit diesem seltsamen Tier zu tun hatte,  nervös zu werden. Und sie ging nicht zum Spiegel um sich anzuschauen. Nicht jetzt, jetzt möchte sie neben der Tür stehen und beobachten, wie die Alte verrückt spielt, der Alten geht es immer schlechter, deswegen,  nachdem sie gesehen hat ,wie die Alte irre redet, beruhigte sich Himena und konnte sich im Spiegel anblicken

Die Alte schaute auf den Papagei, welcher durch das Zimmer flog, mit einer geduldigen Zärtlichkeit, doch dann legte sie die Finger der beiden Hände aneinander, dies war ihre typisch bittende belehrende Geste. Als der Papagei endlich stehen blieb. Auf den Stuhl vor der Großmutter, diese nahm eilig, als ob sie Angst hatte ihr Glück zu vertreiben, aus dem Schrank mit Tüchern und Salben, eine hölzerne Tafel auf welcher mit lateinischen Buchstaben der Himena unverständliche Worte standen. Der Papagei wackelte zügig mit dem Kopf und schaute auf die Tafel, die Alte hielt einfach die Tafel und starrte wie eine blöde Kuh. Himena blieb einige Minuten in der Tür stehen und beruhigte sich. Dann ging sie ins Bad um in den Spiegel zu blicken.

Sie sah vor sich ein Gesicht, dessen haut ausgetrocknet war, die Augen saßen tief und waren schwarz, schauten gegen den Willen ihrer Besitzerin, die Nase war zu lang und zur Spitze setzte sie sich ab, an eine Kartoffel erinnernd . Himena wurde traurig. Nach ihrem Vater war sie eine Spanierin-Kubanerin, nach der Mutter eine Tatrain, es schien, sie hätte einfach schön zur Welt kommen müssen. Himena setzte  sich auf  den Wannenrand und dachte.

Als sie vor Ibrahim stand und vor anderen Kerlen, welche wie Spatzen in der Knie-hocke saßen um eine leere Bank herum, auf der Bank standen Bierdosen auf Plastiktüten und gedörrter abgeknabberter Fisch,  grüßte sie  und gab Ibrahim das Bettlaken. Die Kerle lachten. Ibrahim lachte auch. Himena schenkte dem Lachen keine Aufmerksamkeit, kreuzte die Beine, ließ ihnen keine Ruhe und wartete auf die Worte Ibrahims: dieser spuckte aus der Ecke des Mundes und sprach: „Komm um zehn Uhr, Himenka.“

Als sie nach hause kam, wusste sie nicht womit sie sich beschäftigen sollte: Gut, dachte Himena hat es ihre Oma. Sitzt da, lächelt, hält die Tafel vor den Papagei. Sie muss nicht darüber nachdenken was sie machen soll. Von der Arbeit wurde sie nicht verscheucht für den finsteren Blick, eine Liebe, auf die man warten sollte, hat die Alte nicht. Aber sie, Himena hat nun eine Liebe. Doch jetzt zeigt der trockenes Zeiger der Uhr erst 15.47, diese Liebe versteckt sich irgendwo hinter Bierflaschen und gedörrtem Fisch. Himena beschloss zu schlafen und stellte den Wecker  auf dem alten Telefon. Nervös von Natur aus, spielte sie mit ihren Fingernägeln und konnte deswegen lange nicht einschlafen; dann beschloss sie, die Chrysanthemen anzuschauen und die gelben Blütenblätter zu zählen. Bald in einer halben Stunde, schlief sie ein.

Sie schlief sehr fest und hörte nicht das Läuten des Weckers, der sehr leise erklang. Sie wurde vom Papageien geweckt, welcher wieder von der Hausherrin ausgebüchst war: er setzte sich auf ihre Hand und schrie etwas unverständliches, irgendetwas nicht lateinisches. Himena fluchte und warf den Papagei vor sich. Sie schaute auf die Uhr: Halb elf. Sie war zu spät. Was wird er denken? Er wird doch böse sein? Natürlich. Er wird sie verlassen und das einzige was übrig bleibt ist das rote Bettlaken und die Kartoffel-Nase. Doch er war nicht böse. Ibrahim stand immer noch neben der selben Bank und knackte Sonnenblumenkerne. Es waren nicht mehr viele Kerle da. Doch einige Kerle standen noch bei ihm. Und Himena dachte, dass wenn sie hier her kommt, Ibrahim hier allein sein wird. So, dachte Himena soll es sein wenn man sich liebt: sie geht zu ihm in Einsamkeit, und er wartet in Einsamkeit.. Nun gut, sagte sie zu sich selbst, macht nichts. Das Wichtigste ist, er ist nicht böse. Er geht zu ihr um zu  krächzt:  „Geh zu Bachs Haus. Ich komme dann gleich zu dir.“

Sie gehorchte ihm; bald erschien Ibrahim. Auf  seiner Lippe glänzte die Schale eines Sonnenblumenkerns, Himena versuchte diese zu entfernen und streckte die Hand zu seinem Mund aus; doch er stieß ihre Hand weg und verzog böse das Gesicht. Er zeigte mit dem Finger in Richtung Treppe, welche zum Keller führte und von einer kleinen Wand abgeriegelt war.

„Geh herunter“ sagte Ibrahim.

Sie ging runter; er ebenfalls, begann ihre Brust zu berühren, ihren Hals zu beißen – Himena versuchte ihn zu küssen doch dieser drehte sich heimlich weg. Endlich, erregt wie es sich gehört, drehte er sie zur Wand und zog ihre Shorts und Unterhose aus. Während er das machte, dachte Himena daran, warum sie nicht zu Zheka gegangen waren: vielleicht dachte Zheka, dass das Bettlaken, welches sie Ibrahim gab, nicht seines ist und Zheka mag nur sein Bettlaken und ist deswegen beleidigt? Sie lenkte sich von diesen Gedanken ab, weil sie erregt war, doch bald, gegen ihren Willen, mit der Gewohnheit eines genervten Menschen überrannt, es war nicht die Zeit zum Nachdenken, – kehrte  sie wieder zu den Gedanken zurück: Warum hier? Warum zwischen Zigarettenkippen und Gemüseresten? Als Ibrahim aufhörte, fand sie noch keine Antwort auf ihre Fragen und Verstand nicht direkt den Sinn seiner Worte:

„Nun los.“

„Wohin gehst du?

„Man soll dich nicht bumsen.“

Sie verbrachte eine schlaflose Nacht, der seltene Schlummer wurde vom einem Tremor unterbrochen, und Himena krallte sich mit aller Kraft in das blutbeschmierte Bettlaken, welches an der Wand hängt und die abgehenden Tapeten zudeckt. Die Blütenblätter der Chrysanthemen haben diesmal nicht geholfen und morgens, als sie mit Husten  aufwachte, bemerkte sie, dass diese verwelkt waren. Wahrscheinlich, dachte sie, waren  sie schon gestern verwelkt: doch gestern welkte alles – Gefühle, der Schlaf, die Nerven, die Achseln, – und so hat sie nicht gemerkt, wie die Blütenblätter austrockneten und die Köpfe hängen ließen. Sie sah zum ersten  mal wie Chrysanthemen welken, Blumen im allgemeinen. Davor hat sie es nur im Kindergarten gesehen….

Das war ein schlechter Kindergarten. Es war feucht dort und im Schlafraum, wohin die Kinder getrieben wurden, gab es keine Tapete, nur  unregelmäßige weiße Wände. Himena ging eine Zeit in diesen Kindergarten, ja fast alle in unserem Bezirks ging dort hin. Und dann hörten sie irgendwann damit auf. Doch der Garten dort war schön: gepflegter Rasen, viele Büsche  und gelbe Chrysanthemen. All diese Schönheit pflegte die lokale Sowchose, der Bandwurm, ein schweigsamer Bärenkerl, „ein besessener“, der seinen Spitznamen vor langer Zeit bekommen hat.  Der Bandwurm, ein riesiger Kerl, raschelte  in dem Gras wie ein Nagetier, deswegen konnte er euch überraschen; wenn Sie mit voller Brust ein und aus atmen, das Aroma einatmend, wie einen durchdringenden, giftigen Geruch des Randbezirks, dann zeigt sich  der Bandwurm in der eigenen Person: in den Händen eine Gartenschere oder irgendein  Hölzchen, auf dem Körper eine gelbes Shirts, sieht so aus als ob es sich in die Haut festsaugt, sogar selbst die Haut ist.

„Er hat sie getötet,“ die Ader auf der Stirn des Bandwurms zitterte, „er hat sie getötet, aber wofür? Damit sie bumsen! Damit sie bumsen hat er die Blumen getötet.“

Himena beschloss den Morgen mit einem Spaziergang im Garten zu verbringen, sie wich zurück vom Ochsenbandwurm, doch das war nur ein Reflex: wirkliche Angst hatte sie nicht, sie fühlte überhaupt nichts mehr. Wenn es so ist, muss man damit aufhören. Es reicht, dass die Komödie zerbrochen wird.

Die Machete war das einzige neben den leeren Rumflaschen auf dem Balkon, was vom Vater noch übrig war –  diese stützte sich auf den Boden der Küchenkiste:  fast hätte Himena den Macheten-griff berührt, da fielen einige der türkisch-sowjetischen Schalen auf den Boden und zerbrachen. Hinter der Wand schrie der Papagei. Himena schenkte den zerbrochenen Schalen und dem Papagei keine Aufmerksamkeit. Sie berührte mit dem Finger die Rasierklinge. Scharf. Sehr scharf.

Ihr Leben, wie ihr schien war mittelmäßig; sie wollte besonders sterben, aber gleichzeitig, dass etwas vertrautes in der Nähe war…doch was? Sie ging in ihr Zimmer, begutachtete es mit Blicken, versuchte zu verstehen, was ihr hier teuer schien? Wohin blicken das aller letzte Mal? Der Blick blieb auf dem Bettlaken hängen. Jetzt liebte sie es nicht, das Laken, doch vor kurzem erst, gestern, war das ihre persönliche Flagge, welche sie bereit war aufzustecken, nicht nur an die Wand, sondern auf die aller höchste Bergspitze der berüchtigten Almaty – Berge, welche hinter den Neunetagenhäusern nicht zu sehen waren.

Man muss der Länge nach schneiden, nicht quer. Sich mit dem Laken zudecken. Das Laken kennt Blut, es wird ihm gefallen. Himena zog sich zum Laken, um dieses von der Wand zu reißen, doch dann plötzlich kam schreiend der Papagei-Amazon geflogen. Er krallte sich in die andere Ecke des Lakens, zog dieses hinter sich her in den Flur und flog höher. Doch Himena zog abrupt an ihrer Ecke und der Papagei stieß gegen die Wand. Wie ein Boxer bewegte er seinen Kopf, blickte auf Himena, welche ihn ansteuerte und die Machete fest in ihrer Hand hielt.

 „Jetzt töte ich dich. Danach töte ich die Alte und vielleicht dann Ibrahim. Und dann töte ich mich selbst. Doch darauf pfeifst du. Doch wisse, dass ich dich als erstes töten und das wird se-e-e-h-r weh tun!“

Der Papagei wich zurück. Himena trat auf. Endlich schnappte sie sich seinen Flügel, zog abrupt daran,und holte mit der Hand aus. Der Papagei bewegte mit dem Schnabel und sagte heiser:

„ Te. Echo. De menos. Todos. Los días.“

Himena war bedeppert. Aus dem Korridor kam ein schwacher aber zäher Applaus: Das war die Alte, deren Augen mit Tränen gefüllt waren.

„Te echo de menos todos los días! Te echo de menos todos los días! Ich vermisse dich jeden Tag, meine Kleine!“ blinzelte die Alte und drückte die Finger zusammen. Himena ließ die Machete fallen, setzte sich auf den Boden und hängte sich das Bettlaken um die Schulten. Innerhalb einer Minute fingen die Schultern zu zittern an und das Lachen der Frau, des Papageien und der Alten erfüllte den Raum. In der Küche fielen aus  der zerschmetterten Kiste noch zwei Schalen heraus. Himena hörte das Landen des Geschirrs auf dem Boden, sagte:

„Das ist fürs Glück. Für unser Glück. Alte, Papagei.“

„Te echo de menos todos los días!“ antwortete der Papagei.

Bald begann das Täfelchen mit diesen Worten an der Wand in Himenas Zimmer zu glänzen.

Als Onkel Jasha vom Irrsinn befallen wurde, ging er durch unseren Wohnbezirk mit einem Aprikosenzweig, den er mit einem Zahn gespitzt hat. Er schaute aufmerksam auf die Seiten  und stand wie ein Basketballspieler oder Bär auf den halb-gebeugten Beinen, und wenn man ihn fragte, was er macht, warum er nicht mehr Handel betreibt, sprach Onkel Jasha dann diese Worte: „Der verfickte Papagei.“  Mehr sagte er nicht und die Kinder, welche eine Genration nach uns kamen, begannen Onkel Jasha „verfickter Papagei“ zu nennen.

„Wer ist das?“

„Das ist ein verfickter Papagei, der einen anderen verfickten Papageien sucht!“ lachten sie.

Später, ca. ein Jahr später, hörten sie auf zu lachen, weil Onkel Jasha verschwunden war. In unserem Wohnbezirk fiel es gar nicht auf. Die Menschen haben sich mit der Zeit an seinen Irrsinn gewöhnt, und hielten sein Verschwinden für ein Anzeichen seiner Krankheit, seinen erstaunten Geist. Man erinnerte sich erst dann an ihn, als die Nachbarn sich zum Abendessen versammelten und einen scharfen Geruch nach Fäulnis rochen, und nachdem sie nirgendwo eine tote Katze gefunden hatten, erinnerten sie sich plötzlich. Und sie klopften bei Onkel Jasha. Er machte nicht auf, weil seine Hand bis dahin schon verfault war, wie alles andere auch. Als die Bullen, die ca. vierzig Jahre nicht in unserem Wohnbezirk waren, seine Tür aufbrachen, sahen sie seine Leiche. Welche auf dem Bett lag.  Diesmal  beugte sich das Bett nicht unter ihm.

Man wollte ihn zuerst staatlich beerdigen, doch unsere Alten, einige von ihnen haben es geschafft sich einen Teil des Nachtklubs anzueignen, erklärten, dass ein Mensch der in unserem Wohnbezirk aufgewachsen ist, ein ordentliches Begräbnis verdient hat.  Sie bestellten ihm einen Sarg  aus Eichenholz und zerbrachen nicht weniger als drei Patellas, damit man ihn am Kensaj beerdigt und ihn nicht in irgend einen Graben wirft für arme Menschen.

Als man den Sarg mit Onkel Jasha aus dem Treppenhaus trug, versammelte sich eine Menge, fast der ganze Wohnbezirk; da war auch die Himena mit ihrer Alten. Fast alle, die da versammelt waren, probierten den Schnupftabak, mit dem Onkel Jasha handelte, doch keiner wusste dass es ihn in das Grab trieb. Alle dachten an den Papagei. Genau an ihn, den bunten Amazonen, über welchen Onkel Jasha, bevor er starbt, immer sprach.

Himena traute ihren Ohren nicht. Sie ging hinter dem Sarg, bis man ihn in den Leichenwagen steckte und dann ging sie hinter dem Leichenwagen, bis sie die Grenze unseres Wohnbezirkes erreichte, wo irgendeine unsichtbare Kraft sie in die Brust drückte, ihre Wanderung hinter den toten Onkel Jasha beendete. Da verstand Himena, dass man unseren Wohnbezirk nur tot verlassen kann.

Der Asch. Von Alina Sh. Ein Theaterstück

In fünf Akten, die Oper nach einer altgriechischen Tragödie, war berlibr?

Die Hauptheldin, vierzig Jahre, junonisch

Die weiteren Rollen Chor – Polyphonie, die Stimmen folgen aufeinander,  jeder Satz – drei Männer und zwei Frauen 30-40 Jahre.

Chor: Er wurde, Gott sei  es gedankt, im Sommer in einem Kinderheim geboren. Er wurde abgetrocknet und nicht im Abfalleimer ertränkt. Es ist warm, trocken. So lag er da, still-friedlich auf dem Boden des allerliebsten  Aluminium – Asches. Man sagt, die erste Liebe vergisst man nicht. Und der Asch ist nicht nur der erste, sondern der einzige.

Zwei Tantchen blicken in den Asch

Tantchen 1: (etwas Ältere, aus dem Chor): Er atmet…vielleicht in die Druckkammer.

Tantchen 2: (jung): Welcher Zeitpunkt?

Tantchen 1: 27.28 Wochen

Tantchen 2: Und das Gewicht?

Tantchen 1: 850

Tantchen 2: Er ist winzig. Er wird es nicht überleben.

Chor: In den Asch mit der Aufschrift in roter Farbe „Ruhepausen“ 

Das Licht auf die Hauptheldin

Hauptheldin: Mir träumte es.

Chor: Das Resultat des screening-tests kam per Email in der Mitte des Tages. DS: Eine hohe Wahrscheinlichkeit des Down-Syndroms. Empfehlungen: Dringend einen zweiten Ultraschall machen zu lasen. Die Wiederholung auf der Sevastopolskaja,  gutachterlich bei dem Professor.

Die erste Freundin (eine etwas Ältere im Chor): Haube, Bettlaken, Krankenhaushemd. Die Verpackung der Überzieher halte im Stauraum. Wasser ohne Kohlensäure. Antibakterielles Gel, feuchte  Tücher – dann wenn man keine Möglichkeit hat, die Hände zu waschen. Trage das für alle Fälle bei dir in der Tüte, um nicht in Schlangen zu stehen.

Chor: Die sparsame Lejla hat vorgesorgt.

Freundin 1: Wenn du magst, fahre ich mit dir?

Hauptheldin: Nein, nicht notwendig

Chor: In der Krankenstation wünscht man keine, die stören.

Die Hauptheldin setzt sich an den Tisch.

Professor 1 (alt):  In unserem Alter wächst die Möglichkeit für eine Pathologie.

Hauptheldin: Down-Syndrom? Sind sie sicher?

Professor 1: 80 % in der Risikogruppe. Das Down-Syndrom ist an sich nicht so schlimm. Es wird begleitet von der Pathologie des Herz-Kreislaufsystems, des Magen-Darm-Traktes, des ganzen Organismus. Ich sehe einen Fehler im Herzen, genauer können wir es in der zwanzigsten Woche bestimmen.

Die Hauptheldin: Was soll ich machen?

Professor: Sie müssen selbst entscheiden, ob sie die Schwangerschaft unterbrechen oder das Kind austragen.

Hauptheldin: Was ist es?

Professor 1: Mädchen

Hauptheldin: Im ZPS war man freundlich zu den Klienten, doch das Wort „Fötus“ wühlte

auf .

Chor: Es wühlte ständig auf. Man hat mir gesagt, ich solle nicht warten. Sie wusste, dass sie schwanger war bereits in den ersten Tagen.

Hauptheldin: Eine leichte Übelkeit am Morgen.

Chor: Das Springen des Bluthochdruckes und Kopfschmerzen.

Hauptheldin: Die ständige Übelkeit vierzig bis sechzig Mal am Tag, gastronomische Gelüste.

Chor: Sie hat sogar den Hering gefressen, richtig gefressen – eine Woche lang, denn normalerweise ist sie kein Fisch und keine Meeresfrüchte. Und das aller unerträglichste…

Hauptheldin: Die Angst vor dem Tod.

Chor: Irgend ein Irrationaler, immer von Anfällen befallen. Im Aufzug, im Dunkeln, auf der Treppe. Sie konnte nicht auf den Balkon raus gehen, gehen auf den gläsernen, Gumovski– Anfahrten, in die U-bahn herunter steigend, mit dem Flugzeug fliegend. Es ist einfacher zu sagen, was sie konnte. Antidepressiva schlucken..

Hauptheldin: Und als das Klofelin alle war, fand sie Arsavin.

Die Hauptheldin steht auf.

Professor2 (jung): Der Hypothalamus  ist unartig. Drei Seancen reichen aus.

Chor: Drei Seancen haben sich in sieben mal drei verwandelt.

Hauptheldin: Am diesem Tag ist alles gut und auch am nächsten Morgen lässt es sich aushalten. Doch am nächsten: Guten Morgen Klo.“

Chor: Im Kopfschrie eine Zarenglocke, die Schmerzlindernden halfen nicht.  

Hauptheldin: Guten Tag.

Professor 2: Guten Tag.

Chor: Blass-grau-grün

Professor 2: Steiger, kommen Sie herein.

Chor: Er hat ihn, nicht auf die Reihenfolge wartend, aufgenommen.

Professor 2: Entspannen Sie sich.

Chor: Die Halswirbel knackten.

Professor 2: Auf den Rücken

Chor: Brrr, Nadeln. Zwanzig Minuten.

Hauptheldin: Wann das nächste Mal?

Professoer 2: Je nach Zustand

Chor: Ein Down-Kind – nichts Schlimmes!

Hauptheldin: Ich meine, ich habe ein Test gemacht wegen des Down-Syndroms beim 45 oder 49 Mal.

Chor: Machen Sie sich keine Sorgen.. Frieren Sie die Eizellen ein. Machen Sie eine künstliche Befruchtung, redaktionieren Sie das Genom, in England oder Deutschland hat eine 65-Jaährige ein Kind ausgetragen. Sie werden gesunde Kinder haben, mit einem Kind, das eine Behinderung hat, ist es schwer. Das Wichtigste ist nicht aufgeben.

Der Ehemann (Stimme des Professor 1): Ihr Herzchen ist schon am klopfen, und die Fingerchen und Zehenchen  – alle zwanzig, und die Augen, sie liebt und und erkennt uns schon.

Hauptheldin: Tolik wünschte sich ein Mädchen.

Chor: Ich wurde jeden Tag aus dem CPS angerufen , nahm aber den Hörer nicht ab. Auf die Arbeit, auf die Nadeln, Kerzen für die heilige Matrone. Tolik versuchte mich die ganze Zeit zu überreden, uns taufen zu lassen und zu heiraten. Ich stimmte zu, um ihn zu beruhigen. Vater Pavel begoss sie aus dem Taufbecken. Von dem Hemd entwich Dampf.

Paten wurden ihnen im Tempel zugewiesen. Das Kreuz und den Weihrauch kaufte sie selbst.

Hauptheldin: Die Ablehnung ist die erste Stufe des Leides, eine Stufe tiefer steht die Bosheit, die Dritte ist Selbstbetrug.

Chor: Sie wurde sofort demütig. Wobei ist Demut nicht die höchste Stufe von Stolz? Sie glaubte nicht an Gott, sie glaubte den Ärzten, doch es ist sogar schwer zu beschließen die alte, zahnlose Katze, einzuschläfern. Und du mit deiner...

Hauotheldin: Langersehnte, hat sogar geheiratet, um in einer großen Familie zu gebären. Keine zwanzigste Rippe, der Arm an der Schulter, ohne diesen wirst du dich anpassen, kannst leben. Als Mensch mit Behinderung.

Chor: Das aller unschädlichste, was eine schwangere Frau riskiert im Krankenzimmer ist eine vorzeitige Geburt.

Hauptheldin: Ich habe gestern in Foren für Mamas gelesen.

Chor:  Eine Tablette und in der 29-30 Woche werden plötzlich die Flüssigkeiten austreten, ein vorzeitiger Kaiserschnitt, der Fötus  wiegt ca. ein Kilogramm und muss drei bis vier Wochen in einer Kammer liegen, für eine zusätzliche Bezahlung. Du wirst einfach nur aufgeschnitten. Und du wirst niemanden mehr gebären können. Zwei Abtreibungen zu verschiedene Zeitpunkten. Ein genesener Autoimmun-Treodit. Wie auch immer diese Schwangerschaft zu Ende geht – die Verschärfung des AIT, Klimakterium.

Ein Brief vom CPS mit einer Ankündigung

Hauptheldin: Die mütterliche/kindliche Sterblichkeit/ärztliche Fehler. Eine Million

Hinweise. Die ganze Garnitur, geboren wurden vollwertige Kinder. Zwei Ereignisse. Zwei Wunder. Statistischer Fehler.

Chor: Zahlen und Fakten des Optimismus wurden nicht suggeriert.

Hauptheldin: Die Mehrheit der Kinder mit Behinderung werden von einsamen Müttern erzogen. Ein Mensch mit einem Down-Syndrom lebt ca. 25 Jahre.

Chor: Die ganze Schwangerschaft wurde etwas bestrichen. Im dritten Trimester begann es stärker und häufiger zu streichen. Sie gab Blut ab um die Schilddrüsenfunktion zu untersuchen. Dringend zur Aufbewahrung!- Endokrinologe. Nur wohin? Die Privathändler wimmelten ab. Mit einer solchen Diagnose! – Die Empörung geht einher mit Vorahnung.

Hauptheldin: Dorthin! Fahrt dorthin! Auf drei und fünf Buchstaben. Niemand wird so etwas aufbewahren, wozu sollen sie die Sterberate in einer Heilanstalt erhöhen? Man führt mit dir sogar eine Abtreibung durch an einem speziellen Platz: In der Infekt-Abteilung auf dem Sokolin-Berg.

Dahin geht es ohne Versicherungsschein, Penner, Alkoholiker, Drogendealer und Gastarbeiter. Dort ist Hepatitis oder HIV wie ein Schnupfen. Zu einem späteren Zeitpunkt eine Straftat, ein Troll mit dem  Asch, im  Asch ein toter Säugling. Relativ groß.

Hauptheldin: Ich beschließe nicht, eine Abtreibung zu machen. Ich bin in Gefahr. Und zum Aufbewahren wollen sie es nicht nehmen.

Chor:  Mit einer solchen Diagnose machen sie es richtig. Das ist eine Sünde. Ein Kind soll solange leben, wie Gott es bestimmt. Man hätte vorher überlegen müssen.

Hauptheldin: Es gibt mehr Trolle als Mütter.

Chor: Sonst gebären sie kurz vor der Pensionierung und suchen nach den Schuldigem. Worüber hast du früher nachgedacht, Ziege? Kinder, Küche, Kirche. Man sollte dich reinigen ohne Anästhesie 

Hauptheldin: Ein sehr dicker Troll.

Chor: Du heulst und verstehst dann, ein Tier, welche  Schmerzen das ungeborene Kind hat, rot, wie Kandiszucker, ein Säugling, die Unterschrift: Er starb unter schrecklichen Qualen 24 Stunden. Stirb, du Schlampe damit dich auf dieser Welt die ISIS zerstört. In der Konsultation über den Wohnort schlug man eine einzige Entscheidung vor: Dringend, solange der Fötus weniger wiegt als 500 Gramm. Der Gynäkologe, eine  zum Stehen kommende Kastanie , hat vorzeitig gewarnt. Eine medizinische staatliche Versicherung steht Ihnen nicht zu. Die Heilung und Operation Ihres behinderten Kindes werden sie selbst bezahlen, weil sie wussten, dass er mit einer Behinderung zur Welt kommt und nicht einverstanden waren, die Schwangerschaft abzubrechen.

Hauptheldin: Ich schrieb einen Belegschein: ich werde ihn aus dem Krankenhaus mitnehmen.

Chor: Sie schwören alles zu machen, wenn sie aber erst hinschauen…

Hauptheldin:  Das Gehirn der Schwangeren trocknet aus.

Chor: Im Kopf reifte ein dicker, genialer Furunkel.

Hauptheldin: … auf der Straße hinfallen mit den Sachen und Docks, überreden, abkaufen, den Krankenwagen als Geisel nehmen, damit diese uns in das medizinische Zentrum Kulakovs einweist.

Freundin 2: Mensch, fahr eine Karre in das Ministerium und warne sie, dass du dich bei Putin beschweren wirst, in der Liveübertragung.

Hauptheldin: Sie zwingen  mich dazu, Ihnen eine Mahnung zu schreiben!

II

Chor: In der 30-ten Woche wurde sie in die Pathologie-Abteilung gelegt. Der routinemäßige Konzil bestätigte die Diagnose.  

Hauptheldin: Tolik, bringe mir ein Nachthemd und kaufe Ginipral und Mikrolaks, 12 Mikro-Einläufe.

Chor: Das Ginipral wurde alle drei Stunden eingeflößt, das Fieber stieg, Herzrasen.

Hauptheldin: sie konnte nicht schlafen.

Chor: Das Veroponil wurde abgesetzt. Bettzeiten. Tropf, Spritzen, Tabletten, das Schiff. Der Milchbrei im Krankenhaus mit einer bläulichen Farbe. Die SMS von Lejla: „Was soll ich kochen?“

Hauptheldin: „Was du magst.“

Chor: Tropfe, Spritzen, Tabletten, Mittag, das Schiff. Ein Mitbringsel Lejlas mit einer Thermoskanne, Menagen und einem beschrifteten Zettel.

Freundin 1: Tolik fragt, wann er dich besuchen kann.

Chor:  Tropfe , Spritzen , Tabletten, Abendbrot, Schiff. Trinkgeld für die Sanitäterinnen und die Krankenschwestern. Für die Nacht der Tropf. Eine Woche. Direkt vor der Entlassung wurde der Darm von einer Kneifzange gedrückt, man drehte diesen und faltete ihn nach Außen.

Hauptheldin: Ein eisernes Krokodil hat die Sonne verschluckt.

Chor: Die Flüssigkeiten sind zurück getreten. Schnell in die Reanimation! — von Weitem. Ein Mann, wohin gehen Sie? Man darf hier nicht weiter. Tolik hielt sich an der Tür zur Reanimation auf.

Hauptheldin: Ich spüre meine Beine nicht, die Lampen verschwimmen, verflossenzu einer. 

Chor: Sie wird in den Permafrost gebracht, im Mund, in der Nase, in den Lungen – überall das frostige Bröckelige.

Hauptheldin:  Sie ist die Ceres des wüsten Polar-Archipels, eine eisige Ceres im Asteroid-Gürtel aus Eis.

Chor: Der arterielle Druck sinkt. Bi-i-i-i-i-i-i-i-i-i-i-i-ip, es blieb hängen.

Hauptheldin: Die zweite Abtreibung …

Chor:…er war zu einem anderen Zeitpunkt…

Hauptheldin: Es gab fast keine Geburtswehen. Dafür gab es viel Blut, das Kind wurde in Stücken heraus geholt, es schwamm im Blut, wie Fleisch in einer flüssigen Tomatensauce. 

Chor: Man spritzte ihr eine lokale Betäubung, sie hat alles gesehen. Ist es Ihr Mann?

Hauptheldin: Ja.

Chor: Der erste Ehemann stand daneben und hat alles gesehen. Nehmen Sie sie und bringen Sie sie aufs Zimmer, er versuchte sie hoch zu heben. Ein plumper Botaniker mit einer eingesunkenen Brust. Ich bin mitleidig, und gar nicht jung.

Hauptheldin: Ich mache es selbst. Das Zimmer begann sich zu drehen.

Chor: Sie schafft es nicht. Sie hat zwei Liter Blut verloren.

Hauptheldin: Selbst.

Die Leinwand erlosch.

Chor: Die Ärztin mit bösen, dunklen Augen und der hohe, locken – köpfige Stationsarzt tranken Tee und aßen dazu die Schokolade „Alenka“. Über ihnen auf dem Seil hingen gelbe Plastikhandschuhe. Leg dich hin, du vierzehnte um drei Uhr nachts. Die Beine auf Abstützen. Das Verbrechen? Der Expander  ist fast ganz rostig. 

Hauptheldin:  Der Abort.

Chor: Wie viele Wochen. 

Hauptheldin:  20–22.

Chor: Die Öffnung drei cm. Zwei Würfel Lidocain. Frau Mendel‘ zog sich die Handschuhe an, steckte eine Nadel in den Gebärmutterhals, nahm die aller größte Kürette, genau so alt und schrecklich, wie ein Expander.  Es schien als ob sie durch die Gebärmutter die Wirbelsäule  kritzeltund auf irgendetwas im Inneren drückt, abbricht und knarrt und knirscht. Dem Ehemann hat man nicht erlaubt, über Nacht da zu bleiben, nicht einmal im Flur. Sorgen Sie sich nicht, es wird alles gut. Ich werde sie beobachten. Die Heizungen geben kaum Wärme ab, der Assistenzarzt fand eine zweite Decke. Benötigen Sie mehr Flüssigkeit?Tee?

Hauptheldin:  Mit de exotischen Geschmack eines netten Besens. Danke, lieber Wasser.

Komm etwas früher. Ich halte es hier nicht länger aus, werde ein wenig schlafen. Kräfte sammeln.

Chor: Wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie an, seien Sie nicht schüchtern. Ein Bettpfanne Wasser. Ich habe Dienst auf dem Flur, ich heiße Gleb. Wenn ich es nicht höre, klopfen Sie mit der Tasse auf die Heizung. Dann werde ich sofort wach. Er brachte eine Handvoll Barbarzitzen mit und  ein Gematogen. Sie hat es sogar geschafft auf der klumpigen Matratze ein zu schlafen. Die zwei Decken störten sie, es war feucht und war,   

ESR, ROE morgen. Die Entlassung habe ich gestern vorbereitet, die Sachen werde ich abgeben, wenn die Schwester-Herrin sich befreit. Ablehnung von einem weiteren Krankenhaus-Aufenthalt.

Hauptheldin: Ich habe es unterschrieben, danke.

Sie geht in die Tiefe der Szene, in die Dunkelheit.

Chor:  Vergessen Sie nicht, die Brust ab zu binden. Werden Sie gesund. Wir schnappten uns ein Taxi und kehrten nach hause zurück. Still und leise, ohne irgendwelche Exzesse.

Chor: Und ich fahre mit der Tochter.  Sammele du die Pantoffeln ein, Hausschuhe, Bademantel, Handtuch, Zahnpasta, Bürste, Seife. Und fahr in ein anderes Krankenhaus, mit einem befehlshaberischen Ton. Der Mann drehte sich um und ging zurück in die Wohnung. Zum ersten Mal  begann das Fruchtwasser noch im Krankenwagen zu fließen, man gab ihr ein paar Spritzen.

Hauptheldin: Ich bin selbst in die dritte Etage gestiegen, in den Bereich „Geburtshilfe und Gynäkologie“. In feuchten, stacheligen Leggins und nassen Socken. 

Chor: Zieh deine Kleidung aus und leg dich hin. Die Krankenschwester machte das Bett mit Bettwäsche, die grau geworden ist von dem vielen Waschen. Sie benötigen Ihr eigenes  Nachthemd, auf diesem sind verdächtige Flecken und Löcher. Bleib du liegen und ich finde die Abteilung, spreche als Kollege zum Kollegen, die Mutter hat die leitende Funktion in der Klinik „Bagira!“ Sie legte sich hin

Hauptheldin:  Der Schmerz kam in Welle. Eine große, eine noch größere, eine riesige Welle kochenden Wassers. A-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a (in der ganzen Stimme)

Chor: Er lag zwischen meinen Beinen, in der Pfütze. Ganz Sauber, mit dunklem Haar, mit geschlossenen Augen.

Hauptheldin: Ihm war kalt.

Chor: Ein Junge. Wohin mit ihm? Auf den ersten Blick gibt es keine Pathologie. Man kann es versuchen…Nein, sagte die Mutter.

Hauptheldin: Mutter, wo ist er?

Chor: Niemand

Hauptheldin: Aus der Armbeuge eine Nadel mit einem Rohr (sticht mit der Nadel, das Blut spritzt)

Chor: Er wurde weg gebracht.

Hauptheldin: Er lebt. Ich erinnere mich, ein Junge.

Chor: Er ist gestorben als er auf die Welt kam, du bist jung, wirst einen weiteren zur Welt bringen.

Hauptheldin: Ich habe nicht gesehen, wie er gestorben ist(weint leise).

Chor: Schlaf, Teure, weine nicht. Sie wurde zweimal gewaschen: ein Mann mit weichen Händen und morgens durch die Hintertür. Kommt zu sich, fragt sie ob sie mal Hepatitis gehabt hatte. Sie ist unbekannt, hat keine Dokumente. Extrauterinschwangerschaft. Das Geschwür ist geplatzt. Das Blut floss in das Abdomen. Nach der Operation der Oberarzt-Abteilung, ganz in Blut. Ein gutes Mädchen , geduldig.

Hauptheldin: Ich? Nun habe das NJ  ausgehalten, bis ich auf der Straße hin fiel.

Chor: NJ ist größer, höher und älter als fünfzehn Jahre, sie tut einem nicht leid. Uns sie. Dünn, Hände-Fäden, Beine – Streichhölzer. Zu jung, zu vertrauenswürdig, solche leben nicht,  sondern ackern sich ab. Man hatte immer Mitleid mit ihr. Nun soll eine Untersuchung erfolgen. Ein Abort zu diesem Zeitpunkt  kommt selten vor. Sie sind selber Arzt und Mutter, Sie sollten es verstehen. Vitamine, Ernährung, weniger Stress und ein paar Jahre keine Kinder. Hier ist eine Überweisung in die endokrinologische Geburtsvorsorge, Sie sollten hin gehen.

Hauptheldin: Auf Wiedersehen.

Chor:  Dein Mann ist schuld. Der Depp. Konnte kein normales Kind machen. Ich lief aus seit dem ersten, doch zur Welt gebracht habe ich es alleine, dich sogar auf dem Sofa. Und du wirst gebären. Du musst gebären.

Ein leuchtendes Licht.

III

Freundin 2:  Warum lässt du dich nicht gesund machen?

Hauptheldin: Eine Schuld?

Chor: Damljama mit Schafrippchen

Hauptheldin: Ich war bei verschiedenen Ärzten und kam vom Kurs ab. Verschiedene Diagnosen und die Heilung ist unterschiedlich. 

Freundin2: Dann wähle eine aus und fange an.

Chor: Das wichtigste ist der Anfang.

Es roch anlockend nach Raykhon, Hammel, Knoblauch und nach Paprika.

Freundin 2: Nanu, eine unbeschreibliche Schönheit.

Chor: Die darstellende Kunst, ein Lied. Das Essen ist nicht nur für den Magen, sondern für die Seele.

Freundin 2: M-m-m. Eine Leckerei

Hauptheldin: Trink. Ich glaube ihnen nicht. Und die Arzneien mit den ernsten Gegenanzeigen , die Veränderungen des Blutbildes.

Chor: Arganulozyste 

Hauptheldin: Ich habe eine schwache Leber. Eine abscheuliche Bauchspeicheldrüse. Ich versuche gar keine Tabletten zu schlucken. Und hier mit vollen Händen und Jahre lang.

Freundin 2: Du lässt dich nicht heilen, von der Laterne. Du wärst fast verendet

Chor: Thyreotoxische Krisis. Das dritte Jahr der Blutdruck 135/100, Puls höher als 200.. nicht ab Hauptheldin: …Hund, Katze, Mücke...

Professor 1: Das Alter?

Hauptheldin: 29 Jahre

Chor: Du siehst aus wie Nadezhda Konstantinovna Krupskaja.

Hauptheldin: Einsamkeit. Ich habe mich daran gewöhnt. Man gewöhnt sich an alles.  An das Schlechte langsam. Wenn man das Schlechte nur vergessen könnte.

Professor 1: Geben Sie Blut ab wegen der Hormone, Ultraschall.

Hauptheldin: Habe ich.

Chor: Habe es gemacht, vor einem halben Jahr, zwei Monaten und vor einem Monat.

Professor 1: Machen Sie es erneut.

Chor: Wir sind zu alt, machen es selber, wir haben einen sehr guten Apparat, der beste Ultraschall. 

Professor 1: Mit den Ergebnissen bitte zu mir in die Aufnahme, 200.

Chor: 500, 700, 1000. Ergebnisse, der Ultraschall ist teurer.  

Freundin 2: Hörst du mir zu? Willst du sterben? 

Hauptheldin: Verzeih, ich war in Gedanken, wiederhole es.

Freundin 2: Willst du sterben? Die Karaffe ist wunderschön.

Hauptheldin: Nein, einen solchen Luxus kann ich mir nicht genehmigen. Ich werde weiter leiden den Feinden zum Trotz. Ashehani (Ашехани) der häuslichen Überflutung. Und die Karaffe stammt aus Georgien.

Chor: Quevre.

Freundin 2:  Du benötigst ein Brain-Storming. Krank sein und sich nicht heilen lassen ist Trash . Das Gericht ebenfalls.      

Chor: Authentisch

Hauptheldin: Es gibt eine Menge Arbeit, ich brenne am Geburtstag und zu Neujahr.

Chor: Sie war seit acht Jahren nicht im Urlaub.

Hauptheldin: Rishtan. Blaue Keramik, XIX Jahrhundert, Unterschrift, der Stempel des Meisters auf Farsi .

Freundin 2: Auffarsi – ein schöner Name.

Hauptheldin:Das ist kein Name. Das ist eine Sprache.

Freundin 2: Ich sehe.

Chor: Google.

Freundin 2: Rishtan ist eine tadschikische Stadt.

Chor: Alle Städte Zentralasiens wurden von Tadschiken gebaut. 

Hauptheldin: Trink..

Freundin 2: Wir werden austrinken. Ich erinnere mich an einen Trinkspruch. Lasst uns trinken vor dem Kampf! Ein ausgezeichneter Wein, leicht zu trinken, passend zum Thema  Für die Erfüllung der Wünsche! Seid arrogant!  

Chor: Den Zwillingen.

Freundin 2: Wechsel die Arbeit. Kardinal. Es ist Zeit- Zeit. Glaubst nicht an den Horoskop, soll Lejla die Zukunft hervor sagen….

Chor: Die Zwölften.

Freundin 2: auf den Karten.

Chor: besser mit Kaffee, mit Rattenknochen. .

Freundin 2:  Mach es nach den Sternen online im Netz.

Hauptheldin: Der Chef schlägt San-Diego vor. Lass uns auf das Sofa gehen.

Freundin 2: Nun , es fängt an, ohne Aufsicht wirst du arbeiten 120 Stunden die Woche. Mist, ich kann meinen Reißverschluss nicht schließen.  .

Chor: Der Bauch stört.

Hauptheldin: Zieh die Jeans aus, hier ist ein sauberer Bademantel.

Freundin 2: Uff! Ich werde nur eine Unterhose tragen. Hast du was dagegen?

Hauptheldin: Der Verdienst ist höher, Wohnung, Krankenversicherung.

Freundin 2:  Die Plastik des Gesichts. 32 Da Vinchi, Brüste aus Silikon die sechste Nummer und Beine  verlängert auf  10 cm

Hauptheldin: Die Beine lang. Kommst uns besuchen. Findest einen Millionär oder einen zwei Meter hohen Macho mit sechs Würfeln, Taille.

Chor: Und ohne Kringel auf den Seiten

Freundin 2: Finde du ihn dir. Wenn du versprichst, ein persönliches Leben zu beginnen, hau ab.

Chor: Selbst heute.

Freundin 2: Wohin auch immer, nach San-Diego.

Chor: Frei.

Hauptheldin: Ich höre auf.

Chor: Das Familienglück ist vorbei.

Hauptheldin: Man wird nicht irgendetwas, was sich lohnt, als Heirat bezeichnen. 

Freundin 2: Ja, gut, einen Ehemann! Gute Ehemänner – wie Küstenleoparden.

Chor: Zehn Stück werden schon seit 60 Jahren bewacht.

Freundin 2: Finde dir einen Geliebten.

Hauptheldin: Ich kann mir nicht einmal eine Katze anschaffen. Und die Katze…

Freundin 2: …fängt die Mäuse…

Chor: Fliegen.  

Freundin 2:…och, die Decke dreht sich und der Boden.

Hauptheldin: Ich habe keine Mäuse.

Freundin 2: Von denen wird es hier wimmeln, und nicht nur im Haus. Es gibt einen Neurotpathologen. Wir für alle Fälle heilen. Verheiratet, der Kotzbrocken, aber klasse, schlau, sympathisch, 35 Jahre und zauberhafte Hände, ein winziger Ausschlag man wird baff auf der Stelle. 

Hauptheldin: Nimm ihn zu dir.

Freundin 2: Ich will heiraten, doch einen Fremden schnappen, dazu fehlen mir die Nerven.

Hauptheldin: Vor allem mit meiner Psyche. Wäre er Psychiater, würde ich noch einmal nachdenken. Sei ehrlich, wie viele Liebhaber hattest du? Ich werde nicht lachen.

Freundin 2: Ach du Schlange, Hauptsache irgendwie abwimmeln.

Hauptheldin: Zwei, lach du nur auf die Gesundheit 

Freundin 2: In wie vielen Jahren und wer?

Chor: Namen, Schwester, Namen?

Hauptheldin: Nun, seit ich vierzehn war. Mein erster.

Chor: Hast Shahin geheiratet. Preis-Waterhous hast du in einen Harem verwandelt. Hast hübsche Jungen durch gehen lassen.  

Hauptheldin: Und der Ehemann.

Freundin 2: M-i-st, seit fünfzehn Jahren mit dem Ehemann zusammen?

Hauptheldin: Nun ja. Ich bin keine Schönheit und Sexbombe wie du.

Freundin 2: Mist, das ist nicht zum Lachen sondern zum Weinen…

Chor: Zum Aufhängen.

Freundin 2: …es bleibt nur noch Gleb…

Chor: Dieser doofe Weiberheld.

Hauptheldin: Ich schwöre, niemals er noch ich.

Freundin 2: Unterbreche mich nicht.  Er ist ein Depp , kein Idiot. Gleb nannte sich Birkchen.

Hauptheldin: Welches Birkchen? Eine Birke.

Freundin 2: Du Pinocchio-Brett. Wie hast du es nur zu diesem Leben geschafft?  

Chor: Wie ein Kolobok (russische Märchengestalt).

Freundin 2: Er sagte, du seist ein schmales Birkchen, klar und hell.

Hauptheldin: Und du hast es ihm aufs Wort geglaubt? Hast ihn nicht gezwungen Erde zu essen, Blut zu trinken?

Podruga 2: Du hast unrecht, was die Menschen denken, das sagen sie auch.  

Hauptheldin: Auch Gleb.

Chor: Messias, welcher die Wahrheit offenbart, ein Mischling Freuds und Messings.

Freundin 2: Man soll den Menschen einfach zuhören. Man hat nur ein Leben. Ist es vorbei, wirst du dich barbusig hinwerfen…

Chor: Für alle.

Freundin 2:…im Alter.

Hauptheldin: Ich werde es bis zum Alter nicht schaffen, ich bin 29 und fühle mich wie hundert.

Chor: Krächze nicht, sonst wirst du von dem Bösen Blick behext.

Das Licht wird rot

Ehemann: Ich habe mein Einverständnis nicht gegeben. (beleidigte Augen unter der Brille füllten sich mit Tränen).

Freundin 2:  Und die Rechnung nicht bezahlt.

Chor: Nicht einverstanden – zahle.

Professor 2:  Der Spieler  gab das Testament 

Ehemann: Sie haben mein Kind getötet. Sie haben meine Frau getötet.

Chor: Langweilig..

Ehemann: Ihr habt getötet, getötet, getötet.

Chor: Mit dem Aufreißen.

Freundin 2: Anatolij, beenden sie die Hysterie. Sie starb vor zwei Wochen mit Ihrer Tochter gemeinsam mit Ihrer Tochter.

Ehemann: Ich werde diese lausige Krankenhaus verklagen.  

Chor: Wahrscheinlich hat er Schmerzen.

Ehemann: Sie haben mein Kind getötet. Sie haben meine Frau getötet. Mörder!

Freundin 2: Um Himmels willen!

Chor: Halt’s Maul du Armseliger, und das Leid ist armselig.

Ehemann: Getötet, getötet, getötet, ge-e-e-e-e-e-e-e-e-e-e-e-!

Chor: Das Fenster wird gewischt mit einem zerknitterten Tuch mit Karomuster.

Ehemann: Du hattest nicht das Recht.

Chor: Die Augen zusammen kneifend.

Freundin 2: Ich bin eine rechtlichbefugte Person.

Chor: Gräulicher kann man es  nicht ausdrücken.

Ehemann: Ich bin ihr Mann, das war mein Kind, wir haben geheiratet, und du bist ein Niemand für sie. Lanochka schaffte es nicht zu beichten. Schlecht-schlecht-schlecht, Vater Pavel.

Freundin 2: Anatoloj, hör auf zu schreien.

Chor: Ohne dich ist es beschissen.

Freundin 2: Lassen Sie uns in den Flur gehen. Lev Platonovich, entschuldigen Sie uns. Er ist einfach müde.

Chor: Er saugte uns die Energie aus und trank.

Professor 2: Das tut mir sehr leid.

Freundin 2: Anatolij, lassen Sie uns gehen. Es wird Ihnen besser gehen an der Luft.

Ehemann: Y-y-y-y-y-y-y-y-y-y- Mörder! Mörder, Mörder! Y-y-y-y-y-y-y-y-y-

Freundin 2: Mist! Halt’s Maul! Schrei nicht!

Chor:  Er geht auf den Wecker..

Freundin2: Zum Teufel mit dir, kannst ruhig schreien, man soll dich in die Mentura mitnehmen.   

Chor: Ist er nun wirklich verstummt?

Freundin 2: Geh raus und warte hinter der Tür ( er lehnte sich an, wollte nicht gehen)

Chor: Ausgegangen, atmete durch und begann von Vorne.

Ehemann: Und was ist mit der Beerdigung? Man muss Vater Pavel fragen, dass dieser singt. Und einen guten Platz finden. .

Freundin 2: Die Einäscherung ist morgen um zwei.

Ehemann: Das geht so nicht, es ist unmenschlich. Lanochka, gläubig, getauft, man soll nach dm orthodoxen Ritus vorsingen

Chor: Hatte Angst, nach dem Tod von Würmern gegessen zu werden. Irgendeine Phobie, Arachnophobie, Insekten haben bei ihr eine kränkliche Abneigung verursacht.  

Ehemann: Und ich? Wie soll ich?

Chor: Die Wohnung der Mutter, das Auto dem Bruder. Die  Asche wird auf dem Grab des Vaters, des Großvaters und der Großmutter verstreut. Wir müssen einen Platz kaufen, sonst geben sie uns kein Grab. Sie wusste nicht, wie ihr Vater starb und wo er begrabe wurde. Mutter und Vater haben sich vor langer Zeit scheiden lassen. Er lebte in der Nähe von Dschambul auf dem Ufer des Taraz, mit seiner dritten Ehefrau und erwachsenen Kindern.

Alle Jahre wieder wurde das Haus aus Schilfrohr und Ton in den Fluss geschwemmt.  Der Vater baute es erneut auf der selben Stelle. Er stammt aus der Familie von Deportierten und wurde in der kasachischen Steppe geboren, entweder 1942 oder 1943. Später fuhr sie weg um zu studieren, die Sowjetunion fiel auseinander und es kamen keine Briefe mehr an. 

Freundin 1: Na endlich, du warst im Koma.

Hauptheldin: Mir schien, ich wäre tot.

Freundin 1: Fast (sie verzog die Lippen und die Wange). Man hat dich mit  irgendeinem  Zeug vergiftet und mit Strom. Und die Sanitäter…

Chor:  Besonders pockig und mit einer Schnauze

Freundin 1: …Die Schnösel.

Chor:  eine schmale herzliche Organisation.

Professor 2: Das wichtigste du lebst. Glück gehabt.

Chor: Die neuste Methode, die klinischen Prüfungen sind noch am laufen, chance 1:10

Freundin 2: Bei sich.  Du wurdest von der der künstlichen Beatmungder Lungen befreit, um dich hierher zu fahren. Lejla hat sich Urlaub genommen. Ich habe die Papiere unterschrieben, falls es nicht klappen sollte…

Das Licht ist auf der Hauptheldin, die Übrigen sieht man nicht.

IV

Chor: Nikola-Archangelski Krematorium. Bescheinigung über den Tod. Golgatha. Punkt, Ende, nicht korrigierbar. Keiner hat geweint. Fremde, Unbekannte, Kollegen des Bruders, Nachbarn. Sie ging als letztes. Senkte sich auf die Knie. Die großen Hände liegen auf dem Bauch. Vor fünf Jahren war sie eine hohe, dünne Frau mit durchdringenden dunklen Augen . Ihr Blick stocherte, hasste, war eifersüchtig. So unerwartet, es schien sie habe Krebs ohne Symptome, doch sie quälte sich nicht. Unter der weißen Spitzendecke war es nicht sie. Dorthin zu schauen war schrecklich und dort hin zu gehen noch schrecklicher. Eine Mumie. Mit Pergament umwickelte Knochen, ungemütlich, nicht richtig, ein eingefallenes Gesicht mit lippenlosem Mund.

Hauptheldin: Verzeih(sie küsste die Hände, welche mit weißen Schleifen)Verzeih, verzeih..

Chor: Das Letzte. Haben sich alle verabschiedet? Der Ort ist gut gelegen. In der Stadt, Bus und Marschrutki (kleine Busse zum Transport von Passagieren)

Bruder: Ich sage, wenn ihr nichts dagegen habt. Wir sind nicht viele, die aller Nächsten.

Chor: Keine Verwandten, keine Bekannten von der ehemaligen Arbeit, keine Freundinnen.  

Bruder:  Wen kannte die Mutter persönlich? Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich unterstützt haben. Ich…ich… 

Chor: Der beste Friedhof, geschlossen 30 Jahre, über die Vetternwirtschaft und eine Menge Geld ein bordeaux-farbener Sarg mit Gold und Behang. Mit der Krone zum Westen der Straße. Eine Handvoll Staub, Man hat den Hügel eines gelben Tons zu geschaufelt. Die Kränze vergesse, kauften im Friedhof-laden Plastikkränze, einen giftgrünen „Ruhe in Frieden“   und ein lachsfarbener „Der lieben Mutter“, staubige, schwarze Schleifen von irgendjemandes Grab.

…Gedenkfeier in der „Westlichen Küche.“ Neu. Vor kurzem eröffnet, vor ca. zwei Monaten. Sie beeilten sich, es wurde in den Bergen 5 Grad kälter. Der Tisch nicht gedeckt, im Wohnzimmer Kälte fast wie draußen.Die Bedienung-Schlafwandler krochen. Halbleere Nüsse, Trockenobst. Amerikanische hölzerne Äpfel, Mandarinen. – Ägypten. Salate? Nein, nein! Tee zum Aufwärmen, anstelle von Tee, Kompott. Zähe Hühnerbrühe mit gelben Fettkreisen und seltenem Dill. Pilaw, Kuurdak aus Hammelfleisch.

Hauptheldin: Es ist kalt geworden, nichts mehr zu Trinken da. An Opa wurde wie gewöhnlich gedacht, begonnen mit Rosinen-Brei, man erinnerte sich an ihn.

Chor: Mit einer Kristall-Ehrlichkeit, Treue, Männlichkeit. Der Karlag zerstörte ihn nicht.

Hauptheldin: Der Naive hat geglaubt.

Chor: An eine helle Zukunft und kommunistische Ideale. Mit Maria hat man Fünf erzogen. Lasst uns gedenken. Allah akbar, sie geben nicht, du bringst es nicht mit dir.

Hauptheldin: Ich hätte komme können , reden, zum letzten Mal, ich plante es seit fünf Jahren, habe sogar Tickets gekauft.

Chor: Zuerst wurden die Hände, dann die Beine entfernt. Am 31 wurde es einfacher, ich schaute „Ogonek“ Ins Krankenhaus musste ich nicht. Schaffe es.

Bruder: Den Hof machen..

Chor: Seit drei Wochen.

Bruder:…ich bin müde

Hauptheldin: Sagte nicht die vierte Stufe..

Bruder: Sie wollte selber nicht, beschwerte sich der dritte nachts gib mir die Wassermelone. Am Morgen erwachte sie nicht.

Chor: Die Kleidung verbrennen, von Genration zu Generation, für die Erinnerung den Allernächsten. Ein Ring. Den Rest in das Feuer. Die Kleidung eines Toten dürfen Lebende nicht tragen. Was nicht brannte, brachte man auf die Müllhalde.

 V

Hauptheldin: Frohe Weihnachten! Lässt du mich rein?

Chor: Es ist zu spät.

Freundin 1: Komme herein? Was ist mit dir?

Chor: Ein teures Abhandenkommen.

Hauptheldin: Mit mir? Nichts. Die Hunde, mein geliebter Sohn

Chor: Zwei Vorderzähne gefunden, sind heraus gefallen.

Hauptheldin: Nicht gemerkt, war krank, starb und überhaupt zu spät gekommen. Bin keine gute Krankenwärterin …

Chor:  Schwächlich..

Hauptheldin: nicht zu beruhigen, weißt du die Kleinei träumte: richtige Eltern finden, die einen mitnehmen, genauso eine Drecksau ist sie geworden. 

Freundin 1: Weine ruhig.

Hauptheldin: Nach der Scheidung stritten, stritten wir, es kam fast zum Handgemenge. Die Afrikaner hungern.

Chor: Wir sind nicht in Afrika

Freundin 1: Du hast nichts gegessen.

Hauptheldin: Ich kann nicht. Bin abgehauen, habe sogar die Kleidung nicht mit genommen. In den Familien von Drogendealern und Alkoholiker.

Chor: Welch ein Vergleich.

Hauptheldin: Sag danke, dass ich geboren habe, danke, nur für was? Das Leben ist eine gute Sache?

Freundin 1: Es ist seltsam , wir haben uns gesehen. Ich fragte, wie es Mama geht und warum er niemanden gerufen hat?

Chor: Galila Dalilovna, die Ärzte aus der „Bagira“.

Freundin 1:  Zur Hochzeit muss man nicht unbedingt gehen, auf die Beerdigung unbedingt.

Hauptheldin: Ich spüre nichts.

Freundin 1: Das ist ein Schock, der Vater hatte vor einem Jahr den Insult, ich glaube es bis jetzt noch nicht.  

Chor:  Resignierte nicht.

Freundin 1: Schrecklich, doch nicht mehr zu verändern. Ist glücklich zu hause gestorben.

Hauptheldin: Zu schnell, der Großvater mit 78, die Großmutter mit 90. Bei uns haben sie alle ein langes Leben.

Freundin 1: Die Alten leben, wenn sie irgendjemand braucht

Hauptheldin: Hässliche Kinder, nach wem kommen sie?

Chor: Unfähig für Sympathie.

Hauptheldin: Der Gesunde stirbt eher. Sogar ein Foto in der Traueranzeige fehlt, dafür was sie alles ertragen hat, sie ernährte uns, kleidete uns ein, versuchte uns zu lieben, wenn wir krank waren, wartete sie kein einziges Wort ab. Sie hat ein solches Leben nicht verdient, niemand hat es.

 Freundin 1: Das heißt sie hatte Glück, hat sich nicht lange gequält. Und der Ort ist ausgezeichnet, auf der Zentralallee. Und die Beerdigung für die Lebenden.

Chor: Die Toten pfeifen drauf.

Hauptheldin: Ich vergaß, dass ich sie irgendwann geliebt habe, sie immer geliebt hatte.

Chor: Den hohen Standards nicht entsprechen, des erfolglosen Vaters ist schwer.

Freundin 1: Sie liebte wie sie konnte. Das Schlechte vergisst man, in einem Jahr stellen wir ein Denkmal auf. .

Hauptheldin: Eine schwarze Platte, oben eine weinende Weide.

Freundin 1: Aus Marmor, mit einem Foto, weine nicht..

Hauptheldin: In einem zerknitterten Kleid und einem Panama-Hut.

Chor: Von der anderen Seite ein Barsch-Marsch Jahr 1953 

Hauptheldin: Das sind wir 

Freundin 1: Sie ähnelt der Mutter, die Nörglerin .

Chor: Das Profil des Großvaters, der Stolz der Mutter, das Herz, die halbe Seele.

Freundin 1: Die Ehefrau hätte kommen können.

Hauotheldin: Die Ehemalige

Freundin 1: Gut, dass der Enkel da ist.

Chor: Vier Jahre alt, der Einzige.

Hauptheldin: Ganz wie Nikonvskie.

Chor: Der Cousin des Opas mütterlicherseits, ein Anhängsel des Imperialismus, direkter Nachkomme in der Verbannung.

Freundin 1: Soll die Erde der Mutter mit dem Flaum. .

Chor: Die Flasche ist alle.

Freundin 1: Friede

Chor: Hat geträumt

Freundin 1: Und nun auch mit dem Bruder vertragen.

Hauptheldin: Lejla…

Freundin 1: Ich habe längst verziehen, und nun lass auch du gehen.

Prpfessor 2: Der Tod trat am vierten Januar, um 11.05 Uhr ein.

„Im Traum“ – von Alina Sch.

Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge. Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen, ist die Aufgabe der Kunst. Ein Kritiker ist, wer seinen Eindruck von schönen Dingen in eine andere Form oder in einen anderen Stoff zu übertragen vermag.

Büro der Frankfurter Buchmesse in New York

Übersetzt von: Lena Muchin (M. A.)

Quelle: https://polutona.ru/?show=0202164222

Im Traum war die Großmutter auch krank, Stücke

der Erinnerungen sprangen konzentriert

als ob ein harter Disk auf dem Fleck

zerschnitt den Trojaner, und der Halbgebildete

Wasserkocher heilt – verkrüppelt

Die Metro – Apokalypse wurde in New York aufgenommen

Eine fette Maus

von der Größe einer Katze

saß auf dem Rand der Plattform

und blickte in die Augen

du kommst zu spät

die zehnte Runde das Mädchen im nackten Gong


einigt euch

die erste Reihe ist Ivins Platz

er heult


wie ein ausgeschlagener Zahn

Dzheb-dzheb-kross dzheb-dzheb-kross

der Abhang

Distanz bewahren

nicht in den Clinch eintreten

tanzen

chirk Teufel die linke Braue

bräk Blut

Krach im Kopf

der Ringrichter des Arztes

Trainer mit einem Handtuch

er ist alt

und du bist jung

er ist schwerer

hab Acht

der linke apperkot und

und du legst dich hinter

du führst

bei der Brille man kann fort fahren

Dzhab-dzheb-korss

dzheb-dzheb- kross

der Abhang

nicht riskieren

zwei Knockouts

der dritte knockout sogar

Nockdown

bei der letzten Runde

wird es der letzte sein

Schweiß und Blut verdecken die Augen

Distanz halten

Clinch aufhängen

sich ausruhen

durchatmen

bräk

Dzhab-dzheb-korss

in die Milch

ein halbfertiger dzholt

tote Dzhebs

Swing wie im Koma

klinch

für drei

gerade so ab geklebt

Taue Taue Taue

huk auf den Schenkel

eine gefährliche Bewegung mit dem Kopf

Klinch

bräk

kli-i-nch

kli-i-i-nch

kli-i-i-i-nch

go-o-o-ong

auf die Nieren

auf die Nieren

Kampf auf der Brille

Der Saal heult

der erste Schwere in der blauen Ecke

aus dem Fenster des Ausziehraumes

kann man die Brooklyn-Brücke sehen

umgeben von Lichtern

eine Weihnachtsgirlande

einschläferndes Panorama

des nächtlichen New-Yorks

des schlaflosen Workaholic

Perpetuum des Energizers

24/7 auf Tranquilizern

„Nauryz“ – eine Erzählung von Oral Arukenova

Übersetzt von: Lena Muchin und Polina Stoppel-Beise

Am Ende des Winters begann Koshkulan selber auf die Jagd zu gehen, ohne Ajtygan, oder sie gingen als Rudel. Ajtygan wurde schwerer, roch anders oder zog sich immer mehr in die Abgeschiedenheit zurück. Als Koshkulan vor ein paar Tagen die Wölfin spielend mit seiner schweren Pfote tatzte, direkt auf den Widerrist, sträubte sie sich auf und knurrte los. Der Wolf fuhr zurück, knurrte angriffslisutig aber merklich vortäuschend zurück und lud sie zu einem Spiel ein in der Erwartung auff einen Gegenangriff.

Doch Ajtgun schenkte ihm keine Aufmerksamkeit mehr. Sie schaute aufmerksam in den blauen, durchsichtigen Himmel, als ob sie ein Spiel mit einem anderen Wesen erwartete und der Rüde trat instinktiv zurück. Ajtugan lag immer noch da und schaute ihn gleichgültig an.

Und selbst wenn Koshkulan Beute zu ihr brachte, lief sie ihm nicht entgegen, wedelte nicht feudig mit dem Schwanz, sondern schaute auf das Fleisch und antwortete blos mit einem kurzen und tiefen Knurren. In ihr entwickelte sich eine unsichtbare Kraft, die den Rüden dazu zwang, sich zu unterwerfen. Kokshulan brachte die Beute, legte sie in ihre Nähe und entfernte sich von ihr. Ajgutan wiederum näherte sich der Beute, fraß gierig, manchmal auch alles, als ob sie für die Zukunft vorsorgen würde. Die Wölfe hielten sich den ganzen Winter im Rudel, Sie siedelten im Gebiet des Airitau in Berghöhlen entlang des Flusses. Beim Sonnenuntergang gingen die Rüden zu einem leise plätschernden Bach, der im Winter von einer Eisschicht bedeckt war, und begaben sich von dort aus ins Tal, um Nahrung zu suchen.

Koshulan war ein starker und erfahrener Anführer, doch die jungen Rüden fochten ihn an und versuchten, ihre Kräfte zu messen. Dann gab der Anführer einen besonderen Laut von sich, der nicht nur die jungen Rüden erschreckte, sondern das ganze Rudel. Alle wurden sofort still und der Wolfsraufbold hielt vorübergehend Abstand, um dem Anführer nicht unter die Augen zu kommen. Koshkulan erinnerte sich an solche Ereignisse und fühlte, wer aus dem jungen Ausschlag es mit ihm aufnehmen kann. Sobald der Frühling nahte, fiel die Jagd schwerer und das Rudel wurde von einem gemeinsamen Geist erfasst. Dem Überlebensinstinkt folgend, hörten die jungen Wölfe damit auf, dem Anführer töricht zuwider zu kleffen, denn nun hing das ganze Rudel von Kokshulan ab, von seiner Erfahrung und Intuition. In der Frühe wehte vom Westen ein Besorgnis erregender Wind und Kokshulan spürte das Näherkommen eines Schneesturms. Die letzten Tage waren warm, der Schnee auf den Oberfläche konnte einwenign abschmelzen und den glatten Beschlag zerstören. Auf einem solchen Schnee in der offenen Steppe ist es sehr mühsam zu laufen. Während des Tauwetters lernten es die Wölfe, Mäuse zu fangen und Erdhörnchen unter dem Schnee, um das Nest herum. Aber diese kleinen Nager konnten das Wolfsrudel nicht für einen ganzen Tag sättigen, sonder spornten die Raubtiere umso mehr an. Der anhaltende Hunger und die Anzeichen eines Sturmes drängten Kokshulan zu einem riskanten Schritt – das Rudel zur Jagd in den Wald der Menschen, zu schicken. Da gibt es immer viel Wild. Der urtümliche Instinkt des Raubtieres ließ keinen Platz für Zweifel, aber auch der herausfordernde Blick Ajtugans veranlasste den Anführer sofort los zu ziehen. Kokshulan stieg auf den Hügel, nahm eine herrische Pose an, blickte mit einem scharfen Blick auf das Rudel, als ob er es hypnotisieren wollte und machte eine Bewegung mit den Kopf, die Richtung weisend. Ajtugan ging auch auf die Jagd, den Kopf senkend, unterwarf sie sich dem Anführer wie die anderen Wölfe. Kokshulan führte das Rudel über einen Bergrücken. Der Schnee auf dem Berkamm war noch nicht geschmolzen und nur an manchen Stellen zeigte sich eine klebrige, glitschige Kruste. Das Rudel lief einen halben Tag durch einen dichten Nebel. Als der Geruch des Kohlerauches sich mit dem Geruch brennenden Holzes vermischte, näherten sie sich dem fremden Territorium. Sie hörten das laute Gekrächz von Krähen und Kokshulan blieb vorsichtig stehen. Eine riesige Krähe, die auf dem Ast eines Baumes saß, spreizte die Flügel und flog Richtung Wald. Ihr folgend flatterte eine ganze Vogelschar hinter her. Der Anführer spürte, dass sie sich ihrer Beute näherten. Doch seine Erfahrung, auf Menschen zu treffen, lehrte ihn vorsichtig zu sein und er beschloss bis zur Nacht zu warten. Erst als der Mond zwischen den dichten Wolken glitzerte, führte Kokshulan das Rudel auf das verboten Territorium, wo eine besondere Koordinationsfähigkeit gefragt war. Als erster lief der Anführer, hinter ihm zwei junge, starke Rüden. Nicht weit von ihnen entfernt, in zwei Gruppen aufgeteilt, bewegten sich die anderen Mitglieder des Rudels, die Wölfinnen liefen ganz hinten. Bald sah Kokshulan einen bekannten Raben, dieser saß auf einem Tannenzweig und unter ihm, auf dem Schnee, hat sich für die Nacht eine Herde Elche versammelt. Einer der Elche lag etwas weiter weg. An diesen konnten sie sich heran wagen, heranschleichend, von beiden Seiten. Elche sind starke und große Tiere. Wenn man sie stört, können sie dich treten und stoßen mit ihren Hufen und Geweihen, sodass du stirbst. Doch wenn man einen Elch erbeutet, kann dies für lange Zeit ausreichen. Gerade als Koshulan sich dem Ziel nähern wollte, krächzte ein Rabe und verschwand in der Dichte des Waldes, und ihm hinterher, wie eine schwarze Wolke, flog die laute Schar, und der Anführer musste verharren. Das Krächzen der Raben weckte die Elche und die Herde begann, sich zu bewegen. Dann führte Koshulan das Rudel in Richtung der Vogelstimmen. Die Wölfe tauchten im Wald unter und erblickten bald das Raben-Mahl. Auf der Erde lag ein riesiger Elch. Er keuchte noch und zitterte von den Schlägen der Raben-Schnäbel. Die Wölfe warfen sich auf das Tier und bissen sich mit ihren scharfen Reißzähnen fest in das noch lebende Fleisch, sie rissen blutige Fleischstücke heraus und schluckten sie geizig runter ohne zu kauen. Nachdem die Schar den Hunger gestillt hatte, bewegte sie sich zurück zur Bergkette, gemeinsam mit ihrem Anführer und gefolgt vom lauten Gekrächz der Raben.

* * * *

Anfang März wurde es plötzlich warm, der Schnee begann zu schmelzen, als plötzlich ein Schneesturm zu wüten begann. Der einschneidende Wind machte den Anschein, als ob er die unangenehmen Erinnerungen in feste Knoten drehte, sie schmerzhaft in die Brust, in den Rücken drückte und stumm heulend Mukasha beim Einschlafen störte. In solchen Nächten wollte er, wie immer, etwas trinken, seine Schuldgefühle taub stellen, seinen Scham, und ein Lied einstimmen. Und vielleicht auch irgendwo unbemerkt für sich selbst und andere erfrieren, irgendwo in der Steppe, um dann zur Nahrung jeglicher Raubtiere zu werden – so gäbe es wenigstens irgendeinen Nutzen von ihm. Und als sich der Himmel endlich lichtete, leuchtete endlich wieder die Frühlingssonne, die Kälte in der Seele begann zu tauen, Hoffnung lebte auf, das bald alles gut sein wird. Mukash lebte schon ungefähr einen Monat lang auf dem Kordon, seitdem er das Dorf verlassen hatte, gerade nach dem Begräbnis des Alten Basen. Er beantragte im Akimat gerade die Dokumente für das Haus des Großvaters und erblickte seinen alten Freund aus seiner Wehrdienstzeit, doch er tat so, als erkenne er ihn nicht. Er wollte nicht, dass sein ehemaliger Dienstkamrade ihn in diesem ungepflegten Zusatnd und dem ständigen Alkoholgeruch, der von ihm ausging, erblickt. Bajtas grüßte als erster, bekundete sein Beileid und lud ihn in ein Kaffee ein. Mukash trank als erstes was gegen den Kater und begann dann wie gewohnt über das Leben zu schimpfen. Bajtas lud ihn zu sich ins Reservat ein. Zuerst lehnte Mukash ab, doch er erinnerte sich, dass der Kordon von Bajtas nicht weit entfernt ist von Dzhajl, wo er in seiner Kindheit mit seinem Großvater die Sommer verbracht hatte und sagte zu. Er setzte sich in seine Niva und fuhr weg, ohne jemandem Bescheid zu geben, ja und wer braucht ihn jetzt überhaupt noch? Die erste Zeit riefen verschiedene Leute an, doch dann entlud sich das Telefon und Mukash beruhigte sich, alle aufdringlichen Probleme blieben hinter der Absperrung. Bajtas stellte keine unnötigen Fragen, und Mukash war es nicht gewohn offen zu plaudern, außer, er war betrunken. So lebten sie nun zu zweit. An klaren Tagen arbeiteten sie im Gehege, abends bei schlechtem Wetter lasen sie Bücher. Bajtas hatte viele Bücher, Vorbeireisenden ließen sie bei ihm zurück, und er selbst hatte auch so einige gesammelt.

– Mukash! Lass uns Tee trinken, – rief Bajtas. – Gleich, Bake, ich komme, – antwortete Mukash, richtete den Pfad von der Tür und steckte die Schaufel in den Schneehaufen. Er ging ins Haus, warf den blauen Chapan von den Schultern, wusch sich die Hände und setzte sich an den langen Holztisch. Bajtas nahm den Teekocher von dem Herd und goss einen sehr starken Tee in die Becher. – Ich muss ins Dorf runter, – begann Bajtas und nahm einen Schluck Tee. – Lebensmittel holen, und die Verwandten besuchen, und nicht nur die… – lächelte er verkniffen.
– Wie, hast du etwa eine Frau dort? – interessierte sich Mukash.
– Ja, habe ich, nur will sie nicht hierher ziehen, kümmert sich um den alten Vater.
– Gibt es etwa niemanden, der sich sonst noch um ihren Vater kümmern kann?
– Doch, die haben eine große Familie.
– Man sollte sie vermählen.
– Im Sommer plane ich eine Hochzeit!
– Richtig. Wieso soll man hier allein herumlungern?! Und wie geht es deiner Ehemaligen, Zaure?
– Sie hat geheiratet, lebt in Almaty, und der Sohn schließt dieses Jahr die Schule ab.
– Schließt die Schule ab, das gibt es doch nicht, – wunderte sich Mukash, – Weißt du, ich denke auch darüber nach, zu heiraten. Ich werde die Trauerzeit um meinen Großvater nach einem Jahr hinter sich lassen und dann heiraten.
– Es ist längst fällig. Wo ist Lisa, die dir Briefe in die Armee schickte?
– Mukash hob den Kopf und machte den Eindruck, als ob er von Innen leuchtete, sodass sogar die Narbe auf der Wange und die Falten unter den Augen sein Alter nicht mehr verrieten. Doch sofort ließ er den Kopf wieder sinken: – Sie ist nach Deutschland gezogen – zu den Eltern. Man sagt, sie hat immer noch nicht geheiratet, – sagte er leise, zog den Chapan an, ging hinaus und machte die Tür hinter sich zu.


* * *

Ungeachtet des Nebel und des Windes, konnte Kokshulan die Beute auf weite Entfernung erahnen. Und tatsächlich, dort, sich im klebrigen Schnee tummelnd, waren einige Argalischafe unterwegs. Der Wind wehte vom Hinten und trieb Kokshulan und seine Herde voran. Die Wölfe gingen nach unten und stapften in den zähen Schnee. Entweder war der Nebel dichter geworden oder die Schafe schafften es einen Pfad zu finden und nach oben zu kommen – Koksuhlan verlor den Geruchssinn, blieb stehen und horchte hin. Durch den Heulen des Windes hörte er etwas weiter entfernt das Krächzen von Raben und schlug eine andere Richtung ein. Bald haben sie eins der Schafe erreicht. Dieses erkannte die Raubtiere und drehte sich zur Seite, berührte mit den Vorderhufen einen Stein unter dem Schnee, wankte ungeholfen und fiel zur Seite. Kokshulan setzte ab, sprang mit seinem ganzen Gewicht auf das Agalischaf, beugte sich zum Nacken und zum Hals und biss es mit seinen scharfen Zähnen durch. Das flüssige, dampfende Blut tropfte auf den Schnee, das Schaf keuchte, verkrampfte seine Muskeln und entspannte zuletzt seinen gesamten Körper. Darauf hin begannen die Rüden das Fleisch zu zerfetzen. Bald begann das Rudel, die zwei übrig gebliebenen Tiere zu jagen und trieb sie nach oben. Die Schafe versanken mit ihren dünnen Beinen im Schnee und eilten hilflos durch den Nebel, wie Schiffe auf den Wellen, ermüdeten und gaben auf. Solange der Sturm wütete, würde das Rudel Vorräte haben. Im Morgengrauen trug Kokshulan den hinteren Teil seiner Beute zur Wölfin. Der Eingang der Höhle wurde innerhalb von einer Nacht mit Schnee verdeckt. Kokshultan legte die Beute neben einer Schlucht im Falsen ab und kletterte durch die Schneeverwehung in die Höhle. Der Schnee konnte sich in der kurzen Zeit noch nicht verdichten und der Wolf konnte leicht einen Durchgang formen und mit den Vorderpfoten in die Höhle kriechen. Aber die Wölfin war verschunden. Solange Kokshulan die Grotte erkundete, wurde der Durchgang wieder von Schnee verweht und er musste sich erneut seinen Weg nach draußen frei schaufeln. Im Schnee versinkend, steckte Kokshulan seine Schnauze aus der Höhle und bemerkte, dass die Beute nicht mehr an ihrem Platz war. An Stelle des großen Fleischstückes blieb eine Mulde im Schnee und die Ziehspuren führten in den Felsspalt. Kokshulan kroch aus dem Schnee heraus, setzte zur Felswand über und schaute in die nicht all zu tiefe Kluft. Unten erkannte er Ajtugan, die gierig die Beute aufaß. Der Anführer fletschte die Zähne und knurrte. Aber die Wölfin blickte Kokshulan nur gleichgültig an und fuhr mit ihrem Mal fort.

* * *

In der Frühe begann sich Bajtas für den Weg vor zu bereiten. Nach dem Frühstück wärmte er das Auto auf, legte den Rucksack in den Kofferraum und setzte sich ans Steuer. Doch als er das Tor erreichte, bremste er abrupt ab und stieg aus dem Auto aus.
– Bake, hast du etwas vergessen? – Mukash eilte zu ihm.

– Mukash, antworte mir auf eine Frage. Du hast versprochen, das Haus des Großvaters meinem Schwager Ermak zu verkaufen? – Bajtas blickte ihm direkt in die Augen.

– Nein, was sagst du da! – äugelte böse Mukash, – Vielleicht habe ich es versprochen als ich betrunken war, ich weiß es nicht…- wedelte er mit der Hand. – Warum fragst du?

– Ja, er ruft mich an, du gibst es nicht her, sagte er, dass du ein Teil des Geldes für das Haus bekommen hast, aber die Dokumente nicht weg gibst.
– Er lügt!

– Warum lebt er dann mit seiner ganzen Familie in eurem Haus?
– Dieses Haus hat man für meinen Großvater gebaut, weil er ein Kriegsveterane war, im letzten Herbst gab es eine Anweisung dazu. Und wir beschlossen dort im Frühjahr einzuziehen, ein Fest zum Nauryz zu feiern, alle Verwandten einzuladen. Isa und seine Familie…
– Und?
– Zu dieser Zeit hat Ermek mit seiner Familie eine Erdhütte in unserer Nachbarschaft gemietet. Dann erfuhren sie, dass wir erst im Frühling umziehen und baten uns solange in im unserem neuen Haus leben zu dürfen. Sie sagten, sie würden ausziehen, sobald ihnen nach Neujahr eine Wohnung zur Verfügung gestellt wird. Der Großvater hatte Mitleid mit den Kindern und ließ sie einzihen…
– Und mir sagte er, dass der Alte Basen ihm sein Haus überschreiben wollte, es nur nicht geschafft hat. Er sagt, nach dem Tod des Großvaters hätte er alles mit dir ausgemacht und dir das Geld gegeben.
– Er lügt! Ich kann dir die Dokumente zeigen, ich habe sie bei mir, der Alte hat nie jemandem was überschrieben! Ich sagte doch: der Alte ist krank geworden, ihm war nicht nach dem Haus und er verstarb schnell, innerhalb eines Monats.
Mukah nahm mechanisch den Hut ab, setzte sich in die Hocke und nahm Zigaretten aus seiner Tasche.
– Gut, verzeih mir Bruder! – sagte Bajtas, klopfte Mukash auf die Schulter und kehrte ins Auto zurück.
Mukash ging bis zum Fuß der Erhebung und kehrte dann wieder ins Haus zurück, machte den Teekocher an und kochte sich einen chifir‘. Mit Vergnügen schlürfte er die heiße Flüssigkeit und spürte ein widerhallendes Schlagen des Herzens. Er legte sich auf das Sofa neben dem Fenster und rauchte. Die helle Sonne wärmte angenehm sein Gesicht. Er konnte sich nicht daran erinnern, ob er diese Unterlagen, die Ermek gebracht hatte, irgendwann unterschrieben hatte oder nicht.

„Selbst wenn ich irgendetwas unterschrieben habe, die Dokumente für das Haus sind bei mir“, beruhigte er sich selbst. Dann stand er auf, klopfte sich ab, als ob er unangenehme Gedanken vertreiben wollte, zog sich an und ging in den Wald. Dann sammelte sammelte er vom Schneesturm gefällte Zweige und Baumstämme ein. Er kehrte zurück, schaufelte die Asche aus dem Herd und streute einen Eimer Kohle in den noch glühenden aber abkühlenden Ofen. Er trank einen halben Kessel Wasser, legte sich vor dem Abendbrot noch gerade kurz hin und schlief unbemerkt ein.

Er tanzte mit Lisa einen Walzer am Schulabend und plötzlich verwandelte sie sich aus einem Mädchen in Schuluniform in eine reife Frau, die ihn aufrufend anlächelte und ihn hinter sich her führte. Mukash lief ihr lange auf der Straße hinterher, dann stieg er eine Leiter hoch. Lisas langer Rock wehte in einer Brise, sie kletterte hoch und Mukash fing ihren Duft auf als der Saum des Rockes ihn und seinen Kopf bedeckte. Dann verschwand Lisa oben, aber Mukashs Füße schienen an der Leiter fest zu kleben.


Er wachte von dem Geräusch eines Motors auf und horchte hin. Ist etwa Bajtas zurück gekehrt? Wobei, nein, das Geräusch ist ganz anders, abrollend und gerade. Der Mann stand langsam auf und ging in den Hof. Ein riesiges Auto mit Reifen von der Größe eines Menschen rollte in den Hof und blieb stehen.

– Assalam alejkum! – aus dem Jeep sprang, einem Akrobaten ähnlich, ein dünner, hoher Kerl, der weich auf der Erde landete.

– Alejkum assalam! – antwortete mit Würde Mukash und streckt seine Hand aus.
– Akan, – stellte sich der Kerl vor und drückte ihn fest an sich.
– Mukash, – sagte Mukash, eine Zigarette anzündend.
– Heißt der hiesige Förster nicht Bajtas?
– Ja, Bajtas, nur der ist ins Dorf gefahren. Ich bin für ihn im Dienst, – sagte Mukash und versuchte zu erkennen, ob weitere Personen im Jeepfenster zu sehen waren.
– In diesem Auto bin ich allein gefahren, hinter mir fahren noch zwei Jeeps, ich mache den Weg für sie frei, – sagte Akan, – wir sind Jäger, kommen um Vögel zu jagen.
– Achso, ich verstehe, – Sagte Mukash, – es gibt viele Auerhühner, sie haben Spuren im Schnee hinterlassen. Nicht weit weg von hier haben sie sich heute versammelt, und dort weiter, am Wegesrand sind Birkhähne vor Ort. Haben Sie eine Erlaubnis?
– Haben wir, alles tip-top, wir sind hier nicht zum ersten Mal. Bake kennt uns. Das Geräusch von Motoren ratterte, und eins nach dem anderen fuhren zwei weitere Jeeps vor die Hütte, etwas tiefere. Mit lauten gehabe stiegen sechs weitere Männer aus, stelltenn sich einer nach dem anderen vor und drückten Muktash die Hand.

– Nun kommt, lasst uns ins ins Haus rein gehen, – sagte Mukash und zeigte einladend auf die Außenveranda.

– Gleich, wir holen erst die Lebensmittel aus, – sagte Erema, ein Kerl mit schelmischen Augen.
Er machte den Kofferraum auf und nahm einen Kasten mit Kognak heraus, einen Kasten Mineralwasser und einige große Pakete. Jeder Kerl nahm einen Kasten und das lustige Gespräch weiter führend, gingen sie ins Haus. Als der Tisch gedeckt wurde, wurde die Seele Mukashs ganz fröhlich, als ob die Leichtigkeit und Freude der Kerle auf ihn abfärben würde. Der Traum über Lisa, blitzte angenehm in seinem Kopf auf und verlieh Mukash noch mehr Männlichkeit. Und je mehr er trank, umso mehr wurde er sich seiner Kräft bewusst. Nachdem er zusammen mit den Kerlen fast schon fahrlässig an den Belomor-Zigaretten vergiftet hatte, schlief er ein. Morgens wachte er dann mit Kopfschmerzen und von Trockenheit im Mund auf. Er trank eine Karaffe Wasser, rannte in den Hof, rieb sich mit Schnee ab und füllte zwei Eimer Kohle. Im Haus begutachtete er fröhlich die Flaschen Kognak: Ich werde den Ofen anzünden und wir setzen uns gemütlich hin, trinken etwas, ganz menschlich, – dachte er mit einem Lächeln,und sah auf die Kerle in den Schlafsäcken, die sich auf dem Boden im hinteren Zimmer ausbreiteten. „Bajtas kommt erst in ein paar Tagen wieder, ich kriege es noch früh genug hin, mich wieder in Ordnung zu bringen… – machte Mukash Pläne. Die Jagd hat guten Fang gebracht, nach dem Mittagsessen versammelte sich ein großer Haufen Auerhühner, gemischt mit Waldschnepfen. Die restlichen Tage halfen die Kerle Mukash die Pfade von gefällten Bäumen und Zweigen zu befreien und grillten Schaschlik im Hof. Abends am Essenstisch begannen die Kerle Mukash über Wölfe auszufragen.
– Nein, Jungs, zu den Wölfen darf man nicht, gerade jetzt sind sie hungrig und frieren, die Wölfinnen werfen bald Jungen. – Ja, und ich weiß nicht, wo sie genau leben.
– Ja, ne, ich rede nicht von der Jagd, es ist einfach interessant, wie ihr gemeinsam mit den Wölfen lebt? – fragte Akan.
– Wölfe – sie sind schlau, – sagte Mukash, erinnerte sich an den Großvater, – Einfach so rühren sie niemanden an. Doch wenn du einen von denen beleidigst, seine Wölfin oder die Welpen, dann nimm dich in Acht. – Na ja, ich würde nicht so gern in ihre Höhle kriechen, egal wie human sie auch sind, – lachte Erema.
– Ich persönlich bin ihnen nie begegnet, doch Bajtas hat erzählt, dass er die Spuren eines Rudels gesehen hatte. Letzte Woche, vor dem Sturm haben sie nicht weit von hier einen Elch gerissen, es blieben nur noch Knochen übrig und ein Haufen Krähen kreiste über diesen Kadaver. Die mussten wahrscheinlich sehr hungrig gewesen sein, sonst begeben sie sich nicht hier her.
– Wo leben sie?
– Im Frühling leben sie in Höhlen, in den Bergen, bis die Wölfinnen Jungen werfen und sich dann in die Steppe begeben.
– Lasst uns zu den Höhlen fahren und Wölfen suchen, – machte einer der Kerle den Vorschlag. Was können sie uns anhaben, wir sind im Jeep, wir nehmen den Jeep Akans. Mukash kennt den Weg…wir machen Fotos.
– Ich sagte doch, ich weiß nicht, wo sie sich befinden, hier sind viele Höhlen.
– Ach komm schon, Mukah, komm schon! – schlugen einer der Kerle nach dem anderen vor.
– Nur nicht schießen, und nehmt kein Gewehr mit, – erklärte sich Mukash einverstanden.
– Und noch etwas…Lasst mich dort, – entschied er, überrascht von sich selbst. – Was sagst du da! – schrie Akan.
– Ich sagte: lasst mich danach dort – also lasst ihr mich dort! Sonst fahre ich nicht! – polterte Mukash aus seiner ganzen Kraft und schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Kerle blickten sich mit Lachen und Verwunderung an.
– Lass uns fahren! – sagte laut Mukash und torkelte von dem Kognak, den er getrunken hat.
– Nein, das geht nicht, er hält sich kaum auf den Beinen! – protestierte einer der Kerle , doch die anderen zogen sich bereits an, ohne ihm Beachtung zu schenken.
Im Auto trank Mukash weiter, er erinnerte sich daran, wie er zum Felsenklamm hinauf kletterte und bei der Höhle stehen blieben und wie die Kerle i auf seinen Wunsch hin rgend etwas aus dem Auto entluden.

* * *

Ajgutan bmerkte das Auftauchen des Unbekannten und beobachtete ihn. Sie näherte sich ihm, während er schlief, beschnupperte ihn. Von ihm ging ein scharfer Geruch aus. Jedesmal, wenn die Wölfin seinen unbeweglichen Körper sah, erwachte in ihr ein seltsamer Instinkt: sie wollte dieses hilflose Wesen beschützen. Als Koshkulan die Anwesenheit des Unbekannten spürte, begab er sich zur Höhle, doch Ajtugan gab ihm nicht die Möglichkeit, sich dem Menschen zu nähern. Sie machte einen drohenden Ton, und der Anführer zog sich zurück. Die Wölfin erlaubte es auch den anderen Wölfen nicht, sich dem Menschen zu nähern. Das war ihre Beute und das Rudel musste damit es hinnehmen. Der Mensch ging selten aus der Höhle raus, die Wölfin entfernte sich nicht weit weg von ihm und legte sich neben den gegenüberliegenden Felsspalt. Von jetzt an hielt sie sich etwas weiter vom Rudel weg. Kokshulan brachte Beute, lenkte Ajtugans Aufmerksamkeit auf sich, drückte sich zur Erde und wimmelte. Nachdem er das zufriedene Murren der Wölfin hörte, kehrte er zum Rudel zurück.

* * *

Während der Großvater Basen das Gebetsritual Namaz durchführte, kletterte Mukash auf das Fohlen und ritt los. Das Fohlen ritt zunächst zur Schlucht, dann verlangsamte es seinen Gang und begann seinen Kopf zu schleudern und sich zu streuben, versuchte den Jungen von sich runter zu werfen, aber Mukash ließ es nicht zu: Entweder er packte ihn an der Mähne, oder er zog es am Zaum und schaffte es sogar ihn während dessen mit der Peitsche zu schlagen. Ihm gefiel es, das Fohlen zu zähmen, manchmal konnten er sogar ruckartige Sprünge bewältigen, doch der Junge verlor unerwartet seine Konzentration, als er die Gestalt des sich nähernden Großvaters erblickte. Dann warf das Fohlen Mukash auf die Wiese und ritt unbeirrt weiter. Der Junge fiel ungeschickt auf die rechte Seite, mit dem Gesicht in den Wermut, und schnellte enttäuscht wieder hoch. Mukash machte die Augen auf und spürte Hitze im Mund. Er war umgeben vom Geruch des Alkohols, drumherum lagen Scherben der zerbrochenen Flaschen. Der Mann hob mit Mühe seine Augen, im Kopf schallte es. Mukah kroch auf allen Vieren Richtung Ausgang, zum Licht, und putzte sich mit den Händen die Glasscherben ab, kaum den Würgereflex zurückhaltend. Er streckte seinen Kopf aus der Höhle, beugte sich über einen Stein und kotzte direkt am Ausgang Säre auf die Erde raus. An den Schläfen hämmerte es noch stärker, Schweiß bedeckte sein Gesicht, die Innereien brannten. Als sich der verwüstete und kraftlose Mukash in den Schnee warf und seine Augen in der strahlenden Sonne zusammen kniff, fühlte er plötzlich jemandes Anwesenheit.

– Ist es wirklich Bajtas? – Mukash überkam ein ihm bereits bekanntes, schweres Schuldgefühl, als ob er einen fremden Platz eingenommen hätte und ein fremdes Stück Fleisch gegessen hätte. Der Mann hob langsam den Kopf und sah ein Paar aufmerksamer Augen einige Meter von sich entfernt. Es war eine Wölfin! Er konnte ihren runden Bauch und hervorstehende Zitzen zwischen ihren Beinen entdecken. „Ein Stück Fleisch!“ – rief Mukash und lachte. Das Lachen klang laut und entwich gurgelnd und kreischend aus seiner Kehle. Mukash wälzte sich auf dem schmelzenden Schnee hin und her und lachte, hysterisch,bis er kaum mehr Atem hatte. „So bin ich selbst ein Stück Fleisch geworden“ , entschied er, doch erkannte mit Neugierde, dass die Wölfin sich gleichgültig von ihm fort bewegt. Sie ging bis zur Lücke zwischen den Felsen unweit der Höhle, vor der Mukashs jetzt lag und setzte sich dort hin.


* * *

Die Anwesenheit der Wölfin spornte Mukash an, er verspürte Angst, Durst und Hitze zugleich. Ein klares, volles Lebensgefühl, wie in der Kindheit, als er das Fohlen ritt, ein Gefühl, welches, so schien es, längst verloren war. Damals fiel er irgendwo hier, neben der Höhle, vom Pferd. Rechts standen Kästen mit Flaschen voller Kognak und Whiskey, mit Bier und Mineralwasser. Mit zitternden Händen machte Mukash eine Wasserflasche auf und trank gierig etwas mehr als die Hälfte. Neben den Kisten lagen Konserven in Verpackungen und ein paar Tüten mit Nahrungsmitteln. Hunger hatte er keinen. Der Mann fegte die Scherben zu einem Haufen zusammen und schaute vorsichtig nach Außen. Die Wölfin lag auf der selben Stelle und schaute in seine Richtung. Mukash beschloss, die Sachen zu ordnen, die chaotisch neben dem Ausgang lagen. Er fand Selbstgerbranntes, ein paar Flaschen Spiritus und einen Kessel. Dann machte er den Schlafsack auf, um sich hinzulegen, doch zuvor überlegte er sich, dass man irgendwie den Eingang zur Höhle verschliessen sollte. Er ging heraus, schaute auf den Rollstein neben dem Eingang und beschloss, den Eingang mit Steinen zu versperren. Etwas ungeschickt legte er einen runden Stein,den man leicht hin und her schieben konnte, neben den Eingang. „Wenn die Wölfin hier ist, dann ist das hier das Rudellager!“ – verstand plötzlich Mukash, Schweiß strömte wieder auf seine Stirn, er trank das Wasser aus und nahm den Spiritus. Feuer würde nicht schaden. Im Laufe des Tages verließ Mukah einige Male die Höhle , beschäftigte sich mit der Einrichtung, rauchte, die Wölfin lag immer noch auf der selben Stelle. Der Anzahl der leer getrunkenen Flaschen nach zu urteilen, befand er sich hier schon den vierten Tag. Mukash hatte schon früher darüber nachgedacht, warum das Saufen immer drei Tage lang dauerte und am vierten wehrt sich der Organismus gegen den Alkohol. Gorbatsch, sein ständiger Mittrinker, hatte diesbezüglich eine eigene Theorie, nach welcher Mukash kein Alkoholiker sei. Nach Gorbatschs Meinung leidet ein Alkoholiker mehr an der Abwesenheit des Alkohols als von seiner Verfügbarkeit. Und wirklich, Mukash schaute mit Ekel auf die Reihe der Flaschen, die nebeneinander standen, von Whiskey bis Bier. Gorbastsch fand, dass Mukash ein tiefliegendes, soziales Problem hat. „Du hast besondere Anforderungen an die Menschen, sei etwas einfacher“ , – sagte der Penner-Philosoph. „Das heißt, die Wölfe wissen über mich Bescheid, und wenn sie mich noch nicht gefressen haben, werden sie mich wahrscheinlich auch ganz in Ruhe lassen“, dachte Mukash und erinnerte sich an den Alten Basen. Der Alte hielt die Wölfe für die aller klügsten und gerechtesten Wesen. Wenn man ihnen nicht droht und kein Anzeichen von Angst zeigt, werden sie nicht feindlich gesinnt sein, sagte der Alte. „Vielleicht ist die Wölfin in Wirklichkeit unsere Urmutter“ . dachte sich Mukash.

– Sei gegrüßt, Mutter! – sagte zärtlich Mukash, sich an die Wölfin wendend und diese brummte als Antwort. Er lachte wieder, das zweite Mal an diesem Tag, fühlte wieder Freude und Angst gleichzeitig wie eine leuchtende Explosion. Und er verstand, wie lange es her war, als er letzte Mal so frei gelacht hatte.

– Guten Tag, Mutter! – wiederholte er selbstsicherer und fing plötzlich an zu weinen, bitter schluchzend.
Die Wölfin wurde aufmerksam, streckte den Hals heraus und fing an zu heulen. Mukash wurde still, als er das Heulen hörte.
– Mach dir keine Sorgen, Mutter, nun ist alles in Ordnung, – sagte Mukash und zitterte. Auf dm Hügel, im Strahlen der untergehenden Sonne, erschien ein großer, grauer Wolf. „Kokshulan!“ – flüsterte Mukash und erinnerte sich, wie der Großvater einmal einen Wolf aus einer altertümlichen Legende beschrieben hatte. Der Mann wich instinktiv zurück und war erleichtert, dass er sich ein Versteck geschaffen hat. Er legte die Anschaffung unter die Fakel, den Spiritus und die Streichhölzer neben sich und verharrte. Aufmerksam beobachtete er den Wolf zwischen den Steinen. Der Wolf näherte sich der Höhle. Nach ein paar Schritten blieb er stehen, schaute in Mukashs Richtung und ging weiter, zur Wölfin. Er warf die Beute, welche er zwischen den Zähnen hielt, auf die Erde, direkt neben Ajtugan und murrte. Die Wölfin gab ebenfalls ein antwortendes Knurren von sich.

Mukash versteckte sich in der Höhle und bemühte sich, kein Laut von sich zu geben, er beobachtete die Wölfe. Wie viel Zeit verging, war unklar, aber es dämmerte. Als Mukash in der Dunkelheit für ein paar Sekunden die feurigen Augen des Rüden direkt vor dem Eingang bemerkt hatte, fing er an erschrocken ein Streichhölz nach dem anderen anzuzünden, doch der Wolf war aus seinem Blick verschwunden. Genauso plötzlich wie er auch aufgetaucht war. Mukash bemerkte, dass der Rüde die Wölfin immer zur Nacht hin und bei Sonnenaufgang aufsuchte, deswegen bemühte er sich in der Höhle zu bleiben und kein Feuer zu machen, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch der Wolf fühlte seine Anwesenheit. Jedes Mal blieb er neben der Höhle stehen und blickte herausfordernd hinein. Der feurige Blick Kokshulans durchströmte ihn, er ließ den Blick senken und der Wolf, hob den Kopf und ging stolz vorbei. Mit seinem selbstsicheren Blick erinnerte ihn Kokshulan an seinen älteren Bruder Isa.



* * *

– Isa, nun nenne die Namen deiner Urgroßväter bis zur siebenten Generation, – sagte Ramazan-ata und senkte sich auf das Kissen.

– Zuerst, Erasyl, der Sohn Karahs, dieser war der Vater von Oraz, dann Ryspaj, Sohn…- zählte Isa die Namen auf, bis er Zaman erreichte – der Urgroßvater, hier wurde er langsamer: – Ramazan, der Sohn Zamans, dann mein Vater…
Das Gesicht des Alten war von einem fröhlichen Lächeln erfüllt, er umarmte den Enkel und küsste ihn auf den Scheitel.
Mukash wollte sich auch unterscheiden, der Junge erinnerte sich nach dem dritten Mal an die Namen der Großväter. Und am nächsten Tag, als der Großvater Ramazan sich wie gewohnt an das Kissen lehnte nach dem Beshparmak, setzte sich der Junge neben ihn und trällerte laut:
– Zuerst Erasyl, der Sohn Karashs, Oraz, der Sohn Erasyls…- doch als er bemerkte, wie Ramazan die Augen zusammen kniff und die Mutter rot wurde, senkte er den Blick und schwieg. Isa zog ihn am Arm und zerrte ihn hinter sich in das Zimmer.
– Mukash, du sollst das nicht aufsagen, – sagte er stumm.
– Und warum? – fragte mit Tränen in den Augen Mukash.
– Ich sagte du sollst nicht, also solst du nicht! – schnitt der Bruder ab. Isa sprach zum ersten Mal mit ihm in einem solchen Ton, und Mukash verstand, dass zwischen ihnen ein Unterschied war, den er nicht verstand. Er und Mutter verließen an diesem Tag Großvaters Ramazan Haus. Aber Isa blieb bei ihm wohnen. Seitdem nahm die Mutter Mukash nie wieder mit ins Zentrum. Und sie brachte Isa in den Ferien allein zum Großvater Ramazan. Das Einzige, was Mukash verstand, war , dass er an irgendetwas schuld war. Seine Schuld wurde ihm später erklärt, von den Nachbarsjungen. Erst beschmissen sie ihn mit Steinen und beleidigten ihn als stammeslos, dann posaunten sie, dass seine Mutter ihn von Got weiß wem geboren hatte. Isa beschützte ihn vor den Jungs und stellte klar, dass Mukash kein Waisenkind ist: er hat eine Mutter, einen Bruder und den Großvater Basen-ata.
– Du musst damit klar kommen und es dürfen keine Fragen mehr gestellt werden, und ich werde dich nie wieder von irgend jemandem beleidigen lassen, – sagte der ältere Bruder.

* * *

Mukash wachte bei Sonnenaufgang von einem lauten Geräusch auf. Ein Teil der Felswand im Inneren der Höhle splitterte ab und krachte über ihm zusammen. Er sprang auf, wich den Steinen aus und schaute aus der Grotte heraus. Dann sah er, dass von oben eine eisige Schicht Schnee herunter gefallen war. Kokshulan wird bald da sein, und die Höhle ist frei. Er begann mit Zittern Schnee und Eis zu schaufeln, Steine heraus zu holen, bis er alles gereinigt hatte. Dann baute er sich erneut ein Versteck. Der Großvater sagte, dass bei einem Treffen mit einem Wolf, man diesem in die Augen schauen muss, dann wird er vor dir zurück weichen. „Soll kommen, was kommt!“ – dachte Mukash. Er glaubte fest daran, dass er sich diesmal selbst überwinden kann und dem Blick des Wolfes stand halten wird. Doch Kokshulan kam nicht an diesem Morgen und die Wölfin wurde immer unruhiger. Mal versteckte sie sich in der Höhle, dann kam sie wieder raus. Und dann verschwand sie ganz aus seiner Sicht. Am Mittag näherte sich Mukash beunruhigt aber vorsichtig dem Felsen und vernahm kaum hörbare Bewegungen und ein schmatzendes Geräusch. Er schaute ins Innere. Die Wölfin lag, zu einem Knäuel zusammen gerollt, neben ihr quiekte ein kleiner schwarzer Welpe, einen anderen Wolfswelpen leckte die Wölfin ab. Als sie das Herannahen des Menschen hörte, blickte sie ihn mit einem stacheligen Blick an. Leid und Müdigkeit überschatteten ihre Augen, was an einen Menschen erinnerte. Mukash war erschüttert. Er spürte eine Auswegslosigkeit, weil er nicht helfen konnte, sich nicht um sie kümmern konnte. Genauso, wie er einst seiner Mutter nicht helfen konnte. Im gleichen Augenblick verstummte der schwarze Welpe, streckte sich und begann zu schnarchen. Die Wölfin warf den anderen Welpen, der etwas heller war, auf seinen Platz zurück und begann den schwarzen Welpen zu lecken, bald begann dieser zu piepsen. Dann legte Ajtugan den schwarzen Welpen neben sich und begann den hellen zu lecken, der aber noch kaum mit seinem Bauch atmete und kein Geräusch von sich gab.

– Verluste, meine Liebe, Verluste. – sagte Muktash traurig und Ajtygan knurrte leise zurück.Er wusste, dass man sich den Welpen der Wölfin besser nicht nähern sollte, versteckte sich , als der kleine schwarze Knäuel sich zu ihm drehte. Mukash hatte das Richtige getan, als er sich zurück zog. Als er die Höhle betrat, erschien Kokshulan auf dem Hügel mit Beute zwischen den Zähnen. Der Wolf näherte sich der Felsspalte, ohne dem Menschen auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Kokshulan ließ die Beute fallen und ging hinein. Ein Symposium verschiedenster Laute eerklang: Heulen, Bellen, Winseln und Knurren. Bald sprang der Wolf wieder nach draußen. „Ich habe das Gefühl, sie geht mit mir besser um, als mit ihm, – dachte mit einem Lächeln Mukash. Und der Wolf nahm die Beute zwischen seine Zähne und trug sie langsamen Schrittes zu der Wölfin. Man hörte verschiedenen Stimmen knurren und der Wolf kam wieder heraus. Er legte sich neben die Höhle und lag so da bis zur Nacht, hob von Zeit zu Zeit seinen Kopf und jaulte, etwas mit der Wölfin besprechend.

* * *

Die Mutter sichte dahin innerhalb von ein paar Monaten, und eine Woche vor ihrem Tod, brachte sie der Krankenwagen in das Gebiets-Krankenhaus. Als Isa sein letztes Examen absolviert hatte, konnten die Brüder gemeinsam zu ihr fahren. Ihre Mutter freute sich über ihr Erscheinen, streichelte und küsste ihnen die Hände. Sie hatte jedoch keine Kraft mehr zum Reden. Und die Brüder fürchteten sich, sie an zu blicken. Auf dem hohlwangigem Gesicht blieben nur noch die Augen. Sie saßen mit ihr bis es dunkel wurde, bis die Krankenschwester sie aus dem Raum vertrieb. In dieser Nacht schlugen sich die Brüder zum ersten Mal. Isa schlug vor, bei dem Großvater Ramazan zu übernachten.

– Nein, ich komme nicht mit, ich bin doch ein Bastard! Geh selber, ich werde hier sitzen bleiben, neben dem Krankenhaus, – sagte Mukash.

– Gut, dann bleibe ich auch, – antwortete Isa und setzte sich neben ihn auf die Bank. Doch Mukash wurde von einem Zorn, der sich in all den Jahren angesammelt hat, zerrissen und begann seinem Bruder zu erklären:

– Wenn Mutter nicht mehr da ist, kannst du mich in Ruhe lassen und zum Großvater Ramazan ziehen.

– Rede keinen Unsinn, Mutter wird wieder gesund.
– Du kannst für immer zu deinem Großvater Ramazan ziehen. Du brauchst dich für nichts mehr zu schämen.
– Wofür soll ich mich, bitteschön, schämen?
– Du schämst dich für mich und unsere Mutter. Ich sehe, wie du mich anblickst, von oben, wie auf einen Straßenköter…
Er besann sich erst, als Isa ihm einem Schlag in den Kiefer verpasste und ihn auf den Boden fallen ließ. Mukash sprang auf und warf sich mit Fäusten auf seinen Bruder.

Die beiden wurden vom Wächter des Krankenhauses auseinander gerissen. Zuerst führte er sie in einen Erste-Hilfe Raum, wo man ihre Wunden versorgte, und dann ließ er sie in seinem Zimmer schlafen. Am nächsten Morgen wichen sie den Blicken ihrer Mutter aus, sie schämten sich für die vielen blauen Flecke und die Schrammen im Gesicht. Ihre Mutter nahm sorgenvoll all ihre Kräfte zusammen und kreichzte:
– Isa, Mukash…Haltet zusammen… – und dann begann sie keine Luft mehr zu bekommen. Mukash rannte los, um Hilfe zu holen, und als er mit der Krankenschwester zurück kam, erstarrte die Mutter mit einem offenen Mund auf dem Kissen. Sie hielt noch immer die Hand Isas fest.
Nach der Beerdigung fuhr Isa mit seinem Studium in die Stadt fort. Er schrieb Briefe, die Mukash wiederum, ohne sie gelesen zu haben, verbrannte. Mukash kam nicht einmal zu seiner Hochzeit. Auf der Beerdigung des Großvaters Basen stieg Isa aus dem Auto, umarmte Mukash und heulte bitter los.. Mukash weinte auch, drückte sich an seinen Bruder und als er den Kopf hob, sah er seinen Neffen, Isa wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Junge blickte mit Vorsicht und Unglauben auf Mukash. Dann drückte Mukash Isa weg und ging zur Tür und verstellte sich, als ob er andere Verwandte treffen wollte.

* * *

Zwei noch halb blinde Wolfswelpen wurden von Tag zu Tag erfahrener, sie ernährten sich nicht nur von der Milch der Mutter, sondern auch von der großzügigen Beute Kokshulans. Er brachte jeden Tag bei Sonnenaufgang Beute, immer wenn der Himmel begann sich im Osten rot zu färben. Er erbrach das Fleisch vor die Pfoten der Welpen, bis diese ihre Schnauzen in den Brei stießen und begannen zu essen. Mukash sah die Welpen zwei Wochen nach der Geburt. Zwei Welpen, der eine – schwarz, der zweite mit dem gleichen Fellmuster wie Kokshulan, sie krabbelten aus der Höhle und,begannen von dem grellen Morgenlicht benommen laut zu piepsen. Sich an das Licht gewöhnend, erforschten diese plump den Raum neben der Höhle, fielen von der einen Seite auf die andere. Mukash wollte sich ihnen nähern, sie anfassen, mit ihnen spielen. Doch er beherrschte sich , denn Kokshulan war nun immer in ihrer Nähe. Der Mensch hatte keine Angst vor der Eifersucht der Wölfin, er wollte nicht unter die Augen des Anführers kommen. In der Anwesenheit des Wolfes fühlte Mukash sich nicht einfach nur fremd, sondern unnütz in der Wolfsfamilie. „ Er hat recht, ich sollte mir auch bald eine Familie anschaffen“ – dachte er. Die Wölfin stupste die Welpen mit der Schnauze und brachte sie nach unten zum Brunnen. Kokshulan ging ihnen nach. Bevor er sich verstecken konnte, blickte sich Ajtugan um und schaute auf Mukash, und dann blickte auch der Anführer in seine Richtung. Mukash konnte zum ersten Mal seinen Blick halten. Kokshulan senkte als erster die Augen und verschwand aus seinm Blickfeld.
„ So haben wir auch den Winter überstanden. Ehre dem Erhabenen!“ erinnerte sich Makash an die Worte des Großvaters. Er konnte nie verstehen, warum Großvater sich dessen so freut, da es doch so gewöhnlich und selbstverständlich ist. Und nun war er selbst über das Herannahen des Frühlings froh und wollte Isa wieder sehen. Er fühlte, wie sehr er seinen Bruder vermisste, von dem er sich so lange abgewendet hatte. Vor dem Schlaf wand er sich hin und her, stellte sich seine Rückkehr vor, suchte er nach Worten, die er ihm sagen würde, bevor er ihn umarmte. Mukash hörte das weite Heulen der Wölfe, schaute auf den hellen Mond, der gerade zunahm und an sich zog, und schlief wie bei einem Wiegenlied ein.

Und schon verwandelte sich Kokshulan, der auf dem Berggipfel stand, in einen Vogel, streckt die Flügel aus und fliegt hoch zum Mond, und gleich nach ihm bewegt Ajtugan ihre Flügel und gewinnt an Höhe. Und dann zwei Küken – sie folgen ihr und werden Teil des unsichtbaren Stroms, der im Himmelskreis verschwindet.

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