Talgat Dairov: „Machambet Burannyj“

Talgat Dairov

Erzählung: Machambat Burannyj“ – „Eine heilende Fortsezung

Veröffentlicht in: Daktil.kz; Febr. 2020; Nr. 5

Übersetzung: Polina Stoppel-Beise

In dieser Gegend fuhren die Züge wie gehabt von West nach Ost und von Ost nach West.

Tschingis Aitmatov: „Und Länger als die Ewigkeit dauert ein Tag!“

Viele Jahre sind vergangen seit der alte Edike gestorben ist, der einst den Namen Burannyj erhalten hatte, aber auf seinem Bahnsteig (Zwischenhaltepunkt) hatte sich nichts verändert. Züge schwirrten vorbei, Menschen wechselten sich ab, im Winter bedeckte feiner Staub gleichmäßig mit einer matten Schicht die Gleise. Kamele standen (ebenfalls) hoheitsvoll über dieser trostlosen (oder über dieser ungemütlichen) Welt und Weltraumschiffe durchstachen (durchfuhren) weiterhin den klaren Nachthimmel. Genau hier geschahen all die ungewöhnlichen Ereignisse, über die ich euch erzählen möchte. Zu seiner Zeit klopfte es an einer kalten Dezembernacht, kurz vor Neujahr, an der Tür  Machambet Abbassovs,  eines alten Gleiswächters. Und während  er sich zum Türaufmachen aufrappelt, werde ich euch den Hintergrund der Geschichte vorstellen. Der ehemaliger „Herrscher“ (Usurpator) des Gleishaltepunktes „Boranly – Burannyj“, der raue Edikge, verließ uns in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts, nachdem er zuvor vor 5 Jahren seine Frau verloren hatte. Er wurde genau dort begraben, wo zuvor der Patriarch Kazangapa beerdigt wurde, auf dem vertrauten Friedhof „Ana.Beit“. Weder Freunde, noch Verwandte Burannyjs konnten aufgefunden werden, und der traurigen Tradition folgend beerdigte ihn sein Nachfolger, Machambet Abbasov. Auf seinen letzten Weg begleiteten Edige drei Menschen: ein Traktorist, ein Mulla und sein Nachfolger (der neue Bahnwächter/Gleichwächter).

Einst lebte Machambet in einer grünen und gemütlichen Stadt, Alma Ata, hatte ein warmes Haus am Fluss Wesnovskaja, eine gute Arbeitsstelle und eine Familie. Und Alles in Allem war gut, so wie es war. Aber all dies nahm plötzlich sein Ende. Zuerst verlor er seine geliebte Frau bei einem Autounfall. Dann, In Afghanistan, starb heldenhaft sein einziger Sohn und seine Verlobte verschwand gleich am nächsten Tag zusammen mit der neugeborenen Enkelin, ohne auch nur die Rückkehr des gezinkten Sargs abzuwarten. Und Machambet blieb völlig vereinsamt zurück. Dieses Leid, auch wenn es ihn nicht umgebracht hatte, hatte ihn dennoch sehr verändert. Er behielt zwar seine Form und seine Sinnesklarheit, aber verschloss sich hinter einer rauen (harten) Fassade, verbannte die Vergangenheit (aus seinem Bewusstsein) und verlor völlig den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes. Und weil er nicht mehr im Stande war, all das zu ertragen, was ihn umgab und an die Vergangenheit erinnerte, verkaufte er seine Wohnung und verließ für immer diese winterliche, grau-matschige Stadt. Mehrere unendlich sehnsuchtsvolle Jahre dauerte seine Reise an.  Am Fluss Aktuba hatte er durch wilden Fischfang sein Geld verdient. In Karaganda verlud er Schwarzkohle. Trank Wodka in Achinsk. In Ufa musste er sich wegen Disenterie im Krankenhaus behandeln lassen. Manchmal (nächtigte) übernachtete er in Moskau oder in Uralsk, um am nächsten Tag wieder in irgendeine Richtung zu verreisen.  Während er fast ganz Eurasien durchkreuzte, wiederholte er fast schon die Route Tschechovs, und stand schließlich am Ufer der Buchte von Terpenj auf der Halbinsel Sachalin und schaute in die dichte, schneebeladene See hinaus. Sachalin roch nach feuchtem Nebel und (der poronaischen) Tundra. Aber diese riesige Sonne, die eillos im Ozean versank, und diese schwere, bleierne See, riefen nur einen weiteren Anfall von schwermütiger Sehnsucht in ihm hervor, und er floh wieder gen‘ Westen. Die Reise war lang und (umwegig) umständlich. Er kämpfte sich durch Wälder und setzte über eiskalte Flüsse über. In Ulan Bator kreuzte sich sein Weg mit einer alternden Burjatin und er beabsichtigte sogar zu bleiben und standesamtlich zu heiraten. Aber nach einem Monat setzte er sich an einem trüben Morgen per Anhalter auf einen Kamaz und fuhr Richtung Heimat. Auf diese umständliche Art, fernab jeder Logik und ohne genaues Ziel, erreichte er an einem klaren Maitag im Nirgendwo der Steppe den Gleishaltepunkt „Burannyj“.

Für gewöhnlich hielt hier der Zug für ungefähr zehn Minuten und Muchambet beabsichtigte hier eigentlich nur eine oder zwei Zigaretten zu rauchen, aber er fand niemanden, der Feuer hatte. Er schaute sich um. Irgendwo am Anfang des Zuges waren die dunklen Gestalten der Schaffner erkenntlich, aber diese waren zu weit weg. Irgendetwas zwang ihn plötzlich sich umzudrehen. Es war kein Schrei und auch kein Geräusch. Es war intuitiv, als ob er einen fremden, lastenden Blick auf seinem Rücken verspürte. Ein Zeichen, oder ein Aufruf, kam aus der Steppe. Eine unsichtbare Macht zwang ihn still zu stehen und in die Ferne zu lauschen. Die Steppe erinnerte im Frühjahr  mit ihrem Geruch der Unendlichkeit an das Meer.  Eine leichte Brise streichelte zärtlich die ultramarinblauen Gräser.

Das hämmernde Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges durchfuhr (die Luft) wie eine herannahende Flut und wandelte sich in völlige Ruhe und in eine klingende Stille der Steppe. Und dann entschied sich Machambet zu bleiben, fernab vom Geräuschpegel tausender Vorräume, Lautsprecher, fernab vom fremden Lachen und Geheule, von der trunkenen Bahnsteighektik und den unaushaltbaren Erinnerungen. Er sprang in sein Kupe, schmiss sein Zeugs in den Rucksack und stieg vollends aus. Der erste Mensch, den er auf dem Bahnsteig erblickte, war Edige. Sie begrüßten sich, schauten einander an und klärten (wortlos) jeder für sich unverzüglich das Unabdingbare (das Notwendigste). Das Schweigen brachte sie gar näher. Eine bemerkenswerte Tatsache war, dass beide kaum merkbar an den amerikanischen Schauspielern Charles Bronx erinnerten: das gleiche Faltenmuster, das die Augen am Rand zusammenzog, ein grauer buschelartiger Schnurrbart, und eine sturre Undurchdringbarkeit (Gesichtszüge mit ausgeprägten Wangenknochen). Machambet bot seine Hilfe bei der Arbeit an. Edige nickte (stimmte) zu. Mit einer Handbewegung lud Edige ihn ins Haus ein und schenkte ihm einen starken Tee ein. Der humpelnde Hausherr geleitete ihn dann in seine Stube. Es war ein schmales und langgezogenes Zimmer mit einem (verschwommenen) (matten) Ausblick auf vorbeifahrende Züge, in der Ecke, leicht verbeult, stand das Bett, an der Wand hing ein abgenutzter Teppich. Es roch nach etwas Vertrautem und lang Vergessenem. Das Gedächtnis Machambets ließ einen biographischen Schnappschuss aus seinem Lebens auferstehen. Ein dunkles Zimmer, Sonnenstrahlen, die durch nicht ganz geschlossenen Fensterläden hereinfielen und der schmale Rücken seines Großvaters bei seinem Morgengebet. Machambet setzte sich vorsichtig an den Rand des Bettes und verspürte eine unglaubliche Müdigkeit.  Die Stube gab ihm ein Gefühl von Geborgenheit, das ihn umarmte, wie einst seine Großmutter, als er auf ihrem Schoß saß. Er kniff aus ganzer Kraft die Augen zusammen, um nicht zu weinen. Als er wieder die Augen öffnete, war das Zimmer leer und die Tür fest verschlossen.

Ungefähr vor ein paar Wochen vor diesem traurigen Ereignis ergab sich zwischen den Beiden ein ernsthaftes Gespräch. Erstaunlich, aber weder Edige noch Machambet sprachen sich je zuvor irgendetwas von der Seele. Über das Wetter, über die Gleise, über Reparaturen, über die Vorbereitung von Brennholz oder Kies, über anstehendes Alltägliches oder Weggleitendes, aber noch nie über die wichtigen Dinge im Leben. Dabei wussten beide, dass diese Art von Gespräch irgendwann kommen würde. Die Zeit verging und die Notwendigkeit (Unausweichlichkeit einer solchen Unterhaltung) reifte heran. Wie ein ausgereifter Saft aus Aport-Äpfeln, der bereits über den Kelchrand floss. Und irgendwann war es soweit. Diese Notwendigkeit stürzte auf deren Köpfe herab. An diesem Abend, nach der Besprechung aller Pläne für Morgen, mussten beide erst mal eine längere Zeit schweigen (hüllten sich beider zuerst ins Schweigen).  Machambet rauchte und genoss die Ruhe und die Wärme (, die ihn umgaben). Hinter dem Fenster wirbelte ein Sturm. Es war März. Und im Feuer des rot erglühenden, gusseisernen Ofens (Kanonenofens)  knirschte rhythmisch der Saksaul*.

Edige strich sich über seinen Schnurrbart und starrte schweigend auf die emporsteigenden, kreiselnden Funken. (Ein unerwartetes  Bedürfnis stieg in Machambet auf), und er fing an zu erzählen. Er erzählte dem alten Bahnwärter alles: über sich selbst, über seine Familie, über sein Leben davor und danach, zeichnete dieses gleichsam ohne den gewohnten Schmerz, ruhig und aus der Ferne. Seine Erzählung dauerte bis spät in die Nacht.  Der alte Wächter hörte ihm mit irgendeiner besonderen, ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu. Er musste es während seines langen Lebens an diesem  (fern abgelegenen) Bahnhaltepunkt  erlernt haben. Worte eines Menschen, der neben ihm saß, die Schreie eines Vogels hoch über ihm im Himmel, das Heulen des Windes im Schornstein – Alles, absolut alles konnte auf etwas Wichtiges und Unvermeidliches deuten. Die Steppe und die Einsamkeit lehrten ihn sowohl zu hören, und, was noch wichtiger war, zu zuhören. Die gesamte Zeit über fühlte Machambet, wie der Alte seine Worte verinnerlichte; aufmerksam und geduldig; Edige versuchte jede Einzelheit zu verinnerlichen und Machambet durch keinen (sonderartigen) Blick zu unterbrechen, weder tadelnd noch zustimmend. Dies machte es dem Erzählenden einfacher. Machambet fühlte einen kaum fassbaren Durchbruch von etwas Leuchtendem, Warmen und lang Vergessenem. Ist denn eine Beichtrede vor solch einem Zuhörenden, das Öffnen seiner Seele, das Ausschütten seiner ihn  überwältigenden und trüben Unentschiedenheit, die nachts seine hintersten (dunkelsten) Gedankenwinkel überschwemmte und ihm den Schlaf raubte, ihm Sorgen bereitete und von Innen verzehrte (und zermürbte), ist das denn nicht die beste Therapie.

Als sich seine Erzählung dem Ende neigte, verspürte Machambet zum ersten Mal in seinem Leben, bestehend aus  endlosen Zugreisen, wie etwas immer mehr in seiner Brust nachlässt, wie von seinen Schultern riesige, vermooste Steinbrocken herab fallen. Seine Erzählung beendete er mit seinem unerklärlichen Wunsch, hier in der Bahnwärterhütte bleiben zu wollen.

„Es ist die Steppe, die mit dir sprach – und du hast sie gehört“, sagte Edige leise.

Dann fuhr er nachdenklich fort: „Und das ist sehr, sehr gut …“

Danach schwieg er für eine längere Zeit und schaute dabei durchs Fenster. Das Licht der schaukelnden Lampe spiegelte sich im Fensterglas und versank dann in seinen alten Augen. Machambet kam es sogar vor, dass es in der Küche dunkler geworden ist.

Sich besinnend, fuhr der Wärter fort: “ Ja-a, man kann sie nur hier hören. Lausch…“ – der Alte beugte sich abrupt vor – „ich habe noch nie jemandem davon erzählt und werde wohl niemandem mehr, außer dir.“

Im faden Licht zeichneten sich seine Wangenknochen skulpturartig ab, in seinen Augen tanzten funkelnde Lichter.

„Verstehst du, dieser Ort teilt die Welt in zwei Hälften. Auf der einen Seite ist die Welt, so wie sie ist, auf der anderen, so, wie sich der Mensch dieses Leben denkt. In der Steppe ist alles so, wie es ist. Wir trinken, wenn wir Durst haben, essen, wenn wir hungrig sind, schlafen, wenn wir müde sind und sterben, weil wir leben, und nicht wegen unseren Gedanken (Vorstellungen). Wir leben „hier und jetzt“ und nicht „Irgendwann und später einmal“.  Aber dort von woher du geflohen bist, ist alles umgekehrt. Irgendwann einmal, vor langer, langer Zeit, konnte ich mich nicht entscheiden (festlegen). Ich blieb in diesem Türdurchgang stecken. Aber jetzt weiß ich endlich, dass…“

Seine letzte Phrase sagte er sehr leise und anscheinend nur zu sich selbst. Aber anstatt fortzufahren lächelte der Wärter einfach. Und an dieser Stelle endete deren ernsthaftes Gespräch. Zwei Wochen darauf, sitzend auf einer uralten Bank und in die schwache März-Sonne schauend, verstarb der Alte. Er sah dem steinernen Bal-Bala* verblüffend ähnlich. Die gleiche geologische Ruhe, der gleiche reliefartige, nach unten zeigende Schnurrbart. Verwunderlich, aber Machambet, der den Alten an seiner Hand hielt, verspürte nicht die Anwesenheit des Todes. Es gab kein Stöhnen (Schnorcheln), keine Konvulsionen oder anderweitige düsteren Attributive. Es schien, als wäre der Wächter einfach irgendwohin davon gegangen und hinterließ dabei seinen Körper aufgrund dessen Unbrauchbarkeit. Man konnte sogar hören, wie die Gartentür knarrend zufiel. In der Steppe wirbelte der Staub hoch und bewegte sich ins Nirgendwohin Richtung Westen. Nach der Beerdigung stellte sich Machambet auf die kleine Welt eines Bahnwächters ein, die aus schwerer Arbeit, dem Hämmern der Zugwaggons, und aus dem Geruch von Wermut und durchtränkter Gleise bestand.

Zehn Jahre in der Steppe schmelzten unbemerkt dahin. In der Hektik verflog das Leben, blinkte mit gelben Fenstern, hinterließ leere Flaschen, Kippen und ande16rweitige Zeugnisse des Bahnlebens. Die ferne Welt verlor für Machambet jeglichen Inhalt und er lebte im Hier und Jetzt. Ein tiefer Hass auf seine Vergangenheit und die Angst vor dem „Nichtsein“ der Zukunft zeichneten in seinem Kopf eine Grenze, hinter die er sich bereits seit Jahren nicht mehr hinaus wagte. Aus eigenem Antrieb (konzentrierte er sich auf den heutigen Tag, und ein Morgen genau so wie ein Gestern existierten nicht für ihn. Die Routine und das Lesen von Büchern einer Dorfbibliothek war alles, womit er das letzte Jahrzehnt verbracht hatte. Jeden Winter vollbrachte der Wärter Abbasov größere und kleinere schwerfällige Arbeiten, von denen niemand etwas wusste (niemand auch nur ahnte). Und die Öffentlichkeit mied er. Im Winter ist die Steppe objektiv, wenn nicht sogar auf ihre Art vulgär, sodass man selbst ein Meter von der Haustür entfernt, erfrieren kann. Machambet jedoch riskierte sein Leben und seine Gesundheit völlig selbstlos; abgestumpft erstickte er  jeden abstrakten Sinn seines Daseins. Eines Tages erblickte ein durchreisender Journalist aus seinem Schlaf-Coupe heraus, gleich einer Fata-Morgna, in der frostigen Weite der schneebedeckten Wüste eine zwischen den Hügeln irrende Silhouette. Ob es Machambet gewesen ist, sei dahin gestellt, obwohl es sonst niemand hätte sein können. Dieses Bild hatte den jungen Mann so verblüfft, sodass er nachts nicht einschlafen konnte, und er versuchte nachzuvollziehen, was dieser Mensch dort zu suchen hatte und ob es überhaupt ein Mensch gewesen ist? Er schlug sich so lange mit diesen Gedanken herum, bis der jahrelang schweigende Lautsprecher begann mit einer krächzenden, jedoch durchaus dramaturgischen Stimme zu verkünden. Transliert wurde ein Ausschnitt aus einer Erzählung:

„…mit einer Decke umhüllen endlose Stürme immer noch die Steppe mit ihren menschenleeren Fluss- und Seeufern. Und nach der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr erscheint (endlich ) das zerrissene Sonnenlicht, welches allein die Steppengräser auferstehen lässt. Und bis es soweit ist, begießt der eingetrübte Diskus der matten Sonne über dem Horizont den verzinkten, tiefhängenden Himmel und verspielt dabei dem lebendigen Glänzen des Schnees, welcher die unumfassbare Weite dieser trübseligen Pampa bedeckt. Im Winter sind diese „kosmischen“ Freiräume hoheitsvoll einsam (menschenleer). Die schneidende Kälte verjagt alles Lebende.  Sie sprengt den Granit des Felsens „Balbalan“ und verlangsamt den elektrischen Strom, der von Mast zu Mast überfließt. Es wäre unvorstellbar, dass es sich jemand erlauben könnte, diesen hoheitsvollen Rückzugsort des Schnees, der Stürme, der Kälte und des Todes zu betreten (zu stören). Und plötzlich, all dem trotzend, erschien zwischen den Hügeln, eine aus dem Nirgendwo kommende, flimmernde Zeichenfolge von Spuren, die sich vom Horizont weg zielstrebig bis zum Kiesbelag zwischen den Gl eisen erstreckte. Es waren Menschenspuren. Erst am Morgen legte sich der wilde Schneesturm, der zwei Tage hintereinander wütete. Aber jemand hat sich ihm trotzend entgegengestellt und unterschätzte diesen zugleich. Derjenige, der diese Spuren hinterlassen hatte, weichte keinen einzigen Schritt aus und steuerte hartnäckig aus der Tiefe der Steppe zu den Bahngleisen. Was war das für ein Wesen, das sich dem Jähzorn der „Windgeister“ entgegenstellte? Warum war es hier? Was war der Grund: Zufall, ein Wunschtraum oder das Schicksal?“

Plötzlich war das Rauschen der Radiowellen so stark, dass die Stimme anfing in diesen unterzugehen. Dann folgte Stille. Nach einer Minute, jegliches Radhämmern und das Wellenrauschen übertönend, fuhr das Radio fort, aber diesmal in einem umso mehr durchdringlichen Tember:

„Viele tausende von Jahren, von Haus zu Haus, von Jurte zu Jurte, von Schloss zu Schloss, und vom Bazar zum Bazar streifte dieser Mensch umher.  Er ist wohlwollend und gut, sowohl Soldaten, als auch Hausfrauen respektieren ihn, Kinder, Hunde und Kamele liebten ihn. Er hat viele Freunde, die er besuchen möchte. Er hinkt. Sein rechtes Auge ist von einer weislichen Filmschicht (vom grauen Starr) bedeckt, sein (finsteres) dunkles Gesicht ist übersäht von Narben und Falten. Niemand fragt ihn, woher er kommt, alle sehen in ihm einen alten Bekannten. Er erscheint unbemerkt am Lagerfeuer und ist dankbar auch nur für eine Phiale mit „Kumys“. Und dann streichelt er das Kleinkind, bastelt geschickt eine Pfeife aus einem Strohhalm und gibt diese dem glücklichen Buben. Er spricht kaum, aber hört aufmerksam zu. Er hört so zu, wie dies sonst niemand auf Erden vermag. Die Menschen erwarten keinen Rat von ihm. Ihnen reicht allein schon sein Blick, welcher, wie der Kosmos (das Weltall) unwiederbringlich ihre Ängste und Sorgen in sich hineinzieht. In seinem sehenden Auge ist nur Anteilsnahme, keine Verurteilung. Dieses Auge kann man nicht anlügen. Die Menschen fühlen dies. Ganz besonders Kinder. (Sogar) die Tiere fühlen es (auch). Die Kasachen sagen, sein Name sei „Kdyr-ata“; Er erscheint kurz vor dem Fest „Nauryz“ und verschwindet dann bis zum nächsten Frühjahr.“

Es sei dahingestellt, ob das Radion wirklich zu dem Journalisten sprach, aber bei seiner Ankunft skizzierte er seine Eindrücke nach dem Motiven des Gehörten und zog sogar die Aufmerksamkeit des leitenden Redakteurs auf sich.

Machambet fuhr jedoch fort nichtsahnend in seiner Bahnwärterhütte zu existieren. Mit der Zeit verschleierten seine Erinnerungen, verloren ihre Schärfe, verwandelten sich düstere Geister (Dämonen). Nur der Gedanke an seine Enkeltochter, die er nur ein einziges Mal halten durfte, meldeten sich mit einer zuckenden Sehne an der Schläfe. Lebt sie? Ist sie glücklich? Sie kam ihm vor, wie ein junges Kälbchen, und das sanfte Atmen und der Geruch der Neugeborenen kratzten an seiner bis zum Spiegelglanz abgeschliffenen Seele. Selbstverständlich kehrte er immer wieder mal zu dem Gedanken an Gott zurück, wie über eine sonderbare Instanz, die das Klagen ihrer Klientel begutachtete, jedoch war dieser hinter die Grenzpfosten seines eingezäunten Bewusstseins hinaus gezwängt worden. Dennoch aber wandte er sich manchmal, in Augenblicken der Ruhe, zum endlosen, ruhigen Himmel, oder vielleicht an eine vorbeifliegende Wolke, und flehte lautstark um Beistand für das Mädchen.

Eines Tages im September, nach einer plötzlichen und schweren Erkältung, hatte Machambet zum ersten Mal seit vielen Jahren einen Traum. – Die Schule seiner Kindheit mit zwei runden Steinen (Pfosten) vor dem Eingang, ein abgescharbter Eingang mit zwei Türläden, und sein lächelnder Sohn in Schuluniform. Der Sohn sagte etwas, was man nicht verstehen konnte, und nur an seinen Lippen konnte man – „Papa, Alles wird gut!“ – ablesen.

Ja, das war im September. Und jetzt ist Ende Dezember…

An dem eingerosteten Türriegel herumzerrend, hörte Machambet das Wegfahren eines Autos.  Vor der Tür stand ein Mädchen im Alter von zehn Jahren, eingewickelt in ein „Orenburgisches Tuch. Der Ausdruck der schwarzen Augen erschien ihm wage vertraut. Nach einigen Sekunden der Verwirrung fragte er (endlich):

„Was möchtest du, Tochterherz?“

„Lebt hier der Bahnwärter Abbasov?“

„So ist es… und was ist passiert?“

Machambet war plötzlich beunruhigt und versuchte sich den wegfahrenden Jeep zu merken.

„Und ich heiße Asja!“ , sie verbesserte sich – “ Asia Abbasova!“.

Etwas seltsames geschah in diesem Moment mit Machambet. Die Sehne über dem Auge zuckte immer schneller und schneller; es war das Gefühl eines verlangsamten Fallens (eines Falls in der Zeitlupe). Er starrte in ihre dunklen Augen und ließ das Mädchen gleichsam (in sich ) hinein. Sie ging hinein. Die schimmernde Lampe fing das skeptisch dreinschauende Gesicht ein. Die vertrauten Züge, beerdigt unter den Trümmern seiner Erinnerungen bekamen, gleichsam Photographien in einer Projektionswanne, eine fast unaushaltbare, schmerzliche Schärfe – sein Sohn schaute auf ihn, so, wie er ihn im Traum gesehen hatte. Genauso sah er auch auf dem einzigen Familienfoto vor dem zentralen Blumenbeet im Gorkij-Park aus, und welches unser buranischer Wächter nicht vermochte zu verlieren.  Der „kopfüber geworfene“ Fussboden ließ sein Bewusstsein erlöschen, eine „ägyptische“ Dunkelheit floss in seine Augen. Machambet wachte von schwerelosen Berührungen an seinem Gesicht auf, irgendjemandes verschwommene Gestalt verdeckte das Licht. Das Bewusstsein kehrte zusammen mit einer geschärften Wahrnehmung zurück. Fast schon außer Atem schlug das Mädchen ihn auf seine Wangen und schaute erschrocken in seine Augen. Er setzte sich hin, schüttelte mit dem Kopf, und versuchte gleichsam eine Sinnestäuschung loszuwerden. Doch sogleich umklammerte eine festklebende Angst sein Herz. Ein Traum oder  Alles real? Aber nein; Alles war an seiner Stelle: die Enkelin, die schaukelnde Lampe und der Kopfschmerz. Da saßen sie nun, hielten sich an den Händen, er und die Enkelin mit dem wundervollen Namen, Asja!

Die Geschichte von Asia Abbasova unterschied sich nur wenig von tausenden Geschichten zurückgelassener Kinder. Die Mutter der Neugebohrenen, die sich damals nicht mehr besinnen konnte, tauchte zusammen mit der Kleinen in Moskau unter.  Ihre „Freunde“, die sie beherbergten, waren in Wirklichkeit Drogendieler, und die junge Frau, die ihr Kind mit dubiosen „Pflegemüttern“ in der Nähe der Metro-Station „Strogino“ zurückließ, verlor zusehends ihre menschliche Würde, als sie mit dem „neuzeitlichen“ Strohhalm der Epherde „flöten“ ging (sie war heroinabhängig und saß „auf der Nadel). Dann verloren sich ihre Spuren.  Das Jugendamt brachte das gerade mal ein halbes Jahr alte Mädchen unter in einer Pflegestätte für Säuglinge, und als sie das entsprechende Alter erreichte, wurde sie in das Kinderheim Nr. 251 gebracht, das sich nicht weit von der Metro-Station „Wasserstadion“ befand. Hier begann sie zu sprechen zu lesen, und was noch wichtiger war, zu träumen, dass eines Tages die Tür aufgehen würde, und liebende Eltern, wenn auch nicht die leiblichen, sie abholen würden. Dank einer glücklichen Konstellation der Umstände war die Kartei des Mädchens vollständig erhalten und wartete hoffnungsversprechend zusammen mit hunderten weiteren solcher Dokumente in einer Kiste.

Die 90-er Jahre standen an und „unser lodernder“ Zug kam an seiner Endstation an. Genau in diesem für das ganze Land historischen Moment kam auch für Asja die Stunde „X“. Die neue Direktorin des Kinderheims, namens Poleuneva Ekaterina Evanovna, ordnete an die persönlichen Karteien der Kinder aus zu sortieren,  die eine ungewisse (Herkunft) Staatsbürgerschaft hatten; oder wie sie es gern zu sagen pflegte, die der Nicht-Russen oder „Vagabunden“. Der bürokratische Durchzug verwehte die Lasten der „schwarzäugigen“ Waisenkinder durch allerhand Botschaften und konsularische Vertrettungen der ehemaligen Sowjetrepubliken. Es war einem märchenhaften Zufall zu verdanken, dass während der Vertreter des Generalkonsuls in den zerknitterten Listen herumwühlte, auf eine ihm bekannte Familie stieß, und feststellen musste, dass er, nachdem er mit der Schwester der Mutter telefoniert hatte, tatsächlich ein entfernter Verwandter Asjas ist. Von traurigen Blicken ihrer Waise-Freunde begleitet, verlässt unsere Heldin das Kinderheim, und kehrt als fünftes Kind zurück nach Alma-Ata in die Familie ihrer Tante. An dieser Stelle hätte auch Alles sein Ende finden können. Aber das Schicksal hat sich entschieden, das Mädchen nochmals auf die Probe zu stellen. Der Pflegevater von Asja, ein angesehener Geschäftsmann in Alma-Ata, umgeben von Gold und einflussreicher Gesellschaft, verstrickte sich in eine dubiose Affäre und wurde eines frühen, sonnigen Morgens zusammen mit seiner Frau und seinem Vertretter in einer Autoexplosion getötet. Die Winde des Schicksals, die sich für einige Zeit gelegt hatten, hoben Asja wieder hoch und kreisten diese, vorbei an fremden Korridoren und Vorzimmern, durch die wilden Fänge vetternwirtschaftlicher Kriege. Die Aussicht auf ein Kinderheimleben stand wieder in der Luft. Aber zum Glück entschied sich eine weitere Tante, die sowohl ihr Gesicht wahren, als auch sich von einer unangenehmen Last entledigen konnte, die Koordinaten des Großvaters, Machambet, ausfindig zu machen.  Das Gespräch mit Asja fiel ihr leicht, und dann: einhundert Dollar und die Kartei (mit der Geburtsurkunde) auf die Hand – und ein angemieteter schwarzer Jeep, der uns schon zu Beginn unserer Erzählung begegnet ist.

Eine ganze Woche lang erzählte Asja Machambet die Geschichte ihres kurzen Lebens, und er hörte  aufmerksam zu; sein Gesicht verkrampfte sich in Folge seines Mitgefühls und seiner Machtlosigkeit jetzt noch irgendetwas daran rändern zu können. Dennoch aber lächelte er, lächelte durch Tränen hindurch, vom ganzen Herzen und aus seiner ganzen Seele heraus. „Mein Blutströpfchen, mein Enkeltöchterchen, sitzt hier und rattert vor sich hin, unaufhaltsam, genauso, wie der Sohn in ihrem Alter. Hier und Jetzt!“

Der 31. Januar stand an. Machambet kehrte früher von der Arbeit zurück und half Asja den in einen Tannenbaum umwandelten Kehrbesen zu schmücken. Der Saksaul knisterte feierlich im Ofen, wohlrichendes  Aroma abgekochten Fleischs lag in der Luft.  Das letzte, was an diesem Tag noch erledigt werden musste, war der Geleit eines um einundzwanzig uhr dreißig am Bahnposten vorbeifahrenden Zuges. Der Großvater zug sich an, schaute auf seine eingenickte, voller Zufriedenheit lächelnde Enkelin, sich gleichsam seines Glücks sichergehend, und nahm eine Laterne mit. Der Handelszug kam nach Zeitplan, aber Machambet schaute noch lange dem schimmernden Leuchten des Zuges nach. Zum ersten Mal in seinem Leben warf der Anblick des sich entfernenden Zuges die Frage auf: „Wohin fährt er wohl?“ Zusammen mit dem Auftauchen der Enkelin in Machambets  Leben, erlangte auch das Morgen seine Realität, und das Leben bekam einen Sinn und ein Ziel. Der früher so vertraute Bahnwärteposten wurde klein und ungemütlich, und die ferne Welt verführte plötzlich mit neuen Perspektiven, neuen Fragen und angenehmen Alltagsorgen. Die Zukunft lächlte leise und versteckte sich hinter den Abbiegungen des Weges. Machambet fühlte, dass er an einer Schwelle stand, die er bereit war zu übertreten.

In Anlehnung an einen Epilog

Als Machambet den Handelszug begleitet hatte und noch einige Zigaretten zuende geraucht hatte, ging er, so, wie ihn dies eins Edige gelehrt hatte, an den Gleisen entlang und begutachtete deren Zusatand (die Risse  in den Gleisen). Nicht weit vom Bahnposten entfernt erkannte er eine merkwürdige, schleifende Spur, die Richtung Schlagbaum führte. Als der Wärter seine Laterne darauf richtete, wurden rote Flecken sichtbar, die an Blut erinnerten. „Könnte es sein, dass irgend wer unter die Gleise gekommen ist?“, dachte Machambet und folgte der Spur, mit der Hoffnung den Kadaver eines Schakals zu finden, die ab und zu an Bahnwegen entlang streiften. Im Bezirkszentrum gab es immer noch Auszahlungen für abgegebene Felle. Die Spur führte zu einem Absturz, der sich hinter einer Aufwallung versteckte. Ein Lichtstrahl durchdrang die absolute Dunkelheit und zeigte auf ein Objekt, das von Weitem an einen Sack erinnerte. Sich herannähernd, schrie Machambet auf. Der Sack war ein Mensch. Ein kaum vermerkbares Stöhnen deutete darauf hin, dass dieser noch am Leben war. Der Versuch ihn auf den Rücken zu drehen blieb erfolglos. Ein riesiger, alpiner Wanderrucksack war im Weg. Machambet leuchtete noch ein Mal hin und warf sich zurück; im kurzhaarigen, massiven Kopf war ein großes Loch, aus dem das Gelee des Gehirns heraus. „Ein toter Mann“, dachte Machambet, entschied sich aber dennoch Erste Hilfe zu leisten. Auf der Suche nach einem Verband machte Machambet den großen Rucksack auf und fror auf der Stelle ein. Anstatt Kleidung, Huhn und Frikadellen in einer Plastikbox, belichteten die Strahlen der alten Laterne, enggezogene, grünliche Päckchen amerikanischer Dollar, die man aus dem Kino kannte.

Ein Gedanke ist schneller als das Licht. Genau mit dieser Geschwindigkeit zeichnete sich in Machambets Kopf der nächste Handlungsalgorithmus ab. Schon bald wird dieser Leidende für immer schweign. Seine Kleidung, Dokumente und weitere identifizierende Gegenstände konnte man einfach verbrennen und die Leiche konnte man etwas weiter in den Absturz hineinziehen und unter dem Geröll verschütten. Erst recht, da es in dieser Gegend von Wölfen und Korsaken nur so wimmelte, und bis zum Frühling würde die Göttin Umaj alles verschlingen. Machambet kehrte noch vor Neujahr zurück und zählte die Päckchen durch – es waren fast einhundet Stück. Asja schlief leise atmend und zusammengepfercht, gemütlich auf einer alten Truhe. Sie lächelte im Schlaf.

Nach einigen Monaten, genauer gesagt, am 1. September, küsste ein älterer, schnurrbärtiger Mann mit einem asiatischen Erscheinungsbild ein zehn jähriges Mädchen und half ihr in einen gelben Bus zu steigen, auf dem stand: „School Bus. Green County“. Er holte eine Zigarette raus und drehte sich die Kleidertaschen abklopfend um, in der Hoffnung, einen Raucher zu erwischen.  Aber dabei stieß er nur auf die abwertenden Blicke der Frauen in deren bunten, langen Blusen.

Timur Nigmatullin: „Ich lüge nicht, Mama“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Kaptel I. Als erster darf  man nicht lügen

„Nässt er auch ein?“ fragte eine dicke Frau mit einem Schal über den Schultern und schaute meine Mutter an, „wie alt ist er?“

„Acht,“ antwortete ich, „Ich scheiße.“

„Also!“ die Mutter zog mich am Ärmel, „er ist sechs. Das war ein Witz. Sind sie die letzte in der Schlange?

„Da ist die letzte,“ die Dicke presste die Lippen aufeinander, verwandelte diese in einen Hühnerhintern, und nickte Richtung der buckligen Alten, die vor dem Arztzimmer saß.

Die Mutter ließ meine Hand nicht los, ging in die Mitte des Flurs und setzte sich auf die Bank.

„Sind sie die letzte?“

„Sie nagt bis zum Fleisch. Beißt es mit der Wurzel aus,“ antwortete die Alte und zeigte auf ihre Hand. Die Nägel auf den Fingern waren heraus gerissen, an ihrer Stelle schaute rosa Fleisch  hervor, wie ein zerkautes Würstchen.

„Schau nicht hin,“ meine Mutter bedeckte meine Augen, „geh spielen, so lange du noch Zeit hast.“

„Was ist denn nun mit dem Ihrigen?“ fragte beunruhigt die Dicke und rückte näher zu uns. „Stottert er? Meiner nässt ein. Das nervt, in der ganzen Wohnung riecht es nach Urin. Die Stirn ist schon erwachsen, sollte schon mit Weibern beginnen, und er pisst ein,“ sagte sie und setzte sich dicht zur Mutter, „der Ihrige ist auch etwas seltsam! Wahrscheinlich betrunken gezeugt?“

„Hören Sie!“ die Mutter wurde aufbrausend, „was wollen Sie?“

„Nichts,“die Alte wurde beleidigt und ihr Gesicht verwandelte sich in einen Hühnerhintern, „diese Geheimnistuerei. Sie sind wohl eine aus der Intelligenzija.  Ihr wollt alle rein  bleiben. Aber daraus wird nichts!“

„Der Ihrige wird geschlagen,“ sagte ich und zeigte zum Fenster, „hören Sie, wie er weint?“

„Wo?“ Die Dicke sprang plötzlich von der Bank auf und rannte zum Ausgang. Hinter ihr lief gebeugt die Alte, in solch einem Aufzug, dass mir ganz schwindelig wurde. Solche Kühe habe ich bei meinem Vater im Fleischkombinat gesehen: In den Augen sind Tränen, sie verstehen es und gehen trotzdem…

Die Dicke kam zurück und atmete schwer:

„Was, ist er immer am lügen? Da hat niemand niemanden geschlagen. Warum lügst du die Erwachsenen an? Mal sagst du, du seist acht, mal, dass sie meinen Dima schlagen. Er spielt ganz ruhig mit Alisa.“

„Geh du auch spielen,“ sagte die Mutter streng, „geh nur nicht zu weit weg.“

Ich rannte nach draußen. Mir entgegen kam die Alte im gleichen Aufzug wie vorhin. Bereitet sie sich auf den Tod vor, dachte ich und ging auf den Hof.

Im Sandkasten unter dem Dach saßen Dima und Alisa, sie bauten entweder ein Schloss oder eine Burg. Ich erkannte den Unterschied zwischen den beiden Bauweisen nicht. Hier wie dort sind Türme, Wände, Schießscharten. Onkel Naum sagt, dass bei vielen Dingen unseres Lebens der Unterschied nur im Namen liegt, in Wirklichkeit sind sie ein und dasselbe. Er brachte noch ein Beispiel. Nach diesem Beispiel spricht Babaj nicht mehr mit mir, ich habe ihn wohl, einen Kommunisten und Kriegsveteranen mit Faschisten gleich gesetzt. Aber das bin nicht ich, das ist Onkel Naum.

„Was baut ihr? Und wer sind die Insassen?“

„Menschenesser, „ sagte Alisa, „die haben jemanden gegessen.“

Ich schaute mit Interesse das Mädchen an. Weiße Strumpfhose, Sandaletten mit Blümchen an den Verschlüssen, auf dem Kopf eine rote Schleife. Das Gesicht dünn und lang gezogen. Der neben ihr sitzende Dima anders, aufgedunsen, dichte Brauen und einer großen Stirn. In Märchen nennt man so welche wie ihn Herrschersöhnchen.

„Wie alt bist du?“ fragte ich Alisa.

„Sieben,“ antwortete sie und starrte mich an. Nachdem sie das Gesicht studiert hatte, schaute sie  nach unten und blieb mit ihrem Blick auf meinen Händen hängen. Ich bemerkte, wie die Ecke ihres Mundes etwas schief wurde und sie ihre Zähne zeigte, ein dünner Spuck – Faden floss auf den Sand.

„Alisa,“ rief jemand leise in unsere Richtung, „wir müssen los.“ Die Alte streichelte Alisas Kopf, zog sie heraus aus der Abriegelung und stupste leicht ihre Schulter. Die rote Schleife wackelte bewegte sich kurz auf die Seite,  Alisa  hob wieder ihren Blick auf mich und als ob sie etwas kauen würde, schluckte sie die Spucke runter, „Papa wartet. Lass uns gehen.“

Dima und ich blieben alleine im Sandkasten. Es stellte sich heraus, dass er zehn Jahre alt war. Eine Burg bauen konnte er nicht, er malte auf dem Sand eine Sonne, mit mehreren Sonnenstrahlen. Die Sonne wurde schief. Es war kein Kreis, sondern ein Oval und das ganze sah eher einem Tausendfüßler, welcher sich im Sand verirrt hat, ähnlich.

„Man sagt, ich sei ein Dummkopf,“ lächelte Dima, „Mama sagt, ich sollte Rente bekommen. Und wenn man Rente bekommt, darf man im Boroovyj umsonst baden gehen. Bekommst du auch Rente?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Mama sagt, dass ich das von Papa habe. Der sei auch ein Dummkopf. Nur bekommt er keine Rente. Hast du einen Vater?“

„Habe ich,“ sagte ich, „er arbeitet im Fleischkombinat.“

Dima beendete seine Zeichnung, stieß mit einem Zweig in den Sand und hinterließ ein löchriges Sandfeld. Er machte es mit solch einer Monotonie, sodass er tiefe Gräben hinterließ und sich der nächsten  Reihe widmete.

Ich fand es langweilig daneben zu sitzen und beschloss das Territorium des Krankenhauses zu inspizieren. Das Gebäude war durch einen hohen Eisen-Zaun umschlossen. Ich versuchte drüber zu klettern, aber nach dem dritten erfolglosen Versuch beschloss ich, dass, die Erkundung des Zaunes ebenfalls eine Aufgabe sei und ich begab mich in Richtung Wärterhäuschen, welches am Ende des Pfades lag.

Das Gebäude des Krankenhauses war halb so klein wie die Länge des Zaunes, dafür stand direkt dahinter ein Gebäude mit zwei Etagen aus grauem Stein. Auf einer blauen Tafel stand der Buchstabe „Z“. Das Gebäude war von Blumenbeeten umkreist. Ich umkreiste es und fand mich im Innenhof wieder, in dessen Mitte anstatt eines Sandkastens, sich ein quadratisches Netz befand, das einem Basketballfeld ähnelte. Innerhalb des Netzes, gingen in einer Kette hintereinander Männer in gestreiften Anzügen. Ich ging ganz nah an das Netz und steckte meinen Finger hinein.

„Wohin, Kerlchen?“ kam aus der Ferne ein Schrei und im selben Moment spürte ich, wie jemandes Hände nach meinem Finger griffen, sie zogen mich näher zum Netz, hielten mich an den Haaren, sodass ich mein Gesicht nicht vom Netz nehmen konnte. An das Weitere erinnere ich mich nur dunkel. Gegenüber von meinen Augen öffnete sich ein riesiger Rachen, der etwas stinkendes ausatmete und zwischen der verfaulten Zähne entzündete sich eine Flamme, die sich schlangenartig entzwei teilte. Das Feuer leckte meine Wange und rutschte nach oben zu meinen Augen.

„Haltet ihn fest, ihr Fotzen!Ich bringe dich um!“ war das letzte, was ich gehört hatte, bevor ich das Bewusstsein verlor.

…Mama beugte sich über mich und weinte.

„Schon wieder bist du in Not geraten.“

„Gut, dass wir schnell zur Hilfe waren,“ sagte der Sanitäter im weißen Kittel, der in der Nähe stand und sich das Blut auf dem Ärmel weg wischte, „dort heilt man die ganz wild gewordenen. Man gibt ihnen Tabletten. Ständiger Hunger. Sie fressen alles was sie in die Finger bekommen. Seid hier vorsichtig.“

Ich schaute mich um. Im Inneren des Netzes war niemand mehr. Nur irgendjemandes Kleidung lag da herum und irgendjemandes Blut bedeckte den Asphalt.

„Du hast mir wieder einen Schrecken eingejagt,“ sagte die Mutter und wischte sich die Tränen ab, „versprich mir, deinen Kopf nicht in fremde Angelegenheiten zu stecken.“

„Ich verspreche es,“ sagte ich und sprang von der Bank auf, „wo sind Dima und Alisa?“

„Sie wurden eingewiesen. Nun komm, wir sind an der Reihe.“

Im Büro des Kinderpsychiaters  war es langweilig. Das einzig interessante war nur der Hammer, mit dem er einige Male auf meine Knie klopft, und ich, um ihn nicht zu verärgern, hob zweimal das Bein. Der Arzt sagte, dass er Onkel Anatolij Ivanovič heiße, man könne ihn auch Onkel Tolja nennen, und er reichte mir ein Bonbon.

„Diathese,“ sagte ich.

„Stimmt das?“ fragte  Anatolij Ivanovič die Mutter.

„Er phantasiert,“ atmete die Mutter auf, „deswegen sind wir zu Ihnen gekommen.“

„Hat er öfter so etwas?“ Der Arzt begann irgend etwas in sein Heft aufzuschreiben.

„Ständig. Ich höre von ihm nie die Wahrheit. Nach wem kommt er bloß?“

„Onkel Naum sagt, nach Gorbatschow.“

Anatolij Ivanovič hob die Augen, blickte erst mal auf mich, dann auf die Mutter, schmunzelte über irgend etwas und fuhr damit weiter fort, seine Aufzeichnungen zu machen. Als er diese beendet hatte, machte er das Heft zu, drehte den Kugelschreiber in seiner Hand und fragte:

„Wollen Sie sich mit ihm einweisen lassen?“

Die Mutter erzitterte.

„Anders geht es nicht,“ sagte Anatolij Ivanovič, „man muss so lange es noch nicht zu spät ist, ihn in die Realität zurück bringen. Er glaubt an das, was er erfindet. Das ist gefährlich. Wer ist Onkel Naum?“

„Ein Nachbar. Säufer. Aber ruhig, „sagte hoffnungsvoll die Mutter, als ob mein Schicksal in diesem Krankenhaus davon abhinge, dass der Nachbar zwar ein Säufer, aber ruhig ist.

„Er besucht ihn oft, wenn ich und mein Ehemann arbeiten. Müssen wir wirklich eingewiesen werden?“

„Warum bist du in den Käfig mit den Kranken geklettert?“ lenkte Anatolij Ivanovič das Gespräch in eine andere Richtung, „noch ein bisschen und man hätte dich in Stücke gerissen. Du weißt nicht, welche Menschen dort liegen. Hast du mit Alisa im Sandkasten gespielt?“

„Nein,“ ich wunderte mich, woher dieser glatzköpfige mit einer Glatze wie ein Knie, Arzt über den Sandkasten Bescheid wusste.

„Von hier aus sieht man alles,“ Anatolij Ivanovič zeigte zum Fenster, „außerdem hat sie es mir erzählt, sie sagte da sei ein Junge im Matrosenkostüm, ein schöner Junge mit schönen Fingern. Was sagst du dazu?“

Das aller abscheulichste ist, wenn man von zwei Seiten attackiert wird . Er hat mich aus dem Fenster beobachtet. Das hat Alisa ihm erzählt. Die Wahrheit ist noch abscheulicher, auch wenn sie nicht von dir stammt.

„Ich habe nicht gespielt,“ ich drehte mich weg von Anatolij Ivanovič, „sie hat gespielt.“

„Aha, ein Philosoph bist du also. Ja, ja. Die Sache ist eine andere. Hast du ihre Oma gesehen? Antworte nicht. Ich weiß es. Du hast sie nicht gesehen. Also. Die Alte mit den heraus gerissenen Fingernägeln. Von Alisa aufgefressen. Auf den Füßen die gleiche Geschichte. Alisa gewinnt Geschmack daran. Sie trainiert, kann man sagen. Und danach frisst sie es auf. Ob sie es raus haut oder lebendig abnagt, kann ich nicht sagen. Aber Fakt ist, dass sie es machen wird.

„.Was erzählen sie so etwas meinem Kind?“ rief die Mutter, „wie können Sie nur?“.

 Anatolij Ivanovič schaute erst mal sie streng an, dann mich.

„Du hast zwei Möglichkeiten, entweder du hörst auf zu lügen oder du wirst neben solchen wie Alisa liegen. Dima wird ebenfalls neben euch sein. Nur nässt er nicht unter sich ein, sondern unter andere. Ist das lustig?“

Die Mutter riss die Augen auf, schaute auf den Arzt und schwieg.

„Was sagst du?“ fragte  Anatolij Ivanovič und machte eine Pause, „du hast die Wahl.“

Ich schaute auf die Mutter. Sie war bleich wie Kreide, welche ich morgens im Kindergarten von der Tafel klaute und aß.

„Dann lege ich mich hin,“ sagte ich und machte die Hände zu Fäusten.

„Lügt er?“ fragte der Arzt die Mutter.

„Er lügt,“ sagte die Mutter und begann meine Sachen zu packen, das heißt wir können gehen?“

„Das geben Sie ihm abends. Das ist nichts Schlimmes. Ein Kräutersud,“ sagte  Anatolij Ivanovič und reichte der Mutter ein Blatt Papier. Beim Verlassen des Büros blieb sie kurz stehen, drehte sich um und fragte:

„Sollen wir Onkel Naum meiden?“

„Warum?“ wunderte der Arzt, „soll er ihn ruhig besuchen. Zu mir – wieder in einem Monat. Wir sehen dann was raus gekommen ist. Nun, lerne lesen,“ blinzelte mir  Anatolij Ivanovič zu und wischte sich seinen Kopf mit einem Taschentuch ab.

Nachts, vor dem Einschlafen, reichte mir die Mutter irgend eine Flüssigkeit, die nach einer Wiese roch. Auf der Oberfläche des Suds schwammen irgendwelche orangen Blätter.

„Wie heißt die Arznei?“ fragte ich die Mutter.

Diese las mir den Namen auf der Schachtel vor.

„Calendula oder Ringelblume“

„Was denn nun – Ringelblume oder Calendula?“

„Was gefällt dir besser?“ die Mutter streichelte meinen Kopf, „das wähle aus.“

Ich schaute auf meine Finger.

„Ringelblume, glaube ich.“

„Lügst du auch nicht? Erinnerst du dich, was der Onkel Doktor gesagt hat?“

„Ich lüge nicht,“ antwortete ich , wünschte ihr eine gute Nacht und deckte mich zu.

Nachts schrie Onkel Naum hinter der Wand und bat Gorbatschow darum, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen.

Kapitel II. Tatarisch-Unterricht

Meinen Opa nenne ich Babaj. Im Tatarischen heißt es Opa. Und die Oma nenne ich Abika, was übersetzt Oma heißt. Mehr tatarische Wörter kenne ich nicht und nun sitze ich hier und lerne sie mit Babaj in der Küche, während Abika bališ backt.

„Isenmesez“, sagt er zu mir und schaukelt im Schaukelstuhl: was bedeutet das?“

„Hallo“ antworte ich.

Welches hallo! Ein ganz schlechter Schüler bist du! Das heißt „Guten Tag“.

„Dann guten Tag!“

„Ati?“

Ich hebe die Augen zur Decke und mache den Anschein, als ob ich mich erinnern würde. In Wirklichkeit verstehe ich nicht, wie man Ati übersetzt, dafür erinnere ich mich, wann im Kinostudio „Oktober“der Film „Der kurze Abschluss“,  anläuft, den ich schon fünf Mal gesehen habe und noch einmal sehen könnte, wenn ich alle Fragen Babajs richtig beantworte.

„Also was heißt Ati?“ fragt er ,

„Papa,“ errate ich und treffe es auf den Punkt.

„Sehr gut Balam,“ freut sich Babaj und spricht  Abika auf tatarisch an, dann dreht er sich zu mir und reicht mir ein Blatt Papier und einen Stift.

„Und nun einen Aufsatz zum Thema „Heimatstadt“.

Babaj hat vergessen, dass ich weder schreiben noch lesen kann, ich kann nur sprechen und daran erinnert ihn Abika: „Ana alty jel. Er kann es noch nicht.“

„Dann werde ich schreiben, und du sollst lesen.“  Babaj hält den Kugelschreiber  über dem Blatt und beginnt zu schreiben.

„Wir leben in einer kleinen Stadt.“ Ich suche Bilder für den Aufsatz und schaue aus dem Fenster, welches einen Ausblick zum Fluss bietet, „diese liegt am schönen Fluss Išim. In diesem schwimmen Menschen und Segelboote. Wir baden jeden Tag im Fluss, wenn es draußen warm ist, obwohl wir nicht schwimmen können.“

„Beeile dich nicht,“ der Großvater wischt die Brille mit einem Tuch ab, „was hatten die Boote?“

„Segel,“ sagte ich und fahre fort mit dem Vortrag, „am Abend fahren Papa und ich Tretboot oder gehen angeln. Eines Tages sind wir von der Brücke in den Fluss gesprungen, er nennt diese „Visjačka.“

„Maskara,“ Abika drehte sich zu uns, „hörst du, was er sagt?“

„Tretboote und Angeln,“ Abaj schafft es fast nicht, es aufzuschreiben, „wie weiter?“

„Weiter machten wir ein Floß, schwammen den Išim entlang von der Datscha bis zum Dorf Kirovo und sangen ein Lied,“ ich stand vom Tisch auf und sang, den Schlagersänger Kobzon nachahmend. „Und du weine nicht und sei nicht traurig, meine teure, wenn ich im Meer ertrinke, dann ist es mein Schicksal!“

„Astagfirullah,“ sagte Abika.

Babaj kam nicht mehr mit, hörte auf meinen Mist aufzuschreiben und zog die Brille aus.

„Ich habe das Gefühl, dass wir nicht  im Neuland leben, sondern am Hafen. Haben wir etwas außer deinem Išim nichts mehr in der Stadt? Da fließt er durch die Stadt, und weiter?“

Er floss in den Irtyš,“ antwortete ich.

„Und weiter?“

„In den Ob’“

„Und danach?“

„Und dann floss er in den Karasee!“

„Und die Obskaja-Lippe?“ Babaj stand vom Schaukelstuhl auf und näherte sich der Karte, die an der Wand hing, „weißt du noch, ich habe es dir beigebracht, dass zuerst von hier, „Er zeigte mit seinem Fingern auf den Punkt, welcher sich am Rand des Landes befand und mit brauner Farbe angemalt war, „und dann nur noch in die Karasee. Wo soll es am Ende hinführen?“

„In den Arktischen Ozean,“ sagte ich feierlich und ahnte, dass der Unterricht sich dem Ende neigte.

Babaj setzte sich wieder in seinen Schaukelstuhl und grübelte über etwas. Währenddessen holte Abika den Bališ aus dem Ofen, nahm ihn vom Backblech und stellte ihn auf den Tisch.

„Lasst uns essen,“ sagte sie und goss Tee mit Milch in die Schalen, „danach könnt ihr weiter lernen.“

Ich verschlang drei große Stücke des Apfel-Bališ und trank zwei Schalen Tee. Babaj schwieg die ganze Zeit. Er schwieg oft während des Essens. Ich war derjenige, der quatschte, sich auf dem Stuhl hin und her bewegte, mal aufstand und in ein anderes Zimmer lief, als ob ich das etwas wichtiges vergessen hatte. Dafür bekam ich Rüge, und wurde dazu gezwungen, mir ständig die Hände zu waschen.

„Und was kommt da raus?“ sprach endlich Babaj, „dein Aufsatz- welchen Sinn hat es? Was haben wir mit dem Fluss gemeinsam?“

„Gemeinsam?“fragte ich und und schnappte mir noch ein Stück Bališ  in dem Augenblick als Abika  bereits vom Tisch ab zu räumen begann.

„Kaue erst mal zu Ende,“ sagte sie „und antworte dann.“

Ich kaute den süßen, warmen, tatarischen Kuchen und drehte in meinem Kopf hin und her, was wir mit dem Fluss gemeinsam haben könnten. Warum habe ich mich überhaupt daran erinnert als ich über die Heimatstadt erzählte. Im Kindergarten bringt man uns bei, über das Korn zu sprechen. Wir malen ständig Bilder vom Korn. Goldene Ähre, goldenes Körnchen. Keine Stadt, sondern ein Kornaufbewahrungslager.

„Nun, du hast mit dem Išim begonnen,!´“ fing  Babaj an, mir Tipps zu geben, „also ob dein Fluss durch die Stadt fließt und dann in einen anderen Fluss mündet. Welche von den beiden ist dann der größere?“

„ Irtyš,“ sagte ich, „der ist größer.“

„Und  Irtyš mündet deinen Worten nach in einen anderen?“

„Also der Ob‘ ist noch größer,“ ich verstand den Tipp Babajs. „Und der Karasee, ich meine die Lippe am Anfang von der Ob‘, ist richtig riesig, und das Meer ist noch größer, und der Ozean nimmt die halbe Welt ein.“

„Das ist richtig,“ sagte Abaj, „und mündet…?“

„Und mündet…“ wiederholte ich.

„Was…“

„Was…“

„Wir…“

„Wir…“

„Wir sind Menschen, die am Ufer des  Išims leben.“

„ Išim“ ich wollte den Satz nicht laut aussprechen

„Wir sind auch an der Arktis beteiligt und gehören zum Beginn des großen Weges.“

„Das gibt es doch nicht,“ wunderte ich  mich ernsthaft und kratzte mich am Kopf, „Das ist ja was!“

„Und du dachtest,“ sagte Babaj zufrieden mit seinen Worten, „dass es die Heimatstadt ist. Das Heimatland. Verstehst du? Alles hängt irgendwie zusammen. Du sprangst von der Brücke in den  Išim und davon kam im Karasee eine Welle auf. Du hast gestern im Park den Baum getreten? Und ich Afrika fiel ein Baobab um, direkt auf einen Elefanten.“

„Ich werde es nicht mehr machen,“ ich wurde traurig wegen der gestrigen Tat, „wirklich, ich werde keine Bäume mehr treten.“

„Dafür hast du auf der Datscha Radieschen gesät. Und Radživ Gandi hat in Indien mehreren Kindern zu essen gegeben.“

„Mit Radieschen?“ fragte ich erstaunt, „etwa mit meinen Radieschen?“ „Uff,“ Abika wusch das Geschirr zu Ende und atmete laut auf, „gibt es nichts anderes, was du dem Kind beibringen kannst? Hat dein Kinofilm nicht schon begonnen?“

Ich erinnerte mich an den Film. Wenn man läuft, sind es bis zum Kinotheater „Oktober“ fünf Minuten. Die Uhr lesen konnte ich noch nicht. Ich versuchte mich an der Sonne zu orientieren, wie Gojko Mitič im Film „Čingačuk – die große Schlange,“ doch es klappte nicht. Onkel Naum sagt, das liegt daran, dass ich kein richtiger Inder bin. Nur nach dem Vater.

„Und wie viel Uhr haben wir?“ ich rutschte auf dem Stuhl hin und her und vergaß augenblicklich das Heimatland und die Radieschen für die hungrigen Kinder in Indien.

„Du schaffst es,“ Babaj nahm von der Sessellehne seinen gestreiften Pyjama, nahm aus der Tasche einen Rubel und reichte mir diesen, „hier, für ein Eis.“

Ich zog mir Sandalen an und lief zum Kinotheater, lief vorbei am ewigen Feuer, schaute auf die unbeweglichen Pioniere, die daneben standen, fing auf mir ihren stolzen Blick auf und flog weiter.

Das Kinostudio war voller Menschen. Ich winkte mit der Hand den mir bekannten Jungs zu, setzte mich bequem in einen Sessel und begann den Film zu schauen, dabei auf  dem Papierbecher vom Eis kauend. In dem Moment , als der Roboter Nr. 5 den Grashüpfer zerdrückte, verstand ich endlich die Worte Babajs über die Radieschen und über Radživ Gandi.

Julia Agentova: „Die Formel der Liebe“

Übersetzt von: Lena Muchin

Paul saß am Tisch und drückte mit seiner ganzen Kraft die Hände auf seine Ohren. Wenn er sie runter nahm, um eine Seite um zu blättern oder irgend etwas in sein Heft zu schreiben, hörte er aus dem Nachbarzimmer:

„Wir existieren für dich nicht! Nur Formeln…“

„Weißt du, das gehört zu meiner Arbeit!“

„Wofür hat man Neujahrferien? Damit sich die Menschen mit ihren Familien ausruhen…“

„Aber letztes Jahr warst du ihm Dienst!“

„Ja, und dieses Jahr nahm ich mir vier Tage frei, um bei euch zu sein. Du hast versprochen, mit mir ins Theater zu gehen. Ich habe bereits Tickets besorgt.“

„Nimm deine Freundinnen mit.“

Mir bleiben nur die Freuninnen!“

„Wir gehen auch mal hin. Nur später.“

Allein mir fehlt der Glaube! Wie oft hast du es schon verspochen?“

„Ninchen, ich bin doch nicht Schuld, dass die Einladung vom NII jetzt erst kam und, dass heute erst  die Listen bestätigt wurden.“

„Ja, ja! Du kannst nie was dafür.

„Ja, ich trage die Schuld! Aber es betrifft eben mein Thema!“

„Nur ich gehöre nicht zum Thema!“

Paul machte wieder die Ohren zu. Am meisten hasste er es , wenn die Eltern sich stritten. Es war dann so unangenehm auf der Seele, dass er, um sich abzulenken, eine Sammlung mit Matheaufgaben nahm und zu rechnen begann. Sein Vater war einer derjenigen, die die Sammlung zusammenstellten und die Aufgaben in der Sammlung waren sehr interessant. Wenn er an sie dachte, vergaß er alles um sich  herum. Doch der Knall der Tür war sogar durch die Hände zu hören. Wer war es diesmal?“ Paul wollte aufstehen, um zu schauen, aber nun betrat der Vater den Raum.

„Verzeih mir Sohn! Haben wir dich gestört?“

„Nicht wirklich…das ist nur so. Keine Hausaufgaben.“

„Und? Klappt es?“ fragte der Vater als er auf dem Tisch die ihm bekannte Sammlung sah.

„Ja, zwei Aufgaben habe ich schon gelöst…Pa, warum streitet ihr immer?“

Der Vater setzte sich auf das Sofa, senkte den Kopf  und fasste an sein ohnehin schon ausgeprägtes Kinn. Seine schwarzen Haare standen in alle Richtunge und die Augen, wenn er diese hob, schauten sie verzweifelt drein. Dann sprang er auf und streckte die Arme vor sich aus:

„Ich weiß selbst nicht, warum das so ist…verstehtst du, ich bin Wissenschafler, ich kann die aller schwersten Formeln lösen und der eigenen Ehefrau, deiner Mutter, kann ich gar nichts beweisen! Und die Formel einer guten Beziehung kann ich nicht ableiten. Ja, um wieviel ist doch die Mathematik einfacher als das Leben!“

Er atmete ein und fügte hinzu:

„Söhnchen, ich fahre weg, möchte aber, dass du und deine Mutter euch gut erholt. Hier ist ein wenig Geld, das habe ich für die Veröffentlichung bekommmen, kauf dir irgendetwas davon oder geh irgendwohin.“

Auf dem Tisch hinterließ er ein Päckchen Scheine.

„Gut Papa, mach dir keine Sorgen.“

Der Vater schmunzelte, streichelte den Sohn auf den Kopf und verließ das Zimmer.

Paul nahm das Gedl und beschloss etwas raus zu gehen. Er wusste noch nicht, was er kaufen sollte und setzte sich auf die Bank im Hof, um etwas nach zu denken. In seiner Seele fühlte er sich wie immer einsam, nicht nur wegen der Eltern. Als er gestern seine Klassenkameradin ins Kino einladen wollte, schaute diese finster drein, zuckte mit der Schulter und sagte:

„Nein, ich mag nicht. Lass mich in Ruhe,“

Vater hat recht. – Wenn es eine solche Formal  geben würde, sei sie auch so groß, wie ein Haus mit vier Stockwerken, er hätte sie trotzdem lösen können. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann. Aber eine solche Formel gib es nicht. An ihm ging ein alter Mann im Mantel und Filzstiefeln vorbei. Er blieb neben der Bank stehen und blickte aufmerksam auf Paul.

„Darf ich mich setzen, junger Mann?“

„Setzen Sie sich…“

Es gab zwar viel Platz aber  Paul rückte für alle Fälle ein Stückchen weiter.

„Warum bist du traurig? Es ist ja schließlich bald Neujahr, überall stehen Tannen,“ beugte sich zu ihm der Alte.

Paul schmunzelte:

„Welchen Sinn hat es? Die Tannen sind für die Kleinen.“

„Was wünschst du dir zum Neujahr? Hast du irgendwelche Wünsche?“

Paul zuckte mit den Schultern.

„Habe ich, aber diese können nicht in Erfüllung gehen.“

„Warum?“

„Weil diese nicht einfach sind.“

„Vielleicht kann ich helfen?“

Paul bekam einen Lachanfall.

„Nein, Sie können nicht helfen. Wir brauchen einen guten Mathematiker.“

Der Alte wunderte sich noch mehr:

„Wozu brauchst du einen Mathematiker?“

„Ich muss eine Formel ableiten.“

„Welche Formel brauchst du denn?“ Der Alte schaute Paul aufmerksam an mit seinen grauen, etwas feuchten Augen.“

„Also, eine solche…“

Paul schwieg, suchte nach Worten und klärte dann auf:

„Eine solche, damit sich die Menschen nicht streiten, dass sie grundlos eine Bitte nicht ablehnen, damit sie immer ein gutes Verhältnis zueinander haben. Um es kurz zu sagen, wie man sich so verhalten soll, dass…

„Weißt du es denn nicht?“

Paul zuckte mit den Schultern.

„Du brauchst also eine Formel der Liebe,“ sagte nachdenklich der Alte.

Er war irgendwie seltsam. Paul stand schon auf, um weg zu gehen, aber der Alte sagte plötzlich:

„Wir müssen nichts erfinden. Es gibt eine solche Formel.“

Paul schaute ihn verwundert an.

„Warte, ich glaube ich hatte einen Zettel dabei…“

Der Alte kramte in seiner Hosentasche, holte ein zerknittertes Blatt heraus, aus dem Brustbeutel des Mantel einen kleinen, fast ausgeschriebenn Bleisitft, drückte den Zettel auf die Bank und begann schnell etwas zu schreiben.

„Hier.“

Das konnte nicht diese Formel sein! Das war zu einfach: keine Brüche, keine Wurzeln und sogar keine mathematischen Ausführungen. Paul hob den Kopf, um es zu sagen aber der Alte war schon irgendwohin verschwunden.

Der Junge schaute wieder verständnislos auf den Zettel.

„Aufmerksamkeit, Verständnis, Sorge“ stand darauf geschrieben.

„Dummheiten!“ dachte Paul und warf den Zettel in den Schnee.

Er ging in den Supermarkt und die Worte schwirrten immer noch in seinem Kopf herum- „Auf-merksamkeit, Ver-ständns, Sor-ge“, – knirschte aus irgendeinem Grund der Schnee . Diese Worte formten sich auch aus den Lichtern der Reklame.

Paul irrte in dem Supermarkt umher, konnte aber nichts aussuchen. Und als er nach Hause kam, legte er sich früher ins Bett, da er sich Sorgen machte, dass er wieder die Streiterei der Eltern hören würde. Er erinnerte sich an die  Worte des Alten am nächsten Tag als er aufwachte. Es schien sogar, dass er von ihnen geträumt hatte, doch der Traum selbst, wie das häufig so ist, verschwand sofort aus der Erinnerung.

„Vielleicht liegt in ihnen doch etwas wahres?! Dachte Paul beim Frühstück. „Man sagt ja nicht umsonst, dass alles Geniale einfach ist“ und auf dem Weg zur Schule hob er den Zettel auf, der noch neben der Bank lag. Im Matheunterricht hatte er Zeit, um nachzudenken, Im Test hatte er zwanizig Punkte von zwanzig möglichen gesammelt, also musste er keine Berichitgung machen.

Rimma Anatol’evna gab ihm ein paar Aufgaben und bat ihn, Michel, der neben ihm saß , zwei Rechenaufgaben zu erklären.

Paul beschloss, die Rechenaufgaben nicht zu lösen, es würde heute diese sowieso keiner überprüfen und im neuen Quartal gibt es auch neue Hefte. Michel war nicht dumm, er war einfach aus dem Ausland und sprach schlecht Russisch, und konnte deswegen die Aufgaben nicht lösen. Als er seine Fehler verstanden hat, begann er die Aufgaben selbst zu lösen. Paul schaute auf die vor ihm sitzend Polina, auf ihre elegant geflochtenen Zöpfe und fragte sich, wie er bloß die Formel überprüfen könnte.

„Aufmerksamkeit…“

Paul schaute auf die Schulbank, dann unter die Schulbank, und schließlich auf den rosanen Rucksack. Auf dem Boden neben ihm stand eine kleine Tasche, aus welcher ein Teil eines weißen Schuhs heraus schaute. Schlittschuhe! Das wusste er doch: Polina geht Schlittschuhlaufen und nimmt deswegen manchmal Schlittschuhe mit in die Schule, um danach direkt zum Training zu gehen. Vielleicht sollte man sie nicht ins Kino rufen, sondern zur Eiskunstlauf-Show? Gestern im Fernshen kam doch Werbung dazu…er holte sein Smartphone heraus, ging ins Internet und flüsterte etwas in den Rücken des Mädchens:

„Polina, magst du mich zu einer Eiskunstlauf-Show begleiten? Im Sportschloss  findet eine statt.

Sie drehte sich um, ihre Augen glänzten vor Freude:

„Und wann?“

„Morgen.“

Zwei Falten bildeten sich zwischen ihren Augen. Der Ausdruck des Gesichts veränderte sich.

„Nein, morgen kann ich nicht.“

Sie drehte sich um und Paul dachte mit Enttäuschgung: „Ist doch alles Lüge!“

Doch nach dem Unterricht folgte er Polinka und dachte darüber nach, was er ihr noch vorschlagen könnte und warum die Formel nicht funktioniert hat. Vielleicht hat er irgendetwas falsch gemacht? Er erinnerte sich an ihr trauriges Gesicht und hatte plötzlich einen Einfall.

„Polinka, warte!“ er rannte zu dem Mädchen.

„Was willst du?“

„Hast du Schwierigkeiten? Vielleicht kann ich  helfen?“

Polina schaute ihn eine Sekunde lang forschend an und sagte:

„Ja, es gibt ein Problem. Soll ich es dir zeigen?“

Paul nickte und sie führte ihn zuerst Richtung Haus, in dem sie wohnte und dann zu den Garagen. Sie holte aus dem Rucksack einen langen Schlüssel und ging zur einer der Türen, hinter der ein Geräusch zu hören war. Polinka machte die Tür auf – zu ihren Füßen warf sich ein Hundewelpe, der anfing zu bellen, um Polina herum zu springen und Paul zu beschnuppern.

„Wie niedlich er ist!“ sagte Paul, beugte sich über ihn und streichelte das helle Fell.

„Ich habe ihn vor zwei Tagen neben den Müllcontainern gefunden. Er saß zwischen ihnen und zitterte. Gestern war es doch so kalt. Ich nahm ihn mit nach Hause aber die Eltern wollten ihn nicht bei uns aufnehmen. Die Oma wollte auch nicht. „Den Pfoten nach zu urteilen, wird er mal ein großer Hund werden, und ich habe eine kleine Wohnung,“ Polina machte belustigend die Stimme der Großmutter nach.

Und fügte hinzu:

„Also, ich habe zwei Tage Zeit, um für ihn ein Zuhause zu finden oder ihn ins Tierheim zu bringen. Ich habe eine Anzeige im Intetner geschaltet, aber es meldet sich keiner… also muss ich morgen ins Tierheim gehen. Und Verka Sokolova sagt, dass wenn ein Hund zu lange im Tierheim lebt, er dann eingeschläfert wird.“

Die Stimme des Mädchens zitterte.

„Woher soll Verka das wissen?“

„Sie hat es irgednwo gelesen…“

Paul verstand Polina. Der Kleine tat einem wirklich leid. Irgendwie musste man helfen. Nur wie? Er darf auch keinen Hund bei sich halten, er hatte schon mal darum gebeten. Um nicht in die Augen des Mädchens zu blicken, setzte Paul sich in die Kniehocke und begann den Hund im Nacken zu streicheln!!!

„Ich habe ihn Barsik genannt,“ sagte Polina plötzlich.

Und da hatte Paul eine Idee: Onkel Ahmet!

Anfang Dezember besuchte er mit seinem Vater  die Schmetterlingsausstellung im Zoo. Dort traf der Vater einen alten Freund – einen Wächter, der im Zoo schon  arbeitete, als der Vater noch klein war und den Kreis der Naturalisten besuchte. Onkel Ahmet lud die zu sich ein: er lebte nicht weit entfernt vom Zoo und hatte in seinem Haus einen Mini-Zoo: Papageien, Kanarienvögel, Hamster und sogar ein kleiner Fuchs, der fast zahm war, nicht biss und es sogar erlaubte ihn zu streicheln.

„Und wo ist Bars?“ fragte der Vater als sie schon gehen wollten. „Man hört ihn irgendwie nicht.“

Onkel Ahmets Gesicht verfinsterte sich.

„Er liegt im Sterben,“  sagte er heiser. „Sein Leben geht zu Ende…“

Sie gingen in den Hof und Onkle Ahmed rief leise: „Ba-ars!“ Aus der Hundebude schaute eine helle Schnauze mit Flecken auf der Stirn, hervor. Der Hund stützte sich auf die Vorderpfoten, konnte jedoch nicht ganz aus der Bude herauskommen – er wackelte hin und her und sezte sich hin. Er bellte nicht einmal, sondern schaute mit schuldbewussten, wehleidigen Augen, als ob er sich für seine Hilflosigkeit entschuldigen wollte. Ahmet setzte sich neben die Bude und umarmte den Kopf des Hundes. Paul und sein Vater standen eine Weile da und gingen nach Hause.

„Papa, vielleicht kommt Bars wieder zu Kräften?“ fragte Paul

„Unwahrscheinlich,“ wackelte der Vater mit dem Kopf. „Ein Hundeleben ist kurz und Bars hat ganze achtzehn Jahre auf dem Buckel. Das ist für einen Hund sehr viel. Der Vater erzählte noch ein paar Geschichten über Bars, wie aufgeweckt und ergeben er war…

Nach zwei Wochen hörte Paul, wie der Vater mit jemandem telefonierte, dann betrat er sein Zimmer und sagte:

Ahmet hat angerufen, Bars ist gestorben…“

Der Vater atmete durch und fügte hinzu:

„Ahmets Ehefrau ist vor fünf Jahren gestorben und jetzt hat er noch seinen Freund verloren…“

Sie beschlossen, Onkel Ahmet an Neujahr zu besuchen, aber jetzt muss der Vater verreisen…

An das alles erinnerte sich Paul und erzählte es Polinka.

„Es ist noch nicht viel Zeit vergangen. Ich zweifele, dass er einen neuen Hund hat. Bestimmt nimmt er Barsik bei sich auf!“

Polina freute sich und lächelte:

„Dann lass uns ihn heute nach dem Training besuchen!“

Sie lief zur Bushaltestelle und Paul ging nach Hause.

Zuhause war es laut. Aus der Küche drangen weibliche Stimmen und Gelächter. Durch die geöffnete Tür sah Paul die ehemaligen Klassenkameradinen der Mutter. Er befürchtete, dass die Freundinnen der Mutter ihn wie immer tätscheln und umarmen würden und verschwand in seinem Zimmer.  Er wartete kurz ab und blickte zum Vater: er wollte dem Vater von Barsik erzählen.

Aber der Vater war beschäftigt. Er saß in der selben Pose wie kürzlich Paul mit den Händen auf den Ohren. Wenn er irgend etwas aufschreiben wollte oder finden- inmitten der herumliegenden Papiere, drückte er die Hände auseinander und bekam vor Verärgerung Falten.

Paul wackelte mit dem Kopf, ging in den Flur und rief leise:

„Ma-ma…“

Die Mutter ließ die Freundinnen allein und ging zu ihm ins Wohnzimmer:

„Bist du wieder da? Wahrscheinlich hungrig? Soll ich dir was zu Essen bringen?“

„Ich habe in der Schule gegessen, ich warte noch.“

Paul nahm die Hand der Mutter in seine:

„Komm.“

Die Mutter folgte ihm neugierieg. Sie gingen zu Vaters Zimmer, Paul öffnete die Tür. Zuerst blickte die Mutter leise auf den arbeitenden Vater, dann blickte sie auf Paul. Als sie den direkten, eindringlichen Blick des Sohnes sah, geriet sie in Verlegenheit, murmelte etwas unverständliches und ging zurück in die Küche.

„Mädels,“ sagte sie leise als sie den Raum betrat, „lasst uns etwas leiser sein. Mein Mann bereitet sich für das internationale Symposium vor, wir stören ihn.“

„Natürlich, natürlich,“ sagten die Frauen verlegen. „Warum hast du es nicht gleich gesagt?“

„Einen unglaublichen Man hast du! Wo kann man einen solch klugen Mann finden?“ fügte Lisa hinzu, die immer noch nicht verheiratet war.

„Die Guten sind alle weg“ lachte Svetlana. „Solche werden immer zuerst vergeben! Ich glaube, wir sitzen schon eine halbe Ewigkeit hier. Ich  muss den Sohn im Kindergarten abholen…“

„Ich muss auch gehe,“ sagte Galja. „Habe auch zu tun. Danke für den geselligen Abend, Ninochka!“

„Kommt nach den Feiertagen vorbei, Mädels. Der Mann führt auf Dienstreise, ich bin alleine.“

„Wir kommen, wir kommen unbedingt!“

Die Frauen standen von den Stühlen auf.

„Ich begleite euch und schaue auf dem Weg im Supermarkt vorbei,“ Nina ging gemeinsam mit ihren Freundinnen in den Flur.

„Hast du neue Möbel?“ Sveta beäugelte die moderne Einrichtung im Flur. „Importiert?“

„Aus Italien. Wir haben sie leztes Jahr geakuft und gegen die alte eingetauscht…“

„Wann werdich mir endlich so eine kaufen?“

„Die Frauen und verließen redselig die Wohnung. Paul schaute wieder bei seinem Vater vorbei.

„Papa,“ rief er, „willst du zu Mittag essen?“

Der Vater nahm die Hände von seinen Ohren und horchte hin:

„Was, ist das Schlachtfeld leer?“

„Ja, dafür sind die Trophäen geblieben,“ lachte Paul und meinte damit die Süßigkeiten und den Kuchen, welche auf dem Tisch lagen.

„Nein, ich esse später, bin noch beschäftigt.“ Der Vater wackelte mit dem Kopf und beugte sich über seine Papiere.

Paul ging in die Küche, legte die Salatreste auf einen Teller, auf einen weiteren Teller legte er ein Stück Kuchen, die übrigen Lebensmittel legte er in den Kühlschrank, die leeren Teller in die Spüle.

Nach einiger Zeit verließ er auch das Haus.

Polina und Paul standen beide neben dem Haus des Wächters. Paul dachte nicht einmal daran, dass Onkel Ahmet ihnen absagen könnte. Er dachte im Vorfeld daran, was er sagen würde. Und da machte der Wächter das Tor auf und ging ihnen entgegen:

„Onkel Ahmet, Sie haben einen Freund verloren. Und dieser Kleine sucht einen Freund!“

Und er gab dem verwirrten Wächter den Hund in die Hände.

Der Alte blieb einige Zeit stehen, schaute die Kinder an, dann den Hund und lud die beiden schließlich mit einer Geste dazu ein, das Haus zu betreten.

„Eigentlich wollte ich keinen Hund mehr halten,“ sagte er traurig, während er am Tisch saß und ihnen allen Tee eingoss. „Das Herz tut weh, wenn er stirb…

„Onkel Ahmet, er ist noch ganz klein, er wird lange, lange leben,“ beruhigte ihn Polina.

„Ja, kann sein, vielleicht werde ich früher sterben…“

„Oh nein, was sagen Sie da! Leben sie lange!“

Ahmet streichelte das Mädchen auf den Kopf.

„Wenn man so nette Kinder hat, will man gar nicht sterben!“

Und sie alle fingen an zu lachen.

Am Abend ging die Mutter zur Arbeit und der Vater versuchte in den Rachen des Koffers, die auf dem Boden und Sofa verteilte Kleidung, hinein zu stopfen. Paul konnte es nicht erwarten, ihm die Neuigkeiten mit zu teilen.

„Darf ich kurz zu dir, Papa?“

„Ja, ja. Komm herein.“

„Es sieht so aus, als ob jemand die Formel der Liebe bereits erfunden hat!“ – platzte er heraus und stellte sich neben ihn.

„Welche, welche Formel?“ Die dichten Brauen des Vaters zogen sich neugierieg nach oben.

„Na die Formel dieser…wie sagtest du? Der guten Beziehungen.“

„Und wer hat sich diese ausgedacht?“ lachte der Vater.

„Ich weiß es nicht. Ein alter Mann hat sie mir geschenkt. Und sie funktioniert, es ist bewiesen!“

„Der Weihnachtsmann etwa?“

„Naja, vielleicht nicht der Weihnachtsmann, sondern ein Zauberer!“

Und Paul erzählte alles, was ihm in diesen zwei Tagen wiederfahren ist.

„Sorge und Aufmerksamkeit, sagst du?“ sagte der Vater. „Wahrscheinlich denkst du auch, dass ich mich zu wenig um dich sorge und dir wenig Aufmerksamkeit entgegen bringe, sgtimmt’s?“

„Ach was, Papa!“

„Verstehst du, das Symposium ist sehr wichtig für mich. Es beinhaltet ein Thema, an dem ich und andre schon seit Jahren arbeiten…“

„Ich verstehe.“

„Wirklich? Du bist nicht böse?“

„Nein.“

Worauf sollte man auch böse sein? Soweit er sich erinnerte, war es immer so. Entweder ist er mit der Mutter zusammen und der Vater arbeitet. Oder die Mutter ist im Dienst (sie leitet eine ganze Abteilung im Krankenhaus), dann ist er mit dem Vater zusammen. Und wenn beide beschäftigt sind,

dann ist er bei der Oma. Die andere Oma, im Dorf, besucht er nur im Sommer. Und so, dass alle zusammen versammelt sind, soetwas gibt es nur sehr selten!

„Deine Mutter ist beleidigt. Sie hat es sogar abgelehnt, meinen Koffer zu packen. Ich habe ihn noch nie selber gepackt und habe Angst etwas zu vergessen. Das Wichtigste ist aber, wie ich meine Schuld wieder gut machen soll! Hör zu, vielleicht kannst du mir helfen? Ich habe wenig Ahnung von Frauen-Angelegenheiten…Ich will ihr Ohrringe schenken, aber was ist, wenn diese ihr nicht gefallen? Vielleicht begleitest du mich ins Geschäft?“

„Wozu wieder Ohrringe, Vater?“ sagte Paul und erinnerte sich and die Schmuckdose der Mutter.

„Sie hat eine Kiste voller Schmuck! Sie hat nicht einmal einen Anlass,  diesen zu tragen! All das will sie doch gar nicht, Pa, sie möchte mit dir irgendwas unternehmen, irgenndwohin fahren…“

„Wenn ich wieder da bin, machen wir das.“

„Dann wird sie wieder im Dienst sein.“

„Was soll man denn da machen?“

„Ich weiß es nicht, handele nach der Formel…“

Der Vater schaute noch einmal auf den Zettel und blickte verunsichert drein.

„Und wenn du die Summanden austauschst?“

„Auf keinen Fall! Ich dachte schon darüber nach und möchte sogar die Formel ergänzen,“

sprach der Junge schnell, „schau…hier gehören keine Kommas hin: die gleichen gleichgliedrigen Summanden kann man stellenweise austauschen, und hier darf man gar nichts!

Die Aufmerksamkeit ist dafür da, damit der Mensch versteht, was dein Gegenüber braucht. Und Verständnis, um zu wissen, wie man sich richtig um ihn sorgt. Das heißt, dass das eine in das anderes über geht. Deswegen denke ich, gehören hier anstatt Kommata Pfeile hin!“

Paul nahm den Kugelschreiber, strich schnell die Kommata durch und zeichnete an ihrer Stelle Pfeile auf.

„So:

Aufmerksamkeit Verständnis Sorge.“

„Ja, du bist wirklich schlau!“ sagte der Vater.

„Das bin nicht ich,“ winkte Paul ab, „das ist dieser Alte.“

Der Vater lachte und zog den Sohn in seine Uarmung.

Am 31 Dezember kehrte Paul, glücklich von der Eiskunstlauf-show zurück.

.Polina und er haben sich sehr amüsiert. Sie hatten gute Plätze, machten Fotos in den Zwischenakten und aßen Eis. Nach dem Theaterstück gingen sie auf dem großen Platz spazieren und dann brachte Paul Polina nach hause. Sie verabredeten sich für die Ferien um Barsik zu besuchen. Aus der offenen Tür der Wohnung kamen der Geruch von Wärme, und einer Mischung von magischen Düften: Hier gab es gebratene Gans, Vanille mit Zimt und Mandarinen.  Und aus dem Wohnzimmer zusammen mit der warmen Luft drang der kaum bemerkbare, bittere Duft von Nadelholz.

Aus dem stummen Fernseher in der Küche kamen schon irgendjemades Glückwünsche. Die feirlich gekleidete Mutter war gerade damit fertig den Tisch zu decken, der Vater saß auf dem Sofa und versuchte auf der Gitarre „Ein Tannebaum  im Wald geboren“ zu spielen. In der Ecke am Fenster stand der bereits gepackte und verschlossene Koffer. Aber das Wichtigste war- die Eltern lächelten.

„Sie haben sich vertragen!“ freute sich Paul.

Als das Neujahressen zu Ende war, verkündete die Mutter feierlich:

„Wir haben eine super Nachricht für dich, Sohn. Wir fliegen morgen Abend nach Paris: Papa hat für uns alle Tickets besorgt. Zum Glück ist das Visum vom Urlaub in Griechenland noch nicht abgelaufen . Solange dein Vater die Veranstaltungen besucht, schauen wir uns mit dir die Stadt an  und nach dem Symposium haben wir noch den ganzen Tag Zeit und können Abends in die Oper gehen. Das ist ein Wunder, aber ich fand die Tickets auf auf einer Internet-Seite.

„Hurra!“ rief Paul und sprang auf.

„Hurra!“ riefen auch die Eltern und der Champagner funkelte in ihren Gläsern in tausend goldenen nach oben strömenden Bläschen.

Sabyrzhan Madeyev: „Der Sarkasmus Fortunas“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise

„Für weniger als einen Fünfer fahre ich nicht“, sagte der Taxifahrer in einer ruhigen Manier.

„Und werde sicherlich nicht in dieses Provinzialdorf hineinfahren.“

„Nein, Danke! Ich müsste eigentlich gerade in dieses Dorf.“

Es war klar, dass es keinen Sinn machte zu versuchen, den Taxifahrer zu überreden. Andere „Fahrer“  kurbelten sogar schweigend die Fenster zu und fuhren davon.

Olžas schlenderte schon eine ganze Stunde über den Parkplatz, in der Hoffnung auch nur einen Einzigen zu finden, der ihn in das Dorf fahren würde, das sich an die 40 Kilometer von der Stadt entfernt befand. Auf den Hinweis eines Obdachlosen hin besuchte er sogar den Treffpunkt der „Taxifahrer“, von wo aus man selbst bis nach Antarktika fahren könnte, aber auch dort,sobald diese erfuhren, wo es lang ging, lehnte jedermann ab.

„Hör mal, Landsmann, abends fährt da schon lange niemand mehr hin!“, winkten die Männer ab. „Komm am besten morgens vorbei – kann sein, dass jemand fährt.“

Und als Olžas schon die Hoffnung aufgegeben hatte, einen Fahrer ausfindig zu machen, und sich in die Schlange vor dem Büfett aufstellte, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen, näherte sich ihm ein  ausgelaugt aussehender Mann, eher ein Knasti.  Dem Anschein nach, einer, der die Aufsicht über die Taxifahrer hatte (der das Sagen bei den Taxifahrern hatte), und zischte, mit einem Schlüsselbund auf seinem Fingern spielend, durch die Zähne:

„Du! wolltest doch nach Tonkeris?“

„Ja, ich!“

Der Mann kniff die Augen zusammen, wanderte mit einem schweren Blick über das Gesicht und die Kleidung von Olžas, blieb dann an seiner Tasche haften, verzog kurz seinen Mundwinkel, wobei man seine Goldplombe bemerken konnte, und nickte:

„Lass uns mal beiseite gehen.“

In einer anderen Situation würde Olžas sich nicht von der Stelle bewegen – schon gar nicht zusammen mit einem Menschen, dessen unrasierte Physiognomie in Verbindung mit den Tattoos auf seinen Armen keinerlei Vertrauen erweckte Aber irgendein sechster Sinn in Olžas sagte ihm, dass es seine letzte Chance sein würde.

Sie gingen hinaus und machten Halt, als sie die Zahlungsterminals erreicht haben.

Der „Goldzahn“ drehte sich um, prüfte mit einem kurzen Blick zur linken und rechten Seite die Luft, und verzog wieder einen Mundwinkel:

„Was willst du da?“

-“Was meinen Sie?“

„Hanf, was zu saufen oder Weiber?“

„Nein (nichts davon), ich möchte jemanden besuchen.“

„Ich kenne jeden drüben. Zu wem willst du?“

Olžas schwieg, verstand aber, dass der Unbekannte nicht locker lässt und gestand:

„Zu Ajdar. Zum Schwarzen Ajdar.“

Der Mann beugte sich zu Olžas vor und bohrte seine Augen buchstäblich in ihn hinein:

„Wartet er auf dich?“

„Nein.“

„Kennt er dich?“

„Sollte er an sich.“

Diese Speed-Befragung endete damit, dass der Taxityp sein Handy aus der Tasche nahm und eine Nummer wählte, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:

„Weißt du eigentlich, dass der Schwarze heute sein Jubiläum feiert?“

Olžas bemerkte sofort die veränderte Stimme und den weicheren Ton des örtlichen „Aufpassers“.

„Ich weiß Bescheid! deshalb will ich ja dort hin.“

„Ungebetene Gäste sind schlimmer als…“  der Typ lachte sarkastisch, aber Olžas                                     

    fühlte, dass sich die Stimmung lockerte und unterbrach ihn:

„Ich weiß, ich verstehe! Aber ich muss (dorthin). Es ist wichtig.“

Der „Aufseher“ musterte Olžas ein weiteres Mal mit seinem Blick und plötzlich war da so etwas wie Neugier in seinen Augen:

„Hör mal, mein Freund, dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer bist du?“

„Ist das jetzt notwendig?“

„Was meinst du denn! Wenn du dort Scheiße baust, muss ich es verantworten,  

    wen ich da an geschleppt habe. Und du wirst es vor mir verantworten müssen.“

„Ich – bin Solist.“

„Ach was!“ – das Gesicht des Fahrers erhellte sich mit Begeisterung. „So – so; ich  

 seh‘ schon – deine Fresse kommt mir bekannt vor. Du bist doch der….Nurtaj    Karatas? Kysyl orik, oder?

„Nein, ich heiße Olžas. Ich bin ein Opernsänger.“

„Was heißt das? Du singst so Arien und so?“

„Ja! Ich kann’s dir gleich zeigen.“

Olžas kramte in seiner Tasche, in welche er vorsichtshalber seine Flugblätter zum Theaterprogramm hinein geworfen hatte, fand die, wo er in der Rolle des Figaro abgebildet war, und reichte diese dem Aufpasser. Dieser wiederum nahm sie vorsichtig in die Hand, verglich mit einem schnellen Blick die Abbildung mit dem Original, und schien erst einmal zufrieden zu sein, aber dann spiegelte sich unerwartet in seinem Gesicht ein Anflug von Schrecken, und er meinte, sich zu den Seiten hin umschauend,  mit einer beunruhigten Stimme:

„Hör mal, du bist aber nicht schwul hier grad, oder?“

„Nein!“ – Olžas versuchte seiner Stimme mehr Nachdruck zu verleihen und antwortete für alle Fälle:. „Ich kann die selbst nicht ab haben.“

„Dann, sieh zu!“

Das „Oberhaupt“ der örtlichen Taxitypen war sichtlich aufgewühlt, aber, wohl eine innere Entscheidung getroffen zu haben, streckte er Olžas seine Hand entgegen.

„Hakim.“

Auf dem Weg nach Tonkeris, als Hakim herausfand, dass Olžas vor Kurzem in der Rolle eines Jurors in dem Fernsehe-Wettbewerb des 31-ten Kanals “ I am a singer Kasachstan“ teilgenommen hatte, wurde er vollends gelassen, und fing an lebhaft zu erzählen. Er hatte sich sogar daran erinnert, dass Olžas einen der  Abschnitte  des Songcontests mit dem Lied „Dudaraj“ eröffnet hatte, und deshalb seiner Frau, Natascha, in Erinnerung geblieben ist, der dieses Lied sehr gefallen hat. Und außerdem gefällt ihr der russische Contest „Toch-v-Toch“ – („Punkt-zu-Punkt“ Imitation der originalen Sänger durch Laien) und die Show „nasch Dimasch“ – („unser Dima“), wovon leider er selbst Nichts hält.

Hakim, im Gegensatz zu seinem übel-launischen  – brutalen Äußerem, schien dennoch ein redseliger Mensch zu sein, aber je weiter sich die beiden „Tonkeris“ näherten, umso mehr flachte Hakims  Enthusiasmus ab. Er wurde sogar leicht aggressiv, und letztendlich war völlige Stille im Auto als sie fast schon am örtlichen Restaurant ankamen.

Am Schlagbaum erkannte man zwar Hakims Auto und begrüßte ihn, aber, nach einem Blick auf den Beifahrersitz, fragte man ihn wen er denn da mitgebracht hätte. Der wiederum steckte das Programmblatt durchs Fenster, stellte Olžas als einen berühmten Opernsänger vor, und beide wurden durchgelassen. Während Hakim slalomartig an Anreihungen von teuren Cruisern und Lexus-Modelle vorbeimanövrierte, hin zum Restaurant-Eingang, fing er  leise an zu fluchen und gab Olžas Anweisungen hinsichtlich seines Auftretens auf dem Jubiläum. Er bremste am Eingang ab und drehte sich zu Olžas um:

„Das war’s. Ich werde dort nicht reingelassen. Viel Glück wünsch‘ ich dir! Wenn du mich brauchst, ruf an! Hier ist meine Visitenkarte. Ich bin nicht weit weg von hier bei meinen Kumpels.“

„Ich dank‘ dir, Bruder!“  – Olžas zahlte, holte dann aus seiner Tasche eine CD heraus und reichte diese Hakim. – „Das ist für deine Frau. Ein Geschenk! Mit Volksliedern in meiner Ausführung.“

Olžas drückte Hakim die Hand und stieg aus.

Das Erste, was Olžas verwundert hatte, war die Stille, die das Restaurant umhüllte –  trotz einer große Menschenmenge, und dann saßen da auch noch drei große „Alabajs“ neben dem Eingang an der Tür. Hunde hoben den Kopf hoch, als Olžas die Treppe hinauf ging, rührten sich aber nicht vom Platz. Die Türsteher empfingen Olžas ebenso schweigend, deuteten auf das Sakko, welches abzulegen wäre, dann auf die Hose, die er hochziehen sollte, klopften dann die Brust und den Rücken ab, und schauten in die Tasche. Während die Wächter sein Sakko durchtasteten und sich mit dem Inhalt seiner Tasche vertraut machten,, bemerkte Olžas, wie die Gruppe „Dilizans“ das Restaurant durch die Nebentür verließ. Sie wurden vom ehemaligen und berühmten „K-V-Nschik“ und Showman, Serik, begleitet, welcher sich, als er sich versichert hatte, dass alle im Auto saßen, zu Olžas umgedreht hatte. (K-V-N ist eine humoristische Freizeitsendung die auf einem Wettbewerb basiert)

„Oho! Wen sehe ich da! Was für Besuch – und dann auch noch ohne Bodyguards! Fühle dich wie zu Hause! Hier ist alles auf höchstem Niveau! Aber warum hat bloß Niemand Bescheid gegeben, dass du kommst! Lass mich mal aufschreiben, dass du singen wirst! Sonst habe ich heute schon genug Kopfschwindel. Trittst du mit Phonogramm auf? Wie soll ich dich richtig ankündigen?“

Olžas diktierte Serik geduldig die benötigte Information, reichte ihm dann den USB-Stick mit dem Playback und ging dann zu dem freien Stuhl an den Tisch, an dem schon weitere Artisten ihren Platz eingenommen hatten. Man schielte zu ihm rüber, begrüßte ihn, aber zeigte keinerlei sonderliche Emotionen.

Die grelle, flimmernde, aufwendige Dekoration des Saals für ungefähr fünfhundert Personen erschien ihm etwas chaotisch.  Gigantische Figuren aus Luftballons reihten sich an selbstgebastelte Plakate, surreale Blumenkompositionen reihten sich an künstliche Palmen und Kakteen.

Der Schuldtragende für solch eine Feier saß quasi auf einem Podest umgeben von einer stilisierten Jurte. An langen Schlaufen hing über dem Geburtstagskind ein grüner Vorhang mit der Aufschrift in zwei Sprachen: „60 žyl! – 60 Jahre!“ Neben ihm glänzte mit Brillanten seine Ehefrau, Perisat, die hier ungefähr vor zwanzig Jahren einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Ungeachtet dessen, dass sie bereits fünf Kinder hatte, konnte sie ihre modellartige Figur erhalten und wurde von den Schrankschrapnellen, den Frauen der dörflichen Beamten, beneidet. Die jüngeren Kinder und Enkelkinder aus erster Ehe liefen wie Wilde durch den Saal und störten die Kellner und die Bediensteten.

Die Kellner, mit einem unglaublichen Sinn für Equlibristik, verteilten geschickt das anstehende Menü an die Tische, Kelche und Wodkagläser wurden sogleich nach dem Leeren gefüllt, Besteck wurde alle halbe Stunde ausgewechselt. Zwischen den Tischen – wie Schatten – bewegten sich zwei Photographen und zwei Video-Operatoren.

Eine Bühne als solche gab es zwar nicht, aber in der Mitte des Saals lag ein turkmenischer, handgefertigter Teppich, auf denen mit Leichtigkeit zwei Kammerorchester-Besetzungen vom Olžas – Operntheater Platz finden könnten. Auf dem Teppich standen ein paar Stühle, paar Mikrophonhalter  und ein Konzert-Notenhalter. Der frei gebliebene Raum war übersät von Konfetti und Serpentine!

Serik lud eine weitere Schar von Gratulierenden auf de Bühne, kündigte eine musikalische oder eine Tanzvorführung an, alle applaudierten, alle erfreuten sich ihres Daseins. Bis die Anwesenden selbst zum Tanzen übergingen, war es noch lange her, also dinierten die Gäste, tranken und begutachteten die Neuheiten der Spiel-Industrie.

Der sechzigjährige Ajdar Achmetov, bekannt schon seit den gesetzlosen 90ern als der Schwarze Ajdar, und der bereits drei Jahre wegen Randalierung und kriminellen Geschichten im Knast verbracht hatte, war ein angesehener Mann. Er ließ zu seiner Zeit weder Kaukasier, noch Russen, noch sonstige Warjagen auf sein Territorium, schirmte lokale Geschäftsleute und schob durch Racket mitleidslos Fremde beiseite. Außerdem sponserte er freigiebig Sportler, und mit Hilfe der leichten Hand seiner Frau half er der örtlichen Schule und dem Kulturzentrum. Unter seiner direkten Aufsicht eröffnete in der Region ein industrieller Agrarkomplex nach israelischen und holländischen Technologie-Standarts. Ungeachtet dessen, dass kein einziges großes Ereignis in dem Bezirk ohne sein Mitwissen durchgeführt wurde, bevorzugte Kara Ajdar es eher im Hintergrund zu bleiben, obwohl alle wussten, dass sogar die Kandidatur der örtlichen Akyms inoffiziell mit ihm abgestimmt werden musste. Und heute also feierte der hiesige graue Kardinal, seinen 60-ten Jahrestag in Anwesenheit seiner Freunde, seiner Verwandten, in der Anwesenheit der örtlichen Amtsleiter und der Business- Elite. Und er hielt sich gewissenhaft an seine Rolle des Jubilars und lächelte wohlgesonnen seinen Gästen entgegen, die auf dem Teppich stolzierten. Dabei konnte Ajdar selbst diese allgemeine Freudenstimmung nicht teilen. Die Sache ist die, dass er heimlich, ohne seine Familie in Kenntnis gesetzt zu haben, auf den Rat seines alten Freundes, Timurjan, hin, nach Russland gereist war, wo er sich im tiefsten Winkel der Tajga mit einer altaischen Wahrsagerin getroffen hatte – mit der alten Stepanida.

Sie hörte Ajdar aufmerksam zu, zündete kreisförmig Kerzen an, legte auf einem altarartigen Tisch eine Komposition aus Zedernzapfen aus, einen kleinen Strauch aus irgendwelchen getrockneten Kräutern, redete irgendetwas mit beschwörendem Gemurmel über einen grünen Sud hinweg, welches sie ihn dann aufforderte in einem Schluck herunter zu würgen,  nahm seine Hand, schloss daraufhin die Augen und erzählte ihm Einzelheiten aus seinem Leben, die er längst für immer vergessen geglaubt hatte.

Ajdar, der in seinem Leben schon zwei Hadschs hinter sich gebracht und eine Moschee in seiner Heimat gebaut hatte, fühlte sich mehr als unwohl als so einige Details seiner Biographie in einer leisen, krächzenden, alten Stimme aus Stepanida hervor kamen.

 Auf die Frage, was er von der nahen Zukunft erwarten könne, antwortete die Alte, dass er auf sein Herz hören müsse und, dass schon sehr bald ein Mensch auftauchen wird, der ihn aufrütteln, aufwecken wird und die verbliebenen, sanftmütigen Gefühle aus den dunklen Ecken seiner Seele hervorheben wird.

„Gibt es diese denn noch?“ – fragte Ajdar in einer für sich ungewohnt zaghaft klingenden Stimme.  „Diese sanftmütigen Gefühle?“

„Wie soll es denn anders sein, mein Sohn! Sie leben in jedem von uns! Selbst der Antichrist hat sie; verzeih‘ ihm, lieber Gott, seine sündhafte Seele!“ – Stepanida bekreuzigte sich sehnlichst, schaute auf das Regal in der Ecke des Zimmers, auf dem abwechselnd Kerzen und die Ikone von Mutter Theresa,das Abbild von Mahatma Gandi  und des Dalai-Lama aufgestellt waren. „Alle besitzen sie, aber bei manchen sind diese tief versteckt. Wie bei dir, zum Beispiel.“

„Und was soll ich tun, sobald dieser Mensch auftaucht?“ – fragte Ajdar hoffnungsvoll in der Erwartung eines Wunders.

„Ich weiß es nicht, mein Sohn. Es bleibt dir überlassen. Du kannst auch gar nichts tun. Du kannst ihm aber auch ein Geschenk vorbereiten!“   hob Stepanida ihre Schultern. „Mach es so, wie es dir dein Herz befiehlt.“

„Altes Frauchen, noch zwei Fragen?“  – wandte sich Kara Ajdar, abermals seine Stimme nicht wieder erkennend, an sie.

„Frag!“ -Stepanida schaute listig drein und winkte zustimmend mit der Hand. Ajdar fühlte plötzlich, dass sie seine Fragen bereits kannte. Er schwieg eine kurze Zeit lang und fragte dann:

„Woran soll ich erkennen, wer eben dieser Mensch sein wird, hm? Was soll ich tun, um keinen Fehler zu machen? Das ist die erste Frage. Die zweite Frage ist die,  mein liebes, altes Weib…“ – Ajdar schwieg erneut. „Brauche ich denn all dies, hm? Dass all diese Gefühle in mir hochkommen? Ich bin doch….“

Ajdar suchte in sich nach den richtigen Worten und wusste nicht wie er dieser uralten, vom wirklichen Leben völlig losgelösten, internetlosen Alten erklären sollte, welche Folgen solche erblühenden sanftmütigen Gefühle für sein Ansehen und seine Autorität mit sich bringen könnten. Ajdar brauchte es sich nur vorzustellen, wie er all dies dem kahlen Roma oder dem fingerlosen Tšombe erzählte, und fing sogleich an mit den Zähnen zu knirschen.

Stepanida bemerkte, dass sich die Sehnen in seinem Gesicht anspannten und lächelte.

„Ich habe dich verstanden, mein Sohn. Es ist so: wenn dieser Mensch auftaucht, wirst du es unmittelbar fühlen und verstehen. Sei dir dessen ganz sicher, dass sie dir eine Antwort auf die erste Frage geben wird.“ – Die Alte lächelte erneut. „Auf deine zweite Frage kann niemand außer dir selbst eine Antwort geben. Zweifle auch daran nicht. Mehr kann ich dir nicht sagen…“

Als Serik in einem besonderen Pathos den nächsten Gast ankündigte, konnte sich Ajdar endlich von seinen erdrückenden Gedanken ablenken. Bis dahin tanzten und sangen diejenigen, die er, seiner eigenhändig zusammengestellten Liste folgend, bereits kannte. Ungeachtet seines ehrwürdigen Alters, konnte er sich nicht über ein schlechtes Erinnerungsvermögen beklagen.

Medea, Akbars, die Gruppe „Bajterek“, und so weiter und so fort – für deren Ankündigung reichte Serek ein Atemzug. Ajdar hätte jeden einzelnen Star auf seiner Liste mit der entsprechend dahinter in Dollar notierten Honorarsumme auswendig aufsagen können.

Aber jetzt wurde etwas Außerplanmäßiges verkündet. Serik las noch immer die Regalien des Gastes von einem Blatt Papier ab, als Perisat sich von ihrem I-Phone losriss und flüsterte: „Und dafür gibt es einen Rachmet für dich, einen Rachmet -Rachmet!“ Ajdar schüttelte mit dem Kopf, um die auf ihm lastenden Erinnerungen los zu werden, und betrachtete aufmerksam den jungen Mann, der sich dem turkmenischen Teppich näherte.

Er hatte nichts Ähnliches mit einem typischen Kasachen aus Ajdars Bekanntenkreis. Man könnte ihn eher mit einem Araber oder Griechen vergleichen. Seine Haltung war selbstsicher, obwohl Ajdar selbst von seinem Platz aus sehen konnte, dass er aufgeregt war.

„Und nun,“  –    verlautete Serik und zeigte mit seiner Hand auf den herantretenden Gast,    –  „Applaus für den besten lyrisch-dramaturgischen Bariton in Kasachstan und über seine Grenzen hinaus berühmten –  Olžas Kasenov!“

Olžas legte seine Hand aufs Herz und verneigte sich vor Perisat und Ajdar. Gleichzeitig flüsterte ihm Serik zu, dass der USB-Stick bereits im Computer war und fragte ihn, welche Arie er genau ansagen sollte.

„Eins nach dem Anderen.“ – sagte Olžas und wandte sich zum Mikro auf dem Podest.

„Die Arie von George Germon aus der Oper von Giuseppe Verdi „Traviata“!“  

 – verkündete Serik feierlich und ging zur Seite.

Die meisten der Anwesenden, nachdem sie so viele ungewohnten Ausdrücke gehört haben, hörten auf zu kauen und zu trinken, und richteten ihre Blicke auf den ungewöhnlichen Gast.

Olžas atmete tief ein und fing an singen. Die Bedienung blieb stehen, die Kinder hörten auf herum zu rennen, die Zeit verlangsamte ihren Gang und der Raum im Saal schlug sich über seiner Stimme zusammen.

Ajdar bemerkte die vor Bewunderung errötenden Wangen seiner Ehefrau und erinnerte sich an die Episode aus dem Film „Pretty Woman“, als Richard Gere Julia Roberts in die Oper einlud, um zu sehen, wie sie reagierte. Mit Verwunderung stellte er fest, dass auch ihm gefällt, was er hört, ungeachtet dessen, dass er kein einziges Wort auseinander hören konnte. Ajdar machte die Augen zu.  George Germont wurde abgelöst von Evgenj Onegin, dann ging die Arie von Don Huan reibungslos über zum dramaturgischen Monolog von „Mizgirj“ aus dem Märchen Sneguročka[1].

Perisat weinte und versuchte sich die Tränen mit dem Taschentuch weg zu wischen. Ajdar schaute in sich hinein und fühlte, dass sich etwas in ihm rührte, aber etwas fehlte ihm noch, damit seine stürmische Gefühle vollkommen aus ihm heraus kommen konnten. Olžas machte einen Schritt zurück, um Serik die nächste Aufführung verkünden zu lassen, als Ajdar seine Hand hob. Serik reagierte unmittelbar, schnappte sich das Mikrofon vom benachbarten Podest und stürmte zum Jubilar.

Ajdar nahm das Mikrofon, klopfte ein paarmal dagegen, hustete sich aus und sagte:

„Rachmet, Olžas!“ – und mit einer Hand den gerade noch so ausstehenden Applaus zum Schweigen bringend, lockerte er seine Krawatte und atmete aus: „Kannst du auch irgend etwas heimisches, etwas von uns, spielen, dass es genauso wirkt, die Seele berührt…“

Olžas wusste sofort, was Ajdar meinte. Er machte einen Schritt zum Mikrofon, winkte mit dem Kopf zu und sagte:

„Selbstverständlich, Adeke!“ – und fragte, sich zu Serik wendend:

„Habt ihr eine Dombra?“

Serik fing gerade an sich umzuschauen als die Anwesenden von allen Seiten in Hektik gerieten und Olžas gleich drei davon reichten. Eines nach dem anderen hob Olžas die Instrumente an sein Ohr und prüfte die Saiten.  Olžas warf sich den dünnen Riemen über die Schulter und fing an eine Melodie einzustimmen. Serik holte den zweiten Mikrofonhalter und stellte ihn in der Höhe von Olžas Händen auf.

„Geehrter Adeke!“ – Olžas fuhr fort an den Saiten zu zupfen.

„Viele schöne Worte und Lieder erklangen heute zu Ihrer Ehre! Und all dies haben Sie selbstverständlich verdient! Und im Großen und Ganzen betrafen diese Wünsche – die „Liebe“. Erlaubt auch mir ein Lied der Liebe zu singen. Ein Lied, das der Steppen-Akyn Estaj seiner Geliebten, Karlan, gewidmet hatte. Sobald Olžas anfing zu singen, zerbrach etwas tief im Inneren Ajdars, und all die Emotionen die sich bereits seit den letzten fünfzehn Minuten aus der schon längst versteinert geglaubten Seele Ajdars, dessen einziger Blick ausreichte, um jemanden ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten, befreien wollten, brachen heraus und nahmen ihm den Atem. Der Schwarze Ajdar senkte den Kopf, umfasste ihn mit seinen Händen, und, zum Schrecken Vieler, fing er an, kaum hörbar weinend, zu zittern. Perisat legte ihre Hand auf seine Schulter, doch Ajdar schüttelte sie ab und Perisat rückte wieder von ihm weg. Er konnte seiner Frau einfach nicht erklären, was genau in ihm in diesem Moment geschah. Vor seinen Augen erschien seine erste Liebe, Ajgerim, die Tochter des Schuldirektors, mit der er zusammen aus der Schule floh,wo sie sich dann hinter Stählen versteckend, wild küssten, und die von ihrem Vater, als dieser erfuhr, dass sie sich mit einem miserablen Schüler traf, der dazu auch noch kriminell war, in eine andere Landesregion zu „Azšheške“ und Ataške“ geschickt wurde.. Im nächsten Moment sah er sich plötzlich als  Kind – seiner Mutter entgegen laufend. Und dann, ohne jegliche Verzögerung, ging diese Erinnerung in die nächste über – er, kahl rasiert, im Richtersaal und die Mutter mit einem vor Tränen angeschwollenen Gesicht, die seine Rückkehr aus der Kolonie nie erleben durfte. Stechendes Selbstmitleid überschwemmte Ajdar, ließ das Herz für einen Augenblick still stehen, breitete sich dann über seinen gesamten Körper aus und provozierte einen weiteren Ausschnitt seines Leben in sein Gedächtnis: er saß neben seinem sterbenden Bruder und wechselte ihm einen nach dem anderen die Verbände auf seiner Stirn. Die Gestalten seiner Liebsten wechselten unaufhaltsam und gleichsam in Wellen überschwemmten ihn seine Erinnerungen. Und nur anhand seiner sich zu – und auf drückenden Fäuste konnte man nachvollziehen, was gerade in seiner Seele geschah. Aber Olžas, der wie kein anderer in diesem Saal den Zustand Ajdars nachfühlen konnte, fuhr fort an den Saiten der Dombra zu zupfen und sich mit seiner weltfremden Stimme in die Herzen der Menschen zu nisten, die die Kelche und das Besteck haltend, regungslos zuhörten. Unerwartet heulte jemand hinter einem Tisch auf und vergoss dabei den Whiskey, stellte diesen auf dem Tisch ab und holte ein Taschentuch heraus. Andere Frauen fingen an zu weinen.

Als Olžas sein Lied beendet hatte, stand im Saal völlige Stille, die nur mit kurzen aufheulenden Lauten unterbrochen wurde. Niemand dachte auch nur an einen Applaus. Ajdar, den alle eben als Ajdar den Schwarzen kannten, stand nun auf –  wie – der eiserne – Kara Ajdar, hob den Kopf, wischte sich mit den Handflächen über die Augen, stützte sich dann mit diesen gegen den Tisch und sprach zu Olžas:

„“Rachmet für dich, baurym! Rachmet!“ – Ajdar sprach nicht sehr laut, ohne Mikro, aber selbst die Küchengehilfen konnten ihn hören. „Erbitte um was immer du willst. Ich erfülle dir jeden Wunsch.“

Olžas verstand, dass sich in diesem Moment sein Schicksal für die nächsten Lebensjahre entscheiden konnte und vielleicht auch das seines ganzen Lebens. Jetzt oder Nie. So eine Möglichkeit ergibt sich vielleicht niemals wieder. Deswegen war er eigentlich hier und riskierte sowohl mit seiner Reputation als auch – mit seinem Leben.

„Adeke, ich möchte um nichts für sich selbst bitten. Rachmet!“ – Olžas schluckte.

„Aber meine Frau, Elvira, ist ernsthaft erkrankt. Nur im Ausland kann man ihr helfen. Die Operation ist sehr teuer.  Unsere Freunde und Verwandte haben so viel wie möglich zusammengelegt, aber es reicht nicht aus, die Zeit läuft aus. Könnten Sie nicht, Adeke…“

„Es ist gut. Kein Wort mehr!“ – Ajdar hob die Hand. – „Ich habe verstanden. Du wirst Geld erhalten.“

Er fand mit seinem Blick jemanden im Saal und nickte dann in Richtung Olžas.

Seine Tasche, vollgestopft mit Geld, an seine Brust fest gedrückt, fuhr Olžas zusammen mit Hakim in die Stadt. Hakim schwieg. Er wurde bereits von den Ereignissen im Restaurant in Kenntnis gesetzt und verstand, dass es seine nächste Aufgabe sein wird, Olžas sicher und unverletzt (wohl geschützt) nach Hause zu bringen. Olžas schwieg ebenfalls. Er hatte leichten Kopfschwindel, weil ein Gehilfe Ajdars Olžas Zustand mitbekommen hatte und ihm im letzten Moment ein Glas Hennesy einschenkte und meinte: „Trink! Danach geht’s dir besser.“

Olžas trank und fühlte sich vorübergehend wirklich besser, aber nun, im Auto, ließ der auf leeren Magen getrunkene Cognac von sich wissen. Er fiel einige Male in den Schlaf, wachte aber sofort panikartig auf und griff jedes mal wahnhaft fest nach der Tasche.

„Da!“ – sagte er zu Hakim als er die gewohnten Fassaden der Häuser wieder erkannte. „Halte bitte hier an.“ Hakim hielt an und nahm die Schlüssel, mit dem Vorhaben den wichtigen Passagier bis zur Haustür zu geleiten,aus der Zündung.   Aber der durch den Alkohol vernebelte Verstand Olžas‘ meldete sich mit dem Gedanken, dass der ehemalige Gefängnisinsasse nur wissen möchte, wo er wohnt, um ihn dann zu überfallen. Olžas schüttelte mit dem Kopf, fuchtelte mit seinen Händen, meinte, dass er selbst nach Hause findet,denn da war ja schon seine Haustür, und ging, Hakim keine Zeit zum Überlegen lassend, schnell in den Hauseingang hinein, wobei er die Tür hinter sich zu schlug.

Hakim zog mehrmals abwesend an der Autotür, setzte sich dann hinein, wartete noch fünf Minuten und fuhr davon. Olžas sah durch Fenster, dass das Auto wegfuhr und setzte sich auf den Treppenabsatz im Treppenflur. Sein Herz schlug wild. Er öffnete die Tasche und zählte die Dollar- und Eurostapeln durch. Von oben schlug jemand mit der Tür. Olžas zog schnell den Reißverschluss der Tasche zu, stürmte nach draußen und versteckte sich hinter einem Gebüsch. Aus dem Hauseingang kam ein junger Mann heraus, setzte sich in ein am Bürgersteig geparktes Auto und fuhr weg. Olžas blieb noch einige Zeit sitzen, kam wieder zu sich und stand auf als er dann zwischen den Häusern auf einem benachbarten Gebäude die  verlockende Aufschrift erblickte. Er hockte sich wieder hin. In seinem Kopf war der Plan schon fertig.

Dieses Geld reicht nur für die Operation aus, dann kommt die Rehabilitation, und die gepfändete Wohnung muss abgezahlt werden, Schulden müssen bereinigt werden.

 „Heute habe ich Glück und sollte den Augenblick nutzen, solange Fortuna mir zulächelt.“ –  Er stellte sich vor, wie Elvira  Morgen überrascht sein und sich freuen wird, ihn ausfragen wird, und wie er ihr einen roten Rosenstrauß schenken  und zu ihr sagen wird: „Alles wird gut werden, meine Liebste!“ ….

Olžas stand auf, strich sich das Herbstlaub von den Knien und wandte sich zielstrebig zum Durchgang zwischen den Häusern.

Zwei Stunden später verließ er das Casino mit einer leeren Tasche.


[1] gleichzusetzen mit: Kaufmann, Es handelt sich um ein volkstümliches Märchen,welches in den Märchensammlungen von  Alexander Afanassies verschriftlicht wurde (von 1855 bis 1863)

 über eine junge Frau, die nur in der Kälte leben konnte und im Feuer dahinschmolz – Sneguročka – in Verbindung mit „Sneg“ – „Schnee“ und entsprechend der russischen Semantik und morphologischen Komponenten wie „de -vočka-“ – das Mädchen, wird hier an das Wort Schnee der morphologische Baustein hinzugefügt. Sne(g – uro -) čka und der morphologische Baustein aus dem Wort Figur eingeflochten, um auf ihre Zierlichkeit hinzudeuten.)

Sabyrzhan Madeyev: „Ap!rilthesen“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise u. Lena Muchin

Nein, Jungs, was ihr auch sagt, aber früher war das Leben spannender! Sollen sie ruhig schimpfen auf unsere 70er-80er, den verfaulenden Sozialismus, den Stillstand und ähnliches, aber ich sage euch: in diesem allen war etwas, was man mit Worten nicht beschreiben kann. Aber ich versuche es.

Ich war vor kurzem auf einem Konzert in einer Anstalt und wäre vor Langeweile fast gestorben. Nein, von außen sieht alles gut aus, schön, kostümiert, angenehme Stimmen, backvokal, Tänze, alles in Ordnung. Aber gleichzeitig war alles irgendwie wie geleckt, zu pompös und im Ganzen vorhersehbar. Und die Mehrheit der Sänger unterschieden sich nur in ihren Namen voneinander.

Das Volk in dem Saal war fröhlich, klatschte, sang sogar mit und da erinnerte ich mich plötzlich, wie vor dreißig, vierzig Jahren, in der stärksten Blüte des Sozialismus, pünktlich vor der nächsten Veranstaltung des Komsomols, in der Universität, wo ich die Ehre hatte zu studieren, ein Konzert der Laienkunst aufgeführt wurde. Und weil dieses nicht geplant war, sondern spontan statt fand, konnten unsere staatlichen Sänger und Musiker aus verschiedenen Gründen nicht auftreten.

Die Leitung der Hochschule grämte sich nicht lange darum und entschied zu der Veranstaltung unser studentisches Theater anzulocken um das Fehlen von schönen Liedern und Tänzen zu kompensieren. Ich starte jetzt ein Random-Programm, das zufällig das Bild eines Plakats hat. Die Bürger der Sowjetunion sollten sich an solch ein Format des Ausdrucks patriotischer Gefühle erinnern. Gesagt-getan.

Zu dem Zeitpunkt war ich gleichzeitig Student im vierten Semester und Regisseur des studentischen Theaters.  Deshalb, als ich vom Dekanat gerufen wurde, entschied ich, dass die Rede von einem banalen Auftritt in einer WG oder dem traditionellen „Studentischen Frühling“ sein soll. Doch der Dekan überrumpelte mich schon bei den ersten Worten: „Also, Sabyržan, ich wurde von Oben angerufen!“ Akylbek Saulebekovič zeigte mit dem Daumen auf die Decke. „Es gibt eine wichtige Aufgabe für dich!“ Man konnte es verstehen, dass die Götter des Olymps dann herab klingeln, um  eine Medaille zu verleihen oder jemandem auf den Hintern zu klopfen. Und weil ich keine Trophäe erwartete (wofür denn auch?), sagte ich laut, dass es mir eine Ehre wäre, dass ich bereits jetzt bereit war zur Front zu gehen und ähnlichen Müll. Der Dekan schaute mich an und sagte irgendwie lang gedehnt: „Du, Madeev, mach keine Dummheiten. Ich kenne dich. Die Sache ist ernst, sie wird vom Parteikomitee kontrolliert.  Als  Akylbek Saulebekovič vom Vornamen zum Nachnamen wechselte und das Parteikomitee erwähnte, verstand ich, dass man mich mindestens in den Kosmos schicken wollte. Oder um dem Feind in den Rücken zu treten mit einer sehr geheimen Aufgabe vertraut machen wird. Man muss noch dazu sagen, dass ich damit sehr falsch lag.

„Was haben wir da auf der Nase?“ fragte mich nachdrücklich der Dekan.

„Der Studentenfrühling,  Akylbek Saulebekovič,“ antwortete ich ihm, „wir bereiten uns vor, erneuern das Repertoire…“

„Ich rede von was anderem,“ unterbrach  mich der Dekan, wackelte mit dem Kopf, schwieg vielsagend für einen Moment und legte dar: „Bald ist die Komsomol – Konferenz. Wir müssen einen Wettbewerb durchführen. Des politischen Liedes und Plakates.“

„Aber  Akylbek Saulebekovič, wir zeigen Theater, Miniaturen. Mit Politik haben wir, glaube ich, nichts zu tun…“ begann ich mich zu rechtfertigen. „Vielleicht will jemand anderes es durchführen und wir bereiten eine satirische Szene vor. Über die Reichen…“

„Madeev, habe ich mich falsch ausgedrückt?“ Der Ton des Dekans verhieß nichts gutes. „Es gab die Entscheidung einen Wettbewerb des politischen Liedes und Plakates durchzuführen, mit der Einbeziehung unseres Studententheaters, und dieser Beschluss muss in die Tat umgesetzt werden. Und wir werden es umsetzen. Verstanden?“

„Verstanden,“ konnte ich geradeso antworten. „Wann soll die Aufführung statt finden?“

„In einer Woche,“ ließ mich  Akylbek Saulebekovič wissen.

Ich ging zurück ins Auditorium, wo mich die besorgten Studenten erwarteten, ich spielte mit offenen Karten und legte die Situation dar. Die Reaktion war wie erwartet.

„Sind sie etwa verrückt geworden?“ antwortete Gena für alle. „Welcher Wettbewerb? Und dazu noch ein politischer!“

„Wir werden gar nichts machen!“ wurde er von den anderen unterstützt. „Haben die etwa ihre Deppen gefunden?“

Und ich zog mir die Maske des Dekans an und sagte, so ähnlich wie er, mit einer metallischen Stimme: „Ich habe es also richtig verstanden, dass niemand im Sommer auf das Theater-Festival in Almaty fahren will?“

Sofort trat Stille ein. Das war unser sehnlichster Wunsch, auf das Festival der studentischen Theater zu fahren und das nutzte ich nun verräterisch aus. Stille, begleitet von enttäuschtem Stöhnen, brachte mich auf den Gedanken, dass ich keinen schlechten Dekan abgeben würde.

„Es ist so,“ fuhr ich fort, „der Wettbewerb ist in einer Woche, und wir müssen uns sehr viel Mühe geben. Auf dem Wettbewerb wird die gesamte Führung vor Ort sein. Morgen früh bekomme ich eine Liste von Studenten anderer Fakultäten, und wir beginnen direkt nach dem Essen mit dem Proben.“

„Werden wir auch Plakate malen?“ betonte kritisch Sagan.

„Aha, wie Ostap Bender, der Sämann, der die Flugblätter  herum  wirft.“ fügte Darhan hinzu.

Alle wurden auf einmal laut, wetteiferten um Bissigkeit und Scharfsinn, und ich verstand, dass der Wettbewerb statt finden wird und sagte etwas weicher: „Es gibt bereits jemanden, der die Plakate malt, wir haben die Aufgabe, den Wettbewerb im Allgemeinen zu organisieren und irgendwie die  Nummern aller Teilnehmenden szenisch miteinander zu verbinden.“

„Wir müssen uns ein direktes Thema ausdenken,“ schlug Gena vor, „um es besser zu verbinden. Zum Beispiel über die Befreiungsbewegung oder irgendetwas über die NATO.“

Da durchfuhr es mich.

„Eine Idee!“ schrie ich

Alle schauten auf mich.

„Ich habe eine klasse Idee! Welchen Monat haben wir “ stellte ich die rhetorische Frage und antwortete selbst: April! Das bedeutet was?“

„Was?“ fragte Jura mit Nachklang.

„Wir müssen…“ ich machte eine theatralische Pause und gab bekannt, „das Erscheinen Lenins auf dem finnischen Bahnhof  inszenieren! So! Ich hab’s!“

Ich stellte so etwas ähnliches wie eine Skulptur dar, die ihren Arm in die Luft hält, ala Lenin, doch konnte damit keinen Enthusiasmus hervorrufen und auch nicht mit der von mir genannter Idee über die Inszenierung. Aber ich verlor nicht den Mut.

„Schaut, es ist ein politischer Wettbewerb, das heißt er ist ideologisch. Wir müssen alle Szenen irgendwie miteinander verbinden. NATO, Reagen und Bžezinskij gehen schon allen auf die Nerven. Wir brauchen etwas Positives! Stellt euch vor, April im Jahr 1917, Lenin kommt in Russland an und tritt auf dem finnischen Bahnhof auf. Auf dem Panzerwagen! Er hält eine Rede! Aprilthesen! Also…“

„Und wie sollen wir es mit den Szenen verbinden?“

„Ganz einfach! Wir inszenieren eine Szene mit der Ankunft Lenins auf den Bahnhof. Das ist doch der Beginn der Revolution! Klasse! Lenin klettert auf den Panzerwagen und beginnt eine Rede zu halten. Und seine Rede werden wir mit den Szenen unterbrechen, so nach dem Motto, dass die Worte Lenins sich direkt im Leben selbst verkörpern.“

Ich verstand natürlich, dass etwas Geniales nicht direkt angenommen wird, aber ich erwartete nicht, dass meine nahen Freunde so unbeeindruckt und dickhäutig waren, sie haben gar nicht reagiert, saßen nur da und schwiegen. Šuron schaute mich nicht einmal an und kritzelte irgendetwas. Ich hatte plötzlich die Vorahnung, dass sie gar nicht an den Sieg des Kommunismus auf der Erde glaubten.

„Also,“ begann ich vom Neuen, „Gibt es irgendwelche anderen Vorschläge?“

„Sei nicht sauer,“ Mišel‘ versuchte wie immer wie ein Friedensstifter dazustehen: „Die Idee ist gut, aber wie sollen wir sie  umsetzen?“

Als ich am nächsten Tag eine Liste mit vorgeschlagenen Studenten des Wettbewerbs bekam, erkannte ich mit  Schrecken, dass alles fehlgeschlagen war, keine einzige Szene passte zu dem von uns gestern erarbeiteten Szenarium. Lenin, so bin ich mir sicher, hätte seine revolutionären Absichten  abgelehnt wenn er gesehen hätte auf welche Weise wir vorhaben, seine Rede zu illustrieren. Abgesehen davon, dass diese uneinheitlich waren, von Pantomime bis zum Quartett, so stand neben mancher Szenen  die Aufschrift „Änderungen vorbehalten.“

Doch es war zu spät für einen Rückzug, und als in dem Hauptsaal der Fakultät um drei Uhr die zukünftigen Teilnehmer erschienen, war ich bereit auf irgend einen Panzerwagen zu klettern und zu irgendetwas Erleuchtendem aufzurufen. Es sah danach aus, dass meine Stimmung von allen dort Versammelten verstanden wurde und erst als ich in Kürze den Kernpunkt der Veranstaltung erklärte, ertönte zu meinem Erstaunen der Applaus.

Ich schaute siegessicher in die Richtung meiner Theater-Kollegen, doch ihre Gesichter waren düster und brannten nicht vor Enthusiasmus. Die Durchschau der Szene begann. Auf meine Belegschaft traute ich mich nicht einmal noch einmal hinzusehen. Die künstlerische Qualität der Lieder, der Gedichte und Tänze war mittelmäßig, aber noch schlimmer war, dass sie alle nicht mit der  allgemeinen Idee über die Aprilthesen  übereinstimmten. Am allermeisten erstaunte uns die Inszenierung des Liedes „We kill the world“, mehr oder weniger das einzige Antikriegslied der Gruppe „Boney M“. Drei Kerle in Frauenkleidern begleiteten es mit solchen Bewegungen, dass der vierte Teilnehmer, welcher Bobbi Farrell darstellte und auf der Bühne wie ein wilder Ziegenbock hüpfte, vor ihrem Hintergrund aussah wie ein unschuldiges Lamm. Und als am Ende des Liedes ein Kinderchor einstimmte mit den Worten „don’t kill the world,“ konnte man verstehen, dass der Wunsch der Kinder wahrscheinlich nicht erfüllt werden wird, weil zu diesem Zeitpunkt nur vier Teilnehmer als Ziegenböcke auf der Bühne sprangen. Am Ende des Stücks stellten sich die tanzenden Boneyemer in eine Reihe, holten irgendwo hinter dem Rücken Albumblätter heraus, jeder zwei und stellten diese vor sich auf. Auf den Blättern waren große Buchstaben abgebildet, die, so war die Losung, den Spruch „Friede der Welt!“darstellen sollten,  jedoch tauchte, in  voller Übereinstimmung mit dem zuvor apokalyptischen Geschehenen  die Aufschrift „Die Welt ist tot!“  auf.

Ich erinnerte mich direkt an eine Phrase, von irgendeinem der Klassiker: „Die Menschheit wird nur von der Atombombe zerstört oder von der Laienkunst!“ Die Durchschau  neigte sich dem Ende zu, ich fing bereits an nach Wegen für den Rückzug zu suchen, als auf die Bühne ein weiterer Darstellender auftauchte, der laut seine Nummer ankündigte: „Kommentar. Thusbal match. Ozerob“

Genauso sprach er es aus „Thusbal“ und „Ozerob.“ Wie viele Kasachen aus dem Aul, sprach er anstatt „F“ „P“ und anstatt „V“ „B“ aus. Hier eine Erklärung. Ich kniff die Augen zu, senkte den Kopf und stellte mir vor, welcher Schrecken jetzt folgen würde. Die Realität überbot alle Erwartungen. Nikolaj Ozerov konnte nicht in seinem schlimmsten Traum eine solche Interpretation der Fußballkommentare voraussehen.  Wirklich, die Unverständlichkeit der Wörter wurde mit der Schnelligkeit kompensiert, mit einem aktiven Gestikulieren und einer wütenden Energie, auf welche die größten Fußballfanaten neidisch sein könnten. Ich wartete ab, bis das Kerlchen  wieder „T-o-o-r“ rief, stand vom Stuhl auf, um seinen Auftritt zu unterbrechen, doch in diesem Augenblick klopfte Gena mir auf die Schulter und sagte:

„Hier hast du deinen Lenin.“

Und ich verstand sofort, dass er recht hatte. Die Sache ist die, dass gestern, während der Besprechung der Szene über die Ankunft Lenins auf dem finnischen Bahnhof, unser mit Mühe errungener Kompromiss, wegen der einfachen Frage, wer Lenin spielen soll, beinahe in Scherben zerbrochen war.

Zuerst sprach man mich darauf an, doch ich lehnte ab und ging damit d’accord, dass ich die Regisseurtätigkeit übernehme und darum keine Rolle auf der Bühne übernehmen konnte. Die anderen fanden auch alle einen Grund, um nicht Lenin spielen zu müssen. Sie alle verstanden, dass wenn, während der Aufführung, irgend etwas auf der Bühne geschieht, dann wird alles verziehen, bis auf die Diskreditierung des hellen  Bildes des Führers des Weltproletariats. Im Endeffekt fanden wir einen  Kompromiss – auf den Panzerwagen ein Portrait Lenins zu positionieren und seine Thesen durch ein Mikrofon verlauten zu lassen. Ich blickte aufmerksam auf „Ozerob,“ welcher weiter das nicht sichtbare Fußballspiel kommentierte und stellte mir vor, dass wenn man ihn bittet, all dies leise zu tun, ihn auf den Panzerwagen zu stellen und ihm eine Kappe anzuziehen, dann kommt vielleicht etwas Gutes raus. Ich nahm die Liste mit den Namen vom Tisch, las laut seinen Namen vor, hob dann  die Hand und sagte „Stopp“ . Es schien als hätte man den Kerl ausgeschaltet, der Wörterstrom wurde unterbrochen, doch seine Augen brannten weiter und die Hände bewegten sich nach dem Trägheitsgesetz. Es war offensichtlich, dass wohl irgend jemand vor längerer Zeit, dem Kerl eher aus Spaß sagte, dass er Ozerov gut imitieren könnte, und ihn wahrscheinlich die Verwandten damit bekräftigten. Der Kerl glaubte daran und begann seine Solo-Karriere als Kommentator und Improvisationskünstler.

„Jerbol,“ sagte ich durchdringend, „eine schöne Szene hast du.“

Jerbol erstarrte. Er hat nicht an eine solche Wertschätzung gedacht aber als er sah, dass ich es ernst meinte, setzte er sich stolz gerade hin und genauso wie ich vor anderthalb Stunden, blickte er siegessicher über meinen Kopf hinweg, irgendwohin in den Saal. Ich verstand, dass es gerade jetzt wirklich angebracht wäre und klatschte in die Hände. Das ganze studentische Kollektiv  unterstützte  mich freundschaftlich.

 Die Vorbereitung für den Wettbewerb verlief in einer sehr angespannten Atmosphäre. Wir übten jeden Tag und jeder Tag brachte eine Überraschung mit sich. Einige Teilnehmer schienen aus unbekannten Gründen aus, andere kamen erst im letzten Moment hinzu, und konnten sich nicht in mein grandioses Vorhaben hinein denken. Ich musste mich aus einem Regisseur in einen baltischen Matrosen verwandeln, um die Gelegenheit zu haben, mich immer auf der Szene zu befinden, im Sog der Ereignisse und Korrekturen mit einzubringen, so wie „Lenin“ und alle, die ihn trafen und darauf erpicht waren den Rahmen der Inszenierung zu überschreiten. Die anderen Teilnehmer, (stämovcy: студенческий театр эстрадных миниатюр) – Mitglieder des studentischen Theaters der Bühnenminiatüre, traten auf als Soldaten, Matrosen und Bauern und nahmen ebenso Schlüsselrollen auf der Szene ein. Unsere Lida trat als Krupskaja Nadežda Konstantinovna auf und wurde dem Lenin-Jerbol angeheftet, sie sollte immer in seiner Nähe sein und darauf achten, dass er nicht irgendetwas anstellte. Jerbol selbst badete buchstäblich im Licht des auf ihn plötzlich

herabgestürzten Ruhms, steuerte eine von ihm selbst tragbare Substanz zu seinem Charakter, versuchte es sogar uns Anweisungen zu geben.

Ich verstand den Grad der Verantwortung und musste mich an die Leitung des lokalen Dramentheaters Stanislavskij wenden. Wir versprachen diesem ein Stück  zu spielen und bekamen im Gegenzug professionelle Kostüme. Und unser Freund, der Schauspieler Saša Osipov gab uns ein paar nützliche Tipps.

Irgendwann, als wir gerade am proben waren, schaute  unser Dekan vorbei, blieb eine Zeitlang sitzen und rief mich mit einem Kopfnicken in den Flur.

„Sabyržan, ich habe eine gute Nachricht,“  Akylbek Saulebekovič fasste mich am Ellenbogen und wechselte in einen Flüsterton. „Ich wurde ins Parteikomitee gerufen, dort erzählte ich von deiner Idee mit den Aprilthesen. Die Idee kam gut an.  Man nahm sie gut auf. Man hat entschieden, dass anstatt des Wettbewerbes einfach nur eine Galavorstellung statt finden wird, verknüpft  mit unserer Konferenz,  zur Ehre des Geburtstags von Lenin. Verstanden?“

„Nein,“ sagte ich ehrlich. „Und was ist mit dem Wettbewerb?“

„Der Wettbewerb findet nicht statt,“ der Dekan begann nervös zu werden. „Hast du etwa nicht verstanden? Wer soll denn mit Lenin wetteifern? Es werden einfach nur Szenen sein. Und eure Szene mit ihm und seiner Rede, soll am Ende aufgeführt werden. Wie ein finaler Punkt. Übrigens, es werden noch ein paar Szenen dazu kommen . Kriegslieder. Die Philologen bereiten sie extra vor.“

„Und was ist mit unseren Szenen?“

„Ihr habt sie doch schon vorbereitet?“

„Ja, fast.“

„Das ist gut. Sie bleiben auch. Also los, macht euch bereit. Lasst uns nicht im Stich.“

Unauffällig nahte der Tag des letzten Gerichts. Seit dem frühen Morgen waren alle am Zug. Auch so schon verwöhnten wir die Vorlesungen nur selten mit unserer Anwesenheit, aber heute wurden wir offiziell von  den Seminaren befreit. Nach dem Befehl des Dekans zogen wir schon Mittags die entsprechenden Kostüme an und schufen damit eine feierlich-revolutionäre Atmosphäre. Diejenigen, die schwache Nerven hatten, liefen vor  mir weg – als ich unerwartet im Kostüm eines Matrosen mit einem geladenen Maschinengewehr hervor trat.

Innerhalb einer Woche verbreiteten sich Gerüchte über irgendeine außergewöhnliche Inszenierung des studentischen Theaters an der ganzen Uni aus und unser Proberaum war bereits gefüllt, bevor die Aufführung statt fand.

Aufdringlich versuchten unsere Leute Plätze in der ersten Reihe zu ergattern, die eigentlich für die Leitung vorgesehen waren. In den benachbarten Auditorien wurde geprobt, die Instrumente gestimmt, die Kostüme vorbereitet, die Requisiten zurecht gelegt.

In den Räumen nebst des Proberaums wurden die Bilder von Zugwaggons, auf denen Vladimir Il’ič Lenin mit seiner Begleitung ankommen sollte, fertiggestellt. Dann entschied irgendjemand von uns  im letzten Augenblick, dass die Ankunft der leninschen Garde auf dem Bahnhof, ohne Zug, irgendwie verfälschend wirken wird, und so begannen wir einen Zug zu basteln. Hätten wir bloß gewusst, welches Ende es nimmt…

Und nun, mit einer Verspätung von einer halben Stunde, erklangen die feierlichen Fanfaren und auf die Bühne trat Akylbek Saulebakovič. In seiner Manteltasche steckte eine Nelke, die er ständig zurecht rückte, doch das störte ihn nicht, kurz und leidenschaftlich alle mit dem sich nähernden Geburtstag von Vladimir Il’ič Lenin zu gratulieren, und er leitete dann den Beginn der Vorführung ein.

Es erklang die entsprechende Musik, hinter den Kulissen informierte Ženja alle mit der Stimme eines Leviatans, dass heute, am 16 April des  Jahres 1917 in Petrograd die Ankunft des aus der Emigration zurückgekehrten Führers der Partei der Bolschewiken und seiner Genossen erwartet wird. Der Saal reagierte mit einem überschwänglichen Applaus.

Auf der Szene erschien Larisa in der Gestalt einer Komsomolzin der 20er Jahre und teilte mit, dass in Erwartung des Zuges, ein feierliches Konzert statt finden wird. Die Sache war die, dass die Szenen, die uns zugewiesen wurden, nicht dem entsprachen, was wir einstudiert haben, deswegen wurde die Entscheidung getroffen, diese in einem musikalischen Auftakt zur Gesamtaufführung vorzustellen. Im Saal sprach sich niemand dagegen aus und Larisa kündigte die erste Szene an. Insgesamt waren es acht Szenen. Dies waren in erster Linie Lieder und Gedichte. Zu diesem Zeitpunkt des Abends wurden noch keine Überraschungen erwartet. Deswegen haben wir, sowohl die Ankommenden, als auch die Aufwartenden, uns gegenseitig aufgemuntert und verteilten uns  auf die Ausgangspositionen. Ich stand rechts hinter den Kulissen und konnte alle Teilnehmer gut sehen. Der Zug aus Karton beunruhigte mich etwas, aber es war schon zu spät, um etwas zu verbessern,  daher drehte ich mich um und begann den Kerl anzuschauen, welcher in der Ecke leise seine Gitarre einspielte und sich auf die Aufführung vorbereitete. Larisa ging zu ihm und sagte, dass er dran wäre. Der Kerl sprang auf, warf sich den Gitarrengurt über die Schulter und kam auf mich zu.

„Mach dir keine Sorgen, alles wird gut,“ flüsterte ich ihm zu als ich sah, dass er, kaum bemerkbar, jedoch zitterte. Er nickte. Larisa dreht sich zu ihm und fragte:

„Was wirst du aufführen?“

„Ein Lied. Eine Ballade über den Vater (Vater heißt auf russisch „Otec, dies klingt im Russischen wie a-b-c“) antwortete der Kerl.

„Ein Dreieck etwa?“ wunderte sich Larisa. .

„Warum Dreieck?“ wunderte sich der Kerl. „Ein Kriegslied. Ich habe es selbst geschrieben. Eine Ballade über den Vater.“

„Soll ich das genau so ankündigen?“

„Kündige das so an.“

„Gut, „sagte Larisa, ging zum Mikrofon und kündigte feierlich, mit  einer gestellten, schauspielerischen Stimme die nächste Aufführung an. „Nun wird ein Student des zweiten Semesters  der philologischen Fakultät, Timkin Vasilij, ein poetisches Lied vortragen „Ballade A-B-C!“

„Nicht A-B-C, sondern über den Vater!“

 Aber es war zu spät. Larisa ging graziös an ihm vorbei und stieß heraus:

„Leg los! Was stehst du da?!“

Der blass gewordene Vasja schlenderte zum Mikrofon und murmelte mit einer etwas beschämten Stimme:

„Nicht A-B-C, sondern über den Vater.“

Der Saal schwieg, Vasja versuchte noch einmal richtig zu stellen:

„Die Ballade heißt nicht A-B-C, sondern über den Vater. Über den Vater. Über Papa. Keine Dreiecke.“

Der Saal war begeistert.

Sogar Akylbek Saulebekovič lachte. Die Anspannung, die uns mit eisernen Handschuhen festhielt, war wie verflogen, wir mussten alle laut lachen und versuchten uns dabei den Mund zu zuhalten! Nur Larisa und Wasilij lachten nicht.

Wasja befand sich in einem halb-ohnmächtigen Zustand, wartete das Ende der Begeisterung ab und begann zu singen. Er hätte besser direkt gehen sollen! Denn das Lied, wie die Ironie so spielt, begann mit den Worten „Ich singe euch über den Vater“, dieses „über den Vater,“ wiederholte sich  immer wieder und rief einen homerischen Lachanfall im Publikum hervor.

Das letzte Lied klang aus.

Ženja kündigte mit einem samtenen Bariton an, dass Lenin und seine Genossen auf den finnischen Bahnhof eintreffen. Das Phonogramm spielte das Geräusch eines sich nähernden Zuges, unsere Leute sprangen alle auf die Bühne, schwangen mit den Gewehren und  riefen Volksparolen zu. Ich winkte mit der Hand und…

Zusammen- und auseinanderziehend, durch das uneinheitliche Gehen der Lenincer, die sich hinter den Wagen versteckten und die Besetzung sicher stellten, bewegte sich

das Kartonkonstrukt aus drei  Zugwaggons und der Lokomotive langsam von  der linken Kulissenseite auf die Bühne. Der Saal empfing den Zug mit einem stürmischen Applaus. In diesem Moment, wohl entschieden, dass es unangebracht wäre, die Zuschauer auf dem Halt des ganzen Zuges warten zu lassen, öffneten sich im mittleren Waggon plötzlich die Fensterläden des zugeschnittenen Fensters und – heraus schaute: ein glückliches Gesicht von Lenin-Jerbol. Das war seine Sternstunde – er winkte mit der Kappe und lehnte sich mit dem gesamten Oberkörper bis zur Taille aus dem Karton-Fenster heraus, wobei er es vollkommen zerknickte, und rief: „Es lebe die Welt-Revolution!“ In den Waggon zurück drängen – den Führer des Weltproletariats – war nicht nun unmöglich und alle, die auf der Bühne standen, begannen zu schreien und zu klatschen. Zu meiner Verwunderung sprangen viele im Saal von ihren Sitzplätzen auf, unterstützten unseren Applaus und riefen uns Losungen zu! Der Dekan drehte sich um, lächelte, stand dann auf und begann zu klatschen. Sogleich folgte ihm der ganze Saal!

In diesem Moment verstanden unsere Leute, die sich hinter der Lokomotive befanden und die, die im Zuschauersaal beginnende Revolution nicht mitbekamen, den verstärkten Geräuschpegel als ein Signal zum Anhalten. Der Zug, welcher nur die Hälfte der Strecke zurück gelegt hat, hielt plötzlich an. Zugleich aber fuhren die Mitstreiter Lenins mit der Bewegung fort und der Zug nahm die Form eines Akkordeons an. Zudem fiel Lenin-Jerbol praktisch schon aus dem Fenster. Um eine Katastrophe zu vermeiden, blitzten wir, die aufwartenden Soldaten und Matrosen, zum Waggon und zogen, entgegen der historischen Wahrheit, den Führer aus dem Fenster heraus. Jerbol war nicht mehr er selbst,  schrieb sich den stürmischen Ausbruch der  Liebe des Volkes zu Lenin zu,  und entschloss sich die Situation in vollstem Maße auszunutzen. Ohne lange nachzudenken, stieg er auf die Schultern der Soldaten, die ihn herausgezogen haben,  und übertönte den Saal: „To-o-r!!!“  Die revolutionär gestimmten Studenten im Saal ließen sich von einer solchen Interpretation der Aprilthesen nicht verunsichern und donnerten ihm entgegen: „Huraa-a!“ Als ich verstand, dass Lenin wieder irgendetwas über den Spartak oder den ZCKA  (Fussballvereine) ausrufen könnte, musste ich auf die Vorbühne treten und mit einer kreischenden Stimme los schreien: „Gegrüßt sei  Vladimir Il’ič Lenin! Hurra Genossen!“ Unter dem schallenden „Hurra“, rief ich den Soldaten, die Jerbol auf den Händen hielten, zu, dass sie diesen zum Panzerwagen tragen sollten. Und dann hielten die bis zum Anschlag zusammengepressten Waggons nicht mehr Stand und krachten aufs Parket. Zugleich stürzten auch die vielen Genossen Lenins, die es nicht rechtzeitig schafften, den Zug durch die Kartontüren zu verlassen. Was im Saal geschah, kann man nicht beschreiben! Das emotionale Pendel schwang um, und die Masse der Studenten brach in Lachen  über die in den Waggons zappelnden Bolschewiken aus. Die Soldaten, welche vom Führer des Proletariats und von mir angetrieben wurden, stürmten in alle Richtungen und suchten nach dem Panzerwagen, den man in all der Hektik vergessen hatte auf die Bühne zu bringen. Am aller  besten in dieser Situation fühlte sich – Jerbol. Caesar gleich, begrüßte er seine „Untergebenen“, immerzu etwas über die Revolution und die Bourgeoisie ausrufend, warf er, während man ihn herumtrug, seine Kappe in den Saal, riss  einem der Matrosen die Schirmmütze vom Kopf  und warf diese ebenfalls seinen Bewunderern zu. Die Rettung kam in Gestalt Lidas Krupskajas, die wie durch ein Wunder  nicht umfiel als der Zug einstürzte,  sie erblickte ihren Gatten nicht auf dem Panzerwagen, sondern in den Händen der Soldaten, verstand sofort, dass  die Situation gerettet werden muss und rannte mit dem Ausruf „Hier ist der Panzerwagen!“ zur Lokomotive, die noch auf der Bühne stand. Ich schrie zum hundertsten Mal „Hurra, Genossen!“ und schob die Soldaten und Jerbol Richtung Zug an.

Unerwartet sprang wieder das Phonogramm mit dem Geräusch eines Zuges an und die Verantwortlich, im völligen Ausnahmezustand, begannen diesen hinter die Kulisse zu schieben. Das war ein Bild! Ein zur Seite wegfahrender Zug , ein sich am Schornstein der Lokomotive festklemmender Lenin, eine Richtung Zug eilende Krupskaja, die Soldaten, die zugleich versuchten den Anführer festzuhalten, halb liegende, halb sitzende Bolschewiken, die herum-rennenden Matrosen und ich, mitten im Zentrum dieser kosmischen Phantasmagorie – fuchtelnd mit einem hölzernen Mauzer.

Im selben Moment, als der Zug endlich zum Stillstand gebracht werden konnte, und Lenin-Jerbol sich hinter ihm positionierte konnte, immer noch fest gehalten  von den selben unglücklichen Soldaten, tauchte auf der Bühne endlich der Panzerwagen auf. Jerbol nahm bereits eine leninsche Haltung ein und streckte den einen Arm nach oben, als er die Konstruktion erblickte, auf der er bereits eine ganze Woche seine  Rede ausarbeitete. Er schwankte in deren Richtung. Die Soldaten, welche das Erscheinen des Panzerwagens nicht bemerkten, beschlossen, dass der Anführer das Gleichgewicht verlor, zogen ihn zur anderen Seite –  Lenin riss den Schornstein ab.

Der Saal stöhnte. Die Menschen hatten keine Kraft mehr zum Lachen. Vor allem riss der Schornstein so ab, dass man der Eindruck hatte, dass der Totengräber des Kapitalismus in seinen Händen anstatt einer proletarischen Kappe, einen bourgeoisen Zylinder hält. Es dämmerte mir, dass mir der Ausschluss aus der Universität drohte, wenn nicht sogar eine Gefängnisstrafe, dann gestikulierte ich den Panzerwagen hinter die Kulissen, nahm Lenin den Schornstein weg, hob die Hand mit dem Mauzer und ging auf die Vorbühne.

„Ruhig, Genossen!“ schrie ich so überzeugend wie möglich. „Feinde der Revolution wollten Lenins Rückkehr nach Petrograd sabotieren, doch sie schlugen fehl!

Und um dies zu untermauern, zerbrach ich mit einer schnellen Bewegung den Horn-Zylinder an meinem Knie. Ich schmiss die Kartonhälften auf den Boden, durchbohrte den Saal mit einem düsteren Blick und drohte erneut mit dem Mauzer. Zu meiner Freude, wenn auch durchsetzt, unterstützte mich das Publikum mit einem Applaus.. Akylbek Saulebekovič saß in der Mitte der ersten Reihe, wischte sich seine Augen mit einem Tuch ab und nickte zustimmend.

„Wir sind revolutionäre Soldaten und Matrosen,“ fuhr ich entschieden fort. „Wir werden es den verdammten Kapitalisten nicht erlauben den Brand der Weltrevolution zu erlöschen!“

Ich zog die Zeit extra hinaus, um erstens, den Saal zu beruhigen, und zweitens, weil ich (mit absoluter Sicherheit) davon ausging, dass die durch solche Ausnahmesituationen abgehärteten Studenten, die revolutionären Soldaten, Matrosen und benommenen Bolschewiken in Übereinstimmung mit den sich verändernden Umständen, wieder aufgestellt haben. Man musste ihnen etwas mehr Zeit geben; ich meißelte mit unsichtbaren Nägeln mit meiner Faust:

„Le-nin lebte!  Le-nin lebt!“

Meine Worte erklangen dermaßen gewichtig, und ich schaute so fesselnd in den Saal, dass während meiner Pause, die ich absichtlich in die Länge zog, entschieden wurde, dass ich den wahrhaftigen Lenin inmitten der Anwesenden entdeckt habe, und begannen nach ihm Ausschau zu halten. Ich ging nach vorne und rief laut:

„Lenin wird (immer) leben!“

Der Saal applaudierte, ich hob wieder den Arm mit dem Mauser und kam zum Entscheidenden:

„Und nun Genossen,“ eiferte ich pompös, „wird Vladimir Il’ič Lenin uns seine berühmten Aprilthesen vortragen!“

Ich drehte mich um, Tränen schossen in meine Augen – alles war so, wie ich es erwartet habe. Lenin in einer entsprechenden Pose auf dem Panzerwagen, Krupskaja – gleich neben ihm, die Antreffenden und Aufwartenden mit auf den Anführer des Weltproletariats gerichteten Blicken – um ihn herum.

In einem schwergewichtigen Schritt ging ich zurück an meinem Platz an der rechten Seite der Kulissen und nickte dem Tontechniker zu. Er nickte auch mir zu und drückte auf den Knopf des Mikrofons.

Das Unglück kommt niemals allein.

Aus allen Dynamos prallte das Lied „Der Vogel des Glücks,“ auf den Saal herab, welches für die finale Aufführung vorgesehen war.

Die Teilnehmer aller Einzelszenen entschieden, dass es so geplant war, rissen sich von ihren Plätzen los, schnappten sich ihre Requisiten und stürmten auf die Bühne. Die Zuschauer,  vollkommen schockiert  von solch einer Lesung des leninschen Erbens, begrüßten, nichts desto trotz, die Teilnehmer mit einem stürmischen Applaus, und alles wäre nur halb so schlimm, aber wir unterschätzten die magischer Kraft der Kunst.

Es überstieg Jerbols Kräfte, nach dem soeben erfahrenen Triumph, alleine auf der Bühne zu stehen und pantomimisch den Mund zu bewegen. Er zog bei einem neben ihm stehenden Soldaten das Gewehr heraus, sprang vom Panzerwagen herunter und

wurde zum Vorsteher des abendlichen Aufmarsches!

„Bähl mich, bähl mich, Pogel des flücks des morfigen Tafes!“ schrie Jerbol feierlich und versuchte  mit seiner Stimme den Gnatjuk zu übertönen.

Hüpfend begann er auf der Bühne Kreise zu formen und lud alle Zuschauer dazu auf, sich  ihm anzuschließen,  aber schon beim nächsten Sprung rutschte er  aus, stolperte über die Kartonresten des Schornsteins und fiel mit aller Wucht mit den Füßen nach oben auf den Rücken. Und folglich, entsprechend dem natürlichen Gesetz der Trägheit , folgte die gesamte marschierende, revolutionäre Menge auf  ihn drauf  und irgendein Plakat landete mit einem großen Krach auf den Kopf von Jerbol-Lenin. Er begann etwas zu schreien, versuchte aufzustehen aber niemand hörte ihn  – die modernisierte Variante der Aprilthesen schaffte es in einem Zug eine neue Generation von Komsomolzen auf die Barrikaden zu stemmen, die entschlossen in die Zukunft blicken.

Der Vogel des Glücks des morgigen Tages kam herab geflogen und verzauberte mit seinen Flügeln.

Ich verstehe bis heute nicht, warum man unser Theater nicht auseinander jagte?!

Ilja Odegov: „Den Traum in die Hand“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Der Fleischer Džafar war ein relativ kleiner, weicher Mann mit großen, feuchten Reh-Augen und langen Wimpern. Wenn er sprach, lächelte er ein klein wenig, so als ob er daran zweifelte, was er sagte und klimperte mit den weichen Wimpern wie ein Schmetterling mit seinen Federn. Seine Hände waren groß und warm. Manchmal, vor allem dann wenn er Gras rauchte, wurden die Hände einfach riesig und Džafar mochte es, wie sich die Finger bewegten, sich nach den Signalen richteten, die vom Kopf kamen. In diesen breiten Händen, fühlten sich, sowohl die Axt als auch das große Messer wohl. Die Finger pressten sich aneinander und füllten jedes Grübchen auf dem Messergriff aus,  so dass es den Eindruck machte, als ob dieses in die Hand herein wuchs und zu einer Verlängerung dieser Hand wurde.  Džafar hackte tagsüber Ziegen-und Schaffleisch in Stücke und nachts schlief er in seinem Zimmer, welches er bei einer Dame von ca. vierzig Jahren, mietete. In diesen Nächten, wenn die Hausherrin, keine Zärtlichkeiten von ihm forderte, anstatt dem Geld für die Miete, er wundersame Träume. Er Träumte von einer schönen Welt, die gefüllt war mit besonderen Tieren – riesigen, bunten, farbenfrohen – solchen ist  Džafar in seinem ganzen Leben noch nie begegnet. Diese Tiere sprachen mit ihm und er verstand jeden Ton. Im Traum wollte Džafar immer auf sich selbst blicken, denjenigen sehen, mit dem die Tiere und Vögel sprechen, aber das gelang ihm nicht. Es schien als ob es nur den Blick aus irgendeinem Punkt in der Leere gäbe und der, dem der Blick gehörte, gar nicht existierte. Wenn  Džafar aufwachte, schaute er als erstes auf seine großen Hände um sich zu überzeugen, dass diese noch ganz sind und zu ihm gehören.

Eines Tages, als Džafar in der Kücke das Schulterblatt eines Schafes bearbeitete, öffnete sich leicht die Tür und eine Katze betrat den Raum. Eine kleine, graue Katze mit dunklen Streifen. Sie gähnte, dehnte sich, ging zu  Džafars Beinen, setzte sich, leckte sich ab und miaute leise.  Džafar schnitte ein Stück vom Schaffleisch ab und warf es ihr zu. Die Katze schaute auf das hin geworfene Fleisch.

„Iss,“ sagte Džafar.

Seitdem erschien die Katze jeden Tag in der Küche. Sie kam immer zur selben Zeit, aß ihr Fleisch und ging weg.

Džafar entschied, dass die Katze unbedingt einen Namen haben sollte. Er nannte sie „Farš“ (russisch für Hackfleisch). Er hatte den Eindruck, dass in diesem Namen etwas muslimisches sei, das gleichzeitig etwas mit seinem Beruf zu tun hat. Die Katze hörte nicht auf den neuen Namen. Sie kam einfach, aß das Fleisch und verschwand wieder. Džafar gewöhnte sich an diese Besuche, legte rechtzeitig leckere Stückchen auf den Boden und erwischte sich oft dabei, wie er auf die Tür starrte und auf ihre Ankunft wartete.

Aber nach einer Zeit, besuchte ihn die Katze nicht mehr. Zuerst machte Džafar sich Sorgen, ging ab und zu nach draußen und rief: „Fa-arš“, dann freundete er sich jedoch an, dass sie nicht mehr kam, bis zu dem Zeitpunkt als die Katze in seinen Träumen erschien. Das erste Mal sah er sie plötzlich beim Einschlafen. Sie unterschied sich von allen. Inmitten von riesigen Schnecken, schuppigen Kühen und violetten Reihern, schien die Katze so real zu sein, dass  Džafar sie berühren wollte. Gerade als er diesen Wunsch verspürt hat, miaute die Katze und verschwand. Er dachte lange an diesen Traum. Am nächsten Tag erschien die Katze wieder, doch sobald er sie berühren wollte, verschwand sie. So ging es einige Nächte hintereinander weiter. Tagsüber, wenn die Hände  Džafars das Fleisch bearbeiteten, war sein Kopf damit beschäftigt, eine Möglichkeit zu finden wie man das Gedachte durchführen könnte. Nach der Arbeit lief er schnell nach Hause und ohne zu Abend zu essen, legte er sich schlafen. Die Hausherrin bemerkte, dass sich in den Rehaugen  Džafars, die zuvor so sorgenlos waren, nun etwas geheimnisvolles, ja sogar angsterfülltes gebildete hatte, doch sie fragte ihn nicht aus, sondern weckte ihn morgens, um ihn zur Arbeit zu schicken. An einem dieser Tage kam  Džafar auf eine Idee. Als er die Küche abends verließ, nahm er ein Stück desselben Schaffleisches mit, mit dem er die Katze gefüttert hatte. Er hielt das Fleischstück in seiner großen Hand und machte die Augen zu. Als die Katze auftauchte, erinnerte er sich an das Fleisch  und als er sich mit Freude daran erinnerte, rief er mit einem Blick die Katze zu sich. Diese gähnte, streckte sich und begann sich zu nähern, mit jedem Schritt wurde sie etwas größer.  Džafar

bekam Angst, er schrie, kniff die Augen zusammen und sah in diesem Augenblick seine großen, weichen Hände. Morgens kam die Hausherrin in sein Zimmer, um ihn zu wecken, doch sah niemanden auf dem Bett. Sie wunderte sich und erinnerte sich daran, dass sie nachts im Traum irgendwelche Schreie gehört hat, beschloss sie wieder heraus zu gehen, doch fühlte sie plötzlich einen Blick auf sich. Sie drehte sich um und schaute sich noch einmal im Zimmer um, doch es war niemand zu sehen.

Marija Vilkovskaja: „Gedichte verschiedener Jahre“

Übersetzt von Polina Stoppel-Beise und Lena Muchin:

Der Tag der Kosmonautin I

Ich lebe auf dem Prospekt Gagarins

in der Stadt der umbenannten Straßen

dort wo Dzeržinskij und Kalinin die illegalen Decknamen der Helden Nauryzbaj

und Kabanbaj tragen

aber Gogol‘ und Ševčenko halten sich an die Pass-Daten

und Furmanov wartet auf den Tod von demjenigen, dessen Ehre und Würde

vom Staat bewacht wird.

Auf seinem Territorium ist ein Kosmodrom

und es fallen die verarbeiteten Stufen

(die zukünftigen Städte, wenn das Erdöl aufgebraucht ist, kommen mir manchmal vor

wie eine Müllhalde radioaktiver Abfälle von China und anderer Imperien)

und auf der Metrostation „Bajkonyr“ fliegt auf dem Monitor eine Rakete und Talgat

Musabaev

schwebt im der Schwerlosigkeit

an diesem Tag

wurde ich bei den Pionieren aufgenommen neben dem ewigen Feuer mit einer Wache

aus Schülern

es war Frühling, die Bäume blühten überall wuchsen Tulpen und das Wasser war

viel viel nasser

und die Erzählung der Mutter, wie sie die Passanten in Moskau umarmt hat

vor Freude, dass Gagarin endlich flog

ein Mensch im Weltall!

Das war unwahrscheinlich

wo seid ihr Außerirdischen?

Wann löscht ihr endlich

diesen traurigen Planeten

vom Antlitz des Weltalls.

Der Tag der Kosmonautin II

Ich schreibe dir eine Liste, damit du nichts vergisst,

Zucker

Whiskas

Servierten

Seife

drei mal zehn Eier

– So viele? Ach ja. Eier wegen Ostern.

So ein Art-Projekt: wir färben Eier, und dann

verzieren wir sie mit buddhistischen, islamischen Zitaten, man kann auch anflechten

Nietzsche, Žižek, Lacan.

Lacun

Lazkan

Laskan

Locon

Laka na

Durchlassen

Alles durchlassen

(Word ersetzt Lacan)

            Gott hat kein Bewusstsein – das ist die  wahre Formel des Atheismus

– Ja, wir färben sie mit leuchtenden Farben,

Zitate schreiben wir mit einem schwarzen wasserfestem Edding.

                        Gott ist tot, aber er weiß nichts davon.

Die ersten Christen versammelten sich in Katakomben, um die Bibel zu lesen. Im

Grunde genommen, waren sie Oppositionelle.

– Oppositionelle mit einem gekreuzigten Anführer

Denn, wo zwei oder drei versammelt sind in Meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

– Warum sind die traditionellen Religionen so standhaft? Wann wird die Menschheit endlich

einen Kult erfinden, der mit der Gegenwart übereinstimmt?

– Ein echter Atheist glaubt ohne Zweifel an Gott.

Warte, das schreibe ich auf.

Einmal im Jahr bereite ich Teig für den Osterkuchen vor und backe diesen der Mutter zuliebe. Das gelingt mir nicht so gut. Ostern – das ist so unerschütterlich wie Neujahr. Vor kurzem sagte ich der Mutter, dass ich ein Poster anfertigen möchte und damit gegen Christus protestieren. Ich sagte, dass ich die Gefühle der Gläubigen beleidigen wollte, ich schrie. Ruth hat mich weg gebracht. Die Mutter war beleidigt auf Ruth. Ostern ist dieses Jahr am selben Tag wie der Tag der Kosmonautin. Wir beschlossen mit den Eltern nicht über zeitgenössische Kunst und Politik zu sprechen, nicht über Religion und Genderidentität. Es bleiben nur das Wetter und die Küche.

 Achtteilige Suppe

                                                           1

einschlafen einstecken Dürre

                                                           2

Die Diagnose der Panikattacken (Ankündigung)

beobachtbar ist der Verlust der Verbindung zum Körper

die Symptome wollen sich nur mit Mühe heilen lassen

gezeigt wird die Kopfmassage Drehungen im Kreis

mit dem Körper nicht-einsamer Sex

schaut in die Wurzel zielt auf  den Punkt des Schmerzes

heilt den Körper der Barb und Turaten

(Das gab’s schon mal, Zojka lässt keinen lügen

Am Morgen des ersten Januars zieht Kuanyš

die Kleidung aus und legt diese in die Waschmaschine

startet das Kreisen zu zusammen mit den Zigaretten und dem Gürtel

und kreist mal in die eine mal in die andere Richtung

für ein oder zwei Mal

Kuanyš nimmt ein Bad und freut sich

ul’ken kuanyš bar

Alla ich gehe in die Bar versucht mir die Mutter zu erklären

Bei ihr geschieht alles unverständlich irgendjemand spricht unverständlich

Und alle Menschen fallen auf die Knie

die Nachbarmoschee singt mit einer vollkommen bescheuerten Stimme, es ist ja kein Freitag

ich kenne all eure Kater-Praktiken

schreib nicht schreib nicht schreib nicht

koch lieber ein Suppe mit Kraut und Rindfleisch

oder Kürbissuppe mit Ingwer nach dem Rezept von Ksju Ša

                                                           4

wie nur

nervt dieses Zeitgenössische

und der Snobismus und das Wackeln mit dem Hintern und das Ästhetische und das Natürliche und das Hässliche

wo war hier nur meine Waffe?

Ingwer und nicht nur Čužuk hat die Form von Genitalien

lass dich nicht fangen vom Abzugshahn mein unverkennbares Würmchen

                                                           5

Die Heimat des Ingwers wo bist du Heimat des Ingwers

Ihr Wort Genosse Browser

treibt nicht den Schneesturm an pumpt nicht vergeblich dem Nebel auf

„Die Heimat des Ingwers – Westindien und ich

bin Süd-Ost-Asien“

                                                           6

Ich betrete das Zimmer die Tochter redet schlaftrunken

willst du wissen warum ich mit den Beinen nach oben schlafe?

Ich träumte, du seist tot

es ist nur  Traum spreche ich in die Hand

denn irgendwann wird es geschehen

sie sagt nein ohne die Augen zu öffnen

ich gehe raus mache die Tür zu wir brauchen eine neue Matratze

                                                           7

gestern sprachen wir ein wenig über den Tod

und gut, dass wir es können

aber dann ist das Gespräch ins Stocken geraten

Pavlenski Pussy ein weißes Mädchen auf schwarzem Balken ist der Preis Kandinskys

Nehmt mich doch als Erzieherin im Kindergarten für die zukünftigen Samurais

ich zeige ihnen wie die japanische Kirschblüte das Laub verliert und erzähle davon, wie der Sukkubus schleicht

ich bringe ihnen die Musik Kurjehins bei

mit dieser werden sie den ganzen Schnee schmelzen

                                                                       8

Inzwischen ist der Kürbis-Halbmond bereit

ich werde die Kater einfangen und füttern

so ist meine Kunst

etwas elendig, aber schmackhaft

Maria Vilkovisky: „Gedichte“

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise u. Lena Muchin:

Der Tag der Kosmonautin I

Ich lebe auf dem Prospekt Gagarins

in der Stadt der umbenannten Straßen

dort wo Dzeržinskij und Kalinin die illegalen Decknamen der Helden Nauryzbaj

und Kabanbaj tragen

aber Gogol‘ und Ševčenko halten sich an die Pass-Daten

und Furmanov wartet auf den Tod von demjenigen, dessen Ehre und Würde

vom Staat bewacht wird.

Auf seinem Territorium ist ein Kosmodrom

und es fallen die verarbeiteten Stufen

(die zukünftigen Städte, wenn das Erdöl aufgebraucht ist, kommen mir manchmal vor

wie eine Müllhalde radioaktiver Abfälle von China und anderer Imperien)

und auf der Metrostation „Bajkonyr“ fliegt auf dem Monitor eine Rakete und Talgat

Musabaev

schwebt im der Schwerlosigkeit

an diesem Tag

wurde ich bei den Pionieren aufgenommen neben dem ewigen Feuer mit einer Wache

aus Schülern

es war Frühling, die Bäume blühten überall wuchsen Tulpen und das Wasser war

viel viel nasser

und die Erzählung der Mutter, wie sie die Passanten in Moskau umarmt hat

vor Freude, dass Gagarin endlich flog

ein Mensch im Weltall!

Das war unwahrscheinlich

wo seid ihr Außerirdischen?

Wann löscht ihr endlich

diesen traurigen Planeten

vom Antlitz des Weltalls.

Sabyrzhan Madeyev „Das Lieben darf man nicht vergessen“

Übersetzung von: Lena Muchin:

„Rus, warum willst du mich nicht in den „Mega“ begleiten?“

„Ich mag nicht.“

„Wir haben doch Wochenende. Deine Mutter kommt zu Besuch. Wir haben schon alles gekauft.“

„Aber Rus.“

„Nein, Zami, nein. Ich gehe nirgends wohin. Ich habe doch noch die Betriebsfeier,“ Rustam wedelte selbstsicher mit der Hand und scrollte gleich mehrere Seiten auf dem Tablet weiter. „Ich muss noch Geschenke kaufen.“

„Warum wieder du? Hast du ihnen erzählt, dass du bald heiratest?“

„Sie wissen alle Bescheid, aber sie sind alle im Urlaub. Nur der Chef kommt zur Betriebsfeier,“

„Rus,“ Zamira hing zu dem über dem Tablet hängenden Rustam, bedeckte mit der Hand den Bildschirm und küsste ihn auf den Scheitel. „Rus, ich wollte es dir nicht erzählen, aber dort findet ein Wettbewerb statt. Für diejenigen, die heiraten wollen.“

„Was? Was für ein Wettbewerb?“ Rustan drehte sich verwundert zu Zamira.

„Was hast du dir wieder ausgedacht?“

„Weißt du, als wir den Antrag beantragten, hing da eine Anzeige. Die Mädels haben es mir gezeigt. Das ist zur selben Zeit wie der Stadtfeiertag. Ich habe gehört, man hat da letztes Jahr eine Wohnung verlost.“

„Zami, wir haben eine Wohnung.“

„Da wird noch mehr verlost…Rusik, Liebster, lass uns  hin gehen. Alle meine Mädels werden da sein. Weißt du, sie haben großen Respekt vor dir. Almuša sagt, dass wir ohne dich, das letzte Spiel verloren hätten…

Ja, letzte Woche war es klasse beim „Quiz -please!“ Das ganze Spiel war Rustans Team auf dem zweiten Platz aber die Frage über Freitag den dreizehnten nahm nur er an. Die Spieler standen darauf hin auf, gingen zu ihm und drückten seine Hand…

„Nur sei bitte nicht wütend, ich habe dich bereits für den Wettbewerb angemeldet.“ Zamiras Stimme lockte Rustam in ihr Zimmer.

„Was? Zami, ich habe es dir grade erklärt, dass ich nicht mitmachen will!“

„Aber Rus…“ Zamira blies die Lippen auf, tat so als ob sie beleidigt sei, lächelte aber, hob unschuldig die Wimpern und gurrte. „Weißt du, wie sehr sich deine Mutter freuen würde.“

Das vor ein paar Tagen in der Hauptstadt eröffnete Zentrum „Mega-Galatika“ ähnelte einem aufgebrachten Ameisenhaufen. Im Vorfeld des Stadtfeiertags wurden auf der großen, extra aufgebauten  Bühne ohne Unterbrechung Aufführungen populärer Musiker, Sänger und Zirkusleute inszeniert, außerdem gab es Modenschauen und Vorführungen verschiedener Neuheiten. Es sah so aus, als ob alle Handelsmarken der Welt hier versammelt wären, um der Stadt zu dienen. Sie verteilten in der Halle ihre Werbeschilder  und Banner, schmückten diese mit Luftballons und anderen feierlichen Accessoires. Verschiedene Boutiquen und Cafés  bemühten sich ebenfalls der sich der allgemeinen Stimmung anzupassen: in den einen wurden Souvenirs verkauft, in den anderen kostenlose Getränke angeboten und Meloman organisierte sogar eine Buchvorstellung von Ilya Odegov. Um es zusammen zu fassen, so machte „Meloman“ alles  Mögliche dafür um am Tag der Stadt die Einheimischen und Besucher der Hauptstadt glücklich zu machen. Rustan saß schon die zweite Stunde auf dem Sofa neben der Bühne, wartete den Wettbewerb und kämpfte gegen den  Wunsch an,  diesem feierlichen Krach zu entfliehen. Die neben ihm sitzenden Eltern und seine kleine Schwester Malika warteten darauf, dass es endlich anfing. Die Mutter trug ihr feierlichstes Kleid mit Lehrer-Auszeichnungen, der Vater trug eine Krawatte, die er von Zeit zu Zeit versuchte auszuziehen, aber er richtete sie nur. Malikuša nutzte die gute Stimmung der Mutter aus und  erbettelte zwei große Eiscremes  der Sorte „drei Pinguine.“ Zamira flatterte zwischen Rustam, seinen Eltern und ihren Freundinnen hin und her aber auch sie begann nervös zu werden wegen des verzögerten Konzerts, welches das wichtigste Ereignis des Abends einleitete. Und dann, als Malika neue Eiscreme holen wollte, beendete plötzlich die Jazzband auf der Bühne ihr Kozert und zu den Klängen der Fanfare kam auf die Bühne, noch aus den Zeiten der ersten KWN-Shows, der dem Publikum gut bekannte Moderator des Wettbewerbes mit dem Namen Timur. Zamira rief sofort Malika zu sich und setzte sich neben Rustam. Timur begnadete alle mit seinem sonnigen Firmen- Lächeln, winkte jemandem im Saal zu, neigte den Kopf etwas zur Seite und breitete begrüßend die Arme aus. Er verstand, dass der Wettbewerb mit Verzögerung begann und machte kenntlich, aus welchem Grund alle in das Zentrum „Mega-Galaktika“ gekommen sind: „Guten Abend sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste! Wir fahren mit unserem Programm fort, das dem Tag der Stadt gewidmet ist! Wie ihr alle wisst, führt unser Kaufhaus im Rahmen der feierlichen Veranstaltungen den Show-Wettbewerb „Du bist einfach super!“ durch. Den Titel des Wettberwerbs  sprach Timur accrescendo aus und dehnte die Wörter so, wie es Moderatoren von Boxkämpfen machen. Die vom langen Warten gequälten Zuschauer belohnten die Bemühungen Timurs mit einem stürmischen Applaus. Mit einer Handbewegung bat er das Publikum, sich zu beruhigen und fuhr mit der selben wachen Stimme fort: „Für die Teilnahme an dieser ungewöhnlichen Show luden wir heute diejenigen ein, die beschlossen ihre Herzen einander zu schenken  und so zu sagen den  Bund der Ehe  in genau in einer Woche ein zu gehen – Am Tag der Stadt. Hier sind sie – sie sitzen in den ersten Reihen unserer improvisierten Halle und warten ungeduldig auf den Beginn des Wettbewerbes! Lasst uns sie begrüßen! Ein neuer Applaus  erklang und die in den ersten, und nicht ersten Reihen sitzenden Teilnehmer begannen sich gegenseitig an zu schauen, so als ob sie sicher gehen wollten, dass die Teilnehmer des Wettbewerbs nervös sind. Timur wartete ab, bis die visuellen Express-Bekanntschaften vorbei waren und erhob theatralischdie Hände zum Himmel: „ Verehrte junge Paare, unser Einkaufzentrum bereitete für euch Hochzeitsgeschenke vor! Vom Salon „Bajan-Sulu und Kozy-Korpeš“ gibt es Sets mit Bettwäsche  und Handtüchern! Das Geschäft „Bogemija“ verlost Geschirr für 24 Personen! Vom Kaufhaus „Severnyj Veter“ bekommt ihr ein Filmtheater für Zuhause mit einem Blueray-System! Das alles und vieles mehr schenken wir Ihnen! Aber…“ Timur gab seiner Stimme das Maximum an Rätselhaftigkeit: „Zuerst müsst ihr uns überzeugen, dass ihr wirklich super seid! Ihr werdet es beweisen, indem ihr verschiedene Aufgaben löst. Diejenigen von euch, die die Aufgabe erfolgreich gelöst haben und uns damit bewiesen , dass sie einfach super sind, denjenigen versichere ich, dass staunen werden über den Super-Preis.“ Timur genoss die Stille im Saal, erklärte und zählte die Preise auf, ging, ohne sich zu beeilen, zum Computertisch und fuhr mit einer Alltagsstimme fort. „So, auf der Seite unseres Kurses haben sich siebenundfünfzig Brautpaare registriert. Ich werde nun ein Random-Programm starten, welches per Zufall einen Wettbewerb-Teilnehmer bestimmt. Timur hob feierlich die Hand über die Tastatur, ihm näherten sich sofort eine Videokamera. Die Aufnahme der Hand des Moderators tauchte auf dem großen Bildschirm auf, welcher neben der Bühne stand. „Eins, zwei, drei!“ Timur drückte auf die Taste Enter und auf dem Bildschirm schlugen die Nachnamen der registrierten Teilnehmer Purzelbäume, schubsten sich gegenseitig weg und liefen in alle Richtungen. Rustam machte die Augen zu, um nicht  mit einem Blick oder auf eine andere Weise seinen Nachnamen unter den Gewinnern zu wissen.

„Hier ist unser erster Teilnehmer!“ erklang sie Stimme des Moderators. „Lasst uns im Chor seinen Namen rufen und den Glücklichen bitten auf die Bühne zu kommen. Und plötzlich hörte Rustam den fröhlichen Schrei Zamiras und fast gleichzeitig einen polyphonen Chor, welcher seinen Namen und Nachnamen rief. Rustam machte die Augen auf und sah die Gesichter seiner Eltern, Malikas und Zamiras, die mit irgend einer erschrocken-fröhlichen Begeisterung auf ihn schauten. „Al, balam, mach schon!“spürte Rustam die Worte der Mutter, anstatt sie zu hören. Und dann hörte er auch die Stimme Zamiras: „Los Rus! Viel Erfolg!“ Rustam stand auf und bewegte sich mit dem Gang eines Zombies zur Bühne. „Hier ist er!“ schrie Timur. „Heißen wir den ersten Teilnehmer unseres Wettbewerbs-Programms willkommen.“ Zu einem schwachen Applaus begab sich Rustam auf die Bühne, wusste nicht, was er als nächstes machen sollte und verbeugte sich vor dem Publikum. Das wirkte jedoch irgendwie krumm und unnatürlich – irgend jemand lachte laut. Rustam schaute sich im Saal um und sah zu seinem Schrecken die  Köpfe der Freundinnen und Bräute. Der Moderator machte einen Schritt zur Seite und sprach in sein Mikrofon: „Guten Abend, Rustam! Es ist eine Ehre für uns, dass du an unserem Wettbewerb teil nimmst und wir sind froh darüber, dass der Computer dich ausgewählt hat.“ „Danke,“ Rustam erkannte seine eigene Stimme nicht. „Ich bin auch sehr froh.“ „Womit beschäftigst du dich, Rustam?“ Der Moderator blinzelte ihm zu. „Studierst du? Arbeitest du?“ „Ich arbeite in einer Firma.“ „Oh, und in welcher Sphäre? Womit beschäftigt sich die Firma wenn es kein Geheimnis ist?“ „Mit Bau und Verkehrslogistik.“ „Ausgezeichnet!“ Timur blinzelte wieder Rustam an. „Und du selbst besitzt sicher ein Auto?“ „Ja, habe ich. Einen Toyota. Vierziger.“

„Dann denke ich, sind ein Geschirrset und ein Minigrill der Firma  „Picknick am Wegesrand“ was für dich?“ Timur zeigte in irgend eine Richtung. „ Ja, das sind sie.“ antwortete Rustam sofort. „Ausgezeichnet. Wir können beginnen. Bis du bereit?“ Timur näherte sich Rustam. „Ja ich bin bereit.“ „Kannst du dir vorstellen, Rustam, welche Aufgabe dich in unserem Wettbewerb erwartet?“ Timur hielt Rustam am Ellenbogen und schaute ihm in die Augen. „Nein.“ „Dann kann ich sagen – es ist keine Aufgabe, sondern ein Bonbon.“ Der Moderator lachte kurz.  „Aber dieses Bonbon kann alles andere als süß sein!“ Timur wandte sich zum Publikum und lud dieses dazu ein, mit ihm zu lachen. Das Publikum unterstützte ihn. Dann fuhr er fort: „Für den Anfang, verehrte Gäste, erlauben Sie es mir, Sie daran zu erinnern, dass Rustam in einer Woche heiratet. Ist es so?“ „Ja. Die Hochzeit ist nächste Woche.“ „Und die Braut ist auch hier?“ „Ja,“ Rustan fand Zamira in der Menge. Sie winkte ihm zu. „Da drüben sitzt sie. Und die Eltern sind auch hier und die Schwester auch.“ „Ausgezeichnet,“ Der Moderator nickte den Verwandten Rustams zu und wandte sich wieder zu ihm. „Wahrscheinlich haben die Eltern schon eine Wohnung für euch ausgesucht und vorbereitet?“ „Ja, da geht langsam die Renovierung zu Ende.“ „Wenn das so ist, dann könnt ihr sicher eine Spülmaschine inklusive Trockner gebrauchen, der Marke „Tap-Taza“ und einen Kühlschrank mit zwei Bereichen „Arktika“ mit integriertem Display?“ „Ja natürlich, können wir das.“ „In diesem Fall gehören sie euch,“ Timur fügte Feierlichkeit in seine Stimme. „Und es gibt noch viel mehr Geschenke, so viele, dass man sie nicht zählen kann..“ Das gehört alles euch unter der Bedingung, dass du die Aufgabe lösen kannst…Verstanden?“ „Ja.“ „Ausgezeichnet,“ Timur nickte einem der Helfer zu, „Nun, wir fangen an. Hier folgende Aufgabe. Du sollst deine Exfreundin anrufen, die weiß, dass du vor hast, zu heiraten, und Achtung!…du sollst ein Treffen mit ihr vereinbaren. Du kannst alles sagen, bis auf zwei Dinge: Du darfst ihr nicht beichten, dass du an einem Wettbewerb teil nimmst und auch nicht, dass die Hochzeit nicht statt findet.“ Im Saal achte jemand und jemand fing an zu lachen. Rustam zitterte innerlich. „Und? Nimmst du die Aufgabe an?“ Der Moderator blickte auf Timur. „Ich nehme an,“ sagte unsicher Rustam. „Welche Exfreundin?“ Der Moderator fing an zu lachen: „Das musst du selbst wissen. So, rufen wir an?“ „Ja.“ Rustam kramte in seinen Taschen nach dem Mobiltelfon. „Nein, nein!“ Timur wackelte mit dem Kopf: „Dein Telefon brauchen wir nicht. Du wirst aus einer dafür vorgesehenen Kabine anrufen.“ Timur winkte den Helfern zu und diese schoben auf die Bühne eine große Kabine aus Metall, die aussah wie eine englische Telefonbude. „Hier ist sie!“ sagte feierlich Timur und wandte sich an Rustam. „Darin auf dem Tisch liegt ein Mobiltelefon. Damit wirst du telefonieren. Dazu musst du wissen, dass wir alle hier im Saal hören werden, was du und was die junge Frau sagen werdet, uns hören werdet ihr aber nicht. Abgesehen davon, Rustam, werden wir dich auch sehen. Verstanden?“ „Verstanden,“ antwortete Rustam und irgend etwas knurrte in seinem Magen. „Fangen wir an?“ „Warten Sie, ich muss nachdenken.“ „Ich verstehe,“ Timur drehte sich wieder zum Publikum. „Und so lange Rustam nachdenkt, will ich dran erinnern, dass die Firma „Diline“  Sponsor dieses Wettbewerbs ist. Und wenn Rustam die Aufgaben richtig löst, werden er und seine Ehefrau als Geschenk zwei Smartphones der Marke „Starking MS-10“ bekommen, einen vergünstigten Tarif und kostenloses  Internet für ein ganzes Jahr! Und, wie finden Sie das Rustam? „Keine Ahnung…irgendwie keine Ahnung.“ „Nun denn,“ der Moderator blinzelte zum tausendsten Mal Rustam zu. „Dann lass uns fragen, was deine Verlobte davon hält. Ich bitte die Braut aufzustehen. In der zweiten Reihe stand Zamira auf. „Ach, da ist sie, „ Der Moderator kniff die Augen zusammen, erhob seinen Kopf, zeigte Rustam den Daumen und sagte: „Eine Schönheit. Du hast Glück, Rustam. Und wie heißt deine Verlobte?“ „Zamira.“ Timur nickte mit dem Kopf: „Zamira, hast du die Aufgabe verstanden? Hast du nichts dagegen, dass Rustam es versucht? Oh, sie sagt sie hat nichts dagegen! Braves Mädchen! Dazu kommt noch, dass wenn ihr Glück habt, dann wird euch vom Reisebüro „Eurasia Travel“ eine zweiwöchige Reise auf die märchenhafte Insel Teneriffa gesponsert.“ Das Publikum klatschte in die Hände, der Vater zog an seiner Krawatte und die Freundinnen hoben die Plakate noch höher und riefen dreimal ihren Inhalt auf. Der Moderator drehte sich zu Rustam. „Und, Rustam? Was sagst du dazu?“ „Gut, ich versuche es,“ die innere Sorge, die ihn nicht locker werden ließ, wurde nun weniger und ihm wurde viel besser zu Mute. Timur spürte es, klopfte ihm auf die Schulter und fragte ihn: „Wie heißt die junge Frau, die du anrufen wirst?“ „Lena. Elena.“ „Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“ „Lange her. Vor ca. einem Jahr.“ „Weiß sie, dass du bald heiraten wirst?“ „Sie weiß es.“ „Okay,“ Timur öffnete die Tür der Telefonbude. „Lass uns beginnen. Erinnerst du dich an ihre Handynummer?“ „Ja…ich habe sie irgendwo bei meinen Kontakten gespeichert.“ „Ausgezeichnet, nur dein Handy musst du mir geben, deswegen such ihre Nummer aus, präge sie dir ein und geh in die Telefonbude.“ Rustam zog sofort sein iPhone heraus und gab ihn dem Moderator. „Ich hab ihre Nummer im Kopf.“ „Ausgezeichnet.“ Timur nahm das iPhone, zeigte es dem Publikum und reichte dieses einem der Helfer. „Geh in die Kabine und wähle ihre Nummer. Erinnerst du dich an die Aufgabe?“ „Ich erinnere mich.“ „Gut! Viel Glück! Los geht’s!“ Rustam betrat die Telefonbude, der Moderator schloss hinter ihm die Tür, lächelte und wandte sich an das Publikum: „Er hat die junge Frau über ein Jahr lang nicht gesehen und erinnert sich immer noch an ihre Nummer. Oh, sieh dich vor, Zamira!“ Timur unterbrach sein Lachen. „Ist ja gut, ich mache nur Scherze! Verehrte Gäste, lasst uns Zamira und ihren Bräutigam, den Teilnehmer unseres Wettbewerbs, Rustam, mit einem Applaus unterstützten. Es wurde geklatscht, irgend eine einsame Frauenstimme schrie: „Rustam- Champion!“ Timur hob die Hand und sagte laut: „So, ich sehe, dass Rustam es sich in der Kabine gemütlich gemacht und das Handy in die Hand genommen hat.“ Timur zeigte mit der Hand in Richtung Bildschirm. „Und hier, liebe Gäste, könnt ihr ihn auf unserem Monitor sehen.“ Auf dem großen Bildschirm war Rustam zu sehen, er saß auf dem Stuhl und wählte eine Nummer. „Achtung!“ Timur schnippte mit den Fingern. „Machen wir den Ton an.“ Im Saal erzitterten viele, die Geräusche des Telefons schlugen auf die Ohren. Aber nicht wenigen fiel auf, dass Rustams Hand, die das Telefon hielt, etwas zitterte. Am anderen Ende nahm jemand den Hörer ab. „Hallo.“

„Hallo. Lena, bist du es?“

„Ja. Wer ist das? Hallo.“

„Hallo, Lena ! Ich bin’s – Rustam.“

„Rustam?“

„Ja.“

„Welcher Rustam?“

„Na, Rustam…Lena, ich bin’s…“

„Rustam?…Rus, bist du es?“

„Ja, ich.“

„Was ist mit deiner Stimme? Sie klingt irgendwie…anders…“

„Ja, wahrscheinlich, die Verbindung ist schlecht…

„Und die Nummer, die auf dem Display erscheint, ist eine andere. Bist es sicher du?“

„Ich bin’s Lena, ich.“

„Das kann nicht sein.“

„Ja, ich bin’s“

„Nein, das glaube ich nicht. Auf wiedersehen und stören Sie mich nicht mehr…“

Rustam sprang vom Stuhl auf:

„Lena, warte, leg nicht auf! Weißt du noch, als deine Jessika krank wurde, da haben du und ich zwei Stunden bei Regen auf den Arzt gewartet…Ich habe mich danach erkältet, hatte eine Angina und du hast gelacht, darüber, dass ich eine Stimme wie ein Clown habe, ein schlechter Clown…weißt du noch?“

„Ja, ich erinnere mich, nur sagte ich wie bei einem provinziellen Clown.“

„Ja, genau.“

„Bist du krank?“

„Nein. Habe nur was mit der Stimme…Und die Verbindung ist irgendwie…Erinnerst du dich, Lena, als die Angina weg war, da haben wir beide beschlossen Bier zu trinken. Wir saßen auf der Bank und wären beinahe von Polizisten mitgenommen worden.“

„Ich erinnere mich.“

„Wir wollten noch vor ihnen weg rennen, aber es hat nicht geklappt.“

„Weil du nicht wolltest.“

„Ja, ja. Und dann hattest du noch einen Pudel, so einen alten. Du hast ihn irgendwo draußen gefunden. Ich glaube er hieß Al’ba.“

„Ja, Al’ba. Daran erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich. Und es gab einen Kater. Charlie hieß er, glaube ich“

„An das alles kannst du dich erinnern? Wozu?“

„Damit du verstehst, dass ich es bin.“

„Ich habe verstanden…irgendwie seltsam…dass du anrufst. Was ist das für eine Nummer? Hast du ein neues Telefon?“

„Du glaubst es mir nicht? Frag mich irgendwas!“

„Was soll ich fragen?“

„Etwas, was nur du und ich wissen.“

„Erinnerst du dich an unsere Pizzeria?“

„Natürlich. „Pinocchio“. Und an unseren Tisch erinnere ich mich . Und an deine Lieblingspizza – „Milana.“  Weißt du noch, die Bedienung war so lustig?“

„Sie stotterte etwas und war die ganze Zeit so verwirrt.“

„Ja, und brachte dir einmal eine „Margarita“ anstatt eine „Milana“ Und ich sagte dir, das liegt daran, weil du der Margarita von Bulgakov ähnlich siehst.“

„Das war am Valentinstag. Im Februar. Am 14….

„Uns gegenüber hing ein Fernseher und da wurde die ganze Noskov gezeigt. In einem seiner Videos war eine Frau…“

„Ja, du sagtest, dass sie mit ähnlich sieht.“

„Und wir haben noch dazu gesummt.“

„Ich liebe dich, und das ist wundervoll!“ Und dann sagtest du, wie Noskov, dass du zu weniger nicht einverstanden bist.“

„Und als wir raus gingen, fing es an zu schneien. Flocken…

„Und wir haben begonnen im Schnee ein Herz zu formen, wer als erster es schafft.“

„Und beim letzten Sprung…“

„Stießen wir uns gegenseitig und fielen fast um. Du hast mich zu dir geholt, umarmt und so standen wir noch lange da.“

„Und ich pustete die Schneeflocken von deinen Wimpern.“

„Ja.“

„Glaubst du es mir nun, dass ich es bin?“

„Ja.“

Rustam setzte sich auf den Stuhl und wischte sich mit seiner Hand über das Haar.

„Ja hallo Lena, wie geht es dir?“

„Gut, und selbst?“

„Auch gut. Bist du in der Stadt?“

„Ja, warum?“

„Nur so, du verreist ziemlich oft.“

„Das liegt an meiner Arbeit. Woher weißt du das?“

„Ich habe Gul’mira getroffen. Wir haben gequatscht. Sie sagte, du seist oft auf Dienstreise.“

„Verstehe. Und wo bist du zur Zeit?“

„Ich bin hier. Wo soll ich sonst hin sein?“

„Ich weiß es nicht. Das letzte Mal als wir uns gesehen hatten, plantest du nach Deutschland zu gehen.“

„Nein. Ich bin in der Stadt…“ Rustam hielt den Atmen an, zauste sich das Haar und atmete aus: „Lena?“

„Ja?“

„Lena, lass uns treffen,“

„Treffen?“

„Ja.“

„Wofür?“

„Ich will dich sehen.“

„Ist was passiert?“

„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich will dich einfach wieder sehen. Also?“

„Rus, was ist passiert?“

„Nein, es ist alles im grünen Bereich. Ich will mir dir reden.“

„Reden? Worüber?“

„Es gibt da was.“

„Dann rede.“

„So kann ich nicht. Kein Telefongespräch.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, was du mir sagen möchtest.“

„Es ist wichtig.“

„Ist irgend etwas mit der Mutter?“

„Nein, nein. Das geht nur uns beide was an.“

„Ich verstehe nicht. Hast du Unannehmlichkeiten?“

„Nein, ich sage doch, es ist alles in Ordnung. Ich muss dich treffen, dich sehen.“

„Sehen? Mich?“

„Ja, dich.“

„Soweit ich weiß, hast du vor kurzem geheiratet.“

„Noch nicht, erst in einer Woche.“

„Herzlichen Glückwunsch.“

„Danke. Lena, wirklich, wir müssen uns unbedingt treffen.“

„Willst du mich zur Hochzeit einladen?“

„Nein, ich will dich sehen, sehr.“

„Du willst mich sehen?“

„Ja.“

„Na, ich weiß nicht…“

„Wie wäre es mit morgen?“

„Morgen?“

„Ja. Abends.“

„Nein, morgen kann ich nicht.“

„Warum?“

„Ich habe morgen bereits ein Treffen. Mit einem Menschen. Übrigens dachte ich, dass er anruft. Er ruft mich oft um diese Zeit an.“

„Und übermorgen Abend?“

„Übermorgen kann ich auch nicht. Da ist auch ein Treffen.“

„Kannst du es nicht absagen?“

„Kann ich nicht.“

„Nun gut. Dann wähle du einen Zeitpunkt. Wann kannst du? Ein beliebiger Tag nächste Woche.“

„Ein beliebiger Tag?“

„Ja, es hat keine Bedeutung. Sag einfach, wann du dich treffen magst und wir treffen uns.“

„Du heiratest doch nächste Woche.“

„Ja, aber ich muss dich sehen. Ich muss dich unbedingt sehen.“

„Du willst mich unbedingt sehen, ja?“

„Nicht nur.“

„Was denn noch?“

„Das sage ich dir wenn wir uns treffen.“

„Willst du dich verabschieden?“

„Nein, das heißt, ja. Lena, nicht verabschieden…Lena…“

„Du machst mir Angst, Rustam. Bei dir ist irgend etwas vorgefallen.!“

„Ja, da ist was vorgefallen.“

„Was?“

„Es ist vorgefallen, dass ich dich unbedingt sehen möchte. Ich weiß nicht was mit mir los ist, aber ich will dich unbedingt sehen Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll.“

„Und ich weiß es auch nicht, was ich dir sagen soll.“

„Lena, willst du mich nicht sehen?“

„Ehrlich? Ich habe mich von dir entwöhnt…es tat sehr weh, Rus. Und ich bemühte mich, dich zu vergessen….“

„Und? Hast du mich vergessen?“

„So wie es aussieht, nein. Ich erinnere mich noch, erinnere mich noch an alles.“ Rustam streckte sich und berührte mit seinen Händen die Stirn. Auf dem Bildschirm sah man ganz groß, wie Rustams Adamsapfel sich bewegte, wie er die Spucke schluckte und mit einer bebenden Stimme sagte:

„Lena?“

„Was?“

„Ich fand es sehr schön mit dir!“

„Schön?“

„Ja, ich war glücklich mit dir!“

„Aber du hast es selbst zerstört.“

„Ich nicht“

„Nicht du, sondern deine Mutter. Und du nahmst mich nicht in Schutz.“

„Verzeih mir Lena…Lena, weinst du? Lena?“

„Nein, jetzt nicht mehr.“

„Also, wie sieht es aus mit dem Treffen?“

„Gut.“

„Du bist einverstanden?“

„Ja.“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Jetzt sofort?“

„Ja, kannst du nicht?“

„Ich kann Lena,natürlich kann ich!“

„Wo?“

„Wie du magst.“

„Dann lass uns ins Pinocchio“

„Abgemacht.“

„In einer Stunde.“

„Gut.“

„Ich werde in einer Stunde im Pinocchio sein.“

„Ich werde warte. Lena, ich bin sehr glücklich, dass du mich sehen willst. Ich danke dir herzlich dafür.“

„Und auch ich bin glücklich. Wirklich, Rus, einfach sehr, sehr glücklich.“

„Bist du wirklich glücklich?“

„Wirklich. Irgendwie seltsam, aber sehr glücklich. Gut, dann bis gleich!“

„Auf Wiedersehen!“

„Ja, genau. Auf Wiedersehen!“

Laute Signale des Telefons erklangen, viele im Saal erzitterten wieder. Das Publikum blickte immer noch auf die Tür der Telefonbude. Der Moderator näherte sich dieser und machte sie auf. Rustam verließ die Bude und hielt sich vor dem grellen Licht die Augen zu. Es brachen die Fanfare  herein. Timur nahm das Mikrofon in die Hand: „Wau!Yes-yes-yes! Begrüßen wir unseren Helden. Unseren Rusa-Rustam! Wie clever hat er alles gedreht? Der Hübsche! Super! Ich wette die Hälfte aller Frauen in diesem Saal ist bereit  zum Treffen in die Pizzeria zu laufen!“ Das Publikum lachte, es wurde geklatscht. Timur führte Rustam zum Mikrofon: „Nun, Rustam hat die Aufgabe blendend gelöst und bewiesen, dass er einfach super ist! Und ich drücke mit Vergnügen seine Hand.“ Mit Gefühl reichte er ihm die Hand. „Das war wahrlich keine leichte Aufgabe! Es hätte jeden Moment abbrechen können, so emotional war es! Aber Rustam war einfach super. Er hat das Ziel erreicht! Er ist ein Sieger!“ Timur klatschte, hob Rustams Hand und lud alle dazu ein, den Helden zu ehren. Dann wartete er auf den Applaus und trug feierlich vor:

„Verehrte Damen und Herren, Gäste unserer Show, lassen Sie mich die endgültige Liste aller Preise und Geschenke vortragen, die an Rustam und Zamira gehen, nach der Beendigung des Wettbewerbes! Das sind…“ „Warten Sie,“ unterbrach ihn Rustam. „Was ist nun mit dem Treffen? Das habe ich doch vereinbart?“ „Du musst nicht zum Treffen erscheinen.“  sagte Timur. „Wobei, wenn du unbedingt möchtest, dann geh.“ Und er wandte sich wieder zum Publikum und sagte theatralisch: „Ach, diese Jugend! Ach, diese Männer – Herzensbrecher!“ „Sie wird doch auf mich warten!“ Rustam griff den Moderator am Ärmel. Timur bedeckte mit der Hand das Mikrofon, neigte sich zu Rustam und sagte leise: „Wird sie nicht.“ „Aber sie ist wahrscheinlich schon los gefahren!“ „Ist sie nicht, mach dir keine Sorgen! Unsere Mitarbeiter rufen sie gerade an, um ihr zu verstehen zu geben was hier los ist.“ „Was?“ Rustam fröstelte. „Vielleicht mache ich das lieber? Lassen Sie mich das machen.“ „Nicht nötig, Rustam! Das ist doch eine Show!“ zischte Timur und sprach laut ins Mirkofon: „Es wird alles gut! Und dafür, dass Elena uns so echt an ihren Gefühlen teilhaben ließ und zu einem Schmuckstück unserer Show wurde, schenken wir ihr einen Ebook-Reader „Mac Air Pro“ mit einem doppelten System. Ja, ja! Er hat sogar die Option sich in ein Tablett zu verwandeln, mit verschiedenen Funktionen. Applaus, verehrte Gäste, für die Heldin unseres Abends!“ Der Saal wurde von einem Applaus erfüllt. Der Moderator fuchtelte mit den Händen, verursachte eine Welle von Emotionen und fröhlichen Schreien, dann mit einer dirigierenden Geste zwang er das Publikum zum Schweigen und führte wieder das Mikrofon zu seinem Mund: „So, unsere verehrten Damen und Herren, lasst uns zurück kehren zu unseren zukünftigen Ehepaar! Zu all dem, was ich bereits genannt habe, bekommen sie noch…“

„Hallo. Guten Abend! Ist da Elena?“

„Guten Abend, ja das bin ich.“

„Es ruft Sie der Manager des Show-Wettbewerbes „Du bist super!“ an.“

„Verzeihen Sie, wer? Welche Show?“

„Show-Wettbewerb „Du bist einfach super! Anlässlich des Tages der Stadt führt die Administration des Einkaufzentrums „Mega-Galaktika“ einen Wettbewerb durch.“

„Entschuldigen Sie, aber ich nehme an keinem Wettbewerb teil! Auf Wiederhören!“

„Warten Sie, Elena! Eben hat Sie Rustam angerufen, stimmt’s?“

„Eben? Ja. Aber woher…“

„Er bat Sie um ein Treffen und Sie stimmten ihm zu, stimmt’s?

„Ja, ich stimmte zu. Ich verstehe nicht, wer sind Sie?“

„Ich bin der Manager des Show-Wettbewerbes. Die Bedingung des Kurses war, dass Rustam sie anrufen und mit Ihnen ein Treffen vereinbaren soll. Er hat es geschafft und gewann einen Preis und Sie bekommen ebenfalls einen Preis…Hallo, Elena, hören Sie mich?“

„Ja, ich höre…“

„So, Elena. Für die Teilnahme an der Show bekommen Sie einen Ebook-Reader „Mac Air Pro“ mit einem doppelten System! Ich beglückwünsche Sie! Nennen Sie uns Ihre Adresse…“

„Was? Wiederholen Sie es noch einmal. Ich habe es nicht verstanden…“

„Sie, Elena, bekommen einen Ebook-Reader. Sie müssen…“

„Nein, nein, ich rede vom Wettbewerb! Was ist das für ein Wettbewerb?

„Elena, ich wiederhole. Rustam hat an einer Show teilgenommen. Anlässlich des Stadtfeiertags. Er musste ein Treffen mit Ihnen vereinbaren. Das tat er, stimmt’s? Stimmt. Aber Sie müssen nirgends wohin fahren. Es ist bloß eine Show. Ein Spiel. Und Sie als Teilnehmerin bekommen ebenfalls einen Preis. Verstanden?“

„Ja, nun habe ich es verstanden.“

Nun denn, Elena…“

„Sagen Sie, war das wirklich Rustam am Telefon?“

„Ja natürlich. Er hat direkt beschlossen, Sie anzurufen. Und er ist so…“

„Danke, ich habe es verstanden.“

„Das ist gut. Diktieren Sie mir Ihre Adresse und morgen…“

„Was? Adresse? Nein, nein, ich brauche nichts! Danke, nicht nötig!“

„Elena…“

„Auf Wiederhören!“

„Ja-ja! All diese wunderbaren Preise schenkt Ihnen das Kaufhaus „Mega-Galaktika“, Rustam und Zamira!  Wir wünschen Ihnen Rat und Liebe! Glück für all die Jahre! Und nun, Rustam…Rustam! Wo ist Rustam? Wo ist er hin?“ Der Moderator bemerkte jetzt erst die Abwesenheit Rustams und schaute auf seine Mitarbeiter. Von ihnen erhielt er irgend ein Zeichen, lächelte und klärte die Situation auf: „Wahrscheinlich  packt unser Superman gerade einen Kühlschrank aus. Oder er empfängt gerade die Reiseunterlagen. Ein Guter ist das. Übrigens, Zamira, du kannst zu ihm stoßen! All eure Geschenke befinden sich im Büro der Administration „Magi“ im ersten Stock…“

Timur hielt die Pause aus, in der Zamira an den Eltern Rustams und an Malika vorbei ging und in der Tiefe des Saals verschwand, und sagte laut: „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich beneide sie“ und ohne Unterbrechung wechselte er zur maximalen Lautstärke. „Verehrte Damen und Herren, während unsere Helden und Gewinner des Wettbewerbes „Du bist einfach super!“ die Geschenke betrachten, fahren wir mit unseren Feierlichkeiten fort, mit unserem Fest, das dem Tag der Stadt gewidmet ist! Wie sagt man so schön, „show must go on.!“

Timur Nigmatullin „Dämonen“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Die Sonne über unserem Hof steht als letztes auf. Sie steigt langsam auf der Seite der Mehretagenhäuser und schaut erst gegen Mittag in meine Fenster rein. In diesem Moment ist in unserem Haus schon alles auf den Beinen.

„Es leben hundertdreiundzwanzig Bewohner hier und sogar die Sonne will sich nicht bei uns zeigen“ beschwert sich Tante Heba und schlägt mit dem Staubklopfer den staubigen Teppich auf dem Balkon. „Hundertdreiundzwanzig Bewohner, hundertzwanzig  von ihnen kann man noch ertragen, aber drei von ihnen sind wahre Dämonen.“ Sie nennt sie sie immer so – Dämonen. Das sagt sie über mich, über ihren Sohn Kolja Ivanidi und Onkel Naum.

„Welche  hundertdreiundzwanzig Bewohner?“ Antworte ich ihr und bewege meine Finger. „Ivanidi, das sind Sie, Muratovy, das sind wir, Pirkiny aus der ersten Etage, die sitzen schon auf ihren Koffern und Onkel Naum. Das sind elf.“ „Ist dir das etwa zu wenig? Elf Menschen im Treppenhaus, dieses hält ja nicht mal zwei aus. Weißt du überhaupt, wie alt das Haus ist?“

„Ich weiß, mein Vater hat mir erzählt, dass man das Haus extra für die Umsiedler gebaut hat. Damit sie in der Steppe nicht erfrieren, sagte er, nur für ein, zwei Jahre, und nicht mehr. Und stehen tut es schon seit dreißig Jahren. Und genauso lange wird es noch stehen, dann,“ er hob den arm hoch, „dann wenn die Losungen alle sind, beginnt das richtige Leben!“ „Fünfunddreißig Jahre ist dieses Holzteil,“ fährt Tante Heba fort, „wer braucht das, ein Container Einetagenhaus. Weißt du welche Häuser in Griechenland stehen? Aus Marmor. Und hier? Aus Schilf.“

„Ich blicke vom Balkon auf den Išim. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Heba, aber mir gefällt es. Aber die Sonne könnte etwas früher zu uns herein schauen. Alle Bewohner des Hauses haben vor, es zu verlassen. Ivanidi nach Griechenland. Pirkiny nach Israel. Onkel Naum nach Deutschland. “Und wir,?“ Frage ich den Vater. „Wo fahren wir hin? In die Mongolei?“

„Wir werden hier sterben,“ antwortet der Vater und  dreht in seinen Händen  irgendein Detail vom Fernseher, „wo wir geboren wurden.“

„Wo wurde ich geboren?“

„In der ersten, städtischen.“

„Dort wählt man doch nach Nationalität aus?“

„Oh man,“ der Vater hat sich mit dem Lötkolben den Finger verbrannt, „Geh raus, spazieren, Ich erlaube es dir.“

Unser Hof, das ist Unkraut vom Schilfrohr, mit einem kleinen Fleck Sand, welcher direkt neben dem Damm ausgeschüttet wurde. Die Arbeiter haben die Leiter nicht zu Ende gebaut, welche zum Betonzaun führt und wir klettern auf dem Damm und erobern sie immer wieder auf der selben Stelle. Der Pfad führt direkt zum Damm. Unten rauscht der Išim. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Park. Hinter dem Park noch ein Park. Und dahinter ist Steppe!

„Wetten,“ schlägt Kolja Ivanidi vor, „dass ich es schaffe den Išim mit einem Arm zu überqueren?“

„Ich habe es bereits geschafft.“

„Wetten,“ hört er nicht auf zu reden, „dass ich von der Autobrücke in den Fluss springe?“

„Ich bin schon gesprungen.“

„Wie ein Hecht?“

„Nein, wie ein Soldat.“

„Und wie ein Hecht? Hast du etwa  Angst?“

„Wie ein Hecht in den Fluss zu springen, in dessen Tiefe verlassene Betonblocks liegen, das ist sehr dumm. Obwohl, wenn man so sieht, ist es auch dumm, wie ein Soldat zu springen. Es ist im Allgemeinen dumm dahin zu springen, wo die Chance besteht, nicht mehr zurück zu kehren. Für Dava Pirkin ist es dumm. Und für mich und Ivanidi ist es völlig in Ordnung.“

„Deppen seid ihr,“ warnt uns Dava, „Ihr habt ja überhaupt kein Gefühl.“

„Welches Gefühl denn?“ fragt Ivanidi.

„Dava, ich habe eine Vorahnung!“ sage ich.

„Und was sagt sie dir?“

„Dass ich springen soll. Als Hecht ist noch keiner der Jungs gesprungen. Wir sind die ersten.

Zu diesem Zeitpunkt hat Ivanidi schon sein Unterhemd ausgezogen. Er hatte nur noch eine rote Unterhose an, welche Tante Heba entweder aus ihrer eigenen genäht hat oder eine Flagge dafür  verwendete. Gleichzeitig hätte man den Stoff auch für Vorhänge verwenden können. Die Unterhose flatterte auf Ivanidi wie eine Flagge. Manchmal plusterte sie sich auf wie eine Kugel, ein anderes Mal rutschte sie nach unten und zeigten die männlichen Stellen meines Freundes.

„Macht nichts,“ sagte Kolja und rieb seine Beine, „Vielleicht fehlt es an Gefühl, dafür gibt es ein Ziel und das Ziel rechtfertigt das Gefühl.“

„Selbsterhaltung,“ beendigte seine Warnung David. „Denkt nochmal drüber nach!“

Kolja und ich kletterten auf die Brücke, lehnten sich an das Geländer, krochen in die Mitte, dort wo der Išim ca. fünfundvierzig Meter tief war. Vom Rand zu springen war zu gefährlich. Und in der Mitte hatte man noch eine Chance.

„Wer zuerst?“ fragte Ivanidi, welcher auf den Knien, auf dem engen Platz vor mir kroch. Ich drehte mich ständig weg von der im Wind flatternden Unterhose meines Freundes und sagte: „Lass uns zusammen springen.“

„Händchen haltend?“

„Als Hecht Händchen haltend?“

„Ich habe es auf der Olympiade in Seul gesehen. Synchronspringen nennt sich das,“ sagte er und hielt seine Unterhose fest.

„Gut.“ war ich einverstanden, kroch zur Mitte der Brücke und hielt dort an. Nach unten zu schauen versetzte mich in Schrecken. Die Strömung des Išims war unter der Brücke stärker, im Fluss hat sich ein Sog gebildet, drehte sie wie ein Trichter mit einer solchen Kraft, dass man das Gefühl hatte, er  wolle den Grund öffnen, sich nach unten kämpfen, die unterirdischen Wasser umgehen. Auf den Seiten der Trichter – wie  Felsenriffe, erhoben sich die Betonblöcke. Aus diesen schauten schwarze Armaturen heraus, wie Muränen aus ihren Höhlen. Das Wasser selbst war trüb von von dem in der Nähe arbeitenden Baggerschiff und diese Trübe, die nach oben stieg, verdeckte den ganzen Blick auf die für den Sprung ungefährlichen Stellen.

„In den Trichter…“ sagte ich und stand aus der Kniehocke auf. Es gibt nur eine Variante, wir springen in diesen Trichter,“ ich zeigte Ivanidi den größten Sog, „springen bis zum Flussgrund, stoßen uns mit den Füßen ab, lassen ca. zehn Meter hinter uns – dorthin zum Ufer!“

Ivanidi hielt seine Unterhose fest, stand ebenfalls auf und stand am äußersten Rand der Brücke. In diesem Moment erinnerte er mich an Gavroša auf den Barrikaden. Nur, im Gegensatz zum echten Gavroša, hat Ivanidi  die französische  Flagge zerrissen, nahm  sich von der Freiheit die rote Farbe der Unterhose,

„Einverstanden,“ bekräftigte Kolja meinen Plan, „eine gute Entscheidung.“  Er führte den Kopf vom linken zum rechten Flussufer des Išims und fügte hinzu: „Lass uns etwas durchatmen, und dann springen.“

„David!“ schrie ich zum Freund, der auf der Brücke stehen geblieben war. „Komm zu uns!“

Er gab keine Antwort. Ich lehnte mich an das Geländer und stand leicht auf. David war nirgends zu sehen..

„Er hat doch dieses komische Gefühl,“ sagte nachsichtig Kolja, „ist deswegen abgehauen. Gott sei mit ihm, er wird so wieso nicht springen.“

Ca. fünf Minuten saßen wir auf dem Platz, wackelten mit unserem Beinen über dem Išims, beobachteten, was der Trichter macht, in den wir springen wollten. Auf der Brücke fuhren Autos vorbei, sie sich auf das linke Ufer der Stadt beeilten. Dieses war voll mit Datschen und aufgeforstete Stellen.

„Hast du eine Datscha?“ fragte, warum auch immer, Ivanidi. „Wir haben keine, Mutter sagt, dass wir in Griechenland eine haben werden. Wir werden Oliven anbauen.“

„Wir haben eine. Dort, „ich zeigte mit der Hand über die Brücke, „Kartoffeln und Himbeeren.“

„In Griechenland gibt es alles,“ atmete  Ivanidi auf.

„Du mit deinem Griechenland,“ hielt ich es nicht aus, „wann fahrt ihr denn?“

„Du bist einfach nur neidisch,“ antwortete Kolja ruhig, „alle fahren weg. Onel Naum, David. Nur ihr fahrt nirgends wohin.“

„Doch, fahren wir.“

„Und wohin?“

„Nach Ulaanbaatar!“

Ivanidi begann mit Kraft seine Beine zu reiben.

„Du lügst?“

„Dich anlügen? Ich lüge niemanden mehr an. Und dich habe ich erst recht nie angelogen.“

„In die Mongolei? Was, ehrlich?“

„Ehrlich. Das sagte Vater mir heute. Wir werden Chingiskhans Schatz suchen. Sein Grab“

Vor Begeisterung grunzte Ivanidi.

„Das gibt es doch nicht. Könnt ihr mich mitnehmen?“

„Und was ist mit Griechenland? Mit dem Oliven? Tante Heba lässt dich nicht gehen“

„Zum Teufel mit dem Griechenland! Was habe ich da schon alles gesehen? Und die Oliven sind eklig. Hast du sie probiert? Ich habe sie dir mal zum Probieren gegeben. Du hast sie ausgespuckt. Hast nicht einmal probiert. Und  wozu brauche ich diese Oliven dort? Bin ich etwas ein Datschen-Besitzer?“

„Ich denke darüber nach. Wie Valentina Pawlowna sagt, wir beobachten Ihr Verhalten, Nikolaj Stavrovich Ivanidi. Und wenn das Benehmen gut ist, dann werden sie ein Oktjabrenok sein.“

Kolja lachte und spuckte in den Fluss. Der Spuckfaden wirbelte im Wind und setzte sich auf mein Bein.

„Das war keine Absicht,“ entschuldigte sich Ivanidi, „wir müssen den Wind mit berücksichtigen. Sollen wir aufstehen? Uns an den Händen halten?“

Ich nickte mit dem Kopf um noch einmal zu schauen, wohin Dava verschwunden war. Von der Seite der Straße, die direkt zur Brücke führte, liefen zwei Menschen. Ein winziger, das war David, und ein hoher, glatzköpfiger, in einem grauen, ausgezogenem Unterhemd.

„Bleibt stehen, ihr Dummköpfe!“ schrie der hohe Kerl. „Bleibt stehen, ich warne euch!“

Ivanidi drehte sich auch um.

„Ich habe Onkel Naum gefunden. Die Verwandten sind alle auf Arbeit. Hier ist der Käfer,“ Kolja spuckte erneut in den Fluss. Diesmal erreichte die Spucke den Trichter. In dieser Zeit waren Onkel Naum und David bereits auf der Brücke, fuchtelten mit ihren Armen und schrien uns zu, dass wir nicht springen sollen.

„Muratov, so dumm bist du doch nicht. Spring nicht. Ivanidi. Hör nicht auf diesen Zigeunerjungen. Denkt nicht einmal daran zu springen. Ihr sei beide Deppen. Bleibt stehen!“

„Es ist schon zu spät,“ sagte entschlossen Ivanidi, nahm mich an der Hand und wir sprangen runter.

Ich rutschte auf dem Platz aus, konnte mich nicht richtig mit den Füßen abstoßen und fiel einfach runter. Ca. zwei Sekunden befanden wir uns in der Luft, hielten uns an den Händen und dann wurde  unser Flug schneller, wie eine Raketenstufe. Von dem Schlag auf dem Wasser wurde meine Brust erdrückt, die Luft, die ich während des Fluges gesammelt hatte, war schon nach Außen entwichen. Ich dreht mich im Trichter und sank nach unten um wenn ich den Grund erreichte, mich stärker mit den Füßen abdrücken zu können und weiter weg von der gefährlichen Stelle zu schwimmen. Wo Ivanidi gelandet war und was mit ihm geschah, konnte ich mir nicht erklären. Die Brust brannte und drückte immer fester auf meine Lungen. „Vielleicht reicht es nicht aus bis zum Grund,“ dachte ich mir und warum auch immer, erinnerte ich mich an Mutter und Vater. In solchen Momenten denke ich immer an sie. Als ich auf der Eisscholle schwamm und diese sich vom Ufer weg bewegte, dachte ich an sie. Als ich auf der Pappel saß, nicht runter klettern konnte, als mein Kopf zwischen dem Geländer feststeckte und ich den ganzen Tag dort verbracht habe, als die Zunge an der kalten, eisernen Schaukel fest klebte…so auch jetzt – ich sinke immer tiefer auf den Grund des Išims und denke nicht an Meerjungfrauen und an Kikimoren, die auf dem Meeresgrund leben, sondern an sie. An Mutter und Vater. Die sitzen auf ihrer Arbeit und arbeiten, um sich nächsten Sommer rumänische Bettwäsche zu kaufen. Irgendjemandes Hand schnappte mich an den Haaren und zog mich nach oben. Auf der linken Uferseite, inmitten von den Zweigen einer Weide und anderem Gestrüpp, schnappten Ivanidi und ich von beiden Seiten das Trikot, wrangen dieses aus und drückten Wassertropfen heraus.

„Dreht fester, ihr wandelndes Fischfutter,“ schrie Onkel Naum zu uns. Er selbst saß auf einem großen Steinblock, neben ihm trockneten die auseinander gefallenen Zigaretten.

„Besonders du sollst fester drehen, du Nackthintern.“ Dich hätte man gar nicht retten sollen. Welchen Sinn hat man mit dir? Sieben Jahre alt und soviel Vernunft wie der Zar Priam .Sag mal,“ er goss sich Wodka in sein Glas und fragte Ivanidi, „warum zum Teufel musste er sich gegen alle stellen?“ Ivanidi, der seine Unterhose beim Flug verloren hatte, stand nackt da , zitterte im Wind und drehte mit mir gemeinsam das nasse Trikot Naums.

„Unter euch, zurück gebliebenen Nachbarn, ist nur David Pirkin in der Lage, richtig nach zu denken. Murytov und Ivanidi haben es noch nicht gelernt. Und wahrscheinlich werden sie es auch nicht lernen.,“ er atmete laut aus  und leerte in einem Zug das halbe Glas Wodka. David saß daneben und stimmte ihm zu.

„Ich sagte es ihnen! Das ist eine Dummheit! Kommt zur Vernunft!“

„Sehr gut Dava! Du wirst es zu etwas bringen. Und wenn es so weit ist, vergiss nicht, dass du einen Nachbarn hattest, den man Onkel Naum nannte. Der wahrscheinlich noch am Leben ist und irgendwo lebt. . Du findest ihn, also mich und besuchst mich. Bist bei mir Gast?…“

„Was?“ fragte Dava.

„Man geht nicht mit lehren Händen. Dreht noch fester. Die Tropfen kommen ja gar nicht raus. Nackthintern! Wie willst du nach Hause gehen? Du musst über die ganze Brücke und dann noch auf die  Straße. Dann noch auf den Hof! Und dort ist die Mutter, und vielleicht ist Alisa zu Gast?Muratov! Vielleicht kommt Alisa zu Gast? Und der eine ist nackt, und der andere hat ein rotes Gesicht von dem Fall auf das Wasser. Da wird sie sich freuen.“

„Sie wir nicht zu Gast sein,“ sage ich und wringe weiter das Trikot aus, „sie ist mit der Großmutter ins Dorf gefahren.“

„Ich flechte mir aus den Weidenzweigen ein Kostüm,“ schimpfte Ivanidi, „wie die alten Griechen.“

Onkel Naum goss sich noch mehr Wodka ein.

„Das ist nicht zu korrigeren. Du, Ivanidi, bist selbst wie ein alter Grieche. Du lernst nicht, du liest nicht, du arbeitest  nicht. Bald fängst du an Zeus anzubeten. Wein trinkst du auch. Ja, Dava?“

„Ja, das macht er!“ sagte Dava feierlich. Heute war er auf der Seite unseres Retters, deswegen zeigte ich ihm die Faust, damit Onkel Naum es nicht bemerkt. „Ihr seid direkt falsch gesprungen, Man muss es so machen,“ David stand auf, machte den Rücken zu einem Buckel, streckte die Hände vor dem Kopf aus, „und ihr seid einfach nur gefallen. Onkel Naum hat es gerade so geschafft über das Geländer zu springen, mir die Flasche zu geben, nur die Zigaretten behielt er. Zuerst zog er Kolja heraus, dann dich. Du warst schon auf dem Grund. Noch eine Sekunde und das wäre zu spät gewesen. Stimmt’s Onkel Naum?“

Dieses Pärchen unserer Lebensretter begann mich zu nerven, das letzte Mal wrang ich das Trikot aus und gab es Onkel Naum.

„Gut es ist trocken, ich danke euch! Ich gehe nach Hause.“

Ivanidi, der wie ein Ziegenbock die Zweige der Weide abriss, machte sie daraus zwei Kränze. Den einen setzte er auf den Kopf, den anderen steckte er zwischen den Beinen fest  und trug ihn anstelle einer Unterhose. „Man sieht trotzdem deinen Pimmel“ sagte Onkel Naum zu ihm, „wenn man genau hin schaut. Wer braucht dich schon? Wer will dich schon genau anschauen? Niemand . Also geht zum Haus und bleibt dort ruhig sitzen. Und wenn ihr rebelliert, werde ich allen von eurem Sprung erzählen. Verstanden?“

„Verstanden.“ muhten Kolja und ich..

„Und vergesst nicht, dass ich euch gerettet habe, ihr schuldet mir noch was. Wir werden morgen auf dem Hof Krieg spielen. Verstanden?“

„Verstanden.“

Wir kletterten auf die Brücke und gingen Richtung Haus. Dava und Onkel Naum blieben auf dem Steinblock sitzen und warteten darauf, dass die Zigaretten trockneten.

Neben dem Haus sagte Ivanidi finster: „Meine Mutter wird mich wegen der Unterhose ausfragen. Was soll ich dann sagen?“

„Sag, sie ist zerrissen und du hast sie weg geworfen.“

„Wie zerrissen?“

„An den Büschen!“

„Gut,“ er drückte meine Hand, „mir fällt was sein, Übrigens, hast du den Grund berührt?“

„Nein,“ sagte ich.

„Ich schon,“ lächelte Ivanidi, „so weich wie Brei. Habe mit dem Fuß irgendein Schloss berührt“

„Einen Schatz?“ fragte ich verwundert. „Lügst du mich auch nicht an?“

„Wann habe ich dich angelogen?“ Morgen müssen wir vom Ufer aus dahin schwimmen und es überprüfen.“

„Morgen spielen wir Krieg.“

„Übermorgen. Da ist sicher irgend etwas.“

Am Abend schaute sich die Mutter meine Brust und mein Gesicht an.

„Hast du eine Allergie? Was hast du gegessen?“

„Oliven!“

„Mach das nicht mehr. Wo findest du sie nur?“

„Im alten Griechenland gibt es alles,“ sagte ich zur Mutter und wünschte ihr eine gute Nacht.

Die Sonne steht nur langsam über unserem Haus auf. Nach allen Bewohnern. Sogar später als ich,

Tante Heba sagt, dass gerade deshalb die Dämonen diesen Ort besuchen, deswegen muss man so schnell wie möglich von hier ausziehen.

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