Rashida Stikeyeva: „Die Musik spielte“ (Kapitel 5, Auszug aus dem Roman)

Die Ehe, so sehr gewünscht und um die so viel gelitten wurde, brachte Freude nur in dem allerersten Jahr. Nach der Geburt der Tochter, bedeckten die Sorgen und Turbulenzen Irina und ihren Kopf. Andrej, nach den Worten Shurochkas, hat sich entfremdet, das bedeutet, die Verbindung wurde schwächer und er verschwand wieder auf der Arbeit und im Restaurant – tagelang. Nach einem Jahr, als Irina ihre Tochter, gemeinsam mit Katherina, in die Igarka geschickt hatte, wurde sie wach und stellte sich selbst vor die anklagende Tatsache.

In dieser Zeit erlebte sie eine Menge Skandale. Im Zimmer wurde das Geschirr zerschlagen, dann hörte man das erschrockene Weinen des Kindes und ihren eigenen Schrei. Die Nachbarn beschwerten sich, machten Bemerkungen. Besonders viel Mühe gab sich Valja – die Wächterin.

Die Eifersucht, die Irina früher nicht kannte, füllte sogar die weiten Ecken der Seele und des Körpers aus. Um sie zu handhaben, hatte Irina keine Kraft. Vor Kränkung tat in ihrem Inneren alles weh und wurde entzwei gerissen. Elena rief selten an, doch Katherina jeden Tag. Sie wollte immer Irochka sprechen.

„Bist du die Irochka?“, sprach Valentina Petrovna laut in dem gemeinsamen Flur.

„Welche Irochka bist du denn?! Eine Furie und Harpyie! Pfui Teufel! Du solltest dich um dein Kind sorgen! Schreist so laut! Hast deinen armen Ehemann ganz mit deiner Eifersucht geschändet!“

Nun beobachtete Lucy Kopejkina nicht selten das Geschehen aus dem Fenster ihres Büros: wie ihr Herzblatt Andrej Melehov, mit einem Koffer in Richtung von Großmutters Wohnung schritt, und nach einiger Zeit wieder zurück, in Richtung seiner neuen Wohnung. Das Vergnügen wurde durch Schadenfreude ersetzt, später durch Trauer.

Man kann nicht sagen, dass Andrej sich seiner Frau gegenüber schlecht verhielt, wohl eher wusste er nicht, wie er sich im neuen Status als Ehemann verhalten sollte. Viele Jahre war er für Frauen nur der Liebhaber, und jetzt…Früher hatte er Irina fest-fest umarmt und sie beruhigte sich schnell, nun wurde sie gereizt und widersetzte sich…

Er umarmte die junge Ehefrau nicht richtig, oder störte sie sogar. Wohin sollte er mit seinen langen Armen und Beinen?

Wie sollte man beim Haushalt helfen, zum Beispiel mit der Wäsche, wenn in der Gemeinschaftsküche eine neue Waschmaschine stand. Er spülte das Geschirr, bügeln konnte er nicht und wollte es auch nicht, was noch? Ach, ja! Er liebte es, den Boden zu wischen und verschwand dann mit dem Gefühl der erfüllten Pflicht auf die Arbeit.

Als Vater war er gut, doch sehr selten. Er brachte für die kleine Tochter stets Spielsachen, fuhr sie im Kinderwagen spazieren, spielte mit Vergnügen mit ihr und schaute Trickfilme, auf dem neuen, grell-grünen Teppich sitzend.

Irina machte seltene Besuche in die Bar, gemeinsam mit der kleinen Tochter auf dem Arm, zum Schrecken von Andrej und dem Gelächter des Personals. Sie fand nichts Kriminelles, bemerkte nur, dass die Frauen ihren Mann umwarben, wie früher.

„Warum bist du verärgert?“, fragte er nach einem wiederholten Skandal Irina.

„Sage mir, was ich tun soll? Du wolltest heiraten…Wir heirateten, die Tochter wächst…Was nun? Wohin mit mir? Ich bin dein gesetzlicher Ehemann! Selbst wenn ich ausgehe, werde ich zurückkehren…“

Diese Worte machten Irina wütend, sie nahm Farbe an, doch konnte sie ihn nicht vor die Tatsache stellen. Sie verstand nur, dass sie immer eifersüchtig war gegenüber dem Umfeld Andrejs. Erstens zur Arbeit, das ist ein Großteil des Tages, an dem sie Andrej nicht sah und auch nicht die Frauen, die ihn dort umgaben. Allen ging es gut mit Andrej und ihm ging es gut mit allen, nur ihr widmete er keine Aufmerksamkeit mehr, keine Anteilnahme.

Deswegen eilte Andrej immer zur Arbeit und für den Nachhauseweg wollte er sich nicht beeilen.

Sie ging zur Arbeit ohne Teilnahme von Katherina – in einen statistischen Betrieb. Die Arbeit war interessant, das Kollektiv gut, doch irgendetwas in ihrem Leben war nicht richtig. So als ob Andrej sie betrogen hätte und das Lebens selbst sie betrug, frech, wie man Kinder betrügt: man versprach das eine und gab das andere.

Die kleine Katja, abgesehen von dem turbulenten Leben der jungen Eltern, wuchs als ruhiges und braves Kind auf. Sie ähnelte Andrjusha als Kind sehr.

Sie begann früh an zu sprechen, vor dem Kindergarten konnte sie bereits ihre Puppe Alenka zusammenbauen, wartete mutig jeden Streit ihrer Eltern ab und hielt sich an der Hand dieser fest, entweder der mütterlichen oder der väterlichen.

Die Nachbarn beschwerten sich bei Katherina, besonders viel Mühe gab sich Valja, doch das Tantchen atmete nur auf und zog die kleine Katja zu sich. Bei den Telefongesprächen mit Elena atmete sie seltener auf, so sorgte sie sich um ihre Lenochka.

***

In diesem Jahr, Anfang Dezember, reichte Irina die Scheidung ein. Am meisten wunderte sich Andrej:

„Welche Scheidung? Was hast du, Irka?“, sagte der Ehemann fröhlich. „Du wolltest unbedingt heiraten, nun die Scheidung? Warum sollen wir uns trennen? Wir leben doch gut, oder?“

Er versuchte Shurochkas Ratschlag zu befolgen, einen Kompromiss zu finden. Obwohl er sich nur schwer vorstellen konnte, was das bedeuten soll. Doch Irina wollte nichts hören. Irina wollte die Scheidung eben so sehr wie sie die Hochzeit wollte.

Die Verwirrtheit des Ehemannes, die Bitten Elenas und Katherinas, doch ernst mit ihrem Mann zu sprechen, Alexandra Vasil’evnas Meinung über Verantwortung – alles war umsonst.

Der Geburtstag der kleinen Katja war das letzte Familienfest, doch trotzdem ein Fest, obwohl mit einem Anflug von Trauer. Das Mädchen bekam viele Geschenke, eine schöne Torte mit bunten Kerzen und der Zahl 5 auf der Krone – in Form eines Lutschers.

Die sechsjährige Ehe, einem großen Lagerfeuer ähnelnd, erlosch, und zerfiel in eine Vielzahl von Funken. An der Stelle des Feuers in der Seele Irinas, blieb eine Kuhle, die man mit nichts füllen könnte: weder mit Hass, noch mit Mitgefühl, es gab nicht einmal ein Interesse.

Traurig war es manchmal an Sonntagen, wenn der Vater und die Tochter Zeitungen auf dem Teppich ausbreiteten, im Zentrum des Zimmers, Farben nahmen und gleichzeitig zu malen begannen, von verschiedenen Richtungen, bis sie sich in der Mitte trafen, unter großer, gemeinsamer Freude.

Zwei Köpfe: ein dunkler, zotteliger, der andere, hell mit einer Schleife und Zöpfen, vereinten sich in der schöpferischen Tätigkeit.

Das Leben hatte sich beruhigt und war fast unbemerkbar für die Nachbarn. Valja, die sich zu dem Läuten der Klingel begab, machte die Tür auf und begrüßte liebevoll Andrej, dabei verriet sie ihm, womit sich die beiden Mädchen gerade beschäftigten.

Als Vater erfüllte Andrej, der immer wieder vorbeischaute, seine Rolle noch besser. Sein wöchentlicher Besuch wurde für die Tochter zu einem Fest. Er selbst wurde zum Fest. Er sah sehr akkurat aus, hatte gute Laune, immer ein Geschenk dabei. Sie machten Ausflüge in den Park, aßen Eis und er konnte der Tochter keinen Wunsch abschlagen.

Und auch das Verhältnis zu Irina verbesserte sich. Nun waren sie auf einer Ebene und das Gesprächsthema war immer das Kind.

Es gab keine gemeinsamen Unternehmungen mehr zwischen den ehemaligen Eheleuten. So als ob es nie eine gemeinsame Leidenschaft, Liebe, einen gemeinsamen Haushalt gegeben hätte. Es blieb nur noch das geliebte Kind, das die beiden, die nun Fremde füreinander waren, dazu zwang, die elterliche Pflicht zu erfüllen. Diese erfüllten sie mit Mühe und sehr gut.

Katherina atmete immer wieder auf. Shurochka rauchte ihre ewige Zigarette. Das Verhältnis Elenas zu dem Geschehen war nicht bekannt – sie lebte in ihrer Igarka, und nahm einmal im Jahr die geliebte Tochter und die schöne Enkelin bei sich auf.

Endlich hielt es Katherina nicht aus.

„Wird es lange Zeit so gehen?“, sagte sie mutig, auf dem Sofa sitzend.

„Was sollen wir tun?“, Irina drehte sich unzufrieden zum Fernseher.

„Es gibt doch die Leningrader Adresse seiner Schwester. Setze dich hin und schreibe…“

„Was sagst du da? Ich kann nicht!“, unterbrach Irina sie eilig.

„Ich kann nicht! Du kannst! Schreibe. Frage nach der Adresse Sergejs. Nun…Nein für den Anfang: ob er verheiratet ist? Kann ja alles vorkommen! Danach die Adresse. Vielleicht doch anders herum? Nun, du wirst es selbst wissen. Hier hast du Papier und Stift, nun setze dich! Keine „Neins“, setze dich und schreibe:

„Teure Sveta, es schreibt Ihnen Irina Makarova“ Und wo weiter…“

Nachdem sich Irina von dem Lebensraum Melehovs befreit hat, entdeckte sie bei sich viele Interessen: sie liebte es Jazz zu hören: machte Bekanntschaft mit Musikern, veränderte ihre Garderobe: bewahrte jedoch ihre hellblauen Farben, mit der Hilfe der Schneiderin, die ihr Bekannte empfohlen haben.

Sie begann zu lesen, machte Bekanntschaften in Lesezirkeln. Las einige, von der Sowjetmacht verbotene Bücher, beispielsweise Solzhenicyn, wurde traurig und fokussierte ihr Interesse auf die Bücher Dumas, des Sohnes.

Manchmal ging sie zu Treffen. Nach hause brachte sie nie jemanden mit. Wenn sie die Nacht wo anders verbrachte, kümmerte sich die ältere Katherina um die Kleine. Es gab verschiedene Männer, auch verheiratete. Ihre Aufmerksamkeit nahm sie dankend an, doch ohne besonderes Interesse. Ihre sexuellen Bedürfnisse stillte sie energisch, doch ohne Leidenschaft.

In dem Land war gerade überall die Perestroika. Der Fernseher schrie pausenlos über ihre Lösungen. Man sprach Reden, gab Schwüre, ließ Treffen statt finden. Im Allgemeinen – war das Leben erfüllt, unter anderem jedoch nicht. Es gab keinen Menschen, der täglich und jede Minute von ihr verzaubert war. Der Gedanke, und damit die Hoffnung, dass all das noch kommt, verließen Irina nicht.

Nach drei Monaten kam ein Brief aus Leningrad. Svetlana schrieb trocken und knapp, doch jeder Buchstabe, jedes Zeichen waren voll mit Vorwürfen.

„Sergej ist nicht verheiratet. Wird er jemals heiraten nach so einem schlimmen Verrat? Er liebte Sie und liebt Sie noch immer. Sie haben sein Leben zerstört. Er lebt nun in Klaipeda, Hier ist die Adresse…“

„Pfui“, wackelte Katherina mit der Hand und gab vor sich selbst zu, dass sie all die drei Monate feige war zu erfahren ob eine Antwort kommt.

Irina, die sich über die Hoffnungen freute, begann nachzusinnen: einen Brief schreiben, voller Reue, oder die Erklärungen lassen, und ein Telegramm schicken, um die Erlaubnis eines Briefes bitten? Sie beschloss ein Telegramm mit dem Text zu schicken: Darf ich dir schreiben?“

Sie musste zwei Monate warten. Endlich kam eine knappe Antwort: „Ja.“

Der Brief wurde ganze zwei Wochen geschrieben. Katherina mischte sich ein aus Neugierde.

Irina beschrieb detailliert die tiefe Liebesenttäuschung und sprach ihr Mitgefühl aus zu dem Geschehenen. Sie schrieb über die Enttäuschung im familiären Leben in den aller zärtlichsten Farben, über die Tochter Katjuscha. Ihre einzige Freude und Hoffnung.

„Nun, ich habe alles geschrieben!“, sagte sie eines Tages zu Katherina. „Soll ich es dir vorlesen?“

„Neein!“, keuchte Katherina. „Regelt das unter euch!“

***

Die Antwort kam mit den Maifeiertagen. Irina, mit dem Umschlag in den Händen, eilte in ihr Zimmer, zog schnell die Tochter aus, gab ihr einen Apfel und setzte sich auf den Rand des Stuhls.

„Liebe Irina, im Gegensatz zu dir, lebe ich anders – Arbeit und ein unbedeutendes privates Leben mit der Nachbarin Ljuba. Ljuba ist eine Prostituierte…“ Irina lehnte sich an die Stuhllehne und hob die Augen. Was wolltest du denn? Du bist ehrlich und auch er ist offen zu dir.

„Gerade bin ich in einem Krankenhaus, in Leningrad. Probleme mit dem Bein. Wenn du dich erinnerst, das ist ein altes Problem. Ich muss noch mindestens zwei Wochen hier bleiben. Deswegen kannst du vorbeischauen. Natürlich nur wenn du willst. Svetlana wird dich treffen, nur sende uns ein Telegramm…“

Ob ich will? Natürlich will ich. Die Tochter lasse ich bei Katherina. Sie wird sich freuen. Auch die Tickets für den Hin – und Rückflug kann sie besorgen. Auf der Arbeit werde ich es schnell klären…

Melehov werde ich nichts sagen, er muss es nicht unbedingt wissen.

Ich schrieb ein Telegramm mit dem Datum der Ankunft und begann zu packen. Ich dachte die ganze Zeit daran, wie das Treffen ablaufen wird.

Es schien, als habe ich alles durchdacht. Der hellgraue Mantel, das blaue Halstuch, eine elegante Tasche. Etwas bitteres Parfum, etwas Wimperntusche, eine zarte Farbe des Lippenstiftes, eine schlichte Maniküre. Das Schauspiel des Gespräches malte ich mir vom Anfang bis zum Ende aus. Nur konnte ich mir das Treffen mit der Schwester Svetlana nicht vorstellen.

Im Inneren hatte Irina Angst vor einem Treffen mit ihr, und vor einem Gespräch, vor allem weil sie dann unter sich sein würden.

Am Flughafen in Leningrad beherrschte Irina sich und ging zum Schicksalstreffen. Svetlana war zurückhaltend, schaute an ihr vorbei und sprach nur in kurzen Sätzen.

Sie brachte den Gast nach hause, gab ihm Tee zu trinken, schrieb auf einen Zettel die Adresse des Krankenhauses. Beschrieb den Weg, legte vor Irina den Ersatzschlüssel auf den Tisch, für die Eingangstür, entschuldigte sich und ging eiligen Schrittes zu ihren Angelegenheiten.

Irina bemerkte in Gedanken die absolute Unähnlichkeit des Bruders mit der Schwester: „Die Schwester zierlich, elegant, Sergej…ich habe keine Ahnung, wie er jetzt ist.“ Sie ging durch die Zimmer, betrachtete alle Fotos, setzte sich hin und stellte sich hier mit Katja vor. Da erinnerte sie sich, dass sie am Abend unbedingt die Semönova anrufen musste und ein Treffen vereinbaren.

Plötzlich klingelte es an der Tür. Irina war verwirrt: aufmachen oder nicht? Die Hausherren sind nicht da. Doch sie beschloss zu öffnen.

Vor der Tür stand eine junge Frau in einem Bademantel, mit einem zotteligen Dutt heller Haare auf der Krone. Auf dem sauberen Gesicht, ganz ohne Kosmetik, zeigte sich ehrliche Neugierde:

„Ähm. Guten Tag. Ist Tante Sveta zuhause?“

„Guten Tag. Nein. Sie ging vor ein paar Minuten weg. Soll ich ihr was ausrichten?

„Nein, ich komme abends noch mal vorbei. Soll ich Sie zu Sergej ins Krankenhaus begleiten?“, fragte sie mit Interesse.

„Nein, nicht nötig.“ Irina war verwirrt. „Entschuldigen Sie“, und sie schloss die Tür.

Was ist das oder eher wer ist das? Ljuba? Dann steht auf ihrer Stirn sicher nicht „Prostituierte“, sondern „irdischer Engel“. Ljubas Erscheinen passte wirklich nicht zu dem Schauspiel. Ja, sie wusste es, doch zu wissen, ist das Eine, zu Sehen, das Andere.

Der Weg zum Krankenhaus war weit. Während Irina den öffentlichen Nahverkehr durch die Stadt nahm, schaffte sie es, die Stadt etwas zu betrachten. Sie gefiel ihr. Leningrad gab ihr das Gefühl von Freiheit. Sie spürte sofort den Rhythmus der Stadt – langsam, sogar welk, entspannt…

Doch je mehr sie sich dem Krankenhaus näherte, desto mehr Sorgen machte sie sich. In ihrem Inneren rollte sich ein Knäuel zusammen: ich werde sehen, wie er mich begrüßt, was er sagen wird?

Das Krankenhaus war ein altes, wichtiges Dreietagenhaus. Irina umrundete es einmal, bis sie den Haupteingang fand.

Sie stieg in die zweite Etage und ging den Flur entlang. Die Tür des Zimmers war offen. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann klopfte sie auf die hölzerne Tür.

„Darf ich?“, sie schaute in das Zimmer.

Auf einem Hocker, im Schlafanzug, mit einer Krücke neben sich, saß der älter gewordene Sergej.

Ein schwerer Blick, gerader Rücken, ganz beherrscht – was ist das? Vielleicht bin ich umsonst gekommen? Vielleicht ist alles umsonst?

Irina erinnerte sich, dass sie fast ihren Mantel zerknittert hätte, das Halstuch liegt gerade um den Hals, eine schöne Tasche, und trotz des Regens, ist die Wimperntusche nicht verschwommen. Sie betrat mutig das Zimmer.

„Guten Tag, Serjezha.“

„Hallo“, antwortete dieser leise.

In dem Raum standen sechs Betten, bedeckt mit verwaschenen Laken. Alle leer.

„Setze dich. Wie war dein Flug? Hat Svetka dich getroffen?“

„Ja, alles gut. Sie hat mich getroffen…und hier ist ein Schlüssel, sie gab ihn mir…“

Es war seltsam ruhig. Sie waren zu zweit in dem Zimmer, auch im Flur hörte man keine Stimmen, Zeichen für die Anwesenheit von Menschen, sogar den Regen hinter dem Fenster hörte man nicht.

Auf dem Boden neben Irinas Regenschirm bildete sich eine kleine Pfütze.

„Bist du nicht nass geworden?“, lächelte Sergej und nahm ihre Hand in seine. „Du bist immer noch so…schön. Ich erinnerte mich immer wieder…Das Flugfeld, weißt du noch, du hast geweint…Deine Tränen…blau wie deine Augen.

„Entschuldigen Sie.“ Das Zimmer betrat ein Mann, der ebenfalls einen Schlafanzug trug und eine verbundene Hand hatte. Er lächelte, ging zur Schublade, suchte nach irgendetwas und verließ wieder den Raum.

Irina und Segej begannen zu lachen.

„Wo sind denn alle, Serjezha?“

„Ich sagte zu ihnen, dass ich Besuch von einer Frau bekomme…Sie gingen. Sitzen in der Kantine.“

In der Luft hing Unbehagen und Enttäuschung. Es gab nichts, worüber man hätte reden können. Irina wollte zärtlich zu ihm sein, doch er wollte nicht. Blickte ganz unbedeutend, sah unwichtig aus…Der Kopf nicht gewaschen, auf den Wangen und dem Kinn Borste, gelbliche Haut, Schatten unter den Augen. Er war ganz dürr und in die Länge gezogen und verursachte Mitleid.

„Hast du Schmerzen? Tut dir das Bein weh?“

„Jetzt nicht mehr. Noch ein bisschen…Schau, der Regen hat aufgehört. Sollen wir spazieren gehen? Die Kerle sitzen schon so lange in der Kantine…

Sie stiegen nach unten, er trug eine Jacke.

Die seltene Sonne verwöhnte mit Licht und Wärme. Die erwachte Natur erfreute die Augen. In den Gärten sah man die Knospen von Blumen, die zu leuchtenden Narzissen explodierten, Krokusse, Hyazinthen und Tulpen. Auf den Bäumen zeigte sich junges Laub, das Krankenhausgelände bedeckte sich mit jungem Gras. Sie gingen die Wege entlang. Atmeten mit voller Brust ein. Es hing ein starkes Aroma von Kirschblüte und Flieder in der Luft. Sie genossen das Wetter. Der Kopf drehte sich, entweder von dem herannahenden Frühling oder von ihrer gegenseitigen Nähe. Sie fanden eine Bank und setzten sich.

„Erzähle mir von deiner Tochter. Wie ist sie?“

Irina wunderte sich etwas, doch sie begann zu erzählen. Zuerst ohne Eile, dann mit immer mehr Vergnügen. Sie beschrieb ihr Aussehen, dann den Charakter, die Angewohnheiten, das Verhältnis zu der großen Katherina, sie erzählte über kleine, familiäre Konflikte.

Sie lachten gemeinsam darüber, wie die kleine Katja ihre große Freundin und Patentante darum bat, die Stiefel vorsichtig zu tragen und so selten wie möglich, sie beschloss, diese zu erben. Oder wie sie darum bat, einen Kater für die Katze Vaselisa zu adoptieren. Sie brachte Vergleiche, diese ausschmückend, darüber, dass es in der Welt der Menschen immer Paare gibt: Mama hat Papa, Katherina hat ihren Liebsten, worin soll die Katze Vaselisa schlechter sein? Sie besorgte ihr einen Ehemann, den Kater Vasilij. Womit endete das Ganze? Ich vertrieb diesen frechen Kater mit der Räuberschnauze, das war es. Die Tochter hatte zwei Tage nicht mit mir gesprochen. Zwei Tage. Was ein Charakter. Und es gab noch einen lustigen Vorfall. Jeden Samstag gehen wir zur Patentante, um Pelmeni zu kochen. Beim Abendessen überreden wir Katjuscha, wenigstens noch einen Pelmen‘ zu essen, und was denkst du? Sie sagt, sie setzt diese Pelmeni auf Stühle in ihrem Bauch. Und nach langen Überredungen gibt sie zu: Sollen sie doch zu zweit auf den Stühlen sitzen. Kannst du dir das vorstellen?“

„Ich liebe deine Katjuscha jetzt schon. Sage, hat sie deine blauen Augen?“

„Nein Sie sieht Andrej ähnlich. Sie lieben einander und kommen gut ohne mich klar.“

„Weißt du was, warte hier auf mich.“ Sergej stand abrupt auf, ging zur Treppe und verschwand im Krankenhausflur. Nach ein paar Minuten kam er in normaler Kleidung raus.

„Lass uns gehen.“

Sie fragte nicht, wohin. Sie verstand – nach hause.

Sie nahmen ein Taxi. Setzten sich. Eiligen Schrittes stiegen sie in ihre Etage. Da zog Sergej sie an sich und begann sie zu küssen. Dabei murmelte er wie im Delirium:

„Nein, ich kann nicht.“

Irina war verwirrt von diesen Worten, grenzte sich ab…

„Was? Was….“

„Geh weg…Nein, nein. Warte. Ich kann nicht. Entschuldige…Ich liebe, liebe…“

Irina öffnete vor Verwirrung den Mund, dann schloss sie ihn wieder, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. Währenddessen machte er die Tür mit seinem Schlüssel auf. Auf der Schwelle begann er sie wieder zu küssen. Irina war ganz verwirrt. Sie küssten sich unendlich lange. Dann endlich zogen sie sich ihre Schuhe aus und ihre Kleidung und verschwanden im Schlafzimmer. Er erinnerte sich erst am Morgen an Svetlana, so schön war ihre erste Nacht.

In der Nacht, wenn die Liebesumarmungen sich lösten, betrachteten sie im hohen Fenster die Leningrader Laternen. Diese waren in ihrer Form und ihrem Bau unterschiedlich, sie schienen magisch zu sein. Irina erblickte ein besonderes Licht – davon gab es entweder zu viel oder zu wenig. Sie dachte, das ähnele dem Verhältnis mit Sergej.

„Ich liebe dieses Leningrad. Die nächtliche Laterne ist ein bedeutender Teil des architektonischen Ensembles“, sprach Sergej mit der ernsten Stimme eines Lektors. „Was denkst du darüber? Das ist für die Gäste der nördlichen Hauptstadt. Übrigens bist du Gast. Doch wahrscheinlich hast du bisher noch nichts gesehen…“

„Dich, dich habe ich gesehen…“, und sie bedeckte seinen Mund mit Küssen.

Der Rest von der irren Rede im Treppenhaus löste sich unter den vielen Zärtlichkeiten auf. Lange Zeit danach schien es Irina sogar, sie hätte sich verhört. Dafür hörte sie die Bewegung der engen, relativ harten Liege unter sich, in der Dämmerung.

Und später, als sie in der Dunkelheit lag, schien es ihr, sie habe ein nächtliches Meer überquert auf einem kleinen, schwimmenden Floss, indem sie das Kinn in die Kuhle seines Halses legte, etwas unter das Ohr…Er umarmte sie fest und flüsterte, dass er unrasiert sei und der Hals für sie stachelig sein müsse. Beim Einschlafen hörte sie sein Murmeln: „Meine, meine…“

Am Morgen trennten sie sich schnell und eilig. Sie machten aus, dass sie auf seinen Anruf warten würde…Und dann zu dritt, nur zusammen, zusammen.

Sergej rief ein Taxi. Auf dem Weg stieg er beim Krankenhaus aus, küsste sie schnell, sie fuhr zum Flughafen, und von da nach Nowosibirsk, nach hause. Bereits am Flughafen erinnerte sich Irina an Semenova: sie hatten sich nicht angerufen, noch getroffen.

***

Zuhause stellte Irina die Mutter und Katherina vor die Tatsachen: mit Sergej sei es ernst. Sie warte auf die Einlandung.

Sie begann neue Kleidung für sich und die Tochter zu kaufen. Mit der alten Garderobe wollte sie nicht zu ihm fahren. Neue Kleidung sei notwendig. Es beginnt ein neues Leben.

Da rief Katerina an, im zentralen Kaufhaus gab es gerade eine Lieferung von neuen Klamotten. Sie lief hin, stand ein paar Stunden in der Schlange, kaufte einen wundervollen, leuchtend blauen Mantel von tschechischer Herstellung. Dazu noch Stiefelchen und ein Täschchen, und lauter Krimskrams.

Und da begann sie zu warten. Es zog sich hin. Im Sommer in den Urlaub. Irina und die Tochter besuchten die Mutter in der Igarka.

Brachten Mitbringsel aus Nowosibirsk mit: Maisstäbchen, Küchlein, Pepsi-Cola, die man damals begonnen hat zu produzieren, in Nowosibirsk.

„Wozu so viel? Oh Gott, welch ein Überfluss“, empörte sich Elena.

In dm elterlichen Haus war es angenehm, wie immer, gemütlich und ruhig. Spitzenvorhänge auf den Fenstern, auf den Fensterbänken Töpfe mit Veilchen: zarte Tapeten in den Zimmern, die bemalt waren bis zur Mitte, weiße Wände in der Küche. Im Schlafzimmer, weiße Decken auf den Betten. Im Badezimmer ein dunkelgrüner Boiler, nun gab es genug heißes Wasser. Im Flur, ein schwarzes Telefon, das akkurat mit einer Servierte bedeckt war. Und morgens die Gerüche von Milch vom Markt, georgischen Tees von der besten Sorte.

Elena fragte wie gewohnt nicht nach Sregej, machte sich nur Sorgen.

Sie nahm Katjuscha mit zu ihren Freunden, den Jahins. Dort traf man auch die alte Semenova. Deutlich älter geworden, doch immer noch vital. Irina bekam eine Portion Nachrichten über die Freundinnen.

Irina Jahina war die Mutter zweier Kinder. Ihr Ehemann war Parteiarbeiter. Alles in ihrem Leben fügte sich zum Guten, nur lädt sie uns selten ein. Semenova erzieht ihre kleine Tochter und wartet auf den Ehemann von seinen langen Dienstreisen auf dem Meer.

Als wir am Tisch saßen, gingen wir alles Vergangene durch und berieten über die Zukunft der drei Freundinnen. Irina kehre nach hause mit dem bekannten Gefühl der Verabschiedung. Wir gingen am Abend. Katjuscha war müde, bat darum, sie auf die Arme zu nehmen. Irina wehrte sich, das sie Sxhuhe mit Absatz trug. Doch die Tochter bestand darauf.

Da berührte sie jemand am Arm:

„Hallo Makarova. A-a-a, du bist ja jetzt Melehova. Ich weiß, weiß…

„Razuvaev, hallo.“ wie seltsam. Irina freute sich, ihren ehemaligen Nachbarn zu sehen.

Er nahm schweigend die weinende Kleine auf den Arm und trug sie, die augenblicklich eingeschlafen war, den ganzen Weg.

„Über mich weißt du Bescheid, erzähle mir, wie du selbst lebst, Nachbar?“ Irina wurde fröhlich zumute.

Alles was der Nachbar erzählte, ließ sie wissen, dass sein Leben ereignisreich war. Auf dem Kopf, anstatt eines goldenen Duttes, war ein kurzes Igelschnitt, eine schwere Lederjacke, die schief saß und ihm etwas zu groß war, vor allem auf den Ärmeln, auf dem Hals glänzte leuchtend eine breite Kette, auf den Füßen schwere Schuhe. Junggeselle?

„Alles unter Kontrolle. Das Leben fängt jetzt erst an.“

Die Freude Irinas war augenblicklich fort. Razuvaev ging schweren Schrittes und war laut. Die unbändige Energie sprudelte so aus ihm und verströmte den Geruch von Schweiß, ungeputzter Zähne und schweren Rauches.

Sie erreichten die Tür schweigend. Er brachte auch Katjuscha schweigend ins Haus. Er lehnte den Tee ab und verschwand leise, so wie immer. Am Tag der Abreise klingelte jemand an die Tür. Elena kehrte zurück, verwirrt, lächelnd, mit einem großen Blumenstrauß in den Händen.

„Der ist für dich. Dazu noch ein Zettel. Wie im Kino.“

Irina faltete das Papier auf und las: „Adieu, Königin.“ „Auch mir…Der nördliche Troubadour.“ Die Blumen in die Vase, den Zettel in den Papierkorb.

Sie kehrten zu sich in die Shljuzovaja zurück. Und alles beim Alten. Katjuscha ging in den Kindergarten, traf sich regelmäßig mit dem Vater, mit der Oma Shura. Für den Winter kaufte Andrej seiner Tochter ihren ersten Fellmantel und eine Shapka, Irina, schöne Pullover. Die Tochter freute sich über die neuen Sachen, lachte, hing auf dem Hals des Vaters. Wundersam, wie sie sich noch mehr ähnlich sehen. Sogar die Haare Katjas wurden dunkler. Wenn sie sich umarmen, kann man gar nicht sagen, wo wessen Krone ist.

An Wochenenden gingen sie auf dem roten Prospekt spazieren. Wenn Katherina dabei war, trank man Kaffee in der Bar oder aß Küchlein. Wenn Vater und Tochter zu zweit unterwegs waren, besuchten sie die Bar des Hotels „Nowosibirsk“. Dort aßen sie Eis und tranken Limonade.

Der Winter näherte sich. Die Laune war fast winterlich: leer und kalt. Die Einkäufe, Abende und Männer erfreute sie nicht. Wie immer hielt es Katherina nicht aus:

„Warum lässt du dich darauf ein?“

„Was soll ich sonst machen?“

„Wie, was? Anrufen, schreiben…Vielleicht ist ihm was zugestoßen? Vielleicht ist er…tot.“

„Was sagst du da?“

„Schreibe seiner Schwester. So nach dm Motto…Ich warte schon ein halbes Jahr und es gibt keine Nachrichten.“

„ich denke drüber nach…“

Sie grübelte und schrieb Svetlana einen Brief. Kurz, jedoch aufdringlich. Und sie bekam Antwort, genau so kurz und abrupt.

„Wenn sie Ihren Status erfahren wollen, dann haben Sie das Recht dazu zu erfahren, dass Sergej auf der Arbeit in Klaipeda ist. Die Adresse haben Sie…“

Morgens ließ Irina Katherina wissen:

„Klaipeda. Ich muss fahren.“

„So ist es gut. Fahre. Nehme einen Flug nach Riga und von da aus dann nach Klaipeda…Dort ist alles in der Nähe“, riet ihr die erfahrene Katherina, die schon viele Orte bereist hatte.

Irina schrieb sich für den Juni den Urlaub auf. Stellte sich in die Schlange für den Kauf des Flugtickets. Bezahle im Voraus. Und begann wieder zu warten, diesmal auf den Urlaub.

***

An die Mitglieder der Exkursionsgruppe konnte sich Irina nicht erinnern. Just als sie Riga erreicht hatten, wurde sie von einer Angst überfallen: wozu bin ich hierher geflogen? Vielleicht will er mich nicht sehen? Wird sich nicht erinnern, wie mein Name ist? Im Kopf tauchte die Szene aus dem Treppenhaus auf, sein wirres Murmeln. Endlich wählte sie einen Moment aus, ging zur Leiterin der Gruppe, einer stark geschminkten, jungen Frau und bat sie, mit nach Klaipeda zu nehmen.

„Was wollen sie da?“, fragte die Leiterin und hob ihre samtenen Wimpern. Irina war verwirrt. „Achso, ein Treffen?“, fuhr die Dame fort. Nun, verstehe. Ich wünsche Ihnen Erfolg, Liebchen.“

Bei der Rezeption fragte sie, wie man bis nach Klaipeda kommt, bis zum Hafen. Sie bat, ihr einen Platz zu reservieren…Ein Luxuszimmer. Für zwei Tage. In dem besten Hotel.

Früh am Morgen setzte sie sich in die Elektrische „Riga-Klaipeda“. Sie erreichte den Ort ohne Abenteuer. Bei dem Ausstieg in der Stadt, nahm sie ein Taxi und fuhr in das gleichnamige Hotel „Klaipeda“. Sie fand ihr Zimmer, gab ihre Gepäcktasche ab und nahm wieder ein Taxi – zum Hafen.

Während sie in der Elektrischen fuhr, war sie voller Sorge, doch hier verspürte sie Ruhe. Sie erinnerte sich an ihren Leningrader Zustand – welk, wie im Traum. Das Taxi fuhr langsam. Irina betrachtete aus dem Fenster des Autos die russischen Aufschriften auf den Vitrinen, städtische Landschaften, Sitins in den Höfen, Kneipen. Alles grau, unfreundlich, so als ob hinter all dem eine unendliche Trauer stünde. Dafür trugen Klaipedas Straßen romantische Namen, wie in den Romanen Alexander Grins: Schlossstraßen, Torstraße, Bastionstraße, Ankerstraße…zum verrückt werden. Das Meer ebenfalls langsam, schwer. Die Möwen beleuchteten mit ihren feierlichen weißen Flecken die graue Meereslandschaft. Die Stadt hatte eine lange Straße, die sich am Ufer lang zog. Irina bemerkte ein seltenes Schauspiel, wie auf einer Fotografie, einen Jungen auf einem Floß. Dieses bewegte sich nicht, als ob er versteinert sei. Gäbe es keine Kinder, wäre es eine gewöhnliche Stadtlandschaft. Doch hier sieht es danach aus, dass sie schwimmen als seien sie in das offene Gewässer heraus geschwommen, dabei alle wie versteinert, bis auf die Wellen und die Möwen…Interessant.

Irina schreckte auf: wo werde ich nach ihm suchen? Ich weiß nicht wie man ihn hier nennt. Kenne nur den Vor- und Nachnamen, dazu noch, dass er bei der Handelsflotte ist, mehr nicht.

Das Taxi blieb neben dem Tor des Schiffshafens stehen. Sie zahlte und stieg aus. Seltsam, niemand wollte sie anhalten, obwohl sie der Wache zunickte und sie begrüßte, in der Hoffnung auf ein Gespräch, das ihr die Möglichkeit gibt, zu erfahren, in welche Richtung sie gehen soll. Die Wache schaute sich nicht nach ihr um. Sogar die Hunde hatten kein Interesse und wedelten nur faul mit den Schwänzen.

Sie näherte sich dem Ufer, in der Hoffnung, dass dort gearbeitet wird und erblickte vor sich eine Gruppe Männer. ES waren vier an der Zahl. Einer ging vorne, stark hinkend und sich unter die Füße schauend, die anderen drei hielten sich hinten und berieten laut über etwas. Einer von ihnen legte seine Hand auf die Schulter des vorne Gehenden:

„Segej.“

Irina bekam plötzlich Röte im Gesicht, ihre Augen flackerten auf, so sehr groß war die Sorge.

„Serjezha?“

Dieser stolperte fast. Wurde blass und blieb stehen. Die Freunde sprachen zu ende und betrachteten die schöne Frau wie etwas Wildes.

„Serega, für dich“, lachte einer.

„Hast du ein Glück, Seryj“, sagte der Zweite.

„Junge Frau, wissen Sie, dass sie sehr schön sind?“, fragte der Dritte.

Irina, wie ohnmächtig, konnte nur lächeln. Sergej stand und schaute sich vor die Füße, dann auf Irina. Endlcih waren die Freunde verschwunden.

„Irochka. Du? Hier?“, er begann endlich zu sprechen. „Ich, ich war verwirrt…“

„Wenn du…Ich kann wieder fahren…“

„Nein, auf keinen Fall. Du bist so…Dieser blaue Mantel steht dir und die Möwen über deinem Kopf…Als ob du aus dem Meer kämst.“ Er begann sie zu umarmen und zu küssen. Auch diesmal küssten sie sich lange und gierig.

„Wo kommst du unter? Übrigens gibt es hier ein gutes Hotel. Fahren wir?“

Immer noch stark hinkend, führte er sie hinter das Territorium des Hafens, nahm das erstbeste Auto und sie fuhren. Auf dem Weg kam er dann wiedr zu sich.

„Über die Brücke bitte.“ Auf der Brücke kaufte er einen großen Blumenstrauß, und über das ganze Gesicht strahlend, legte er die duftenden Feldblumen auf ihre Knie. „Ich habe die schon lange keine Blumen mehr geschenkt.“

Irina konnte nur lächeln, sie war am Zittern, doch sie war überwältigt von der Schönheit ihres Treffens.

Im Zimmer ging alles weiter. Sie küssten sich wild und schmissen ihre Sachen überall hin. Einige Minuten hörte man nur ein schweres Atmen. Da warf sich Sergej plötzlich zurück, ganz blass, mit Schweißperlen auf der Stirn:

„Schmerzen, mein Bein.“

Irina hatte sein krankes Bein ganz vergessen. Den Rest des Tages lief sie durch ihr schickes Zweiraumappartement, vom Badezimmer ins Schlafzimmer und legte die kalten, nackten Kompressen auf sein geschwollenes Knie. Endlich hatte sie eine Idee: aus dem kleinen Kühlschrank nahm sie Eis heraus, wickelte es in ein breites Tuch und verband damit die schmerzhafte Stelle. Dann legte sie ihren Schal darauf.

„So, nun erhole dich.“ Sie atmete aus.

Zum Abend hin war der Schmerz schwächer doch auch die Leidenschaft wurde weniger.

„Nun denn. Gehen wir ins Restaurant?“

Als sie dieses händchenhaltend betraten, trat eine Pause ein. Es schien als waren nur die Kellner nicht überwältigt von der Schönheit dieses Paares. Der Raum ähnelte sehr dem Restaurant in Igarka. Genau solche Wände, alles so wie dort, wie die Rückkehr in die Vergangenheit, in die Jugend.

„Serjezha, schaue dich um. Das ist doch Igarka. Erinnerst du dich? Sogar die Musik….die selbe. Jo Dassen.“

„Ich erinnere mich an alles“, sagte Sergej.

Er drehte sich um und bat den Kellner um eine Flasche Kognak. Und fügte hinzu:

„Ich erinnere mich nicht nur an das.“

Es erklang Musik. Man gab ihnen einen Tisch im Zentrum des Raumes. Doch umsonst. Irina musste den Männern ihren Wunsch mit ihr zu tanzen, abschlagen. Doch dann, mit dem freundlichen Nicken Sergejs, nahm sie eine Einlandung eines erwachsenen, grauhaarigen, eleganten Mannes an. Er sah aus wie ein Ausländer, nicht wie ein Einheimischer. Er stellte sich als Edward vor und lud sie zum zweiten Tanz ein. Dabei wollte er ihre Bekanntschaft schließen, ohne darauf acht zu geben, dass die Dame bereits einen Kavalier hatte. Irina lehnte ab und drehte den Kopf sorgenvoll in Richtung ihres Tisches. Sie bemerkte, dass Sergej die Zeit nicht umsonst verliert: leise, doch selbstsicher trank er den Kognak.

Auf ihre Bitten, sich nicht zu betrinken, sagte er:

„Du verstehst nichts. Und wirst nichts verstehen…nie. Du warst für mich…Du bist für mich…“

Schon nachts, als sie den schnarchende, betrunkenen Sergej betrachtete, erinnerte sie sich mit Schrecken daran, wie sie Edward um Hilfe bat, den betrunkenen Sergej ins Zimmer zu tragen und schlafen zu legen. Dabei musste sie wieder die Einladung ablehnen, den Rest des Abends mit ihm zu verbringen.

Ich würde gerne wissen, woran du denkst. Was du dir vorstellst. Worin du mich beschuldigst.

Irina weinte und erinnerte sich mit Erleichterung, dass sie eine Tochter hat, ein eigenes Zimmer, eine gesunde Mutter. Sie bemerkte es selbst nicht, wie sie eingeschlafen war, als sie vor dem Fenster saß. Nachts wachte Sergej von einem stechenden Schmerz im Knie auf. Und schon wieder – nasse Kompressen, dann das Eis. Hinter dem Fenster fiel die ganze Nacht der Regen und es wehte der Wind. Bei der Morgendämmerung schliefen beide ein. Der Morgen war grau und trüb.

„Verzeih mir, Irochka“, wiederholte er.

Auf dem Tisch wurde das Frühstück kalt (Irina bat es, auf dem Zimmer zu empfangen). Sie trank bereits die zweite Tasse Kaffee und konnte nicht klar kommen mit ihrer Gereiztheit.

„Serjezha, ich muss los. Du iss nur. Und bringe mich zur Elektrischen, bitte.“

Schon wieder regnete es. Ein feiner Nieselregen vom Meer. Auf dem Gleis, in der Erwartung der Elektrischen, bemerkte sie jetzt erst, dass er raucht.

„Du rauchst?“

„Ja, doch nur sehr selten.“

Der Zug kam. Sie betrat selbstsicher den Waggon, ohne sich umzublicken oder sich zu verabschieden, ging in ihr Coupe und setzte sich auf ihren Platz. Er stand neben dem Fenster. Sie schaute auf ihn und begann zu weinen. Er schaute sie auch an und rauchte eine nach der andren. In irgendeinem Moment wurde ihre Aufmerksamkeit auf einen neuen Passagieren gelenkt. Er grüßte sie, verglich seinen Platz mit dem Ticket und setzte sich ihr gegenüber.

„Ha, wir kennen uns. Welch eine Überraschung. Sie sind die gestrige, schöne Unbekannte? Das war jener Edward aus dem Restaurant. Zufälle gibt es? Das bedeutet, wir fahren zusammen? Warum weinen Sie?“ Er blickte aus dem Fenster. Dann richtete er wieder seinen Blick auf die ihm gegenüber sitzende Irina und frage ernst:

„Entschuldigen Sie, ich möchte fragen: Ist es ihr Ehemann?“

„Nein…“ Irina weinte.

„Ihr Liebhaber?…Verzeihen Sie…Ähm, ein nahestehender Mensch?“

„Nein.“

„Warum weinen Sie dann?“

***

Nachdem sie nach hause zurück gekehrt war, beruhigte sich Irina. Genauer, sie versuchte sich zu beruhigen. Das erste was sie tat, sie veranstaltete ein Sonntagsessen mit den Nachbarn. Dann brachte sie Katjuscha zum Schlittschuhlaufen. Die Tochter wollte jedoch zur Gymnastik, dann zum Tanz. Andrej brachte sie dazu in den Fechtklub „Viktoria“. Nur er brachte die Tochter zum Fechten. Doch in dem Studio des Tanzes blieb die Tochter mehrere Jahre.

Sie kaufte teure Haarfarbe und färbte bereits am ersten Samstag Katherinas Haare, die eine lange Romanze und eine große Liebe vor ihrer Rente durchlebt hatte. Sie lud Elena ein, bei ihr zu wohnen und diese nahm die Einlandung mit Vergnügen an. Sie verabredeten sich für den Juli. Dazu Noch Valja…Irikna ging auf den Flohmarkt, kaufte einige Meter Angorrawolle und brachte diese der Nachbarin, Wächterin. Nun das war es auch.

Der erste Teil der Selbstmedikation war zu ende. Was weiter? Irina wusste es nicht, doch es wurde leichter. Nun wartete sie auf die Entscheidung Elenas ganz nach Nowosibirsk umzusiedeln

Die letzten anderthalb Jahre trafen sich Irina und Sergej drei Mal, und alle drei Treffen hatten einen schweren Nachklang. Im Gedächtnis blieben weder Zärtlichkeit noch Liebe, sondern unverständliche Worte und Taten. Irina wollte es unbedingt klären, sicher gehen, dass sie vielleicht falsch gehört hatte oder es falsch verstanden hatte. Endlich gewann der Verstand die Oberhand. Einfach nur leben, ohne große Pläne und Wünsche, ohne Emotionen, die nach draußen drängen, ohne Leid, Tränen, Wünsche.

Es schien, als habe sich Irina ganz beruhigt. Nun beobachtete sie die Liebesetappen Katherinas. Dort war alles so zärtlich und sentimental, dass es sogar ein Lächeln hervorrief.

„Ihr seid wie zwei Tauben“, lachte Irina. „Wo bleibt die Leidenschaft?“

„Gott bewahre. Welche Leidenschaft? Und der Blutdruck? Ein Schlag auf den Kopf, uns weiter? Ein Schlaganfall? Nein, in unserem Alter soll alles nicht so leidenschaftlich sein, sogar die Gefühle.“

Elena brachte ihren Mann auf die Große Erde, und endlich, al sie ihn gehen ließ, begab sich sich zur Tochter nach Nowosibirsk.

***

Valja, die Wächterin hatte die Angewohnheit, Zettel an die Wand zu kleben, die die Bewohner über das Klingelleuten in ihrer Abwesenheit, benachrichtigten. So fand auch Irina, als sie abends nach hause zurück kehrte, von den zwei Tagen Aufenthalt bei Katherina, ein Blatt aus einem Schulheft mit der Aufschrift: „Sergej aus Leningrad hat angerufen. Er wird sich wieder melden.“

Und wozu? Warum? Wozu das alles?

Sie konnte sich deswegen die ganze Woche nicht auf die Arbeit konzentrieren. Sie wollte sich in eine Ecke verkriechen und nachdenken. Am Ende der Woche klopfte Valentina Petrovna an ihre Tür:

„Telefon für dich. Aus einer anderen Stadt.“

Sie ging zum Telefon, dachte das Herz springe ihr aus der Brust.

„Irochka, hier ist Sergej.“

„Guten Tag, Serjezha.“

„Ich habe lange nachgedacht…Möchte vorbeikommen. Darf ich?“

Einige Sekunden Zögern. Wozu? Irina antwortete:

„Gut, komm vorbei. Nur kann ich dich nicht abholen…“

„Ich schaffe es selber. Nenne mir nur deine Adresse. Und noch was…bestelle einen Tisch im Restaurant, bitte.“

Sie legte den Hörer auf und blieb stehen.

„Und nun? Wird dich jemand besuchen?“ Valja, die Wächterin war ganz außer sich.

„Ja, ein alter Freund.“

„Aha, weiß Malehov Bescheid?“

„…egal.“

Am nächsten Tag, in der Mittagspause, reservierte sie einen Tisch für zwei im Restaurant des Hotels Nowosibirsk. Am Abend des selben Tages fand sie auf der Tür der Wohnung ein Telegramm: „Ich fliege los…werde bald da sein.“

Wird ihm diesmal wieder das Bein weh tun? Soll ich Eis vorbereiten?“

Nach drei Wochen erhielt Irina einen Anruf auf der Arbeit:

„Hör zu, Irina.“ Valja stöhnte in den Hörer. „Hier ist ein Gast für dich. Soll ich ihn herein lassen?“

„Ja, danke, Valentina Petrovna.“

Bis zum Ende des Arbeitstages bleiben zwei Stunden, und die Arbeit will nicht gelingen. Erinnerungen kehrten zurück, Gefühle, Emotionen. Als ob man bei Null anfangen würde.

Sie rief Katherina an und bat sie, Katjuscha zu sich zu holen.

„Ich berichte später.“ Sie wollte nichts besprechen, das sie selbst noch nichts verstand.

Das Restaurant des Hotels Nowosibirsk hatte in der letzten Zeit einen besonders guten Ruf. Die neuen Huren hielten sich an der Bar auf und boten ihre Dienste an, klebten sich an die männlichen Besucher.

„Oh Gott, ihr seid so viele. Woher nur, seid doch noch so jung?“

Irina war zufrieden damit, dass Sergej diesmal anständig gekleidet war. Ein akkurates Kostüm, eine schöne Lederjacke, teure Mütze, neue Schuhe von ausländischer Herstellung.

Sie betraten händchenhaltend das Restaurant und ließen die Umgebung wissen, dass sie ein Paar sind. Im Restaurant hing ein massiver Kronleuchter und eine Bühne für Musikanten war auch vorhanden. Man brachte ihnen Champagner und Früchte. Die Musik erklang. Wieder Jo Dassen. Welch ein Zufall.

„Serjezha, das ist unsere Musik. Lass uns tanzen?“

„Ich bleibe sitzen. Du weißt doch…mein Bein…“

Irina sah wieder dasselbe Bild vor sich: Sergej schüttet den teuren Kognak in sich. Sie beschloss, nicht zu tanzen und blieb an ihrem Platz sitzen.

„Sergej, du trinkst wieder…“, sie schaffte es nicht, zu ende zu reden. Da kam eine junge Frau im Minirock und bat um eine Zigarette. Er gab ihr die Schachte und sie lächelten einander zu.

„Wollen wir tanzen?“, fragte sie, ohne dabei Irina anzublicken.

Sergej stand auf und ließ sich auf den Vorschlag ein.

Irina grübelte, sollte sie gehen? Er ist doch zu Gast bei mir. Ist zu mir gekommen, um sich zu besaufen und zu tanzen? Sie beschloss,das Schauspiel zu beobachten. Es folgte nichts Gutes. Sergej setzte sich, goss sich Kognak ein, für Irina Champagner, und nahm die Einladungen der Frauen an. Er tanzte mit ihnen allen. Irina saß da, immer noch mit der Frage beschäftigt, warum er überhaupt gekommen sei.

Er hat es geschafft, sich von Huren zu umgeben. Sie kreisten um ihn, schüttelten ihre glänzenden Körper und ihre geschminkten Gesichter zur Musik. Peinlich, wie peinlich.

An dem Tisch gegenüber saßen zwei Männer. Irina hatte schon längst bemerkt, dass sie in ihre Richtung schauen. Sie hatten sogar das Gespräch unterbrochen. Wobei man anfangs bemerkte, dass sie wohl ein geschäftliches Treffen hatten.

Irinas Gesicht war von roten Flecken bedeckt, in den Augen glänzten Tränen, sie zerbiss sich ihre Lippen. Dann bat sie den Kellner um die Rechnung und zerbrach sich den Kopf, wie sie ein Taxi rufen könnte und so schnell wie möglich nach hause kommen.

Da kam einer der Beobachter zu ihr und fragte leise und schnell:

„Kann ich Ihnen helfen…?“ Er wandte den Blick auf Sergej, der zwischen den Frauen tanzte und schlug vor: sollen wir den Ehemann nach hause fahren?“

„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.“ Sie schnappte sich ihre Tasche, nahm Sergejs Hand und zerrte ihn zum Ausgang.

„Wohin?“, wunderte sich dieser. „Wohin? Na und? Nur weil es Prostituierte sind. Das ist mein Element.“

Zu dritt stopften sie die angetrunkene Figur in den Zhiguli und fuhren zur Shljuzevaja. Sie brachten ihn in die zweite Etage und legten ihn auf das Sofa.

„Vielen dank Ihnen.“ Irina atmete aus.

„Wenden Sie sich an uns wenn irgendetwas ist…“, schmunzelten die freundlichen Herren. „Geben Sie uns für alle Fälle Ihre Handynummer.“

Nun, sie musste ihnen die Nummer geben, sich freundlich verabschieden und sie leise hinaus führen.

Gott sei dank, schlafen alle. Was ist wenn Valja nicht schläft…Egal.“

Irina machte das Bett und legte sich hin. Sie konnte weder schlafen noch weinen. Warum ist er denn gekommen? Bei der Dämmerung schlief sie ein.

„Irina, schläfst du nicht?“

Sie wachte auf und stützte sich auf ihrem Ellenbogen ab. Sergej saß halb ausgezogen auf dem Sofa. Früher Morgen, noch dunkel. Beginnt wieder der Mist?

„Du ärgerst dich…Wobei ich mich ärgern sollte.“

Irina riss die Augen auf.

„Ich bin böse auf dich.“ Die Stimme war absolut nüchtern. „Du, du…du warst eine Göttin für mich. Ich dachte immerzu an dich…Ira, Irochka…stellte mir vor…Du warst die aller…aller Schönste…Du hättest auf mich warten sollen. Und du gabst dich einem anderen hin, wie die gewöhnlichste Ljuba…Ljuba ist sogar besser als du. Sie ist ehrlich.“

Weiter hörte Irina nicht zu. Sie kroch mit dem Kopf unter die Decke und schlief fest ein.

Sie schlief lange und träumte allerlei Träume. Blumige und laute. Im Traum erklang die Musik, eine sehr vertraute. Nun, im Schlaf, schien diese so traurig und ausweglos zu sein. Irina weinte zur Musik…Sie wachte davon auf, dass jemand sie an der Schulter berührte.

„Höre zu, Irka. Dein Gast ist weg gegangen. Er trank Wasser, direkt aus dem Wasserhahn und ging.“ Valja blickte in ihr Gesicht.

„Einen guten Weg wünsche ich.“

„Er war sehr traurig, hätte fast geweint…“

„Gott sei mit ihm.“ Irina streckte sich und lachte. „Ich muss aufstehen und meine Tochter abholen.

Am Abend, nach dem Baden und mit dem Handtuch auf dem Kopf, bei dem Zubereiten der Pelmeni, erzählte sie Katherina alles, was geschehen ist. Diese hörte ihr aufmerksam zu, dachte nach und sagte:

„Natürlich ist es mit Ljuba einfacher. Man muss seine Seele nicht quälen…Einen Menschen zu lieben, ist nicht einfach…Nun denn. Gott sei mit ihm. Wir werden weiter leben. Stimmt es, Mädels?“ Sie gab der kleinen Katja einen Bussi auf die Schläfe.

Irina dachte nach. Katherina hatte recht. Doch es ist so einsam in der Seele. Es schien, als würde die Musik von damals wieder erklingen. Die Musik, die die Trauer über die nicht erfüllten Wünsche, die schönen Ideale, ein feierliches Leben herausforderte.

Und dennoch war die Hoffnung noch vor ihnen. Es war das Jahr einundneunzig.

Nina Trox „Palmsonntag“

Im Himmel öffnete sich ein Abgrund. Die Stadt wurde von einem Tränensturm bedeckt. Der Schirm hielt es nicht aus, ich war fast ganz durchnässt. Was tun? Bis zum Treffen mit der Freundin blieb noch eine Stunde und ich beschloss in die Kirche zu gehen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es nicht gerade mag, unsere Kirche zu besuchen. Unsere, nenne ich sie deshalb, weil ich mich für orthodox halte. Ich halte mich dafür, doch weiß ich nicht, ob ich es bin.

Ich verstehe vieles nicht von der Kirche und kann vieles von ihr nicht annehmen. Schöne Aufschriften auf den Wänden, die über das Leben und das Leiden von Heiligen erzählen, grenzen an böse, trübe Gesichter von alten Frauen, die nichts tun außer die Besucher mit ihren Warnungen zu nerven.

Die Höhe und Harmonie der Architektur steht im krassen Gegensatz zu den dicken, langbärtigen Popen. Sogar während des Großen Fastens sind die Gesichter der Diener Gottes so, als ob sie gerade den Tisch verlassen hätten, der mit gar nicht so geschmackloser Fastennahrung gedeckt war.

Ich habe nie das Wort „Gottesfurcht“ verstanden. Warum sollen wir vor demjenigen Angst haben, der uns das Leben geschenkt hat? Er nahm den Weg der Wiedergutmachung für unsere Sünden und wir danken ihm mit Furcht. Das ist jedenfalls nicht logisch. Und dieses anstrengende Stehen innerhalb mehrer Stunden während des Gottesdienstes. Die alten Frauen stehen, Kranke stehen, ja selbst wenn die Gesunden stehen, sind die Gedanken nicht mit dem Gebet beschäftigt, sondern mit den Schmerzen in den Beinen und im Rücken.

Und dann denkt man nicht mehr an die Wiedergutmachung der Sünden, sondern daran, wann das alles endlich ein Ende hat. Und außerdem, was macht es Gott aus, ob ich Hose oder Rock trage, ob mein Kopf bedeckt ist oder nicht. Ich erschien zum Gottesdienst, und das zählt.

Im Gegensatz zu der Orthodoxen Kirche, gefallen mir katholische Kathedralen. Kein Menschenandrang. Lange Reihen von Bänken. Hier kann man sich hinsetzen, in Gedanken verweilen, Gott ehren, ruhig beten und sich selbst zuhören und seiner Seele. Geheimnisse der Beichte in einem extra dafür vorgesehenen Raum preisgeben. Und nicht so wie, wenn hinter dir eine lange Schlange steht und sich deine Sünden anhört, die du so leise wie möglich, dem Popen ins Ohr flüstern willst. Un er nickt, runzelt die Stirn und antwortet: „Bete, Kindchen!“ Hat er dir zugehört? Die hinter dir Stehenden haben es sicher gehört, sonst würden sie nicht so verdächtig lächeln und dich von Kopf bis Fuß anblicken. Das ist nicht die Befreiung von Sünden, sondern Unhöflichkeit und Erniedrigung.

Wozu soll man dann kommen, wenn man Ruhe und Frieden braucht?

Ich verstehe nicht das Küssen von Ikonen und Händen, das Umkreisen des Altars, das alles erinnert an Heidentum. Und das ist ein depremierendes Gefühl von Trübsinn und Trauer. Keine erhöhte, erleichternde Gnadengabe, sondern eine beklemmende Nervosität.

Kämmen Sie sich!“ Neben mir stand eine kleine alte Frau, ganz in Schwarz, mit nervös blickenden Augen.

Entschuldigen Sie, was?“, fragte ich.

Kämmen Sie sich!“, wiederholte sie und erhob ihre Stimme.

Nein, danke. Ich will nicht“, antwortete ich und drehte mich in Richtung des Altars, wo ein Pope mit dem Kränzchen das heilige Wasser auf die Besucher versprühte.

Plötzlich fühlte ich einen Schmerz etwas über dem Ellenbogen. Die Alte drang mit ihren zähen, dünnen Fingern in meinen Arm und begann mich in Richtung Altar zu ziehen.

Du musst dich kämmen.“

Ich muss gar nichts. Lassen Sie mich in Ruhe“, ich riss meinen Arm von ihr weg und ging zur Seite.

Ich fing mit einem Seitenbick den bösen Blick der nervigen Alten. Diese stand noch eine Weile so da, murmelte etwas und näherte sich der Ikone des Heiligen um die gelöschten Kerzen aufzusammeln.

Ich blickte auf die Uhr, es blieb noch eine halbe Stunde. Das Donnern hörte man sogar durch den Gesang des Kirchenchors. Jemand sang falsch den hohen Sopran, das störte beim Hören.

Als ich auf die brennenden Kerzen schaute, erinnerte ich mich daran, wie wir den Vater beerdigten. Man zündete ständig meine Kerze an, die Hände zitterten, und sie erlosch wieder. Ich erinnere mich schwach daran, was damals geschah. Ich erinnere mich nur an das Flackern der Flamme und an die Tränen, überall Tränen und dunkle Figuren.

Das ist nicht so traurig wie sie denken“, vor mir stand ein nicht hoher Mann von ca. vierzig Jahren. Ein dunkelblauer Mantel ohne Knöpfe reichte ihm bis zu den Knöcheln. Unter dem Mantel ein helles Hemd mit rosa Streifen, dunkle Hose und sehr saubere, schwarze Schuhe. Er drehte sich und stellte sich rechts vor mich.

Palmsonntag ist ein Fest zu Ehren Gottes bei seinem Erscheinen in Jerusalem.“ Seine leise, schmeichlerische Stimme beruhigte mich. „Christus wurde bei dem Stadttor von Tausenden von Menschen empfangen, die seinen Weg mit Palmblättern auslegten. In Russland tauschte man die Palmblätter durch Weidenzweige aus. Die Weiden waren immer das Zeichen des ersten Frühlingserwachens nach dem Winter.

An diesem Tag darf man das Fasten etwas abschwächen, man darf Fisch, Kaviar essen und Wein trinken. Danach kommt die Karwoche. Zu dieser Zeit fasten die Glaubenden wieder und bereiten sich auf das wichtigste, orthodoxe Fest vor – Ostern“, er zog die Worte und der gelernte Monolog ähnelte einem Lied.

Erst als er zu sprechen begann, bemerkte ich, dass viele Menschen in ihren Händen Weidenzweige hielten. Und der Pope segnete sie feierlich mit dem Kreuz.

Ich drehte mich zu dem Unbekannten.

Sind Sie ein freischaffender Konsultant für Kirchenfeste?“, bemerkte ich zynisch.

Nein. Ich habe alles selbst gesehen.“

Was gesehen?“, verstand ich nicht.

Wie Jesus Jerusalem betrat“, antwortete er gelassen.

Ich schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an und dachte: „Angekommen.“

Ca. zehn Sekunden blickte er auf mich, ohne seinen Blick abzuwenden und sagte: „Ich habe einen Witz gemacht!

Sie fühlen sich hier unwohl? Ungewohnt? Ich hatte auch mal solche Gefühle. Ich ging nie zur Kirche. Ich konnte das schwankende Räuchergefäß nicht ausstehen. Mir wurde übel vom Weihrauchgeruch.“

Warum sind Sie dann jetzt hier?“, fragte ich neugierig.

„Ich sagte, doch, mal. Jetzt ist alles anders. Jetzt ist das alles nicht für mich.“

Ich wollte fragen, was sich jetzt verändert hat, doch jemand berührte meine Hand. Ich drehte mich um. Ein kleines Mädchen von ca. fünf Jahren zog mich am Ringfinger, auf dem ein Ring steckte, den sie abnehmen wollte.

„Was machst du da, Kleine?“, fragte ich lächelnd.

Das Kind blickte mich mit seinen blauen Augen an, blinzelte, ließ meinen Finger los und lief zu dem Haufen der jungen Frauen, die neben der Ikone der Gottesmutter standen.

„Ja, also warum haben Sie jetzt…“, ich sprach nicht zu Ende. Neben mir war niemand.

Der Fremde war verschwunden. Ich versuchte ihn mit meinem Blick zwischen den Leuten zu finden, doch ich fand ihn nicht. Wie spät ist es? Ich schaute auf die Uhr. Gerade genug Zeit, um das Cafe zu erreichen. Als ich bei der Tür war, bemerkte ich einen dunkelblauen Mantel oder schien es mir nur so. Ich ging auf die Vortreppe, machte den Schirm auf und ging auf dem nassen Asphalt mit dem Gefühl von Unverständnis und Fremdheit.

* * *

Meine Freundin und ich saßen draußen unter einer roten Markise, wodurch alle Gegenstände und Kleidung eine rote Schattierung bekamen. Irischka quatschte ohne Unterbrechung darüber, dass Paschka, ihr Mann, sich in letzter Zeit seltsam verhält. Er verschwindet ständig irgendwohin. Und gestern ließ er sie wissen, dass er sehr müde war und vor dieser Stadt fliehen will, vor ihren Autos und Menschen. Dass es noch zu früh ist, um Kinder zu bekommen. Noch ist mit der Karriere nicht alles in Ordnung, und die Wohnung ist zu klein. Und die Preise, monströs. Ich hörte ihr zu mit dem Gefühl einer hängenden CD. Die Melodie war dermaßen zerfressen, doch wegen einem unbekannten Grund musste ich ihr dennoch zuhören.

Es hörte nicht auf zu regnen. Die Markise beugte sich unter dem schweren Wasser. Und die Kellner gingen mit Schrubbern umher, die sie in die Luft hoben und das Wasser von einer Einsenkung in die andere schoben. Und dann, wenn sie den Rand erreichten, strömte der Wasserfall auf den Bürgersteig.

Tauben, die frech waren und nicht nass werden wollten, spazierten zwischen den Tischen und sammelten Essensreste auf.

Ich versuchte mich an das Gesicht des Fremden zu erinnern, doch es klappte nicht. So etwas geschieht oft, wenn du abrupt aufwachst, und im Gedächtnis nur ein Bild übrig bleibt, verschwommen und neblig, obwohl du das Gefühl hattest, den Menschen sehr genau betrachtet zu haben.

„Marischa, Marischa!“, ich wachte auf von der Starre. „Marischa, was ist mit dir? Ich erzähle und erzähle. Und sie, als hätte man sie vom Kreuze geholt, schaut auf einen Punkt und schweigt.“

„Ja, heute in der Kirche“, Irina ließ mich nicht ausreden.

„Übrigens apropo Kirche. Nataschka Petruhinas Jegorushka wird nächsten Samstag getauft. Was ein Name. Sie lud mich zur Taufe ein. Kommst du auch? Ihr Angebeteter will ein Fest veranstalten. Wohin sonst mit dm Geld?“ Ich hörte ihr zu und nickte als Antwort, doch meine Gedanken schienen sich wie in einer Flüssigkeit aufzulösen. Eine Vielzahl von unklaren Bilder wechselte sich ab mit der monotonen Stimme des Fremden, und ich stellte mir vor, wie die Flammen von Tausenden von Kerzen zu einer Flamme werden und sich in die Höhe, in die Kuppel des Klosters bewegen. Für ein paar Sekunden war ich nicht einmal imstande zuzuhören. Doch der Kellner brachte Tee, stellte die Tasse mit dem Unterteller so ab, dass das klirrende Geschirr mich erzittern ließ.

Irina fuhr mit dem Reden fort. Ich blickte auf die Uhr und nicht ohne Freude verkündete ich der Freundin, dass ich in die Redaktion müsse. Sie zog eine unzufriedene Grimasse und sagte, wir hätten kaum gesprochen und ich sollte noch viel erzählen. Ich sagte, dass wir es beim nächsten Mal nachholen, wir küssten uns zum Abschied und jeder ging zu seinen Angelegenheiten.

***

Die Routine und die Arbeit fingen mich ein. Die alltägliche Hetze, Interviews, Artikel, Präsentaionen – journalistische Routine. Mein armer „König Arthur“ sieht mich gar nicht mehr zuhause. Und er wird nicht müde zu fragen: „Wann verlässt du deine Arbeit?“ Ich antworte, dass ich sie nie verlasse und gehe in die Küche um das späte Abendessen vorzubereiten.

In den letzten Monaten bin ich allem und jedem irgendwie kühl gegenüber geworden. Vielleicht weil es draußen kälter wurde und die Gefühle einfroren. Wie eine Maschine gehe, sitze, schreibe, schlafe ich. Alles läuft nach einem Automatismus, weder Farben, noch Freuden.

Arthur bekam eine Gehaltserhöhung und deutet ganz vorsichtig an, dass er sich ein neues Auto kaufen möchte. Ich mache den Anschein, als ob ich nicht wüsste worum es geht.

Bereits seit zwei Wochen schreibe ich an dem Artikel „Darüber, was danach kommt.“ Der Redakteur hat meine ganze Seele herausgeschleudert, und ich habe Stupor. Ich habe doch das Material und die Gedanken, doch es webt sich, es schreibt sich nicht. Irischka hatte versprochen die Tagebücher irgendeines Künstlers zu bringen, der fast gestorben wäre. Sie murmelte etwas am Telefon, so nach dem Motto ihre Bekannte fand die Tagebücher des Bruders, dass das Geschriebene umwerfend sei und ich es unbedingt lesen müsste. Ich vernahm ihre Rede ohne Enthusiasmus, doch fügte hinzu, dass ich es mir gerne anschaue.

* * *

„25. September.

Der Tag gleicht einer Spirale des Trübsinns.

Ich wurde wieder von Albträumen geplagt. Welcher Mist in meinen Träumen? Im Umkreis Menschen, eine Vielzahl von Fremden, rosa-rot, mit dem Grinsen auf den Gesichtern.

Man sagt mir, ich sei ein Glückspilz, weil ich so etwas überlebt habe. Und ich brauche Kraft, um meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen und versuche zu vergessen, dass ich lebe.“

„27. September

Anuschka brachte mir Apfelsinen – orangefarbene Freude. Ich saß im Sessel, eingemummelt in einen alten, verwaschenen Pulover. Grisea, einem Kolibri gleich, klein und flink, war in der Küche. Wie ich dich liebe, Schwesterchen! Nach dem Krankenhaus wurde ich sehr sentimental. Ja, es finden Veränderungen statt. Wollte sie malen, doch die Hände zittern. Ich lege die Masken ab. Ich will eine Apfelsine essen.“

„30. September

Vasin hat angerufen, lud mich zu seiner Ausstellung ein. Vor dem Krankenhaus teilte ich mein Leben in ein Vor und ein Danach. Meine Ganzheit zerfiel in zwei Teile, und nun spüre ich das Davor stärker, doch ich spüre nicht die Gegenwart. Ja, früher…Hätte ich mit einem zynischen Lächeln begonnen, und hätte diesen Künstler adoptiert, doch nun tut es mir einfach leid. Weil er nicht seine Begrenztheit versteht, als ob er talentiert sei. Wie einfach und frei wir die Lüge als Wahrheit annhemen. Indem wir das Aroma einer nicht existierenden Blume einatmen. Ich lehnte ab, einverstanden mit der Gesundheit. Es hat was, weich zu lügen und dafür Mitgefühl zu bekommen.“

„5. Oktober

Ich könnte heulen! Die Lisirovka hat nicht geklappt. Die Untermalung schwamm wie Tropfen auf dem Glas. Ich verstehe nicht, fühle nicht…Leere und Vakuum im Inneren. Ich habe mal so stolz gesprochen, dass der Pinsel die Erweiterung meiner Hand sei. Amputation. Mein Armstumpf heult und schmerzt, unbeweglich.

Ich habe zwei Päckchen geraucht und nur den Sternen ist das egal. Sie sind weit und kalt, und gleichgültig.

Gestern kam Semen. Brachte ein paar Skizzen. Realtiv gut. Ich wollte sie etwas korrigieren, doch hatte Angst, dass die Hand nicht auf mich hört. Ich spürte meine Niederträchtigkeit und Verlorenheit. Semen, wie immer schwerfällig und langsam, begann mich monoton danach zu bitten, dass ich ihm meine bekannte „lebende“ Linie zeige. Ich explodierte, schrie ihn an und vertrieb ihn

Ich habe Angst“…

* * *

Mich hatte die Grippe erwischt. „König Arthur“ kaufte mir Arzneien, Zitronen und befahl mir, zu liegen, was ich auch tue. Irischka kam vorbei und brachte mir die Tagebücher Vlad Petrovskijs, eines talentierten Künstlers, der we es oft vorkam, zu früh von uns gegangen ist und nur wenig geschafft hat. In meinen Händen hielt ich zwei Hefte von achtundvierzig Seiten, die beschrieben waren mit einer tanzenden Schrift. Zwischendurch waren Bilder mit einem Bleistift gezeichnet und auf jeder Seite eine unveränderte, kleine Fontäne. Diese hätte egal wo stehen können, in der Mitte, groß, mit vielen Strahlen, klein, in der rechten Ecke oder ganz unbemerkbar, nach dem Punkt. Da stand sie auch.

„7. Oktober

Ich ähnele immer mehr der alten Kommode der Großmutter. In ihrem gemütlichen, kleinen Haus war sie für mich , der ich ein frecher Lausebub war, wie ein Moster . Ich ging nicht in das Zimmer der Großeltern, hatte Angst. Ich lief im Haus umher, zerrte das braune Hündchen mit dem einen Auge hinter mir her und schrie: „Temja!“ So sprach ich den Namen des Großvaters Timofej aus. Die Großmutter nahm mich in die Arme und brachte mich in den Garten, wo der Großvater stolz eine Landschaft zeichnete. Er drehte sich um, mit einem Lächeln und sang Vla-dju-shok.

Später, als Jugendlicher, schaute ich auf die Kommode als sei sie verzerrt, verkrüppelt und habe kein Recht zu existieren. Die Gebrechlichkeit, Fremdheit, wie etwas erschreckend nicht in die Umgebung passendes, reizte mich.

Ich zerkhackte die Kommode nach ihrem Tod. Ich schlug mit der Axt auf die Griffe, auf die leeren Schubladen, auf die Bretter der Vergangenheit. Ich schlug, schluckte Trauer, Tränen und Angst. Ich schlug…

Nun gehe ich rauchen.“

„11. Oktober

Heute scheint die Sonne. Ich wache von dem Gold auf, das mein Zimmer erfüllte. Ich machte die Augen auf und schaute lange auf die Staubkörner, die langsam in den Sonnenstrahlen flogen. Irgendetwas gar Geheimnissvolles und gleichzeitg Einfaches hat dieser chaotische Tanz.

Zum ersten Mal nach meinem Krankenhausaufenthalt begann ich mich zu erinnern, was ich hinter den Grenzen, die das Leben abschirmen, fühlte. Zuerst spürte ich schrecklichen Schmerz, der mich mit Unerträglichkeit quälte, der mich zwang wegzulaufen, zu schreien, irgendetwas zu tun, damit er aufhört. Er ging rasch vorbei.

Die verwaschenen, weißen Silhouetten, das Geräusch der Stimmen und irgend ein Geklirr, das an das Geklirr einer leeren Tasse, mit einem Löffel auf einem Tisch im Zug, erinnerte. Damals dachte ich noch, dass ich Tee in Zügen nicht ausstehen kann.

Danach Abgrund und Dunkelheit. Der Körper fühlte sich leicht und frei, doch hier die Dunkelheit…Sie sog mich auf mit ihrer Blindheit und Leere, und zur selben Zeit mit Dichte und Sättigung. Ich hatte keine Angst. Und ich spürte weder Kälte noch Wärme. Nach kurzer Zeit begann die schwarze Dichte sich aufzulösen und hell zu werden. Und der Raum um mich herum nahm zuerst ein graues, dann ein türkisfarbenes, dann ein hellblaues Licht an. Diese Lichtvariationen verzauberten mich. Gedankenlose Wirbel riesiger, nebelähnlicher Wolken. Die Schatten des Lichtes schwommen aus einer Lichtessenz in die andere. Das alles ging sehr langsam vor sich, fließend und ziehend. Ich spürte Frieden und eine unbeschreibliche Leichtigkeit. So als ob die Erdanziehungskraft aufgehört hätte, zu existieren und ich frei war zwischen diesem ganzen Feuerwerk des Lichtes. Da hörte ich plötzlich eine Stimme. So als ob sie aus mir heraus kam oder um mich herum war, leise und ruhig. Sie sagte nur zwei Worte: „Noch ist es zu früh.“ Und darauf hin begann sich alles zu verändern. Die Farbwolken begannen sich schnell zu drehen und zu zerfallen. Nun füllten sich die Schatten mit Licht und ihre Giftigkeit tat in den Augen weh. Es wurde kalt, der Körper fühlte sich schwer an. Der Raum schien mal zu wachsen mal zusammenzuschrumpfen. Ich begann irgend einen Raum zu betreten. Vor den Augen, wie Filmaufnahmen, die sich abwechseln, schwammen die Episoden meines Lebens. Ich wollte schreien, doch konnte ich es nicht. Der Körper war wie zusammengedrückt. Ich spürte den sauren Geschmack von Angst auf der Zunge. Der wilde, alles fressende Schrecken wurde zu mir selbst. Dann fiel ich, so schien es mir, auf etwas Hartes, doch ich spürte keinen Aufprall. Nun hörte ich auf zu fallen. Und schon wieder Dunkelheit…

Ich wachte von einer Berührung auf. Die Krankenschwester setzte den Tropf.“

„15. Oktober

Ich sortierte den Kram im Abstellraum. Viel Unnützes, doch auch viel Erinnerung werden in den Abstellräumen aufbewahrt.

Der Staub der Vergangenheit. Ein alter Pinsel mit einem abgenagten Griff. Das war mein Hund Fimka. Ein Haufen Zeichnungen, Skizzen. Ich betrachtete diese wie ein allwissender Greis. Mal war eine Linie ohne Ausdruck, mal der Plan falsch. Wo ist das alles?

Die Fliege ist mein Triumph! Vor zwei Jahren trug ich ein seriöses Kostüm mit Fliege, ich lächelte vor Verlegenheit. Die Ausstellung war in der besten Galerie der Stadt! Kameras, Fotoapprate, Interviews. Ich war auf dem Olymp. Alleine! „Talentiert, jung, schön!“

Und dann war alles! Als man mir sagte, die Ausstellung sei ausverkauft, verstand ich es am Anfang nicht. „Alle Bilder verkauft“, eine Phrase für einen Genie! Euphorie …

Dann begann das Leben der Einladungen, Abende, und wichtiger Treffen! Glanz, Schönheit – Falschheit, Langeweile und Schöntuerei…

Mir wurde übel…“

„15. Oktober

Ich fand ihren Brief. Sie liebte es, mir zu schreiben. Sie liebte.

Nein, ich fange nicht mit den Gedichten Zvetajevas an, weil ich will, dass du wegen mir krank bist! Ich gebe mich hin, genieße und zittere auf vor dem Wunsch. Ich möchte, dass du wahnsinnig wirst vor Angst. Ich möchte, dass du jede Sekunde an mich denkst, dass ich in jedem Augenblick bei dir bin. Ich möchte herrschen…und mich unterwerfen…

Du sagst: „Deiner“…

Ich antworte: „Ja, meiner“…

Ich mag deine Unterwerfung, deine Zärtlichkeit gefällt mit. Wenn du die Augen schließt und stöhnst im Takt unserer Angst. Wenn du fragst, wann..

Du gehörst nur mir! Ich werde dich einlullen, dich umarmen, begeistern, im Tanz unseres Irrsins führen. Lava gleich, gleich schnell fließendem Wasser, werde ich, mein Geliebter, in dich fließen. Nur erlaube es mir…“

Oder Angst?

Ich erinnere mich an ihre Augen. Sie atmete nicht als sie mich mit der „Rothaarigen“ sah. Ihr gläserner Blick haftete auf uns. Das war nicht sie, sonder eine blasse, Angst einflößende Absurdität. Anekdoten können oft schrecklich sein. Sekunden in den Jahren des Bittens…

Die „Rothaarige“ traf ich im Park und machte ihr den Vorschlag, sie zu malen. Es stellte sich bald heraus, dass es nicht nur zu einem Portrait kommen wird…

Sie atmete nicht. Und ich, ganz frech: „Geselle dich zu uns!“

Ich werde sie morgen anrufen.“

* * *

Mir war kalt. Entweder, weil ich Fieber hatte, weil es mich fröstelte, oder wegen des Gefühls von Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit, welche die von mir gelesenen Zeilen füllte.

Ich goss mir etwas Tee ein, tropfte den Saft einer Zitrone in die Tasse und fügte zwei Löffel Himbeermarmelade hinzu. Ich war in einen Schal eingemummelt und machte kleine Schlucke des Getränkes. Ich stand am Fenster und beobachtete die fallenden Schneeflocken. Wir, diesen Schneeflocken ähnelnd, drehen uns und fliegen irgendwohin. Und es gibt so viele von uns und alle sind dieselben. Und nur einzelne Teilchen des Lebens kann man näher betrachten. Wenn sich eines von Millionen auf deine Handfläche setzt. Und du blickst es an, untersuchst das Muster, die Samtigkeit und die Unwirklichkeit der Verwebungen. Und dann taut ihre Unwiederholbarkeit und verwandelt sich in die Träne des Mitgefühls.

Ich fragte mich, ob ich ein Recht darauf hatte, diese Tagebücher zu lesen. Soll jemand Fremdes erfahren, worüber du mit dir selbst sprichst? Oder hofft und wünscht sich jeder Schreibende, dass man ihn versteht, auch wenn es erst danach kommt?

Ich schreibe keine Tagebücher. Ich assoziere sie mit dem Tod. Wege, die zum Ende führen. Ja, die Gedanken verschwinden, man muss sie aufschreiben, doch nicht für die Ewigkeit.

„20. Oktober

Ein teuflischer Regen. Bereits der dritte Tag von Trommelklopfen und Feuchtigkeit. Habe mich überall geschnitten. Das Gesicht brennt. Ich begann die Schwere der Minuten zu spüren. Früher wünschte ich mir Stille und Ruhe. Nun habe ich es, doch ist es so schlimm. Die durchsichtige Wand kann weder zerschlagen noch zerstört werden. Es bleibt nur noch sich an das Glas anzulehnen, zu schauen und neidisch zu sein.

Das schrieb ich gestern. Warum auch immer, die hellblauen Töne gefallen mir nicht. Nun wird nichts mehr mir gehören. Anja sagte, so habe ich bisher nie geschrieben. Sie hat recht, doch habe ich auch nicht so gelebt…

Sie freut sich, dass ich arbeite.“

„27. Oktober

Der Pinsel tanzt in der Hand, welch ein Genuss. Eine Woche ohne Urlaub. Ich habe es bereits vergessen, wie man etwas genießt und man gleichzeitig voller Erleichterung und Frieden ist. Ich spüre, dass ich müde geworden bin. Der Rücken schmerzt, doch wie cool – ich bin ein Schöpfer!“

„5. November

Heute habe ich Semen angerufen und ihn auf ein Glas Wein eingeladen. Er liebt georgischen Wein. Ich habe drei Läden besucht, um den richtigen zu finden. Überall Schlamm und Dreck, doch ich war immerhin froh, dass ich diesen unnützen Batzen habe.“

„10 November

Ich habe das Gefühl, dass ich umsonst arbeite. Male, male! Weder das Herz noch die Hände sind zufrieden. Die Pinsel krümmen sich zusammen, zerfallen. Teuflisch…

Gestern brachte Anna Milchmädchen. Keine schlechte Farbe, wenn man es mit roter Farbe vermischt. Habe die halbe Dose verbraucht, den Rest aufegegessen. Bei solch einem Tempo werde ich bald mit Sperma schreiben.

Mies.“

„12 November

Ich irrte heute durch die Stadt. Alte Gassen, rissige Häuser. Es atmet sich einfacher auf den Straßen, die von der Zeit vergessen wurden. Das chruschtschowsche Tauwetter in Vieretagenhäusern bringt mich in die sorglose Kindheit zurück. Wo schien die vierte Etage die Krone der Welt zu sein, der Großvater Abraham, wurde zum allwissenden Orakel, die Großmutter Zara, seine Frau, zu einer freundlichen Alten aus einem Märchen, die dich wärmt und dir zu Essen gibt, und dich in den Schlaf lullt. Sie waren unsere Nachbarn, gegenüber, in einer Einzimmerwohnung. Alt, jedoch immer gerade und munter. Ein gebildetes, intelligentes, jüdisches Pärchen. Sie hatten keine Kinder. Und mein Freund Mischka und ich, stürmten ab und zu in ihr kleines Zimmerchen mit der Erwartung eines Wunders. Und sie hatten uns nie enttäuscht. Tee, Bonbons und natürlich Kazinaki. Ich erinnere mich immer noch an ihren Geschmack und das Knacken im Mund, das Gefühl einer kleinen Explosion auf den Zähnen. Bei ihnen roch es nach Brot, Buttermilch und irgend einer Essenz – solch ein süßes Zitronenaroma. Der Großvater Abraham erzählte uns alte, jüdische Märchen, die Großmutter streichelte unseren Kopf und flüsterte: „So war es. So war es.“

Gut.“

„15. November

Semen kam mit einem neuen Bild und Wein. Ich war froh, ihn zu sehen. Habe seit drei Tagen mit niemandem gesprochen. Er trug einen langen, schwarzen Pullover und schwarze Jeans. Als ich ihn anblickte, dachte ich mir, er sei auf dem Weg zum Dienst. Von seinem Bass wären die Besucher sicher begeistert. So was ähnliches war… Mein altes Bild, ich habe es nicht beendet. Man muss ihn dort malen als Pope…Ja.

Wir haben gut Zeit miteinander verbracht. Die abendliche Landschaft lag ihm. Meisterhaft, sehr ruhig und voller Leben hat er sie gemalt. Eine weite Steppe, in der Weite ein einsamer Ross vor dem Sonnenuntergang. Der Himmel wird von Strahlen unterbrochen, und vorne ein kleiner dunkkelgrüner Zweig.

Ich lobte ihn.

Wir saßen lange so da. Stritten über die heutige Mode und die Avantgarde. Er wollte mir beweisen, dass diese Kunst, die Welt aus einer anderen Ecke zu betrachten, die Illusion….Dummheit sei. Nun, wir kamen nicht auf einen Nenner.

Rauchen.“

* * *

Die Grippe war fast verschwunden. Das Fieber war gefallen, die Nase begann wieder Gerüche aufzunehmen. Die Stimme klang noch wie bei einem nicht nüchtern werdenden Trunkenbold, doch der Hals schmerzte nicht mehr.

Arthur kam verägert von der Arbeit zurück und sagte, es seien Hundstage, man müsse den doppelten Tarif zahlen. Ich sagte, wir wären ja sonst alle Millionäre. Er lächelte, küsste mich auf die Wange und ging in die Küche, um seine Soldaten zu schnitzen.

Manch einer flucht und versucht damit den Stress zu bewältigen, mach einer zerbricht das Geschirr, meditiert oder hört Musik. Mein Ehemann zieht die Schürze an und wird zum Skulptor. Er schnitzt aus Holzstücken Figuren einer längst vergangenen Epoche. So leise und monoton zhik-zhik. Er vergisst sich dabei selbst. Es entesteht etwas Neues aus der Ungeduld und dem Durcheinander. Die Vergangenheit aus der vergessen geratenen Gegenwart.

„21. November

Ich bin wahnsinnig geworden. Ich legte mich erst um kurz nach vier schlafen und schlief sofort ein. Nach einer Sekunde, Wasser. Ich sprang auf und verstand nicht, was geschieht. So etwas habe ich noch nie geträumt. Auf den Wänden Wasser, auf der Decke wachsende Pfützen – der Regen auf dem Kopf. Ich stieg mit nassen Pantoffeln nach oben zu den Nachbarn. Ich klopfte ca. fünf Minuten. O, da sind wir! Ein zerrissenes Unterhemd, eine Unterhose und eine einwöchige Alkoholfahne. Vitek bemerkte nicht einmal, dass er bis zu den Knöcheln im Wasser steht.

„Wir sind angekommen, Vitek!“, schrie ich in sein verträumtes, verschlafenes Gesicht.

„Wer?“, fragte er, ohne zu verstehen.

Ich schubste ihn und lief in die Küche, wo das Wasser aus dem Waschbecken lief, das voll war mit schmutzigem Geschirr. Ich drehte den Wasserhan zu und nahm einen Teil des Geschirrs heraus, damit das Wasser wieder entweichen konnte und rief zu Vitek: „Hol Lumpen!“

Bis um neun Uhr trockneten wir seine Höhle. Dann ging ich zu mir, um dasselbe zu machen.

Mist.“

  1. November
  2. Die Wohnung ähnelt einem Monster. Die Zungen von abgeblätterten Tapeten hängen hier und dort. Als ob sie sich bereit machen dafür, um jeden beliebigen, der sich ihnen nähert, zu verschlucken. Überall Flecken, das Parkett ist ebenfalls beschädigt worden. Der Nachbar versprach, alles zu regeln, wenn er ausgenüchtert ist. Doch ich habe das Gefühl, dass er wieder trinkt. Die Wohnung sieht nun ganz anders aus. Seltsam, mir scheint sie sogar vertrauter. Chaos und Teilnahmslosigkeit für das Ideal, gefallen mir. So etwas gefällt mir.“

„25. November

Mein ganzer Körper zittert. Ich rauche eine nach der anderen.

War im Park spazieren. Habe Lena getroffen – die Liebhaberin von Briefen. Blühend und lächelnd. Sie ging mit ihrem Kleinen, mit dem Kinderwagen spazieren. Und ich, wie ein schuldiger Knabe, versteckte mich hinter dem Baum, damit sie mich nicht bemerkt. Das Kind hat ihre Augen, blau-grau und ein kleines Muttermal auf dem Kinn.

Ein solch drolliges Kind. Ich sah, wie sie die Alleen entlang spaziert und irgendetwas zu dem Kleinen sagt, sie lächelt, wenn es ihr antwortet. Sie ist glücklich und zufrieden in ihrer Mutterrolle. Wäre nicht die Erinnerung an die Vergangenheit, würde ich mich in diese schöne Frau verlieben. Doch für die Liebe ist es schon zu spät.

Die Dummheit kommt immer zuerst!“

„27. November

Es fiel der erste Schnee. Es wurde kalt und windig. Ich sollte den Pullover raus holen – meinen schweigenden Freund der Wärme und Gemütlichkeit.

Ich träumte, dass ich fliege. Frei und ohne Gedanken. Über der Stadt, über die gestreiften Straßen, über der gerade erst bearbeiteten Erde, über der verbrannten Steppe, über den Kronen von Pappeln, über schneeweiße Berge.

Ich wachse“

„30. November

Endlich habe ich sie gefunden. Ja, tatsächlich, unvollendet. Bei Annuschka zuhause, auf dem Speicher. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wo sie denn nun sei. Nun bin ich froh, als hätte ich einen Schatz gefunden. Kaum zu glauben, dass ich sie vor zehn Jahren zu malen begann. Alles ist so gut gemalt, bis auf das Gesicht der Frau. Da blieb nur der weiße Fleck. Ich sah -…“

* * *

Die letzte Seite des Tagebuches fehlte. Ich wunderte mich. Ich hasse Ungewissheit. Wenn ich einen Film schaue (oder ein Buch lese) und dieser ein offenes Ende hat. Das macht mich zornig.

So hat es sich der Regisseur gedacht! Ein Depp, dieser Regisseur. Man quält sich dann mit Vermutungen. Eine nicht zu ende gebrachte „Gestalt.“ Auch hier brachen die Zeilen ab und das ist ein mieses Gefühl von Ungewissheit…

Ich rief Irischka an. Erreichte sie nicht. Zuhause brauche ich sie gar nicht zu erreichen versuchen, so früh ist sie nie zuhause.

Ich beschloss zu warten. Ich entschied es nicht so, sondern musste es. Nach zwei Stunden schwieg ihr Handy immer noch. Wozu braucht der Mensch ein Mobilfunknetz, wenn er nicht erreichbar ist? Ich begann mir schon Sorgen zu machen. Nicht, dass was passiert ist.

Irischa meldete sich selbst.

„Marischka, ich habe mir solche Stiefel gekauft.“

„Warum ist dein Handy aus?“, sagte ich streng in einem mütterlichen Ton.

„Akku leer. Habe vergessen, es aufzuladen. Das sind so schwarze Stiefelchen!“, fuhr sie fort.

„Hast du nicht auf das Handy geachtet?“, sagte ich fast schreiend und genervt.

„Was sagst du da?“, flüsterte die Freundin verständnislos.

„Ich begann mir schon Sorgen um dich zu machen.“ Ich senkte die Stimme und antwortete etwas weicher. „Vielleicht kommst du heute bei mir vorbei? Arthur ist auf Dienstreise und du kannst mir deine Stiefel zeigen.“

Der Enthusiasmus im begeisterten Quietschen der Freundin versprach eine schlaflose Nacht.

Nach einer Stunde war die Freundin bei mir. Sie brachte nicht nur Stiefel, sondern auch Parfum, Jäckchen, Kosmetik und ein Haufen Krimskrams. So saßen wir bis in die tiefste Nacht zusammen. Nach einer Flasche Martini und der Einkaufseuphorie kam die Rede auf die Tagebücher. Ich sagte ihr, dass die Zeilen unterbrochen werden. Und Irischka, bereits gelangweilt und gähnend, machte den Vorschlag, am nächsten Tag die Schwester des Künstlers zu besuchen. Sie auszufragen. Ich fragte, ob sich das gehört? Daraufhin bemerkte Irina, dass Annuschka ein wundervoller Mensch sei und sich immer über Gäste freue. Sie würde sie morgen anrufen und ein Treffen vereinbaren. Ich war glücklich. Mein Versuch mit den Klamotten war nicht umsonst. Morgen kann man die „Gestalt“ vollenden.

***

Eine sympathische, junge Frau mit blonden Locken und grünen Augen öffnete uns die Tür. Während Irischka mich vorstellte, beobachtete mich diese aufmerksam. Ich begann mir Sorgen zu machen. Vielleicht war die Wimperntusche verwischt oder ich habe einen Fleck auf der Nase. Doch just als Irina ihre Rede beendet hat, lächelte Anna und sagte, dass sie schon lange auf uns warte und froh sei, dass wir sie besuchen.

Wir betraten das Wohnzimmer mit einem Kamin und tauchten ein in ein schneeweißes Sofa.

„Ich mache Tee“, sagte Anja und verließ uns kurz.

Irischkas Handy klingelte und sie begann sich über etwas auszulassen. Ich blickte mich derzeit im Zimmer um. Groß, hell, nichts überflüssiges. Die Herrin des Hauses liebt Gemütlichkeit, doch stopft sie das Haus nicht mit irgendeinem Krimskrams voll. Einige Familienfotos auf dem Kamin, Bilder auf den Wänden, meistens Landschaften. Doch da war auch das Portrait eines jungen Mannes, sein Gesicht kam mir bekannt vor. Er saß da und blickte nach oben, die rechte Hand berührte ein Ohr.

„Gefällt es dir?“, fragte sie mich hinter meinem Rücken.

Ich erzitterte, denn sie hatte sich mir sehr leise angenähert. „Ja, ein interessantes Portrait.“

„Das ist ein Selbstportrait. Vlad malte es, als er zwanzig Jahre alt war.“

„Ich bin kein Spezialist, doch es ist sehr schön gemalt“, bemerkte ich.

Sie blickte mich genau so aufmerksam an wie bei unserer Begegnung.

Ich fragte: „Stimmt etwas nicht?“

„Nein, nein. Alles in Ordnung. Verzeihen Sie mir den aufdringlichen Blick. Ich habe einfach schon so viel über Sie gehört“, antwortete Anna, sich selbst rechtfertigend.

„Ich ahne von wem“, sagte ich mit einem Lächeln.

Anna lächelte auch und begab sich in die Küche, um den Tee zu holen. Sie verschwand hinter der Tür.

Irina schaltete fluchend das Handy aus und kam zu mir.

„Ein fröhliches Portrait. Das ist wahrscheinlich ihr Bruder? Ein sympathischer Mann war er“, sie machte einen Bussi mit den Lippen.

Anna lud uns zum Tee trinken ein. Sie war still, hatte ein liebsames Lächeln und etwas traurige, verständnisvolle Augen. Sie erzählte von ihrer Familie, von ihrem Bruder.

Ihre Eltern lernten sich in der Ukraine kennen. Da wurden Vlad und Anna geboren. Die Arbeit des Vaters verlangte häufige Umzüge, so fanden sie sich hier wieder. Die Mutter unterrichtete Mathematik in den höheren Klassen. Sie arbeitete bis zu ihrer Rente in der Schule. Sie starben schnell. Zuerst der Vater, dann, nach einem halben Jahr die Mutter. Sie konnten nicht ohne einander. Vlad verkraftete das mit Mühe. Er konnte nicht mehr arbeiten, trank. Dann beherrschte er sich wieder und machte eine Ausstellung. Alle Arbeiten wurden verkauft. Dann fuhr er oft ins Ausland. Er liebte Kasinaki und den Cocker Spaniel Fimka.

Ich sagte, dass in den Tagebüchern einige Seiten fehlten. Die Texte werden unterbrochen, wisse sie etwas darüber?

„Kommen Sie“, sagte Anna leise und nahm meine Hand. „Irochka, entschuldigen Sie, ich muss Marina etwas zeigen.“

Irina, vor Neugierde und Enttäuschung überwältigt, versteckte dies und bemerkte, es ginge ihr gut.

Anna und ich stiegen in die zweite Etage, dann höher auf die Mansarde.

In einem leeren, staubigen Zimmer stand eine Staffelei mit einem Bild, das von einem Stoff bedeckt war. In der Nähe stand eine Schublade, auf der Farben zerstreut lagen, ein Stuhl und einige Bilder ohne Rahmen, die an einem der Pfosten lehnten.

Anna blieb neben der Staffelei stehen.

„In seinen letzten Tagen hat er hier gearbeitet. Bis zur Ermüdung. Als ob er Angst hatte, etwas nicht zu schaffen“, ihre Stimme zitterte. „Er sagte, er würde bald das Bild vollenden, er brauche nicht mehr viel dazu.“ Sie begann zu weinen.

Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich tun sollte. Anna näherte sich dem Bild und fuhr fort: „Er sagte, er habe Sie gesehen. Endlich gesehen.“ Nachdem diese Worte ausgesprochen waren, riss sie den Stoff von der Staffelei.

Ich sah den Rücken in einem dunklbauen Mantel, der Mann wandte sich an irgend eine Frau. Es schien, als würde er mit ihr reden…Die Frau ohne Kopfbedeckung…Jung…Das kann nicht sein…kann nicht sein…Die Augen, Haare und Kleidung…Ich schaute und schaute und wollte es nicht vor mir zugeben. Sogar die Augen schmerzten von dieser Aufdringlichkeit. Die Betäubung beherrschte meinen ganzen Körper. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Das war unmöglich, doch das war ich. Das war ich auf dem Bild. Und weitere verschwommene Figuren mit Weidenzweigen in den Händen.

Mir wurde schlecht. Ich rang nach Luft, ich begann zu hüsteln. Nun erinnerte ich mich an diesen Unbekannten in der Kirche und verstand, warum das Gesicht auf dem Portrait im Wohzimmer mir so vertraut vorkam.

„Kannten Sie ihn?“, die Stimme Annas half mir, wieder zu mir zu kommen.

„Nein. Nein. Ich traf ihn im Frühling in der Kirche. Dort.“ Ich zeigte auf das Bild. „Ich stand und er näherte sich mir. Erzählte mir…mir…über den Palmsonntag.“

„Das kann nicht sein. Er starb letztes Jahr, vor Neujahr.“

„Ich habe ihn doch gesehen. Alles war wie auf dem Bild.“, sagte ich mit einer unterdrückten Stimme.

„Er wusste, dass sie kämen. Wusste es…Er ist hier gestorben. Herz. Er sagte, Sie würden das Bild abholen.“

Ich wäre beinahe umgefallen und hielt mich an einem Holzgeländer fest.

„Was ist los mit Ihnen?“ Anna stütze mich.

Ich dachte die ganze Zeit daran, wie das möglich sei. Ich konnte nichts verstehen.

Bereits später, als wir was tranken, erzählte mir Anna, welcher Schock das für sie war, mich auf den Fotografien bei Irina auf dem Geburtstag zu erblicken.

Ich war damals in einer anderen Stadt und konnte nicht kommen. Irina liebt es, jedem ihre Fotos zu zeigen. Anna dachte zuerst, sie habe sich geirrt. Doch als sie genau hin schaute, verstand sie, dass ich die Frau auf den Fotos war. Deswegen gab sie ihr die Tagebücher des Bruders. Sie dachte, dass uns etwas verbindet.

* * *

Diese Nacht hatte ich einen Traum. Ich steige eine Treppe hoch auf die Mansarde. Ich öffne die Tür und sehe Vlad. Er steht mit dem Rücken zu mir, schaut auf das Bild. Ich sehe sein Gesicht nicht, doch ich weiß, dass er lächelt. Ich gehe zu ihm, höre das Klopfen der Absätze auf dem Boden. Ich bewege mich, doch nähere ich mich ihm nicht, sondern entferne mich mit jedem Schritt weiter. Ich bekomme Angst und werde unruhig. Endlich dreht er sich um. Sein Gesicht ist ruhig und hell, als ob er unter leuchtenden Sonnenstrahlen stünde. Vlad lächelt und schließt die Augen, und ich mache es ihm nach.

Bereits am Morgen öffnete ich die Augen, als die Sonnenhasen durch die Vorhänge sprangen.

Nina Trox: „Der alte Mann“

Dieser seltsame Alte tauchte im Park vor ca. drei Monaten auf. Sein blasser Mantel hatte früher mal die Farbe von Milchkaffee, nun hat er einen Gelbton von altem Papyrus mit hellbraunen Linien an manchen Stellen. Der alte Mann hat ihn nie zugeknöpft und ließ die Vorbeigehenden auf seinen dunkelblauen Blazer blicken, mit vor Alter speckigen Rändern, das schneeweiße Hemd, dessen Knöpfe alle zugeknöpft waren und die schwarze, mit Streifen gebügelte Hose.

Seine braunen, abgetretenen Schuhe erinnerten an zusammengeschrumpfte Birnen in dem welken Gras des Herbstgartens. Der dunkle, abgetragene Hut war etwas zu groß und hing bis zu den Ohren, deswegen musste er diesen öfter heben. Doch das reizte den Alten nicht. Im Gegenteil, er hob den Hut mit Vergnügen und grüßte damit die Vorbeigehenden und Kinder, die lächelten als sie ihn erblickten. Er lächelte zurück, stellte die Füße nacheinander auf, ging weiter die Allee entlang, etwas gebeugt und den Kopf zur Seite geneigt.

Es war zu sehen, dass sein Alter ihn anstrengt, die Bewegungen des welken Körpers nur mit Mühe verursacht. Warum auch immer, doch man stellte sich vor, dass er in seiner Jugend gerade und schön war, wie ein braver Offizier mit einem selbstsicheren Gang. Nun hat die gnadenlose Zeit ihn ausgetrocknet.

Die Alle war zu Ende. Er verließ den Park und ging, den Trottoir entlang, vorbei an den Häusern, bis zur kleinen Kreuzung. Er wartete auf die grüne Ampel, ging auf die andere Seite der Straße und betrat durch den kleinen Hof das Treppenhaus eines Fünfetagenhauses. Die schwachen Beine stiegen nur mit Mühe die endlosen Treppen in die dritte Etage. Die Tür, der Schlüssel wird umgedreht. Der alte Mann, ging, ohne sich auszuziehen, durch den Flur in das Zimmer. Durch die halb geöffnte Tür sah er sie.

Sie saß wie gewohnt am Fenster. Ihr graues Haar, zusammengebunden zu einem Dutt, schimmerte im Licht der untergehenden Sonne wie Kupfer, und einige Strähnen leuchteten wie Feuer in dem Licht, das durch das Fenster fiel.

Ihr bescheidenes Kostüm bestand aus ihrem geliebten, cremefarbenen Tuch mit blass-rosa Blüten, das auf ihren Schultern lag, einem weißen Kleid mit blauen Punkten, hellbraunen Strümpfen und blauen Hausschuhen.

Er näherte sich leise, setzte sich auf den Stuhl neben ihr und nahm den Hut ab. Dann nahm er ihre Hände, die auf den Knien lagen, in seine und küsste sie. Sie erzitterte vor Überraschung, und dann, lächelnd, schmiegte sie sich an seine grauen Haare. Weiter lächelnd, neckte sie den Alten dafür, dass er sich wieder leise angeschlichen hat, und begann zu erzählen , was an dem Tag geschah.

Die Tochter rief an und erkundigte sich nach ihrer Gesundheit. Die Nachbarin Farida bot ihr Baursaki an und Marmelade aus wilder Erdbeere. Serjezhenka bekam die Rolle in irgend einem Film und der Leiter der Kunstschule hat ihn nur mit Bedauern zu den Aufnahmen geschickt. Das Wetter ist ungewohnt warm für Mitte Oktober. In den nächsten Tagen wird sie den Pullover zuende stricken. Und der Kopf dreht sich wieder, die Tabletten helfen nicht. Und noch vieles andere, was wichtig und bedeutend ist.

Der alte Mann hörte aufmerksam zu, nickte, manchmal fügte er einige Worte hinzu, dann erzählte er wortkarg über seine Neuigkeiten.

Es dämmerte und die Alten saßen immer noch da und sprachen. Schon leuchtete der erste Stern am Nachthimmel und die Scheibe des Mondes zeigte ihre Ecke, als sie begannen sich zu verabschieden.

Der Alte stand auf und blieb einige Sekunden stehen, als ob er sicher gehen wollte, dass die Beine sein Gewicht tragen können. Er nahm den Hut von der Fensterbank und blickte, die Augen etwas zusammengekniffen, auf seine traurig gewordene Gesprächspartnerin. Dann streichelte er sie zärtlich auf den Kopf, küsste sie auf die Krone, richtete ihr Tuch, das leicht von den Schultern fiel und sagte, sie solle brav sein, ihre Tabletten trinken, gut essen und auf Sergej hören.

Sie gab ihm das Versprechen, es zu tun und bat ihn, öfter zu kommen. Sie atmete tief aus und bedeckte den Mund mit einer Ecke des Tuches. Der Alte küsste sie nocheinmal und begab sich zur Tür. Sie blickte ihm nach, die Tränen zurückhaltend.

Er ging durch den Flur, machte die Eingangstür auf, machte ein paar Schritte auf der Stelle, machte die Tür zu, drehte sich um und ging nach links, den Flur entlang zum Badezimmer. Er schloss vorsichtig die quietschende Tür hinter sich, nahm unter der Badewanne schnell eine große Tasche hervor, nahm aus dieser Sachen heraus und begann sich auszuziehen. In Unterhose ging er zum Spiegel. Aus dem Spiegel blickte ihn ein grauhaariger, alter Mann an, mit tiefen Falten, einer großen Nase, einem schütteren Bart und müden Augen. Er bedeckte seine Schläfen mit den Händen und erinnrte sich an das heutige Gespräch mit Ljuda.

„Wie lange möchtest du das noch machen?“, sagte sie und stellte die Gläser auf den Tisch.

„So lange es nötig ist. Ich kann nicht anders. Wenn ich mich daran erinnere, wie sie tagelang so da saß und vor und zurück schaukelte, sein Hemd in ihren Händen…das ist unerträglich…ich kann nicht anders.“

Er machte die Augen auf, atmete aus, begann Augenbrauen und Bart abzukleben, die Perrücke abzulegen, die massive Silikonnase. Mit einer Servierte begann er von dem Gesicht die Schminke abzulegen.

„Das ist doch alles Lüge. Glaubst du, sie versteht das nicht?“ Ljuda brachte mit scharfen Bewegungen die Grundlage auf sein Gesicht und schattierte damit den Hals.

„Ich weiß nicht, wie ihr Bewusstsein funktioniert und was darin geschieht. Doch eines weiß ich – es geht ihr besser und sie lebt“, antwortete er, demütig alle Manipulationen seines Gesichtes ablegend.

„Du hast bereits zwei gute Vorschläge abgelehnt. Du wirst deine Karriere ruinieren“, konte sich Ljuda nicht beruhigen.

Er schwieg. Ljuda blickte auf die Fotografie, die auf dem Tisch lag, legte die Schattierungen auf, mit Hilfe von Farben verursachte sie den Effekt eines alten Geischtes, dann malte sie mit Farben mimische Falten, damit die Haut natürlicher aussah. Er saß da und schaute in den Spiegel des Schminkraumes, bereits das wie vielte Mal spürend, dass er sich in diesen Falten auflöst und sich in Ihn verwandelt.

Er nahm also die Schminke ab, wusch sich, zog sich die Jeans an, das Hemd, eine leichte Jacke, und Turnschuhe. Dann legte er die ausgezogene Kleidung akkurat in die Tasche. Er verließ leise das Badezimmer, ging zur Eingangstür, machte sie auf und schloss sie wieder. Dann zog er die Schuhe aus, stellte die Tasche daneben, hing die Jacke auf und ging in das Zimmer.

Er näherte sich leise der Alten, die gerade im Licht einer Lampe las, und küsste sie auf die Wange.

„Oj, Serjezhenka!“, zitterte diese. „Wie der Großvater schleichst du dich heimlich an!“

„Ja?“, fragte er gespielt.

„Mischenka war heute da, erzählte, dass Murzik schon wieder ein Würstchen vom Tisch stibizte.“

„Ich bin froh, dass er da war…“

„Und noch…“, und sie begann ihm von dem Tag zu berichten.

Sergej stand da, lehnte sich an die Fentserbank und hörte seiner geliebten Großmutter zu. Für einen Moment dachte er nach und erinnerte sich an die letzte Phrase Ljudas, als er den Schminkraum verließ.

„Denkst du nicht, dass es unmenschlich ist, sie zu belügen?“

Sergej schwieg einige Sekunden und antwortete dann.

„Nein. Ich will einfach, dass Seine Liebe lebt.“

Mariya Deykute: „Gänse-Schwäne“ Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/20/children/mariya-deykute/rasskazy/198

Juljana-Jula, warum bist du hier her gekommen? Bist doch schon ein heiratsfähiges Mädel! Heult der Wind? Hast du Angst? Sei doch leise, wecke nicht den Großvater. Hier, halte dies. Passe gut drauf auf, das hat dein Urgroßvater gemacht, er war Meister im Tischlern. Es wird dich nicht im Stich lassen. Glaubst du mir nicht? Nun gut, gehe zur Großmutter, geh. Ein Geheule! Ein Schneesturm und das Schneegestöber heiraten im Himmel, und für uns bleiben Schneehaufen und Schneespitzen. Doch uns geht es gut! Du hast dich unter meine Decke verkrochen – mir ist ganz warm, und du findest Ruhe. Dein Mütterchen schläft, der Vater auch, die ganze Stadt träumt vom Frühling. Stelle dir nur vor, wie irgend ein obdachloses Wesen auf Umwege gerät. Das Schneetreiben umschlingt die Pfoten, von der Kälte zieht sich das Zahnfleisch zurück – nur die Sterne froren am Himmel an, als hätten die Engel gespuckt.

Was kicherst du, bist doch schon groß, kreise nicht um mich. Höre zu. Erinnerst du dich an Baba Jaga? Brav, gut, dass du dich erinnerst. Obwohl die Baba Jaga eine echte Hexe ist, so hat sie doch ein Haus, wie jedes andere Weib. Die Hütte auf Hühnerfüßen, Schädelchen auf dem Zaun, eine Banja und einen Ofen und ein Knäuel Wolle – ja, und die Gänse-Schwäne, natürlich. Doch habe ich es dir bisher nicht erzählt, dass die Gänse-Schwäne keine gewöhnlichen Vögel sind, sondern verzauberte Kinder, die niemand braucht. Wie, die niemand braucht? Oj, Juljanka…Die ohne Familie sind, die kein Glück hatten, eine Familie zu haben. Die Stiefmutter schickte Vaselisa in den Wald, auf Vanjusha hat das Schwesterchen nicht gut aufgepasst. Solcher Menschen hat sich die Baba Jaga angenommen – sie fliegen Jahrhunderte lang durch den Himmel, warten darauf, dass diese Welt wärmer und freundlicher wird. Deswegen hat die Baba Jaga mit dem Hergott selbst einen Vertrag darüber, dass einmal im Jahr, an dem kürzesten Tag, sie ihre Findlinge in die Welt der Menschen gehen lässt. Nur verwandelt sie diese nicht in Gänse und nicht in verlorene Kinder, sondern in einsame Ungeheuer, die niemand braucht – mal in ein Bären mit Flechte, mal in eine verwahrloste Elster. Wenn diese in jener Nacht in ein Haus zum Essen eingeladen werden und man ihnen ein Bett zum Schlafen gewährt, dann ist die Welt freundlicher geworden zu den wandernden Ungeheuern. Dann verwandelt sich das Tier bei Sonnenaufgang in ein Kind und dieses kann nun in Frieden leben.

Denkst du ich rede Unsinn? Höre weiter zu. Ich erinnere mich nicht genau an jenes Jahr, doch ich weiß, dass es ein schlimmes Jahr war. Ja und das Vieh – nur Haut und Knochen und hungrige Augen. Die Menschen im Land nagten am Hungertuch und standen nur dann auf, um den Gürtel enger zu binden. Und hier ein Dörfchen. Ein paar Häuser und in einem davon lebt ein Mann. Trübsinnig, ein Misanthrop. Er verscheuchte die Kinder, beleidigte die Weiber und besuchte nie Feste. Man machte Witze über ihn, er sei in einem Schlafrock zur Welt gekommen, den er verkehrt herum anhatte. Urteile selbst: er wollte heiraten – man nahm ihm sein Weib weg. Dachte, er fährt nun in die Stadt, da fiel er vom Pferd und brach sich ein Bein. So lebte er weiter in seiner Hütte, mit etwas Land und einem alten Pferd…

Er war ein Meister im Tischlern – zimmerte Geschirr, Möbel und witzige Figuren. Des nachts schlief er meistens nicht, irrte durch das Dorf und seine Seele gab ihm keine Ruhe. Mal, Juljanka, plagte sein Herz die nicht verschwendete Liebe. Es gibt nichts schlimmeres als wenn ein Mensch für die Liebe geschaffen ist, doch diese in sich verschließt und absperrt – und die Liebe drückt im Inneren, gährt vor sich hin wie ein Fass mit Gurken.

Schon wieder lächelst du. Du solltest schlafen, Schöne. Interessiert es dich? Hast du die Großmutter vermisst? Doch höre zu, höre zu. Und auch in jener Nacht irrte der Mann durch das Dorf. Er hatte Hunger und konnte nicht zur Ruhe kommen. Streifte so umher, war verärgert, ging in seinem Kopf die Lebenskrisen durch. Der Wind heulte nicht wie jetzt, es war eine stille Nacht, mondlos, kalt, sogar die Hunde schwiegen, zitterten in ihren Buden. Doch da, plötzlich! Zuerst schien ihm, dass ein Wind den Schnee aufwirbelte. Er schaute genauer hin – ein Wolfsjunges. Nicht älter als ein Jahr, ganz kränklich, nur Haut und Knochen, das Fell blass. Waren es Geschwüre auf seinem Körper, Eiterwunden auf dem Hals…Nur die Augen – schlau, oder? Klar. Der Mann blickte und blickte auf das Wolfsjunges, und ab nach hause. Die Zeiten sind doch hart für uns alle und hier ein wildes Tier noch dazu. Man schaut, vielleicht ist er nicht alleine, ist vielleicht das Rudel in der Nähe. Er ging und das Junges ihm nach. Er ging schneller – er lief. Und da kam Wind auf, heulte los. Doch dem Mann war nur nach Laufen zumute.

Findest du es seltsam, dass er vor einem Wolfsjungen Angst hatte? Das ist eine schlimme Sache, Juljanka, ein krankes Tier zu treffen, dazu noch neben den Behausungen von Menschen. Das bringt nur Leid, Schmerz und Schwäche – das wusste der Mann seit seiner Kindheit. Da lief er nun, obwohl die Beine schwach waren. Er erreichte die Hütte, sprang auf die Vortreppe, riegelte die Tür ab, lehnte sich an den Tisch – das dreht einem die Seele um. Und hinter dem Fenster mit Raureif – das Wolfsjunges. Es stellt sich auf die Hinterpfoten, möchte seinen Kopf in den kleinen Zaun stecken. Der Mann fand wieder zu sich, heizte den Ofen. Wenigstens etwas heißes Wasser trinken, dachte er. Und der Wolf war immer noch da. Seit einer halben Stunde. Seit einer Stunde. Und dem Mann wurde unheimlich, irgendwie traurig, bis zum Tod traurig. Er, den niemand braucht, sitzt wenigstens in der Wärme, und das Ungeheuer lungert am Zaun herum.

Wolf hin oder her, niemand braucht ihn. Er wird erfrieren und das wird das Gewissen des Mannes plagen. Soll sich der Wolf wenigstens wärmen, wenn er möchte. Nun vielleicht zerfleischt er ihn. Dann wird wenigstens jemand in dieser Nacht satt. Doch er hatte keine Angst vor dem Wolfsjungen. Seine Augen waren so klar.

Denkst du der Mann war irrsinnig? Ja, vielleicht, Juljanka. Hunger und Trübsinn stellen noch schlimmere Dinge an. Kurz oder lang, der Mann öffnete die Tür zur Hütte und dann das Tor im Zaun. Er sprach zum Wolf, dieser solle eintreten. Wärme dich auf. Ich habe nichts zu essen, nur einen trockenen Apfel und etwas heißes Wasser. Doch du bist wenigstens im Warmen. Er dachte, das Wolfsjunges würde weg laufen. Doch es blieb – es kroch zum Ofen. Der Mann bemerkte nun seine Flechten. Doch was soll’s? Er teilte den Apfel in zwei Stücke, gab dem Gast heißes Wasser zu trinken. Und das Wolfsjunges hält sich kaum auf den Beinen.

Dann atmete der Mann aus, legte eine alte Decke neben den Ofen und wies den Wolf zu seinem Platz – hier ist deine Schlafstätte. Und er selbst kurz vor dem Einschlummern. Was tun – er bekreuzigte sich und kletterte auf den Ofen. Schlaf, mache keinen Unsinn. Gott behüte uns. Und er schlief ein.

Morgens wachte er auf – Muttergottes! Neben dem Ofen schläft ein kleiner Junge, von neun oder zehn Jahren. Der Mann weckte ihn und der Junge berichtete ihn von der Baba Jaga und den Gänse-Schwänen, und von seinem Leben. Der Mann hörte, hörte, nickte. Erhitzte noch mehr Wasser uns sprach – wenn es so ist, dann bleibe bei mir. Ich habe keine Frau und nichts zu Essen, doch schaue, der Frühling kommt – alles ist besser als wie ein Vogel im himmel zu fliegen.

So lebten die beiden – der Mann war von seinem Leid befreit, als hätte ihn das Weihwasser erlöst. Er begann an den Abenden zu singen und dem Jungen sein Handwerk beizubrigen. Sie lebten glücklich – so wurde auch das Dorf vom Glück erfüllt. Zuerst langsam. Mal fand jemand in seinem Keller einen Sack voll Mehl – obwohl gestern noch nichts da gewesen war…Jemand schoss auf der Jagd ein Reh – groß und breit, solche gab es normalerweise nicht in diesen Breiten…So schaffte man es mit einfachen Wundern bis zum Frühling, und da kam auch die Ernte – wundervoll.

So war es, bis wichtige Leute kamen, um hier eine Stadt zu bauen. Hier leben wir nun, Juljanka, weben unsere Nester höher als jeder Vogel. Nun, was soll’s? Habe ich dich verwundert mit dem Märchen? Ach, du schläfst schon – schlafe, schlafe, hüte dein Geschenk. Höre nur wie der Wind heult.

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Oksana Anshukova: Saschas Morgen

Sascha mummelte sich in die Decke, rollte ihre Beine ein und nahm eine bequeme Pose an. Der Kopf versank in einem weichen Kissen. Schön, warm, gemütlich. Der Tannenbaum füllte bereits seit drei Wochen das Haus mit seinem Duft. Sascha schälte jeden Abend Mandarinen, vor allem, weil der Duft ihrer Schalen sie an das Fest erinnerte. Der Mann hatte die Nase voll von den Dingern und Polina hat seit ihrer Geburt keine einzige gegessen. So aß Sascha sie alleine.

Und wären es nur die Mandarinen…die Tochter aß außer Buchweizenbrei und Äpfeln gar nichts. Zu trinken wünschet sie sich nur Tee. Sie schaute mir nicht in die Augen, lächelte nicht. Zeigte auf nichts mit ihrem Finger. Damit hat alles begonnen. Sascha berührte mit ihrem Zeigefinger die Wunde auf der Handfläche: sie hat sich geschnitten, während sie das Geschenk für Polina, ein Puppengeschirr, in das Glanzpapier einwickelte. Der Wunde tat es nicht weh, jedoch Sascha. Die Tochter wird es sicher nicht bemerken, dass die lila Untertassen echtem Marmorgeschirr ähneln.

So sehr Sascha sich auch bemühte, Polina mochte nicht mit Puppen spielen. Sie riss ihnen die Wimpern ab und nahm den quietschenden Mechanismus heraus, der „Mama-Mama“ ruft.

Dieses Wort hörte Sascha nur von den Puppen…Doch sie bemühte sich. Sie kaufte die aller ungewöhnlichsten Spielsachen, muhte selbst wie eine Kuh, bellet wie ein Hund und heulte wie ein böser Wolf. Die Nachbarn bekamen Angst! Doch danke, dass sie lachten. Das Lachen in ihrem Haus hörte vor ein paar Jahren auf, als die Ärzte begannen Arzneien für die „Entwicklung“ zu verschreiben. Trinkt diese ein paar Monate, dann wird es besser werden. Ganz sicher.

Doch Polina wuchs schnell, und überhaupt war sie ein Mädchen von seltener Schönheit, wie sie die alten Nachbarinnen im Treppenhaus nannten, und die Putzfrauen im Krankenhaus. Nur gestern war sie ein quietschender Haufen, schon wieder waren die vor kurzem gekauften Kleider und Schuhe zu klein. Gestern, als die Tochter endlich eingeschlafen war, sammelte Sascha die fast nie getragenen Sachen ein, dazu auch den Haufen der Spielsachen und brachte sie heute in die Kirche in der Nachbarschaft. Denn die Spielsachen sind dazu da, dass man mit ihnen spielt.

Jeden Abend, vor dem Schlafen, dankte Sascha Gott für alles Gute und bat um Gnade. Und Erbarmen, damit, Polja endlich spricht. Oder wenigstens spielt. Dass sie aufhört, die Dinge zu werfen. Dass sie lächelt. Dass sie draußen nicht wegläuft und man mit ihr am Fluss spazieren kann. Es gab keine Antwort, doch Sascha betete…

So murmelte eben ihre gewöhnlichen Wünsche, bis sie eintauchte in die zärtliche Dunkelheit der Bettdecken, bis sie zum Zentrum der Erde flog.

Der Morgen wurde von einem lauten Lachen eingeläutet. Sascha sprang auf, machte die Augen auf, kniff diese von der Sonne zusammen.

„Wie heißt diese?“

„Lucie.“

„Und diese?“

„Katja“

„Und der Bär?“

„Der Bär – Mischka!“

„Mischka-Bischka!“, die Stimme des Mannes versank im Lachen.

Wer wacht hier so früh auf? Sascha kroch aus ihrem Kokon heraus, zog sich den Bademantel an, blickte ins Wohnzimmer. Unter dem Tannenbaum, umgeben von goldenem Glanzpapier, saßen ihr Ehemann und Polja. Sie leuchtete, trug ein türkisfarbenes Festkleid und eine Schleife in den Haaren. Wie hat er es geschafft, ihr die Schleife anzustecken. Die Tochter kann doch nicht ausstehen, wenn man Spängchen oder Haargummis auf ihrem Haar befestigt…Stopp. Diese heißere, unbekannte Stimme, gehört sie ihr?

„Bischka-Bischka!“, quietschte Polja.

„Wie das?“, flüsterte Sascha und setzte sich zu den beiden auf den Boden. Der Mann rollte die Augen, so nach dem Motto, er verstehe es selbst nicht.

„Mama, Mama!“, schrie die Tochter und ließ sich los von der Umarmung des Vaters. Sie umarmte Saschas Hals. Der Ehemann stand auf, schüttelte die Tannennadeln von der Hose:

„Ich bereite Frühstück vor.“

„Ich mache auch Frühstück!“, Polja begann sich mit ihrer neuen Küchengarnitur zu beschäftigen. Sascha streichelte ihre Haare, das Mädchen wehrte sich nicht, wie sonst immer.

„Polja, ich gehe Papa helfen…“

Sascha betrat den Flur. Da bog sich die Wand und die Bretter des Parketts drehten sich vor den Augen…Klatsch! Die Sprungfeder der Couch schubste Sascha mit einem Geräusch aus dem Bett in den nebligen Morgen. Dunkelheit, Decke, Fenster. Schneesturm. Sie drehte den Kopf – der Ehemann schlief.

Sie stand auf, wusch sich, bereitete Kaffee zu. Dann blickte sie ins Wohnzimmer, zu dem Tannenbaum und dem eingepackten Geschenk. Sie setzte sich auf den Boden und blickte auf die Heizung. „Gott, danke dir für alles. Doch warum lässt du es zu…warum. So.“

Aus dem Kinderzimmer hörte man ein Geräusch. Wahrscheinlich war Polja auf den Stuhl geklettert und hatte den Karton mit den Puzzles umgeworfen. Sascha sprang wie gewohnt auf, rannte in den Flur, betrat das Kinderzimmer. Polja saß auf einem Berg von kleinen Teilchen – Schweinchen, Häschen, Küken. Sascha setzte sich neben die Tochter, wollte sie streicheln, doch sie erinnerte sich und ließ es bleiben. Polja drehte sich zu ihr,

„A-a-a“, sagte sie zärtlich.

„A-a-a, meine Gute.“ Sascha lächelte.

„A-a-ama. A-ma.“ Polja berührte sie mit einem Finger und lächelte zur Antwort. „A-ma.“



Anna Svatenko: Ein Morgen aus dem Leben der Stadt

Die Stadt erwachte langsam. Sie liebte diese morgendlichen Stunden, wenn auf den Straßen keine Menschen und Autos sind. Mit einem herrschenden Blick bedeckte sie das ganze Ufer. Nichts gewöhnliches, nur einsame Angler.

Im Westen gingen die Feuer des Turmes an. Die Stadt hatte noch nicht entschieden, ob dieser ihr gefällt. Nun, er leuchtet schön. „Gut ausgedacht – das Lichtspiel! So klar. Genau das, was ich jetzt brauche“, dachte die Stadt. Mit jedem Tag fühlte sie immer mehr, dass sie sich der herbstlichen Schwermut unterwirft. „Es wäre toll, in den Winterschlaf zu fallen, wie ein Bär und bis zum Frühling zu verschwinden!“, dachte sie traurig. Doch das kann nicht passieren…

Wer wird dann den Engel bewachen auf der Festung, der Lausejunge wartete nur auf den passenden Moment, um seinen Dienst zu verlassen. Dazu muss man noch etwas mit dem Fluss und der Bucht anstellen. Letztes Jahr gab es gar kein Eis. Und die Kinder konnten deswegen keine Schlittschuhe fahren. Wo gibt es denn so etwas: Im Winter weder Schnee noch Eis! Denn die Stadt liebt es, die Kinder beim Schlittschuhlaufen zu beobachten. Man hat jedoch so viel zu tun momentan, da bleibt einem keine Zeit, sich der Schwermut hinzugeben.

Auf einmal spürte die Stadt eine trübe Sorge. Sie lief gedankenverloren mit dem Blick auf die Brücken des Ufers, auf die Straßen. Stopp. Was ist das?

Auf dem Geländer des neuen Südufers, genau gegenüber des Turmes, saß sie. „Es ist zu spät für Spaziergänge. Was macht sie hier so alleine, ist doch noch ein Kind, wahrscheinlich nicht älter als vierzehn“, dachte die Stadt.

„Warum bist du hier zu dieser Tageszeit so ganz allein?“, wiederholte eine junge Frau wie ein Echo die Gedanken der Stadt und näherte sich dem Geländer, wo ganz am Rand das Mädchen saß. Dieses blickte sich erschrocken um.

Vor ihr stand eine junge Frau. Ihr Gesicht hatte einen freundlichen Blick und strahlte Geborgenheit aus. Auf ihrer Schulter hing ein Malkasten. Doch sie kann sich nicht der Fremden anvertrauen, sei sie auch eine Künstlerin.

„Was geht es Sie an?“, fragte das Mädchen herausfordernd. Es sah so aus, als ob sie die Tapfere spielte.

„Du hast recht. Bloß ging ich so entlang des Ufers und das sah ich dich. Und da wollte ich wissen, was du hier so ganz alleine machst.“

„Ich bin von zuhause weggelaufen“, sagte das Mädchen kaum hörbar. Der Eifer war verschwunden und man sah einfach nur eine einsame Jugendliche, die sich so sehr an jemanden lehnen wollte.

„Ich verstehe. Mein Name ist Marina. Und deiner?“

„Sveta“, antwortete das Mädchen sehr leise.

„Darf ich mich zu dir setzen und du erzählst mir alles?“

Sie fanden eine Bank im Park neben dem Ufer. Marina stellte keine Fragen, sie wartete ruhig. Und das Mädchen begann zu erzählen.

„Wissen Sie, noch vor einem Monat lebte ich ein ganz anderes Leben, in Moskau. Bis man die Eltern wegen der Arbeit hier her versetzte. Dort blieben meine Freunde, eine gute Schule, Gitarrenunterricht und die Kunst. Und nun lebe ich in dieser doofen Stadt, wo es ständig regnet, ich habe keine Freunde, die Schule ist hier ganz anders. Die Klassenkameraden irgendwie blöd und die Lehrer nerven. Nach der Schule hatte ich vor, mich in ein Kunstcollege einzuschreiben. Ich hatte ein ganzes Leben, und nun…Nun habe ich es nicht mehr. Ich wartete so lange auf die Ferien, hoffte, nach Moskau zu fahren, doch die Eltern ließen mich nicht.

Sveta schwieg wieder und versuchte ihr Schluchzen zu unterbrechen. Marina umarmte ihre zitternden Schultern. Sie bemerkte, dass das Mädchen sich dringen aussprechen musste.

„Wissen Sie, was das aller traurigste ist? Die Eltern fragten mich nicht einmal, ob ich umziehen wollte! Sie stellten mich einfach vor die Tatsache. Warum halten sie mich für klein und fragen mich nicht, was ich denke? Ich hasse sie dafür!“, schrie Sveta. „Deswegen ging ich von zuhause weg. Ich dachte: ich gehe weg, und sie verstehen, dass es mir schlecht geht und wir kehren wieder zurück. Und dann erinnerte ich mich an Mamas Gesicht…Und ich wollte so sehr ihre Stimme hören! Ich nahm das Handy, um sie anzurufen und es fiel ins Wasser.“

Sveta weinte und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

„Sveta, es kommt vor, dass die Eltern sich manchmal irren. Weißt du was? Lass uns ihnen eine zweite Chance geben? Ich begleite dich nach hause und spreche mit ihnen. Ich werde ihnen alles erklären.“

Sveta nickte schluchzend. Marina schlug vor, bevor das Mädchen es sich anders überlegte:

„Und auf dem Weg erzähle ich dir etwas über unsere Stadt. Glaub mir, wenn du mehr darüber erfährst, wird sie dir nicht so unerträglich vorkommen. Ich komme oft hierher, um den Sonnenaufgang zu malen und wenn du magst, können wir nächstes Mal gemeinsam hier her gehen. Übrigens, ich unterrichte in einem Kunstlyzeum. Dieses ist ganz einzigartig, das Johanneslyzeum.“ Marina blickte lächelnd auf Sveta und sie begaben sich zum Ausgang.

In diesem Augenblick wurden auf dem Turm die Lichter angemacht. Schillernde Streifen Lichts änderten ihre Farbe und verschwanden in den Wolken, hinter welchen sich fast die Hälfte des Turmes versteckte. Sie umhüllten den Turm mit einem bunten Nebel. Sveta blickte sich um und bewunderte das Lichtspiel. „Schön! Wir müssen zurückkehren und ein Aquarell malen“, dachte sie.

Die Stadt atmete zufrieden aus. Wie gut, dass er Marina den Ort empfohlen hat, wo man einen schönen Blick auf den Sonnenaufgang hat. „Ein gutes Mädchen, so talentiert, sie wird meine Portraits mit Erfolg zeichnen“, dachte die Stadt. „Gut, dass man dieses Ufer ausgebaut hat. Und auch der Turm stört nicht.“ Die Stadt erblickte noch einmal das Südufer, lief mit dm Blick an der Neva vorüber und blinzelte dem Engel zu. Ein neuer Tag begann.

Alina Gatina: „Seele und Wüste“

Quelle zum russischen Text:

https://magazines.gorky.media/druzhba/2020/2/dusha-i-pustynya.html

„Seele und Wüste“

Erzählung

Wir waren zu fünft: unzertrennbar, Zafar, Vadik Krichevskij und ich.

Das ist nicht das Wichtigste, doch damit sollte man anfangen.

Ich weiß, dass all das sich Vadik Krichevksij ausgedacht hat, und Zafar war sein Freund. Unzertrennbar – ihre Freunde, und wir alle gemeinsam – Klassenkameraden.

Vadik rief mich im Mai an:

„Errate, was dem Künstler gut tut, und dem Manager schadet?“

„Der Tod ist auch ein Ausgang.“

„Ich höre die Stimme der Erkenntnis. Bist du dir sicher, dass Kunst eine Sackgasse ist?“

„Ja“, sagte ich.

„Und hast du dir deine eigene Jämmerlichkeit bewusst gemacht?“

„Habe ich.“

„Perfekt. Genauso brauchen wir dich, denn die Reise zu den Wurzeln benötigt völlige Nullstellung.“

„Vadik, ich arbeite. Ruf mich im August an.“

„Na, na, na. Bist ganz außer dir. Die anderen sagten, du habest gekündigt.“

„Sie lügen. Ich habe nirgendwo eine Einstellung gefunden.“

„Sehr brav. Sei du wenigstens nicht so wie alle. Habe nicht vor, dich an die Grafik zu verkaufen. Wehre dich.“

„Ich wehre mich. Doch um ehrlich zu sein, habe ich keine Zeit.“

Ich hatte einen vollen Wagen Zeit, doch nicht für Vadik.

„Gut, ich halte mich kurz. Hast du die anderen Wundervollen nicht vergessen?“

„Natürlich erinnere ich mich.“

„Dieses Jahr beschlossen sie, nicht zu hause zu feiern.“

„Und wo?“

„Beim See Iskanderkul‘ in Tadschikistan.“

„Wo ist das?“

Vadik schwieg. Dann fragte er:

„Ist mit dir wirklich alles gut?“

„Nein,, alles schlecht, doch was ändert es das?“

„Übrigens fahren wir alle gemeinsam dorthin. Ich, die Babichis, Zafar und du.“

„Ich fahre nirgendwohin.“

„Gut, wir haben dir jedoch ein Ticket bestellt.“

„Ich fahre nicht“, sagte ich wieder, doch im Hörer hörte ich nur noch ein Tuten.“

Vadik, ein Akademikersohn, Zafar ist ein Dipolmat, die anderen – unzertrennbaren, Mann und Frau. Ich…irgendwie ein Künstler. In jedem Fall denkt man so über mich. Anders kann ich mich nicht nennen. Wir sind alle zusammen – Flüchtlinge. Diesen Status haben wir seit der fünften Klasse.

Am nächsten Tag gehe ich ins Verlagshaus, um das Honorar abzuholen. Im Flur ist niemand. Kein Rauch, keine Menschen.

„Das Geld kommt nicht sofort“, meine Redakteurin hat ein ängstliches Gesicht. „Wir wurden verkauft“, flüstert sie. „Nicht rechtzeitig also?“

„Doch jemand muss euch doch gekauft haben.“, sage ich.

Ihr weiteres Schicksal macht mir keine große Sorgen. Die Bücher, die ich in den letzten zwei Jahren illustriert habe, gefallen mir nicht. Das ist Literatur für Kinder von fünf bis acht Jahren.

Sie bestätigen meistens die aller schlimmsten Layouts, von denen, die ich ihnen anbiete. Das sind schlecht gezeichnete Kids. Wesen mit faulen Zähnen. Wahrscheinlich müssen diese echte Kinder amüsieren. Wahrscheinlich amüsieren sie diese. Mich machen sie jedoch böse. Ich male sie zuletzt, fast mit geschlossenen Augen, damit die Mappe mit den Varianten etwas größer aussieht. Doch wenn ich diese zur Besprechung bringe, wählt man gerade diese aus.

Im Büro klingelt das Telefon ohne Pause. Ein weiteres in ihrer Tasche. Sie nimmt es raus, studiert die Namen auf dem Bildschirm und versteckt es wieder.

„Und das Wichtigste, was soll ich den Autoren erzählen? Da fällt mir nichts ein.“

„Und den Künstlern…Illustratoren?“, frage ich. Sie sind übrigens auch Autoren.“

„Natürlich, natürlich. Sie verstehen doch alles.“

„Ich verstehe etwas anderes. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, ich hatte noch nie eine Ausstellung und ich kann bildende Literatur nicht ausstehen.“

„Wie dumm du bist“, sagten die Babichis zu mir. „Stell dir vor, wenn Andrjuscha anfängt zu lesen….“

„Wie alt ist Andrjuscha?“, fragte Vadik Krichevskij.

„Vier.“

„Ist es nicht an der Zeit?“

„Nun nein. Er ist doch noch zu jung.“, sagten die Babichis. „Stelle dir vor“, fuhren sie weiter fort, „er nimmst sein erstes Buch, und darin nur Bilder. Und wir werden ihm mit Stolz sagen, dass diese Tante…gemalt hat….“

„Das arme Kind“, unterbrach sie Vadik. „Wollt ihr ihm etwa diesen Horror unterschieben? Und übrigens für die Zukunft: macht was ihr wollt, doch kommt mir nicht mit „Djadja Vadik“.

„Ihr Babichis, warum habt ihr das gekauft?“

„Wir sind stolz auf dich, finden es schön, dass hier dein Name steht. Nun“, sie machten das Buch auf und schauten nacheinander auf meinen Nachnamen. „Unterschreibe hier. Und das zweite Exemplar ist für Andrjuscha.“

Die Redakteurin sitzt am Tisch vor einem Papierberg und schaut durch diesen hindurch, und durch den Tisch und durch das verwischte Parkett ihres Büros. Sie schaut wie ein Mensch, der ohne Dach über dem Kopf geblieben ist.

Sie sieht Marja Stepanovna ähnlich, unserer erste Lehrerin, die wirklich ohne Dach über dem Kopf blieb. Und ohne den Boden unter den Füßen. Doch sie stand auf dem Boden und schimmerte, ihre Fersen schimmerten, und sie vertrieb uns mit einem giftigen Flüstern in unsere Häuser. Und das war böse, weil der Ort eines Kindes, draußen ist. Vor allem wenn sie voller Hülsen ist und man diese in die Taschen füllen kann. Und wenn man früher aufsteht, kann man sogar Vadik Krichevskij zuvorkommen. Und dann diese umtauschen für Tischtennisbälle oder für die Kollektion von Bonbonpapieren, oder für Schafsknöchel, die mit Zelönka und Jod gefärbt wurden. Doch das für das aller schlimmste Ende.

Ich möchte Angst haben, sie zu verlieren. Ich möchte ihre Hand nehmen und mich um sie sorgen und um mich, darüber, dass alles zerfällt. Doch ich spüre nichts. Ich denke darüber nach, warum sie beschlossen haben, zum Iskanderkul‘ zu fahren. Und gebe ihr einen Bonbon.

Sie beginnt zu nicken. Nickt und nickt und nimmt den Bonbon. Dann schaut sie lange durch mich hindurch und durch die Wand und durch die Straße. Dann wieder auf mich. Dann, feierlich, spricht sie, als ob sie zu mir spräche, doch sie spricht zu sich:

„Ich rufe Sie unbedingt an. Lassen Sie die Nase nicht hängen.“ Sie steht auf und reicht mir ihre Hand: „Sie werden sehen, wir werden noch gemeinsam arbeiten.“

Das ist berührend, sentimental und sehr angstauslösend. Diese schreckliche Perspektive. Ich drücke ihre Hand und verstehe, dass ich nie wider hierher kommen werde.

Abends riefen die Babichis an. Sie sprachen, wie immer, laut und mich immer wieder unterbrechend. Und das brachte mich sehr aus dem Konzept.

„Wie sieht es aus? Bereitest du dich schon vor?“

„Nein“, antwortete ich. „Wollt ihr im ernst dahin fahren?“

„Nicht ihr, sondern wir. Bist du dir nicht im klaren darüber?“

„Ich bin mir darüber im Klaren, dass es euch zu den Quellen zieht. Doch ich möchte nirgendwohin.“

„Erstens nicht uns, sondern Krichevskij. Und zweitens ist es eine gute Idee. Stell dir vor, welche Landschaften dort sind! Du als Künstlerin solltest dich dafür interessieren.“

Vadik Krichevskij war immer auf der Suche nach irgendetwas. Meiner Meinung nach, hat er nichts gefunden.

Monatelang lebte er in Europa und Amerika, dann erschien er plötzlich in Moskau, gewöhnlich zu der Zeit, wenn Zafar hier her kam, um Urlaub zu machen. Wir trafen uns bei den anderen, sprachen so viel, dass uns übel wurde und fuhren wieder jeder zu sich zurück.

Im April, an jemandes Geburtstag, lernte er eine Frau kennen. Ebenfalls eine, die auf der Flucht war. Sie erfuhr, woher er kam, sagte, dass sie träumt, ihren Vater wieder zu finden. „Lebend oder tot“, sagte Vadik uns. Doch sie sah im Traum, dass er lebt, irgendwo am Iskanderkul‘.

„Hat sie nicht von der Hausnummer geträumt?“ fragten die Babichis.

„Ja, nein, sie sah im Traum, dass er lebt, und dass er am Iskanderkul‘ lebt, hat ihr jemand erzählt. Ist es euch nicht egal? Vadik versprach ihr, dass er diesen Menschen findet. Und man muss nach Duschanbe fahren, und dann über über den Anzobsker Engpass, zu den Fanskibergen, zum Iskanderkul‘ und Saratog.“

„Vadik, heirate“, sagte Babich zu ihm.

„Ich kann nicht. Ich bin ein Anarchist, und Familie bedeutet Ordnung.“

„Du hast einen Abschluss“, Babich klopfte auf seine Schulter. „An die Ordnung wirst du dich nicht gewöhnen.“

„Das war ein Geschenk an den Vater“, lachte Vadik. „Ich erinnere mich an keines der Worte.“

„Woran erinnerst du dich?“

„Dass ich ich immer noch ein Kind bin, vor ihm.“

Ende Mai fliegen wir nach Duschanbe. Das ist eine gute Zeit, für alle Wanderungen. Mai ist der beste Monat des Jahres.

Ein Tag vor der Abfahrt, klopfe ich an die Tür des Nachbarn. Er heißt entweder Aleksej Nikolaevich oder Nikolaj Alekseevich. Ich erinnere mich nie an die Reihenfolge. Dieser Name steht auf einem Zettel, der auf dem Spiegel in meinem Flur hängt mit dem Zusatz „Irischer Wolfshund“. Von Zeit zu Zeit erweisen wir uns Dienste: wenn er weg fährt, führe ich seinen Hund aus. Ich mag es, wenn Menschen sich neben mich stellen und schreien: „Was ist das für eine Rasse?“ Ich erlebe einen kindlichen Stolz. Wenn so etwas mit mir in der Kindheit geschehen wäre, wäre aus mir ein anderer Mensch geworden, denke ich.

Er heißt Stil und er verhält sich gut mir gegenüber. Meiner Meinung nach ist es die freundlichste Rasse der Welt. Er und sein Herrchen sind ineinander vernarrt. Manchmal betrete ich seine Wohnung und sage ihm: „Hallo Nikolaj Alekseeevich!“, und dann gehen wir spazieren auf der Krasnoproletarskaja. Und manchmal sage ich: „Bis morgen, Aleksej Nikolaeevich!“ Manchmal nehme ich ihn mit in meine Wohnung nach dem Spaziergang und sage: „Warte, ich bin bald zurück“. Und er steht und wartet. Ich weiß, dass er auf sein Herrchen wartet, doch er sieht so aus, als würde er auf mich warten. Und ich kehre zurück mit einem Block und Stiften und male ihn in seinem Naturell.

Als Modell ist er sehr günstig, kann stundenlang auf einem Ort liegen. Von der Größe eines kleinen Pferdes, doch macht weniger Sorgen, als jeder beliebige kleine Hund.

Mein Block ist voll mit Zeichnungen von mir. Ich habe sie der Redakteurin gezeigt. In Kinderbüchern werden oft Hunde gemalt. Ich habe mir sogar einen Zyklus von Geschichten über Stil ausgedacht. Nicht sehr lehrreich, jedoch sehr interessant. In diesen stellt Stil einen sprechenden Köter dar, und in jeder Geschichte geschieht irgendetwas mit ihm. Doch die Redakteurin sagte, dass es die Aufgabe der Autoren sei, die Geschichten auszudenken, und meine Aufgabe ist es Bilder zu malen. Stil wollte sie nicht annehmen. Sie sagte er sei nicht ansehnlich und die Proportionen stimmten nicht.

Im Herbst malte ich ihn mit Ölfarben. Ich hatte eine große Leinwand, die ich nicht anders verwenden konnte. Ich wollte sie dem Nachbarn schenken, doch Vadik Krichevskij sah sie und ich hatte bis zum Winter keine Ruhe damit.

Er rief mich jeden Tag an und bat mich jedes mal darum, ihm das Bild zu verkaufen. Ich antwortete ihm, dass ich das Bild für kein Geld der Welt verkaufen werde, weil ich es für den Nachbarn gemalt habe. Er erwiderte, dass ich nichts von Kunst verstehe, weil ich nichts von einem Opfer verstehe. Oder umgekehrt. Dann sagte er noch, dass sein Vater eine philologische Dame liebe, die gleichzeitig zwei irische Hunde hält, und wenn er ihr einen dritten schenkt, wird sie vielleicht…“

Ich sagte, es sei nicht ihr Hund, diesen habe man in einer anderen Wohnung gezeichnet. Und er sagte, das sei nicht wichtig: Alle irischen Wolfshunde sehen gleich aus, alle Wohnungen von Philologen ebenfalls. Ich sagte, mein Nachbar sei kein Philologe, sondern Rentner, und er antwortete mir, dass dies ebenfalls ein und das selbe sei.

Ich lasse meinen Schlüssel bei dem Nachbar und bitte ihn, die Blumen zu gießen und sich um meine Katze zu kümmern. Ich habe weder eine Katze, noch Blumen. Das ist nur unsere gemeinsame Vorstellung. Er fragt mich, wohin ich fahre. Ich sage, wohin.

„Ihr seid verrückt!“, erwidert er gutmütig. „Alle kommen von dort, und ihr fahrt dorthin.“

„Weil ich von dort abstamme.“, antworte ich.

Doch ich fahre nicht deswegen.

Ich fahre weil, wenn du im Leben eine Null bist, benötigt man eine Erneuerung, um nicht in die Depression zu verfallen. Das war meine Formel des Ausgangs aus der Sackgasse. Doch sie führte sie in einer noch größere Sackgasse. Und hier benötigte ich die Worte Slav Ivanovichs.

Er war ein vielbeschäftigter Mensch. Damit beschäftigt, was bei Platonov das Wesen des Lebens ist. Ich mochte es mit ihm zu sprechen und ihm zuzuhören, wie er mit Nadja und den drei Kindern nach Japan fährt, und im Winter auf die Azorischen Inseln. Im Frühling nach Neuseeland und im Sommer an den Pazifik. Mit dem Zug. Zu fünft.

Als ich mit ihm sprach, begann ich mir Fragen zu stellen, solch eine Auswirkung hatte er auf mich, und danach kamen all die Antworten von alleine. Wahrscheinlich, weil wir uns immer über eine bestimmte Distanz unterhielten: wir waren mehr als einfach nur Bekannte, doch niemals Freunde. Das ist das, was mir immer fehlte mit den Babichis, die unzertrennbar waren, und mit Vadik Krichevskij. Das ganze Wesen unserer Freundschaft führte zum nächsten: Ich kenne dich so gut, weil ich dich kenne, seit ich fünf bin: wir kamen vom selben Ort, und das ist das was uns bis zum Lebensende verbindet.

„Und überhaupt“, sagten die Babichis, nachdem wir uns ein halbes Jahr nicht gesehen haben. „Lese, du den „Kleinen Prinzen“ und verschwinde nicht mehr für so lange Zeit.“

Doch ich mag den „Kleinen Prinzen“. Besser gesagt, bis zu dem Moment, als der Fuchs auftaucht und das sagt, was die Babichis mir gerne sagen und weitere Freunde aus der Uni. Dafür, dass wir immer für diejenigen antworten, die wir gezähmt haben. Und wenn der Fuchs geschwiegen hätte nach der Phrase „man sieht nur mit dem Herzen gut“, wäre es ein anderes Märchen. Und ich würde es ohne aber lieben. Doch als der Fuchs beginnt zu reden, spricht in mir irgendeine Stimme, die einen versichern möchte, dass die wahre Freundschaft nur mit einem selbst möglich ist. Und es überzeugt mich fast davon.

„Depression, das ist eine nicht schlechte Laune“, sagt Slava Ivanovich zu mir. „Depression bedeutet Leere. Das ist kein Ausgang, doch das ist normal, dass ihr sie füllen wollt mit irgendeiner Möglichkeit. Alles ist besser, als Tabletten zu schlucken.

„Seltsam, so etwas vom Arzt zu hören“, sage ich.

„Ein guter Doktor sieht weiter.“

Wir betreten den Süßwarenhandel auf der Novokuzncskaja und nehmen jeweils einen Sack mit Bonbons mit. Mehrere Theken, vor denen keine Verkäufer stehen.

Nicht ein Mittler zwischen dir und dem, womit du deinen Korb füllst. Wir verbringen dort nicht weniger als eine Stunde, bis es in den Augen zerrt von der Schärfe der Etiketten, blauer Ballerinas, roten Mohns, gelber Kamele, rosa Bären und der Kopf ist voll von Gewürzen der Konditorei.

Draußen verstehe ich, dass ich diese Bonbons nicht brauche. In jeder Hand ca. zwei Kilogramm. Und der Abend ist so schön, und so vorsichtig das Licht der Laternen, als ob diese beschließen würden ganz stark zu leuchten in der langen Moskauer Dämmerung, dass es schwer ist, diesen zu beschreiben. Einfacher wäre es für mich ihn mit Farben zu malen, doch ich handle oft so, uns nun anstelle von Maispaziergängen, die so locker sind, trage ich Kilos von unnötiger Bonbons, und anstelle der begonnenen und vollendeten Bilder, trage ich Illustrationen für Kinderbücher.

Im Flugzeug fragte Vadik mich, ob die Babichis sich nicht trennen wollen in der Zeit des Flugs. Die Antwort war offensichtlich, doch der Ehemann wollten es klären. Er sagte, dass wenn der Flieger beginnt zu fallen, er keine wertvolle Zeit verlieren will, um bis die Ehefrau zu finden und ihre Hand in die seine zu nehmen.

Wir verheirateten die Babichis mit sechs Jahren. Man setzte sie nebeneinander, weil…Ich erinnere mich nicht, warum. Doch seit dem sind sie immer zusammen. Wir verstanden, dass es so etwas gibt, als sie heirateten. Als Vadik von der Hochzeit hörte, sagte er, sie seien nicht normal, weil man nicht so viele Jahre mit einem Menschen zusammen leben kann, doch er fuhr trotzdem zur Hochzeit. Ich ebenfalls. Und Zafar auch.

Im Flughafen Duschanbe nehmen wir einen blassgrünen Opel. Zafar setzt sich ans Steuer, Vadik neben ihn. Die Babichis und ich nehmen hinten Platz. Ich sitze in der Mitte, wegen der hohen Stelle, die lange Beine stören würde, und die Babichis sprechen gleichzeitig in meine beiden Ohren. Es ist eng und heiß und man kann darüber nachdenken, und über den Weg durch das Zentrum, oder nicht über die Ausstellung der Freunde nachdenken, in der es keine meiner Arbeiten gibt.

Entlang der Straßen stehen riesige Bäume mit weißen Baumstämmen. Hier nennt man sie Chinaren und wo anders Platanen. Und das ist das einzige, was in meiner Erinnerung von Duschanbe blieb, aus dem wir geflohen sind.

„Wir müssen die Schule besuchen“, sagt Vadik Krichevskij lebhaft. Er windet sich auf dem Sessel, wie in einer Pfanne und dreht den Kopf in beide Richtungen.

„Nicht nötig“, sagt Zafar. „Der Weg ist anstrengend, wir haben wenig Zeit.“

Vadik dreht sich zu uns.

„Zum Unglück oder Glück“, sagt der Ehemann Babich.

„Die Wahrheit ist einfach“, sagt die Ehefrau Babich.

„Kehre nie zurück an die ehemaligen Orte“, sagt Vadik.

„Wir sind dafür“, stimmen die Babichi ein.

„Ich dagegen.“, sage ich.

„Sogar wenn die Brandstätte durchaus zu sehen ist?“, fragt Vadik.

„Der Weg ist anstrengend, wir haben wenig Zeit“, sagt Zafar.

Und Vadik sagt, dass nach dem Gesetz der Stadt zwei gegen drei sind, so müssen wir es selbst verstehen. Zafar sagt, dass erstens hier wie in der Vielzahl anderer Städte, wo er als Diplomat gedient hat, das Gesetz des Dschungels herrsche, und zweitens, sind die zwei Stimmen der Babichis in Wirklichkeit eine Stimme, und weil es unentschieden steht, entscheidet derjenige, der am Steuer sitzt.

Jeder von uns hat vier, sogar fünf mal die Schule gewechselt. Nach der dritten konnte ich mir die Lehrer nicht mehr merken. Doch ich erinnere mich immer noch an Marja Stepanova. Ich sah sie sogar einige Male im Traum. Hoch, dürr, mit einer großen Brille in einer Schildkröteneinfassung.

Wahrscheinlich war sie damals so alt, wie wir jetzt sind. Doch ich fühle mich nicht so. Sowie Vadik Krichevskij sich neben seinem Vater als Kind sieht, so sehe ich mich immer noch wie ein Kind neben ihr. Ich sehe, wie sie auf die Stufen des Lastwagens steigt, in den Innenraum blickt und fragt, ob ich es geschafft habe, meine Bücher abzugeben.

Über den Krieg verstanden wir das, was wir verstehen mussten. Krieg bedeutet Freiheit. Der Krieg ersetzte die Knechtschaft der Schule, sie nahm uns die Zugehörigkeit zum Stand der Schüler. Wir waren immer noch die Kinder unserer Eltern und uns gegenseitig Freunde, doch wir hörten wie ein Stand auf zu existieren. Und wir wussten nicht, was wir damit tun sollten. Und wir wurden wir betrunken.

Schnell wurde die eine Knechtschaft durch die andere ersetzt, wir mussten in den Wohnungen bleiben. Und nüchtern werdend in der Stille der Zimmer, wollten wir unsere Vergangenheit, zurückholen. Und dann flohen alle. Und als die ersten Autos mit den Koffern und den Menschen fort fuhren, wurde das zum Ereignis und später zur Dekoration. Und wir hatten keine Zeit mehr uns zu verabschieden und die Adressen aufzuschreiben. Wir wurden unbedeutend füreinander. Wichtig waren nur die Lastwagen. Und wie viele freie Plätze wird es in der Zukunft geben. Und wie fährst du, im Laderaum oder im Innenraum.

Als erster so seltsam es auch war, fuhr Zafar fort. Ich erinnere mich, wie wir uns verabschiedeten. Damals gingen die Menschen noch frei in der Stadt spazieren, das war der Anfang vom allen. Doch mit jedem Tag begannen irgendwelche besonderen Stunden der Stille, wenn alle Straßen neben der Schule nur uns gehörten.

Die Stunde der Kommandantur gab es damals nicht, und sogar das Wort „Krieg“ nahm niemand in seinen Mund. Und es gab gar keinen Krieg, wir blickten diesen an: das ist Krieg und er ist im vollen Gange, so verstanden wir das als wir den Himmel und die Erde anschauten: das ist der Himmel und das ist die Erde.

Nichts geschah. Wir fragten einander , warum es so still war und der aller sattelfesteste Vadik sagte: Weil sie Krieg führen, und die anderen sammeln die Gegenstände. Und dann tötet man die, die Krieg führen, und dann beginnen die anderen in ihren Sachen zu wühlen. Es wird laut, wenn man den Schulunterricht wieder zulässt.

Vor dem Treppenhaus Zafars waren viele Menschen und einige schwarze Autos. Auf dem Boden lagen keine Gegenstände, wir schafften es gerade so. Zafar saß auf der Bank mit dem Rücken zu uns, und Vadik schmiss auf ihn mit einem Aprikosenkern. Und ich erinnere mich wie er sich umdrehte und lächelte. Und vor einer Minute machte er es genauso, er drehte sich um und lächelte und sagte zu den Babichen, dass wenn wir nicht weggefahren wären, sie hier geheiratet hätten, und dann bei jenem Monument sich hätten fotografieren lassen.

Im selben Moment rief der Vater Zafar und wir umarmten uns nacheinander. Und ich würde mich gerne erinnern, worüber wir miteinander gesprochen haben. Gewöhnlich waren es irgendwelche eiligen Worte und Versprechungen, wir haben viele derer mit Schweiß vorgetragen, in den ersten Wochen der Massenfluchten, doch von unserer Verabschiedung bleiben mir keine Erinnerungen. Ich erinnere mich nur, dass Zafar dastand, als sei er schuldig, doch er sprach nicht. Dann näherte sich der Vater, legte seine Hand auf die Schultern, brachte ihn weg; und Vadik Krichevskij, als der Staub des Ministerwagens sich legte, sagte:

„Wahrscheinlich werde ich der nächste sein.“

Als nächster kam Babich. Und das war für sie das aller Unerträglichste. Vadik und ich gingen sogar etwas weiter weg und setzten und unter eine alte Platane. Diese war zweihundert Jahre alt, nicht weniger, so stark breitete sie sich aus. Sein ganzer Stamm war beschrieben, und um die Babichs nicht zu stören, kritzelten wir unsere und Babichs Namen darauf und irgendeinen Unsinn über ewige Freundschaft.

„Wer könnte so über mich weinen“, sagte Vadik und schubste mich in die Seite. Vielleicht du?“

„Ich fahre früher“, sagte ich. „Bitte Marja Stepanovna.“

„Ich habe die Bücher nicht abgegeben. Ich sollte ihr nicht unter die Augen treten.

Als nächste fuhr die zukünftige Babichi fort. Sie war glücklich. Sie war so glücklich, dass man das nicht beschrieben konnte, das konnte man nur anblicken. Und Marja Stepanovna begleitete sie und sprach:

„So soll es sein, Tamara. So fährt man in ein neues Leben.“

Dann kam ich an die Reihe, doch Vadik und ich haben uns nicht mehr gesehen. In Duschanbe verkündete man die Kommandanturstunde und wir saßen die ganze Zeit zuhause. Ich rief ihn an, doch keiner antwortete, und am nächsten Tag funktionierte das Telefon nicht mehr. Und das war genauso unerträglich, wie den Abschied von den Babichis zu sehen. Doch wir trugen alles fort. Und wir trafen uns auf ihrer Hochzeit. Seitdem treffen wir uns jedes Mal zur Jahresfeier. Und ich habe das Gefühl, dass dieses Ritual nicht notwendig ist. Dass wir wie Attribute ihrer Vergangenheit sind und sie die Attribute unserer Vergangenheit.

Endlich verlassen wir die Stadt und alles was vergessen war, bricht über uns zusammen.

Der Weg verwandelt sich in einen schmalen Pfad zwischen blauen und violetten Bergen, das Auto fährt schwer, gleitet auf der Serpentine, steigt immer höher und höher.

Das Radio rauscht, die Stimme Vadiks verliert sich in den Windstößen und die Babichs distanzieren sich von mit und kleben sich an die Fenster. Bunte Teppiche wechseln sich ab mit Steinfelsen, es rauschen laut die Ströme, glänzen die Gletscher, fallen die Wasserfälle. Wir fahren in Tunneln und überholen die Geräusche und die Sonne, dann sind wir wieder zurück im Licht und fallen wieder in die Dunkelheit. Von dem Druck und der Höhe sind unsere Ohren belegt, und von den Abbiegungen und dem Abgrund auf beiden Seiten der Straße wird unser Atem beraubt. Vadik schreit irgendetwas über die Begrenzungen und drückt mit dem Finger in die Abgründe, dann zieht er seine Hand zurück und ich sehe wie der Stoff seines Hemdes reißt, um zu fliegen und er fliegt. Zafir lacht und hält sich am Steuer fest, mit beiden Händen, doch man hört nicht sein Lachen, und das Geschrei Vadiks hört man auch nicht mehr. Dann umarmen mich die Babichis von beiden Seiten und ich schlafe ein.

Durch den Schlaf erreichen mich irgendwelche Worte. Sie klingen lauter wenn wir in Tunneln fahren und verschwinden wenn wir diese verlassen. In einer dämmrigen Erinnerung sehe ich eine Herde Ziegen und Schafe, die auf der Straße verschwimmen wie Lava. Sie blicken in die Fenster, blicken uns distanziert an und berühren sich gegenseitig mit ihren Hörnern. Auf weiten Bergen, auf abgeschnittenen Serpentinen, schleichen vorsichtig die Lastwagen. Sie sind von der Größe von Käfern und dies ist eine fertige Illustration zum Ajtmatowschen „Pappel, im Roten Kopftuch.“ Ich werde mal nach rechts, mal nach links geschaukelt und ich höre, wie Zafar uns von der Wüste berichtet, dass egal wohin man schaut, überall Sand ist, und ich möchte sagen, dass nun, egal wohin man blickt, man nur die Babichi sieht und das scheint mir sehr ulkig zu sein doch ich kann die Zunge nicht bewegen.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, doch der Wind verschwindet und ich höre, wie Vadik Krichevskij sagt, dass das Leben kleiner als der Tod ist, weil im Wort Leben (russ. Zhizhn“ fünf Buchstaben sind, und in dem Wort Tod (russ. „Smert’“?), sechs. Und jemand von den Babichis sagt, dass das weiche Zeichen kein Buchstabe ist.

„Egal, sie sind dort und dort“, sagt Vadik.

„Im Englischen genau so“, saggt Zafar.

„Das Englische zählt nicht.“

„Und das höre ich von einem Menschen, der Shakespeare im Original liest.“

„Doch ich bin es der, der von Garshin weint.“

Ich bin mir sicher, dass wenn Zafar das hört, er lächelt. Zafar lächelt nie, sogar wenn er an einem Streit teilnimmt. Vor allem wenn dieser Streit mit Vadik statt findet.

„Ja ich vergifte den Europäer in mir mit Leskov. Ich weiß nicht, was es heißt Russe zu sein, doch als ich dreißig Jahre alt wurde, ging es mir schlimm in Europa. Und du? Fühlst du dich in den Fansker Bergen nicht zuhause?“

„Der Diplomat hat kein zuhause.“, sagt Zafar.

„Darin bist du schwach. Und wo ist dein Persien, Söhnchen? Gorbatschow gab dein Persien den Amerikanern, um sich schön zu gesellen.“

„Lass uns fahren, Balabanov“, lachen die Babichis.

Sie fragen mich ständig. Ob ich zur Toilette muss, doch ich muss nicht und bitte sie mich, mit irgendetwas zuzudecken. Und sie decken mich zu.

Als wir draußen sind, streckt Zafar seinen Rücken und die Beine, neben ihm Vadik, schaut in den Abgrund, kaut irgendeine Blume. Dann setzten sie sich wieder ins Auto und wir fahren weiter.

Die Sonne scheint mit Streifen auf mein Gesicht und Schmetterlinge flattern unter den geschlossenen Lidern.

Ich wache in einem leeren Wagen auf und sehe Wege. In der Frontscheibe Wolken grauen Rauches. Daneben auf einem roten Rollstein, eine ungerade Aufschrift „Iskanderkul’“ mit dem Pfeil nach unten. Ich klettere aus dem Auto mit steifen Beinen, setze mich auf den Rollstein und schaue zu, wie Vadik die Babichis fotografiert, und danach Zafar, dann fotografieren die Babichis sie; dann winken sie mir zu und schreien, damit ich lächele und ich lächele, und hinter mir, tief unten, ist ein riesiger blauer Tropfen. Und diese Aufnahme, die mir Babichis in Moskau schenken, nachdem wir zurück gekehrt sind, gibt nichts wieder. Und ich verstehe, warum ich eine schlechte Künstlerin bin. Den ersten Strich zu zeichnen, ist für mich genau so schrecklich, wie mich über den Abgrund beugen, wo der tiefe, türkisfarbene See ist – nur ein ungerader, blauer Tropfen.

Am Abend fragt Vadik mich:

„Was ist dein Problem?“

Am See ist es kalt. Und wir machen direkt am Ufer ein Lagerfeuer.

Und ich sage, dass ich feige bin. Und ich sage, dass ich satt bin.

Die Babichis sind einverstanden mit mir. Sie bestätigen, dass Feigheit und Sattheit dem Künstler nicht erlauben, er selbst zu sein.

Und Vadik rät mir, mutiger zu sein, und die Babichis raten mir umzuziehen. Zafar rät mir nichts, er gibt mir eine Kartoffel.

„Der Pinselstrich auf der Leinwand, ist die Anführung des Zukünftigen zum Nenner der Gegenwart.“, sagt Vadik. „Wenn du diesen nicht vollbringst, wird deine Zukunft nie eintreten. Und die Wohnung hat damit nichts zu tun.“, sagt er zu den Babichis. „Das ist Mist, daran zu glauben, dass der Künstler hungrig sein muss.

„Niemand soll hungrig bleiben“, sagt Zafar und holt weitere Kartoffeln aus dem Lagerfeuer.

„Seit zehn Jahren ist es die erste Jahresfeier, die wir nicht zu hause verbringen“, sagt der Babichi-Ehemann.

„Wir nagen fast am Hungertuch“, lacht die Babich-Ehefrau.

„Nun, gut“, sagt Vadik. „Wir sollten aufhören, immer das eine zu machen. Ich kann nicht verstehen, wie ihr einander so viele Jahre aushaltet?“

„Wir halten nicht aus“, sagt die Babich-Ehefrau und schaut ernst auf Vadik.

Pause. Dann spricht Krichevskij:

„Hier hat jeder eine Medaille für seinen Mut und seine Geduld verdient. Ihr Babichis, weil ihr zusammen seid. Zafar, weil er unzertrennbar ist. Er ist Diplomat im Dienst und im Leben. Du“, er blickt auf mich. „Dafür, dass du strikt dein Ziel verfolgst und allen beweisen willst, dass du keine Künstlerin bist.“

Ich zittere und sehe, wie die Babichis aufhören zu kauen und Zafar hebt seine Augen und blickt auf Vadik. Die Babichis verteidigen mich:

„Das ist too much“, erzürnen sie sich. „Zafar, sag ihm das.“

„Was ist denn los?“, Vadik zuckt mit den Schultern. „Sie mag es sich zu wehren, wenn man ihr sagt, sie sei eine Künstlerin.“

Hier imitiert er meine Stimme und meine Intonation, um zu zeigen, wie ich mich wehre: „Och, was bin ich schon für eine Künstlerin.“

„Das ist nicht lustig, Krichevskij“, sagt die Babichi-Ehefrau. „Welche Fliege hat dich gestochen?“

Vadik lächelt bedrückt, legt die Hände hinter seinen Kopf und atmet laut auf.

„Warum, warum, warum können wir niemandem etwas sagen? Wenn ich es nicht meinen Freunden sagen kann, was ich denke, wem dann? Ich möchte so nicht mit euch sprechen. Ich will es und dann kommt sofort das Nein, dann heißt es, dass mich eine Fliege gestochen hat. Niemand hat mich gestochen. Ich sagte einfach, was ich wollte.

Er steht auf und dreht sich mit dem Gesicht zum See. Seine Silhouette ist schwarz und unbeweglich, wie der Stamm einer jungen Platane.

Der Babichi-Ehemann wickelt seine Frau in eine Decke und steht ebenfalls auf. Zafar dreht sich zu ihm.

„Hast du uns deswegen hierher geschleppt?“, fragt Babichi.

„Warum geschleppt? Ich schlug vor, ihr wart einverstanden. Wir sind in der Natur, backen Kartoffeln. Wenn es wärmer wird, baden wir im See.

„Und was ist mit deinem Alten?“, fragt die Babichi-Ehefrau, die ihre Hände aus der Decke befreit.

„Der Alte?“, Vadik kreuzt die Hände vor der Brust. „Ach ja, der Alte…Es gab keinen Alten. Das heißt, doch, vielleicht schon, nur wo willst du ihn suchen?“

Sie lässt die Decke fallen und steht ebenfalls auf.

„Das heißt, du hast uns alle belogen? Und diese Frau auch?“

Vadik atmet gereizt auf.

„Ich habe niemanden angelogen. Doch ich hörte die traurige Geschichte und zeigte Anteilnahme.“

„Du hast die Frau belogen. Ich hätte nie gedacht, dass du zu so etwas fähig bist“

„Und denke du nach. Und überhaupt“, er wendet sich zu ihr und beobachtet sie studierend: „Woher sollst du wissen, wozu ich fähig bin, kennst du mich überhaupt? Kennst du überhaupt jemanden außer deinen Ehemann und Andrujscha?“

„Weißt du, was mir leid tut, Krichevskij? Mir tut es leid, dass es bis auf die Kartoffeln, hier nichts anderes gibt. Mir tut es leid zu wissen, dass du nüchtern bist und alles was du sagst, ernst meinst.“

Die Babichis nehmen die Decke und gehen ins Haus.

Eine Weile schweigen wir. Das Lagerfeuer knackst laut. Der Himmel ist voller Stern. Einige von ihnen sind leuchtend und einsam, manche verstreut in Form von Krümmel oder glänzendem Staub.

„Erzähle mir über den Alten“, bitte ich Vadik.

Er blickt mich an, als würde er von mir erwarten, dass ich noch etwas sage, doch ich sage nichts mehr und er erzählt.

„Es lebte einmal ein Mensch mit dem Namen Faruch, er hatte sechs Kinder. Fünf davon waren Mädchen, als sechstes Kind wurde der Sohn geboren. Der Mensch hatte keine Angst vor Arbeit und liebte seinen Staat. Der Staat liebte ihn und gab ihm Arbeit. Der Mensch arbeitete viel, damit seine Familie ein wohlhabendes Leben führen konnte. Doch damals ging es allen gut. Am besten jedoch, ging es diesem Menschen, weil sein sechstes Kind ein Junge war. Er fuhr ihn mit einem großen Wagen aus, und kaufte ihm kleine Autos, damit dieser mit ihnen spielte.

Eines Tages fuhr er für einen Monat fort und vermisste seinen Sohn so sehr, sodass al er zurückkehrte, er nicht in die Garage, sondern nachhause fuhr. Der Sohn erblickte ihn vom Balkon und schrie vor Freude. Der Mensch schaute aus dem Innenraum des Autos hervor und winkte ihm zu. Der Sohn sprang vom Stuhl und rannte zur Mutter, und die Mutter sagte zu ihm:

„Laufe, treffe deinen Vater!“ Der Mensch beschloss, den Wagen zu drehen und begann rückwärts zu fahren, just in dem Moment, als der Junge zu ihm lief.“

Das Lagerfeuer ist kurz vor dem Erlöschen und alles drumherum taucht in Licht ein. Auf der schwarzen Oberfläche des Sees zittert ein Mondpfad. . Am Rand des Wassers, ein verwelktes Bündel oranger Mohnblumen.

„Wie ging es weiter?“, frage ich.

„Dann kam das Gericht, und er wurde freigesprochen. Dann kam ein Schlaganfall. Er lag im Krankenhaus, dann wurde er entlassen. Dann verließ er sein Haus. Hier“, Vadik nahm aus der Tasche eine Fotografie heraus, „seine Tochter hat es ihm gegeben. Vor dreiunddreißig Jahren. Jetzt ist er ca. achtzig, vielleicht auch neunzig.“

„Du denkst, er lebt?“

„Sie sagt, er lebt.“

„Gehst du ihn suchen?“, fragt Zafar.

„Wo soll man nach ihm suchen? Bis Saratoga sind es um die zehn Kilometer. Erstens das. Und ist er dort oder nicht, das weiß niemand. Das Zweitens.“

„Warum hast du es dann versprochen?“

„Ich sagte euch, dass ich es versprochen hatte. Ihr sagte ich, dass ich Fragen stellen werde, Mir wurde es einfach langweilig. Überall. Und ich wollte hierher fahren.“

Als Zafar das hört, steht er auf, sagt „gute Nacht“ und geht weg, ohne auf Vadik zu blicken.

„Gute Nacht“, sage ich zu Vadik

Zafar begleitet mich bis zur Tür und verspricht mir, auf meine Ausstellung zu kommen. „Wenn sie statt findet“, sage ich zu ihm. Und er bestätigt, dass diese auf jeden Fall statt finden wird. Wenn ich es wirklich will.

Morgens gehen Babichis und ich zum Wasserfall. Sie fragen mich, wie ich geschlafen habe und ich sage, dass ich fror, doch sehr gut schlief. Und die Babichi-Ehefrau sagt, dass auch sie fest geschlafen habe, weil Vadik Krichevskij sie fast getötet hätte.

Als wir zurückkehren, sprechen Vadik und Zafar mit dem Taxifahrer. Ich sage, dass ich mit ihnen fahre und setze mich ins Auto. Vadik ruft auch die Babichis, doch diese verneinen und gehen weiter. Und Vadik hält sich an der offenen Tür und blickt ihnen nach.

In Saratoga ruft Zafar einen Jungen von ca. zehn Jahren und fragt ihn auf tadschikisch, wo der Älteste wohnt.

Der Junge führt uns zu seinem Haus. Zafar fragt, wie er heißt und ob er zur Schule geht. Der Junge sagt, er heiße Isamil und er gehe selbstverständlich zur Schule. Ich habe diese Sprache dreiundzwanzig Jahre nicht gehört, doch ich erinnere mich an die Worte, so als ob ich meine letzte Drei in Tadschikisch bekommen hätte.

Zafar öffnet seine Jacke, nimmt aus der Innentasche einen schwarzen, metallischen Kugelschreiber heraus und schenkt ihm diesen.

„Du bist mir einer“, lacht Vadik. „Mit solchen Kugelschreibern unterschreibt man Dokumente. In Büroräumen. Mit solchen schreibt man nicht in Dorfschulen.“

„Was ist wenn er erwachsen wird, und selbst Dokumente unterschreiben? Was fehlt dir?“, fragt Zafar, „das ist der Glaube an den Menschen.“

„Ist es Montblanc?“, lacht Vadik: Ich habe nicht genau hingeschaut.“

„Du verfügst über überflüssiges Wissen“, lächelt Zafar.

Der Älteste sitzt auf der Bank, die angelehnt ist an die Hauswand. Äußerlich unterscheidet er sich in nichts von anderen lokalen Alten: Icihgi, Chapan, Tjubetejka, langer Bart. Er schläft nicht, seine beiden Handflächen berühren einen Wanderstock, als ob er in jedem Moment aufstehen kann, doch die Augen sind geschlossen und an der Bewegung des Stoffes sieht man, wie tief und gleichmäßig sein Atem ist.

Wir begrüßen uns, und er blickt uns an. Zafar wechselt auf Tadschikisch und sie sprechen. Dann steht der Älteste auf, geht zur offenen Tür, durch diese sieht man die Schatten der Weinrebe, dann lässt er uns, einer nach dem anderen, auf den Hof.

Der Hof ist gefegt und geschrubbt, bei der Sommerküche eine Ansammlung junger Frauen. Es riecht nach gebratenem Fleisch. Vadik und Zahar gehen in die Tiefe des Gartens, ich gehe zu den Frauen und sehe, wie diese Krutob zubereiten.

Krutob haben wir noch in der Grundschule, zusammen mit unserer Lehrerin Lola Ruzievna, zubereitet. Doch das war ein Zirkus. Für einen echten Krutob hatten wir weder einen Tandyr noch eine große Holzschale. Wir bröselten das von jemandem am vorherigen Tag gekaufte Fladenbrot in einen einfachen Emailleteller, brieten Zwiebeln an, tränkten den trockenen Frischkäse, schnitten Kräuter, Gurken, Tomaten, hielten nicht die Reihenfolge ein, vergaßen das Salz oder fügten zu viel davon hinzu, anstatt von Butter, verwendeten wir Sonnenblumenöl und wenn die Schüler Zarathustras dieses Gericht probiert hätten, dann hätten sie sicherlich zu weinen begonnen und würden sich ganz modern dazu äußern: so nach dem Motto, der Krutob sei falsch. Doch auf diesem Tisch war alles wie vor hundert, zweihundert oder sogar tausend Jahren.

Ich sagte, ich wolle mitkochen und bat um ein Messer. Nach ca. fünf Minuten brachte man mir einen Fatir, jenes Fladenbrot aus dem Tandyr, und es war unerträglich, das Gemüse zu schneiden. Die Frauen lächelten, nahmen mir das Messer weg, brachen eine heiße Ecke vom Fatir ab und gaben sie mir.

Der Alte war da.

Wir sitzen gemeinsam mit dem Alten auf dem Topchan. Das Mittagessen ist zu ende und die Frauen haben bereits das Geschirr weg gebracht. Auf dem Tisch sind nur noch Fladenbrote, Früchte und Tee.

Er geht an uns vorbei. Der Alte ruft ihn nicht. Wir schauen ihn geizig an: auf diesen leichten, dürren und beweglichen Körper. Die langen, weißen Haare sind vom Alter ganz dünn, doch sie locken sich immer noch an den Enden. Seine Brust ist nach Innen gedrückt, doch die Bewegungen sind schnell. Geräuschlos, wie ein Schatten, klettert er durch die Bäume, mal sich im Laub versteckend, mal wieder auftauchend. Wir bewegen uns nach vorne wie verzaubert. Ich möchte unbedingt sein Gesicht erblicken. Vadik dreht sich ungeduldig zum Alten.

„Ist er dennoch Ihr Freund? Was wissen Sie über ihn? Wissen Sie, was seinem Sohn widerfahren ist?“

Der Alte schaut auf Zafar und auf seinem Gesicht zeigt sich etwas, wie ein Lächeln.

„Er hat eine Familie“, fährt Vadik fort. „Wenn es er ist, dann hat er eine Familie. ER hat eine große Familie. Deswegen sind wir hier. Das ist schrecklich, alleine zu sterben.

Der Alte spricht mit einem Akzent. Doch er spricht frei. Langsam, die Augen nach jeder Phrase schließend. Als ob er sich Zeit nehme zu atmen.

„Vadim“, sagt er. „Ich bin so alt, dass ich vor nichts Angst habe und mich über nichts wundere. Alles was ich jetzt kann, ist mich über irgendwelche Sinnlosigkeiten zu erfreuen, über die du nicht einmal nachdenkst. Solche Alten wie wir, haben vor nichts mehr Angst.“ Er wirft die Krümmel von den Fingern und glättet sich den Bart. „Was weiß ich über ihn? Ich weiß nichts über ihn. An solchen Orten wie diesen, sind die Menschen sehr neugierig. Doch jetzt sehe ich, dass sie überall neugierig sind.“

„Kennen Sie seinen wahren Namen?“

„Ich kenne nicht einmal den nicht wahren Namen.“

„Wie nennen sie ihn?“

„Ich nenne ihn Odam. In eurer Sprache ist es Adam. Und in der unsrigen – Mensch, Seele.“

„Seine Tochter sagte, er lebte in Leninabad. Wie kam er dorthin?“

„Ich brachte ihn hierher aus der Wüste. Aus den turkmenischen Karakums.“

„Was hat er da gemacht? Wie ist er dorthin gekommen?“

„Er ging zu Fuß dorthin. Er lebte dort.“

„Wie?“

Der Alte zuckt mit den Schultern und nimmt den Wanderstock in die Hand.

„Wie ein Toter. Vielleicht wie ein Wiedergeborener.“

Vadik und Zafar helfen ihm aufzustehen.

„Wenn er mit euch sprechen möchte, soll er das tun. Wenn er nicht will, werde ich ihn nicht darum bitten. Er wohnt im Hinterhof.“ Der Älteste macht seine Jacke zu und geht langsam zur Pforte.

Zafar stoppt Vadik und sagt, er gehe selbst. Vadik nickt unwillig, steigt auf den Topchan und legt sich auf die Kissen.

Nach ca. zehn Minuten kehr Zafar zurück.

„Und?“, fragt Vadik.

„Nichts.“

„Was hast du ihm gesagt?“

„Ich fragte ihn nach seinem Namen.“

„Faruch?“

„Er sagte, er habe keinen Namen.“

„Wie sieht er aus? Welches Gesicht hat er?“

„Ich weiß es nicht. Ein einfaches Gesicht. Das gleichgültige Gesicht eines Alten.“

„Man soll ihm Fotografien zeigen, ihm über die Familie erzählen.“

„Besser nicht, Vadik, wir hätten nicht hierher kommen sollen.“

„Das ist doch er, Zafar, ich spüre, dass er es ist.“

Die Augen Vadiks leuchten. Er nimmt die Fotografie und schaut sie aufmerksam an.“

„Ja, hier ist er ganz anders. Doch ähnlich? Schaue. Ganz ähnlich?“ er legt die Fotografie vor Zafar.

„Und diese“, er legt auf den Tisch mehrere Aufnahmen von Kindern und Enkeln, „vielleicht sieht jemand seinem Sohn ähnlich. Stell dir vor, was geschehen wird, wenn er sie sieht.“

„Nichts wird geschehen.“

„Wir werden sehen, Zafar“, bittet Vadik. „Wir haben ihn nicht einfach so gefunden. Hast du nicht das Gefühl, dass alles nicht einfach so geschieht?“

„Was machst du Vadik. Wozu? Was machen wir hier?“

Er schaut auf uns mit einem müden, unsicheren Blick. Ich habe ihn niemals so gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass wir nichts voneinander wissen. So als ob wir nihct mit dem Menschen befreundet seien, sondern mit der Vorstellung von ihm.

„Wir kamen hierher wie die Diebe. Wenn seine Kinder ihn sehen wollen, sollen sie selbst kommen. Du hast recht, das ist er. Das ist genau jener Mensch. Ich habe seine Augen gesehen. Doch ich werde ihm nicht eine einzige Frage stellen. Nicht eine einzige. Und ich gehe fort.“

Vadik klopft langsam mit seinen Fingern auf den Tisch, seine Lippen sind zusammengepresst, er schaut, wie Zafar vom Tapchan absteigt, seine Schuhe anzieht und zu der Pforte geht. Dann sammelt er die Fotografien und tut diese zurück in seine Tasche.

Wir gehen nach draußen.

„Alles richtig“, sagt der Alte. „Der Mensch sündigt nur mit dem Körper, den Organen, der Zunge, den Händen, dem Bauch, der Leber und mit etwas anderem selbstverständlich. Die Organe werden vom Gehirn gesteuert. Das Gehirn ist im Kopf. Das heißt er sündigt auch mit diesem“, er klopft auf seine Tjubetejka. „Die Seele bleibt außen vor. Die Seele des Menschen ist rein.“ Da kneift er die Augen zusammen und blinzelt fröhlich zu Vadik: „Was denkst du darüber?“

„Das macht Hoffnung“, sagt Vadik betrübt.

Dann ruft der Alte irgendeinen Kerl und wir fahren zurück. Im Auto schwiegen wir, und der Kerl fragt uns aus, woher wir kommen, ob uns der See Iskanderkul‘ gefallen hat und er sagt, dass wir wieder kommen sollen.

Abends sitzen wir zu fünft am Ufer. Wir sitzen in einer Linie vor dem See, wie in einem sommerlichen Kino, als ob wir auf die drei mal hintereinander den „Zyklopen“ an. Dann wurden wir verscheucht, wir wählten uns jeder, einen Baum aus, um das Kino herum wuchsen Platanen, und wir schauten uns den „Zyklopen“ ein viertes Mal an.

„Ich möchte nachhause“, sagt die Babich-Ehefrau wehmütig. „Andrjuscha wir uns schon vermissen.“

„Und ich würde noch bleiben“, sagt der Babich-Ehemann.

„Ich auch“, sagt Vadik Krichevskij.

Zafar sagt, er müsse nach Moskau: ihm bleibt noch eine Woche Urlaub, und er habe den Kindern vieles versprochen.

„Und du?“, fragt mich Vadik.

Und ich erinnere mich daran, was mit Slava Ivanovich gesagt hat und bin einverstanden damit, dass der Wechsel der Umstände besser als jede Medizin sei, doch ist es kein Ausgang. Und ich erinnere mich an den Verlaf und an meine Redakteurin, und an das Chaos im Schrank, in dem ich meine Farben und Pinsel aufbewahre, und an die Ausstellung, an der ich hätte teilnehmen können, es aber nicht gemacht habe, und daran wie alt ich bin und woran ich arbeiten werde, wenn ich wieder da bin. Und werde ich es überhaupt.

Ich erinnere mich daran, wie wir vor einem Tag waren. Das Leben in den hohen Bergen machte uns aufnahmefähiger für einfache Dinge. Wir waren berauscht von den Blicken aus dem Fenster, wie Kinder, und dann hörte der Asphalt auf, das Auto ging kaputt, wir stiegen anderthalb Stunden zum See hinab; ließen uns in einem Cottage nieder und lagen ohne Begeisterung auf den blumigen, verwaschenen Decken, und dann als wir beim See ankamen und die türkisfarbene Glätte erblickten, die sich in bunten Hügeln versteckte, und hinter diesen hohe blaue Berge, standen wir da wie betäubt und schwiegen alle, weil niemand als erster reden wollte, damit die Geräusche nicht die Landschaft verderben.

Doch die Sonne verschwand schnell, und das Wasser verwandelte sich aus dem türkisfarbenen in grünes, dann in blaues, schwarzes und es wurde dunkel und die Freude verschwand ganz schnell, so wie der Hunger schnell verschwindet, wenn man sich auf das Essen wirft und alles durcheinander in sich hineinwirft.

Nun möchte ich nicht jedes Jahr zum Jahrestag der Babichis erscheinen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich unsere Freunschaft weiter halten kann.

Hinter mir höre ich Geräusche, ich drehe mich um und sehe einen roten Wolfshund. Er neigt den Kopf und wedelt mit der kurzen Rute. Ein paar Schritte weiter von ihm sitzt ein weiterer Wolfshunf, der seine gefleckte Zunge ausstreckt.

Es scheint alles so einfach zu sein. Sterne. Unter diesen eine leere Koschara. Drumherum Berge. Überall Gras. Im Gras die schwanzlosen Wolfshunde. Sie ähneln nicht jenen Tierren, die im Krieg die Chabanen überfielen und sie auffraßen bis zu den Stiefeln. Solcher Geschichten habe ich viele Gehört. Die Menschen lieben Gruselgeschichten.

Ich reibe den Wolfshund zwischen den Ohren, dieser legt sich auf die Erde. Auf seinem Kopf ist eine trockene Wunde, auf der mehrere Fliegen sitzen, wie auf einer kleinen Heimat.

Ich habe nichts, womit ich sie desinfizieren kann und gieße Wasser darauf. Der Wolfshund bleibt still und steht lange so da ohne sich zu bewegen. Er weiß, dass der Mensch ihm Gutes bringt, und die Fliegen Böses. Und er wählt den Menschen.

Ich weiß nicht, was wir hier sehen wollten. Wen finden. Vielleicht schöne Naturaufnahmen. Vielleicht uns selbst. Denn irgendwo hat das alles begonnen.

Ich versuche mich nicht an Faruch zu erinnern. Ich erinnere mich lieber an die Wolfshunde.

Ich weiß nicht, was in seinem Kopf geschieht und welche Erinnerung ihm öfter heim sucht. Sieht er seinen Sohn, den er mit den Hinterreifen überfährt?

Ich sehe dieses Bild ganz klar vor mit, denn ich bin eine Künstlerin, ich sehe vieles. Doch ich erkenne auf dem Bild nicht Faruh. Hinter dem Steuer jenes astwagens sitzt ein anderer Mensch, der dem Alten nicht ähnlich sieht, welcher sich zwischen den Bäumen, im Haus aufhält.

Ich stelle mir vor, welches Bild daraus entstanden wäre. Ich sehe Faruh in der Wüste. Einen kleinen Punkt in der schwarzen Endlosigkeit. Weiß, gelb, rot. Welche nun? Welche Farbe muss dieser Punkt haben? Gelb wie die Sonne? Weiß wie der Mond? Rot wie das Blut? Das weiß ich nicht. Ich sehe keine Farbe. Doch ich höre.

Ich höre, wie er schreit, und die Wüste horcht hin und will ihn nicht annehmen.

Und mir scheint, ich sei überzeugt davon, dass ich niemals dieses Bild malen werde.

Nina Trox: „Die Zeichen der Stille“

Nina Trox

Zeichen der Stille

(Eine Erzählung)

Vom Autor

Diese Erzählung ist ein Puzzle, dessen volles Bild man erst sehen kann, wenn man diese zu ende gelesen hat. Zeit, Situationen, Emotionen – alles, wie ein Teil einer Denksportaufgabe, fügt sich langsam zusammen. Zerrissener Rhythmus des Erzählens – der Rhythmus des Lebens der Heldin. Dies ist eine einfache Liebesgeschichte und ein nicht einfacher Weg um sich selbst zu verstehen und die Stille in sich.

Zeichen eins

Die Seelenkatharsis tritt ein, wenn du einen Menschen anschaust und verstehst, dass du ihn nicht mehr liebst. Dann verschwinden die Beleidigungen, der Schmerz, der Wunsch, es jemanden heim zu zahlen, dann geht das Gefühl der Mitleidenschaft mit ihm zurück – die letzte Verbindung reißt. Und die Augen, die dich anblicken, sind nur noch ein Sehorgan.

Ich liebte es zu beobachten, wie ihre Hände tanzen. Wie die dünnen, langen Finger sich beugen, sich wie ein Fächer aufmachen, sich wieder zusammenrollen, nicht gesehene Muster zeichnend. Zeichen, die ich nicht verstanden habe, doch sie haben mich bezaubert.

Wir trafen uns zufällig auf einer Ausstellung. Man zeigte russische Impressionisten. Obwohl meine Wahrnehmung von Kunst nicht professionell ist – „es gefällt mir, es gefällt mir nicht“, liebe ich es zu beobachten, die Farben einzusaugen, die Launen, die Gefühle. Manchmal fühle ich es wirklich. Wenn das natürlich nicht „art“ ist oder „sur-sur“, wo alles durchmischt ist, wo man die Übereinstimmung zwischen der Kleckerei auf der Leinwand und dem Titel, nicht einmal mit meiner reichen Einbildungskraft finden kann. Impressionisten sind für mich Kuindzhi, Korovin, Levitan, Serov, Maljavin, Grabar‘, ich ging an ihren Bildern vorbei und genoss es. Wenn du verstehst, doch nicht so tust als ob, die Stirn runzelst vor Konzentration, dann bekommst du auch das Vergnügen und fühlst dich nicht fremd.

Ich bemerkte sie nicht. Ich hörte die Stimme hinter dem Rücken.

„Hallo, An‘!“

„Das tanzende Weib“ Maljavins verwandelte sich in einen einzigen roten Fleck. Der irre Tanz des „Weibes“ wurde an mein Herz weiter gegeben. Ich hatte Angst mich umzudrehen und stand einige Sekunden wie erstarrt da. Danach drehte ich mich auf einem meiner Absätze.

In der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, hat sie sich kaum verändert. Eine andere Frisur – langes Karre; wurde fülliger – das Gesicht etwas runder; der selbe Blick – gerade mit Ausdruck; das selbe Lächeln – ironisch, doch wie ein Kind, offen.

„Maja? Hallo!“ sprach ich beim Ausgang.

„Und ich dachte schon, bist das du oder nicht? Eine andere Frisur und Haarfarbe. Das kurze Haar steht dir. Wie geht es dir?“

„In einer verhältnismäßig instabilen Welt, bin ich verhältnismäßig stabil“, sprach ich, spürend, dass ich Mist von mir gebe. „Und dir?“

„Ich bin auch okay. Bin in eine Künstlerakademie gegangen. Ich wollte schon lange malen lernen. Nun gehe ich durch Ausstellungen, bilde mich weiter.“ Maja lächelte und schaute durchdringend, als ob sie meine Gedanken erraten wollen würde.

Und ich dachte an nichts. Das innere Zittern hörte nicht auf, es wurde warm, gab kaum Luft. Es schien, als ob die Beine mich nicht mehr halten wollen und ich gleich vor ihr auf den Boden falle. Doch eine starke Hand schnappte mich am Ellenbogen und zwang mich gerade zu stehen. Ich drehte mich zu dem Retter und erinnerte mich, dass ich alleine gekommen war. Denis lächelte zufrieden und wandte sich an Maja.

„Während unsere gemeinsame Bekannte Stupor hat, lassen Sie mich, mich Ihnen vorstellen, Denis Levickyj!“ er machte die Betonung auf das „y“ und nickte lebhaft.

Wir waren bereits fast ein Jahr miteinander befreundet. In unsere Englischgruppe mitten im Semester schmiss sich ein dürrer, hoher, sympathischer Kerl mit zotteligem Haar. Er setzte sich, warum auch immer, neben mich, obwohl er dazu beitrug, dass die Hälfte der bereits Platz genommenen Kursteilnehmer dafür aufstehen musste. Zuerst reizte er mich mit Schreien, Witzen, unangebrachten Seufzern. Doch das nicht Ordinäre, der Humor und dabei gleichzeitig eine seltsam zärtliche Sorge um mich, bezauberten mich schlussendlich. Wir schmissen die Kurse, doch hörten nicht auf befreundet zu sein, obwohl ich fühlte, dass für Denis das mehr war als einfach nur Freundschaft. Doch wie sagt man, „was ich kann“.

„Ich bin Maja! Hallo!“

Er hob erstaunt die Braue hoch und drückte zurückhaltend Majas Hand.

„Bestimmt hat man euch schon mit der Allusion zu der uns allen bekannten Biene (Biene Maja, aus dm Trickfilm die Abenteuer der Biene Maja), in den Wahnsinn getrieben, deswegen lass ich dieses Thema.“

„Ach, ich bitte Dich“, Maja lächelte.

„Dann eine vernünftige Frage, wie gefällt euch die Ausstellung?“

Ich, die sich nicht traute etwas zu sagen, dankte dem Universum für den gesprächigen Freund.

„Ich mag besonders Grabar‘. Seine winterlichen Landschaften sind einfach nur schön…“

Maja erzählte, dass ihr Zeichenlehrer Grabar‘ als Beispiel nimmt um die Vermittlung der weißen Farbe aufzuzeigen. Sie sprach, doch ich hörte die Wörter nicht mehr. Ich blickte sie an, versuchte zu verstehen, was sie mag? Wofür? Warum?“

„Was ist sie für dich?“ Diese Frage stellte Denis, als wir nach der Ausstellung im Café saßen. Seltsam wie sich nahe Menschen austauschen können nur in Form von Gedanken. Telepathie existiert.

„Einmal war sie das wichtigste für mich.“

„Und jetzt?“ Denis reichte mir das Glas mit dem milchigen Cocktail.

„Nun hat man alles was man braucht, nur nicht mehr.“

„Bin ich nicht mehr?“

„Du bist höher.“

„Ich meine es ernst!“

„Du kannst ernst sein?“

„Anja“, Denis senkte die Stimme.

Ich sah ihn zum ersten Mal so. Falten neben der Nasenwurzel, verschobene Brauen, der Adamsapfel zittert nervös. Ja, das ist ernst. Nur nicht heute. Nicht jetzt.

„Dinja, was willst du hören? Wir haben schon längst alles geklärt über deine und meine Vorlieben. Was für Beben machst du Otello?“

„Ich wollte einfach erfahren, was sie für dich bedeutet?“

„Nein, nicht einfach. Nicht einfach! Er verhielt sich wie ein Hund, dem man das Essen wegnimmt. Wir sind Freunde, das ist alles. Wenn es dir nicht passt, auf Wiedersehen. „

„An‘, reg dich nicht auf. Was ist mit dir?“

„Nichts“ Jeder meint, er sei der Nabel der Welt und dreht sich um ihn. Zum Teufel mit allem!“

Ich schnappte sie auf der Lehne des Stuhls hängende Jacke und begab mich zum Ausgang.

„An‘ bleib stehen!“ schrie ihr Denis hinterher.

Doch ich hatte bereits die Tür geöffnet und atmete die kühle Luft ein.

Der Panzer bröselte sich auf. Der Körper zitterte, reagierte auf das Rascheln unter den Füßen, die Autosignale, die Gespräche der Vorbeigehenden. Die Geräusche stießen auf mich, mich zur Vibration zwingende. Ich wollte nur eines – Stille, Mich losreißen von den betäubenden Geräuschen der Stadt, der Gedanken, Erinnerungen,

Weglaufen hinter die Grenzen des Hörbaren…

Zeichen 2

Ich bin grenzwertig. Meine Grenzwertigkeit bestimmen die Ängste. Sie erlauben es nicht, zusammenzuwachsen mit den Gefühlen, die ich erlebe, erlauben es nicht diese zu genießen. Ich bin wie ein Halbblüter in der Gesellschaft von Menschen mit reinem, adligen Blut. Sie sind sich ihrer hohen Situation bewusst und bewegen sich mit einem geraden Rücken und einer überentwickelten Würde. Ich spüre immer eine Verklemmtheit und versuche die Blicke, welche auf mich gerichtet sind, zu umgehen.

Auch jetzt würde ich gerne fliehen. Dieses Fehlen von Luft von den aufkommenden Gefühlen jagte mir Angst ein und egal mit welchem Pathos es klingen würde, ich dachte immer, dass ich dafür nicht würdig bin. Diese Euphorie zu spüren gelang nicht mit meinem Blut, das vermischt war mit unreinen Flüssigkeiten.

Sie blickte auf mich, lächelnd, und die Ecken ihrer grünen Augen lächelten mit. Entweder fühlte sie meine Verlegenheit und Unsicherheit, oder sie spielte ein ihr lang bekanntes Spiel. Ich saß gegenüber und spürte ein ohrenbetäubendes, trommelartiges Klopfen des Herzens. Mir schien als ob mein ganzer Körper in jenem hysterischen Rhythmus bebe.

„Warum trinkst du nicht?“, sprach sie und nickte auf das Glas, welches ich in meiner Hand festhielt. Ihre Stimme klang selbstsicher, doch mir schien, dass sie etwas zu tief sei für die äußerliche Zerbrechlichkeit der Figur.

„Ich?“ fragte ich noch einmal und im Inneren wurde es kalt.

Sie lächelte noch mehr und sagte: „Ja, Gefällt es dir nicht?“

„Nein, einfach…einfach…“, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Tohuwabohu im Kopf füllte sich mit dem Verständnis dessen, dass meine Dummheit alle Rekorde schläft.

„Ich heiße Maja“, sagte sie und reichte mir die Hand.

Das operative System meines Verstehens des Geschehenen brach zusammen, ich konnte nicht einen einzigen nützlichen File finden. Doch die Selbststeuerung funktionierte und ich reichte ihr meine Hand. Warme Finger drückten meine Hand zusammen.

Für mich sind Berührungen sehr intim. Ich mag es nicht, wenn Unbekannte mich berühren oder sich mit „Bises“ austauschen wollen. Ich erlaube sogar manchen Freunden nicht, mich zu berühren. Möglicherweise ist es der innere Ekel. Oder meine Überzeugung, dass die Berührung eine Form der Übergabe von Energien ist. Und diese Substanz ist bei allen unterschiedlich.

Doch in diesem Moment setzte ich alles auf null und verstand nur wenig. Ich antwortetet mit einer Geste auf die Geste der Begrüßung. All meine Abgebremstheit war auf dem bisherigen Level und Maja nahm wieder die Initiative in ihre Hände.

„Hast du einen Namen?“

In diesem Moment, so schien es, arbeiteten alle vorrätigen Generatoren und ich versuchte zu scherzen.

„Ja, ich glaube als ich geboren wurde, wurde mir ein Name gegeben. Anja.“ ich trug den eigenen Namen mit Mühe vor. So als ob dieser fremd war und mir wenig bekannt.

„Anja also, fabelhaft! Hey, Sheri!“ sie hob die Hand nach oben und rief den Barmen. „Sheri, Krümmel, mache der jungen Frau Anna eine „Blaue Lagune“. Bat sie den herannahenden, subtilen Kerl mit großen Tunnels in den Ohren.

„Für dich, Biene, was auch immer du willst“, antwortete er.

„Bist du alleine oder mit jemandem?“ sie setzte sich neben mich auf den freien Stuhl.

„Ich bin mit einer Freundin hier. Sie…Ähm…ist zu Bekannten gegangen. Und ich, nun…“

„Trinkst du den ekligen Saft? Oder was ist das, eine Bohrmaschine?“ fragte sie, hob das Glas bis zu der Ebene der Augen, um zu verstehen, welches Getränk ich trinke.

„Nein, keine Bohrmaschine, einfach Apfelsinensaft. Ich trinke nicht.“

Maja lächelte.

„Wer trinkt hier? Ich glaube, alle probieren es nur so aus. Ich habe eine deutsche Bekannte aus Dresden, sie trinkt. Ich spreche nicht übers Bier. Das ist schließlich das Nationalgetränk, doch Wodka trinkt sie. Einmal waren wir…“

Und hier war die leise Pause vorbei und man hörte eine ohrenbetäubende Technomusik.

Dieser Ort war wahrscheinlich der einzig passende für Gays in unserer halb provinziellen Stadt. Die Musik dröhnte nicht die ganze Zeit. Die Pausen mit einer angenehmen, leisen Instrumentalmusik gaben dem Volk die Möglichkeit sich zu unterhalten. Der Klub war nicht groß, doch sehr gemütlich. Sofas, kurzbeinige Tische, Sitzsäcke, auf die sich alle mit Vergnügen schmissen, eine kleine Bühne in der Mitte und eine lange Bartheke, hinter der einige Barmänner standen. Gesichtskontrolle war Konvention, hier kannte fast jeder jeden.

Ntürlich war die weibliche Gesellschaft vorherrschend, genauer die Gemeinschaft, was Energien weitergab. Dieser unverständliche Ansatz einer aufgeregten Sexualität, einer gefühlt elektrischer Abgespanntheit, irgendeiner zärtlichen Sorge und gleichzeitig Aggression, das alles nahm ich auf und es war angenehm.

Ich ging selten an jene Orte, wo sich viel Volk versammelte. Ich hatte irgendeine unbestimmte Angst vor Ansammlungen von Menschen. Und wenn nicht Ritka gewesen wäre, die mich jetzt im Stich gelassen hat und verschwand, wäre ich nicht hier her gekommen.

Maja traf ich vor zwei Jahren an der Uni. Das war mein zweites Semester. Es wurde langweilig und ich reichte die Dokumente für ein Fernstudium ein im Bereich Jura. Ich kann nicht sagen, dass ich davon träumte, ein großer Jurist zu werden, nur musste ich mich mit etwas beschäftigen, und das Lernen ist meine langjährige Aufgabe, um nicht an die Gegenwart zu denken. Und in der Gegenwart gab es Einsamkeit, das Lesen der Bücher, die Langeweile der Mutter, eine langweilige Arbeit als Manager in einer kleinen Firma für die Organisation der Businessveranstaltungen.

Erste Stunde. Das Kennenlernen mit den erwachsenen Kursteilnehmern, die Noten der Lehrer und ein Geldkredit. Alles nach Standard und vorhersagbar. Außer zwei Treffen, die herausstachen und der Monotonie der Vorlesungen und nicht besonderer Unterhaltung mit den Teilnehmern. Die beiden fanden in der Universitätsbibliothek statt, an einem Tag, beide brachen meine Schablonenhaftigkeit.

Eine lange Literaturliste für die Fächer stimmte überein mit der langen Schlange in der Bibliothek, in der ich bereits 15 Minuten anstand. Ein Quadrat für die Ausgabe der Bücher war voller Studenten. Lachen, Kreischen, alles vermischte sich, und diese Kakophonie machte lebhaft und machte die Vorahnung auf etwas neues. Ich beobachtete, wie die junge Frau in ihrer Tasche wühlte und nichts finden konnte. Sie stand etwas weiter weg von dem versammelten Volk und wiederholte mit den Lippen „Fuck“.

Dann, nachdem sie die Geduld verloren hatte, schüttete sie alles aus der Tasche auf den Boden und begann in dem Inhalt zu graben, auf den Knien stehend. Doch wie seltsam, sie fand nicht das was sie suchte, nahm die Tasche mit Zorn in die Hand und begann in das Innere dieser zu schauen. Als sie eine der inneren Taschen aufmachte, die ich nicht sehen konnte, lächelte sie schief. Und ja, nach dem Gesetz des Genres, war das ein Glanzstift für die Lippen, rosafarben. Immer noch auf den Knien stehend, machte sie die Tube auf, nahm einen Handspiegel, welcher zwischen den Sachen lag und begann mit einem besonderen Vergnügen mit dem Pinsel ihren Mund zu bestreichen. Nach dem vollendeten Akt, räumte sie alles wieder in die Tasche ein, stand auf, richtete sich den Rock und gesellte sich sorgenlos zu ihren stöhnenden Freundinnen in der Schlange.

Für mich ist es immer eine Offenbarung, wenn vernünftige Menschen sich so verhalten. Das sind nicht mal Instinkte, das ist irgendeine glamouröse Hysterie, die sich im Gehirn festgesetzt hat und einen zwingt eine geschminkte Puppe zu sein. Obwohl ich eine professionelle Kosmetik mag, die die Schönheit der Frau unterstreicht und das verbirgt, was nicht für den allgemeinen Anblick geeignet ist. Bald war ich die Erste in der Schlange und stand neben der Theke. Das war eine Erschütterung: Vom Äußeren bis zur Stimme, von der Stimme bis zur Manier zu sprechen, von der Manier zu sprechen bis zum eigenen Können, sich zu halten. Vor mir stand die sogenannte „Mademoiselle Freken Bok“, eine Dame von betagtem Alter, runder Kurven, mit leuchtend roten Haaren ( solch eine Farbe entsteht wenn man das Haar mit Henna färbt) zusammengebunden zu einem Dutt im Nacken. Die Lippen, karottenfarben, bildeten eine Linie, die etwas zusammengekniffenen Augen schauten mich bewertend an, auf den Wangen war eine künstliche Röte, und die Falten unterstrichen mit feinen Linien ihr Alter. Ja, darin war etwas weiches. Ihre große Brust war etwas über die Theke gebeugt.

„Mein Kindlein, die Unwiderstehlichkeit ist allen bekannt. Was willst du?“, wandte sie sich abschätzig an mich.

„Bücher“, schoss es aus mir heraus vor Überraschung.

„Ja, so ist es, wir verkaufen hier keine Eiscreme. Was hast du da? Die Schlange wartet, Kindchen!“

Ich blickte mich um, so als wollte ich mich von ihren Worten überzeugen. In Stresssituationen und unerwarteten Situationen stehe ich oft wie vor einem Kurzschluss. Alle logischen Verbindungen reißen ab. Und ich erstarre dann oder beginne offensichtliche Dinge zu machen. Wie diesmal auch.

Zwei Helferinnen, junge Frauen von etwa neunzehn, zwanzig Jahren, standen schon hinter ihrem Rücken und blickten mich ebenso erwartungsvoll an.

„Ich benötige….hier ist die liste.“ kam es aus mir heraus.

„Kannst du lesen, Teure?“

„Allgemeines Recht, Rhetorik, Strafprozess, Bürgerlicher Prozess…“ begann ich aufzuzählen.

Ohne abzuwarten, bis ich zu ende lese, drehte sie sich zu den Frauen und sagte:

„Diese Schönheit ist von der Fernuni, Juristen, die Standartsammlung“, sagte sie direkt und schnell.

Die Frauen flogen in verschiedene Richtungen.

„Und nun höre zu, Kindchen. Ich heiße Margarita Mihajlovna. Mit mir muss man befreundet sein und mir was dafür geben.“

„Das ist vielleicht eine Wende“, dachte ich.

„Meine Gazellchen bringen dir gleich deine Bücher, und du bringst ihnen dafür nächstes Mal Schokolade, sie sind Naschkatzen, was soll man da tun. Und für mich Tesafilm.“

„Wozu brauchen Sie Tesafilm?“ fragte ich.

Sie wackelte mit dem Kopf und antwortete: „Ich mag es, neugierige Studenten herauszufordern.“

Jemandes grober Bass hinter meinem Rücken rief: „Guten Tag, Margarita Mihajlovna!“

„Bist das du Volkov?“ fragte sie cool.

„Ja!“ antwortete der Kerl. „Ich habe Tesafilm mitgebracht.“

„Dein Tesafilm wird dir nicht helfen, Volkov, solange du Internationales Recht nicht bestanden hast.“

„Ich habe es bestanden.“

„Volkov, ärgere mich nicht“, sagte Margarita Mihajlovna lächelnd.

Hinter meinem Rücken lachte dieselbe Stimme laut.

In diesem Augenblick setzte sich Margarita Mihajlovna an den Tisch, der neben der Theke stand, setzte sich die Brille auf und wandte sich an mich.

„Kindchen, wollen Sie einen Leseschein?“

Ich nickte.

„Wie heißt du? Gib mir deine Angaben. Oh Gottchen!“

Ich reichte ihr eine Karte.

„Das heißt du heißt Anna Krylova. So tragen wir es ein.“

In der Schlange tuschelte man mit verschiedenen Stimmen, wellenartig rollte das Lachenm und ich blickte auf die feurig rote Krone dieser charismatischen Frau und wusste bereits, dass sich mich bezaubert hat. Noch einige Minuten trug Margarita Mihajlovna mit einer geraden, kalligrafischen Schrift meine Daten in den Leseschein ein.

Dann hob sie die Augen, wollte etwas fragen, doch da tauchte ein junges Fräulein auf und drückte mich schmerzhaft weg mit ihrem Ellenbogen. Sie sah einer Blume ähnlich: aschblondes Haar, eine weit geöffnete leuchtend-rote Bluse, blaue Jeans, rote Strrümpfe mit weißen Streifen und gelbe Schuhe.

„Margarita Mihajlovna“, sagte sie fast schreiend. „Ich brauche dringen die Kas. Geschichte, sofort!“

„Pasechko, hör auf zu schreien, ich bin nicht taub“, antwortete leise Margarita Mihajlovna. „Du hast es schon letzte Woche gemacht. Was nun?“

„Ja, Mist, es ist doof gelaufen. Ich dachte sie borgt mir…“, sie stutzte, sich erinnernde. „Ich benötige es unbedingt, Margarita Mihajlovna. Ich werde eine Woche im Archiv Bücher kleben, wirklich, geben Sie es mir.“

Nun Liebes, ich habe dich nicht gezwungen. Du musst am Montag nach der Vorlesung im Nebenraum sitzen. Wenn du nicht kommst, brauchst du dich mir nicht mehr zu zeigen, verstanden?“

„Ja!“ die junge Frau sprang fröhlich auf einer Stelle.

Und Margarita Mihajlovna stand langsam auf und ging eilend zum Bücherregal.

In dieser Zeit brachte ihre zwei Helferinnen, wie auf Befehl, jede einen Stapel Bücher für mich. Sie trafen sich, als ob sie sich lange Zeit nicht gesehen haben und begannen etwas auf kasachisch zu beraten. Ihre gelassene Chefin zeigte sich nach einer Minute und hielt in ihrer Hand ein zerrissenes Buch.

„Dieses bringst du auch in Ordnung“, sagte Margarita Mihajlovna streng und legte das Buch auf das Regal vor de lächelnden Paradiesvogel. „Unterschreibe die Karte und weg mit dir, Frechdachs.“

Die junge Frau ging ging genauso strebsam weg wie sie aufgetaucht war.

„Nun mit dir Krylova.“, sie nickte ihren Helferinnen und diese begannen Karten herauszuholen aus den Büchern und mir diese zu geben, damit ich sie unterschreibe. „Die Bücher darf man nicht behalten, vorsichtig mit ihnen umgehen, wenn die Vorlesung zu ende ist, bring sie zurück.“

Ich nickte auf ihre Worte und unterschrieb die Karten.

Als ich die Bücher in den Rucksack steckte, verstand ich, dass es mehr Bücher waren, als ich bekommen habe. Ein fragender Blick, gerichtet auf Margarita Mihajlovna, wurde richtig interpretiert.

„Den Rest holst du später ab, die brauchst du nicht bis zur zweiten Vorlesung“, sagte sie kategorisch und verabschiedete sich: „Tschüss, Krylova!“

Nach diesen Worten schubsten mich die hinter mir stehenden nach vorne, okkupierten sofort die Theke und mir blieb nichts anderes übrig als mich durchzuschlagen zum Ausgang. Ich versuchte den vollen Rucksack auf die Schulter zu hängen und entdeckte mit dem Seitenblick irgendwelche Bewegungen. Ich drehte den Kopf und sah zwei junge Frauen, in der Mitte der Schlange, sie blickten einander an und gestikulierten ohne Geräusche.

Das war ein gedankenloser, komischer Tanz von vier Händen. Ich verstand, dass die Tauben Gesprächspartnerinnen sich wegen irgendetwas streiten. Die Gesten von beiden Seiten, waren abrupt. Mal wackelte die eine, mal die andere mit dem Kopf, wahrscheinlich müde von den Erklärungen. Unsere Blicke trafen sich.

Das war die zweite Erschütterung des Tages. Ich wurde in die Tiefe gezogen, ich machte die Augen auf und schaute nach oben. Der Körper dampfte, die Sonne flüsterte etwas zu, mit einem gelben Fleck, und alles war so sorgenvoll für mich und neu dieses Gefühl, dass ich sogar keine Angst spürte. Ich wurde vom Paten herausgeholt.

Nun sank ich tief. Mit derselben Sorge, mit derselben Verschwommenheit alles Umgebenden, mit demselben Gefühl von mir trug selbst. Diese Sekunde reichte für ihren Blick.

Sie drehte sich wieder zu ihrer Gesprächspartnerin und gestikulierte wieder schnell. Meine Bücher brachten mich wieder zu mir selbst und ich trug sie aus der Bibliothek. Die Realität bekam einen Riss.

Zeichen 3

Ich wachte mit Kopfschmerzen auf. Ich hasse diesen Zustand eines faulen Apfels, wenn jede Bewegung eine weitere Erschütterung ist, wie ein Gele im Kopf.

Die Augenlider heben sich langsam, und die roten Augen – ein Protest irgendetwas zu tun. Doch man muss aufstehen, gehen, sich beeilen und arbeiten. Und…Sie rief an. Die dreitägige Quarantäne war längst vorbei, sowie die Woche. Eine ganze Woche. Ich wurde zerbrochen wie ein Weidenzweig vor Ostern.

Das Aufstehen vom Bett gelang mir nur mit Mühe. Ich riss den Kopf vom Kissen wie einen angetrockneten Kaugummi vom Stuhl. Die Dusche half nicht. Das Wasser, welches wie Eiszapfen die Haare entlang floss, zog den Schmerz hinter sich. Und der Tropfe, sich von einer Haarsträhne los reißend, schuechte wie eine Sprungfeder den Schmerz zurück zu der Quelle seines Ursprungs. Jeans, Hemd, eine dunkle Weste, Schuhe „unisex“ und eine leichte Jacke wurden automatisch angezogen. Gut, dass heute Freitag ist und der inoffizielle Dresscode geht auch so durch, ohne Folgen.

Ich – Zombie ging nach draußen.

„Annushka! Annushka, bleib stehen!“ schrie mit einer piepsigen Stimme Ekaterina Matveevna, die Älteste des Hauses.

„Oh, Gott, nur nicht heute!“, dachte ich, bereits wissend, dass der Tag scheußlich sein wird.

Die herannahende, füllige Dame, versuchte in mich eine Masse an Informationen zu schieben. Ich fing nur diese auf, dass heute, um sieben Uhr Abends ein Treffen der Bewohner statt finden wird. Die Liste mit den Fragen für die Besprechung ist groß und ich muss dabei sein.

Ich nickte, beugte mich vor Schmerz, sagte „gut“ und ging schnellen Schrittes zur Bushaltestelle.

Die Sonnenbrille löschte die Strahlen der spielenden Frühlingssonne und die Blicke der Vorbeigehenden. Diese dunkle Abschirmung half mir immer dabei, mich von der Umgebung zu distanzieren.

Bushaltestelle. Drei Jugendliche von ca. zwölf Jahren quatschten über die bevorstehende Klassenarbeit und machten sich über die Lehrerin lustig.

Ein altes Weiblein saß friedlich auf der Bank und ich lehnte mich an den Pfeiler, der das Dach der Bushaltestelle fest hielt, betrachtete das riesige Werbeplakat, welches an der Hauswand hing, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße.

„Die Waschmaschine wir alles für Sie erledigen!“ „Wird sie für mich arbeiten gehen?“, dachte ich.

„Gott, wie stupide. Warum habe ich sie selbst nicht nach der Telefonnummer gefragt? Wobei, ist jetzt auch egal, ich hätte sie sowieso nicht angerufen. Ich rufe nicht an, trinke und rauche nicht. Nur „nicht“ und es gibt tatsächlich nichts.“

Der Kopf schmerzte immer noch. Eins der seltsamen Dinge meines Charakters, ist ein bewusster Masochismus. Noch in der Kindheit hielt ich viel aus. Ich begann nicht zu weinen, bis der Schmerz unerträglich wurde, öffnete immer die Wunden und mit einem trüben Vergnügen schaute ich, wie aus der Wunde das Blut zu fließen begann.

Ich mochte es, schmerzhafte Gefühle zu erforschen: das tropfende Wachs der Kerze auf die Handfläche: die Knusprigkeit der Weidenrute auf den Oberschenkel; der Effekt eines Gummibandes auf dem nackten Körper. Vielleicht ist es ein unbewusstes Verhalten des Opfers? Nun auch jetzt, während ich Bus fuhr, durchging meine Supergeduld eine bestimmte Prüfung. Der Kopf wurde zu einer Glocke, die den ganzen Körper mit Schmerz füllte. Ich beschloss, dass sobald ich auf der Arbeit bin, ich eine Tablette einnehmen werde.

Zwanzig Minuten der Sorge gingen zu ende, ich sprang nach draußen, noch fünf Minuten zu Fuß, dritte Etage, Büro, der Tisch links am Fenster, eine Schublade und der „Spazmaglon“. Das Wasser, kauen, schlucken. Bald geht es mir besser.

„Anja, Anja, was ist mit dir?“, hörte ich Veras Stimme und hob den Kopf. „Anja, was ist passiert“, wiederholte Lejra mit einem direkten Blick.

„Ich habe Kopfschmerzen.“

„Ich komme zu dir „Hallo!“ Und du, sitzt da mit gesenktem Kopf, die Hände verschlossen. Ich dachte schon es ist was ernstes. Hast du die Tablette eingenommen?“

„Habe ich.“

„Nun gut. Doch wirklich, es ist alles okay, warum bist du so blass?“ sagte Vera mit Teilnahme.

„Mach dir keine Sorgen. Es ist alles okay.“

Vera blickte mich noch einmal aufmerksam an, machte mit den Fingern ein Zeichen, dass sie mich beobachtet und verließ das Büro. Das war ihr Morgenritual. Sie kam in das Büro, zog die Oberkleidung aus, nahm die Tasche und ging in das Damenzimmer, um die Schminke aufzufrischen. Die Prozedur bestand aus dem Folgenden: Tuschen der Wimpern, Korrektur des Lippenstiftes, das Richten der Frisur, seinem idealen Spiegelbild zulächeln und zurückkehren in das Büro, kampfbereit für die „fruchtbare Arbeit für den Segen unserer Firma.“

„Anjuta, der Tag ist wundervoll!“ sagte Vera als sie zurückkehrte. Sie schmiss die Tasche auf ihren Sessel und ging zum Fenster.

„Meine Schönheiten!“ trug Vera mit einer kindlichen vor. Die Zimmerpflanzen waren ihre Leidenschaft. Die grünen Okkupanten nahmen alle Fensterbänke ein, standen auf den hohen Regalen, dem Schränkchen und einer Theke, bestehend aus drei Regalen, direkt neben dem Tisch der Hausherrin.

„Anja, sind die deinen weggeflogen? Semen hat gestern den Chef befragt.“

„Ja, sind sie. Der Chauffeur hat mich angerufen. Der Flug wurde zweimal unterbrochen, doch dann ging alles gut.“

Vera umging die „grünen Liebhaber“, goss einige von ihnen, bei anderen grub sie die Erde etwas durch, bei wieder andren brach sie die vergilbten Blätter ab und setzte sich mit einem zufriedenen Blick an ihren Tisch.

Zu diesem Zeitpunkt wurde mein Kopf ganz leer. Der Schmerz war vorüber und nur einige unbequeme Noten stöhnten noch zum Takt dieser Glocke, die mich seit dem Morgen quälte.

Ich blickte auf den Monitor. Oh Gott, diese unendlichen Briefe. Bald wachen die Telefone auf, die Leitung wird aktiviert und es beginnt der routinierte Kreislauf – vorlesen, aufschreiben, versdenden, anrufen, abstimmen, antworten, erinnern, anmachen, durchstreichen, nicht vergessen. Wir leben und arbeiten mit Verben.

Der in den Raum eingetretene Semen störte meine Philosophieren.

„Guten Morgen! Anja, sind deine Speaker weggeflogen?“

„Ja, sind die.“

„Gut, rufe den Koordinator an, einer der beiden ist Vegetarier. Sollen sie ein Menü ohne Fleisch auswählen.“

„Ich habe bereits Bescheid gesagt.“

„Erinnere sie nochmal daran.“

„Sofort!“ murmelte ich.

Erst vor ein paar Monaten saß Semen mir gegenüber, genauso ein Manager, und er schmipfte auf den leitenden Manager, der ihm befahl, was man machen sollte.

Semen ging zu seinem Büro, und ich, wie gewohnt, lächelte ihm nach.

Sein Gang machte mich immer fröhlich. Bei jedem Schritt, so schien es, hüpfte er, es hüpfte auch das Gesäß, die Hose hoch hebend, sodass man die Anfänge der geputzten Schuhe sehen konnte. Seine Bewegungen erinnerten an den Tanz von Afroamerikanerinnen, füllige, die sich rhythmisch mit ihren Gesäßen zum Takt der Trommeln bewegten.

Das Telefon klingelte. Es begann.

Am Abend küsste mich Vera auf die Wange und flog zu einem Treffen, und ich saß noch vor dem Computer, eine Mail zu ende schreibend. Ich wollte nicht nachhause. Morgen ist Wochenende und ich habe keine Pläne und Wünsche.

Maja rief nicht an.

„Was machst du hier?“, Semen verließ das Büro und machte die Tür zu.

„Ich schreibe eine Mail zu ende.“

„Anja, höre zu. Ähm…ich mag es nicht, wie du mir manchmal antwortest, mit welcher Tonlage. Ähm, meine Postion hat sich verändert. Ich bin nun dein Leiter…Und die Befolgung der Subordination hat niemand verschoben“, er stand in der Nähe des Tisches und drückte den henkel der Tasche für den Laptop. „Ich hoffe, du verstehst mich?“

Ich blickte auf Semen und konnte nicht glauben, dass der ehemalige Nörgler, welcher sich immer auf seine Ehefrau beschwerte, die sich nach dem Sex zur Wand dreht, sowie auf die Schwiegermutter, die ständig unzufrieden ist mit ihrem faulen Schwiegersohn, erteilt mir heute Befehle. Ich atmete aus und langsam und genau jedes Wort vortragend, antwortete ich.

„Natürlich, Semen Aleksandrovich, ich verstehe alles. Mein Verhalten wird angemessen sein, und der Ton höflich“, ich wollte noch hinzufügen: „Um ehrlich zu sein, scher dich zum..“, doch ich drehte mich um und blickte in den Laptop.

„Nun gut. Auf wiedersehen!“

Ich blieb still.

Als ich das Haus erreichte, sah ich die Nachbarn. Eaterina Matveevna sammelte Unterschriften bei denen, die noch nicht weg gegangen sind. Ich wollte mich umdrehen und das Haus von der anderen Seite umkreisen, damit sie mich nicht bemerkt, doch das war zu spät. Ekaterina Matveevna blickte auf mich und winkte mir zu als Zeichen, dass ich zu ihr kommen sollte.

„Annushka, du hast es versprochen. Wir haben bereits alles besprochen“, ihr Piepsen nach den Phrasen, bohrten sich in die Ohren.

„Wir haben kein Geld für eine Renovierung des dritten und vierten Treppenhauses. Unterschreibe hier, wir werden zusätzlich sammeln. Dann haben wir noch eine neue Gemeinschaft für das Aufräumen bestimmt. Man beginnt im nächsten Quartal das Dach zu reparieren“, sie sprach ohne Pausen. „Das Licht blinkte vor ein paar Tagen, jemand hat sich uns angeschlossen. In den Aufzügen wurden alle Plakate abgerissen, sie haben nicht das Recht, diese dort aufzuhängen. Ja wir haben einen neuen Leiter…

Ich wollte dass diese Tortur aufhört.

Nach zehn Minuten schaffte ich es mich vor der Ältesten zurückzuziehen, und nur deswegen, weils sie umschaltete auf die lokale Katzenliebhaberin. Sie schmiss sich sofort auf die erschrockene Frau, wegen der Beschwernisse der Bewohner auf den Geruch.

Der gestrige Salat mit Lachs wurde schlecht. Es gab kein Brot. Ich kochte mir einen Zimttee, schnitt ein Stück des Cheddars ab. Die Tischlampe in Form eines Kolbens mit schwimmenden, neonfarbenen Medusen, warf ungerade Schatten auf die Wände. Die Vorhänge waren zu und Stille.

Die Erwartung, das ist ein Kampf mit der Zeit. Wenn der Rhythmus des Lebens deutlich wird. Du läufst wie gewohnt, doch spürst du jeden Schritt, durchlebst ihn tiefer, hoffend, dass dies der letzte sein wird. Und wenn er da ist, dann kann man stehen bleiben, ein Häckchen in der Zeit stellen. Mein Kampf endete mit nichts.

Sie wird nicht anrufen.

Zeichen 4

Der Zufall, genau der, verändert manchmal das gängige Sujet des Lebens. Sollte man darüber nachdenken, warum das Schicksal diese Überraschungen bereit hält? Wobei, wer wird antworten? Die Analyse funktioniert später, wenn du jenen Moment, der alles verändert hat, verfluchst oder ihm dankst. Der Kaffee wurde kalt. Ritka war immer noch enttäuscht von dem Verhalten ihrer „Ehemaligen“.

„Sie klebte sich an mich, wobei Kitti, noch schlimmer als sie selbst, zehn Meter weiter stand. Ich sage ihr: „Bist du etwa krank?“ Und sie zu mir: „Ich habe Sehnsucht. Kannst du es dir vorstellen? Du hattest recht, als du sagtest, sie sei nicht adäquat. Genau!“

Ich blätterte die Fotos auf Ritas Telefon.

Lächelnde Gesichter, Grimassen, heraus gestreckte Zungen, Fratzen, wie gewohnt. Diese Serie der Fotografien unterschied sich nicht von den hundert vorigen, von den Abenden, an denen die fröhliche und offene Rita der Stammgast war. Ich strich maschinell auf den Bildschirm, ohne die Gesichter zu unterscheiden, da blieb mein Finger auf einer Fotografie zweier Frauen stehen. Die eine kannte ich, die andere erkannte ich.

„Wer ist es?“, unterbrach ich Ritka.

„Wo? Das ist Maja.“

„Welche Maja?“ die Stimme zitterte.

„Maja, sie kam mit der rothaarigen Tanka. Kann super tanzen. Warum bist du so angespannt?“

„Ich habe sie in der Uni gesehen, als ich das Fernstudium machte. Erinnerst du dich? Ich hatte es dir erzählt.“

„Aaah, das ist diese Taubstumme? Doch sie kann sprechen, und wie.“

„Sie ist nicht taubstumm, sie ist ein super Übersetzer, ihre Freundin war taubstumm.“

Ich nippte am kalten Kaffee und erinnerte mich, wie wir Tee mit Kommilitonen tranken, in der Unimensa. Die Vorlesung zur Rhetorik war zu ende. Die junge Dozentin hat es nicht geschafft, die Wörter zu verbinden.

Mich enttäuscht die Inkompetenz. Rhetorik, oratorische Kunst, wo ist es?

Der Gebrauch von parasitären Worten, die nicht richtige Setzung der Akzent, im Endeffekt nennt sich der Mensch Pädagoge und bringt dazu noch bei Reden zu halten. Lustig und widerwärtig zugleich. Und solche Menschen werden von nichts in Verlegenheit gebracht. Ich sprang auf dem Stuhl vor Empörung und meine Kommilitonen, beide um die vierzig Jahre alt, lächelten herabwürdigend auf meine Empörungen. Ich wackelte mit den Händen und hätte fast den tee vergossen, und als ich den Becher rechtzeitig schnappte, erblickte ich die schweigenden Gesprächspartnerinnen aus der Bibliothek. Seit dem Treffen sind einige Monate vergangen und während ich auf den Fluren der Universitäten umher irrte, hielt ich Ausschau auf die vorbeigehenden Studenten, in der Hoffnung, sie zu treffen. Genauer sie.

Maja ging vorne. Ein schwarzes Hemd, ein offener weißer Pullover, blaue Jenas, leuchtend rote Schuhe. Ihre Begleiterin hatte etwas an, woran ich mich nicht erinnern konnte.

Mein abruptes Schweigen und die Blässe erschreckten meine Kommilitoninnen.

„Was ist geschehen? Geht es dir schlecht?“, rollten die Fragen. Ich machte den Witz, dass ich manchmal hängen bleiben wie ein Computer , der von einem Virus angehalten wird. Und ich versuchte nicht in Richtung des Tisches zu blicken, an dem Maja und ihre zweite Hälfte saßen.

Ich beschäftigte mich oft mit der Frage, was uns am anderen Menschen so anzieht? Welcher Trigger funktioniert plötzlich und welcher Gedanken daran schmeißt die angenommene Norm um? Ist es vielleicht das unbewusste Streben einen Doppler zu finden, sich selbst bis zur Ganzheit zu füllen? Chemie? Karmischer Kontakt aus dem früheren Leben? Was? Und das wichtigste ist, es gibt nichts konkretes, nicht für sich selbst, nicht für andere, es gefällt einem einfach, das war es. Du spürst es und willst es spüren.

Zum Ende der zweiten Vorlesung, als ich die Bücher abgab, kam ich mit Margarita Mihajlovna ins Gespräch.

„Du wirst die Kriminalistik lernen, Kindchen. Ajgul Serikovna wickelt keine Geschäfte ab, nimmt nichts an. Prinzipiell. Es sollte mehr von solchen geben, vielleicht ist in euren Köpfen etwas geblieben.“ Sie schaute mich aufmerksam an über der Brille.

„Und der strafrechtliche Prozess?“

„Bin ich etwa die Auskunft? Krylova, man muss lernen!“

„Ja, ich verstehe…Margarita Mihajlovna, Sie kennen doch alle?“

„Wozu die Frage? Hm?, fragte sie erzürnt.

„Ich habe die jungen, taubstummen Frauen gesehen…wie können…wie können sie…lernen…sie sind doch…“

„Krylova, bist du etwa ein Spion oder von Natur aus so neugierig?“

„Nun, einfach so…interessant…“

„Warum wirst du so rot. Du sollst kein Spion sein. Nur die eine der beiden studiert in der juristischen Fakultät, jene, die höher ist, die Blinde. Die dunkelhaarige ist ihre Übersetzerin.“

„Margarita Mihajlovna, sind sie…“

„Oh Gott, Krylova! Hast Bücher abgegeben, Schokolade, Tesafilm. Nun bist du frei.“

In der nächsten Sekunde hörte ich.

„Tschüss, Krylova!“, was bedeutete, dass es keine Fortsetzung geben wird.

Rita und ich zitterten. Die Bedienung ließ das Tablett fallen. Wir beobachteten einige Minuten, wie der herannahende Manager sich vor den Besuchern entschuldigt, die mit Kaffelatte beschmutzt wurden. Und der daneben stehende, plumpe Kellner setzt sich die ganze Zeit in die Hocke, als ob er auf Toilette müsste.

„Sie ist oft in den Bermudas“. Ich konnte dich nicht mitschleppen dahin, doch vielleicht bist du diesmal einverstanden?“ Ritka kniff die Augen zusammen und blickte mich an.

„Du weißt doch, wie ich mich gegenüber großen Anhäufungen von Menschen verhalte. Und die Musik dröhnt?“

„Und Maja wird auch vor Ort sein! Ich habe bereits damals verstanden, dass du ein Aug auf sie geworfen hat. Ich gehe am Samstag. Und du?“

„Ritka!“

„Anjka, hab dich nicht so. Sonst wirst du ganz wild. Wenn du nicht gehst, werde ich selber zu ihr gehen. Schaue.!“

Ritka fand eine weitere Fotografie, auf der Maja, ein Glas in der Hand hielt. Sie lächelte und warf den Kopf etwas zurück, sodass man auf ihrem Ohrläppchen drei Ohrringe sehen konnte.

Dieses Bild hat sich irgendwie wiederholt. Wir trafen uns bereits drei Monate. Auf der Datscha unserer gemeinsamen Bekannten gab es ca. zwanzig Menschen. Ein Zweietagenhaus, eine große Veranda, und hinter dem Haus Himbeerhecken. Die Sonne ging langsam unter. Die Hitze verschwand. Musik, Alkohol, Snacks – eine Freude. Maja nahm meine Hand.

„Lass uns Himbeeren sammeln gehen?“

„Was ist mit den Mädels? Wir wollten doch Krokodil spielen?“, ich beobachtete, wie die Herrin der Datscha, die Anwesenden in zwei Teams teilte.

„Zum Teufel mit dem Krokodil. Die Himbeeren sind süß.“ Sie umarmte mich und küsste mich in den Nacken. „Komm, ich werde dich füttern.“

„Damit hätte man anfangen sollen.“

Maja ging vor mir. Ich eilte ihr hinterher, nachdem ich den Schnürsenkel auf dem Turnschuh zugebunden hatte. Als ich mich in die Höhe streckte, stand sie bereits bis zu Taille im grünen Laub mit einem Glas in der Hand. Damals dachte ich, dass ich es bereits irgendwo gesehen hatte. Und Maja pflückte die erste Beere und rief mich.

Ihre Lippen nahmen den Geschmack von Himbeeren an. Dann, bei jedem Kuss, spürte ich diesen. Wir haben uns viele Kratzer eingefangen, als wir uns durch die Dornen kämpften auf eine Insel, die frei ist von der Hecke, in die Nähe einer großen Eiche.

„Ich verstehe, dass die süße Himbeere nicht das wichtigste war in deinem Vorschlag?“

Maja lag neben mir und öffnete mein Hemd.

„Ich würde sagen, das aller unwichtigste, doch köstliche“, ihre Hand kroch unter meinen BH. „Du hättest es ahnen sollen, Erdbeere, Himbeere, ist doch alles dasselbe. Nun wird unsere Erdbeere unsere Himbeere sein.

„Kindchen, du bist durch Pornofilme ruiniert!“

„Und wie!“

Ihre Lippen berührten die meinen und sie zog sich sofort zurück, ohne den Kuss zu verlängern.

„Wirst du mich noch lange so weiter ärgern? Ich…“

„Weniger Worte.“

Maja zog ihr Tshirt aus und ich spürte ihre Wärme. Sie zog sich nicht mehr zurück…

Ich nahm ihre Hand weg und stand auf. Maja zog ihren Pullover dichter an ihren Körper. Im Haus schliefen noch diejenigen, die am Abend nicht weggefahren waren. Ich ging von der zweiten Etage hinunter nach draußen.

Es gab so viele Sterne.

Nie hat jemand nachgezählt, wie oft sich der Mensch im Moment des Glückes befindet. Genau in jenem Moment, wenn du dir nichts vorstellst, nichts wünscht, und doch die Fülle des Moments spürst. In mir war die ganze Welt. Ein seltsames Gefühl der Vollkommenheit und einer stillen Freude. Das Zirpen der Grillen, Zwergohreulen, die irgendwo in der Nähe saßen, die feuchte Kühle der Nacht. Mein Moment des Glückes, der für immer bleibt.

Zeichen 5

Dieser gefleckte Tag war leuchtend. Die Sonne war wahnsinnig von den aufkommenden Wolken und erst als sie sich wieder zeigte, brannte sie mit einer doppelten Kraft. Es war trocken, heiß, angenehm.

Wir gingen in der Stadt spazieren, in meiner Stadt, die mit ihr zusammen, so anders zu sein schien. Die ruhigen Gartenanlagen wurden durch die Vogellaute laut. Schmale Gassen schienen breit zu sein, davon, dass sie weit vor mir ging. Graue Fünfetagenhäuser machten einen nicht mehr betäubt von ihrer mausgrauen Farbe. Und ich konnte nicht verstehen, wie wir die Welt wahrnehmen, wenn jemandes Vorhandensein diese Weltwahrnehmung verändert.

Wir setzten uns neben die Fontäne in der Nähe des Opern – und Balletttheaters. Die zu uns fliegenden Spritzer erfrischten uns und machten uns angenehm wach. Maja versteckte das Grün ihrer Augen, kniff diese zusammen, auf die Sonne blickend. Ich, mit meiner Sonnenbrille, beobachtete sie mit Vergnügen, ohne darauf zu achten, dass sie den direkten Blick bemerkt. Ich spürte immer noch das Unbehagen neben ihr und wusste nichts mit meinen Händen anzufangen als ich auf der Bank saß. Mal legte ich sie zusammen, mal kreuzte ich sie vor der Brust, mal legte ich die Handflächen auf die Knie, wie ein anständiges Kindergartenkind. Maja näherte sich mir, wahrscheinlich weil sie Mitleid mit mir hatte, ihre Finger rutschten unter meine Handfläche und drückten sie zusammen.

„Weißt du“, sagte sie zu mir, auf die Fontäne blickend, „mein Vater brachte mich in der Kindheit oft hierher. ER mochte es, die Tauben zu füttern. Und ich kann diese nicht ausstehen.

Sie drehte sich zu mir, blickte mich an, lächelt.

„Warum?“

„Weil ich schon damals Mädchen mehr mochte.“

„Aber Tauben und Menschen, das ist doch…“

„Mache dir keine Sorgen“, unterbrach sie mich, „ich mache Witze. Ich mochte es einfach nicht, mit meinem Vater spazieren zu gehen. Ich schämte mich für ihn, verstehst du?“

„Nein, verstehe ich nicht.“

„Man schaute uns immer an. Taubstumme ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Wie die Menschen mit Behinderungen oder Blinde, also Minderheiten. Ich erinnere mich, ich war traurig, ich habe doch gehört. Und man schaute mich an, so wie einen Vater und eine Mutter.

„Schauen die Menschen irgendwie besonders?“

„Natürlich. Mit Neugierde und Mitleid. Nun gut. Erzähle von dir.“

„Ich? Was soll ich da erzählen?“

„Entschuldige, ich habe keinen Fragebogen mitgebracht.“

„Ich habe dich bereits vor dem Klub gesehen“, strömte es aus mir, um wenigstens irgendetwas zu sagen.

„Ja, und wo?“

„In der Universität. Ich studiere in der Juristischen Fakultät, und du warst mit einer Frau zusammen, die in der Journalistischen studierte.“

„Ja, das stimmt. Ich half Lena.“ Maja sprach den Namen so weich aus, dass es mich berührte. „Sie hört schlecht, manchmal hat sie nicht alles verstanden.“

„Wie wurdest du zu einem Gebärdensprachedolmetscher ?“

„Alles ist vorbestimmt. Wenn du in eine Familie von Tauben geboren wurdest und selbst hörst, dann hast du den direkten Weg dazu. Ich kenne seit meiner Kindheit die Sprache der Gesten. Nach der Schule, Universität in Nowosibirsk. Dort lebt Mamas Schwester. Und nun bin ich ein Dolmetscher für Gebärdensprache. Und wer bist du?“

„Ich bin Biologielehrerin, jedoch nicht ausgebildet. Nach zwei Praktika wurde klar, aus mir wird kein Pädagoge. Nun organisiere ich Business-Veranstaltungen, Konferenzen, Seminare.“

„Du selbst?“

„Nein, unsere Firma beschäftigt sich damit.“

„Hör mal, es ist so heiß. Lass uns Wasser kaufen“, sie stand auf. „Es ist auch so heiß, weil du in der Nähe bist.“

Es wurde tatsächlich heiß.

So war es nach dem Tanzmarathon, auf welches mich Ritka mitgeschleppt hat. Sie hat mich ca. zwanzig Minuten nicht von der Tanzfläche gelassen. Am Ende spürte ich, dass ich bald falle und vor Hitze sterbe, von dem trockenen Hals und dem Pulsieren im ganzen Körper.

In der Toilette war wie gewohnt eine Schlange. Gut, dass wenigstens eines der Waschbecken frei war. Das kalte Wasser half. Das glühende Gesicht hörte auf zu brennen, zwei Schlucke retteten den Hals.

Als ich raus ging, traf ich Maja.

„Oh, entschuldige!“

„Alles gut. Wie hat dir die „Blaue Lagune“ gefallen?

„Ja, sehr gut!“, das Zittern kehrte zurück.

Ich war böse auf mich, welche Reaktion des Organismus? Oder ist es ein Adrenalinbruch oder ist es Maja, in meinem System der Koordinaten, die ein Punkt der Instabilität darstellt?

„Wenn so, dann kannst du mir vielleicht deine Nummer geben?“

„Nun, ich gebe nicht allen meine Nummer“, wunderte ich mich über mich selbst, dass ich dies aussprach.

„Nun, ich gebe nicht allen ein Cocktail aus“, Maja näherte sich mit, einige Frauen streiften sich, als sie zur Toilette gingen. „Nun denn?“

Sie nahm ihr Telefon aus der Jeansjacke heraus.

Ihre Nähe schaltete den Widerstand aus, und in einem Halbtrancezustand nannte ich die Ziffern.

„Ich werde dich anrufen“, sagte sie und ging zur Tür der Toilette, dann drehte sie sich um, lächelte und fügte hinzu: „Bis bald, Anja!“

Ich konnte nicht schlafen. Dazu kam, dass nach ein paar Stunden dröhnender Musik im Kopf ein nicht endend wollender Lärm ertönte und wie auf einer Aufnahme sich alles wiederholte: „Bis bald, Anja!“ Ich wartete auf den Morgen, auf den neuen Tag, dass sie anruft.

„Klingelt dein Telefon?“, Maja reichte mir die kalte Flasche.

„Ja, entschuldige.“

Ich ging zur Seite. Das war Mama, die anrief. Wie immer, begann sie damit, dass ich sie lange nicht besucht habe. Sie erinnerte daran, dass Sergej morgen Geburtstag hat und sie unbedingt wollen, dass ich dabei bin. Ich versprach ihnen, dass ich da sein werde, sonst würde ich sie nicht loswerden. Meine Mutter war zufrieden mit meinem Versprechen, stellte noch ein paar Fragen und legte dann den Hörer auf.

„Entschuldige. Das war meine Mutter.“

„Du hast dich nicht begeistert mit ihr unterhalten.“

„Ja, der Stiefvater hat morgen Geburtstag.“

„Ich sehe, du bist nicht froh darüber. Schwierige Verhältnisse?“

„Wahrscheinlich.“

Maja hob erstaunt die Augenbrauen.

„Mutter und Vater haben sich scheiden lassen, als ich dreizehn war. Nach zwei Jahren kam Sergej dazu. Er ist okay, versuchte mit mir eine gemeinsame Sprache zu finden. Er liebt meine Mutter. Doch ich kann nichts machen, alles nervt mich.“

„So was kommt vor, das kenne ich von mir selbst. Und, wirst du hingehen?“

„Nein, ich denke mir eine Lüge aus.“

„Du bist also ein schlechtes Mädchen.“, Maja lächelte.

„Und wie, du kennst mich noch nicht.“

„Ist es eine Warnung?“

„Eine Tatsache.“

„Ich mag unanständige Frauen“, sie machte eine Pause. „Inspiriert mich.“

Es wurde wieder heiß-

Wir gingen noch einige Quartale und bogen in den Park ab. Auf schmalen Alleen gingen Mütter mit Kinderwagen spazieren, auf den Bänke erholten sich Rentner, sich lebhaft unterhaltend, mal hier, mal dort, auf dem Gras, saßen Pärchen. Wir setzten uns in den Schatten eines hohen Kastanienbaums. Das weiche Gras war angenehm kühl. Ich beobachtete wie in der Weite aus einem Rohr, Wasser in einem Rinnsal fließt und dachte, wenn es nicht vor zwei tagen geregnet hätte, wäre Maja jetzt nicht bei mir.

Ich bat Sergej um einen freien Tag. Die Woche zuvor blieb ich immer bis neun im Büro, bereitete mich auf die Konferenzen vor. Es regnete und ich war froh, nirgendwohin gehen zu müssen. Doch ich musste raus gehen, der Kaffee und die Milch waren alle, das ist alles für mich. Eine formlose Jacke, eine alte Jeans, Turnschuhe auf den nackten Füßen.

Der Schirm verbog sich von den schweren Regentropfen. Ich ging um die Pfützen herum, sprang über die Bäche, versuchte nicht auf die rosa Regenwürmer zu treten und begab mich in den Supermarkt. Nachdem ich die Straße überquert hatte und ca. hundert Meter gelaufen war, fand ich mich in dem hellen Geschäft wieder. Ich ging fünfzehn Minuten die Regale entlang, schnappte mir Kaffee und Milch, bezahlte und ging nach draußen, wo der Regen noch stärker wurde.

Ich hielt mich von der Straße fern, um nicht bespritzt zu werden, doch im Endeffekt überquerte ich die Straße. Ohne auf die Pfützen zu achten, die Tüten waren schwer, ging ich zum Haus, als ich von einer jungen Frau eingeholt wurde. Ohne Schirm, mit einer Kapuze auf der leichten Jacke. Ich erkannte sie sofort. Maja verlangsamte den Schritt, versuchte aus ihrer Tasche das klingelnde Telefon herauszuholen. Doch die nasse Hose erlaubte dies nicht. Sie blieb fünf Meter vor mir stehen.

Es verging ein Monat seit unserem Treffen im Klub und dem Versprechen anzurufen. Ich dachte: „Das hast du so verdient“. Doch als ich die nasse Kleidung sah, und wie sie den Kopf in die Schultern legt, um sich vor dem Regen zu schützen, ging ich zu ihr und hielt den Schirm über sie.

Sie drehte sich zu mir und antwortete in den Hörer:

„Um zwölf Uhr dreißig schaffe ich es.

Sie benötigte einige Sekunden, um mich zu erkennen und auf ihrem Gesicht erstrahlte ein Lächeln.

„Ja, ja“, fuhr sie weiter fort. „Ira macht ein Foto und dann kann man es vorbereiten.“

Maja flüsterte: „Danke“, den Blick auf den Schirm richtend.

Ich stand da wie ein braver Page, blickte auf ihre Schulter, mit Angst in ihre Augen zu schauen. Und ich war böse, gleichzeitig fröhlich und ich spürte ein leichtes Zittern im ganzen Körper.

Nachdem Maja das Gespräch beendet hatte, blickte sie neugierig auf mich.

„Anja, was machst du hier?“

„Du erinnerst dich an deinen Namen, welch Wunder.“

„Ja, ich habe ein gutes Gedächtnis“, sie vertrieb ein paar Tropfen auf ihrer Wange.

„Ich würde sagen, ein besonderes Gedächtnis“, murmelte ich.

„Ja, entschuldige, dass ich nicht angerufen habe. Ich speicherte dich als Anja, und in meinem Telefon sind drei Anjas. Ich wusste nicht, wer von den dreien du bist. Es regnet heute, einfach schrecklich. Noch mal danken, dass du mich geschützt hast vor dem Regen.“

Ich wollte ihr glauben. Und es war doch enttäuschend. Alles ist so einfach. Ich dachte den ganzen Monat daran, drehte unser Treffen in Gedanken um, beschuldigte zuerst mich, weil ich etwas nicht richtig machte, dann sie, weil sie nicht anrief. Manchmal schlägt der Gedankenmechanismus alle Rekorde und die Kontrolle über die gespielten Fantasien strebt gegen Null. Die Bilder, eines schrecklicher als das andere machen Platz für einen noch nicht wirklichen Schrecken, und an diesen glaubt man am einfachsten. Doch in Wirklichkeit kann alles viel durchsichtiger sein – der Zufall, die Vergessenheit, die Nichtbereitschaft. Einfach.

Ich wurde wacher und entgegen meinem Prinzip, schlecht bekannte Menschen zu mir einzuladen, sagte ich:

„Ich wohne hier in der Nähe. Du musst trocken werden und ich habe einen weiteren Schirm. Lass uns gehen.“ Wahrscheinlich klang das so kategorisch, dass Maja einverstanden war. Erstaunt und leide sagte sie:

„Nun gut, lass uns gehen.“

Maja näherte sich mir und ich spürte ihren Atem im Nacken.

„Ich dachte jetzt, was gewesen wäre, wenn wir uns vorgestern nicht getroffen hätten?“

„Ich habe auch darüber nachgedacht.“

„Du riechst gut.“

Ich fühlte, wie ihre Hand die Haare von meinem Hals streift und dann einen leichten Kuss.

„Das ist…das ist Shampoo, aus Japan.“

Ich rückte etwas zur Seite.

„Hast du Angst vor mir?“

Ich schaute nicht auf Maja, doch wusste, dass sie lächelt.

„Nein. Doch hier sind Menschen und wir sind nicht in Europa. Und dir gefällt es auch…ja? Es gefällt dir, mich zu verunsichern?“

„Du bist so lieblich verlegen, dass es mir gefällt.“

Das war jenes Ereignis, wenn die Offenheit des Geschehenen mich nicht zum Zittern tieb, sondern mich in eine ganz andere Richtung lenkte, die Sicherheit einbüßend-

Ich stand auf.

„Dann finden wir vielleicht einen Ort, wo ich nicht verlegen sein muss…Möglicherweise wird dir das viel mehr gefallen“, nach diesen Worten, so schien mir, atmete ich so laut aus, dass der in der Nähe springende Spatz flatterte und weg flog.

Für Maja war das unerwartet, wie für mich ebenfalls. Sie stand auch auf, näherte sich mir ganz dich und flüsterte:

„Mir gefällt alles, was mit dir in Verbindung steht.“

Ganze zwanzig Minuten versuchte ich die Haustür zu öffnen und konnte den Schlüssel nicht drehen. Maja stand daneben und machte Späße, sodass ich mich nicht konzentrieren konnte. Endlich ging die Tür auf.

Ich verstand nicht, wie es geschah. Maja ging als erste rein, dann ich und in der nächsten Sekunde drückte ich fest ihre Hände und ihre Lippen küssten die meinen. Ich spüre die Wand, an der ich lehne. Ihre Hände senken sich tiefer, auf meine Oberschenkel, sie beißt mir in den Hals. Ich habe Angst, keine Luft mehr zu bekommen, es raubt mir den Atem. Ich ziehe ihr Hemd nach oben und spüre die Hitze des Körpers. Meine Jeans ist offen, ihre Finger unten, ich fange ihren Rhythmus auf. Der Kopf dreht sich. Maja flüstert, ob sie mir weh tut, und ich will nur das eine, dass sie nicht aufhört….

Ich höre, wie hinter der Wand die Nachbartür aufgeht…ihre Finger bewegen sich seltener, schneller…Serik hustet wie immer, macht die Tür zu…ich sauge mich in ihre Lippen, ziehe sie an mich…ein Schlüssel klingelt…Maja bleibt für einen Augenblick stehen, blickt auf mich…ich höre die sich von mir entfernenden Schritte des Nachbarn…ihre Finger werden wieder lebendig…Serik flucht auf die streunende Katze…ich stöhne…Weitere Stunden lassen wir nicht voneinander los. Langsame Zärtlichkeiten werden von einer offenen Leidenschaft abgelöst, eiliges Flüstern, von genüsslichen Schreien, ein wahnsinniges Tempo der Bewegungen. Wir teilen miteinander, ohne geteilt zu werden…

Es entsteht ein seltsames Gefühl der Leere, wenn man das bekommt, wonach man sich lange gesehnt hat. Dieses innere Vakuum, die Bewusstwerdung, wo Ich wie ein Teilchen der gesellschaftlichen Existenz, ausgelöscht wird, und du spürst etwas großes, einheitliches. Jenes Level, wo emotionslose Ruhe einkehrt, zu der alle streben. Ich spürte weder Fröhlichkeit noch Eile davon, dass sie endlich in der Nähe ist. Es wurde mir einfach warm ums Herz, von dem Gedanken, dass ich morgen nicht alleine aufwachen werde.

Zeichen 6

Ich berühre mich mit meinen Händen. Die Arme werden länger und verwandeln sich in zärtliche, grüne Stiele, die mich ganz einlullen, und ich sehe nichts mehr. Ruhe und Zärtlichkeiten. Frei bin ich alleine, und so soll es sein. Es gibt keine Gedanken, nur ein leichtes Schaukeln. Warm, gemütlich, angenehm. So…

Warum können Träume, solche Träume nicht ewig währen? Ich möchte den anderen Raum nicht verlassen in die reale Realität. Mehr real, als ich es wollte. Ich kann fliegen und nicht fallen, den Vater sehen und mit ihm sprechen, kann barfuß auf der Erde laufen und keinen Sxhmerz fühlen. Ich kann so vieles dort, und hier. So vieles, was ich hier nicht möchte.

Ich drehte in Gedanken unser Gespräch um. Jenes Hysterie der Gefühle, jenes Gefühl der Verlorenheit, des Endes. Ich spüre, spüre alles. Ich hasse dieses Wort. Ich hasse Gefühle. Ständiger Schmerz in der Brust. Heult. Macht es aus, bitte!

Schon wieder ein Morgen. Schon wieder…wozu?

Eine Tasse Kaffee verbrennt die Finger. Ich trinke nicht.

Der Kardiologe sagte, dass das Herz in Ordnung sei. Psychosomatischer Schmerz. Und ich weiß es, weiß es…

Dass Wissen umbringt.

Seltsam, dafür weiß ich jetzt sicher, dass ich mein Leben nie mit einem Selbstmord beende. Zu schmerzhaft und schrecklich. Welche Dummheit, dass physischer Schmerz, den inneren Schmerz vertreiben kann.

Schon wieder ist der Verband nass. Man muss ihn umbinden.

Bald zur Arbeit…

Ich stehe am Fenster. Der Bus kriecht langsam durch den braunen Brei. Es schneite die ganze Nacht. Kalt. Die Hand in der Tasche. Ich verbiete es mir, zu denken. Ich mache eine Gedankenkastration all dessen, was mit ihr verbunden ist. Sonst weiß ich nicht, wie ich mich distanzieren kann und alles vergessen. Vergessen…nicht in ihrer Matrix sein…

Schon wieder die Stille. Sie verbietet den Geräuschen in mich zu drängen. Das beruhigt sogar.

Ich sehe, wie seltenes Vorbeigehenden auf den Bürgersteigen entlang gehen, sich in Fellmäntel einmummeln, in Jacken, Pelze und ihre Mützen noch fester richten. Das Wetter unterwirft sie sich und ich wollte mich ihm unterwerfen. Es schien, als sei es eine Gesetzmäßigkeit, angetrieben zu sein, denn darin liegt die Selbstsicherheit , die Direktheit, der Mut. In mir sind nur die Unentschlossenheit und der Wunsch, es nicht fallen zu lassen.

Das erste Mal stritten wir uns vor zwei Monaten. Wir waren im Kino. Der Film war Hollywood-Mist und wir, enttäuscht, beschlossen spazieren zu gehen, und dann irgendwo einkehren. Draußen war es nass und frostig. Schon nach fünfzehn Minuten saßen wir auf weichen Sesseln in einem warmen, gemütlichen Cafe und warteten auf unsere Bestellung.

„Worüber sprechen sie?“, fragte ich Maja und zeigte auf zwei Frauen hinter dem Fenster, die sich in Gebärdensprache unterhielten.

Maja blickte in ihre Richtung.

„Warum willst du wissen, worüber sie sprechen?“

Ihre Tonlage und Worte machten mich etwas traurig.

„Einfach interessant.“

„Was ist so interessant?“

„Maja, was ist mit dir? Was habe ich Schlimmes gesagt?“

Du gehst doch nicht zu gewöhnlichen Menschen und hörst zu, worüber sie sprechen? Oder machst du es immer so?“, sie war plötzlich irgendwie fremd, distanziert.

„Maja, ich habe sie einfach gesehen. Und frage dich, das war es. Ohne irgendwelche Hintergedanken oder den Wunsch, dich zu berühren.

„Mich? Was habe ich damit zu tun? Nur stehen Taubstumme immer wie auf einer Vitrine. Alle anderen starren sie an, wie auf gestikulierende Mannequins. Doch sie sind so wie alle, nicht krank, nicht unanständig.

Ich verstand nicht, was passiert. Maja wurde blass, ihre Hände zitterten.

„Maja, verzeih mir, ich habe nicht gemeint, dass…“

Sie unterbrach mich.

„Was hast du gemeint? Worüber, denkt ihr, sprechen Taub? Bei dieser ist die Tochter krank, sie nennt irgendwelche teuren Arzneimittel. Was hast du gedacht worüber sie sprechen? Über die Geheimnisse des Universums?“

„Oh Gott, was für ein Mist. Maja, hör auf!“

Die Besucher des Cafés begannen uns anzublicken.

Wir wurden still. Die Bedienung brachte Kaffee und Kekse.

Dann entschuldigte sie sich, sprach, dass die Arbeit ihr den Verstand raubt und wahrscheinlich die Hormone verrückt spielen. Sie umarmte mich, bat mich um Verzeihung, flüsterte, dass ich ihr sehr viel bedeute und sie selbst nicht versteht, warum sie so ansprang. Und später, die Nacht hat uns ganz versöhnt.

Jetzt ist auch fast Nacht. Ich hasse den Winter. Es entsteht der Eindruck, dass es keinen hellen Tag gibt. Du sitzt im Büro unter Leuchte, durch die Jalousien siehst du kein Licht, du lebst in der Morgen und Abenddämmerung.

Und im Büro brennt Licht.

„Bist du etwa zu spät? Hallo!“, Vera klopfte auf die Tastatur. „Semen ist heute böse wie ein Hund. Hat nach dir gefragt.

„Hallo! Wie viel Uhr haben wir?“, ich ging zum Tisch und legte den Pelzmantel auf den Sessel.

„Schon halb neun? Was ist mit der Hand?“

„Ich habe mich am Messer geschnitten.“

„Oh, wie das!“, Vera hörte auf zu tippen und blickte auf meine Hand. „Warum hast du sie so schlecht verbunden. Wo ist unser Arzneikasten?“

„Vera, es ist alles gut.“

„Nichts ist gut.“, sie ging zu der Schublade und nahm den Arzneikasten hervor.

„Zeig her, was hast du da? Mist, schau, das Blut sickert durch.“ Vera begann vorsichtig den Verband zu öffnen.

„Wie warst du es so unvorsichtig…“, sie machte den Verband ganz auf und verzog das Gesicht, als sie dir Wunde sah.

„Teure, hier muss man nähen.“

„Nein, das verheilt.“

„Anja, was redest du für einen Bockmist! Die Wunde ist tief.“

„Vera, mach sie zu und ich beginne zu arbeiten.“

„Wie soll man arbeiten hiermit…“ sagte Vera beleidigt.

Ich schnappte sie an der Schulter mit der gesunden, rechten Hand-

„Vera ich bitte dich, verbinde sie einfach!“

Sie war einverstanden.

„Dann werde ich die Wunde wenigstens bearbeiten.“

„Gut“, war ich einverstanden.

Semen ging mit rotem Gesicht aus dem Büro, sichtlich genervt. Ich telefonierte mit einem Kunden.

„Anja, später zu mir ins Büro!“, sagte er laut und ging wieder zu sich ins Büro.

Vera blickte mich mitleidig an und hob die Faust in die Luft, als Zeichen der Unterstützung, als ich die Bürotür Semens öffnete.

„Krylova, warum rufen mich Kunden an und beschweren sich über die Arbeit der Dolmetscher?“

„Ich weiß es nicht“, er bot nicht an, mich zu setzen, deswegen setzte ich mich selbst auf den Stuhl, der neben seinem Tisch stand. „Ich platzierte jene Dolmetscher in das Projekt, die du mir empfohlen hast.“ Er kehrte es unter den Teppich.

„Du hättest ihre Arbeit überprüfen sollen in der Zeit der Konferenz.“

„Ich spreche kein italienisch, wie hätte ich sie überprüfen sollen. Sie beide saßen in ihren Büros, gingen nicht raus, nach fünfzehn Minuten wurden sie ausgetauscht. Wie gewohnt.

„Warum sagt dann der Kunde, dass die Übersetzung nach der Kaffeepause schrecklich gewesen war?“ Das Ende der Phrase schrie er fast.

„Woher hätte ich es wissen sollen, wenn du mich in Veras Symposium hast wechseln lassen. Hast du selbst angerufen oder weißt du es einfach nicht? Er sagte, dass bis zum Ende zwei Stunden übrig blieben, und sie selbst klar kommen. Ich erhob ebenfalls meine Stimme. „Es ist nicht notwendig alles auf mich zu schieben!“

Er wurde noch roter im Gesicht. Klopfte mit den Fingern auf den Tisch und stöhnte, wie ein kochender Teekessel.

„Sie alle müssen die Verantwortung für ihr Projekt tragen.“

„Das tun wir. Nur muss auch der Leiter, dem wir uns unterwerfen, ebenso Verantwortung tragen. Ist es nicht so Semen Aleksandrovich?“

„Was erlaubst du dir…wie redest du überhaupt mit mir?“

„So wie du es verdient hast“, ich war in rage. „Dazu weißt du nichts, und möchtest nichts wissen, wenn man deine Hilfe braucht. Dann kannst du nicht leiten, Menschen und Ressourcen organisieren, überhäufst uns mit allem.“

Semen sprang auf. Überrannt von meinem Mut, wusste er nicht, was er sagen sollte. Er drehte den Kopf von der einen Seite auf die andere und suchte nach Wortem.

„Ja, du….Ich werde dich…“

„Was wirst du mich?“

„Du dumme Lesbe. Glaubst du, ich weiß es nicht?“

Ich stand auf.

„Weißt du warum sich deine Frau nach dem Sex immer umdreht? Weil sogar sie versteht, was für ein Depp du bist. Wahrscheinlich bist du ihr genauso zuwider wie mir.“

Ich machte die Tür so laut zu, dass sogar Vera im Sessel aufsprang.

Die Tränen liefen erst in der Toilette. Da konnte ich mich nicht mehr halten und drückte mich in die Handflächen. Nach einer Minute kam Vera zu mir und umarmte mich.

„Was geschieht mit dir, Anja? Was ist los?“

Ich konnte nichts sagen, schluchzte nur.

Zuhause rollte ich mich ein und lag lange auf dem Sofa. Die Ankündigung darüber, dass ich gehe, ließ ich bei Vera. Morgen muss man ihr noch all die Aufgaben übergeben. Hauptsache ich sehe diesen Mistkerl, Semen, nicht. Ich ahnte, dass die Kollegen es ahnen und wusste es. Semen, der Homophob, ich hätte nicht gedacht, dass er dazu im Stande ist.

Genauso dachte ich nicht, dass Rita Maja bat, sich zu setzen und mich kennen zu lernen im „Bermudas“. Das kam bei einer unserer Streitigkeiten heraus.

Maja schlug die Tür zu und ging, und ich wählte Ritkas Nummer. Sie gab zu und rechtfertigte sich damit, dass ich als erste niemals zu Maja gegangen wäre, ich würde so dasitzen, ausatmen und sie anblicken. Ich parierte, dass man sich nicht in das Leben anderer einmischen sollte, sonst würde sich alles anders ergeben. Ritka zog sich nicht zurück, sagte, dass sie helfen wollte. Denn ich bin wie ein Stachelschwein, das seine Stacheln ausfährt, glaube, dass alle mir nur böses wollen. Wir haben uns noch lange all das vorgeworfen, was wir denken, bis ich sie zum Teufel geschickt habe und das Telefon ausgeschaltet.

Wir versöhnten uns erst nach einem Monat.

Ich wurde zu vielen Punkten. So als ob man mich unterbrochen hätte. Und es keine Fortsetzung gab. Ohne Maja füllte ich mich mit Stille. Irgendwann im Gespräch erzählte sie, dass sie bis sie drei Jahre alt wurde, nicht gesprochen hat. Die Stille zuhause, die Stille der Eltern waren natürlich. Draußen wollte mit einem tauben Mädchen niemand spielen. Erst als die hörende Tante zu ihnen zu Besuch kam, bestand diese darauf, dass man Maja in einen Kindergarten schicken sollte. Maja begann bald zu sprechen, doch wollte trotzdem so schnell wie möglich nachhause, um in der Stille zu verweilen. So habe auch ich mit den geschlossenen Fenstern und dicht zugezogenen Vorhängen die Einmischung unterbrochen. Die Welt machte sich schmal bis zu der Größe des bettes. Diese warme Höhle distanzierte alles von mir, was an Bedeutung verlor. Die Atrophie der Wünsche wurde an den Körper zurückgegeben. Ich bin ein Knäuel…

Ich ging eine Woche nicht aus der Wohnung. Doch die Mutter rief mich jeden Tag an und bestand darauf, dass ich Silvester mit ihnen gemeinsam feiere.

In den letzten fünf Jahren, die ich selbstständig hier lebte, habe ich nie bei ihnen Silvester gefeiert.

Alles war häuslich. „Oliv’je“, „Hering im Pelzmantel“, „Buzhenina“ aus Schweinehals, die Sergej zubereitet hatte, Brote mit Kaviar und Mutters bekanntes „Lecho aus Paprika und Tomaten“. Ich half, den Tisch zu decken, man holte ein Service mit blauen Tellern und Omas Weingläser heraus. Die Mutter sprach die ganze Zeit am Tisch, erzählte über ihre Verwandte, darüber, wie ich in den Kindheit war, über die Nachbarin Valentina, die ständig den Mann wechselt, über die neue russische Serie, in der alles so echt und realistisch ist. Sergej baute ab und zu ein paar Worte ein, lachte, blinzelte mir zu. Ich sah, wie sie sich bemühen, mich zu unterstützen.

Um zwölf Uhr stießen wir an, ich habe es nicht einmal geschafft, mir etwas zu wünschen. Normalerweise hatte ich eine Liste mit Wünschen, ich versuchte sie schnell in Gedanken zu durchleuchten. Doch dieses Jahr nichts.

Nach ein paar Minuten explodierte das Feuerwerk. Ich ging ins Zimmer, dort konnte man es besser sehen. Ich stand am Fenster und blickte auf die sich windenden Böller, mit bunten Lichtern, und die Tränen kullerten auf den Wangen. Ich hielt sie nicht zurück.

„Schön, nicht?“ meine Mutter näherte sich mir.

„Ja.“

Sie umarmte mich und drückte sich an mich.

„Alles wird gut, Tochter. Das ist alles nur für kurze Zeit. Die schlimmste Zeit ist vorbei, im Neuen Jahr wird alles gut.“ Sie küsste mich auf die Wange.

„Ich liebe dich, Mam!“

„Ich dich auch, meine Gute. Ich liebe dich sehr!“

So standen wir lange da. Und im Himmel tauchten neue Raketen auf, explodierten in der Höhe mit leuchtenden Funken. Die Menschen schrien, klatschten, beglückwünschten einander.

Es begann ein Silvester ohne Wünsche.

Zeichen 7

Das Sansararad machte eine Umdrehung. Der Kreislauf war vollendet. Das Universum oder das Schicksal gibt mir die Möglichkeit, meine Gefühle Emotionen und Beziehungen zu umringen. Das wichtigste ist es, anzunehmen und loszulassen.

Ich hoffe, ich kann es.

Maja schaute auf mich, und ich auf sie. Wir schwiegen. Denis ging weg um zu telefonieren. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich ein Unbehagen im Schweigen. Ich vermisste die Augen, das Lächeln, das Zucken der Schultern wenn sie sich unbequem fühlte. Die Falten in den Ecken der Augen wurden noch sichtbarer. Das innere Zittern verging und wie ein Beobachter von der Seite, fühlte ich nichts, sondern schaute nur, verglich es mit der Vergangenheit, ohne zu bereuen.

Maja hielt es als erste nicht aus.

„Du hast einen ulkigen Freund.“

„Ja, so ist er.“

Eine Horde Studenten betrat den Ausstellungsraum. Ihre Führerin, eine hohe Frau im Hosenanzug mit einem bordeauxfarbenen Lippenstift, bat sie sich ruhiger zu verhalten. Die Studenten verstummten, doch nach ein paar Sekunden begann ein bedeutendes Geräusch ihrer Stimmen.

Die Führerin bat sie wieder, leise zu sein und es wiederholte sich alles. Maja und ich beobachteten sie. Doch bald näherte sich der Gruppe die Ausstellungsführerin und führte sie in das weite Ende des Raumes.

„Und ich bin froh, dich zu treffen, wirklich“, Maja wurde ernst.

„Ich bin auch froh, dich zu sehen.“

„Anja, du“, sie nahm mich an der Hand. „Verzeih mir…es ist alles so dumm gelaufen…ich wollte dich anrufen…“

Ich spürte die Wärme ihrer Hand. Im Inneren drückte sich alles zusammen.

„Ich dachte, unsere Wege werden sich irgendwann kreuzen und wir werden sprechen“, fuhr Maja fort. „Doch ich sah Rita manchmal, sie hielt sich sogar zurück. Verstehst du, mir fällt es wahrscheinlich einfacher mit Tauben…Anja, ich wollte es dir erklären…sogar…“

Denis kehrte zurück. Maja ließ meine Hand los.

„Habt ihr mich vermisst? Meine Damen, ich habe dort ein faszinierendes Bild von Korovin gesehen. Vielleicht schauen wir uns das mal an?“

„Ja, klar.“, antwortete ich schnell.

Und dann schritt ich zu Denis, der in die Richtung zeigte, wo sich das Bild befand. Maja war langsamer.

„Maja, ich bitte dich!“, Denis bemerkte ihre Verlegenheit, nahm den Ellenbogen weg und bat ihr an, ihn unter den Arm zu halten. „Das sind nur ein paar Meter. Ich werde euch begleiten.“

In diesem Moment näherte sich uns ein eine junge Frau und berührte Maja, die ihr den Rücken zugewandt hatte, auf die Schulter.

Maja drehte sich um und umarmte die Frau.

„Das ist Lisa!“m Maja sprach und gestikulierte gleichzeitig.

Lisa begrüßte uns mit der Hand.

Dann stellte Maja uns ihr vor. Wir begrüßten uns. Lisa zeigte irgendetwas mit Gesten.

„Lisa sagt, dass sie froh ist, euch kennen zu lernen“, übersetzte Maja.

„Für uns ist es ebenfalls angenehm!“ antwortete Denis für zwei.

Ich nickte. Eine Pause entstand.

„Nun denn, bewegen wir uns zu Korovin“, Denis machte mit dem Kopf ein Zeichen.

„Nein…wahrscheinlich“, Maja blickte auf die Freundin. „Lisa ist jetzt erst gekommen, wir beginnen von vorne.“

„Nun denn, gut“ Nochmal, es war schön euch kennen zu lernen! Maja, Lisa!“ Denis vereigte sich.

Ich nahm mehr Luft auf.

„Ich war froh, dich wiederzusehen, Maja. Lisa, alles gute. Tschüss!“

Maja übersetzte alles in die Sprache der Gesten.

Lisa winkte uns wieder zu.

„Ja, hat mich auch gefreut. Tschüss!“, rief Maja. Sie wollte noch etwas sagen, doch überlegte sie es sich anders und lächelte nur.

Denis und ich betrachteten auf das Bildnis Korovins „Nasturcii“.

„Klasse, stimmt es? Wie viel Luft, Farbe!“ sagte Denis begeistert. „Und wie viel Sonne! Alles ist wie erleuchtet durch die Sonne…“

Er wurde nicht still – der Einfluss der Mutter, die Kunsthistorikerin war, zeigte sich. Und ich dachte an etwas ganz anderes.

An jenem Tag gab es auch viel Sonne. Diese blendete sie Augen als es auf dem Schnee reflektierte. Es war frostig und frisch. Maja und ich waren fast den ganzen Tag spazieren und gingen nachhause um uns umzuziehen. Wir wollten den Samstag Abend im Theater ausklingen lassen. Ich habe einige Male vorgeschlagen, zusammen zu ziehen. Maja brachte einen Teil ihrer Sachen zu mir, doch endgültig zog sie nicht bei mir ein.

Wir aßen ein paar Brote und tranken Kaffee. Nach der Dusche lief ich durch das Zimmer in Unterwäsche und konnte nicht entscheiden, was ich anziehen sollte. Maja sprach am Telefon. Auf meine Fragen: „Wird sie duschen? Was zieht sie an? Wann sollen wir das Taxi rufen?“ schwieg sie.

Ihre Apathie begann mich zu reizen. Ich bemerkte, dass wenn wir uns alleine irgendwo aufhielten, sie sich verschloss. In der Gesellschaft von Menschen war sie lebensfroh, redselig, aktiv, manchmal sogar aggressiv. Doch wenn niemand in der Nähe war, veränderte sich ihr Gemüt. Sie sprach kaum, dachte über etwas nach, antwortete, als ob es sie Kraft kosten würde.

„Maja, bist du bereits? Wir müssen bald los.“ Ich stand angezogen neben dem Schrank, vor dem Spiegel und tuschte mir die Wimpern.

„Vielleicht gehen wir doch nicht?“

„Wie, wir gehen nicht? Wie hatten Mühe, Tickets zu bekommen für das Theaterstück.“

„Ich will nicht.“

Ich hörte auf mich zu schminken und drehte mich zu ihr.

„Na super! Wozu stehe ich hier und schminke mich? Was geschieht hier überhaupt? Du bist den ganzen Tag nicht in der Stimmung. Du sagtest, dass unsere Wochenenden langsam verlaufen.“

„Sei still.“

„Was?“, ich ließ vor Empörung die Wimperntusche fallen.

Maja machte irgendeine Geste mit ihren Armen.

„Was bedeutet das?“

„Dass du mich nervst!“

„Maja, was zum Teufel…?“

„Gar nichts. Du schleppst mich…ich kann nicht…ich will nicht…“

„Was willst du nicht?“

Sie blickte mich an, in ihren Augen standen die Tränen. Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Ich verstand nichts.

„Bleib stehen. Es reicht. Sprich mit mir!“

Ich ging ihr hinterher. Sie stand in der Küche am Fenster.

„Du…mir geht es nicht gut…“, Maja atmete auf, schwieg eine Sekunde und als sie ausatmete, sagte sie: „Mit dir…“

„Wie mit mir? Was bedeutet das?“

Ich spürte den Schweiß auf meiner Stirn. In dem Bereich der Brust drückte es und das Gefühl einer herannahenden Panik eroberte den Hals.

Maja blickte mich an, auf den Wangen rannen die Tränen.

„Wir…wie müssen uns trennen…“

Ich zitterte.

„Maja, was geschieht hier? Was ist das für ein Theater? Was zum Teufel?“, ich schrie.

„Schrei nicht!“, Maja wischte sich die Tränen mit der Handfläche ab. „Du redest immer…Du bist mir zu viel.“

„Ich spreche?“ flüsterte ich, ohne zu verstehen.

„So viele Worte…“, Maja schluchzte. „Ich kann so nicht…es gibt keine Stille…Entschuldige…ich dachte, wir können….Dachte ich kann…“

Ohne zu wissen, was ich sagen sollte, ging ich zu Maja und umarmte sie. Sie drückte sich an mich und weinte.

„Was ist los, meine Liebe? Maja, Sonnenschein, alles ist gut. Wir sprechen und lösen alles.“

Sie distanzierte sich, schaute mir in die Augen. Ihr Kuss, zuerst so zärtlich, dann leidenschaftlich, riss so unerwartet ab, dass ich schaukelte, und fast hingefallen wäre.

„Ich kann nicht“, flüsterte Maja in mein Ohr und lief aus der Küche heraus.

Ich hörte, wie sie sich im Flur fertig machte, wie der Schlüssel erklang, doch mein Zittern gab mir nicht die Möglichkeit mich von meinem Platz zu bewegen.

Erst als die Wohnungstür aufging, konnte ich mich umdrehen und rufen.

„Nein Maja, geh nicht!“

Die Tür fiel ins Schloss.

Dann folgten nicht angenommene Anrufe, Nachrichten ohne Antwort. Unsere gemeinsamen Freunde sagten uns, sie sei weggefahren. Und nach einer Woche, als ich nachhause kam am Abend, bemerkte ich, dass Maja all ihre Sachen mitgenommen hatte.

Irgendwann sagte Sergej zu mir, den ich nie philosophieren hörte: „Der Schmerz lehrt uns zu lieben.“ Ich konnte diese Phrase lange nicht verstehen und sie zu bejahen. Der Schmerz lehrt nur den Schmerz. Du lebst mit ihm, durchlebst ihn, freundest dich an, versuchst ihn zu betäuben. Was hat Liebe hier verloren? Doch langsam, wenn der Schmerz nachlässt, beginnst du zu verstehen, dass egal wie unerträglich es ist, du weiter lieben wirst. Du fährst damit fort, im Gedächtnis das Bild zu bewahren, sprichst mit ihm, vermisst ihn. Können wir den gehen lassen, den wir geliebt haben?

Vielleicht ist es gerade der Schmerz, der in uns das Verständnis von Liebe stärkt? Und wir fahren fort damit zu leben, mit diesem durchlebten Gefühl. Und dann wissend, lassen wir uns auf neue Beziehungen ein, hoffend, dass es diesmal anders sein wird.

Am nächsten Tag, nach der Ausstellung, fuhr ich zu meiner Mutter. Sie und Sergej kehrten gerade aus Italien zurück und mich erwartete ein Fest. Eine Jacke, zwei Jeanshosen, hohe Schuhe, vier Tshirts und zwei Pullover, die auf dem Bett lagen. Ich probierte mit Vergnügen die neuen Sachen an und war der zufriedenen Mutter dankbar. Sergej machte die Flasche „Taurazi“ auf. Ich mag keine trockenen Weine, doch trank davon, feierte ihre Rückkehr und den guten Urlaub.

Nach dem gemeinsam verbrachten Silvester näherten Sergej und ich uns einander an. Er vermittelte mir einen Job in einer Firma seines Freundes, half mir mit der Renovierung der Küche und ich erfuhr, welch interessanter und tiefgründiger Mensch er ist.

Beim Gespräch über Verona und das Schauen der Fotografien, rief Denis an. Entschuldigte sich, bat sich uns zu treffen.

Nach zwei, Stunden brachte ich die Geschenke nachhause und fuhr mit dem selben Taxi zur Anlage neben dem Opern-und Balletttheaters.

„Hallo Teure!“ Denis küsste mich auf die Wange. „Mir wurde also verziehen, da du da bist?“

„Hallo“ Möglich. Warum hier?“

„Warum nicht? Ein super Ort und die Fontänen funktionieren noch.“

„Ja, die Fontänen“, ich erinnere mich an die lächelnde Maja und ihre Hand in meiner Hand.

„Anja, entschuldige mich, ich habe meine Nase herein gesteckt, wo man sie nicht herein stecken sollte. Höfliche, jüdische Jungs verhalten sich nicht so, doch du hast leider Pech mit mir, ich bin schlecht erzogen. Verzeih, wirklich!“

„Ach was, Dinja, alles gut.“

Denis wusste nicht, dass er mich aus meiner Depression heraus zog, als er auftauchte nach der Trennung mit Maja. Und ich bin ihm dankbar dafür.

„Nun wenn alles so wundervoll sich ergeben hat, möchte ich dir Lasagne anbieten.“

„Kann ich nicht ausstehen.“

„Nun gut, dann knabberst du Pizza. Und dann nehme ich uns noch einen Cappuccino.“

„Oh, welche Großzügigkeit?“

Er atmete auf, neigte verträumt den Kopf zurück und sprach:

„Sie Madame, gefallen mir so sehr.“

Wir lachten.

Im Cafe, während unsere Bestellung vorbereitet wurde, blickte ich auf eine Elster, die draußen umher sprang, erinnerte mich an jenen Sommermorgen, als wir nicht aus dem Bett aufstehen wollten. Wir teilten uns eine Decke. Ich rollte mich in diesen ein wie eine Puppe, machte Maja nackt, sie versuchte mich herauszuholen und ihre eigene Hälfte zu sich zu holen. Es folgten Kniffe, Bisse in den Hals. Ich wehrte mich wie ich konnte, doch als die Bisse zu Küssen wurden, machte ich die Decke auf und ließ sie zu mir…

Es war etwas nach elf. Ich blickte auf Maja. Sie lag auf dem Bauch mit geschlossenen Augen, lächelte jedes Mal wenn meine Finger ihren Rücken berührten.

„Warum bist du mit mir zusammen?“

Maja öffnete die Augen.

„Du machst leckere Butterbrote.“

„Hör auf, ich meine es ernst. Warum?“

„Wegen der Augen.“

„Der Augen?“ ich verstand nicht.

„Du schielst. Das finde ich gut!“ sie lachte.

„Was? Hör auf dich lustig zu machen.“

„Wirklich wegen der Augen“, sie drehte sich auf den Rücken, setzte sich, indem sie ihre Beine an die Brust drückte.“

„Eher weil ich es mag, wie du mich anschaust.“

„Wie schaue ich`?“, ich setzte mich auch.

„Wie kein anderes mich angeschaut hat. Ich kann es nicht erklären….Mit Lust…Ich kann es nicht erklären. Doch ich spüre es. Ich spüre es immer, wenn du mich anblickst.

„Ich vergöttere dich wirklich…“, bei dem letzten Wort zitterte die Stimme.

„Komm zu mir.“

Zum ersten Mal war ihr Kuss fordernd und nicht einfach, ich fühlte Zärtlichkeit und Sorge…

Maja schlief.

Ich schnit Gurken in der Küche, um diese den Tomaten beizufügen, dem süßen Paprika und dem Frischkäse. Eine große, saftige Olive rollte im Mund, bis ich diese zerbiss und den Olivengeschmack genoss. Zwei Elstern auf der Birke trällerten, von einem Ast zum anderen fliegend. Ich hielt es nicht aus, schaute aus dem Fenster und rief laut. Die erschrockenen Vögel flogen mit unzufriedenen Schreien in verschiedene Richtungen. Der Salat war fertig. Ich tat Olivenöl dazu und ging schauen, ob Maja schon wach war. Sie streckte sich in der Diagonale auf dem Sofa, kaum zugedeckt mit der Decke und schlief noch.

Und ich wusste vom ersten Blick an, damals in der Bibliothek, dass ich mit ihr zusammen sein wollte.

Dieser Wunsch, unbewusst, fast instinktiv, kam sofort auf. Als ich die schlafende Maja anblickte, verstand ich, dass man Gefühle nicht erfragen kann, berechnen, erahnen. Und ich werde nie die Frage beantworten: „Warum?“

Doch die Stadt lebte. Die abendliche Stadt, voller Lichter und Geräusche zog mich in ihren Bann.

Wir genossen den Spaziergang nach dem Abendessen. Denis erörterte die zeitliche Ungerechtigkeit. Die fröhlichen Momente im Leben vergehen blitzschnell, und alles schlechte zieht sich ewig lang. Das ist der Vertrag des Universums für das Leiden, bekräftigte er.

Und ich dachte, für die acht Monate, die Maja und ich zusammen waren, ist so viel passiert, so viel unterschiedliches. Und das Glück zog sich wochenlang und die Flammen der Streitigkeiten daurten

nicht lang. Und das Gedächtnis begann die kränklichen Momente auszuradieren. Die Zeit ist neutral. Wir versuchen jede Sekunde in diesem zu leben. Und wollen einfach die Liebe verlängern, vielleicht aber auch um die innere Stille zu fühlen.

Rezension zu Gusel Jachinas Roman: „Wolgakinder“

Gusel Jachina: Wolgakinder, 2019

Gusel Jachinas Roman Wolgakinder, erschienen 2019 in deutscher Übersetzung von Helmut Ettinger, erzählt am Schicksal der Protagonisten Jakob Bach und seiner Tochter Anna die aufwühlende Geschichte der Wolgadeutschen. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1918 bis 1938, Schauplatz ist die Republik der Wolgadeutschen (ASSRNP), die 1923 gegründet wurde und bis 1941 bestand. Anhand der Ereignisse auf zwei entgegen gelegenen Wolgaufern wird die Liebesgeschichte des Lehrers Jakob und seiner späteren Frau Klara erzählt. Diese ist eingebettet in die Historie einer Generation mit einem gemeinsamen Leidensweg. Sie verwandelt sich im Laufe der Erzählung von einem friedlichen Zusammenleben mit eigenen Bräuchen und Traditionen in den Schrecken Flucht und Verbannung durch das sowjetische Regime.

In ihrem ersten Roman„Suleika öffnet die Augen“, der 2017 in deutscher Sprache erschien, entführt Gusel Jachina den Leser nach Sibirien. Hier, wie in Wolgakinder, wird die Verbannung in den Osten Russlands thematisiert, in Wolgakinder jedoch nur am Rande, im Epilog geschildert. Sulejka, eine Bauersfrau lebt mit ihrem Mann in einem tatarischen Dorf und ist Teil einer patriarchalen Welt. Ähnlich wie in Wolgakinder ist auch hier die Peripherie der zentrale Ort der Handlung. Kernstück des Romans ist jedoch die Verbannung nach Ostsibirien und die Reise dorthin.

Die Autorin der beiden Romane studierte Germanistik und Anglistik an der pädagogischen Universität in Kazan und arbeitet als Übersetzerin aus dem Deutschen. Sie interessiert sich für die deutsche Kultur und Sprache, obwohl diese, wie sie bemerkt, für sie erst mal unbekanntes Terrain darstellen.

Die Handlung in Gusel Jachinas Roman spielt an der Wolga, die die Welt in zwei Hälften teilt. Sie ist umgeben von einer Landschaft, in der der Steppenwind weht. Die Berge sind im Sommer von blaugrünem Wald bedeckt, im Winter tief verschneit. Inmitten dieser Kulisse im Herzen des Wolgagebiets, auf der linken Seite des Ufers, liegt das Dorf Gnadental. Jakob Ivanowitsch Bach, Protagonist des Romans und Goetheverehrer, führt ein ruhiges Leben als Lehrer und komischer Vogel, sein Leben fließt ruhig dahin und er selbst sieht sich als einen Wanderer, der hochdeutsch spricht – denn Gnadental an der Wolga ist eine deutsche Kolonie. Hier gibt es ein Portpourri an deutschen Dialekten. Ungleich Deutschland, das eine eigene deutsche Literatursprache hat, herrscht in den deutschen Dörfern an der Wolga ein uneinheitliches Deutsch, das von diesen verschieden Dialekten geprägt ist: „Die regionalen Dialekte verschmolzen zu einer gemeinsamen Sprache, die einfach und ehrlich klang, wie eine Suppe mit eingeweichten Brotkrusten.“ S.17

Am rechten Ufer der Wolga lebt Udo Grimm, der Jakob Bach darum bittet seine Tochter im Hochdeutschen zu unterrichten. Jeden Tag begibt sich Bach nach der Mittagspause in der Schule nun ans andere Ufer zu Fräulein Klara.

Während Jakob die Gewitter des Wolgagebiets feiert und gemeinsam mit Klara Goethe, Schiller, Novalis und Lessing liest, betreiben die Bewohner von Gnadental Landwirtschaft und kochen Melonensirup, den sie mit Eis und ein paar Schlehen verfeinern.

Eines Tages taucht Klara bei Jakob auf und nistet sich bei ihm ein: „das Dorf brummte vor Tratsch über das anrüchige Fräulein und den sittenlosen Schulmeister, der den braven Gnadentalern so viele Jahre lang vorgespielt hatte, er könnte kein Wässerchen trüben.“ S.88 Daraufhin verlassen die beiden das Dorf und fliehen ans andere Wolgaufer, wo Klaras von Wörtern und Buchstaben verziertes Zimmer sie empfängt. „Die Worte und Buchstaben bedeckten alle Wände vom Fußboden fast bis zur Decke.“ S.98 Hier lassen sich die beiden nieder und Bach lernt es, von nun an die Zeit nicht mehr nach Minuten zu messen, sondern „nach dem Morgen – und Abendtau, dem Lauf der Sterne am Himmel und den Mondphasen, den Schneefällen, der Dicke des Eises auf dem Fluss und dem Zug der Vogelschwärme über die Steppe.“ S.103

Das Haus, das die beiden bewohnen, liegt versteckt im Wald und es besteht die Hoffnung, von Drohungen und Kriegen verschont zu bleiben: dennoch währt diese Harmonie in der Abgeschiedenheit nicht lange, Klara wird schwanger mit einem Kind, dessen Geburt sie nicht überlebt.

Nach Klaras Tod wandert Jakob auf der zugefrorenen Wolga nach Gnadental, dessen Verfall, abgerissene und verfallene Häuser ihn schockieren. Schuld und einschneidender Wendepunkt ist die Revolution unter Lenin, die massive Folgen für die Gruppe der Russlanddeutschen hat. Hier, in diesem Dorf, neben der Kirche, will er das Kind seinem Schicksal überlassen. Doch dann beschließt er, sich um die Kleine zu kümmern und sie mit gestohlener Ziegenmilch zu füttern. Er nennt sie Annchen.

Bei seinen Streifzügen durch das Dorf sieht er die Schäden, die das sowjetische Imperium in seinem Dorf angerichtet hat: „Wie hatte sich Gnadental in dieser Zeit verändert! Wie anders waren die Menschen geworden! Häuserfassaden, Straßen und Gesichter waren gezeichnet von Verfall und langjähriger Trauer [… ]. Nur die roten Fahnen, Sterne und Spruchbänder [….] strahlten herausfordernd grell und widersinnig, als hätte man die Lippen einer sterbenden Greisin blutrot geschminkt.“ S.204f.

Bald stiehlt Bach nicht mehr, sondern geht einen Tauschhandel ein: Milch gegen Geschichten, die er seinem Erinnerungsarchiv entnimmt; er schreibt über Dialekte in Gnadental, den Aberglauben im Dorf und fügt die Erinnerungen wie ein Mosaik zusammen. Er arbeitet an der Archivierung von Bräuchen und Inforationen, die von Russland als dem gelobten Land erzählen, in dessen Weiten fruchtbarer Boden auf die Siedler wartet. Zentral bleibt immer die Rolle der Wolga – im Winter gefroren erlaubt sie es den Bewohnern, zu Fuß ans andere Ufer zu gelangen.

Irgendwann, im Laufe der Zeit, wird die Gegend um Gnadental zur Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, mit ihrer Hauptstadt Pokrovsk erklärt. Zu dieser Zeit zieht ein neuer Mitbewohner bei Jakob ein – Wasja, ein Straßenkind, das zunächst ein Winterquartier sucht und ohne Erlaubnis in Jakobs Haus einbricht. Von nun an leben sie zu dritt. Wasja bringt Annchen die russische Sprache bei, abends hören sie Schallplatten auf Jakobs Grammophon, das Leben plätschert so dahin, es ist friedlich beinahe idyllisch auf dieser Wolgaseite. Nicht zu vergleichen mit dem anderen Wolgaufer, dem Dörfchen Gnadental und dem Rest der Wolgarepublik. Diese leidet unter den Folgen der Kollektivierung und Entkulakisierung.

Doch die Naturidylle von Jakob und den Kindern hat bald ein Ende, als ein sogenannter Agitator ans rechte Ufer der Wolga kommt und die Kinder mitnimmt – ins Klara Zetkin-Wohnheim in Pokrowsk. S.484

Als Bach zufällig in die Wellen der Wolga gerät, begegnet er auf dem Grund des Flusses Körpern von Männern und Frauen, von Greisen und Kindern, von allen Seiten blicken sie ruhig auf Bach, bis dieser vor dem Ertrinken gerettet wird.

Der Roman endet abrupt. Bach wird zusammen mit anderen Wolgadeutschen nach Kasachstan verbannt, wo er bei einem Grubenunglück stirbt.

Beim Lesen von Wolgakinder lässt sich ein Chronotopos des Flusses im Verlauf der Handlung feststellen. Im Raum wird die Zeit sichtbar. Der Wechsel der Jahreszeiten spiegelt sich im Charakter der Wolga wieder: „Die herbstliche Wolga, grau und zerzaust, schaukelte das Boot nachlässig und gleichgültig“ S.357

Des weiteren spielt ein Moment der Diskrepanz von Stadt und – Landleben eine wichtige Rolle. Bach und Annchen verlassen für einen Tag ihre gewohnte Behausung und folgen dem Lauf der Wolga

nach Saratow – für Annchen eine komplett andere Welt: „Sie sog die Lichtreflexe, die bunten Farben und Gerüche der Straße in sich ein – von Pferden und Menschenschweiß, von nassem Pflaster und Staub, von Eisen und Schmierfett, von billigem Machorkatabak, von Wodka und Essbarem“.S.381 Die Eindrücke, so überwältigend, veranlassen Vater und Tochter wieder zurück zu kehren.

Russland als Siedlungsraum wird zunächst positiv bewertet: russische Steppe, Offenheit und Wildnis als Momente der Freiheit und Ungebundenheit. Im Verlauf des Romans tauchen Abgrenzungsstrategien gegenüber dem Kolonialstaat auf, so zum Beispiel Jakobs Niederschrift der russlanddeutschen Geschichte. Eine Reflexion über kleine Nationen, die in großen Imperien untergehen, spielt dann eine Rolle wenn Russland ethnische Minderheiten in die Verbannung schickt ,und das ist hier definitiv der Fall. Die deutschen Kolonien waren demnach eine bedrohte Entität.

Ganze Abschnitte des Buches sprechen von einer Führerfigur, die sich in der Wolgarepublik aufhält, die Rede ist von Stalin, der nur als ER angesprochen wird. Dieser ärgert sich über die Schilder der einzelnen Ortschaften, die deutsche Namen tragen, darüber dass die Fenster so blank geputzt sind. “Diese ganze geradezu aufreizend winzige Welt war ein einziges Ärgernis. Sie war ihm fremd“ S.323

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils in 30 Unterkapitel untergliedert werden.

Historische Ereignisse spielen eine Rolle, werden jedoch nur am Rande erwähnt, sowie die russische Revolution, die das Leben der Bewohner Gnadentals verändert.

Gusel Jachina hält sich zurück, präzise die Geschichte der Wolgadeutchen wieder zu geben, was den Roman stellenweise an ein Märchen erinnern lässt, eines jener Märchen, die Jakob aufschreibt und den Gnadentalern zugänglich macht. Sie ist vorsichtig mit der Chronologie der Ereignisse: so erwähnt sie zum Beispiel die Jahre 1929, 31, 32 und 33, denen Jakob verschiedene Namen gibt: Jahr der Flucht, Jahr der großen Lüge, Jahr des großen Staudamms und das Jahr des großen Hungers.

Von besonderer Bedeutung ist das Archiv. Hier wird gezeigt, wie Jakob Bach die Geschichte des Dorfes rekonstruiert. Die Rede ist von Märchen, Bräuchen, Dialekten und dem Aberglauben der Gnadentaler.

Dafür bekommt er in Tausch gegen diese Geschichten, die er zu einem Archiv zusammenfügt, Papierbögen, Bleistift und Ziegenmilch.

Er arbeitet auch an der Archivierung des Russlands als einem gelobten Land. Russland wird nicht als Feind angesehen, zumal auch seine Tochter Anna von dem zugelaufenen Wasja in der russischen Sprache unterrichtet wird und somit die russische Kultur und Menschen des Landes positiv erlebt.

Die Wolga ist beides – Verbindung und Trennung zugleich. Ihre Rolle bleibt immer zentral. Die gefrorene Wolga fungiert als Archiv, sowie auch ihr Auftauen Geheimnisse einer dunklen Geschichte aufdeckt: „Dann knisterte es ganz in seiner Nähe. Das Eis unter seinen Füßen erzitterte, öffnete sich und gab sein Inneres frei, an dessen Kanten Hunderte blauer Funken aufblitzten. Durch den Riss schaute Wasser, das wie eine dicke, grün-schwarze Masse wirkte,“ S.232

Solange die Wolga für Bach eine Möglichkeit zum Erreichen des anderen Ufers bietet, ist sie in ihrem flüssigen Zustand Ort der Geheimnisse, die Klaras und Bachs Ufer nicht erreichen.

Als Bach kann die von den Sowjets errichtete Hegemonie in Gnadental beobachtet, verwandelt sich die Wolga vom natürlichen zum kulturellen Archiv. Hier ist es seine Bevölkerung, jene die ihm nahe stehen, die von der Wolga mitgerissen werden, beinahe ertrinkt er auch, wird jedoch gerettet und nach Kasachstan verbannt.

Hier ist das Medium der Erinnerung, das Eis, welches von Jakob Bach immer wieder überquert wird und ihm erlaubt seine geschriebenen Erinnerungen auf die andere Seite zu bringen, richtungsweisend.

Eis als Medium der Erinnerung spielt auch in der Gulag-Literatur eine wichtige Rolle. Hier sind es Autoren wie Warlam Šalamov und Alexander Solšenizyn, deren Lebensgeschichte und Lebensräume wie Permafrost in Eis gespeichert werden.

Auch der russlanddeutsche Schriftsteller Arthur Grün schreibt in seinem Roman „Wenn die Hexe einmal spricht“ über das Leben der Russlanddeutschen in Südrussland und ihre Verbannung nach Ostkasachstan, wo sie in den Wälder, unter verschiedenen klimatischen Verhältnissen Zwangsarbeit leisten müssen.

Hier ist eine Parallele zum Protagonisten Jakob Bach, der ebenfalls am Ende des Buches, nach Kasachstan verbannt wird, sichtbar. Geschichten von anderen Bewohnern Gnadentals zeugen davon, dass auch die Wolgadeutschen aufgrund ihrer Nationalität in den Osten verschickt wurden.

Eine besondere Diskrepanz ist sichtbar bei der Beschreibung der Ereignisse, die sich auf beiden Ufern abspielen: Im Mittelpunkt steht das Einsiedlerleben von Jakob nach Klaras Tod und seine Erziehung der Kinder, fernab der Zivilisationen. Annchen führt von ihrer Geburt bis zum Umzug ins Wohnheim ein bescheidenes Leben abseits der Städte. Ihr einziger Freund ist Wasja, den sie bewundert und verehrt. Er bringt ihr die russische Sprache bei. Jakobs väterliche Fürsorge sowie Wasjas Rolle als älterer Bruder geben dem Roman Wolgakinder die Ähnlichkeit mit einem Erziehungsroman.

Der kasachische Autor Magauin betont ebenfalls die Bedeutung eines Archivs in der Literatur: dieses muss organisiert, strukturiert und für die Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Ein Archiv repräsentiert eine Sammlung von Erinnerungen und Zeugnissen, die lebendig gehalten werden. Wissen ist Macht und soll an die Massen gelangen um ihr kulturelle Identität zu stärken. In seinem Werk „Kazakh history ABC“ kritisiert er die sowjetisch – kasachische Geschichtsschreibung, die für das Vergessen von Geschichte verantwortlich ist.

Es bleibt zu hoffen, dass Jakobs Geschichten den Krieg und die Vertreibung überlebt haben, fungieren diese als Archiv für die nachfolgenden Generationen. Der Roman Wolgakinder erfüllt dieses Kriterium – es ist eine Sammlung, individueller Geschichten und historischer Ereignisse, die sehr sensible Geschichten zum Thema haben. Gusel Jachina hat sich ein großes (und noch wenig bearbeitetes) Thema ausgesucht, das sie sehr detailliert in Romanform gebracht hat.

Literatur:

Gusel Jachina: Wolgakinder. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger, Berlin:Aufbau Verlag, 2019

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