Die Ehe, so sehr gewünscht und um die so viel gelitten wurde, brachte Freude nur in dem allerersten Jahr. Nach der Geburt der Tochter, bedeckten die Sorgen und Turbulenzen Irina und ihren Kopf. Andrej, nach den Worten Shurochkas, hat sich entfremdet, das bedeutet, die Verbindung wurde schwächer und er verschwand wieder auf der Arbeit und im Restaurant – tagelang. Nach einem Jahr, als Irina ihre Tochter, gemeinsam mit Katherina, in die Igarka geschickt hatte, wurde sie wach und stellte sich selbst vor die anklagende Tatsache.
In dieser Zeit erlebte sie eine Menge Skandale. Im Zimmer wurde das Geschirr zerschlagen, dann hörte man das erschrockene Weinen des Kindes und ihren eigenen Schrei. Die Nachbarn beschwerten sich, machten Bemerkungen. Besonders viel Mühe gab sich Valja – die Wächterin.
Die Eifersucht, die Irina früher nicht kannte, füllte sogar die weiten Ecken der Seele und des Körpers aus. Um sie zu handhaben, hatte Irina keine Kraft. Vor Kränkung tat in ihrem Inneren alles weh und wurde entzwei gerissen. Elena rief selten an, doch Katherina jeden Tag. Sie wollte immer Irochka sprechen.
„Bist du die Irochka?“, sprach Valentina Petrovna laut in dem gemeinsamen Flur.
„Welche Irochka bist du denn?! Eine Furie und Harpyie! Pfui Teufel! Du solltest dich um dein Kind sorgen! Schreist so laut! Hast deinen armen Ehemann ganz mit deiner Eifersucht geschändet!“
Nun beobachtete Lucy Kopejkina nicht selten das Geschehen aus dem Fenster ihres Büros: wie ihr Herzblatt Andrej Melehov, mit einem Koffer in Richtung von Großmutters Wohnung schritt, und nach einiger Zeit wieder zurück, in Richtung seiner neuen Wohnung. Das Vergnügen wurde durch Schadenfreude ersetzt, später durch Trauer.
Man kann nicht sagen, dass Andrej sich seiner Frau gegenüber schlecht verhielt, wohl eher wusste er nicht, wie er sich im neuen Status als Ehemann verhalten sollte. Viele Jahre war er für Frauen nur der Liebhaber, und jetzt…Früher hatte er Irina fest-fest umarmt und sie beruhigte sich schnell, nun wurde sie gereizt und widersetzte sich…
Er umarmte die junge Ehefrau nicht richtig, oder störte sie sogar. Wohin sollte er mit seinen langen Armen und Beinen?
Wie sollte man beim Haushalt helfen, zum Beispiel mit der Wäsche, wenn in der Gemeinschaftsküche eine neue Waschmaschine stand. Er spülte das Geschirr, bügeln konnte er nicht und wollte es auch nicht, was noch? Ach, ja! Er liebte es, den Boden zu wischen und verschwand dann mit dem Gefühl der erfüllten Pflicht auf die Arbeit.
Als Vater war er gut, doch sehr selten. Er brachte für die kleine Tochter stets Spielsachen, fuhr sie im Kinderwagen spazieren, spielte mit Vergnügen mit ihr und schaute Trickfilme, auf dem neuen, grell-grünen Teppich sitzend.
Irina machte seltene Besuche in die Bar, gemeinsam mit der kleinen Tochter auf dem Arm, zum Schrecken von Andrej und dem Gelächter des Personals. Sie fand nichts Kriminelles, bemerkte nur, dass die Frauen ihren Mann umwarben, wie früher.
„Warum bist du verärgert?“, fragte er nach einem wiederholten Skandal Irina.
„Sage mir, was ich tun soll? Du wolltest heiraten…Wir heirateten, die Tochter wächst…Was nun? Wohin mit mir? Ich bin dein gesetzlicher Ehemann! Selbst wenn ich ausgehe, werde ich zurückkehren…“
Diese Worte machten Irina wütend, sie nahm Farbe an, doch konnte sie ihn nicht vor die Tatsache stellen. Sie verstand nur, dass sie immer eifersüchtig war gegenüber dem Umfeld Andrejs. Erstens zur Arbeit, das ist ein Großteil des Tages, an dem sie Andrej nicht sah und auch nicht die Frauen, die ihn dort umgaben. Allen ging es gut mit Andrej und ihm ging es gut mit allen, nur ihr widmete er keine Aufmerksamkeit mehr, keine Anteilnahme.
Deswegen eilte Andrej immer zur Arbeit und für den Nachhauseweg wollte er sich nicht beeilen.
Sie ging zur Arbeit ohne Teilnahme von Katherina – in einen statistischen Betrieb. Die Arbeit war interessant, das Kollektiv gut, doch irgendetwas in ihrem Leben war nicht richtig. So als ob Andrej sie betrogen hätte und das Lebens selbst sie betrug, frech, wie man Kinder betrügt: man versprach das eine und gab das andere.
Die kleine Katja, abgesehen von dem turbulenten Leben der jungen Eltern, wuchs als ruhiges und braves Kind auf. Sie ähnelte Andrjusha als Kind sehr.
Sie begann früh an zu sprechen, vor dem Kindergarten konnte sie bereits ihre Puppe Alenka zusammenbauen, wartete mutig jeden Streit ihrer Eltern ab und hielt sich an der Hand dieser fest, entweder der mütterlichen oder der väterlichen.
Die Nachbarn beschwerten sich bei Katherina, besonders viel Mühe gab sich Valja, doch das Tantchen atmete nur auf und zog die kleine Katja zu sich. Bei den Telefongesprächen mit Elena atmete sie seltener auf, so sorgte sie sich um ihre Lenochka.
***
In diesem Jahr, Anfang Dezember, reichte Irina die Scheidung ein. Am meisten wunderte sich Andrej:
„Welche Scheidung? Was hast du, Irka?“, sagte der Ehemann fröhlich. „Du wolltest unbedingt heiraten, nun die Scheidung? Warum sollen wir uns trennen? Wir leben doch gut, oder?“
Er versuchte Shurochkas Ratschlag zu befolgen, einen Kompromiss zu finden. Obwohl er sich nur schwer vorstellen konnte, was das bedeuten soll. Doch Irina wollte nichts hören. Irina wollte die Scheidung eben so sehr wie sie die Hochzeit wollte.
Die Verwirrtheit des Ehemannes, die Bitten Elenas und Katherinas, doch ernst mit ihrem Mann zu sprechen, Alexandra Vasil’evnas Meinung über Verantwortung – alles war umsonst.
Der Geburtstag der kleinen Katja war das letzte Familienfest, doch trotzdem ein Fest, obwohl mit einem Anflug von Trauer. Das Mädchen bekam viele Geschenke, eine schöne Torte mit bunten Kerzen und der Zahl 5 auf der Krone – in Form eines Lutschers.
Die sechsjährige Ehe, einem großen Lagerfeuer ähnelnd, erlosch, und zerfiel in eine Vielzahl von Funken. An der Stelle des Feuers in der Seele Irinas, blieb eine Kuhle, die man mit nichts füllen könnte: weder mit Hass, noch mit Mitgefühl, es gab nicht einmal ein Interesse.
Traurig war es manchmal an Sonntagen, wenn der Vater und die Tochter Zeitungen auf dem Teppich ausbreiteten, im Zentrum des Zimmers, Farben nahmen und gleichzeitig zu malen begannen, von verschiedenen Richtungen, bis sie sich in der Mitte trafen, unter großer, gemeinsamer Freude.
Zwei Köpfe: ein dunkler, zotteliger, der andere, hell mit einer Schleife und Zöpfen, vereinten sich in der schöpferischen Tätigkeit.
Das Leben hatte sich beruhigt und war fast unbemerkbar für die Nachbarn. Valja, die sich zu dem Läuten der Klingel begab, machte die Tür auf und begrüßte liebevoll Andrej, dabei verriet sie ihm, womit sich die beiden Mädchen gerade beschäftigten.
Als Vater erfüllte Andrej, der immer wieder vorbeischaute, seine Rolle noch besser. Sein wöchentlicher Besuch wurde für die Tochter zu einem Fest. Er selbst wurde zum Fest. Er sah sehr akkurat aus, hatte gute Laune, immer ein Geschenk dabei. Sie machten Ausflüge in den Park, aßen Eis und er konnte der Tochter keinen Wunsch abschlagen.
Und auch das Verhältnis zu Irina verbesserte sich. Nun waren sie auf einer Ebene und das Gesprächsthema war immer das Kind.
Es gab keine gemeinsamen Unternehmungen mehr zwischen den ehemaligen Eheleuten. So als ob es nie eine gemeinsame Leidenschaft, Liebe, einen gemeinsamen Haushalt gegeben hätte. Es blieb nur noch das geliebte Kind, das die beiden, die nun Fremde füreinander waren, dazu zwang, die elterliche Pflicht zu erfüllen. Diese erfüllten sie mit Mühe und sehr gut.
Katherina atmete immer wieder auf. Shurochka rauchte ihre ewige Zigarette. Das Verhältnis Elenas zu dem Geschehen war nicht bekannt – sie lebte in ihrer Igarka, und nahm einmal im Jahr die geliebte Tochter und die schöne Enkelin bei sich auf.
Endlich hielt es Katherina nicht aus.
„Wird es lange Zeit so gehen?“, sagte sie mutig, auf dem Sofa sitzend.
„Was sollen wir tun?“, Irina drehte sich unzufrieden zum Fernseher.
„Es gibt doch die Leningrader Adresse seiner Schwester. Setze dich hin und schreibe…“
„Was sagst du da? Ich kann nicht!“, unterbrach Irina sie eilig.
„Ich kann nicht! Du kannst! Schreibe. Frage nach der Adresse Sergejs. Nun…Nein für den Anfang: ob er verheiratet ist? Kann ja alles vorkommen! Danach die Adresse. Vielleicht doch anders herum? Nun, du wirst es selbst wissen. Hier hast du Papier und Stift, nun setze dich! Keine „Neins“, setze dich und schreibe:
„Teure Sveta, es schreibt Ihnen Irina Makarova“ Und wo weiter…“
Nachdem sich Irina von dem Lebensraum Melehovs befreit hat, entdeckte sie bei sich viele Interessen: sie liebte es Jazz zu hören: machte Bekanntschaft mit Musikern, veränderte ihre Garderobe: bewahrte jedoch ihre hellblauen Farben, mit der Hilfe der Schneiderin, die ihr Bekannte empfohlen haben.
Sie begann zu lesen, machte Bekanntschaften in Lesezirkeln. Las einige, von der Sowjetmacht verbotene Bücher, beispielsweise Solzhenicyn, wurde traurig und fokussierte ihr Interesse auf die Bücher Dumas, des Sohnes.
Manchmal ging sie zu Treffen. Nach hause brachte sie nie jemanden mit. Wenn sie die Nacht wo anders verbrachte, kümmerte sich die ältere Katherina um die Kleine. Es gab verschiedene Männer, auch verheiratete. Ihre Aufmerksamkeit nahm sie dankend an, doch ohne besonderes Interesse. Ihre sexuellen Bedürfnisse stillte sie energisch, doch ohne Leidenschaft.
In dem Land war gerade überall die Perestroika. Der Fernseher schrie pausenlos über ihre Lösungen. Man sprach Reden, gab Schwüre, ließ Treffen statt finden. Im Allgemeinen – war das Leben erfüllt, unter anderem jedoch nicht. Es gab keinen Menschen, der täglich und jede Minute von ihr verzaubert war. Der Gedanke, und damit die Hoffnung, dass all das noch kommt, verließen Irina nicht.
Nach drei Monaten kam ein Brief aus Leningrad. Svetlana schrieb trocken und knapp, doch jeder Buchstabe, jedes Zeichen waren voll mit Vorwürfen.
„Sergej ist nicht verheiratet. Wird er jemals heiraten nach so einem schlimmen Verrat? Er liebte Sie und liebt Sie noch immer. Sie haben sein Leben zerstört. Er lebt nun in Klaipeda, Hier ist die Adresse…“
„Pfui“, wackelte Katherina mit der Hand und gab vor sich selbst zu, dass sie all die drei Monate feige war zu erfahren ob eine Antwort kommt.
Irina, die sich über die Hoffnungen freute, begann nachzusinnen: einen Brief schreiben, voller Reue, oder die Erklärungen lassen, und ein Telegramm schicken, um die Erlaubnis eines Briefes bitten? Sie beschloss ein Telegramm mit dem Text zu schicken: Darf ich dir schreiben?“
Sie musste zwei Monate warten. Endlich kam eine knappe Antwort: „Ja.“
Der Brief wurde ganze zwei Wochen geschrieben. Katherina mischte sich ein aus Neugierde.
Irina beschrieb detailliert die tiefe Liebesenttäuschung und sprach ihr Mitgefühl aus zu dem Geschehenen. Sie schrieb über die Enttäuschung im familiären Leben in den aller zärtlichsten Farben, über die Tochter Katjuscha. Ihre einzige Freude und Hoffnung.
„Nun, ich habe alles geschrieben!“, sagte sie eines Tages zu Katherina. „Soll ich es dir vorlesen?“
„Neein!“, keuchte Katherina. „Regelt das unter euch!“
***
Die Antwort kam mit den Maifeiertagen. Irina, mit dem Umschlag in den Händen, eilte in ihr Zimmer, zog schnell die Tochter aus, gab ihr einen Apfel und setzte sich auf den Rand des Stuhls.
„Liebe Irina, im Gegensatz zu dir, lebe ich anders – Arbeit und ein unbedeutendes privates Leben mit der Nachbarin Ljuba. Ljuba ist eine Prostituierte…“ Irina lehnte sich an die Stuhllehne und hob die Augen. Was wolltest du denn? Du bist ehrlich und auch er ist offen zu dir.
„Gerade bin ich in einem Krankenhaus, in Leningrad. Probleme mit dem Bein. Wenn du dich erinnerst, das ist ein altes Problem. Ich muss noch mindestens zwei Wochen hier bleiben. Deswegen kannst du vorbeischauen. Natürlich nur wenn du willst. Svetlana wird dich treffen, nur sende uns ein Telegramm…“
Ob ich will? Natürlich will ich. Die Tochter lasse ich bei Katherina. Sie wird sich freuen. Auch die Tickets für den Hin – und Rückflug kann sie besorgen. Auf der Arbeit werde ich es schnell klären…
Melehov werde ich nichts sagen, er muss es nicht unbedingt wissen.
Ich schrieb ein Telegramm mit dem Datum der Ankunft und begann zu packen. Ich dachte die ganze Zeit daran, wie das Treffen ablaufen wird.
Es schien, als habe ich alles durchdacht. Der hellgraue Mantel, das blaue Halstuch, eine elegante Tasche. Etwas bitteres Parfum, etwas Wimperntusche, eine zarte Farbe des Lippenstiftes, eine schlichte Maniküre. Das Schauspiel des Gespräches malte ich mir vom Anfang bis zum Ende aus. Nur konnte ich mir das Treffen mit der Schwester Svetlana nicht vorstellen.
Im Inneren hatte Irina Angst vor einem Treffen mit ihr, und vor einem Gespräch, vor allem weil sie dann unter sich sein würden.
Am Flughafen in Leningrad beherrschte Irina sich und ging zum Schicksalstreffen. Svetlana war zurückhaltend, schaute an ihr vorbei und sprach nur in kurzen Sätzen.
Sie brachte den Gast nach hause, gab ihm Tee zu trinken, schrieb auf einen Zettel die Adresse des Krankenhauses. Beschrieb den Weg, legte vor Irina den Ersatzschlüssel auf den Tisch, für die Eingangstür, entschuldigte sich und ging eiligen Schrittes zu ihren Angelegenheiten.
Irina bemerkte in Gedanken die absolute Unähnlichkeit des Bruders mit der Schwester: „Die Schwester zierlich, elegant, Sergej…ich habe keine Ahnung, wie er jetzt ist.“ Sie ging durch die Zimmer, betrachtete alle Fotos, setzte sich hin und stellte sich hier mit Katja vor. Da erinnerte sie sich, dass sie am Abend unbedingt die Semönova anrufen musste und ein Treffen vereinbaren.
Plötzlich klingelte es an der Tür. Irina war verwirrt: aufmachen oder nicht? Die Hausherren sind nicht da. Doch sie beschloss zu öffnen.
Vor der Tür stand eine junge Frau in einem Bademantel, mit einem zotteligen Dutt heller Haare auf der Krone. Auf dem sauberen Gesicht, ganz ohne Kosmetik, zeigte sich ehrliche Neugierde:
„Ähm. Guten Tag. Ist Tante Sveta zuhause?“
„Guten Tag. Nein. Sie ging vor ein paar Minuten weg. Soll ich ihr was ausrichten?
„Nein, ich komme abends noch mal vorbei. Soll ich Sie zu Sergej ins Krankenhaus begleiten?“, fragte sie mit Interesse.
„Nein, nicht nötig.“ Irina war verwirrt. „Entschuldigen Sie“, und sie schloss die Tür.
Was ist das oder eher wer ist das? Ljuba? Dann steht auf ihrer Stirn sicher nicht „Prostituierte“, sondern „irdischer Engel“. Ljubas Erscheinen passte wirklich nicht zu dem Schauspiel. Ja, sie wusste es, doch zu wissen, ist das Eine, zu Sehen, das Andere.
Der Weg zum Krankenhaus war weit. Während Irina den öffentlichen Nahverkehr durch die Stadt nahm, schaffte sie es, die Stadt etwas zu betrachten. Sie gefiel ihr. Leningrad gab ihr das Gefühl von Freiheit. Sie spürte sofort den Rhythmus der Stadt – langsam, sogar welk, entspannt…
Doch je mehr sie sich dem Krankenhaus näherte, desto mehr Sorgen machte sie sich. In ihrem Inneren rollte sich ein Knäuel zusammen: ich werde sehen, wie er mich begrüßt, was er sagen wird?
Das Krankenhaus war ein altes, wichtiges Dreietagenhaus. Irina umrundete es einmal, bis sie den Haupteingang fand.
Sie stieg in die zweite Etage und ging den Flur entlang. Die Tür des Zimmers war offen. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann klopfte sie auf die hölzerne Tür.
„Darf ich?“, sie schaute in das Zimmer.
Auf einem Hocker, im Schlafanzug, mit einer Krücke neben sich, saß der älter gewordene Sergej.
Ein schwerer Blick, gerader Rücken, ganz beherrscht – was ist das? Vielleicht bin ich umsonst gekommen? Vielleicht ist alles umsonst?
Irina erinnerte sich, dass sie fast ihren Mantel zerknittert hätte, das Halstuch liegt gerade um den Hals, eine schöne Tasche, und trotz des Regens, ist die Wimperntusche nicht verschwommen. Sie betrat mutig das Zimmer.
„Guten Tag, Serjezha.“
„Hallo“, antwortete dieser leise.
In dem Raum standen sechs Betten, bedeckt mit verwaschenen Laken. Alle leer.
„Setze dich. Wie war dein Flug? Hat Svetka dich getroffen?“
„Ja, alles gut. Sie hat mich getroffen…und hier ist ein Schlüssel, sie gab ihn mir…“
Es war seltsam ruhig. Sie waren zu zweit in dem Zimmer, auch im Flur hörte man keine Stimmen, Zeichen für die Anwesenheit von Menschen, sogar den Regen hinter dem Fenster hörte man nicht.
Auf dem Boden neben Irinas Regenschirm bildete sich eine kleine Pfütze.
„Bist du nicht nass geworden?“, lächelte Sergej und nahm ihre Hand in seine. „Du bist immer noch so…schön. Ich erinnerte mich immer wieder…Das Flugfeld, weißt du noch, du hast geweint…Deine Tränen…blau wie deine Augen.
„Entschuldigen Sie.“ Das Zimmer betrat ein Mann, der ebenfalls einen Schlafanzug trug und eine verbundene Hand hatte. Er lächelte, ging zur Schublade, suchte nach irgendetwas und verließ wieder den Raum.
Irina und Segej begannen zu lachen.
„Wo sind denn alle, Serjezha?“
„Ich sagte zu ihnen, dass ich Besuch von einer Frau bekomme…Sie gingen. Sitzen in der Kantine.“
In der Luft hing Unbehagen und Enttäuschung. Es gab nichts, worüber man hätte reden können. Irina wollte zärtlich zu ihm sein, doch er wollte nicht. Blickte ganz unbedeutend, sah unwichtig aus…Der Kopf nicht gewaschen, auf den Wangen und dem Kinn Borste, gelbliche Haut, Schatten unter den Augen. Er war ganz dürr und in die Länge gezogen und verursachte Mitleid.
„Hast du Schmerzen? Tut dir das Bein weh?“
„Jetzt nicht mehr. Noch ein bisschen…Schau, der Regen hat aufgehört. Sollen wir spazieren gehen? Die Kerle sitzen schon so lange in der Kantine…
Sie stiegen nach unten, er trug eine Jacke.
Die seltene Sonne verwöhnte mit Licht und Wärme. Die erwachte Natur erfreute die Augen. In den Gärten sah man die Knospen von Blumen, die zu leuchtenden Narzissen explodierten, Krokusse, Hyazinthen und Tulpen. Auf den Bäumen zeigte sich junges Laub, das Krankenhausgelände bedeckte sich mit jungem Gras. Sie gingen die Wege entlang. Atmeten mit voller Brust ein. Es hing ein starkes Aroma von Kirschblüte und Flieder in der Luft. Sie genossen das Wetter. Der Kopf drehte sich, entweder von dem herannahenden Frühling oder von ihrer gegenseitigen Nähe. Sie fanden eine Bank und setzten sich.
„Erzähle mir von deiner Tochter. Wie ist sie?“
Irina wunderte sich etwas, doch sie begann zu erzählen. Zuerst ohne Eile, dann mit immer mehr Vergnügen. Sie beschrieb ihr Aussehen, dann den Charakter, die Angewohnheiten, das Verhältnis zu der großen Katherina, sie erzählte über kleine, familiäre Konflikte.
Sie lachten gemeinsam darüber, wie die kleine Katja ihre große Freundin und Patentante darum bat, die Stiefel vorsichtig zu tragen und so selten wie möglich, sie beschloss, diese zu erben. Oder wie sie darum bat, einen Kater für die Katze Vaselisa zu adoptieren. Sie brachte Vergleiche, diese ausschmückend, darüber, dass es in der Welt der Menschen immer Paare gibt: Mama hat Papa, Katherina hat ihren Liebsten, worin soll die Katze Vaselisa schlechter sein? Sie besorgte ihr einen Ehemann, den Kater Vasilij. Womit endete das Ganze? Ich vertrieb diesen frechen Kater mit der Räuberschnauze, das war es. Die Tochter hatte zwei Tage nicht mit mir gesprochen. Zwei Tage. Was ein Charakter. Und es gab noch einen lustigen Vorfall. Jeden Samstag gehen wir zur Patentante, um Pelmeni zu kochen. Beim Abendessen überreden wir Katjuscha, wenigstens noch einen Pelmen‘ zu essen, und was denkst du? Sie sagt, sie setzt diese Pelmeni auf Stühle in ihrem Bauch. Und nach langen Überredungen gibt sie zu: Sollen sie doch zu zweit auf den Stühlen sitzen. Kannst du dir das vorstellen?“
„Ich liebe deine Katjuscha jetzt schon. Sage, hat sie deine blauen Augen?“
„Nein Sie sieht Andrej ähnlich. Sie lieben einander und kommen gut ohne mich klar.“
„Weißt du was, warte hier auf mich.“ Sergej stand abrupt auf, ging zur Treppe und verschwand im Krankenhausflur. Nach ein paar Minuten kam er in normaler Kleidung raus.
„Lass uns gehen.“
Sie fragte nicht, wohin. Sie verstand – nach hause.
Sie nahmen ein Taxi. Setzten sich. Eiligen Schrittes stiegen sie in ihre Etage. Da zog Sergej sie an sich und begann sie zu küssen. Dabei murmelte er wie im Delirium:
„Nein, ich kann nicht.“
Irina war verwirrt von diesen Worten, grenzte sich ab…
„Was? Was….“
„Geh weg…Nein, nein. Warte. Ich kann nicht. Entschuldige…Ich liebe, liebe…“
Irina öffnete vor Verwirrung den Mund, dann schloss sie ihn wieder, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. Währenddessen machte er die Tür mit seinem Schlüssel auf. Auf der Schwelle begann er sie wieder zu küssen. Irina war ganz verwirrt. Sie küssten sich unendlich lange. Dann endlich zogen sie sich ihre Schuhe aus und ihre Kleidung und verschwanden im Schlafzimmer. Er erinnerte sich erst am Morgen an Svetlana, so schön war ihre erste Nacht.
In der Nacht, wenn die Liebesumarmungen sich lösten, betrachteten sie im hohen Fenster die Leningrader Laternen. Diese waren in ihrer Form und ihrem Bau unterschiedlich, sie schienen magisch zu sein. Irina erblickte ein besonderes Licht – davon gab es entweder zu viel oder zu wenig. Sie dachte, das ähnele dem Verhältnis mit Sergej.
„Ich liebe dieses Leningrad. Die nächtliche Laterne ist ein bedeutender Teil des architektonischen Ensembles“, sprach Sergej mit der ernsten Stimme eines Lektors. „Was denkst du darüber? Das ist für die Gäste der nördlichen Hauptstadt. Übrigens bist du Gast. Doch wahrscheinlich hast du bisher noch nichts gesehen…“
„Dich, dich habe ich gesehen…“, und sie bedeckte seinen Mund mit Küssen.
Der Rest von der irren Rede im Treppenhaus löste sich unter den vielen Zärtlichkeiten auf. Lange Zeit danach schien es Irina sogar, sie hätte sich verhört. Dafür hörte sie die Bewegung der engen, relativ harten Liege unter sich, in der Dämmerung.
Und später, als sie in der Dunkelheit lag, schien es ihr, sie habe ein nächtliches Meer überquert auf einem kleinen, schwimmenden Floss, indem sie das Kinn in die Kuhle seines Halses legte, etwas unter das Ohr…Er umarmte sie fest und flüsterte, dass er unrasiert sei und der Hals für sie stachelig sein müsse. Beim Einschlafen hörte sie sein Murmeln: „Meine, meine…“
Am Morgen trennten sie sich schnell und eilig. Sie machten aus, dass sie auf seinen Anruf warten würde…Und dann zu dritt, nur zusammen, zusammen.
Sergej rief ein Taxi. Auf dem Weg stieg er beim Krankenhaus aus, küsste sie schnell, sie fuhr zum Flughafen, und von da nach Nowosibirsk, nach hause. Bereits am Flughafen erinnerte sich Irina an Semenova: sie hatten sich nicht angerufen, noch getroffen.
***
Zuhause stellte Irina die Mutter und Katherina vor die Tatsachen: mit Sergej sei es ernst. Sie warte auf die Einlandung.
Sie begann neue Kleidung für sich und die Tochter zu kaufen. Mit der alten Garderobe wollte sie nicht zu ihm fahren. Neue Kleidung sei notwendig. Es beginnt ein neues Leben.
Da rief Katerina an, im zentralen Kaufhaus gab es gerade eine Lieferung von neuen Klamotten. Sie lief hin, stand ein paar Stunden in der Schlange, kaufte einen wundervollen, leuchtend blauen Mantel von tschechischer Herstellung. Dazu noch Stiefelchen und ein Täschchen, und lauter Krimskrams.
Und da begann sie zu warten. Es zog sich hin. Im Sommer in den Urlaub. Irina und die Tochter besuchten die Mutter in der Igarka.
Brachten Mitbringsel aus Nowosibirsk mit: Maisstäbchen, Küchlein, Pepsi-Cola, die man damals begonnen hat zu produzieren, in Nowosibirsk.
„Wozu so viel? Oh Gott, welch ein Überfluss“, empörte sich Elena.
In dm elterlichen Haus war es angenehm, wie immer, gemütlich und ruhig. Spitzenvorhänge auf den Fenstern, auf den Fensterbänken Töpfe mit Veilchen: zarte Tapeten in den Zimmern, die bemalt waren bis zur Mitte, weiße Wände in der Küche. Im Schlafzimmer, weiße Decken auf den Betten. Im Badezimmer ein dunkelgrüner Boiler, nun gab es genug heißes Wasser. Im Flur, ein schwarzes Telefon, das akkurat mit einer Servierte bedeckt war. Und morgens die Gerüche von Milch vom Markt, georgischen Tees von der besten Sorte.
Elena fragte wie gewohnt nicht nach Sregej, machte sich nur Sorgen.
Sie nahm Katjuscha mit zu ihren Freunden, den Jahins. Dort traf man auch die alte Semenova. Deutlich älter geworden, doch immer noch vital. Irina bekam eine Portion Nachrichten über die Freundinnen.
Irina Jahina war die Mutter zweier Kinder. Ihr Ehemann war Parteiarbeiter. Alles in ihrem Leben fügte sich zum Guten, nur lädt sie uns selten ein. Semenova erzieht ihre kleine Tochter und wartet auf den Ehemann von seinen langen Dienstreisen auf dem Meer.
Als wir am Tisch saßen, gingen wir alles Vergangene durch und berieten über die Zukunft der drei Freundinnen. Irina kehre nach hause mit dem bekannten Gefühl der Verabschiedung. Wir gingen am Abend. Katjuscha war müde, bat darum, sie auf die Arme zu nehmen. Irina wehrte sich, das sie Sxhuhe mit Absatz trug. Doch die Tochter bestand darauf.
Da berührte sie jemand am Arm:
„Hallo Makarova. A-a-a, du bist ja jetzt Melehova. Ich weiß, weiß…
„Razuvaev, hallo.“ wie seltsam. Irina freute sich, ihren ehemaligen Nachbarn zu sehen.
Er nahm schweigend die weinende Kleine auf den Arm und trug sie, die augenblicklich eingeschlafen war, den ganzen Weg.
„Über mich weißt du Bescheid, erzähle mir, wie du selbst lebst, Nachbar?“ Irina wurde fröhlich zumute.
Alles was der Nachbar erzählte, ließ sie wissen, dass sein Leben ereignisreich war. Auf dem Kopf, anstatt eines goldenen Duttes, war ein kurzes Igelschnitt, eine schwere Lederjacke, die schief saß und ihm etwas zu groß war, vor allem auf den Ärmeln, auf dem Hals glänzte leuchtend eine breite Kette, auf den Füßen schwere Schuhe. Junggeselle?
„Alles unter Kontrolle. Das Leben fängt jetzt erst an.“
Die Freude Irinas war augenblicklich fort. Razuvaev ging schweren Schrittes und war laut. Die unbändige Energie sprudelte so aus ihm und verströmte den Geruch von Schweiß, ungeputzter Zähne und schweren Rauches.
Sie erreichten die Tür schweigend. Er brachte auch Katjuscha schweigend ins Haus. Er lehnte den Tee ab und verschwand leise, so wie immer. Am Tag der Abreise klingelte jemand an die Tür. Elena kehrte zurück, verwirrt, lächelnd, mit einem großen Blumenstrauß in den Händen.
„Der ist für dich. Dazu noch ein Zettel. Wie im Kino.“
Irina faltete das Papier auf und las: „Adieu, Königin.“ „Auch mir…Der nördliche Troubadour.“ Die Blumen in die Vase, den Zettel in den Papierkorb.
Sie kehrten zu sich in die Shljuzovaja zurück. Und alles beim Alten. Katjuscha ging in den Kindergarten, traf sich regelmäßig mit dem Vater, mit der Oma Shura. Für den Winter kaufte Andrej seiner Tochter ihren ersten Fellmantel und eine Shapka, Irina, schöne Pullover. Die Tochter freute sich über die neuen Sachen, lachte, hing auf dem Hals des Vaters. Wundersam, wie sie sich noch mehr ähnlich sehen. Sogar die Haare Katjas wurden dunkler. Wenn sie sich umarmen, kann man gar nicht sagen, wo wessen Krone ist.
An Wochenenden gingen sie auf dem roten Prospekt spazieren. Wenn Katherina dabei war, trank man Kaffee in der Bar oder aß Küchlein. Wenn Vater und Tochter zu zweit unterwegs waren, besuchten sie die Bar des Hotels „Nowosibirsk“. Dort aßen sie Eis und tranken Limonade.
Der Winter näherte sich. Die Laune war fast winterlich: leer und kalt. Die Einkäufe, Abende und Männer erfreute sie nicht. Wie immer hielt es Katherina nicht aus:
„Warum lässt du dich darauf ein?“
„Was soll ich sonst machen?“
„Wie, was? Anrufen, schreiben…Vielleicht ist ihm was zugestoßen? Vielleicht ist er…tot.“
„Was sagst du da?“
„Schreibe seiner Schwester. So nach dm Motto…Ich warte schon ein halbes Jahr und es gibt keine Nachrichten.“
„ich denke drüber nach…“
Sie grübelte und schrieb Svetlana einen Brief. Kurz, jedoch aufdringlich. Und sie bekam Antwort, genau so kurz und abrupt.
„Wenn sie Ihren Status erfahren wollen, dann haben Sie das Recht dazu zu erfahren, dass Sergej auf der Arbeit in Klaipeda ist. Die Adresse haben Sie…“
Morgens ließ Irina Katherina wissen:
„Klaipeda. Ich muss fahren.“
„So ist es gut. Fahre. Nehme einen Flug nach Riga und von da aus dann nach Klaipeda…Dort ist alles in der Nähe“, riet ihr die erfahrene Katherina, die schon viele Orte bereist hatte.
Irina schrieb sich für den Juni den Urlaub auf. Stellte sich in die Schlange für den Kauf des Flugtickets. Bezahle im Voraus. Und begann wieder zu warten, diesmal auf den Urlaub.
***
An die Mitglieder der Exkursionsgruppe konnte sich Irina nicht erinnern. Just als sie Riga erreicht hatten, wurde sie von einer Angst überfallen: wozu bin ich hierher geflogen? Vielleicht will er mich nicht sehen? Wird sich nicht erinnern, wie mein Name ist? Im Kopf tauchte die Szene aus dem Treppenhaus auf, sein wirres Murmeln. Endlich wählte sie einen Moment aus, ging zur Leiterin der Gruppe, einer stark geschminkten, jungen Frau und bat sie, mit nach Klaipeda zu nehmen.
„Was wollen sie da?“, fragte die Leiterin und hob ihre samtenen Wimpern. Irina war verwirrt. „Achso, ein Treffen?“, fuhr die Dame fort. Nun, verstehe. Ich wünsche Ihnen Erfolg, Liebchen.“
Bei der Rezeption fragte sie, wie man bis nach Klaipeda kommt, bis zum Hafen. Sie bat, ihr einen Platz zu reservieren…Ein Luxuszimmer. Für zwei Tage. In dem besten Hotel.
Früh am Morgen setzte sie sich in die Elektrische „Riga-Klaipeda“. Sie erreichte den Ort ohne Abenteuer. Bei dem Ausstieg in der Stadt, nahm sie ein Taxi und fuhr in das gleichnamige Hotel „Klaipeda“. Sie fand ihr Zimmer, gab ihre Gepäcktasche ab und nahm wieder ein Taxi – zum Hafen.
Während sie in der Elektrischen fuhr, war sie voller Sorge, doch hier verspürte sie Ruhe. Sie erinnerte sich an ihren Leningrader Zustand – welk, wie im Traum. Das Taxi fuhr langsam. Irina betrachtete aus dem Fenster des Autos die russischen Aufschriften auf den Vitrinen, städtische Landschaften, Sitins in den Höfen, Kneipen. Alles grau, unfreundlich, so als ob hinter all dem eine unendliche Trauer stünde. Dafür trugen Klaipedas Straßen romantische Namen, wie in den Romanen Alexander Grins: Schlossstraßen, Torstraße, Bastionstraße, Ankerstraße…zum verrückt werden. Das Meer ebenfalls langsam, schwer. Die Möwen beleuchteten mit ihren feierlichen weißen Flecken die graue Meereslandschaft. Die Stadt hatte eine lange Straße, die sich am Ufer lang zog. Irina bemerkte ein seltenes Schauspiel, wie auf einer Fotografie, einen Jungen auf einem Floß. Dieses bewegte sich nicht, als ob er versteinert sei. Gäbe es keine Kinder, wäre es eine gewöhnliche Stadtlandschaft. Doch hier sieht es danach aus, dass sie schwimmen als seien sie in das offene Gewässer heraus geschwommen, dabei alle wie versteinert, bis auf die Wellen und die Möwen…Interessant.
Irina schreckte auf: wo werde ich nach ihm suchen? Ich weiß nicht wie man ihn hier nennt. Kenne nur den Vor- und Nachnamen, dazu noch, dass er bei der Handelsflotte ist, mehr nicht.
Das Taxi blieb neben dem Tor des Schiffshafens stehen. Sie zahlte und stieg aus. Seltsam, niemand wollte sie anhalten, obwohl sie der Wache zunickte und sie begrüßte, in der Hoffnung auf ein Gespräch, das ihr die Möglichkeit gibt, zu erfahren, in welche Richtung sie gehen soll. Die Wache schaute sich nicht nach ihr um. Sogar die Hunde hatten kein Interesse und wedelten nur faul mit den Schwänzen.
Sie näherte sich dem Ufer, in der Hoffnung, dass dort gearbeitet wird und erblickte vor sich eine Gruppe Männer. ES waren vier an der Zahl. Einer ging vorne, stark hinkend und sich unter die Füße schauend, die anderen drei hielten sich hinten und berieten laut über etwas. Einer von ihnen legte seine Hand auf die Schulter des vorne Gehenden:
„Segej.“
Irina bekam plötzlich Röte im Gesicht, ihre Augen flackerten auf, so sehr groß war die Sorge.
„Serjezha?“
Dieser stolperte fast. Wurde blass und blieb stehen. Die Freunde sprachen zu ende und betrachteten die schöne Frau wie etwas Wildes.
„Serega, für dich“, lachte einer.
„Hast du ein Glück, Seryj“, sagte der Zweite.
„Junge Frau, wissen Sie, dass sie sehr schön sind?“, fragte der Dritte.
Irina, wie ohnmächtig, konnte nur lächeln. Sergej stand und schaute sich vor die Füße, dann auf Irina. Endlcih waren die Freunde verschwunden.
„Irochka. Du? Hier?“, er begann endlich zu sprechen. „Ich, ich war verwirrt…“
„Wenn du…Ich kann wieder fahren…“
„Nein, auf keinen Fall. Du bist so…Dieser blaue Mantel steht dir und die Möwen über deinem Kopf…Als ob du aus dem Meer kämst.“ Er begann sie zu umarmen und zu küssen. Auch diesmal küssten sie sich lange und gierig.
„Wo kommst du unter? Übrigens gibt es hier ein gutes Hotel. Fahren wir?“
Immer noch stark hinkend, führte er sie hinter das Territorium des Hafens, nahm das erstbeste Auto und sie fuhren. Auf dem Weg kam er dann wiedr zu sich.
„Über die Brücke bitte.“ Auf der Brücke kaufte er einen großen Blumenstrauß, und über das ganze Gesicht strahlend, legte er die duftenden Feldblumen auf ihre Knie. „Ich habe die schon lange keine Blumen mehr geschenkt.“
Irina konnte nur lächeln, sie war am Zittern, doch sie war überwältigt von der Schönheit ihres Treffens.
Im Zimmer ging alles weiter. Sie küssten sich wild und schmissen ihre Sachen überall hin. Einige Minuten hörte man nur ein schweres Atmen. Da warf sich Sergej plötzlich zurück, ganz blass, mit Schweißperlen auf der Stirn:
„Schmerzen, mein Bein.“
Irina hatte sein krankes Bein ganz vergessen. Den Rest des Tages lief sie durch ihr schickes Zweiraumappartement, vom Badezimmer ins Schlafzimmer und legte die kalten, nackten Kompressen auf sein geschwollenes Knie. Endlich hatte sie eine Idee: aus dem kleinen Kühlschrank nahm sie Eis heraus, wickelte es in ein breites Tuch und verband damit die schmerzhafte Stelle. Dann legte sie ihren Schal darauf.
„So, nun erhole dich.“ Sie atmete aus.
Zum Abend hin war der Schmerz schwächer doch auch die Leidenschaft wurde weniger.
„Nun denn. Gehen wir ins Restaurant?“
Als sie dieses händchenhaltend betraten, trat eine Pause ein. Es schien als waren nur die Kellner nicht überwältigt von der Schönheit dieses Paares. Der Raum ähnelte sehr dem Restaurant in Igarka. Genau solche Wände, alles so wie dort, wie die Rückkehr in die Vergangenheit, in die Jugend.
„Serjezha, schaue dich um. Das ist doch Igarka. Erinnerst du dich? Sogar die Musik….die selbe. Jo Dassen.“
„Ich erinnere mich an alles“, sagte Sergej.
Er drehte sich um und bat den Kellner um eine Flasche Kognak. Und fügte hinzu:
„Ich erinnere mich nicht nur an das.“
Es erklang Musik. Man gab ihnen einen Tisch im Zentrum des Raumes. Doch umsonst. Irina musste den Männern ihren Wunsch mit ihr zu tanzen, abschlagen. Doch dann, mit dem freundlichen Nicken Sergejs, nahm sie eine Einlandung eines erwachsenen, grauhaarigen, eleganten Mannes an. Er sah aus wie ein Ausländer, nicht wie ein Einheimischer. Er stellte sich als Edward vor und lud sie zum zweiten Tanz ein. Dabei wollte er ihre Bekanntschaft schließen, ohne darauf acht zu geben, dass die Dame bereits einen Kavalier hatte. Irina lehnte ab und drehte den Kopf sorgenvoll in Richtung ihres Tisches. Sie bemerkte, dass Sergej die Zeit nicht umsonst verliert: leise, doch selbstsicher trank er den Kognak.
Auf ihre Bitten, sich nicht zu betrinken, sagte er:
„Du verstehst nichts. Und wirst nichts verstehen…nie. Du warst für mich…Du bist für mich…“
Schon nachts, als sie den schnarchende, betrunkenen Sergej betrachtete, erinnerte sie sich mit Schrecken daran, wie sie Edward um Hilfe bat, den betrunkenen Sergej ins Zimmer zu tragen und schlafen zu legen. Dabei musste sie wieder die Einladung ablehnen, den Rest des Abends mit ihm zu verbringen.
Ich würde gerne wissen, woran du denkst. Was du dir vorstellst. Worin du mich beschuldigst.
Irina weinte und erinnerte sich mit Erleichterung, dass sie eine Tochter hat, ein eigenes Zimmer, eine gesunde Mutter. Sie bemerkte es selbst nicht, wie sie eingeschlafen war, als sie vor dem Fenster saß. Nachts wachte Sergej von einem stechenden Schmerz im Knie auf. Und schon wieder – nasse Kompressen, dann das Eis. Hinter dem Fenster fiel die ganze Nacht der Regen und es wehte der Wind. Bei der Morgendämmerung schliefen beide ein. Der Morgen war grau und trüb.
„Verzeih mir, Irochka“, wiederholte er.
Auf dem Tisch wurde das Frühstück kalt (Irina bat es, auf dem Zimmer zu empfangen). Sie trank bereits die zweite Tasse Kaffee und konnte nicht klar kommen mit ihrer Gereiztheit.
„Serjezha, ich muss los. Du iss nur. Und bringe mich zur Elektrischen, bitte.“
Schon wieder regnete es. Ein feiner Nieselregen vom Meer. Auf dem Gleis, in der Erwartung der Elektrischen, bemerkte sie jetzt erst, dass er raucht.
„Du rauchst?“
„Ja, doch nur sehr selten.“
Der Zug kam. Sie betrat selbstsicher den Waggon, ohne sich umzublicken oder sich zu verabschieden, ging in ihr Coupe und setzte sich auf ihren Platz. Er stand neben dem Fenster. Sie schaute auf ihn und begann zu weinen. Er schaute sie auch an und rauchte eine nach der andren. In irgendeinem Moment wurde ihre Aufmerksamkeit auf einen neuen Passagieren gelenkt. Er grüßte sie, verglich seinen Platz mit dem Ticket und setzte sich ihr gegenüber.
„Ha, wir kennen uns. Welch eine Überraschung. Sie sind die gestrige, schöne Unbekannte? Das war jener Edward aus dem Restaurant. Zufälle gibt es? Das bedeutet, wir fahren zusammen? Warum weinen Sie?“ Er blickte aus dem Fenster. Dann richtete er wieder seinen Blick auf die ihm gegenüber sitzende Irina und frage ernst:
„Entschuldigen Sie, ich möchte fragen: Ist es ihr Ehemann?“
„Nein…“ Irina weinte.
„Ihr Liebhaber?…Verzeihen Sie…Ähm, ein nahestehender Mensch?“
„Nein.“
„Warum weinen Sie dann?“
***
Nachdem sie nach hause zurück gekehrt war, beruhigte sich Irina. Genauer, sie versuchte sich zu beruhigen. Das erste was sie tat, sie veranstaltete ein Sonntagsessen mit den Nachbarn. Dann brachte sie Katjuscha zum Schlittschuhlaufen. Die Tochter wollte jedoch zur Gymnastik, dann zum Tanz. Andrej brachte sie dazu in den Fechtklub „Viktoria“. Nur er brachte die Tochter zum Fechten. Doch in dem Studio des Tanzes blieb die Tochter mehrere Jahre.
Sie kaufte teure Haarfarbe und färbte bereits am ersten Samstag Katherinas Haare, die eine lange Romanze und eine große Liebe vor ihrer Rente durchlebt hatte. Sie lud Elena ein, bei ihr zu wohnen und diese nahm die Einlandung mit Vergnügen an. Sie verabredeten sich für den Juli. Dazu Noch Valja…Irikna ging auf den Flohmarkt, kaufte einige Meter Angorrawolle und brachte diese der Nachbarin, Wächterin. Nun das war es auch.
Der erste Teil der Selbstmedikation war zu ende. Was weiter? Irina wusste es nicht, doch es wurde leichter. Nun wartete sie auf die Entscheidung Elenas ganz nach Nowosibirsk umzusiedeln
Die letzten anderthalb Jahre trafen sich Irina und Sergej drei Mal, und alle drei Treffen hatten einen schweren Nachklang. Im Gedächtnis blieben weder Zärtlichkeit noch Liebe, sondern unverständliche Worte und Taten. Irina wollte es unbedingt klären, sicher gehen, dass sie vielleicht falsch gehört hatte oder es falsch verstanden hatte. Endlich gewann der Verstand die Oberhand. Einfach nur leben, ohne große Pläne und Wünsche, ohne Emotionen, die nach draußen drängen, ohne Leid, Tränen, Wünsche.
Es schien, als habe sich Irina ganz beruhigt. Nun beobachtete sie die Liebesetappen Katherinas. Dort war alles so zärtlich und sentimental, dass es sogar ein Lächeln hervorrief.
„Ihr seid wie zwei Tauben“, lachte Irina. „Wo bleibt die Leidenschaft?“
„Gott bewahre. Welche Leidenschaft? Und der Blutdruck? Ein Schlag auf den Kopf, uns weiter? Ein Schlaganfall? Nein, in unserem Alter soll alles nicht so leidenschaftlich sein, sogar die Gefühle.“
Elena brachte ihren Mann auf die Große Erde, und endlich, al sie ihn gehen ließ, begab sich sich zur Tochter nach Nowosibirsk.
***
Valja, die Wächterin hatte die Angewohnheit, Zettel an die Wand zu kleben, die die Bewohner über das Klingelleuten in ihrer Abwesenheit, benachrichtigten. So fand auch Irina, als sie abends nach hause zurück kehrte, von den zwei Tagen Aufenthalt bei Katherina, ein Blatt aus einem Schulheft mit der Aufschrift: „Sergej aus Leningrad hat angerufen. Er wird sich wieder melden.“
Und wozu? Warum? Wozu das alles?
Sie konnte sich deswegen die ganze Woche nicht auf die Arbeit konzentrieren. Sie wollte sich in eine Ecke verkriechen und nachdenken. Am Ende der Woche klopfte Valentina Petrovna an ihre Tür:
„Telefon für dich. Aus einer anderen Stadt.“
Sie ging zum Telefon, dachte das Herz springe ihr aus der Brust.
„Irochka, hier ist Sergej.“
„Guten Tag, Serjezha.“
„Ich habe lange nachgedacht…Möchte vorbeikommen. Darf ich?“
Einige Sekunden Zögern. Wozu? Irina antwortete:
„Gut, komm vorbei. Nur kann ich dich nicht abholen…“
„Ich schaffe es selber. Nenne mir nur deine Adresse. Und noch was…bestelle einen Tisch im Restaurant, bitte.“
Sie legte den Hörer auf und blieb stehen.
„Und nun? Wird dich jemand besuchen?“ Valja, die Wächterin war ganz außer sich.
„Ja, ein alter Freund.“
„Aha, weiß Malehov Bescheid?“
„…egal.“
Am nächsten Tag, in der Mittagspause, reservierte sie einen Tisch für zwei im Restaurant des Hotels Nowosibirsk. Am Abend des selben Tages fand sie auf der Tür der Wohnung ein Telegramm: „Ich fliege los…werde bald da sein.“
Wird ihm diesmal wieder das Bein weh tun? Soll ich Eis vorbereiten?“
Nach drei Wochen erhielt Irina einen Anruf auf der Arbeit:
„Hör zu, Irina.“ Valja stöhnte in den Hörer. „Hier ist ein Gast für dich. Soll ich ihn herein lassen?“
„Ja, danke, Valentina Petrovna.“
Bis zum Ende des Arbeitstages bleiben zwei Stunden, und die Arbeit will nicht gelingen. Erinnerungen kehrten zurück, Gefühle, Emotionen. Als ob man bei Null anfangen würde.
Sie rief Katherina an und bat sie, Katjuscha zu sich zu holen.
„Ich berichte später.“ Sie wollte nichts besprechen, das sie selbst noch nichts verstand.
Das Restaurant des Hotels Nowosibirsk hatte in der letzten Zeit einen besonders guten Ruf. Die neuen Huren hielten sich an der Bar auf und boten ihre Dienste an, klebten sich an die männlichen Besucher.
„Oh Gott, ihr seid so viele. Woher nur, seid doch noch so jung?“
Irina war zufrieden damit, dass Sergej diesmal anständig gekleidet war. Ein akkurates Kostüm, eine schöne Lederjacke, teure Mütze, neue Schuhe von ausländischer Herstellung.
Sie betraten händchenhaltend das Restaurant und ließen die Umgebung wissen, dass sie ein Paar sind. Im Restaurant hing ein massiver Kronleuchter und eine Bühne für Musikanten war auch vorhanden. Man brachte ihnen Champagner und Früchte. Die Musik erklang. Wieder Jo Dassen. Welch ein Zufall.
„Serjezha, das ist unsere Musik. Lass uns tanzen?“
„Ich bleibe sitzen. Du weißt doch…mein Bein…“
Irina sah wieder dasselbe Bild vor sich: Sergej schüttet den teuren Kognak in sich. Sie beschloss, nicht zu tanzen und blieb an ihrem Platz sitzen.
„Sergej, du trinkst wieder…“, sie schaffte es nicht, zu ende zu reden. Da kam eine junge Frau im Minirock und bat um eine Zigarette. Er gab ihr die Schachte und sie lächelten einander zu.
„Wollen wir tanzen?“, fragte sie, ohne dabei Irina anzublicken.
Sergej stand auf und ließ sich auf den Vorschlag ein.
Irina grübelte, sollte sie gehen? Er ist doch zu Gast bei mir. Ist zu mir gekommen, um sich zu besaufen und zu tanzen? Sie beschloss,das Schauspiel zu beobachten. Es folgte nichts Gutes. Sergej setzte sich, goss sich Kognak ein, für Irina Champagner, und nahm die Einladungen der Frauen an. Er tanzte mit ihnen allen. Irina saß da, immer noch mit der Frage beschäftigt, warum er überhaupt gekommen sei.
Er hat es geschafft, sich von Huren zu umgeben. Sie kreisten um ihn, schüttelten ihre glänzenden Körper und ihre geschminkten Gesichter zur Musik. Peinlich, wie peinlich.
An dem Tisch gegenüber saßen zwei Männer. Irina hatte schon längst bemerkt, dass sie in ihre Richtung schauen. Sie hatten sogar das Gespräch unterbrochen. Wobei man anfangs bemerkte, dass sie wohl ein geschäftliches Treffen hatten.
Irinas Gesicht war von roten Flecken bedeckt, in den Augen glänzten Tränen, sie zerbiss sich ihre Lippen. Dann bat sie den Kellner um die Rechnung und zerbrach sich den Kopf, wie sie ein Taxi rufen könnte und so schnell wie möglich nach hause kommen.
Da kam einer der Beobachter zu ihr und fragte leise und schnell:
„Kann ich Ihnen helfen…?“ Er wandte den Blick auf Sergej, der zwischen den Frauen tanzte und schlug vor: sollen wir den Ehemann nach hause fahren?“
„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.“ Sie schnappte sich ihre Tasche, nahm Sergejs Hand und zerrte ihn zum Ausgang.
„Wohin?“, wunderte sich dieser. „Wohin? Na und? Nur weil es Prostituierte sind. Das ist mein Element.“
Zu dritt stopften sie die angetrunkene Figur in den Zhiguli und fuhren zur Shljuzevaja. Sie brachten ihn in die zweite Etage und legten ihn auf das Sofa.
„Vielen dank Ihnen.“ Irina atmete aus.
„Wenden Sie sich an uns wenn irgendetwas ist…“, schmunzelten die freundlichen Herren. „Geben Sie uns für alle Fälle Ihre Handynummer.“
Nun, sie musste ihnen die Nummer geben, sich freundlich verabschieden und sie leise hinaus führen.
Gott sei dank, schlafen alle. Was ist wenn Valja nicht schläft…Egal.“
Irina machte das Bett und legte sich hin. Sie konnte weder schlafen noch weinen. Warum ist er denn gekommen? Bei der Dämmerung schlief sie ein.
„Irina, schläfst du nicht?“
Sie wachte auf und stützte sich auf ihrem Ellenbogen ab. Sergej saß halb ausgezogen auf dem Sofa. Früher Morgen, noch dunkel. Beginnt wieder der Mist?
„Du ärgerst dich…Wobei ich mich ärgern sollte.“
Irina riss die Augen auf.
„Ich bin böse auf dich.“ Die Stimme war absolut nüchtern. „Du, du…du warst eine Göttin für mich. Ich dachte immerzu an dich…Ira, Irochka…stellte mir vor…Du warst die aller…aller Schönste…Du hättest auf mich warten sollen. Und du gabst dich einem anderen hin, wie die gewöhnlichste Ljuba…Ljuba ist sogar besser als du. Sie ist ehrlich.“
Weiter hörte Irina nicht zu. Sie kroch mit dem Kopf unter die Decke und schlief fest ein.
Sie schlief lange und träumte allerlei Träume. Blumige und laute. Im Traum erklang die Musik, eine sehr vertraute. Nun, im Schlaf, schien diese so traurig und ausweglos zu sein. Irina weinte zur Musik…Sie wachte davon auf, dass jemand sie an der Schulter berührte.
„Höre zu, Irka. Dein Gast ist weg gegangen. Er trank Wasser, direkt aus dem Wasserhahn und ging.“ Valja blickte in ihr Gesicht.
„Einen guten Weg wünsche ich.“
„Er war sehr traurig, hätte fast geweint…“
„Gott sei mit ihm.“ Irina streckte sich und lachte. „Ich muss aufstehen und meine Tochter abholen.
Am Abend, nach dem Baden und mit dem Handtuch auf dem Kopf, bei dem Zubereiten der Pelmeni, erzählte sie Katherina alles, was geschehen ist. Diese hörte ihr aufmerksam zu, dachte nach und sagte:
„Natürlich ist es mit Ljuba einfacher. Man muss seine Seele nicht quälen…Einen Menschen zu lieben, ist nicht einfach…Nun denn. Gott sei mit ihm. Wir werden weiter leben. Stimmt es, Mädels?“ Sie gab der kleinen Katja einen Bussi auf die Schläfe.
Irina dachte nach. Katherina hatte recht. Doch es ist so einsam in der Seele. Es schien, als würde die Musik von damals wieder erklingen. Die Musik, die die Trauer über die nicht erfüllten Wünsche, die schönen Ideale, ein feierliches Leben herausforderte.
Und dennoch war die Hoffnung noch vor ihnen. Es war das Jahr einundneunzig.