Alina Gatina: „Seele und Wüste“

Quelle zum russischen Text:

https://magazines.gorky.media/druzhba/2020/2/dusha-i-pustynya.html

„Seele und Wüste“

Erzählung

Wir waren zu fünft: unzertrennbar, Zafar, Vadik Krichevskij und ich.

Das ist nicht das Wichtigste, doch damit sollte man anfangen.

Ich weiß, dass all das sich Vadik Krichevksij ausgedacht hat, und Zafar war sein Freund. Unzertrennbar – ihre Freunde, und wir alle gemeinsam – Klassenkameraden.

Vadik rief mich im Mai an:

„Errate, was dem Künstler gut tut, und dem Manager schadet?“

„Der Tod ist auch ein Ausgang.“

„Ich höre die Stimme der Erkenntnis. Bist du dir sicher, dass Kunst eine Sackgasse ist?“

„Ja“, sagte ich.

„Und hast du dir deine eigene Jämmerlichkeit bewusst gemacht?“

„Habe ich.“

„Perfekt. Genauso brauchen wir dich, denn die Reise zu den Wurzeln benötigt völlige Nullstellung.“

„Vadik, ich arbeite. Ruf mich im August an.“

„Na, na, na. Bist ganz außer dir. Die anderen sagten, du habest gekündigt.“

„Sie lügen. Ich habe nirgendwo eine Einstellung gefunden.“

„Sehr brav. Sei du wenigstens nicht so wie alle. Habe nicht vor, dich an die Grafik zu verkaufen. Wehre dich.“

„Ich wehre mich. Doch um ehrlich zu sein, habe ich keine Zeit.“

Ich hatte einen vollen Wagen Zeit, doch nicht für Vadik.

„Gut, ich halte mich kurz. Hast du die anderen Wundervollen nicht vergessen?“

„Natürlich erinnere ich mich.“

„Dieses Jahr beschlossen sie, nicht zu hause zu feiern.“

„Und wo?“

„Beim See Iskanderkul‘ in Tadschikistan.“

„Wo ist das?“

Vadik schwieg. Dann fragte er:

„Ist mit dir wirklich alles gut?“

„Nein,, alles schlecht, doch was ändert es das?“

„Übrigens fahren wir alle gemeinsam dorthin. Ich, die Babichis, Zafar und du.“

„Ich fahre nirgendwohin.“

„Gut, wir haben dir jedoch ein Ticket bestellt.“

„Ich fahre nicht“, sagte ich wieder, doch im Hörer hörte ich nur noch ein Tuten.“

Vadik, ein Akademikersohn, Zafar ist ein Dipolmat, die anderen – unzertrennbaren, Mann und Frau. Ich…irgendwie ein Künstler. In jedem Fall denkt man so über mich. Anders kann ich mich nicht nennen. Wir sind alle zusammen – Flüchtlinge. Diesen Status haben wir seit der fünften Klasse.

Am nächsten Tag gehe ich ins Verlagshaus, um das Honorar abzuholen. Im Flur ist niemand. Kein Rauch, keine Menschen.

„Das Geld kommt nicht sofort“, meine Redakteurin hat ein ängstliches Gesicht. „Wir wurden verkauft“, flüstert sie. „Nicht rechtzeitig also?“

„Doch jemand muss euch doch gekauft haben.“, sage ich.

Ihr weiteres Schicksal macht mir keine große Sorgen. Die Bücher, die ich in den letzten zwei Jahren illustriert habe, gefallen mir nicht. Das ist Literatur für Kinder von fünf bis acht Jahren.

Sie bestätigen meistens die aller schlimmsten Layouts, von denen, die ich ihnen anbiete. Das sind schlecht gezeichnete Kids. Wesen mit faulen Zähnen. Wahrscheinlich müssen diese echte Kinder amüsieren. Wahrscheinlich amüsieren sie diese. Mich machen sie jedoch böse. Ich male sie zuletzt, fast mit geschlossenen Augen, damit die Mappe mit den Varianten etwas größer aussieht. Doch wenn ich diese zur Besprechung bringe, wählt man gerade diese aus.

Im Büro klingelt das Telefon ohne Pause. Ein weiteres in ihrer Tasche. Sie nimmt es raus, studiert die Namen auf dem Bildschirm und versteckt es wieder.

„Und das Wichtigste, was soll ich den Autoren erzählen? Da fällt mir nichts ein.“

„Und den Künstlern…Illustratoren?“, frage ich. Sie sind übrigens auch Autoren.“

„Natürlich, natürlich. Sie verstehen doch alles.“

„Ich verstehe etwas anderes. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, ich hatte noch nie eine Ausstellung und ich kann bildende Literatur nicht ausstehen.“

„Wie dumm du bist“, sagten die Babichis zu mir. „Stell dir vor, wenn Andrjuscha anfängt zu lesen….“

„Wie alt ist Andrjuscha?“, fragte Vadik Krichevskij.

„Vier.“

„Ist es nicht an der Zeit?“

„Nun nein. Er ist doch noch zu jung.“, sagten die Babichis. „Stelle dir vor“, fuhren sie weiter fort, „er nimmst sein erstes Buch, und darin nur Bilder. Und wir werden ihm mit Stolz sagen, dass diese Tante…gemalt hat….“

„Das arme Kind“, unterbrach sie Vadik. „Wollt ihr ihm etwa diesen Horror unterschieben? Und übrigens für die Zukunft: macht was ihr wollt, doch kommt mir nicht mit „Djadja Vadik“.

„Ihr Babichis, warum habt ihr das gekauft?“

„Wir sind stolz auf dich, finden es schön, dass hier dein Name steht. Nun“, sie machten das Buch auf und schauten nacheinander auf meinen Nachnamen. „Unterschreibe hier. Und das zweite Exemplar ist für Andrjuscha.“

Die Redakteurin sitzt am Tisch vor einem Papierberg und schaut durch diesen hindurch, und durch den Tisch und durch das verwischte Parkett ihres Büros. Sie schaut wie ein Mensch, der ohne Dach über dem Kopf geblieben ist.

Sie sieht Marja Stepanovna ähnlich, unserer erste Lehrerin, die wirklich ohne Dach über dem Kopf blieb. Und ohne den Boden unter den Füßen. Doch sie stand auf dem Boden und schimmerte, ihre Fersen schimmerten, und sie vertrieb uns mit einem giftigen Flüstern in unsere Häuser. Und das war böse, weil der Ort eines Kindes, draußen ist. Vor allem wenn sie voller Hülsen ist und man diese in die Taschen füllen kann. Und wenn man früher aufsteht, kann man sogar Vadik Krichevskij zuvorkommen. Und dann diese umtauschen für Tischtennisbälle oder für die Kollektion von Bonbonpapieren, oder für Schafsknöchel, die mit Zelönka und Jod gefärbt wurden. Doch das für das aller schlimmste Ende.

Ich möchte Angst haben, sie zu verlieren. Ich möchte ihre Hand nehmen und mich um sie sorgen und um mich, darüber, dass alles zerfällt. Doch ich spüre nichts. Ich denke darüber nach, warum sie beschlossen haben, zum Iskanderkul‘ zu fahren. Und gebe ihr einen Bonbon.

Sie beginnt zu nicken. Nickt und nickt und nimmt den Bonbon. Dann schaut sie lange durch mich hindurch und durch die Wand und durch die Straße. Dann wieder auf mich. Dann, feierlich, spricht sie, als ob sie zu mir spräche, doch sie spricht zu sich:

„Ich rufe Sie unbedingt an. Lassen Sie die Nase nicht hängen.“ Sie steht auf und reicht mir ihre Hand: „Sie werden sehen, wir werden noch gemeinsam arbeiten.“

Das ist berührend, sentimental und sehr angstauslösend. Diese schreckliche Perspektive. Ich drücke ihre Hand und verstehe, dass ich nie wider hierher kommen werde.

Abends riefen die Babichis an. Sie sprachen, wie immer, laut und mich immer wieder unterbrechend. Und das brachte mich sehr aus dem Konzept.

„Wie sieht es aus? Bereitest du dich schon vor?“

„Nein“, antwortete ich. „Wollt ihr im ernst dahin fahren?“

„Nicht ihr, sondern wir. Bist du dir nicht im klaren darüber?“

„Ich bin mir darüber im Klaren, dass es euch zu den Quellen zieht. Doch ich möchte nirgendwohin.“

„Erstens nicht uns, sondern Krichevskij. Und zweitens ist es eine gute Idee. Stell dir vor, welche Landschaften dort sind! Du als Künstlerin solltest dich dafür interessieren.“

Vadik Krichevskij war immer auf der Suche nach irgendetwas. Meiner Meinung nach, hat er nichts gefunden.

Monatelang lebte er in Europa und Amerika, dann erschien er plötzlich in Moskau, gewöhnlich zu der Zeit, wenn Zafar hier her kam, um Urlaub zu machen. Wir trafen uns bei den anderen, sprachen so viel, dass uns übel wurde und fuhren wieder jeder zu sich zurück.

Im April, an jemandes Geburtstag, lernte er eine Frau kennen. Ebenfalls eine, die auf der Flucht war. Sie erfuhr, woher er kam, sagte, dass sie träumt, ihren Vater wieder zu finden. „Lebend oder tot“, sagte Vadik uns. Doch sie sah im Traum, dass er lebt, irgendwo am Iskanderkul‘.

„Hat sie nicht von der Hausnummer geträumt?“ fragten die Babichis.

„Ja, nein, sie sah im Traum, dass er lebt, und dass er am Iskanderkul‘ lebt, hat ihr jemand erzählt. Ist es euch nicht egal? Vadik versprach ihr, dass er diesen Menschen findet. Und man muss nach Duschanbe fahren, und dann über über den Anzobsker Engpass, zu den Fanskibergen, zum Iskanderkul‘ und Saratog.“

„Vadik, heirate“, sagte Babich zu ihm.

„Ich kann nicht. Ich bin ein Anarchist, und Familie bedeutet Ordnung.“

„Du hast einen Abschluss“, Babich klopfte auf seine Schulter. „An die Ordnung wirst du dich nicht gewöhnen.“

„Das war ein Geschenk an den Vater“, lachte Vadik. „Ich erinnere mich an keines der Worte.“

„Woran erinnerst du dich?“

„Dass ich ich immer noch ein Kind bin, vor ihm.“

Ende Mai fliegen wir nach Duschanbe. Das ist eine gute Zeit, für alle Wanderungen. Mai ist der beste Monat des Jahres.

Ein Tag vor der Abfahrt, klopfe ich an die Tür des Nachbarn. Er heißt entweder Aleksej Nikolaevich oder Nikolaj Alekseevich. Ich erinnere mich nie an die Reihenfolge. Dieser Name steht auf einem Zettel, der auf dem Spiegel in meinem Flur hängt mit dem Zusatz „Irischer Wolfshund“. Von Zeit zu Zeit erweisen wir uns Dienste: wenn er weg fährt, führe ich seinen Hund aus. Ich mag es, wenn Menschen sich neben mich stellen und schreien: „Was ist das für eine Rasse?“ Ich erlebe einen kindlichen Stolz. Wenn so etwas mit mir in der Kindheit geschehen wäre, wäre aus mir ein anderer Mensch geworden, denke ich.

Er heißt Stil und er verhält sich gut mir gegenüber. Meiner Meinung nach ist es die freundlichste Rasse der Welt. Er und sein Herrchen sind ineinander vernarrt. Manchmal betrete ich seine Wohnung und sage ihm: „Hallo Nikolaj Alekseeevich!“, und dann gehen wir spazieren auf der Krasnoproletarskaja. Und manchmal sage ich: „Bis morgen, Aleksej Nikolaeevich!“ Manchmal nehme ich ihn mit in meine Wohnung nach dem Spaziergang und sage: „Warte, ich bin bald zurück“. Und er steht und wartet. Ich weiß, dass er auf sein Herrchen wartet, doch er sieht so aus, als würde er auf mich warten. Und ich kehre zurück mit einem Block und Stiften und male ihn in seinem Naturell.

Als Modell ist er sehr günstig, kann stundenlang auf einem Ort liegen. Von der Größe eines kleinen Pferdes, doch macht weniger Sorgen, als jeder beliebige kleine Hund.

Mein Block ist voll mit Zeichnungen von mir. Ich habe sie der Redakteurin gezeigt. In Kinderbüchern werden oft Hunde gemalt. Ich habe mir sogar einen Zyklus von Geschichten über Stil ausgedacht. Nicht sehr lehrreich, jedoch sehr interessant. In diesen stellt Stil einen sprechenden Köter dar, und in jeder Geschichte geschieht irgendetwas mit ihm. Doch die Redakteurin sagte, dass es die Aufgabe der Autoren sei, die Geschichten auszudenken, und meine Aufgabe ist es Bilder zu malen. Stil wollte sie nicht annehmen. Sie sagte er sei nicht ansehnlich und die Proportionen stimmten nicht.

Im Herbst malte ich ihn mit Ölfarben. Ich hatte eine große Leinwand, die ich nicht anders verwenden konnte. Ich wollte sie dem Nachbarn schenken, doch Vadik Krichevskij sah sie und ich hatte bis zum Winter keine Ruhe damit.

Er rief mich jeden Tag an und bat mich jedes mal darum, ihm das Bild zu verkaufen. Ich antwortete ihm, dass ich das Bild für kein Geld der Welt verkaufen werde, weil ich es für den Nachbarn gemalt habe. Er erwiderte, dass ich nichts von Kunst verstehe, weil ich nichts von einem Opfer verstehe. Oder umgekehrt. Dann sagte er noch, dass sein Vater eine philologische Dame liebe, die gleichzeitig zwei irische Hunde hält, und wenn er ihr einen dritten schenkt, wird sie vielleicht…“

Ich sagte, es sei nicht ihr Hund, diesen habe man in einer anderen Wohnung gezeichnet. Und er sagte, das sei nicht wichtig: Alle irischen Wolfshunde sehen gleich aus, alle Wohnungen von Philologen ebenfalls. Ich sagte, mein Nachbar sei kein Philologe, sondern Rentner, und er antwortete mir, dass dies ebenfalls ein und das selbe sei.

Ich lasse meinen Schlüssel bei dem Nachbar und bitte ihn, die Blumen zu gießen und sich um meine Katze zu kümmern. Ich habe weder eine Katze, noch Blumen. Das ist nur unsere gemeinsame Vorstellung. Er fragt mich, wohin ich fahre. Ich sage, wohin.

„Ihr seid verrückt!“, erwidert er gutmütig. „Alle kommen von dort, und ihr fahrt dorthin.“

„Weil ich von dort abstamme.“, antworte ich.

Doch ich fahre nicht deswegen.

Ich fahre weil, wenn du im Leben eine Null bist, benötigt man eine Erneuerung, um nicht in die Depression zu verfallen. Das war meine Formel des Ausgangs aus der Sackgasse. Doch sie führte sie in einer noch größere Sackgasse. Und hier benötigte ich die Worte Slav Ivanovichs.

Er war ein vielbeschäftigter Mensch. Damit beschäftigt, was bei Platonov das Wesen des Lebens ist. Ich mochte es mit ihm zu sprechen und ihm zuzuhören, wie er mit Nadja und den drei Kindern nach Japan fährt, und im Winter auf die Azorischen Inseln. Im Frühling nach Neuseeland und im Sommer an den Pazifik. Mit dem Zug. Zu fünft.

Als ich mit ihm sprach, begann ich mir Fragen zu stellen, solch eine Auswirkung hatte er auf mich, und danach kamen all die Antworten von alleine. Wahrscheinlich, weil wir uns immer über eine bestimmte Distanz unterhielten: wir waren mehr als einfach nur Bekannte, doch niemals Freunde. Das ist das, was mir immer fehlte mit den Babichis, die unzertrennbar waren, und mit Vadik Krichevskij. Das ganze Wesen unserer Freundschaft führte zum nächsten: Ich kenne dich so gut, weil ich dich kenne, seit ich fünf bin: wir kamen vom selben Ort, und das ist das was uns bis zum Lebensende verbindet.

„Und überhaupt“, sagten die Babichis, nachdem wir uns ein halbes Jahr nicht gesehen haben. „Lese, du den „Kleinen Prinzen“ und verschwinde nicht mehr für so lange Zeit.“

Doch ich mag den „Kleinen Prinzen“. Besser gesagt, bis zu dem Moment, als der Fuchs auftaucht und das sagt, was die Babichis mir gerne sagen und weitere Freunde aus der Uni. Dafür, dass wir immer für diejenigen antworten, die wir gezähmt haben. Und wenn der Fuchs geschwiegen hätte nach der Phrase „man sieht nur mit dem Herzen gut“, wäre es ein anderes Märchen. Und ich würde es ohne aber lieben. Doch als der Fuchs beginnt zu reden, spricht in mir irgendeine Stimme, die einen versichern möchte, dass die wahre Freundschaft nur mit einem selbst möglich ist. Und es überzeugt mich fast davon.

„Depression, das ist eine nicht schlechte Laune“, sagt Slava Ivanovich zu mir. „Depression bedeutet Leere. Das ist kein Ausgang, doch das ist normal, dass ihr sie füllen wollt mit irgendeiner Möglichkeit. Alles ist besser, als Tabletten zu schlucken.

„Seltsam, so etwas vom Arzt zu hören“, sage ich.

„Ein guter Doktor sieht weiter.“

Wir betreten den Süßwarenhandel auf der Novokuzncskaja und nehmen jeweils einen Sack mit Bonbons mit. Mehrere Theken, vor denen keine Verkäufer stehen.

Nicht ein Mittler zwischen dir und dem, womit du deinen Korb füllst. Wir verbringen dort nicht weniger als eine Stunde, bis es in den Augen zerrt von der Schärfe der Etiketten, blauer Ballerinas, roten Mohns, gelber Kamele, rosa Bären und der Kopf ist voll von Gewürzen der Konditorei.

Draußen verstehe ich, dass ich diese Bonbons nicht brauche. In jeder Hand ca. zwei Kilogramm. Und der Abend ist so schön, und so vorsichtig das Licht der Laternen, als ob diese beschließen würden ganz stark zu leuchten in der langen Moskauer Dämmerung, dass es schwer ist, diesen zu beschreiben. Einfacher wäre es für mich ihn mit Farben zu malen, doch ich handle oft so, uns nun anstelle von Maispaziergängen, die so locker sind, trage ich Kilos von unnötiger Bonbons, und anstelle der begonnenen und vollendeten Bilder, trage ich Illustrationen für Kinderbücher.

Im Flugzeug fragte Vadik mich, ob die Babichis sich nicht trennen wollen in der Zeit des Flugs. Die Antwort war offensichtlich, doch der Ehemann wollten es klären. Er sagte, dass wenn der Flieger beginnt zu fallen, er keine wertvolle Zeit verlieren will, um bis die Ehefrau zu finden und ihre Hand in die seine zu nehmen.

Wir verheirateten die Babichis mit sechs Jahren. Man setzte sie nebeneinander, weil…Ich erinnere mich nicht, warum. Doch seit dem sind sie immer zusammen. Wir verstanden, dass es so etwas gibt, als sie heirateten. Als Vadik von der Hochzeit hörte, sagte er, sie seien nicht normal, weil man nicht so viele Jahre mit einem Menschen zusammen leben kann, doch er fuhr trotzdem zur Hochzeit. Ich ebenfalls. Und Zafar auch.

Im Flughafen Duschanbe nehmen wir einen blassgrünen Opel. Zafar setzt sich ans Steuer, Vadik neben ihn. Die Babichis und ich nehmen hinten Platz. Ich sitze in der Mitte, wegen der hohen Stelle, die lange Beine stören würde, und die Babichis sprechen gleichzeitig in meine beiden Ohren. Es ist eng und heiß und man kann darüber nachdenken, und über den Weg durch das Zentrum, oder nicht über die Ausstellung der Freunde nachdenken, in der es keine meiner Arbeiten gibt.

Entlang der Straßen stehen riesige Bäume mit weißen Baumstämmen. Hier nennt man sie Chinaren und wo anders Platanen. Und das ist das einzige, was in meiner Erinnerung von Duschanbe blieb, aus dem wir geflohen sind.

„Wir müssen die Schule besuchen“, sagt Vadik Krichevskij lebhaft. Er windet sich auf dem Sessel, wie in einer Pfanne und dreht den Kopf in beide Richtungen.

„Nicht nötig“, sagt Zafar. „Der Weg ist anstrengend, wir haben wenig Zeit.“

Vadik dreht sich zu uns.

„Zum Unglück oder Glück“, sagt der Ehemann Babich.

„Die Wahrheit ist einfach“, sagt die Ehefrau Babich.

„Kehre nie zurück an die ehemaligen Orte“, sagt Vadik.

„Wir sind dafür“, stimmen die Babichi ein.

„Ich dagegen.“, sage ich.

„Sogar wenn die Brandstätte durchaus zu sehen ist?“, fragt Vadik.

„Der Weg ist anstrengend, wir haben wenig Zeit“, sagt Zafar.

Und Vadik sagt, dass nach dem Gesetz der Stadt zwei gegen drei sind, so müssen wir es selbst verstehen. Zafar sagt, dass erstens hier wie in der Vielzahl anderer Städte, wo er als Diplomat gedient hat, das Gesetz des Dschungels herrsche, und zweitens, sind die zwei Stimmen der Babichis in Wirklichkeit eine Stimme, und weil es unentschieden steht, entscheidet derjenige, der am Steuer sitzt.

Jeder von uns hat vier, sogar fünf mal die Schule gewechselt. Nach der dritten konnte ich mir die Lehrer nicht mehr merken. Doch ich erinnere mich immer noch an Marja Stepanova. Ich sah sie sogar einige Male im Traum. Hoch, dürr, mit einer großen Brille in einer Schildkröteneinfassung.

Wahrscheinlich war sie damals so alt, wie wir jetzt sind. Doch ich fühle mich nicht so. Sowie Vadik Krichevskij sich neben seinem Vater als Kind sieht, so sehe ich mich immer noch wie ein Kind neben ihr. Ich sehe, wie sie auf die Stufen des Lastwagens steigt, in den Innenraum blickt und fragt, ob ich es geschafft habe, meine Bücher abzugeben.

Über den Krieg verstanden wir das, was wir verstehen mussten. Krieg bedeutet Freiheit. Der Krieg ersetzte die Knechtschaft der Schule, sie nahm uns die Zugehörigkeit zum Stand der Schüler. Wir waren immer noch die Kinder unserer Eltern und uns gegenseitig Freunde, doch wir hörten wie ein Stand auf zu existieren. Und wir wussten nicht, was wir damit tun sollten. Und wir wurden wir betrunken.

Schnell wurde die eine Knechtschaft durch die andere ersetzt, wir mussten in den Wohnungen bleiben. Und nüchtern werdend in der Stille der Zimmer, wollten wir unsere Vergangenheit, zurückholen. Und dann flohen alle. Und als die ersten Autos mit den Koffern und den Menschen fort fuhren, wurde das zum Ereignis und später zur Dekoration. Und wir hatten keine Zeit mehr uns zu verabschieden und die Adressen aufzuschreiben. Wir wurden unbedeutend füreinander. Wichtig waren nur die Lastwagen. Und wie viele freie Plätze wird es in der Zukunft geben. Und wie fährst du, im Laderaum oder im Innenraum.

Als erster so seltsam es auch war, fuhr Zafar fort. Ich erinnere mich, wie wir uns verabschiedeten. Damals gingen die Menschen noch frei in der Stadt spazieren, das war der Anfang vom allen. Doch mit jedem Tag begannen irgendwelche besonderen Stunden der Stille, wenn alle Straßen neben der Schule nur uns gehörten.

Die Stunde der Kommandantur gab es damals nicht, und sogar das Wort „Krieg“ nahm niemand in seinen Mund. Und es gab gar keinen Krieg, wir blickten diesen an: das ist Krieg und er ist im vollen Gange, so verstanden wir das als wir den Himmel und die Erde anschauten: das ist der Himmel und das ist die Erde.

Nichts geschah. Wir fragten einander , warum es so still war und der aller sattelfesteste Vadik sagte: Weil sie Krieg führen, und die anderen sammeln die Gegenstände. Und dann tötet man die, die Krieg führen, und dann beginnen die anderen in ihren Sachen zu wühlen. Es wird laut, wenn man den Schulunterricht wieder zulässt.

Vor dem Treppenhaus Zafars waren viele Menschen und einige schwarze Autos. Auf dem Boden lagen keine Gegenstände, wir schafften es gerade so. Zafar saß auf der Bank mit dem Rücken zu uns, und Vadik schmiss auf ihn mit einem Aprikosenkern. Und ich erinnere mich wie er sich umdrehte und lächelte. Und vor einer Minute machte er es genauso, er drehte sich um und lächelte und sagte zu den Babichen, dass wenn wir nicht weggefahren wären, sie hier geheiratet hätten, und dann bei jenem Monument sich hätten fotografieren lassen.

Im selben Moment rief der Vater Zafar und wir umarmten uns nacheinander. Und ich würde mich gerne erinnern, worüber wir miteinander gesprochen haben. Gewöhnlich waren es irgendwelche eiligen Worte und Versprechungen, wir haben viele derer mit Schweiß vorgetragen, in den ersten Wochen der Massenfluchten, doch von unserer Verabschiedung bleiben mir keine Erinnerungen. Ich erinnere mich nur, dass Zafar dastand, als sei er schuldig, doch er sprach nicht. Dann näherte sich der Vater, legte seine Hand auf die Schultern, brachte ihn weg; und Vadik Krichevskij, als der Staub des Ministerwagens sich legte, sagte:

„Wahrscheinlich werde ich der nächste sein.“

Als nächster kam Babich. Und das war für sie das aller Unerträglichste. Vadik und ich gingen sogar etwas weiter weg und setzten und unter eine alte Platane. Diese war zweihundert Jahre alt, nicht weniger, so stark breitete sie sich aus. Sein ganzer Stamm war beschrieben, und um die Babichs nicht zu stören, kritzelten wir unsere und Babichs Namen darauf und irgendeinen Unsinn über ewige Freundschaft.

„Wer könnte so über mich weinen“, sagte Vadik und schubste mich in die Seite. Vielleicht du?“

„Ich fahre früher“, sagte ich. „Bitte Marja Stepanovna.“

„Ich habe die Bücher nicht abgegeben. Ich sollte ihr nicht unter die Augen treten.

Als nächste fuhr die zukünftige Babichi fort. Sie war glücklich. Sie war so glücklich, dass man das nicht beschrieben konnte, das konnte man nur anblicken. Und Marja Stepanovna begleitete sie und sprach:

„So soll es sein, Tamara. So fährt man in ein neues Leben.“

Dann kam ich an die Reihe, doch Vadik und ich haben uns nicht mehr gesehen. In Duschanbe verkündete man die Kommandanturstunde und wir saßen die ganze Zeit zuhause. Ich rief ihn an, doch keiner antwortete, und am nächsten Tag funktionierte das Telefon nicht mehr. Und das war genauso unerträglich, wie den Abschied von den Babichis zu sehen. Doch wir trugen alles fort. Und wir trafen uns auf ihrer Hochzeit. Seitdem treffen wir uns jedes Mal zur Jahresfeier. Und ich habe das Gefühl, dass dieses Ritual nicht notwendig ist. Dass wir wie Attribute ihrer Vergangenheit sind und sie die Attribute unserer Vergangenheit.

Endlich verlassen wir die Stadt und alles was vergessen war, bricht über uns zusammen.

Der Weg verwandelt sich in einen schmalen Pfad zwischen blauen und violetten Bergen, das Auto fährt schwer, gleitet auf der Serpentine, steigt immer höher und höher.

Das Radio rauscht, die Stimme Vadiks verliert sich in den Windstößen und die Babichs distanzieren sich von mit und kleben sich an die Fenster. Bunte Teppiche wechseln sich ab mit Steinfelsen, es rauschen laut die Ströme, glänzen die Gletscher, fallen die Wasserfälle. Wir fahren in Tunneln und überholen die Geräusche und die Sonne, dann sind wir wieder zurück im Licht und fallen wieder in die Dunkelheit. Von dem Druck und der Höhe sind unsere Ohren belegt, und von den Abbiegungen und dem Abgrund auf beiden Seiten der Straße wird unser Atem beraubt. Vadik schreit irgendetwas über die Begrenzungen und drückt mit dem Finger in die Abgründe, dann zieht er seine Hand zurück und ich sehe wie der Stoff seines Hemdes reißt, um zu fliegen und er fliegt. Zafir lacht und hält sich am Steuer fest, mit beiden Händen, doch man hört nicht sein Lachen, und das Geschrei Vadiks hört man auch nicht mehr. Dann umarmen mich die Babichis von beiden Seiten und ich schlafe ein.

Durch den Schlaf erreichen mich irgendwelche Worte. Sie klingen lauter wenn wir in Tunneln fahren und verschwinden wenn wir diese verlassen. In einer dämmrigen Erinnerung sehe ich eine Herde Ziegen und Schafe, die auf der Straße verschwimmen wie Lava. Sie blicken in die Fenster, blicken uns distanziert an und berühren sich gegenseitig mit ihren Hörnern. Auf weiten Bergen, auf abgeschnittenen Serpentinen, schleichen vorsichtig die Lastwagen. Sie sind von der Größe von Käfern und dies ist eine fertige Illustration zum Ajtmatowschen „Pappel, im Roten Kopftuch.“ Ich werde mal nach rechts, mal nach links geschaukelt und ich höre, wie Zafar uns von der Wüste berichtet, dass egal wohin man schaut, überall Sand ist, und ich möchte sagen, dass nun, egal wohin man blickt, man nur die Babichi sieht und das scheint mir sehr ulkig zu sein doch ich kann die Zunge nicht bewegen.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, doch der Wind verschwindet und ich höre, wie Vadik Krichevskij sagt, dass das Leben kleiner als der Tod ist, weil im Wort Leben (russ. Zhizhn“ fünf Buchstaben sind, und in dem Wort Tod (russ. „Smert’“?), sechs. Und jemand von den Babichis sagt, dass das weiche Zeichen kein Buchstabe ist.

„Egal, sie sind dort und dort“, sagt Vadik.

„Im Englischen genau so“, saggt Zafar.

„Das Englische zählt nicht.“

„Und das höre ich von einem Menschen, der Shakespeare im Original liest.“

„Doch ich bin es der, der von Garshin weint.“

Ich bin mir sicher, dass wenn Zafar das hört, er lächelt. Zafar lächelt nie, sogar wenn er an einem Streit teilnimmt. Vor allem wenn dieser Streit mit Vadik statt findet.

„Ja ich vergifte den Europäer in mir mit Leskov. Ich weiß nicht, was es heißt Russe zu sein, doch als ich dreißig Jahre alt wurde, ging es mir schlimm in Europa. Und du? Fühlst du dich in den Fansker Bergen nicht zuhause?“

„Der Diplomat hat kein zuhause.“, sagt Zafar.

„Darin bist du schwach. Und wo ist dein Persien, Söhnchen? Gorbatschow gab dein Persien den Amerikanern, um sich schön zu gesellen.“

„Lass uns fahren, Balabanov“, lachen die Babichis.

Sie fragen mich ständig. Ob ich zur Toilette muss, doch ich muss nicht und bitte sie mich, mit irgendetwas zuzudecken. Und sie decken mich zu.

Als wir draußen sind, streckt Zafar seinen Rücken und die Beine, neben ihm Vadik, schaut in den Abgrund, kaut irgendeine Blume. Dann setzten sie sich wieder ins Auto und wir fahren weiter.

Die Sonne scheint mit Streifen auf mein Gesicht und Schmetterlinge flattern unter den geschlossenen Lidern.

Ich wache in einem leeren Wagen auf und sehe Wege. In der Frontscheibe Wolken grauen Rauches. Daneben auf einem roten Rollstein, eine ungerade Aufschrift „Iskanderkul’“ mit dem Pfeil nach unten. Ich klettere aus dem Auto mit steifen Beinen, setze mich auf den Rollstein und schaue zu, wie Vadik die Babichis fotografiert, und danach Zafar, dann fotografieren die Babichis sie; dann winken sie mir zu und schreien, damit ich lächele und ich lächele, und hinter mir, tief unten, ist ein riesiger blauer Tropfen. Und diese Aufnahme, die mir Babichis in Moskau schenken, nachdem wir zurück gekehrt sind, gibt nichts wieder. Und ich verstehe, warum ich eine schlechte Künstlerin bin. Den ersten Strich zu zeichnen, ist für mich genau so schrecklich, wie mich über den Abgrund beugen, wo der tiefe, türkisfarbene See ist – nur ein ungerader, blauer Tropfen.

Am Abend fragt Vadik mich:

„Was ist dein Problem?“

Am See ist es kalt. Und wir machen direkt am Ufer ein Lagerfeuer.

Und ich sage, dass ich feige bin. Und ich sage, dass ich satt bin.

Die Babichis sind einverstanden mit mir. Sie bestätigen, dass Feigheit und Sattheit dem Künstler nicht erlauben, er selbst zu sein.

Und Vadik rät mir, mutiger zu sein, und die Babichis raten mir umzuziehen. Zafar rät mir nichts, er gibt mir eine Kartoffel.

„Der Pinselstrich auf der Leinwand, ist die Anführung des Zukünftigen zum Nenner der Gegenwart.“, sagt Vadik. „Wenn du diesen nicht vollbringst, wird deine Zukunft nie eintreten. Und die Wohnung hat damit nichts zu tun.“, sagt er zu den Babichis. „Das ist Mist, daran zu glauben, dass der Künstler hungrig sein muss.

„Niemand soll hungrig bleiben“, sagt Zafar und holt weitere Kartoffeln aus dem Lagerfeuer.

„Seit zehn Jahren ist es die erste Jahresfeier, die wir nicht zu hause verbringen“, sagt der Babichi-Ehemann.

„Wir nagen fast am Hungertuch“, lacht die Babich-Ehefrau.

„Nun, gut“, sagt Vadik. „Wir sollten aufhören, immer das eine zu machen. Ich kann nicht verstehen, wie ihr einander so viele Jahre aushaltet?“

„Wir halten nicht aus“, sagt die Babich-Ehefrau und schaut ernst auf Vadik.

Pause. Dann spricht Krichevskij:

„Hier hat jeder eine Medaille für seinen Mut und seine Geduld verdient. Ihr Babichis, weil ihr zusammen seid. Zafar, weil er unzertrennbar ist. Er ist Diplomat im Dienst und im Leben. Du“, er blickt auf mich. „Dafür, dass du strikt dein Ziel verfolgst und allen beweisen willst, dass du keine Künstlerin bist.“

Ich zittere und sehe, wie die Babichis aufhören zu kauen und Zafar hebt seine Augen und blickt auf Vadik. Die Babichis verteidigen mich:

„Das ist too much“, erzürnen sie sich. „Zafar, sag ihm das.“

„Was ist denn los?“, Vadik zuckt mit den Schultern. „Sie mag es sich zu wehren, wenn man ihr sagt, sie sei eine Künstlerin.“

Hier imitiert er meine Stimme und meine Intonation, um zu zeigen, wie ich mich wehre: „Och, was bin ich schon für eine Künstlerin.“

„Das ist nicht lustig, Krichevskij“, sagt die Babichi-Ehefrau. „Welche Fliege hat dich gestochen?“

Vadik lächelt bedrückt, legt die Hände hinter seinen Kopf und atmet laut auf.

„Warum, warum, warum können wir niemandem etwas sagen? Wenn ich es nicht meinen Freunden sagen kann, was ich denke, wem dann? Ich möchte so nicht mit euch sprechen. Ich will es und dann kommt sofort das Nein, dann heißt es, dass mich eine Fliege gestochen hat. Niemand hat mich gestochen. Ich sagte einfach, was ich wollte.

Er steht auf und dreht sich mit dem Gesicht zum See. Seine Silhouette ist schwarz und unbeweglich, wie der Stamm einer jungen Platane.

Der Babichi-Ehemann wickelt seine Frau in eine Decke und steht ebenfalls auf. Zafar dreht sich zu ihm.

„Hast du uns deswegen hierher geschleppt?“, fragt Babichi.

„Warum geschleppt? Ich schlug vor, ihr wart einverstanden. Wir sind in der Natur, backen Kartoffeln. Wenn es wärmer wird, baden wir im See.

„Und was ist mit deinem Alten?“, fragt die Babichi-Ehefrau, die ihre Hände aus der Decke befreit.

„Der Alte?“, Vadik kreuzt die Hände vor der Brust. „Ach ja, der Alte…Es gab keinen Alten. Das heißt, doch, vielleicht schon, nur wo willst du ihn suchen?“

Sie lässt die Decke fallen und steht ebenfalls auf.

„Das heißt, du hast uns alle belogen? Und diese Frau auch?“

Vadik atmet gereizt auf.

„Ich habe niemanden angelogen. Doch ich hörte die traurige Geschichte und zeigte Anteilnahme.“

„Du hast die Frau belogen. Ich hätte nie gedacht, dass du zu so etwas fähig bist“

„Und denke du nach. Und überhaupt“, er wendet sich zu ihr und beobachtet sie studierend: „Woher sollst du wissen, wozu ich fähig bin, kennst du mich überhaupt? Kennst du überhaupt jemanden außer deinen Ehemann und Andrujscha?“

„Weißt du, was mir leid tut, Krichevskij? Mir tut es leid, dass es bis auf die Kartoffeln, hier nichts anderes gibt. Mir tut es leid zu wissen, dass du nüchtern bist und alles was du sagst, ernst meinst.“

Die Babichis nehmen die Decke und gehen ins Haus.

Eine Weile schweigen wir. Das Lagerfeuer knackst laut. Der Himmel ist voller Stern. Einige von ihnen sind leuchtend und einsam, manche verstreut in Form von Krümmel oder glänzendem Staub.

„Erzähle mir über den Alten“, bitte ich Vadik.

Er blickt mich an, als würde er von mir erwarten, dass ich noch etwas sage, doch ich sage nichts mehr und er erzählt.

„Es lebte einmal ein Mensch mit dem Namen Faruch, er hatte sechs Kinder. Fünf davon waren Mädchen, als sechstes Kind wurde der Sohn geboren. Der Mensch hatte keine Angst vor Arbeit und liebte seinen Staat. Der Staat liebte ihn und gab ihm Arbeit. Der Mensch arbeitete viel, damit seine Familie ein wohlhabendes Leben führen konnte. Doch damals ging es allen gut. Am besten jedoch, ging es diesem Menschen, weil sein sechstes Kind ein Junge war. Er fuhr ihn mit einem großen Wagen aus, und kaufte ihm kleine Autos, damit dieser mit ihnen spielte.

Eines Tages fuhr er für einen Monat fort und vermisste seinen Sohn so sehr, sodass al er zurückkehrte, er nicht in die Garage, sondern nachhause fuhr. Der Sohn erblickte ihn vom Balkon und schrie vor Freude. Der Mensch schaute aus dem Innenraum des Autos hervor und winkte ihm zu. Der Sohn sprang vom Stuhl und rannte zur Mutter, und die Mutter sagte zu ihm:

„Laufe, treffe deinen Vater!“ Der Mensch beschloss, den Wagen zu drehen und begann rückwärts zu fahren, just in dem Moment, als der Junge zu ihm lief.“

Das Lagerfeuer ist kurz vor dem Erlöschen und alles drumherum taucht in Licht ein. Auf der schwarzen Oberfläche des Sees zittert ein Mondpfad. . Am Rand des Wassers, ein verwelktes Bündel oranger Mohnblumen.

„Wie ging es weiter?“, frage ich.

„Dann kam das Gericht, und er wurde freigesprochen. Dann kam ein Schlaganfall. Er lag im Krankenhaus, dann wurde er entlassen. Dann verließ er sein Haus. Hier“, Vadik nahm aus der Tasche eine Fotografie heraus, „seine Tochter hat es ihm gegeben. Vor dreiunddreißig Jahren. Jetzt ist er ca. achtzig, vielleicht auch neunzig.“

„Du denkst, er lebt?“

„Sie sagt, er lebt.“

„Gehst du ihn suchen?“, fragt Zafar.

„Wo soll man nach ihm suchen? Bis Saratoga sind es um die zehn Kilometer. Erstens das. Und ist er dort oder nicht, das weiß niemand. Das Zweitens.“

„Warum hast du es dann versprochen?“

„Ich sagte euch, dass ich es versprochen hatte. Ihr sagte ich, dass ich Fragen stellen werde, Mir wurde es einfach langweilig. Überall. Und ich wollte hierher fahren.“

Als Zafar das hört, steht er auf, sagt „gute Nacht“ und geht weg, ohne auf Vadik zu blicken.

„Gute Nacht“, sage ich zu Vadik

Zafar begleitet mich bis zur Tür und verspricht mir, auf meine Ausstellung zu kommen. „Wenn sie statt findet“, sage ich zu ihm. Und er bestätigt, dass diese auf jeden Fall statt finden wird. Wenn ich es wirklich will.

Morgens gehen Babichis und ich zum Wasserfall. Sie fragen mich, wie ich geschlafen habe und ich sage, dass ich fror, doch sehr gut schlief. Und die Babichi-Ehefrau sagt, dass auch sie fest geschlafen habe, weil Vadik Krichevskij sie fast getötet hätte.

Als wir zurückkehren, sprechen Vadik und Zafar mit dem Taxifahrer. Ich sage, dass ich mit ihnen fahre und setze mich ins Auto. Vadik ruft auch die Babichis, doch diese verneinen und gehen weiter. Und Vadik hält sich an der offenen Tür und blickt ihnen nach.

In Saratoga ruft Zafar einen Jungen von ca. zehn Jahren und fragt ihn auf tadschikisch, wo der Älteste wohnt.

Der Junge führt uns zu seinem Haus. Zafar fragt, wie er heißt und ob er zur Schule geht. Der Junge sagt, er heiße Isamil und er gehe selbstverständlich zur Schule. Ich habe diese Sprache dreiundzwanzig Jahre nicht gehört, doch ich erinnere mich an die Worte, so als ob ich meine letzte Drei in Tadschikisch bekommen hätte.

Zafar öffnet seine Jacke, nimmt aus der Innentasche einen schwarzen, metallischen Kugelschreiber heraus und schenkt ihm diesen.

„Du bist mir einer“, lacht Vadik. „Mit solchen Kugelschreibern unterschreibt man Dokumente. In Büroräumen. Mit solchen schreibt man nicht in Dorfschulen.“

„Was ist wenn er erwachsen wird, und selbst Dokumente unterschreiben? Was fehlt dir?“, fragt Zafar, „das ist der Glaube an den Menschen.“

„Ist es Montblanc?“, lacht Vadik: Ich habe nicht genau hingeschaut.“

„Du verfügst über überflüssiges Wissen“, lächelt Zafar.

Der Älteste sitzt auf der Bank, die angelehnt ist an die Hauswand. Äußerlich unterscheidet er sich in nichts von anderen lokalen Alten: Icihgi, Chapan, Tjubetejka, langer Bart. Er schläft nicht, seine beiden Handflächen berühren einen Wanderstock, als ob er in jedem Moment aufstehen kann, doch die Augen sind geschlossen und an der Bewegung des Stoffes sieht man, wie tief und gleichmäßig sein Atem ist.

Wir begrüßen uns, und er blickt uns an. Zafar wechselt auf Tadschikisch und sie sprechen. Dann steht der Älteste auf, geht zur offenen Tür, durch diese sieht man die Schatten der Weinrebe, dann lässt er uns, einer nach dem anderen, auf den Hof.

Der Hof ist gefegt und geschrubbt, bei der Sommerküche eine Ansammlung junger Frauen. Es riecht nach gebratenem Fleisch. Vadik und Zahar gehen in die Tiefe des Gartens, ich gehe zu den Frauen und sehe, wie diese Krutob zubereiten.

Krutob haben wir noch in der Grundschule, zusammen mit unserer Lehrerin Lola Ruzievna, zubereitet. Doch das war ein Zirkus. Für einen echten Krutob hatten wir weder einen Tandyr noch eine große Holzschale. Wir bröselten das von jemandem am vorherigen Tag gekaufte Fladenbrot in einen einfachen Emailleteller, brieten Zwiebeln an, tränkten den trockenen Frischkäse, schnitten Kräuter, Gurken, Tomaten, hielten nicht die Reihenfolge ein, vergaßen das Salz oder fügten zu viel davon hinzu, anstatt von Butter, verwendeten wir Sonnenblumenöl und wenn die Schüler Zarathustras dieses Gericht probiert hätten, dann hätten sie sicherlich zu weinen begonnen und würden sich ganz modern dazu äußern: so nach dem Motto, der Krutob sei falsch. Doch auf diesem Tisch war alles wie vor hundert, zweihundert oder sogar tausend Jahren.

Ich sagte, ich wolle mitkochen und bat um ein Messer. Nach ca. fünf Minuten brachte man mir einen Fatir, jenes Fladenbrot aus dem Tandyr, und es war unerträglich, das Gemüse zu schneiden. Die Frauen lächelten, nahmen mir das Messer weg, brachen eine heiße Ecke vom Fatir ab und gaben sie mir.

Der Alte war da.

Wir sitzen gemeinsam mit dem Alten auf dem Topchan. Das Mittagessen ist zu ende und die Frauen haben bereits das Geschirr weg gebracht. Auf dem Tisch sind nur noch Fladenbrote, Früchte und Tee.

Er geht an uns vorbei. Der Alte ruft ihn nicht. Wir schauen ihn geizig an: auf diesen leichten, dürren und beweglichen Körper. Die langen, weißen Haare sind vom Alter ganz dünn, doch sie locken sich immer noch an den Enden. Seine Brust ist nach Innen gedrückt, doch die Bewegungen sind schnell. Geräuschlos, wie ein Schatten, klettert er durch die Bäume, mal sich im Laub versteckend, mal wieder auftauchend. Wir bewegen uns nach vorne wie verzaubert. Ich möchte unbedingt sein Gesicht erblicken. Vadik dreht sich ungeduldig zum Alten.

„Ist er dennoch Ihr Freund? Was wissen Sie über ihn? Wissen Sie, was seinem Sohn widerfahren ist?“

Der Alte schaut auf Zafar und auf seinem Gesicht zeigt sich etwas, wie ein Lächeln.

„Er hat eine Familie“, fährt Vadik fort. „Wenn es er ist, dann hat er eine Familie. ER hat eine große Familie. Deswegen sind wir hier. Das ist schrecklich, alleine zu sterben.

Der Alte spricht mit einem Akzent. Doch er spricht frei. Langsam, die Augen nach jeder Phrase schließend. Als ob er sich Zeit nehme zu atmen.

„Vadim“, sagt er. „Ich bin so alt, dass ich vor nichts Angst habe und mich über nichts wundere. Alles was ich jetzt kann, ist mich über irgendwelche Sinnlosigkeiten zu erfreuen, über die du nicht einmal nachdenkst. Solche Alten wie wir, haben vor nichts mehr Angst.“ Er wirft die Krümmel von den Fingern und glättet sich den Bart. „Was weiß ich über ihn? Ich weiß nichts über ihn. An solchen Orten wie diesen, sind die Menschen sehr neugierig. Doch jetzt sehe ich, dass sie überall neugierig sind.“

„Kennen Sie seinen wahren Namen?“

„Ich kenne nicht einmal den nicht wahren Namen.“

„Wie nennen sie ihn?“

„Ich nenne ihn Odam. In eurer Sprache ist es Adam. Und in der unsrigen – Mensch, Seele.“

„Seine Tochter sagte, er lebte in Leninabad. Wie kam er dorthin?“

„Ich brachte ihn hierher aus der Wüste. Aus den turkmenischen Karakums.“

„Was hat er da gemacht? Wie ist er dorthin gekommen?“

„Er ging zu Fuß dorthin. Er lebte dort.“

„Wie?“

Der Alte zuckt mit den Schultern und nimmt den Wanderstock in die Hand.

„Wie ein Toter. Vielleicht wie ein Wiedergeborener.“

Vadik und Zafar helfen ihm aufzustehen.

„Wenn er mit euch sprechen möchte, soll er das tun. Wenn er nicht will, werde ich ihn nicht darum bitten. Er wohnt im Hinterhof.“ Der Älteste macht seine Jacke zu und geht langsam zur Pforte.

Zafar stoppt Vadik und sagt, er gehe selbst. Vadik nickt unwillig, steigt auf den Topchan und legt sich auf die Kissen.

Nach ca. zehn Minuten kehr Zafar zurück.

„Und?“, fragt Vadik.

„Nichts.“

„Was hast du ihm gesagt?“

„Ich fragte ihn nach seinem Namen.“

„Faruch?“

„Er sagte, er habe keinen Namen.“

„Wie sieht er aus? Welches Gesicht hat er?“

„Ich weiß es nicht. Ein einfaches Gesicht. Das gleichgültige Gesicht eines Alten.“

„Man soll ihm Fotografien zeigen, ihm über die Familie erzählen.“

„Besser nicht, Vadik, wir hätten nicht hierher kommen sollen.“

„Das ist doch er, Zafar, ich spüre, dass er es ist.“

Die Augen Vadiks leuchten. Er nimmt die Fotografie und schaut sie aufmerksam an.“

„Ja, hier ist er ganz anders. Doch ähnlich? Schaue. Ganz ähnlich?“ er legt die Fotografie vor Zafar.

„Und diese“, er legt auf den Tisch mehrere Aufnahmen von Kindern und Enkeln, „vielleicht sieht jemand seinem Sohn ähnlich. Stell dir vor, was geschehen wird, wenn er sie sieht.“

„Nichts wird geschehen.“

„Wir werden sehen, Zafar“, bittet Vadik. „Wir haben ihn nicht einfach so gefunden. Hast du nicht das Gefühl, dass alles nicht einfach so geschieht?“

„Was machst du Vadik. Wozu? Was machen wir hier?“

Er schaut auf uns mit einem müden, unsicheren Blick. Ich habe ihn niemals so gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass wir nichts voneinander wissen. So als ob wir nihct mit dem Menschen befreundet seien, sondern mit der Vorstellung von ihm.

„Wir kamen hierher wie die Diebe. Wenn seine Kinder ihn sehen wollen, sollen sie selbst kommen. Du hast recht, das ist er. Das ist genau jener Mensch. Ich habe seine Augen gesehen. Doch ich werde ihm nicht eine einzige Frage stellen. Nicht eine einzige. Und ich gehe fort.“

Vadik klopft langsam mit seinen Fingern auf den Tisch, seine Lippen sind zusammengepresst, er schaut, wie Zafar vom Tapchan absteigt, seine Schuhe anzieht und zu der Pforte geht. Dann sammelt er die Fotografien und tut diese zurück in seine Tasche.

Wir gehen nach draußen.

„Alles richtig“, sagt der Alte. „Der Mensch sündigt nur mit dem Körper, den Organen, der Zunge, den Händen, dem Bauch, der Leber und mit etwas anderem selbstverständlich. Die Organe werden vom Gehirn gesteuert. Das Gehirn ist im Kopf. Das heißt er sündigt auch mit diesem“, er klopft auf seine Tjubetejka. „Die Seele bleibt außen vor. Die Seele des Menschen ist rein.“ Da kneift er die Augen zusammen und blinzelt fröhlich zu Vadik: „Was denkst du darüber?“

„Das macht Hoffnung“, sagt Vadik betrübt.

Dann ruft der Alte irgendeinen Kerl und wir fahren zurück. Im Auto schwiegen wir, und der Kerl fragt uns aus, woher wir kommen, ob uns der See Iskanderkul‘ gefallen hat und er sagt, dass wir wieder kommen sollen.

Abends sitzen wir zu fünft am Ufer. Wir sitzen in einer Linie vor dem See, wie in einem sommerlichen Kino, als ob wir auf die drei mal hintereinander den „Zyklopen“ an. Dann wurden wir verscheucht, wir wählten uns jeder, einen Baum aus, um das Kino herum wuchsen Platanen, und wir schauten uns den „Zyklopen“ ein viertes Mal an.

„Ich möchte nachhause“, sagt die Babich-Ehefrau wehmütig. „Andrjuscha wir uns schon vermissen.“

„Und ich würde noch bleiben“, sagt der Babich-Ehemann.

„Ich auch“, sagt Vadik Krichevskij.

Zafar sagt, er müsse nach Moskau: ihm bleibt noch eine Woche Urlaub, und er habe den Kindern vieles versprochen.

„Und du?“, fragt mich Vadik.

Und ich erinnere mich daran, was mit Slava Ivanovich gesagt hat und bin einverstanden damit, dass der Wechsel der Umstände besser als jede Medizin sei, doch ist es kein Ausgang. Und ich erinnere mich an den Verlaf und an meine Redakteurin, und an das Chaos im Schrank, in dem ich meine Farben und Pinsel aufbewahre, und an die Ausstellung, an der ich hätte teilnehmen können, es aber nicht gemacht habe, und daran wie alt ich bin und woran ich arbeiten werde, wenn ich wieder da bin. Und werde ich es überhaupt.

Ich erinnere mich daran, wie wir vor einem Tag waren. Das Leben in den hohen Bergen machte uns aufnahmefähiger für einfache Dinge. Wir waren berauscht von den Blicken aus dem Fenster, wie Kinder, und dann hörte der Asphalt auf, das Auto ging kaputt, wir stiegen anderthalb Stunden zum See hinab; ließen uns in einem Cottage nieder und lagen ohne Begeisterung auf den blumigen, verwaschenen Decken, und dann als wir beim See ankamen und die türkisfarbene Glätte erblickten, die sich in bunten Hügeln versteckte, und hinter diesen hohe blaue Berge, standen wir da wie betäubt und schwiegen alle, weil niemand als erster reden wollte, damit die Geräusche nicht die Landschaft verderben.

Doch die Sonne verschwand schnell, und das Wasser verwandelte sich aus dem türkisfarbenen in grünes, dann in blaues, schwarzes und es wurde dunkel und die Freude verschwand ganz schnell, so wie der Hunger schnell verschwindet, wenn man sich auf das Essen wirft und alles durcheinander in sich hineinwirft.

Nun möchte ich nicht jedes Jahr zum Jahrestag der Babichis erscheinen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich unsere Freunschaft weiter halten kann.

Hinter mir höre ich Geräusche, ich drehe mich um und sehe einen roten Wolfshund. Er neigt den Kopf und wedelt mit der kurzen Rute. Ein paar Schritte weiter von ihm sitzt ein weiterer Wolfshunf, der seine gefleckte Zunge ausstreckt.

Es scheint alles so einfach zu sein. Sterne. Unter diesen eine leere Koschara. Drumherum Berge. Überall Gras. Im Gras die schwanzlosen Wolfshunde. Sie ähneln nicht jenen Tierren, die im Krieg die Chabanen überfielen und sie auffraßen bis zu den Stiefeln. Solcher Geschichten habe ich viele Gehört. Die Menschen lieben Gruselgeschichten.

Ich reibe den Wolfshund zwischen den Ohren, dieser legt sich auf die Erde. Auf seinem Kopf ist eine trockene Wunde, auf der mehrere Fliegen sitzen, wie auf einer kleinen Heimat.

Ich habe nichts, womit ich sie desinfizieren kann und gieße Wasser darauf. Der Wolfshund bleibt still und steht lange so da ohne sich zu bewegen. Er weiß, dass der Mensch ihm Gutes bringt, und die Fliegen Böses. Und er wählt den Menschen.

Ich weiß nicht, was wir hier sehen wollten. Wen finden. Vielleicht schöne Naturaufnahmen. Vielleicht uns selbst. Denn irgendwo hat das alles begonnen.

Ich versuche mich nicht an Faruch zu erinnern. Ich erinnere mich lieber an die Wolfshunde.

Ich weiß nicht, was in seinem Kopf geschieht und welche Erinnerung ihm öfter heim sucht. Sieht er seinen Sohn, den er mit den Hinterreifen überfährt?

Ich sehe dieses Bild ganz klar vor mit, denn ich bin eine Künstlerin, ich sehe vieles. Doch ich erkenne auf dem Bild nicht Faruh. Hinter dem Steuer jenes astwagens sitzt ein anderer Mensch, der dem Alten nicht ähnlich sieht, welcher sich zwischen den Bäumen, im Haus aufhält.

Ich stelle mir vor, welches Bild daraus entstanden wäre. Ich sehe Faruh in der Wüste. Einen kleinen Punkt in der schwarzen Endlosigkeit. Weiß, gelb, rot. Welche nun? Welche Farbe muss dieser Punkt haben? Gelb wie die Sonne? Weiß wie der Mond? Rot wie das Blut? Das weiß ich nicht. Ich sehe keine Farbe. Doch ich höre.

Ich höre, wie er schreit, und die Wüste horcht hin und will ihn nicht annehmen.

Und mir scheint, ich sei überzeugt davon, dass ich niemals dieses Bild malen werde.

Nina Trox: „Die Zeichen der Stille“

Nina Trox

Zeichen der Stille

(Eine Erzählung)

Vom Autor

Diese Erzählung ist ein Puzzle, dessen volles Bild man erst sehen kann, wenn man diese zu ende gelesen hat. Zeit, Situationen, Emotionen – alles, wie ein Teil einer Denksportaufgabe, fügt sich langsam zusammen. Zerrissener Rhythmus des Erzählens – der Rhythmus des Lebens der Heldin. Dies ist eine einfache Liebesgeschichte und ein nicht einfacher Weg um sich selbst zu verstehen und die Stille in sich.

Zeichen eins

Die Seelenkatharsis tritt ein, wenn du einen Menschen anschaust und verstehst, dass du ihn nicht mehr liebst. Dann verschwinden die Beleidigungen, der Schmerz, der Wunsch, es jemanden heim zu zahlen, dann geht das Gefühl der Mitleidenschaft mit ihm zurück – die letzte Verbindung reißt. Und die Augen, die dich anblicken, sind nur noch ein Sehorgan.

Ich liebte es zu beobachten, wie ihre Hände tanzen. Wie die dünnen, langen Finger sich beugen, sich wie ein Fächer aufmachen, sich wieder zusammenrollen, nicht gesehene Muster zeichnend. Zeichen, die ich nicht verstanden habe, doch sie haben mich bezaubert.

Wir trafen uns zufällig auf einer Ausstellung. Man zeigte russische Impressionisten. Obwohl meine Wahrnehmung von Kunst nicht professionell ist – „es gefällt mir, es gefällt mir nicht“, liebe ich es zu beobachten, die Farben einzusaugen, die Launen, die Gefühle. Manchmal fühle ich es wirklich. Wenn das natürlich nicht „art“ ist oder „sur-sur“, wo alles durchmischt ist, wo man die Übereinstimmung zwischen der Kleckerei auf der Leinwand und dem Titel, nicht einmal mit meiner reichen Einbildungskraft finden kann. Impressionisten sind für mich Kuindzhi, Korovin, Levitan, Serov, Maljavin, Grabar‘, ich ging an ihren Bildern vorbei und genoss es. Wenn du verstehst, doch nicht so tust als ob, die Stirn runzelst vor Konzentration, dann bekommst du auch das Vergnügen und fühlst dich nicht fremd.

Ich bemerkte sie nicht. Ich hörte die Stimme hinter dem Rücken.

„Hallo, An‘!“

„Das tanzende Weib“ Maljavins verwandelte sich in einen einzigen roten Fleck. Der irre Tanz des „Weibes“ wurde an mein Herz weiter gegeben. Ich hatte Angst mich umzudrehen und stand einige Sekunden wie erstarrt da. Danach drehte ich mich auf einem meiner Absätze.

In der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, hat sie sich kaum verändert. Eine andere Frisur – langes Karre; wurde fülliger – das Gesicht etwas runder; der selbe Blick – gerade mit Ausdruck; das selbe Lächeln – ironisch, doch wie ein Kind, offen.

„Maja? Hallo!“ sprach ich beim Ausgang.

„Und ich dachte schon, bist das du oder nicht? Eine andere Frisur und Haarfarbe. Das kurze Haar steht dir. Wie geht es dir?“

„In einer verhältnismäßig instabilen Welt, bin ich verhältnismäßig stabil“, sprach ich, spürend, dass ich Mist von mir gebe. „Und dir?“

„Ich bin auch okay. Bin in eine Künstlerakademie gegangen. Ich wollte schon lange malen lernen. Nun gehe ich durch Ausstellungen, bilde mich weiter.“ Maja lächelte und schaute durchdringend, als ob sie meine Gedanken erraten wollen würde.

Und ich dachte an nichts. Das innere Zittern hörte nicht auf, es wurde warm, gab kaum Luft. Es schien, als ob die Beine mich nicht mehr halten wollen und ich gleich vor ihr auf den Boden falle. Doch eine starke Hand schnappte mich am Ellenbogen und zwang mich gerade zu stehen. Ich drehte mich zu dem Retter und erinnerte mich, dass ich alleine gekommen war. Denis lächelte zufrieden und wandte sich an Maja.

„Während unsere gemeinsame Bekannte Stupor hat, lassen Sie mich, mich Ihnen vorstellen, Denis Levickyj!“ er machte die Betonung auf das „y“ und nickte lebhaft.

Wir waren bereits fast ein Jahr miteinander befreundet. In unsere Englischgruppe mitten im Semester schmiss sich ein dürrer, hoher, sympathischer Kerl mit zotteligem Haar. Er setzte sich, warum auch immer, neben mich, obwohl er dazu beitrug, dass die Hälfte der bereits Platz genommenen Kursteilnehmer dafür aufstehen musste. Zuerst reizte er mich mit Schreien, Witzen, unangebrachten Seufzern. Doch das nicht Ordinäre, der Humor und dabei gleichzeitig eine seltsam zärtliche Sorge um mich, bezauberten mich schlussendlich. Wir schmissen die Kurse, doch hörten nicht auf befreundet zu sein, obwohl ich fühlte, dass für Denis das mehr war als einfach nur Freundschaft. Doch wie sagt man, „was ich kann“.

„Ich bin Maja! Hallo!“

Er hob erstaunt die Braue hoch und drückte zurückhaltend Majas Hand.

„Bestimmt hat man euch schon mit der Allusion zu der uns allen bekannten Biene (Biene Maja, aus dm Trickfilm die Abenteuer der Biene Maja), in den Wahnsinn getrieben, deswegen lass ich dieses Thema.“

„Ach, ich bitte Dich“, Maja lächelte.

„Dann eine vernünftige Frage, wie gefällt euch die Ausstellung?“

Ich, die sich nicht traute etwas zu sagen, dankte dem Universum für den gesprächigen Freund.

„Ich mag besonders Grabar‘. Seine winterlichen Landschaften sind einfach nur schön…“

Maja erzählte, dass ihr Zeichenlehrer Grabar‘ als Beispiel nimmt um die Vermittlung der weißen Farbe aufzuzeigen. Sie sprach, doch ich hörte die Wörter nicht mehr. Ich blickte sie an, versuchte zu verstehen, was sie mag? Wofür? Warum?“

„Was ist sie für dich?“ Diese Frage stellte Denis, als wir nach der Ausstellung im Café saßen. Seltsam wie sich nahe Menschen austauschen können nur in Form von Gedanken. Telepathie existiert.

„Einmal war sie das wichtigste für mich.“

„Und jetzt?“ Denis reichte mir das Glas mit dem milchigen Cocktail.

„Nun hat man alles was man braucht, nur nicht mehr.“

„Bin ich nicht mehr?“

„Du bist höher.“

„Ich meine es ernst!“

„Du kannst ernst sein?“

„Anja“, Denis senkte die Stimme.

Ich sah ihn zum ersten Mal so. Falten neben der Nasenwurzel, verschobene Brauen, der Adamsapfel zittert nervös. Ja, das ist ernst. Nur nicht heute. Nicht jetzt.

„Dinja, was willst du hören? Wir haben schon längst alles geklärt über deine und meine Vorlieben. Was für Beben machst du Otello?“

„Ich wollte einfach erfahren, was sie für dich bedeutet?“

„Nein, nicht einfach. Nicht einfach! Er verhielt sich wie ein Hund, dem man das Essen wegnimmt. Wir sind Freunde, das ist alles. Wenn es dir nicht passt, auf Wiedersehen. „

„An‘, reg dich nicht auf. Was ist mit dir?“

„Nichts“ Jeder meint, er sei der Nabel der Welt und dreht sich um ihn. Zum Teufel mit allem!“

Ich schnappte sie auf der Lehne des Stuhls hängende Jacke und begab mich zum Ausgang.

„An‘ bleib stehen!“ schrie ihr Denis hinterher.

Doch ich hatte bereits die Tür geöffnet und atmete die kühle Luft ein.

Der Panzer bröselte sich auf. Der Körper zitterte, reagierte auf das Rascheln unter den Füßen, die Autosignale, die Gespräche der Vorbeigehenden. Die Geräusche stießen auf mich, mich zur Vibration zwingende. Ich wollte nur eines – Stille, Mich losreißen von den betäubenden Geräuschen der Stadt, der Gedanken, Erinnerungen,

Weglaufen hinter die Grenzen des Hörbaren…

Zeichen 2

Ich bin grenzwertig. Meine Grenzwertigkeit bestimmen die Ängste. Sie erlauben es nicht, zusammenzuwachsen mit den Gefühlen, die ich erlebe, erlauben es nicht diese zu genießen. Ich bin wie ein Halbblüter in der Gesellschaft von Menschen mit reinem, adligen Blut. Sie sind sich ihrer hohen Situation bewusst und bewegen sich mit einem geraden Rücken und einer überentwickelten Würde. Ich spüre immer eine Verklemmtheit und versuche die Blicke, welche auf mich gerichtet sind, zu umgehen.

Auch jetzt würde ich gerne fliehen. Dieses Fehlen von Luft von den aufkommenden Gefühlen jagte mir Angst ein und egal mit welchem Pathos es klingen würde, ich dachte immer, dass ich dafür nicht würdig bin. Diese Euphorie zu spüren gelang nicht mit meinem Blut, das vermischt war mit unreinen Flüssigkeiten.

Sie blickte auf mich, lächelnd, und die Ecken ihrer grünen Augen lächelten mit. Entweder fühlte sie meine Verlegenheit und Unsicherheit, oder sie spielte ein ihr lang bekanntes Spiel. Ich saß gegenüber und spürte ein ohrenbetäubendes, trommelartiges Klopfen des Herzens. Mir schien als ob mein ganzer Körper in jenem hysterischen Rhythmus bebe.

„Warum trinkst du nicht?“, sprach sie und nickte auf das Glas, welches ich in meiner Hand festhielt. Ihre Stimme klang selbstsicher, doch mir schien, dass sie etwas zu tief sei für die äußerliche Zerbrechlichkeit der Figur.

„Ich?“ fragte ich noch einmal und im Inneren wurde es kalt.

Sie lächelte noch mehr und sagte: „Ja, Gefällt es dir nicht?“

„Nein, einfach…einfach…“, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Tohuwabohu im Kopf füllte sich mit dem Verständnis dessen, dass meine Dummheit alle Rekorde schläft.

„Ich heiße Maja“, sagte sie und reichte mir die Hand.

Das operative System meines Verstehens des Geschehenen brach zusammen, ich konnte nicht einen einzigen nützlichen File finden. Doch die Selbststeuerung funktionierte und ich reichte ihr meine Hand. Warme Finger drückten meine Hand zusammen.

Für mich sind Berührungen sehr intim. Ich mag es nicht, wenn Unbekannte mich berühren oder sich mit „Bises“ austauschen wollen. Ich erlaube sogar manchen Freunden nicht, mich zu berühren. Möglicherweise ist es der innere Ekel. Oder meine Überzeugung, dass die Berührung eine Form der Übergabe von Energien ist. Und diese Substanz ist bei allen unterschiedlich.

Doch in diesem Moment setzte ich alles auf null und verstand nur wenig. Ich antwortetet mit einer Geste auf die Geste der Begrüßung. All meine Abgebremstheit war auf dem bisherigen Level und Maja nahm wieder die Initiative in ihre Hände.

„Hast du einen Namen?“

In diesem Moment, so schien es, arbeiteten alle vorrätigen Generatoren und ich versuchte zu scherzen.

„Ja, ich glaube als ich geboren wurde, wurde mir ein Name gegeben. Anja.“ ich trug den eigenen Namen mit Mühe vor. So als ob dieser fremd war und mir wenig bekannt.

„Anja also, fabelhaft! Hey, Sheri!“ sie hob die Hand nach oben und rief den Barmen. „Sheri, Krümmel, mache der jungen Frau Anna eine „Blaue Lagune“. Bat sie den herannahenden, subtilen Kerl mit großen Tunnels in den Ohren.

„Für dich, Biene, was auch immer du willst“, antwortete er.

„Bist du alleine oder mit jemandem?“ sie setzte sich neben mich auf den freien Stuhl.

„Ich bin mit einer Freundin hier. Sie…Ähm…ist zu Bekannten gegangen. Und ich, nun…“

„Trinkst du den ekligen Saft? Oder was ist das, eine Bohrmaschine?“ fragte sie, hob das Glas bis zu der Ebene der Augen, um zu verstehen, welches Getränk ich trinke.

„Nein, keine Bohrmaschine, einfach Apfelsinensaft. Ich trinke nicht.“

Maja lächelte.

„Wer trinkt hier? Ich glaube, alle probieren es nur so aus. Ich habe eine deutsche Bekannte aus Dresden, sie trinkt. Ich spreche nicht übers Bier. Das ist schließlich das Nationalgetränk, doch Wodka trinkt sie. Einmal waren wir…“

Und hier war die leise Pause vorbei und man hörte eine ohrenbetäubende Technomusik.

Dieser Ort war wahrscheinlich der einzig passende für Gays in unserer halb provinziellen Stadt. Die Musik dröhnte nicht die ganze Zeit. Die Pausen mit einer angenehmen, leisen Instrumentalmusik gaben dem Volk die Möglichkeit sich zu unterhalten. Der Klub war nicht groß, doch sehr gemütlich. Sofas, kurzbeinige Tische, Sitzsäcke, auf die sich alle mit Vergnügen schmissen, eine kleine Bühne in der Mitte und eine lange Bartheke, hinter der einige Barmänner standen. Gesichtskontrolle war Konvention, hier kannte fast jeder jeden.

Ntürlich war die weibliche Gesellschaft vorherrschend, genauer die Gemeinschaft, was Energien weitergab. Dieser unverständliche Ansatz einer aufgeregten Sexualität, einer gefühlt elektrischer Abgespanntheit, irgendeiner zärtlichen Sorge und gleichzeitig Aggression, das alles nahm ich auf und es war angenehm.

Ich ging selten an jene Orte, wo sich viel Volk versammelte. Ich hatte irgendeine unbestimmte Angst vor Ansammlungen von Menschen. Und wenn nicht Ritka gewesen wäre, die mich jetzt im Stich gelassen hat und verschwand, wäre ich nicht hier her gekommen.

Maja traf ich vor zwei Jahren an der Uni. Das war mein zweites Semester. Es wurde langweilig und ich reichte die Dokumente für ein Fernstudium ein im Bereich Jura. Ich kann nicht sagen, dass ich davon träumte, ein großer Jurist zu werden, nur musste ich mich mit etwas beschäftigen, und das Lernen ist meine langjährige Aufgabe, um nicht an die Gegenwart zu denken. Und in der Gegenwart gab es Einsamkeit, das Lesen der Bücher, die Langeweile der Mutter, eine langweilige Arbeit als Manager in einer kleinen Firma für die Organisation der Businessveranstaltungen.

Erste Stunde. Das Kennenlernen mit den erwachsenen Kursteilnehmern, die Noten der Lehrer und ein Geldkredit. Alles nach Standard und vorhersagbar. Außer zwei Treffen, die herausstachen und der Monotonie der Vorlesungen und nicht besonderer Unterhaltung mit den Teilnehmern. Die beiden fanden in der Universitätsbibliothek statt, an einem Tag, beide brachen meine Schablonenhaftigkeit.

Eine lange Literaturliste für die Fächer stimmte überein mit der langen Schlange in der Bibliothek, in der ich bereits 15 Minuten anstand. Ein Quadrat für die Ausgabe der Bücher war voller Studenten. Lachen, Kreischen, alles vermischte sich, und diese Kakophonie machte lebhaft und machte die Vorahnung auf etwas neues. Ich beobachtete, wie die junge Frau in ihrer Tasche wühlte und nichts finden konnte. Sie stand etwas weiter weg von dem versammelten Volk und wiederholte mit den Lippen „Fuck“.

Dann, nachdem sie die Geduld verloren hatte, schüttete sie alles aus der Tasche auf den Boden und begann in dem Inhalt zu graben, auf den Knien stehend. Doch wie seltsam, sie fand nicht das was sie suchte, nahm die Tasche mit Zorn in die Hand und begann in das Innere dieser zu schauen. Als sie eine der inneren Taschen aufmachte, die ich nicht sehen konnte, lächelte sie schief. Und ja, nach dem Gesetz des Genres, war das ein Glanzstift für die Lippen, rosafarben. Immer noch auf den Knien stehend, machte sie die Tube auf, nahm einen Handspiegel, welcher zwischen den Sachen lag und begann mit einem besonderen Vergnügen mit dem Pinsel ihren Mund zu bestreichen. Nach dem vollendeten Akt, räumte sie alles wieder in die Tasche ein, stand auf, richtete sich den Rock und gesellte sich sorgenlos zu ihren stöhnenden Freundinnen in der Schlange.

Für mich ist es immer eine Offenbarung, wenn vernünftige Menschen sich so verhalten. Das sind nicht mal Instinkte, das ist irgendeine glamouröse Hysterie, die sich im Gehirn festgesetzt hat und einen zwingt eine geschminkte Puppe zu sein. Obwohl ich eine professionelle Kosmetik mag, die die Schönheit der Frau unterstreicht und das verbirgt, was nicht für den allgemeinen Anblick geeignet ist. Bald war ich die Erste in der Schlange und stand neben der Theke. Das war eine Erschütterung: Vom Äußeren bis zur Stimme, von der Stimme bis zur Manier zu sprechen, von der Manier zu sprechen bis zum eigenen Können, sich zu halten. Vor mir stand die sogenannte „Mademoiselle Freken Bok“, eine Dame von betagtem Alter, runder Kurven, mit leuchtend roten Haaren ( solch eine Farbe entsteht wenn man das Haar mit Henna färbt) zusammengebunden zu einem Dutt im Nacken. Die Lippen, karottenfarben, bildeten eine Linie, die etwas zusammengekniffenen Augen schauten mich bewertend an, auf den Wangen war eine künstliche Röte, und die Falten unterstrichen mit feinen Linien ihr Alter. Ja, darin war etwas weiches. Ihre große Brust war etwas über die Theke gebeugt.

„Mein Kindlein, die Unwiderstehlichkeit ist allen bekannt. Was willst du?“, wandte sie sich abschätzig an mich.

„Bücher“, schoss es aus mir heraus vor Überraschung.

„Ja, so ist es, wir verkaufen hier keine Eiscreme. Was hast du da? Die Schlange wartet, Kindchen!“

Ich blickte mich um, so als wollte ich mich von ihren Worten überzeugen. In Stresssituationen und unerwarteten Situationen stehe ich oft wie vor einem Kurzschluss. Alle logischen Verbindungen reißen ab. Und ich erstarre dann oder beginne offensichtliche Dinge zu machen. Wie diesmal auch.

Zwei Helferinnen, junge Frauen von etwa neunzehn, zwanzig Jahren, standen schon hinter ihrem Rücken und blickten mich ebenso erwartungsvoll an.

„Ich benötige….hier ist die liste.“ kam es aus mir heraus.

„Kannst du lesen, Teure?“

„Allgemeines Recht, Rhetorik, Strafprozess, Bürgerlicher Prozess…“ begann ich aufzuzählen.

Ohne abzuwarten, bis ich zu ende lese, drehte sie sich zu den Frauen und sagte:

„Diese Schönheit ist von der Fernuni, Juristen, die Standartsammlung“, sagte sie direkt und schnell.

Die Frauen flogen in verschiedene Richtungen.

„Und nun höre zu, Kindchen. Ich heiße Margarita Mihajlovna. Mit mir muss man befreundet sein und mir was dafür geben.“

„Das ist vielleicht eine Wende“, dachte ich.

„Meine Gazellchen bringen dir gleich deine Bücher, und du bringst ihnen dafür nächstes Mal Schokolade, sie sind Naschkatzen, was soll man da tun. Und für mich Tesafilm.“

„Wozu brauchen Sie Tesafilm?“ fragte ich.

Sie wackelte mit dem Kopf und antwortete: „Ich mag es, neugierige Studenten herauszufordern.“

Jemandes grober Bass hinter meinem Rücken rief: „Guten Tag, Margarita Mihajlovna!“

„Bist das du Volkov?“ fragte sie cool.

„Ja!“ antwortete der Kerl. „Ich habe Tesafilm mitgebracht.“

„Dein Tesafilm wird dir nicht helfen, Volkov, solange du Internationales Recht nicht bestanden hast.“

„Ich habe es bestanden.“

„Volkov, ärgere mich nicht“, sagte Margarita Mihajlovna lächelnd.

Hinter meinem Rücken lachte dieselbe Stimme laut.

In diesem Augenblick setzte sich Margarita Mihajlovna an den Tisch, der neben der Theke stand, setzte sich die Brille auf und wandte sich an mich.

„Kindchen, wollen Sie einen Leseschein?“

Ich nickte.

„Wie heißt du? Gib mir deine Angaben. Oh Gottchen!“

Ich reichte ihr eine Karte.

„Das heißt du heißt Anna Krylova. So tragen wir es ein.“

In der Schlange tuschelte man mit verschiedenen Stimmen, wellenartig rollte das Lachenm und ich blickte auf die feurig rote Krone dieser charismatischen Frau und wusste bereits, dass sich mich bezaubert hat. Noch einige Minuten trug Margarita Mihajlovna mit einer geraden, kalligrafischen Schrift meine Daten in den Leseschein ein.

Dann hob sie die Augen, wollte etwas fragen, doch da tauchte ein junges Fräulein auf und drückte mich schmerzhaft weg mit ihrem Ellenbogen. Sie sah einer Blume ähnlich: aschblondes Haar, eine weit geöffnete leuchtend-rote Bluse, blaue Jeans, rote Strrümpfe mit weißen Streifen und gelbe Schuhe.

„Margarita Mihajlovna“, sagte sie fast schreiend. „Ich brauche dringen die Kas. Geschichte, sofort!“

„Pasechko, hör auf zu schreien, ich bin nicht taub“, antwortete leise Margarita Mihajlovna. „Du hast es schon letzte Woche gemacht. Was nun?“

„Ja, Mist, es ist doof gelaufen. Ich dachte sie borgt mir…“, sie stutzte, sich erinnernde. „Ich benötige es unbedingt, Margarita Mihajlovna. Ich werde eine Woche im Archiv Bücher kleben, wirklich, geben Sie es mir.“

Nun Liebes, ich habe dich nicht gezwungen. Du musst am Montag nach der Vorlesung im Nebenraum sitzen. Wenn du nicht kommst, brauchst du dich mir nicht mehr zu zeigen, verstanden?“

„Ja!“ die junge Frau sprang fröhlich auf einer Stelle.

Und Margarita Mihajlovna stand langsam auf und ging eilend zum Bücherregal.

In dieser Zeit brachte ihre zwei Helferinnen, wie auf Befehl, jede einen Stapel Bücher für mich. Sie trafen sich, als ob sie sich lange Zeit nicht gesehen haben und begannen etwas auf kasachisch zu beraten. Ihre gelassene Chefin zeigte sich nach einer Minute und hielt in ihrer Hand ein zerrissenes Buch.

„Dieses bringst du auch in Ordnung“, sagte Margarita Mihajlovna streng und legte das Buch auf das Regal vor de lächelnden Paradiesvogel. „Unterschreibe die Karte und weg mit dir, Frechdachs.“

Die junge Frau ging ging genauso strebsam weg wie sie aufgetaucht war.

„Nun mit dir Krylova.“, sie nickte ihren Helferinnen und diese begannen Karten herauszuholen aus den Büchern und mir diese zu geben, damit ich sie unterschreibe. „Die Bücher darf man nicht behalten, vorsichtig mit ihnen umgehen, wenn die Vorlesung zu ende ist, bring sie zurück.“

Ich nickte auf ihre Worte und unterschrieb die Karten.

Als ich die Bücher in den Rucksack steckte, verstand ich, dass es mehr Bücher waren, als ich bekommen habe. Ein fragender Blick, gerichtet auf Margarita Mihajlovna, wurde richtig interpretiert.

„Den Rest holst du später ab, die brauchst du nicht bis zur zweiten Vorlesung“, sagte sie kategorisch und verabschiedete sich: „Tschüss, Krylova!“

Nach diesen Worten schubsten mich die hinter mir stehenden nach vorne, okkupierten sofort die Theke und mir blieb nichts anderes übrig als mich durchzuschlagen zum Ausgang. Ich versuchte den vollen Rucksack auf die Schulter zu hängen und entdeckte mit dem Seitenblick irgendwelche Bewegungen. Ich drehte den Kopf und sah zwei junge Frauen, in der Mitte der Schlange, sie blickten einander an und gestikulierten ohne Geräusche.

Das war ein gedankenloser, komischer Tanz von vier Händen. Ich verstand, dass die Tauben Gesprächspartnerinnen sich wegen irgendetwas streiten. Die Gesten von beiden Seiten, waren abrupt. Mal wackelte die eine, mal die andere mit dem Kopf, wahrscheinlich müde von den Erklärungen. Unsere Blicke trafen sich.

Das war die zweite Erschütterung des Tages. Ich wurde in die Tiefe gezogen, ich machte die Augen auf und schaute nach oben. Der Körper dampfte, die Sonne flüsterte etwas zu, mit einem gelben Fleck, und alles war so sorgenvoll für mich und neu dieses Gefühl, dass ich sogar keine Angst spürte. Ich wurde vom Paten herausgeholt.

Nun sank ich tief. Mit derselben Sorge, mit derselben Verschwommenheit alles Umgebenden, mit demselben Gefühl von mir trug selbst. Diese Sekunde reichte für ihren Blick.

Sie drehte sich wieder zu ihrer Gesprächspartnerin und gestikulierte wieder schnell. Meine Bücher brachten mich wieder zu mir selbst und ich trug sie aus der Bibliothek. Die Realität bekam einen Riss.

Zeichen 3

Ich wachte mit Kopfschmerzen auf. Ich hasse diesen Zustand eines faulen Apfels, wenn jede Bewegung eine weitere Erschütterung ist, wie ein Gele im Kopf.

Die Augenlider heben sich langsam, und die roten Augen – ein Protest irgendetwas zu tun. Doch man muss aufstehen, gehen, sich beeilen und arbeiten. Und…Sie rief an. Die dreitägige Quarantäne war längst vorbei, sowie die Woche. Eine ganze Woche. Ich wurde zerbrochen wie ein Weidenzweig vor Ostern.

Das Aufstehen vom Bett gelang mir nur mit Mühe. Ich riss den Kopf vom Kissen wie einen angetrockneten Kaugummi vom Stuhl. Die Dusche half nicht. Das Wasser, welches wie Eiszapfen die Haare entlang floss, zog den Schmerz hinter sich. Und der Tropfe, sich von einer Haarsträhne los reißend, schuechte wie eine Sprungfeder den Schmerz zurück zu der Quelle seines Ursprungs. Jeans, Hemd, eine dunkle Weste, Schuhe „unisex“ und eine leichte Jacke wurden automatisch angezogen. Gut, dass heute Freitag ist und der inoffizielle Dresscode geht auch so durch, ohne Folgen.

Ich – Zombie ging nach draußen.

„Annushka! Annushka, bleib stehen!“ schrie mit einer piepsigen Stimme Ekaterina Matveevna, die Älteste des Hauses.

„Oh, Gott, nur nicht heute!“, dachte ich, bereits wissend, dass der Tag scheußlich sein wird.

Die herannahende, füllige Dame, versuchte in mich eine Masse an Informationen zu schieben. Ich fing nur diese auf, dass heute, um sieben Uhr Abends ein Treffen der Bewohner statt finden wird. Die Liste mit den Fragen für die Besprechung ist groß und ich muss dabei sein.

Ich nickte, beugte mich vor Schmerz, sagte „gut“ und ging schnellen Schrittes zur Bushaltestelle.

Die Sonnenbrille löschte die Strahlen der spielenden Frühlingssonne und die Blicke der Vorbeigehenden. Diese dunkle Abschirmung half mir immer dabei, mich von der Umgebung zu distanzieren.

Bushaltestelle. Drei Jugendliche von ca. zwölf Jahren quatschten über die bevorstehende Klassenarbeit und machten sich über die Lehrerin lustig.

Ein altes Weiblein saß friedlich auf der Bank und ich lehnte mich an den Pfeiler, der das Dach der Bushaltestelle fest hielt, betrachtete das riesige Werbeplakat, welches an der Hauswand hing, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße.

„Die Waschmaschine wir alles für Sie erledigen!“ „Wird sie für mich arbeiten gehen?“, dachte ich.

„Gott, wie stupide. Warum habe ich sie selbst nicht nach der Telefonnummer gefragt? Wobei, ist jetzt auch egal, ich hätte sie sowieso nicht angerufen. Ich rufe nicht an, trinke und rauche nicht. Nur „nicht“ und es gibt tatsächlich nichts.“

Der Kopf schmerzte immer noch. Eins der seltsamen Dinge meines Charakters, ist ein bewusster Masochismus. Noch in der Kindheit hielt ich viel aus. Ich begann nicht zu weinen, bis der Schmerz unerträglich wurde, öffnete immer die Wunden und mit einem trüben Vergnügen schaute ich, wie aus der Wunde das Blut zu fließen begann.

Ich mochte es, schmerzhafte Gefühle zu erforschen: das tropfende Wachs der Kerze auf die Handfläche: die Knusprigkeit der Weidenrute auf den Oberschenkel; der Effekt eines Gummibandes auf dem nackten Körper. Vielleicht ist es ein unbewusstes Verhalten des Opfers? Nun auch jetzt, während ich Bus fuhr, durchging meine Supergeduld eine bestimmte Prüfung. Der Kopf wurde zu einer Glocke, die den ganzen Körper mit Schmerz füllte. Ich beschloss, dass sobald ich auf der Arbeit bin, ich eine Tablette einnehmen werde.

Zwanzig Minuten der Sorge gingen zu ende, ich sprang nach draußen, noch fünf Minuten zu Fuß, dritte Etage, Büro, der Tisch links am Fenster, eine Schublade und der „Spazmaglon“. Das Wasser, kauen, schlucken. Bald geht es mir besser.

„Anja, Anja, was ist mit dir?“, hörte ich Veras Stimme und hob den Kopf. „Anja, was ist passiert“, wiederholte Lejra mit einem direkten Blick.

„Ich habe Kopfschmerzen.“

„Ich komme zu dir „Hallo!“ Und du, sitzt da mit gesenktem Kopf, die Hände verschlossen. Ich dachte schon es ist was ernstes. Hast du die Tablette eingenommen?“

„Habe ich.“

„Nun gut. Doch wirklich, es ist alles okay, warum bist du so blass?“ sagte Vera mit Teilnahme.

„Mach dir keine Sorgen. Es ist alles okay.“

Vera blickte mich noch einmal aufmerksam an, machte mit den Fingern ein Zeichen, dass sie mich beobachtet und verließ das Büro. Das war ihr Morgenritual. Sie kam in das Büro, zog die Oberkleidung aus, nahm die Tasche und ging in das Damenzimmer, um die Schminke aufzufrischen. Die Prozedur bestand aus dem Folgenden: Tuschen der Wimpern, Korrektur des Lippenstiftes, das Richten der Frisur, seinem idealen Spiegelbild zulächeln und zurückkehren in das Büro, kampfbereit für die „fruchtbare Arbeit für den Segen unserer Firma.“

„Anjuta, der Tag ist wundervoll!“ sagte Vera als sie zurückkehrte. Sie schmiss die Tasche auf ihren Sessel und ging zum Fenster.

„Meine Schönheiten!“ trug Vera mit einer kindlichen vor. Die Zimmerpflanzen waren ihre Leidenschaft. Die grünen Okkupanten nahmen alle Fensterbänke ein, standen auf den hohen Regalen, dem Schränkchen und einer Theke, bestehend aus drei Regalen, direkt neben dem Tisch der Hausherrin.

„Anja, sind die deinen weggeflogen? Semen hat gestern den Chef befragt.“

„Ja, sind sie. Der Chauffeur hat mich angerufen. Der Flug wurde zweimal unterbrochen, doch dann ging alles gut.“

Vera umging die „grünen Liebhaber“, goss einige von ihnen, bei anderen grub sie die Erde etwas durch, bei wieder andren brach sie die vergilbten Blätter ab und setzte sich mit einem zufriedenen Blick an ihren Tisch.

Zu diesem Zeitpunkt wurde mein Kopf ganz leer. Der Schmerz war vorüber und nur einige unbequeme Noten stöhnten noch zum Takt dieser Glocke, die mich seit dem Morgen quälte.

Ich blickte auf den Monitor. Oh Gott, diese unendlichen Briefe. Bald wachen die Telefone auf, die Leitung wird aktiviert und es beginnt der routinierte Kreislauf – vorlesen, aufschreiben, versdenden, anrufen, abstimmen, antworten, erinnern, anmachen, durchstreichen, nicht vergessen. Wir leben und arbeiten mit Verben.

Der in den Raum eingetretene Semen störte meine Philosophieren.

„Guten Morgen! Anja, sind deine Speaker weggeflogen?“

„Ja, sind die.“

„Gut, rufe den Koordinator an, einer der beiden ist Vegetarier. Sollen sie ein Menü ohne Fleisch auswählen.“

„Ich habe bereits Bescheid gesagt.“

„Erinnere sie nochmal daran.“

„Sofort!“ murmelte ich.

Erst vor ein paar Monaten saß Semen mir gegenüber, genauso ein Manager, und er schmipfte auf den leitenden Manager, der ihm befahl, was man machen sollte.

Semen ging zu seinem Büro, und ich, wie gewohnt, lächelte ihm nach.

Sein Gang machte mich immer fröhlich. Bei jedem Schritt, so schien es, hüpfte er, es hüpfte auch das Gesäß, die Hose hoch hebend, sodass man die Anfänge der geputzten Schuhe sehen konnte. Seine Bewegungen erinnerten an den Tanz von Afroamerikanerinnen, füllige, die sich rhythmisch mit ihren Gesäßen zum Takt der Trommeln bewegten.

Das Telefon klingelte. Es begann.

Am Abend küsste mich Vera auf die Wange und flog zu einem Treffen, und ich saß noch vor dem Computer, eine Mail zu ende schreibend. Ich wollte nicht nachhause. Morgen ist Wochenende und ich habe keine Pläne und Wünsche.

Maja rief nicht an.

„Was machst du hier?“, Semen verließ das Büro und machte die Tür zu.

„Ich schreibe eine Mail zu ende.“

„Anja, höre zu. Ähm…ich mag es nicht, wie du mir manchmal antwortest, mit welcher Tonlage. Ähm, meine Postion hat sich verändert. Ich bin nun dein Leiter…Und die Befolgung der Subordination hat niemand verschoben“, er stand in der Nähe des Tisches und drückte den henkel der Tasche für den Laptop. „Ich hoffe, du verstehst mich?“

Ich blickte auf Semen und konnte nicht glauben, dass der ehemalige Nörgler, welcher sich immer auf seine Ehefrau beschwerte, die sich nach dem Sex zur Wand dreht, sowie auf die Schwiegermutter, die ständig unzufrieden ist mit ihrem faulen Schwiegersohn, erteilt mir heute Befehle. Ich atmete aus und langsam und genau jedes Wort vortragend, antwortete ich.

„Natürlich, Semen Aleksandrovich, ich verstehe alles. Mein Verhalten wird angemessen sein, und der Ton höflich“, ich wollte noch hinzufügen: „Um ehrlich zu sein, scher dich zum..“, doch ich drehte mich um und blickte in den Laptop.

„Nun gut. Auf wiedersehen!“

Ich blieb still.

Als ich das Haus erreichte, sah ich die Nachbarn. Eaterina Matveevna sammelte Unterschriften bei denen, die noch nicht weg gegangen sind. Ich wollte mich umdrehen und das Haus von der anderen Seite umkreisen, damit sie mich nicht bemerkt, doch das war zu spät. Ekaterina Matveevna blickte auf mich und winkte mir zu als Zeichen, dass ich zu ihr kommen sollte.

„Annushka, du hast es versprochen. Wir haben bereits alles besprochen“, ihr Piepsen nach den Phrasen, bohrten sich in die Ohren.

„Wir haben kein Geld für eine Renovierung des dritten und vierten Treppenhauses. Unterschreibe hier, wir werden zusätzlich sammeln. Dann haben wir noch eine neue Gemeinschaft für das Aufräumen bestimmt. Man beginnt im nächsten Quartal das Dach zu reparieren“, sie sprach ohne Pausen. „Das Licht blinkte vor ein paar Tagen, jemand hat sich uns angeschlossen. In den Aufzügen wurden alle Plakate abgerissen, sie haben nicht das Recht, diese dort aufzuhängen. Ja wir haben einen neuen Leiter…

Ich wollte dass diese Tortur aufhört.

Nach zehn Minuten schaffte ich es mich vor der Ältesten zurückzuziehen, und nur deswegen, weils sie umschaltete auf die lokale Katzenliebhaberin. Sie schmiss sich sofort auf die erschrockene Frau, wegen der Beschwernisse der Bewohner auf den Geruch.

Der gestrige Salat mit Lachs wurde schlecht. Es gab kein Brot. Ich kochte mir einen Zimttee, schnitt ein Stück des Cheddars ab. Die Tischlampe in Form eines Kolbens mit schwimmenden, neonfarbenen Medusen, warf ungerade Schatten auf die Wände. Die Vorhänge waren zu und Stille.

Die Erwartung, das ist ein Kampf mit der Zeit. Wenn der Rhythmus des Lebens deutlich wird. Du läufst wie gewohnt, doch spürst du jeden Schritt, durchlebst ihn tiefer, hoffend, dass dies der letzte sein wird. Und wenn er da ist, dann kann man stehen bleiben, ein Häckchen in der Zeit stellen. Mein Kampf endete mit nichts.

Sie wird nicht anrufen.

Zeichen 4

Der Zufall, genau der, verändert manchmal das gängige Sujet des Lebens. Sollte man darüber nachdenken, warum das Schicksal diese Überraschungen bereit hält? Wobei, wer wird antworten? Die Analyse funktioniert später, wenn du jenen Moment, der alles verändert hat, verfluchst oder ihm dankst. Der Kaffee wurde kalt. Ritka war immer noch enttäuscht von dem Verhalten ihrer „Ehemaligen“.

„Sie klebte sich an mich, wobei Kitti, noch schlimmer als sie selbst, zehn Meter weiter stand. Ich sage ihr: „Bist du etwa krank?“ Und sie zu mir: „Ich habe Sehnsucht. Kannst du es dir vorstellen? Du hattest recht, als du sagtest, sie sei nicht adäquat. Genau!“

Ich blätterte die Fotos auf Ritas Telefon.

Lächelnde Gesichter, Grimassen, heraus gestreckte Zungen, Fratzen, wie gewohnt. Diese Serie der Fotografien unterschied sich nicht von den hundert vorigen, von den Abenden, an denen die fröhliche und offene Rita der Stammgast war. Ich strich maschinell auf den Bildschirm, ohne die Gesichter zu unterscheiden, da blieb mein Finger auf einer Fotografie zweier Frauen stehen. Die eine kannte ich, die andere erkannte ich.

„Wer ist es?“, unterbrach ich Ritka.

„Wo? Das ist Maja.“

„Welche Maja?“ die Stimme zitterte.

„Maja, sie kam mit der rothaarigen Tanka. Kann super tanzen. Warum bist du so angespannt?“

„Ich habe sie in der Uni gesehen, als ich das Fernstudium machte. Erinnerst du dich? Ich hatte es dir erzählt.“

„Aaah, das ist diese Taubstumme? Doch sie kann sprechen, und wie.“

„Sie ist nicht taubstumm, sie ist ein super Übersetzer, ihre Freundin war taubstumm.“

Ich nippte am kalten Kaffee und erinnerte mich, wie wir Tee mit Kommilitonen tranken, in der Unimensa. Die Vorlesung zur Rhetorik war zu ende. Die junge Dozentin hat es nicht geschafft, die Wörter zu verbinden.

Mich enttäuscht die Inkompetenz. Rhetorik, oratorische Kunst, wo ist es?

Der Gebrauch von parasitären Worten, die nicht richtige Setzung der Akzent, im Endeffekt nennt sich der Mensch Pädagoge und bringt dazu noch bei Reden zu halten. Lustig und widerwärtig zugleich. Und solche Menschen werden von nichts in Verlegenheit gebracht. Ich sprang auf dem Stuhl vor Empörung und meine Kommilitonen, beide um die vierzig Jahre alt, lächelten herabwürdigend auf meine Empörungen. Ich wackelte mit den Händen und hätte fast den tee vergossen, und als ich den Becher rechtzeitig schnappte, erblickte ich die schweigenden Gesprächspartnerinnen aus der Bibliothek. Seit dem Treffen sind einige Monate vergangen und während ich auf den Fluren der Universitäten umher irrte, hielt ich Ausschau auf die vorbeigehenden Studenten, in der Hoffnung, sie zu treffen. Genauer sie.

Maja ging vorne. Ein schwarzes Hemd, ein offener weißer Pullover, blaue Jenas, leuchtend rote Schuhe. Ihre Begleiterin hatte etwas an, woran ich mich nicht erinnern konnte.

Mein abruptes Schweigen und die Blässe erschreckten meine Kommilitoninnen.

„Was ist geschehen? Geht es dir schlecht?“, rollten die Fragen. Ich machte den Witz, dass ich manchmal hängen bleiben wie ein Computer , der von einem Virus angehalten wird. Und ich versuchte nicht in Richtung des Tisches zu blicken, an dem Maja und ihre zweite Hälfte saßen.

Ich beschäftigte mich oft mit der Frage, was uns am anderen Menschen so anzieht? Welcher Trigger funktioniert plötzlich und welcher Gedanken daran schmeißt die angenommene Norm um? Ist es vielleicht das unbewusste Streben einen Doppler zu finden, sich selbst bis zur Ganzheit zu füllen? Chemie? Karmischer Kontakt aus dem früheren Leben? Was? Und das wichtigste ist, es gibt nichts konkretes, nicht für sich selbst, nicht für andere, es gefällt einem einfach, das war es. Du spürst es und willst es spüren.

Zum Ende der zweiten Vorlesung, als ich die Bücher abgab, kam ich mit Margarita Mihajlovna ins Gespräch.

„Du wirst die Kriminalistik lernen, Kindchen. Ajgul Serikovna wickelt keine Geschäfte ab, nimmt nichts an. Prinzipiell. Es sollte mehr von solchen geben, vielleicht ist in euren Köpfen etwas geblieben.“ Sie schaute mich aufmerksam an über der Brille.

„Und der strafrechtliche Prozess?“

„Bin ich etwa die Auskunft? Krylova, man muss lernen!“

„Ja, ich verstehe…Margarita Mihajlovna, Sie kennen doch alle?“

„Wozu die Frage? Hm?, fragte sie erzürnt.

„Ich habe die jungen, taubstummen Frauen gesehen…wie können…wie können sie…lernen…sie sind doch…“

„Krylova, bist du etwa ein Spion oder von Natur aus so neugierig?“

„Nun, einfach so…interessant…“

„Warum wirst du so rot. Du sollst kein Spion sein. Nur die eine der beiden studiert in der juristischen Fakultät, jene, die höher ist, die Blinde. Die dunkelhaarige ist ihre Übersetzerin.“

„Margarita Mihajlovna, sind sie…“

„Oh Gott, Krylova! Hast Bücher abgegeben, Schokolade, Tesafilm. Nun bist du frei.“

In der nächsten Sekunde hörte ich.

„Tschüss, Krylova!“, was bedeutete, dass es keine Fortsetzung geben wird.

Rita und ich zitterten. Die Bedienung ließ das Tablett fallen. Wir beobachteten einige Minuten, wie der herannahende Manager sich vor den Besuchern entschuldigt, die mit Kaffelatte beschmutzt wurden. Und der daneben stehende, plumpe Kellner setzt sich die ganze Zeit in die Hocke, als ob er auf Toilette müsste.

„Sie ist oft in den Bermudas“. Ich konnte dich nicht mitschleppen dahin, doch vielleicht bist du diesmal einverstanden?“ Ritka kniff die Augen zusammen und blickte mich an.

„Du weißt doch, wie ich mich gegenüber großen Anhäufungen von Menschen verhalte. Und die Musik dröhnt?“

„Und Maja wird auch vor Ort sein! Ich habe bereits damals verstanden, dass du ein Aug auf sie geworfen hat. Ich gehe am Samstag. Und du?“

„Ritka!“

„Anjka, hab dich nicht so. Sonst wirst du ganz wild. Wenn du nicht gehst, werde ich selber zu ihr gehen. Schaue.!“

Ritka fand eine weitere Fotografie, auf der Maja, ein Glas in der Hand hielt. Sie lächelte und warf den Kopf etwas zurück, sodass man auf ihrem Ohrläppchen drei Ohrringe sehen konnte.

Dieses Bild hat sich irgendwie wiederholt. Wir trafen uns bereits drei Monate. Auf der Datscha unserer gemeinsamen Bekannten gab es ca. zwanzig Menschen. Ein Zweietagenhaus, eine große Veranda, und hinter dem Haus Himbeerhecken. Die Sonne ging langsam unter. Die Hitze verschwand. Musik, Alkohol, Snacks – eine Freude. Maja nahm meine Hand.

„Lass uns Himbeeren sammeln gehen?“

„Was ist mit den Mädels? Wir wollten doch Krokodil spielen?“, ich beobachtete, wie die Herrin der Datscha, die Anwesenden in zwei Teams teilte.

„Zum Teufel mit dem Krokodil. Die Himbeeren sind süß.“ Sie umarmte mich und küsste mich in den Nacken. „Komm, ich werde dich füttern.“

„Damit hätte man anfangen sollen.“

Maja ging vor mir. Ich eilte ihr hinterher, nachdem ich den Schnürsenkel auf dem Turnschuh zugebunden hatte. Als ich mich in die Höhe streckte, stand sie bereits bis zu Taille im grünen Laub mit einem Glas in der Hand. Damals dachte ich, dass ich es bereits irgendwo gesehen hatte. Und Maja pflückte die erste Beere und rief mich.

Ihre Lippen nahmen den Geschmack von Himbeeren an. Dann, bei jedem Kuss, spürte ich diesen. Wir haben uns viele Kratzer eingefangen, als wir uns durch die Dornen kämpften auf eine Insel, die frei ist von der Hecke, in die Nähe einer großen Eiche.

„Ich verstehe, dass die süße Himbeere nicht das wichtigste war in deinem Vorschlag?“

Maja lag neben mir und öffnete mein Hemd.

„Ich würde sagen, das aller unwichtigste, doch köstliche“, ihre Hand kroch unter meinen BH. „Du hättest es ahnen sollen, Erdbeere, Himbeere, ist doch alles dasselbe. Nun wird unsere Erdbeere unsere Himbeere sein.

„Kindchen, du bist durch Pornofilme ruiniert!“

„Und wie!“

Ihre Lippen berührten die meinen und sie zog sich sofort zurück, ohne den Kuss zu verlängern.

„Wirst du mich noch lange so weiter ärgern? Ich…“

„Weniger Worte.“

Maja zog ihr Tshirt aus und ich spürte ihre Wärme. Sie zog sich nicht mehr zurück…

Ich nahm ihre Hand weg und stand auf. Maja zog ihren Pullover dichter an ihren Körper. Im Haus schliefen noch diejenigen, die am Abend nicht weggefahren waren. Ich ging von der zweiten Etage hinunter nach draußen.

Es gab so viele Sterne.

Nie hat jemand nachgezählt, wie oft sich der Mensch im Moment des Glückes befindet. Genau in jenem Moment, wenn du dir nichts vorstellst, nichts wünscht, und doch die Fülle des Moments spürst. In mir war die ganze Welt. Ein seltsames Gefühl der Vollkommenheit und einer stillen Freude. Das Zirpen der Grillen, Zwergohreulen, die irgendwo in der Nähe saßen, die feuchte Kühle der Nacht. Mein Moment des Glückes, der für immer bleibt.

Zeichen 5

Dieser gefleckte Tag war leuchtend. Die Sonne war wahnsinnig von den aufkommenden Wolken und erst als sie sich wieder zeigte, brannte sie mit einer doppelten Kraft. Es war trocken, heiß, angenehm.

Wir gingen in der Stadt spazieren, in meiner Stadt, die mit ihr zusammen, so anders zu sein schien. Die ruhigen Gartenanlagen wurden durch die Vogellaute laut. Schmale Gassen schienen breit zu sein, davon, dass sie weit vor mir ging. Graue Fünfetagenhäuser machten einen nicht mehr betäubt von ihrer mausgrauen Farbe. Und ich konnte nicht verstehen, wie wir die Welt wahrnehmen, wenn jemandes Vorhandensein diese Weltwahrnehmung verändert.

Wir setzten uns neben die Fontäne in der Nähe des Opern – und Balletttheaters. Die zu uns fliegenden Spritzer erfrischten uns und machten uns angenehm wach. Maja versteckte das Grün ihrer Augen, kniff diese zusammen, auf die Sonne blickend. Ich, mit meiner Sonnenbrille, beobachtete sie mit Vergnügen, ohne darauf zu achten, dass sie den direkten Blick bemerkt. Ich spürte immer noch das Unbehagen neben ihr und wusste nichts mit meinen Händen anzufangen als ich auf der Bank saß. Mal legte ich sie zusammen, mal kreuzte ich sie vor der Brust, mal legte ich die Handflächen auf die Knie, wie ein anständiges Kindergartenkind. Maja näherte sich mir, wahrscheinlich weil sie Mitleid mit mir hatte, ihre Finger rutschten unter meine Handfläche und drückten sie zusammen.

„Weißt du“, sagte sie zu mir, auf die Fontäne blickend, „mein Vater brachte mich in der Kindheit oft hierher. ER mochte es, die Tauben zu füttern. Und ich kann diese nicht ausstehen.

Sie drehte sich zu mir, blickte mich an, lächelt.

„Warum?“

„Weil ich schon damals Mädchen mehr mochte.“

„Aber Tauben und Menschen, das ist doch…“

„Mache dir keine Sorgen“, unterbrach sie mich, „ich mache Witze. Ich mochte es einfach nicht, mit meinem Vater spazieren zu gehen. Ich schämte mich für ihn, verstehst du?“

„Nein, verstehe ich nicht.“

„Man schaute uns immer an. Taubstumme ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Wie die Menschen mit Behinderungen oder Blinde, also Minderheiten. Ich erinnere mich, ich war traurig, ich habe doch gehört. Und man schaute mich an, so wie einen Vater und eine Mutter.

„Schauen die Menschen irgendwie besonders?“

„Natürlich. Mit Neugierde und Mitleid. Nun gut. Erzähle von dir.“

„Ich? Was soll ich da erzählen?“

„Entschuldige, ich habe keinen Fragebogen mitgebracht.“

„Ich habe dich bereits vor dem Klub gesehen“, strömte es aus mir, um wenigstens irgendetwas zu sagen.

„Ja, und wo?“

„In der Universität. Ich studiere in der Juristischen Fakultät, und du warst mit einer Frau zusammen, die in der Journalistischen studierte.“

„Ja, das stimmt. Ich half Lena.“ Maja sprach den Namen so weich aus, dass es mich berührte. „Sie hört schlecht, manchmal hat sie nicht alles verstanden.“

„Wie wurdest du zu einem Gebärdensprachedolmetscher ?“

„Alles ist vorbestimmt. Wenn du in eine Familie von Tauben geboren wurdest und selbst hörst, dann hast du den direkten Weg dazu. Ich kenne seit meiner Kindheit die Sprache der Gesten. Nach der Schule, Universität in Nowosibirsk. Dort lebt Mamas Schwester. Und nun bin ich ein Dolmetscher für Gebärdensprache. Und wer bist du?“

„Ich bin Biologielehrerin, jedoch nicht ausgebildet. Nach zwei Praktika wurde klar, aus mir wird kein Pädagoge. Nun organisiere ich Business-Veranstaltungen, Konferenzen, Seminare.“

„Du selbst?“

„Nein, unsere Firma beschäftigt sich damit.“

„Hör mal, es ist so heiß. Lass uns Wasser kaufen“, sie stand auf. „Es ist auch so heiß, weil du in der Nähe bist.“

Es wurde tatsächlich heiß.

So war es nach dem Tanzmarathon, auf welches mich Ritka mitgeschleppt hat. Sie hat mich ca. zwanzig Minuten nicht von der Tanzfläche gelassen. Am Ende spürte ich, dass ich bald falle und vor Hitze sterbe, von dem trockenen Hals und dem Pulsieren im ganzen Körper.

In der Toilette war wie gewohnt eine Schlange. Gut, dass wenigstens eines der Waschbecken frei war. Das kalte Wasser half. Das glühende Gesicht hörte auf zu brennen, zwei Schlucke retteten den Hals.

Als ich raus ging, traf ich Maja.

„Oh, entschuldige!“

„Alles gut. Wie hat dir die „Blaue Lagune“ gefallen?

„Ja, sehr gut!“, das Zittern kehrte zurück.

Ich war böse auf mich, welche Reaktion des Organismus? Oder ist es ein Adrenalinbruch oder ist es Maja, in meinem System der Koordinaten, die ein Punkt der Instabilität darstellt?

„Wenn so, dann kannst du mir vielleicht deine Nummer geben?“

„Nun, ich gebe nicht allen meine Nummer“, wunderte ich mich über mich selbst, dass ich dies aussprach.

„Nun, ich gebe nicht allen ein Cocktail aus“, Maja näherte sich mit, einige Frauen streiften sich, als sie zur Toilette gingen. „Nun denn?“

Sie nahm ihr Telefon aus der Jeansjacke heraus.

Ihre Nähe schaltete den Widerstand aus, und in einem Halbtrancezustand nannte ich die Ziffern.

„Ich werde dich anrufen“, sagte sie und ging zur Tür der Toilette, dann drehte sie sich um, lächelte und fügte hinzu: „Bis bald, Anja!“

Ich konnte nicht schlafen. Dazu kam, dass nach ein paar Stunden dröhnender Musik im Kopf ein nicht endend wollender Lärm ertönte und wie auf einer Aufnahme sich alles wiederholte: „Bis bald, Anja!“ Ich wartete auf den Morgen, auf den neuen Tag, dass sie anruft.

„Klingelt dein Telefon?“, Maja reichte mir die kalte Flasche.

„Ja, entschuldige.“

Ich ging zur Seite. Das war Mama, die anrief. Wie immer, begann sie damit, dass ich sie lange nicht besucht habe. Sie erinnerte daran, dass Sergej morgen Geburtstag hat und sie unbedingt wollen, dass ich dabei bin. Ich versprach ihnen, dass ich da sein werde, sonst würde ich sie nicht loswerden. Meine Mutter war zufrieden mit meinem Versprechen, stellte noch ein paar Fragen und legte dann den Hörer auf.

„Entschuldige. Das war meine Mutter.“

„Du hast dich nicht begeistert mit ihr unterhalten.“

„Ja, der Stiefvater hat morgen Geburtstag.“

„Ich sehe, du bist nicht froh darüber. Schwierige Verhältnisse?“

„Wahrscheinlich.“

Maja hob erstaunt die Augenbrauen.

„Mutter und Vater haben sich scheiden lassen, als ich dreizehn war. Nach zwei Jahren kam Sergej dazu. Er ist okay, versuchte mit mir eine gemeinsame Sprache zu finden. Er liebt meine Mutter. Doch ich kann nichts machen, alles nervt mich.“

„So was kommt vor, das kenne ich von mir selbst. Und, wirst du hingehen?“

„Nein, ich denke mir eine Lüge aus.“

„Du bist also ein schlechtes Mädchen.“, Maja lächelte.

„Und wie, du kennst mich noch nicht.“

„Ist es eine Warnung?“

„Eine Tatsache.“

„Ich mag unanständige Frauen“, sie machte eine Pause. „Inspiriert mich.“

Es wurde wieder heiß-

Wir gingen noch einige Quartale und bogen in den Park ab. Auf schmalen Alleen gingen Mütter mit Kinderwagen spazieren, auf den Bänke erholten sich Rentner, sich lebhaft unterhaltend, mal hier, mal dort, auf dem Gras, saßen Pärchen. Wir setzten uns in den Schatten eines hohen Kastanienbaums. Das weiche Gras war angenehm kühl. Ich beobachtete wie in der Weite aus einem Rohr, Wasser in einem Rinnsal fließt und dachte, wenn es nicht vor zwei tagen geregnet hätte, wäre Maja jetzt nicht bei mir.

Ich bat Sergej um einen freien Tag. Die Woche zuvor blieb ich immer bis neun im Büro, bereitete mich auf die Konferenzen vor. Es regnete und ich war froh, nirgendwohin gehen zu müssen. Doch ich musste raus gehen, der Kaffee und die Milch waren alle, das ist alles für mich. Eine formlose Jacke, eine alte Jeans, Turnschuhe auf den nackten Füßen.

Der Schirm verbog sich von den schweren Regentropfen. Ich ging um die Pfützen herum, sprang über die Bäche, versuchte nicht auf die rosa Regenwürmer zu treten und begab mich in den Supermarkt. Nachdem ich die Straße überquert hatte und ca. hundert Meter gelaufen war, fand ich mich in dem hellen Geschäft wieder. Ich ging fünfzehn Minuten die Regale entlang, schnappte mir Kaffee und Milch, bezahlte und ging nach draußen, wo der Regen noch stärker wurde.

Ich hielt mich von der Straße fern, um nicht bespritzt zu werden, doch im Endeffekt überquerte ich die Straße. Ohne auf die Pfützen zu achten, die Tüten waren schwer, ging ich zum Haus, als ich von einer jungen Frau eingeholt wurde. Ohne Schirm, mit einer Kapuze auf der leichten Jacke. Ich erkannte sie sofort. Maja verlangsamte den Schritt, versuchte aus ihrer Tasche das klingelnde Telefon herauszuholen. Doch die nasse Hose erlaubte dies nicht. Sie blieb fünf Meter vor mir stehen.

Es verging ein Monat seit unserem Treffen im Klub und dem Versprechen anzurufen. Ich dachte: „Das hast du so verdient“. Doch als ich die nasse Kleidung sah, und wie sie den Kopf in die Schultern legt, um sich vor dem Regen zu schützen, ging ich zu ihr und hielt den Schirm über sie.

Sie drehte sich zu mir und antwortete in den Hörer:

„Um zwölf Uhr dreißig schaffe ich es.

Sie benötigte einige Sekunden, um mich zu erkennen und auf ihrem Gesicht erstrahlte ein Lächeln.

„Ja, ja“, fuhr sie weiter fort. „Ira macht ein Foto und dann kann man es vorbereiten.“

Maja flüsterte: „Danke“, den Blick auf den Schirm richtend.

Ich stand da wie ein braver Page, blickte auf ihre Schulter, mit Angst in ihre Augen zu schauen. Und ich war böse, gleichzeitig fröhlich und ich spürte ein leichtes Zittern im ganzen Körper.

Nachdem Maja das Gespräch beendet hatte, blickte sie neugierig auf mich.

„Anja, was machst du hier?“

„Du erinnerst dich an deinen Namen, welch Wunder.“

„Ja, ich habe ein gutes Gedächtnis“, sie vertrieb ein paar Tropfen auf ihrer Wange.

„Ich würde sagen, ein besonderes Gedächtnis“, murmelte ich.

„Ja, entschuldige, dass ich nicht angerufen habe. Ich speicherte dich als Anja, und in meinem Telefon sind drei Anjas. Ich wusste nicht, wer von den dreien du bist. Es regnet heute, einfach schrecklich. Noch mal danken, dass du mich geschützt hast vor dem Regen.“

Ich wollte ihr glauben. Und es war doch enttäuschend. Alles ist so einfach. Ich dachte den ganzen Monat daran, drehte unser Treffen in Gedanken um, beschuldigte zuerst mich, weil ich etwas nicht richtig machte, dann sie, weil sie nicht anrief. Manchmal schlägt der Gedankenmechanismus alle Rekorde und die Kontrolle über die gespielten Fantasien strebt gegen Null. Die Bilder, eines schrecklicher als das andere machen Platz für einen noch nicht wirklichen Schrecken, und an diesen glaubt man am einfachsten. Doch in Wirklichkeit kann alles viel durchsichtiger sein – der Zufall, die Vergessenheit, die Nichtbereitschaft. Einfach.

Ich wurde wacher und entgegen meinem Prinzip, schlecht bekannte Menschen zu mir einzuladen, sagte ich:

„Ich wohne hier in der Nähe. Du musst trocken werden und ich habe einen weiteren Schirm. Lass uns gehen.“ Wahrscheinlich klang das so kategorisch, dass Maja einverstanden war. Erstaunt und leide sagte sie:

„Nun gut, lass uns gehen.“

Maja näherte sich mir und ich spürte ihren Atem im Nacken.

„Ich dachte jetzt, was gewesen wäre, wenn wir uns vorgestern nicht getroffen hätten?“

„Ich habe auch darüber nachgedacht.“

„Du riechst gut.“

Ich fühlte, wie ihre Hand die Haare von meinem Hals streift und dann einen leichten Kuss.

„Das ist…das ist Shampoo, aus Japan.“

Ich rückte etwas zur Seite.

„Hast du Angst vor mir?“

Ich schaute nicht auf Maja, doch wusste, dass sie lächelt.

„Nein. Doch hier sind Menschen und wir sind nicht in Europa. Und dir gefällt es auch…ja? Es gefällt dir, mich zu verunsichern?“

„Du bist so lieblich verlegen, dass es mir gefällt.“

Das war jenes Ereignis, wenn die Offenheit des Geschehenen mich nicht zum Zittern tieb, sondern mich in eine ganz andere Richtung lenkte, die Sicherheit einbüßend-

Ich stand auf.

„Dann finden wir vielleicht einen Ort, wo ich nicht verlegen sein muss…Möglicherweise wird dir das viel mehr gefallen“, nach diesen Worten, so schien mir, atmete ich so laut aus, dass der in der Nähe springende Spatz flatterte und weg flog.

Für Maja war das unerwartet, wie für mich ebenfalls. Sie stand auch auf, näherte sich mir ganz dich und flüsterte:

„Mir gefällt alles, was mit dir in Verbindung steht.“

Ganze zwanzig Minuten versuchte ich die Haustür zu öffnen und konnte den Schlüssel nicht drehen. Maja stand daneben und machte Späße, sodass ich mich nicht konzentrieren konnte. Endlich ging die Tür auf.

Ich verstand nicht, wie es geschah. Maja ging als erste rein, dann ich und in der nächsten Sekunde drückte ich fest ihre Hände und ihre Lippen küssten die meinen. Ich spüre die Wand, an der ich lehne. Ihre Hände senken sich tiefer, auf meine Oberschenkel, sie beißt mir in den Hals. Ich habe Angst, keine Luft mehr zu bekommen, es raubt mir den Atem. Ich ziehe ihr Hemd nach oben und spüre die Hitze des Körpers. Meine Jeans ist offen, ihre Finger unten, ich fange ihren Rhythmus auf. Der Kopf dreht sich. Maja flüstert, ob sie mir weh tut, und ich will nur das eine, dass sie nicht aufhört….

Ich höre, wie hinter der Wand die Nachbartür aufgeht…ihre Finger bewegen sich seltener, schneller…Serik hustet wie immer, macht die Tür zu…ich sauge mich in ihre Lippen, ziehe sie an mich…ein Schlüssel klingelt…Maja bleibt für einen Augenblick stehen, blickt auf mich…ich höre die sich von mir entfernenden Schritte des Nachbarn…ihre Finger werden wieder lebendig…Serik flucht auf die streunende Katze…ich stöhne…Weitere Stunden lassen wir nicht voneinander los. Langsame Zärtlichkeiten werden von einer offenen Leidenschaft abgelöst, eiliges Flüstern, von genüsslichen Schreien, ein wahnsinniges Tempo der Bewegungen. Wir teilen miteinander, ohne geteilt zu werden…

Es entsteht ein seltsames Gefühl der Leere, wenn man das bekommt, wonach man sich lange gesehnt hat. Dieses innere Vakuum, die Bewusstwerdung, wo Ich wie ein Teilchen der gesellschaftlichen Existenz, ausgelöscht wird, und du spürst etwas großes, einheitliches. Jenes Level, wo emotionslose Ruhe einkehrt, zu der alle streben. Ich spürte weder Fröhlichkeit noch Eile davon, dass sie endlich in der Nähe ist. Es wurde mir einfach warm ums Herz, von dem Gedanken, dass ich morgen nicht alleine aufwachen werde.

Zeichen 6

Ich berühre mich mit meinen Händen. Die Arme werden länger und verwandeln sich in zärtliche, grüne Stiele, die mich ganz einlullen, und ich sehe nichts mehr. Ruhe und Zärtlichkeiten. Frei bin ich alleine, und so soll es sein. Es gibt keine Gedanken, nur ein leichtes Schaukeln. Warm, gemütlich, angenehm. So…

Warum können Träume, solche Träume nicht ewig währen? Ich möchte den anderen Raum nicht verlassen in die reale Realität. Mehr real, als ich es wollte. Ich kann fliegen und nicht fallen, den Vater sehen und mit ihm sprechen, kann barfuß auf der Erde laufen und keinen Sxhmerz fühlen. Ich kann so vieles dort, und hier. So vieles, was ich hier nicht möchte.

Ich drehte in Gedanken unser Gespräch um. Jenes Hysterie der Gefühle, jenes Gefühl der Verlorenheit, des Endes. Ich spüre, spüre alles. Ich hasse dieses Wort. Ich hasse Gefühle. Ständiger Schmerz in der Brust. Heult. Macht es aus, bitte!

Schon wieder ein Morgen. Schon wieder…wozu?

Eine Tasse Kaffee verbrennt die Finger. Ich trinke nicht.

Der Kardiologe sagte, dass das Herz in Ordnung sei. Psychosomatischer Schmerz. Und ich weiß es, weiß es…

Dass Wissen umbringt.

Seltsam, dafür weiß ich jetzt sicher, dass ich mein Leben nie mit einem Selbstmord beende. Zu schmerzhaft und schrecklich. Welche Dummheit, dass physischer Schmerz, den inneren Schmerz vertreiben kann.

Schon wieder ist der Verband nass. Man muss ihn umbinden.

Bald zur Arbeit…

Ich stehe am Fenster. Der Bus kriecht langsam durch den braunen Brei. Es schneite die ganze Nacht. Kalt. Die Hand in der Tasche. Ich verbiete es mir, zu denken. Ich mache eine Gedankenkastration all dessen, was mit ihr verbunden ist. Sonst weiß ich nicht, wie ich mich distanzieren kann und alles vergessen. Vergessen…nicht in ihrer Matrix sein…

Schon wieder die Stille. Sie verbietet den Geräuschen in mich zu drängen. Das beruhigt sogar.

Ich sehe, wie seltenes Vorbeigehenden auf den Bürgersteigen entlang gehen, sich in Fellmäntel einmummeln, in Jacken, Pelze und ihre Mützen noch fester richten. Das Wetter unterwirft sie sich und ich wollte mich ihm unterwerfen. Es schien, als sei es eine Gesetzmäßigkeit, angetrieben zu sein, denn darin liegt die Selbstsicherheit , die Direktheit, der Mut. In mir sind nur die Unentschlossenheit und der Wunsch, es nicht fallen zu lassen.

Das erste Mal stritten wir uns vor zwei Monaten. Wir waren im Kino. Der Film war Hollywood-Mist und wir, enttäuscht, beschlossen spazieren zu gehen, und dann irgendwo einkehren. Draußen war es nass und frostig. Schon nach fünfzehn Minuten saßen wir auf weichen Sesseln in einem warmen, gemütlichen Cafe und warteten auf unsere Bestellung.

„Worüber sprechen sie?“, fragte ich Maja und zeigte auf zwei Frauen hinter dem Fenster, die sich in Gebärdensprache unterhielten.

Maja blickte in ihre Richtung.

„Warum willst du wissen, worüber sie sprechen?“

Ihre Tonlage und Worte machten mich etwas traurig.

„Einfach interessant.“

„Was ist so interessant?“

„Maja, was ist mit dir? Was habe ich Schlimmes gesagt?“

Du gehst doch nicht zu gewöhnlichen Menschen und hörst zu, worüber sie sprechen? Oder machst du es immer so?“, sie war plötzlich irgendwie fremd, distanziert.

„Maja, ich habe sie einfach gesehen. Und frage dich, das war es. Ohne irgendwelche Hintergedanken oder den Wunsch, dich zu berühren.

„Mich? Was habe ich damit zu tun? Nur stehen Taubstumme immer wie auf einer Vitrine. Alle anderen starren sie an, wie auf gestikulierende Mannequins. Doch sie sind so wie alle, nicht krank, nicht unanständig.

Ich verstand nicht, was passiert. Maja wurde blass, ihre Hände zitterten.

„Maja, verzeih mir, ich habe nicht gemeint, dass…“

Sie unterbrach mich.

„Was hast du gemeint? Worüber, denkt ihr, sprechen Taub? Bei dieser ist die Tochter krank, sie nennt irgendwelche teuren Arzneimittel. Was hast du gedacht worüber sie sprechen? Über die Geheimnisse des Universums?“

„Oh Gott, was für ein Mist. Maja, hör auf!“

Die Besucher des Cafés begannen uns anzublicken.

Wir wurden still. Die Bedienung brachte Kaffee und Kekse.

Dann entschuldigte sie sich, sprach, dass die Arbeit ihr den Verstand raubt und wahrscheinlich die Hormone verrückt spielen. Sie umarmte mich, bat mich um Verzeihung, flüsterte, dass ich ihr sehr viel bedeute und sie selbst nicht versteht, warum sie so ansprang. Und später, die Nacht hat uns ganz versöhnt.

Jetzt ist auch fast Nacht. Ich hasse den Winter. Es entsteht der Eindruck, dass es keinen hellen Tag gibt. Du sitzt im Büro unter Leuchte, durch die Jalousien siehst du kein Licht, du lebst in der Morgen und Abenddämmerung.

Und im Büro brennt Licht.

„Bist du etwa zu spät? Hallo!“, Vera klopfte auf die Tastatur. „Semen ist heute böse wie ein Hund. Hat nach dir gefragt.

„Hallo! Wie viel Uhr haben wir?“, ich ging zum Tisch und legte den Pelzmantel auf den Sessel.

„Schon halb neun? Was ist mit der Hand?“

„Ich habe mich am Messer geschnitten.“

„Oh, wie das!“, Vera hörte auf zu tippen und blickte auf meine Hand. „Warum hast du sie so schlecht verbunden. Wo ist unser Arzneikasten?“

„Vera, es ist alles gut.“

„Nichts ist gut.“, sie ging zu der Schublade und nahm den Arzneikasten hervor.

„Zeig her, was hast du da? Mist, schau, das Blut sickert durch.“ Vera begann vorsichtig den Verband zu öffnen.

„Wie warst du es so unvorsichtig…“, sie machte den Verband ganz auf und verzog das Gesicht, als sie dir Wunde sah.

„Teure, hier muss man nähen.“

„Nein, das verheilt.“

„Anja, was redest du für einen Bockmist! Die Wunde ist tief.“

„Vera, mach sie zu und ich beginne zu arbeiten.“

„Wie soll man arbeiten hiermit…“ sagte Vera beleidigt.

Ich schnappte sie an der Schulter mit der gesunden, rechten Hand-

„Vera ich bitte dich, verbinde sie einfach!“

Sie war einverstanden.

„Dann werde ich die Wunde wenigstens bearbeiten.“

„Gut“, war ich einverstanden.

Semen ging mit rotem Gesicht aus dem Büro, sichtlich genervt. Ich telefonierte mit einem Kunden.

„Anja, später zu mir ins Büro!“, sagte er laut und ging wieder zu sich ins Büro.

Vera blickte mich mitleidig an und hob die Faust in die Luft, als Zeichen der Unterstützung, als ich die Bürotür Semens öffnete.

„Krylova, warum rufen mich Kunden an und beschweren sich über die Arbeit der Dolmetscher?“

„Ich weiß es nicht“, er bot nicht an, mich zu setzen, deswegen setzte ich mich selbst auf den Stuhl, der neben seinem Tisch stand. „Ich platzierte jene Dolmetscher in das Projekt, die du mir empfohlen hast.“ Er kehrte es unter den Teppich.

„Du hättest ihre Arbeit überprüfen sollen in der Zeit der Konferenz.“

„Ich spreche kein italienisch, wie hätte ich sie überprüfen sollen. Sie beide saßen in ihren Büros, gingen nicht raus, nach fünfzehn Minuten wurden sie ausgetauscht. Wie gewohnt.

„Warum sagt dann der Kunde, dass die Übersetzung nach der Kaffeepause schrecklich gewesen war?“ Das Ende der Phrase schrie er fast.

„Woher hätte ich es wissen sollen, wenn du mich in Veras Symposium hast wechseln lassen. Hast du selbst angerufen oder weißt du es einfach nicht? Er sagte, dass bis zum Ende zwei Stunden übrig blieben, und sie selbst klar kommen. Ich erhob ebenfalls meine Stimme. „Es ist nicht notwendig alles auf mich zu schieben!“

Er wurde noch roter im Gesicht. Klopfte mit den Fingern auf den Tisch und stöhnte, wie ein kochender Teekessel.

„Sie alle müssen die Verantwortung für ihr Projekt tragen.“

„Das tun wir. Nur muss auch der Leiter, dem wir uns unterwerfen, ebenso Verantwortung tragen. Ist es nicht so Semen Aleksandrovich?“

„Was erlaubst du dir…wie redest du überhaupt mit mir?“

„So wie du es verdient hast“, ich war in rage. „Dazu weißt du nichts, und möchtest nichts wissen, wenn man deine Hilfe braucht. Dann kannst du nicht leiten, Menschen und Ressourcen organisieren, überhäufst uns mit allem.“

Semen sprang auf. Überrannt von meinem Mut, wusste er nicht, was er sagen sollte. Er drehte den Kopf von der einen Seite auf die andere und suchte nach Wortem.

„Ja, du….Ich werde dich…“

„Was wirst du mich?“

„Du dumme Lesbe. Glaubst du, ich weiß es nicht?“

Ich stand auf.

„Weißt du warum sich deine Frau nach dem Sex immer umdreht? Weil sogar sie versteht, was für ein Depp du bist. Wahrscheinlich bist du ihr genauso zuwider wie mir.“

Ich machte die Tür so laut zu, dass sogar Vera im Sessel aufsprang.

Die Tränen liefen erst in der Toilette. Da konnte ich mich nicht mehr halten und drückte mich in die Handflächen. Nach einer Minute kam Vera zu mir und umarmte mich.

„Was geschieht mit dir, Anja? Was ist los?“

Ich konnte nichts sagen, schluchzte nur.

Zuhause rollte ich mich ein und lag lange auf dem Sofa. Die Ankündigung darüber, dass ich gehe, ließ ich bei Vera. Morgen muss man ihr noch all die Aufgaben übergeben. Hauptsache ich sehe diesen Mistkerl, Semen, nicht. Ich ahnte, dass die Kollegen es ahnen und wusste es. Semen, der Homophob, ich hätte nicht gedacht, dass er dazu im Stande ist.

Genauso dachte ich nicht, dass Rita Maja bat, sich zu setzen und mich kennen zu lernen im „Bermudas“. Das kam bei einer unserer Streitigkeiten heraus.

Maja schlug die Tür zu und ging, und ich wählte Ritkas Nummer. Sie gab zu und rechtfertigte sich damit, dass ich als erste niemals zu Maja gegangen wäre, ich würde so dasitzen, ausatmen und sie anblicken. Ich parierte, dass man sich nicht in das Leben anderer einmischen sollte, sonst würde sich alles anders ergeben. Ritka zog sich nicht zurück, sagte, dass sie helfen wollte. Denn ich bin wie ein Stachelschwein, das seine Stacheln ausfährt, glaube, dass alle mir nur böses wollen. Wir haben uns noch lange all das vorgeworfen, was wir denken, bis ich sie zum Teufel geschickt habe und das Telefon ausgeschaltet.

Wir versöhnten uns erst nach einem Monat.

Ich wurde zu vielen Punkten. So als ob man mich unterbrochen hätte. Und es keine Fortsetzung gab. Ohne Maja füllte ich mich mit Stille. Irgendwann im Gespräch erzählte sie, dass sie bis sie drei Jahre alt wurde, nicht gesprochen hat. Die Stille zuhause, die Stille der Eltern waren natürlich. Draußen wollte mit einem tauben Mädchen niemand spielen. Erst als die hörende Tante zu ihnen zu Besuch kam, bestand diese darauf, dass man Maja in einen Kindergarten schicken sollte. Maja begann bald zu sprechen, doch wollte trotzdem so schnell wie möglich nachhause, um in der Stille zu verweilen. So habe auch ich mit den geschlossenen Fenstern und dicht zugezogenen Vorhängen die Einmischung unterbrochen. Die Welt machte sich schmal bis zu der Größe des bettes. Diese warme Höhle distanzierte alles von mir, was an Bedeutung verlor. Die Atrophie der Wünsche wurde an den Körper zurückgegeben. Ich bin ein Knäuel…

Ich ging eine Woche nicht aus der Wohnung. Doch die Mutter rief mich jeden Tag an und bestand darauf, dass ich Silvester mit ihnen gemeinsam feiere.

In den letzten fünf Jahren, die ich selbstständig hier lebte, habe ich nie bei ihnen Silvester gefeiert.

Alles war häuslich. „Oliv’je“, „Hering im Pelzmantel“, „Buzhenina“ aus Schweinehals, die Sergej zubereitet hatte, Brote mit Kaviar und Mutters bekanntes „Lecho aus Paprika und Tomaten“. Ich half, den Tisch zu decken, man holte ein Service mit blauen Tellern und Omas Weingläser heraus. Die Mutter sprach die ganze Zeit am Tisch, erzählte über ihre Verwandte, darüber, wie ich in den Kindheit war, über die Nachbarin Valentina, die ständig den Mann wechselt, über die neue russische Serie, in der alles so echt und realistisch ist. Sergej baute ab und zu ein paar Worte ein, lachte, blinzelte mir zu. Ich sah, wie sie sich bemühen, mich zu unterstützen.

Um zwölf Uhr stießen wir an, ich habe es nicht einmal geschafft, mir etwas zu wünschen. Normalerweise hatte ich eine Liste mit Wünschen, ich versuchte sie schnell in Gedanken zu durchleuchten. Doch dieses Jahr nichts.

Nach ein paar Minuten explodierte das Feuerwerk. Ich ging ins Zimmer, dort konnte man es besser sehen. Ich stand am Fenster und blickte auf die sich windenden Böller, mit bunten Lichtern, und die Tränen kullerten auf den Wangen. Ich hielt sie nicht zurück.

„Schön, nicht?“ meine Mutter näherte sich mir.

„Ja.“

Sie umarmte mich und drückte sich an mich.

„Alles wird gut, Tochter. Das ist alles nur für kurze Zeit. Die schlimmste Zeit ist vorbei, im Neuen Jahr wird alles gut.“ Sie küsste mich auf die Wange.

„Ich liebe dich, Mam!“

„Ich dich auch, meine Gute. Ich liebe dich sehr!“

So standen wir lange da. Und im Himmel tauchten neue Raketen auf, explodierten in der Höhe mit leuchtenden Funken. Die Menschen schrien, klatschten, beglückwünschten einander.

Es begann ein Silvester ohne Wünsche.

Zeichen 7

Das Sansararad machte eine Umdrehung. Der Kreislauf war vollendet. Das Universum oder das Schicksal gibt mir die Möglichkeit, meine Gefühle Emotionen und Beziehungen zu umringen. Das wichtigste ist es, anzunehmen und loszulassen.

Ich hoffe, ich kann es.

Maja schaute auf mich, und ich auf sie. Wir schwiegen. Denis ging weg um zu telefonieren. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich ein Unbehagen im Schweigen. Ich vermisste die Augen, das Lächeln, das Zucken der Schultern wenn sie sich unbequem fühlte. Die Falten in den Ecken der Augen wurden noch sichtbarer. Das innere Zittern verging und wie ein Beobachter von der Seite, fühlte ich nichts, sondern schaute nur, verglich es mit der Vergangenheit, ohne zu bereuen.

Maja hielt es als erste nicht aus.

„Du hast einen ulkigen Freund.“

„Ja, so ist er.“

Eine Horde Studenten betrat den Ausstellungsraum. Ihre Führerin, eine hohe Frau im Hosenanzug mit einem bordeauxfarbenen Lippenstift, bat sie sich ruhiger zu verhalten. Die Studenten verstummten, doch nach ein paar Sekunden begann ein bedeutendes Geräusch ihrer Stimmen.

Die Führerin bat sie wieder, leise zu sein und es wiederholte sich alles. Maja und ich beobachteten sie. Doch bald näherte sich der Gruppe die Ausstellungsführerin und führte sie in das weite Ende des Raumes.

„Und ich bin froh, dich zu treffen, wirklich“, Maja wurde ernst.

„Ich bin auch froh, dich zu sehen.“

„Anja, du“, sie nahm mich an der Hand. „Verzeih mir…es ist alles so dumm gelaufen…ich wollte dich anrufen…“

Ich spürte die Wärme ihrer Hand. Im Inneren drückte sich alles zusammen.

„Ich dachte, unsere Wege werden sich irgendwann kreuzen und wir werden sprechen“, fuhr Maja fort. „Doch ich sah Rita manchmal, sie hielt sich sogar zurück. Verstehst du, mir fällt es wahrscheinlich einfacher mit Tauben…Anja, ich wollte es dir erklären…sogar…“

Denis kehrte zurück. Maja ließ meine Hand los.

„Habt ihr mich vermisst? Meine Damen, ich habe dort ein faszinierendes Bild von Korovin gesehen. Vielleicht schauen wir uns das mal an?“

„Ja, klar.“, antwortete ich schnell.

Und dann schritt ich zu Denis, der in die Richtung zeigte, wo sich das Bild befand. Maja war langsamer.

„Maja, ich bitte dich!“, Denis bemerkte ihre Verlegenheit, nahm den Ellenbogen weg und bat ihr an, ihn unter den Arm zu halten. „Das sind nur ein paar Meter. Ich werde euch begleiten.“

In diesem Moment näherte sich uns ein eine junge Frau und berührte Maja, die ihr den Rücken zugewandt hatte, auf die Schulter.

Maja drehte sich um und umarmte die Frau.

„Das ist Lisa!“m Maja sprach und gestikulierte gleichzeitig.

Lisa begrüßte uns mit der Hand.

Dann stellte Maja uns ihr vor. Wir begrüßten uns. Lisa zeigte irgendetwas mit Gesten.

„Lisa sagt, dass sie froh ist, euch kennen zu lernen“, übersetzte Maja.

„Für uns ist es ebenfalls angenehm!“ antwortete Denis für zwei.

Ich nickte. Eine Pause entstand.

„Nun denn, bewegen wir uns zu Korovin“, Denis machte mit dem Kopf ein Zeichen.

„Nein…wahrscheinlich“, Maja blickte auf die Freundin. „Lisa ist jetzt erst gekommen, wir beginnen von vorne.“

„Nun denn, gut“ Nochmal, es war schön euch kennen zu lernen! Maja, Lisa!“ Denis vereigte sich.

Ich nahm mehr Luft auf.

„Ich war froh, dich wiederzusehen, Maja. Lisa, alles gute. Tschüss!“

Maja übersetzte alles in die Sprache der Gesten.

Lisa winkte uns wieder zu.

„Ja, hat mich auch gefreut. Tschüss!“, rief Maja. Sie wollte noch etwas sagen, doch überlegte sie es sich anders und lächelte nur.

Denis und ich betrachteten auf das Bildnis Korovins „Nasturcii“.

„Klasse, stimmt es? Wie viel Luft, Farbe!“ sagte Denis begeistert. „Und wie viel Sonne! Alles ist wie erleuchtet durch die Sonne…“

Er wurde nicht still – der Einfluss der Mutter, die Kunsthistorikerin war, zeigte sich. Und ich dachte an etwas ganz anderes.

An jenem Tag gab es auch viel Sonne. Diese blendete sie Augen als es auf dem Schnee reflektierte. Es war frostig und frisch. Maja und ich waren fast den ganzen Tag spazieren und gingen nachhause um uns umzuziehen. Wir wollten den Samstag Abend im Theater ausklingen lassen. Ich habe einige Male vorgeschlagen, zusammen zu ziehen. Maja brachte einen Teil ihrer Sachen zu mir, doch endgültig zog sie nicht bei mir ein.

Wir aßen ein paar Brote und tranken Kaffee. Nach der Dusche lief ich durch das Zimmer in Unterwäsche und konnte nicht entscheiden, was ich anziehen sollte. Maja sprach am Telefon. Auf meine Fragen: „Wird sie duschen? Was zieht sie an? Wann sollen wir das Taxi rufen?“ schwieg sie.

Ihre Apathie begann mich zu reizen. Ich bemerkte, dass wenn wir uns alleine irgendwo aufhielten, sie sich verschloss. In der Gesellschaft von Menschen war sie lebensfroh, redselig, aktiv, manchmal sogar aggressiv. Doch wenn niemand in der Nähe war, veränderte sich ihr Gemüt. Sie sprach kaum, dachte über etwas nach, antwortete, als ob es sie Kraft kosten würde.

„Maja, bist du bereits? Wir müssen bald los.“ Ich stand angezogen neben dem Schrank, vor dem Spiegel und tuschte mir die Wimpern.

„Vielleicht gehen wir doch nicht?“

„Wie, wir gehen nicht? Wie hatten Mühe, Tickets zu bekommen für das Theaterstück.“

„Ich will nicht.“

Ich hörte auf mich zu schminken und drehte mich zu ihr.

„Na super! Wozu stehe ich hier und schminke mich? Was geschieht hier überhaupt? Du bist den ganzen Tag nicht in der Stimmung. Du sagtest, dass unsere Wochenenden langsam verlaufen.“

„Sei still.“

„Was?“, ich ließ vor Empörung die Wimperntusche fallen.

Maja machte irgendeine Geste mit ihren Armen.

„Was bedeutet das?“

„Dass du mich nervst!“

„Maja, was zum Teufel…?“

„Gar nichts. Du schleppst mich…ich kann nicht…ich will nicht…“

„Was willst du nicht?“

Sie blickte mich an, in ihren Augen standen die Tränen. Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Ich verstand nichts.

„Bleib stehen. Es reicht. Sprich mit mir!“

Ich ging ihr hinterher. Sie stand in der Küche am Fenster.

„Du…mir geht es nicht gut…“, Maja atmete auf, schwieg eine Sekunde und als sie ausatmete, sagte sie: „Mit dir…“

„Wie mit mir? Was bedeutet das?“

Ich spürte den Schweiß auf meiner Stirn. In dem Bereich der Brust drückte es und das Gefühl einer herannahenden Panik eroberte den Hals.

Maja blickte mich an, auf den Wangen rannen die Tränen.

„Wir…wie müssen uns trennen…“

Ich zitterte.

„Maja, was geschieht hier? Was ist das für ein Theater? Was zum Teufel?“, ich schrie.

„Schrei nicht!“, Maja wischte sich die Tränen mit der Handfläche ab. „Du redest immer…Du bist mir zu viel.“

„Ich spreche?“ flüsterte ich, ohne zu verstehen.

„So viele Worte…“, Maja schluchzte. „Ich kann so nicht…es gibt keine Stille…Entschuldige…ich dachte, wir können….Dachte ich kann…“

Ohne zu wissen, was ich sagen sollte, ging ich zu Maja und umarmte sie. Sie drückte sich an mich und weinte.

„Was ist los, meine Liebe? Maja, Sonnenschein, alles ist gut. Wir sprechen und lösen alles.“

Sie distanzierte sich, schaute mir in die Augen. Ihr Kuss, zuerst so zärtlich, dann leidenschaftlich, riss so unerwartet ab, dass ich schaukelte, und fast hingefallen wäre.

„Ich kann nicht“, flüsterte Maja in mein Ohr und lief aus der Küche heraus.

Ich hörte, wie sie sich im Flur fertig machte, wie der Schlüssel erklang, doch mein Zittern gab mir nicht die Möglichkeit mich von meinem Platz zu bewegen.

Erst als die Wohnungstür aufging, konnte ich mich umdrehen und rufen.

„Nein Maja, geh nicht!“

Die Tür fiel ins Schloss.

Dann folgten nicht angenommene Anrufe, Nachrichten ohne Antwort. Unsere gemeinsamen Freunde sagten uns, sie sei weggefahren. Und nach einer Woche, als ich nachhause kam am Abend, bemerkte ich, dass Maja all ihre Sachen mitgenommen hatte.

Irgendwann sagte Sergej zu mir, den ich nie philosophieren hörte: „Der Schmerz lehrt uns zu lieben.“ Ich konnte diese Phrase lange nicht verstehen und sie zu bejahen. Der Schmerz lehrt nur den Schmerz. Du lebst mit ihm, durchlebst ihn, freundest dich an, versuchst ihn zu betäuben. Was hat Liebe hier verloren? Doch langsam, wenn der Schmerz nachlässt, beginnst du zu verstehen, dass egal wie unerträglich es ist, du weiter lieben wirst. Du fährst damit fort, im Gedächtnis das Bild zu bewahren, sprichst mit ihm, vermisst ihn. Können wir den gehen lassen, den wir geliebt haben?

Vielleicht ist es gerade der Schmerz, der in uns das Verständnis von Liebe stärkt? Und wir fahren fort damit zu leben, mit diesem durchlebten Gefühl. Und dann wissend, lassen wir uns auf neue Beziehungen ein, hoffend, dass es diesmal anders sein wird.

Am nächsten Tag, nach der Ausstellung, fuhr ich zu meiner Mutter. Sie und Sergej kehrten gerade aus Italien zurück und mich erwartete ein Fest. Eine Jacke, zwei Jeanshosen, hohe Schuhe, vier Tshirts und zwei Pullover, die auf dem Bett lagen. Ich probierte mit Vergnügen die neuen Sachen an und war der zufriedenen Mutter dankbar. Sergej machte die Flasche „Taurazi“ auf. Ich mag keine trockenen Weine, doch trank davon, feierte ihre Rückkehr und den guten Urlaub.

Nach dem gemeinsam verbrachten Silvester näherten Sergej und ich uns einander an. Er vermittelte mir einen Job in einer Firma seines Freundes, half mir mit der Renovierung der Küche und ich erfuhr, welch interessanter und tiefgründiger Mensch er ist.

Beim Gespräch über Verona und das Schauen der Fotografien, rief Denis an. Entschuldigte sich, bat sich uns zu treffen.

Nach zwei, Stunden brachte ich die Geschenke nachhause und fuhr mit dem selben Taxi zur Anlage neben dem Opern-und Balletttheaters.

„Hallo Teure!“ Denis küsste mich auf die Wange. „Mir wurde also verziehen, da du da bist?“

„Hallo“ Möglich. Warum hier?“

„Warum nicht? Ein super Ort und die Fontänen funktionieren noch.“

„Ja, die Fontänen“, ich erinnere mich an die lächelnde Maja und ihre Hand in meiner Hand.

„Anja, entschuldige mich, ich habe meine Nase herein gesteckt, wo man sie nicht herein stecken sollte. Höfliche, jüdische Jungs verhalten sich nicht so, doch du hast leider Pech mit mir, ich bin schlecht erzogen. Verzeih, wirklich!“

„Ach was, Dinja, alles gut.“

Denis wusste nicht, dass er mich aus meiner Depression heraus zog, als er auftauchte nach der Trennung mit Maja. Und ich bin ihm dankbar dafür.

„Nun wenn alles so wundervoll sich ergeben hat, möchte ich dir Lasagne anbieten.“

„Kann ich nicht ausstehen.“

„Nun gut, dann knabberst du Pizza. Und dann nehme ich uns noch einen Cappuccino.“

„Oh, welche Großzügigkeit?“

Er atmete auf, neigte verträumt den Kopf zurück und sprach:

„Sie Madame, gefallen mir so sehr.“

Wir lachten.

Im Cafe, während unsere Bestellung vorbereitet wurde, blickte ich auf eine Elster, die draußen umher sprang, erinnerte mich an jenen Sommermorgen, als wir nicht aus dem Bett aufstehen wollten. Wir teilten uns eine Decke. Ich rollte mich in diesen ein wie eine Puppe, machte Maja nackt, sie versuchte mich herauszuholen und ihre eigene Hälfte zu sich zu holen. Es folgten Kniffe, Bisse in den Hals. Ich wehrte mich wie ich konnte, doch als die Bisse zu Küssen wurden, machte ich die Decke auf und ließ sie zu mir…

Es war etwas nach elf. Ich blickte auf Maja. Sie lag auf dem Bauch mit geschlossenen Augen, lächelte jedes Mal wenn meine Finger ihren Rücken berührten.

„Warum bist du mit mir zusammen?“

Maja öffnete die Augen.

„Du machst leckere Butterbrote.“

„Hör auf, ich meine es ernst. Warum?“

„Wegen der Augen.“

„Der Augen?“ ich verstand nicht.

„Du schielst. Das finde ich gut!“ sie lachte.

„Was? Hör auf dich lustig zu machen.“

„Wirklich wegen der Augen“, sie drehte sich auf den Rücken, setzte sich, indem sie ihre Beine an die Brust drückte.“

„Eher weil ich es mag, wie du mich anschaust.“

„Wie schaue ich`?“, ich setzte mich auch.

„Wie kein anderes mich angeschaut hat. Ich kann es nicht erklären….Mit Lust…Ich kann es nicht erklären. Doch ich spüre es. Ich spüre es immer, wenn du mich anblickst.

„Ich vergöttere dich wirklich…“, bei dem letzten Wort zitterte die Stimme.

„Komm zu mir.“

Zum ersten Mal war ihr Kuss fordernd und nicht einfach, ich fühlte Zärtlichkeit und Sorge…

Maja schlief.

Ich schnit Gurken in der Küche, um diese den Tomaten beizufügen, dem süßen Paprika und dem Frischkäse. Eine große, saftige Olive rollte im Mund, bis ich diese zerbiss und den Olivengeschmack genoss. Zwei Elstern auf der Birke trällerten, von einem Ast zum anderen fliegend. Ich hielt es nicht aus, schaute aus dem Fenster und rief laut. Die erschrockenen Vögel flogen mit unzufriedenen Schreien in verschiedene Richtungen. Der Salat war fertig. Ich tat Olivenöl dazu und ging schauen, ob Maja schon wach war. Sie streckte sich in der Diagonale auf dem Sofa, kaum zugedeckt mit der Decke und schlief noch.

Und ich wusste vom ersten Blick an, damals in der Bibliothek, dass ich mit ihr zusammen sein wollte.

Dieser Wunsch, unbewusst, fast instinktiv, kam sofort auf. Als ich die schlafende Maja anblickte, verstand ich, dass man Gefühle nicht erfragen kann, berechnen, erahnen. Und ich werde nie die Frage beantworten: „Warum?“

Doch die Stadt lebte. Die abendliche Stadt, voller Lichter und Geräusche zog mich in ihren Bann.

Wir genossen den Spaziergang nach dem Abendessen. Denis erörterte die zeitliche Ungerechtigkeit. Die fröhlichen Momente im Leben vergehen blitzschnell, und alles schlechte zieht sich ewig lang. Das ist der Vertrag des Universums für das Leiden, bekräftigte er.

Und ich dachte, für die acht Monate, die Maja und ich zusammen waren, ist so viel passiert, so viel unterschiedliches. Und das Glück zog sich wochenlang und die Flammen der Streitigkeiten daurten

nicht lang. Und das Gedächtnis begann die kränklichen Momente auszuradieren. Die Zeit ist neutral. Wir versuchen jede Sekunde in diesem zu leben. Und wollen einfach die Liebe verlängern, vielleicht aber auch um die innere Stille zu fühlen.

Rezension zu Gusel Jachinas Roman: „Wolgakinder“

Gusel Jachina: Wolgakinder, 2019

Gusel Jachinas Roman Wolgakinder, erschienen 2019 in deutscher Übersetzung von Helmut Ettinger, erzählt am Schicksal der Protagonisten Jakob Bach und seiner Tochter Anna die aufwühlende Geschichte der Wolgadeutschen. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1918 bis 1938, Schauplatz ist die Republik der Wolgadeutschen (ASSRNP), die 1923 gegründet wurde und bis 1941 bestand. Anhand der Ereignisse auf zwei entgegen gelegenen Wolgaufern wird die Liebesgeschichte des Lehrers Jakob und seiner späteren Frau Klara erzählt. Diese ist eingebettet in die Historie einer Generation mit einem gemeinsamen Leidensweg. Sie verwandelt sich im Laufe der Erzählung von einem friedlichen Zusammenleben mit eigenen Bräuchen und Traditionen in den Schrecken Flucht und Verbannung durch das sowjetische Regime.

In ihrem ersten Roman„Suleika öffnet die Augen“, der 2017 in deutscher Sprache erschien, entführt Gusel Jachina den Leser nach Sibirien. Hier, wie in Wolgakinder, wird die Verbannung in den Osten Russlands thematisiert, in Wolgakinder jedoch nur am Rande, im Epilog geschildert. Sulejka, eine Bauersfrau lebt mit ihrem Mann in einem tatarischen Dorf und ist Teil einer patriarchalen Welt. Ähnlich wie in Wolgakinder ist auch hier die Peripherie der zentrale Ort der Handlung. Kernstück des Romans ist jedoch die Verbannung nach Ostsibirien und die Reise dorthin.

Die Autorin der beiden Romane studierte Germanistik und Anglistik an der pädagogischen Universität in Kazan und arbeitet als Übersetzerin aus dem Deutschen. Sie interessiert sich für die deutsche Kultur und Sprache, obwohl diese, wie sie bemerkt, für sie erst mal unbekanntes Terrain darstellen.

Die Handlung in Gusel Jachinas Roman spielt an der Wolga, die die Welt in zwei Hälften teilt. Sie ist umgeben von einer Landschaft, in der der Steppenwind weht. Die Berge sind im Sommer von blaugrünem Wald bedeckt, im Winter tief verschneit. Inmitten dieser Kulisse im Herzen des Wolgagebiets, auf der linken Seite des Ufers, liegt das Dorf Gnadental. Jakob Ivanowitsch Bach, Protagonist des Romans und Goetheverehrer, führt ein ruhiges Leben als Lehrer und komischer Vogel, sein Leben fließt ruhig dahin und er selbst sieht sich als einen Wanderer, der hochdeutsch spricht – denn Gnadental an der Wolga ist eine deutsche Kolonie. Hier gibt es ein Portpourri an deutschen Dialekten. Ungleich Deutschland, das eine eigene deutsche Literatursprache hat, herrscht in den deutschen Dörfern an der Wolga ein uneinheitliches Deutsch, das von diesen verschieden Dialekten geprägt ist: „Die regionalen Dialekte verschmolzen zu einer gemeinsamen Sprache, die einfach und ehrlich klang, wie eine Suppe mit eingeweichten Brotkrusten.“ S.17

Am rechten Ufer der Wolga lebt Udo Grimm, der Jakob Bach darum bittet seine Tochter im Hochdeutschen zu unterrichten. Jeden Tag begibt sich Bach nach der Mittagspause in der Schule nun ans andere Ufer zu Fräulein Klara.

Während Jakob die Gewitter des Wolgagebiets feiert und gemeinsam mit Klara Goethe, Schiller, Novalis und Lessing liest, betreiben die Bewohner von Gnadental Landwirtschaft und kochen Melonensirup, den sie mit Eis und ein paar Schlehen verfeinern.

Eines Tages taucht Klara bei Jakob auf und nistet sich bei ihm ein: „das Dorf brummte vor Tratsch über das anrüchige Fräulein und den sittenlosen Schulmeister, der den braven Gnadentalern so viele Jahre lang vorgespielt hatte, er könnte kein Wässerchen trüben.“ S.88 Daraufhin verlassen die beiden das Dorf und fliehen ans andere Wolgaufer, wo Klaras von Wörtern und Buchstaben verziertes Zimmer sie empfängt. „Die Worte und Buchstaben bedeckten alle Wände vom Fußboden fast bis zur Decke.“ S.98 Hier lassen sich die beiden nieder und Bach lernt es, von nun an die Zeit nicht mehr nach Minuten zu messen, sondern „nach dem Morgen – und Abendtau, dem Lauf der Sterne am Himmel und den Mondphasen, den Schneefällen, der Dicke des Eises auf dem Fluss und dem Zug der Vogelschwärme über die Steppe.“ S.103

Das Haus, das die beiden bewohnen, liegt versteckt im Wald und es besteht die Hoffnung, von Drohungen und Kriegen verschont zu bleiben: dennoch währt diese Harmonie in der Abgeschiedenheit nicht lange, Klara wird schwanger mit einem Kind, dessen Geburt sie nicht überlebt.

Nach Klaras Tod wandert Jakob auf der zugefrorenen Wolga nach Gnadental, dessen Verfall, abgerissene und verfallene Häuser ihn schockieren. Schuld und einschneidender Wendepunkt ist die Revolution unter Lenin, die massive Folgen für die Gruppe der Russlanddeutschen hat. Hier, in diesem Dorf, neben der Kirche, will er das Kind seinem Schicksal überlassen. Doch dann beschließt er, sich um die Kleine zu kümmern und sie mit gestohlener Ziegenmilch zu füttern. Er nennt sie Annchen.

Bei seinen Streifzügen durch das Dorf sieht er die Schäden, die das sowjetische Imperium in seinem Dorf angerichtet hat: „Wie hatte sich Gnadental in dieser Zeit verändert! Wie anders waren die Menschen geworden! Häuserfassaden, Straßen und Gesichter waren gezeichnet von Verfall und langjähriger Trauer [… ]. Nur die roten Fahnen, Sterne und Spruchbänder [….] strahlten herausfordernd grell und widersinnig, als hätte man die Lippen einer sterbenden Greisin blutrot geschminkt.“ S.204f.

Bald stiehlt Bach nicht mehr, sondern geht einen Tauschhandel ein: Milch gegen Geschichten, die er seinem Erinnerungsarchiv entnimmt; er schreibt über Dialekte in Gnadental, den Aberglauben im Dorf und fügt die Erinnerungen wie ein Mosaik zusammen. Er arbeitet an der Archivierung von Bräuchen und Inforationen, die von Russland als dem gelobten Land erzählen, in dessen Weiten fruchtbarer Boden auf die Siedler wartet. Zentral bleibt immer die Rolle der Wolga – im Winter gefroren erlaubt sie es den Bewohnern, zu Fuß ans andere Ufer zu gelangen.

Irgendwann, im Laufe der Zeit, wird die Gegend um Gnadental zur Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, mit ihrer Hauptstadt Pokrovsk erklärt. Zu dieser Zeit zieht ein neuer Mitbewohner bei Jakob ein – Wasja, ein Straßenkind, das zunächst ein Winterquartier sucht und ohne Erlaubnis in Jakobs Haus einbricht. Von nun an leben sie zu dritt. Wasja bringt Annchen die russische Sprache bei, abends hören sie Schallplatten auf Jakobs Grammophon, das Leben plätschert so dahin, es ist friedlich beinahe idyllisch auf dieser Wolgaseite. Nicht zu vergleichen mit dem anderen Wolgaufer, dem Dörfchen Gnadental und dem Rest der Wolgarepublik. Diese leidet unter den Folgen der Kollektivierung und Entkulakisierung.

Doch die Naturidylle von Jakob und den Kindern hat bald ein Ende, als ein sogenannter Agitator ans rechte Ufer der Wolga kommt und die Kinder mitnimmt – ins Klara Zetkin-Wohnheim in Pokrowsk. S.484

Als Bach zufällig in die Wellen der Wolga gerät, begegnet er auf dem Grund des Flusses Körpern von Männern und Frauen, von Greisen und Kindern, von allen Seiten blicken sie ruhig auf Bach, bis dieser vor dem Ertrinken gerettet wird.

Der Roman endet abrupt. Bach wird zusammen mit anderen Wolgadeutschen nach Kasachstan verbannt, wo er bei einem Grubenunglück stirbt.

Beim Lesen von Wolgakinder lässt sich ein Chronotopos des Flusses im Verlauf der Handlung feststellen. Im Raum wird die Zeit sichtbar. Der Wechsel der Jahreszeiten spiegelt sich im Charakter der Wolga wieder: „Die herbstliche Wolga, grau und zerzaust, schaukelte das Boot nachlässig und gleichgültig“ S.357

Des weiteren spielt ein Moment der Diskrepanz von Stadt und – Landleben eine wichtige Rolle. Bach und Annchen verlassen für einen Tag ihre gewohnte Behausung und folgen dem Lauf der Wolga

nach Saratow – für Annchen eine komplett andere Welt: „Sie sog die Lichtreflexe, die bunten Farben und Gerüche der Straße in sich ein – von Pferden und Menschenschweiß, von nassem Pflaster und Staub, von Eisen und Schmierfett, von billigem Machorkatabak, von Wodka und Essbarem“.S.381 Die Eindrücke, so überwältigend, veranlassen Vater und Tochter wieder zurück zu kehren.

Russland als Siedlungsraum wird zunächst positiv bewertet: russische Steppe, Offenheit und Wildnis als Momente der Freiheit und Ungebundenheit. Im Verlauf des Romans tauchen Abgrenzungsstrategien gegenüber dem Kolonialstaat auf, so zum Beispiel Jakobs Niederschrift der russlanddeutschen Geschichte. Eine Reflexion über kleine Nationen, die in großen Imperien untergehen, spielt dann eine Rolle wenn Russland ethnische Minderheiten in die Verbannung schickt ,und das ist hier definitiv der Fall. Die deutschen Kolonien waren demnach eine bedrohte Entität.

Ganze Abschnitte des Buches sprechen von einer Führerfigur, die sich in der Wolgarepublik aufhält, die Rede ist von Stalin, der nur als ER angesprochen wird. Dieser ärgert sich über die Schilder der einzelnen Ortschaften, die deutsche Namen tragen, darüber dass die Fenster so blank geputzt sind. “Diese ganze geradezu aufreizend winzige Welt war ein einziges Ärgernis. Sie war ihm fremd“ S.323

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils in 30 Unterkapitel untergliedert werden.

Historische Ereignisse spielen eine Rolle, werden jedoch nur am Rande erwähnt, sowie die russische Revolution, die das Leben der Bewohner Gnadentals verändert.

Gusel Jachina hält sich zurück, präzise die Geschichte der Wolgadeutchen wieder zu geben, was den Roman stellenweise an ein Märchen erinnern lässt, eines jener Märchen, die Jakob aufschreibt und den Gnadentalern zugänglich macht. Sie ist vorsichtig mit der Chronologie der Ereignisse: so erwähnt sie zum Beispiel die Jahre 1929, 31, 32 und 33, denen Jakob verschiedene Namen gibt: Jahr der Flucht, Jahr der großen Lüge, Jahr des großen Staudamms und das Jahr des großen Hungers.

Von besonderer Bedeutung ist das Archiv. Hier wird gezeigt, wie Jakob Bach die Geschichte des Dorfes rekonstruiert. Die Rede ist von Märchen, Bräuchen, Dialekten und dem Aberglauben der Gnadentaler.

Dafür bekommt er in Tausch gegen diese Geschichten, die er zu einem Archiv zusammenfügt, Papierbögen, Bleistift und Ziegenmilch.

Er arbeitet auch an der Archivierung des Russlands als einem gelobten Land. Russland wird nicht als Feind angesehen, zumal auch seine Tochter Anna von dem zugelaufenen Wasja in der russischen Sprache unterrichtet wird und somit die russische Kultur und Menschen des Landes positiv erlebt.

Die Wolga ist beides – Verbindung und Trennung zugleich. Ihre Rolle bleibt immer zentral. Die gefrorene Wolga fungiert als Archiv, sowie auch ihr Auftauen Geheimnisse einer dunklen Geschichte aufdeckt: „Dann knisterte es ganz in seiner Nähe. Das Eis unter seinen Füßen erzitterte, öffnete sich und gab sein Inneres frei, an dessen Kanten Hunderte blauer Funken aufblitzten. Durch den Riss schaute Wasser, das wie eine dicke, grün-schwarze Masse wirkte,“ S.232

Solange die Wolga für Bach eine Möglichkeit zum Erreichen des anderen Ufers bietet, ist sie in ihrem flüssigen Zustand Ort der Geheimnisse, die Klaras und Bachs Ufer nicht erreichen.

Als Bach kann die von den Sowjets errichtete Hegemonie in Gnadental beobachtet, verwandelt sich die Wolga vom natürlichen zum kulturellen Archiv. Hier ist es seine Bevölkerung, jene die ihm nahe stehen, die von der Wolga mitgerissen werden, beinahe ertrinkt er auch, wird jedoch gerettet und nach Kasachstan verbannt.

Hier ist das Medium der Erinnerung, das Eis, welches von Jakob Bach immer wieder überquert wird und ihm erlaubt seine geschriebenen Erinnerungen auf die andere Seite zu bringen, richtungsweisend.

Eis als Medium der Erinnerung spielt auch in der Gulag-Literatur eine wichtige Rolle. Hier sind es Autoren wie Warlam Šalamov und Alexander Solšenizyn, deren Lebensgeschichte und Lebensräume wie Permafrost in Eis gespeichert werden.

Auch der russlanddeutsche Schriftsteller Arthur Grün schreibt in seinem Roman „Wenn die Hexe einmal spricht“ über das Leben der Russlanddeutschen in Südrussland und ihre Verbannung nach Ostkasachstan, wo sie in den Wälder, unter verschiedenen klimatischen Verhältnissen Zwangsarbeit leisten müssen.

Hier ist eine Parallele zum Protagonisten Jakob Bach, der ebenfalls am Ende des Buches, nach Kasachstan verbannt wird, sichtbar. Geschichten von anderen Bewohnern Gnadentals zeugen davon, dass auch die Wolgadeutschen aufgrund ihrer Nationalität in den Osten verschickt wurden.

Eine besondere Diskrepanz ist sichtbar bei der Beschreibung der Ereignisse, die sich auf beiden Ufern abspielen: Im Mittelpunkt steht das Einsiedlerleben von Jakob nach Klaras Tod und seine Erziehung der Kinder, fernab der Zivilisationen. Annchen führt von ihrer Geburt bis zum Umzug ins Wohnheim ein bescheidenes Leben abseits der Städte. Ihr einziger Freund ist Wasja, den sie bewundert und verehrt. Er bringt ihr die russische Sprache bei. Jakobs väterliche Fürsorge sowie Wasjas Rolle als älterer Bruder geben dem Roman Wolgakinder die Ähnlichkeit mit einem Erziehungsroman.

Der kasachische Autor Magauin betont ebenfalls die Bedeutung eines Archivs in der Literatur: dieses muss organisiert, strukturiert und für die Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Ein Archiv repräsentiert eine Sammlung von Erinnerungen und Zeugnissen, die lebendig gehalten werden. Wissen ist Macht und soll an die Massen gelangen um ihr kulturelle Identität zu stärken. In seinem Werk „Kazakh history ABC“ kritisiert er die sowjetisch – kasachische Geschichtsschreibung, die für das Vergessen von Geschichte verantwortlich ist.

Es bleibt zu hoffen, dass Jakobs Geschichten den Krieg und die Vertreibung überlebt haben, fungieren diese als Archiv für die nachfolgenden Generationen. Der Roman Wolgakinder erfüllt dieses Kriterium – es ist eine Sammlung, individueller Geschichten und historischer Ereignisse, die sehr sensible Geschichten zum Thema haben. Gusel Jachina hat sich ein großes (und noch wenig bearbeitetes) Thema ausgesucht, das sie sehr detailliert in Romanform gebracht hat.

Literatur:

Gusel Jachina: Wolgakinder. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger, Berlin:Aufbau Verlag, 2019

Nikolaj Boloshnev: „Der Erste im Kosmos“

Aleksej zog sich die Jeansjacke über den Kopf, sich durch windend durch die Pfützen und lief entlang der Sretenka in Richtung des Gartenringes.

Ein paar Meter vor dem Vestibül der U-Bahn, bog er abrupt nach rechts ab, machte den letzten Schritt und öffnete die Stahltür der Cheburekibar „Druzhba“.

Im Inneren, hinter den Reihen hoher Tische standen wie die Spatzen die aufgeplusterten Besucher, zwischen denen sich zerzauste Männer in Arbeitsanzügen und billigen Lederjacken.

Fast vor jedem Gast der Cheburechnaja stand eine Flasche Wodka mit Plastikgläsern oder ein paar Flaschen Bier. Für eine Sekunde hoben die Männer ihre schweren Blicke auf Aleksej und gleich. Das Interesse verlierend, kehrten sie zu den langsamen, trunkenen Gesprächen zurück.

Es begann nach fettigem Teig zu riechen und etwas säuerlich nach Fleisch. Für Aleksej, der seit seiner Kindheit an Chebureki gewöhnt war, waren diese Gerüche Vorläufer eines gastronomischen Vergnügens. Die von der Hitze und dem Atem der Besucher bedeckten Fenster schufen ein seltsames Gefühl von Gemütlichkeit. Aleksej klopfte sich die Jacke ab, richtete sich das zottelige Haar zurecht und begab sich zu der Kasse, vor welcher bereits eine kleine Schlange stand. Auch hinter ihm stellten sich Menschen in die Schlange. Zum Ende des Arbeitstages füllte sich die Cheburechnaja immer ganz voll. Aleksej wurde nervös, es gab eine reale Chance, dass er keinen Platz am Tisch bekommt. Normalerweise beschäftigte er sich nicht mit der Suche nach einem Sitzplatz und ging zum Essen nach draußen, doch bei so einem Wetter war das nicht möglich.

Die Kassiererin, eine füllige Dame mit geschminkten Augen, in weißer Schürze und einem Kochhut, kannte ihre Sache gut, die Schlange bewegte sich vorwärts. Schon nach ein paar Minuten stand Aleksej vor der Kasse. Ohne ein Wort zu sagen, blickte die Frau fragend auf ihn. In ihren Augen war nichts freches, nur Müdigkeit und professionelle Gleichgültigkeit.

„Für mich …zwei Chebureki und ein Bier…bitte.“

„Welches Bier?“

„Welches habt ihr da?“

„Heute nur Dzhiguli.“

„Warum fragen Sie dann?“

„Junger Mann, wir haben normalerweise noch anderes Bier, jedoch nicht heute. Woher soll ich wissen, vielleicht wollen Sie genau dieses. Nun denn, nehmen wir das Bier?“

„Natürlich…“

„Dann 210 Rubel.“

Aleksej reichte ihr einen 500 – Rubel- Schein. Die Kassiererin zählte das Rückgeld, knackste mit der Kasse und führte den Blick auf den nächsten Kunden.“

Aleksej nahm die Flasche und den Plastikteller mit den Chebureki, schaute sich um, doch es gab keine freien Tische. Er wollte sich nicht zu einer Gruppe gesellen, deswegen begann er nach Plätzen zu schauen neben einzeln stehenden Menschen. Das Publikum in „Druzhba“ War wie immer unterschiedlich, in der Ecke, umgeben von zwei ihn bestaunenden Damen, malte ein sehr betrunkener, bärtige Mann etwas in sein Album. Ein alter Mann mit zotteligem Haar und zitterndem Gesicht las am Fenster ein Buch, das eingewickelt war in Zeitung. Eine Frau im roten Mantel, mit gefärbten, schiefen Augenbrauen, aß ein Cheburek. Ihr kleiner Finger mit einem indischen Ring, steckte heraus. Dazu trank sie einen „Kinovsker“ Kognak aus einem kleinen Fläschchen.


Mit ihr an einem Tisch saß ein Kerl in Sandalen und Shirt, knabberte von unten einen Cheburek und saugte daraus den Bouillon. Der glatzköpfige Mann im Kostüm goss den Saft des Chebureks akkurat in den Löffel.
Endlich erblickte Aleksej einen etwas mitgenommenen, doch intelligent ausschauenden Mann, der sich gedankenverloren über den runden, roten Tisch beugte, mit der Aufschrift „Coca Cola“. Vor ihm stand eine leere Wodkaflasche und ein Plastikbecher. Aleksej dachte, dass dieser bald geht.

„Darf ich mich zu Ihnen gesellen?“

Der Mann antwortete nicht direkt, so als ob er aus der Tiefe seiner Gedanken auftauchte. Es schien, als ob er nur mit Mühe seinen Blick auf den Gesprächspartner fokussierte.

„A? Ja natürlich…“

Aleksej stellte seinen Teller und die Flaschen auf den Tisch.

„Nun, der Mann ist wach, gleich versteht er, dass er nach Hause muss und geht.“, dachte er, wischte sich die Finger mit einem Tuch ab und begann den ersten Cheburek zu essen. Doch es sah so aus, dass der Mann nicht vorhatte zu gehen. Anstatt dessen schaute er auf den kauenden Aleksej und störte ihn dabei, sein Essen zu genießen.
„Was wollen Sie“, fragte Aleksej gereizt.

„Nichts.“

Der Mann drehte sich für einige Sekunden um, und begann dann seinen Nachbarn wieder anzublicken. Aleksej war so böse, dass er plötzlich in den Cheburek biss und der Bouillon auf seine Jacke spritzte. Er versuchte den Fleck mit der Servierte abzutrocknen, doch das reichte nicht.

„Mann, was möchtest du?“ Aleksej hielt sich zurück, um seinen neuen Nachbar nicht anzuschreien.

„Ich? Nichts…mache ich Sie konfus?“

„Ja man, machst du! Und wie! Was glotzt du mich an, denkst du es ist angenehm für mich zu essen, wenn man mich so anblickt?“

„Entschuldigen Sie mich. Ich war einfach gedankenverloren…Nun um ehrlich zu sein, wenn man sehr gerne trinken möchte, und man kein Geld hat…“
Der weiche, sich entschuldigende Ton des Gesprächspartners beruhigte Aleksej, er tat ihm leid. Sieht so aus wie ein intelligenter Mensch und muss betteln.

„Gut, so dachte ich es mir. Soll ich dir was fürs Bier geben?“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar! Doch ich möchte nicht unhöflich sein, vielleicht sollten wir beide lieber etwas Wodka trinken?…Und ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die Sie sicher nirgendwo zu hören bekommen.“

In Aleksejs Kopf erwachte und reifte eine professionelle Neugier. Man muss bemerken, dass er in einem der gelben Gebäude arbeitete, das einen Teil dazu beitrug Publikationen über Verschwörungstheorien zu veröffentlichen, genauso wie verschiedene, irre Geschichten über Außerirdische, Werwölfe und Poltergeister.

Die nicht formelle Spezialisierung Aleksejs in der Zeitung waren Gerüchte und städtische Legenden. Man zahlte den Journalisten nicht viel, doch Aleksej liebte es, im Internet verschiedene Beweise von Obskuritäten herauszufinden und diese schön auszumalen in seinen Artikeln. Die Cheburechnaja „Druzhba“, die in der Nähe der Redaktion lag, bot nicht zum ersten Mal interessante Geschichten. Letzte Woche lobte der Hauptredakteur die Materialien Aleksejs, darüber wie Souvenirmagnete das Essen im Kühlschrank bestrahlen. Dieses Sujet schrieb er aus den Worten irgendeines Verbindungsmannes.

„Welche Geschichte?“ fragte Aleksej und bemühte sich gleichgültig zu klingen.

Der Mann blickte vieldeutig auf den Journalisten.

„Sagen wir mal, ich arbeitete in einem einzigartigen Betrieb, dem ihre Struktur bekannt ist.“

„Nun gut, du hast mich überzeugt, lass uns trinken“, Aleksej gab dem Mann einen 1000 Rubel. „Nimmst du?“

„Klar! Vielleicht noch was zu essen?“

„Ja, kaufe uns noch ein paar Chebureki.“

„Wunderbar! Übrigens ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen, ich heiße Oleg.“

„Aleksej.“


Die Männer reichten sich die Hände.

„Sehr angenehm! Nun, ich beeile mich.

„Mach langsam.“

Um nicht ein Detail der bevorstehenden Diskussion zu verpassen, machte Aleksej das Diktiergerät auf dem Smartphone an und legte dieses mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. Nach ein paar Minuten, noch belebter, kehrte Oleg zurück mit einer Halbliterflasche, auf der zwei Wodkagläser befestigt waren und einem Teller mit Chebureki zurück. Er stellte alles auf den Tisch, nahm aus der Tasche das Rückgeld und reichte es Aleksej. Dann nippte er am Wodka und sagte, als ob er sich entschuldigen würde:

„Weißrussisch…“

Welch ein Unterschied. Gieße ein.“

Oleg machte mit zitternden Händen den Deckel ab und goss den Wodka in die Gläser.

„Auf unser Treffen!“

Die Männer hoben die Gläser und tranken. Oleg alles auf Anhieb, Aleksej zuerst bis zur Mitte, dann kaute er den Rest des alten Chebureks und trank das Glas leer. Oleg biss vorsichtig in den Cheburek.

„Welche Geschichte hast du mir zu erzählen?“ fragte Aleksej.

Oleg legte langsam den Cheburek auf den Teller, machte sich die Finger sauber und den Mund mit einer Papierserviette, faltete sie zwei mal und begann dann zu sprechen.

„Bevor ich Ihnen erzähle, womit ich mich einmal befasst habe, muss ich eine kurze historische Exkursion machen. Sonst versteht man das nicht. Sagen Sie, Aleksej, sie wissen doch wer Jurij Gagarin ist?“

„Und ob! Bist du von den Kosmonauten?“

„Nicht ganz“, lächelte Oleg frech, „man kann mich als Bewahrer des Erbes von Gagarin zählen.“

„Bist du ein Museumsarbeiter?“ fragte Aleksej mit einer schlecht verstecken Enttäuschung. Er goss den Wodka in die Gläser. Die Männer tranken. Aleksej goss wieder ein.
„Oooo, nein, was sagen Sie da! Ich bin eher ein…Praktikant.“

„Verstehe ich nicht…“

„Wie soll ich es besser erklären…Lasst uns von weit her beginnen. Worin, Ihrer Meinung nach besteht die Größe Gagarins?“
„Na hör mal, welche Fragen stellst du? Natürlich weil er der erste im Kosmos war.“

„Ja, Gagarin war der erste im Kosmos, das ist Fakt. Alle wissen es. Doch es gibt noch eine weitere Tatsache – er ist nicht einfach nur so dort herum geirrt. Während er im Orbit war, traten mit ihm die Vertreter einer nicht irdischen Zivilisation in Kontakt. Um einiges mehr entwickelt als die unsrige. Verstehen Sie, was das bedeutet?!“ Oleg, selbst verwirrt von der eigenen Erzählung, begann den Tisch zu schaukeln. Aleksej nahm für alle Fälle das Glas mit Wodka in die Hand. Oleg nahm diese Geste als Einladung an. Sie tranken und füllten wieder die Gläser.

„Und nun?“

„Weil Gagarin der erste Mensch war, mit dem sie sich berieten, nahmen sie ihn auf als Imperator der Erde. Das ist übrigens sehr schwer verständlich… Denn früher flogen sie zu uns auf den Planet, und wählten hier jemanden aus, als Vertreter, um die Dinge besser im Griff zu haben.

Sie haben doch sicher gehört, dass sie die Pyramiden gebaut haben?“

„Natüürlich!“ sagte sarkastisch Aleksej, doch Oleg bemerkte nicht dessen Ton.

„Nun denn, sie geben allen Pharaonen Technologien, teilten sozusagen das hohe Wissen. Erst später stellte sich heraus, dass die Ägypter all diese Technologien wie auch immer verwenden und sogar nicht in de Lage sind, eine Armee aufzubauen. Mit einem Wort, als Ägypten okkupiert wurde, schalteten die Außerirdischen auf Rom um. Rom fiel, und als nächstes eroberten sie Byzanz. Doch als Konstantinopel fiel, hörten sie ganz damit auf, auf die Erde zu fliegen.

Sie beschlossen, dass Menschen sich selbst entwickeln sollen, um sich wenigstens von ihrem Planeten loszureißen. Wer als erster im Kosmos ist, der wird auch erster auf der Erde sein. Auf diese zählen die Außerirdischen. Sie bauten auf dem Erdorbit etwas im Sinne eines Grenzpostens und begannen zu warten. Zuerst flogen die Tiere in den Kosmos, doch die Außerirdischen schafften es nicht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.Und weiter, am 12 April des Jahres 61, geht Jurij Gagarin als erster in den Orbit und die Außerirdischen erwarten ihn dort bereits mit Brot und Salz, fragen ihn im guten Russisch: „Jurij, bist du hier der Wichtigste?“ Er dachte, sie meinten das Luftschiff und antwortete, natürlich „der wichtigste“, einen anderen gibt es hier nicht. So nahmen ihn die Außerirdischen als Machthaber des Planeten auf. Können Sie sich das vorstellen? Das bedeutet, der einfache, russische Mann ist der Wichtigste auf der Erdkugel. Und wenn die Außerirdischen kommen, wird er, genauer seine Gesetzeserben, die Erde erben. Russland wird zum Zentrum der Welt.

Am verschwommenen Blick und den roten Wangen, konnte man sehen, dass Oleg schon recht betrunken war. Sein Becher war ebenfalls leer. Aleksej trank seinen Wodka aus, biss in den Cheburek, und goss die Reste aus der Flasche.

„Eine großartige Geschichte. Ich verstehe nur eines nicht, wenn wir schon seit 50 Jahren der offizielle Bauchnabel der Welt sind, warum leben wir dann in einem solchen Dreck?“ Aleksej begann in der trüben Atmosphäre ebenfalls betrunken zu werden, zeigte mit einer dramatischem Geste durch die Cheburechnaja.

„Nun, die sind noch nicht hier. Wenn sie da sind, dann rollen wir die Erben Gagarins nach vorne. Werden zu den Statthaltern. Darauf ist es keine Sünde zu trinken.

Die Männer stießen an und stellten die Becher weg. Aleksej aß den Cheburek bis zum Ende. Oleg, der seinen ebenfalls aufgegessen hatte, quakte wie eine Ente.

„Doch hier, wie Sie verstehen“, fuhr Oleg fort, „gibt es einen Schlüsselmoment – die Erben Gagarins sollen nur bei uns sein. Sonst können sie den Thron für sich beanspruchen!…Nun, ich denke, unser Wodka ist alle…Vielleicht nehmen wir zur Abwechslung einen Kognak? Hier gibt es einen guten „Kinovskij“:

„Onkel, werde nicht frech!“

„Gut, gut. Wodka dann Wodka. Kommandeur, gibst du uns die Beköstigung?“, fragte schüchtern Oleg.

Aleksej kramte in der Tasche, nahm einige zerknitterte Scheine heraus und ohne auf diese zu blicken, reichte er sie Oleg.

„Und bring uns Bierchen mit.

„Unbedingt!“

Oleg wurde echtwas nüchterner und materialisierte sich zurück mit einem Wodka und zwei Flaschen Bier. Den Wodka machte er wie ein Hausherr auf und goss sie in Gläser. Die Männer tranken, darauf tranken sie Bier.

„So, wo blieb ich stehen?“

„Dass die Erben nur in Russland sein sollen.

„Sehr richitg! Und hier, junger Mann, nähern wir uns dem aller Interessantesten…“

„Was kann es noch interessanteres geben?“, lächelte Aleksej.

„…Kennen Sie viele Erben Gagarins?“

„Ich meine er hat eine Tochter…oder zwei. Die eine von beiden leitet irgend ein Museum.“

„Sehr richtig. Doch wundert es Sie nicht, dass ein solch populärer und liebenswürdiger Mann wie Gagarin nur zwei Töchter hat von einer offiziellen Frau?“
Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie damit beschäftigt. Du willst sagen, dass Gagarin viele Kinder hat?“ fragte Aleksej, die Chebureki kauend.

„Es gab viele“, lächelte wieder Oleg. „Doch jetzt nicht. Und darin besteht der große Verdienst des Bereiches unseres geheimen Dientes, wo ich mehr als dreißig Jahre arbeitete.“

„Mjaa…“, war das einizge was Aleksej dazu zu sagen hatte. Er goss noch mehr Wodka ein, Oleg zog geizig den Becher an sich und trank in einem Zug aus. „Habt ihr sie etwa getötet?“

Oleg runzelte leicht die Stirn, entweder vom Wodka oder von der Frage.

„Nun, irgendwo ist es so, und irgendwo anders….Man besprach mit den Müttern wenn es nicht zu spät war. Unterschiedlich.“

„Haben Sie Ihnen nicht leid getan?…Das sind doch Kinder! Sind sie etwa an etwas schuld?“

„Was ist schon ein Kind im Verhältnis mit der Weltregierung und ewiger Macht Russlands?“

„Und kennst du viele solcher?…Ich meine persönlich?…“

„Ich kam in den Achtzigern in den Betrieb, als die wichtigste Front der Arbeit bereits geschlossen war…“, antwortete mit einem ernsten Ausdruck und gesammelter Oleg. „Die meiste Arbeit hatten wir als Gagarin noch lebte. Doch ich verberge es nicht, ich habe auch was abbekommen, man konnte schließlich nicht alle Erben finden. Ich bekam sogar einmal eine feste Nuss, er lebte bis er 27 wurde. Ich zeige Ihnen nun etwas.

Oleg nahm aus der Tasche einen Stapel mit Papieren, sortierte sie lange, bis er nicht die richtige gefunden hat. Mit einem zufriedenen Blick reichte er diese Aleksej. Dies war eine gewöhnliche Fotografie, ausgderuckt in schwarz-weiß, irgendeines Mannes mit Jeansjacke. Nach dem Zustand des Papieres zu urteilen, erzählte Oleg nicht das erste Mal diese Geschichte im Austausch für eine Verköstigung.

„Sieht er Gagarin ähnlich?“ fragte er.

„Ehrlich gesagt nicht besonders.

„Doch tut er. Wissen Sie wer das ist?“

„Nein.“

„Court Kobain!“

„Ach was?! Ist es wirklich er?…“

Oleg strahlte vor dem bewirkten Effekt.

„Ja, egal. Das ist der Sohn Gagarins.“

„Wie das?“

„Sehr einfach, in Wirklichkeit ist er ein hundertprozentiger russischer Kerl, seine biologische Mutter kam aus Brjansk. Sie traf Gagarin in der Zeit ihrer Ankuft in die Stadt im Mai 1966. Im Sommer floh sie dann aus der UdsssR auf einem Handelsschiff und fand sich erst im türkischen Trabson wieder und dann, nachdem sie mit Transit ein paar Länder durchfuhr, ließ sie sich am Pazifikufer der USA nieder. Das Stadium der Schwangerschaft war nicht hoch, sie wandte sich nicht an Ärzte. In Amerika verliert sich ihre Spur, möglich, dass sie immer noch lebt, doch so oder anders, sie wollte ihr Leben nicht dem Säugling widmen und ließ ihn im Krankenhaus unter einem falschen Namen.“ Oleg nippte am Bier. „Es sah so aus, dass in der zweiten Hälfte des Jahres 1967, Vendy Kobain sich des Säuglings annahm. Hier hätte alles zuende gehen können und Kurt blieb bis zum hohen Alter in den Wäldern Washingtons leben.“

„Wenn er nicht berühmt geworden wäre?“

„Genau das.“

„Entschuldige. Aber bisher klingt das alles nach Unsinn…“

„Sie können mir natürlich nicht glauben – da ist ihre Sache, Doch das ist die pure Wahrheit. Hör weiter zu und urteil selbst. Im Jahr 1988 kommt das Album Nirvanas heraus. Dieses war nicht sehr erfolgreich, und in der Sowjetunion war es derzeit heiß, Chernobyl, Perestrojka, Spitak, Pogrome, Sorgen…Doch wir bemerkten den Kerl und nahmen ihn auf. Übrigens hat Cobain selbst verstanden, dass mit ihm was nicht stimmte…Ich las sein Interview…Er hat sich in der Kindheit vorgestellt, dass er ein Außerirdischer ist, stellen Sie sich das vor?…“

Oleg goss sich noch mehr Wodka ein und Aleksej ebenfalls. Die Männer tranken.

„Um zu verstehen, ob vor uns wirklich der Sohn Gagarins ist, und ihn gleichzeitig in die operative Mitarbeit einzuladen, hat man entschieden, dass man ihn mit unserer Sex- Agentin Nadja zusammen treffen lassen sollte. Sie weidete in „Inturist“, doch kam blöderweise mit Drogen in Verbindung. Wir nahmen sie auf mit der Tüte und seitdem half sie uns oft aus. Diesmal war ihre Mission schwerer als üblich doch auch die Belohnung dementsprechend gut. im Falle des Erfolges bei der Operation versprachen wir ihr die Möglichkeit zu lassen in den USA zu leben unter einem Decknamen. Wie Sie verstehen, Ende der achtziger hat man solche Möglicheiten nicht einfach nur verschenkt.“

„Und ob. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Mühe wir hatten, sie vom Akzent zu befreien…“

Oleg goss wieder Wodka ein.

„Nun auf Kurt Jur’evich, ohne anzustoßen“, sagte er und ohne das Gesicht zu verziehen, trank er das Glas aus.“

Aleksej trank auch den Wodka ganz aus und goss sich danach Bier ein. Die Geschichte Olegs schien ihm abslolut wild zu sein, wobei sie ihn auch gleichzeitig verblüffte, nun wollte er sie unbedingt zu ende hören.

„Nun denn, wir haben unserer Nad’ka einen amerikanischen Pass drucken lassen, dachten uns eine Legende aus, so nach dem Motto, sie lebte in Irland, Japan und in den Anfängen der 1990er wurde sie in die Staaten geworfen…Bekanntschaft mit Cobain, mit ihren Fertigkeiten war es ein Sache der Technik. Sie sammelte, wie wir es ihr vorschrieben, die Biomaterialien Kurtes , es ging alles dahin, dass der Sohn Gagarins nicht bei uns blieb. Es stellte sich die Frage nach der Liquidierung. Doch hier geschah es, Nirvana schaffte es bekannt zu werden, es war schwer ihn im Verborgenen zu lassen.

Besonders nachdem im Jahr 1991 Nevermind herauskam. Und nun ist auch die Sowjetunion zerfallen…uns war nicht nach Cobain, wir bemühten wenigstens die Gesellschaft zu bewahren. Wir arbeiteten nur wegen der Ehre.“

„Stellen Sie sich vor, ich musste mit meinem Zhiguli das ganze Jahr durch die Stadt rasen. Ich, ein Kaderoffizier.“

„Oleg, du gehst in irgendeine falsche Richtung…Was war denn nun mit Cobain und jener…Nadja Love?“

„Cobain, ja…Nun wir, sagten Nadja, sie solle warten und sich mit irgendetwas Nützlichem beschäftigen. Sie hat ja eigentlich das Musikiinstitut im Fach Akkordeon beendet. So begann sie in Amerika aus sich eine Punk-Rockerin zu machen. Un dann geschah, dass unsere Kurtni zum Stern wurde. Dann fanden Sitins statt, Drogen…Wozu erzähle ich das?“

„Wozu?“, der Verstand Aleksejs fing nur noch mit Mühe die Details der Geschichte auf. Desto glaubwürdiger kam ihm die Erzählung Olegs vor.

„Man muss trinken, um sich zu erinnern…Deine Gesundheit!“, Oleg goss sich Wodka ein und mischte diesen mit dem Bier im Becher. So trank er den Coctail in einem Zug.“ „Es sieht so aus, dass wieder alles leer ist.“

„Ich gehe…“, Aleksej ging an den Nachbartischen vorbei, wackelnd, und erreichte die Kasse von der falschen Seite. Doch niemand beschwerte sich in der Schlange. Nur ein paar Männer in Arbeitsanzügen lächelten. Aleksej versuchte ihnen als Antwort zu lächeln.

„Herr, was möchten Sie?“

„A?…Nun…Wodka…“

Die Frage dr Kassiererin überforderte Aleksej.

„Äähm…“

„Gut, ich verstehe auch so“, die Kassiererin stellte vor Aleksej eine Halbliterflasche weißrussischen Wodkas. „Wollen sie Chebureki?“

„Nein….“

„500 Rubel.“

Aleksej nahm den Geldbeutel heraus und schüttete daraus, was noch übtig war, die Münzen inbegriffen. Die Kassiererin sah ihn feindselig an und begann das Geld zu zählen.

„Hier sind nur 467.“

„Kann man mit Karte zahlen?“

„Junger Mann, sind Sie das erste Mal hier? Wir nehmen keine Karten an.“

„Ich habe nicht mehr…“

„Dann bleiben Sie heute ohne Wodka“, die Kassiererin nahm gereizt die Flasche vom Tresen.“ „Oder nehmen Sie vier für 100, dafür reicht es.“

Aleksej blickte verzweifelt auf die Kassiererin, ohne zu wissen, was er nun tun sollte.

„Ach, hör auf Ljusja, warum beleidigst du ihn!“, trat für ihn einer der Kerle ein. „Da sind nur ein paar Münzen. Wie geben was dazu.“

Der Mann zählte ein paar Münzen ab und legte sie vor die Kasse. Die Kassiererin verzog das Gesicht und stellte schweigend die Flasche zurück. Aleksej schnappte sich diese.

„Erhole dich, Kerl!“ Der Arbeiter klopfte gutmütig auf Aleksejs Rücken, wovon dieser fast den Wodka fallen ließ.

Die Flasche in den Händen haltend, wanderte Aleksej langsam zu Oleg. Dieser schien erstaunlich nüchtern zu sein und blickte tiefgründig aus dem Fenster, wie ein Stratege auf dem Feld, wo jeden Augenblick ein entscheidender Kampf statt finden wird. Als er den herannahenden Aleksej bemerkte, bewahrte er die stoische Distanziertheit in seinem Blick, wobei es ihm vielleicht einfach schwer fiel, sich zu fokussieren. Als sein Flaschenparartner endlich den Tisch erreichte, gab Oleg mit einer achtlosen Geste Aleksej den Becher. Aleksej goss sich und ihm Wodka ein, und verschüttete etwas auf den Tisch. Sie tranken.

„Worüber habe ich gesprochen?…“

„Irgendetwas über Courtny Love…“

„Ja, Nadjuha…ist vollkommen frech geworden! Es fiel schwer, sie zu kontrollieren. Ja, was hätten wir tun können?…Wir saßen hier in Moskau mit nackten Ärschen!…“

„Olegchen, du bist wieder abgelenkt…“

„Ja, verzeih mir. Also wir mussten was unternehmen. Doch was?…Und wie?…Wir begannen nachzudenken. Und wir erreichten etwas…Cobain gefiel unserer Nadjka überhaupt nicht. Irgendein Penner, sie war bei Inturist an solide Menschen gewöhnt, in Kostümen…“

Aleksej verspürte plözlich Mitleid mit Cobain, aus den Augen flossen Tränen.

„Blöde Schlampe…“ er klopfte laut mit der Handfläche auf den Tisch, sodass die Menschen an den Nachbartischen sich umdrehten. Als ob man in der Cheburechnaja die Geräusche ausgemacht hätte. Nur die Frau im roten Mantel murmelte leise, ohne sich umzudrehen: „Selber Arschgeige“. Doch es fand kein Ereignis in Form eines Kampfes statt oder eines Skandals und nach ein paar Sekunden verloren die Besucher das Interesse am angetrunkenen Pärchen. Der Raum füllte sich wieder mit Geräuschen.

„Wie sie halt so ist…Dafür ohne Angst! Nicht jeden Tag, weißt du, kann es…“

„Also habt ihr sie gedrängt?“

„Natürlich….Doch das war nicht einfach! Wir mussten einen Macker zu ihr schicken, wir hatten das einen, einen Spezialist für Frauen. Er fuhr heran, Kino, Wein, drehte sie auf…Also verliebte sich Nadjuha in ihn über beide Ohren! Und dann flog sie…“

„Das bedeutete, dass die Tochter Cobains, gar nicht seine Tochter ist?“

Nun ja…deswegen lebt sie“, Oleg goss wieder Wodka ein, hob sein Glas und trank aus.

„Das bedeutet, dass Nad’juha…als es bekannt wurde, dass sie schwanger ist, von ihrem Kavalier verlassen wurde…Natürlich war sie traurig, die Ärzte rieten ihr damals, eine Abtreibung zu machen…Nun und wir…beruhigten sie, überredeten sie, das Kind zu behalten…Nun, wir hatten Macht über sie, und wir konnten Cobain immer wieder sagen, dass es nicht seine Tochter ist…“

„Warum habt ihr es nicht direkt gesagt?…Er hätte früher wahrscheinlich…Nun du verstehst!“

Von dem langen Stehen taten Aleksej die Beine weh. Er stützte sich mit dem ganzen Körper auf den Tisch, wovon sich dieser biegte. Oleg schnappte mit einer schnellen Bewegung die Wodkaflasche, welche fast auf den Boden gefallen wäre.

„No, no!“, konnte er gerade so aussprechen vor Sorge.

„Entschuldige…ich bin irgendwie müde…Warum habt ihr denn nun Kurt bewahrt?“

„Ich erinnere mich nicht…Entweder mochte unser Chef ihre Musik, oder wir hatten keine andere Wahl…Nachdem die Sowetunion zusammenbrach, erinnerst du was da war“, Oleg betrachtete Aleksej mit einem bewertenden Blick, „Wobei, wahrscheinlich erinnerst du dich nicht…Der Arsch war kürzer! Frieden, Freundschaft, American Boy…Man hat für diese Sache so viel aufgegeben….“

Oleg machte sich mit Sorge sein Gesicht mit den Handflächen zu. Seine Schultern zitterten etwas. Aleksej reicht ihm die Hand.

„Hey, Oleg, was ist mit dir?…Bruder, was ist geschehen?…“

„Nichts, alles gut…ich brauche eine Sekunde…“

Aleksej verstand alles ohne Worte, das Geräusch der Flüssigkeit , die in das Glas gefüllt wurde, half es dem Gesprächspartner sich wieder zu sammeln. Oleg rümpfte sich ein paar Mal die Nase, trocknete sich das Gesicht mit dem Ärmel ab, trank und fuhr mit seiner Geschichte fort.

„Nun…man gab uns von oben keine Handzeichen, man hatte Angst, sich mit den Amis zu streiten…Sie wollten unser Projekt verdrehen…“

„Mmmh, ja, das sind Angelegenheiten…“

„Nunn denn, in den 93ern schoss man auf das Weiße Haus, im Westen verglich man Jelzin mit Pinochetti, das gefiel ihm nicht, und da erinnerte er sich endlich an den Vorlauf Gagarins!…Unser Leiter wurde in den Kreml geladen, um zu verstehen, was mit dem Projekt geschieht…Er hat sich alles von der Seele geredet, es gibt ja nichts mehr zu verlieren! Das war ein normaler Kerl…Boris Nikolaevich eschauffierte sich natürlich, die Ankömmlinge, die Macht über dem Planeten…Man hat uns die Finanzierung um 10 mal vergrößert. Und Cobain haben sie natürlich auch nicht vergessen…Man sagte, man muss die Sache mit ihm beenden, bis die Amis es nicht aushalten konnten, dass auf der Bühne ein Weltherrscher mit einem schmutzigen Hemd springt…Nun, wir haben Courtny die Aufgabe gegeben, ihm ein höllisches Leben zu bereiten…Er saß bereits an der Nadel und wir hofften, dass er einfach eine Überdosis bekommt…Doch als Nadja ihm sagte, dass das Kind nicht von ihm sei, begann er zu fliehen…“

Aleksej goss Oleg noch mehr Wodka ein.

„Und weiter? Wie ging es weiter?“

Oleg kniff die Augen zusammen und trank ohne Eile aus.

„Nun, wir haben mit ihm abgerechnet, obwohl er uns zwang, nervös zu werden, er trieb sich in den Kloaken Seattles rum… Nadjuha, mit einem anderen von unseren Agenten haben ihn in irgendeinem Puff herausgegraben…Weiter musste man natürlich etwas dazu erfinden, man brachte ihn ins Haus, doch er hatte nicht vor zu sterben, schrie, riss sich los…Sie haben ihn irgendwie ausgeschlagen und setzten in seine Vene eine Dosis Heroin….Natürlich haben sie noch davor einen Zettel geschrieben, ein Spezialist der Übersetzung von mittelalterlichen Poeten schrieb diese…Doch hier wurde Nadja genervt, begann zu kreischen, zu sagen, er sei ein Drogenabhängiger… Also, man beschloss ihn, um sicher zu gehen, ihn mit dem Revolver zu töten…“

„Und hat man euch geglaubt?!…Sie beschlossen, aus dem Revolver in den Kopf zu schießen…die Idioten…“

„Nein, natürlich, doch es gab jene, die unsere Nadjuha mit Schmutz bekleckerten, so nach dem Motto, sie hat einen Mann bestellt nur für Geld…Man musste sich bemühen, um sie als Idioten darzustellen…Doch die Bullen graben nicht sonderlich tief in allen Ländern…“

„Zum verrückt werden….“

„Nein, Sie…ich meine du, damals waren andere Zeiten…es war nicht üblich, überall die russische Spur zu suchen…In der damaligen Zeit hätte man uns als erste verdächtigt… man muss nun feinfühliger arbeiten…“

„Ist Cobain etwa nicht der letzte Erbe Gagarins?…“

Der Chekist verbog geheimnisvoll seine Augenbrauen, goss sich ganz unzeremnoiell den restlichen Wodka in den Becher und trank ihn in einem Zug aus.

„Nun, so ist es…eine solche Geschichte …Aleksej, ich habe dich übrigens gar nicht nach deinem Nachnamen gefragt?“

„Polikarpov.“

„Ist es der Nachname deines Großvaters? Und deine Großmutter, hat sie zufällig im Jahr 67 auf Jalta Urlaub gemacht?“

Einem Eisberg gleich, der sich von dem Gletscher löste, löste sich Oleg von dem Tisch und schwamm in Richtung Ausgang. Aleksej verabschiedete ihn mit einem melancholischen Blick eines stark betrunkenen Menschen. Die Gedanken in seinem Kopf dröhnten wie ein riesiger Bienenstock, in dem man die unterschiedliche Geräusche nicht bestimmen konnte. Zu viel Informationen…Aleksej konnte in seinem Kopf gar nicht die Fäden der Geschichte zusammenweben und sie zu einer einheitlichen Erzählung formen.

„Gagarin, Außerirdische, eine Prostituierte aus dem Inturist…Cobain, eine falsche Tochter…Irgendein Mist! Auf der anderen Seite, weiß der Teufel….das Foto sieht ihm ähnlich! Das Lächeln Gagarins, dieses kann man nicht verwechseln…“

Die Putzfrau machte mit abrupten Bewegungen die nachbarlichen Tische sauber, sammelte Flaschen und Platikteller ein.

„Herr, Zeit zu gehen, wir schließen“, sagte sie ohne sich umzudrehen.

Aleksej blickte sich um, der Raum war leer, hinter der Abgrenzung machten die Küchenmitarbeiter Lärm mit dem Geschirr. Es klirrte das Kleingeld in der Kasse. Aleksej klopft sich auf die Wangen, um etwas nüchterner zu werden, steckte sein Smartphone in die Tasche der Jacke. Dann ging er langsam zur Wand, hielt sich an dieser fest, als ob er sich in einem Labyrinth fortbewegen würde, ging zum Ausgang. Die Putzfrau schaute ihn vorwurfsvoll an.


Gut, gut, ich habe verstanden. Ich gehe….“

Tür, Vorraum, dann wieder eine Tür und endlich die Straße mit der frischen Luft nach dem Regen. Es schaukelte alles, Aleksej wurde schwindelig, deswegen beschloss er auf die andere Straßenseite zu gehen und sich auf die Abzäunung der Gartenanlage zu setzten und zu Atem zu kommen. Unter dem Fuß gluckste eine Pfütze. Aleksej fühlte, wie in seinem Schuh langsam die Socke nass wurde. Im Allgemeinen machte es ihn nicht traurig, und lenkte ihn nicht von dem Gedanken an seinen abgetretenen Gesprächspartner ab. In der Kälte fiel das Denken nicht mehr so schwer und nun schien Aleksej all das lustig zu sein, was er vor 15 Minuten für eine wahre Münze hielt.

„Nein, was ein Mist!…Er hat vielleicht erzählt…es tut mir nicht einmal ums Geld leid!…“

Die Übelkeit verschwand langsam und Aleksej dachte, dass es im Prinzip keinen Unterschied macht, ob die Geschichte, die Oleg ihm erzählt hat, wahr ist. Im Endeffekt ist es wichtig, dass sie schlüssig ist, man kann sogar ein Bild hinzufügen, dieses findet sich sicher im Internet. Aleksej stellte sich vor, wie seine Forschung zum Material der Woche sein wird oder sogar des Monats und er überlegte sich, wofür er die dafür erhaltene Premie, ausgeben würde. Er hat sich sogar einen Titel für den Artikel ausgedacht: „Moskau – das dritte, kosmische Rom“.

„Man muss unbedingt einen Text skizzieren, selbst wenn es nur ein Schema ist, noch sind die Eindrücke frisch…“ Aleksej machte den Voicerekorder aus und öffnete die Notizen, doch er verstand, dass in seinem Zustand etwas zu schreiben, vor allem in der Dunkelheit, unmöglich war, und er steckte das Telefon zurück in die Tasche. „Zuhause, alles zuhause…Zeit nach hause zu gehen…“

Er schüttelte den Kopf um noch etwas nüchterner zu werden und begann aufzustehen und sich in Richtung „Sauber Quellen“ zu begeben, als er bemerkte, dass nicht weit von ihm, auf irgendeiner Abzäunung irgend ein Mann sitzt mit einem abgetragenem Pullover Boys mit einem angeschwollenen Gesicht. Der Mann macht nichts und blickte auch nicht in die Richtung Aleksejs, doch ihm wurde irgendwie mulmig zumute. Er sprang abrupt auf und ging von dem Unbekannten weg.

Die Pankrat’jev-Gasse schaukelte vor den Augen Aleksejs oder er war es selbst, der vom Alkohol und dem schnellen Gang, schaukelte. Der Schrecken half ihm, schnell nüchtern zu werden. Aleksej drehte sich einige Male um, doch der Mann saß da, ohne sich zu bewegen, wie eine absurde, sowjetische Memme. Aleksej ging bis zum Ende der Gasse, bog in die ihm bekannten Höfe ab und fand sich nach einer Minute auf der Ananjevskaja wieder. Bis zum Boulevard und der U-Bahn war es nicht mehr weit.

In den Gassen war es absolut leer, nur in der Ferne bei dem Eingang zu einem Pub, standen einige Menschen.

Aleksej ging an einem zerfallenem Gebäude „Litgazety“ vorbei und begann langsamer zu gehen, damit die zufälligen Beobachter nicht denken, dass er weg läuft. Als er gerade langsamen Schrittes ging, hörte er hinter seinem Rücken irgendein schwaches Geräusch. Aleksej drehte sich um. Hinter ihm, ca. 50 Meter weiter, fuhr ein schwarzer Wagen. Er verlangsamte die Geschwindigkeit bis auf ein Schneckentempo, das Auto wurde ebenfalls langsamer. Der Schrecken begann wieder in seinen Schläfen zu pochen. Die Gedanken verwebten sich im Kopf.

„Soll ich in die Bar laufen und abwarten? Oder zum Boulevard gehen? Doch er ist so oder so schneller.“


Unerwartet, am Anfang der nächsten Gasse, wie ein roter, rettender Ring, kam in die Sicht das Zeichen „Backstein“. Aleksej rannte in dessen Richtung und als er an einigen Häusern vorbeigelaufen war, dreht er sich um. Das Auto zischte die Gasse entlnag und fuhr weiter. Aleksej lehnte sich an die Hauswand und warttete, bis das Herz sich etwas beruhigt.


„Ich sollte das Trinken aufgeben“, dachte er. „Ich bilde mir alles mögliche ein…“

Dazu kam noch, dass das Gefühl der Sorge nicht schwächer wurde. Um nicht zu riskieren und zurückkehren zu müssen, beschloss Aleksej in Richtung Sretenka zu gehen. Lukov-Gasse, in der er sich wieder fand, war absolut menschenleer. Nur in den Häusern leuchteten gelb die Fenster. Er erreichte fast sein Ziel, als der schwarze Wagen umdreht und in seine Richtung los fuhr. Aleksej war sich nicht sicher, dass es das selbe Auto war, doch er wollte es nicht überprüfen.

Links war ein Torbogen mit einem offenen Tor, er rannte mit aller Kraft in diese Richtung.

Aleksej rannte durch den Hof, in die parallele Gasse, doch das rote Auto wartete schon dort auf ihn.

Aleksej beka Panik. Er verstand nicht, in welche Richtung er gehen sollte, und huschte in den nächsten Torbogem, dann in einen weiteren, unter dem Quietschen der Bremsen, er rannte über die Sretenka und da waren wieder nur Höfe, Höfe, Höfe…Doch, egal wohin er lief, schaffte es der schwarze Wagen ihn einzuholen.

Aleksej wurde nun ganz schwach von der Flucht. Von dem Wodka und dem Bier pochte das Herz. In einem Hof, dessen Pforte verschlossen war, befand sich ein Spielplatz mit einem großen Sandkasten. Aleksej erreichte diesen und warf sich auf den Sand, in der Hoffnung, dass man ihn dort nicht sehen wird.

„Wenigsatens noch ein paar Minuten, um wieder zu mir zu kommen…“, dachte er und versuchte so leise wie möglich zu atmen.

Doch da erklang ein Quietschen, die Pforte öffnet sich, auf den Hof fährt das Auto, macht den Motor aus, die Lichter gehen aus. Man hört das Knacksen der Tür und ein leises Geräusch von Schuhen auf dem Asphalt. In der Manteltasche leuchtet das fast leere Smartphone…

Aleksej spürt keine Angst mehr, er schaut in den, nach dem Regen, klaren Himmel, in dem Sterne glänzen und die unendliche Kälte des Kosmos, und das Haus lacht ihn aus, ihn mit seinen schwarzen Augen anblinzelnd.

Julia Bocharova: „Eine besondere Atmosphäre“

„Vergesst nicht den Kautschukbaum zu gießen“, sagte die alte Mar’ja Petrovna, die ihre Gummischuhe auszog um die Sommerschuhe anzuziehen.

Sie war die Putzfrau in der Schule und liebte sehr diese Aufgabe mit all den Korridoren, Sofas in dem großen Raum auf der ersten Etage und den Tafeln, auf denen der Stundenplan hing. Sie liebte auch den großen Schauspielraum mit den schweren, Samtvorhängen und dem quietschenden Parkett, auch die Klassenräume und die Zone der Erholung für die Lehrer, und die Blumenecke in der dritten Etage.

Da wuchsen Drachenbäume, Kautschukbäume und irgendwelche üppigen Blumen mit unaussprechlichen Namen. Viele von denen kaufte Mar’ja Petrovna selbst und brachte sie in die Schule. Den Drachenbaum musste sie sogar stutzen: dieser war so hoch, dass er versuchte durch die Decke zu wachsen, in die vierte Etage. Bei niemandem zuhause wuchsen die Blumen so üppig. Wahrscheinlich war hier eine besondere Atmosphäre.

Die Schüler liebten die Blumenecke und kamen um zu schauen, wie sich die Früchte des Kautschukbaumes entwickelten und die Blüten vom Zitronenbaum zu pflücken. Die Kids aus der Biologieklasse halfen, die Erde in den Töpfen zu richten und lange, gebogene Zweige anzubinden.

Vielleicht wäre jemand anderer zu faul dafür, um ein solch großes Haus von vier Etagen aufzuräumen, doch Mar’ja Petrovna machte es mit Vergnügen und Liebe. Das Schulgebäude dankte es ihr: auf dm Boden gab es nie Schmutz, von den Wänden blätterte die Farbe nicht ab, sondern leuchtete, wie neu, sodass, diese sauber zu wischen ein Vergnügen bereitete. Und in den Fenstern war einfaches Glas, hinter welchem sogar der einfache Schulhof festlich und gepflegt aussah, als er es wirklich war.

„Ihr solltet die Beete jäten“, sagte die alte Putzfrau zu den Arbeitern, die dazu da waren, sich um den Schulhof zu kümmern, doch meistens waren sie faul und tranken Bier, auf der Bordüre sitzend, m Hinterhof.

„Lass mich sehen, was du da hast“, sagte sie zu einem Arbeiter und nahm die Flasche aus seinen Händen. Sie goss das Bier in die Kanalisation.“ „Pfui, welcher Deck. Es ist nicht schade um das Bier. Komm mit mir, ich muss dir etwas sagen.“

Das Gras verschonte sie und goss niemals Bier darauf, sie kaufte dafür extra Dünger. Die Arbeiter, welche in Zentralasien aufgewachsen sind und erzogen dort wurden, hatten nicht den Mut, sich zu widersetzen.

„Lasst uns mal gehen, ich helfe euch.“

Mar’ja Petrobna bemühte sich, die Beete zu jäten, das Gras zu ebnen und für die Arbeiter blieb nichts anderes übrig, außer sich zu ihr zu gesellen. Sogar die Schüler versuchten manchmal mitzuhelfen, obwohl Mat’ja Petrovna sie oft hetzte:
„Nun gehe, gehe, sonst wirst du noch schmutzig und die Eltern werden schimpfen. Deine Schuhe sind jetzt schon voller Lehm.“

Mar’ja Petrovna konnte sich selbst nicht mehr daran erinnern, wie viele Jahre sie hier bereits gearbeitet hat. Sie wurde zum Probearbeiten eingestellt, als sie gerade das zweite Kind bekam und sie die erste Tochter in die erste Klasse abgab. Wie ein Arbeiter der Schule, hatte sie Vergünstigungen. Ihre Tochter war sehr schöpferisch und etwas verpeilt, sie lebte in ihren ausgedachten Welten, dachte sich Märchenfiguren aus und erstaunliche Figuren.

Und mit realen Menschen konnte sie sich nicht unterhalten, sie hatte nie ihre Interessen vertreten und nahm sich bei Streitigkeiten zurück. Sie konnte ihr Schulbuch verlieren oder in der Umkleide ihre Kleidung vertauschen. Mar’ja Petrovna blieb, um nach ihr zu schauen und sie zu beschützen wie eine Pflanze. Und nicht umsonst: Bereits mit 15 Jahren gewann das Mädchen bei der Stadtolympiade im Bereich Literatur. Und mit 16 druckte man ihre Erzählungen in den Zeitschriften. Die Atmosphäre, welche ihre Mutter ihr geschenkt hat, erwies sich als gut für das schöpferische Wachstum. Die Tochter wurde schnell erwachsen, wurde zu einer Schriftstellerin, heiratete einen Italiener und zog mit ihm ans Meer.

Den Sohn schickte Mar’ja Petrovna in die gleiche Schule als er größer wurde. Er brachte auch die erste Blume in die Schule, schenkte diese seiner Mutter zum Muttertag. Der Junge wurde gehänselt, weil seine Mutter Putzfrau war und sich mit Lumpen und Besen beschäftigte. Und er beschloss, wenigstens ein wenig ihren Arbeitsort zu schmücken. Seitdem gab es in der dtitten Etage einen Sommergarten. Mar’ja Petrovna brachte weitere Blumen, das pädagogische Kollektiv schenkte ihr zu den Feiertagen Blumen in Töpfen. Der Sohn kam in den Pausen, um seiner Mutter mit den Blumen zu helfen und brachte es auch den anderen bei. Mar’ja Petrovna war freundlich zu den Kindern und um sie herum wuchs ein Kreis von Liebhabern der wahren Natur. Vor den Augen der Mutter verliebte sich der Sohn in ein Mädchen aus diesem Kreis. Er hinterlegte für Sie Nachrichten unter dm Kautschukbaum. Die beiden heirateten zwei Jahre nach dem Abschluss der Schule, als der Kerl in der Armee diente.

Der Sohn beschloss Soldat zu bleiben, bekam Leutnant-Achselstücke und zog weg, um im Fernen Osten zu dienen. Von dort schickte er der Mutter Pakete mit Krabben, rotem Kaviar und wildem Fisch, von dem man in der Heimatstadt noch nie gehört hat. Mar’ja Petrovna schenkte die Leckereien den Schülern, sie bracht ihnen auch selbstgebackene Keks. Und am liebsten schaute sie auf das Telefon, auf die Fotos ihrer Enkel. Die Schüler halfen ihr, mit Whatsap umzugehen: Die Frau war mit der modernen Technik nicht gerade befreundet.

Die Kinder Mar’ja Petrovnas waren bereits erwachsen und gingen jeder seinen Weg, und sie blieb weiterhin Putzfrau in der Schule. Sie fühlte sich verbunden mit der Aufgabe und den Schülern. Hier wurde für sie alles vertraut. Manche nannten sie scherzhaft Sehenswürdigkeit der Schule, etwas untrennbaren von der Schule, einer Folklorefigur ähnelnd, die auf das Haus aufpasst. Die ehemaligen Schüler brachten ihre Kinder her und begrüßten Mar’ja Petrovna mit einer besonderen Wärme und erzählten ihr von ihren Erfolgen.

Auf dem Schuljubiläum rief man die Putzfrau auf die Bühne, doch sie tat es nicht weil sie schüchtern war. Sie klatschte in die Hände im Zuschauerraum.

Doch es kam der letzte Tag Mar’ja Petrovnas in dieser Schule. Die neue Leitung begleitete sie in die Rente.

„Wir ehren Sie sehr, Mar’ja Palna“, sprach der junge Direktor und drückte ihre Hand.

„Petrovna“, korrigierte ihn die Putzfrau, die sich für die Hand schämte mit der rissigen Haut und den geschwollenen Venen, sie versteckte sie sofort unter der Weste.

„Petrovna“, war der Direktor einverstanden und nickte.

„Wozu kündigen Sie mir dann?“ verstand die Putzfau nicht und blinzelte mit den welken Augen.

„Nicht kündigen, sondern in die Rente begleiten, teure Mar’ja Palna, als Dank für Ihr langjährige Mühe für den großen Nutzen dieser Schule. Wir respektieren Sie und schlagen Ihnen deswegen vor, in die verdiente Rente zu gehen.“

„Nun brauche ich aber keine Erholung. Ich werde nicht müde: setze mich hin und stehe wieder auf…“

„Da sind Sie sehr selbstlos wie all unsere Alten, und dafür respektieren wir sie. Doch ein Mensch in Ihrem Alter soll ein großes Gebäude nicht aufräumen. Das widerspricht der Norm des Arbeiterkodex. Wie alt Sind sie eigentlich?“

Zwei neue Sekretärinnen, die der Direktor mitgebracht hat, nahmen die Putzfrau an der Hand und setzten sie in den Sessel. Sie machten es etwas schüchtern und mit Angst, als ob die Alte aus dünnem Zigarettenpapier bestand und kurz davor war zu zerfallen – sollte man eine ungünstige Bewegung machen. Eine seltsame Sache: zwei Putzfrauen konnte sich die Schule nicht leisten, vom Budget her, und zwei Sekretärinnen schon.

„Das verstehe ich nicht.“, dachte Mar’ja Petrovna und presste sich die Lippen aneinander.

Sie atmete aus und stand von ihrem Sessel auf, in den sie mit so viel Sorge gesetzt wurde.

„Nun denn, danke für die Teilnahme. Nun gehe ich. Vergesst bloß nicht die Kautschukbäume zu gießen“, sagte Mar’ja Petrovna zu den Sekretärinnen. „Diese brauchen Liebe und Aufmerksamkeit.“

„Ja, ja“, sprachen die Sekretärinnen und nickten, genau so wie der Doirektot.

Das gleiche sagte die ehemalige Putzfrau zu der Wache unten als sie sich die Schuhe umzog und mit einem Blick des Abschiedes das Schulgebäude betrachtete.

Mar’ja Petrovna verließ dieses für immer.

Seitdem wurde die Schule die aller gewöhnlichste, wie tausend anderer Schulen in kleinen Städten und Dörfern. Die Farbe an der Wand begann abzublättern, das Linoleum sich zu wellen und mit Rostflecken zu bedecken. Und die Kautschukbäume gab es nicht mehr. Wahrscheinlich geschah etwas mit der Atmosphäre.

Olga Krushenickaja: „Die Legende über Aishe-Bibi“

Die Legende über Aishe-Bibi

Ein Kapitel aus dem Roman „Die Sonne geht im Osten auf.“

Irina erreichte das Ende der Straße. Hinter der Trasse begannen die Hügel, sich streckend zu den Schneebergspitzen. Das Dorf Burnoe steht auf dem Plateau. Drumherum die Ausläufer des Karatau, Alatau und Boraldaj. In der Höhe verstecken sich Seen, von diesen laufen schnelle Bäche, die den Weg zwischen den Steinen ebnen. Im Frühling sind sie voller Wasser und Geräusche, spielend rollten sie die Steine. Zum Herbst wurden sie trocken und verwandeln sich in kaum sichtbare Rinnsale.

Während sie ging, wurde sie von einem Hirten auf dem Pferd überholt, der eine kleine Herde im Vorgebirge antrieb. Die Kühe gingen gleichgültig vorbei. Der Hirte drehte sich im Sattel um, um Irina zu beobachten. Der dunkelhäutige Kerl war ihr nicht bekannt. Zu jung, wahrscheinlich geboren, nachdem sie weggefahren ist.

Irina wollte gerne zum See hoch steigen. Sie besuchte diesen einmal mit ihrem Vater, als sie zwölf war. Sie erinnerte sich daran, wie die Wolken sich auf der Wasseroberfläche spiegelten, so als ob sie im Himmel war, dort wo Großmutters Gott lebt. Ein besonderer Ort, doch um diesen zu erreichen, braucht man ein Auto, gutes Schuhwerk und einen Führer. Selbst würde man den Weg nicht finden.

Irina war im Internet mit vielen aus Burnoe befreundet, manch einer emigrierte nach Deutschland, Russland, Kanada oder die USA. Fast all ihre Klassenkameraden sind emigriert, und diejenigen, die geblieben sind, waren nicht im Netz registriert.

Sie bestieg den nächsten Hügel, dahinter noch mehr Hügel, bis zum Horizont, wo die Berge mit dem Himmel sich verbanden. Hier hat sich nichts verändert. Unter den Füßen krümelte sich die Erde des Sommers, weit vorne sah man die Bergspitzen. Über diesen Wattewolken und ein unendlich weiter, blauer Himmel,

Nach einer Nacht im Zug, machte der Geruch der Gräser Irina betrunken, so als ob sie Likör trinken würde. Irgendwann, lange her, als sie zehn Jahre alt war, besuchte sie mit ihrer Klasse Dschambul und der Kopf drehte sich genau so wie damals.

Der kleine Bus torkelte zwischen den Hügeln. Irina beobachtetet die mit Lippenstift gefärbten Lippen der Reisebegleiterin, diese trug ein leuchtendes, himbeerfarbenes Kleid. Die Mutter, Großmutter und Lehrer Irinas, schminkten sich ganz dezent, fast gar nicht bemerkbar. Es ist peinlich, an das Äußere zu denken, sagte die Großmutter.

Jeden Morgen zog sich die Großmutter einen Schürze über das Kleid und begann mit der Arbeit.Sie fütterte Hühner und Schweine, zupfte das Gras. Schaffte es für das Frühstück einen Berg Blinis zu braten, und wenn sie sich an den Tisch setzte, dankte sie immer dem Schöpfer. Irina wunderte sich: „Wozu? Sie hat es schließlich selbst gekocht.“

Im Schlafzimmer der Großmutter, zwischen dem Fenster und dem Schrank, hing ein kleines Kruzifix, relativ versteckt.

„Damit es niemand sieht, den es nichts angeht“, murmelte sie einmal.

Vor dem Schlafen setzte sie sich vor dem Kruzifix auf die Knie, leise flüsternd. Und zur gleichen Zeit, vor dem anderen Fenster, saß die Mutter und betete ebenfalls ohne Geräusche. Im Mondlicht sah sie sehr schön aus, im Nachthemd mit offenem Haar. Ein echtes Geheimnis.

Die Großmutter ihr gegenüber, sah schlicht aus, versteckte die Haare unter dem Tuch, auf den Schultern ein Schal.

Die beiden sehen sich so ähnlich und sind trotzdem ganz unterschiedlich.

Die Großmutter wurde im Jahr 1941 aus Polvozh’ja deportiert. Sie war damals fünfzehn Jahre alt. Der Vater wurde abgeholt, und sie, die Brüder und die Mutter wurden in einen Wagon gesetzt, der eigentlich für das Vieh gedacht war. Solche Waggons nannte man auch „Kälber“. Man fuhr los. Die Großmutter erzählte, dass um den Bauchschmerz zu vertreiben, sie Stückchen von dem Ledergurt des älteren Bruders abnagte. Er hustete. Dann lief roter Schaum aus seinem Mund. Bis irgendwann der Atem stehen blieb. Dann wurde die Mutter krank. Sie und der jüngere Bruder wurden in einen anderen Wagon gebracht, und Großmutter sah sie nie wieder. Sie blieb allein zwischen hundert deutschen Umsiedlern.

Wie lange sie so fuhren, konnte sich nicht sagen. Tage und Nächte zu dem Klopfen der Räder wurden zu einer qualvollen Situation, sodass man gar nicht unterscheiden konnte, ob doch in dieser oder jener Welt bist. Doch eines Tages blieb der Zug stehen. Die Waggons wurden geöffnet, die Menschen, auf ihren wackeligen Beinen, gingen heraus, die Augen geblendet von der Sonne, und sich aneinander haltend. Das erste, was sie in dem abendlichen Licht sahen, waren Zuckerspitzen, wie eine Fata Morgana. „Station Burnoe“, las die Großmutter auf der Tafel. Ein böser Mensch in Uniform, der sich den Nacken rieb, befahl ihnen zu warten.

Die Großmutter erinnerte sich, dass die Menschen die ganze Nacht auf dem Gleis gesessen haben, sich einmummelnd in das was sie schafften, mitzunehmen von Zuhause. Und was hatten sie geschafft? Man klopfte nachts an der Tür, las den Befehl vor und dann los.

Die Großmutter wollte sich nicht an diese Zeit erinnern. Sie bekreuzigte sich und verstummte.

Die Mutter Irinas besaß Puder und eine Wimperntusche aus Leningrad, die man anfeuchten mussten. Die Mutter verteilte darauf akkurat die Spucke. Irina und ihre Freundinnen spuckten mit aller Kraft.

Zu all den Festen zog sich die Mutter das mausfarbene Kleid an mit einem weißen Kragen. Wie Irina in Aufruhr geriet von den Ratschlägen der Mutter, Kleidung von dezenter Farbe zu wählen.

Und wie sie die Reisebegleiterin verzauberte, ohne dass sie ihren Blick nicht von ihren vollen Lippen nehmen konnte.

Und diese, als ob sie Spitze weben würde, webte eine Erzählung über die Dynastie der Karahanider, die im 10. Jahrhundert das Siebenstromland aufteilten. In jedem Bereich saß sein eigener Herrscher. Der sogenannte Kagan, so selbstständig, dass er sogar die Münzen mit seinem Namen beschriftete. Seine Verwandten errichteten Kriegsabteilungen und sammelten Steuern von einfachen Hirten.

An eine Geschichte konnte sich Irina fast Wort zu Wort erinnern.

Im 11. Jahrhundert lebte der Herrscher Karahan aus einem nicht ganz bekannten Stamm. Sein Reichtum war die langjährige Verwandtschaft mit dem Kagan von Taraz.

Eines Tages, als Anführer von dreißig Reitern fuhr Karahan heraus um Steuern einzusammeln. Sein Weg führte ihn an vielen Weideplätzen vorbei, die verteilt waren entlang der Berge…

Irina fuhr Bus und stellte sich vor, wie auf dem Weg Karahans die Sonne im Osten aufging, die Steppe mit ihrem Licht füllend und das trockene Gras glänzte wie Gold. Die Pferde trugen die Reiter geradewegs, von ihren Hufen flogen Zikaden und Grashüpfer. Die Ziesel, welche die Gruppe von weitem sahen, versteckten sich in ihren Höhlen. Oben im Himmel flog ein Steinadler, der abwartete, bis die Reiter weg sind, um seine Jagd fortzusetzen.

…Karahan hielt den Weg Richtung Gebirgspass, er musste bis zu den weiten Auls fort dringen. Er hat sich schon daran gewöhnt, dass man seine Gruppe nicht mit Freud empfing, die Reiche brachten scheinbare Ehrenbezeigungen entgegen, um nach Taraz weniger Güter zu schicken.

Vor einem gedeckten Dastarhan erzählte man sich mit heißen Gesichtern über die Dürre, den Frost, den Verlust von Vieh, Krankheiten oder irgendwelchen Gefahren, die ihre Herden überrumpelten.

Man lachte, schenkte die besten Pferde, lobten den Verstand und den Mut Karahans, und bei dem Fortritt schickten sie böse und stachelige Blicke in Richtung seines Rückens.

Deswegen schloss Karahan, als er zu den Weideplätzen kam, sein Herz und nahm das Schwert heraus.

Für einen guten Dienst versprach Kagan Karahan ein Grundstück – eine Ikta. Leben und sich freuen, die Herde vergrößern, heiraten und Kinder gebären.

Doch all das gefiel Karahan nicht, er wollte im offen Kampf aufeinander treffen.

Man setzte ihn in einen Sattel und legte einen Stock in seine Hände, bevor er es gelernt hatte, zu gehen. Seine Bestimmung sah er darin, die Erde zu verteidigen von den Stürmen anderer Stämme – darin hat er seine Bestimmung gefunden. Doch es stellte sich heraus, dass er nur zwei Wege hatte: entweder das Einsammeln von Steuern, oder die Karawanen zu bewachen.

Kurz vor dem Sonnenuntergang erreichte Karahans Abteilung das reiche Aul von Hakim-Ata. Karahan beeilte sich und betrat die aller größte Jurte, die sich unterschied von ihren einhöckrigen Brüdern, wie ein riesiges, weißes Trampeltier.

Karahan verlangsamte seinen Schritt vor der Tür, in Gedanken zog er sich die beschützende Kuppel an. Er hängte den Mantel neben den Eingang, als sich plötzlich die Türen öffneten und aus der Jurte eine junge Frau herauskam. Wie alt wird sie sein, fünfzehn – sechzehn?“

Karahan bewunderte die helle Pfirsischhaut und die schwarzen Brauen. Die Frau wurde verlegen, senkte ihr Gesicht und rannte los. Ihre Amme, die ihr hinterher rannte, schnalzte unfreundlich mit der Zunge.

Karahan vergaß nicht nur die Kuppel, doch auch warum er eigentlich hier war. Er trat zurück, um der jungen Frau den Weg frei zu machen, und blickte sie an. Der Rock bedeckte ihre Beine, und sie wie eine mythische Gestalt, flog, ohne die Erde zu berühren.

Karahans Herz begann eilig zu klopfen, so wie ein gefangener Vogel in den Händen des Fängers zittert.

„Salam Alejkum, geliebter Karahan“, hörte Karahan aus der Tiefe der Jurte die Stimme Hakimats.

Es war, als ob ein eisiges Bergwasser aus einem Bach Karahan erschauern ließ,

Hakim-Ata saß am tiefen Tisch. Ein Filzteppich aus Kamelhaar schütze vor der nächtlichen Kälte, auf den Wänden und dem Boden der Jurte. Karahan begrüßte Hakim-Ata höflich, legte sich vor den Tisch und begann darüber zu sprechen, dass er morgen, zum Sonnenaufgang gerne herausfahren würde, um zum Mittag Taraz zu erreichen.

Hakim-Ata ochte, ließ wissen, wie eine Großmutter, die weinte, dass er es bis zum Morgen nicht schaffen würde…Bis jetzt ist nicht einmal die Hälfte fertig…

Karahan hörte fast in jedem Aul solche Reden. Ein jeder möchte die Zeit anhalten, freundlich sein, damit man die halbleeren Säcke die Tiere loszuschicken. Und da betrat, wie eine Sonne, die junge Frau, die er soeben bei der Tür getroffen hat.

Hakim-Ata verzog das Gesicht und öffnete den Mund, um zu schimpfen, dass sie nicht rechtzeitig kam, doch blieb still, als er bemerkte, wie Karahan sie anblickt.

„Meine Tochter, Aischa.“

Die Frau setzte sich links vom Vater. Sie verlor kein Wort, beobachtete nur selten Karahan mit einem schnellen Blick. In solchen Augenblicken verlor Karahan den Faden des Gesprächs, sich nicht daran erinnernd, was er sagen wollte.

So wie ein Funken in einem trockenen Zweig leuchtet, so verwehte die Liebe das Feuer im Herzen Karahans. Ohne sich zu widersetzen, gab er Hakim-Ata die Einverständnis für zwei Tage zu bleiben. Nur sollte man das Feuer in der Brust löschen, weg fahren wohin die Augen blicken. Nur um Aisha zu sehen und wieder zu sehen.

Lange vor dem Schlaf saß Karahan bei dem Fluss. Gedankenverloren schmiss er Wasser in das fließende Wasser. Der schnelle Strom trieb sie schnell die Strömung entlang, manchmal fielen die Steine mit einen dumpfen Schlag auf das winzige Wasser.

Karahan verstand, dass Hakim-Ata ihm ablehnen würde: er ist von einem ehrenvollen Stamm, Aisha ist seine einzige Tochter. Wird er die teure Schönheit einem solchen wie Karahan abgeben? Und die Frau stehlen, wie es angebracht war in der Steppe, wenn nicht genug Geld hat für Kalym oder die Eltern dagegen sind.

Karahan konnte nicht, er kam in der Sache des Kagans, er wollte nicht seinen Namen beschmutzen mit dem Diebstahl der Braut zu beschmutzen.

Karahan wachte bei Sonnenaufgang auf mit dem Gedanken, dass er mit Aischa reden möchte. Im Aul Hakim-Atas stehen einige Jurten, doch Karahan fand noch am Abend jene, in der Aischa mit ihrer Amme Babadzha-Hatun lebte. Um die Spuren des Schlafes und schwerer Gedanken zu vrdrängen, nahm Karahan das kalte Wasser aus dem Brunnen in seine Hände und spritzte es sich ins Gesicht. Die Kälte brannte auf der Haut und lief mit einer Frische den Hals herunter bis zum Herzen.

Aisha ging aus der Jurte, wie eine Sonne, und beleuchtete alles Im Umkreis. Karahan verglich sie mit einem Vogel, welcher im frühen Frühling auf die ebene Erde kam. Nur was ist es? Dunkle Schatten lagen unter den Augen der Frau, die Haut wurde blass, die Brauen noch dunkler. ES sah so aus, dass auch für Aisha diese Nacht ohne Schlaf verlief.

Die Frau blieb vier Schritte vor Karahan stehen und blickte ihm offen in Gesicht. Als ob sie ihm in die Seele blicken würde, dachte Karahan. Vor Sorge trocknete seine Zunge aus, so als ob er zwei Tage nichts getrunken hätte.

„Ich habe viele Frauen gesehen“, sprach mit einer heißeren Stimme Karahan. „Nicht eine hat mich so berührt wie du. Du bist für mich wie Luft, wie der Himmel, wie die Sonne, ich denke nur an dich. Kann es denn ein Leben ohne Sonne geben?“

Ausha-Bibi hörte zu ohne ein Wort zu sagen. Ihre Wangen wurden rosa, der Atem beruhigte sich.

„Sage, möchtest du mit eine Sonne, ein Mond sein, das Feuer in meiner Jurte hüten und meine Söhne großziehen?“

„Du bist für mich auch wie Licht“, flüsterte Aisha, wurde dann jedoch unsicher, blickte sich um und sagte: „Wohin du, dorthin auch ich.“

In diesem Augenblick zeigte sich die Amme mit einer Karaffe auf der Türschwelle:

„Aisha, geh in die Jurte.“

Aisha drehte sich um:

„Babadzha-Apa, ich komme gleich.“

Und sie erstarrte, während sie in Karahans Augen blickte. So standen sie da, ohne Kraft nur ein Wort zu sagen, ohne sich einander zu nähern und sich voneinander zu entfernen. Bis die Amme kam, sie an sich zog und Aisha in die Jurte zerrte.

Die Rede von der entflammenden Leidenschaft verbreitete sich schnell im Aul. Die junge Ehefrau Hakim-Atas, als sie ihm morgens seinen Mantel gab, sprach:

„Die Menschen sprechen, dass Karahan bei Sonnenaufgang heimlich mit Aisha gesprochen hat.“

Hakim-Ata knirschte mit den Zähnen: wohin hat Babadzha geschaut?

„Sie ist alt geworden, ich sagte doch, sie schaut schlecht. Man muss sie austauschen.“

Hakim-Ata sagte nichts. Babadzha kümmerte sich seit dem Säuglingsalter um Ausha. Als die Mutter Aushas im Sterbebett lag, bat sie, dass man Babadzha von all ihren Pflichten befreit, und diese ihre ganze Zeit der einzigen Tochter widmet. Er verbeugte sich, und sagte, dass er ihren Willen erfüllen wird und konnte den Schwur nicht brechen. Babadzha-Hatun sorgte sich um Aisha, wie um eine sehr kostbare Blume. Eine bessere Amme kann man im ganzen Siebenstromland nicht finden.

Das Leben im Aul wurde turbulenter. Die Frauen bereiteten den Dastarhan für den Abend zu, die Männer verbrachten die Zeit im Gespräch, in sich den Geruch des kochenden Fleischs aufsaugend, welcher über den Kesseln hing.

Welcher Kasache liebt nicht einen guten Toj. Alle sind froh, die Sorgen des Tages zu vergessen, gut zu essen, die Lieder eines Akyns zu hören und einfach zu reden.

Karahan fand keinen Platz inmitten der allgemeinen Vergnügung. Sein Verstand riet ihm, weg zu fahren, ohne sich zu erklären, dann wieder zurückzukehren. Doch sein Herz klopfte, dass man nicht zu langsam vorgehen sollte, dass man Aisha in seiner Abwesenheit einem anderen zur Braut geben wird.

Am Abend, als die erste Portion des Hammelfleisches schon aufgegessen war und das zufriedene Sattheitsgefühl alle am Tisch beglückte, nutzte er den Augenblick und rief Hakim-Ata zum Gespräch.

„Wenn du die Fohlen meinst, dann mache dir keine Sorgen, die besten kommen morgen früh vom Weideplatz“, sprach Hakim-Ata und richtete seinen Mantel.

Hakim-Ata war nicht mehr jung, sein ganzes Haar hatte einen grauen Ton. Er hatte es bald gelernt, die Dinge zu seinem Gunsten zu wenden.

Karahan machte sich dagegen Sorgen, wie ein blitzschnelles Pferd, das nur an das eine denkt:

„Hakim-Ata, ich sah deine Tochter und verlor die Ruhe. Ich bitte dich, gib sie mir als Frau. Ich zahle dir, was du möchtest. Ich werde mich um sie sorgen und sie verhätscheln, ich schwöre bei meiner Mutter.“

Hakim-Ata richtete sich den Bart und begann folgendes Gespräch:

„Karahan, teurer, du bist ein ehrenvoller Mensch, ich würde dir mit Freude meine Tochter zur Braut geben. Als sie gerade geboren wurde, da versprachen Adzhamal-Ata un ich uns, dass unsere Kinder unsere Freundschaft retten werden, sein Sohn und meine Tochter. Nun sind unsere Verhältnisse seit einiger Zeit etwas unterkühlt und es kann geschehen, dass der zwölfte Frühling Aishas naht, und die

Söhne Adzhamals nicht wiederkommen. Dann können wir noch einmal darüber sprechen.“

Vor dem Sonnenaufgang ist die Luft durchsichtig und kühl. Über die Erde breitet sich ein Nebel aus, er ummantelt die Gräser. Die Pferde scheinen in der Steppe zu wandeln. Die Abteilung Karahans kann man kaum erkennen bei dem Morgennebel, er verließ den Aul Hakim-Atas noch bevor sich der obere Rand der Sonnenscheibe zeigte.

Hakim-Ata begleitete Karhan und eilte in die Jurte Aishas. Babdzha-Hatun, eine hohe, noch nicht alte Frau, saß am Eingang mit einer Teeschale in den Händen. Als sie Hakim sah, stand sie auf.

Er antwortete mit dem Nicken des Kopfes zur Begrüßung und fragte heißer:

„Schläft Aisha?“

„Ja, ich komme gerade von ihr.“

„Gehe, und schaue, dass sie nicht raus geht.“

„Wie konnte sie weggehen wenn ich hier sitze?“

„Gehe doch bitte“, bestand darauf Hakim-Ata.

Babadzha stand unerwartet forsch auf, betrat die Jurte und kehre mit einer Teeschale zurück, die voll mit Milch war:

„Sie schläft, Ajnalajyn, und das ist für dich“, die Amme reichte ihm die Teeschale. „Kamelmilch, vom heutigen Melken. Wenn man sie morgens auf Anhieb austrinkt, wir man nicht alt.“

„Man wird mich noch für ein Kameljunges halten“, scherzte Hakim-Ata und nahm die Teeschale an sich.

Sechs Tage lang wachte Hakim-Ata bei Sonnenaufgang auf und kam zu der Jurte Aishas, um so zu tun, als würde er nur Kamelmilch trinken wollen und er ging wieder zurück um am nächsten Abend und Morgen wieder zurück zu kehren. Jedes Mal befahl er Babadzhe:

„Schaue gut nach Aisha, damit man sie nicht stiehlt. Karahan ist ein forscher Kerl,“

Er stellte eine Wache auf, doch fuhr fort sie selbst zu überwachen. Und wie oft er auch hin ging, er traf sie nicht. Nur am siebenten Tag wurde er nicht von Babadzh-Hatun getroffen. Kaum ging die Sonne auf, kam Hakim-Ata zur Jurte und begegnete nur der Wache, die schnarchend, fest schlief und sich an die Jurte lehnte. Schon hatte er ein seltsames Gefühl. Hakim-Ata weckte ihn mit einem Tritt und betrat die Jurte. Alles auf seinem Platz als ob die Hausherrinnen für Ordnung schufen vor dem Empfang der Gäste, so dass sie sogar ihren Geist wegwischten. Hakim-Ate blickte sich um: es war niemand da! Von Aisha und Babadzhi-Hatun gab es nicht einmal ein Haar.

Wie ein Wahnsinniger sprang Hakim-Ata aus der Jurte, schrie und deutete mit den Fäusten in den Himmel:

„Über sechs Flüsse kannst du gehen, jedoch nicht über den siebenten!“

Als die Menschen auf seine Rufe hin erschienen, befahl er ihnen:
„Fangen, zurückholen!“

Zu dieser Zeit standen Aisha-Bibi und Babdzha-Hatun schon weit hinter den sechs Flüssen und hielten ihren Weg Richtung Taraz. Es war ungewöhnlich im Sattel zu sitzen.

„Amme ich sehe einen Fluss, lass uns den Pferden zu trinken geben.“

„Wie du meinst, Zhanym“ , erklärte sich Babadzha bereit.

Als sie stehen blieben, blickten sie sich zuerst um, ob sie nicht verfolgt werden, und erst danach machten sie Rast. Die müden Pferde machten sich sofort auf den Weg zum Wasser.

Aisha wollte sich waschen, zog ihren Saukel aus und legte ihn auf das dichte Gras bei dem Ufer. Viele Male schöpfte sie das Wasser in die Hände und führte es zum Gesicht, bevor sie den inneren Durst löschte.

Babadzha hielt die Pferde bereits am Riemen, bereit weiter zu reiten, doch Aisha konnte sich nicht vom Wasser los reißen.

„Aisha, Zhanym, beeile dich“, überredete sie die Amme. „Ich meine, ich höre das Trampeln von Pferden.“

„Das hast du dir nur eingebildet, Amme. Alles ruhig.“

„Meine Sicht ist immer schlechter, und mein Gehör immer besser. Glaube mir, sie nähern sich.“

Aisha schnappte sich das Saukel, zog es an und hätte beinahe los geschrien. Sie wurde blass, schmiss ihre Kopfbedeckung runter und daraus sprang eine kleine Schlange, die wieder zurück ins Gras kroch. Babadzha rannte zu Aisha und schaute sich die kleine Spur des Bisses auf der zarten Haut neben dem Ohr an, näher zum Hals, dort wo die Vene pulsiert.

Mit Aisha in den Händen fiel Babadzha auf die Knie und begann zu beten:

„Oh Gott, hilf uns!“

Die Haut Aishas wurde blass, wie eine Ebene, die gerade vom Schnee bedeckt wurde. Babadzha führte ihre Hand durch das Gesicht Aishas, warf die Zöpfe aus dem Gesicht und ochte. Den Hals Aishas bedeckte in einem Augenblick ein rotes Spinnengewebe, so als ob eine durchsichtige Spinne es geschafft hätte, ein Netz unter der Haut zu weben. Auf den zwei Wunden zeigten sich Tropfen Blut.

„Amme, mir wird schrecklich schwarz vor Augen. Das Gras und der Himmel wurden dunkel.“

Babadzha näherte ihre Lipppen den Wunden, zog das Blut und das Gift ein. Doch zu spät. Aus der Brust Aishas hörte man Stöhnen, sie machte die Augen zu und ging in die Vergessenheit.

„Aisha, blicke mich an! Spreche mit mir!, schrie Babadzha.

Als Antwort hörte sie nur das Rascheln des Schilfrohrs und das Trampeln von Hufen. Doch was bedeutet das für Babadza, wenn ihr geliebter Zögling sich in Todesgefahr befindet.

Als sie die Reiterden beiden Frauen genähert hatten, sprang einer von ihnen vom Pferd und näherte sich ihnen. Die Amme hob die Augen, voller Tränen und atmete mit Leichtigkeit aus: vor ihr stand Karahan.

„Eine Giftschlange!“, war das einzige, was Babadzha-Hatun sagen konnte.

Karahan nahm vorsichtig Aisha und trug sie wie einen gerissenen Zweig. Für eine Sekunde machte sie die Augen auf und flüsterte:

„Oh, Karahan, meine Seele!“

„Aisha, Aisha-Bibi, ich bin bei dir. Nur lebe! Ich fahre dich zu einem Heiler, du wirst wieder gesund, wir werden nun für immer zusammensein.“

Karahan trieb sein Pferd auf den Weg nach Taraz an. Das Pferd stöhnte, rollte wahnsinnig die Augen, doch er flog vor der Gruppe der Reiter, obwohl er zwei Menschen auf sich trug.

Babadzha-Hatun bemühte sich mit allen Kräften, hinter herzukommen.

Als man in der Weite Mauern sah, stöhnte Alisha, die bisher geschwiegen hatte:

„Bleibe stehen, ich bitte dich.“

Dünne, Blutrinnsale flossen aus ihrer Nase und den Lippen. Karahan legte Aisha auf die Erde, legte seinen Mantel unter ihren Kopf.

Aisha machte weit die Augen auf, als ob sie den Himmel in sich hereinlassen wollte, sie streckte sich und wurde für immer still.

„Aisha, Aisha, gehe nicht weg!“, schrie Karahan.

Babadzha-Hatun, die sie eben erreicht hatte, nahm Aisha an der Hand. Sie spürte die tödliche Kälte ihrer Haut und begann zu weinen:

„Ooh, Himmel, warum hast du nicht mich geholt?“

„Sie ist gestorben, gestorben“, flüsterten die Reiter der Abteilung.

Karahan hörte es, doch verstand nicht, was sie sagen. Trauer riss sein Herz auseinander, störte den Verstand.

Warum bestraft der Himmel ihn? In seinem achtundzwanzigsten Frühling traf er seine Liebe und verlor sie sodann. Woran hatte er Schuld? Er stöhnte wie ein verletzter Wolf und fiel schluchzend auf die Erde. Die Reite blieben neben ihren Pferden stehen und senkten ihre Blicke.

Karahan wurde wahnsinnig vor Trauer. Nachdem man Aishas Körper der Erde übergab, verschloss er sich für einige Tage, sprach mit niemandem, trank und aß nichts. Und als er zu sich kam, stellte er die Jurte neben das Grab und rief berühmte Meister. Er verkaufte fast alle seine Herden, damit Aisja einen besseren Ruheort fände.

Die Steine für das Gebäude wurden nach einem Geheimrezept angefertigt, indem man dem Ton Bronze zufügte, Tierfett und Gold. Die Steine klangen, wenn man auf sie klopfte. Und als das Mausoleum fertig war, stellte sich heraus, dass man darin nur im Flüsterton reden kann. Selbst wenn man mit einer leisen Stimme sprach, wurden die Worte in den Umkreis geweht und der Liebste konnte hören, wer die Ruhe Aisha-Bibis gestört hatte.

Bei Regenwetter klang das Mausoleum wie einer Orgel.

Einige Meister saßen drei Jahre bei den Kacheln und malten Muster. Karahan nahm jede Kachel an sich, hielt sie in den Händen, als ob er seiner Liebster Wärme geben wollte.

Auf die vier Säulen des Mausoleums stellte man eine hohe Kuppel, der an ein Saukel erinnerte.

Babadzha-Hatun wurde zur Wächterin des Mausoleums und als ihre Zeit kam in die andere Welt zu gehen, da bauten Karahan und Babadzhe-Hatun eine Nische in zwanzig Schritten vor Aisha.

Karahan befahl auch sich selbst so zu beerdigen, damit man von seinem Grab das Mausoleum Aisha-Bibis sehen konnte. Alle drei Mausoleen sind bis in die heutige Zeit erhalten.

Die Reisebegleiterin wurde still. Die in den vorderen Reihen sitzenden hörten leise ihren Erzählungen zu, jedoch im hinteren Teil des Busses spielte man laut und mit Lachen irgendwelche Spiele. Jemandes Mütze flog durch die Luft. Der Reisebegleiter blickte auf die Kinder besorgt un setzte sich. Sie trank einen Schluck Wein, nahm einen Spiegel hervor, Puder und Lippenstift. Puderte sich die Wangen und die Nase, färbte ihre Lippen. Irina beobachtete sie, ohne zu blinzeln. Diese Frau schien nie die Regeln gehört zu habe, welche Irinas Mutter und Großmutter sie gelehrt hatten.

In dem Dorf Golovachenka bog der Bus um. Er fuhr etwas auf dem schmalen Weg zwischen den Bäumen und blieb stehen. Die Kinder warfen sich laut aus dem Bus. Die Erwachsenen stellten sie zu Paaren auf und führten sie zum Mausoleum. Genauer zu dem, was davon übrig geblieben ist – ein Torbogen, ein Pfeiler und eine Wand. Über den Ruinen, wie über einem Grab einer schlafenden Schönheit, zeigte sich ein Sarkophag aus Glas.

„Und wenn man diesen tritt, zerbricht er?“, fragte einer der Jungs.

„Das ist eine Sicherheitskuppel, um das Gebäude vor dem Zerfall zu retten“, klärte die Reisebegleiterin sie auf. „Schaut auf die Kacheln. Eine jede von ihnen ist 18 Zentimeter groß, so alt wie Aisha wurde, Und auf die achtzehnte Kachel malte der Meister eine arabische Zeile: „Herbst…Wolken…Erde wunderschön.“

Irina schaute sich unter die Füße. Das Gras war längst trocken. Von den Pappeln des herwehenden Windes wurde Laub aufgewirbelt, dieses flog durch die Luft und legte sich auf die Erde. Auf dem Horizont zeigten sich die ewigen Bergspitzen. Die Sonne leuchtete hell, doch war sie nicht so warm wie im Sommer. Durch den blauen Himmel schwammen die seltenen Wolken.

Kirill Sharypin: „Literarisches Fastfood. Erzählungen.

Bei der Vorstellung

„Doktor, er liebt mich nicht! Ich bin rein, adrett, schön und sexy. Sehen Sie auf mich Doktor, ist es nicht so?“

„So ist es.“

„Warum liebt er mich dann nicht? Er möchte mich anderen Menschen nicht zeigen. Schämt er sich für mich? Oder gefalle ich ihm nicht. Gefalle ich Ihnen, Doktor? Was sagen Sie über mich?“

Sie sind eine schöne, blonde Frau. In Ihnen ist alles. Ob Sie mir gefallen oder nicht, das kann ich nicht sagen wegen professionellen Überzeugungen und Verboten.“

„Er fand mich zuerst, verstehen Sie? Als ich ihn im Supermarkt sah, verstand ich sofort, dass es alles ist! Ich habe mich in ihn verliebt. Er ging lange durch das Geschäft, blickte mich an doch entschied sich nicht mir zu nähern und dann machte er es! Er nahm mich und brachte mich weg. Ich zitterte vor Glück. Doch wofür? Für eine solche Beziehung mit mir? Ich habe ihn nicht verdient. Er verlässt mich praktisch jeden Tag. Er nimmt mich am Morgen und am Abend verlässt er mich. Und es gibt Tage, wenn ich alleine zuhause bin. Ganz allein, ohne ihn. Und er ist bei einer anderen. Verstehen Sie? Nicht mit mir. Ich bin so müde von all dem , weine jeden Tag. Bin ich etwa schlechter?“

„ Nein.“

„Richtig, bin ich nicht, das meine ich auch. Und er treibt sich mit anderen herum. Ich muss zuhause sitzen, doch ich will nicht. Ich will auf ihm sein. So dass er jeden Tag mich auf sich anzieht. Ich wärme ihn mit meinem Körper. Welcher Körper! Ich erwärme die Seele, schenke Wärme. Und wenn ihm warm ist, dass ist es auch für mich angenehm, ich bin glücklich deswegen. Wissen Sie in welchen Momenten ich noch glücklich bin?

Im Sommer oder zu der Jahreszeit, wenn ich nichts anderes trage. Dann geht er und bewundert mich. Zeigt mich allen, versichert, dass ich nur ihm nur ihm gehöre. Davon leuchte ich und werde rot. Doch das ist im Sommer, und wenn es draußen kalt ist, dann ziehe ich ein Hemd an, einen Pullover und einen Mantel. Dann sieht man mich gar nicht mehr. Die Menschen wissen nicht, dass er mir gehört, dass ich auf ihm bin.Und dass die Zeit uns beiden gehört. Pfff. Ich hasse Pullis, Hemden und Mäntel! Und weitere Shirts ebenso! Diese kann ich besonders schlecht ausstehen. Und andere Jahreszeiten, wenn es kalt ist. Ich möchte, dass es immer warm ist.

Gelbe Vorhänge

Sie hatte ihn gerade verlassen.Die Frau stand von der Bank auf, senkte seine Hände und ging mit den Worten „Lebewohl , rufe mich nicht mehr an.“ Er blickte ihr hinterher und sie schaffte es nicht sich vor seinem Blickfeld zu verstecken, da schossen die Tränen aus den Augen. Er ähnelte einem kleinen, verlorenen Kind. Doch im Gegensatz zu Kindern, widmete man ihm keine Aufmerksamkeit.Und wenn doch, dann dachte man „Schwächling“, „Männer weinen nicht“, „heult wie eine Frau, „es ist ekelhaft zu beobachten, wie ein dreißigjähriger Mann eine Heulsuse mimt vor allen Zuschauern“, „ist es nicht peinlich?“, „was ist schon dabei?Der Mensch weint, ja und? Soll es mich nicht betreffen“, „vielleicht ist ihm irgendein Leid zugestoßen? Macht sich Sorgen!“ Und wie er sich Sorgen macht! Seine Freundin hat ihn verlasse! Vor fünf Minuten ist seine Welt zusammen gebrochen. Zersplitter in Scherben. Die Flamme seines Herzens wird immer trüber mit jedem Atemzug, als ob die Frau extra, sehr langsam die Flamme mit Wasser löscht. Sie macht sich lustig über ihn, gibt ihm nicht die Möglichkeit, schnell das Leiden loszuwerden, er erinnerte sich für immer an sie. Er sitzt auf der Bank am U-Bahnhof und fährt fort zu weinen. Er ist alleine geblieben. Er hatte drei Monate Glück. Er war begeistert, leidenschaftlich, verliebt. Das beflügelte ihn. Und nun? Er fiel hin und sein Herz zersplittere in kleine Teilchen, in Tausend unsichtbare Teilchen. Im Moment des Falls flogen vor seinen Augen wunderschöne Erinnerungen: Der erste Kuss, die Zeit, die sie zusammen verbracht haben. Er erinnerte sich, wie er zum ersten Mal ihr kurze, gelbe Shorts sah (damals verliebte er sich in sie zum zweiten Mal.). Wie er so da saß, sie umarmte, eingemummelt in eine Decke und sie sich Filme anschauten.In diesen Tagen trug sie ihr gelbe Shorts. Sie machte nichts, verführte ihn. Erzürnte. Immer, sogar wenn er schlechte Laune hatte. Sollte sie ihre gelbe Shorts anziehen, wurde seine Aufmerksamkeit direkt auf diese gelenkt. Und das nutzte sie aus. Sie mochte seine schlechten Launen nicht. Er weinte weiter. Das Volk ging an ihm vorbei, aus einem Wagon in den nächsten. Neben ihn setzte sich eine Frau von ca. dreißig Jahren. Sie sah ihn als er in den U-Bahnhof ging und begann sich Sorgen zu machen

„Junger Mann, geht es Ihnen schlecht? Kann man Ihnen helfen?“ In diesem Moment zitterte er vor Überraschung. Er dachte, er sei hier alleine. Er drehte den Kopf auf das Geräusch der Stimmen und erblickte ein schönes Geschöpf. Er versuchte sich zu beherrschen und mit dem Weinen aufzuhören. „Ich…ich werde sie nie mehr in ihren Shorts sehen! In den gelben. Meinen Lieblingsshorts. Verstehen Sie?“ Er näherte sich ihr, konnte sich nicht beherrschen, weinte wieder und ließ den Kopf der Frau auf seine Brust fallen. Sie umarmte ihn und begann ihn auf den Kopf zu streicheln, dabei murmelnd:

„Leise, leise, mein Kleiner. Die Menschen schauen schon.“ Und ihm ist es egal! Sie wissen nicht, dass er sie nicht mehr in ihrer gelben Shorts sehen wird. Doch er weiß es! Und darum geht es ihm schlecht! Traurig und trübsinnig. „Ach was! Natürlich sehen Sie sie“, sagte die Frau, um ihn zu beruhigen

„Können Sie diese für mich anziehen?“, sprach er schluchzend,

„Kann ich. Nur lassen Sie und schnell von hier verschwinden.“

Er machte sich fertig. Sie wartete auf ihn und sie begaben sich in die Richtung des Ausgangs. Sie saßen auf der Bank auf der anderen Seite der U-Bahn und stritten sich. „Mir reicht es!Ich habe genug davon, jede Tag deine blöden gelben Shorts zu tragen. Ich träume schon davon. Als ob ich das noch brauchen würde. Ich kann so nicht mehr. Du liebst nicht mich…sondern diese….Kleidung von gelber Farbe. Ich verlasse dich“, sie steht auf, wirft in sein Gesicht eine Tüte mit dieser „gelben Kleidung“ „Hier, verschlucke dich daran!“ und sie verschwindet in der Menge. Sie hat ihn gerade erst verlassen. Sie schaffte es gerade in der Menge zu verschwinden, als aus ihren Augen Tränen rannen.

Die Überraschung

Die letzte Stunde dieses Tages trat in seine gesetzliche Ordnung.In fünfunddreißig Minuten wird der Bus auf der einsamen Bushaltestelle eine junge Frau herauslassen, die, so wie es aussieht, niemand treffen wird. Gerade diese Frage beschäftigt gerade Timur. Sich beschäftigen ist wohl nicht der Fall, sondern erörtern: „Soll ich sie überraschen?“ Fünf Tage haben wir uns nicht gesehen und ich konnte nur sprechen. Was soll man hier denken? Wenn du willst, dann triff sie, wenn nicht bleib zuhause.

„Okay, vielleicht schreiben oder anrufen? Fragen, ob sie es zum Bus schafft? Sonst bin ich da und sie nicht. Doch dann klappt es mit der Überraschung nicht, stimmt es?“

„So ist es. Du schlauer, kleiner. Und wenn Sie sie treffen, dann wird es keinen Wert haben!“

„Nun, man muss endlich etwas entscheiden! Wenn ich sie treffen will, muss ich jetzt raus gehen, damit ich noch einen Blumenstrauß kaufen kann.“

„Wie gut du bist! Er will Blumen kaufen!“

„Nun denn, ich gehe raus. Nur verkauft man nachts bei uns die Blumen?“

„Welch eine Frage….Och!“

„Ich erinnere mich, man verkauft sie neben der Apotheke. So! Wie viel Uhr?“ Ich muss mich beeilen.“

Er zieht sich schnell an, schließt hinter sich die Tür zu und ohne auf den Aufzug zu warten, rannte er die Treppe herunter. Mit einem schnellen Schritt ging er zum Blumengeschäft und kaufte einen Strauß. Dann blickte er auf die Uhr. „So, ich habe noch elf Minuten. Ich schaffe es.“ Er hat es geschafft. Bis zur Ankunft des Busses bleiben noch zwei Minuten. An der Haltestelle trifft Timur einen auf der Bank sitzenden Kerl von ca. dreißig Jahren, gut gekleidet. Sie begrüßen einander mit Blicken. Timur steht neben dem Unbekannten und schaut auf die Uhr: Der Bus muss jede Minute kommen. Der Bus nähert sich der Bushaltestelle, der Fremd steht von der Bank auf und nähert sich dm Ort des Einstieges. Der Bus öffnet die Tür, aus diesem steigt die Treppe herunter, die Geliebte Timurs. Der Fremde gibt ihr seine Hand und hilft ihr auszusteigen. Timur denkt, das sei eine gewöhnliche Höflichkeit, anderen Menschen, besonders Frauen, zu helfen aus dem Bus auszusteigen. Ernsthaft? Ist es in Ordnung wenn ein Fremder einer Fremden seine Hand gibt?

Die Heldin, welche die Treppe hinabstieg, lässt die Hand des Fremden nicht los. Der Kerl setzt sich ebenfalls nicht in den Bus um weg zu fahren. Der Bus wartete ein paar Sekunden, machte die Tür zu, fuhr fort und ließ Timur beobachten, wie seine Geliebte einen Fremden küsst und ihn dann umarmt. Dann bemerkt sie Timur mit dem Blumenstrauß. Ihre Blicke trafen sich, doch sie kehre zum Fremden zurück. Das grüne Licht leuchtet, sie hält den Fremden an der Hand um die Straße zu überqueren. Nun denn Timur? Du wolltest jemanden überraschen, doch du selbst wurdest überrascht.“

Eine solche Tochter brauche ich nicht.

„Hallo? Wo bist du?“ macht sich Artjem Sorgen.

„Oh, hallo“, antwortet Natalie. „Ist es schon Zeit?“

„Stell dir vor!“ antwortet mit einer Note des Beleidigtseins der junge Mann. „Sei nicht böse, Geliebter, du weißt doch, dass ich immer zu spät bin.“

„Ja, ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen. Gut, dann mache dich fertig, ich werde solange das Buch lesen.“

„Wie langweilig du bist! Erinnere mich, wo wir uns treffen?“

„Beim TC Venera“, murmelte er und dachte vor sich hin: „Gott, warum liebe ich sie? Ich verstehe es nicht.“

„Gut, ich habe dich verstanden. Bin bald fertig. Kuss.“

Der Monat Juli. Freitagabend. Die Uhr zeigt viertel nach sechs und die Leuchte brennt wie um zwölf Uhr am Tag. „Sonne! Gott! Ich habe dich nicht vermisst. Wohin beeilst du dich, deine Wärme zu verschenken?

Gebe das lieber langsamer weg, nicht sofort.“ Ich fand eine Bank im Schatten und versteckte mich auf dieser. Ja, hier Kaffee trinken, sich mit kaltem Wasser umspülen und das wird immer noch zu wenig sein. Schrecklich! Auf dem Platz neben dem TC Venera ist relativ viel Volk: Eltern mit ihren Kindern, die rennen, schreien und glücklich sind, Jugendliche, manche allein, andere in Gesellschaft, flüstern. Manch einer flirtet, solange ihre Ehepartner sich im Inneren Veneras befinden .

„Schaue nur!“ eine gut gekleidete Frau bleibt stehen neben dem Kerl auf der Bank, sie bemerkt ihn nicht und wendet sich an den Ehemann, der seine Tochter beobachtet. „Nur schlechte Noten. Nur Vierer, Fünfer…und dazu noch eine Bemerkung über ein schlechtes Verhalten: „Hat dem Lehrer im Unterricht nicht zugehört, war frech“. Wofür zahlen wir überhaupt? Hörst du mir zu? Wem erzähle ich das alles?“

„Hmm“, war das Einzige, was der Ehemann sagte und er fuhr damit fort, seine Tochter zu beobachten, die mit irgend einem Jungen flirtetet.

„Hey, komm her du Schlampe!“ schreit die Mutter der Tochter zu, die ca. fünfzehn, sechzehn Jahre alt ist.

„Gleich Mama. Ich werde mit Nik sprechen und komme dann.“ „Mit Nik?“

die Frau und der Mann blicken einander an. „Nein. Schnell zu uns, habe ich gesagt!“

Das Mädchen läuft begeistert zu den Eltern, mit Funken in den Augen und Lippenstift.

„Was ist denn geschehen, dass du mich hast von dem Gespräch mit Nik hast weggerissen?“ Sie atmete traumhaft aus als sie den Namen Niks hörte. „Er wird nun weggehen und wir haben jetzt erst begonnen zu sprechen. Er wollte mir etwas wichtiges sagen, und hier kommst du…“

„Etwas wichtiges?“ Die Mutter ließ die Tochter nicht aussprechen. „Schaue mich an wenn ich mit die rede!“ Die Mutter gibt ihr einen Stoß in den Nacken und sieht, dass die Tochter dem keine Aufmerksamkeit widmet, nur auf Nik. „Ach. Es tut weh! Was ist denn Mutter?“

„Hast du Schlampe deine Noten gesehen? Was soll das?“

„Ach, das sind Nebensächlichkeiten, Ma, ich verbessere mich. Es ist schließlich nicht das Ende des Jahres.“ Sie dreht sich vom Notenheft um, zu Nik, und jener erzählt irgendetwas einer Gruppe von Menschen, worauf hin alle lachen. „Nicht das Ende des Jahres?“

„Verstehst du, dass du sitzen bleiben kannst? So dankst du deiner Mutter für die Sorge?“ „ach quatsch. Sie werden mich höchstens in die Sommerschule schicken, da werde ich mich verbessern. Ich habe einen Vertrag mit den Lehrer, mach dir keine Sorgen.“ „Wen blickst du da die ganze Zeit an? Schaue mich an!“

Sie blickt in Richtung Niks. „Schläfst du mit ihm?! Hast ihn schon gefickt, stimmt es?“ Sie gibt ihr eine Ohrfeige. „Bist du etwa eine Schlampe? In deinen Jahren. Ich habe in deinem Alter nur über Noten nachgedacht und schaue, was aus mir geworden ist. Und du bist eine Schlampe. Denkst nur an Jungs? Das erlaube ich dir nicht.“ Sie dreht sich zum Ehemann. „Mann?“ Dieser blickt auf die Tochter mit einem verurteilendem Blick, voller Hass. Nimmt einen Revolver heraus und richtet diesen auf die Tochter. „Papa, Papa, was…soll das? Nicht…nicht…ich werde es nicht mehr….“ Sie schafft es nicht zu ende zu sprechen, denn die Patrone erreicht ihren Kopf. „Eine solche Tochter brauche ich nicht mehr!“ spricht der Vater. In dem Moment des Schusses beruhigt sich alles. Es gibt kein Geräusch. Keiner wagt es, sich zu bewegen. Der Mann steckt die Waffe weg, die Frau nimmt ihn an der Hand und führt ihn weg vom Platz. Mit ihrem Abgang füllt sich der Platz wieder mit Klängen, so als sei nichts geschehen. „Hallo“, mit einer zärtlichen Stimme spricht Natalie als sie Artjem auf der Bank erreicht. „Hier bist du! Und ich suche dich überall. Auf die Anrufe meldest du dich nicht.“ Sie blickt auf sein verwirrtes Gesicht und erblickt jetzt erst den Körper der Frau, die neben der Bank liegt. Gott! Was ist nur geschehen?“

Torte

Ein Anruf. „Hallo Teure. Sage mal, machst du immer noch Torten auf Bestellung oder nicht mehr?“

„Hallo Liebes. Natürlich. Mache gerade eine Bestellung fertig. Warum? Wolltest du etwas?“ „Ja, mein Kerl hat Geburtstag am Freitag. Ich wollte ihn überraschen, eine Torte mit dem Bild seiner Lieblingsschauspielerin.

Stell dir vor, dieser Frechdachs hat außer mir noch ein Weib! Und es ist egal, dass sie sich nicht persönlich kennen. Sie weiß nichts von seiner Existenz, und er liebt sie, dieser Depp! Nun okay, ich habe mich vom Thema entfernt. Die Schauspielerin heißt Meri Elo. Diese Hure spielte in einem doofen Film mit, der meinem Kerl gefällt, und ich kann ihn nicht ausstehen. „Scott Pilger gegen alle“. Hast du geschaut? Ich möchte dass auf der Torte ein Fragment des Filmes ist, wo sie bei einer Party steht neben einer Wand mit rosa Haaren und einem Glas Alkohol, bevor Scott sich näher zu ihr setzt. „Ich schicke dir ein Bild.“ „Was ein Arschloch! Wie kannst du dich danach noch mit ihm treffen, das verstehe ich nicht.“ „Ich verstehe es selbst nicht! Doch ich werde es ihm zeigen!“ „Hast du etwas vor?“ „Ich kann nicht darüber sprechen, werde dir später davon berichten.“

„Gut, ich warte auf deinen Anruf. Ich werde eine Torte backen, mache die keine Sorgen. Ich rufe an, wenn die Torte fertig ist.“

„Super. Ich liebe dich, meine Teure. Küsse. Tschüss.“

Am nächsten Tag nach dem Geburtstag: „Hallo Teure. Ich erzähle dir nun, wie ich es versprochen habe. Mein Mann arbeitete gestern, deswegen fuhr ich mit der Tram zurück. Ich ging mit der Torte auf den Gleis sieben Minuten vor seiner Ankunft. Ich stellte mich in die Nähe des dritten Waggons, weil er immer nur diesen nimmt, und begann zu warten.Die Tram bleibt stehen, es gehen Menschen daraus und meiner ist zwischen ihnen. Er sah mich, dieser Mistkerl und begann zu lächeln. Er nähert sich mir und sagt: „Was machst du hier? Ich habe nicht erwartet, dich hier anzutreffen.“ „Alles Gute zum Geburtstag!“ sage ich und reiche ihm die Torte. „Ohi, wie schön und klasse! Ist es das Bildnis von Ramona?“ Und warum offen…“, er schafft es nicht, den Satz zuende zu sprechen, und ich schmeiße in sein Gesicht die Torte und spreche: „Du hast nur eine liebe Frau! Und die bin ich! Verstanden?“, und ich gehe weg. „Du, ich habe keine Worte, meine Teure…Du bist…klasse… in jeder Erscheinung.Vergiss es nicht. Ich bin stolz auf dich! Hast mir die Torte ins Gesicht geworfen! Du Gute, du Schöne.“

Zum ersten Mal

Ich habe euch alle versammelt, um Ihnen eine unangenehme Nachricht mitzuteilen. Kein Negativ, Kumpel. Mein Doktor hat mir strengstens nur Positiv empfohlen. Du hättest etwas mit dem Telefon aufnehmen können.“ „Warte doch….Diese Nachricht betrifft dich nicht. Sie ist wichtig für mich. Ich muss sie mit jemanden teilen. Sie sitzt in mir und häuft den Schmerz an, und ich weiß, dass wenn ich alles ausspreche, es sofort leichter wird. Wie sie wissen, habe ich eine Freundin. Ich hatte eine Freundin. Das war meine erste Beziehung.“ „Nun, es hat begonnen! Gleich gibt es Tränen und Schnupfen…“ „Hat sie dich verlassen?“ Habt ihr euch getrennt?“

„Ja und ich wollte es mit Ihnen teilen. Ich bis sehr bestürzt und traurig. Ich habe mich nie so gefühlt….“ „Pfui! Noch ein Leid. Die Frau hat ihn verlassen! Ich gehe nun. Tschüss. Ich dachte es sei etwas ernsthaftes, du hast Krebs oder so. Die Stimme am Telefon war traurig. Und hier eine gewöhnliche Sache. Wem geschieht so etwas nicht? Ich gehe. Die Freundin hat dich also verlasen? Wozu habt ihr euch den getroffen? So hättet ihr keine Probleme. Tschüss. Das ist das Leben, Bro. Die Realität. Gewöhne dich dran. Bis zum nächsten Mal.“ „Wohin gehen Sie? Bleiben Sie stehen. Das sind doch meiner ersten Beziehungen. Mit ist schlecht und traurig zumute.“ „Ha, ha, ha!“ er nähert sich ihm, schlägt ihn auf die Schulter und geht weg. „Die Freundin hat ihn verlassen! Ha, ha, ha. Solch ein Tölpel! Ich kann nicht mehr!“

Die erste Liebe

Er zog sich an, sie ebenfalls. Er bezahlte sie. Die Frau lächelte. Er blickte in ihre Augen von verschiedener Farbe, er erstarrte für zehn, fünfzehn Sekunden, als ob er sich an etwas erinnerte. „Nein, das kann nicht sein“, dachte er, und schüttelte den Kopf. Er verließ die Wohnung und begann mit geschlossenen Augen die Treppe herunterzugehen.

Langsam blieb er auf jeder Stufe stehen um den nächsten Schritt zu machen. Er erreichte die erste Etage und verließ das Treppenhaus. Auf der Straße begegnete er verschiedenen Geräuschen: Von der Tram bis zum Gesang der Vögel und Gesprächen. Sogar das Schweigen einiger Menschen war zu hören. Er wunderte sich als er die Vorbeigehenden betrachtet: sie alle, ohne Ausnahme gehen den aufrechten Gang und treten auf die Erde mit einem selbstsicheren Gang. Sogar der starke Wund stört sie nicht, der ihn alle vier Meter fast umfallen lässt. „Soll ich vielleicht zurückkehren und abwarten bis der Sturm vorbei ist? Oder sollen wir warten, bis alle weggeweht werden mit mir gemeinsam?“ dachte er, doch er wollte eine rauchen und blieb draußen. Er nahm aus der Tasche eine Schachtel Zigaretten heraus, die leer war. Er warf diese in den Papierkorb und ging in das Geschäft um eine neue zu kaufen. Er kaufte seine Lieblingszigaretten, ging hinter den Kiosk, sich vor dem Wind versteckend und rauchte eine.

„Warum darf man bei ihnen nicht rauchen? Das ist doch die Standartprozedur nach dem Sex, und hier ist es verboten. Man sollte ihnen eine Idee vorschlagen: Räume für Raucher. Er wollte mit diesem Vorschlag in das Bordell zurückkehren, doch die Zigarette stoppte ihn.

Er besuchte die Prostituierte wegen seines Mangels an Unsicherheit. Die Ehefrau ließ sich genau aus diesem Grund von ihm scheiden. „Du bist kein Mann“, sagte sie zu ihm. „Du verhältst dich wie eine Memme im Bett…und ich muss immer die herrschende sein. Und ich bin müde. Ich will eine starke Hans und einen starken Sex.“ „Ja du, hau doch ab!“

Endlich, nach langen Jahren, konnte er Widerstand leisten. Sie blickte auf ihn wie auf einen Deppen, nahm ihre Sachen und verließ das gemeinsame Leben. Es klingelte an der Tür. Er schaute in das Guckloch, sah die Ehefrau und freute sich, dass sie es sich anders überlegt hatte. Doch sie betrat die Wohnung mit den Worten: „Das ist meine Wohnung. Hau ab von hier.“

Sie erlaubte es ihm nicht einmal seine Sachen einzusammeln. Er kehrte zur Mutter zurück. Als die Mutter den Sohn mit den Sachen sah, frage sie ihn nicht aus, und er nichts erklären. Er rauchte die Zigarette auf und ging zur U-Bahn. Er legte sein Fahrticket auf den Schalter, der ihn nicht vorbei gehen ließ. Er musste sich umdrehen und zur Kasse gehen, um Guthaben aufzuladen. Beim nächsten Mal durfte er vorbei. Die Rolltreppe begann ihn nach unten zu führen.

Nach der Trennung machte er Versuche, andere Frauen kennen zu lernen, doch es kam nicht zu einem Erfolg. In der zweiten Hälfte des Tages besuchte er Bars, doch die Frauen dort beobachteten ihn nicht. In den Nächten von Samstag auf Sonntag besuchte er Nachtclubs. In manche ließ man ihn nicht. Andere ließen ihn ohne Schwierigkeiten durch, doch er lernte niemanden kennen. Einige Monate erfolgloser Versuche zwangen ihn, sich von der Idee loszusagen und er widmete sich online-Bekanntschaften. Er fand im Netz Informationen über solche Dienstleistungen und registrierte sich dort. Manche verlangten eine Bezahlung, die Summe war nicht groß. In anderen waren die Dienste kostenlos. Wenn du mehr möchtest, dann zahle. Doch er gab sich mit dem Minimum zufrieden. Er hinterließ likes, drückte auf Herzchen, blinzelte, schrieb Nachrichten, doch man schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Und jene, die ihm antworteten, trafen ihn nicht im Leben. Nur eine war bereit sich mit ihm zu treffen. An jenem Tag war er voller Sorge und erwartete mit Ungeduld den Abend. Als er sich fertig machte, hörte er das Läuten des Telefons. Es kam eine SMS der jungen Frau: „Verzeih, doch heute klappt es nicht. Mir wurde eben bekannt gegeben, dass ich Besuch von Verwandten bekomme, in einer Stunde sind sie bei mir.“ „Verstanden“, antwortete er und löschte ihre Nummer.

Mit einer anderen Frau stritt er. Sie bekräftigte, dass die Unterhaltung in sozialen Netzwerken zu Treffen führen soll, denn die Menschen brauchen Zeit, um sich kennen zu lernen, nur danach kann man Sex haben.

Nach dieser Geschichte verstand er, dass er hier nichts verloren hat und verabschiedete sich von allen Vorschlägen. Er verließ die Rolltreppe, ging zum Kiosk, um Schokolade und Wasser zu kaufen. Setzte sich auf die Bank, beugte sich und begann langsam die Schokolade zu kauen. Von den Homepages mit den Diensten von Prostituierten wusste er bereits früher, doch es gab keine Notwendigkeit, diese zu nutzen. In der ersten Zeit, durchforstete er diese: Blickte auf die halbnackten Frauen in verschiedenen Posen, er wurde rot. So vergingen einige Tage, bis er sich eine Frau ausgesucht hatte. Obwohl sie eine Maske trug, lockte ihr Lächeln ihn an. Er schrieb schnell die Telefonnummer auf, um sie am Wochenende anzurufen und ein Treffen zu vereinbaren. „Mist!“ er schaute in sein Portemonnaie. „Bis zum Gehalt noch anderthalb Wochen. Ich borge mir etwas von der Mutter.“ Er verließ das Haus, betrat das Geschäft, wählte die Telefonnummer und wurde von einer unwahrscheinlich sanften Stimme begrüßt. „Hallo, ich höre.!

„Ich würde mich gerne für den Empfang bei Lili anmelden“, stünde er jetzt im Wasser, würde das ganze Wasser verdunsten.

„Ja, mein Süßer, heute um neun?“

„Ja.“

„Wunderbar. Bis zum Treffen.“

Er aß die Schokolade zu ende, trank Wasser und sprang in den Zugwaggon. Er fand keinen Sitzplatz, stand auf und lehnte sich an die Tür mit der Aufschrift „nicht anlehnen“. Dann steckte er die Hände in die Hosentasche und schloss die Augen.

In seiner Erinnerung zeigte sich das Bild einer Frau, in die er sich das erste mal in seinem Leben verliebte. Er ist fünfzehn Jahre alt, ein Jungspunt. Und sie ist um einiges älter und hat bereits viele empfangen. In der Schule ging das Gerücht um, dass es ein Kontakt einer Frau gibt, die die Kerle von ihrer Jungfräulichkeit befreit. Er rief lange nicht an, doch dann tat er es doch.

Sie stellte sich ihm als Lilja vor. Zur bestimmten Stunde stand er an ihrer Tür. Sie öffnete ihm und lächelte freundlich. Und er stand da und schaute auf den Boden, ohne den Mut, ihr in die Augen zu blicken. Als er es dann doch tat, bemerkte er, dass sie von verschiedener Farbe waren. Er bekam einen Schrecken und lief fort. Nach ein paar Tagen rief er wieder an. Sie erkannte ihn an der Stimme doch in ihrer Intonation schwang das Geschehene mit. Sie lud ihn zu sich ein. Und da ist er schon in ihrer Wohnung, in ihrem Zimmer.

Sie beginnt sich zu der Musik auszuziehen, lockt ihn zu sich, doch er ergibt sich nicht. Ihre überwältigende Schönheit erlaubt es ihm nicht, sich zu bewegen. Er wird rot, wendet den Blick ab, schweigt und fliegt dann wie eine Patrone aus der Wohnung. Er rief sie nicht mehr an.

„Heumarkt“, die nächste Station ist der „Nevskij Prospekt“. „Nein, nein, nein. Das kann nicht sein.“, dachte er und holte eilends das Smartphone heraus. Er machte den Browser an, blickte sich um in alle Richtungen, erinnerte sich an den Titel der Homepage mit den Prostituierten und gab diesen ein. Er scrollte bis zu den Fotografien Lilyas und begann sie zu betrachten. „Das kann nicht sein, dass sie es war!“ Sie verbirgt das Gesicht hinter der Maske. Den Gesichtszügen und dem strahlenden Lächeln nach zu urteilen, kann man verstehen, dass sie es wirklich ist. Doch er ist unsicher. Oder er will das nicht vor sich zugeben. Er versucht sich an irgendwelche Merkmale ihre Äußeren zu erinnern, doch er erinnert sich nicht und legt das Smartphone zurück in die Tasche. Die Türen schließen sich langsam. Die nächste Station „Nevskij Prospekt“

Ich hatte einen Freund

Heute trennten wir uns.

Ich lernte ihn vor fünf Jahren kennen.

Das waren wunderbare Jahre.

Er war mir ein teurer Freund.

Er rettete mich vor der Realität.

Mit seiner Hilfe betrat ich die Welt der Phantasie und der Mythen.

Er lenkte mich von mir selbst weg, von allen Problemen.

Ich mochte alles, was wir mit ihm erfanden und wie wir gemeinsam die Zeit verbrachten.

Doch in unserer Welt ist nichts sicher.

Alle sterben.

Es gab eine Zeit, da ging ich ihm fremd.

Ich erinnerte mich nicht an seine Existenz.

Ich sprach nicht mit ihm und widmete ihm keine Aufmerksamkeit.

Ich habe einen neuen Freund.

In Wirklichkeit ähneln sie einander.

Doch dann beschloss ich zurück zu kehren.

Er verzieh mir. Und wir waren wider zusammen.

Doch nicht für lange.

Ich widmete ihm meine ganze Freizeit.

Im Gegenzug bekam ich: Enttäuschung, Trauer und ein leeres Portemonnaie.

Ich hatte die Hoffnung, dass nach unserer langen Pause, alles gut sein wird.

Wir würden einander besser verstehen.

Doch die Hoffnung bewahrheitete sich nicht.

Und das war der letzte Punkt.

Meine Grenze. Ich verkaufte ihn.

Gab ihn in fremde Hände.

Jenen, von denen ich hoffe, dass er ihnen ein guter Freund sein wird.

Die Trennung

Es vergingen fünf Tage, bis sie mich alleine ließ. Ich habe ein Buch bei ihr vergessen. Mein Lieblingsbuch. Das Buch hat praktisch seinen Geist verlassen: Die Seiten halten sich kaum noch, doch ich liebe es und möchte es wieder zurück haben. Ich brachte es zu unserem ersten Treffen und gab es ihr, damit sie es liest. Sie hat es nicht einmal geöffnet. Ich beschloss, es wieder zu holen. Auf dem Weg zu ihrem Haus stellte ich mir vor, wie das geschehen wird. Ich fange bei der Lautsprecheranlage an. Sie wird fragen: Wer ist da?“ „Ich.“ „Was willst du?“ „Gib mir das Buch zurück. Ohne drumherum: warum wir uns getrennt haben?“ „Sprich mit mir!“ „Schweige nicht. Ich bitte dich!“, „Ich liebe Dich!“ Nur das Buch. Genau, selbstsicher und ohne Schnupfen. Sie wird mich hereinlassen, mich auf ihrer Etage mit dem Buch begrüßen. Ich werde nicht einmal den Aufzug verlassen. Ich werde das Buch nehmen und mich verabschieden. Ein guter Plan, so mache ich das. Nun stehe ich bei ihrem Haus. Ich wähle die Nummer der Wohnung. „Wer ist da?“, antwortet eine männliche Stimme….Ich schweige. „Ich höre Ihnen zu, sprechen Sie.“ „Entschuldigen Sie…ich habe mich in der Wohnung getäuscht.“

Miniatur

Ich besuchte vor der Arbeit ein Buchgeschäft. Ich blicke auf das Regal mit den Notizblöcken neben der Kasse. Nach einer Zeit betritt ein Mann das Geschäft, von ca. fünfzig Jahren. Er begibt sich zur Kasse: „Gibt es bei euch was zu trinken?“

Ein erstaunlicher Egozentrismus

Während ich auf die Tram zur Arbeit wartete, setzte ich mich in die Hocke und las das Buch Von Eyen Rend „Denke zweimal nach“. Nach ein paar Minuten fange ich mich bei dem Gedanken auf: „Es wäre toll, seinen eigenen Fotografen zu haben. Jetzt zum Beispiel könnte man ein tolles Bild machen, meiner Meinung nach. Alles nach den Regeln der Fotografie. Der Blickwinkel ist gut und das Licht wunderbar. Ich möchte, dass es wirklich einen geheimnisvollen Fotografen gibt, dass man ihn nicht kennt, ihn nicht bemerkt. Er würde mich fotografieren und meine Fotos auf seinem Blog oder sozialen Netzwerken veröffentlichen. Und nach einigen Jahren würde ich in die Ausstellung irgendeines Fotografen gehen und mich auf den Wänden wieder erkennen.

Es hieß, ich ging in das Buchgeschäft

Ich beschloss Schriftsteller zu werden. Was braucht man dazu? Erfahren, wie man so etwas macht. Was hilft mir dabei?

Bücher von Schriftstellern über die Schreibkunst. Wo kann ich solche finden? Im Buchgeschäft. „Guten Tag“, höre ich den freundlichen Verkäufer. „Soll ich Ihnen etwas empfehlen?“ „Ja,guten Tag, ich suche Bücher über die Schriftstellerkunst.“ „Oh, Sie schreiben?“ fragte mich mit Interesse die Verkäuferin. „Nein, nein! Ich möchte einfach schreiben lernen.“ „Okay“, eine Minute Schweigen. „Der Wunsch allein reicht nicht aus. Sie stehen dort, die Bücher, hinter diesem Regal, gehen sie zu den beiden niedrigen Regalen. Ich wählte mir einige Bücher aus jene Autoren, die ich von Hörensagen kannte:

Ray Bredburry, Haruki Murakami, Steven King, Nejl Gayman. Für den Anfang sei es genug. „Was haben Sie sich ausgesucht? O, wunderbare Autoren! Doch diese werden Ihnen nicht helfen.“ „Wie, sie werden mir nicht helfen?“

„So. Ihr nervt mich alle mittlerweile! Jeder Zweite will Schriftsteller werden. Kommt in mein Geschäft, fragt nach Bücher über die Schrifttellerkunst, kauft sie und geht wieder. Und dann nach einiger Zeit, kehrt ihr zurück und fragt: Gibt es Neuigkeiten zu dem Thema? Nein! Ich denke darüber nach, diese aus dem Sortiment zu nehmen. Bloß denke ich nicht daran. Und dann kommt ihr wieder und erinnert mich daran, dass ich es noch nicht gemacht habe. Ich kenne euch! Ihr kommt zu mir für einen neue Dose, und wer wird schreiben?Ich? Ihr werdet die Zeit umsonst vergeuden für das Lesen. Ich sage euch folgendes“, sie nimmt meine Bücher und wirft sie in den Papierkorb.“Setze dich, Hurenkind und schreib!“ Ich drehte mich direkt um und eilte zum Ausgang, ließ die Bücher da und hinter dem Rücken hörte man: „Setze dich, Hurenkind , und schreib!“

Dania Jansi:“Sechs Jahre in Dubai. Über Geistliches und das Essen“

Dania Jansi

Sechs Jahre in Dubai: über Geistliches und das Essen

Nach Dubai: 12 kg Bücher und 2 kg Buchweizen

Dubai warf sich in mein Leben mit einem stickigen, feuchten Sommer 2013, zusammen mit der Einladung auf die Arbeit meiner Träume in den Pressedienst einer internationalen Flugkompanie. Diese Wunderstadt mit den Wolkenkratzern und Handelszentren sah ich nur ein paar Mal, während meiner Dienstreise. Und nun kam ich mit zwei großen Koffern, 12 kg Bücher und zwei kg Buchweizen.

Mir bekannte Ausländer warnten mich von einer „Geistlichen Wüste“, und das Internet über die Schwierigkeiten bei der Suche nach Essen und Wasser tagsüber: Ich kam an in der Blüte des heiligen Monats Ramadan und eines streng muslimischen Fastens. Ein Bekannter riet mir, ich solle mich zurückhalten: In den Emiraten kann man einen ins Gefängnis stecken wenn man nicht verheiratet ist und Alkohol trinkt. Das waren all meine Kenntnisse über die neue, östliche Stadt.

Fülle, alles beste und beste. Der erste Ramadan

Dubai machte taub. Direkt. Eine Limousine zum Flughafen und Appartements in einem Fünfsternhotel im ersten Monat (Und ich wie ein Aschenputtel mit Buchweizen im Koffer). Das allerhöchste Gebäude, die aller bekanntesten Restaurants, die fülligste Fülle, die aller bekanntesten Persönlichkeiten und die ambitioniertesten Projekte. Insel, die ins Meer gespült sind und Kanäle, die auf dem Ufer gegraben wurden. Gigantische Aquariums und eine Shipiste mit künstlichem Schnee. Alles schien riesig, nicht real und das aller Größte zu sein. Ein Symbol dessen, dass der Mensch in der Wüste alles erschaffen kann wenn er es sehr möchte.

Mein erster Ramadan in Dubai. In diesem Monat leuchten alle Straßen und Hotels, wie bei uns zum Neuen Jahr, nur mit den Mustern von Halbmonden und altertümlichen Leuchten, alfanar auf arabisch (die Stadt wird geschmückt für das geliebte Fest der Nationen der Welt). Es schien schier unmöglich tagsüber zu essen und zu trinken, doch nur wenn Zuschauer da waren. Manchmal verkaufte man Essen zum mitnehmen, in manchen Cafés konnte man hinter einer Abschirmung essen. Im Büro grenzte man einen Teil ab, in dem man, weit von den Blicken anderer zu Mittas essen konnte oder einen Schluck Wasser trinken. Das ganze erinnerte an einen geschlossenen Club von Ausländern: Manche saßen hier mit ihren Laptops fast den ganzen Tag, trafen sich bei einem Glas Saft oder Kaffee.


Dafür erwarteten abends alle Hotels und Restaurants, die kleinen Kneipen sowie die größere Bars, wie aus den Märchen von Tausend und einer Nacht in ihren Ramadanzelten, die Gäste für den Iftar, die abendliche Versammlung, und dann für die nächtlichen Zusammenkünfte Suhur. In einem jeden solchen Zelt wurde die Schönheit und Dekoration überschattet nur von den Kleidern arabischer Divas und der Tische, die voller östlicher Delikatessen waren. An diesem Monat, genau hinter solchen Tischen, treffen sich Freunde und Geschäftspartner und die Firmen stellen ihre Präsentationen vor. Alle rauchen Wasserpfeife (die einheimischen nennen es „Shisha“) In jenem ersten Sommer lachten die neuen Bekannten, wenn ich ablehnte: „Wir schauen auf dich in einem Jährchen“. In den lokalen Zeitungen beriet man über das Problem von den Lebensmittelresten nach den Iftrafs: das offizielle Essen darf man nicht irgendjemandem außerhalb der Restaurants weggeben (kann sein, dass man sich vergiftet), und es bleibt viel übrig an den Abenden des Ramadans.

Die Handelszentren, Banken, Spas, Parks, Museen haben an diesem Monat bis tief in die Nacht geöffnet. Bei Wunsch und finanzieller Möglichkeiten, kann man den ganzen Tag verschlafen und dann nur für das Abendessen aufstehen und das nächtliche Vergnügen.

Die Auswanderer und der Lifestyle

In meinen sechs Jahren ds Lebens in Dubai, traf ich viele gute Bekannte und ein paar nahe Freunde: Hindus, Libanesen, Mauretarier, Neuseeländer, Engländer, Schotten und Südafrikaner, Georgier, Kasachen, Kirgizen, Russen und sogar Tataren. Hier ist ein neues Babylon: 90 Prozent der Bewohner der Emiraten sind Auswanderer, die aus fremden Ländern kamen, um hier zu arbeiten. Dazu kommt, dass jeder Ausländer in den Emiraten ist, das bedeutet, er ist offen für das Gespräch und irgendetwas anderes als das Gewöhnliche. Alle verhalten sich gut und haben Respekt (weil sie sich in einem Land befinden, in das sie über ein Visum eingereist sind und bei schlechtem Verhalten einfach deportiert werden). Das Level der Kriminalität ist eines der niedrigsten in der ganzen Welt. Kinder von Auswanderern, die in Dubai aufwuchsen, können sich lange nicht an andere Länder gewöhnen. Sie verstehen nicht, wie sie das Auto und das Haus abschließen sollen und nach dem Portemonnaie und dem Telefon achten sollen.

Die lokale Regierung verwundert mit gesundem Menschenverstand und der Möglichkeit von fremden Fehlern zu lernen. Sie nimmt keine sozialen Verpflichtungen in dem Verhältnis zu den Zugezogenen, die hier arbeiten möchten, auch wenn man hier fünf oder fünfundzwanzig Jahre lebt. Du hast gearbeitet, danke, doch die Unterstützung, das Visum, gilt noch einen Monat, Auf wiedersehen. In den 2000er und 2010er, als mit der Erdölschlüssel geschlagen wurde, nahm Dubai die besten Spezialisten aus der ganzen Welt auf mit riesigen Löhnen, dem Fehlen von Steuern und einem Leben im Wohlstand.
Auf dem Dach eines jeden Wolkenkratzers gibt es einen Swimmingpool, Jacousi, Saunen und Hamams und ein Sportsaal. Ich mietete eine Zweizimmerwohnung in einem Bezirk mit futuristischen Wolkenkratzern und künstlichen Seen. Die Bezahlung passte genau für meine Mietwohnung, in den Arabischen Emiraten gehört das zum Gehalt. Man kann auch eine Villa mit einem großen Garten mieten oder Swimmingpool, am Meer leben oder in den neuen Bezirken weit in der Wüste, eine beliebige Marotte für eine beliebige Tasche. Wollen Sie mit dem Auto Ihres Wunsches fahren? Kein Problem, ein Auswanderer, der eilig das Land verlässt, verkauft es Ihnen für wenig Geld. Sie können eine Yacht mieten für drei Stunden oder ein Jahr, Sie können sich die Kosten mit Freunden teilen – es ist schließlich das Meer!

Man muss bemerken, dass das ganze Geld, was hier verdient wurde, unabhängig von der Größe des Gehaltes, die Auswanderer hier für ein schönes Leben ausgeben. Es ist schwer, stehen zu bleiben. Wenn die stickige Sommerhitze sich dem Ende neigt, beginnt die Saison der Events: Die Eröffnung neuer Hotels, Restaurants und Parks, Shows von Weltstars, viel Essen, Shopping, Abende und natürlich Strände und das Meer. Freitags (In den Emiraten sind die Wochenenden Freitag und Samstag, die Arbeitswoche beginnt an den Sonntagen), wie man in den Glamourzeitschriften schreibt, steht die Kultur der Branches an der Tagesordnung. Die Branches in Dubai, das sind halbe Tage von Lebensmittel – und Alkoholkoma, wie es sich gehört, zur Livemusik am Meer, an den Swimmingpools oder in den Hotelrestaurants. Man trinkt hier unerwartet viel. Sogar in Russland habe ich so etwas nicht gesehen, doch man bleibt hier harmlos und glücklich, manchmal jedoch unzurechnungsfähig. Eine solche Auswahl an Alkohol und Schweinefleisch, wie in Dubai, habe ich bisher nirgendwo getroffen. Man verkauft das Verbotene nur in bestimmten Bereichen der Geschäfte, um nicht die rechtgläubigen Moslems zu erzürnen. Und zum Kauf und dem Besitz von Alkohol musste man jedes Jahr eine besondere Erlaubnis bekommen, in der Art eines Führerscheins, obwohl man in den Bars und Restaurants Alkohol früher frei verkauft hat. Die meisten kauften starke Getränke in den Dutyfreeshops zur Zeit der Reisen, es gab jedoch auch illegale Dienste der Lieferung nach Hause.


Fast jeden Abend gibt es irgendwo eine Ladies night, wenn die Bars, Restaurants und Klubs den Frauen zwei-drei Gläser verkaufen bis zu einer grenzenloser Anzahl von Cocktails, Champagner und Wein, manchmal einen großen Rabatt für das Menü, manchmal kostenlose Snacks und Desserts.
Zuerst fanden diese Ladies Nights nur an Dienstagen statt, um zahlungsfähige Männer in die leeren Bars und Klubs einzuladen. In den 2000ern und der ersten Hälfte der 2010er, als das Land noch isoliert war, bestand das Auditorium solcher Abende aus vielzähligen Ausländern, Europäern, Amerikanern und Österreichern, die in der Erdölsphäre engagiert waren, und tausend wunderschönen, jungen Stewardessen lokaler Flugfirmen.

Für den Besitz von Alkohol ohne dass man das Recht dazu hatte oder die Untreue in der Ehe, konnte man bis vor kurzem noch bestraft werde. Das offizielle Verbot für diese beiden Sünden wurde erst im November 2020 abgeschafft. Die Polizei machte auch früher keine Razzien, doch man konnte auch Pech haben. Zum Beispiel eroberte die Nachricht in einer lokalen Zeitung (und dazu kommt, dass sie von Journalisten, die hier ihre Arbeitsvisa hatten, geschrieben wurde). Ein junger Mann machte die Bekanntschaft mit zwei anderen Männern und lud sie zu sich nach hause ein. Die Gäste, welche ihm Spiele versprachen, befestigten den gutgläubigen Romeo mit den Handschellen ans Bett, dann stürmten sie die Wohnung und verschwanden. Der Ärmste wurde von der lokalen Polizei entdeckt, die Räuber wurden gefangen, das Gestohlene wurde zurückgegeben. Doch auch das Opfer wurde inhaftiert, für den Besitz von Sexspielzeug und Alkohol. Übrigens ist es in Dubai verboten sich unter Menschen zu küssen, sogar den Verheirateten: man kann auch deportieren. Noch vor zehn Jahren konnten Eheleute von Vorbeigehenden schikaniert werden wenn sie sich an den Händen hielten. Doch die Zeiten verändern sich.

Wahrscheinlich, vor der Vielzahl der Vergnügungen und der gut bezahlten Arbeit, verfallen hier manche in einer Art Karikatur ihrer selbst. Zu einem großen Problem und Thema eines langen Gespräches können der Regen und die glitschigen Straßen werden, die Tölpelei der Arbeiter, Santechniker und den Überbringern des Essens, die Unmöglichkeit die Klasse im Flugzeug zu erhöhen und das Leben in dem Hotel. Doch im Ganzen sind die Menschen locker, immer bereit für etwas Fröhliches und Schönes. An den Feiertagen und an Wochenenden ist es angebracht, sich auf Reisen zu begeben und in fremde Welten. Besonders zur Zeit des Ramadans (für die, die nicht fasten) und der Hitze, die anhält von der Mitte Mais bis Oktober, dann wenn das öffentliche Leben Dubais eine Pause macht.

Ein jeder gewöhnt sich schnell daran, dass Freundschaft und Beziehungen hier nur eine Weile halten. Dubai ist wie eine Businesshalle des Flughafens: alles ist reich und schön und die Leute sind hier nur auf Durchreise. Manch einer für ein paar Tage, mach einer für eine Woche, für ein Paar Jahre, doch sie alle fahren wieder weg. In diesem Vergnügungszentrum formieren sich nur selten ernste Beziehungen und Familien, wobei ich auch solche Geschichten kennen lernte.



Эмиратцы, старый город и душа Дубая

Emirater, die alte Stadt und die Seele Dubais.

Obwohl man Dubai vor allem mit Shopping assoziiert, mit Abenden, Restaurants und Stränden, kann man hier alles mögliche finden. Ich nahm diesen Ort als neues zuhause an, als ich begann Yoga zu machen und alleine im Meer zu schwimmen bei Sonnenaufgang, in den russischen Bücherklub zu gehen und mich mit Einheimischen anzufreunden. In Dubai leben von ihnen nur 10 Prozent, meistens treffen die Auswanderer diese gar nicht. Durch die Arbeit und manche Projekte kam ich mit ein paar Emirater in Kontakt und fand zwischen ihnen ein paar gute Freunde.


So eröffnete ich mir das alte Dubai und den Bezirk Bastakija, das einzige Quartal mit altertümlichen Häusern der Einheimischen (nach den Maßstäben des jungen Landes mit einem Wüstenklima zu urteilen, bedeutet das, dass es Häuser waren, die zum Ende des 19., zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden.) Sogar jenes Stückchen Geschichte bewahrte sich zufällig, dank des Ratschlags des damals noch jungen Prinz Charles, zur Zeit seines Besuches in den 80ern. Nun befinden sich hier Museen, Boutiquen und Restaurants. Die Emirater aus Bastakija treffen sich immer noch in dem Bezirk ihrer Kindheit, fast jeden Abend auf das Treffen von Männern mit der Bezeichnung Madzhilis. Zuerst versammelten sie sich nur auf der Straße, dann kauften sie ein Café. Die Emirater laden Touristen und neugierige Auswanderer zu sich, doch die Vorbeigehenden haben meistens Angst und gehen an ihnen vorbei.

Ich hatte das Glück, mit ihnen viele märchenhafte Abende zu verbringen und ich zweifele daran, dass ich noch irgendwo anders, so etwas zu sehen bekäme. Normalerweise vergehen die Madzhilisy bei Männern und Frauen getrennt. Obwohl ein Großteil dessen, was dort gesprochen wurde, mir unverständlich erschien. Diese Alten lachten so frech, und manchmal sangen und tanzten sie so, dass ich mich wie eine von ihnen fühlte.

Mein Freund, der Emirater, zeigte mir gelbe Häuschen und Straßen der Kindheit, den Hof seiner Tante und die Palme, auf die er kletterte, um Datteln zu sammeln. Nun befindet sich in diesem Haus ein Restaurant und eine Kunstgalerie. Und ich versuchte mir vorzustellen, wie es ist, in den Hof der Kindheit zurück zu kehren und zu einer Touristenattraktion zu werden. Für die Emirater, vor allem die Erwachsenen, veränderte sich das familiäre Haus bis zur Nichtwiedererkennbarkeit. In den 60ern, als Gagarin bereits in das Weltall flog, war Dubai noch ein Fischerdorf ohne Elektrizität und mit Öllampen. Kühlschränke und Klimaanlagen gab es auch keine. Man rettete sich vor der Sommerhitze auf den Dächern und tagsüber im Inneren der Häuser unter Windtürmen. Man aß viel Reis und jeden Tag frischen Fisch (damals zählte man das zum Essen der Ärmsten), manchmal Gemüse und Früchte, selten Fleisch. Dafür lebten alle gesund, konnten locker auf jede Palme klettern. Ans Meer, das sich 10 Minuten Autofahrt von Bastakija befand, fuhr man ein mal im Monat zum Picknick, der Strand schien damals weit zu sein. Es gab kaum Wege. Nur Wüste.

Noch zwei historische und atmosphärische Bezirke – Dejra und Bur-Dubaj, die durch die Bucht Dubaj-Krik getrennt sind. Eine Fahrt dorthin erinnert an eine Reise nach Indien oder Pakistan. Hier befindet sich das Zentrum des Handels nach dem Bild der 90er in Russland, kleine Geschäfte mit Fakefirmen (diese zu besuchen kann man für das Vergnügen), kleinen Häusern im sowjetisch-afrikanischen Stil, günstige Dienste und traditionelle Märkte, nun eher touristische. Mehr als nach dem Meer und den Freunden, sehen ich mich nach der pakistanischen Bar „Ravis“ in Bur-Dubaj. Dort gibt es solches Essen, dass das Café nicht umsonst unter den Auswanderern, Touristen und glamourösen Bloggern Kult ist.

Der Freund Emirater erzählte mir, dass auch vor vierzig Jahren „Ravis“ bekannt war in ganz Dubai für die besten Kebabs in der Stadt, dass er immer noch seinen Chauffeur dorthin schickt, damit ihm dieser sein Abendessen bringt. In seiner Jugend war das Bezirk bekannt für einheimische Gays, die ihre Wohnhäuser mit bestimmten Flaggen kennzeichneten (nicht regenbögenfarbigen). Doch das war so lang her, dass sich niemand daran erinnert. Und nun wurde der Freund etwas traurig darüber, dass man diesen alten Bezirk umbauen möchte und verwandeln in eine Oase des Futurismus und des Reichtums.

Was man vor allem bei den Emiratern lernen musste, ist der Stolz für die eigenen Traditionen, die Eigenartigkeit und die Nationalkleidung. Die männlichen, weißen Tunika Kanduras mit dem Schal-Kufiej und einem schwarzen Spinnkabel aus dem Fell eines Igal’s (In der alten Zeit trug man diese Schnur auf dem Kopf, um des nachts diese an das Kamel anzubinden) und die weiblichen schwarzen Abajs zählen auch heute noch zur traditionellen und offiziellen Kleidung. Sie sind unbedingt vorhanden auf Versammlungen, doch manche Einheimischen tragen sie fast jeden Tag. Konzerte und Shows jeder Art lassen einen für ein paar Minuten verweilen, wenn der Azan erklingt, der Ruf für das Gebet – man hört ihn in der ganzen Stadt, sogar in den Handelszentren und Aquaparks.


Man kann sich nur wundern über die Weisheit der Machthaber Dubais, des nachbarlichen Abu-Dabis und den weiteren fünf Emiraten, die in den Anfängen der siebziger Jahre sich einigen konnten über den Zusammenschluss der Macht. Damals waren es noch kleine Fischerdörfer von Fischern und Händlern mit Perlmutt. In weniger als vierzig Jahren, erschufen die Machthaber den jungen Staat. Die Vereinigten Arabischen Emirate, eines der fortschrittlichsten in der Welt. Natürlich kann man lange über das Erdöl sprechen, doch man kann auch genauso andere Erdölländer mit weniger gutem Schicksal aufzählen. Es kommt so vor, als ob man vor Jahrzehnten den einheimischen Sheihs von irgendwo von oben die Weisheitsperle übergab, wie im Film auf einem riesigen Bildschirm des „Neuen Museums der Einheit – Etihad“ Wie soll man sonst die unwahrscheinlichen Metamorphosen diese Region erklären? Übrigens ist es die Perle, welche ein Symbol Dubais ist.

Als ich über die Errichtung der Vereinigten Arabischen Emirate las, war ich überwältigt über das Streben der Machthaber des Landes, wenn sie auf jedes „unmöglich“ und „so etwas gibt es nicht“ von besonderen Ratgebern, antworteten: ich sehe das so.

Und sie erreichten das, was sie wollten. Auf dem Territorium der Wüste, sei es auch unter künstlicher Erbauung, blühen Gärten und grünen Parks. Wie viele Projekte eines solchen „so etwas gibt es nicht“ wurden realisiert. In den 90ern errichtetem und von Wolkenkratzern überhäuften Teil der Stadt, in der Chaussee des Shaihs Zaid zeigten sich nur ein paar der Wolkenkratzer. Niemand verstand den Leader Dubais: wozu benötigt man diese in mitten der gelben Wüsten auf der Straße Abu-Dabis? Wobei die Wüste immer ihr eigenes und immer jetzt zu sich nimmt: auf den n Verbindungsstellen zwischen den Bürgersteigen, in den häufigen staubigen Stürmen, den endlosen Weiten auf den Rändern der Straßen außerhalb der Stadt.



Die Hetzjagd 2020 und wie sich alles innerhalb von 6 Jahren veränderte. Die Zukunft bauen die Gastarbeiter

Der Horizont der Wolkenkratzer, der mich im Jahr 2013 im Zentrum der Stadt, in Downtown blendete, auf der touristischen Dubai Marine und im Umkreis, war damals nicht älter als zehn Jahre. Das allerhöchste Gebäude der Welt, „Burdsch-Halifa“, welches man von jedem Punkt der Stadt sehen konnte, wurde erst in Jahr 2010 eröffnet. Sogar in den sechs Jahren, die ich in Dubai lebte, verdoppelte sich die Zahl der Wolkenkratzer, Hotels und Bezirke, die sich bis in die Wüste ausbreiteten. Dubai überholte das Londoner Heathrow und stand nun an erster Stelle im Passagierstrom als Aviaknoten mit 40 Millionen Passagieren im Jahr, für das zukünftige Wachstum, baute die Regierung einen zweiten Flughafen, Al‘-Maktum, der fast immer leer war. Es schien, als ob die ganze Bevölkerung Dubais in diesen Jahren sich in die Hetzjagd „Wir schaffen es in die Expo 2020“ einordneten und in die Vorbereitung der Stadt für einen noch nie da gewesenen Touristenstrom.


In diesen Jahren eröffnete man auch das lokale Operntheater und das Museum „Louvre Abu-Dabi“, dazu noch zehn neue, gigantische Vergnügungszentren und selbst gemachten Inseln. Man öffnte einen Kunstkanal durch die ganze Stadt und sogar durch die Hauptstraße, um das alten Handelszentrum Dubais mit dem Meer zu verbinden. Als China und Saudiarabien verkündeten, dass sie höhere Wolkenkratzer bauen als das 800-meter hohe „Burdzh-Halifa“, begann Dubai für das Jahr 2020 mit dem Bau eines noch höheren Turmes, dessen Höhe noch nicht bekannt gegeben wurde. In den letzten Jahren wuchs vieles heran. Meine Freunde und ich fanden uns in schicken und fast leeren, neuen Restaurants, Parks und Attraktionen wieder.

Der Lebensstil in Dubai änderte sich in den letzten sechs Jahren. Man kann nun Toristinnen in kurzen Shorts mit einem tiefen Dekolletee antreffen. Jennifer Lopez zeigte sich nicht in Nachtclubs, sondern auf einem Gala-Essen mit dem hohen Scheich. Auf einem großen, russischen Konzert küsste sich ein russischer Geschäftsmann mit seiner Ehefrau. Und die Weltstars hoben sich hervor mit einer fast durchsichtigen Kleidung. Noch vor zehn Jahren waren die Emirate eine recht isolierte Oase mit ihren eigenen Gesetzen, doch jetzt beginnt Dubai das Interesse der Touristen anzulocken. Sogar zum Ramadan verändern sich die Gesetze jedes Jahr und werden immer lockerer: immer mehr Cafés und Restaurants sind geöffnet hinter gar nicht mal so dichten Vorhängen. Immer weniger Respekt zu Traditionen zeigen hier die Touristen und die Auswanderer.

Mit der Lockerung des Visums mit den Ländern SNG und Osteuropas fanden sich hier viele russischsprachige Sucher des Glücks. Oft arbeiten sie illegal für kleines Geld. Wie es sich gehört, mieten sie ein Zimmer oder irgendeinen Ort in der Wohnung oder in einer Villa. Den größen Teil des Geldes geben sie für die Wohnung aus. Dazu nehmen sie noch Kredite für ein Auto auf und Gegenstände, die sie als erstes benötigen. Die Vielzahl der Arbeit ist in der Service-Sphäre wird schlecht bezahlt, unter den Lebenserhaltungskosten, wobei gute Hotelnetze den Arbeitern die Wohnung, den Transport und das essen finanzieren. Übrigens kann man sich in Dubai selbst ins Gefängnis setzen, wenn man einen Check schreibt, welcher nicht den Mitteln auf Ihrem Bankkonto entspricht. Viele fliehen aus dem Land mit nicht abbezahlten Krediten, lassen ihre Autos einfach auf den Straßen stehen, nun, Hauptsache man fliegt nicht mehr über den Flughafen Dubais.

In den letzten Jahren beschloss ich meine Ausgaben und den Lebensstandart zu senken. Ich mietete ein Studium und dann ein Zimmer in einer Villa. Und obwohl ich nun sparen konnte und nicht sofort bezahlen musste, kamen die Ungewissheit und die Nachbarn, deren Verhalten du nicht kontrollieren kannst. Doch ich machte es bewusst und für das Lösen einer konkreten Aufgabe. Nach Dubai zu fliegen für eine wirklich gute Arbeit und für schöne Fotos in Instagram, mit einer trüben Hoffnung auf etwas Helles, sollte man nicht. Wobei es immer glückliche Ausnahmen gibt,

Man muss verstehen, dass auch früher nicht gut bezahlten Auswanderer die Masse der Ausländer stellten, sondern Gastarbeiter aus verschiedenen Ländern. Jene, die auch bei der Hitze und während des Ramadans auf den vielzähligen Baustellen arbeiten, sie leben in den Wohnheimen, weit weg vor den Augen der Städter und Touristen, fahren in kooperativen Bussen ohne Fenster und Klimaanlagen, essen irgendeinen Mist und bekommen davon Sodbrennen. Wenn es manchmal Wochenenden gibt, dürfen sie nicht in der Stadt erscheinen oder am Meer. Gerade ihr tägliches Handwerk verwandelte Dubai aus einer Wüste in eine blühende Oase mit den Wolkenkratzern.



Ein großes Upgrade solcher Arbeiten ist zum Beispiel Taxifahrer zu werden, sie mieten dann billige Zimmer, wo 10-12 Menschen leben, doch dafür verbringen sie den Arbeitstag in Geschäftskostümen und unter Klimaanlagen. Wirklich super ist es Geld zu sparen oder einen Kredit aufzunehmen, ein Auto zu kaufen, zusammen mit anderen Chauffeuren, an sich selbst zu arbeiten. Noch gibt es hier eine riesige Armee unsichtbarer Service-Arbeiter, meistens Philippiner, Srilankesen und Nepalesen, die nicht in gerade besseren Verhältnissen leben. Doch wenn man in Dubai lebt, ist es das Beste, sich nicht mit den Fragen über Gerechtigkeit zu beschäftigen, gerade laut. Das ist doch der aller glücklichste Platz auf der Erde, hier gibt es sogar das Ministerium für Glück. Und dazu Bestrafungen für die Verbreitung von Gerüchten oder fremder Fotos in den sozialen Netzwerken und Messanger.

Ich persönlich, als ich die Losungen über Dubai 2020 sah, fing mich immer bei dem Gedanken, dass es gut wäre, wenn ich im Jahr 2020 nicht mehr hier bliebe. Irgendetwas in der Welt ging nicht so wie es sollte, noch vor diesem verfluchten Jahr: Wirtschaftliche Stagnation und später der Abschwung erreichten langsam Dubai. Was im Jahr 2020 geschah auf dem ganzen Planeten, muss nicht ich euch erzählen. Die Expo in Dubai verlegte man um ein Jahr, auf den Herbst 2021, die Eröffnung des neuen, allerhöchsten Turmes in der Welt, wurde ebenfalls auf einen unbestimmten Zeitraum verlegt,


Die letzten beiden Ramadans. Wir lassen das Angestaubte hinter und. Zeit nach hause zu fahren.


Eines Tages saßen meine teure Freundin und ich in unserem liebsten griechischen Restaurant am Meer, rauchten Wasserpfeife, blickten auf den riesigen „Segel“, „Burdz-El‘-Arab“. Wir berieten uns, wie es dazu kam, dass wir beide in Dubai lebten. Diese Seifenblase der Fülle und Übersättigung, der Stände und Abende, der Leichtigkeit und Leere, wobei wir zu all dem nicht strebten. Wir machten Witze: möglich, dass es Karma ist, in dem vorherigen Leben arbeiteten wir irgendwo in Sibirien im Sägewerk, deswegen fanden wir uns beide hier wieder und freundeten uns an. Und obwohl das Sägewerk in Sibirien für uns eine figurative Rede darstellte, leben in Dubai wirklich viele Besitzer riesiger Kapitale, für die der Weg in die vertrauten Gegenden verschlossen ist. Doch mit dieser Welt kreuzten sich meine Wege nicht, zum Glück, wenn dann nur von weitem auf Veranstaltungen.

Obwohl diese Freundschaft die aller ehrlichste ist, tangierte sie auch unsere beider Verpflichtungen, und auch das ist eine Geschichte Dubais. Die Vielzahl der Treffen mit wirklich interessanten Menschen an den schönsten Orten, finanzierte mir mein Arbeitgeber. Partner und Kollegen luden uns ständig ein zu den vielzähligen Sitins und Eröffnungen.
Doch in den letzten Jahren begann mich das alles zu nerven. In der Freizeit besuchte ich Veranstaltungen oder Treffen nur in Ausnahmefällen, nur wenn es notwendig war, und mit nahen Freunden. Die Freizeit verbrachte ich mit dem Lesen von Büchern, mit dem Studium online und offline in den Ferien, mit dem Schreiben. Erstaunlich, doch in dieser geistigen Wüste, finden sich viele wieder. In dem Reiten auf Pferden, den Fahrten auf den Mofas, Couchings in allen möglichen Fragen, gesundem Essen, Volontariat, Religion, Schöpfung.

Jemand, der in Dubai lebst, vertieft sich in geistige Praktiken und Such, irgendjemand beschloss, dass all das Korporative ihn nicht interessiert, und er begann viel zu lernen und zu schreiben – so wie ich.

Dazu kam, dass in den letzten zwei Jahren in Dubai, ich selbst ebenfalls zum Ramadan fastete. Ich wollte es nur ein paar Tage ausprobieren, um die Freunde besser zu verstehen, die auch fasteten und die bereits gegangenen Großmutter und Großvater.

Es war schrecklich, den ganzen Tag kein Wasser zu trinken: Mit Essen experimentieren wir Frauen viel und mutig. Doch es schien unlogisch zu sein, während der Hitze nicht zu essen und zu trinken, um später in der Nacht zu essen. Doch ich beschloss mich dem Allerhöchsten anzuvertrauen
, etwas nicht für mich und mein Ego zu tun. Ich schaffte es das ganze Fasten durchzuhalten und dieser Monat wurde zu dem aller zauberhaftesten in Dubai. Was kostet nur der Geschmack von Wasser und Datteln nach einem Tag des trockenen Hungers.

Es war auch interessant die Traditionen der Araber von innen zu begreifen. Jeder Abend zu Ramdan ist ein Grund sich mit der Familie zu treffen für ein festliches Mahl nach einem langen Tag des Fastens, in diesem Monat besuchen sich die Verwandten und Freunde, freuen sich.

Stellen Sie sich ein Vorjahresessen der Familie vor. Es stellte sich heraus, dass auch das Fasten einem nicht schwer fällt. Und die kleine Periode ohne Sorge, die Gedanken an das Geistliche und das Studium des Korans, sind gar keine Zeitverschwendung.

Dann gefiel mir noch die Tradition Sadaks, zum Ramadan gibt jeder Moslem einen Teil seines Gehaltes (wenn er keine Kredite hat) für die Hilfe der Bedürftigen, um mit ihnen die Liebe de Allerhöchsten zu teilen.

In jenem Jahr des Umzuges las ich ein damals modernes Buch über das japanische Aufräumen. Ich schaffte es endlich für Ordnung im Haus zu sorgen. Ich schmiss einen großen Teil meiner Kleidung weg und nahm ab. Mit dem neuen Glück des Loswerdens von allem möglichen, flog ich für ein ein paar Tage in meine vertraute Kasan‘ und traf im Flieger die Liebe meines Lebens, meinen zukünftigen Ehemann – einen Tataren, wie ich selbst. Er arbeitete damals in Afrika. Irgendwie entwickelten sich zwischen uns die Verhältnisse. Nach ein paar Monaten flogen wir wieder nach Kasan‘ zu unserer muslimischen Hochzeit (über diese Traditionen wussten wir beide nichts und suchten im Internet nach Informationen) und nach einem halben Jahr fuhren wir nach Russland und feierten die Hochzeit.

Im Sommer 2019, vor dem Umzug aus Dubai, begann ich wieder Ramadan zu zelebrieren. Doch ich hörte nicht auf den Koran, bemühte mich all die nicht zu ende gelesenen Bücher zu ende zu lesen (meine dubaische Bibliothek wurde während dieser Jahre immer größer), ich organisierte die Angelegenheiten auf der Arbeit, den Umzug und die Hochzeit in Kasan‘. Deswegen fiel mir mein zweites muslimisches Fasten etwas schwerer, es gab nicht solche Geistlichkeit und Zauber, wie beim ersten Mal. Später, in Russland, fastete ich nicht mehr, doch irgendwann werde ich es unbedingt machen, doch Schweinefleisch und Alkohol ist nichts mehr für mich.

Lidia Koshutskaja: Zweitausendvierhundertneunundneunzig

Dienstags, Donnerstags und Samstags wählt er die Kasse, die am nächsten zum Ausgang ist. Montags, Mittwochs und Freitags – die Zweite, diese gefällt ihm weniger. Sonntags geht er nicht einkaufen.

Heute ist Mittwoch, deswegen geht er mit schwerem Atem zu jener unangenehmen Kasse, da ist die Schlange länger und die hohe Frau lädt auf das Fließ-band eine große Vielzahl von Lebensmitteln.

Dienstags bewegt sich die Schlange etwas schneller, doch er schaut nicht einmal in ihre Richtung. Er wartet.

„Junger Mann!“, die blonde Kassiererin winkt ihm mit der Hand. „Bei mir ist frei, kommen Sie!“

Die hohe Frau fährt eilig damit fort, drei Stangen Wurst, zwei Packungen Milch, eine Packung Cornflakes auf das Fließ-band zu legen, und er beobachtet sie dabei, hält dabei seinen Korb mit dem Kefir, Baguette und der Tafel dunkler Schokolade, Cherrytomaten und eine Sammlung von fünf Schwämmen zum Spülen vom Geschirr.

Die Kassiererin wackelt mit den Schultern und dreht sich zu der Frau mit der Lederjacke, die sich ihr gerade erst näherte. Er atmet ruhig aus und fährt fort mit dem Warten.

Endlich packt die hohe Frau all ihre Waren ein und nimmt die Karte heraus, um zu bezahlen.

„Gibt es einen Rabattzettel?“, murmelt wie gewohnt die Kassiererin mit den schwarzen Locken.

„Nein.“

„Wollen Sie einen?“

Ihre blonde Kollegin, die der Frau in der Lederjacke bereits mit ihren Einkäufen geholfen hat, blickt wieder auf ihn, doch er blickt prinzipiell auf den Stand mit den Zigaretten. Natürlich raucht er nicht, doch er erreicht, was er will: die Kassiererin beschließt ihn nicht weiter zu rufen, noch siebzehn Sekunden und die hohe Frau schnappt die letzte Tüte und geht langsam zum Ausgang.

Er breitet mit Vergnügen die Einkäufe aus. Zuerst den Kefir, dann die Schwämme…

Die Lockighaarige schaut nicht einmal auf die Waren, während sie diese scannt. Doch blickt sie ihn auch nicht an. Ihr Blick ist in eine andere Zeit gerichtet, entweder in eine sorgenvolle Vergangenheit, oder in die Zukunft, wo es auch nichts lichtes gibt, und die Hände machen die Arbeit. Solche gefallen ihm nicht. Sie kontrolliert nicht die umgebende Realität, weiß nicht wo sie sich befindet, und macht alles automatisch. Solche machen oft Fehler.

„Haben Sie einen Rabatt+?“

„Nein“, antwortet er kühl.

„Wollen Sie einen?“

„Nein.“

„Dann bekomme ich von Ihnen zweitausendvierhundert neunundneunzig.“

Er kommt sich vor, als würde man ihm ins Gesicht schlagen. Es wird heiß.

„Entschuldigen Sie, wie viel?“…“

Die Lockighaarige rollte für eine Sekunde mit den Augen.

„Zwei vierhundert neunundneunzig.“

Er stellt sich vor, wie er sie mit dem Gesicht an die Kasse schlägt und auf dem Gesicht bleiben die Eindrücke der Zahlen. Er atmet aus und lächelt unbequem:

„Das kann nicht sein. Ich habe alles berechnet. Es sollte zweitausend vierhundert sechsundachtzig herauskommen.“

„Junger Mann“, die Lockighaarige spricht in einem solchen Ton, also ob sie dreißig Jahre älter ist als er.

„Meine Kasse zählt alles automatisch, denken Sie, dass Sie schlauer sind als die Maschine?“

Er richtet seine Brille.

„Ich habe einen Doktor in Mathematik, deswegen denke ich, dass ich schlauer bin. Kann man noch mal durch zählen?…“

„Was hast du das Doktor? Wurst?“, murmelt die Kassiererin und erhebt die Stimme. „Das gehört sich nicht. Bezahlen Sie ihre Einkäufe. Bitte.“

Er stellt sich vor, wie er sie an der Hand nimmt, wie ein Kind, sie aus dem Supermarkt führt, dann hinter die Häuser, wo die Eisenbahn ist. Er möchte, dass sie nichts versteht, so wie sie auch jetzt nichts versteht, und dass sie mit Vergnügen auf den Schienen sitzt, bis er ihr zur Verabschiedung zuwinkt.

Die Blonde, so sah es aus, fuhr fort ihn zu beobachten, rechnete mit dem letzten Kunden ab und befand sich hinter dem Rücken der Lockighaarigen, sie sprach ganz schnell mit einer hohen Stimme:

„Nun denn, natürlich denken wir nicht, dass sie nicht recht hatte! Lasst uns alle Daten vergleichen…Entschuldigen Sie…Professor? Wie heißen Sie?“

Er schwieg, fuhr fort mit dem Lächeln und dachte, wie er mit Vergnügen ihr Haar um seine Faust wickeln würde. „Sehen Sie, die Sache ist die: Die Tomaten haben ein falsches Gewicht, deswegen kosten sie mehr… Doch das ist nichts schlimmes, stimmt es= Und wollen Sie, ich werde schnell laufen, eine neue Packung holen, da sind neue Preise drauf….“

Er stellt sich vor, wie viele Cherris in ihren Rachen passen würden und spricht leise:

„Nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen“, schade, dass er heute nicht ihre Kasse auswählen durfte. Dann hätten die Bilder im Kopf aufgehört zu blinken. Dann müsste er nicht denken, wie er die beiden würgen wollte. ER würde einfach schnell nach hause gehen, Kefir trinken und das Mittagessen vorbereiten. Ja, auf dem Tisch, lag das Huhn, welches gerade auftaute. Dieses ähnelt sehr dem weichen, weiblichen Fleisch, und er würde in Ruhe essen, ohne sich darüber Sorgen zu machen, dass der Zug lange nicht kam und die Kassiererin war gerettet. „Alles in Ordnung. Ich zahle.“

Ihm wurde heiß, als man von der Karte mehr abhob, als nötig war, doch er biss sich auf die Wange von Innen und fuhr fort zu lächeln. Zum Glück hat die Blonde die Lebensmittel eingepackt, während die Lockighaarige schon mit dem nächsten Kunden sprach. Ihm kam es schlimm vor, wenn sie wieder seine Einkäufe berühren würde.

„Einen schönen Tag!“ die Blonde reichte ihm seine Tüte. Und er war frei.

Er ging nachhause, seine Gedanken hassend. Er verstand, dass er sie nicht kontrollieren konnte und beruhigte sich, dass es nur Gedanken waren. Er machte nichts. Tat nichts der Lockighaarigen. Und die Ziffern legten sich in seinem Kopf nicht richtig…Macht nichts, er weiß, wei man diese in Ordnung bringt, und nun wird alles gut sein. Er lobte sich noch einmal für seine Zurückhaltung, und machte die Tür des Hauses hinter sich zu.

„Ich bin zurück“, sprach er laut. Aus dem Schlafzimmer hörte man niemanden und er eilte dorthin: Was ist, wenn ihr irgendetwas zugestoßen ist? Doch nein, sie wartete immer noch auf ihn, im rosa Kleid mit roten Mustern. „Stell dir vor, was mitr heute zugestoßen ist“, und er berichtete über die Ereignisse im Supermarkt. „Und nun sitzt jene teuflische Zahl zweitausend vierhundert neunundneunzig in meinem Kopf. Dumm, stimmt es? Doch ich weiß, wie ich es los werde. Man muss es einfach aus sich ausspülen, verstehst du?“

Sie hob die Augen. ES schien, als ob sie gar keine Kräfte mehr hatte.

„Ich weiß, dass du müde bist, doch ich benötige deine Hilfe.“

Er nahm aus dem Kleiderschrank einen Pullover, senkte sich neben sie. Sie stöhnte leicht. Mit einem Ruck hob er ihr Kleid nach oben.

„Du bist meine Starke“, lächelte er. „Und schlau, warst immer die Beste in meinem Fach. Nun, zähle mit mir: eins…zwei…drei…

Natalija Limar‘: „Der kalte Regen“

Eine Holztreppe. Es regnet. Ein echter, fernöstlicher, kalter Augustregen. Ein solcher Regen erschafft in einem Augenblick die Pfützen, auf denen man springen kann, das Gesicht neigen in den Wasserstrahl, und du wirst augenblicklich nass.

Wobei, wahrscheinlich rede ich über einen anderen Sommerregen, wenn aus dem Himmel, sogar aus dem Wölkchen, ohne die Sonne zu verschließen, ein anderer Regen fällt, ein warmer, zärtlicher Sommerregen, der sich im Himmel verstrickt, so jung und nutzlos wie der Welpe einer Schäferhündin, ein neckischer Bursche, der Regen. Ein blinder Regen. Fällt, macht Schabernack, spielt mit dem Laub auf dem Gras. Außerdem malt der Regen einen Regenbogen im Himmel. Ein solches Wunder, man sieht einen Regenbogen im Himmel und ist glücklich. Jetzt bin ich glücklich, doch im Inneren ist noch eine größere Vorahnung von Glück. Nasse Füße, nasse Haare. Da lief ein Wölkchen im Himmel, machte Unfug und schon wieder die Sonne.

Der Augustregen ist anders: ernst, erwachsen, mit Bläschen auf der Oberfläche der Pfützen. „Ich bleibe lange hier. Ich werde zwei Wochen fallen. Der Himmel wird schwer sein. Ich werde die Erde mit Nässe tränken, die Flüsse füllen, die Festigkeit der Brücken prüfen.“

Ja…August. So regenreich, und man wünscht sich Wärme und Sommer. Schon beginnen die Astern zu blühen, die Pflaumen sind fast reif, das Wasser im Fluss ist bereits kalt. Der Iljatag ist vorbei, der Sommer ebenfalls fast zu ende. Ein kurzer, fernöstlicher Sommer. Man wird noch ein paar warme Tage haben , klare, fröhliche, mit einer besonderen Durchsichtigkeit, umgeben vom Gold des Herbstlaubes, mit Schiffchen, die leise von den Bäumen fallen.

Der Regen goss unerwartet, wie aus Eimern.

Auf der Brücke stehen drei Menschen und beobachten die Wasserströme. Ein erwachsener, schöner Mann mit freundlichen, leuchtenden Augen. Eine schöne, junge Frau mit einer weißen Haut, grünen Augen, in ihrem Wesen ist ein besonderer Magnetismus, der verzaubert.

Sie beiden: der Erwachsene, von fünfzig Jahren und eine besondere, zwanzigjährige junge Frau. Ruckartig in den Bewegungen. Die beiden leben dieses Leben: voller Ereignisse, Geschichten. Sie rennen wie schöne Rassenpferde, die Tage ihres Lebens sind offen und hell, mal fröhlich, mal traurig. Das Leben fliegt mit einer kosmischen Geschwindigkeit. Und die dritte ist ein plumpes Mädel: lange, schnelle, nackte Füße, ein nasser Pferdeschwanz heller Haare, ein nasses, grünes Kleidchen, blaue Augen in einem zur Welt geöffneten Gesicht. Ihr Leben ist ganz unbewusst. Die Tage vergehen, als würde man in einem warmen Nebel baden, in der Hoffnung, der Sorge, der Liebe der Nächsten. Die ganze Welt ist nur für sie. Und die Lebensereignisse sind wie leichte Wölkchen: taucht ein, taucht auf und schon wieder ist vor ihr die leuchtende, glückliche Welt. Die Kindheit und das Mädel, ein vertrauensvoller Beobachter.

Strahlend, vertrauensvoll, doch manchmal neckische Augen, haben alle drei…

Es fließen kalte Ströme…

Und nun ein Ausruf:

„Traue dich! Traue dich unter den Regen!“

Das bedeutet, man muss schnell unter den Regen springen, das Gesicht unter die Wasserstrahlen halten, die mit lautem Geräusch als Wasserströme fließen, vom wütenden Himmel. Und man wird ganz nass, schafft es nicht auszurutschen auf den feuchten Treppen, dann wieder zurück hüpfen, unter das Wildwasser des beginnenden Gewitters.

Der Mann lief los, gescheucht von dem Ausruf…und Stopp!

„Ähm, nein!“

Das Ecksamen der Schneidigkeit und Provokation ist vorbei.

***

Seitdem habe ich in meinem Inneren eine coole Phrase „Traue dich unter den Regen!“ Traue dich unter die kalten Wasserstrahlen des Regens, und irgendwer wird auf der trockenen Treppe stehen und die trockenen Hände aneinanderreiben.

Ich spreche zu dir im Augenblick des intuitiven Rucks: „Stopp! Der Regen ist kalt.“

Danke für die Wissenschaft und den Tipp.

Wobei, ich möchte objektiv sein. Ich ging oft im Regen spazieren, ohne die Augen von der trockenen Treppe zu sehen. Ganz umsonst. Wenn du provoziert wirst zu einer Tat, zu einer Emotion oder sogar einer Beleidigung, ist es keine Liebe, keine Sorge. Das ist nichts Gutes.

So einfach: „Der kalte Regen“. Das wichtigste: man darf sich nicht dem intuitiven, besinnungslosen Impuls hingeben.

Man ruft uns gemeinsam auf den warmen Pfützen zu springen unter dem zärtlichen Regen und die Augen zu kneifen. Man wird in Schwierigkeiten getrieben, beobachtet die Helden, die ertrinken, kritisiert diese von der Seite.

Nur der Regen, nur die trockene Treppe, fast nach vierzig Jahren von jenem Mädchen, das naiv war und begeistert, das gerade begonnen hat, das Leben zu schmecken.

Ich verstehe die Einfachheit und Durchsichtigkeit des Lebens und man möchte wissen, dass der sonnige Morgen wieder kommen wird, mit tanzenden Schmetterlingen, dem Geruch von Lavendel, der Vorahnung eines Wunders, der Unbeschwertheit der Jugend, dem Glauben an den blinden Regen mit dem Regenbogen.

Und die Brücken tauchen unerwartet auf, mal klein und schön, mal riesig und lang, mal alt, mal neu, ganz unterschiedliche Brücken. Brücken eines Ereignisses zum anderen.

Manchmal stehst du auf der Brücke, und in einem Augenblick verändert sich das Leben. Und manchmal gehst und gehst du, fast ohne Kräfte. Mal Regen, mal Sonne, mal Wind, und du gehst und gehst, und ein anderes Ufer gibt es nicht. Wenn man sich hinstellt, die Arme ausbreitet und das Gesicht den Luftströmen entgegenstreckt, da kommt das Gefühl eines flatternden Vogels auf. Stehen, atmen, glauben.

Unsere Lebensbrücken wurden bereits gebaut, wir wählen aus, auf welchen wir gehen wollten. Manchmal, wenn einen das Unwetter überrascht und wir uns auf einer Brücke befinden, beten wir, um uns fest zu halten, damit wir genug Kraft haben, das rettende Ufer zu erreichen.

Von Brücke zu Brücke. Von dem einen Beginn zum anderen. Wir gehen und hoffen, dass wir Halt finden, und einen warmen Regen und mehr Sonne.

Buen Camino

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