Alesya Kim: „Der Schutzengel“

Er saß da und blickte auf seine trockenen Finger. Dann nahm er eine Zigarette heraus und rauchte. Varja betrat das Zimmer. Er hob seine blauen, greisenhaften Augen und schaute sie an. Sie hatte keine Zeit für Mode, die Frisur trug sie schon 37 Jahre.

„Vova, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Krankenhaus“, die Linien der Lippen verzogen sich in ihrem Gesicht. Er schaute sie an. Durch die Sorgen mitgenommen, wurde sie noch schneller alt. Sie fing seinen Blick auf, blinzelte oft, die Tränen vertreibend.

„Ich habe dich genug gequält…wie viele Sorgen ich dir bereitet habe…ja, und jetzt…sie ist so gar nicht die Deine…“, Varja verstand, dass die letzte Phrase überflüssig war.

„Varja, mache keinen Druck“, sagte Vladimir genervt.

Wie lange soll es noch so gehen? 36 Jahre sind vergangen und sie fühlt sich immer noch schuldig. Wie soll sie nicht die seine sein, wenn er sie aufgezogen hat, wie die eigene Tochter erzogen. Was soll dieses „wie“ bedeuten? Sie ist ihm nahe. Er blickte wieder Varja an. Im Gesicht – Verwirrung. Das blaue Hemd hing wie ein Segel auf den dünnen Schultern. Und einmal waren diese Schultern, diese Brust, diese Taille voller Jugend. Solch schmackhafter und saftiger Jugend, dass man sich nicht von ihnen abwenden konnte. Er liebte sie. Liebte sie ganz, sogar mit einem fremden Kind unter dem Herzen.

Sie lernten sich durch einen Zufall kennen. Er lief aus dem Supermarkt auf die Straße und sah sie in einem gelben Kleid mit einer modernen Frisur. Schön und traurig. Sie lernten sich kennen.

„Vova, ich bin schwanger…Wozu brauchst du eine solche Last?“, fragte Varja.

„Varja, ich liebe dich und das bedeutet, dass ich auch dieses Kind liebe.“

Und als Tanjuschka geboren wurde, als er sie zum ersten Mal auf den Arm nahm, diese Tomaten-rote Puppe, wurde er von einer noch größeren Liebe bedeckt. Er vergaß einfach, dass es nicht seine Tochter war. Und er hätte es für immer vergessen, wäre da nicht Varjas schuldbewusster Blick gewesen. Niemand wusste, dass Tanja in Wirklichkeit die Tochter Vitjkas war, der im vierzehnten Haus lebte und so schnell in den Norden aufbrach, um Brillanten zu suchen. Alle hielten sie für die Tochter Vovas. Und nun liegt seine Tochter schon die dritte Stunde auf dem Operationstisch und er kann nicht helfen…

Den Kindern sagte man nichts. Maxim war in einer anderen Stadt. Er würde den nächsten Flug nehmen.

Sie ging einfach über den Zebrastreifen…

Der gequälte Chirurg verließ den Operationssaal. Vladimir schmiss die Kippe aus dem Fenster.

Varja rannte zum Arzt: „Doktor, was….?“, ihre Stimme brach ab und sie konnte nicht zu Ende sprechen. Die Rauheit Vladimirs verschwand und die Welt um ihn herum begann zu schwimmen.

„Sie wird leben. Natürlich mussten wir wegen des Schlages einen Teil der Lunge entfernen…“, doch weder Varja, noch Vova hörten ihm zu. Das Wichtigste, was gesagt wurde, hatten sie gehört.

Nach einer Woche, als Tanjuscha in ein einfaches Zimmer verlegt wurde, besuchten sie sie:

„Nun, Tochter, wir gehen wieder. Werde bald gesund, deine Kerle vermissen dich schon“, Vladimirs Augen leuchteten vor Glück.

„Ich kann es nicht mehr hier aushalten. Doch Talgat Isakovich sagte, dass ich mindestens noch eine Woche hier liegen muss.

Die Eltern küssten die Tochter und begaben sich zum Ausgang.

„Mama“, Tanja wandte sich an die Mutter, „kann ich dich für eine Minute sprechen?“

„Vova, gehe schon mal vor, ich werde dich einholen“, sagte Varja und eilte zur Tochter.

„Mama, Papa ist nicht mein leiblicher Vater, oder?“

„Wie kommst du darauf? Welcher Unsinn?“

„Mama“, die Tochter unterbrach sie, „ich weiß, dass er nicht mein leiblicher Vater ist.“

„Doch woher weißt du das? Außer uns wusste es niemand…er selbst hätte es dir nicht erzählt…“

„Ich habe es gesehen. Mich, als ich vom Auto angefahren wurde“, Tanja schwieg und suchte nach Worten, „ich sah meinen Körper auf der Straße und fühlte ihn in meiner Nähe. Doch ich sah ihn nicht, ich wusste einfach, dass es Papa war. Als ob er mich zurück in meinen Körper gestoßen hätte. Da sah ich den Unterschied zwischen uns und verstand, dass ich nicht seine Tochter bin. Mama, er hat mich gerettet.“ Tanja blickte auf die Mutter, und erwartete nicht ihr Verständnis.

„Nicht das erste Mal, Tanjuscha, nicht das erste Mal…Der Tag, an dem ich Vova kennen lernte, ging ich zur Abtreibung. Dein Vater, dein echter Vater, ließ mir Geld da, als er von meiner Situation erfuhr, für die Abtreibung, und fuhr fort. Ich bin selbst schuld…ich dumme Kuh. Und Vova…Vova hat mich gestört. Wegen ihm kam ich zu spät zum Arzt. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie dankbar ich ihm dafür bin. Töchterchen, er liebt dich wie sein eigenes Kind“, begann Vera sich zu rechtfertigen.

„Was du nicht sagst, zwei Mal…“, sagte Tanja, ohne der Mutter zuzuhören.

Varja blickte sich beim Weggehen noch einmal nach der Tochter um:

„Weißt du, Tanjuscha, manchmal leben die Schutzengel neben uns als Menschen.

Tanja blickte auf die Mutter und lächelte: sie hatte Glück, sie kennt ihren Schutzengel.

Anja Kiesow: Tauben-Wuttke

Tauben-Wuttke

Herr Wuttke war ein Mann mittleren Alters, nicht zu klein, nicht zu groß. Er trug einen grauen Regenmantel und dazu einen passenden grauen Hut. In der rechten Hand hielt er stets einen schwarzen Aktenkoffer, in der linken Hand einen schwarzen Regenschirm. Herr Wuttke war ein gewöhnlicher Mensch und gewöhnliche Menschen pflegen jeden Tag um 7 Uhr aufzustehen, um 8 Uhr auf Arbeit zu gehen und pünktlich um 16 Uhr Feierabend zu machen. Doch etwas war sonderbar an Herrn Wuttke: er wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Taube zu sein. Jeden Morgen, wenn er auf den Bus wartete, fütterte er die Straßentauben mit Brot und er freute sich, wenn sie in großen Scharen herbeiflogen und die Brotkrümel aufpickten. Nach Bureauschluss ging er oft zu Fuß nach Hause, wo ihn sein Weg durch den Park führte. Dort hielt er dann inne, setzte sich auf eine Parkbank und beobachtete sehnsüchtig die stolzen Ratten der Lüfte. „Ach“, seufzte er, „wäre ich doch einer von ihnen. Ich würde sorgenfrei leben, könnte frei durch die Lüfte schweben, wäre überall zuhause. Wie wunderbar diese Tiere erhobenen Hauptes die Straße entlangschreiten – ich wäre eine gute Taube“. Herr Wuttke versuchte, mit den Leuten über seine Sehnsüchte zu reden. Doch die Leute lachten dann. Sie hielten ihn für verrückt und nannten ihn spöttisch den „Tauben-Wuttke“. Das machte ihn traurig. Die Tage wurden grauer und Herr Wuttkes Sehnsucht immer größer. Er wusste mit seinem Leben nichts mehr anzufangen, seine Frau hatte ihn schon vor Jahren verlassen, als sie von den Tauben erfuhr. Jeden Morgen schlurfte Herr Wuttke nun mit hängendem Kopf die Straße entlang. Beim Anblick der stolzen Taubenschar, die unter einer Brücke verweilten, füllten sich seine Augen mit Tränen. Eines Tages, es war ein windiger Herbstmorgen, beschloss er, sein Leben zu beenden. Er wollte sich von einem Dach stürzen, weil er der Meinung war, dies sei der sicherste Tod. Er zog seinen grauen Regenmantel und seinen Hut an, lies Koffer und Regenschirm zurück. Er suchte sich ein Dach und als er oben stand, sahen die Leute zu ihm hinauf und versuchten ihn umzustimmen. Doch Herr Wuttke war fest entschlossen. Er streckte seine Arme aus und schloss die Augen. Was die Leute dann sahen, war ein kleines Wunder. Noch Jahre später sollte dies Gesprächsthema der kleinen Stadt sein: Herr Wuttke hob einfach ab und flog davon. Seitdem wurde er nie wieder gesehen.

Rashida Stikeeva: „Die Musik spielte…“ (ein Auszug aus dem Roman);Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/11/prose/rashida-stikeeva/igrala-muzyka-otryvok-iz-romana/111

Erstes Kapitel des Romans

Igarka 78

Neben der ordentlich abgegriffenen und angeschlagenen Tür des Restaurants tummelten sich junge Leute. Hinter dem trüben Glas sah man die solide Figur des Pförtners. Alles deutete auf eine hohe Besucherzahl der Veranstaltung. Dazu verkündete es das schief hängende Schild scharf und ernst: „Es gibt keine Plätze mehr“

Doch das Volk, das nicht gewohnt war, dem gedruckten Wort zu glauben, tummelte sich in Erwartung und in der Hoffnung, doch einen Platz zu bekommen in dem einzigen Musiklokal der Stadt.

Am Hafen der Igarka standen hauptsächlich Arbeitsschiffe, die Holz transportierten. Man achtete nicht auf sie. Schon einen ganzen Tag war die Stadt voller Sorge: ein riesiges Schiff kam an. So etwas geschah nicht oft in der kleinen Stadt dieser nördlichen Weiten. Noch lud man auf dem Schiff ab und machte Renovierungsarbeiten, doch alle wussten: am Abend werden die Matrosen von dem Schiff nach langer Wanderung im Restaurant „Igarka“ einkehren: die Plätze sind reserviert, das Menü besprochen.

Junge, unverheiratete Frauen des Städtchens hatten nun die Möglichkeit auf eine großes Glück: sich zu vergnügen, die Matrosen kennen zu lernen, vielleicht durch eine Bekanntschaft etwas Ernsteres entstehen zu lassen.

Die lokalen Schwarzhändler hatten eigene Vorstellungen über das herannahende Ereignis: nach allen Regeln der dunklen Kommerz, die Ware anzunehmen, wenn man Glück hat, die heißgeliebte Währung zu erlangen.

Doch das sowjetische Restaurant hielt sich zurück. Seine Tür knackte unter dem Ansturm der Leidenden, doch gab nicht auf. Ja, und die Pfeife des Wächters befand sich in Kampfstellung.

Die unerwartet hohe Tür öffnete sich, ein weiblicher Kopf mit Dauerwelle schaute heraus.

„Makarova. Wer ist Makarova?“

Eine hohe Frau, die in der Menge stand, drehte sich zu der Stimme um, wovon der üppige Pferdeschwanz heller Haare über der Menge aufstäubte:

„Ich. Ich bin Makarova.“ Sie begann sich durch die Menge zu schieben und ihre Freundinnen zu animieren, ihr zu folgen.

Die sie Umkreisenden zogen sich hinter ihr her.

„Kommen sie herein. Schnell. Wie viele seid ihr?“, eilte sie die Frau in der Tür.

„Wir sind zu dritt…“

„Los, los…haltet euch nicht auf…“

Die Menge war angestrengt, machte sich Sorgen und schrillte auf mit unzufriedenen Stimmen:

„Und wir? Was ist mit uns? Sind die Coolen auf dem ersten Platz?“

Die Lockenhaarige verschwand, die jungen Frauen folgten ihr. Eine hohe Tür quietschte mit einer strammen Feder, ging zu, ließ die draußen Wartenden stehen und das Schild unverrückbar. Die Menge klopfte, stieß mit den Füßen in die Tür. Jemand wollte mit einem Stein die Scheibe einschlagen. Doch da drohte der Pförtner mit seiner Faust, zeigte auf die Pfeife, die um seinen Hals hing, und da beruhigten sich alle. Die Polizei befand sich um die Ecke, doch es gab keinen, der den Wunsch hatte, dorthin zu gelangen.

„Folgen Sie mir“, die Administratorin klopfte mit ihren Absätzen, begab sich in den Saal, die Mädchen folgten ihr. „Sind Sie die Tochter von Elena Fedorovna?“, fragte sie und blickte sich beim Gehen um. „Man hat mich angerufen, ich habe für Sie einen Tisch reserviert. Nun, direkt bei der Bühne.

Ein kleiner Saal, deren Wände geschmückt waren mit Holztafeln, hohe Decken- ein besonderer Kronleuchter mit langen Kristallzapfen, war gemütlich.

Runde Tische umkreisten die nicht all zu hohe, halbrunde Bühne, die angelehnt war an die einzige Wand ohne Holztafeln. Auf der Bühne tummelten sich Musiker, die ihre Instrumente stimmten und das Mirko einrichteten.

„Eins-eins…eins…eins. Eins…zwei…drei…“

Die Freundinnen blieben für einen Augenblick neben der Bühne stehen, riefen die Musiker beim Namen und schickten ihren kokett einige Bussis. Endlich nahmen sie Platz an ihrem Tisch.

„Mädels, was wollen wir bestellen?“, fragte die nicht junge Kellnerin, die an ihnen vorbei ging.

Die Freundinnen drehten ihre Köpfe zu Makarova.

„Für uns eine Flasche Champagner“, sagte sie schnell. „Pralinen und Früchte.“

„Früchte haben wir nur Äpfel da, sowjetischen Champagner und nur Vogelmilchpralinen“, antwortete die Kellnerin klar und deutlich.

„Gut. Bringen Sie es uns.“

Die Kellnerin streifte die jungen Damen mit einem bewertenden Blick und ging in Richtung Küche.

Das Restaurant war halbleer. Im Zentrum des Raumes saß die kleine Clique der bekannten Mädels aus dem Supermarkt, bei dem Eingang blickte der Nachbar Makarovas, Vit’ka Razuaev, finster drein. Er war in Gesellschaft seiner nicht gerade zahlreichen Begleitung. Außerdem tummelten sich drei Männer in dem Raum, die stets in Richtung ihres Tisches lugten.

Die jungen Frauen drohten diesen Kavalieren mit der Polizei, stießen freundschaftlich an, tranken ihren Champagner und aßen dazu die Pralinen aus der Schachtel. Dann widmeten sie sich den Äpfeln und dem Beobachten der Musiker.

Es ist ulkig, dass alle drei Freundinnen Irina hießen und alle Mütter der Mädchen waren Arbeiterinnen im sowjetischen, lokalen Handel.

Elena Makarova war die Leiterin eines großen, städtischen Kaufhauses und zog ihre einzige Tochter auf. Die laute Toila Jahina handhabte die Lebensmittelbasis des Hafens und ihre kleine russisch-tatarische Familie. Die unheimliche Lusja Semenova arbeitete im Gorono und leitete dort einen Handelsbereich. Im Gegensatz zu den anderen zwei Frauen, setzte sie ihren zwei Töchtern keine Grenzen, doch beherrschte sie die Leben dieser. Alle drei Mütter waren miteinander befreundet.

Die Töchter gingen in einen Kindergarten, dann in die beste Schule der Stadt. In diesem Jahr schlossen die Freundinnen erfolgreich die zehnte Klasse ab und begaben sich auf den Weg auf das Festland, um sich in Fakultäten einzuschreiben.

Der freche Mischling, Irka Jahina, hatte braune Augen, schwarze Haare und ein freches Temperament, sie unterschied sich von den beiden Freundinnen durch ihre kleine Größe.

Vor ca. einem Monat brachte Jahinas Vater seine zitternde Tochter zu den tatarischen Verwandten nach Kazan‘, er nahm von den Töchtern und Tanten das Versprechen ab, sie genau zu beobachten. Die Tochter bestand die Aufnahmeprüfung und schrieb sich an der staatlichen Universität ein und war nicht erreichbar, bis sie wieder nach hause zurück kehrte. Ihre Igarka konnte sie nicht ausstehen, deswegen beeilte sie sich, auf dem neuen Territorium, neue Bekanntschaften zu schließen.

Die wie eine nördliche Birke zarte und schöne, Irochka Semenova schrieb sich in das Leningrader Institut für Schiffsbau ein.

„Warum?“, fragten die Freundinnen sie. „Wozu brauchst du diesen Schiffsbau?“

„Es gefällt mir“, raschelte leise eine Antwort. „Sehr interessant….denke ich. Und auch die Mama rät es mir. Nach dem erfolgreichen Bestanden von zwei Examen, kehrte sie für eine Zeit nach hause zurück, auf ihr geliebtes Sofa, zu den geliebten Büchern.

Die erste Schönheit Igarkas, Irina Makarova, musste alle Examen bestehen. Nichts zu machen, zwei Zweier im Zeugnis. Doch ohne Mühe schrieb sie sich in das Institut in Nowosibirsk ein, in die Wirtschaftsfakultät.

Katherina, die nahe Freundin der Mutter, lebte seit ihrer Kindheit in Nowosibirsk. Sie war einsam und beleidigt, als das Mädchen sich in ein Studentenwohnheim einmietete. Doch Irina versprach, dass sobald sie das studentische Leben nerven würde, sie sofort zu Katherina geht, in ihre gemütliche Anderthalbzimmerwohnung im Zentrum der Stadt. Und bis dahin, wird sie Tante Katja mit alltäglichen Besuchen beglücken.

Die Frauen feierten die Einschreibungen die Uni und den Beginn des erwachsenen Lebens.

„Wie können sie nur keine Angst haben? Im Suff wird man sie zerstören“, sprach Semenova laut ihre Gedanken aus und zeigte auf den Kronleuchter. „So schön wie im Theater…“

„Gott, wer soll es denn zerstören? Nur Weiber hier“, fügte die kleine Jahina hinzu als sie von ihrem Platz aufstand. „Und wo sind die versprochenen Schönlinge? Der Stolz der inländischen Handelsflotte?“

„Sie werden gleich da sein“, versprach Makarova selbstsicher. „Mama sagte, sie haben hier Tische reserviert.“

„Und meine Mutter sagte, dass sie eine dringende Information erhalten müssen, bevor sie das Schiff verlassen…“ erklärte Irochka Semenova und streckte ihren dünnen, weißen Hals.

In diesem Augenblick hörte man Geräusche neben der Eingangstür.

Das ganze Restaurant wurde plötzlich blau. Es gab verschiedene Schattierungen und Stoffe von Jeanshosen – und Jacken. Die Matrosen legten seit vielen Monaten zum ersten Mal ihre Uniform ab und kleideten sich in Landkleidung. Die Einheimischen hielten sich ebenfalls nicht zurück von den modischen Tendenzen, dank den wachen Schwarzhändlern. Nur die Kellner waren richtig gekleidet „oben weiß, unten schwarz“, und einige Offiziere betraten das Restaurant in Uniform. Es schien, als würden sie auch hier ihren unruhigen Dienst ausleben.

Er, hoch und statisch, betrat das Restaurant als letzter. Sie bemerkte ihn sofort. Er hatte einen Matrosenmantel an mit Schultergurten. Neben ihm gingen noch zwei weitere, etwas kleiner als er, sie trugen ebenfalls Uniform, mit dem Unterschied, dass sie nicht dem Offiziersstand angehörten.

Die lockenhaarige Administratorin trug einen möhrenfarbenen Lippenstift und war belebt von der männlichen Aufmerksamkeit. Sie lief zwischen de Matrosen umher und wies die Gäste auf ihre Plätze. Ihn und die anderen beiden in der Offiziersuniform, setzte sie in die Ecke, auf die andere Seite der Bühne, genau gegenüber dem Tisch, an dem die Freundinnen saßen. Dann näherte sie sich wieder den Matrosen und fragte genau ihn etwas. Er antwortete freundlich. Sie begann laut zu lachen und schüttelte dabei all ihre Locken. Makarova blickte so sehr auf diese Szene und hätte beinahe den Mund aufgemacht, doch sie beherrschte sich und knabberte weiter an dem Apfel.

Auf den Tischen standen noch nicht angerührte Salate, Platten mit Snacks, da bestellten die schon angetrunkenen Matrosen, Spirituosen im vollen Umfang. Die Kellner schafften es gerade so, ihnen die Getränke zu bringen. Wein, Wodka, Kognak – die Spirituosen flossen wie ein Fluss.

„Makarova, er schaut nur dich an.“ Jaha mit ihren Glupschaugen, schaffte es den jungen Offizier am Rand der Bühne zu bewerten, die anderen beiden konnte sie nicht sehen, sie saßen mit dem Rücken zu ihr, doch sie fing auch einen Blick auf von dem Ecktisch bei der Eingangstür. Die kleine Größe war kein Hindernis für die Intrigantin. Die Ereignisse rollten sich auf mit einer filmischen Geschwindigkeit, nun liebte sie ihre Heimatstadt.

„Wer? Dieser Offizier?“ Irina streckte den Rücken und blickte direkt gegenüber. „Er ist mir aufgefallen, ich schaue ihn auch an…“

„Welch ein Offizier? Vit’ka, dein…Nachbar.“

„Soll er schauen. Das wird ihm auch nicht helfen“, und Makarova biss in ihren Apfel.

„Er schaut wieder rüber.“ Jaha richtete ihre hohe Frisur mit den Fingern. „Mama hat erzählt, ihr hattet wieder einen Skandal? Vit’kas Vater hat seine Familie geärgert? Seine Ehefrau geschlagen? Hör zu, Vit’ka wird dich irgendwann erstechen. Du solltest wenigstens mit ihm tanzen und ihn beruhigen? Er hält sich nicht für schlechter als ein Admiral.“ Jaha kicherte zufrieden.

Irina bewegte die Schulter: „auch das noch. Die Einheimischen beobachten stets die Mädels, als ob man sie ihnen versprochen hätte.

Natürlich kann das sein, dass sie eine paar zugefahrene Matrosen verdreschen können. Doch welchen Sinn hat es? Ob man jemanden verprügelt oder nicht. Die Mädels fahren eh aufs Festland und halten sich nicht lange in der Igarka auf. Wo soll man sich auch aufhalten? In der Stadt gibt es außer dem Hafen nur das Sägewerk, doch dort benötigt man nur männliche Hände. Von hier stammen nur jene Männer, die abgesehen von der harten Arbeit, trinken und in ihrer freien Zeit randalieren.

Arbeit für Frauen gibt es in der Stadt kaum. Ebenso keine Vergnügungen. Nur ein Kino und ein Restaurant für die ganze Stadt. Überall gleiche Kleidung. Es gibt niemanden, mit dem man ausgehen kann. Wenn der Hafen geschlossen ist, und das ist für fast neun Monate im Jahr der Fall, herrscht in der Stadt Trübsinn und schreckliche Langeweile. Manchmal kommt es zu Romanzen mit Außendienstlern, doch das sind eher Skandale.

Die Musiker nahmen Platz. Den Freundinnen widmeten sie das Lied über einen armen Studenten. Es erklang laute, rhythmische Musik. Es kam zu Bewegung im Raum.

Der stramme Offizier aus der Clique gegenüber, drehte sich mit dem Gesicht zum Saal, sprang von seinem Platz auf und ging eiligen Schrittes zu dem Tisch, an dem die Freundinnen saßen. Er schrie lauter als die Musik und stellte sich vor: „Konstantin.“ Für einen Augenblick war er verwirrt: alle drei Frauen waren hübsch, welche sollte man wählen? Doch da fand er wieder Mut und seine Einladung zum Tanz wurde von Jahina angenommen. Er nahm sie mit, mit ihrem schnellen Gang, auf die Tanzfläche. Die Freundinnen wunderten sich: Hat er Augen im Nacken, dieser Matrose? Er saß doch die ganze Zeit mit dem Rücken zu uns. Auch nach dem zweiten Tanz kehrte diesmal Irina Semenova nicht zu ihrem Tisch zurück. Man hörte nur ihr Lachen aus der blauen Reihe der Verehrer.

Die aller schönste Frau der Igarka, Irina Makarova, blieb auf ihrem Platz. Und sie war damit nicht unzufrieden. Die Freude war groß. Die Musikgruppe spielte Lieder von Jurij Antonov. Und alles tanzte zu der Musik wie zu einem Wind. Die Matrosen waren in ihrem Element. Die laute Musik, die sich drehende und leuchtende Discokugel, die von der Mitte der Decke herunterhing und die Funken der Lichtmusik. Berührungen, Auseinandergehen, wieder Berührungen. Man tanzte sich in den Rausch. Dann kehrte man zu seinen Tischen zurück, kippte den Wodka, den Wein und ging wieder auf die Tanzfläche. Die einheimischen Kerle saßen leise in einem Haufen und tranken faul ihren Wein. Der Saal war fast leer, dafür war die Tanzfläche überfüllt.

Im Umkreis Irina Makarovas tummelten sich Verehrer verschiedenen Alters und verschiedenen Zustandes der Angetrunkenheit, doch sie lehnte ihre Einladungen ab und blickte in die geheime Ecke.

Die Gäste waren alle am feiern, doch er blieb sitzen…Nun kündigte man einen langsamen Tanz an. Sie beschloss: ich wähle nun jemanden aus den neben mir Stehenden, den aller höchsten und nüchternsten und gehe tanzen. Ich habe das Warten satt.“

Die Musiker machten eine Pause. Im Saal dimmte man das Licht. Man schaltete das Mikro ein. Es sang Jo Dassin: „Wo bist du und wo sind deine Spuren…“ Die Gäste stimmten sich auf eine gefühlvolle Atmosphäre ein.

Entweder war es die schöne Musik, oder die lyrische Stimmung, der Unbekannte stand endlich auf, machte die Schultern gerade, knöpfte seinen Mantel zu und begab sich mit vor Scham roten Gesicht, zum Tisch:

„Darf ich Sie einladen?“

Irina blickte streng auf seine geröteten Wangen, wedelte mit den Haaren, stand eilig auf und bemerkte, dass sie auf ihren Absätzen einen halben Kopf kleiner ist als er. Sie gab ihm ihre Hand.

⃰⃰⃰ ⃰⃰⃰ ⃰⃰⃰

Für Sergej Tomin war es die erste, selbstständige Reise nach dem Abschluss des Schiffsbauinstitutes. In seiner Heimatstadt wartete die Schwester Sveta und ein Grabstein auf dem städtischen Friedhof auf ihn.

Der Vater, ein Meeresoffizier, kehrte nicht zurück von einer Kampfübung in friedlicher Zeit. Die Mutter verwandelte sich nach dem Tod ihres Ehemannes aus einer jungen und fröhlichen Frau in eine traurige, alte Witwe. Svetlana, die zehn Jahre älter war als Sergej, wurde zum Kopf der Familie. Er wurde gerade sieben Jahre alt, als der Trauermarsch für seinen Vater erklang. Nach einem Monat ging Svetlana in die Abendschule, und die Mutter wechselte in das lokale Krankenhaus als Fachbereichsarzt.

Tagsüber, während der Bruder in der Schule war, und die Mutter auf der Arbeit, kümmerte sich die ältere Tochter um den Haushalt, abends lief sie zum Unterricht.

Serjezha wuchs als lächelnder, einfacher Junge auf, sein Äußeres war ganz unscheinbar. Die ganze Schönheit hat die Schwester geerbt. Er hatte keine Freunde und malte den ganzen Tag Schiffe, als er älter wurde, schrieb er sich in den Zirkel „Junger Techniker“ im Haus der Pioniere ein. Dort verbrachte er seine ganze freie Zeit.

Mit dem Sportunterricht in der Schule wollte es jedoch nicht gelingen. Der Basketballklub, den Serjezha zunächst besuchte, wechselte zu diesem Zeitpunkt in das alte Gebäude. Auf dessen rutschigem Boden fielen alle hin, inklusive dem Trainer. Man schimpfte, doch der Boden glänzte weiter.

Nach einer Trainingseinheit am Abend, fiel Sergej sein geschwollenes Knie auf. Svetlana bereitete Teig zu, fror diesen ein und legte ihn nach einer Stunde auf die schmerzhafte Stelle. Für das erste Mal war es genug. Die Schwellung verschwand am nächsten Morgen. Doch nach ein paar Ausrutschern, schwoll das Knie wieder auf. Svetalna nahm den Bruder mit in die Traumaklinik.

Der Orthopäde war grau vor Müdigkeit, er roch nach Tabak und Alkohol und trug einen verwaschenen Mantel: Den Sport müssen Sie aufgeben. Sergej begann zu streiten, wollte sogar weinen, doch der Arzt wurde milder und sagte, es sei nur für kurze Zeit.

Die Mutter wurde mit der Zeit schwächer, der Charakter der Tochter stärker.

Nach fünf Jahren beendete sie ihr Studium der ausländischen Sprachen und fand Arbeit in einem ausländischen Betrieb.

Zum Ende des sechsten Jahres starb die Mutter leise und unscheinbar. Sie schlief ein und wachte nicht wieder auf. Nach einem Jahr stellte Svetlana auf den Gräbern ihrer Eltern einen kleinen Obelisken auf und beschloss: Serjezha wird Schiffsbau lernen.

In diesem Jahr wurde er noch größer. Beine und Arme wuchsen in einem Jahr derart, dass die Schwester sich wunderte . Die Schuluniform erwies sich als zu klein.

Auch das Äußere veränderte sich. Die Haare wurden dichter. Die Augen waren von schönen Wimpern umgeben, nahmen eine dunkelgraue Farbe an.

Der Blick wurde forsch und durchdringend.

Er achtete nicht auf Mädchen bis zur achten Klasse, doch da verliebte er sich. Nun brachte er in den Schulpausen irgendeine Schrulle mit. Er umging schweigend seine Schwärme und blickte nicht auf die enttäuschten Klassenkameradinnen. Man rief ihn abends an, steckte ihm Zettel in den Ranzen. Während er sie las, wurde er rot und ärgerte sich.

Es kam ihn nicht in den Sinn, diese Situation mit der Schwester zu besprechen. Er schämte sich vor ihr, hatte etwas Angst vor ihrer Coolnes und Strenge.

Freunde spielten auch in seiner Jugendzeit keine besondere Rolle. Wenn sie ihn riefen, dann ging er mit ihnen ins Kino, zum Fußballspielen, Schlittschuhlaufen, doch er selbst rief niemanden, bat um nichts, lud keinen zu sich nach Hause ein und besuchte auch selten jemanden.

Doch er hatte Bekannte. Kostja, Marat, Igor’…Mit ihnen spielte er Basketball. Kostja und Igor‘ schrieben sich ebenfalls für den Schiffsbau ein, ohne sich abzusprechen. Sie waren ständig zusammen, daher auch die Freundschaft.

Er liebte es ihnen Basteleien zu schenken, die er selbst hergestellt hat. Seine Zeichnungen und Schiffe nahmen die Freunde gerne mit nach Hause. Er berichtete vergnügt von diesen Schiffen, Segelbooten, Fregatten und erzeugte bei seinen Freunden großen Respekt.

Er war ein guter Student und bereitete der Schwester keine Unannehmlichkeiten, wobei Svetlana die elterlichen Versammlungen ignorierte. Sie hatte bloß Kraft seine Hefte und Hosentaschen zu untersuchen, um zu erfahren ob er heimlich raucht.

Abgesehen von allen Sorgen, hatte sie eine Romanze mit einem Engländer, der russische Wurzeln hatte, Larry Peterson. Larry bat sie, ihn mit dem russischen Namen anzusprechen – Illarion, so habe ihn angeblich seine Großmutter genannt.

Sveta widersetze sich nicht, sie war gewöhnt an die Macken der Ausländer. Nach zwei Jahren Liebe folgte der Antrag, doch sie dachte sich, nein und sagte ab mit dem Argument, sie müsse sich um ihren kleinen Bruder kümmern.

Die Trennung mit dem Heiratskandidaten war lang und quälend, mit den Jahren verschwand die Verbindung nicht, sondern wurde stärker.

„Ich die Angewohnheit habe dich zu lieben.“ Illarion breitete seine Arme aus.

„Nun gut, soll es so weiter gehen“, erlaubte es ihm Svetlana.

Bei seinen seltenen Aufenthalten in der Stadt, rief er sie aus dem Hotel an und sie ließ sich krank schreiben und ging zu dem gemeinsamen Treffen, sie schwor dabei jedes Mal, es würde das letzte Mal sein.

Mit den Jahren erlosch die Leidenschaft und das Verhältnis wurde fast zu einem verwandtschaftlichen. Dafür war Illarion ihr sehr dankbar. Svetlana blieb unverheiratet und kinderlos und machte allen im Umkreis deutlich, dass sie keine Zeit hatte für ein eigenes, persönliches Leben, weil sie sich um den Bruder kümmern musste.

Die Verbindung mit Illarion wurde deswegen noch fester, wegen der Tatsache, dass er, aus irgendeinem zauberhaften Grund zum Konsultator jenes Betriebes wurde, wo Svetlana arbeitete.

Nun brannten auf den Hotellaken nicht nur Liebesfeuer, sondern es entflammten auch dienstliche, diesmal jedoch Streitigkeiten und Gerüchte.

Aus Sergejs Gedächtnis verschwand das Bild eines Vater-Helden, doch das tauende Bild der Mutter nagte noch an seiner Seele. Er fragte sich mit Trauer, welcher Trübsinn die Mutter gequält hatte, welcher geheimnisvolle Sinn ihr das Leben raubte?…

Die Schwester kümmerte sich gut um ihn. Sie war zwar oft ungemein streng zu ihm, doch hatte sie aus zärtliche Worte für ihn übrig. Sie gab ihm gutes Essen und kümmerte sich um ihn wenn er krank war. Sie bemühte sich, ihn modern anzukleiden, und achtete auch auf sich. Sie hat ihm niemals Geld verwehrt, wobei er selten danach bat, das gab er dann für den Kauf von Büchern aus in seinem Lieblingsbuchladen. Er fühlte sich nie wie ein Waisenkind. Doch lebte in seiner Seele irgendeine Leere und er füllte sie mit dem Traum vom Meer.

Außer dem Meer, war eine weitere Leidenschaft Sergejs das Lesen. Die lokalen Bibliotheken und die Bibliotheken der Schule und später der Universität, gaben dem Verlangen des jungen Romantikers und gierigen Lesers nach. Russische und ausländische Klassiker wühlten ihn und seine Seele auf, wie sein Umfeld es bemerkte.

Die Kurse des Schiffsbaus besuchte er neben dem Lesen von Jack London und seinem weißen Stoßzahn, Hemingways mit dem Geräusch des schaumigen Meeres, Ibsens und seine neblige Sehnsucht, Edgar Poes Düsternis und Jule Vernes wehender Winde, die in die Segel schlagen.

Während die ältere Schwester in den Schlangen der Geschäfte stand (es gab überall Defizite, angefangen bei Lebensmitteln bis zum Toilettenpapier), verbrachte Sergej die Zeit in den Bibliotheken. Svetlana stellte für Illarion Listen mit Importwaren und Kleidung zusammen, ließ die Namen laut in den Telefonhörer erklingen. Bei jeder seiner Dienstreisen nach Leningrad brachte er ihr und Sergej Taschen mit Geschenken mit. Am wichtigsten war das Schuhwerk für den schnell wachsenden Bruder. Einmal nahm Illarion mit einem zufriedenen Blick eine Schachtel mit Schuhen der Firma Ascot aus der Tasche und sagte:

„Das ist die beste Schuhmarke Londons, auch wenn sie noch sehr neu auf dem Markt ist. Ich kaufte eine Größe größer, so wie du mich gebeten hast.“

Sergej trug diese Schuhe tatsächlich mehr als ein Jahr. Die Firma enttäuschte sie nicht. Svetlana war glücklich.

Selten, meistens zu Feiertagen, lud Svetlana Illarion zu sich nach Hause, zum Essen ein. Als Serjezha erwachsen wurde, konnte er dank seiner Hausaufgaben, ein Gespräch auf englisch führen, er und Illarion führten solide Gespräche. Der Gast von der anderen Seite des Meeres kam stets mit einer roten oder blauen Fliege und hatte immer einen Blumenstrauß dabei. Blumen begleiteten Svetlana all die Jahre, die sie mit Larry verbracht hatte. Manchmal, im kältesten Winter, erfreute er die geliebte Frau mit einem kleinen Strauß Veilchen oder Mimosen direkt aus London.

Mit dem Jungen liebte er es, über englische Architektur zu sprechen.

„Serenkij, höre nur zu“, riet ihm die Schwester als sie im Haushalt beschäftigt war und der kleine Bruder hörte zu.

Larry kommentierte die englischen Klassiker lange und tiefgründig. Die Balladen von Robert Stevenson konnte er auswendig.

Svetlana machte große Augen.

„Ich dachte, du liest nur…“, sagte sie leise und schonte die Ohren ihres Bruders, „im Bett Hughes…“

Illarion lachte nur, wandte sich an Sergej und kündigte an:

„Deine Schwester, Serje, ist eine sehr ernste Dame. Sie ist sehr forsch. Hughes, übrigens, respektiere ich sehr…“

Er trank etwas Wodka und begann weiter zu fabulieren:

„Noch gefällt mit Tomas Hann…“

Nach dem Abendessen begann sich der fast Verwandte zurück ins Hotel. Warum blieb er nicht über Nacht? In der Dreizimmerwohnung gab es genug Platz. Sergej wagte es nicht, diese Frage zu stellen, das ging ihn nichts an.

Nur einmal, als sie bis zur Abenddämmerung gemeinsam da saßen, schlief Illarion im Sessel ein. Sie zogen ihm vorsichtig die Schuhe aus, dann den Blazer und die Fliege, machten den oberen Knopf des Hemdes auf, bedeckten den Gast mit einer Decke, legten ihm einen Kissen unter den Kopf und gingen auf Zehenspitzen in die Küche um Geschirr zu spülen, dabei machten sie die Tür hinter sich zu.

„Sveta, warum heiratest du ihn nicht?“ Sergej brach das gemeinsame Einverständnis, nicht darüber zu reden und lief rot an. Svetlana erstarrte für einen Augenblick über dem Haufen des Geschirrs im Spülbecken, dann wandte sie sich an ihn:

„Ich habe bereits auf diese Frage gewartet. Ich erinnere mich an Mama…Wie sehr sie den Vater vermisste….als ob alles für sie stehen geblieben war, in einem Augenblick zu ende. Und wir? Waren wir in ihrem Leben? Oder nur der Vater? Ich war böse auf sie…“, sagte die Schwester und schwieg kurz. „Ich möchte nicht auch so enden. Doch anders wird es auch nicht funktionieren. Anders habe ich es nicht gelernt. Deswegen soll ich auch nicht damit anfangen“, sie atmete aus und beendete ihre Rede: „Ich habe dich, das reicht mir.“ Sergej ging zur Schwester und umarmte sie.

„Was hast du Serenkij? Ist doch alles gut. Dafür wirst du heiraten und ich eine Alte sein. Und was für eine Alte…“ , sprach sie schnell zu Ende und begann zu weinen.

* * *

Sie verließen das Restaurant als Erste. Sie wollten nichts und niemanden sehen. Sie wollten nur einander hören und sehen.

Die Igarka schlief nicht. Atmete mit dem Meer, flüsterte mit den Büschen, leuchtete mit den Flammen des Hafens und der städtischen Laternen.

„In Leningrad sind gerade weiße Nächte…wie lieben sie sehr…“, begann er schnell zu erzählen.

„Bei uns ist es noch heller…“, unterbrach sie ihn. „Ja, ja…glauben Sie nicht? Wir haben die aller hellsten Nächte…Noch heller als in Leningrad. Doch wir gehen nicht spazieren. Wir sitzen am Fenster und hören dem Meer zu….Und die letzten Nachrichten im Fernseher. Sollen wir etwas sitzen?“ Irina blickte sich um.

„Oh, das ist doch mein Kindergarten. Ich ging hier her als Kind…Es ist offen.“ Sie stieß die Tür im Zaun auf und lief den Pfad entlang. Sergej folgte ihr.

„Schauen Sie, Schaukeln. Schaukeln Sie mich.“ Sie sprang in die kleine Kinderschaukel. Und eins, die Beine schwebten bei jedem Schaukeln über den Kopf, es schien, man könne die Sterne mit dem Fuß berühren und den großen, weißen Mond, wie einen Ball, stoßen.

„Wollen Sie, dass ich Ihnen Gedichte vorlese?“ Sergej schaukelte sie immer stärker.

„Er wird gleich Asadov lesen“, dachte Makarova etwas genervt.

„Nun los“, sagte sie laut und wollte es aushalten.

„Mondschatten – Schatten Trauer

wandeln mit einem leisen Schritt.

Unter einer Decke, die schwarz wie Erde ist

Einen geisterhaften, steilen Pfad, entlang

Man schaukelte viele liebsam und zart,

Wachsam gab man den Widerschein…

Mondschatten, Schatten der Trauer,

Wiederholen meine Silhouette.

„Igor‘ Severjanin? Das gehörte nicht zum Schulprogramm“, wunderte sich Irina und dachte mit Trauer, dass sie es nicht geschafft hatte, dieses Gedicht in ihr Heft zu schreiben, bevor Elena das Band des unbekannten Poeten, zusammen mit zwei Sammelbändern des berühmten Puschkins, für das Schneidern des Ballkleides verkaufte. So war der Tauschhandel in diesem Teil der Welt.

„Vieles, was es nicht im Schulprogramm gibt“, antwortete Sergej.

„Ich liebe das Gedicht über die Königin und den Pagen…“ und sie dachte sich: „Schreibt er auch Gedichte ab oder hat er ein Buch?“

„Das war am Meer, beim azurblauen Schaum,

Wo man selten eine städtische Equipage trifft…

Die Königin spielte in dem Turm des Schlosses – Chopin,

Und als er Chopin hörte, liebte er sie.

Alles war sehr einfach, alles war sehr lieblich:

Die Königin bat, den Granatapfel durchzuschneiden,

Sie gab ihm eine Hälfte, und erschöpfte den Pagen,

Und sie liebte den Pagen, nach allen Motiven der Sonaten.

Und er flüsterte dann, und trug ganz leise vor:

Und dann gab sie sich hin, gab sie sich gewittrig,

Bis zum Sonnenaufgang schlief die Herrin wie eine Sklavin…

Das war am Meer, dort wo die Welle türkisfarben ist,

Wo der azurblaue Schaum ist und die Sonate des Pagen“

„Das reicht.“ Sie sprang auf die Erde, schüttelte den Kopf und spürte ein Zittern in dem Körper. „Ich muss nach Hause. Mama macht sich Sorgen.“

Irina konnte nicht mit dem Wunsch zurechtkommen, ihn zu umarmen oder die Hände auf seine Schultern zu legen. Vor diesem Treffen hatte sie nie den Wunsch gehabt, als erste jemanden aus ihrem Umfeld zu umarmen. Im Gegenteil, sie wollte mit ihrem Ranzen jenen Razuvaev schlagen und seiner Freundchen, doch alles blieb da…in der Schule, fast in der Kindheit. Hier war eine gänzlich andere Situation: eine erwachsene, voll mit gefühlvoller Romantik. Sergej zitterte. Der Unterschied lag darin, dass sie sich bemühte seine Sorge nicht zu beachten, als er rot wurde und sehr verlegen war. Sein Verlegen färbte auf sie ab.

Doch es war trotzdem sehr schön. Sie wollte zuerst auf dem einen, dann auf dem anderen Bein springen und mit jedem Sprung in Richtung Himmel fliegen. Alles war von einem weichen Nebel umgeben: die Sterne, die Gedichte, die warme, männliche Hand…

Sie begaben sich auf den Rückweg, gingen nebeneinander, hielten sich an den Händen fest, er sagte Gedichte auf, sie hörte zu, den Kopf im Nacken, sammelte mit ihren Augen die tiefen, funkelnden Sterne auf…

Sie gingen zwischen Sträuchern, die hinter ihrem Rücken raschelten, obwohl kein Windhauch ging.

„Nun…Wir sind da.“

„Dann lass uns verabschieden“, er senkte den Kopf und lehnte sich nach vorne.

„Gleich wird er mich küssen.“ Sie streckte sich und zeigte Widerstand. Das Gefühl vermischte sich mit dem scharfen Wunsch, die Barriere zu überwinden. Sie wird jedoch keinen großen Widerstand leisten, so…wie es sich für anständige Damen gehört und den quälenden Wunsch des Abends herauslassen. Doch er begann plötzlich nach etwas in seiner Brusttasche zu suchen, er fand einen Zettel und schrieb etwas auf diesen, dabei beugte er sich stark nach vorne. Er bemühte sich, den Lichtkreis der Laterne einzufangen. Dann reichte er ihr den Zettel.

„Das ist meine Leningrader Adresse und die Telefonnummer. Die Schwester heißt Sveta…für alle Fälle. Kommen Sie morgen?“, sprach er schnell vor sich hin.

„Gut…“, Irina nahm verwirrt den Zetel. „Sobald ich in Nowosibirsk ankomme, werde ich schreiben. Ja, und morgen komme ich auch…um dich zu verabschieden.“

Irina beherrschte sich, wedelte mit ihrem üppigen Pferdeschwanz, stellte sich auf die Zehenspitzen, umarmte Sergejs Hals, küsste ihn heiß und innig und verstand selbst nicht, wie es um sie stand: entweder auf die Wange oder auf den Mund. Dann begab sie sich schnell ins Treppenhaus, stieg auf die Treppe und winkte ihm zu:

„Tschüss.“

„Irina, ich habe Sie hier.“ Sergej legte seine Hand auf die Brust.

Sie stieg in ihre dritte Etage, laut atmend, zog sich im Flur die Schuhe aus und begab sich in die Küche.

„Mama, das bin ich“, sagte sie laut zu der schläfrigen Mutter.

Irina trank gierig etwas Wasser aus dem Wasserhahn, wischte sich den Mund ab, ihr Herz klopfte schnell, und sie ging zum Fenster. Er stand in dem Lichtschein der Laterne und hob sein Gesicht zum Fenster, das sehr blass zu sein schien. Der Schatten seiner Figur war nicht nur unnatürlich gestreckt, sondern zerbrochen, ganz aus Ecken bestehend.

Sie blickte weiter in das Fenster, auf seinen seltsamen Schatten. Sie atmete auf, beruhigte sich und horchte in sich hinein: nur Mitleid und Enttäuschung, keine Freude.

„Was ein Kavalier, hat mich nicht geküsst“, flüsterte sie traurig. „Habe mich selber aufgedrängt…“, sie bemerkte in der Weite dunkle Silhouetten, begab sich ins Bett und befreite das Haar von dem Haargummi.

Sie verschlief die Verabschiedung am nächsten morgen. Sie irrte durch die ganze Wohnung, zog sich das Kleid an, rannte ins Badezimmer und dann wieder heraus: sie schnappte mal nach der Haarbürste, mal die Zahnbürste. So sehr sie sich auch beeilte, sie kam zu spät.

Auf dem Kai stand eine kleine Menge, das Auge fing die bekannten Figuren der Freundinnen auf. Irina winkte ihnen zu…und…Sie lief, blickte sich um, bis sie ihren Namen hinter dem Rücken hörte. Jemand zerrte sie an der Hand, sie drehte sich abrupt um.

„Was ist das?“, wunderte sich Ira. „Wer war das? War das gestern? Nach unserem…“

Sergejs linkes Auge war angeschwollen und blau, die Schläfe ganz violett, auch die Unterlippe war geschwollen.

„Alles in Ordnung“, sagte Sergej verlegen und berührte vorsichtig die Schläfe und die Unterlippe.

„Waren das Vitka und seine Kumpanen?“

„Ich weiß es nicht. Sie haben sich nicht vorgestellt. Sie überfielen mich zu dritt… Das alles macht nichts. Irina, werden Sie mir schreiben?“ Er blickte sich eilig um, nahm die junge Frau an der Hand und presste sie an seine Lippen.

„Serjezha, wir haben doch das „Du“ vereinbart.“, sagte Irina und versuchte ihre Tränen zu verstecken. Mitleid, scharfes Mitleid übermannte sie wieder.

„Ich kann mich nicht erinnern…“, sagte er verwirt.

„Natürlich. Ich werde dir schreiben. Und du schreibe mir bitte auch“, sagte sie fröhlich.

Nach Hause gingen die Freundinnen schweigend. Semenova, blasser als sonst, ging barfuß und hielt die weißen, tschechoslowakischen Schuhe mit den Absätzen in den Händen. Jahina kam kaum hinterher auf ihren kleinen Füßchen mit den Highheels. Da blickte sich Semenova plötzlich zur Jahina um, und mit einer Freude, die untypisch für sie war, sagte sie:

„Der Kronleuchter wurde doch zerstört. Schön war er. Und sie…bum, mit dem Stuhl. Es blieben nur irgendwelche Nägel. Die Matrosen sind…turmhoch…Es gab ein Feuerwerk…und was für eines…“

Die Mädels lachten los, die Laune wurde besser.

„Du und Sergej seid gegangen und dort….hat so etwas angefangen.“ Jahina prustete los.

Die beiden Frauen begannen Makarova über die gestrige Schlägerei zu berichten, zwischen den Matrosen und den Einheimischen.

Sie verabschiedeten sich bei der Parkanlage und verabredeten sich zum abendlichen Tanz im Haus der Kulturen.

* * *

Vitjkas Wohung befand sich gegenüber von der Wohnung Makarovas. Razuvaevy: das ist ein trinkender Vater, eine schreiende Mutter und zwei Brüder, Rotznasen, sie waren weder nachts noch tagsüber leise. Die Familie lebte laut, manchmal mit Liedern, doch häufig mit Schreien und Flüchen.

Ira erinnerte sich bereits vor dem Haus an den Nachbar und wurde verärgert. Sie versuchte ihre eigene Tür zu öffnen (das Schloss wollte sich nicht öffnen), und drohte mit der Faust in Richtung der Tür der Razuvaevs.

„Dreckskerl.“

Die Nachbartür öffnete sich langsam. Auf der Türschwelle stand Viktor Razuvaev mit einem Streichholz im Mund.

Er arbeitete am Hafen, ging dorthin direkt nach seinem Schulabschluss. Er arbeitete jeden zweiten Tag und hatte eine Menge freie Zeit, doch war er selten zuhause.

Wie er über das Leben seiner geliebten Nachbarin erfuhr, blieb ein Rätsel. Wo auch immer Ira erschien, Viktor folgte ihr wie eine Schatten. Manchmal alleine, meistens mit seinen Kumpanen.

„Arschloch.“, zischte Irina und bewegte ihren üppigen Pferdeschwanz, ohne zu verstehen, ob sie sich an die Tür wandte oder den Nachbarn. „Drei auf einen? Razuvaev, du bist ein Dreckskerl.“

„Ich schlug, schlage und werde schlagen. Du hast hier nichts zu suchen“, stellte Vit’ka berechnend fest. Und fügte hinzu: „Habe vor nichts Angst, Königin.“

Die verdammte Tür wollte sich immer noch nicht öffnen. Razuvaev riss sich von dem Pfosten los, näherte sich Irina und schob die junge Frau zur Seite. Dann zog er mit aller Kraft die Tür auf sich, das Schloss knackste, der Schlüssel drehte sich und die Tür öffnete sich.

„Königin“, äffte Irina ihn nach. „Es gibt niemanden mehr, den du schlagen kannst. Ich fahre fort. Ich fahre“, schrie sie ihm ins Gesicht. „Für immer und ewig.“ Sie schlug fest die Tür von der anderen Seite zu. Nach dieser Verkündigung kehrte Viktor leise zurück und schloss ruhig seine Tür zu. Er beriet sich in Gedanken auf eine weise Art: alle fahren weg, doch kehren sie später zurück.

Die Geschichte der Bekanntschaft mit den Matrosen in dem Restaurant „Igarka“ tangiert Irina Jahina nur indirekt. Nach einem kurzen Briefwechsel mit Kostja, endet ihre Romanze. Im Weiteren wird Jahina bei der Erinnerung an diese Episode nur mit der Hand wackeln, so als ob sie den unbedeutenden Fakt der Biografie vertreiben wolle.

Irochka Semenova, die brave Tochter, wird denjenigen Matrosen heiraten, mit dem sie die Nacht im Restaurant „Igarka“ durch getanzt hat, und zwar im Jahr 79, in Leningrad, nach dem letzten Kurs im Institut. Sie wird für ihren Igor‘ eine anständige Offiziersehefrau sein: zärtlich und treu.

Irina Makarova erwarteten lange Jahre des Briefwechsels, voller Liebe, Zärtlichkeit und Meeresromantik.

***

Nach Tolmachevo flog Irina alleine, so war die Abmachung zwischen ihr, der Mutter und Katherina, die ihr teures Mädchen treffen sollte. Bald fand sie ein Studentenwohnheim. Sie schleppte ihren schweren Koffer in die zweite Etage und entdeckte in dem Zimmer, das ihr zugewiesen wurde, noch zwei weitere Studentinnen. Am Abend kam noch eine vierte dazu – Gulja. Diese war spät dran, sie kam mit dem Zug aus Kasachstan. Die drei jungen Frauen, die ihren Schulabschluss gerade gemeistert haben, waren fast siebzehn Jahre alt. Gulja hatte das Technikum absolviert, drei Jahre gearbeitet und schien für die drei bereits eine alte Frau zu sein – sie war bereits dreiundzwanzig Jahre alt. Sie war Studentin des dritten Kurses jener Fakultät, an der auch Irina studieren sollte.

Gulja war klein vom Wuchs, hatte eine korpulente Figur, einen langen, schwarzen Zopf und war in ihrer ganzen Art sehr lässig. Sie machte sich bald mit dem Studentenwohnheim bekannt und seiner verschiedenen Orte: der Küche, der Dusche und dem Waschraum.

Dann erkannten alle Gulja als die Älteste im Zimmer an und sie zeichnete sofort den Stundenplan für die anfallenden Arbeiten. Sie achtete streng auf die Ordnung im Zimmer und den Einkauf der Lebensmittel (dafür legten die Mädchen zusammen).

Ira mochte alles. Nur eines enttäuschte sie – es gab viele Schönheiten und brave Mädels in ihrem Umfeld. Sie war es sonst gewohnt, die Erste zu sein. Von Zeit zu Zeit hielt sie sich zu lange vor dem Spiegel auf. Sie blickte lange und aufmerksam in diesen. Außerdem hatte sie einen forschen und beobachtenden Blick, der ganz beherrscht war von der farbenvollen Vielfalt der Welt. Und nun sah sie vor sich das Gesicht einer jungen Frau, doch konnte sie nicht entscheiden, ob diese schön war oder nicht. Meistens war sie zufrieden mit sich.

***

Die Eltern Ira Makarovas kamen nicht freiwillig nach Igarka. Sie wurden als Kinder von der Halbinsel Tajmyr dorthin gebracht. Irochkas Großeltern wurden wegen ihrer Nationalität in der Kriegszeit nach Igarka verbannt. Die Männer gingen bei dem Umstieg in Krasnojarsk für immer verloren. Die Mütter mit ihren Kindern fuhren bis zur Endhaltestelle am rechten Ufer des Jenissei.

Mit einem Wort, waren sie nach diesem Winter von allen vergessen, von Gott und den Mächten. Niemand kehrte zurück, doch es stellte sich heraus, dass durch ein Wunder drei überlebt haben: ein kleines Mädchen und der junge Juris mit der erschöpften Mutter Ingeborg.

Später, bei den ernsten Symptomen von der sie befallenden Krankheit, brachte sie die Kinder nach Igarka. Weiter zu fahren war nicht erlaubt. Dort befand sich auch die Kommandantur, wo man sich einmal im Monat melden sollte. Dieser nördliche Punkt behielt sich lange Zeit den Status des Ortes, wo sich die ehemalig Verbannten der äußersten Welt versammelten.

Jurij, jener Jurij Ivanovich war behindert seit seiner Kindheit, er erinnerte sie nie an seine Herkunft, dieses Thema war von den Mächten verboten worden. Eines Tages, zu Beginn der siebziger Jahre, bekam er Besuch von einer frechen Journalistin von der zentralen Jugendzeitung. Sie interessierte sich lebhaft für alles, vor allem: wird Jurij Ivanovich eine Entschädigung von der Macht erbitten, als „Entrechteter“ und „Sohn des Volksfeindes“ in der Vergangenheit?

Das Thema, welches damals noch als „geheim“ galt, und deswegen besonders anziehend war, war nicht mehr gefährlich, es wäre zu einer Bombe für den Neuen Norden geworden.

Nach den ersten Fragen, wie sie es geschafft haben, zu überleben, warum man sie vergessen hatte, welche Summe die Familie Makarov erwartet, begann Jurij Ivanovich, der schon so weiß im Gesicht war, noch blasser zu werden. Elena holte Tropfen und Wasser und bat die Journalistin zu gehen und Jurochka, sich keine Sorgen zu machen. Doch er konnte sich nicht beruhigen, zu schrecklich waren die Erinnerungen an die Kindheit.

In Agapitovo, wo Hunger und Elend herrschte, wurde er sieben Jahre alt. Viele Jahre verbrachte er und die dreijährige Lenochka in einer Baracke auf den Pritschen, ohne jemals nach oben zu gelangen. Es war starker Frost, sie hatten keine Kleidung. Die Fetzen, sie sie trugen, retteten sie nicht vor der Kälte.

Elena, im Gegensatz zu ihrem kranken Mann, konnte sich an nichts erinnern, es blieb bloß seit ihrer frühen Kindheit irgendeine überirdische Bosheit. Die Mutter Lenas, nach den Worten jener Inga, starb an Kälte. Sie fror an ihre Unterlage an, da sie in einem Zelt schlief, im Frost, mit all den anderen.

So geschah es, dass die mitfühlende Litauerin sein eigenes und das fremde Kind aus Agapitovo zuerst in das Dorf Nosovaja brachte, fünfzig Kilometer vom Jenissei entfernt, wo es normale Häuser gab und irgendwelche Lebensmittel. Dort hatten sie sich etwas angefüttert, sich gestärkt und auch dort wurde Inga in die Fischfang-Arbeitsgenossenschaft aufgenommen, bei der Kolchose „20 Jahre Oktober“. Nach einigen Jahren hatte man es ihnen erlaubt, nach Igarka umzusiedeln.

Bereits bei der ersten Registrierung schrieb Inga Juris als Jurij ein. Den Nachnamen für sich und den Sohn nahm sie von dem verstorbenen Ehemann an, Ivan Makarov, der bei der Errichtung der sowjetischen Macht in Litauen ums Leben kam. Die zweite Registrierung verwandelte das kleine Mädchen Helene, Tochter von Wolgadeutschen, in Elena Fedorovna Schpiceva. Damit lehnte sie die Existenz des leiblichen Vaters Friedrich Spitz ab. Sie übernahm für Lenochka die Vormundschaft als Verwandte.

Katherina kam zu der Familie etwas später hinzu. Sie und Lena besuchten eine Klasse, obwohl Katherina etwas älter war. Sie hielt Jurij lange Zeit Lena zuliebe aus, doch dann gewöhnten sie sich aneinander, wahrscheinlich weil sie sonst nicht mit diesem zauberhaften Mädchen sich hätten anfreunden können. In der letzten Zeit, bereits nach der Schule, arbeiteten alle drei in einem Geschäft am Hafen. Dort freundete sich Elena noch mehr mit Katherina an, und auch Jurij verhielt sich ihr gegenüber freundlicher. Im Gegensatz zu vielen, hatte Katja einen Vater, eine Mutter und einen kränklichen, jüngeren Bruder. Der Vater, ein Entrechteter der zweiten Welle (stark, praktisch veranlagt, einfallsreich) konnte sich halten, trat in die Fischfang-Arbeitsgenossenschaft ein und eignete sich das fremde Handwerk an. Die Familie lebte sich langsam ein, nahm die lokalen Gesetze und Gewohnheiten an. Fand sich ein in dieser ewig trüben Stadt, die vom Meereswind umweht wurde, weit weg von dem lieben Roggen-Gänseblümchen-Dorf.

Elena und Jurij kannten die Geschichte ihrer Kindheit. Inga verbarg nichts vor ihnen. Lenochka konnte sich weder an den Vater noch die Mutter erinnern. Doch die verrunzelte, zahnlose Litauerin und ihr trübsinniger Sohn wurden für sie zu nahen Menschen, und später zur Familie. Als Lenochka achtzehn Jahre alt wurde, heiratete sie Jurij. Beide waren groß, hellhaarig. Jurij, lang, dürr, kantig. Auf dem schmalen, grauen Gesicht zeigten sich ganz unpassend dunkelblaue Augen. Von der Kindheit im Tajmyr blieben Krankheiten, das ewige Gefühl des Hungers, ein schlechter Charakter.

Elena war anders. Ein offenes, lächelndes Gesicht mit Sommersprossen – eine junge Dame wie auf einer sowjetischen Postkarte. Von der Figur und der Größe nicht gerade zierlich, doch mit einer schönen Taille. Vom Charakter eher redselig, nicht so wie der Ehemann.

Nach dem Rat der Mutter, schloss Jurij nach der Schule Buchführerkurse ab. Er hatte nun alle Hände voll mit Ziffern, Berechnungen, Berichten zu tun. Mit der Zeit lernte man es, ihn zu respektieren, was in seiner Jugend, beim Dienst in der sowjetischen Armee nicht gerade der Fall war.

Irochka wurde nach zwei Jahren geboren. Nach ihrer Geburt entschied man, dass Lenochka ein Fernstudium absolvieren sollte, da wo auch Katja studiert hatte. Die junge Mutter fuhr fünf Jahre nach Moskau zum Studium und ließ die kleine Tochter bei dem jungen Ehemann. Zu diesem Zeitpunkt erholte sich Inga bereits auf dem lokalen Friedhof.

Die älteste Freundin, als sie nach Nowosibirsk kam, hatte viele Freunde und bekam einen guten Job,

doch konnte sie lange Zeit keine Wohnung finden, so mietete sie immer kleine Zimmer.

Jurij Ivanovich zog fünf Jahre lang seine Töchter groß und arbeitete gleichzeitig bei zwei Stellen.

Den Mädchen wurde alles erlaubt. All die Jahre, solange er noch fit war, arbeitete er in einem kleinen Geschäft als Buchführer, wo früher Ingeborg den Boden wischte.

Jurisj Ivanovich bemühte sich, arbeitete noch nebenbei. Sein Gehalt reichte für Brot, Butter und schöne Schuhe. An Abenden ging er zum Hafen, zur Entladung, ohne auf seinen kranken Zustand zu achten. So ging alles den Bach unter: Der Wohlstand der Familie wuchs, und die Gesundheit des Ernährers verschlimmerte sich.

Nach dem Abschluss des Institutes wechselte Elena von einer Verkäuferin zu einer Warensachverständigen. Mit der Entwicklung des Nordens und der Seewege, wuchs auch der Hafen und wurde reicher. Er entwickelte sich zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt in der Sowjetunion. Der Ehemann ging bereits in Frührente wegen Krankheit, da wuchs die Karriere der Ehefrau stetig an.

Jurij Ivanovich konnte seit der frühen Kindheit der Tochter, mit Elena einen Nenner finden, obwohl diese oft verreist war. Morgens brachte er sie in den Kindergarten, abends holte er sie ab, fütterte sie, gab ihr Spielzeuge, versprach ihr, er würde bald wieder zu hause sein, sie solle keine Angst haben. Er ließ den zweiten Schlüssel bei der Nachbarin, damit sie nach der Tochter schaue, machte die Tür zu und ging zu seinem Minijob..

Irochka wuchs als schönes und braves Kind auf, mit einem einzigartigen Charakter. Sie schmollte nicht, begann früh an zu sprechen und ihren Vater nachzuahmen, beriet auf ihre kindliche Art. Sie liebte ihren Vater sehr, die junge Mutter hielt sie meistens für eine Freundin, wobei sich Lenochka bemühte eine emsige Mutter zu sein.

Von dem ewig trübsinnigen Vater, hatte die einzige Tochter nur die Augenfarbe geerbt. Das leuchtende Blau glänzte auf dem zarten Gesicht, wechselte in allen Farbspektren, von einem zarten Blau bis zu einem dunkelblauen Blau, in Abhängigkeit von der Laune und des Wetters.

Sie war die aller größte in der Kindergartengruppe, die Erste im Schulsport, leuchtend-blaue Augen, helle Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, den sie seit der dritten Klasse trug, sehr auffällig in ihrem Wesen, fühlte sie sich immer als die Erste in ihrem Umfeld.

Seit ihrer frühen Kindheit hörte das Mädchen immer wieder, dass man sie „Schönheit“ nannte.

Elena, flüsterte der Tochter zu, als sie sie für den Kindergarten fertig machte:

„Meine Blauäugige.“

Wenn Katherina Irochka sah, bei ihren Besuchen der Familie, tätschelte sie diese und spach:

„Meine Schönheit.“

Jurij Ivanovich flüsterte häufig mit Zärtlichkeit:

„Mein Sternchen…“

Elena suchte das Allerbeste für ihre Tochter aus und nutzte ihre geschäftlichen Verbindungen, um die Schönheit der Tochter zu unterstreichen. Schöne Pullover, Kleider, Röcke. Die Haarschleifen hatten alle möglichen Blautöne: kornblumenblau, himmelblau, meeresblau, zzurblau, violett, perlen-grau. Katherina, die eine gute Stelle in einem lokalen Buchführerbüro bekam für zwei Jahre, schickte Päckchen mit Importware. Auch diese Kleidung passte man zu der blauen Garderobe des Mädchens an. Darauf konnte Jurij Ivanovich nur mit dem Kopf wackeln:

„Die Weiber sind verrückt geworden.“

Irochka gewöhnte sich daran, überall die Schönste zu sein, wo sie mit ihrer Familie erschien. Die Schönheit war einzigartig – jeder bemerkte sie, zog sie an, begrüßte sie. Man liebte sie für ihre Freundlichkeit und Gefälligkeit. Es hatte keinen Sinn mit ihr zu streiten, ihr irgendetwas zu beweisen oder die Verhältnisse zu klären. Es reichte aus, das Irochka eintrat und lächelte, dann wollten alle ohne Ausnahme mit ihr Befreundet sein, sie an der Hand halten, die Spielzeuge mit ihr teilen. Auch die Erwachsenen hatten es leicht mit ihr, sie war ein braves Kind. Kam sie mit etwas nicht zurecht, vertraute sie immer dem Gegenüber. Niemand hatte sie jemals belogen.

Der erste Ausdruck ihres Charakters zeigte sich am ersten September des ersten Schuljahres. Die einsame Katherina nahm an allen Veranstaltungen der ihr nahestehenden Familie teil. Sie kam mit Geschenken, um Irochka zu gratulieren. Man stritt wegen der Haarschleifen. Katherina nahm aus Brotpapier leuchtend-blaue Seidenschleifen heraus, und legte breite, weiße und schwarze Schleifen aus Nylon daneben. Auf die letzteren blickte das Mädchen gar nicht, ihre Augen leuchteten von den Blauen. Sie trug keine Zöpfe, wie es damals Mode war. Im Einverständnis mit Elena, trug sie üppige Pferdeschwänze.

„Ich möchte diese haben“, bat sie und zeigte auf die Seidenschleifen.

„Irochka“, riefen Mutter und Katherina gleichzeitig. „Irochka. Nein. Der erste Schultag. Da darf man nur weiße Schleifen tragen.“

„Ich will nicht. Ich will die anderen.“ Weiter folgte ein Stimmengewirr. Überredungen, leichte Drohungen, Versprechungen, alles umsonst.

„Ihr habt selbst gesagt, man soll die Schönheit unterstreichen“, weinte Irochka, worüber sich die beiden Frauen wunderten, denn es passte nicht zu ihr.

„Nach der Schule, so viel du magst…“, versuchten Elena und Katja sie zu überreden, beide überwältigt von einer solch stürmischen Reaktion des Mädchens.

Jurij Ivanovich verbrachte zu diesem Zeitpunkt seine Zeit liegend, in einem breiten Sessel in dem kleinen Zimmer. Ihn erwartete eine Herzoperation im Krankenhaus in Nowosibirsk. Die Warteschlange war groß, die Lebenskräfte verließen den Kranken genauso langsam.

„Tochter“, hörte man in der kurzen Pause zwischen den Schreien. „Komm zu mir.“

Sie lief sofort zum Vater, zitterte noch von den Tränen und blinzelte streng mit den dunkelblauen Augen.

„Höre mir zu.“ Er machte eine Pause und leckte sich über die grauen Lippen. „Den Charakter zeigen muss man in einem ernsten Fall, wenn etwas bedeutend ist. Hier geht es nur um Schleifen…“

Er schmunzelte schief, ohne sich Gedanken zu machen, ob die siebenjährige Tochter seine Worte versteht. „In der Schule geht es um andere Erfolge…“ Er schloss müde die Augen.

Die Tochter nickte, ohne etwas zu verstehen, doch vertraute sie den Worten ihres Vaters.

Und wirklich, nach dem ersten Halbjahr in der Schule, überzeugte sich Irochka, dass in der Schule, für einen vollen Erfolg, etwas andres notwendig war als zarte Grübchen und schöne Augen. Sie begann fleißig zu lernen.

In der Klasse gab es drei Schönheiten, doch blaue Augen und üppiges Haar hatte nur sie, die Makarova. So waren sie zu dritt all die Schuljahre befreundet. Die Freundschaft war fest, manchmal uneben. Wenn eine von ihnen sprach, hörten die anderen gefasst zu, manchmal kritisch. Es kam vor, dass Jahina ihr Temperament zeigte und los schrie, manchmal weinte, doch das geschah nicht oft.

Semenova bestand nie auf etwas und machte nichts ohne die Erlaubnis ihrer Mutter. Makrova machte alles so, wie sie es für richtig hielt.

Alle drei waren recht unabhängig und wiederholten die Beziehungen und die Freundschaft iher Mütter.

Alle drei hatten die besten Schulnoten. Doch waren dieses unterschiedlich. Bei Jahina und Semenova leicht ergattert, bei Makarova durch Fleiß. Ira Makarova wünschte sich sehr einfache Gewinne, denn an diese war sie immer gewöhnt, doch die guten Noten bekam sie nur durch Mühe. Dazu kam, dass die geheime Selbstliebe, die sich in ihren dreizehn Jahren offenbart hatte, sie dazu zwang, weiter fleißig zu sein.

Rashida Stikeyeva: „Die Musik spielte“ (Kapitel 5, Auszug aus dem Roman)

Die Ehe, so sehr gewünscht und um die so viel gelitten wurde, brachte Freude nur in dem allerersten Jahr. Nach der Geburt der Tochter, bedeckten die Sorgen und Turbulenzen Irina und ihren Kopf. Andrej, nach den Worten Shurochkas, hat sich entfremdet, das bedeutet, die Verbindung wurde schwächer und er verschwand wieder auf der Arbeit und im Restaurant – tagelang. Nach einem Jahr, als Irina ihre Tochter, gemeinsam mit Katherina, in die Igarka geschickt hatte, wurde sie wach und stellte sich selbst vor die anklagende Tatsache.

In dieser Zeit erlebte sie eine Menge Skandale. Im Zimmer wurde das Geschirr zerschlagen, dann hörte man das erschrockene Weinen des Kindes und ihren eigenen Schrei. Die Nachbarn beschwerten sich, machten Bemerkungen. Besonders viel Mühe gab sich Valja – die Wächterin.

Die Eifersucht, die Irina früher nicht kannte, füllte sogar die weiten Ecken der Seele und des Körpers aus. Um sie zu handhaben, hatte Irina keine Kraft. Vor Kränkung tat in ihrem Inneren alles weh und wurde entzwei gerissen. Elena rief selten an, doch Katherina jeden Tag. Sie wollte immer Irochka sprechen.

„Bist du die Irochka?“, sprach Valentina Petrovna laut in dem gemeinsamen Flur.

„Welche Irochka bist du denn?! Eine Furie und Harpyie! Pfui Teufel! Du solltest dich um dein Kind sorgen! Schreist so laut! Hast deinen armen Ehemann ganz mit deiner Eifersucht geschändet!“

Nun beobachtete Lucy Kopejkina nicht selten das Geschehen aus dem Fenster ihres Büros: wie ihr Herzblatt Andrej Melehov, mit einem Koffer in Richtung von Großmutters Wohnung schritt, und nach einiger Zeit wieder zurück, in Richtung seiner neuen Wohnung. Das Vergnügen wurde durch Schadenfreude ersetzt, später durch Trauer.

Man kann nicht sagen, dass Andrej sich seiner Frau gegenüber schlecht verhielt, wohl eher wusste er nicht, wie er sich im neuen Status als Ehemann verhalten sollte. Viele Jahre war er für Frauen nur der Liebhaber, und jetzt…Früher hatte er Irina fest-fest umarmt und sie beruhigte sich schnell, nun wurde sie gereizt und widersetzte sich…

Er umarmte die junge Ehefrau nicht richtig, oder störte sie sogar. Wohin sollte er mit seinen langen Armen und Beinen?

Wie sollte man beim Haushalt helfen, zum Beispiel mit der Wäsche, wenn in der Gemeinschaftsküche eine neue Waschmaschine stand. Er spülte das Geschirr, bügeln konnte er nicht und wollte es auch nicht, was noch? Ach, ja! Er liebte es, den Boden zu wischen und verschwand dann mit dem Gefühl der erfüllten Pflicht auf die Arbeit.

Als Vater war er gut, doch sehr selten. Er brachte für die kleine Tochter stets Spielsachen, fuhr sie im Kinderwagen spazieren, spielte mit Vergnügen mit ihr und schaute Trickfilme, auf dem neuen, grell-grünen Teppich sitzend.

Irina machte seltene Besuche in die Bar, gemeinsam mit der kleinen Tochter auf dem Arm, zum Schrecken von Andrej und dem Gelächter des Personals. Sie fand nichts Kriminelles, bemerkte nur, dass die Frauen ihren Mann umwarben, wie früher.

„Warum bist du verärgert?“, fragte er nach einem wiederholten Skandal Irina.

„Sage mir, was ich tun soll? Du wolltest heiraten…Wir heirateten, die Tochter wächst…Was nun? Wohin mit mir? Ich bin dein gesetzlicher Ehemann! Selbst wenn ich ausgehe, werde ich zurückkehren…“

Diese Worte machten Irina wütend, sie nahm Farbe an, doch konnte sie ihn nicht vor die Tatsache stellen. Sie verstand nur, dass sie immer eifersüchtig war gegenüber dem Umfeld Andrejs. Erstens zur Arbeit, das ist ein Großteil des Tages, an dem sie Andrej nicht sah und auch nicht die Frauen, die ihn dort umgaben. Allen ging es gut mit Andrej und ihm ging es gut mit allen, nur ihr widmete er keine Aufmerksamkeit mehr, keine Anteilnahme.

Deswegen eilte Andrej immer zur Arbeit und für den Nachhauseweg wollte er sich nicht beeilen.

Sie ging zur Arbeit ohne Teilnahme von Katherina – in einen statistischen Betrieb. Die Arbeit war interessant, das Kollektiv gut, doch irgendetwas in ihrem Leben war nicht richtig. So als ob Andrej sie betrogen hätte und das Lebens selbst sie betrug, frech, wie man Kinder betrügt: man versprach das eine und gab das andere.

Die kleine Katja, abgesehen von dem turbulenten Leben der jungen Eltern, wuchs als ruhiges und braves Kind auf. Sie ähnelte Andrjusha als Kind sehr.

Sie begann früh an zu sprechen, vor dem Kindergarten konnte sie bereits ihre Puppe Alenka zusammenbauen, wartete mutig jeden Streit ihrer Eltern ab und hielt sich an der Hand dieser fest, entweder der mütterlichen oder der väterlichen.

Die Nachbarn beschwerten sich bei Katherina, besonders viel Mühe gab sich Valja, doch das Tantchen atmete nur auf und zog die kleine Katja zu sich. Bei den Telefongesprächen mit Elena atmete sie seltener auf, so sorgte sie sich um ihre Lenochka.

***

In diesem Jahr, Anfang Dezember, reichte Irina die Scheidung ein. Am meisten wunderte sich Andrej:

„Welche Scheidung? Was hast du, Irka?“, sagte der Ehemann fröhlich. „Du wolltest unbedingt heiraten, nun die Scheidung? Warum sollen wir uns trennen? Wir leben doch gut, oder?“

Er versuchte Shurochkas Ratschlag zu befolgen, einen Kompromiss zu finden. Obwohl er sich nur schwer vorstellen konnte, was das bedeuten soll. Doch Irina wollte nichts hören. Irina wollte die Scheidung eben so sehr wie sie die Hochzeit wollte.

Die Verwirrtheit des Ehemannes, die Bitten Elenas und Katherinas, doch ernst mit ihrem Mann zu sprechen, Alexandra Vasil’evnas Meinung über Verantwortung – alles war umsonst.

Der Geburtstag der kleinen Katja war das letzte Familienfest, doch trotzdem ein Fest, obwohl mit einem Anflug von Trauer. Das Mädchen bekam viele Geschenke, eine schöne Torte mit bunten Kerzen und der Zahl 5 auf der Krone – in Form eines Lutschers.

Die sechsjährige Ehe, einem großen Lagerfeuer ähnelnd, erlosch, und zerfiel in eine Vielzahl von Funken. An der Stelle des Feuers in der Seele Irinas, blieb eine Kuhle, die man mit nichts füllen könnte: weder mit Hass, noch mit Mitgefühl, es gab nicht einmal ein Interesse.

Traurig war es manchmal an Sonntagen, wenn der Vater und die Tochter Zeitungen auf dem Teppich ausbreiteten, im Zentrum des Zimmers, Farben nahmen und gleichzeitig zu malen begannen, von verschiedenen Richtungen, bis sie sich in der Mitte trafen, unter großer, gemeinsamer Freude.

Zwei Köpfe: ein dunkler, zotteliger, der andere, hell mit einer Schleife und Zöpfen, vereinten sich in der schöpferischen Tätigkeit.

Das Leben hatte sich beruhigt und war fast unbemerkbar für die Nachbarn. Valja, die sich zu dem Läuten der Klingel begab, machte die Tür auf und begrüßte liebevoll Andrej, dabei verriet sie ihm, womit sich die beiden Mädchen gerade beschäftigten.

Als Vater erfüllte Andrej, der immer wieder vorbeischaute, seine Rolle noch besser. Sein wöchentlicher Besuch wurde für die Tochter zu einem Fest. Er selbst wurde zum Fest. Er sah sehr akkurat aus, hatte gute Laune, immer ein Geschenk dabei. Sie machten Ausflüge in den Park, aßen Eis und er konnte der Tochter keinen Wunsch abschlagen.

Und auch das Verhältnis zu Irina verbesserte sich. Nun waren sie auf einer Ebene und das Gesprächsthema war immer das Kind.

Es gab keine gemeinsamen Unternehmungen mehr zwischen den ehemaligen Eheleuten. So als ob es nie eine gemeinsame Leidenschaft, Liebe, einen gemeinsamen Haushalt gegeben hätte. Es blieb nur noch das geliebte Kind, das die beiden, die nun Fremde füreinander waren, dazu zwang, die elterliche Pflicht zu erfüllen. Diese erfüllten sie mit Mühe und sehr gut.

Katherina atmete immer wieder auf. Shurochka rauchte ihre ewige Zigarette. Das Verhältnis Elenas zu dem Geschehen war nicht bekannt – sie lebte in ihrer Igarka, und nahm einmal im Jahr die geliebte Tochter und die schöne Enkelin bei sich auf.

Endlich hielt es Katherina nicht aus.

„Wird es lange Zeit so gehen?“, sagte sie mutig, auf dem Sofa sitzend.

„Was sollen wir tun?“, Irina drehte sich unzufrieden zum Fernseher.

„Es gibt doch die Leningrader Adresse seiner Schwester. Setze dich hin und schreibe…“

„Was sagst du da? Ich kann nicht!“, unterbrach Irina sie eilig.

„Ich kann nicht! Du kannst! Schreibe. Frage nach der Adresse Sergejs. Nun…Nein für den Anfang: ob er verheiratet ist? Kann ja alles vorkommen! Danach die Adresse. Vielleicht doch anders herum? Nun, du wirst es selbst wissen. Hier hast du Papier und Stift, nun setze dich! Keine „Neins“, setze dich und schreibe:

„Teure Sveta, es schreibt Ihnen Irina Makarova“ Und wo weiter…“

Nachdem sich Irina von dem Lebensraum Melehovs befreit hat, entdeckte sie bei sich viele Interessen: sie liebte es Jazz zu hören: machte Bekanntschaft mit Musikern, veränderte ihre Garderobe: bewahrte jedoch ihre hellblauen Farben, mit der Hilfe der Schneiderin, die ihr Bekannte empfohlen haben.

Sie begann zu lesen, machte Bekanntschaften in Lesezirkeln. Las einige, von der Sowjetmacht verbotene Bücher, beispielsweise Solzhenicyn, wurde traurig und fokussierte ihr Interesse auf die Bücher Dumas, des Sohnes.

Manchmal ging sie zu Treffen. Nach hause brachte sie nie jemanden mit. Wenn sie die Nacht wo anders verbrachte, kümmerte sich die ältere Katherina um die Kleine. Es gab verschiedene Männer, auch verheiratete. Ihre Aufmerksamkeit nahm sie dankend an, doch ohne besonderes Interesse. Ihre sexuellen Bedürfnisse stillte sie energisch, doch ohne Leidenschaft.

In dem Land war gerade überall die Perestroika. Der Fernseher schrie pausenlos über ihre Lösungen. Man sprach Reden, gab Schwüre, ließ Treffen statt finden. Im Allgemeinen – war das Leben erfüllt, unter anderem jedoch nicht. Es gab keinen Menschen, der täglich und jede Minute von ihr verzaubert war. Der Gedanke, und damit die Hoffnung, dass all das noch kommt, verließen Irina nicht.

Nach drei Monaten kam ein Brief aus Leningrad. Svetlana schrieb trocken und knapp, doch jeder Buchstabe, jedes Zeichen waren voll mit Vorwürfen.

„Sergej ist nicht verheiratet. Wird er jemals heiraten nach so einem schlimmen Verrat? Er liebte Sie und liebt Sie noch immer. Sie haben sein Leben zerstört. Er lebt nun in Klaipeda, Hier ist die Adresse…“

„Pfui“, wackelte Katherina mit der Hand und gab vor sich selbst zu, dass sie all die drei Monate feige war zu erfahren ob eine Antwort kommt.

Irina, die sich über die Hoffnungen freute, begann nachzusinnen: einen Brief schreiben, voller Reue, oder die Erklärungen lassen, und ein Telegramm schicken, um die Erlaubnis eines Briefes bitten? Sie beschloss ein Telegramm mit dem Text zu schicken: Darf ich dir schreiben?“

Sie musste zwei Monate warten. Endlich kam eine knappe Antwort: „Ja.“

Der Brief wurde ganze zwei Wochen geschrieben. Katherina mischte sich ein aus Neugierde.

Irina beschrieb detailliert die tiefe Liebesenttäuschung und sprach ihr Mitgefühl aus zu dem Geschehenen. Sie schrieb über die Enttäuschung im familiären Leben in den aller zärtlichsten Farben, über die Tochter Katjuscha. Ihre einzige Freude und Hoffnung.

„Nun, ich habe alles geschrieben!“, sagte sie eines Tages zu Katherina. „Soll ich es dir vorlesen?“

„Neein!“, keuchte Katherina. „Regelt das unter euch!“

***

Die Antwort kam mit den Maifeiertagen. Irina, mit dem Umschlag in den Händen, eilte in ihr Zimmer, zog schnell die Tochter aus, gab ihr einen Apfel und setzte sich auf den Rand des Stuhls.

„Liebe Irina, im Gegensatz zu dir, lebe ich anders – Arbeit und ein unbedeutendes privates Leben mit der Nachbarin Ljuba. Ljuba ist eine Prostituierte…“ Irina lehnte sich an die Stuhllehne und hob die Augen. Was wolltest du denn? Du bist ehrlich und auch er ist offen zu dir.

„Gerade bin ich in einem Krankenhaus, in Leningrad. Probleme mit dem Bein. Wenn du dich erinnerst, das ist ein altes Problem. Ich muss noch mindestens zwei Wochen hier bleiben. Deswegen kannst du vorbeischauen. Natürlich nur wenn du willst. Svetlana wird dich treffen, nur sende uns ein Telegramm…“

Ob ich will? Natürlich will ich. Die Tochter lasse ich bei Katherina. Sie wird sich freuen. Auch die Tickets für den Hin – und Rückflug kann sie besorgen. Auf der Arbeit werde ich es schnell klären…

Melehov werde ich nichts sagen, er muss es nicht unbedingt wissen.

Ich schrieb ein Telegramm mit dem Datum der Ankunft und begann zu packen. Ich dachte die ganze Zeit daran, wie das Treffen ablaufen wird.

Es schien, als habe ich alles durchdacht. Der hellgraue Mantel, das blaue Halstuch, eine elegante Tasche. Etwas bitteres Parfum, etwas Wimperntusche, eine zarte Farbe des Lippenstiftes, eine schlichte Maniküre. Das Schauspiel des Gespräches malte ich mir vom Anfang bis zum Ende aus. Nur konnte ich mir das Treffen mit der Schwester Svetlana nicht vorstellen.

Im Inneren hatte Irina Angst vor einem Treffen mit ihr, und vor einem Gespräch, vor allem weil sie dann unter sich sein würden.

Am Flughafen in Leningrad beherrschte Irina sich und ging zum Schicksalstreffen. Svetlana war zurückhaltend, schaute an ihr vorbei und sprach nur in kurzen Sätzen.

Sie brachte den Gast nach hause, gab ihm Tee zu trinken, schrieb auf einen Zettel die Adresse des Krankenhauses. Beschrieb den Weg, legte vor Irina den Ersatzschlüssel auf den Tisch, für die Eingangstür, entschuldigte sich und ging eiligen Schrittes zu ihren Angelegenheiten.

Irina bemerkte in Gedanken die absolute Unähnlichkeit des Bruders mit der Schwester: „Die Schwester zierlich, elegant, Sergej…ich habe keine Ahnung, wie er jetzt ist.“ Sie ging durch die Zimmer, betrachtete alle Fotos, setzte sich hin und stellte sich hier mit Katja vor. Da erinnerte sie sich, dass sie am Abend unbedingt die Semönova anrufen musste und ein Treffen vereinbaren.

Plötzlich klingelte es an der Tür. Irina war verwirrt: aufmachen oder nicht? Die Hausherren sind nicht da. Doch sie beschloss zu öffnen.

Vor der Tür stand eine junge Frau in einem Bademantel, mit einem zotteligen Dutt heller Haare auf der Krone. Auf dem sauberen Gesicht, ganz ohne Kosmetik, zeigte sich ehrliche Neugierde:

„Ähm. Guten Tag. Ist Tante Sveta zuhause?“

„Guten Tag. Nein. Sie ging vor ein paar Minuten weg. Soll ich ihr was ausrichten?

„Nein, ich komme abends noch mal vorbei. Soll ich Sie zu Sergej ins Krankenhaus begleiten?“, fragte sie mit Interesse.

„Nein, nicht nötig.“ Irina war verwirrt. „Entschuldigen Sie“, und sie schloss die Tür.

Was ist das oder eher wer ist das? Ljuba? Dann steht auf ihrer Stirn sicher nicht „Prostituierte“, sondern „irdischer Engel“. Ljubas Erscheinen passte wirklich nicht zu dem Schauspiel. Ja, sie wusste es, doch zu wissen, ist das Eine, zu Sehen, das Andere.

Der Weg zum Krankenhaus war weit. Während Irina den öffentlichen Nahverkehr durch die Stadt nahm, schaffte sie es, die Stadt etwas zu betrachten. Sie gefiel ihr. Leningrad gab ihr das Gefühl von Freiheit. Sie spürte sofort den Rhythmus der Stadt – langsam, sogar welk, entspannt…

Doch je mehr sie sich dem Krankenhaus näherte, desto mehr Sorgen machte sie sich. In ihrem Inneren rollte sich ein Knäuel zusammen: ich werde sehen, wie er mich begrüßt, was er sagen wird?

Das Krankenhaus war ein altes, wichtiges Dreietagenhaus. Irina umrundete es einmal, bis sie den Haupteingang fand.

Sie stieg in die zweite Etage und ging den Flur entlang. Die Tür des Zimmers war offen. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann klopfte sie auf die hölzerne Tür.

„Darf ich?“, sie schaute in das Zimmer.

Auf einem Hocker, im Schlafanzug, mit einer Krücke neben sich, saß der älter gewordene Sergej.

Ein schwerer Blick, gerader Rücken, ganz beherrscht – was ist das? Vielleicht bin ich umsonst gekommen? Vielleicht ist alles umsonst?

Irina erinnerte sich, dass sie fast ihren Mantel zerknittert hätte, das Halstuch liegt gerade um den Hals, eine schöne Tasche, und trotz des Regens, ist die Wimperntusche nicht verschwommen. Sie betrat mutig das Zimmer.

„Guten Tag, Serjezha.“

„Hallo“, antwortete dieser leise.

In dem Raum standen sechs Betten, bedeckt mit verwaschenen Laken. Alle leer.

„Setze dich. Wie war dein Flug? Hat Svetka dich getroffen?“

„Ja, alles gut. Sie hat mich getroffen…und hier ist ein Schlüssel, sie gab ihn mir…“

Es war seltsam ruhig. Sie waren zu zweit in dem Zimmer, auch im Flur hörte man keine Stimmen, Zeichen für die Anwesenheit von Menschen, sogar den Regen hinter dem Fenster hörte man nicht.

Auf dem Boden neben Irinas Regenschirm bildete sich eine kleine Pfütze.

„Bist du nicht nass geworden?“, lächelte Sergej und nahm ihre Hand in seine. „Du bist immer noch so…schön. Ich erinnerte mich immer wieder…Das Flugfeld, weißt du noch, du hast geweint…Deine Tränen…blau wie deine Augen.

„Entschuldigen Sie.“ Das Zimmer betrat ein Mann, der ebenfalls einen Schlafanzug trug und eine verbundene Hand hatte. Er lächelte, ging zur Schublade, suchte nach irgendetwas und verließ wieder den Raum.

Irina und Segej begannen zu lachen.

„Wo sind denn alle, Serjezha?“

„Ich sagte zu ihnen, dass ich Besuch von einer Frau bekomme…Sie gingen. Sitzen in der Kantine.“

In der Luft hing Unbehagen und Enttäuschung. Es gab nichts, worüber man hätte reden können. Irina wollte zärtlich zu ihm sein, doch er wollte nicht. Blickte ganz unbedeutend, sah unwichtig aus…Der Kopf nicht gewaschen, auf den Wangen und dem Kinn Borste, gelbliche Haut, Schatten unter den Augen. Er war ganz dürr und in die Länge gezogen und verursachte Mitleid.

„Hast du Schmerzen? Tut dir das Bein weh?“

„Jetzt nicht mehr. Noch ein bisschen…Schau, der Regen hat aufgehört. Sollen wir spazieren gehen? Die Kerle sitzen schon so lange in der Kantine…

Sie stiegen nach unten, er trug eine Jacke.

Die seltene Sonne verwöhnte mit Licht und Wärme. Die erwachte Natur erfreute die Augen. In den Gärten sah man die Knospen von Blumen, die zu leuchtenden Narzissen explodierten, Krokusse, Hyazinthen und Tulpen. Auf den Bäumen zeigte sich junges Laub, das Krankenhausgelände bedeckte sich mit jungem Gras. Sie gingen die Wege entlang. Atmeten mit voller Brust ein. Es hing ein starkes Aroma von Kirschblüte und Flieder in der Luft. Sie genossen das Wetter. Der Kopf drehte sich, entweder von dem herannahenden Frühling oder von ihrer gegenseitigen Nähe. Sie fanden eine Bank und setzten sich.

„Erzähle mir von deiner Tochter. Wie ist sie?“

Irina wunderte sich etwas, doch sie begann zu erzählen. Zuerst ohne Eile, dann mit immer mehr Vergnügen. Sie beschrieb ihr Aussehen, dann den Charakter, die Angewohnheiten, das Verhältnis zu der großen Katherina, sie erzählte über kleine, familiäre Konflikte.

Sie lachten gemeinsam darüber, wie die kleine Katja ihre große Freundin und Patentante darum bat, die Stiefel vorsichtig zu tragen und so selten wie möglich, sie beschloss, diese zu erben. Oder wie sie darum bat, einen Kater für die Katze Vaselisa zu adoptieren. Sie brachte Vergleiche, diese ausschmückend, darüber, dass es in der Welt der Menschen immer Paare gibt: Mama hat Papa, Katherina hat ihren Liebsten, worin soll die Katze Vaselisa schlechter sein? Sie besorgte ihr einen Ehemann, den Kater Vasilij. Womit endete das Ganze? Ich vertrieb diesen frechen Kater mit der Räuberschnauze, das war es. Die Tochter hatte zwei Tage nicht mit mir gesprochen. Zwei Tage. Was ein Charakter. Und es gab noch einen lustigen Vorfall. Jeden Samstag gehen wir zur Patentante, um Pelmeni zu kochen. Beim Abendessen überreden wir Katjuscha, wenigstens noch einen Pelmen‘ zu essen, und was denkst du? Sie sagt, sie setzt diese Pelmeni auf Stühle in ihrem Bauch. Und nach langen Überredungen gibt sie zu: Sollen sie doch zu zweit auf den Stühlen sitzen. Kannst du dir das vorstellen?“

„Ich liebe deine Katjuscha jetzt schon. Sage, hat sie deine blauen Augen?“

„Nein Sie sieht Andrej ähnlich. Sie lieben einander und kommen gut ohne mich klar.“

„Weißt du was, warte hier auf mich.“ Sergej stand abrupt auf, ging zur Treppe und verschwand im Krankenhausflur. Nach ein paar Minuten kam er in normaler Kleidung raus.

„Lass uns gehen.“

Sie fragte nicht, wohin. Sie verstand – nach hause.

Sie nahmen ein Taxi. Setzten sich. Eiligen Schrittes stiegen sie in ihre Etage. Da zog Sergej sie an sich und begann sie zu küssen. Dabei murmelte er wie im Delirium:

„Nein, ich kann nicht.“

Irina war verwirrt von diesen Worten, grenzte sich ab…

„Was? Was….“

„Geh weg…Nein, nein. Warte. Ich kann nicht. Entschuldige…Ich liebe, liebe…“

Irina öffnete vor Verwirrung den Mund, dann schloss sie ihn wieder, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. Währenddessen machte er die Tür mit seinem Schlüssel auf. Auf der Schwelle begann er sie wieder zu küssen. Irina war ganz verwirrt. Sie küssten sich unendlich lange. Dann endlich zogen sie sich ihre Schuhe aus und ihre Kleidung und verschwanden im Schlafzimmer. Er erinnerte sich erst am Morgen an Svetlana, so schön war ihre erste Nacht.

In der Nacht, wenn die Liebesumarmungen sich lösten, betrachteten sie im hohen Fenster die Leningrader Laternen. Diese waren in ihrer Form und ihrem Bau unterschiedlich, sie schienen magisch zu sein. Irina erblickte ein besonderes Licht – davon gab es entweder zu viel oder zu wenig. Sie dachte, das ähnele dem Verhältnis mit Sergej.

„Ich liebe dieses Leningrad. Die nächtliche Laterne ist ein bedeutender Teil des architektonischen Ensembles“, sprach Sergej mit der ernsten Stimme eines Lektors. „Was denkst du darüber? Das ist für die Gäste der nördlichen Hauptstadt. Übrigens bist du Gast. Doch wahrscheinlich hast du bisher noch nichts gesehen…“

„Dich, dich habe ich gesehen…“, und sie bedeckte seinen Mund mit Küssen.

Der Rest von der irren Rede im Treppenhaus löste sich unter den vielen Zärtlichkeiten auf. Lange Zeit danach schien es Irina sogar, sie hätte sich verhört. Dafür hörte sie die Bewegung der engen, relativ harten Liege unter sich, in der Dämmerung.

Und später, als sie in der Dunkelheit lag, schien es ihr, sie habe ein nächtliches Meer überquert auf einem kleinen, schwimmenden Floss, indem sie das Kinn in die Kuhle seines Halses legte, etwas unter das Ohr…Er umarmte sie fest und flüsterte, dass er unrasiert sei und der Hals für sie stachelig sein müsse. Beim Einschlafen hörte sie sein Murmeln: „Meine, meine…“

Am Morgen trennten sie sich schnell und eilig. Sie machten aus, dass sie auf seinen Anruf warten würde…Und dann zu dritt, nur zusammen, zusammen.

Sergej rief ein Taxi. Auf dem Weg stieg er beim Krankenhaus aus, küsste sie schnell, sie fuhr zum Flughafen, und von da nach Nowosibirsk, nach hause. Bereits am Flughafen erinnerte sich Irina an Semenova: sie hatten sich nicht angerufen, noch getroffen.

***

Zuhause stellte Irina die Mutter und Katherina vor die Tatsachen: mit Sergej sei es ernst. Sie warte auf die Einlandung.

Sie begann neue Kleidung für sich und die Tochter zu kaufen. Mit der alten Garderobe wollte sie nicht zu ihm fahren. Neue Kleidung sei notwendig. Es beginnt ein neues Leben.

Da rief Katerina an, im zentralen Kaufhaus gab es gerade eine Lieferung von neuen Klamotten. Sie lief hin, stand ein paar Stunden in der Schlange, kaufte einen wundervollen, leuchtend blauen Mantel von tschechischer Herstellung. Dazu noch Stiefelchen und ein Täschchen, und lauter Krimskrams.

Und da begann sie zu warten. Es zog sich hin. Im Sommer in den Urlaub. Irina und die Tochter besuchten die Mutter in der Igarka.

Brachten Mitbringsel aus Nowosibirsk mit: Maisstäbchen, Küchlein, Pepsi-Cola, die man damals begonnen hat zu produzieren, in Nowosibirsk.

„Wozu so viel? Oh Gott, welch ein Überfluss“, empörte sich Elena.

In dm elterlichen Haus war es angenehm, wie immer, gemütlich und ruhig. Spitzenvorhänge auf den Fenstern, auf den Fensterbänken Töpfe mit Veilchen: zarte Tapeten in den Zimmern, die bemalt waren bis zur Mitte, weiße Wände in der Küche. Im Schlafzimmer, weiße Decken auf den Betten. Im Badezimmer ein dunkelgrüner Boiler, nun gab es genug heißes Wasser. Im Flur, ein schwarzes Telefon, das akkurat mit einer Servierte bedeckt war. Und morgens die Gerüche von Milch vom Markt, georgischen Tees von der besten Sorte.

Elena fragte wie gewohnt nicht nach Sregej, machte sich nur Sorgen.

Sie nahm Katjuscha mit zu ihren Freunden, den Jahins. Dort traf man auch die alte Semenova. Deutlich älter geworden, doch immer noch vital. Irina bekam eine Portion Nachrichten über die Freundinnen.

Irina Jahina war die Mutter zweier Kinder. Ihr Ehemann war Parteiarbeiter. Alles in ihrem Leben fügte sich zum Guten, nur lädt sie uns selten ein. Semenova erzieht ihre kleine Tochter und wartet auf den Ehemann von seinen langen Dienstreisen auf dem Meer.

Als wir am Tisch saßen, gingen wir alles Vergangene durch und berieten über die Zukunft der drei Freundinnen. Irina kehre nach hause mit dem bekannten Gefühl der Verabschiedung. Wir gingen am Abend. Katjuscha war müde, bat darum, sie auf die Arme zu nehmen. Irina wehrte sich, das sie Sxhuhe mit Absatz trug. Doch die Tochter bestand darauf.

Da berührte sie jemand am Arm:

„Hallo Makarova. A-a-a, du bist ja jetzt Melehova. Ich weiß, weiß…

„Razuvaev, hallo.“ wie seltsam. Irina freute sich, ihren ehemaligen Nachbarn zu sehen.

Er nahm schweigend die weinende Kleine auf den Arm und trug sie, die augenblicklich eingeschlafen war, den ganzen Weg.

„Über mich weißt du Bescheid, erzähle mir, wie du selbst lebst, Nachbar?“ Irina wurde fröhlich zumute.

Alles was der Nachbar erzählte, ließ sie wissen, dass sein Leben ereignisreich war. Auf dem Kopf, anstatt eines goldenen Duttes, war ein kurzes Igelschnitt, eine schwere Lederjacke, die schief saß und ihm etwas zu groß war, vor allem auf den Ärmeln, auf dem Hals glänzte leuchtend eine breite Kette, auf den Füßen schwere Schuhe. Junggeselle?

„Alles unter Kontrolle. Das Leben fängt jetzt erst an.“

Die Freude Irinas war augenblicklich fort. Razuvaev ging schweren Schrittes und war laut. Die unbändige Energie sprudelte so aus ihm und verströmte den Geruch von Schweiß, ungeputzter Zähne und schweren Rauches.

Sie erreichten die Tür schweigend. Er brachte auch Katjuscha schweigend ins Haus. Er lehnte den Tee ab und verschwand leise, so wie immer. Am Tag der Abreise klingelte jemand an die Tür. Elena kehrte zurück, verwirrt, lächelnd, mit einem großen Blumenstrauß in den Händen.

„Der ist für dich. Dazu noch ein Zettel. Wie im Kino.“

Irina faltete das Papier auf und las: „Adieu, Königin.“ „Auch mir…Der nördliche Troubadour.“ Die Blumen in die Vase, den Zettel in den Papierkorb.

Sie kehrten zu sich in die Shljuzovaja zurück. Und alles beim Alten. Katjuscha ging in den Kindergarten, traf sich regelmäßig mit dem Vater, mit der Oma Shura. Für den Winter kaufte Andrej seiner Tochter ihren ersten Fellmantel und eine Shapka, Irina, schöne Pullover. Die Tochter freute sich über die neuen Sachen, lachte, hing auf dem Hals des Vaters. Wundersam, wie sie sich noch mehr ähnlich sehen. Sogar die Haare Katjas wurden dunkler. Wenn sie sich umarmen, kann man gar nicht sagen, wo wessen Krone ist.

An Wochenenden gingen sie auf dem roten Prospekt spazieren. Wenn Katherina dabei war, trank man Kaffee in der Bar oder aß Küchlein. Wenn Vater und Tochter zu zweit unterwegs waren, besuchten sie die Bar des Hotels „Nowosibirsk“. Dort aßen sie Eis und tranken Limonade.

Der Winter näherte sich. Die Laune war fast winterlich: leer und kalt. Die Einkäufe, Abende und Männer erfreute sie nicht. Wie immer hielt es Katherina nicht aus:

„Warum lässt du dich darauf ein?“

„Was soll ich sonst machen?“

„Wie, was? Anrufen, schreiben…Vielleicht ist ihm was zugestoßen? Vielleicht ist er…tot.“

„Was sagst du da?“

„Schreibe seiner Schwester. So nach dm Motto…Ich warte schon ein halbes Jahr und es gibt keine Nachrichten.“

„ich denke drüber nach…“

Sie grübelte und schrieb Svetlana einen Brief. Kurz, jedoch aufdringlich. Und sie bekam Antwort, genau so kurz und abrupt.

„Wenn sie Ihren Status erfahren wollen, dann haben Sie das Recht dazu zu erfahren, dass Sergej auf der Arbeit in Klaipeda ist. Die Adresse haben Sie…“

Morgens ließ Irina Katherina wissen:

„Klaipeda. Ich muss fahren.“

„So ist es gut. Fahre. Nehme einen Flug nach Riga und von da aus dann nach Klaipeda…Dort ist alles in der Nähe“, riet ihr die erfahrene Katherina, die schon viele Orte bereist hatte.

Irina schrieb sich für den Juni den Urlaub auf. Stellte sich in die Schlange für den Kauf des Flugtickets. Bezahle im Voraus. Und begann wieder zu warten, diesmal auf den Urlaub.

***

An die Mitglieder der Exkursionsgruppe konnte sich Irina nicht erinnern. Just als sie Riga erreicht hatten, wurde sie von einer Angst überfallen: wozu bin ich hierher geflogen? Vielleicht will er mich nicht sehen? Wird sich nicht erinnern, wie mein Name ist? Im Kopf tauchte die Szene aus dem Treppenhaus auf, sein wirres Murmeln. Endlich wählte sie einen Moment aus, ging zur Leiterin der Gruppe, einer stark geschminkten, jungen Frau und bat sie, mit nach Klaipeda zu nehmen.

„Was wollen sie da?“, fragte die Leiterin und hob ihre samtenen Wimpern. Irina war verwirrt. „Achso, ein Treffen?“, fuhr die Dame fort. Nun, verstehe. Ich wünsche Ihnen Erfolg, Liebchen.“

Bei der Rezeption fragte sie, wie man bis nach Klaipeda kommt, bis zum Hafen. Sie bat, ihr einen Platz zu reservieren…Ein Luxuszimmer. Für zwei Tage. In dem besten Hotel.

Früh am Morgen setzte sie sich in die Elektrische „Riga-Klaipeda“. Sie erreichte den Ort ohne Abenteuer. Bei dem Ausstieg in der Stadt, nahm sie ein Taxi und fuhr in das gleichnamige Hotel „Klaipeda“. Sie fand ihr Zimmer, gab ihre Gepäcktasche ab und nahm wieder ein Taxi – zum Hafen.

Während sie in der Elektrischen fuhr, war sie voller Sorge, doch hier verspürte sie Ruhe. Sie erinnerte sich an ihren Leningrader Zustand – welk, wie im Traum. Das Taxi fuhr langsam. Irina betrachtete aus dem Fenster des Autos die russischen Aufschriften auf den Vitrinen, städtische Landschaften, Sitins in den Höfen, Kneipen. Alles grau, unfreundlich, so als ob hinter all dem eine unendliche Trauer stünde. Dafür trugen Klaipedas Straßen romantische Namen, wie in den Romanen Alexander Grins: Schlossstraßen, Torstraße, Bastionstraße, Ankerstraße…zum verrückt werden. Das Meer ebenfalls langsam, schwer. Die Möwen beleuchteten mit ihren feierlichen weißen Flecken die graue Meereslandschaft. Die Stadt hatte eine lange Straße, die sich am Ufer lang zog. Irina bemerkte ein seltenes Schauspiel, wie auf einer Fotografie, einen Jungen auf einem Floß. Dieses bewegte sich nicht, als ob er versteinert sei. Gäbe es keine Kinder, wäre es eine gewöhnliche Stadtlandschaft. Doch hier sieht es danach aus, dass sie schwimmen als seien sie in das offene Gewässer heraus geschwommen, dabei alle wie versteinert, bis auf die Wellen und die Möwen…Interessant.

Irina schreckte auf: wo werde ich nach ihm suchen? Ich weiß nicht wie man ihn hier nennt. Kenne nur den Vor- und Nachnamen, dazu noch, dass er bei der Handelsflotte ist, mehr nicht.

Das Taxi blieb neben dem Tor des Schiffshafens stehen. Sie zahlte und stieg aus. Seltsam, niemand wollte sie anhalten, obwohl sie der Wache zunickte und sie begrüßte, in der Hoffnung auf ein Gespräch, das ihr die Möglichkeit gibt, zu erfahren, in welche Richtung sie gehen soll. Die Wache schaute sich nicht nach ihr um. Sogar die Hunde hatten kein Interesse und wedelten nur faul mit den Schwänzen.

Sie näherte sich dem Ufer, in der Hoffnung, dass dort gearbeitet wird und erblickte vor sich eine Gruppe Männer. ES waren vier an der Zahl. Einer ging vorne, stark hinkend und sich unter die Füße schauend, die anderen drei hielten sich hinten und berieten laut über etwas. Einer von ihnen legte seine Hand auf die Schulter des vorne Gehenden:

„Segej.“

Irina bekam plötzlich Röte im Gesicht, ihre Augen flackerten auf, so sehr groß war die Sorge.

„Serjezha?“

Dieser stolperte fast. Wurde blass und blieb stehen. Die Freunde sprachen zu ende und betrachteten die schöne Frau wie etwas Wildes.

„Serega, für dich“, lachte einer.

„Hast du ein Glück, Seryj“, sagte der Zweite.

„Junge Frau, wissen Sie, dass sie sehr schön sind?“, fragte der Dritte.

Irina, wie ohnmächtig, konnte nur lächeln. Sergej stand und schaute sich vor die Füße, dann auf Irina. Endlcih waren die Freunde verschwunden.

„Irochka. Du? Hier?“, er begann endlich zu sprechen. „Ich, ich war verwirrt…“

„Wenn du…Ich kann wieder fahren…“

„Nein, auf keinen Fall. Du bist so…Dieser blaue Mantel steht dir und die Möwen über deinem Kopf…Als ob du aus dem Meer kämst.“ Er begann sie zu umarmen und zu küssen. Auch diesmal küssten sie sich lange und gierig.

„Wo kommst du unter? Übrigens gibt es hier ein gutes Hotel. Fahren wir?“

Immer noch stark hinkend, führte er sie hinter das Territorium des Hafens, nahm das erstbeste Auto und sie fuhren. Auf dem Weg kam er dann wiedr zu sich.

„Über die Brücke bitte.“ Auf der Brücke kaufte er einen großen Blumenstrauß, und über das ganze Gesicht strahlend, legte er die duftenden Feldblumen auf ihre Knie. „Ich habe die schon lange keine Blumen mehr geschenkt.“

Irina konnte nur lächeln, sie war am Zittern, doch sie war überwältigt von der Schönheit ihres Treffens.

Im Zimmer ging alles weiter. Sie küssten sich wild und schmissen ihre Sachen überall hin. Einige Minuten hörte man nur ein schweres Atmen. Da warf sich Sergej plötzlich zurück, ganz blass, mit Schweißperlen auf der Stirn:

„Schmerzen, mein Bein.“

Irina hatte sein krankes Bein ganz vergessen. Den Rest des Tages lief sie durch ihr schickes Zweiraumappartement, vom Badezimmer ins Schlafzimmer und legte die kalten, nackten Kompressen auf sein geschwollenes Knie. Endlich hatte sie eine Idee: aus dem kleinen Kühlschrank nahm sie Eis heraus, wickelte es in ein breites Tuch und verband damit die schmerzhafte Stelle. Dann legte sie ihren Schal darauf.

„So, nun erhole dich.“ Sie atmete aus.

Zum Abend hin war der Schmerz schwächer doch auch die Leidenschaft wurde weniger.

„Nun denn. Gehen wir ins Restaurant?“

Als sie dieses händchenhaltend betraten, trat eine Pause ein. Es schien als waren nur die Kellner nicht überwältigt von der Schönheit dieses Paares. Der Raum ähnelte sehr dem Restaurant in Igarka. Genau solche Wände, alles so wie dort, wie die Rückkehr in die Vergangenheit, in die Jugend.

„Serjezha, schaue dich um. Das ist doch Igarka. Erinnerst du dich? Sogar die Musik….die selbe. Jo Dassen.“

„Ich erinnere mich an alles“, sagte Sergej.

Er drehte sich um und bat den Kellner um eine Flasche Kognak. Und fügte hinzu:

„Ich erinnere mich nicht nur an das.“

Es erklang Musik. Man gab ihnen einen Tisch im Zentrum des Raumes. Doch umsonst. Irina musste den Männern ihren Wunsch mit ihr zu tanzen, abschlagen. Doch dann, mit dem freundlichen Nicken Sergejs, nahm sie eine Einlandung eines erwachsenen, grauhaarigen, eleganten Mannes an. Er sah aus wie ein Ausländer, nicht wie ein Einheimischer. Er stellte sich als Edward vor und lud sie zum zweiten Tanz ein. Dabei wollte er ihre Bekanntschaft schließen, ohne darauf acht zu geben, dass die Dame bereits einen Kavalier hatte. Irina lehnte ab und drehte den Kopf sorgenvoll in Richtung ihres Tisches. Sie bemerkte, dass Sergej die Zeit nicht umsonst verliert: leise, doch selbstsicher trank er den Kognak.

Auf ihre Bitten, sich nicht zu betrinken, sagte er:

„Du verstehst nichts. Und wirst nichts verstehen…nie. Du warst für mich…Du bist für mich…“

Schon nachts, als sie den schnarchende, betrunkenen Sergej betrachtete, erinnerte sie sich mit Schrecken daran, wie sie Edward um Hilfe bat, den betrunkenen Sergej ins Zimmer zu tragen und schlafen zu legen. Dabei musste sie wieder die Einladung ablehnen, den Rest des Abends mit ihm zu verbringen.

Ich würde gerne wissen, woran du denkst. Was du dir vorstellst. Worin du mich beschuldigst.

Irina weinte und erinnerte sich mit Erleichterung, dass sie eine Tochter hat, ein eigenes Zimmer, eine gesunde Mutter. Sie bemerkte es selbst nicht, wie sie eingeschlafen war, als sie vor dem Fenster saß. Nachts wachte Sergej von einem stechenden Schmerz im Knie auf. Und schon wieder – nasse Kompressen, dann das Eis. Hinter dem Fenster fiel die ganze Nacht der Regen und es wehte der Wind. Bei der Morgendämmerung schliefen beide ein. Der Morgen war grau und trüb.

„Verzeih mir, Irochka“, wiederholte er.

Auf dem Tisch wurde das Frühstück kalt (Irina bat es, auf dem Zimmer zu empfangen). Sie trank bereits die zweite Tasse Kaffee und konnte nicht klar kommen mit ihrer Gereiztheit.

„Serjezha, ich muss los. Du iss nur. Und bringe mich zur Elektrischen, bitte.“

Schon wieder regnete es. Ein feiner Nieselregen vom Meer. Auf dem Gleis, in der Erwartung der Elektrischen, bemerkte sie jetzt erst, dass er raucht.

„Du rauchst?“

„Ja, doch nur sehr selten.“

Der Zug kam. Sie betrat selbstsicher den Waggon, ohne sich umzublicken oder sich zu verabschieden, ging in ihr Coupe und setzte sich auf ihren Platz. Er stand neben dem Fenster. Sie schaute auf ihn und begann zu weinen. Er schaute sie auch an und rauchte eine nach der andren. In irgendeinem Moment wurde ihre Aufmerksamkeit auf einen neuen Passagieren gelenkt. Er grüßte sie, verglich seinen Platz mit dem Ticket und setzte sich ihr gegenüber.

„Ha, wir kennen uns. Welch eine Überraschung. Sie sind die gestrige, schöne Unbekannte? Das war jener Edward aus dem Restaurant. Zufälle gibt es? Das bedeutet, wir fahren zusammen? Warum weinen Sie?“ Er blickte aus dem Fenster. Dann richtete er wieder seinen Blick auf die ihm gegenüber sitzende Irina und frage ernst:

„Entschuldigen Sie, ich möchte fragen: Ist es ihr Ehemann?“

„Nein…“ Irina weinte.

„Ihr Liebhaber?…Verzeihen Sie…Ähm, ein nahestehender Mensch?“

„Nein.“

„Warum weinen Sie dann?“

***

Nachdem sie nach hause zurück gekehrt war, beruhigte sich Irina. Genauer, sie versuchte sich zu beruhigen. Das erste was sie tat, sie veranstaltete ein Sonntagsessen mit den Nachbarn. Dann brachte sie Katjuscha zum Schlittschuhlaufen. Die Tochter wollte jedoch zur Gymnastik, dann zum Tanz. Andrej brachte sie dazu in den Fechtklub „Viktoria“. Nur er brachte die Tochter zum Fechten. Doch in dem Studio des Tanzes blieb die Tochter mehrere Jahre.

Sie kaufte teure Haarfarbe und färbte bereits am ersten Samstag Katherinas Haare, die eine lange Romanze und eine große Liebe vor ihrer Rente durchlebt hatte. Sie lud Elena ein, bei ihr zu wohnen und diese nahm die Einlandung mit Vergnügen an. Sie verabredeten sich für den Juli. Dazu Noch Valja…Irikna ging auf den Flohmarkt, kaufte einige Meter Angorrawolle und brachte diese der Nachbarin, Wächterin. Nun das war es auch.

Der erste Teil der Selbstmedikation war zu ende. Was weiter? Irina wusste es nicht, doch es wurde leichter. Nun wartete sie auf die Entscheidung Elenas ganz nach Nowosibirsk umzusiedeln

Die letzten anderthalb Jahre trafen sich Irina und Sergej drei Mal, und alle drei Treffen hatten einen schweren Nachklang. Im Gedächtnis blieben weder Zärtlichkeit noch Liebe, sondern unverständliche Worte und Taten. Irina wollte es unbedingt klären, sicher gehen, dass sie vielleicht falsch gehört hatte oder es falsch verstanden hatte. Endlich gewann der Verstand die Oberhand. Einfach nur leben, ohne große Pläne und Wünsche, ohne Emotionen, die nach draußen drängen, ohne Leid, Tränen, Wünsche.

Es schien, als habe sich Irina ganz beruhigt. Nun beobachtete sie die Liebesetappen Katherinas. Dort war alles so zärtlich und sentimental, dass es sogar ein Lächeln hervorrief.

„Ihr seid wie zwei Tauben“, lachte Irina. „Wo bleibt die Leidenschaft?“

„Gott bewahre. Welche Leidenschaft? Und der Blutdruck? Ein Schlag auf den Kopf, uns weiter? Ein Schlaganfall? Nein, in unserem Alter soll alles nicht so leidenschaftlich sein, sogar die Gefühle.“

Elena brachte ihren Mann auf die Große Erde, und endlich, al sie ihn gehen ließ, begab sich sich zur Tochter nach Nowosibirsk.

***

Valja, die Wächterin hatte die Angewohnheit, Zettel an die Wand zu kleben, die die Bewohner über das Klingelleuten in ihrer Abwesenheit, benachrichtigten. So fand auch Irina, als sie abends nach hause zurück kehrte, von den zwei Tagen Aufenthalt bei Katherina, ein Blatt aus einem Schulheft mit der Aufschrift: „Sergej aus Leningrad hat angerufen. Er wird sich wieder melden.“

Und wozu? Warum? Wozu das alles?

Sie konnte sich deswegen die ganze Woche nicht auf die Arbeit konzentrieren. Sie wollte sich in eine Ecke verkriechen und nachdenken. Am Ende der Woche klopfte Valentina Petrovna an ihre Tür:

„Telefon für dich. Aus einer anderen Stadt.“

Sie ging zum Telefon, dachte das Herz springe ihr aus der Brust.

„Irochka, hier ist Sergej.“

„Guten Tag, Serjezha.“

„Ich habe lange nachgedacht…Möchte vorbeikommen. Darf ich?“

Einige Sekunden Zögern. Wozu? Irina antwortete:

„Gut, komm vorbei. Nur kann ich dich nicht abholen…“

„Ich schaffe es selber. Nenne mir nur deine Adresse. Und noch was…bestelle einen Tisch im Restaurant, bitte.“

Sie legte den Hörer auf und blieb stehen.

„Und nun? Wird dich jemand besuchen?“ Valja, die Wächterin war ganz außer sich.

„Ja, ein alter Freund.“

„Aha, weiß Malehov Bescheid?“

„…egal.“

Am nächsten Tag, in der Mittagspause, reservierte sie einen Tisch für zwei im Restaurant des Hotels Nowosibirsk. Am Abend des selben Tages fand sie auf der Tür der Wohnung ein Telegramm: „Ich fliege los…werde bald da sein.“

Wird ihm diesmal wieder das Bein weh tun? Soll ich Eis vorbereiten?“

Nach drei Wochen erhielt Irina einen Anruf auf der Arbeit:

„Hör zu, Irina.“ Valja stöhnte in den Hörer. „Hier ist ein Gast für dich. Soll ich ihn herein lassen?“

„Ja, danke, Valentina Petrovna.“

Bis zum Ende des Arbeitstages bleiben zwei Stunden, und die Arbeit will nicht gelingen. Erinnerungen kehrten zurück, Gefühle, Emotionen. Als ob man bei Null anfangen würde.

Sie rief Katherina an und bat sie, Katjuscha zu sich zu holen.

„Ich berichte später.“ Sie wollte nichts besprechen, das sie selbst noch nichts verstand.

Das Restaurant des Hotels Nowosibirsk hatte in der letzten Zeit einen besonders guten Ruf. Die neuen Huren hielten sich an der Bar auf und boten ihre Dienste an, klebten sich an die männlichen Besucher.

„Oh Gott, ihr seid so viele. Woher nur, seid doch noch so jung?“

Irina war zufrieden damit, dass Sergej diesmal anständig gekleidet war. Ein akkurates Kostüm, eine schöne Lederjacke, teure Mütze, neue Schuhe von ausländischer Herstellung.

Sie betraten händchenhaltend das Restaurant und ließen die Umgebung wissen, dass sie ein Paar sind. Im Restaurant hing ein massiver Kronleuchter und eine Bühne für Musikanten war auch vorhanden. Man brachte ihnen Champagner und Früchte. Die Musik erklang. Wieder Jo Dassen. Welch ein Zufall.

„Serjezha, das ist unsere Musik. Lass uns tanzen?“

„Ich bleibe sitzen. Du weißt doch…mein Bein…“

Irina sah wieder dasselbe Bild vor sich: Sergej schüttet den teuren Kognak in sich. Sie beschloss, nicht zu tanzen und blieb an ihrem Platz sitzen.

„Sergej, du trinkst wieder…“, sie schaffte es nicht, zu ende zu reden. Da kam eine junge Frau im Minirock und bat um eine Zigarette. Er gab ihr die Schachte und sie lächelten einander zu.

„Wollen wir tanzen?“, fragte sie, ohne dabei Irina anzublicken.

Sergej stand auf und ließ sich auf den Vorschlag ein.

Irina grübelte, sollte sie gehen? Er ist doch zu Gast bei mir. Ist zu mir gekommen, um sich zu besaufen und zu tanzen? Sie beschloss,das Schauspiel zu beobachten. Es folgte nichts Gutes. Sergej setzte sich, goss sich Kognak ein, für Irina Champagner, und nahm die Einladungen der Frauen an. Er tanzte mit ihnen allen. Irina saß da, immer noch mit der Frage beschäftigt, warum er überhaupt gekommen sei.

Er hat es geschafft, sich von Huren zu umgeben. Sie kreisten um ihn, schüttelten ihre glänzenden Körper und ihre geschminkten Gesichter zur Musik. Peinlich, wie peinlich.

An dem Tisch gegenüber saßen zwei Männer. Irina hatte schon längst bemerkt, dass sie in ihre Richtung schauen. Sie hatten sogar das Gespräch unterbrochen. Wobei man anfangs bemerkte, dass sie wohl ein geschäftliches Treffen hatten.

Irinas Gesicht war von roten Flecken bedeckt, in den Augen glänzten Tränen, sie zerbiss sich ihre Lippen. Dann bat sie den Kellner um die Rechnung und zerbrach sich den Kopf, wie sie ein Taxi rufen könnte und so schnell wie möglich nach hause kommen.

Da kam einer der Beobachter zu ihr und fragte leise und schnell:

„Kann ich Ihnen helfen…?“ Er wandte den Blick auf Sergej, der zwischen den Frauen tanzte und schlug vor: sollen wir den Ehemann nach hause fahren?“

„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.“ Sie schnappte sich ihre Tasche, nahm Sergejs Hand und zerrte ihn zum Ausgang.

„Wohin?“, wunderte sich dieser. „Wohin? Na und? Nur weil es Prostituierte sind. Das ist mein Element.“

Zu dritt stopften sie die angetrunkene Figur in den Zhiguli und fuhren zur Shljuzevaja. Sie brachten ihn in die zweite Etage und legten ihn auf das Sofa.

„Vielen dank Ihnen.“ Irina atmete aus.

„Wenden Sie sich an uns wenn irgendetwas ist…“, schmunzelten die freundlichen Herren. „Geben Sie uns für alle Fälle Ihre Handynummer.“

Nun, sie musste ihnen die Nummer geben, sich freundlich verabschieden und sie leise hinaus führen.

Gott sei dank, schlafen alle. Was ist wenn Valja nicht schläft…Egal.“

Irina machte das Bett und legte sich hin. Sie konnte weder schlafen noch weinen. Warum ist er denn gekommen? Bei der Dämmerung schlief sie ein.

„Irina, schläfst du nicht?“

Sie wachte auf und stützte sich auf ihrem Ellenbogen ab. Sergej saß halb ausgezogen auf dem Sofa. Früher Morgen, noch dunkel. Beginnt wieder der Mist?

„Du ärgerst dich…Wobei ich mich ärgern sollte.“

Irina riss die Augen auf.

„Ich bin böse auf dich.“ Die Stimme war absolut nüchtern. „Du, du…du warst eine Göttin für mich. Ich dachte immerzu an dich…Ira, Irochka…stellte mir vor…Du warst die aller…aller Schönste…Du hättest auf mich warten sollen. Und du gabst dich einem anderen hin, wie die gewöhnlichste Ljuba…Ljuba ist sogar besser als du. Sie ist ehrlich.“

Weiter hörte Irina nicht zu. Sie kroch mit dem Kopf unter die Decke und schlief fest ein.

Sie schlief lange und träumte allerlei Träume. Blumige und laute. Im Traum erklang die Musik, eine sehr vertraute. Nun, im Schlaf, schien diese so traurig und ausweglos zu sein. Irina weinte zur Musik…Sie wachte davon auf, dass jemand sie an der Schulter berührte.

„Höre zu, Irka. Dein Gast ist weg gegangen. Er trank Wasser, direkt aus dem Wasserhahn und ging.“ Valja blickte in ihr Gesicht.

„Einen guten Weg wünsche ich.“

„Er war sehr traurig, hätte fast geweint…“

„Gott sei mit ihm.“ Irina streckte sich und lachte. „Ich muss aufstehen und meine Tochter abholen.

Am Abend, nach dem Baden und mit dem Handtuch auf dem Kopf, bei dem Zubereiten der Pelmeni, erzählte sie Katherina alles, was geschehen ist. Diese hörte ihr aufmerksam zu, dachte nach und sagte:

„Natürlich ist es mit Ljuba einfacher. Man muss seine Seele nicht quälen…Einen Menschen zu lieben, ist nicht einfach…Nun denn. Gott sei mit ihm. Wir werden weiter leben. Stimmt es, Mädels?“ Sie gab der kleinen Katja einen Bussi auf die Schläfe.

Irina dachte nach. Katherina hatte recht. Doch es ist so einsam in der Seele. Es schien, als würde die Musik von damals wieder erklingen. Die Musik, die die Trauer über die nicht erfüllten Wünsche, die schönen Ideale, ein feierliches Leben herausforderte.

Und dennoch war die Hoffnung noch vor ihnen. Es war das Jahr einundneunzig.

Nina Trox „Palmsonntag“

Im Himmel öffnete sich ein Abgrund. Die Stadt wurde von einem Tränensturm bedeckt. Der Schirm hielt es nicht aus, ich war fast ganz durchnässt. Was tun? Bis zum Treffen mit der Freundin blieb noch eine Stunde und ich beschloss in die Kirche zu gehen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es nicht gerade mag, unsere Kirche zu besuchen. Unsere, nenne ich sie deshalb, weil ich mich für orthodox halte. Ich halte mich dafür, doch weiß ich nicht, ob ich es bin.

Ich verstehe vieles nicht von der Kirche und kann vieles von ihr nicht annehmen. Schöne Aufschriften auf den Wänden, die über das Leben und das Leiden von Heiligen erzählen, grenzen an böse, trübe Gesichter von alten Frauen, die nichts tun außer die Besucher mit ihren Warnungen zu nerven.

Die Höhe und Harmonie der Architektur steht im krassen Gegensatz zu den dicken, langbärtigen Popen. Sogar während des Großen Fastens sind die Gesichter der Diener Gottes so, als ob sie gerade den Tisch verlassen hätten, der mit gar nicht so geschmackloser Fastennahrung gedeckt war.

Ich habe nie das Wort „Gottesfurcht“ verstanden. Warum sollen wir vor demjenigen Angst haben, der uns das Leben geschenkt hat? Er nahm den Weg der Wiedergutmachung für unsere Sünden und wir danken ihm mit Furcht. Das ist jedenfalls nicht logisch. Und dieses anstrengende Stehen innerhalb mehrer Stunden während des Gottesdienstes. Die alten Frauen stehen, Kranke stehen, ja selbst wenn die Gesunden stehen, sind die Gedanken nicht mit dem Gebet beschäftigt, sondern mit den Schmerzen in den Beinen und im Rücken.

Und dann denkt man nicht mehr an die Wiedergutmachung der Sünden, sondern daran, wann das alles endlich ein Ende hat. Und außerdem, was macht es Gott aus, ob ich Hose oder Rock trage, ob mein Kopf bedeckt ist oder nicht. Ich erschien zum Gottesdienst, und das zählt.

Im Gegensatz zu der Orthodoxen Kirche, gefallen mir katholische Kathedralen. Kein Menschenandrang. Lange Reihen von Bänken. Hier kann man sich hinsetzen, in Gedanken verweilen, Gott ehren, ruhig beten und sich selbst zuhören und seiner Seele. Geheimnisse der Beichte in einem extra dafür vorgesehenen Raum preisgeben. Und nicht so wie, wenn hinter dir eine lange Schlange steht und sich deine Sünden anhört, die du so leise wie möglich, dem Popen ins Ohr flüstern willst. Un er nickt, runzelt die Stirn und antwortet: „Bete, Kindchen!“ Hat er dir zugehört? Die hinter dir Stehenden haben es sicher gehört, sonst würden sie nicht so verdächtig lächeln und dich von Kopf bis Fuß anblicken. Das ist nicht die Befreiung von Sünden, sondern Unhöflichkeit und Erniedrigung.

Wozu soll man dann kommen, wenn man Ruhe und Frieden braucht?

Ich verstehe nicht das Küssen von Ikonen und Händen, das Umkreisen des Altars, das alles erinnert an Heidentum. Und das ist ein depremierendes Gefühl von Trübsinn und Trauer. Keine erhöhte, erleichternde Gnadengabe, sondern eine beklemmende Nervosität.

„Kämmen Sie sich!“ Neben mir stand eine kleine alte Frau, ganz in Schwarz, mit nervös blickenden Augen.

„Entschuldigen Sie, was?“, fragte ich.

„Kämmen Sie sich!“, wiederholte sie und erhob ihre Stimme.

„Nein, danke. Ich will nicht“, antwortete ich und drehte mich in Richtung des Altars, wo ein Pope mit dem Kränzchen das heilige Wasser auf die Besucher versprühte.

Plötzlich fühlte ich einen Schmerz etwas über dem Ellenbogen. Die Alte drang mit ihren zähen, dünnen Fingern in meinen Arm und begann mich in Richtung Altar zu ziehen.

„Du musst dich kämmen.“

„Ich muss gar nichts. Lassen Sie mich in Ruhe“, ich riss meinen Arm von ihr weg und ging zur Seite.

Ich fing mit einem Seitenbick den bösen Blick der nervigen Alten. Diese stand noch eine Weile so da, murmelte etwas und näherte sich der Ikone des Heiligen um die gelöschten Kerzen aufzusammeln.

Ich blickte auf die Uhr, es blieb noch eine halbe Stunde. Das Donnern hörte man sogar durch den Gesang des Kirchenchors. Jemand sang falsch den hohen Sopran, das störte beim Hören.

Als ich auf die brennenden Kerzen schaute, erinnerte ich mich daran, wie wir den Vater beerdigten. Man zündete ständig meine Kerze an, die Hände zitterten, und sie erlosch wieder. Ich erinnere mich schwach daran, was damals geschah. Ich erinnere mich nur an das Flackern der Flamme und an die Tränen, überall Tränen und dunkle Figuren.

„Das ist nicht so traurig wie sie denken“, vor mir stand ein nicht hoher Mann von ca. vierzig Jahren. Ein dunkelblauer Mantel ohne Knöpfe reichte ihm bis zu den Knöcheln. Unter dem Mantel ein helles Hemd mit rosa Streifen, dunkle Hose und sehr saubere, schwarze Schuhe. Er drehte sich und stellte sich rechts vor mich.

„Palmsonntag ist ein Fest zu Ehren Gottes bei seinem Erscheinen in Jerusalem.“ Seine leise, schmeichlerische Stimme beruhigte mich. „Christus wurde bei dem Stadttor von Tausenden von Menschen empfangen, die seinen Weg mit Palmblättern auslegten. In Russland tauschte man die Palmblätter durch Weidenzweige aus. Die Weiden waren immer das Zeichen des ersten Frühlingserwachens nach dem Winter.

An diesem Tag darf man das Fasten etwas abschwächen, man darf Fisch, Kaviar essen und Wein trinken. Danach kommt die Karwoche. Zu dieser Zeit fasten die Glaubenden wieder und bereiten sich auf das wichtigste, orthodoxe Fest vor – Ostern“, er zog die Worte und der gelernte Monolog ähnelte einem Lied.

Erst als er zu sprechen begann, bemerkte ich, dass viele Menschen in ihren Händen Weidenzweige hielten. Und der Pope segnete sie feierlich mit dem Kreuz.

Ich drehte mich zu dem Unbekannten.

„Sind Sie ein freischaffender Konsultant für Kirchenfeste?“, bemerkte ich zynisch.

„Nein. Ich habe alles selbst gesehen.“

„Was gesehen?“, verstand ich nicht.

„Wie Jesus Jerusalem betrat“, antwortete er gelassen.

Ich schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an und dachte: „Angekommen.“

Ca. zehn Sekunden blickte er auf mich, ohne seinen Blick abzuwenden und sagte: „Ich habe einen Witz gemacht!

Sie fühlen sich hier unwohl? Ungewohnt? Ich hatte auch mal solche Gefühle. Ich ging nie zur Kirche. Ich konnte das schwankende Räuchergefäß nicht ausstehen. Mir wurde übel vom Weihrauchgeruch.“

„Warum sind Sie dann jetzt hier?“, fragte ich neugierig.

„Ich sagte, doch, mal. Jetzt ist alles anders. Jetzt ist das alles nicht für mich.“

Ich wollte fragen, was sich jetzt verändert hat, doch jemand berührte meine Hand. Ich drehte mich um. Ein kleines Mädchen von ca. fünf Jahren zog mich am Ringfinger, auf dem ein Ring steckte, den sie abnehmen wollte.

„Was machst du da, Kleine?“, fragte ich lächelnd.

Das Kind blickte mich mit seinen blauen Augen an, blinzelte, ließ meinen Finger los und lief zu dem Haufen der jungen Frauen, die neben der Ikone der Gottesmutter standen.

„Ja, also warum haben Sie jetzt…“, ich sprach nicht zu Ende. Neben mir war niemand.

Der Fremde war verschwunden. Ich versuchte ihn mit meinem Blick zwischen den Leuten zu finden, doch ich fand ihn nicht. Wie spät ist es? Ich schaute auf die Uhr. Gerade genug Zeit, um das Cafe zu erreichen. Als ich bei der Tür war, bemerkte ich einen dunkelblauen Mantel oder schien es mir nur so. Ich ging auf die Vortreppe, machte den Schirm auf und ging auf dem nassen Asphalt mit dem Gefühl von Unverständnis und Fremdheit.

* * *

Meine Freundin und ich saßen draußen unter einer roten Markise, wodurch alle Gegenstände und Kleidung eine rote Schattierung bekamen. Irischka quatschte ohne Unterbrechung darüber, dass Paschka, ihr Mann, sich in letzter Zeit seltsam verhält. Er verschwindet ständig irgendwohin. Und gestern ließ er sie wissen, dass er sehr müde war und vor dieser Stadt fliehen will, vor ihren Autos und Menschen. Dass es noch zu früh ist, um Kinder zu bekommen. Noch ist mit der Karriere nicht alles in Ordnung, und die Wohnung ist zu klein. Und die Preise, monströs. Ich hörte ihr zu mit dem Gefühl einer hängenden CD. Die Melodie war dermaßen zerfressen, doch wegen einem unbekannten Grund musste ich ihr dennoch zuhören.

Es hörte nicht auf zu regnen. Die Markise beugte sich unter dem schweren Wasser. Und die Kellner gingen mit Schrubbern umher, die sie in die Luft hoben und das Wasser von einer Einsenkung in die andere schoben. Und dann, wenn sie den Rand erreichten, strömte der Wasserfall auf den Bürgersteig.

Tauben, die frech waren und nicht nass werden wollten, spazierten zwischen den Tischen und sammelten Essensreste auf.

Ich versuchte mich an das Gesicht des Fremden zu erinnern, doch es klappte nicht. So etwas geschieht oft, wenn du abrupt aufwachst, und im Gedächtnis nur ein Bild übrig bleibt, verschwommen und neblig, obwohl du das Gefühl hattest, den Menschen sehr genau betrachtet zu haben.

„Marischa, Marischa!“, ich wachte auf von der Starre. „Marischa, was ist mit dir? Ich erzähle und erzähle. Und sie, als hätte man sie vom Kreuze geholt, schaut auf einen Punkt und schweigt.“

„Ja, heute in der Kirche“, Irina ließ mich nicht ausreden.

„Übrigens apropo Kirche. Nataschka Petruhinas Jegorushka wird nächsten Samstag getauft. Was ein Name. Sie lud mich zur Taufe ein. Kommst du auch? Ihr Angebeteter will ein Fest veranstalten. Wohin sonst mit dm Geld?“ Ich hörte ihr zu und nickte als Antwort, doch meine Gedanken schienen sich wie in einer Flüssigkeit aufzulösen. Eine Vielzahl von unklaren Bilder wechselte sich ab mit der monotonen Stimme des Fremden, und ich stellte mir vor, wie die Flammen von Tausenden von Kerzen zu einer Flamme werden und sich in die Höhe, in die Kuppel des Klosters bewegen. Für ein paar Sekunden war ich nicht einmal imstande zuzuhören. Doch der Kellner brachte Tee, stellte die Tasse mit dem Unterteller so ab, dass das klirrende Geschirr mich erzittern ließ.

Irina fuhr mit dem Reden fort. Ich blickte auf die Uhr und nicht ohne Freude verkündete ich der Freundin, dass ich in die Redaktion müsse. Sie zog eine unzufriedene Grimasse und sagte, wir hätten kaum gesprochen und ich sollte noch viel erzählen. Ich sagte, dass wir es beim nächsten Mal nachholen, wir küssten uns zum Abschied und jeder ging zu seinen Angelegenheiten.

***

Die Routine und die Arbeit fingen mich ein. Die alltägliche Hetze, Interviews, Artikel, Präsentaionen – journalistische Routine. Mein armer „König Arthur“ sieht mich gar nicht mehr zuhause. Und er wird nicht müde zu fragen: „Wann verlässt du deine Arbeit?“ Ich antworte, dass ich sie nie verlasse und gehe in die Küche um das späte Abendessen vorzubereiten.

In den letzten Monaten bin ich allem und jedem irgendwie kühl gegenüber geworden. Vielleicht weil es draußen kälter wurde und die Gefühle einfroren. Wie eine Maschine gehe, sitze, schreibe, schlafe ich. Alles läuft nach einem Automatismus, weder Farben, noch Freuden.

Arthur bekam eine Gehaltserhöhung und deutet ganz vorsichtig an, dass er sich ein neues Auto kaufen möchte. Ich mache den Anschein, als ob ich nicht wüsste worum es geht.

Bereits seit zwei Wochen schreibe ich an dem Artikel „Darüber, was danach kommt.“ Der Redakteur hat meine ganze Seele herausgeschleudert, und ich habe Stupor. Ich habe doch das Material und die Gedanken, doch es webt sich, es schreibt sich nicht. Irischka hatte versprochen die Tagebücher irgendeines Künstlers zu bringen, der fast gestorben wäre. Sie murmelte etwas am Telefon, so nach dem Motto ihre Bekannte fand die Tagebücher des Bruders, dass das Geschriebene umwerfend sei und ich es unbedingt lesen müsste. Ich vernahm ihre Rede ohne Enthusiasmus, doch fügte hinzu, dass ich es mir gerne anschaue.

* * *

„25. September.

Der Tag gleicht einer Spirale des Trübsinns.

Ich wurde wieder von Albträumen geplagt. Welcher Mist in meinen Träumen? Im Umkreis Menschen, eine Vielzahl von Fremden, rosa-rot, mit dem Grinsen auf den Gesichtern.

Man sagt mir, ich sei ein Glückspilz, weil ich so etwas überlebt habe. Und ich brauche Kraft, um meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen und versuche zu vergessen, dass ich lebe.“

„27. September

Anuschka brachte mir Apfelsinen – orangefarbene Freude. Ich saß im Sessel, eingemummelt in einen alten, verwaschenen Pulover. Grisea, einem Kolibri gleich, klein und flink, war in der Küche. Wie ich dich liebe, Schwesterchen! Nach dem Krankenhaus wurde ich sehr sentimental. Ja, es finden Veränderungen statt. Wollte sie malen, doch die Hände zittern. Ich lege die Masken ab. Ich will eine Apfelsine essen.“

„30. September

Vasin hat angerufen, lud mich zu seiner Ausstellung ein. Vor dem Krankenhaus teilte ich mein Leben in ein Vor und ein Danach. Meine Ganzheit zerfiel in zwei Teile, und nun spüre ich das Davor stärker, doch ich spüre nicht die Gegenwart. Ja, früher…Hätte ich mit einem zynischen Lächeln begonnen, und hätte diesen Künstler adoptiert, doch nun tut es mir einfach leid. Weil er nicht seine Begrenztheit versteht, als ob er talentiert sei. Wie einfach und frei wir die Lüge als Wahrheit annhemen. Indem wir das Aroma einer nicht existierenden Blume einatmen. Ich lehnte ab, einverstanden mit der Gesundheit. Es hat was, weich zu lügen und dafür Mitgefühl zu bekommen.“

„5. Oktober

Ich könnte heulen! Die Lisirovka hat nicht geklappt. Die Untermalung schwamm wie Tropfen auf dem Glas. Ich verstehe nicht, fühle nicht…Leere und Vakuum im Inneren. Ich habe mal so stolz gesprochen, dass der Pinsel die Erweiterung meiner Hand sei. Amputation. Mein Armstumpf heult und schmerzt, unbeweglich.

Ich habe zwei Päckchen geraucht und nur den Sternen ist das egal. Sie sind weit und kalt, und gleichgültig.

Gestern kam Semen. Brachte ein paar Skizzen. Realtiv gut. Ich wollte sie etwas korrigieren, doch hatte Angst, dass die Hand nicht auf mich hört. Ich spürte meine Niederträchtigkeit und Verlorenheit. Semen, wie immer schwerfällig und langsam, begann mich monoton danach zu bitten, dass ich ihm meine bekannte „lebende“ Linie zeige. Ich explodierte, schrie ihn an und vertrieb ihn

Ich habe Angst“…

* * *

Mich hatte die Grippe erwischt. „König Arthur“ kaufte mir Arzneien, Zitronen und befahl mir, zu liegen, was ich auch tue. Irischka kam vorbei und brachte mir die Tagebücher Vlad Petrovskijs, eines talentierten Künstlers, der we es oft vorkam, zu früh von uns gegangen ist und nur wenig geschafft hat. In meinen Händen hielt ich zwei Hefte von achtundvierzig Seiten, die beschrieben waren mit einer tanzenden Schrift. Zwischendurch waren Bilder mit einem Bleistift gezeichnet und auf jeder Seite eine unveränderte, kleine Fontäne. Diese hätte egal wo stehen können, in der Mitte, groß, mit vielen Strahlen, klein, in der rechten Ecke oder ganz unbemerkbar, nach dem Punkt. Da stand sie auch.

„7. Oktober

Ich ähnele immer mehr der alten Kommode der Großmutter. In ihrem gemütlichen, kleinen Haus war sie für mich , der ich ein frecher Lausebub war, wie ein Moster . Ich ging nicht in das Zimmer der Großeltern, hatte Angst. Ich lief im Haus umher, zerrte das braune Hündchen mit dem einen Auge hinter mir her und schrie: „Temja!“ So sprach ich den Namen des Großvaters Timofej aus. Die Großmutter nahm mich in die Arme und brachte mich in den Garten, wo der Großvater stolz eine Landschaft zeichnete. Er drehte sich um, mit einem Lächeln und sang Vla-dju-shok.

Später, als Jugendlicher, schaute ich auf die Kommode als sei sie verzerrt, verkrüppelt und habe kein Recht zu existieren. Die Gebrechlichkeit, Fremdheit, wie etwas erschreckend nicht in die Umgebung passendes, reizte mich.

Ich zerkhackte die Kommode nach ihrem Tod. Ich schlug mit der Axt auf die Griffe, auf die leeren Schubladen, auf die Bretter der Vergangenheit. Ich schlug, schluckte Trauer, Tränen und Angst. Ich schlug…

Nun gehe ich rauchen.“

„11. Oktober

Heute scheint die Sonne. Ich wache von dem Gold auf, das mein Zimmer erfüllte. Ich machte die Augen auf und schaute lange auf die Staubkörner, die langsam in den Sonnenstrahlen flogen. Irgendetwas gar Geheimnissvolles und gleichzeitg Einfaches hat dieser chaotische Tanz.

Zum ersten Mal nach meinem Krankenhausaufenthalt begann ich mich zu erinnern, was ich hinter den Grenzen, die das Leben abschirmen, fühlte. Zuerst spürte ich schrecklichen Schmerz, der mich mit Unerträglichkeit quälte, der mich zwang wegzulaufen, zu schreien, irgendetwas zu tun, damit er aufhört. Er ging rasch vorbei.

Die verwaschenen, weißen Silhouetten, das Geräusch der Stimmen und irgend ein Geklirr, das an das Geklirr einer leeren Tasse, mit einem Löffel auf einem Tisch im Zug, erinnerte. Damals dachte ich noch, dass ich Tee in Zügen nicht ausstehen kann.

Danach Abgrund und Dunkelheit. Der Körper fühlte sich leicht und frei, doch hier die Dunkelheit…Sie sog mich auf mit ihrer Blindheit und Leere, und zur selben Zeit mit Dichte und Sättigung. Ich hatte keine Angst. Und ich spürte weder Kälte noch Wärme. Nach kurzer Zeit begann die schwarze Dichte sich aufzulösen und hell zu werden. Und der Raum um mich herum nahm zuerst ein graues, dann ein türkisfarbenes, dann ein hellblaues Licht an. Diese Lichtvariationen verzauberten mich. Gedankenlose Wirbel riesiger, nebelähnlicher Wolken. Die Schatten des Lichtes schwommen aus einer Lichtessenz in die andere. Das alles ging sehr langsam vor sich, fließend und ziehend. Ich spürte Frieden und eine unbeschreibliche Leichtigkeit. So als ob die Erdanziehungskraft aufgehört hätte, zu existieren und ich frei war zwischen diesem ganzen Feuerwerk des Lichtes. Da hörte ich plötzlich eine Stimme. So als ob sie aus mir heraus kam oder um mich herum war, leise und ruhig. Sie sagte nur zwei Worte: „Noch ist es zu früh.“ Und darauf hin begann sich alles zu verändern. Die Farbwolken begannen sich schnell zu drehen und zu zerfallen. Nun füllten sich die Schatten mit Licht und ihre Giftigkeit tat in den Augen weh. Es wurde kalt, der Körper fühlte sich schwer an. Der Raum schien mal zu wachsen mal zusammenzuschrumpfen. Ich begann irgend einen Raum zu betreten. Vor den Augen, wie Filmaufnahmen, die sich abwechseln, schwammen die Episoden meines Lebens. Ich wollte schreien, doch konnte ich es nicht. Der Körper war wie zusammengedrückt. Ich spürte den sauren Geschmack von Angst auf der Zunge. Der wilde, alles fressende Schrecken wurde zu mir selbst. Dann fiel ich, so schien es mir, auf etwas Hartes, doch ich spürte keinen Aufprall. Nun hörte ich auf zu fallen. Und schon wieder Dunkelheit…

Ich wachte von einer Berührung auf. Die Krankenschwester setzte den Tropf.“

„15. Oktober

Ich sortierte den Kram im Abstellraum. Viel Unnützes, doch auch viel Erinnerung werden in den Abstellräumen aufbewahrt.

Der Staub der Vergangenheit. Ein alter Pinsel mit einem abgenagten Griff. Das war mein Hund Fimka. Ein Haufen Zeichnungen, Skizzen. Ich betrachtete diese wie ein allwissender Greis. Mal war eine Linie ohne Ausdruck, mal der Plan falsch. Wo ist das alles?

Die Fliege ist mein Triumph! Vor zwei Jahren trug ich ein seriöses Kostüm mit Fliege, ich lächelte vor Verlegenheit. Die Ausstellung war in der besten Galerie der Stadt! Kameras, Fotoapprate, Interviews. Ich war auf dem Olymp. Alleine! „Talentiert, jung, schön!“

Und dann war alles! Als man mir sagte, die Ausstellung sei ausverkauft, verstand ich es am Anfang nicht. „Alle Bilder verkauft“, eine Phrase für einen Genie! Euphorie …

Dann begann das Leben der Einladungen, Abende, und wichtiger Treffen! Glanz, Schönheit – Falschheit, Langeweile und Schöntuerei…

Mir wurde übel…“

„15. Oktober

Ich fand ihren Brief. Sie liebte es, mir zu schreiben. Sie liebte.

Nein, ich fange nicht mit den Gedichten Zvetajevas an, weil ich will, dass du wegen mir krank bist! Ich gebe mich hin, genieße und zittere auf vor dem Wunsch. Ich möchte, dass du wahnsinnig wirst vor Angst. Ich möchte, dass du jede Sekunde an mich denkst, dass ich in jedem Augenblick bei dir bin. Ich möchte herrschen…und mich unterwerfen…

Du sagst: „Deiner“…

Ich antworte: „Ja, meiner“…

Ich mag deine Unterwerfung, deine Zärtlichkeit gefällt mit. Wenn du die Augen schließt und stöhnst im Takt unserer Angst. Wenn du fragst, wann..

Du gehörst nur mir! Ich werde dich einlullen, dich umarmen, begeistern, im Tanz unseres Irrsins führen. Lava gleich, gleich schnell fließendem Wasser, werde ich, mein Geliebter, in dich fließen. Nur erlaube es mir…“

Oder Angst?

Ich erinnere mich an ihre Augen. Sie atmete nicht als sie mich mit der „Rothaarigen“ sah. Ihr gläserner Blick haftete auf uns. Das war nicht sie, sonder eine blasse, Angst einflößende Absurdität. Anekdoten können oft schrecklich sein. Sekunden in den Jahren des Bittens…

Die „Rothaarige“ traf ich im Park und machte ihr den Vorschlag, sie zu malen. Es stellte sich bald heraus, dass es nicht nur zu einem Portrait kommen wird…

Sie atmete nicht. Und ich, ganz frech: „Geselle dich zu uns!“

Ich werde sie morgen anrufen.“

* * *

Mir war kalt. Entweder, weil ich Fieber hatte, weil es mich fröstelte, oder wegen des Gefühls von Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit, welche die von mir gelesenen Zeilen füllte.

Ich goss mir etwas Tee ein, tropfte den Saft einer Zitrone in die Tasse und fügte zwei Löffel Himbeermarmelade hinzu. Ich war in einen Schal eingemummelt und machte kleine Schlucke des Getränkes. Ich stand am Fenster und beobachtete die fallenden Schneeflocken. Wir, diesen Schneeflocken ähnelnd, drehen uns und fliegen irgendwohin. Und es gibt so viele von uns und alle sind dieselben. Und nur einzelne Teilchen des Lebens kann man näher betrachten. Wenn sich eines von Millionen auf deine Handfläche setzt. Und du blickst es an, untersuchst das Muster, die Samtigkeit und die Unwirklichkeit der Verwebungen. Und dann taut ihre Unwiederholbarkeit und verwandelt sich in die Träne des Mitgefühls.

Ich fragte mich, ob ich ein Recht darauf hatte, diese Tagebücher zu lesen. Soll jemand Fremdes erfahren, worüber du mit dir selbst sprichst? Oder hofft und wünscht sich jeder Schreibende, dass man ihn versteht, auch wenn es erst danach kommt?

Ich schreibe keine Tagebücher. Ich assoziere sie mit dem Tod. Wege, die zum Ende führen. Ja, die Gedanken verschwinden, man muss sie aufschreiben, doch nicht für die Ewigkeit.

„20. Oktober

Ein teuflischer Regen. Bereits der dritte Tag von Trommelklopfen und Feuchtigkeit. Habe mich überall geschnitten. Das Gesicht brennt. Ich begann die Schwere der Minuten zu spüren. Früher wünschte ich mir Stille und Ruhe. Nun habe ich es, doch ist es so schlimm. Die durchsichtige Wand kann weder zerschlagen noch zerstört werden. Es bleibt nur noch sich an das Glas anzulehnen, zu schauen und neidisch zu sein.

Das schrieb ich gestern. Warum auch immer, die hellblauen Töne gefallen mir nicht. Nun wird nichts mehr mir gehören. Anja sagte, so habe ich bisher nie geschrieben. Sie hat recht, doch habe ich auch nicht so gelebt…

Sie freut sich, dass ich arbeite.“

„27. Oktober

Der Pinsel tanzt in der Hand, welch ein Genuss. Eine Woche ohne Urlaub. Ich habe es bereits vergessen, wie man etwas genießt und man gleichzeitig voller Erleichterung und Frieden ist. Ich spüre, dass ich müde geworden bin. Der Rücken schmerzt, doch wie cool – ich bin ein Schöpfer!“

„5. November

Heute habe ich Semen angerufen und ihn auf ein Glas Wein eingeladen. Er liebt georgischen Wein. Ich habe drei Läden besucht, um den richtigen zu finden. Überall Schlamm und Dreck, doch ich war immerhin froh, dass ich diesen unnützen Batzen habe.“

„10 November

Ich habe das Gefühl, dass ich umsonst arbeite. Male, male! Weder das Herz noch die Hände sind zufrieden. Die Pinsel krümmen sich zusammen, zerfallen. Teuflisch…

Gestern brachte Anna Milchmädchen. Keine schlechte Farbe, wenn man es mit roter Farbe vermischt. Habe die halbe Dose verbraucht, den Rest aufegegessen. Bei solch einem Tempo werde ich bald mit Sperma schreiben.

Mies.“

„12 November

Ich irrte heute durch die Stadt. Alte Gassen, rissige Häuser. Es atmet sich einfacher auf den Straßen, die von der Zeit vergessen wurden. Das chruschtschowsche Tauwetter in Vieretagenhäusern bringt mich in die sorglose Kindheit zurück. Wo schien die vierte Etage die Krone der Welt zu sein, der Großvater Abraham, wurde zum allwissenden Orakel, die Großmutter Zara, seine Frau, zu einer freundlichen Alten aus einem Märchen, die dich wärmt und dir zu Essen gibt, und dich in den Schlaf lullt. Sie waren unsere Nachbarn, gegenüber, in einer Einzimmerwohnung. Alt, jedoch immer gerade und munter. Ein gebildetes, intelligentes, jüdisches Pärchen. Sie hatten keine Kinder. Und mein Freund Mischka und ich, stürmten ab und zu in ihr kleines Zimmerchen mit der Erwartung eines Wunders. Und sie hatten uns nie enttäuscht. Tee, Bonbons und natürlich Kazinaki. Ich erinnere mich immer noch an ihren Geschmack und das Knacken im Mund, das Gefühl einer kleinen Explosion auf den Zähnen. Bei ihnen roch es nach Brot, Buttermilch und irgend einer Essenz – solch ein süßes Zitronenaroma. Der Großvater Abraham erzählte uns alte, jüdische Märchen, die Großmutter streichelte unseren Kopf und flüsterte: „So war es. So war es.“

Gut.“

„15. November

Semen kam mit einem neuen Bild und Wein. Ich war froh, ihn zu sehen. Habe seit drei Tagen mit niemandem gesprochen. Er trug einen langen, schwarzen Pullover und schwarze Jeans. Als ich ihn anblickte, dachte ich mir, er sei auf dem Weg zum Dienst. Von seinem Bass wären die Besucher sicher begeistert. So was ähnliches war… Mein altes Bild, ich habe es nicht beendet. Man muss ihn dort malen als Pope…Ja.

Wir haben gut Zeit miteinander verbracht. Die abendliche Landschaft lag ihm. Meisterhaft, sehr ruhig und voller Leben hat er sie gemalt. Eine weite Steppe, in der Weite ein einsamer Ross vor dem Sonnenuntergang. Der Himmel wird von Strahlen unterbrochen, und vorne ein kleiner dunkkelgrüner Zweig.

Ich lobte ihn.

Wir saßen lange so da. Stritten über die heutige Mode und die Avantgarde. Er wollte mir beweisen, dass diese Kunst, die Welt aus einer anderen Ecke zu betrachten, die Illusion….Dummheit sei. Nun, wir kamen nicht auf einen Nenner.

Rauchen.“

* * *

Die Grippe war fast verschwunden. Das Fieber war gefallen, die Nase begann wieder Gerüche aufzunehmen. Die Stimme klang noch wie bei einem nicht nüchtern werdenden Trunkenbold, doch der Hals schmerzte nicht mehr.

Arthur kam verägert von der Arbeit zurück und sagte, es seien Hundstage, man müsse den doppelten Tarif zahlen. Ich sagte, wir wären ja sonst alle Millionäre. Er lächelte, küsste mich auf die Wange und ging in die Küche, um seine Soldaten zu schnitzen.

Manch einer flucht und versucht damit den Stress zu bewältigen, mach einer zerbricht das Geschirr, meditiert oder hört Musik. Mein Ehemann zieht die Schürze an und wird zum Skulptor. Er schnitzt aus Holzstücken Figuren einer längst vergangenen Epoche. So leise und monoton zhik-zhik. Er vergisst sich dabei selbst. Es entesteht etwas Neues aus der Ungeduld und dem Durcheinander. Die Vergangenheit aus der vergessen geratenen Gegenwart.

„21. November

Ich bin wahnsinnig geworden. Ich legte mich erst um kurz nach vier schlafen und schlief sofort ein. Nach einer Sekunde, Wasser. Ich sprang auf und verstand nicht, was geschieht. So etwas habe ich noch nie geträumt. Auf den Wänden Wasser, auf der Decke wachsende Pfützen – der Regen auf dem Kopf. Ich stieg mit nassen Pantoffeln nach oben zu den Nachbarn. Ich klopfte ca. fünf Minuten. O, da sind wir! Ein zerrissenes Unterhemd, eine Unterhose und eine einwöchige Alkoholfahne. Vitek bemerkte nicht einmal, dass er bis zu den Knöcheln im Wasser steht.

„Wir sind angekommen, Vitek!“, schrie ich in sein verträumtes, verschlafenes Gesicht.

„Wer?“, fragte er, ohne zu verstehen.

Ich schubste ihn und lief in die Küche, wo das Wasser aus dem Waschbecken lief, das voll war mit schmutzigem Geschirr. Ich drehte den Wasserhan zu und nahm einen Teil des Geschirrs heraus, damit das Wasser wieder entweichen konnte und rief zu Vitek: „Hol Lumpen!“

Bis um neun Uhr trockneten wir seine Höhle. Dann ging ich zu mir, um dasselbe zu machen.

Mist.“

  1. November
  2. Die Wohnung ähnelt einem Monster. Die Zungen von abgeblätterten Tapeten hängen hier und dort. Als ob sie sich bereit machen dafür, um jeden beliebigen, der sich ihnen nähert, zu verschlucken. Überall Flecken, das Parkett ist ebenfalls beschädigt worden. Der Nachbar versprach, alles zu regeln, wenn er ausgenüchtert ist. Doch ich habe das Gefühl, dass er wieder trinkt. Die Wohnung sieht nun ganz anders aus. Seltsam, mir scheint sie sogar vertrauter. Chaos und Teilnahmslosigkeit für das Ideal, gefallen mir. So etwas gefällt mir.“

„25. November

Mein ganzer Körper zittert. Ich rauche eine nach der anderen.

War im Park spazieren. Habe Lena getroffen – die Liebhaberin von Briefen. Blühend und lächelnd. Sie ging mit ihrem Kleinen, mit dem Kinderwagen spazieren. Und ich, wie ein schuldiger Knabe, versteckte mich hinter dem Baum, damit sie mich nicht bemerkt. Das Kind hat ihre Augen, blau-grau und ein kleines Muttermal auf dem Kinn.

Ein solch drolliges Kind. Ich sah, wie sie die Alleen entlang spaziert und irgendetwas zu dem Kleinen sagt, sie lächelt, wenn es ihr antwortet. Sie ist glücklich und zufrieden in ihrer Mutterrolle. Wäre nicht die Erinnerung an die Vergangenheit, würde ich mich in diese schöne Frau verlieben. Doch für die Liebe ist es schon zu spät.

Die Dummheit kommt immer zuerst!“

„27. November

Es fiel der erste Schnee. Es wurde kalt und windig. Ich sollte den Pullover raus holen – meinen schweigenden Freund der Wärme und Gemütlichkeit.

Ich träumte, dass ich fliege. Frei und ohne Gedanken. Über der Stadt, über die gestreiften Straßen, über der gerade erst bearbeiteten Erde, über der verbrannten Steppe, über den Kronen von Pappeln, über schneeweiße Berge.

Ich wachse“

„30. November

Endlich habe ich sie gefunden. Ja, tatsächlich, unvollendet. Bei Annuschka zuhause, auf dem Speicher. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wo sie denn nun sei. Nun bin ich froh, als hätte ich einen Schatz gefunden. Kaum zu glauben, dass ich sie vor zehn Jahren zu malen begann. Alles ist so gut gemalt, bis auf das Gesicht der Frau. Da blieb nur der weiße Fleck. Ich sah -…“

* * *

Die letzte Seite des Tagebuches fehlte. Ich wunderte mich. Ich hasse Ungewissheit. Wenn ich einen Film schaue (oder ein Buch lese) und dieser ein offenes Ende hat. Das macht mich zornig.

So hat es sich der Regisseur gedacht! Ein Depp, dieser Regisseur. Man quält sich dann mit Vermutungen. Eine nicht zu ende gebrachte „Gestalt.“ Auch hier brachen die Zeilen ab und das ist ein mieses Gefühl von Ungewissheit…

Ich rief Irischka an. Erreichte sie nicht. Zuhause brauche ich sie gar nicht zu erreichen versuchen, so früh ist sie nie zuhause.

Ich beschloss zu warten. Ich entschied es nicht so, sondern musste es. Nach zwei Stunden schwieg ihr Handy immer noch. Wozu braucht der Mensch ein Mobilfunknetz, wenn er nicht erreichbar ist? Ich begann mir schon Sorgen zu machen. Nicht, dass was passiert ist.

Irischa meldete sich selbst.

„Marischka, ich habe mir solche Stiefel gekauft.“

„Warum ist dein Handy aus?“, sagte ich streng in einem mütterlichen Ton.

„Akku leer. Habe vergessen, es aufzuladen. Das sind so schwarze Stiefelchen!“, fuhr sie fort.

„Hast du nicht auf das Handy geachtet?“, sagte ich fast schreiend und genervt.

„Was sagst du da?“, flüsterte die Freundin verständnislos.

„Ich begann mir schon Sorgen um dich zu machen.“ Ich senkte die Stimme und antwortete etwas weicher. „Vielleicht kommst du heute bei mir vorbei? Arthur ist auf Dienstreise und du kannst mir deine Stiefel zeigen.“

Der Enthusiasmus im begeisterten Quietschen der Freundin versprach eine schlaflose Nacht.

Nach einer Stunde war die Freundin bei mir. Sie brachte nicht nur Stiefel, sondern auch Parfum, Jäckchen, Kosmetik und ein Haufen Krimskrams. So saßen wir bis in die tiefste Nacht zusammen. Nach einer Flasche Martini und der Einkaufseuphorie kam die Rede auf die Tagebücher. Ich sagte ihr, dass die Zeilen unterbrochen werden. Und Irischka, bereits gelangweilt und gähnend, machte den Vorschlag, am nächsten Tag die Schwester des Künstlers zu besuchen. Sie auszufragen. Ich fragte, ob sich das gehört? Daraufhin bemerkte Irina, dass Annuschka ein wundervoller Mensch sei und sich immer über Gäste freue. Sie würde sie morgen anrufen und ein Treffen vereinbaren. Ich war glücklich. Mein Versuch mit den Klamotten war nicht umsonst. Morgen kann man die „Gestalt“ vollenden.

***

Eine sympathische, junge Frau mit blonden Locken und grünen Augen öffnete uns die Tür. Während Irischka mich vorstellte, beobachtete mich diese aufmerksam. Ich begann mir Sorgen zu machen. Vielleicht war die Wimperntusche verwischt oder ich habe einen Fleck auf der Nase. Doch just als Irina ihre Rede beendet hat, lächelte Anna und sagte, dass sie schon lange auf uns warte und froh sei, dass wir sie besuchen.

Wir betraten das Wohnzimmer mit einem Kamin und tauchten ein in ein schneeweißes Sofa.

„Ich mache Tee“, sagte Anja und verließ uns kurz.

Irischkas Handy klingelte und sie begann sich über etwas auszulassen. Ich blickte mich derzeit im Zimmer um. Groß, hell, nichts überflüssiges. Die Herrin des Hauses liebt Gemütlichkeit, doch stopft sie das Haus nicht mit irgendeinem Krimskrams voll. Einige Familienfotos auf dem Kamin, Bilder auf den Wänden, meistens Landschaften. Doch da war auch das Portrait eines jungen Mannes, sein Gesicht kam mir bekannt vor. Er saß da und blickte nach oben, die rechte Hand berührte ein Ohr.

„Gefällt es dir?“, fragte sie mich hinter meinem Rücken.

Ich erzitterte, denn sie hatte sich mir sehr leise angenähert. „Ja, ein interessantes Portrait.“

„Das ist ein Selbstportrait. Vlad malte es, als er zwanzig Jahre alt war.“

„Ich bin kein Spezialist, doch es ist sehr schön gemalt“, bemerkte ich.

Sie blickte mich genau so aufmerksam an wie bei unserer Begegnung.

Ich fragte: „Stimmt etwas nicht?“

„Nein, nein. Alles in Ordnung. Verzeihen Sie mir den aufdringlichen Blick. Ich habe einfach schon so viel über Sie gehört“, antwortete Anna, sich selbst rechtfertigend.

„Ich ahne von wem“, sagte ich mit einem Lächeln.

Anna lächelte auch und begab sich in die Küche, um den Tee zu holen. Sie verschwand hinter der Tür.

Irina schaltete fluchend das Handy aus und kam zu mir.

„Ein fröhliches Portrait. Das ist wahrscheinlich ihr Bruder? Ein sympathischer Mann war er“, sie machte einen Bussi mit den Lippen.

Anna lud uns zum Tee trinken ein. Sie war still, hatte ein liebsames Lächeln und etwas traurige, verständnisvolle Augen. Sie erzählte von ihrer Familie, von ihrem Bruder.

Ihre Eltern lernten sich in der Ukraine kennen. Da wurden Vlad und Anna geboren. Die Arbeit des Vaters verlangte häufige Umzüge, so fanden sie sich hier wieder. Die Mutter unterrichtete Mathematik in den höheren Klassen. Sie arbeitete bis zu ihrer Rente in der Schule. Sie starben schnell. Zuerst der Vater, dann, nach einem halben Jahr die Mutter. Sie konnten nicht ohne einander. Vlad verkraftete das mit Mühe. Er konnte nicht mehr arbeiten, trank. Dann beherrschte er sich wieder und machte eine Ausstellung. Alle Arbeiten wurden verkauft. Dann fuhr er oft ins Ausland. Er liebte Kasinaki und den Cocker Spaniel Fimka.

Ich sagte, dass in den Tagebüchern einige Seiten fehlten. Die Texte werden unterbrochen, wisse sie etwas darüber?

„Kommen Sie“, sagte Anna leise und nahm meine Hand. „Irochka, entschuldigen Sie, ich muss Marina etwas zeigen.“

Irina, vor Neugierde und Enttäuschung überwältigt, versteckte dies und bemerkte, es ginge ihr gut.

Anna und ich stiegen in die zweite Etage, dann höher auf die Mansarde.

In einem leeren, staubigen Zimmer stand eine Staffelei mit einem Bild, das von einem Stoff bedeckt war. In der Nähe stand eine Schublade, auf der Farben zerstreut lagen, ein Stuhl und einige Bilder ohne Rahmen, die an einem der Pfosten lehnten.

Anna blieb neben der Staffelei stehen.

„In seinen letzten Tagen hat er hier gearbeitet. Bis zur Ermüdung. Als ob er Angst hatte, etwas nicht zu schaffen“, ihre Stimme zitterte. „Er sagte, er würde bald das Bild vollenden, er brauche nicht mehr viel dazu.“ Sie begann zu weinen.

Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich tun sollte. Anna näherte sich dem Bild und fuhr fort: „Er sagte, er habe Sie gesehen. Endlich gesehen.“ Nachdem diese Worte ausgesprochen waren, riss sie den Stoff von der Staffelei.

Ich sah den Rücken in einem dunklbauen Mantel, der Mann wandte sich an irgend eine Frau. Es schien, als würde er mit ihr reden…Die Frau ohne Kopfbedeckung…Jung…Das kann nicht sein…kann nicht sein…Die Augen, Haare und Kleidung…Ich schaute und schaute und wollte es nicht vor mir zugeben. Sogar die Augen schmerzten von dieser Aufdringlichkeit. Die Betäubung beherrschte meinen ganzen Körper. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Das war unmöglich, doch das war ich. Das war ich auf dem Bild. Und weitere verschwommene Figuren mit Weidenzweigen in den Händen.

Mir wurde schlecht. Ich rang nach Luft, ich begann zu hüsteln. Nun erinnerte ich mich an diesen Unbekannten in der Kirche und verstand, warum das Gesicht auf dem Portrait im Wohzimmer mir so vertraut vorkam.

„Kannten Sie ihn?“, die Stimme Annas half mir, wieder zu mir zu kommen.

„Nein. Nein. Ich traf ihn im Frühling in der Kirche. Dort.“ Ich zeigte auf das Bild. „Ich stand und er näherte sich mir. Erzählte mir…mir…über den Palmsonntag.“

„Das kann nicht sein. Er starb letztes Jahr, vor Neujahr.“

„Ich habe ihn doch gesehen. Alles war wie auf dem Bild.“, sagte ich mit einer unterdrückten Stimme.

„Er wusste, dass sie kämen. Wusste es…Er ist hier gestorben. Herz. Er sagte, Sie würden das Bild abholen.“

Ich wäre beinahe umgefallen und hielt mich an einem Holzgeländer fest.

„Was ist los mit Ihnen?“ Anna stütze mich.

Ich dachte die ganze Zeit daran, wie das möglich sei. Ich konnte nichts verstehen.

Bereits später, als wir was tranken, erzählte mir Anna, welcher Schock das für sie war, mich auf den Fotografien bei Irina auf dem Geburtstag zu erblicken.

Ich war damals in einer anderen Stadt und konnte nicht kommen. Irina liebt es, jedem ihre Fotos zu zeigen. Anna dachte zuerst, sie habe sich geirrt. Doch als sie genau hin schaute, verstand sie, dass ich die Frau auf den Fotos war. Deswegen gab sie ihr die Tagebücher des Bruders. Sie dachte, dass uns etwas verbindet.

* * *

Diese Nacht hatte ich einen Traum. Ich steige eine Treppe hoch auf die Mansarde. Ich öffne die Tür und sehe Vlad. Er steht mit dem Rücken zu mir, schaut auf das Bild. Ich sehe sein Gesicht nicht, doch ich weiß, dass er lächelt. Ich gehe zu ihm, höre das Klopfen der Absätze auf dem Boden. Ich bewege mich, doch nähere ich mich ihm nicht, sondern entferne mich mit jedem Schritt weiter. Ich bekomme Angst und werde unruhig. Endlich dreht er sich um. Sein Gesicht ist ruhig und hell, als ob er unter leuchtenden Sonnenstrahlen stünde. Vlad lächelt und schließt die Augen, und ich mache es ihm nach.

Bereits am Morgen öffnete ich die Augen, als die Sonnenhasen durch die Vorhänge sprangen.

Nina Trox: „Der alte Mann“

Dieser seltsame Alte tauchte im Park vor ca. drei Monaten auf. Sein blasser Mantel hatte früher mal die Farbe von Milchkaffee, nun hat er einen Gelbton von altem Papyrus mit hellbraunen Linien an manchen Stellen. Der alte Mann hat ihn nie zugeknöpft und ließ die Vorbeigehenden auf seinen dunkelblauen Blazer blicken, mit vor Alter speckigen Rändern, das schneeweiße Hemd, dessen Knöpfe alle zugeknöpft waren und die schwarze, mit Streifen gebügelte Hose.

Seine braunen, abgetretenen Schuhe erinnerten an zusammengeschrumpfte Birnen in dem welken Gras des Herbstgartens. Der dunkle, abgetragene Hut war etwas zu groß und hing bis zu den Ohren, deswegen musste er diesen öfter heben. Doch das reizte den Alten nicht. Im Gegenteil, er hob den Hut mit Vergnügen und grüßte damit die Vorbeigehenden und Kinder, die lächelten als sie ihn erblickten. Er lächelte zurück, stellte die Füße nacheinander auf, ging weiter die Allee entlang, etwas gebeugt und den Kopf zur Seite geneigt.

Es war zu sehen, dass sein Alter ihn anstrengt, die Bewegungen des welken Körpers nur mit Mühe verursacht. Warum auch immer, doch man stellte sich vor, dass er in seiner Jugend gerade und schön war, wie ein braver Offizier mit einem selbstsicheren Gang. Nun hat die gnadenlose Zeit ihn ausgetrocknet.

Die Alle war zu Ende. Er verließ den Park und ging, den Trottoir entlang, vorbei an den Häusern, bis zur kleinen Kreuzung. Er wartete auf die grüne Ampel, ging auf die andere Seite der Straße und betrat durch den kleinen Hof das Treppenhaus eines Fünfetagenhauses. Die schwachen Beine stiegen nur mit Mühe die endlosen Treppen in die dritte Etage. Die Tür, der Schlüssel wird umgedreht. Der alte Mann, ging, ohne sich auszuziehen, durch den Flur in das Zimmer. Durch die halb geöffnte Tür sah er sie.

Sie saß wie gewohnt am Fenster. Ihr graues Haar, zusammengebunden zu einem Dutt, schimmerte im Licht der untergehenden Sonne wie Kupfer, und einige Strähnen leuchteten wie Feuer in dem Licht, das durch das Fenster fiel.

Ihr bescheidenes Kostüm bestand aus ihrem geliebten, cremefarbenen Tuch mit blass-rosa Blüten, das auf ihren Schultern lag, einem weißen Kleid mit blauen Punkten, hellbraunen Strümpfen und blauen Hausschuhen.

Er näherte sich leise, setzte sich auf den Stuhl neben ihr und nahm den Hut ab. Dann nahm er ihre Hände, die auf den Knien lagen, in seine und küsste sie. Sie erzitterte vor Überraschung, und dann, lächelnd, schmiegte sie sich an seine grauen Haare. Weiter lächelnd, neckte sie den Alten dafür, dass er sich wieder leise angeschlichen hat, und begann zu erzählen , was an dem Tag geschah.

Die Tochter rief an und erkundigte sich nach ihrer Gesundheit. Die Nachbarin Farida bot ihr Baursaki an und Marmelade aus wilder Erdbeere. Serjezhenka bekam die Rolle in irgend einem Film und der Leiter der Kunstschule hat ihn nur mit Bedauern zu den Aufnahmen geschickt. Das Wetter ist ungewohnt warm für Mitte Oktober. In den nächsten Tagen wird sie den Pullover zuende stricken. Und der Kopf dreht sich wieder, die Tabletten helfen nicht. Und noch vieles andere, was wichtig und bedeutend ist.

Der alte Mann hörte aufmerksam zu, nickte, manchmal fügte er einige Worte hinzu, dann erzählte er wortkarg über seine Neuigkeiten.

Es dämmerte und die Alten saßen immer noch da und sprachen. Schon leuchtete der erste Stern am Nachthimmel und die Scheibe des Mondes zeigte ihre Ecke, als sie begannen sich zu verabschieden.

Der Alte stand auf und blieb einige Sekunden stehen, als ob er sicher gehen wollte, dass die Beine sein Gewicht tragen können. Er nahm den Hut von der Fensterbank und blickte, die Augen etwas zusammengekniffen, auf seine traurig gewordene Gesprächspartnerin. Dann streichelte er sie zärtlich auf den Kopf, küsste sie auf die Krone, richtete ihr Tuch, das leicht von den Schultern fiel und sagte, sie solle brav sein, ihre Tabletten trinken, gut essen und auf Sergej hören.

Sie gab ihm das Versprechen, es zu tun und bat ihn, öfter zu kommen. Sie atmete tief aus und bedeckte den Mund mit einer Ecke des Tuches. Der Alte küsste sie nocheinmal und begab sich zur Tür. Sie blickte ihm nach, die Tränen zurückhaltend.

Er ging durch den Flur, machte die Eingangstür auf, machte ein paar Schritte auf der Stelle, machte die Tür zu, drehte sich um und ging nach links, den Flur entlang zum Badezimmer. Er schloss vorsichtig die quietschende Tür hinter sich, nahm unter der Badewanne schnell eine große Tasche hervor, nahm aus dieser Sachen heraus und begann sich auszuziehen. In Unterhose ging er zum Spiegel. Aus dem Spiegel blickte ihn ein grauhaariger, alter Mann an, mit tiefen Falten, einer großen Nase, einem schütteren Bart und müden Augen. Er bedeckte seine Schläfen mit den Händen und erinnrte sich an das heutige Gespräch mit Ljuda.

„Wie lange möchtest du das noch machen?“, sagte sie und stellte die Gläser auf den Tisch.

„So lange es nötig ist. Ich kann nicht anders. Wenn ich mich daran erinnere, wie sie tagelang so da saß und vor und zurück schaukelte, sein Hemd in ihren Händen…das ist unerträglich…ich kann nicht anders.“

Er machte die Augen auf, atmete aus, begann Augenbrauen und Bart abzukleben, die Perrücke abzulegen, die massive Silikonnase. Mit einer Servierte begann er von dem Gesicht die Schminke abzulegen.

„Das ist doch alles Lüge. Glaubst du, sie versteht das nicht?“ Ljuda brachte mit scharfen Bewegungen die Grundlage auf sein Gesicht und schattierte damit den Hals.

„Ich weiß nicht, wie ihr Bewusstsein funktioniert und was darin geschieht. Doch eines weiß ich – es geht ihr besser und sie lebt“, antwortete er, demütig alle Manipulationen seines Gesichtes ablegend.

„Du hast bereits zwei gute Vorschläge abgelehnt. Du wirst deine Karriere ruinieren“, konte sich Ljuda nicht beruhigen.

Er schwieg. Ljuda blickte auf die Fotografie, die auf dem Tisch lag, legte die Schattierungen auf, mit Hilfe von Farben verursachte sie den Effekt eines alten Geischtes, dann malte sie mit Farben mimische Falten, damit die Haut natürlicher aussah. Er saß da und schaute in den Spiegel des Schminkraumes, bereits das wie vielte Mal spürend, dass er sich in diesen Falten auflöst und sich in Ihn verwandelt.

Er nahm also die Schminke ab, wusch sich, zog sich die Jeans an, das Hemd, eine leichte Jacke, und Turnschuhe. Dann legte er die ausgezogene Kleidung akkurat in die Tasche. Er verließ leise das Badezimmer, ging zur Eingangstür, machte sie auf und schloss sie wieder. Dann zog er die Schuhe aus, stellte die Tasche daneben, hing die Jacke auf und ging in das Zimmer.

Er näherte sich leise der Alten, die gerade im Licht einer Lampe las, und küsste sie auf die Wange.

„Oj, Serjezhenka!“, zitterte diese. „Wie der Großvater schleichst du dich heimlich an!“

„Ja?“, fragte er gespielt.

„Mischenka war heute da, erzählte, dass Murzik schon wieder ein Würstchen vom Tisch stibizte.“

„Ich bin froh, dass er da war…“

„Und noch…“, und sie begann ihm von dem Tag zu berichten.

Sergej stand da, lehnte sich an die Fentserbank und hörte seiner geliebten Großmutter zu. Für einen Moment dachte er nach und erinnerte sich an die letzte Phrase Ljudas, als er den Schminkraum verließ.

„Denkst du nicht, dass es unmenschlich ist, sie zu belügen?“

Sergej schwieg einige Sekunden und antwortete dann.

„Nein. Ich will einfach, dass Seine Liebe lebt.“

Mariya Deykute: „Gänse-Schwäne“ Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/20/children/mariya-deykute/rasskazy/198

Juljana-Jula, warum bist du hier her gekommen? Bist doch schon ein heiratsfähiges Mädel! Heult der Wind? Hast du Angst? Sei doch leise, wecke nicht den Großvater. Hier, halte dies. Passe gut drauf auf, das hat dein Urgroßvater gemacht, er war Meister im Tischlern. Es wird dich nicht im Stich lassen. Glaubst du mir nicht? Nun gut, gehe zur Großmutter, geh. Ein Geheule! Ein Schneesturm und das Schneegestöber heiraten im Himmel, und für uns bleiben Schneehaufen und Schneespitzen. Doch uns geht es gut! Du hast dich unter meine Decke verkrochen – mir ist ganz warm, und du findest Ruhe. Dein Mütterchen schläft, der Vater auch, die ganze Stadt träumt vom Frühling. Stelle dir nur vor, wie irgend ein obdachloses Wesen auf Umwege gerät. Das Schneetreiben umschlingt die Pfoten, von der Kälte zieht sich das Zahnfleisch zurück – nur die Sterne froren am Himmel an, als hätten die Engel gespuckt.

Was kicherst du, bist doch schon groß, kreise nicht um mich. Höre zu. Erinnerst du dich an Baba Jaga? Brav, gut, dass du dich erinnerst. Obwohl die Baba Jaga eine echte Hexe ist, so hat sie doch ein Haus, wie jedes andere Weib. Die Hütte auf Hühnerfüßen, Schädelchen auf dem Zaun, eine Banja und einen Ofen und ein Knäuel Wolle – ja, und die Gänse-Schwäne, natürlich. Doch habe ich es dir bisher nicht erzählt, dass die Gänse-Schwäne keine gewöhnlichen Vögel sind, sondern verzauberte Kinder, die niemand braucht. Wie, die niemand braucht? Oj, Juljanka…Die ohne Familie sind, die kein Glück hatten, eine Familie zu haben. Die Stiefmutter schickte Vaselisa in den Wald, auf Vanjusha hat das Schwesterchen nicht gut aufgepasst. Solcher Menschen hat sich die Baba Jaga angenommen – sie fliegen Jahrhunderte lang durch den Himmel, warten darauf, dass diese Welt wärmer und freundlicher wird. Deswegen hat die Baba Jaga mit dem Hergott selbst einen Vertrag darüber, dass einmal im Jahr, an dem kürzesten Tag, sie ihre Findlinge in die Welt der Menschen gehen lässt. Nur verwandelt sie diese nicht in Gänse und nicht in verlorene Kinder, sondern in einsame Ungeheuer, die niemand braucht – mal in ein Bären mit Flechte, mal in eine verwahrloste Elster. Wenn diese in jener Nacht in ein Haus zum Essen eingeladen werden und man ihnen ein Bett zum Schlafen gewährt, dann ist die Welt freundlicher geworden zu den wandernden Ungeheuern. Dann verwandelt sich das Tier bei Sonnenaufgang in ein Kind und dieses kann nun in Frieden leben.

Denkst du ich rede Unsinn? Höre weiter zu. Ich erinnere mich nicht genau an jenes Jahr, doch ich weiß, dass es ein schlimmes Jahr war. Ja und das Vieh – nur Haut und Knochen und hungrige Augen. Die Menschen im Land nagten am Hungertuch und standen nur dann auf, um den Gürtel enger zu binden. Und hier ein Dörfchen. Ein paar Häuser und in einem davon lebt ein Mann. Trübsinnig, ein Misanthrop. Er verscheuchte die Kinder, beleidigte die Weiber und besuchte nie Feste. Man machte Witze über ihn, er sei in einem Schlafrock zur Welt gekommen, den er verkehrt herum anhatte. Urteile selbst: er wollte heiraten – man nahm ihm sein Weib weg. Dachte, er fährt nun in die Stadt, da fiel er vom Pferd und brach sich ein Bein. So lebte er weiter in seiner Hütte, mit etwas Land und einem alten Pferd…

Er war ein Meister im Tischlern – zimmerte Geschirr, Möbel und witzige Figuren. Des nachts schlief er meistens nicht, irrte durch das Dorf und seine Seele gab ihm keine Ruhe. Mal, Juljanka, plagte sein Herz die nicht verschwendete Liebe. Es gibt nichts schlimmeres als wenn ein Mensch für die Liebe geschaffen ist, doch diese in sich verschließt und absperrt – und die Liebe drückt im Inneren, gährt vor sich hin wie ein Fass mit Gurken.

Schon wieder lächelst du. Du solltest schlafen, Schöne. Interessiert es dich? Hast du die Großmutter vermisst? Doch höre zu, höre zu. Und auch in jener Nacht irrte der Mann durch das Dorf. Er hatte Hunger und konnte nicht zur Ruhe kommen. Streifte so umher, war verärgert, ging in seinem Kopf die Lebenskrisen durch. Der Wind heulte nicht wie jetzt, es war eine stille Nacht, mondlos, kalt, sogar die Hunde schwiegen, zitterten in ihren Buden. Doch da, plötzlich! Zuerst schien ihm, dass ein Wind den Schnee aufwirbelte. Er schaute genauer hin – ein Wolfsjunges. Nicht älter als ein Jahr, ganz kränklich, nur Haut und Knochen, das Fell blass. Waren es Geschwüre auf seinem Körper, Eiterwunden auf dem Hals…Nur die Augen – schlau, oder? Klar. Der Mann blickte und blickte auf das Wolfsjunges, und ab nach hause. Die Zeiten sind doch hart für uns alle und hier ein wildes Tier noch dazu. Man schaut, vielleicht ist er nicht alleine, ist vielleicht das Rudel in der Nähe. Er ging und das Junges ihm nach. Er ging schneller – er lief. Und da kam Wind auf, heulte los. Doch dem Mann war nur nach Laufen zumute.

Findest du es seltsam, dass er vor einem Wolfsjungen Angst hatte? Das ist eine schlimme Sache, Juljanka, ein krankes Tier zu treffen, dazu noch neben den Behausungen von Menschen. Das bringt nur Leid, Schmerz und Schwäche – das wusste der Mann seit seiner Kindheit. Da lief er nun, obwohl die Beine schwach waren. Er erreichte die Hütte, sprang auf die Vortreppe, riegelte die Tür ab, lehnte sich an den Tisch – das dreht einem die Seele um. Und hinter dem Fenster mit Raureif – das Wolfsjunges. Es stellt sich auf die Hinterpfoten, möchte seinen Kopf in den kleinen Zaun stecken. Der Mann fand wieder zu sich, heizte den Ofen. Wenigstens etwas heißes Wasser trinken, dachte er. Und der Wolf war immer noch da. Seit einer halben Stunde. Seit einer Stunde. Und dem Mann wurde unheimlich, irgendwie traurig, bis zum Tod traurig. Er, den niemand braucht, sitzt wenigstens in der Wärme, und das Ungeheuer lungert am Zaun herum.

Wolf hin oder her, niemand braucht ihn. Er wird erfrieren und das wird das Gewissen des Mannes plagen. Soll sich der Wolf wenigstens wärmen, wenn er möchte. Nun vielleicht zerfleischt er ihn. Dann wird wenigstens jemand in dieser Nacht satt. Doch er hatte keine Angst vor dem Wolfsjungen. Seine Augen waren so klar.

Denkst du der Mann war irrsinnig? Ja, vielleicht, Juljanka. Hunger und Trübsinn stellen noch schlimmere Dinge an. Kurz oder lang, der Mann öffnete die Tür zur Hütte und dann das Tor im Zaun. Er sprach zum Wolf, dieser solle eintreten. Wärme dich auf. Ich habe nichts zu essen, nur einen trockenen Apfel und etwas heißes Wasser. Doch du bist wenigstens im Warmen. Er dachte, das Wolfsjunges würde weg laufen. Doch es blieb – es kroch zum Ofen. Der Mann bemerkte nun seine Flechten. Doch was soll’s? Er teilte den Apfel in zwei Stücke, gab dem Gast heißes Wasser zu trinken. Und das Wolfsjunges hält sich kaum auf den Beinen.

Dann atmete der Mann aus, legte eine alte Decke neben den Ofen und wies den Wolf zu seinem Platz – hier ist deine Schlafstätte. Und er selbst kurz vor dem Einschlummern. Was tun – er bekreuzigte sich und kletterte auf den Ofen. Schlaf, mache keinen Unsinn. Gott behüte uns. Und er schlief ein.

Morgens wachte er auf – Muttergottes! Neben dem Ofen schläft ein kleiner Junge, von neun oder zehn Jahren. Der Mann weckte ihn und der Junge berichtete ihn von der Baba Jaga und den Gänse-Schwänen, und von seinem Leben. Der Mann hörte, hörte, nickte. Erhitzte noch mehr Wasser uns sprach – wenn es so ist, dann bleibe bei mir. Ich habe keine Frau und nichts zu Essen, doch schaue, der Frühling kommt – alles ist besser als wie ein Vogel im himmel zu fliegen.

So lebten die beiden – der Mann war von seinem Leid befreit, als hätte ihn das Weihwasser erlöst. Er begann an den Abenden zu singen und dem Jungen sein Handwerk beizubrigen. Sie lebten glücklich – so wurde auch das Dorf vom Glück erfüllt. Zuerst langsam. Mal fand jemand in seinem Keller einen Sack voll Mehl – obwohl gestern noch nichts da gewesen war…Jemand schoss auf der Jagd ein Reh – groß und breit, solche gab es normalerweise nicht in diesen Breiten…So schaffte man es mit einfachen Wundern bis zum Frühling, und da kam auch die Ernte – wundervoll.

So war es, bis wichtige Leute kamen, um hier eine Stadt zu bauen. Hier leben wir nun, Juljanka, weben unsere Nester höher als jeder Vogel. Nun, was soll’s? Habe ich dich verwundert mit dem Märchen? Ach, du schläfst schon – schlafe, schlafe, hüte dein Geschenk. Höre nur wie der Wind heult.

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Oksana Anshukova: Saschas Morgen

Sascha mummelte sich in die Decke, rollte ihre Beine ein und nahm eine bequeme Pose an. Der Kopf versank in einem weichen Kissen. Schön, warm, gemütlich. Der Tannenbaum füllte bereits seit drei Wochen das Haus mit seinem Duft. Sascha schälte jeden Abend Mandarinen, vor allem, weil der Duft ihrer Schalen sie an das Fest erinnerte. Der Mann hatte die Nase voll von den Dingern und Polina hat seit ihrer Geburt keine einzige gegessen. So aß Sascha sie alleine.

Und wären es nur die Mandarinen…die Tochter aß außer Buchweizenbrei und Äpfeln gar nichts. Zu trinken wünschet sie sich nur Tee. Sie schaute mir nicht in die Augen, lächelte nicht. Zeigte auf nichts mit ihrem Finger. Damit hat alles begonnen. Sascha berührte mit ihrem Zeigefinger die Wunde auf der Handfläche: sie hat sich geschnitten, während sie das Geschenk für Polina, ein Puppengeschirr, in das Glanzpapier einwickelte. Der Wunde tat es nicht weh, jedoch Sascha. Die Tochter wird es sicher nicht bemerken, dass die lila Untertassen echtem Marmorgeschirr ähneln.

So sehr Sascha sich auch bemühte, Polina mochte nicht mit Puppen spielen. Sie riss ihnen die Wimpern ab und nahm den quietschenden Mechanismus heraus, der „Mama-Mama“ ruft.

Dieses Wort hörte Sascha nur von den Puppen…Doch sie bemühte sich. Sie kaufte die aller ungewöhnlichsten Spielsachen, muhte selbst wie eine Kuh, bellet wie ein Hund und heulte wie ein böser Wolf. Die Nachbarn bekamen Angst! Doch danke, dass sie lachten. Das Lachen in ihrem Haus hörte vor ein paar Jahren auf, als die Ärzte begannen Arzneien für die „Entwicklung“ zu verschreiben. Trinkt diese ein paar Monate, dann wird es besser werden. Ganz sicher.

Doch Polina wuchs schnell, und überhaupt war sie ein Mädchen von seltener Schönheit, wie sie die alten Nachbarinnen im Treppenhaus nannten, und die Putzfrauen im Krankenhaus. Nur gestern war sie ein quietschender Haufen, schon wieder waren die vor kurzem gekauften Kleider und Schuhe zu klein. Gestern, als die Tochter endlich eingeschlafen war, sammelte Sascha die fast nie getragenen Sachen ein, dazu auch den Haufen der Spielsachen und brachte sie heute in die Kirche in der Nachbarschaft. Denn die Spielsachen sind dazu da, dass man mit ihnen spielt.

Jeden Abend, vor dem Schlafen, dankte Sascha Gott für alles Gute und bat um Gnade. Und Erbarmen, damit, Polja endlich spricht. Oder wenigstens spielt. Dass sie aufhört, die Dinge zu werfen. Dass sie lächelt. Dass sie draußen nicht wegläuft und man mit ihr am Fluss spazieren kann. Es gab keine Antwort, doch Sascha betete…

So murmelte eben ihre gewöhnlichen Wünsche, bis sie eintauchte in die zärtliche Dunkelheit der Bettdecken, bis sie zum Zentrum der Erde flog.

Der Morgen wurde von einem lauten Lachen eingeläutet. Sascha sprang auf, machte die Augen auf, kniff diese von der Sonne zusammen.

„Wie heißt diese?“

„Lucie.“

„Und diese?“

„Katja“

„Und der Bär?“

„Der Bär – Mischka!“

„Mischka-Bischka!“, die Stimme des Mannes versank im Lachen.

Wer wacht hier so früh auf? Sascha kroch aus ihrem Kokon heraus, zog sich den Bademantel an, blickte ins Wohnzimmer. Unter dem Tannenbaum, umgeben von goldenem Glanzpapier, saßen ihr Ehemann und Polja. Sie leuchtete, trug ein türkisfarbenes Festkleid und eine Schleife in den Haaren. Wie hat er es geschafft, ihr die Schleife anzustecken. Die Tochter kann doch nicht ausstehen, wenn man Spängchen oder Haargummis auf ihrem Haar befestigt…Stopp. Diese heißere, unbekannte Stimme, gehört sie ihr?

„Bischka-Bischka!“, quietschte Polja.

„Wie das?“, flüsterte Sascha und setzte sich zu den beiden auf den Boden. Der Mann rollte die Augen, so nach dem Motto, er verstehe es selbst nicht.

„Mama, Mama!“, schrie die Tochter und ließ sich los von der Umarmung des Vaters. Sie umarmte Saschas Hals. Der Ehemann stand auf, schüttelte die Tannennadeln von der Hose:

„Ich bereite Frühstück vor.“

„Ich mache auch Frühstück!“, Polja begann sich mit ihrer neuen Küchengarnitur zu beschäftigen. Sascha streichelte ihre Haare, das Mädchen wehrte sich nicht, wie sonst immer.

„Polja, ich gehe Papa helfen…“

Sascha betrat den Flur. Da bog sich die Wand und die Bretter des Parketts drehten sich vor den Augen…Klatsch! Die Sprungfeder der Couch schubste Sascha mit einem Geräusch aus dem Bett in den nebligen Morgen. Dunkelheit, Decke, Fenster. Schneesturm. Sie drehte den Kopf – der Ehemann schlief.

Sie stand auf, wusch sich, bereitete Kaffee zu. Dann blickte sie ins Wohnzimmer, zu dem Tannenbaum und dem eingepackten Geschenk. Sie setzte sich auf den Boden und blickte auf die Heizung. „Gott, danke dir für alles. Doch warum lässt du es zu…warum. So.“

Aus dem Kinderzimmer hörte man ein Geräusch. Wahrscheinlich war Polja auf den Stuhl geklettert und hatte den Karton mit den Puzzles umgeworfen. Sascha sprang wie gewohnt auf, rannte in den Flur, betrat das Kinderzimmer. Polja saß auf einem Berg von kleinen Teilchen – Schweinchen, Häschen, Küken. Sascha setzte sich neben die Tochter, wollte sie streicheln, doch sie erinnerte sich und ließ es bleiben. Polja drehte sich zu ihr,

„A-a-a“, sagte sie zärtlich.

„A-a-a, meine Gute.“ Sascha lächelte.

„A-a-ama. A-ma.“ Polja berührte sie mit einem Finger und lächelte zur Antwort. „A-ma.“



Anna Svatenko: Ein Morgen aus dem Leben der Stadt

Die Stadt erwachte langsam. Sie liebte diese morgendlichen Stunden, wenn auf den Straßen keine Menschen und Autos sind. Mit einem herrschenden Blick bedeckte sie das ganze Ufer. Nichts gewöhnliches, nur einsame Angler.

Im Westen gingen die Feuer des Turmes an. Die Stadt hatte noch nicht entschieden, ob dieser ihr gefällt. Nun, er leuchtet schön. „Gut ausgedacht – das Lichtspiel! So klar. Genau das, was ich jetzt brauche“, dachte die Stadt. Mit jedem Tag fühlte sie immer mehr, dass sie sich der herbstlichen Schwermut unterwirft. „Es wäre toll, in den Winterschlaf zu fallen, wie ein Bär und bis zum Frühling zu verschwinden!“, dachte sie traurig. Doch das kann nicht passieren…

Wer wird dann den Engel bewachen auf der Festung, der Lausejunge wartete nur auf den passenden Moment, um seinen Dienst zu verlassen. Dazu muss man noch etwas mit dem Fluss und der Bucht anstellen. Letztes Jahr gab es gar kein Eis. Und die Kinder konnten deswegen keine Schlittschuhe fahren. Wo gibt es denn so etwas: Im Winter weder Schnee noch Eis! Denn die Stadt liebt es, die Kinder beim Schlittschuhlaufen zu beobachten. Man hat jedoch so viel zu tun momentan, da bleibt einem keine Zeit, sich der Schwermut hinzugeben.

Auf einmal spürte die Stadt eine trübe Sorge. Sie lief gedankenverloren mit dem Blick auf die Brücken des Ufers, auf die Straßen. Stopp. Was ist das?

Auf dem Geländer des neuen Südufers, genau gegenüber des Turmes, saß sie. „Es ist zu spät für Spaziergänge. Was macht sie hier so alleine, ist doch noch ein Kind, wahrscheinlich nicht älter als vierzehn“, dachte die Stadt.

„Warum bist du hier zu dieser Tageszeit so ganz allein?“, wiederholte eine junge Frau wie ein Echo die Gedanken der Stadt und näherte sich dem Geländer, wo ganz am Rand das Mädchen saß. Dieses blickte sich erschrocken um.

Vor ihr stand eine junge Frau. Ihr Gesicht hatte einen freundlichen Blick und strahlte Geborgenheit aus. Auf ihrer Schulter hing ein Malkasten. Doch sie kann sich nicht der Fremden anvertrauen, sei sie auch eine Künstlerin.

„Was geht es Sie an?“, fragte das Mädchen herausfordernd. Es sah so aus, als ob sie die Tapfere spielte.

„Du hast recht. Bloß ging ich so entlang des Ufers und das sah ich dich. Und da wollte ich wissen, was du hier so ganz alleine machst.“

„Ich bin von zuhause weggelaufen“, sagte das Mädchen kaum hörbar. Der Eifer war verschwunden und man sah einfach nur eine einsame Jugendliche, die sich so sehr an jemanden lehnen wollte.

„Ich verstehe. Mein Name ist Marina. Und deiner?“

„Sveta“, antwortete das Mädchen sehr leise.

„Darf ich mich zu dir setzen und du erzählst mir alles?“

Sie fanden eine Bank im Park neben dem Ufer. Marina stellte keine Fragen, sie wartete ruhig. Und das Mädchen begann zu erzählen.

„Wissen Sie, noch vor einem Monat lebte ich ein ganz anderes Leben, in Moskau. Bis man die Eltern wegen der Arbeit hier her versetzte. Dort blieben meine Freunde, eine gute Schule, Gitarrenunterricht und die Kunst. Und nun lebe ich in dieser doofen Stadt, wo es ständig regnet, ich habe keine Freunde, die Schule ist hier ganz anders. Die Klassenkameraden irgendwie blöd und die Lehrer nerven. Nach der Schule hatte ich vor, mich in ein Kunstcollege einzuschreiben. Ich hatte ein ganzes Leben, und nun…Nun habe ich es nicht mehr. Ich wartete so lange auf die Ferien, hoffte, nach Moskau zu fahren, doch die Eltern ließen mich nicht.

Sveta schwieg wieder und versuchte ihr Schluchzen zu unterbrechen. Marina umarmte ihre zitternden Schultern. Sie bemerkte, dass das Mädchen sich dringen aussprechen musste.

„Wissen Sie, was das aller traurigste ist? Die Eltern fragten mich nicht einmal, ob ich umziehen wollte! Sie stellten mich einfach vor die Tatsache. Warum halten sie mich für klein und fragen mich nicht, was ich denke? Ich hasse sie dafür!“, schrie Sveta. „Deswegen ging ich von zuhause weg. Ich dachte: ich gehe weg, und sie verstehen, dass es mir schlecht geht und wir kehren wieder zurück. Und dann erinnerte ich mich an Mamas Gesicht…Und ich wollte so sehr ihre Stimme hören! Ich nahm das Handy, um sie anzurufen und es fiel ins Wasser.“

Sveta weinte und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

„Sveta, es kommt vor, dass die Eltern sich manchmal irren. Weißt du was? Lass uns ihnen eine zweite Chance geben? Ich begleite dich nach hause und spreche mit ihnen. Ich werde ihnen alles erklären.“

Sveta nickte schluchzend. Marina schlug vor, bevor das Mädchen es sich anders überlegte:

„Und auf dem Weg erzähle ich dir etwas über unsere Stadt. Glaub mir, wenn du mehr darüber erfährst, wird sie dir nicht so unerträglich vorkommen. Ich komme oft hierher, um den Sonnenaufgang zu malen und wenn du magst, können wir nächstes Mal gemeinsam hier her gehen. Übrigens, ich unterrichte in einem Kunstlyzeum. Dieses ist ganz einzigartig, das Johanneslyzeum.“ Marina blickte lächelnd auf Sveta und sie begaben sich zum Ausgang.

In diesem Augenblick wurden auf dem Turm die Lichter angemacht. Schillernde Streifen Lichts änderten ihre Farbe und verschwanden in den Wolken, hinter welchen sich fast die Hälfte des Turmes versteckte. Sie umhüllten den Turm mit einem bunten Nebel. Sveta blickte sich um und bewunderte das Lichtspiel. „Schön! Wir müssen zurückkehren und ein Aquarell malen“, dachte sie.

Die Stadt atmete zufrieden aus. Wie gut, dass er Marina den Ort empfohlen hat, wo man einen schönen Blick auf den Sonnenaufgang hat. „Ein gutes Mädchen, so talentiert, sie wird meine Portraits mit Erfolg zeichnen“, dachte die Stadt. „Gut, dass man dieses Ufer ausgebaut hat. Und auch der Turm stört nicht.“ Die Stadt erblickte noch einmal das Südufer, lief mit dm Blick an der Neva vorüber und blinzelte dem Engel zu. Ein neuer Tag begann.

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