Nikolaj Boloshnev: „Der Erste im Kosmos“

Aleksej zog sich die Jeansjacke über den Kopf, sich durch windend durch die Pfützen und lief entlang der Sretenka in Richtung des Gartenringes.

Ein paar Meter vor dem Vestibül der U-Bahn, bog er abrupt nach rechts ab, machte den letzten Schritt und öffnete die Stahltür der Cheburekibar „Druzhba“.

Im Inneren, hinter den Reihen hoher Tische standen wie die Spatzen die aufgeplusterten Besucher, zwischen denen sich zerzauste Männer in Arbeitsanzügen und billigen Lederjacken.

Fast vor jedem Gast der Cheburechnaja stand eine Flasche Wodka mit Plastikgläsern oder ein paar Flaschen Bier. Für eine Sekunde hoben die Männer ihre schweren Blicke auf Aleksej und gleich. Das Interesse verlierend, kehrten sie zu den langsamen, trunkenen Gesprächen zurück.

Es begann nach fettigem Teig zu riechen und etwas säuerlich nach Fleisch. Für Aleksej, der seit seiner Kindheit an Chebureki gewöhnt war, waren diese Gerüche Vorläufer eines gastronomischen Vergnügens. Die von der Hitze und dem Atem der Besucher bedeckten Fenster schufen ein seltsames Gefühl von Gemütlichkeit. Aleksej klopfte sich die Jacke ab, richtete sich das zottelige Haar zurecht und begab sich zu der Kasse, vor welcher bereits eine kleine Schlange stand. Auch hinter ihm stellten sich Menschen in die Schlange. Zum Ende des Arbeitstages füllte sich die Cheburechnaja immer ganz voll. Aleksej wurde nervös, es gab eine reale Chance, dass er keinen Platz am Tisch bekommt. Normalerweise beschäftigte er sich nicht mit der Suche nach einem Sitzplatz und ging zum Essen nach draußen, doch bei so einem Wetter war das nicht möglich.

Die Kassiererin, eine füllige Dame mit geschminkten Augen, in weißer Schürze und einem Kochhut, kannte ihre Sache gut, die Schlange bewegte sich vorwärts. Schon nach ein paar Minuten stand Aleksej vor der Kasse. Ohne ein Wort zu sagen, blickte die Frau fragend auf ihn. In ihren Augen war nichts freches, nur Müdigkeit und professionelle Gleichgültigkeit.

„Für mich …zwei Chebureki und ein Bier…bitte.“

„Welches Bier?“

„Welches habt ihr da?“

„Heute nur Dzhiguli.“

„Warum fragen Sie dann?“

„Junger Mann, wir haben normalerweise noch anderes Bier, jedoch nicht heute. Woher soll ich wissen, vielleicht wollen Sie genau dieses. Nun denn, nehmen wir das Bier?“

„Natürlich…“

„Dann 210 Rubel.“

Aleksej reichte ihr einen 500 – Rubel- Schein. Die Kassiererin zählte das Rückgeld, knackste mit der Kasse und führte den Blick auf den nächsten Kunden.“

Aleksej nahm die Flasche und den Plastikteller mit den Chebureki, schaute sich um, doch es gab keine freien Tische. Er wollte sich nicht zu einer Gruppe gesellen, deswegen begann er nach Plätzen zu schauen neben einzeln stehenden Menschen. Das Publikum in „Druzhba“ War wie immer unterschiedlich, in der Ecke, umgeben von zwei ihn bestaunenden Damen, malte ein sehr betrunkener, bärtige Mann etwas in sein Album. Ein alter Mann mit zotteligem Haar und zitterndem Gesicht las am Fenster ein Buch, das eingewickelt war in Zeitung. Eine Frau im roten Mantel, mit gefärbten, schiefen Augenbrauen, aß ein Cheburek. Ihr kleiner Finger mit einem indischen Ring, steckte heraus. Dazu trank sie einen „Kinovsker“ Kognak aus einem kleinen Fläschchen.


Mit ihr an einem Tisch saß ein Kerl in Sandalen und Shirt, knabberte von unten einen Cheburek und saugte daraus den Bouillon. Der glatzköpfige Mann im Kostüm goss den Saft des Chebureks akkurat in den Löffel.
Endlich erblickte Aleksej einen etwas mitgenommenen, doch intelligent ausschauenden Mann, der sich gedankenverloren über den runden, roten Tisch beugte, mit der Aufschrift „Coca Cola“. Vor ihm stand eine leere Wodkaflasche und ein Plastikbecher. Aleksej dachte, dass dieser bald geht.

„Darf ich mich zu Ihnen gesellen?“

Der Mann antwortete nicht direkt, so als ob er aus der Tiefe seiner Gedanken auftauchte. Es schien, als ob er nur mit Mühe seinen Blick auf den Gesprächspartner fokussierte.

„A? Ja natürlich…“

Aleksej stellte seinen Teller und die Flaschen auf den Tisch.

„Nun, der Mann ist wach, gleich versteht er, dass er nach Hause muss und geht.“, dachte er, wischte sich die Finger mit einem Tuch ab und begann den ersten Cheburek zu essen. Doch es sah so aus, dass der Mann nicht vorhatte zu gehen. Anstatt dessen schaute er auf den kauenden Aleksej und störte ihn dabei, sein Essen zu genießen.
„Was wollen Sie“, fragte Aleksej gereizt.

„Nichts.“

Der Mann drehte sich für einige Sekunden um, und begann dann seinen Nachbarn wieder anzublicken. Aleksej war so böse, dass er plötzlich in den Cheburek biss und der Bouillon auf seine Jacke spritzte. Er versuchte den Fleck mit der Servierte abzutrocknen, doch das reichte nicht.

„Mann, was möchtest du?“ Aleksej hielt sich zurück, um seinen neuen Nachbar nicht anzuschreien.

„Ich? Nichts…mache ich Sie konfus?“

„Ja man, machst du! Und wie! Was glotzt du mich an, denkst du es ist angenehm für mich zu essen, wenn man mich so anblickt?“

„Entschuldigen Sie mich. Ich war einfach gedankenverloren…Nun um ehrlich zu sein, wenn man sehr gerne trinken möchte, und man kein Geld hat…“
Der weiche, sich entschuldigende Ton des Gesprächspartners beruhigte Aleksej, er tat ihm leid. Sieht so aus wie ein intelligenter Mensch und muss betteln.

„Gut, so dachte ich es mir. Soll ich dir was fürs Bier geben?“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar! Doch ich möchte nicht unhöflich sein, vielleicht sollten wir beide lieber etwas Wodka trinken?…Und ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die Sie sicher nirgendwo zu hören bekommen.“

In Aleksejs Kopf erwachte und reifte eine professionelle Neugier. Man muss bemerken, dass er in einem der gelben Gebäude arbeitete, das einen Teil dazu beitrug Publikationen über Verschwörungstheorien zu veröffentlichen, genauso wie verschiedene, irre Geschichten über Außerirdische, Werwölfe und Poltergeister.

Die nicht formelle Spezialisierung Aleksejs in der Zeitung waren Gerüchte und städtische Legenden. Man zahlte den Journalisten nicht viel, doch Aleksej liebte es, im Internet verschiedene Beweise von Obskuritäten herauszufinden und diese schön auszumalen in seinen Artikeln. Die Cheburechnaja „Druzhba“, die in der Nähe der Redaktion lag, bot nicht zum ersten Mal interessante Geschichten. Letzte Woche lobte der Hauptredakteur die Materialien Aleksejs, darüber wie Souvenirmagnete das Essen im Kühlschrank bestrahlen. Dieses Sujet schrieb er aus den Worten irgendeines Verbindungsmannes.

„Welche Geschichte?“ fragte Aleksej und bemühte sich gleichgültig zu klingen.

Der Mann blickte vieldeutig auf den Journalisten.

„Sagen wir mal, ich arbeitete in einem einzigartigen Betrieb, dem ihre Struktur bekannt ist.“

„Nun gut, du hast mich überzeugt, lass uns trinken“, Aleksej gab dem Mann einen 1000 Rubel. „Nimmst du?“

„Klar! Vielleicht noch was zu essen?“

„Ja, kaufe uns noch ein paar Chebureki.“

„Wunderbar! Übrigens ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen, ich heiße Oleg.“

„Aleksej.“


Die Männer reichten sich die Hände.

„Sehr angenehm! Nun, ich beeile mich.

„Mach langsam.“

Um nicht ein Detail der bevorstehenden Diskussion zu verpassen, machte Aleksej das Diktiergerät auf dem Smartphone an und legte dieses mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. Nach ein paar Minuten, noch belebter, kehrte Oleg zurück mit einer Halbliterflasche, auf der zwei Wodkagläser befestigt waren und einem Teller mit Chebureki zurück. Er stellte alles auf den Tisch, nahm aus der Tasche das Rückgeld und reichte es Aleksej. Dann nippte er am Wodka und sagte, als ob er sich entschuldigen würde:

„Weißrussisch…“

Welch ein Unterschied. Gieße ein.“

Oleg machte mit zitternden Händen den Deckel ab und goss den Wodka in die Gläser.

„Auf unser Treffen!“

Die Männer hoben die Gläser und tranken. Oleg alles auf Anhieb, Aleksej zuerst bis zur Mitte, dann kaute er den Rest des alten Chebureks und trank das Glas leer. Oleg biss vorsichtig in den Cheburek.

„Welche Geschichte hast du mir zu erzählen?“ fragte Aleksej.

Oleg legte langsam den Cheburek auf den Teller, machte sich die Finger sauber und den Mund mit einer Papierserviette, faltete sie zwei mal und begann dann zu sprechen.

„Bevor ich Ihnen erzähle, womit ich mich einmal befasst habe, muss ich eine kurze historische Exkursion machen. Sonst versteht man das nicht. Sagen Sie, Aleksej, sie wissen doch wer Jurij Gagarin ist?“

„Und ob! Bist du von den Kosmonauten?“

„Nicht ganz“, lächelte Oleg frech, „man kann mich als Bewahrer des Erbes von Gagarin zählen.“

„Bist du ein Museumsarbeiter?“ fragte Aleksej mit einer schlecht verstecken Enttäuschung. Er goss den Wodka in die Gläser. Die Männer tranken. Aleksej goss wieder ein.
„Oooo, nein, was sagen Sie da! Ich bin eher ein…Praktikant.“

„Verstehe ich nicht…“

„Wie soll ich es besser erklären…Lasst uns von weit her beginnen. Worin, Ihrer Meinung nach besteht die Größe Gagarins?“
„Na hör mal, welche Fragen stellst du? Natürlich weil er der erste im Kosmos war.“

„Ja, Gagarin war der erste im Kosmos, das ist Fakt. Alle wissen es. Doch es gibt noch eine weitere Tatsache – er ist nicht einfach nur so dort herum geirrt. Während er im Orbit war, traten mit ihm die Vertreter einer nicht irdischen Zivilisation in Kontakt. Um einiges mehr entwickelt als die unsrige. Verstehen Sie, was das bedeutet?!“ Oleg, selbst verwirrt von der eigenen Erzählung, begann den Tisch zu schaukeln. Aleksej nahm für alle Fälle das Glas mit Wodka in die Hand. Oleg nahm diese Geste als Einladung an. Sie tranken und füllten wieder die Gläser.

„Und nun?“

„Weil Gagarin der erste Mensch war, mit dem sie sich berieten, nahmen sie ihn auf als Imperator der Erde. Das ist übrigens sehr schwer verständlich… Denn früher flogen sie zu uns auf den Planet, und wählten hier jemanden aus, als Vertreter, um die Dinge besser im Griff zu haben.

Sie haben doch sicher gehört, dass sie die Pyramiden gebaut haben?“

„Natüürlich!“ sagte sarkastisch Aleksej, doch Oleg bemerkte nicht dessen Ton.

„Nun denn, sie geben allen Pharaonen Technologien, teilten sozusagen das hohe Wissen. Erst später stellte sich heraus, dass die Ägypter all diese Technologien wie auch immer verwenden und sogar nicht in de Lage sind, eine Armee aufzubauen. Mit einem Wort, als Ägypten okkupiert wurde, schalteten die Außerirdischen auf Rom um. Rom fiel, und als nächstes eroberten sie Byzanz. Doch als Konstantinopel fiel, hörten sie ganz damit auf, auf die Erde zu fliegen.

Sie beschlossen, dass Menschen sich selbst entwickeln sollen, um sich wenigstens von ihrem Planeten loszureißen. Wer als erster im Kosmos ist, der wird auch erster auf der Erde sein. Auf diese zählen die Außerirdischen. Sie bauten auf dem Erdorbit etwas im Sinne eines Grenzpostens und begannen zu warten. Zuerst flogen die Tiere in den Kosmos, doch die Außerirdischen schafften es nicht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.Und weiter, am 12 April des Jahres 61, geht Jurij Gagarin als erster in den Orbit und die Außerirdischen erwarten ihn dort bereits mit Brot und Salz, fragen ihn im guten Russisch: „Jurij, bist du hier der Wichtigste?“ Er dachte, sie meinten das Luftschiff und antwortete, natürlich „der wichtigste“, einen anderen gibt es hier nicht. So nahmen ihn die Außerirdischen als Machthaber des Planeten auf. Können Sie sich das vorstellen? Das bedeutet, der einfache, russische Mann ist der Wichtigste auf der Erdkugel. Und wenn die Außerirdischen kommen, wird er, genauer seine Gesetzeserben, die Erde erben. Russland wird zum Zentrum der Welt.

Am verschwommenen Blick und den roten Wangen, konnte man sehen, dass Oleg schon recht betrunken war. Sein Becher war ebenfalls leer. Aleksej trank seinen Wodka aus, biss in den Cheburek, und goss die Reste aus der Flasche.

„Eine großartige Geschichte. Ich verstehe nur eines nicht, wenn wir schon seit 50 Jahren der offizielle Bauchnabel der Welt sind, warum leben wir dann in einem solchen Dreck?“ Aleksej begann in der trüben Atmosphäre ebenfalls betrunken zu werden, zeigte mit einer dramatischem Geste durch die Cheburechnaja.

„Nun, die sind noch nicht hier. Wenn sie da sind, dann rollen wir die Erben Gagarins nach vorne. Werden zu den Statthaltern. Darauf ist es keine Sünde zu trinken.

Die Männer stießen an und stellten die Becher weg. Aleksej aß den Cheburek bis zum Ende. Oleg, der seinen ebenfalls aufgegessen hatte, quakte wie eine Ente.

„Doch hier, wie Sie verstehen“, fuhr Oleg fort, „gibt es einen Schlüsselmoment – die Erben Gagarins sollen nur bei uns sein. Sonst können sie den Thron für sich beanspruchen!…Nun, ich denke, unser Wodka ist alle…Vielleicht nehmen wir zur Abwechslung einen Kognak? Hier gibt es einen guten „Kinovskij“:

„Onkel, werde nicht frech!“

„Gut, gut. Wodka dann Wodka. Kommandeur, gibst du uns die Beköstigung?“, fragte schüchtern Oleg.

Aleksej kramte in der Tasche, nahm einige zerknitterte Scheine heraus und ohne auf diese zu blicken, reichte er sie Oleg.

„Und bring uns Bierchen mit.

„Unbedingt!“

Oleg wurde echtwas nüchterner und materialisierte sich zurück mit einem Wodka und zwei Flaschen Bier. Den Wodka machte er wie ein Hausherr auf und goss sie in Gläser. Die Männer tranken, darauf tranken sie Bier.

„So, wo blieb ich stehen?“

„Dass die Erben nur in Russland sein sollen.

„Sehr richitg! Und hier, junger Mann, nähern wir uns dem aller Interessantesten…“

„Was kann es noch interessanteres geben?“, lächelte Aleksej.

„…Kennen Sie viele Erben Gagarins?“

„Ich meine er hat eine Tochter…oder zwei. Die eine von beiden leitet irgend ein Museum.“

„Sehr richtig. Doch wundert es Sie nicht, dass ein solch populärer und liebenswürdiger Mann wie Gagarin nur zwei Töchter hat von einer offiziellen Frau?“
Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie damit beschäftigt. Du willst sagen, dass Gagarin viele Kinder hat?“ fragte Aleksej, die Chebureki kauend.

„Es gab viele“, lächelte wieder Oleg. „Doch jetzt nicht. Und darin besteht der große Verdienst des Bereiches unseres geheimen Dientes, wo ich mehr als dreißig Jahre arbeitete.“

„Mjaa…“, war das einizge was Aleksej dazu zu sagen hatte. Er goss noch mehr Wodka ein, Oleg zog geizig den Becher an sich und trank in einem Zug aus. „Habt ihr sie etwa getötet?“

Oleg runzelte leicht die Stirn, entweder vom Wodka oder von der Frage.

„Nun, irgendwo ist es so, und irgendwo anders….Man besprach mit den Müttern wenn es nicht zu spät war. Unterschiedlich.“

„Haben Sie Ihnen nicht leid getan?…Das sind doch Kinder! Sind sie etwa an etwas schuld?“

„Was ist schon ein Kind im Verhältnis mit der Weltregierung und ewiger Macht Russlands?“

„Und kennst du viele solcher?…Ich meine persönlich?…“

„Ich kam in den Achtzigern in den Betrieb, als die wichtigste Front der Arbeit bereits geschlossen war…“, antwortete mit einem ernsten Ausdruck und gesammelter Oleg. „Die meiste Arbeit hatten wir als Gagarin noch lebte. Doch ich verberge es nicht, ich habe auch was abbekommen, man konnte schließlich nicht alle Erben finden. Ich bekam sogar einmal eine feste Nuss, er lebte bis er 27 wurde. Ich zeige Ihnen nun etwas.

Oleg nahm aus der Tasche einen Stapel mit Papieren, sortierte sie lange, bis er nicht die richtige gefunden hat. Mit einem zufriedenen Blick reichte er diese Aleksej. Dies war eine gewöhnliche Fotografie, ausgderuckt in schwarz-weiß, irgendeines Mannes mit Jeansjacke. Nach dem Zustand des Papieres zu urteilen, erzählte Oleg nicht das erste Mal diese Geschichte im Austausch für eine Verköstigung.

„Sieht er Gagarin ähnlich?“ fragte er.

„Ehrlich gesagt nicht besonders.

„Doch tut er. Wissen Sie wer das ist?“

„Nein.“

„Court Kobain!“

„Ach was?! Ist es wirklich er?…“

Oleg strahlte vor dem bewirkten Effekt.

„Ja, egal. Das ist der Sohn Gagarins.“

„Wie das?“

„Sehr einfach, in Wirklichkeit ist er ein hundertprozentiger russischer Kerl, seine biologische Mutter kam aus Brjansk. Sie traf Gagarin in der Zeit ihrer Ankuft in die Stadt im Mai 1966. Im Sommer floh sie dann aus der UdsssR auf einem Handelsschiff und fand sich erst im türkischen Trabson wieder und dann, nachdem sie mit Transit ein paar Länder durchfuhr, ließ sie sich am Pazifikufer der USA nieder. Das Stadium der Schwangerschaft war nicht hoch, sie wandte sich nicht an Ärzte. In Amerika verliert sich ihre Spur, möglich, dass sie immer noch lebt, doch so oder anders, sie wollte ihr Leben nicht dem Säugling widmen und ließ ihn im Krankenhaus unter einem falschen Namen.“ Oleg nippte am Bier. „Es sah so aus, dass in der zweiten Hälfte des Jahres 1967, Vendy Kobain sich des Säuglings annahm. Hier hätte alles zuende gehen können und Kurt blieb bis zum hohen Alter in den Wäldern Washingtons leben.“

„Wenn er nicht berühmt geworden wäre?“

„Genau das.“

„Entschuldige. Aber bisher klingt das alles nach Unsinn…“

„Sie können mir natürlich nicht glauben – da ist ihre Sache, Doch das ist die pure Wahrheit. Hör weiter zu und urteil selbst. Im Jahr 1988 kommt das Album Nirvanas heraus. Dieses war nicht sehr erfolgreich, und in der Sowjetunion war es derzeit heiß, Chernobyl, Perestrojka, Spitak, Pogrome, Sorgen…Doch wir bemerkten den Kerl und nahmen ihn auf. Übrigens hat Cobain selbst verstanden, dass mit ihm was nicht stimmte…Ich las sein Interview…Er hat sich in der Kindheit vorgestellt, dass er ein Außerirdischer ist, stellen Sie sich das vor?…“

Oleg goss sich noch mehr Wodka ein und Aleksej ebenfalls. Die Männer tranken.

„Um zu verstehen, ob vor uns wirklich der Sohn Gagarins ist, und ihn gleichzeitig in die operative Mitarbeit einzuladen, hat man entschieden, dass man ihn mit unserer Sex- Agentin Nadja zusammen treffen lassen sollte. Sie weidete in „Inturist“, doch kam blöderweise mit Drogen in Verbindung. Wir nahmen sie auf mit der Tüte und seitdem half sie uns oft aus. Diesmal war ihre Mission schwerer als üblich doch auch die Belohnung dementsprechend gut. im Falle des Erfolges bei der Operation versprachen wir ihr die Möglichkeit zu lassen in den USA zu leben unter einem Decknamen. Wie Sie verstehen, Ende der achtziger hat man solche Möglicheiten nicht einfach nur verschenkt.“

„Und ob. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Mühe wir hatten, sie vom Akzent zu befreien…“

Oleg goss wieder Wodka ein.

„Nun auf Kurt Jur’evich, ohne anzustoßen“, sagte er und ohne das Gesicht zu verziehen, trank er das Glas aus.“

Aleksej trank auch den Wodka ganz aus und goss sich danach Bier ein. Die Geschichte Olegs schien ihm abslolut wild zu sein, wobei sie ihn auch gleichzeitig verblüffte, nun wollte er sie unbedingt zu ende hören.

„Nun denn, wir haben unserer Nad’ka einen amerikanischen Pass drucken lassen, dachten uns eine Legende aus, so nach dem Motto, sie lebte in Irland, Japan und in den Anfängen der 1990er wurde sie in die Staaten geworfen…Bekanntschaft mit Cobain, mit ihren Fertigkeiten war es ein Sache der Technik. Sie sammelte, wie wir es ihr vorschrieben, die Biomaterialien Kurtes , es ging alles dahin, dass der Sohn Gagarins nicht bei uns blieb. Es stellte sich die Frage nach der Liquidierung. Doch hier geschah es, Nirvana schaffte es bekannt zu werden, es war schwer ihn im Verborgenen zu lassen.

Besonders nachdem im Jahr 1991 Nevermind herauskam. Und nun ist auch die Sowjetunion zerfallen…uns war nicht nach Cobain, wir bemühten wenigstens die Gesellschaft zu bewahren. Wir arbeiteten nur wegen der Ehre.“

„Stellen Sie sich vor, ich musste mit meinem Zhiguli das ganze Jahr durch die Stadt rasen. Ich, ein Kaderoffizier.“

„Oleg, du gehst in irgendeine falsche Richtung…Was war denn nun mit Cobain und jener…Nadja Love?“

„Cobain, ja…Nun wir, sagten Nadja, sie solle warten und sich mit irgendetwas Nützlichem beschäftigen. Sie hat ja eigentlich das Musikiinstitut im Fach Akkordeon beendet. So begann sie in Amerika aus sich eine Punk-Rockerin zu machen. Un dann geschah, dass unsere Kurtni zum Stern wurde. Dann fanden Sitins statt, Drogen…Wozu erzähle ich das?“

„Wozu?“, der Verstand Aleksejs fing nur noch mit Mühe die Details der Geschichte auf. Desto glaubwürdiger kam ihm die Erzählung Olegs vor.

„Man muss trinken, um sich zu erinnern…Deine Gesundheit!“, Oleg goss sich Wodka ein und mischte diesen mit dem Bier im Becher. So trank er den Coctail in einem Zug.“ „Es sieht so aus, dass wieder alles leer ist.“

„Ich gehe…“, Aleksej ging an den Nachbartischen vorbei, wackelnd, und erreichte die Kasse von der falschen Seite. Doch niemand beschwerte sich in der Schlange. Nur ein paar Männer in Arbeitsanzügen lächelten. Aleksej versuchte ihnen als Antwort zu lächeln.

„Herr, was möchten Sie?“

„A?…Nun…Wodka…“

Die Frage dr Kassiererin überforderte Aleksej.

„Äähm…“

„Gut, ich verstehe auch so“, die Kassiererin stellte vor Aleksej eine Halbliterflasche weißrussischen Wodkas. „Wollen sie Chebureki?“

„Nein….“

„500 Rubel.“

Aleksej nahm den Geldbeutel heraus und schüttete daraus, was noch übtig war, die Münzen inbegriffen. Die Kassiererin sah ihn feindselig an und begann das Geld zu zählen.

„Hier sind nur 467.“

„Kann man mit Karte zahlen?“

„Junger Mann, sind Sie das erste Mal hier? Wir nehmen keine Karten an.“

„Ich habe nicht mehr…“

„Dann bleiben Sie heute ohne Wodka“, die Kassiererin nahm gereizt die Flasche vom Tresen.“ „Oder nehmen Sie vier für 100, dafür reicht es.“

Aleksej blickte verzweifelt auf die Kassiererin, ohne zu wissen, was er nun tun sollte.

„Ach, hör auf Ljusja, warum beleidigst du ihn!“, trat für ihn einer der Kerle ein. „Da sind nur ein paar Münzen. Wie geben was dazu.“

Der Mann zählte ein paar Münzen ab und legte sie vor die Kasse. Die Kassiererin verzog das Gesicht und stellte schweigend die Flasche zurück. Aleksej schnappte sich diese.

„Erhole dich, Kerl!“ Der Arbeiter klopfte gutmütig auf Aleksejs Rücken, wovon dieser fast den Wodka fallen ließ.

Die Flasche in den Händen haltend, wanderte Aleksej langsam zu Oleg. Dieser schien erstaunlich nüchtern zu sein und blickte tiefgründig aus dem Fenster, wie ein Stratege auf dem Feld, wo jeden Augenblick ein entscheidender Kampf statt finden wird. Als er den herannahenden Aleksej bemerkte, bewahrte er die stoische Distanziertheit in seinem Blick, wobei es ihm vielleicht einfach schwer fiel, sich zu fokussieren. Als sein Flaschenparartner endlich den Tisch erreichte, gab Oleg mit einer achtlosen Geste Aleksej den Becher. Aleksej goss sich und ihm Wodka ein, und verschüttete etwas auf den Tisch. Sie tranken.

„Worüber habe ich gesprochen?…“

„Irgendetwas über Courtny Love…“

„Ja, Nadjuha…ist vollkommen frech geworden! Es fiel schwer, sie zu kontrollieren. Ja, was hätten wir tun können?…Wir saßen hier in Moskau mit nackten Ärschen!…“

„Olegchen, du bist wieder abgelenkt…“

„Ja, verzeih mir. Also wir mussten was unternehmen. Doch was?…Und wie?…Wir begannen nachzudenken. Und wir erreichten etwas…Cobain gefiel unserer Nadjka überhaupt nicht. Irgendein Penner, sie war bei Inturist an solide Menschen gewöhnt, in Kostümen…“

Aleksej verspürte plözlich Mitleid mit Cobain, aus den Augen flossen Tränen.

„Blöde Schlampe…“ er klopfte laut mit der Handfläche auf den Tisch, sodass die Menschen an den Nachbartischen sich umdrehten. Als ob man in der Cheburechnaja die Geräusche ausgemacht hätte. Nur die Frau im roten Mantel murmelte leise, ohne sich umzudrehen: „Selber Arschgeige“. Doch es fand kein Ereignis in Form eines Kampfes statt oder eines Skandals und nach ein paar Sekunden verloren die Besucher das Interesse am angetrunkenen Pärchen. Der Raum füllte sich wieder mit Geräuschen.

„Wie sie halt so ist…Dafür ohne Angst! Nicht jeden Tag, weißt du, kann es…“

„Also habt ihr sie gedrängt?“

„Natürlich….Doch das war nicht einfach! Wir mussten einen Macker zu ihr schicken, wir hatten das einen, einen Spezialist für Frauen. Er fuhr heran, Kino, Wein, drehte sie auf…Also verliebte sich Nadjuha in ihn über beide Ohren! Und dann flog sie…“

„Das bedeutete, dass die Tochter Cobains, gar nicht seine Tochter ist?“

Nun ja…deswegen lebt sie“, Oleg goss wieder Wodka ein, hob sein Glas und trank aus.

„Das bedeutet, dass Nad’juha…als es bekannt wurde, dass sie schwanger ist, von ihrem Kavalier verlassen wurde…Natürlich war sie traurig, die Ärzte rieten ihr damals, eine Abtreibung zu machen…Nun und wir…beruhigten sie, überredeten sie, das Kind zu behalten…Nun, wir hatten Macht über sie, und wir konnten Cobain immer wieder sagen, dass es nicht seine Tochter ist…“

„Warum habt ihr es nicht direkt gesagt?…Er hätte früher wahrscheinlich…Nun du verstehst!“

Von dem langen Stehen taten Aleksej die Beine weh. Er stützte sich mit dem ganzen Körper auf den Tisch, wovon sich dieser biegte. Oleg schnappte mit einer schnellen Bewegung die Wodkaflasche, welche fast auf den Boden gefallen wäre.

„No, no!“, konnte er gerade so aussprechen vor Sorge.

„Entschuldige…ich bin irgendwie müde…Warum habt ihr denn nun Kurt bewahrt?“

„Ich erinnere mich nicht…Entweder mochte unser Chef ihre Musik, oder wir hatten keine andere Wahl…Nachdem die Sowetunion zusammenbrach, erinnerst du was da war“, Oleg betrachtete Aleksej mit einem bewertenden Blick, „Wobei, wahrscheinlich erinnerst du dich nicht…Der Arsch war kürzer! Frieden, Freundschaft, American Boy…Man hat für diese Sache so viel aufgegeben….“

Oleg machte sich mit Sorge sein Gesicht mit den Handflächen zu. Seine Schultern zitterten etwas. Aleksej reicht ihm die Hand.

„Hey, Oleg, was ist mit dir?…Bruder, was ist geschehen?…“

„Nichts, alles gut…ich brauche eine Sekunde…“

Aleksej verstand alles ohne Worte, das Geräusch der Flüssigkeit , die in das Glas gefüllt wurde, half es dem Gesprächspartner sich wieder zu sammeln. Oleg rümpfte sich ein paar Mal die Nase, trocknete sich das Gesicht mit dem Ärmel ab, trank und fuhr mit seiner Geschichte fort.

„Nun…man gab uns von oben keine Handzeichen, man hatte Angst, sich mit den Amis zu streiten…Sie wollten unser Projekt verdrehen…“

„Mmmh, ja, das sind Angelegenheiten…“

„Nunn denn, in den 93ern schoss man auf das Weiße Haus, im Westen verglich man Jelzin mit Pinochetti, das gefiel ihm nicht, und da erinnerte er sich endlich an den Vorlauf Gagarins!…Unser Leiter wurde in den Kreml geladen, um zu verstehen, was mit dem Projekt geschieht…Er hat sich alles von der Seele geredet, es gibt ja nichts mehr zu verlieren! Das war ein normaler Kerl…Boris Nikolaevich eschauffierte sich natürlich, die Ankömmlinge, die Macht über dem Planeten…Man hat uns die Finanzierung um 10 mal vergrößert. Und Cobain haben sie natürlich auch nicht vergessen…Man sagte, man muss die Sache mit ihm beenden, bis die Amis es nicht aushalten konnten, dass auf der Bühne ein Weltherrscher mit einem schmutzigen Hemd springt…Nun, wir haben Courtny die Aufgabe gegeben, ihm ein höllisches Leben zu bereiten…Er saß bereits an der Nadel und wir hofften, dass er einfach eine Überdosis bekommt…Doch als Nadja ihm sagte, dass das Kind nicht von ihm sei, begann er zu fliehen…“

Aleksej goss Oleg noch mehr Wodka ein.

„Und weiter? Wie ging es weiter?“

Oleg kniff die Augen zusammen und trank ohne Eile aus.

„Nun, wir haben mit ihm abgerechnet, obwohl er uns zwang, nervös zu werden, er trieb sich in den Kloaken Seattles rum… Nadjuha, mit einem anderen von unseren Agenten haben ihn in irgendeinem Puff herausgegraben…Weiter musste man natürlich etwas dazu erfinden, man brachte ihn ins Haus, doch er hatte nicht vor zu sterben, schrie, riss sich los…Sie haben ihn irgendwie ausgeschlagen und setzten in seine Vene eine Dosis Heroin….Natürlich haben sie noch davor einen Zettel geschrieben, ein Spezialist der Übersetzung von mittelalterlichen Poeten schrieb diese…Doch hier wurde Nadja genervt, begann zu kreischen, zu sagen, er sei ein Drogenabhängiger… Also, man beschloss ihn, um sicher zu gehen, ihn mit dem Revolver zu töten…“

„Und hat man euch geglaubt?!…Sie beschlossen, aus dem Revolver in den Kopf zu schießen…die Idioten…“

„Nein, natürlich, doch es gab jene, die unsere Nadjuha mit Schmutz bekleckerten, so nach dem Motto, sie hat einen Mann bestellt nur für Geld…Man musste sich bemühen, um sie als Idioten darzustellen…Doch die Bullen graben nicht sonderlich tief in allen Ländern…“

„Zum verrückt werden….“

„Nein, Sie…ich meine du, damals waren andere Zeiten…es war nicht üblich, überall die russische Spur zu suchen…In der damaligen Zeit hätte man uns als erste verdächtigt… man muss nun feinfühliger arbeiten…“

„Ist Cobain etwa nicht der letzte Erbe Gagarins?…“

Der Chekist verbog geheimnisvoll seine Augenbrauen, goss sich ganz unzeremnoiell den restlichen Wodka in den Becher und trank ihn in einem Zug aus.

„Nun, so ist es…eine solche Geschichte …Aleksej, ich habe dich übrigens gar nicht nach deinem Nachnamen gefragt?“

„Polikarpov.“

„Ist es der Nachname deines Großvaters? Und deine Großmutter, hat sie zufällig im Jahr 67 auf Jalta Urlaub gemacht?“

Einem Eisberg gleich, der sich von dem Gletscher löste, löste sich Oleg von dem Tisch und schwamm in Richtung Ausgang. Aleksej verabschiedete ihn mit einem melancholischen Blick eines stark betrunkenen Menschen. Die Gedanken in seinem Kopf dröhnten wie ein riesiger Bienenstock, in dem man die unterschiedliche Geräusche nicht bestimmen konnte. Zu viel Informationen…Aleksej konnte in seinem Kopf gar nicht die Fäden der Geschichte zusammenweben und sie zu einer einheitlichen Erzählung formen.

„Gagarin, Außerirdische, eine Prostituierte aus dem Inturist…Cobain, eine falsche Tochter…Irgendein Mist! Auf der anderen Seite, weiß der Teufel….das Foto sieht ihm ähnlich! Das Lächeln Gagarins, dieses kann man nicht verwechseln…“

Die Putzfrau machte mit abrupten Bewegungen die nachbarlichen Tische sauber, sammelte Flaschen und Platikteller ein.

„Herr, Zeit zu gehen, wir schließen“, sagte sie ohne sich umzudrehen.

Aleksej blickte sich um, der Raum war leer, hinter der Abgrenzung machten die Küchenmitarbeiter Lärm mit dem Geschirr. Es klirrte das Kleingeld in der Kasse. Aleksej klopft sich auf die Wangen, um etwas nüchterner zu werden, steckte sein Smartphone in die Tasche der Jacke. Dann ging er langsam zur Wand, hielt sich an dieser fest, als ob er sich in einem Labyrinth fortbewegen würde, ging zum Ausgang. Die Putzfrau schaute ihn vorwurfsvoll an.


Gut, gut, ich habe verstanden. Ich gehe….“

Tür, Vorraum, dann wieder eine Tür und endlich die Straße mit der frischen Luft nach dem Regen. Es schaukelte alles, Aleksej wurde schwindelig, deswegen beschloss er auf die andere Straßenseite zu gehen und sich auf die Abzäunung der Gartenanlage zu setzten und zu Atem zu kommen. Unter dem Fuß gluckste eine Pfütze. Aleksej fühlte, wie in seinem Schuh langsam die Socke nass wurde. Im Allgemeinen machte es ihn nicht traurig, und lenkte ihn nicht von dem Gedanken an seinen abgetretenen Gesprächspartner ab. In der Kälte fiel das Denken nicht mehr so schwer und nun schien Aleksej all das lustig zu sein, was er vor 15 Minuten für eine wahre Münze hielt.

„Nein, was ein Mist!…Er hat vielleicht erzählt…es tut mir nicht einmal ums Geld leid!…“

Die Übelkeit verschwand langsam und Aleksej dachte, dass es im Prinzip keinen Unterschied macht, ob die Geschichte, die Oleg ihm erzählt hat, wahr ist. Im Endeffekt ist es wichtig, dass sie schlüssig ist, man kann sogar ein Bild hinzufügen, dieses findet sich sicher im Internet. Aleksej stellte sich vor, wie seine Forschung zum Material der Woche sein wird oder sogar des Monats und er überlegte sich, wofür er die dafür erhaltene Premie, ausgeben würde. Er hat sich sogar einen Titel für den Artikel ausgedacht: „Moskau – das dritte, kosmische Rom“.

„Man muss unbedingt einen Text skizzieren, selbst wenn es nur ein Schema ist, noch sind die Eindrücke frisch…“ Aleksej machte den Voicerekorder aus und öffnete die Notizen, doch er verstand, dass in seinem Zustand etwas zu schreiben, vor allem in der Dunkelheit, unmöglich war, und er steckte das Telefon zurück in die Tasche. „Zuhause, alles zuhause…Zeit nach hause zu gehen…“

Er schüttelte den Kopf um noch etwas nüchterner zu werden und begann aufzustehen und sich in Richtung „Sauber Quellen“ zu begeben, als er bemerkte, dass nicht weit von ihm, auf irgendeiner Abzäunung irgend ein Mann sitzt mit einem abgetragenem Pullover Boys mit einem angeschwollenen Gesicht. Der Mann macht nichts und blickte auch nicht in die Richtung Aleksejs, doch ihm wurde irgendwie mulmig zumute. Er sprang abrupt auf und ging von dem Unbekannten weg.

Die Pankrat’jev-Gasse schaukelte vor den Augen Aleksejs oder er war es selbst, der vom Alkohol und dem schnellen Gang, schaukelte. Der Schrecken half ihm, schnell nüchtern zu werden. Aleksej drehte sich einige Male um, doch der Mann saß da, ohne sich zu bewegen, wie eine absurde, sowjetische Memme. Aleksej ging bis zum Ende der Gasse, bog in die ihm bekannten Höfe ab und fand sich nach einer Minute auf der Ananjevskaja wieder. Bis zum Boulevard und der U-Bahn war es nicht mehr weit.

In den Gassen war es absolut leer, nur in der Ferne bei dem Eingang zu einem Pub, standen einige Menschen.

Aleksej ging an einem zerfallenem Gebäude „Litgazety“ vorbei und begann langsamer zu gehen, damit die zufälligen Beobachter nicht denken, dass er weg läuft. Als er gerade langsamen Schrittes ging, hörte er hinter seinem Rücken irgendein schwaches Geräusch. Aleksej drehte sich um. Hinter ihm, ca. 50 Meter weiter, fuhr ein schwarzer Wagen. Er verlangsamte die Geschwindigkeit bis auf ein Schneckentempo, das Auto wurde ebenfalls langsamer. Der Schrecken begann wieder in seinen Schläfen zu pochen. Die Gedanken verwebten sich im Kopf.

„Soll ich in die Bar laufen und abwarten? Oder zum Boulevard gehen? Doch er ist so oder so schneller.“


Unerwartet, am Anfang der nächsten Gasse, wie ein roter, rettender Ring, kam in die Sicht das Zeichen „Backstein“. Aleksej rannte in dessen Richtung und als er an einigen Häusern vorbeigelaufen war, dreht er sich um. Das Auto zischte die Gasse entlnag und fuhr weiter. Aleksej lehnte sich an die Hauswand und warttete, bis das Herz sich etwas beruhigt.


„Ich sollte das Trinken aufgeben“, dachte er. „Ich bilde mir alles mögliche ein…“

Dazu kam noch, dass das Gefühl der Sorge nicht schwächer wurde. Um nicht zu riskieren und zurückkehren zu müssen, beschloss Aleksej in Richtung Sretenka zu gehen. Lukov-Gasse, in der er sich wieder fand, war absolut menschenleer. Nur in den Häusern leuchteten gelb die Fenster. Er erreichte fast sein Ziel, als der schwarze Wagen umdreht und in seine Richtung los fuhr. Aleksej war sich nicht sicher, dass es das selbe Auto war, doch er wollte es nicht überprüfen.

Links war ein Torbogen mit einem offenen Tor, er rannte mit aller Kraft in diese Richtung.

Aleksej rannte durch den Hof, in die parallele Gasse, doch das rote Auto wartete schon dort auf ihn.

Aleksej beka Panik. Er verstand nicht, in welche Richtung er gehen sollte, und huschte in den nächsten Torbogem, dann in einen weiteren, unter dem Quietschen der Bremsen, er rannte über die Sretenka und da waren wieder nur Höfe, Höfe, Höfe…Doch, egal wohin er lief, schaffte es der schwarze Wagen ihn einzuholen.

Aleksej wurde nun ganz schwach von der Flucht. Von dem Wodka und dem Bier pochte das Herz. In einem Hof, dessen Pforte verschlossen war, befand sich ein Spielplatz mit einem großen Sandkasten. Aleksej erreichte diesen und warf sich auf den Sand, in der Hoffnung, dass man ihn dort nicht sehen wird.

„Wenigsatens noch ein paar Minuten, um wieder zu mir zu kommen…“, dachte er und versuchte so leise wie möglich zu atmen.

Doch da erklang ein Quietschen, die Pforte öffnet sich, auf den Hof fährt das Auto, macht den Motor aus, die Lichter gehen aus. Man hört das Knacksen der Tür und ein leises Geräusch von Schuhen auf dem Asphalt. In der Manteltasche leuchtet das fast leere Smartphone…

Aleksej spürt keine Angst mehr, er schaut in den, nach dem Regen, klaren Himmel, in dem Sterne glänzen und die unendliche Kälte des Kosmos, und das Haus lacht ihn aus, ihn mit seinen schwarzen Augen anblinzelnd.

Julia Bocharova: „Eine besondere Atmosphäre“

„Vergesst nicht den Kautschukbaum zu gießen“, sagte die alte Mar’ja Petrovna, die ihre Gummischuhe auszog um die Sommerschuhe anzuziehen.

Sie war die Putzfrau in der Schule und liebte sehr diese Aufgabe mit all den Korridoren, Sofas in dem großen Raum auf der ersten Etage und den Tafeln, auf denen der Stundenplan hing. Sie liebte auch den großen Schauspielraum mit den schweren, Samtvorhängen und dem quietschenden Parkett, auch die Klassenräume und die Zone der Erholung für die Lehrer, und die Blumenecke in der dritten Etage.

Da wuchsen Drachenbäume, Kautschukbäume und irgendwelche üppigen Blumen mit unaussprechlichen Namen. Viele von denen kaufte Mar’ja Petrovna selbst und brachte sie in die Schule. Den Drachenbaum musste sie sogar stutzen: dieser war so hoch, dass er versuchte durch die Decke zu wachsen, in die vierte Etage. Bei niemandem zuhause wuchsen die Blumen so üppig. Wahrscheinlich war hier eine besondere Atmosphäre.

Die Schüler liebten die Blumenecke und kamen um zu schauen, wie sich die Früchte des Kautschukbaumes entwickelten und die Blüten vom Zitronenbaum zu pflücken. Die Kids aus der Biologieklasse halfen, die Erde in den Töpfen zu richten und lange, gebogene Zweige anzubinden.

Vielleicht wäre jemand anderer zu faul dafür, um ein solch großes Haus von vier Etagen aufzuräumen, doch Mar’ja Petrovna machte es mit Vergnügen und Liebe. Das Schulgebäude dankte es ihr: auf dm Boden gab es nie Schmutz, von den Wänden blätterte die Farbe nicht ab, sondern leuchtete, wie neu, sodass, diese sauber zu wischen ein Vergnügen bereitete. Und in den Fenstern war einfaches Glas, hinter welchem sogar der einfache Schulhof festlich und gepflegt aussah, als er es wirklich war.

„Ihr solltet die Beete jäten“, sagte die alte Putzfrau zu den Arbeitern, die dazu da waren, sich um den Schulhof zu kümmern, doch meistens waren sie faul und tranken Bier, auf der Bordüre sitzend, m Hinterhof.

„Lass mich sehen, was du da hast“, sagte sie zu einem Arbeiter und nahm die Flasche aus seinen Händen. Sie goss das Bier in die Kanalisation.“ „Pfui, welcher Deck. Es ist nicht schade um das Bier. Komm mit mir, ich muss dir etwas sagen.“

Das Gras verschonte sie und goss niemals Bier darauf, sie kaufte dafür extra Dünger. Die Arbeiter, welche in Zentralasien aufgewachsen sind und erzogen dort wurden, hatten nicht den Mut, sich zu widersetzen.

„Lasst uns mal gehen, ich helfe euch.“

Mar’ja Petrobna bemühte sich, die Beete zu jäten, das Gras zu ebnen und für die Arbeiter blieb nichts anderes übrig, außer sich zu ihr zu gesellen. Sogar die Schüler versuchten manchmal mitzuhelfen, obwohl Mat’ja Petrovna sie oft hetzte:
„Nun gehe, gehe, sonst wirst du noch schmutzig und die Eltern werden schimpfen. Deine Schuhe sind jetzt schon voller Lehm.“

Mar’ja Petrovna konnte sich selbst nicht mehr daran erinnern, wie viele Jahre sie hier bereits gearbeitet hat. Sie wurde zum Probearbeiten eingestellt, als sie gerade das zweite Kind bekam und sie die erste Tochter in die erste Klasse abgab. Wie ein Arbeiter der Schule, hatte sie Vergünstigungen. Ihre Tochter war sehr schöpferisch und etwas verpeilt, sie lebte in ihren ausgedachten Welten, dachte sich Märchenfiguren aus und erstaunliche Figuren.

Und mit realen Menschen konnte sie sich nicht unterhalten, sie hatte nie ihre Interessen vertreten und nahm sich bei Streitigkeiten zurück. Sie konnte ihr Schulbuch verlieren oder in der Umkleide ihre Kleidung vertauschen. Mar’ja Petrovna blieb, um nach ihr zu schauen und sie zu beschützen wie eine Pflanze. Und nicht umsonst: Bereits mit 15 Jahren gewann das Mädchen bei der Stadtolympiade im Bereich Literatur. Und mit 16 druckte man ihre Erzählungen in den Zeitschriften. Die Atmosphäre, welche ihre Mutter ihr geschenkt hat, erwies sich als gut für das schöpferische Wachstum. Die Tochter wurde schnell erwachsen, wurde zu einer Schriftstellerin, heiratete einen Italiener und zog mit ihm ans Meer.

Den Sohn schickte Mar’ja Petrovna in die gleiche Schule als er größer wurde. Er brachte auch die erste Blume in die Schule, schenkte diese seiner Mutter zum Muttertag. Der Junge wurde gehänselt, weil seine Mutter Putzfrau war und sich mit Lumpen und Besen beschäftigte. Und er beschloss, wenigstens ein wenig ihren Arbeitsort zu schmücken. Seitdem gab es in der dtitten Etage einen Sommergarten. Mar’ja Petrovna brachte weitere Blumen, das pädagogische Kollektiv schenkte ihr zu den Feiertagen Blumen in Töpfen. Der Sohn kam in den Pausen, um seiner Mutter mit den Blumen zu helfen und brachte es auch den anderen bei. Mar’ja Petrovna war freundlich zu den Kindern und um sie herum wuchs ein Kreis von Liebhabern der wahren Natur. Vor den Augen der Mutter verliebte sich der Sohn in ein Mädchen aus diesem Kreis. Er hinterlegte für Sie Nachrichten unter dm Kautschukbaum. Die beiden heirateten zwei Jahre nach dem Abschluss der Schule, als der Kerl in der Armee diente.

Der Sohn beschloss Soldat zu bleiben, bekam Leutnant-Achselstücke und zog weg, um im Fernen Osten zu dienen. Von dort schickte er der Mutter Pakete mit Krabben, rotem Kaviar und wildem Fisch, von dem man in der Heimatstadt noch nie gehört hat. Mar’ja Petrovna schenkte die Leckereien den Schülern, sie bracht ihnen auch selbstgebackene Keks. Und am liebsten schaute sie auf das Telefon, auf die Fotos ihrer Enkel. Die Schüler halfen ihr, mit Whatsap umzugehen: Die Frau war mit der modernen Technik nicht gerade befreundet.

Die Kinder Mar’ja Petrovnas waren bereits erwachsen und gingen jeder seinen Weg, und sie blieb weiterhin Putzfrau in der Schule. Sie fühlte sich verbunden mit der Aufgabe und den Schülern. Hier wurde für sie alles vertraut. Manche nannten sie scherzhaft Sehenswürdigkeit der Schule, etwas untrennbaren von der Schule, einer Folklorefigur ähnelnd, die auf das Haus aufpasst. Die ehemaligen Schüler brachten ihre Kinder her und begrüßten Mar’ja Petrovna mit einer besonderen Wärme und erzählten ihr von ihren Erfolgen.

Auf dem Schuljubiläum rief man die Putzfrau auf die Bühne, doch sie tat es nicht weil sie schüchtern war. Sie klatschte in die Hände im Zuschauerraum.

Doch es kam der letzte Tag Mar’ja Petrovnas in dieser Schule. Die neue Leitung begleitete sie in die Rente.

„Wir ehren Sie sehr, Mar’ja Palna“, sprach der junge Direktor und drückte ihre Hand.

„Petrovna“, korrigierte ihn die Putzfrau, die sich für die Hand schämte mit der rissigen Haut und den geschwollenen Venen, sie versteckte sie sofort unter der Weste.

„Petrovna“, war der Direktor einverstanden und nickte.

„Wozu kündigen Sie mir dann?“ verstand die Putzfau nicht und blinzelte mit den welken Augen.

„Nicht kündigen, sondern in die Rente begleiten, teure Mar’ja Palna, als Dank für Ihr langjährige Mühe für den großen Nutzen dieser Schule. Wir respektieren Sie und schlagen Ihnen deswegen vor, in die verdiente Rente zu gehen.“

„Nun brauche ich aber keine Erholung. Ich werde nicht müde: setze mich hin und stehe wieder auf…“

„Da sind Sie sehr selbstlos wie all unsere Alten, und dafür respektieren wir sie. Doch ein Mensch in Ihrem Alter soll ein großes Gebäude nicht aufräumen. Das widerspricht der Norm des Arbeiterkodex. Wie alt Sind sie eigentlich?“

Zwei neue Sekretärinnen, die der Direktor mitgebracht hat, nahmen die Putzfrau an der Hand und setzten sie in den Sessel. Sie machten es etwas schüchtern und mit Angst, als ob die Alte aus dünnem Zigarettenpapier bestand und kurz davor war zu zerfallen – sollte man eine ungünstige Bewegung machen. Eine seltsame Sache: zwei Putzfrauen konnte sich die Schule nicht leisten, vom Budget her, und zwei Sekretärinnen schon.

„Das verstehe ich nicht.“, dachte Mar’ja Petrovna und presste sich die Lippen aneinander.

Sie atmete aus und stand von ihrem Sessel auf, in den sie mit so viel Sorge gesetzt wurde.

„Nun denn, danke für die Teilnahme. Nun gehe ich. Vergesst bloß nicht die Kautschukbäume zu gießen“, sagte Mar’ja Petrovna zu den Sekretärinnen. „Diese brauchen Liebe und Aufmerksamkeit.“

„Ja, ja“, sprachen die Sekretärinnen und nickten, genau so wie der Doirektot.

Das gleiche sagte die ehemalige Putzfrau zu der Wache unten als sie sich die Schuhe umzog und mit einem Blick des Abschiedes das Schulgebäude betrachtete.

Mar’ja Petrovna verließ dieses für immer.

Seitdem wurde die Schule die aller gewöhnlichste, wie tausend anderer Schulen in kleinen Städten und Dörfern. Die Farbe an der Wand begann abzublättern, das Linoleum sich zu wellen und mit Rostflecken zu bedecken. Und die Kautschukbäume gab es nicht mehr. Wahrscheinlich geschah etwas mit der Atmosphäre.

Olga Krushenickaja: „Die Legende über Aishe-Bibi“

Die Legende über Aishe-Bibi

Ein Kapitel aus dem Roman „Die Sonne geht im Osten auf.“

Irina erreichte das Ende der Straße. Hinter der Trasse begannen die Hügel, sich streckend zu den Schneebergspitzen. Das Dorf Burnoe steht auf dem Plateau. Drumherum die Ausläufer des Karatau, Alatau und Boraldaj. In der Höhe verstecken sich Seen, von diesen laufen schnelle Bäche, die den Weg zwischen den Steinen ebnen. Im Frühling sind sie voller Wasser und Geräusche, spielend rollten sie die Steine. Zum Herbst wurden sie trocken und verwandeln sich in kaum sichtbare Rinnsale.

Während sie ging, wurde sie von einem Hirten auf dem Pferd überholt, der eine kleine Herde im Vorgebirge antrieb. Die Kühe gingen gleichgültig vorbei. Der Hirte drehte sich im Sattel um, um Irina zu beobachten. Der dunkelhäutige Kerl war ihr nicht bekannt. Zu jung, wahrscheinlich geboren, nachdem sie weggefahren ist.

Irina wollte gerne zum See hoch steigen. Sie besuchte diesen einmal mit ihrem Vater, als sie zwölf war. Sie erinnerte sich daran, wie die Wolken sich auf der Wasseroberfläche spiegelten, so als ob sie im Himmel war, dort wo Großmutters Gott lebt. Ein besonderer Ort, doch um diesen zu erreichen, braucht man ein Auto, gutes Schuhwerk und einen Führer. Selbst würde man den Weg nicht finden.

Irina war im Internet mit vielen aus Burnoe befreundet, manch einer emigrierte nach Deutschland, Russland, Kanada oder die USA. Fast all ihre Klassenkameraden sind emigriert, und diejenigen, die geblieben sind, waren nicht im Netz registriert.

Sie bestieg den nächsten Hügel, dahinter noch mehr Hügel, bis zum Horizont, wo die Berge mit dem Himmel sich verbanden. Hier hat sich nichts verändert. Unter den Füßen krümelte sich die Erde des Sommers, weit vorne sah man die Bergspitzen. Über diesen Wattewolken und ein unendlich weiter, blauer Himmel,

Nach einer Nacht im Zug, machte der Geruch der Gräser Irina betrunken, so als ob sie Likör trinken würde. Irgendwann, lange her, als sie zehn Jahre alt war, besuchte sie mit ihrer Klasse Dschambul und der Kopf drehte sich genau so wie damals.

Der kleine Bus torkelte zwischen den Hügeln. Irina beobachtetet die mit Lippenstift gefärbten Lippen der Reisebegleiterin, diese trug ein leuchtendes, himbeerfarbenes Kleid. Die Mutter, Großmutter und Lehrer Irinas, schminkten sich ganz dezent, fast gar nicht bemerkbar. Es ist peinlich, an das Äußere zu denken, sagte die Großmutter.

Jeden Morgen zog sich die Großmutter einen Schürze über das Kleid und begann mit der Arbeit.Sie fütterte Hühner und Schweine, zupfte das Gras. Schaffte es für das Frühstück einen Berg Blinis zu braten, und wenn sie sich an den Tisch setzte, dankte sie immer dem Schöpfer. Irina wunderte sich: „Wozu? Sie hat es schließlich selbst gekocht.“

Im Schlafzimmer der Großmutter, zwischen dem Fenster und dem Schrank, hing ein kleines Kruzifix, relativ versteckt.

„Damit es niemand sieht, den es nichts angeht“, murmelte sie einmal.

Vor dem Schlafen setzte sie sich vor dem Kruzifix auf die Knie, leise flüsternd. Und zur gleichen Zeit, vor dem anderen Fenster, saß die Mutter und betete ebenfalls ohne Geräusche. Im Mondlicht sah sie sehr schön aus, im Nachthemd mit offenem Haar. Ein echtes Geheimnis.

Die Großmutter ihr gegenüber, sah schlicht aus, versteckte die Haare unter dem Tuch, auf den Schultern ein Schal.

Die beiden sehen sich so ähnlich und sind trotzdem ganz unterschiedlich.

Die Großmutter wurde im Jahr 1941 aus Polvozh’ja deportiert. Sie war damals fünfzehn Jahre alt. Der Vater wurde abgeholt, und sie, die Brüder und die Mutter wurden in einen Wagon gesetzt, der eigentlich für das Vieh gedacht war. Solche Waggons nannte man auch „Kälber“. Man fuhr los. Die Großmutter erzählte, dass um den Bauchschmerz zu vertreiben, sie Stückchen von dem Ledergurt des älteren Bruders abnagte. Er hustete. Dann lief roter Schaum aus seinem Mund. Bis irgendwann der Atem stehen blieb. Dann wurde die Mutter krank. Sie und der jüngere Bruder wurden in einen anderen Wagon gebracht, und Großmutter sah sie nie wieder. Sie blieb allein zwischen hundert deutschen Umsiedlern.

Wie lange sie so fuhren, konnte sich nicht sagen. Tage und Nächte zu dem Klopfen der Räder wurden zu einer qualvollen Situation, sodass man gar nicht unterscheiden konnte, ob doch in dieser oder jener Welt bist. Doch eines Tages blieb der Zug stehen. Die Waggons wurden geöffnet, die Menschen, auf ihren wackeligen Beinen, gingen heraus, die Augen geblendet von der Sonne, und sich aneinander haltend. Das erste, was sie in dem abendlichen Licht sahen, waren Zuckerspitzen, wie eine Fata Morgana. „Station Burnoe“, las die Großmutter auf der Tafel. Ein böser Mensch in Uniform, der sich den Nacken rieb, befahl ihnen zu warten.

Die Großmutter erinnerte sich, dass die Menschen die ganze Nacht auf dem Gleis gesessen haben, sich einmummelnd in das was sie schafften, mitzunehmen von Zuhause. Und was hatten sie geschafft? Man klopfte nachts an der Tür, las den Befehl vor und dann los.

Die Großmutter wollte sich nicht an diese Zeit erinnern. Sie bekreuzigte sich und verstummte.

Die Mutter Irinas besaß Puder und eine Wimperntusche aus Leningrad, die man anfeuchten mussten. Die Mutter verteilte darauf akkurat die Spucke. Irina und ihre Freundinnen spuckten mit aller Kraft.

Zu all den Festen zog sich die Mutter das mausfarbene Kleid an mit einem weißen Kragen. Wie Irina in Aufruhr geriet von den Ratschlägen der Mutter, Kleidung von dezenter Farbe zu wählen.

Und wie sie die Reisebegleiterin verzauberte, ohne dass sie ihren Blick nicht von ihren vollen Lippen nehmen konnte.

Und diese, als ob sie Spitze weben würde, webte eine Erzählung über die Dynastie der Karahanider, die im 10. Jahrhundert das Siebenstromland aufteilten. In jedem Bereich saß sein eigener Herrscher. Der sogenannte Kagan, so selbstständig, dass er sogar die Münzen mit seinem Namen beschriftete. Seine Verwandten errichteten Kriegsabteilungen und sammelten Steuern von einfachen Hirten.

An eine Geschichte konnte sich Irina fast Wort zu Wort erinnern.

Im 11. Jahrhundert lebte der Herrscher Karahan aus einem nicht ganz bekannten Stamm. Sein Reichtum war die langjährige Verwandtschaft mit dem Kagan von Taraz.

Eines Tages, als Anführer von dreißig Reitern fuhr Karahan heraus um Steuern einzusammeln. Sein Weg führte ihn an vielen Weideplätzen vorbei, die verteilt waren entlang der Berge…

Irina fuhr Bus und stellte sich vor, wie auf dem Weg Karahans die Sonne im Osten aufging, die Steppe mit ihrem Licht füllend und das trockene Gras glänzte wie Gold. Die Pferde trugen die Reiter geradewegs, von ihren Hufen flogen Zikaden und Grashüpfer. Die Ziesel, welche die Gruppe von weitem sahen, versteckten sich in ihren Höhlen. Oben im Himmel flog ein Steinadler, der abwartete, bis die Reiter weg sind, um seine Jagd fortzusetzen.

…Karahan hielt den Weg Richtung Gebirgspass, er musste bis zu den weiten Auls fort dringen. Er hat sich schon daran gewöhnt, dass man seine Gruppe nicht mit Freud empfing, die Reiche brachten scheinbare Ehrenbezeigungen entgegen, um nach Taraz weniger Güter zu schicken.

Vor einem gedeckten Dastarhan erzählte man sich mit heißen Gesichtern über die Dürre, den Frost, den Verlust von Vieh, Krankheiten oder irgendwelchen Gefahren, die ihre Herden überrumpelten.

Man lachte, schenkte die besten Pferde, lobten den Verstand und den Mut Karahans, und bei dem Fortritt schickten sie böse und stachelige Blicke in Richtung seines Rückens.

Deswegen schloss Karahan, als er zu den Weideplätzen kam, sein Herz und nahm das Schwert heraus.

Für einen guten Dienst versprach Kagan Karahan ein Grundstück – eine Ikta. Leben und sich freuen, die Herde vergrößern, heiraten und Kinder gebären.

Doch all das gefiel Karahan nicht, er wollte im offen Kampf aufeinander treffen.

Man setzte ihn in einen Sattel und legte einen Stock in seine Hände, bevor er es gelernt hatte, zu gehen. Seine Bestimmung sah er darin, die Erde zu verteidigen von den Stürmen anderer Stämme – darin hat er seine Bestimmung gefunden. Doch es stellte sich heraus, dass er nur zwei Wege hatte: entweder das Einsammeln von Steuern, oder die Karawanen zu bewachen.

Kurz vor dem Sonnenuntergang erreichte Karahans Abteilung das reiche Aul von Hakim-Ata. Karahan beeilte sich und betrat die aller größte Jurte, die sich unterschied von ihren einhöckrigen Brüdern, wie ein riesiges, weißes Trampeltier.

Karahan verlangsamte seinen Schritt vor der Tür, in Gedanken zog er sich die beschützende Kuppel an. Er hängte den Mantel neben den Eingang, als sich plötzlich die Türen öffneten und aus der Jurte eine junge Frau herauskam. Wie alt wird sie sein, fünfzehn – sechzehn?“

Karahan bewunderte die helle Pfirsischhaut und die schwarzen Brauen. Die Frau wurde verlegen, senkte ihr Gesicht und rannte los. Ihre Amme, die ihr hinterher rannte, schnalzte unfreundlich mit der Zunge.

Karahan vergaß nicht nur die Kuppel, doch auch warum er eigentlich hier war. Er trat zurück, um der jungen Frau den Weg frei zu machen, und blickte sie an. Der Rock bedeckte ihre Beine, und sie wie eine mythische Gestalt, flog, ohne die Erde zu berühren.

Karahans Herz begann eilig zu klopfen, so wie ein gefangener Vogel in den Händen des Fängers zittert.

„Salam Alejkum, geliebter Karahan“, hörte Karahan aus der Tiefe der Jurte die Stimme Hakimats.

Es war, als ob ein eisiges Bergwasser aus einem Bach Karahan erschauern ließ,

Hakim-Ata saß am tiefen Tisch. Ein Filzteppich aus Kamelhaar schütze vor der nächtlichen Kälte, auf den Wänden und dem Boden der Jurte. Karahan begrüßte Hakim-Ata höflich, legte sich vor den Tisch und begann darüber zu sprechen, dass er morgen, zum Sonnenaufgang gerne herausfahren würde, um zum Mittag Taraz zu erreichen.

Hakim-Ata ochte, ließ wissen, wie eine Großmutter, die weinte, dass er es bis zum Morgen nicht schaffen würde…Bis jetzt ist nicht einmal die Hälfte fertig…

Karahan hörte fast in jedem Aul solche Reden. Ein jeder möchte die Zeit anhalten, freundlich sein, damit man die halbleeren Säcke die Tiere loszuschicken. Und da betrat, wie eine Sonne, die junge Frau, die er soeben bei der Tür getroffen hat.

Hakim-Ata verzog das Gesicht und öffnete den Mund, um zu schimpfen, dass sie nicht rechtzeitig kam, doch blieb still, als er bemerkte, wie Karahan sie anblickt.

„Meine Tochter, Aischa.“

Die Frau setzte sich links vom Vater. Sie verlor kein Wort, beobachtete nur selten Karahan mit einem schnellen Blick. In solchen Augenblicken verlor Karahan den Faden des Gesprächs, sich nicht daran erinnernd, was er sagen wollte.

So wie ein Funken in einem trockenen Zweig leuchtet, so verwehte die Liebe das Feuer im Herzen Karahans. Ohne sich zu widersetzen, gab er Hakim-Ata die Einverständnis für zwei Tage zu bleiben. Nur sollte man das Feuer in der Brust löschen, weg fahren wohin die Augen blicken. Nur um Aisha zu sehen und wieder zu sehen.

Lange vor dem Schlaf saß Karahan bei dem Fluss. Gedankenverloren schmiss er Wasser in das fließende Wasser. Der schnelle Strom trieb sie schnell die Strömung entlang, manchmal fielen die Steine mit einen dumpfen Schlag auf das winzige Wasser.

Karahan verstand, dass Hakim-Ata ihm ablehnen würde: er ist von einem ehrenvollen Stamm, Aisha ist seine einzige Tochter. Wird er die teure Schönheit einem solchen wie Karahan abgeben? Und die Frau stehlen, wie es angebracht war in der Steppe, wenn nicht genug Geld hat für Kalym oder die Eltern dagegen sind.

Karahan konnte nicht, er kam in der Sache des Kagans, er wollte nicht seinen Namen beschmutzen mit dem Diebstahl der Braut zu beschmutzen.

Karahan wachte bei Sonnenaufgang auf mit dem Gedanken, dass er mit Aischa reden möchte. Im Aul Hakim-Atas stehen einige Jurten, doch Karahan fand noch am Abend jene, in der Aischa mit ihrer Amme Babadzha-Hatun lebte. Um die Spuren des Schlafes und schwerer Gedanken zu vrdrängen, nahm Karahan das kalte Wasser aus dem Brunnen in seine Hände und spritzte es sich ins Gesicht. Die Kälte brannte auf der Haut und lief mit einer Frische den Hals herunter bis zum Herzen.

Aisha ging aus der Jurte, wie eine Sonne, und beleuchtete alles Im Umkreis. Karahan verglich sie mit einem Vogel, welcher im frühen Frühling auf die ebene Erde kam. Nur was ist es? Dunkle Schatten lagen unter den Augen der Frau, die Haut wurde blass, die Brauen noch dunkler. ES sah so aus, dass auch für Aisha diese Nacht ohne Schlaf verlief.

Die Frau blieb vier Schritte vor Karahan stehen und blickte ihm offen in Gesicht. Als ob sie ihm in die Seele blicken würde, dachte Karahan. Vor Sorge trocknete seine Zunge aus, so als ob er zwei Tage nichts getrunken hätte.

„Ich habe viele Frauen gesehen“, sprach mit einer heißeren Stimme Karahan. „Nicht eine hat mich so berührt wie du. Du bist für mich wie Luft, wie der Himmel, wie die Sonne, ich denke nur an dich. Kann es denn ein Leben ohne Sonne geben?“

Ausha-Bibi hörte zu ohne ein Wort zu sagen. Ihre Wangen wurden rosa, der Atem beruhigte sich.

„Sage, möchtest du mit eine Sonne, ein Mond sein, das Feuer in meiner Jurte hüten und meine Söhne großziehen?“

„Du bist für mich auch wie Licht“, flüsterte Aisha, wurde dann jedoch unsicher, blickte sich um und sagte: „Wohin du, dorthin auch ich.“

In diesem Augenblick zeigte sich die Amme mit einer Karaffe auf der Türschwelle:

„Aisha, geh in die Jurte.“

Aisha drehte sich um:

„Babadzha-Apa, ich komme gleich.“

Und sie erstarrte, während sie in Karahans Augen blickte. So standen sie da, ohne Kraft nur ein Wort zu sagen, ohne sich einander zu nähern und sich voneinander zu entfernen. Bis die Amme kam, sie an sich zog und Aisha in die Jurte zerrte.

Die Rede von der entflammenden Leidenschaft verbreitete sich schnell im Aul. Die junge Ehefrau Hakim-Atas, als sie ihm morgens seinen Mantel gab, sprach:

„Die Menschen sprechen, dass Karahan bei Sonnenaufgang heimlich mit Aisha gesprochen hat.“

Hakim-Ata knirschte mit den Zähnen: wohin hat Babadzha geschaut?

„Sie ist alt geworden, ich sagte doch, sie schaut schlecht. Man muss sie austauschen.“

Hakim-Ata sagte nichts. Babadzha kümmerte sich seit dem Säuglingsalter um Ausha. Als die Mutter Aushas im Sterbebett lag, bat sie, dass man Babadzha von all ihren Pflichten befreit, und diese ihre ganze Zeit der einzigen Tochter widmet. Er verbeugte sich, und sagte, dass er ihren Willen erfüllen wird und konnte den Schwur nicht brechen. Babadzha-Hatun sorgte sich um Aisha, wie um eine sehr kostbare Blume. Eine bessere Amme kann man im ganzen Siebenstromland nicht finden.

Das Leben im Aul wurde turbulenter. Die Frauen bereiteten den Dastarhan für den Abend zu, die Männer verbrachten die Zeit im Gespräch, in sich den Geruch des kochenden Fleischs aufsaugend, welcher über den Kesseln hing.

Welcher Kasache liebt nicht einen guten Toj. Alle sind froh, die Sorgen des Tages zu vergessen, gut zu essen, die Lieder eines Akyns zu hören und einfach zu reden.

Karahan fand keinen Platz inmitten der allgemeinen Vergnügung. Sein Verstand riet ihm, weg zu fahren, ohne sich zu erklären, dann wieder zurückzukehren. Doch sein Herz klopfte, dass man nicht zu langsam vorgehen sollte, dass man Aisha in seiner Abwesenheit einem anderen zur Braut geben wird.

Am Abend, als die erste Portion des Hammelfleisches schon aufgegessen war und das zufriedene Sattheitsgefühl alle am Tisch beglückte, nutzte er den Augenblick und rief Hakim-Ata zum Gespräch.

„Wenn du die Fohlen meinst, dann mache dir keine Sorgen, die besten kommen morgen früh vom Weideplatz“, sprach Hakim-Ata und richtete seinen Mantel.

Hakim-Ata war nicht mehr jung, sein ganzes Haar hatte einen grauen Ton. Er hatte es bald gelernt, die Dinge zu seinem Gunsten zu wenden.

Karahan machte sich dagegen Sorgen, wie ein blitzschnelles Pferd, das nur an das eine denkt:

„Hakim-Ata, ich sah deine Tochter und verlor die Ruhe. Ich bitte dich, gib sie mir als Frau. Ich zahle dir, was du möchtest. Ich werde mich um sie sorgen und sie verhätscheln, ich schwöre bei meiner Mutter.“

Hakim-Ata richtete sich den Bart und begann folgendes Gespräch:

„Karahan, teurer, du bist ein ehrenvoller Mensch, ich würde dir mit Freude meine Tochter zur Braut geben. Als sie gerade geboren wurde, da versprachen Adzhamal-Ata un ich uns, dass unsere Kinder unsere Freundschaft retten werden, sein Sohn und meine Tochter. Nun sind unsere Verhältnisse seit einiger Zeit etwas unterkühlt und es kann geschehen, dass der zwölfte Frühling Aishas naht, und die

Söhne Adzhamals nicht wiederkommen. Dann können wir noch einmal darüber sprechen.“

Vor dem Sonnenaufgang ist die Luft durchsichtig und kühl. Über die Erde breitet sich ein Nebel aus, er ummantelt die Gräser. Die Pferde scheinen in der Steppe zu wandeln. Die Abteilung Karahans kann man kaum erkennen bei dem Morgennebel, er verließ den Aul Hakim-Atas noch bevor sich der obere Rand der Sonnenscheibe zeigte.

Hakim-Ata begleitete Karhan und eilte in die Jurte Aishas. Babdzha-Hatun, eine hohe, noch nicht alte Frau, saß am Eingang mit einer Teeschale in den Händen. Als sie Hakim sah, stand sie auf.

Er antwortete mit dem Nicken des Kopfes zur Begrüßung und fragte heißer:

„Schläft Aisha?“

„Ja, ich komme gerade von ihr.“

„Gehe, und schaue, dass sie nicht raus geht.“

„Wie konnte sie weggehen wenn ich hier sitze?“

„Gehe doch bitte“, bestand darauf Hakim-Ata.

Babadzha stand unerwartet forsch auf, betrat die Jurte und kehre mit einer Teeschale zurück, die voll mit Milch war:

„Sie schläft, Ajnalajyn, und das ist für dich“, die Amme reichte ihm die Teeschale. „Kamelmilch, vom heutigen Melken. Wenn man sie morgens auf Anhieb austrinkt, wir man nicht alt.“

„Man wird mich noch für ein Kameljunges halten“, scherzte Hakim-Ata und nahm die Teeschale an sich.

Sechs Tage lang wachte Hakim-Ata bei Sonnenaufgang auf und kam zu der Jurte Aishas, um so zu tun, als würde er nur Kamelmilch trinken wollen und er ging wieder zurück um am nächsten Abend und Morgen wieder zurück zu kehren. Jedes Mal befahl er Babadzhe:

„Schaue gut nach Aisha, damit man sie nicht stiehlt. Karahan ist ein forscher Kerl,“

Er stellte eine Wache auf, doch fuhr fort sie selbst zu überwachen. Und wie oft er auch hin ging, er traf sie nicht. Nur am siebenten Tag wurde er nicht von Babadzh-Hatun getroffen. Kaum ging die Sonne auf, kam Hakim-Ata zur Jurte und begegnete nur der Wache, die schnarchend, fest schlief und sich an die Jurte lehnte. Schon hatte er ein seltsames Gefühl. Hakim-Ata weckte ihn mit einem Tritt und betrat die Jurte. Alles auf seinem Platz als ob die Hausherrinnen für Ordnung schufen vor dem Empfang der Gäste, so dass sie sogar ihren Geist wegwischten. Hakim-Ate blickte sich um: es war niemand da! Von Aisha und Babadzhi-Hatun gab es nicht einmal ein Haar.

Wie ein Wahnsinniger sprang Hakim-Ata aus der Jurte, schrie und deutete mit den Fäusten in den Himmel:

„Über sechs Flüsse kannst du gehen, jedoch nicht über den siebenten!“

Als die Menschen auf seine Rufe hin erschienen, befahl er ihnen:
„Fangen, zurückholen!“

Zu dieser Zeit standen Aisha-Bibi und Babdzha-Hatun schon weit hinter den sechs Flüssen und hielten ihren Weg Richtung Taraz. Es war ungewöhnlich im Sattel zu sitzen.

„Amme ich sehe einen Fluss, lass uns den Pferden zu trinken geben.“

„Wie du meinst, Zhanym“ , erklärte sich Babadzha bereit.

Als sie stehen blieben, blickten sie sich zuerst um, ob sie nicht verfolgt werden, und erst danach machten sie Rast. Die müden Pferde machten sich sofort auf den Weg zum Wasser.

Aisha wollte sich waschen, zog ihren Saukel aus und legte ihn auf das dichte Gras bei dem Ufer. Viele Male schöpfte sie das Wasser in die Hände und führte es zum Gesicht, bevor sie den inneren Durst löschte.

Babadzha hielt die Pferde bereits am Riemen, bereit weiter zu reiten, doch Aisha konnte sich nicht vom Wasser los reißen.

„Aisha, Zhanym, beeile dich“, überredete sie die Amme. „Ich meine, ich höre das Trampeln von Pferden.“

„Das hast du dir nur eingebildet, Amme. Alles ruhig.“

„Meine Sicht ist immer schlechter, und mein Gehör immer besser. Glaube mir, sie nähern sich.“

Aisha schnappte sich das Saukel, zog es an und hätte beinahe los geschrien. Sie wurde blass, schmiss ihre Kopfbedeckung runter und daraus sprang eine kleine Schlange, die wieder zurück ins Gras kroch. Babadzha rannte zu Aisha und schaute sich die kleine Spur des Bisses auf der zarten Haut neben dem Ohr an, näher zum Hals, dort wo die Vene pulsiert.

Mit Aisha in den Händen fiel Babadzha auf die Knie und begann zu beten:

„Oh Gott, hilf uns!“

Die Haut Aishas wurde blass, wie eine Ebene, die gerade vom Schnee bedeckt wurde. Babadzha führte ihre Hand durch das Gesicht Aishas, warf die Zöpfe aus dem Gesicht und ochte. Den Hals Aishas bedeckte in einem Augenblick ein rotes Spinnengewebe, so als ob eine durchsichtige Spinne es geschafft hätte, ein Netz unter der Haut zu weben. Auf den zwei Wunden zeigten sich Tropfen Blut.

„Amme, mir wird schrecklich schwarz vor Augen. Das Gras und der Himmel wurden dunkel.“

Babadzha näherte ihre Lipppen den Wunden, zog das Blut und das Gift ein. Doch zu spät. Aus der Brust Aishas hörte man Stöhnen, sie machte die Augen zu und ging in die Vergessenheit.

„Aisha, blicke mich an! Spreche mit mir!, schrie Babadzha.

Als Antwort hörte sie nur das Rascheln des Schilfrohrs und das Trampeln von Hufen. Doch was bedeutet das für Babadza, wenn ihr geliebter Zögling sich in Todesgefahr befindet.

Als sie die Reiterden beiden Frauen genähert hatten, sprang einer von ihnen vom Pferd und näherte sich ihnen. Die Amme hob die Augen, voller Tränen und atmete mit Leichtigkeit aus: vor ihr stand Karahan.

„Eine Giftschlange!“, war das einzige, was Babadzha-Hatun sagen konnte.

Karahan nahm vorsichtig Aisha und trug sie wie einen gerissenen Zweig. Für eine Sekunde machte sie die Augen auf und flüsterte:

„Oh, Karahan, meine Seele!“

„Aisha, Aisha-Bibi, ich bin bei dir. Nur lebe! Ich fahre dich zu einem Heiler, du wirst wieder gesund, wir werden nun für immer zusammensein.“

Karahan trieb sein Pferd auf den Weg nach Taraz an. Das Pferd stöhnte, rollte wahnsinnig die Augen, doch er flog vor der Gruppe der Reiter, obwohl er zwei Menschen auf sich trug.

Babadzha-Hatun bemühte sich mit allen Kräften, hinter herzukommen.

Als man in der Weite Mauern sah, stöhnte Alisha, die bisher geschwiegen hatte:

„Bleibe stehen, ich bitte dich.“

Dünne, Blutrinnsale flossen aus ihrer Nase und den Lippen. Karahan legte Aisha auf die Erde, legte seinen Mantel unter ihren Kopf.

Aisha machte weit die Augen auf, als ob sie den Himmel in sich hereinlassen wollte, sie streckte sich und wurde für immer still.

„Aisha, Aisha, gehe nicht weg!“, schrie Karahan.

Babadzha-Hatun, die sie eben erreicht hatte, nahm Aisha an der Hand. Sie spürte die tödliche Kälte ihrer Haut und begann zu weinen:

„Ooh, Himmel, warum hast du nicht mich geholt?“

„Sie ist gestorben, gestorben“, flüsterten die Reiter der Abteilung.

Karahan hörte es, doch verstand nicht, was sie sagen. Trauer riss sein Herz auseinander, störte den Verstand.

Warum bestraft der Himmel ihn? In seinem achtundzwanzigsten Frühling traf er seine Liebe und verlor sie sodann. Woran hatte er Schuld? Er stöhnte wie ein verletzter Wolf und fiel schluchzend auf die Erde. Die Reite blieben neben ihren Pferden stehen und senkten ihre Blicke.

Karahan wurde wahnsinnig vor Trauer. Nachdem man Aishas Körper der Erde übergab, verschloss er sich für einige Tage, sprach mit niemandem, trank und aß nichts. Und als er zu sich kam, stellte er die Jurte neben das Grab und rief berühmte Meister. Er verkaufte fast alle seine Herden, damit Aisja einen besseren Ruheort fände.

Die Steine für das Gebäude wurden nach einem Geheimrezept angefertigt, indem man dem Ton Bronze zufügte, Tierfett und Gold. Die Steine klangen, wenn man auf sie klopfte. Und als das Mausoleum fertig war, stellte sich heraus, dass man darin nur im Flüsterton reden kann. Selbst wenn man mit einer leisen Stimme sprach, wurden die Worte in den Umkreis geweht und der Liebste konnte hören, wer die Ruhe Aisha-Bibis gestört hatte.

Bei Regenwetter klang das Mausoleum wie einer Orgel.

Einige Meister saßen drei Jahre bei den Kacheln und malten Muster. Karahan nahm jede Kachel an sich, hielt sie in den Händen, als ob er seiner Liebster Wärme geben wollte.

Auf die vier Säulen des Mausoleums stellte man eine hohe Kuppel, der an ein Saukel erinnerte.

Babadzha-Hatun wurde zur Wächterin des Mausoleums und als ihre Zeit kam in die andere Welt zu gehen, da bauten Karahan und Babadzhe-Hatun eine Nische in zwanzig Schritten vor Aisha.

Karahan befahl auch sich selbst so zu beerdigen, damit man von seinem Grab das Mausoleum Aisha-Bibis sehen konnte. Alle drei Mausoleen sind bis in die heutige Zeit erhalten.

Die Reisebegleiterin wurde still. Die in den vorderen Reihen sitzenden hörten leise ihren Erzählungen zu, jedoch im hinteren Teil des Busses spielte man laut und mit Lachen irgendwelche Spiele. Jemandes Mütze flog durch die Luft. Der Reisebegleiter blickte auf die Kinder besorgt un setzte sich. Sie trank einen Schluck Wein, nahm einen Spiegel hervor, Puder und Lippenstift. Puderte sich die Wangen und die Nase, färbte ihre Lippen. Irina beobachtete sie, ohne zu blinzeln. Diese Frau schien nie die Regeln gehört zu habe, welche Irinas Mutter und Großmutter sie gelehrt hatten.

In dem Dorf Golovachenka bog der Bus um. Er fuhr etwas auf dem schmalen Weg zwischen den Bäumen und blieb stehen. Die Kinder warfen sich laut aus dem Bus. Die Erwachsenen stellten sie zu Paaren auf und führten sie zum Mausoleum. Genauer zu dem, was davon übrig geblieben ist – ein Torbogen, ein Pfeiler und eine Wand. Über den Ruinen, wie über einem Grab einer schlafenden Schönheit, zeigte sich ein Sarkophag aus Glas.

„Und wenn man diesen tritt, zerbricht er?“, fragte einer der Jungs.

„Das ist eine Sicherheitskuppel, um das Gebäude vor dem Zerfall zu retten“, klärte die Reisebegleiterin sie auf. „Schaut auf die Kacheln. Eine jede von ihnen ist 18 Zentimeter groß, so alt wie Aisha wurde, Und auf die achtzehnte Kachel malte der Meister eine arabische Zeile: „Herbst…Wolken…Erde wunderschön.“

Irina schaute sich unter die Füße. Das Gras war längst trocken. Von den Pappeln des herwehenden Windes wurde Laub aufgewirbelt, dieses flog durch die Luft und legte sich auf die Erde. Auf dem Horizont zeigten sich die ewigen Bergspitzen. Die Sonne leuchtete hell, doch war sie nicht so warm wie im Sommer. Durch den blauen Himmel schwammen die seltenen Wolken.

Kirill Sharypin: „Literarisches Fastfood. Erzählungen.

Bei der Vorstellung

„Doktor, er liebt mich nicht! Ich bin rein, adrett, schön und sexy. Sehen Sie auf mich Doktor, ist es nicht so?“

„So ist es.“

„Warum liebt er mich dann nicht? Er möchte mich anderen Menschen nicht zeigen. Schämt er sich für mich? Oder gefalle ich ihm nicht. Gefalle ich Ihnen, Doktor? Was sagen Sie über mich?“

Sie sind eine schöne, blonde Frau. In Ihnen ist alles. Ob Sie mir gefallen oder nicht, das kann ich nicht sagen wegen professionellen Überzeugungen und Verboten.“

„Er fand mich zuerst, verstehen Sie? Als ich ihn im Supermarkt sah, verstand ich sofort, dass es alles ist! Ich habe mich in ihn verliebt. Er ging lange durch das Geschäft, blickte mich an doch entschied sich nicht mir zu nähern und dann machte er es! Er nahm mich und brachte mich weg. Ich zitterte vor Glück. Doch wofür? Für eine solche Beziehung mit mir? Ich habe ihn nicht verdient. Er verlässt mich praktisch jeden Tag. Er nimmt mich am Morgen und am Abend verlässt er mich. Und es gibt Tage, wenn ich alleine zuhause bin. Ganz allein, ohne ihn. Und er ist bei einer anderen. Verstehen Sie? Nicht mit mir. Ich bin so müde von all dem , weine jeden Tag. Bin ich etwa schlechter?“

„ Nein.“

„Richtig, bin ich nicht, das meine ich auch. Und er treibt sich mit anderen herum. Ich muss zuhause sitzen, doch ich will nicht. Ich will auf ihm sein. So dass er jeden Tag mich auf sich anzieht. Ich wärme ihn mit meinem Körper. Welcher Körper! Ich erwärme die Seele, schenke Wärme. Und wenn ihm warm ist, dass ist es auch für mich angenehm, ich bin glücklich deswegen. Wissen Sie in welchen Momenten ich noch glücklich bin?

Im Sommer oder zu der Jahreszeit, wenn ich nichts anderes trage. Dann geht er und bewundert mich. Zeigt mich allen, versichert, dass ich nur ihm nur ihm gehöre. Davon leuchte ich und werde rot. Doch das ist im Sommer, und wenn es draußen kalt ist, dann ziehe ich ein Hemd an, einen Pullover und einen Mantel. Dann sieht man mich gar nicht mehr. Die Menschen wissen nicht, dass er mir gehört, dass ich auf ihm bin.Und dass die Zeit uns beiden gehört. Pfff. Ich hasse Pullis, Hemden und Mäntel! Und weitere Shirts ebenso! Diese kann ich besonders schlecht ausstehen. Und andere Jahreszeiten, wenn es kalt ist. Ich möchte, dass es immer warm ist.

Gelbe Vorhänge

Sie hatte ihn gerade verlassen.Die Frau stand von der Bank auf, senkte seine Hände und ging mit den Worten „Lebewohl , rufe mich nicht mehr an.“ Er blickte ihr hinterher und sie schaffte es nicht sich vor seinem Blickfeld zu verstecken, da schossen die Tränen aus den Augen. Er ähnelte einem kleinen, verlorenen Kind. Doch im Gegensatz zu Kindern, widmete man ihm keine Aufmerksamkeit.Und wenn doch, dann dachte man „Schwächling“, „Männer weinen nicht“, „heult wie eine Frau, „es ist ekelhaft zu beobachten, wie ein dreißigjähriger Mann eine Heulsuse mimt vor allen Zuschauern“, „ist es nicht peinlich?“, „was ist schon dabei?Der Mensch weint, ja und? Soll es mich nicht betreffen“, „vielleicht ist ihm irgendein Leid zugestoßen? Macht sich Sorgen!“ Und wie er sich Sorgen macht! Seine Freundin hat ihn verlasse! Vor fünf Minuten ist seine Welt zusammen gebrochen. Zersplitter in Scherben. Die Flamme seines Herzens wird immer trüber mit jedem Atemzug, als ob die Frau extra, sehr langsam die Flamme mit Wasser löscht. Sie macht sich lustig über ihn, gibt ihm nicht die Möglichkeit, schnell das Leiden loszuwerden, er erinnerte sich für immer an sie. Er sitzt auf der Bank am U-Bahnhof und fährt fort zu weinen. Er ist alleine geblieben. Er hatte drei Monate Glück. Er war begeistert, leidenschaftlich, verliebt. Das beflügelte ihn. Und nun? Er fiel hin und sein Herz zersplittere in kleine Teilchen, in Tausend unsichtbare Teilchen. Im Moment des Falls flogen vor seinen Augen wunderschöne Erinnerungen: Der erste Kuss, die Zeit, die sie zusammen verbracht haben. Er erinnerte sich, wie er zum ersten Mal ihr kurze, gelbe Shorts sah (damals verliebte er sich in sie zum zweiten Mal.). Wie er so da saß, sie umarmte, eingemummelt in eine Decke und sie sich Filme anschauten.In diesen Tagen trug sie ihr gelbe Shorts. Sie machte nichts, verführte ihn. Erzürnte. Immer, sogar wenn er schlechte Laune hatte. Sollte sie ihre gelbe Shorts anziehen, wurde seine Aufmerksamkeit direkt auf diese gelenkt. Und das nutzte sie aus. Sie mochte seine schlechten Launen nicht. Er weinte weiter. Das Volk ging an ihm vorbei, aus einem Wagon in den nächsten. Neben ihn setzte sich eine Frau von ca. dreißig Jahren. Sie sah ihn als er in den U-Bahnhof ging und begann sich Sorgen zu machen

„Junger Mann, geht es Ihnen schlecht? Kann man Ihnen helfen?“ In diesem Moment zitterte er vor Überraschung. Er dachte, er sei hier alleine. Er drehte den Kopf auf das Geräusch der Stimmen und erblickte ein schönes Geschöpf. Er versuchte sich zu beherrschen und mit dem Weinen aufzuhören. „Ich…ich werde sie nie mehr in ihren Shorts sehen! In den gelben. Meinen Lieblingsshorts. Verstehen Sie?“ Er näherte sich ihr, konnte sich nicht beherrschen, weinte wieder und ließ den Kopf der Frau auf seine Brust fallen. Sie umarmte ihn und begann ihn auf den Kopf zu streicheln, dabei murmelnd:

„Leise, leise, mein Kleiner. Die Menschen schauen schon.“ Und ihm ist es egal! Sie wissen nicht, dass er sie nicht mehr in ihrer gelben Shorts sehen wird. Doch er weiß es! Und darum geht es ihm schlecht! Traurig und trübsinnig. „Ach was! Natürlich sehen Sie sie“, sagte die Frau, um ihn zu beruhigen

„Können Sie diese für mich anziehen?“, sprach er schluchzend,

„Kann ich. Nur lassen Sie und schnell von hier verschwinden.“

Er machte sich fertig. Sie wartete auf ihn und sie begaben sich in die Richtung des Ausgangs. Sie saßen auf der Bank auf der anderen Seite der U-Bahn und stritten sich. „Mir reicht es!Ich habe genug davon, jede Tag deine blöden gelben Shorts zu tragen. Ich träume schon davon. Als ob ich das noch brauchen würde. Ich kann so nicht mehr. Du liebst nicht mich…sondern diese….Kleidung von gelber Farbe. Ich verlasse dich“, sie steht auf, wirft in sein Gesicht eine Tüte mit dieser „gelben Kleidung“ „Hier, verschlucke dich daran!“ und sie verschwindet in der Menge. Sie hat ihn gerade erst verlassen. Sie schaffte es gerade in der Menge zu verschwinden, als aus ihren Augen Tränen rannen.

Die Überraschung

Die letzte Stunde dieses Tages trat in seine gesetzliche Ordnung.In fünfunddreißig Minuten wird der Bus auf der einsamen Bushaltestelle eine junge Frau herauslassen, die, so wie es aussieht, niemand treffen wird. Gerade diese Frage beschäftigt gerade Timur. Sich beschäftigen ist wohl nicht der Fall, sondern erörtern: „Soll ich sie überraschen?“ Fünf Tage haben wir uns nicht gesehen und ich konnte nur sprechen. Was soll man hier denken? Wenn du willst, dann triff sie, wenn nicht bleib zuhause.

„Okay, vielleicht schreiben oder anrufen? Fragen, ob sie es zum Bus schafft? Sonst bin ich da und sie nicht. Doch dann klappt es mit der Überraschung nicht, stimmt es?“

„So ist es. Du schlauer, kleiner. Und wenn Sie sie treffen, dann wird es keinen Wert haben!“

„Nun, man muss endlich etwas entscheiden! Wenn ich sie treffen will, muss ich jetzt raus gehen, damit ich noch einen Blumenstrauß kaufen kann.“

„Wie gut du bist! Er will Blumen kaufen!“

„Nun denn, ich gehe raus. Nur verkauft man nachts bei uns die Blumen?“

„Welch eine Frage….Och!“

„Ich erinnere mich, man verkauft sie neben der Apotheke. So! Wie viel Uhr?“ Ich muss mich beeilen.“

Er zieht sich schnell an, schließt hinter sich die Tür zu und ohne auf den Aufzug zu warten, rannte er die Treppe herunter. Mit einem schnellen Schritt ging er zum Blumengeschäft und kaufte einen Strauß. Dann blickte er auf die Uhr. „So, ich habe noch elf Minuten. Ich schaffe es.“ Er hat es geschafft. Bis zur Ankunft des Busses bleiben noch zwei Minuten. An der Haltestelle trifft Timur einen auf der Bank sitzenden Kerl von ca. dreißig Jahren, gut gekleidet. Sie begrüßen einander mit Blicken. Timur steht neben dem Unbekannten und schaut auf die Uhr: Der Bus muss jede Minute kommen. Der Bus nähert sich der Bushaltestelle, der Fremd steht von der Bank auf und nähert sich dm Ort des Einstieges. Der Bus öffnet die Tür, aus diesem steigt die Treppe herunter, die Geliebte Timurs. Der Fremde gibt ihr seine Hand und hilft ihr auszusteigen. Timur denkt, das sei eine gewöhnliche Höflichkeit, anderen Menschen, besonders Frauen, zu helfen aus dem Bus auszusteigen. Ernsthaft? Ist es in Ordnung wenn ein Fremder einer Fremden seine Hand gibt?

Die Heldin, welche die Treppe hinabstieg, lässt die Hand des Fremden nicht los. Der Kerl setzt sich ebenfalls nicht in den Bus um weg zu fahren. Der Bus wartete ein paar Sekunden, machte die Tür zu, fuhr fort und ließ Timur beobachten, wie seine Geliebte einen Fremden küsst und ihn dann umarmt. Dann bemerkt sie Timur mit dem Blumenstrauß. Ihre Blicke trafen sich, doch sie kehre zum Fremden zurück. Das grüne Licht leuchtet, sie hält den Fremden an der Hand um die Straße zu überqueren. Nun denn Timur? Du wolltest jemanden überraschen, doch du selbst wurdest überrascht.“

Eine solche Tochter brauche ich nicht.

„Hallo? Wo bist du?“ macht sich Artjem Sorgen.

„Oh, hallo“, antwortet Natalie. „Ist es schon Zeit?“

„Stell dir vor!“ antwortet mit einer Note des Beleidigtseins der junge Mann. „Sei nicht böse, Geliebter, du weißt doch, dass ich immer zu spät bin.“

„Ja, ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen. Gut, dann mache dich fertig, ich werde solange das Buch lesen.“

„Wie langweilig du bist! Erinnere mich, wo wir uns treffen?“

„Beim TC Venera“, murmelte er und dachte vor sich hin: „Gott, warum liebe ich sie? Ich verstehe es nicht.“

„Gut, ich habe dich verstanden. Bin bald fertig. Kuss.“

Der Monat Juli. Freitagabend. Die Uhr zeigt viertel nach sechs und die Leuchte brennt wie um zwölf Uhr am Tag. „Sonne! Gott! Ich habe dich nicht vermisst. Wohin beeilst du dich, deine Wärme zu verschenken?

Gebe das lieber langsamer weg, nicht sofort.“ Ich fand eine Bank im Schatten und versteckte mich auf dieser. Ja, hier Kaffee trinken, sich mit kaltem Wasser umspülen und das wird immer noch zu wenig sein. Schrecklich! Auf dem Platz neben dem TC Venera ist relativ viel Volk: Eltern mit ihren Kindern, die rennen, schreien und glücklich sind, Jugendliche, manche allein, andere in Gesellschaft, flüstern. Manch einer flirtet, solange ihre Ehepartner sich im Inneren Veneras befinden .

„Schaue nur!“ eine gut gekleidete Frau bleibt stehen neben dem Kerl auf der Bank, sie bemerkt ihn nicht und wendet sich an den Ehemann, der seine Tochter beobachtet. „Nur schlechte Noten. Nur Vierer, Fünfer…und dazu noch eine Bemerkung über ein schlechtes Verhalten: „Hat dem Lehrer im Unterricht nicht zugehört, war frech“. Wofür zahlen wir überhaupt? Hörst du mir zu? Wem erzähle ich das alles?“

„Hmm“, war das Einzige, was der Ehemann sagte und er fuhr damit fort, seine Tochter zu beobachten, die mit irgend einem Jungen flirtetet.

„Hey, komm her du Schlampe!“ schreit die Mutter der Tochter zu, die ca. fünfzehn, sechzehn Jahre alt ist.

„Gleich Mama. Ich werde mit Nik sprechen und komme dann.“ „Mit Nik?“

die Frau und der Mann blicken einander an. „Nein. Schnell zu uns, habe ich gesagt!“

Das Mädchen läuft begeistert zu den Eltern, mit Funken in den Augen und Lippenstift.

„Was ist denn geschehen, dass du mich hast von dem Gespräch mit Nik hast weggerissen?“ Sie atmete traumhaft aus als sie den Namen Niks hörte. „Er wird nun weggehen und wir haben jetzt erst begonnen zu sprechen. Er wollte mir etwas wichtiges sagen, und hier kommst du…“

„Etwas wichtiges?“ Die Mutter ließ die Tochter nicht aussprechen. „Schaue mich an wenn ich mit die rede!“ Die Mutter gibt ihr einen Stoß in den Nacken und sieht, dass die Tochter dem keine Aufmerksamkeit widmet, nur auf Nik. „Ach. Es tut weh! Was ist denn Mutter?“

„Hast du Schlampe deine Noten gesehen? Was soll das?“

„Ach, das sind Nebensächlichkeiten, Ma, ich verbessere mich. Es ist schließlich nicht das Ende des Jahres.“ Sie dreht sich vom Notenheft um, zu Nik, und jener erzählt irgendetwas einer Gruppe von Menschen, worauf hin alle lachen. „Nicht das Ende des Jahres?“

„Verstehst du, dass du sitzen bleiben kannst? So dankst du deiner Mutter für die Sorge?“ „ach quatsch. Sie werden mich höchstens in die Sommerschule schicken, da werde ich mich verbessern. Ich habe einen Vertrag mit den Lehrer, mach dir keine Sorgen.“ „Wen blickst du da die ganze Zeit an? Schaue mich an!“

Sie blickt in Richtung Niks. „Schläfst du mit ihm?! Hast ihn schon gefickt, stimmt es?“ Sie gibt ihr eine Ohrfeige. „Bist du etwa eine Schlampe? In deinen Jahren. Ich habe in deinem Alter nur über Noten nachgedacht und schaue, was aus mir geworden ist. Und du bist eine Schlampe. Denkst nur an Jungs? Das erlaube ich dir nicht.“ Sie dreht sich zum Ehemann. „Mann?“ Dieser blickt auf die Tochter mit einem verurteilendem Blick, voller Hass. Nimmt einen Revolver heraus und richtet diesen auf die Tochter. „Papa, Papa, was…soll das? Nicht…nicht…ich werde es nicht mehr….“ Sie schafft es nicht zu ende zu sprechen, denn die Patrone erreicht ihren Kopf. „Eine solche Tochter brauche ich nicht mehr!“ spricht der Vater. In dem Moment des Schusses beruhigt sich alles. Es gibt kein Geräusch. Keiner wagt es, sich zu bewegen. Der Mann steckt die Waffe weg, die Frau nimmt ihn an der Hand und führt ihn weg vom Platz. Mit ihrem Abgang füllt sich der Platz wieder mit Klängen, so als sei nichts geschehen. „Hallo“, mit einer zärtlichen Stimme spricht Natalie als sie Artjem auf der Bank erreicht. „Hier bist du! Und ich suche dich überall. Auf die Anrufe meldest du dich nicht.“ Sie blickt auf sein verwirrtes Gesicht und erblickt jetzt erst den Körper der Frau, die neben der Bank liegt. Gott! Was ist nur geschehen?“

Torte

Ein Anruf. „Hallo Teure. Sage mal, machst du immer noch Torten auf Bestellung oder nicht mehr?“

„Hallo Liebes. Natürlich. Mache gerade eine Bestellung fertig. Warum? Wolltest du etwas?“ „Ja, mein Kerl hat Geburtstag am Freitag. Ich wollte ihn überraschen, eine Torte mit dem Bild seiner Lieblingsschauspielerin.

Stell dir vor, dieser Frechdachs hat außer mir noch ein Weib! Und es ist egal, dass sie sich nicht persönlich kennen. Sie weiß nichts von seiner Existenz, und er liebt sie, dieser Depp! Nun okay, ich habe mich vom Thema entfernt. Die Schauspielerin heißt Meri Elo. Diese Hure spielte in einem doofen Film mit, der meinem Kerl gefällt, und ich kann ihn nicht ausstehen. „Scott Pilger gegen alle“. Hast du geschaut? Ich möchte dass auf der Torte ein Fragment des Filmes ist, wo sie bei einer Party steht neben einer Wand mit rosa Haaren und einem Glas Alkohol, bevor Scott sich näher zu ihr setzt. „Ich schicke dir ein Bild.“ „Was ein Arschloch! Wie kannst du dich danach noch mit ihm treffen, das verstehe ich nicht.“ „Ich verstehe es selbst nicht! Doch ich werde es ihm zeigen!“ „Hast du etwas vor?“ „Ich kann nicht darüber sprechen, werde dir später davon berichten.“

„Gut, ich warte auf deinen Anruf. Ich werde eine Torte backen, mache die keine Sorgen. Ich rufe an, wenn die Torte fertig ist.“

„Super. Ich liebe dich, meine Teure. Küsse. Tschüss.“

Am nächsten Tag nach dem Geburtstag: „Hallo Teure. Ich erzähle dir nun, wie ich es versprochen habe. Mein Mann arbeitete gestern, deswegen fuhr ich mit der Tram zurück. Ich ging mit der Torte auf den Gleis sieben Minuten vor seiner Ankunft. Ich stellte mich in die Nähe des dritten Waggons, weil er immer nur diesen nimmt, und begann zu warten.Die Tram bleibt stehen, es gehen Menschen daraus und meiner ist zwischen ihnen. Er sah mich, dieser Mistkerl und begann zu lächeln. Er nähert sich mir und sagt: „Was machst du hier? Ich habe nicht erwartet, dich hier anzutreffen.“ „Alles Gute zum Geburtstag!“ sage ich und reiche ihm die Torte. „Ohi, wie schön und klasse! Ist es das Bildnis von Ramona?“ Und warum offen…“, er schafft es nicht, den Satz zuende zu sprechen, und ich schmeiße in sein Gesicht die Torte und spreche: „Du hast nur eine liebe Frau! Und die bin ich! Verstanden?“, und ich gehe weg. „Du, ich habe keine Worte, meine Teure…Du bist…klasse… in jeder Erscheinung.Vergiss es nicht. Ich bin stolz auf dich! Hast mir die Torte ins Gesicht geworfen! Du Gute, du Schöne.“

Zum ersten Mal

Ich habe euch alle versammelt, um Ihnen eine unangenehme Nachricht mitzuteilen. Kein Negativ, Kumpel. Mein Doktor hat mir strengstens nur Positiv empfohlen. Du hättest etwas mit dem Telefon aufnehmen können.“ „Warte doch….Diese Nachricht betrifft dich nicht. Sie ist wichtig für mich. Ich muss sie mit jemanden teilen. Sie sitzt in mir und häuft den Schmerz an, und ich weiß, dass wenn ich alles ausspreche, es sofort leichter wird. Wie sie wissen, habe ich eine Freundin. Ich hatte eine Freundin. Das war meine erste Beziehung.“ „Nun, es hat begonnen! Gleich gibt es Tränen und Schnupfen…“ „Hat sie dich verlassen?“ Habt ihr euch getrennt?“

„Ja und ich wollte es mit Ihnen teilen. Ich bis sehr bestürzt und traurig. Ich habe mich nie so gefühlt….“ „Pfui! Noch ein Leid. Die Frau hat ihn verlassen! Ich gehe nun. Tschüss. Ich dachte es sei etwas ernsthaftes, du hast Krebs oder so. Die Stimme am Telefon war traurig. Und hier eine gewöhnliche Sache. Wem geschieht so etwas nicht? Ich gehe. Die Freundin hat dich also verlasen? Wozu habt ihr euch den getroffen? So hättet ihr keine Probleme. Tschüss. Das ist das Leben, Bro. Die Realität. Gewöhne dich dran. Bis zum nächsten Mal.“ „Wohin gehen Sie? Bleiben Sie stehen. Das sind doch meiner ersten Beziehungen. Mit ist schlecht und traurig zumute.“ „Ha, ha, ha!“ er nähert sich ihm, schlägt ihn auf die Schulter und geht weg. „Die Freundin hat ihn verlassen! Ha, ha, ha. Solch ein Tölpel! Ich kann nicht mehr!“

Die erste Liebe

Er zog sich an, sie ebenfalls. Er bezahlte sie. Die Frau lächelte. Er blickte in ihre Augen von verschiedener Farbe, er erstarrte für zehn, fünfzehn Sekunden, als ob er sich an etwas erinnerte. „Nein, das kann nicht sein“, dachte er, und schüttelte den Kopf. Er verließ die Wohnung und begann mit geschlossenen Augen die Treppe herunterzugehen.

Langsam blieb er auf jeder Stufe stehen um den nächsten Schritt zu machen. Er erreichte die erste Etage und verließ das Treppenhaus. Auf der Straße begegnete er verschiedenen Geräuschen: Von der Tram bis zum Gesang der Vögel und Gesprächen. Sogar das Schweigen einiger Menschen war zu hören. Er wunderte sich als er die Vorbeigehenden betrachtet: sie alle, ohne Ausnahme gehen den aufrechten Gang und treten auf die Erde mit einem selbstsicheren Gang. Sogar der starke Wund stört sie nicht, der ihn alle vier Meter fast umfallen lässt. „Soll ich vielleicht zurückkehren und abwarten bis der Sturm vorbei ist? Oder sollen wir warten, bis alle weggeweht werden mit mir gemeinsam?“ dachte er, doch er wollte eine rauchen und blieb draußen. Er nahm aus der Tasche eine Schachtel Zigaretten heraus, die leer war. Er warf diese in den Papierkorb und ging in das Geschäft um eine neue zu kaufen. Er kaufte seine Lieblingszigaretten, ging hinter den Kiosk, sich vor dem Wind versteckend und rauchte eine.

„Warum darf man bei ihnen nicht rauchen? Das ist doch die Standartprozedur nach dem Sex, und hier ist es verboten. Man sollte ihnen eine Idee vorschlagen: Räume für Raucher. Er wollte mit diesem Vorschlag in das Bordell zurückkehren, doch die Zigarette stoppte ihn.

Er besuchte die Prostituierte wegen seines Mangels an Unsicherheit. Die Ehefrau ließ sich genau aus diesem Grund von ihm scheiden. „Du bist kein Mann“, sagte sie zu ihm. „Du verhältst dich wie eine Memme im Bett…und ich muss immer die herrschende sein. Und ich bin müde. Ich will eine starke Hans und einen starken Sex.“ „Ja du, hau doch ab!“

Endlich, nach langen Jahren, konnte er Widerstand leisten. Sie blickte auf ihn wie auf einen Deppen, nahm ihre Sachen und verließ das gemeinsame Leben. Es klingelte an der Tür. Er schaute in das Guckloch, sah die Ehefrau und freute sich, dass sie es sich anders überlegt hatte. Doch sie betrat die Wohnung mit den Worten: „Das ist meine Wohnung. Hau ab von hier.“

Sie erlaubte es ihm nicht einmal seine Sachen einzusammeln. Er kehrte zur Mutter zurück. Als die Mutter den Sohn mit den Sachen sah, frage sie ihn nicht aus, und er nichts erklären. Er rauchte die Zigarette auf und ging zur U-Bahn. Er legte sein Fahrticket auf den Schalter, der ihn nicht vorbei gehen ließ. Er musste sich umdrehen und zur Kasse gehen, um Guthaben aufzuladen. Beim nächsten Mal durfte er vorbei. Die Rolltreppe begann ihn nach unten zu führen.

Nach der Trennung machte er Versuche, andere Frauen kennen zu lernen, doch es kam nicht zu einem Erfolg. In der zweiten Hälfte des Tages besuchte er Bars, doch die Frauen dort beobachteten ihn nicht. In den Nächten von Samstag auf Sonntag besuchte er Nachtclubs. In manche ließ man ihn nicht. Andere ließen ihn ohne Schwierigkeiten durch, doch er lernte niemanden kennen. Einige Monate erfolgloser Versuche zwangen ihn, sich von der Idee loszusagen und er widmete sich online-Bekanntschaften. Er fand im Netz Informationen über solche Dienstleistungen und registrierte sich dort. Manche verlangten eine Bezahlung, die Summe war nicht groß. In anderen waren die Dienste kostenlos. Wenn du mehr möchtest, dann zahle. Doch er gab sich mit dem Minimum zufrieden. Er hinterließ likes, drückte auf Herzchen, blinzelte, schrieb Nachrichten, doch man schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Und jene, die ihm antworteten, trafen ihn nicht im Leben. Nur eine war bereit sich mit ihm zu treffen. An jenem Tag war er voller Sorge und erwartete mit Ungeduld den Abend. Als er sich fertig machte, hörte er das Läuten des Telefons. Es kam eine SMS der jungen Frau: „Verzeih, doch heute klappt es nicht. Mir wurde eben bekannt gegeben, dass ich Besuch von Verwandten bekomme, in einer Stunde sind sie bei mir.“ „Verstanden“, antwortete er und löschte ihre Nummer.

Mit einer anderen Frau stritt er. Sie bekräftigte, dass die Unterhaltung in sozialen Netzwerken zu Treffen führen soll, denn die Menschen brauchen Zeit, um sich kennen zu lernen, nur danach kann man Sex haben.

Nach dieser Geschichte verstand er, dass er hier nichts verloren hat und verabschiedete sich von allen Vorschlägen. Er verließ die Rolltreppe, ging zum Kiosk, um Schokolade und Wasser zu kaufen. Setzte sich auf die Bank, beugte sich und begann langsam die Schokolade zu kauen. Von den Homepages mit den Diensten von Prostituierten wusste er bereits früher, doch es gab keine Notwendigkeit, diese zu nutzen. In der ersten Zeit, durchforstete er diese: Blickte auf die halbnackten Frauen in verschiedenen Posen, er wurde rot. So vergingen einige Tage, bis er sich eine Frau ausgesucht hatte. Obwohl sie eine Maske trug, lockte ihr Lächeln ihn an. Er schrieb schnell die Telefonnummer auf, um sie am Wochenende anzurufen und ein Treffen zu vereinbaren. „Mist!“ er schaute in sein Portemonnaie. „Bis zum Gehalt noch anderthalb Wochen. Ich borge mir etwas von der Mutter.“ Er verließ das Haus, betrat das Geschäft, wählte die Telefonnummer und wurde von einer unwahrscheinlich sanften Stimme begrüßt. „Hallo, ich höre.!

„Ich würde mich gerne für den Empfang bei Lili anmelden“, stünde er jetzt im Wasser, würde das ganze Wasser verdunsten.

„Ja, mein Süßer, heute um neun?“

„Ja.“

„Wunderbar. Bis zum Treffen.“

Er aß die Schokolade zu ende, trank Wasser und sprang in den Zugwaggon. Er fand keinen Sitzplatz, stand auf und lehnte sich an die Tür mit der Aufschrift „nicht anlehnen“. Dann steckte er die Hände in die Hosentasche und schloss die Augen.

In seiner Erinnerung zeigte sich das Bild einer Frau, in die er sich das erste mal in seinem Leben verliebte. Er ist fünfzehn Jahre alt, ein Jungspunt. Und sie ist um einiges älter und hat bereits viele empfangen. In der Schule ging das Gerücht um, dass es ein Kontakt einer Frau gibt, die die Kerle von ihrer Jungfräulichkeit befreit. Er rief lange nicht an, doch dann tat er es doch.

Sie stellte sich ihm als Lilja vor. Zur bestimmten Stunde stand er an ihrer Tür. Sie öffnete ihm und lächelte freundlich. Und er stand da und schaute auf den Boden, ohne den Mut, ihr in die Augen zu blicken. Als er es dann doch tat, bemerkte er, dass sie von verschiedener Farbe waren. Er bekam einen Schrecken und lief fort. Nach ein paar Tagen rief er wieder an. Sie erkannte ihn an der Stimme doch in ihrer Intonation schwang das Geschehene mit. Sie lud ihn zu sich ein. Und da ist er schon in ihrer Wohnung, in ihrem Zimmer.

Sie beginnt sich zu der Musik auszuziehen, lockt ihn zu sich, doch er ergibt sich nicht. Ihre überwältigende Schönheit erlaubt es ihm nicht, sich zu bewegen. Er wird rot, wendet den Blick ab, schweigt und fliegt dann wie eine Patrone aus der Wohnung. Er rief sie nicht mehr an.

„Heumarkt“, die nächste Station ist der „Nevskij Prospekt“. „Nein, nein, nein. Das kann nicht sein.“, dachte er und holte eilends das Smartphone heraus. Er machte den Browser an, blickte sich um in alle Richtungen, erinnerte sich an den Titel der Homepage mit den Prostituierten und gab diesen ein. Er scrollte bis zu den Fotografien Lilyas und begann sie zu betrachten. „Das kann nicht sein, dass sie es war!“ Sie verbirgt das Gesicht hinter der Maske. Den Gesichtszügen und dem strahlenden Lächeln nach zu urteilen, kann man verstehen, dass sie es wirklich ist. Doch er ist unsicher. Oder er will das nicht vor sich zugeben. Er versucht sich an irgendwelche Merkmale ihre Äußeren zu erinnern, doch er erinnert sich nicht und legt das Smartphone zurück in die Tasche. Die Türen schließen sich langsam. Die nächste Station „Nevskij Prospekt“

Ich hatte einen Freund

Heute trennten wir uns.

Ich lernte ihn vor fünf Jahren kennen.

Das waren wunderbare Jahre.

Er war mir ein teurer Freund.

Er rettete mich vor der Realität.

Mit seiner Hilfe betrat ich die Welt der Phantasie und der Mythen.

Er lenkte mich von mir selbst weg, von allen Problemen.

Ich mochte alles, was wir mit ihm erfanden und wie wir gemeinsam die Zeit verbrachten.

Doch in unserer Welt ist nichts sicher.

Alle sterben.

Es gab eine Zeit, da ging ich ihm fremd.

Ich erinnerte mich nicht an seine Existenz.

Ich sprach nicht mit ihm und widmete ihm keine Aufmerksamkeit.

Ich habe einen neuen Freund.

In Wirklichkeit ähneln sie einander.

Doch dann beschloss ich zurück zu kehren.

Er verzieh mir. Und wir waren wider zusammen.

Doch nicht für lange.

Ich widmete ihm meine ganze Freizeit.

Im Gegenzug bekam ich: Enttäuschung, Trauer und ein leeres Portemonnaie.

Ich hatte die Hoffnung, dass nach unserer langen Pause, alles gut sein wird.

Wir würden einander besser verstehen.

Doch die Hoffnung bewahrheitete sich nicht.

Und das war der letzte Punkt.

Meine Grenze. Ich verkaufte ihn.

Gab ihn in fremde Hände.

Jenen, von denen ich hoffe, dass er ihnen ein guter Freund sein wird.

Die Trennung

Es vergingen fünf Tage, bis sie mich alleine ließ. Ich habe ein Buch bei ihr vergessen. Mein Lieblingsbuch. Das Buch hat praktisch seinen Geist verlassen: Die Seiten halten sich kaum noch, doch ich liebe es und möchte es wieder zurück haben. Ich brachte es zu unserem ersten Treffen und gab es ihr, damit sie es liest. Sie hat es nicht einmal geöffnet. Ich beschloss, es wieder zu holen. Auf dem Weg zu ihrem Haus stellte ich mir vor, wie das geschehen wird. Ich fange bei der Lautsprecheranlage an. Sie wird fragen: Wer ist da?“ „Ich.“ „Was willst du?“ „Gib mir das Buch zurück. Ohne drumherum: warum wir uns getrennt haben?“ „Sprich mit mir!“ „Schweige nicht. Ich bitte dich!“, „Ich liebe Dich!“ Nur das Buch. Genau, selbstsicher und ohne Schnupfen. Sie wird mich hereinlassen, mich auf ihrer Etage mit dem Buch begrüßen. Ich werde nicht einmal den Aufzug verlassen. Ich werde das Buch nehmen und mich verabschieden. Ein guter Plan, so mache ich das. Nun stehe ich bei ihrem Haus. Ich wähle die Nummer der Wohnung. „Wer ist da?“, antwortet eine männliche Stimme….Ich schweige. „Ich höre Ihnen zu, sprechen Sie.“ „Entschuldigen Sie…ich habe mich in der Wohnung getäuscht.“

Miniatur

Ich besuchte vor der Arbeit ein Buchgeschäft. Ich blicke auf das Regal mit den Notizblöcken neben der Kasse. Nach einer Zeit betritt ein Mann das Geschäft, von ca. fünfzig Jahren. Er begibt sich zur Kasse: „Gibt es bei euch was zu trinken?“

Ein erstaunlicher Egozentrismus

Während ich auf die Tram zur Arbeit wartete, setzte ich mich in die Hocke und las das Buch Von Eyen Rend „Denke zweimal nach“. Nach ein paar Minuten fange ich mich bei dem Gedanken auf: „Es wäre toll, seinen eigenen Fotografen zu haben. Jetzt zum Beispiel könnte man ein tolles Bild machen, meiner Meinung nach. Alles nach den Regeln der Fotografie. Der Blickwinkel ist gut und das Licht wunderbar. Ich möchte, dass es wirklich einen geheimnisvollen Fotografen gibt, dass man ihn nicht kennt, ihn nicht bemerkt. Er würde mich fotografieren und meine Fotos auf seinem Blog oder sozialen Netzwerken veröffentlichen. Und nach einigen Jahren würde ich in die Ausstellung irgendeines Fotografen gehen und mich auf den Wänden wieder erkennen.

Es hieß, ich ging in das Buchgeschäft

Ich beschloss Schriftsteller zu werden. Was braucht man dazu? Erfahren, wie man so etwas macht. Was hilft mir dabei?

Bücher von Schriftstellern über die Schreibkunst. Wo kann ich solche finden? Im Buchgeschäft. „Guten Tag“, höre ich den freundlichen Verkäufer. „Soll ich Ihnen etwas empfehlen?“ „Ja,guten Tag, ich suche Bücher über die Schriftstellerkunst.“ „Oh, Sie schreiben?“ fragte mich mit Interesse die Verkäuferin. „Nein, nein! Ich möchte einfach schreiben lernen.“ „Okay“, eine Minute Schweigen. „Der Wunsch allein reicht nicht aus. Sie stehen dort, die Bücher, hinter diesem Regal, gehen sie zu den beiden niedrigen Regalen. Ich wählte mir einige Bücher aus jene Autoren, die ich von Hörensagen kannte:

Ray Bredburry, Haruki Murakami, Steven King, Nejl Gayman. Für den Anfang sei es genug. „Was haben Sie sich ausgesucht? O, wunderbare Autoren! Doch diese werden Ihnen nicht helfen.“ „Wie, sie werden mir nicht helfen?“

„So. Ihr nervt mich alle mittlerweile! Jeder Zweite will Schriftsteller werden. Kommt in mein Geschäft, fragt nach Bücher über die Schrifttellerkunst, kauft sie und geht wieder. Und dann nach einiger Zeit, kehrt ihr zurück und fragt: Gibt es Neuigkeiten zu dem Thema? Nein! Ich denke darüber nach, diese aus dem Sortiment zu nehmen. Bloß denke ich nicht daran. Und dann kommt ihr wieder und erinnert mich daran, dass ich es noch nicht gemacht habe. Ich kenne euch! Ihr kommt zu mir für einen neue Dose, und wer wird schreiben?Ich? Ihr werdet die Zeit umsonst vergeuden für das Lesen. Ich sage euch folgendes“, sie nimmt meine Bücher und wirft sie in den Papierkorb.“Setze dich, Hurenkind und schreib!“ Ich drehte mich direkt um und eilte zum Ausgang, ließ die Bücher da und hinter dem Rücken hörte man: „Setze dich, Hurenkind , und schreib!“

Dania Jansi:“Sechs Jahre in Dubai. Über Geistliches und das Essen“

Dania Jansi

Sechs Jahre in Dubai: über Geistliches und das Essen

Nach Dubai: 12 kg Bücher und 2 kg Buchweizen

Dubai warf sich in mein Leben mit einem stickigen, feuchten Sommer 2013, zusammen mit der Einladung auf die Arbeit meiner Träume in den Pressedienst einer internationalen Flugkompanie. Diese Wunderstadt mit den Wolkenkratzern und Handelszentren sah ich nur ein paar Mal, während meiner Dienstreise. Und nun kam ich mit zwei großen Koffern, 12 kg Bücher und zwei kg Buchweizen.

Mir bekannte Ausländer warnten mich von einer „Geistlichen Wüste“, und das Internet über die Schwierigkeiten bei der Suche nach Essen und Wasser tagsüber: Ich kam an in der Blüte des heiligen Monats Ramadan und eines streng muslimischen Fastens. Ein Bekannter riet mir, ich solle mich zurückhalten: In den Emiraten kann man einen ins Gefängnis stecken wenn man nicht verheiratet ist und Alkohol trinkt. Das waren all meine Kenntnisse über die neue, östliche Stadt.

Fülle, alles beste und beste. Der erste Ramadan

Dubai machte taub. Direkt. Eine Limousine zum Flughafen und Appartements in einem Fünfsternhotel im ersten Monat (Und ich wie ein Aschenputtel mit Buchweizen im Koffer). Das allerhöchste Gebäude, die aller bekanntesten Restaurants, die fülligste Fülle, die aller bekanntesten Persönlichkeiten und die ambitioniertesten Projekte. Insel, die ins Meer gespült sind und Kanäle, die auf dem Ufer gegraben wurden. Gigantische Aquariums und eine Shipiste mit künstlichem Schnee. Alles schien riesig, nicht real und das aller Größte zu sein. Ein Symbol dessen, dass der Mensch in der Wüste alles erschaffen kann wenn er es sehr möchte.

Mein erster Ramadan in Dubai. In diesem Monat leuchten alle Straßen und Hotels, wie bei uns zum Neuen Jahr, nur mit den Mustern von Halbmonden und altertümlichen Leuchten, alfanar auf arabisch (die Stadt wird geschmückt für das geliebte Fest der Nationen der Welt). Es schien schier unmöglich tagsüber zu essen und zu trinken, doch nur wenn Zuschauer da waren. Manchmal verkaufte man Essen zum mitnehmen, in manchen Cafés konnte man hinter einer Abschirmung essen. Im Büro grenzte man einen Teil ab, in dem man, weit von den Blicken anderer zu Mittas essen konnte oder einen Schluck Wasser trinken. Das ganze erinnerte an einen geschlossenen Club von Ausländern: Manche saßen hier mit ihren Laptops fast den ganzen Tag, trafen sich bei einem Glas Saft oder Kaffee.


Dafür erwarteten abends alle Hotels und Restaurants, die kleinen Kneipen sowie die größere Bars, wie aus den Märchen von Tausend und einer Nacht in ihren Ramadanzelten, die Gäste für den Iftar, die abendliche Versammlung, und dann für die nächtlichen Zusammenkünfte Suhur. In einem jeden solchen Zelt wurde die Schönheit und Dekoration überschattet nur von den Kleidern arabischer Divas und der Tische, die voller östlicher Delikatessen waren. An diesem Monat, genau hinter solchen Tischen, treffen sich Freunde und Geschäftspartner und die Firmen stellen ihre Präsentationen vor. Alle rauchen Wasserpfeife (die einheimischen nennen es „Shisha“) In jenem ersten Sommer lachten die neuen Bekannten, wenn ich ablehnte: „Wir schauen auf dich in einem Jährchen“. In den lokalen Zeitungen beriet man über das Problem von den Lebensmittelresten nach den Iftrafs: das offizielle Essen darf man nicht irgendjemandem außerhalb der Restaurants weggeben (kann sein, dass man sich vergiftet), und es bleibt viel übrig an den Abenden des Ramadans.

Die Handelszentren, Banken, Spas, Parks, Museen haben an diesem Monat bis tief in die Nacht geöffnet. Bei Wunsch und finanzieller Möglichkeiten, kann man den ganzen Tag verschlafen und dann nur für das Abendessen aufstehen und das nächtliche Vergnügen.

Die Auswanderer und der Lifestyle

In meinen sechs Jahren ds Lebens in Dubai, traf ich viele gute Bekannte und ein paar nahe Freunde: Hindus, Libanesen, Mauretarier, Neuseeländer, Engländer, Schotten und Südafrikaner, Georgier, Kasachen, Kirgizen, Russen und sogar Tataren. Hier ist ein neues Babylon: 90 Prozent der Bewohner der Emiraten sind Auswanderer, die aus fremden Ländern kamen, um hier zu arbeiten. Dazu kommt, dass jeder Ausländer in den Emiraten ist, das bedeutet, er ist offen für das Gespräch und irgendetwas anderes als das Gewöhnliche. Alle verhalten sich gut und haben Respekt (weil sie sich in einem Land befinden, in das sie über ein Visum eingereist sind und bei schlechtem Verhalten einfach deportiert werden). Das Level der Kriminalität ist eines der niedrigsten in der ganzen Welt. Kinder von Auswanderern, die in Dubai aufwuchsen, können sich lange nicht an andere Länder gewöhnen. Sie verstehen nicht, wie sie das Auto und das Haus abschließen sollen und nach dem Portemonnaie und dem Telefon achten sollen.

Die lokale Regierung verwundert mit gesundem Menschenverstand und der Möglichkeit von fremden Fehlern zu lernen. Sie nimmt keine sozialen Verpflichtungen in dem Verhältnis zu den Zugezogenen, die hier arbeiten möchten, auch wenn man hier fünf oder fünfundzwanzig Jahre lebt. Du hast gearbeitet, danke, doch die Unterstützung, das Visum, gilt noch einen Monat, Auf wiedersehen. In den 2000er und 2010er, als mit der Erdölschlüssel geschlagen wurde, nahm Dubai die besten Spezialisten aus der ganzen Welt auf mit riesigen Löhnen, dem Fehlen von Steuern und einem Leben im Wohlstand.
Auf dem Dach eines jeden Wolkenkratzers gibt es einen Swimmingpool, Jacousi, Saunen und Hamams und ein Sportsaal. Ich mietete eine Zweizimmerwohnung in einem Bezirk mit futuristischen Wolkenkratzern und künstlichen Seen. Die Bezahlung passte genau für meine Mietwohnung, in den Arabischen Emiraten gehört das zum Gehalt. Man kann auch eine Villa mit einem großen Garten mieten oder Swimmingpool, am Meer leben oder in den neuen Bezirken weit in der Wüste, eine beliebige Marotte für eine beliebige Tasche. Wollen Sie mit dem Auto Ihres Wunsches fahren? Kein Problem, ein Auswanderer, der eilig das Land verlässt, verkauft es Ihnen für wenig Geld. Sie können eine Yacht mieten für drei Stunden oder ein Jahr, Sie können sich die Kosten mit Freunden teilen – es ist schließlich das Meer!

Man muss bemerken, dass das ganze Geld, was hier verdient wurde, unabhängig von der Größe des Gehaltes, die Auswanderer hier für ein schönes Leben ausgeben. Es ist schwer, stehen zu bleiben. Wenn die stickige Sommerhitze sich dem Ende neigt, beginnt die Saison der Events: Die Eröffnung neuer Hotels, Restaurants und Parks, Shows von Weltstars, viel Essen, Shopping, Abende und natürlich Strände und das Meer. Freitags (In den Emiraten sind die Wochenenden Freitag und Samstag, die Arbeitswoche beginnt an den Sonntagen), wie man in den Glamourzeitschriften schreibt, steht die Kultur der Branches an der Tagesordnung. Die Branches in Dubai, das sind halbe Tage von Lebensmittel – und Alkoholkoma, wie es sich gehört, zur Livemusik am Meer, an den Swimmingpools oder in den Hotelrestaurants. Man trinkt hier unerwartet viel. Sogar in Russland habe ich so etwas nicht gesehen, doch man bleibt hier harmlos und glücklich, manchmal jedoch unzurechnungsfähig. Eine solche Auswahl an Alkohol und Schweinefleisch, wie in Dubai, habe ich bisher nirgendwo getroffen. Man verkauft das Verbotene nur in bestimmten Bereichen der Geschäfte, um nicht die rechtgläubigen Moslems zu erzürnen. Und zum Kauf und dem Besitz von Alkohol musste man jedes Jahr eine besondere Erlaubnis bekommen, in der Art eines Führerscheins, obwohl man in den Bars und Restaurants Alkohol früher frei verkauft hat. Die meisten kauften starke Getränke in den Dutyfreeshops zur Zeit der Reisen, es gab jedoch auch illegale Dienste der Lieferung nach Hause.


Fast jeden Abend gibt es irgendwo eine Ladies night, wenn die Bars, Restaurants und Klubs den Frauen zwei-drei Gläser verkaufen bis zu einer grenzenloser Anzahl von Cocktails, Champagner und Wein, manchmal einen großen Rabatt für das Menü, manchmal kostenlose Snacks und Desserts.
Zuerst fanden diese Ladies Nights nur an Dienstagen statt, um zahlungsfähige Männer in die leeren Bars und Klubs einzuladen. In den 2000ern und der ersten Hälfte der 2010er, als das Land noch isoliert war, bestand das Auditorium solcher Abende aus vielzähligen Ausländern, Europäern, Amerikanern und Österreichern, die in der Erdölsphäre engagiert waren, und tausend wunderschönen, jungen Stewardessen lokaler Flugfirmen.

Für den Besitz von Alkohol ohne dass man das Recht dazu hatte oder die Untreue in der Ehe, konnte man bis vor kurzem noch bestraft werde. Das offizielle Verbot für diese beiden Sünden wurde erst im November 2020 abgeschafft. Die Polizei machte auch früher keine Razzien, doch man konnte auch Pech haben. Zum Beispiel eroberte die Nachricht in einer lokalen Zeitung (und dazu kommt, dass sie von Journalisten, die hier ihre Arbeitsvisa hatten, geschrieben wurde). Ein junger Mann machte die Bekanntschaft mit zwei anderen Männern und lud sie zu sich nach hause ein. Die Gäste, welche ihm Spiele versprachen, befestigten den gutgläubigen Romeo mit den Handschellen ans Bett, dann stürmten sie die Wohnung und verschwanden. Der Ärmste wurde von der lokalen Polizei entdeckt, die Räuber wurden gefangen, das Gestohlene wurde zurückgegeben. Doch auch das Opfer wurde inhaftiert, für den Besitz von Sexspielzeug und Alkohol. Übrigens ist es in Dubai verboten sich unter Menschen zu küssen, sogar den Verheirateten: man kann auch deportieren. Noch vor zehn Jahren konnten Eheleute von Vorbeigehenden schikaniert werden wenn sie sich an den Händen hielten. Doch die Zeiten verändern sich.

Wahrscheinlich, vor der Vielzahl der Vergnügungen und der gut bezahlten Arbeit, verfallen hier manche in einer Art Karikatur ihrer selbst. Zu einem großen Problem und Thema eines langen Gespräches können der Regen und die glitschigen Straßen werden, die Tölpelei der Arbeiter, Santechniker und den Überbringern des Essens, die Unmöglichkeit die Klasse im Flugzeug zu erhöhen und das Leben in dem Hotel. Doch im Ganzen sind die Menschen locker, immer bereit für etwas Fröhliches und Schönes. An den Feiertagen und an Wochenenden ist es angebracht, sich auf Reisen zu begeben und in fremde Welten. Besonders zur Zeit des Ramadans (für die, die nicht fasten) und der Hitze, die anhält von der Mitte Mais bis Oktober, dann wenn das öffentliche Leben Dubais eine Pause macht.

Ein jeder gewöhnt sich schnell daran, dass Freundschaft und Beziehungen hier nur eine Weile halten. Dubai ist wie eine Businesshalle des Flughafens: alles ist reich und schön und die Leute sind hier nur auf Durchreise. Manch einer für ein paar Tage, mach einer für eine Woche, für ein Paar Jahre, doch sie alle fahren wieder weg. In diesem Vergnügungszentrum formieren sich nur selten ernste Beziehungen und Familien, wobei ich auch solche Geschichten kennen lernte.



Эмиратцы, старый город и душа Дубая

Emirater, die alte Stadt und die Seele Dubais.

Obwohl man Dubai vor allem mit Shopping assoziiert, mit Abenden, Restaurants und Stränden, kann man hier alles mögliche finden. Ich nahm diesen Ort als neues zuhause an, als ich begann Yoga zu machen und alleine im Meer zu schwimmen bei Sonnenaufgang, in den russischen Bücherklub zu gehen und mich mit Einheimischen anzufreunden. In Dubai leben von ihnen nur 10 Prozent, meistens treffen die Auswanderer diese gar nicht. Durch die Arbeit und manche Projekte kam ich mit ein paar Emirater in Kontakt und fand zwischen ihnen ein paar gute Freunde.


So eröffnete ich mir das alte Dubai und den Bezirk Bastakija, das einzige Quartal mit altertümlichen Häusern der Einheimischen (nach den Maßstäben des jungen Landes mit einem Wüstenklima zu urteilen, bedeutet das, dass es Häuser waren, die zum Ende des 19., zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden.) Sogar jenes Stückchen Geschichte bewahrte sich zufällig, dank des Ratschlags des damals noch jungen Prinz Charles, zur Zeit seines Besuches in den 80ern. Nun befinden sich hier Museen, Boutiquen und Restaurants. Die Emirater aus Bastakija treffen sich immer noch in dem Bezirk ihrer Kindheit, fast jeden Abend auf das Treffen von Männern mit der Bezeichnung Madzhilis. Zuerst versammelten sie sich nur auf der Straße, dann kauften sie ein Café. Die Emirater laden Touristen und neugierige Auswanderer zu sich, doch die Vorbeigehenden haben meistens Angst und gehen an ihnen vorbei.

Ich hatte das Glück, mit ihnen viele märchenhafte Abende zu verbringen und ich zweifele daran, dass ich noch irgendwo anders, so etwas zu sehen bekäme. Normalerweise vergehen die Madzhilisy bei Männern und Frauen getrennt. Obwohl ein Großteil dessen, was dort gesprochen wurde, mir unverständlich erschien. Diese Alten lachten so frech, und manchmal sangen und tanzten sie so, dass ich mich wie eine von ihnen fühlte.

Mein Freund, der Emirater, zeigte mir gelbe Häuschen und Straßen der Kindheit, den Hof seiner Tante und die Palme, auf die er kletterte, um Datteln zu sammeln. Nun befindet sich in diesem Haus ein Restaurant und eine Kunstgalerie. Und ich versuchte mir vorzustellen, wie es ist, in den Hof der Kindheit zurück zu kehren und zu einer Touristenattraktion zu werden. Für die Emirater, vor allem die Erwachsenen, veränderte sich das familiäre Haus bis zur Nichtwiedererkennbarkeit. In den 60ern, als Gagarin bereits in das Weltall flog, war Dubai noch ein Fischerdorf ohne Elektrizität und mit Öllampen. Kühlschränke und Klimaanlagen gab es auch keine. Man rettete sich vor der Sommerhitze auf den Dächern und tagsüber im Inneren der Häuser unter Windtürmen. Man aß viel Reis und jeden Tag frischen Fisch (damals zählte man das zum Essen der Ärmsten), manchmal Gemüse und Früchte, selten Fleisch. Dafür lebten alle gesund, konnten locker auf jede Palme klettern. Ans Meer, das sich 10 Minuten Autofahrt von Bastakija befand, fuhr man ein mal im Monat zum Picknick, der Strand schien damals weit zu sein. Es gab kaum Wege. Nur Wüste.

Noch zwei historische und atmosphärische Bezirke – Dejra und Bur-Dubaj, die durch die Bucht Dubaj-Krik getrennt sind. Eine Fahrt dorthin erinnert an eine Reise nach Indien oder Pakistan. Hier befindet sich das Zentrum des Handels nach dem Bild der 90er in Russland, kleine Geschäfte mit Fakefirmen (diese zu besuchen kann man für das Vergnügen), kleinen Häusern im sowjetisch-afrikanischen Stil, günstige Dienste und traditionelle Märkte, nun eher touristische. Mehr als nach dem Meer und den Freunden, sehen ich mich nach der pakistanischen Bar „Ravis“ in Bur-Dubaj. Dort gibt es solches Essen, dass das Café nicht umsonst unter den Auswanderern, Touristen und glamourösen Bloggern Kult ist.

Der Freund Emirater erzählte mir, dass auch vor vierzig Jahren „Ravis“ bekannt war in ganz Dubai für die besten Kebabs in der Stadt, dass er immer noch seinen Chauffeur dorthin schickt, damit ihm dieser sein Abendessen bringt. In seiner Jugend war das Bezirk bekannt für einheimische Gays, die ihre Wohnhäuser mit bestimmten Flaggen kennzeichneten (nicht regenbögenfarbigen). Doch das war so lang her, dass sich niemand daran erinnert. Und nun wurde der Freund etwas traurig darüber, dass man diesen alten Bezirk umbauen möchte und verwandeln in eine Oase des Futurismus und des Reichtums.

Was man vor allem bei den Emiratern lernen musste, ist der Stolz für die eigenen Traditionen, die Eigenartigkeit und die Nationalkleidung. Die männlichen, weißen Tunika Kanduras mit dem Schal-Kufiej und einem schwarzen Spinnkabel aus dem Fell eines Igal’s (In der alten Zeit trug man diese Schnur auf dem Kopf, um des nachts diese an das Kamel anzubinden) und die weiblichen schwarzen Abajs zählen auch heute noch zur traditionellen und offiziellen Kleidung. Sie sind unbedingt vorhanden auf Versammlungen, doch manche Einheimischen tragen sie fast jeden Tag. Konzerte und Shows jeder Art lassen einen für ein paar Minuten verweilen, wenn der Azan erklingt, der Ruf für das Gebet – man hört ihn in der ganzen Stadt, sogar in den Handelszentren und Aquaparks.


Man kann sich nur wundern über die Weisheit der Machthaber Dubais, des nachbarlichen Abu-Dabis und den weiteren fünf Emiraten, die in den Anfängen der siebziger Jahre sich einigen konnten über den Zusammenschluss der Macht. Damals waren es noch kleine Fischerdörfer von Fischern und Händlern mit Perlmutt. In weniger als vierzig Jahren, erschufen die Machthaber den jungen Staat. Die Vereinigten Arabischen Emirate, eines der fortschrittlichsten in der Welt. Natürlich kann man lange über das Erdöl sprechen, doch man kann auch genauso andere Erdölländer mit weniger gutem Schicksal aufzählen. Es kommt so vor, als ob man vor Jahrzehnten den einheimischen Sheihs von irgendwo von oben die Weisheitsperle übergab, wie im Film auf einem riesigen Bildschirm des „Neuen Museums der Einheit – Etihad“ Wie soll man sonst die unwahrscheinlichen Metamorphosen diese Region erklären? Übrigens ist es die Perle, welche ein Symbol Dubais ist.

Als ich über die Errichtung der Vereinigten Arabischen Emirate las, war ich überwältigt über das Streben der Machthaber des Landes, wenn sie auf jedes „unmöglich“ und „so etwas gibt es nicht“ von besonderen Ratgebern, antworteten: ich sehe das so.

Und sie erreichten das, was sie wollten. Auf dem Territorium der Wüste, sei es auch unter künstlicher Erbauung, blühen Gärten und grünen Parks. Wie viele Projekte eines solchen „so etwas gibt es nicht“ wurden realisiert. In den 90ern errichtetem und von Wolkenkratzern überhäuften Teil der Stadt, in der Chaussee des Shaihs Zaid zeigten sich nur ein paar der Wolkenkratzer. Niemand verstand den Leader Dubais: wozu benötigt man diese in mitten der gelben Wüsten auf der Straße Abu-Dabis? Wobei die Wüste immer ihr eigenes und immer jetzt zu sich nimmt: auf den n Verbindungsstellen zwischen den Bürgersteigen, in den häufigen staubigen Stürmen, den endlosen Weiten auf den Rändern der Straßen außerhalb der Stadt.



Die Hetzjagd 2020 und wie sich alles innerhalb von 6 Jahren veränderte. Die Zukunft bauen die Gastarbeiter

Der Horizont der Wolkenkratzer, der mich im Jahr 2013 im Zentrum der Stadt, in Downtown blendete, auf der touristischen Dubai Marine und im Umkreis, war damals nicht älter als zehn Jahre. Das allerhöchste Gebäude der Welt, „Burdsch-Halifa“, welches man von jedem Punkt der Stadt sehen konnte, wurde erst in Jahr 2010 eröffnet. Sogar in den sechs Jahren, die ich in Dubai lebte, verdoppelte sich die Zahl der Wolkenkratzer, Hotels und Bezirke, die sich bis in die Wüste ausbreiteten. Dubai überholte das Londoner Heathrow und stand nun an erster Stelle im Passagierstrom als Aviaknoten mit 40 Millionen Passagieren im Jahr, für das zukünftige Wachstum, baute die Regierung einen zweiten Flughafen, Al‘-Maktum, der fast immer leer war. Es schien, als ob die ganze Bevölkerung Dubais in diesen Jahren sich in die Hetzjagd „Wir schaffen es in die Expo 2020“ einordneten und in die Vorbereitung der Stadt für einen noch nie da gewesenen Touristenstrom.


In diesen Jahren eröffnete man auch das lokale Operntheater und das Museum „Louvre Abu-Dabi“, dazu noch zehn neue, gigantische Vergnügungszentren und selbst gemachten Inseln. Man öffnte einen Kunstkanal durch die ganze Stadt und sogar durch die Hauptstraße, um das alten Handelszentrum Dubais mit dem Meer zu verbinden. Als China und Saudiarabien verkündeten, dass sie höhere Wolkenkratzer bauen als das 800-meter hohe „Burdzh-Halifa“, begann Dubai für das Jahr 2020 mit dem Bau eines noch höheren Turmes, dessen Höhe noch nicht bekannt gegeben wurde. In den letzten Jahren wuchs vieles heran. Meine Freunde und ich fanden uns in schicken und fast leeren, neuen Restaurants, Parks und Attraktionen wieder.

Der Lebensstil in Dubai änderte sich in den letzten sechs Jahren. Man kann nun Toristinnen in kurzen Shorts mit einem tiefen Dekolletee antreffen. Jennifer Lopez zeigte sich nicht in Nachtclubs, sondern auf einem Gala-Essen mit dem hohen Scheich. Auf einem großen, russischen Konzert küsste sich ein russischer Geschäftsmann mit seiner Ehefrau. Und die Weltstars hoben sich hervor mit einer fast durchsichtigen Kleidung. Noch vor zehn Jahren waren die Emirate eine recht isolierte Oase mit ihren eigenen Gesetzen, doch jetzt beginnt Dubai das Interesse der Touristen anzulocken. Sogar zum Ramadan verändern sich die Gesetze jedes Jahr und werden immer lockerer: immer mehr Cafés und Restaurants sind geöffnet hinter gar nicht mal so dichten Vorhängen. Immer weniger Respekt zu Traditionen zeigen hier die Touristen und die Auswanderer.

Mit der Lockerung des Visums mit den Ländern SNG und Osteuropas fanden sich hier viele russischsprachige Sucher des Glücks. Oft arbeiten sie illegal für kleines Geld. Wie es sich gehört, mieten sie ein Zimmer oder irgendeinen Ort in der Wohnung oder in einer Villa. Den größen Teil des Geldes geben sie für die Wohnung aus. Dazu nehmen sie noch Kredite für ein Auto auf und Gegenstände, die sie als erstes benötigen. Die Vielzahl der Arbeit ist in der Service-Sphäre wird schlecht bezahlt, unter den Lebenserhaltungskosten, wobei gute Hotelnetze den Arbeitern die Wohnung, den Transport und das essen finanzieren. Übrigens kann man sich in Dubai selbst ins Gefängnis setzen, wenn man einen Check schreibt, welcher nicht den Mitteln auf Ihrem Bankkonto entspricht. Viele fliehen aus dem Land mit nicht abbezahlten Krediten, lassen ihre Autos einfach auf den Straßen stehen, nun, Hauptsache man fliegt nicht mehr über den Flughafen Dubais.

In den letzten Jahren beschloss ich meine Ausgaben und den Lebensstandart zu senken. Ich mietete ein Studium und dann ein Zimmer in einer Villa. Und obwohl ich nun sparen konnte und nicht sofort bezahlen musste, kamen die Ungewissheit und die Nachbarn, deren Verhalten du nicht kontrollieren kannst. Doch ich machte es bewusst und für das Lösen einer konkreten Aufgabe. Nach Dubai zu fliegen für eine wirklich gute Arbeit und für schöne Fotos in Instagram, mit einer trüben Hoffnung auf etwas Helles, sollte man nicht. Wobei es immer glückliche Ausnahmen gibt,

Man muss verstehen, dass auch früher nicht gut bezahlten Auswanderer die Masse der Ausländer stellten, sondern Gastarbeiter aus verschiedenen Ländern. Jene, die auch bei der Hitze und während des Ramadans auf den vielzähligen Baustellen arbeiten, sie leben in den Wohnheimen, weit weg vor den Augen der Städter und Touristen, fahren in kooperativen Bussen ohne Fenster und Klimaanlagen, essen irgendeinen Mist und bekommen davon Sodbrennen. Wenn es manchmal Wochenenden gibt, dürfen sie nicht in der Stadt erscheinen oder am Meer. Gerade ihr tägliches Handwerk verwandelte Dubai aus einer Wüste in eine blühende Oase mit den Wolkenkratzern.



Ein großes Upgrade solcher Arbeiten ist zum Beispiel Taxifahrer zu werden, sie mieten dann billige Zimmer, wo 10-12 Menschen leben, doch dafür verbringen sie den Arbeitstag in Geschäftskostümen und unter Klimaanlagen. Wirklich super ist es Geld zu sparen oder einen Kredit aufzunehmen, ein Auto zu kaufen, zusammen mit anderen Chauffeuren, an sich selbst zu arbeiten. Noch gibt es hier eine riesige Armee unsichtbarer Service-Arbeiter, meistens Philippiner, Srilankesen und Nepalesen, die nicht in gerade besseren Verhältnissen leben. Doch wenn man in Dubai lebt, ist es das Beste, sich nicht mit den Fragen über Gerechtigkeit zu beschäftigen, gerade laut. Das ist doch der aller glücklichste Platz auf der Erde, hier gibt es sogar das Ministerium für Glück. Und dazu Bestrafungen für die Verbreitung von Gerüchten oder fremder Fotos in den sozialen Netzwerken und Messanger.

Ich persönlich, als ich die Losungen über Dubai 2020 sah, fing mich immer bei dem Gedanken, dass es gut wäre, wenn ich im Jahr 2020 nicht mehr hier bliebe. Irgendetwas in der Welt ging nicht so wie es sollte, noch vor diesem verfluchten Jahr: Wirtschaftliche Stagnation und später der Abschwung erreichten langsam Dubai. Was im Jahr 2020 geschah auf dem ganzen Planeten, muss nicht ich euch erzählen. Die Expo in Dubai verlegte man um ein Jahr, auf den Herbst 2021, die Eröffnung des neuen, allerhöchsten Turmes in der Welt, wurde ebenfalls auf einen unbestimmten Zeitraum verlegt,


Die letzten beiden Ramadans. Wir lassen das Angestaubte hinter und. Zeit nach hause zu fahren.


Eines Tages saßen meine teure Freundin und ich in unserem liebsten griechischen Restaurant am Meer, rauchten Wasserpfeife, blickten auf den riesigen „Segel“, „Burdz-El‘-Arab“. Wir berieten uns, wie es dazu kam, dass wir beide in Dubai lebten. Diese Seifenblase der Fülle und Übersättigung, der Stände und Abende, der Leichtigkeit und Leere, wobei wir zu all dem nicht strebten. Wir machten Witze: möglich, dass es Karma ist, in dem vorherigen Leben arbeiteten wir irgendwo in Sibirien im Sägewerk, deswegen fanden wir uns beide hier wieder und freundeten uns an. Und obwohl das Sägewerk in Sibirien für uns eine figurative Rede darstellte, leben in Dubai wirklich viele Besitzer riesiger Kapitale, für die der Weg in die vertrauten Gegenden verschlossen ist. Doch mit dieser Welt kreuzten sich meine Wege nicht, zum Glück, wenn dann nur von weitem auf Veranstaltungen.

Obwohl diese Freundschaft die aller ehrlichste ist, tangierte sie auch unsere beider Verpflichtungen, und auch das ist eine Geschichte Dubais. Die Vielzahl der Treffen mit wirklich interessanten Menschen an den schönsten Orten, finanzierte mir mein Arbeitgeber. Partner und Kollegen luden uns ständig ein zu den vielzähligen Sitins und Eröffnungen.
Doch in den letzten Jahren begann mich das alles zu nerven. In der Freizeit besuchte ich Veranstaltungen oder Treffen nur in Ausnahmefällen, nur wenn es notwendig war, und mit nahen Freunden. Die Freizeit verbrachte ich mit dem Lesen von Büchern, mit dem Studium online und offline in den Ferien, mit dem Schreiben. Erstaunlich, doch in dieser geistigen Wüste, finden sich viele wieder. In dem Reiten auf Pferden, den Fahrten auf den Mofas, Couchings in allen möglichen Fragen, gesundem Essen, Volontariat, Religion, Schöpfung.

Jemand, der in Dubai lebst, vertieft sich in geistige Praktiken und Such, irgendjemand beschloss, dass all das Korporative ihn nicht interessiert, und er begann viel zu lernen und zu schreiben – so wie ich.

Dazu kam, dass in den letzten zwei Jahren in Dubai, ich selbst ebenfalls zum Ramadan fastete. Ich wollte es nur ein paar Tage ausprobieren, um die Freunde besser zu verstehen, die auch fasteten und die bereits gegangenen Großmutter und Großvater.

Es war schrecklich, den ganzen Tag kein Wasser zu trinken: Mit Essen experimentieren wir Frauen viel und mutig. Doch es schien unlogisch zu sein, während der Hitze nicht zu essen und zu trinken, um später in der Nacht zu essen. Doch ich beschloss mich dem Allerhöchsten anzuvertrauen
, etwas nicht für mich und mein Ego zu tun. Ich schaffte es das ganze Fasten durchzuhalten und dieser Monat wurde zu dem aller zauberhaftesten in Dubai. Was kostet nur der Geschmack von Wasser und Datteln nach einem Tag des trockenen Hungers.

Es war auch interessant die Traditionen der Araber von innen zu begreifen. Jeder Abend zu Ramdan ist ein Grund sich mit der Familie zu treffen für ein festliches Mahl nach einem langen Tag des Fastens, in diesem Monat besuchen sich die Verwandten und Freunde, freuen sich.

Stellen Sie sich ein Vorjahresessen der Familie vor. Es stellte sich heraus, dass auch das Fasten einem nicht schwer fällt. Und die kleine Periode ohne Sorge, die Gedanken an das Geistliche und das Studium des Korans, sind gar keine Zeitverschwendung.

Dann gefiel mir noch die Tradition Sadaks, zum Ramadan gibt jeder Moslem einen Teil seines Gehaltes (wenn er keine Kredite hat) für die Hilfe der Bedürftigen, um mit ihnen die Liebe de Allerhöchsten zu teilen.

In jenem Jahr des Umzuges las ich ein damals modernes Buch über das japanische Aufräumen. Ich schaffte es endlich für Ordnung im Haus zu sorgen. Ich schmiss einen großen Teil meiner Kleidung weg und nahm ab. Mit dem neuen Glück des Loswerdens von allem möglichen, flog ich für ein ein paar Tage in meine vertraute Kasan‘ und traf im Flieger die Liebe meines Lebens, meinen zukünftigen Ehemann – einen Tataren, wie ich selbst. Er arbeitete damals in Afrika. Irgendwie entwickelten sich zwischen uns die Verhältnisse. Nach ein paar Monaten flogen wir wieder nach Kasan‘ zu unserer muslimischen Hochzeit (über diese Traditionen wussten wir beide nichts und suchten im Internet nach Informationen) und nach einem halben Jahr fuhren wir nach Russland und feierten die Hochzeit.

Im Sommer 2019, vor dem Umzug aus Dubai, begann ich wieder Ramadan zu zelebrieren. Doch ich hörte nicht auf den Koran, bemühte mich all die nicht zu ende gelesenen Bücher zu ende zu lesen (meine dubaische Bibliothek wurde während dieser Jahre immer größer), ich organisierte die Angelegenheiten auf der Arbeit, den Umzug und die Hochzeit in Kasan‘. Deswegen fiel mir mein zweites muslimisches Fasten etwas schwerer, es gab nicht solche Geistlichkeit und Zauber, wie beim ersten Mal. Später, in Russland, fastete ich nicht mehr, doch irgendwann werde ich es unbedingt machen, doch Schweinefleisch und Alkohol ist nichts mehr für mich.

Lidia Koshutskaja: Zweitausendvierhundertneunundneunzig

Dienstags, Donnerstags und Samstags wählt er die Kasse, die am nächsten zum Ausgang ist. Montags, Mittwochs und Freitags – die Zweite, diese gefällt ihm weniger. Sonntags geht er nicht einkaufen.

Heute ist Mittwoch, deswegen geht er mit schwerem Atem zu jener unangenehmen Kasse, da ist die Schlange länger und die hohe Frau lädt auf das Fließ-band eine große Vielzahl von Lebensmitteln.

Dienstags bewegt sich die Schlange etwas schneller, doch er schaut nicht einmal in ihre Richtung. Er wartet.

„Junger Mann!“, die blonde Kassiererin winkt ihm mit der Hand. „Bei mir ist frei, kommen Sie!“

Die hohe Frau fährt eilig damit fort, drei Stangen Wurst, zwei Packungen Milch, eine Packung Cornflakes auf das Fließ-band zu legen, und er beobachtet sie dabei, hält dabei seinen Korb mit dem Kefir, Baguette und der Tafel dunkler Schokolade, Cherrytomaten und eine Sammlung von fünf Schwämmen zum Spülen vom Geschirr.

Die Kassiererin wackelt mit den Schultern und dreht sich zu der Frau mit der Lederjacke, die sich ihr gerade erst näherte. Er atmet ruhig aus und fährt fort mit dem Warten.

Endlich packt die hohe Frau all ihre Waren ein und nimmt die Karte heraus, um zu bezahlen.

„Gibt es einen Rabattzettel?“, murmelt wie gewohnt die Kassiererin mit den schwarzen Locken.

„Nein.“

„Wollen Sie einen?“

Ihre blonde Kollegin, die der Frau in der Lederjacke bereits mit ihren Einkäufen geholfen hat, blickt wieder auf ihn, doch er blickt prinzipiell auf den Stand mit den Zigaretten. Natürlich raucht er nicht, doch er erreicht, was er will: die Kassiererin beschließt ihn nicht weiter zu rufen, noch siebzehn Sekunden und die hohe Frau schnappt die letzte Tüte und geht langsam zum Ausgang.

Er breitet mit Vergnügen die Einkäufe aus. Zuerst den Kefir, dann die Schwämme…

Die Lockighaarige schaut nicht einmal auf die Waren, während sie diese scannt. Doch blickt sie ihn auch nicht an. Ihr Blick ist in eine andere Zeit gerichtet, entweder in eine sorgenvolle Vergangenheit, oder in die Zukunft, wo es auch nichts lichtes gibt, und die Hände machen die Arbeit. Solche gefallen ihm nicht. Sie kontrolliert nicht die umgebende Realität, weiß nicht wo sie sich befindet, und macht alles automatisch. Solche machen oft Fehler.

„Haben Sie einen Rabatt+?“

„Nein“, antwortet er kühl.

„Wollen Sie einen?“

„Nein.“

„Dann bekomme ich von Ihnen zweitausendvierhundert neunundneunzig.“

Er kommt sich vor, als würde man ihm ins Gesicht schlagen. Es wird heiß.

„Entschuldigen Sie, wie viel?“…“

Die Lockighaarige rollte für eine Sekunde mit den Augen.

„Zwei vierhundert neunundneunzig.“

Er stellt sich vor, wie er sie mit dem Gesicht an die Kasse schlägt und auf dem Gesicht bleiben die Eindrücke der Zahlen. Er atmet aus und lächelt unbequem:

„Das kann nicht sein. Ich habe alles berechnet. Es sollte zweitausend vierhundert sechsundachtzig herauskommen.“

„Junger Mann“, die Lockighaarige spricht in einem solchen Ton, also ob sie dreißig Jahre älter ist als er.

„Meine Kasse zählt alles automatisch, denken Sie, dass Sie schlauer sind als die Maschine?“

Er richtet seine Brille.

„Ich habe einen Doktor in Mathematik, deswegen denke ich, dass ich schlauer bin. Kann man noch mal durch zählen?…“

„Was hast du das Doktor? Wurst?“, murmelt die Kassiererin und erhebt die Stimme. „Das gehört sich nicht. Bezahlen Sie ihre Einkäufe. Bitte.“

Er stellt sich vor, wie er sie an der Hand nimmt, wie ein Kind, sie aus dem Supermarkt führt, dann hinter die Häuser, wo die Eisenbahn ist. Er möchte, dass sie nichts versteht, so wie sie auch jetzt nichts versteht, und dass sie mit Vergnügen auf den Schienen sitzt, bis er ihr zur Verabschiedung zuwinkt.

Die Blonde, so sah es aus, fuhr fort ihn zu beobachten, rechnete mit dem letzten Kunden ab und befand sich hinter dem Rücken der Lockighaarigen, sie sprach ganz schnell mit einer hohen Stimme:

„Nun denn, natürlich denken wir nicht, dass sie nicht recht hatte! Lasst uns alle Daten vergleichen…Entschuldigen Sie…Professor? Wie heißen Sie?“

Er schwieg, fuhr fort mit dem Lächeln und dachte, wie er mit Vergnügen ihr Haar um seine Faust wickeln würde. „Sehen Sie, die Sache ist die: Die Tomaten haben ein falsches Gewicht, deswegen kosten sie mehr… Doch das ist nichts schlimmes, stimmt es= Und wollen Sie, ich werde schnell laufen, eine neue Packung holen, da sind neue Preise drauf….“

Er stellt sich vor, wie viele Cherris in ihren Rachen passen würden und spricht leise:

„Nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen“, schade, dass er heute nicht ihre Kasse auswählen durfte. Dann hätten die Bilder im Kopf aufgehört zu blinken. Dann müsste er nicht denken, wie er die beiden würgen wollte. ER würde einfach schnell nach hause gehen, Kefir trinken und das Mittagessen vorbereiten. Ja, auf dem Tisch, lag das Huhn, welches gerade auftaute. Dieses ähnelt sehr dem weichen, weiblichen Fleisch, und er würde in Ruhe essen, ohne sich darüber Sorgen zu machen, dass der Zug lange nicht kam und die Kassiererin war gerettet. „Alles in Ordnung. Ich zahle.“

Ihm wurde heiß, als man von der Karte mehr abhob, als nötig war, doch er biss sich auf die Wange von Innen und fuhr fort zu lächeln. Zum Glück hat die Blonde die Lebensmittel eingepackt, während die Lockighaarige schon mit dem nächsten Kunden sprach. Ihm kam es schlimm vor, wenn sie wieder seine Einkäufe berühren würde.

„Einen schönen Tag!“ die Blonde reichte ihm seine Tüte. Und er war frei.

Er ging nachhause, seine Gedanken hassend. Er verstand, dass er sie nicht kontrollieren konnte und beruhigte sich, dass es nur Gedanken waren. Er machte nichts. Tat nichts der Lockighaarigen. Und die Ziffern legten sich in seinem Kopf nicht richtig…Macht nichts, er weiß, wei man diese in Ordnung bringt, und nun wird alles gut sein. Er lobte sich noch einmal für seine Zurückhaltung, und machte die Tür des Hauses hinter sich zu.

„Ich bin zurück“, sprach er laut. Aus dem Schlafzimmer hörte man niemanden und er eilte dorthin: Was ist, wenn ihr irgendetwas zugestoßen ist? Doch nein, sie wartete immer noch auf ihn, im rosa Kleid mit roten Mustern. „Stell dir vor, was mitr heute zugestoßen ist“, und er berichtete über die Ereignisse im Supermarkt. „Und nun sitzt jene teuflische Zahl zweitausend vierhundert neunundneunzig in meinem Kopf. Dumm, stimmt es? Doch ich weiß, wie ich es los werde. Man muss es einfach aus sich ausspülen, verstehst du?“

Sie hob die Augen. ES schien, als ob sie gar keine Kräfte mehr hatte.

„Ich weiß, dass du müde bist, doch ich benötige deine Hilfe.“

Er nahm aus dem Kleiderschrank einen Pullover, senkte sich neben sie. Sie stöhnte leicht. Mit einem Ruck hob er ihr Kleid nach oben.

„Du bist meine Starke“, lächelte er. „Und schlau, warst immer die Beste in meinem Fach. Nun, zähle mit mir: eins…zwei…drei…

Natalija Limar‘: „Der kalte Regen“

Eine Holztreppe. Es regnet. Ein echter, fernöstlicher, kalter Augustregen. Ein solcher Regen erschafft in einem Augenblick die Pfützen, auf denen man springen kann, das Gesicht neigen in den Wasserstrahl, und du wirst augenblicklich nass.

Wobei, wahrscheinlich rede ich über einen anderen Sommerregen, wenn aus dem Himmel, sogar aus dem Wölkchen, ohne die Sonne zu verschließen, ein anderer Regen fällt, ein warmer, zärtlicher Sommerregen, der sich im Himmel verstrickt, so jung und nutzlos wie der Welpe einer Schäferhündin, ein neckischer Bursche, der Regen. Ein blinder Regen. Fällt, macht Schabernack, spielt mit dem Laub auf dem Gras. Außerdem malt der Regen einen Regenbogen im Himmel. Ein solches Wunder, man sieht einen Regenbogen im Himmel und ist glücklich. Jetzt bin ich glücklich, doch im Inneren ist noch eine größere Vorahnung von Glück. Nasse Füße, nasse Haare. Da lief ein Wölkchen im Himmel, machte Unfug und schon wieder die Sonne.

Der Augustregen ist anders: ernst, erwachsen, mit Bläschen auf der Oberfläche der Pfützen. „Ich bleibe lange hier. Ich werde zwei Wochen fallen. Der Himmel wird schwer sein. Ich werde die Erde mit Nässe tränken, die Flüsse füllen, die Festigkeit der Brücken prüfen.“

Ja…August. So regenreich, und man wünscht sich Wärme und Sommer. Schon beginnen die Astern zu blühen, die Pflaumen sind fast reif, das Wasser im Fluss ist bereits kalt. Der Iljatag ist vorbei, der Sommer ebenfalls fast zu ende. Ein kurzer, fernöstlicher Sommer. Man wird noch ein paar warme Tage haben , klare, fröhliche, mit einer besonderen Durchsichtigkeit, umgeben vom Gold des Herbstlaubes, mit Schiffchen, die leise von den Bäumen fallen.

Der Regen goss unerwartet, wie aus Eimern.

Auf der Brücke stehen drei Menschen und beobachten die Wasserströme. Ein erwachsener, schöner Mann mit freundlichen, leuchtenden Augen. Eine schöne, junge Frau mit einer weißen Haut, grünen Augen, in ihrem Wesen ist ein besonderer Magnetismus, der verzaubert.

Sie beiden: der Erwachsene, von fünfzig Jahren und eine besondere, zwanzigjährige junge Frau. Ruckartig in den Bewegungen. Die beiden leben dieses Leben: voller Ereignisse, Geschichten. Sie rennen wie schöne Rassenpferde, die Tage ihres Lebens sind offen und hell, mal fröhlich, mal traurig. Das Leben fliegt mit einer kosmischen Geschwindigkeit. Und die dritte ist ein plumpes Mädel: lange, schnelle, nackte Füße, ein nasser Pferdeschwanz heller Haare, ein nasses, grünes Kleidchen, blaue Augen in einem zur Welt geöffneten Gesicht. Ihr Leben ist ganz unbewusst. Die Tage vergehen, als würde man in einem warmen Nebel baden, in der Hoffnung, der Sorge, der Liebe der Nächsten. Die ganze Welt ist nur für sie. Und die Lebensereignisse sind wie leichte Wölkchen: taucht ein, taucht auf und schon wieder ist vor ihr die leuchtende, glückliche Welt. Die Kindheit und das Mädel, ein vertrauensvoller Beobachter.

Strahlend, vertrauensvoll, doch manchmal neckische Augen, haben alle drei…

Es fließen kalte Ströme…

Und nun ein Ausruf:

„Traue dich! Traue dich unter den Regen!“

Das bedeutet, man muss schnell unter den Regen springen, das Gesicht unter die Wasserstrahlen halten, die mit lautem Geräusch als Wasserströme fließen, vom wütenden Himmel. Und man wird ganz nass, schafft es nicht auszurutschen auf den feuchten Treppen, dann wieder zurück hüpfen, unter das Wildwasser des beginnenden Gewitters.

Der Mann lief los, gescheucht von dem Ausruf…und Stopp!

„Ähm, nein!“

Das Ecksamen der Schneidigkeit und Provokation ist vorbei.

***

Seitdem habe ich in meinem Inneren eine coole Phrase „Traue dich unter den Regen!“ Traue dich unter die kalten Wasserstrahlen des Regens, und irgendwer wird auf der trockenen Treppe stehen und die trockenen Hände aneinanderreiben.

Ich spreche zu dir im Augenblick des intuitiven Rucks: „Stopp! Der Regen ist kalt.“

Danke für die Wissenschaft und den Tipp.

Wobei, ich möchte objektiv sein. Ich ging oft im Regen spazieren, ohne die Augen von der trockenen Treppe zu sehen. Ganz umsonst. Wenn du provoziert wirst zu einer Tat, zu einer Emotion oder sogar einer Beleidigung, ist es keine Liebe, keine Sorge. Das ist nichts Gutes.

So einfach: „Der kalte Regen“. Das wichtigste: man darf sich nicht dem intuitiven, besinnungslosen Impuls hingeben.

Man ruft uns gemeinsam auf den warmen Pfützen zu springen unter dem zärtlichen Regen und die Augen zu kneifen. Man wird in Schwierigkeiten getrieben, beobachtet die Helden, die ertrinken, kritisiert diese von der Seite.

Nur der Regen, nur die trockene Treppe, fast nach vierzig Jahren von jenem Mädchen, das naiv war und begeistert, das gerade begonnen hat, das Leben zu schmecken.

Ich verstehe die Einfachheit und Durchsichtigkeit des Lebens und man möchte wissen, dass der sonnige Morgen wieder kommen wird, mit tanzenden Schmetterlingen, dem Geruch von Lavendel, der Vorahnung eines Wunders, der Unbeschwertheit der Jugend, dem Glauben an den blinden Regen mit dem Regenbogen.

Und die Brücken tauchen unerwartet auf, mal klein und schön, mal riesig und lang, mal alt, mal neu, ganz unterschiedliche Brücken. Brücken eines Ereignisses zum anderen.

Manchmal stehst du auf der Brücke, und in einem Augenblick verändert sich das Leben. Und manchmal gehst und gehst du, fast ohne Kräfte. Mal Regen, mal Sonne, mal Wind, und du gehst und gehst, und ein anderes Ufer gibt es nicht. Wenn man sich hinstellt, die Arme ausbreitet und das Gesicht den Luftströmen entgegenstreckt, da kommt das Gefühl eines flatternden Vogels auf. Stehen, atmen, glauben.

Unsere Lebensbrücken wurden bereits gebaut, wir wählen aus, auf welchen wir gehen wollten. Manchmal, wenn einen das Unwetter überrascht und wir uns auf einer Brücke befinden, beten wir, um uns fest zu halten, damit wir genug Kraft haben, das rettende Ufer zu erreichen.

Von Brücke zu Brücke. Von dem einen Beginn zum anderen. Wir gehen und hoffen, dass wir Halt finden, und einen warmen Regen und mehr Sonne.

Buen Camino

Lidija Koshutskaja: „Die Schatulle“

Es erklang die Musik des Windes.

„Entschuldigen Sie bitte…“

„Nicht Entschuldigensiebitte, sondern Tantchen Til’da“, korrigierte ich die eben Eingetretene. „So nennen mich alle.“

Die junge Frau blinzelte, machte den Mund auf, dann wieder zu. Ihrem Alter nach war sie siebzehn Jahre, langes, helles Haar, das chaotisch nach einem Lauf oder einem schnellen Gang hin und her wehte. Sie trug einen karierten Rock und es sah so aus, als würde sie sich darin unwohl fühlen, denn sie versuchte seit den letzten zwanzig Sekunden, diesen bereits drei Mal zu richten. Ich weiß, warum mich solche junge Frauen besuchen, doch ich erwartete mit Ungeduld, wann sie mich endlich aufsucht mit ihren Gedanken.

„Tantchen Tilda“, begann sie endlich. „Stimmt es, dass ihre Musikschatullen magisch sind?“

„Nein“, riss ich an. „Klapp, klapp“, antworteten mir verwundert ihre Wimpern.

„Gar nicht?“

„Keine Zauberei“, sagte ich ernst. „Nur Physik, manchmal die Metaphysik.“

„Das heißt, Sie sind keine Zauberin?“

„Noch nie“, wackelte mein Kater Freyer mit dem Kopf, der unter der Theke saß.

Die junge Frau schaute auf den Kater. Dieser wurde verlegen und begann sein schwarzes Fell auf dem Rücken zu lecken.

„A“, atmete sie mit Erleichterung auf. „Sie machen Witze. Wie lustig.“

„Danke“, nickte ich. „Hast du irgendetwas konkretes gesucht?“

Sie senkte die Wimpern und schrie mit Schnelligkeit in der Stimme:

„Ich muss die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf mich ziehen.“

„Ich werde bald Tippspiele machen, darüber, dass alle jungen Damen von sechzehn bis zwanzig Jahren genau deswegen zu mir kommen“, atmete Freyer auf. Die junge Frau wurde rot.

„Höre zu, Schwesterchen“, sagte ich leise, „wie heißt du?“

„Ejrika.“

„Ejrika, meine Liebe, bist du sicher, dass du das brauchst?“

Und die große, grauen Augen öffnet sich weit-weit.

„Wie denn sonst?“

„Ich habe keinen Partner und lebe damit sehr ausgezeichnet“, bemerkte Freyer.

Ejrika beachtete seine Worte nicht.

„Ne, ne, wenn du möchtest – bitte, doch du brauchst doch keine Aufmerksamkeit, sondern Liebe, so?“

Ejrika nickte, dann dachte sie nach und nickte noch einmal.
„Ja, so ist es.“

„Ich habe eine gute Idee für deinen Fall“, sie betrachtete mich mit Hoffnung. „Ich höre die Melodie deines Herzens und schreibe diese in die Musikschatulle. Wenn der richitige Mann es hört, wie schön du klingst, wird er nicht vorbeigehen können.

„Und wird Patrick mich lieben?“, flüsterte Ejrike laut. Freyer kicherte und machte den Anschein, als ob er sich mit einem Fellknäuel verschluckt hätte.

„Wird etwa wahre Liebe vor der Melodie eines liebenden Herzens zurückschrecken?, sagte ich einfach. „Lass uns das so machen: die Hälfte der Bezahlung zuerst, die andere Hälfte danach, wenn die Schatulle das erfüllt, was du dir wünschst.“

Ejrika drückte meine Hand fest.

Nach einer Woche flog wieder der hellhaarige Wirbelwind in mein Geschäft.

„Sie haben mich angelogen!“, erzürnte sie sich. „Patrick wollte die Schatulle nicht einmal anhören!“

„Wirklich?“, sagte ich gleichgültig. „Wie traurig.“

„Ist es Ihnen egal?“ Ejrika versuchte mich mit ihrem Blick zu durchstechen.

„Normalerweise geben wir das Geld nicht zurück.“, bemerkte Freyer. Doch wenn Sie den Check bewahrt haben, können Sie die Ware umtauschen, denn es sind nur weniger als vierzehn Tage vergangen…“

„Check“, flüsterte Ejrike und erstarrte. „Der ist zuhause. In der Tasche. Ich bin gleich wieder da!“

„Wie kann sie nur so schnell in ihrem Rock laufen?“, gähnte Freyer und legte sich schlafen. Ich fuhr damit fort die Theke zu wischen.

Das nächste Mal kam Erika erst am nächsten Tag vorbei. Sie war diesmal nicht in Eile und machte die Tür hinter sich zu.

„Tantchen Til’da?“

„Es scheint, als ob du mit mir eine Geschichte teilen wollen würdest“, lächelte ich. „Wie heißt er?“

„Natan“, ihre Augen leuchteten. „Als ich nachhause lief, um die Schatulle zu holen, stolperte ich und fiel direkt neben ihn. Ihre Schatulle fiel aus der Tasche, öffnete sich…Und begann zu spielen.“

„Und er?“

„Er sagte, er habe noch nie eine solch schöne Melodie gehört.“

Ejrike lächelte breit. „Er ist ein Musiker. Und wissen Sie, wenn er spielt, dann habe ich das Gefühl, das Klopfen deines Herzens zu hören.“

„Und dieser Gedanke“, sprach Freyer, „Tantchen, warum sollen wir nict Musikinstrumente herstellen?“

Ich streichelte den Kater und wandte mich wieder zu Ejrike.

„Bitteschön.“

Sie nahm aus der Tasche eine Münze und warf sie auf die Theke. Ich liebte den Klnag von Silber, doch der leuchtende Klang von glücklichen Herzen liebe ich noch viel mehr.



Natalija Limar‘: „Winter, Sibirien, Feuerstelle“

Winter. Sibirien. Sehr viel Schnee. Der Schnee knirscht unter den schnellen Füßen. Ein Kerl läuft zum Auto, im Innenraum des Wagens ist es wärmer, doch warm wird ihm trotzdem nicht. Ist ganz durchfroren. Läuft so vor sich hin, so schön und jung, tänzelnd, der trockene Schnee knirscht unter den Stiefeln. Der Hut liegt schräg, der Mantel ist offen, der obere Knopf des Hemdes ebenfalls. Die Augen sind klar, blau, wie der Himmel über den Bergen. Die Seele ist offen. Gar nicht mal einfach ist der Kerl aus Rjazansk, ein Fahrer. Er kam auf die komsomolzer Baustelle nach dem Wehrdienst, um in der Hakassker Einöde eine Straße zu bauen und etwas Geld zu verdienen für das neue Haus. Dahin würde er dann seine Braut mitnehmen. Der Sohn einer strengen, starken Mutter, ein Bruder von zwei leiblichen Geschwistern, ein Enkel der Großmutter, die einen eisernen Willen hat. Nachdem ihre beiden Söhne, Weißgardisten, erschossen wurden, vor ihren Augen und der Augen der kleinen Tochter.

***


Die Bolschewiken schmissen die Göre aus dem festen Haus, das heute immer noch steht und in dem ganze vier sowjetische Familien leben.

Die Umgebung von Rjazan‘, der Fluss Oka, ein Ehemann, der in den zwölf Kirchen von Elat’ma arbeitete, eine Schule, zwei Söhne – Schönlinge, Offiziere. Tochter Zinochka, blauäugig, schwarze Locken – alles ist abgebrochen. Man zerstörte die Kirchen, setzte alles in Brand. Die neuen Machthaber, die Bolschewiken, nutzten ihre uneingeschränkte Macht und Grausamkeit.

So fanden sich auch auf dem Feld, in einer Baracke, Mutter und Tochter, und man sollte nicht sterben von dem Seelenschmerz, vor Hunger und mit den Brücken des Schicksals zurecht kommen. Man nannte jenes Dorf später Wüste. Und auf dem Berg über der Oka steht eine Kapelle des Vaters Alexander, der sein Leben für die Ehre und den Glauben gegeben hat, als gerade die erbarmungslose Revolution im Gange war.
Um zu überleben, musste die Mutter ihre sechzehnjährige Tochter mit einem vierzigjährigen Witwer verheiraten. Er stammte aus der Familie ehemaliger Kaufmänner, die sich der neuen Macht anpassten, viel arbeiteten, gut lebten. Für die Tochter war es die einzige Chance ihren Nachnamen zu ändern und das Geschlecht zu erhalten. Zinochka gebar vier Kinder. Die beiden älteren Töchter Ekatherina und Anna waren Helferinnen. Mishka war noch ganz klein. Ihn und die aller jüngste Maschenka gebar sie nach dem nächtlichen Melken: sie schleppte volle Eimer Milch vom Fluss. Als Zinochka 28 Jahre alt wurde, starb ihr Ehemann an Tuberkulose und sie blieb als Witwe mit fünf Kindern, der Stiefsohn Pashka nannte sie auch Mutter. Nach dem Tod des Ehemannes wandte sich seine Familie von der fremden Tochter mit der schlimmen Vergangenheit ab. Ein paar Jahre vor dem Krieg, folgte Mascha ihrem Vater: im Traum, als ob sie ihn gesehen hätte, sagte sie: „Papa“, und wachte nicht wieder auf.

Das kleine Häuschen der Großmutter, das an der Stelle der Baracke gebaut wurde, ähnelte mehr einem Stall. Es begann der Krieg. Der Hunger. Zwei Frauen, obwohl sie so stark waren in ihrem Geist, hätten all ihre Kinder nicht versorgen können. So ergab es sich, dass Gott die Jüngste nahm. So hatten die Übrigen eine Chance zu überleben. Mischka blieb vier Mal sitzen in der Schule, weil man ihm dort zu essen gab. Und er und Njura wechselten sich ab mit dem Schulbesuch. Da es nur ein paar Winterstiefel gab. Die Großmutter briet Pfannkuchen, war sehr streng, führte den Haushalt und war das Oberhaupt. Dann starb auch sie und als Mischa es erfuhr, lief er die Straße der Mutter entgegen und schrie: „Mama, Mama, die Großmutter ist gestorben!“

Sie blieben zu viert: der älteste Pascha fuhr fort, wurde in einer Schule angenommen, wurde Kapitän. Die Familie des Vaters unterstützte ihn. Und Miscka schleppte Säcke mit Mehl. Dann ging er in den Wehrdienst und im Jahr 53, im starken Frost in Tomsk, nach dem Befehl der Abteilung, sollte er sich niederlassen. Stalin starb. Es verendeten junge Männer, starke, gesunde, Opfer des absurden Terrors. Er überlebte. Beendete seinen Dienst. Kehrte nach Hause zurück, doch die Mutter schickte ihn so weit weg wie möglich von seinem vertrauten Ort: In ihren Augen stand bis zu ihrem Tod die Erschießung der Brüder im Hof des Hauses. Sie befahl sogar ihren Enkeln, den Nachnamen zu wechseln: sie hatte wieder Angst, die Nächsten und Liebsten zu verlieren.

Und erst Ende der 90er Jahren hing sie zwei Portraits der jungen Schönheiten mit einem stolzen Blick auf. Diese trugen Orden, die wie ein Wunder, ihnen bewahrt blieben: sie bat alles zu verbrennen nach ihrem Tod, damit ihre Enkel und Urenkel nicht zu Opfern der möglichen Repressionen wurden von der Seite der sich immer verändernden Macht.

Wie sehr ihm das Wort „Väterchen“ fehlte. Vielleicht klingt dieses Wort aus unseren Mündern, den Kindern des Väterchens, mit besonderer Ehrerbietung.

Zu dir, mein Väterchen, Mishka Bahrov, zu dir. Zu einem solch schönen Menschen richte ich meine Gedanken, Worte und Bitten, mit Liebe und Begeisterung und ich schaue auf meine Taten mit deinem Segen. Ich laufe durch den schneidenden Frost zum kleinen Geschäft in einer fernen Hakassker Stadt, zum Treffen mit meinem Schicksal, zum Treffen mit meinem Glück.

Vor dir liegt ein langer Weg, und ein kurzer, der leuchtend ist, jedoch mit schlimmen Augenblicken. Doch selbst nach vielen Jahren, leuchteten die Augen meines kleinen Buddhas im Sommer 2002 mit jugendlicher Arglist, durch einen physischen Schmerz, durch den Schmerz der Trennung. Mein teurer Mensch. Mein größter Stolz, ist es die Tochter eines Echten Menschen zu sein.

***

Es läuft ein Kerl, so elegant und mit Grazie. Seine jede Bewegung ist schön.


***

Man trifft sehr selten Menschen, deren Bewegungen erfüllt sind von einer geheimnisvollen Bezauberung und die immer die Blicke der Alten und Kinder auf sich ziehen. Und es ist gar nicht wichtig: ist es ein Kerl, der Witze macht, ist es ein junger „Hazbulat“ mit einem Akkordeon in den Händen, ist es das Gras, welches gerade wächst, ist es der fremde Großvater, der begeistert auf den Rücken des Heuers schaut, meines Vaters, auf der Heuernte in Shunersk, sind es wir, die gemeinsam in einem großen, gelben Wagen in die Taiga fahren. Jene, die sich erstreckt auf beiden Seiten der schmalen Straße und einen Tunnel bildet, ein Dreieck und es gibt nur wenig Himmel. Ich sprang in den Wagen, der Hut schief, schnell, ein großes Auto mit einer gelben Nase. Kamacu ist eine japanische Schönheit, die mich und Väterchen in die Taiga fährt und wir freuen uns. Väterchen und ich sind Schmetterlinge, flattrige, tanzende. Doch das alles war schon vor vierzig Jahren, vor dieser Treppe im Geschäft.



***

Die Hände sind immer warm, ohne Handschuhe bei starkem Frost, doch sie frieren, man kann die Zigarette nicht anzünden. Doch wenn man sie aneinander reibt und auf sie atmet, dann kann man eine rauchen. Ein kränklicher Kerl an der Tür, wischte sich die Schuhe ab, schüttelte den Schnee ab und betrat das Geschäft. Und auch hier wird einem nicht warm: der Ofen heizt kaum, die Verkäuferin schafft es wohl nicht alleine, hat wohl kein Holz.

„Ich bleibe etwas beim Feuer, wärme mich auf, ich sollte ein paar Holzscheite in den Ofen werfen, solange das Feuer noch nicht an ist.“

Ich setzte mich, pustete auf die Hände, nahm eine Zigarette heraus, hatte es nicht einmal geschafft den ersten Zug zu machen. Doch die Verkäuferin vertrieb mich in die Kälte. So streng, rote Wangen, die Augen leuchten. Lass mich doch hier aufwärmen, sag ich zu ihr. Ich wärme mich auf und bringe dir ein paar Holzscheite. Nein, auf keinen Fall. Sie verscheuchte mich in die Kälte. Schon wieder laufe ich schnell zum Auto, hatte nicht mehr daran gedacht, Tee zu kaufen.

Und das Mädel im Geschäft ist ganz schön frech…Wem gehört sie wohl? So nervig. Habe sogar vergessen, Tee zu kaufen. Gut, ich komme ohne Tee zurecht. Habe mich doch aufgewärmt durch das Laufen. Und der Ofen bei dieser blöden Kuh wird ganz erlöschen, sie wird erfrieren bis zum Abend. Man sollte wenigstens etwas Holz vorbei bringen, damit sie nicht ganz erfriert.

Der sibirische Abend des Jahres 1957. Mishka Bahrov ist 25 Jahre alt.




***

Und das Mädel ärgert sich.

„Da kam irgend einer von Weitem, kein Einheimischer, kam herein, wie ein Wind und direkt zum Ofen, dann rauchen. Dachte, ich bemerke es nicht.“

Ich verscheuchte ihn, und er hat sich nicht gewehrt.

„Und seine Augen sind so frech, in ihnen glänzt Arglist. Hier bei uns gibt es solche nicht. Und dieser war wie ein Blitz, sprang herein und verschwand plötzlich. Ein frecher Kerl. Nicht der Unsrige. War auf der Durchfahrt, vielleicht einer von jenen, die kamen, um die Straße zu bauen.
Wie kalt es heute ist, und es gibt kein Holz mehr. Die schlimme Kälte ist zwar vorbei, doch Februar und April schenken uns auch keine Wärme. Hände und Füße sind am frösteln. Bin ganz durch gefroren. Ich sollte Vater oder die Brüder fragen, vielleicht bringen sie mir etwas Holz. Ich schließe ab und gehe zur Mutter, sie hat heute Piroggen mit Schattenmorelle gebraten.“
Bis zum Haus ist es nicht weit, nur 10-15 Minuten. Und zuhause ist es warm, der Vater schafft im Stall, die Mutter hat bereits gemolken, die Milch durchgesiebt und bereitete für Wassilij, Marusja und Taisja, den älteren Kindern zu Essen vor. Sie haben ihre eigenen Familien und kleine Kinder.

Vanka und Tomka bringen den Älteren Piroggen und Milch, sie freuen sich, sich auf dem Weg zu amüsieren, die dörflichen Nachkriegsturbulenzen. Zuhause kann man keinen Schabernack machen: der Vater ist streng. Betritt er die Hütte, herrscht sofort Stille, und auf dm Tisch ist Ordnung. Alle sitzen und warten, bis der Vater beginnt zu essen. Sie wissen seit der Kindheit, dass der Vater ihnen den Löffel ins Gesicht wirft, wenn etwas nicht stimmt. Einen solchen Vater hat das Mädel, strengt, lobt seine Kinder nicht. Was er sagt soll der Wahrheit entsprechen, auch wenn er nicht recht hat. Doch die Mutter, auch wenn sie nicht stark ist, kämpft nicht um die Macht. Sie versucht ihn zu beruhigen, ihm zu verzeihen. Ein Tatare und eine Kosackin. Funken, Angst, Kinder, Hauswirtschaft, ein gutes Haus, eine starke Familie. Die Kinder haben eine ganze Straße von Häusern bekommen entlang des Flusses, und alle Häuser wurden mit den eigenen Händen gebaut. Der Vater ist ein Tischler, und die Mutter ist die Hausherrin, jetzt und auch in Kriegszeiten war das so.

Das Einzige was mir Sorge macht, ist dass ich langsam heiraten sollte. Das sagen alle, auch die Mutter. Die Heiratskandidaten kamen bereits 10 Mal, vielleicht sogar 12, doch sie möchte nicht irgendjemanden heiraten, „mal hat der eine Schnupfen, mal ist er gebeugt, mal ist er ein Trinker“, irgendwie nicht für die Seele. So sprach ich: „Ich heirate nicht jemanden einfach so, zwingt mich nicht!“

Ein winterlicher, sibirischer Abend des Jahres 1957. Shura Mozharova ist 22 Jahre.



***

Wie seltsam sind doch die Menschen: brachten Holz, schmissen es vor das Geschäft, man kann nicht durchgehen, nicht durchfahren. Man muss dieses umgehen, manch einer springt darüber, doch ich habe Angst. Das Knie tut weh. Habe viel auf der Hochzeit des Bruders getanzt, nun tut das Knie weh, manch einer nennt mich Hinkebein, sehr erniedrigend.“

So denkt die junge Verkäuferin aus dem Dorfgeschäft als sie nach Hause zurückkehrt. Sie geht langsam den schmalen Dorfpfad entlang, auf dem knirschenden Schnee, der einem die Augen blendet. Sie atmet durch die feuchte Luft, selbst am Tag beißt sie sibirische Kälte die Wangen und die Nase, und auf den Wimpern und den Haaren zeigt sich ein dichter Raureif, wie bei dem Schneemädchen.
Man muss sich beeilen, schon wartete das Volk an der Pforte, und irgend ein Wagen steht unweit von hier. Der Handschuh klebt am Schloss fest, im Geschäft ist es kalt, das Volk schreit, beeilt sich. Mehl, Zucker, Bonbons, Streichhölzer, Korn, Brot. Das Angebot ist zwar nicht so groß, doch es gibt genug zu tun.

Die Menschen haben das Geschäft verlassen, nun muss ich den Ofen anheizen, solange niemand da ist, muss die Räumlichkeit geheizt werden. Ich habe gerade alles zu ordnen begonnen, da näherten sich irgendjemandes Schritte auf der Treppe.

„Gibt es etwas niemanden, der den Ofen heizt? Von dem Holz, das du hast, gibt es keine Wärme. So frierst du? Lass mich dir etwas Holz hacken, dort draußen liegt ein Holzstück.“

„Da steht er, mit offenem Mantel, so seltsam, als ob wir uns schon seit Jahren kennen. Ich bat ihm um nichts. Vielleicht hat der Vater gefragt oder die Brüder, ich hatte ihnen mitgeteilt, dass das Holz zuneige ging. Und man möchte ihn um nichts bitten, ich werde ihn nicht bitten.
Er hackte etwas Holz, brachte einen ganzen Eimer, heizte schnell den Ofen an, und ich hatte keine Zeit dafür, die Kunden kamen, manch einer brauchte Salz, manch einer Brot, alle sind in Eile, da nahm er eine Zigarre, drehte sie, blickte in meine Richtung, wackelte mit der Hand, so nach dem Motto, Tschüss, ich fahre nun, schnelle sich entfernende Schritte, da sprang ein Motor an von einem wegfahrenden Auto. Und ich habe mich nicht einmal bedankt, vielleicht ja doch, doch ich erinnere mich nicht. Es gibt viele Menschen. Doch jener Kerl war so seltsam. Einen solchen gibt es bei uns nicht. So wehte der Wind und es gab ihn nicht mehr.“

Es wurde leer…

Das Feuer knistert im Ofen, die Flammenzungen glänzen durch die halb geöffnete Tür des Ofens. Im Geschäft ist es war, ja in der Seele des Mädels wurde es auch warm. Irgendetwas ahnt sie, doch fühlt sie noch nicht die Bestätigung ihres Schicksals.



***

Am Chulpan, einem riesigen Felsen, entlang der schneebedeckten Straße, fährt ein nachdenklicher Kerl aus Rjazan‘, so als ob er zum ersten Mal diese wundersame Schönheit Sibiriens sehen würde. In seinem Kopf glänzen viele Bilder: der Hafen neben der weiten Oka, dann die Mutter und die Großmutter, das nicht fertig gebaute Haus, die Braut Nataschka, die auf ihnen wartet, Kirschen, das Rotauge, Antonovka. Er erinnert sich an Tomsk und die Eiseskälte, die noch schlimmer ist als hier.

„Und jenes Mädchen aus dem Geschäft ist so streng, so ulkig. War wohl verwirrt, doch winkte mir sie als Dankeschön mit der Hand. Ich rauchte nicht, denn es gefiel ihr nicht, obwohl, nachdem ich ihr das Holz gebracht hatte, hat sie es mir auch nicht verboten. Und den Tee habe ich wieder nicht gekauft, sollte nochmal vorbeifahren. Ich sollte bei den Kerlen herausfinden, zu wem jenes Mädel gehört. So frech ist sie, hat eine kleine Stupsnase. Wir werden schauen…werden noch einmal schauen.“


***

Mein Vater hat alles selbst entschieden. Entschied es großzügig, stritt nicht, wandte sich nicht ab, doch entschied er selbst, wen er lieben und heiraten soll, wohin man fahren soll und wie man die Kinder nennen soll…

Doch es soll so sein wie es sein soll.


***

Es fährt ein Auto auf dem schneebedeckten Weg, ruckelt, wackelt bei den Abzweigungen des Chulpans, der in der winterlichen Dämmerung über den Häusern hängt, wie ein großer Riese, in dessen Schatten es immer dunkel und kalt ist. Es fahren zwei fröhliche Freunde Mishka Bahrov und Kol’ka Vertennikov. Sie wollen das Mädel mit der Stupsnase, die aus dem Geschäft, heiraten. Sie machen sich natürlich Sorgen und lachen, es fallen die Witze und das Auto fliegt, wie ein Lastwagen fliegen kann.

Die Straßen sind leer, es ist die Zeit des Abendessens.

Doch neben einem Haus geht ein Mann vorbei, dreht sich nicht um, zweigt nicht vom Weg ab, mal ist er so wichtig, mal nur nachdenklich. Wir fuhren ihm hinterher und hupten. Stämmig, nicht mehr ganz jung. Nun denn, er winkt uns zu.
„Verzeih uns Kerl, wir sind in Eile, die Braut wartet.“

So kamen wir an. Das Haus ist stabil, das Tor breit, die Pforte mit der Treppe. Lass uns gehen, Kol’ka…Schrecklich. Wir saßen noch etwas. Nun lass uns gehen, Es ist Zeit. Man sagt, dass das Mädel eine gute, feste Familie hat. Der Vater und die älteren Brüder waren im Krieg. Gott sei Dank sind alle zurückgekehrt. Die Mutter, eine Kosakin, ist wunderschön. Der Vater ein Schreiner, man ehrt ihn , ein guter Master, ist streng zu allen. Shurochka, so heißt unsere Schönheit, empfing viele Heiratskandidaten, doch sie wollte nicht heiraten oder die Eltern gaben sie nicht her.
„Lass uns gehen Kol’ka, man gibt sie uns. Wie der Kunde, so die Ware.“

Wir saßen noch eine Weile im Auto und dann los, wir klopften mit dem eisernen Ring an die Tür. Stille. Kein Hund. Und es duftet so lecker nach Brot, er duftet nach zuhause. Doch zuhause, in der Wüste ist ein anderer Duft, auf dem Dachboden trocknen Äpfel, hängt süßer Stechapfel im Winter und Sommer.
Und hier riecht es nach einem warmen, doch fremden Haus. Da gehen sie, die zwei Schönlinge, sie fürchten sich, doch man wird sie nicht vertreiben. Sie betreten das Haus.

Doch, oho, dort ist ein strenger Mann, der irgendetwas murmelt. Die Augen brennen, sodass es scheint, als ob die Funken austreten würden. Da ist dieser Grobian!!!

„Meine Tochter heiraten? Mutter, wir müssen sie schnellstens vertreiben. Zeigt euch nicht wieder!!!Weg mit euch! Weg, sagte ich.“

Da stehen zwei Kerle, lustiger kann man nicht sein. Wurden von Heiratskandidaten zu Feidnen. Da erhob Shurochka die Stimme, man bemerkt sie nicht sofort, das wandte sie sich an den Vater: „Wenn Sie mich nicht gehen lassen, werde ich mit ihm weglaufen“

Diese Shurocka vertrieb 10 Heiratskandidaten und da zeigte sie ihren Charakter. Der Hausherr wurde noch verärgerter, willst du gegen den elterlichen Willen gehen?! Und Shurocka sprang ins Zimmer und befahl ihren jüngeren Geschwistern: „Tomka, bringe das Pelz heraus, und du Van’ka, die Winterstiefel.“ Während man schrie und ähnliches, schafften es die Kleinen, alles zu erledigen. Die Mutter flüsterte dm Ehemann: „Gebe sie weg, sie ist ein stures Kind, was sie möchte, das soll sein, kommt ganz nach dir. Gebe sie weg, sonst läuft sie selbst fort und richtet noch etwas schlimmeres an. Schau, was sie sagte, wenn man mich nicht diesem Kerl gibt, dann werde ich weglaufen oder gar nicht heiraten.“ Doch der tatarische Schnurrbart bauscht sich auf, aus dem Augen sprüht Feuer, von der Zunge Zankerei. So ist der Großvater Mozharov. Während er schrie und sie bedrohte, schafften es die jungen Leute, zu fliehen und nach dreißig Minuten saß Shurochka bereits im Fellmantel und Handschuhen im Auto. Sie schaffte es, dem zornigen Vater zu entkommen.

Evgenija Lomakina: „Business auf Kamelen“

Es war ein gewöhnlicher, grauer Tag. Draußen war Frühling, doch nicht jener, wenn die Knospen wachsen, Vögel trillern und in der Luft die Erwartung des Wunders fliegt und der Erneuerung, sondern jener Frühling, wenn der Schnee beginnt zu tauen, sich mit dem Schmutz zu vermischen und aus dem Schnee kommen die vorjährigen Blätter und der Müll heraus. Büroarbeiter in grauschwarzen Mänteln eilten zu ihren Büros, eingewickelt in grauen Schals. Die Fenster der Büros leuchten mit einem gelben Licht, als ob sie uns warnen – warte, gehe nicht hier hin.

Die Leiter der Unterabteilungen wankten in das Büro der Chefin. Alle kannten ihren Charakter und den ewigen Strom von Ideen. Sie setzten sich hin, in der Erwartung einer bestimmten, genialen Idee. Die Chefin flog in das Büro und zog sich dabei den Mantel aus.

„Nun, im Licht der letzten Ereignisse beschloss ich die Dienste unserer Agentur zu diversifizieren. Ich beschloss ein Business auf Kamelen zu eröffnen“, sagte die Chefin aufmunternd, „wer hat dafür Ideen?“

Sie schmiss ihren Mantel auf das Sofa, setzte sich an den Tisch und beobachtete aufmerksam die Versammelten. Als erstes meldete sich der Leiter der Produktionsabteilung zu Wort und stand auf:
„Wir benötigen einen Platz für die Kamele, außerdem ein Lager für die Aufbewahrung von Korn, Geschirr und anderer Dinge. Unsere Plätze in der Stadt erlauben es nicht einmal, einem Kamel darauf zu weiden, und auch ich kann sie nicht auf die Plätze lassen – sie können meine Menschen verletzen und den Prozess stoppen. Ich muss verstehen, wie viele Kamele es geben wird, um die notwendigen Plätze zu wählen, die Projektdokumentation zu planen für den Bau, die Besonderheiten des Vorhandenen mit einzubringen, die Wasserstellen zum Trinken und weitere Faktoren.“

Er setzte sich wieder und begann nachdenklich Quadrate in seinem Notizblock zu malen. Als zweiter erhob sich die HR – Direktorin, sie hüpfte in ihrem Sessel und trällerte:

„Ich muss sicher gehen, wie viele Menschen wir brauchen. Mindestens einen Tierarzt und seinen Helfer, dann benötigen wir jene, die die Kamele pflegen und sie leiten. Wie viele Kamele brauchen wir? Es ist notwendig zu verstehen, um sicher zu gehen, ob man diese Funktionen zusammentun kann oder ob es verschiedene Arbeitseinheiten sein sollen.

Noch heute werde ich ein Profil der Tätigkeiten ausarbeiten, ich benötige von euch die grundlegenden Parameter, an denen ich mich orientieren kann, um die Veränderung im Stundenplan zu formulieren und die Jobangebote zu veröffentlichen. Sie beendete das sprechen genau so abrupt, wie sie es begonnen hatte und setzte sich wieder in den Sessel. Der Direktor vom Marketing kritzelte die ganze Zeit etwas in seinen Notizblock. Er hob den Kopf, bemerkte, dass alle ihn beobachten und begann zu sprechen:

„Ich habe mir überlegt. Wir benötigen eine gute Werbung: Zunächst soll es eine neue, moderne Vergnügung sein und gleichzeitig die Rückkehr zur Geschichte. Man muss zunächst schauen, was die Öffentlichkeit dazu sagt. Man kann mit der Werbung bei den Schulen und den Kindergärten beginnen. Und als großes Ereignis kann man eine Tour durch die Stadt machen – auf Kamelen.

Dann wird es Werbung im Radio geben, möglicherweise im Fernsehen, man muss die Sinnhaftigkeit beachten, wir brauchen unbedingt Bilboards an den Orten, wo sich viele Menschen tummeln. Wir können bereits jetzt anfangen in den sozialen Netzwerken darüber zu schreiben, man muss das Interesse hervorrufen, damit die Menschen darauf warten. Ich habe hier eine kleine Grafik gebaut“, er zeigte auf sein Notizblock, „jetzt ist Mitte des Sommers, die Werbung können wir im Laufe des Monats verteilen. Sind wir breit dafür?“

In den Dialog mischte sich ein Ökonom ein:

„Ich habe eine Frage, dies ist doch ein Saisonbusiness. Werden wir den Nutzen der Kamele in der Winterzeit mit einbeziehen? Was machen wir bei schlechtem Wetter? Wie hoch sind die Ausgaben für die Kamele, was ist mit juristischen Erlaubnissen?“

Es folgten die Fragen des Anwaltes:

„Es ist notwendig, zu schauen, ob die Tätigkeit überhaupt möglich ist, dann muss man schauen, welche Interessen vorliegen und erfahren, welche Dokumente für die Erlaubnis des Projektes notwendig sind.“

Die Direktorin rieb sich zufrieden die Hände:

„Nun denn, handelt. Ich erwarte in einer Woche von allen eine schriftliche Abhandlung. Welchen Wochentag haben wir heute? Freitag? Ich erwarte die Abhandlungen nächste Woche Freitag, bis 18:00 Uhr. Ich werde mir diese anschauen und wir treffen uns noch einmal gemeinsam und besprechen die Lage.“

Die Mitarbeiter blickten sich um und verließen das Büro. Niemand verlor ein Wort.
Sie blieb allein, atmete auf und öffnete die Finanzlisten. Das was sie sah, erfreute sie nicht. Sie drehte sich zum Fenster und wurde nachdenklich.


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