Das Perlhuhn

Tolibzhon Junusov, Übersetzung aus dem Russischen von der Online-Zeitschrift daktil.kz

Gewidmet an Nazarenko Maria Andreevna, meine Schullehrerin in Russischer Sprache und Literatur

Der Frühling in diesem Jahr fiel ungewöhnlich regnerisch aus. Für ein Land mit einem so warmen Klima, einer riesigen Anzahl nicht befeuchteter und trockener Bergregionen ist Regen ein Geschenk Gottes, welches vom Himmel fällt. Man hat das Gefühl, dass das ausgetrocknete, wüste Land wieder belebt wird, zuerst langsam und dann bedeckt es sich stürmisch mir Grün.

Der Anblick der sich öffnenden Tulpen und anderer Blumen, welche zerstreut sind auf mehreren Hektar Land,verzaubert einen. Den Pflanzen, wie aus der Erde, folgen eine große Vielfalt an Lebendigem: Schlangen, die in der Phase der Begattung sind, Schildkröten mit traurigen Augen, faule Warane, die mit ihrem Äußeren erschrecken und die verschiedensten Vögel. Die Vögel kommen in großen Scharen, nehmen Platz auf den Zweigen und beginnen zu singen. Sie singen laut und im Chor. Man hat den Eindruck, dass im Parlament der Vögel, heiße Debatten zu einer äußerst wichtigen Frage abgehalten werden.Nur möchte nicht ein Senator, dem anderen zuhören, alle reden gleichzeitig. An Regentagen ruhen sich die Parlamentarier aus. Diese ganze Landschaft ergänzen die Sammler von Arzneipflanzen, Hirten mit der Herde von Ziegen und Schafen und Touristen. Obwohl das Wetter warm ist, haben sie Winterschuhe an, um von den Schlangen verschont zu werden.

Die Stadtmärkte füllen sich mit essbaren Pflanzen. Der Frühling streckt mal seine Arme auf, alle mit seinen Gaben beschenkend, mal runzelt er seine Brauen und schickt Hagel, Regen und Donner.

„Bist du etwa betrunken?“ fragte ich sie. Die Örtlichkeit wurde von einem Blitz erhellt, und nach einer kurzen Pause donnerte es. Das Ungewöhnliche an dem ganzen war, dass ich meinen vierundsechzigsten Frühling empfing. In diesem Alter werden die Arbeiter der staatlichen Organisationen in Rente geschickt. Ich arbeitete in einem Büro und unterstützte Bauprojekte, es war nicht schwer, vorherzusagen, dass mich eine Rente von ungefähr siebenhundert Somoni erwartete.

Ich dachte, man habe mich vergessen, doch da wurde ich in die Hauptstadt eingeladen, in die Stadt Duschambe, in das Hauptbüro. Man gratulierte mir und gab mir zu essen. Versammelt war die Leitung  – ca. zehn Menschen. Man wünschte mir Gesundheit und ein langes Leben. Die Sekretärin der Leitung brachte Nelken, die schön eingepackt waren in durchsichtige Folie und einen Briefumschlag…und man gab mir zu verstehen, dass ich gekündigt wurde. Das sei die Staatsorganisation und es gehöre sich so. Im Briefumschlag lag die Nachricht mit meiner Kündigung und meiner Pensionierung, mit der Unterschrift des Leiters Abdulla-zade und tausend Somoni als Abschiedsgeschenk.  Das sind ca. hundert Dollar. Sozusagen zur Abfindung. In meinem Inneren brodelte es. Habe ich etwa jemanden gestört? Ich war gerade beim Aufgang meiner Kräfte. Es gab kein Thema im Bau, in dem ich mich nicht auskannte. Hauptsache, es wird Ihnen nicht so ergehen!

Mit den Jahren erlernst du die Fertigkeiten, die eigenen Gefühle zu beherrschen und das Geschehene wie von der Seite zu betrachten. Ich dankte für die Aufmerksamkeit, lächelte und sagte, man habe mich gerührt. Es war wirklich rührend, irgendwo tief im Inneren. Irgendetwas vergeht, der Kopf wird grau, die Zähne fallen aus, am Abend fühlt man die Müdigkeit, auf der Liebesfront geschieht auch nicht viel, bei meinen Versuchen, es endet nicht immer mit einem Sieg, und hier gab man mir zu verstehen, dass du bald am Ende angekommen bist. Du bist auf die finale Gerade gekommen. Die Glückwünsche klangen wie eine Grabrede.

Das Essen wie ein Leichenschmaus. Blumen? Möglich, dass diese mein Grab schmücken werden. Die Vorzeichen, dass es zu ende geht, sagte eine innere Stimme. Ja-ja, ich nickte unauffällig mit dem Kopf, nur der Briefumschlag wird fehlen.

Nach zwei Wochen rief mich Abdulla-zade an, grüßte irgendwie schuldbewusst, sagte, dass eine ausländische Baufirma einen gebildeten Ingenieur suche, das Alter sei egal. Man gab ihm deine Telefonnummer. So wurde ich von Ausländern eingestellt. Man zahlte mir um einiges mehr als Abdullaev. Es ist nicht alles schlecht, was ein schlechtes Ende hat.

Das Hauptbüro der Firma befand sich in der Stadt Duschanbe, ca. 130 Kilometer vom Bauprojekt entfernt, jeden Montag fand eine Versammlung statt. Das Büro befand sich in einem gemieteten, Zweietagenhaus mit einem Grundstück von ca. tausend Quadratmeter. Die Planung wurde professionell durchgeführt: Büros, sanitäre Anlagen, Badezimmer, Küche, Speisesaal, eine Abdeckung für die Autos, ein Flur, grüne Zone, Bäume und Bürgersteige.

Dieser ganzen Landschaft gaben zwei Perlhühner Lebendigkeit unter dem Treppenlauf. Sie hatten keine Extra-Behausungen. Den Anblick der Vögel nicht zu genießen, war nicht möglich.

Sie stolzierten frei auf dem Hof. Die Vögel stammen aus Afrika Im sechzehnten Jahrhundert emigrierten sie über Europa nach Russland und über Arabien nach Zentralasien. die Mehrheit der Kenner gibt eine gute Note für die geschmackliche Qualität dieser Vögel, und den Vitaminen in ihren Eiern. Doch die aller bemerkenswerte Fähigkeit ist ihr Gesang. Diese Vögel, von zweieinhalb Kilogramm Gewicht , können unwahrscheinlich laut und ungewöhnlich singen. Charakteristisch für sie ist auch die Ängstlichkeit. Wenn sie einen Fremden auf dem Flur bemerken, schreien sie laut. Das macht sie zu exotischen Wächtern von Häusern, und manchmal von Schlössern, da wo es kein Hundegebell gibt. Ihr schönes Äußeres und ihr Gesang wurden geschätzt, daher auch der Name – Perlhuhn, was im russischen „zarenhaft“ übersetzt heißt. In Zentralasien nannte man diesen Vogel „sultanisch.“

Montags, vor dem Meeting, nahm ich ein Beutel mit Korn, Reis oder irgendetwas anderes, um die Vögel zu füttern. Warum sind sie aus Afrika emigriert? Möglich, dass sie versuchten ihren afrikanischen Herren zu gefallen, landeten sie trotzdem im Suppentopf.

Warum eigentlich migrieren alle Lebewesen? Betrachtet man die Geschichte, dann waren Adam und Eva die ersten Migranten. Weil sich der Mensch auf der ganzen Erde vermehrte, kann man den Schluss ziehen, dass es nur wenige gab, die nicht migriert sind. Interessant, dass nicht nur Menschen migrieren, sondern auch Tiere, Vögel, Fische. Schaut auf die Birken und horcht hin in der Zeit des Windes. Millionen von Blätter rauschen gleichzeitig und wünschen sich abzufallen und den Platz zu verändern. Und das gelingt ihnen.  Wenn nicht im Frühjahr, dann im Herbst zur Zeit des Laubfalls. Es scheint, als ob die Bäume ihre Wurzeln tief schlugen, wie soll man den Platz tauschen? Doch sie migrieren! Mit der Hilfe von Vögeln, welche ihre Früchte wegtragen und die Kerne fallen lassen, weit weg vom Stamm. Alles bewegt sich und ändert seinen Platz: Flusswasser, Wind, Wolken, die Erdkugel und die Galaxien. Wenn man logisch beratschlagt, kann man ein Gesetz des Weltalls bestimmen, welches bündig lautet: „Nicht festzusitzen!“ Das betrifft vor allem diejenigen, welche Erfolg hatten mit  geistigen, wissenschaftlichen, philosophischen oder anderer Tätigkeiten.

Und wenn man gegen das Gesetz ist, dann existieren: Hochwasser, Erdbeben, Unterdrückung, Kriege, Hunger, Krankheiten, Revolutionen u.ä. Ihr müsst zunächst migrieren, sagen wir, nach Ägypten oder nach Russland, und dann wenn Amerika geöffnet wird, dann auch weiter. Die Menschheit muss aktiver suchen nach Orten der Sesshaftigkeit auf der Erde, sonst wird das erbarmungslose Gesetz die Erde zu einem afrikanischen Suppentopf machen Sind wir denn wirklich die einzigen im Weltall? Gibt es einen Planet in der Nähe, welchen man besiedeln kann.?

Das Pärchen hielt zusammen wie Verliebte. Das Perlhuhn sang wunderschön, laut, seine Stimme kam wie aus dem Inneren.  Er erfreute uns ausgiebig mit seiner glücklichen Stimme, Opernsängern gleich. Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein!

Am Montag vor der Versammlung, als ich den Perlhühnern etwas zu Essen geben wollte, entdeckte ich nur einen Vogel. Auf meine Frage antwortete die Köchin, dass am Samstag Gäste da waren und das zweite Perlhuhn geschlachtet wurde.

Bei dem Meeting gab man mir eine Aufgabe: innerhalb von zwei Tagen einen genauen Bericht über die  faktischen Ausgaben beim Bau einer Chemie-Fabrik vorzustellen. Auf meine Wiederworte darüber, dass ich vier Tage brauche, wurde befohlen über Nacht im Büro zu bleiben und die Arbeit rechtzeitig zu erledigen. Danach wurde mir eine Woche Urlaub genehmigt.

Ich blieb abends allein im Büro. Im Schlafgemach betete ich den notwendigen Teil des Abendgebetes, als ich plötzlich den lauten Gesang des Perlhuhns hörte. Nein, das war kein Gesang, das war ein Schrei! Es wurde dunkel, aus dem Fenster konnte man sehen, dass das Perlhuhn auf einem Kirschbaumzweig saß. Der Schrei war herzzerreißend. Man konnte sie drei, vier Häuser weiter hören. Ich verstand, dass ich nicht allein war. Das aller beeindruckendste an diesem Schrei war das Einatmen. Der Vogel atmete eilig ein, ungewöhnlich laut, kreischend, mit einem Pfiff. Normalerweise endete der Gesang mit einem Ausatmen, so ging es einige Minuten mit dem Einatmen. Zweifellos, der Vogel rief seinen Liebsten. Ich wurde still und der Vogel fuhr fort. Dann machte er eine Pause, als ob er bemerkt hätte, dass sein Partner nicht antwortet und nicht mehr da ist. Er saß da und drehte den unteren Teil seines  Schnabels zu mir und fuhr mit dem Schrei fort.

Welch ein Schrei! Das musste man hören! Sie schrie mich an. Auf einen Repräsentanten der menschlichen Rasse. Ich wandte den Blick auf den Boden. Versuchte, sie zu verstehen. „Sie verfügen über alles: Stärke, Macht, Besitz, Verstand, Häuser, Autos, und das ist immer noch zu wenig? Ich hatte nur ihn allein! Und er wurde mir genommen. Und nun, seid ihr zufrieden, ihr Machthaber?“ Mein steinernes Herz wurde berührt. Steinern und kalt.

Nach der Beendigung des Bauinstitutes wurde ich in den Javanski Bezirk geschickt, zum Bau einer Chemie-Fabrik. Die Arbeiter dort waren Gefängnisinsassen oder, wie man sie in den Dokumenten bezeichnet, Spezialkontingent. Mörder, Vergewaltiger, Hochstapler, Hooligans, Räuber und in einen zufälligen Unfall geratenen Autofahrer – mit diesen begann ich meine Arbeit. Die Arbeiter wurden in speziellen Fahrzeugen gebracht, in Begleitung von Soldaten und Hunden. Und heute, indem ich zurück blicke, fasse ich den Entschluss, dass diese Praxis mich erkalten ließ, berechnend und grob. Und hier schmolz ich auf!

In dem menschlichen Wesen ist etwas geheimnisvolles versteckt. Wie Feuer, welches sich im Metall versteckt. Wenn der Stein auf das Metall klopft, sprüht er Funken. Damit der Mensch sich dessen bewusst wird, benötigt man bestimmte Verhältnisse. Das kann ein geistliches Lied sein, eine Predigt, Seelenschmerz, das Gebet.

Ich begriff, dass Schmerz – das unangenehmste aus der Schöpfung Gottes – eine riesige Bedeutung hat in der menschlichen Evolution. Und da machte der Vogel eine zweite Pause. Es schien, als ob er den Schluss fasste, dass die Hoffnung in die menschliche Rasse eine falsche Hoffnung sei.

Es ist alles umsonst! Und hier änderte sich die Stimme des Perlhuhns plötzlich. Die Amplitude der Lautstärke verringerte sich abrupt, so dass nur der Nachbar am gemeinsamen Zaun ihn hören konnte. Das Intervall zwischen den kurzen Pausen wurde größer. Ein wütender Ton verwandelte sich in einen sanften. Doch der Gesang hielt immer noch an. Es gab keine Zweifel, der Vogel sang von seiner Liebe. Liebe und Schmerz – das sind zwei Gefühle, welche den Menschen in seinem Leben begleiten, ihn vergeistigen, ihn näher zu Gott bringen. Ich weinte. Warum taucht in den Augen der Menschen eine Flüssigkeit auf wenn sie traurig sind, die man Tränen nennt? Warum nicht in den Ohren? Warum nicht in der Nase? Warum nicht auf der Stirn?

Wahrlich, die Augen sind der Spiegel der Seele. Starke Gefühle, Erschütterungen haben nicht nur Auswirkung auf den Körper, aber auch auf das innere Wesen des Menschen, und Tränen sind ein Signal dafür, dass der Vorfall in der genetischen Erinnerung gespeichert ist.

Das letzte Mal weinte ich, als Mama starb. Sie war der einzige Mensch, der mich ehrlich liebte. Nun ist vor mir ein Wesen, das nichts mehr auf dieser Welt hat. Keine Hoffnungen. Ein Zustand, zudem geistliche Menschen streben, – einem Zustand der Versunkenheit von der Welt, zu dem die geistlichen Meister aufrufen.

Der Vogel machte eine Pause und fuhr fort. Diesmal waren die Pausen im Gesang anhaltend. Die Stimme wirkte irgendwie bittend. Soll man beten?…

Da erinnerte ich mich, dass ich mein Gebet nicht beendet habe. Der letzte Teil, das ist die Bitte, wurde nicht zu ende geführt. Dieser Vogel fügte sich in das Gebet ein und nun, als er neben mir stand und den unteren Teil des Schnabels fast zu mir drehte, schien es so, als ob er zu mir sprechen würde; „Fahre fort!“ Und ich fuhr fort:

„Gott, gib mir die Kraft und Ausdauer bei der Suche nach der Wahrheit, wie bei diesem Vogel, im Kampf mit meinen Mängeln!

Gott, gib mir das Glück zu lieben, wie dieser Vogel es tut!

Gott, gib mir Aufrichtigkeit in den Gebeten, wie bei diesem Vogel, und Ernsthaftigkeit in den irdischen und nicht irdischen Angelegenheiten!

…Gott, gib diesem Vogel ein Stück Glück aus deiner unerschöpflichen Vorrastkammer! Amen!“

Am Montag wäre ich fast zu spät zum Meeting gekommen. Der Chef sprach von der Verbesserung der Qualität der Schweißnähte in den metallenen Gasbehältern und über die Kontrolle der Nähte mit  Hilfe von Röntgenaufnahmen. Und…und da hörte man den Gesang des Perlhuhns. Diesmal war der Gesang fröhlich! „Ist ihr Liebster auferstanden?“ dachte ich. Ich schob vorsichtig den Rand des Vorhangs weg, um zu schauen. Ein Klopfen mit dem Kugelschreiber auf den Tisch weckte mich. Der Chef merkte, dass ich abgelenkt war. Nach dem Meeting ging ich auf den Hof und verstand alles. Dem Perlhuhn folgten fünf kleine Küken. „Vielleicht aus dm Inkubator?“ dachte ich. Und das Huhn blickte mich an und lachte. Haben Sie nie gesehen, wie Perlhühner lachen? Man muss etwas aufmerksamer sein und Sie werden es bemerken. Wenn die Menschen lachen, öffnen sie den Mund und erzeugen ein schnelles Ausatmen mit einem Geräusch. Bei den Perlhühnern ist es etwas anderes. Viellicht weil sie keinen Mund haben. Die Perlhühner hüpfen leicht, wenn sie lachen, strecken den Kopf hoch, öffnen etwas den Schnabel und ihre schwarzen, kleinen Augen glänzen. Die Afrikanerin schien auch über mich zu lachen.

Es fiel ein Nieselregen. Die Regentropfen fielen auf ihn und rollten auf die Erde, so als ob er mit Schiffslack gefärbt war. Er beruhigte mich. Er berührt nicht den Schmerz und das Leid Ihres wahren Ichs, sondern nur Ihre Gefühle und Ihren Körper. Es wehte ein weicher, feuchter Wind, das Gesicht liebkosend. Der Frühling dieses Jahr war ungewöhnlich regenreich.

Roman Zhukov: „Weiß“

Weiß

Andrjuscha nahm den Lappen von der Stirn der Mutter weg – der Stoff war fast trocken – er tunkte diesen in den Eimer mit Brunnenwasser, faltete ihn sorgfältig und legte ihn wieder zurück auf die Stirn. Die Mutter öffnete die Augen, nahm in an der Hand und versuchte vom Bett auf zu stehen.

„Weiß…Die Blume ist weiß!“ röchelte die Mutter und hustete schwer.

„Mama, leg dich hin! Leg dich hin meine Gute! Gleich wird die Großmutter Agaf’ja die Blume bringen! Doch du leg dich bitte hin!“

Die Frau ließ sich auf das Bett fallen, machte die Augen zu und atmete schwer. Andrej biss sich auf die Lippen. Die schiefe Fichtentür quietschte und die Hütte betrat die Alte mit einem grauen Umhang. Um ihre Taille waren Bunde von Gräsern und Blumen befestigt, in der Hütte roch es sofort nach Wermut und Thymian. Die Alte schleppte in das Haus eine verrostete Hundekette und ließ sie vor der Tür fallen.

„Bittet sie?“ fragte sie leise Andrej und begann in ihrer Tasche zu kramen, welche über ihrer Schulter hing.

Andrej lief zum Tisch, neben welchem die Alte Agafja stand, schaute in die Tasche und antwortete:

„Ja, sie bittet…“

Die Alte nahm eine Papiertüte mit Blutflecken darauf und warf diese auf den Tisch. Aus der Tüte fiel ein Stück Rinderleber.

„Bring mir die Knute, Söhnchen.“

Andrej lief sofort auf den Hof. Die Alte setzte sich schwerfällig auf die Bank. An der Wand der Hütte, bedeckt mit einem Pelz, hustete die Mutter und sagte wieder:

„Weiß…eine weiße Blume.“

„Ich weiß, Teure, ich weiß…“ flüsterte die alte Agafja und atmete auf. Ich habe alle weißen Blümchen ausprobiert, habe überall danach gesucht…es blieb nur noch eines.“

Die Hütte betrat der keuchende Andrej. Er schaute erschrocken auf die Mutter, ging zur Alten und zeigte ihr die Knute, mit welcher er das Vieh antrieb.

„Das wird gehen,“ sie schaute Andrej direkt in die Augen. Wendete lange den Blick nicht ab. Dann lächelte sie, streichelte mit der Hand seine schwarzen Haare und sagte:

„Nun wiederholen wir es noch ein mal, Söhnchen…Du gehst in den Wald. Am Rand des Waldes wartest du ab, bis sich der Mond  fünf Handflächen von der Erde erhebt. Du schmeißt dann die Leber auf das Gras und drehst dich um, um ihn nicht zu verschrecken…In der rechten Hand halte die Kette, in der linken Hand die Knute.

Agafja nahm Andrej die Knute ab und wedelte damit durch die Luft.

„Halt es gut fest…Dann sage die Wörter auf, welche ich dir beigebracht habe. Wiederhole sie.

Andrej schluckte und flüsterte:

„Waldgeist, Waldgeist! Ich bin ein Wanderer. Habe nichts da, was ich mit dir teilen kann – nur eine Rinderleber. Nimm alle Sorgen weg, komm her – koste es!“

„Gut,“ Agafja reichte Andrej die Knute, „Dann warte ab. Sobald du hörst, dass jemand isst, drehe dich um! Egal wen du siehst, schau ihm in die Augen und wende deinen Blick nicht ab! Wenn du ihn abwendest, bist du verloren, Andrjuscha! Sobald er sich auf dich wirft, schlag ihm mit der Knute auf die Augen! Sobald er die Augen versteckt, wirf ihm die Kette um den Hals, und hör nicht auf, ihn zu schlagen! Er wird dich tragen, und du halt die Kette fest, lass sie nicht aus deinen Händen! Und schlag ihn mit der Knute, schlag, lass die Kette nicht los! Und dort, wo sie zerreißt…wo sie zerreißt, dort wächst auch die Blume. Suche den Rückweg mit der Hilfe des Mondes –  die Fürstin wird dich aus dem Wald begleiten.

Von der Wand kam ein schwaches Stöhnen. Agafja stand auf, gab Andrej die Papiertüte mit der Leber und ging zur Tür. Andrej folgte ihr. Die Alte hob die Kette vom Boden auf und hängte diese auf Andrejs Schulter.

„Nun geh, Andrjuscha,“ sie nahm seinen kleinen Kopf in ihre warmen Hände, welche nach Gräsern rochen  und küsste seine Stirn,“ „Möge dich Gott beschützen!“

Andrej schaute sich um, blickte auf die Mutter und ging heraus auf den Hof. Er steckte die Papiertüte ein, nahm die Knute in die rechte Hand und die Kette in die linke und ging zum Wald, welcher finster da stand am Rande des Feldes. Über dem Feld ging der Mond auf.

Am Waldrand konnte man jeden Grashalm sehen – der Mond schien hell. Auf der Tanne schrie die Eule. Andrej streckte die Hand vor sich aus und begann sie in der Luft zu verschieben  – eins, zwei, drei, vier, fünf. Über welche Handflächen sprach die alte Agafja? Über ihre oder über seine? Ihre Handflächen sind etwas breiter…sollte man vielleicht etwas abwarten? Die Eule warf sich laut vom Baum, flog über die Wiese und setzte sich auf eine andere Tanne. Andrej stand da, ohne sich zu bewegen – er horchte in den Wald hinein. Es war Zeit.

Er nahm die Papiertüte, nahm die Leber heraus und warf diese auf das Gras. Er wischte die Hände am Papier ab, knüllte dieses zusammen und steckte es in die Hosentasche. Dann hob er die Knute auf und die Kette, hielt sie fest, wie es die Alte ihm beigebracht hat – die Knute in der linken, die Kette in der rechten Hand. Er atmete auf, schaute sich um. Es war Zeit. Andrej  drehte sich von dem Platz um, wohin er die Leber geworfen hatte und sprach laut:

„Waldgeist, Waldgeist! Ich bin ein Wanderer. Habe nichts, was ich mit dir teilen kann – nur eine Rinderleber. Nimm alle Sorgen weg, komm her – koste es!“

Die Eule warf sich erschrocken vom Zweig und verschwand in der Dunkelheit. Durch den Wald ging ein leichter Wind – das Gras am Waldrand raschelte das Gras, beugte zur Erde schwere Staubwedel und beruhigte sich wieder, indem es sich aufrichtete.

Andrejs Fäuste waren betäubt. Er erinnerte sich daran, wie die Mutter ihm Märchen über den Waldgeist und die Kikimora erzählte, wie sie Menschen im Wald schaden – diese erschrecken, ihnen „Hallo“ zurufen, sie in das Dickicht locken…Helfen können sie natürlich auch, sie zeigen dir den Weg, führen dich zu der Lichtung mit den Pilzen …doch sie helfen nur guten Menschen  – denjenigen, die den Wald und seine Bewohner respektieren…

Ein Zweig knirschte. Andrej erstarrte. Stille. Plötzlich zischte hinter ihm jemand und begann zu schmatzen. Im Inneren Andrejs begann sich alles um zu drehen – der Körper war wie erstarrt  und wollte nicht hören. Im Kopf erklang die Stimme der Mutter: „Weiß…eine weiße Blume.“ Er machte die Händen zu Fäusten und drehte sich um.

Vor ihm, im Mondlicht, stand ein riesiges, gehörntes Wesen auf zwei Beinen. Es schien, als ob er ganz mit Moos bedeckt war. Die Hände ähnelten krummen Flieder-zweigen, er hielt die Leber fest und schaute direkt auf Andrej. 

Andrej blickte in seine leuchtenden, gelben Augen und hob die Knute über seinen Kopf. Das Wesen ließ die Hände fallen, knurrte und warf sich nach vorne. Andrej holte aus und schlug mit aller Kraft auf seine Augen. Der Riese ließ die Leber fallen, stöhnte laut und wankte zurück, Andrej machte auch eine Schritt zurück, doch sprang plötzlich auf und wedelte mit der rechten Hand durch die Luft – die schwere Kette umschlang ein paar Mal den Hals des Waldgeistes. Er streckte sich, stöhnte wehleidig und lief in den Wald. Andrej folgte ihm.

Die Zweige klatschten auf seine Wangen, zerkratzten die Haut und zerrissen die Kleidung. Einige Male fiel Andej auf die feuchte, kalte Erde, doch er sprang sofort auf und lief dem Waldgeist hinterher, ohne damit auf zu hören, diesen mit der Knute auf seinen felligen Rücken zu schlagen. Der Waldgeist lockte ihn immer tiefer in den Wald – riesige, schwarze Stämme funkelten einer nach dem anderen in dem blassen Mondlicht. Die Kette rutschte aus den Händen. Amdrej schaute auf seine rechte Handfläche – diese war voller Blut. Das Herz klopfte direkt neben dem Hals. Durchhalten! Man muss durchhalten! Er stolperte auf einem Stein und fiel auf die Erde. Der Waldgeist schleppte ihn weiter den Rollweg entlang. Andrej verlor die Knute und umfasste die Kette mit beiden Händen. Die Augen wurden von einem roten Laken verdeckt. Das Hemd war an den Schultern zerrissen und kleine Steinchen bohrten sich bis zum Fleisch in seine Haut. Mama…ich lasse ihn nicht los, Mama. Und plötzlich ertönte ein Schrei, so als ob jemand laut mit der Zunge schnalzte. Andrej wuchs in die Erde hinein – die Kette war zerrissen. Das Geräusch in seinen Ohren störte ihn dabei hinzu horchen, was drumherum geschah. Doch im Umkreis war es still. Er hob den Kopf und schaute sich um – niemand da, der Waldgeist war verschwunden. Rechts von ihm, zwischen den Farnen, funkelte irgendetwas weiß.

Amdrej stand mit Mühe auf und ging wankend bis zu den hohen Büschen. In die Nase fuhr ein süßes Aroma. Vor ihm, auf einem hohen Halm leuchtete eine weiße Blume. Andrej streckte langsam die Hand aus und pflückte diese.

Der Wald begann sich zu bewegen. Vögel schrien, schlugen mit den Flügeln. Die Bäume stöhnten und bewegten die Zweige. Amdrej warf sich zurück und fand sich

vor einem blassen Frauengesicht wieder – dieses lachte und verschwand. Ein Zweig schnappte ihn an der Schulter. Andrej fing an zu schreien und ein weiterer Zeig klatschte ihm gegen die Stirn. Er schaute hoch und sah den Mond, welcher sich schon zum Untergehen neigte. Ihm hinterher! Führe mich raus, Fürstin! Andrej drückte die Blume an die Brust, bewegte sich mit Wattebeinen aus dem Wald heraus. Drumherum kreischten, lachten, schnappten sie seine Füße und sein Haar.Das Frauengesicht tauchte mal in der Ferne auf, mal vor seiner Nase und lachte mit einem unmenschlichen Lachen. Andrej lief, lief, so schnell er konnte, hob manchmal den Kopf und suchte den runden Mond, den Retter.  Da sah man schon das Feld im Sonnenaufgang! Und hinter dem Feld war ihre Hütte! Noch ein bisschen.Und plötzlich wuchs vor Andrej ein riesiger Schatten  und zwei gelbe Punkte leuchteten in der Ferne. Das war der Waldgeist. Er schnappte Andrej an der Kehle mit seinen krummen Fingern, nahm ihm die Blume weg und warf den Jungen auf die Seite. Das Letzte, was Andrej sah, war ein breiter Rücken, welcher im Dickicht verschwand.

Er wachte bei Sonnenaufgang auf, schaute sich um und fing an zu weinen – eine weiße Blume konnte man nirgends sehen. Er hinkte und ging über das Feld. Die Hände und die Kleidung waren voller Blut. Jeder Knochen tat ihm weh, doch Andrej bemerkte nicht den Schmerz. Er weinte und wischte sich die Tränen mit dem zerrissenen Ärmel weg. Er kreuzte den Hof, öffnete die schwere Tür der Hütte und blieb auf der Treppe stehen.

Die alte Agafja, welche bei der Mutter saß, wedelte mit den Händen und lief zu ihm.

„Alte…ich konnte nicht…ich konnte sie nicht festhalten!“ Andrej weinte in ihren warmen Umhang, welcher nach Wermut und Thymian roch.

„Leise, mein  Lieber…leise….es wird alles gut,“ beruhigte ihn Agafja und drückte den Jungen leicht an sich.

Andrej trocknete seine tränen und ging vorsichtig zum Bett, in dem die Mutter lag. Er setzte sich auf den Rand. Sie atmete selten, mit Mühe. Er nahm den Lappen von ihrer Stirn. Der Stoff war fast trocken . Die Mutter öffnete die Augen und schaute ihn lange an, als ob sie ihn nicht erkennen würde. Doch dann hob sie die schwere Hand, streichelte seine Haare und flüsterte:

„Weiß…mein weißes Blümchen…!

Andrej bis sich auf die Lippen, ging zum Eimer mit dem Wasser, um den Lappen wieder zu befeuchten, doch wich sofort zurück. Er schaute auf die alte Agafja, welche immer noch im Türrahmen stand, auf seine Hände , und beugte sich wieder leise über den Eimer – daraus blickte ihn ein Junge an mit einem weißen-weißen Kopf.

Kristina Moreva. Ist es dir egal?

„Roma, hast du mein Kleid im Wäschesalon abgeholt? Roma?“ Toma begann schon die Stimme zu heben, um die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich zu ziehen, welcher, ohne von dem Bildschirm aufzublicken, GTA spielte. „Roma, wen frage ich?“

„Was denn? Was hast du gefragt?“ Roma widmete seine Aufmerksamkeit endlich  Toma und nahm die Kopfhörer ab.

„Ja, ich fragte, ob du mein Kleid aus dem Wäschesalon abgeholt hast? Ich erinnerte dich morgens daran.“

Toma beobachtete das Zimmer: hier herrschte eine ideale Ordnung, bis auf die Ecke, wo Roma seine Spielsachen aufbewahrte. Als Toma es sah, wackelte sie mit dem Kopf: ein Fußball, Legosteine, eine Sammlung von Autos, welche, konnte Toma nicht wirklich sagen.

„Welches Kleid?“ Sogar ohne Kopfhörer, hörte Roma nicht auf zu spielen.

„Machst du dich lustig? Wir müssen in dreißig Minuten los, die Gäste versammeln sich!“ Die Augen Tomas füllten sich mit Tränen.

Sie wollte ihren Geburtstag nicht feiern, doch Roma bestand darauf. Er fand, dass nach der kürzlichen Tragödie mit der unglücklichen Schwangerschaft, Toma sich ablenken musste. Obwohl Toma selbst nicht so dachte. Doch die Einladungen waren schon verschickt, das Restaurant bezahlt und nun sollten auch die Gäste langsam ihre Plätze einnehmen.

„Och Liebes, ich habe es vergessen.“ Roma klopfte sich mit dm Controller auf die Stirn, „Die Jungs und ich haben seit dem Morgen Fußball gespielt und ich hatte es nicht mehr im Hinterkopf. Zieh eine Jeans an, du bist auch so hübsch.“

Roma stand vom Sofa auf und umarmte Toma. In diesem Moment rollte der Ball in die Mitte des Zimmers.

„Ich habe eine Million Mal darum gebeten, das Spielzeug verschlossen zu halten,“ Toma distanzierte sich von dem jungen Mann und schubste den Ball leicht zurück in die Ecke. „Ich ziehe mich an. Sei in zehn Minuten fertig.

„Toma, was stimmt nicht?“ Roma verschnellerte den Schritt und versuchte neben Toma zu gehen, „habe ich was falsches gesagt?“

„Geh weg von mir. Es stimmt alles nicht. Roma, alles.“

Toma verschnellerte den Schritt.

„Ja und, habe mit der Unbekannten ein paar Späße gerissen, das war nichts ernstes, habe einfach einen Witz erzählt, was fängst du wieder an?“ Roma versuchte die junge Frau an der Hand zu nehmen, doch bei seiner Berührung zog sie ihre Hand weg.

Der Abend war verdorben. Der Teil der Gäste bemerkte noch im Restaurant, wie Roma mit irgendeiner Blondine flirtete. Sie schauten Toma mitleidig an und begannen nach hause zu gehen. Nach einer kurzen Zeit, unter den mitleidigen Blicken der restlichen Gäste, verließ die junge Frau das Restaurant.

Toma blieb unerwartet stehen. Sie drehte den Kopf Richtung Roma:

„Du warst der Initiator dieses unnötigen Abends. Wozu?“

Roma schloss sie Augen und wackelte mit dem Kopf.

„Hast du dich die letzten drei Monate beobachtet? Wo ist die Toma, mit der wir immer Spaß hatten? Mit der wir wandern gingen in den Bergen und die Bars unsicher machten? Denkst du für mich ist es leicht, das zu beobachten? Auf dich, die du ewig traurig bist? Ich wollte dich aufrütteln.“

„Besser wäre es wenn du öfter zu hause bleibst und mich nicht aufrüttelst! Roma, ich habe ein Kind verloren, nicht eine Tasche mit Dokumenten. Ich habe ihm Sachen gekauft. Und jetzt ist es nicht da. Bedeutet das nichts für dich?“

„Tut es,“ er nahm ihre Hände ins seine.

„Warum bist du dann diese ganzen drei Monate nicht bei mir, sondern spielst Fußball oder deine Spielchen?“

„Krümel, du verstehst das nicht…“ fing Roma an.

Toma nahm ihre Hände aus seinen Handflächen und begab sich zurück zum Restaurant, wo sie ihr Auto geparkt hatten.

„Ich verstehe es nicht. Ich bin müde, bring mich nach hause.“

    ***

„Wo bist du?“ sprach Toma nervös in das Telefon. „Wie, du kommst nicht? Du hast versprochen mir beim Aufräumen zu helfen.“ Stille. „Ist klar, tschüss.“

Die junge Frau legte den Hörer auf, atmete auf, schaute sich das Zimmer an, stand auf und begab sich ins Badezimmer, um einen Eimer Wasser zu holen.

Sie füllte den Eimer mit Wasser und kehrte ins Zimmer zurück. Sie mochte es, das Aufräumen mit dem Wohnzimmer zu beginnen, um die Ordnung zu bewahren. Und in den letzten Monaten, als alles irgendwie falsch verlief, wollte man wenigstens eine Ordnung haben. 

Toma schob den Sessel weg, um dahinter zu wischen. Der Fußball rollte wieder in die Mitte des Zimmers. Als sie das sah, schmiss sie den Besen hin und sprang aus dem Zimmern. Sie kehrte nach einem Augenblick zurück mit einem Küchenmesser in der Hand.

„Du doofer, blöder Ball,“ schrie Toma schwer atmend und stach auf den Ball ein. „Ich hasse es, ich hasse es.“

Nach ein paar Minuten blieben vom Ball nur ein paar Fetzen. Kraftlos legte Toma das Messer neben die Fetzen, umarmte ihren Bauch mit den Händen und weinte lautlos.

Ca. fünfzehn Minuten saß Toma regungslos da. Dann stand sie auf, ging zum Waschbecken, wusch sich, dann näherte sie sich dem Schrank mit den Sachen, nahm von dem obersten Regal Romas Sporttasche und begann seine Sachen darin zu verpacken. Die Autos und die Playstation legte sie in eine extra Tasche. Oben drauf legte sie die Reste des Fußballs.

Sie überprüfte noch einmal, ob alle Dinge in der Tasche lagen, stellte die Tasche in den Flur und schrieb eine SMS: „Ich habe deine Sachen gepackt, nimm sie bald mit und verlass mein Haus und mein Leben.“

Auf dem Gesicht Tomas zeigte sich ein Lächeln, so leicht fühlte sie sich schon seit Monaten nicht mehr.

Manshuk Dajrabaeva Tjöma

„Er ist noch nicht da,“ Larisa drückte den Hörer noch fester an das Ohr und schob mit beiden Händen das Blech mit den Teigkugeln in den Ofen. Morgens fragt er sie: „Mutter, hast du vor ab zu nehmen?“ Er ist mit einer dicken Mutter nicht zufrieden…Sein Papa zahlt die Alimente schon seit zwei Monaten nicht.  Für wen soll man denn abnehmen? Die Frau nahm eine Zigarette und ein Feuerzeug von der Fensterbank und begann zu rauchen. „Stell dir vor, vor ein paar Tagen sagte er zu mir, ich solle ihn nicht mehr Tjöma nennen. Er sagte, dass Tjöma wie Popel klingt, und im Artjöm ist der Buchstabe „R“ vorhanden. Ich nenne ihn trotzdem Tjöma, und er hört nicht darauf. Brummt etwas, schließt sich im Zimmer ein. Isst schlecht. Ist ganz dürr. Ich dachte schon, er nehme Drogen. Was denn? Momentan sind alle Jugendlichen so. Ich kramte nachts in seinem Rucksack und er bemerkte es und schrie: „Du hast nicht das Recht dazu! Du respektierst mich nicht als Persönlichkeit!“ „Persönlichkeit,“ Larisa atmete den Rauch aus und schaute auf die Uhr. „Gestern kam er mit einer zerrissenen Jacke, ohne Kragen, ein blauer Fleck über das halbe Gesicht, das Handy zerstört. Ich hätte ihn fast getötet! Ich beschloss nichts zu kaufen. Soll er ohne Telefon bleiben und ohne Jacke, dann schaue ich mal, wie er mit mir reden wird. Heute zog er meine alte Jacke an, die fliederfarbene, kannst du es dir vorstellen?  So nach dem Motto, er pfeift drauf, was die Menschen denken.“

Die Frau warf die Kippe in den Aschenbecher, ging zum offenen Fenster, streckte den Kopf heraus und schaute wieder auf die Uhr. „Nein, er ist noch nicht da. Treibt sich irgendwo herum, um es mir zu zeigen…Doch er hat keine Freunde. Ich weiß nicht…Ich weiß nicht Mama! Ich rufe später zurück.“

Larisa nahm die letzte Partie Brötchen heraus, machte den Ofen aus und merkte erst später, dass der Himmel hinter dem Fenster sich dunkel gefärbt hat. Sie machte sich einen Tee in der Tasse und, nahm ein warmes Brötchen vom Blech und biss ein Stück ab.

Während sie den Tee schlurfte, legte sie das Telefon vor sich, wählte die Nummer des Ex-Ehemannes, dann legte sie wieder auf und warf das Telefon auf den Tisch. Sie wollte gerade das zweite Brötchen nehmen, doch überlegte es sich anders und rauchte eine Zigarette. Dann zog sie sich den Mantel an, die Stiefel, die Mütze mit dem Bommel und begab sich auf den Weg, um den Sohn zu suchen.

Im trüben Licht der Straßenlaternen sah das Schulgebäude verlassen aus und verursachte ein unangenehmes Gefühl im Bauch. Larisa umrundete die Schule, nahm das Handy aus der Tasche und rief die Klassenlehrerin an. Diese verkündete gleichgültig, dass Tjöma heute geschwänzt hatte und seit dem gestrigen Tag nicht in der Schule war. Die Lehrerin legte wieder auf – wahrscheinlich wollte sie schnell bei ihrer Familie sein. Larisa verließ den Schulhof, ging die Straße entlang und beobachtete die Gesichter der Passanten. Die Straße führte zu einem Supermarkt. Larisa betrat das warme Gebäude und begann einen Laden nach dem anderen zu betreten und den Sohn in der Menschenmenge zu suchen. Sie begab sich zur Vitrine, wo Eis verkauft wurde, blieb plötzlich stehen und bemerkte bei der Theke mit den Getränken ein ihr bekanntes Mädchen mit einem langen Zopf.

„Du bist doch Katja?“ Larisa näherte sich dem Mädchen und berührte ihre Schulter. „Du bist in der selben Klasse wie mein Sohn. Ich bin die Mutter von Tjöma Sorokin.“

„Ich erinnere mich an Sie,“ nickte Katja.

„Hast du Tjöma gesehen?“

„Heute nicht. Geht er nicht an das Handy?“

„Er hat kein Handy. Er geriet gestern in eine Schlägerei…“

„Mischka war selbst schuld,“ das Mädchen bewegte die Schultern. „Er ärgert Artjöm schon lange. Normalerweise schweigt Artjöm doch gestern sagte Mischka…“ Katja wurde verlegen und schaute in irgendeine andere Richtung

„Was hat er gesagt?“

„Ich habe es zufällig gehört. Er sagte zu Artjöm, dass seine Mutter fett sei,“ sagte das Mädchen leise. „Verzeihen Sie.“

***

Larisa betrat die Wohnung, sah die Schuhe ihres Sohnes in einer Pfütze geschmolzenen Schnees liegen und weinte los. Tjöma betrat den Flur und schaute verwundert auf die Mutter. Der blaue Fleck unter dem rechten Auge hatte eine andere Farbe, aus purpurrot wurde blau. Tjöma kaute, in seiner Hand hielt er einen angebissenen Apfel.

„Wo warst du?“ fragte er mit einem groben, fast männlichen Ton.

Larisa wischte sich die Tränen ab und reichte dem Sohn eine Schachtel.

„Ich war im Supermarkt und habe die ein Telefon gekauft.“

Alexandr Mendybaev Zugzwang

Am allermeisten auf der Welt liebte sie salzigen Fisch und Schach. Mitten in der Nacht konnte sie aus dem Kühlschrank ein riesiges Rotauge herausnehmen, dieses in Fetzen zerreißen und vor der nächsten Partie verspeisen.

Sie spielte wie besessen: mit zwei Computern und einem Notebook, sie installierte auch das Spiel auf dem Tablet, auf dem Handy und sogar auf dem Fernseher. Überall im Haus waren Schachbretter verteilt mit bunten Schachfiguren: schwarze, weiße, rote, blaue, grüne, violette und sogar durchsichtige. Die Figuren waren aus Knochen, Plastik, Holz, Metall, Onyx und aus Bergkristall. Es gab auch seltene Sets: aus Bronze, Gold, Kristall und echten Rubinen.

Das Magnet-Brett mit blau-weißen Figuren –  eine Partie gegen den Spieler aus Siettle . Bronzene, schwerem römische Legionäre – das Spiel mit der Französin, Champion der eigenen Heimatstadt.

Nachdem sie einen Zug gemacht hatte, streichelte sie liebevoll die Bauern, richtete sorgsam die Türme, wischte mit Spiritus die Läufer. Ohne diese Prozedur, würde die Schacharmee schon längst nach Fisch riechen.

Wir trafen uns zufällig. Ich brachte Rada ein Päckchen. Ich klingelte an der Tür, es machte eine junge Frau auf mit einer Stupsnase und leicht auseinander stehenden Augen. Sie erkannte mich sofort.

„Du bist doch Vadim?“

„Ja, ja, Vadim. Ich habe Ihnen ein Päckchen…“

„Erinnerst du dich nicht an mich? Radmila. Valeras Schwester.“

Als Rada noch ein Kind war, fuhr ich sie im Kinderwagen. Und eines Tages beschloss ich Valerka damit zu fahren. Das Rad ging bereits bei der ersten Kurve kaputt. Traurig und feierlich trug ich den kaputten Kinderwagen. Valerka ging hinter mir. Er hob den Kopf, damit das Blut aus der Nase das Unterhemd mit den Füchsen nicht beschmutzte.

Als ihre Familie weg zog, lief ich hinter dem Lastwagen, kaum die Tränen verbergend. Valerka saß auf der Reisetasche. Er hielt mit seinen Knien eine Topf mit einem Fikus fest. Einmal zerstörten wir mit den Schraubenziehern die ganzen Wurzeln, um ihn nicht mehr zu gießen. Leider hat der Fikus es überlebt. Und es tat uns wirklich um die Schraubenzieher leid, die die Großmutter uns weg genommen hatte. Ein Sonnenfleck von dem riesigen Spiegel blendete mich und ich krachte gegen einen Laternenpfeil. Der Umzug Valerkas war die erste, wirkliche Tragödie in meinem Leben. Und dann lebten wir uns irgendwie auseinander

„Radochka, hallo, wie geht es dir? Du bist erwachsen geworden. Wie alt warst du als wir weg gezogen sind? Neun?“

„Zehn.“

Sie lud mich zu sich in die Wohnung ein. Da sah ich zum ersten Mal diese Schach-Welt.

„Das gibt es doch nicht. Die Zeit fliegt. Wie geht es Valera?“

„Valera ist tot, er hat sich aufgehängt.“

Das Päckchen fiel mir aus den Händen.

„Vorsichtig! Das Brett ist sehr fragil. Elfenbein.“

Rada begann das Päckchen aus zu packen und nahm wunderschöne Schachfiguren heraus von milchig-kastanienbrauner Farbe. 

„Du hast sie zerstört! Schau dir den Deckel an! Du hast sie zerstört!“

Die Wangen Radas färbten sich rot und die Nase begann zu zittern, so als ob sie gleich losweinen würde. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich sprach irgendetwas über die Firma, die den Schaden ersetzen wird, ich schob es auf die schlechte Bezahlung.

Rada schrie, weinte und kaute hysterisch an ihren Fingernägeln.

„Radochka, meine Liebe, ich werde alles zurück zahlen. Ich verspreche es dir. Wie viel kosten sie?“

Ich nahm das Brett in die Hand und verstand, dass ein kastanienbraunes, langes Haar auf der Oberfläche klebte. Ich entfernte dieses und reichte das Brett Rada. Sie griff geizig in das Schachspiel, bedeckte den Finger mit Spucke und begann das Brett zu polieren. Nachdem sie bemerkte, dass alles in Ordnung war, wurde sie augenblicklich blass und warf sich mir um den Hals.

„Wir spielen mit dir eine Runde. Jetzt sofort.“

Sie begann beige und braune Figuren auf zu stellen. Mit einem Soliden Ton nahmen die Schachfiguren ihren Platz auf dem Brett ein. Ich nahm einen der Türme. Die für ihre Größe schwere Figur wäre beinahe aus meinen Händen gerutscht. Eine angenehme Kühle des natürlichen Steins. Rada nahm mir den Turm weg und stellte diesen in die Position H8.

„Du bist an der Reihe,“

„Radochka, Liebes, verzeih, doch ich muss schnell los.Ich habe noch so viele Bestellungen.“

„Brauchst du Geld?“

Ich war es gewohnt mit „ja“ auf diese Frage zu antworten, doch in Wirklichkeit kannte ich die Antwort nicht. Wahrscheinlich gehört das Geld denen, die damit umgehen können. Ich hatte es nie, ich gab mein ganzes Gehalt an die Eltern ab.

„Ich werde gekündigt werden.“

„Dann ist es halt so, wie viel zahlen sie dir?“

Ich nannte eine Ziffer.

„In Dollar“

„Vierhundert. Nein, fünfhundert Dollar. Wenn man die Bonusse mitzählt, dann…“

Sie ging zum Schränkchen. Unter der Bettwäsche nahm sie ein Päckchen Scheine heraus und reichte mir dieses.

„Ich habe zuhause nie viel da. Hier, nimm. Ich werde dir tausend Dollar im Monat zahlen.“

„Und ich?“

„Du wirst mich zum Supermarkt begleiten, und…

„Aufräumen?“

„Wofür? Das Essen bringt man mir aus den Restaurants, zum Aufräumen kommt die Nachbarin von oben, das Geschirr benutze ich kaum.“

Sie flüsterte mir etwas ins Ohr, ich wurde etwas rot.

„Radmila, du bist doch die Schwester meines Freundes.“

„Ja und? Verstehst du, mir ist es irgendwie egal. Doch die Ärzte sagten, dass jede Anstrengung zu sehr vom Schach ablenkt.“

Ich zählte das Geld. Es war etwas mehr als anderthalb Tausend. Es reicht für drei Monate. Dann nehme ich das Geld. Was habe ich zu verlieren? Als Bote bin ich gut zu haben.

„Bist du einverstanden?“

Ich dachte, dass sie über die Arbeit spricht und nickte schnell mit dem Kopf.

Rada zog plötzlich ihre Kleidung aus. Ich war verdutzt.

„Beeile dich und ziehe dich schnell aus.“

Man beachtete meine mangelnde Erfahrung und ich wurde verwirrt. Doch Rada machte alles selbst. Ich lag noch im Bett, als sie nackt aufsprang und zum Computer huschte.

„Entschuldige, ich habe gerade ein Spiel. In dieser Welt gibt es wenig gebührende Gegner. Man darf die Gelegenheit nicht verpassen.“

Während sie spielte, betrachtete ich die Bücherregale. Darin war nichts, außer Schach-Lehrbücher, Anleitungen für das Schachspiel, Sammlungen von Debuts, Aufgabenbücher, Kollektionen von Endspielen, Mittelspielen und Biografien bekannter Schachmeister.

Rada kehrte wieder zurück zu mir.

„Verloren. Der Champion Tschechiens, wenn er nicht lügt. Ich brauche mehr. Lege dich hin.“

Ich wollte gerade nach einem Präservativ fragen, doch Rada kümmerte sich nicht um solche Kleinigkeiten.

„Schützt du dich? Vor Schwangerschaft?“

„Ist es notwendig?“

„Nun, eigentlich, ich…“

Rada schaute mich an, krümmte vor Verwunderung die linke Augenbraue und widmete sich dann wieder ihren Schachbrettern. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich zog mich an und ging zum cremefarbenen Schachbrett, welches ich heute mitgebracht hatte. Rada näherte sich mir, blickte die Figuren an und fragte:

„Warum haben wir nicht gespielt?“

„Ich weiß es nicht. Wir haben uns wohl abgelenkt.“

„Warum haben wir nicht gespielt? Warum! Warum!!“

Sie stampfe mit den Füßen, ihre Wangen färbten sich rot. Um sie abzulenken, machte ich einen Gang mit der Königin. Ihre Augen bewegten sich schnell, der Blick sprang von Figur zu Figur. Auf der Stirn sammelten sich Schweißperlen. Sie spielte ausgezeichnet. Sie brachte mich in eine Sackgasse und blockierte die günstigen Kombinationen. Ich war sicher, dass ich verlieren werde. Rada bemerkte mein schwaches Spiel und hörte auf mit dem Blick hin und her zu laufen.

„Welche Rangliste hast du?“

Ich antwortete, dass auf chess.vom meine Rangliste etwas über Tausend ist.

„Nur?“

„Ja.“

„Das ist sehr schwach. Ich dachte…“

Sie lächelte. Und ich erinnerte mich daran, wie ich mit ihr die erste Partie gespielt hatte. Das war auf Valerkas Geburtstag. Dreizehn Jahre. Wir feierten dieses Ereignis und rauchten sogar auf dem Dach, und dann erbrachen wir auf dem Dachboden mit Taubendaunen. Zuhause erwartete und ein reich gedeckter Tisch. Nachdem wir und Salat auf die Teller legten, warfen wir uns auf das Brathähnchen und die Pelmeni.

„Vadimka, weißt du, dass wir Radachka für das Schachspiel angemeldet haben?“

Ich konnte nicht antworten, weil mein Mund voll war mit Hühnerfleisch. Valerka zog ebenfalls das Hähnchen den Pelmeni vor und wollte bereits den zweiten Hühnerschenkel essen.

„Wir baten deinen Vater, sie in seine Gruppe auf zu nehmen, doch dieser sagte, warum auch immer, ab.“

Der Vater trainierte die zukünftigen Champions, junge Talente, deren Eltern sie aus allen Teilen der Sowjetunion zu ihm brachten. Mich zählte er nicht als Spieler, das Schachspiel hat mir die Großmutter beigebracht.

„Ef fagte ef fei pät“

„Was?“

Ich kaute und wiederholte:

„Er sagte, es sei spät.“

„Spät? Warum spät? Sie ist gerade mal sieben Jahre alt.“

Ich sagte nichts. Bei dem Vater in der Gruppe gab es Vierjährige. Ein paar Mal ärgerten Valerka und ich sie. Ein Brillenträger hatte sich beschwert, seitdem war uns der Eintritt in die Schach-Sektion versperrt.

„Vadimka, spiele doch mit Radochka. Vielleicht kannst du später Vater davon erzählen…“

Ich wollte nicht spielen, doch das Schachbrett hatte man schon gebracht.  Die Verwandten versammelten sich im Kreis und ich wusste genau, wen sie vorziehen würden. Der Vater machte mir bewusst, dass aus mir nie ein Botvinnik, Tal oder Kasparov werden wird. Doch mich blamieren, indem ich gegen ein siebenjähriges Kind verliere, wollte ich nicht.

Vor Schreck zog ich mich zurück, in der Annahme, länger durch zu halten, damit niemand das Matt in drei Zügen bemerkt. Ich verstand sogar nicht, dass ich gewonnen hatte. Rada kam in die Falle. Irgendjemand bemerkte, dass Matt war und alle begannen sich zu wundern, doch nachdem sie sich überzeugt haben, war es notwendig, mich als den Gewinner an zu erkennen. Vor Anstrengung lachte ich wie ein Pferd. Rada weinte und biss hysterisch ihre Mutter.

***

Ich schaute wieder auf das Schachbrett. Die Lage war schwierig. Rada nahm meine Figuren vom Brett wie Kartoffelkäfer.

„Wie kann man nur so dumme Fehler machen? Ich habe noch nie solch mittelmäßigen Spieler getroffen.“

Ich lächelte.

„Das ist wahr. Weißt du nicht, wie ich in der Kindheit gegen dich gewonnen habe?“

Rada wurde wieder rot. Die Nase zitterte, als ob sie irgendetwas ekliges gerochen hatte. Zuerst dachte ich, dass Rada mir zublinzelt, doch sie fiel auf den Boden und begann sich im Zimmer hin und her zur rollen, zu schreien und sich die Wangen zu kratzen. Rada begann wie ein Wurm zu kriechen und schaffte es sogar, mich auf die Wange zu beißen. Ich band sie mit Pullover und Handtüchern fest und rief den Krankenwagen. Rada meckerte und heulte mit dem Knebel im Mund. Ich streichelte ihren Kopf, doch das reizte sie sehr. Soll ich gehen? Wenn Rada etwas zustößt, werde ich der erste Verdächtigte sein. Ermordet. Und nicht einfach ermordet, sondern missbraucht vor dem Tod. Das wird die erste Expertise feststellen.

Die Ärzte wussten Bescheid und waren nicht zum ersten Mal hier. Man schickte immer das gleiche Team zu ihr, der Sanitäter erzählte mir das und nahm das Medikament heraus aus der Schublade. Eine dicke Ärztin nahm eine Spritze und setzte sich auf die Knie vor Rada.

„Radochka, Kindchen. Beruhige dich, es ist alles gut.“

Man gab Rada eine Spritze und befreite sie von der Fesselung.

„Sie hatte Glück, dass Sie hier waren. Wir wollen sie schon lange in die Krankenstation aufnehmen. Doch es gibt nicht genug Gründe. Bürokratie, welche Gründe sollen da sein, wenn es in der Familie

zwei Suizide gab.

„Wer?“

„Die Mutter und der Sohn.“

„Und der Vater?“

„Er ist schon lange tot. Und die Großmutter auch. Radka ist nun alleine – in ihren vier Zimmern.“

***

Als die Ärzte gingen, klapperte Rada noch lange mit den Zähnen, als ob sie fröstelte. Tee lehnte sie ab und bat mich, ihr Fisch zu bringen. Sie aß und schlief ein und als sie wieder wach wurde, zog sie sich aus und begab sich schwankend ins Badezimmer. Vor Sorge, sie könnte auf den Kachelboden fallen, begleitete ich sie. Rada saß in der Hocke und ließ das Duschwasser auf sich laufen. Auf den Wangen lief Wimperntusche. Nach dem Duschen aß Rada zwei riesige Seebrassen und machte das Schachspiel auf dem Computer an. Ich bewunderte die Manier ihres Spiels. Ich beobachtete oft Virtuosen im Netz. Rada spielte viel besser. Als ich auf die Reihenfolge blickte, war ich sehr verdutzt. Sie spielte nur mit wirklichen Meistern. Hier gab es auch Preis-Partien. Nach meiner schlichten Rechnung, schaffte sie es, nicht weniger als anderthalb Tausend Doller am Tag zu gewinnen. Nachdem sie zu Ende gespielt hatte, bat sie mich auch um ein Spiel. Ich wusste, dass es keinen Zweck hatte, doch setzte mich vor das Schachbrett, um sie nicht zu verärgern. Ich weiß nicht, was mit ihr geschah. Vielleicht unterwarf sie sich. Doch als sie verloren hatte, weinte sie bis zum Abend. Man brachte Essen aus dem Restaurant. Wir aßen gemeinsam. Rada schnappte sich das Rotauge und nahm mich mit zum Schachbrett.

„Spielen wir noch eine Runde?“

„Wirst du auch nicht verärgert sein?“

***

Ich blieb bei Rada. Wir spielen kein Schach mehr. Rada darf jetzt nur nicht nervös werden. Abends gehen wir im Park spazieren. Auf dem Weg nach hause kaufen wir immer frisches Obst.

Manshuk Dajrabaeva Schagala (Kas.: Möwe)

Das Treffen der Absolventen sollte um sechs Uhr statt finden, mein Flieger kam um vier an. Ich setzte mich ins Taxi und bat den Fahrer, mich etwas durch die Stadt zu fahren. Früher konnte man die Stadt innerhalb einer halben Stunde durchfahren, und auch jetzt schien sie nicht größer geworden zu sein. Wir fuhren durch einige Bezirke, am zentralen Markt vorbei, vorbei an der Moschee, dem Museum, der Kirche, und schließlich kamen wir am Ufer an. Hier hatte man Asphalt verlegt, Bänke wurden aufgestellt  und künstliche Palmen aufgebaut. Wir fuhren am Ufer entlang bis zu den Laubgärten, rechts glänzte das Meer. Dann drehten wir um und fuhren in die Stadt. Ich nannte dm Fahrer die Adresse der Schule, doch da sah ich ein Café und bat ihn anzuhalten. 

Ich ging hinaus und atmete die Meeresluft ein. Von der Hitze und der feuchten Luft viel das Atmen schwer, das Hemd klebte am Körper. Ich ging über die Straße und betrat das Café. Dies war eine gewöhnliche Bar, in welcher Vadik und ich billigen Portwein tranken als wir von dem Unterricht flohen. Nun hieß das Café „Schagala“, obwohl im Inneren es immer noch dieselbe Bar war. Hinter der Bartheke stand eine dicke Frau, es war wohl die gleiche, welche uns damals den Portwein einschenkte. Ich bestellte mir ein Bier. Sie stellte das Glas vor mich hin, ohne den Schatten eines Lächelns. Ich hatte sogar kurz den Eindruck, dass sie mich gleich erkennt und mir mit dem Finger droht. Ich ging zum Tisch am Fenster und setzte mich. Vor dem Fenster am anderen Ende der Straße glänzte das Meer. Das Bier war kalt und das Glas war bedeckt mit nassen Perlen. Ich trank und beobachtete wie sich die Wellen bewegen. Das Meer war sehr stürmisch, die Wellen schlugen gegen das Ufer und explodierten mit großen Tropfen.

Ich war der einzige im Café, saß dort einige Stunden und war nun betrunken genug für das Treffen mit der Vergangenheit. Ich bezahlte und ging zur Schule. Als ich dort ankam, war es ca. acht Uhr. Ich ging, wackelte, als ob ich mich zu einer Musik bewegen würde, welche aus den offenen Fenstern erklang. Ich stolperte auf der Vortreppe. Das Foyer war mit Luftballons geschmückt und mit bunten Papierfahnen, am Eingang hing ein Banner mit den Buchstaben, die Wörtern zusammengefügt waren: „Herzlich willkommen zum Jahrgang 98“. Ich schmunzelte, als ich die Buchstaben betrachtete und verstand, dass ich nicht so sehr die Fratzen der Klassenkameraden sehen möchte.

Als ich abwog, ob ich gehen oder bleiben sollte, kam mir Alena entgegen – die ewige Klassensprecherin. „Sabyrzhanov,“ sagte Alena, „du bist wie immer zu spät!“ Sie kam zu mir und umarmte mich warum auch immer. „Die Tänze haben bereits begonnen. Die unsrigen sind alle in der Aula, geradeaus und links.“

„Ich erinnere mich,“ sagte ich und ging geradeaus und dann nach links.

Ich betrat die Aula und kniff die Augen zusammen vom Licht und von den Erinnerungen. Es waren viele Menschen da, es schien als ob alle Absolventen hier versammelt waren. Unsere Leute standen in einem Kreis, fast alle wie früher, außer Kostja, dieser starb letztes Jahr an einem Infarkt. Vadik und Mascha waren auch da. Ich ging zu ihnen und sie wurden ruhig, als ob sie über mich gesprochen hätten.

„Hallo,“ sagte Mascha.

Ich streckte die Hand aus, und begrüßte in der Reihenfolge die Jungs, irgendjemand klatschte mir auf die Schulter. Vadik begann plötzlich alle zu sich nach Hause einzuladen, er sagte, dass er ein großes Haus gebaut hatte und wir alle sollten ihn zur Einweihungsparty besuchen. Die Jungs und Mädchen wurden laut. Vadik ging zu Mascha und umarmte sie. Sie zitterte und nahm seine Hand weg. Er war betrunken.

Es wurde ein langsames Lied von Gubin gespielt, die Mädchen kicherten. Die Jungs gingen raus um zu rauchen. Ich wollte nicht mit ihnen gehen. Ich war erschöpft. Ich setzte mich auf  die Schulbank neben der Wand , nahm einen Papierteller, legte Wurst darauf, Käse und Brot, um mir ein Butterbrot zu machen. Die Jungs und Mädchen tanzten in Pärchen. Mascha stand alleine da und blickte sich um, als ob sie jemanden suchen würde. Sie wollte tanzen. Sie liebte es immer zu tanzen. Sie blieb ohne Vadik, er ging auch raus, um zu rauchen, doch das geht mich nichts an. Ich biss in das Butterbrot, als ich bemerkte, wie sie auf mich zukommt.

„Lass uns tanzen,“ sagte sie.

„Eigentlich bin ich am essen,“ sagte ich mit vollem Mund.

Sie setzte sich neben mich und wackelte mit den Beinen. Sie trug ein schwarzes Kleid mit einem tiefen Ausschnitt, solche, welche normalerweise fünfzehnjährige Mädchen tragen.

„Ich habe das Kleid schon mal gesehen,“ sagte ich.

„Nein, hast du nicht.“

„Du hattest es bei der Abschlussfeier an,“

Sie lachte und legte sich den Pony hinter das Ohr. Ich bemerkte Strahlen in den Ecken ihrer Augen.

„Und du bist immer noch der selbe Schnösel,“ sagte sie. „Und wie immer betrunken.“

Wir redeten noch eine Weile. Sie nahm aus der Tasche ihr Telefon heraus und zeigte mir die Bilder ihrer Jungs. Der Ältere sah ihr ähnlich, der jüngere sah Vadik ähnlich. Ich zeigte ihr das Foto meiner Frau. Ich trug dieses Foto mit mir seit fünf Jahren, seit dem Tag der Hochzeit, doch ich nahm es zum ersten Mal heraus.

„Sie liebt dich,“ sagte Mascha. „Du schaust zu Seite und sie blickt dich an.“

Ich weiß,“ sagte ich

„Liebst du sie?“

Ich nickte.

„Und wofür?“

Eine dumme Frage. Ich schaute ihr in die Augen und sagte:

„Dafür, dass sie mich liebt.“ Ich steckte das Foto weg und machte mir noch ein Butterbrot.

„Warum hast du dich betrunken?“ fragte sie.

„Ich bin eben erst mit dem Flieger gekommen. Ich musste mich sammeln. Mir scheint es nach einem Flug immer, als ob ich immer noch fliege. Das ähnelt einem Wertewandel, als ob…“

Ich schwieg. Sie schaute mich an, doch verstand nicht. Ich wollte sagen, dass die Stadt der Kindheit, das Meer, die Schule, die bekannten Gesichter einen Klumpen des Vergangenen zu mir schieben, welchen ich nicht in mich einlassen möchte. Ich wusste, dass wenn ich in die Hauptstadt zurück kehre, ich einige Tage mit einem Klumpen des Vergangenen umher streifen werde, und dann schmeiße ich all den Dreck weg in den inneren Schuppen, wo andere Erinnerungen aufbewahrt werden.

Wir schwiegen, dann begann das Quiz. Masha nahm aus der Tasche das Einladungsticket, schaute auf die Nummer und ging zur Bühne. Ich legte das Butterbrot weg und ging in den Hinterhof.

Ich nahm eine Zigarette heraus und als ich die Stimmen der Jungs hörte, ging ich zu ihnen. Diese betrunkenen, riesigen, vierzigjährigen Burschen spielten „Messer“. Es war dunkel. Der Hof wurde von einem kalten Licht der Laternen beschienen. Vadik stand mit einem Fuß im Zentrum eines auf der Erde gezeichneten Kreises. Er ging mit dem Messer immer besser um als wir. Ajdar hielt ein Taschenmesser fest. Ich schmiss die nicht zu Ende gerauchte Zigarette weg und sagte, dass ich auch mitspielen möchte. Ajdar gab mir das Messer, ich nahm es und traf Vadik auf den Fuß. Er schrie und schaute das Messer an. Die Mädchen kamen dazu als sie das Schreien hörten. Vadik wurde von der Menge umkreist, ich ging etwas zur Seite. Alle schwiegen und keiner blickte mich an. Aus der Menge kam Mascha heraus. Ich stand und beobachtete, wie sie seinen Schuh abnahm. Wahrscheinlich sagte Vadik ihr, dass ich Schuld war, weil sie den Kopf hob und mich mit ihren Augen suchte. In ihrem Blick war kein Beleidigt sein und nichts Böses. Sie verstand alles. Vadik zog die Socke aus, über den Zehen war ein Schnitt, aus dem Blut rann. Er bewegte die Zehen. Vollkommener Mumpitz.

„Entschuldige,“ sagte ich.

Mascha schaute mich nicht an, sie wedelte mit der Hand, nach dem Motto, dass alles in Ordnung sei.

„Man kommt gar nicht zur Ruhe,“ sagte Vadik böse.

Ich drehte mich um und ging zum Zaun. Ich verließ den Schulhof und ging den Weg entlang auf der Suche nach einem Geschäft. Das nächste Geschäft hieß „Schagala“. In dieser Stadt gibt es zu viele „Schagalas“, dachte ich. Ich kaufte eine Flasche Wodka und fand mich am Stadtstrand wieder. Ich ging am Ufer entlang und trank direkt aus der Flasche. Das Meer beruhigte sich. Die Wellen näherten sich langsam dem Ufer und dann wieder mit leisem Zischen zurück. Und plötzlich erblickte ich in der Dunkelheit alte, eiserne Schaukeln und eine hölzerne Laube neben diesen.

Ich blieb stehen, doch betrat die Laube nicht. Ich legte mich auf den Sand, trank und beobachtete die Sterne, wie ich einmal vor hundert Jahren hier mit ihr gelegen hatte, nach der Abschlussfeier. Eine Möwe schrie. Und dann noch eine, und noch eine. Ich stand auf, zog meine Schuhe aus und rann weiter, weg von den abrupten Schreien.

Valeria Krutova Freundschaft zwischen Männern und Frauen

Oksana, Anja und Marijka freundeten sich schon in der ersten Klasse an. Marijka und Anja saßen an einem  Schultisch – hier konnte man gar nicht anders als befreundet zu sein. Und Oksana lebte in der Nachbarschaft mit Anja und sie gingen immer zusammen zurück. Alles im allen fügte sich alles gut zusammen. Nur zu schade, dass man am Tisch nicht zu dritt sitzen kann. Doch die Mädchen hielten sich immer zusammen auf in der Mensa oder der Aula während der Festlichkeiten. Und wenn sie mit der Klasse ins Puppentheater gingen, setzten sie sich auch nebeneinander.

„Am Mittwoch haben wir keinen Unterricht,“ sagte Julia Andrejevna, ohne den Blick von der Zeitschrift abzuwenden. „Wir haben…Subbotnik“

„Warum Subbotnik nicht an einem Samstag? Und warum nennt man den Subbotnik am Mittwoch nicht Mittwochnik?“ interessierte sich Azamat und riss sich von Dimka los, der an ihm hing.

Julia Andrejevna hob den Kopf und lächelte.

„Wirklich,“ sie war einverstanden, „Es ist unlogisch. Ich werde beim Direktor nachfragen.

Sie lachte leise und ihr nach lachte die ganze Klasse 2 B.

„Was zerrst du immer an mit?“ Azamat warf sich beleidigt auf Dimka.

„Warum kommst du immer mit deinen Fragen?“ flüsterte Dimka nicht weniger beleidigt.

Anja und Marijka drehten sich um und zischten die Jungs an.

„Was zischen die hier so,“ ärgerte sich Azamt, doch Dimka antwortete nicht und deshalb hat Azamat sich beruhigt.

Julia Andrejevna stand auf und begann etwas auf die Tafel zu schreiben.

„Schreibt in eurer Hausaufgabenheft, damit die Eltern es nicht vergessen für euch einfache Kleidung, einen Besen und zwei Lumpen mitzugeben.“

„Große Lumpen?“ rief Dimka von seinem Platz aus.

„Du stellst selbst blöde Fragen,“ flüsterte ihm Azamat ins Ohr zu.

„Nein, nicht so große Lumpen. Solche, mit welchen ihr zuhause die Tische wischt. Wir werden die Schulbänke sauber machen,“ antwortete Julia Andrejevna.

„Frag noch, ob der Besen groß sein soll,“ flüsterte wieder Azamat.

„Abiev, möchtest du auch etwas fragen?“ Julia Andrejevna blickte ihn an.

„Nein-nein, entschuldigen Sie.“

„Sein Mund geht einfach nicht zu,“ kicherten Marijka und Anja.

Azamat machte eine Grimasse und ärgerte Marijka.

Am Mittwoch versammelte sich die ganze Klasse bei dem Eingang vor der Schule. Es war nicht nur die 2 B, sondern die ganze Grundschule. Das erste Quartal ging zu Ende und der Direktor der Schule wollte diese mit Sauberkeit beenden, denn fünf zweite Klassen wurden von dem Unterricht befreit.

Julia Andrejevna teilte die Schüler in Sektoren ein: Anja, Oksana und Azmat sollten Tische waschen, Igor, Marijka und Dima sollten den Vorgarten der Schule fegen.

„Warum geht mein Mund nicht zu?“ fragte Azamat interessiert.

„Was bist du nachtragend,“ sagte Anja. Azamat wrang den Schwamm aus und begann mit der rauen Seite die Aufschrift „Roma“ von dem Tisch zu wischen.

„Ich bin nicht nachtragend. Ich bin neugierig, warum die Freunde so über mich denken,“

„Sind wir etwa Freunde?“ geriet Oksana in Verlegeneheit.

„Warum nicht?“ wunderte sich Azamat und wurde plötzlich böse: „Warum fegt dieser Roma dort, wo ich nicht war und keinen Dreck hinterließ, und ich wische sein Kunstwerk weg!“

„Das ist ungerecht,“ war Anja einverstanden. Und sie streute etwas Soda auf die Aufschrift. „So sollte es schneller abgehen.“

„Oh, danke!“ freute sich Azamat. „Schau mal, wir sich wirklich Freunde!“

„Ich habe mal meine Mutter reden gehört, dass es zwischen Männern und Frauen keine Freundschaften gibt,“ sagte Anja.

„Nun, die Mutter hat wahrscheinlich Recht. Doch wir sind keine Männer und Frauen. Wir sind Zweitklässler. Ich denke, wir können befreundet sein. Es gibt Freundschaften zwischen uns,“ sagte Azamat selbstsicher.

Er sah, wie Oksana den Eimer mit Wasser hob, rannte zu ihr und nahm ihr diesen ab. 

„Ich werde es selbst umtauschen,“ sagte er wichtig, „Ich bin schließlich ein Junge. Auch wenn ich nur ein Zweitklässler bin.“

Die Mädchen hatten nun Respekt vor Azamat.

„Und mit Dimka und Igor‘ sind wir auch Freunde?“ Anja wurde rot.

„Natürlich!“

Die Kinder waren bald fertig mit den schmutzigen Tischen, wuschen die Tafel mit einem sauberen Lappen und Wasser. Azamat wusch auch die Schuhe und die Fensterbank mit dem gleichen Lappen. Und während er am waschen war, nahm Oksana Brote und eine Flasche Kompott heraus.

Julia Andrejevna entdeckte sie am Tisch, wie sie fröhlich quatschten und Krümmel von den Broten auf den Boden fallen ließen.

„Ihr seid super,“ lächelte sie. „Habt alles gewaschen, gegessen und euch angefreundet.“

„Wir waren schon immer befreundet,“ sagte Azamat mit vollem Mund.

Mit den Fäusten winkt man nicht

Azamat suchte ein Talent. Er stand vor dem Spiegel und beobachtete sich genau von den Füßen bis zum Kopf. Wo kann das Talent sein? Singen konnte Azamat nicht. Wobei, wahrscheinlich schon, doch er hat es nicht ausprobiert. Tanzen auch nicht. Das im Kindergarten zählt nicht dazu. Seiner Meinung nach war er damals viel zu jung und konnte dem Druck der Erzieher nicht widerstehen. Sportliche Errungenschaften hatte er auch keine. Wie Sport selbst.

„Vielleicht sollte ich meine Eltern fragen, mich zum Sport zu schicken,“ dachte er.

In vier Tagen begann in seiner Klasse ein Talent-Wettbewerb. Die Schüler der 2 B bereiteten sich vor und Azamat machte sich gar keine Sorgen. Irgendein Talent wird er schon finden. Seine Eltern und Brüder quälten ihn mit Fragen, was er denn beim Wettbewerb zeigen wird. Azamat schwieg vieldeutig.

„Was wirst du zeigen?“ er rief Dimka an.

„Ich werde einen Zauberwürfel zusammenfügen,“ antwortete der Freund.

„Und Igor‘? Wahrscheinlich Piroggen essen?“

„Ich habe ihn nicht gefragt,“ Dimka verstand den Witz nicht. „Es soll eine Überraschung werden.“

„Dann wird es auch bei mir eine Überraschung sein,“ beschloss Azamat.

„Erzählst du es mir?“

„Wenn ich selbst wüsste, welche…Ok, machs gut. Wir sehen uns morgen,“ der Junge legte auf.

„Eine Überraschung – das ist schon einfacher. Vielleicht kommt das Talent zu mir wie eine Überraschung,“ dachte Azamat.

Doch das Talent kam nicht. Der Junge wurde immer nervöser und als der Morgen des Wettbewerbs kam, wollte er sogar so tun, als ob er krank sei. Doch er vergaß es und hüpfte zum Frühstück. Die Eltern zogen ihn festlich an, küssten ihn und versprachen zum Wettbewerb zu kommen.

„Ich werde mich vor der Klasse und vor den Eltern blamieren.“Azamat machte sich Sorgen. Die Mutter Azamats liebte es darüber Witze zu machen, dass Azamat oft zu lange vor dem Fernseher sitzt, und nichts um sich herum bemerkt.  Doch Trickfilme beim Wettbewerb einzuschalten würde ihm niemand erlauben. Doch er war sich sicher, dass sinnlose Talente auch zählen.

Im Klassenraum war es laut. Alle interessierten sich für die gegenseitigen Talente.  Jeder wollte talentierter als die anderen sein. Und zum Azamat lief Marijka:

„Oh, wie festlich du gekleidet bist. Mit einer Fliege,“ sie nahm ihn an der Hand, „lass uns gehen. Da sind alle unsrigen. Nur alle schweigen darüber, was sie vorbereitet haben,“ Marijka machte eine Grimasse. „Intriganten.“

„Und du schweigst nicht?“ fragte Azamat interessiert.

„Ich habe einen Salat mit dem Schnäuzchen eines Tigers vorbereitet. Oben sind Möhren und Eier wie Streifen und Butter-Augen.“

„Und die Schnurrhaare?“

„Grüne Zwiebeln.“ Marika lächelte.

„Ist der Salat auch ein Talent?“ der Junge kniff die Augen zusammen.

„Natürlich, versuche mal selbst die aller schönste Schnauze eines Tigers zu machen. Das wird schwerer sein als ein gemaltes Bild!“ Das Mädchen nickte selbstsicher und Azamat war einverstanden.

Dimka, Igor‘, Anja und Oksana warteten auf sie in der Ecke des Klassenraumes. Alle ruhig und zufrieden. Talentiert. Azamat machte sich solche Sorgen, dass er sogar dazu bereit war, nicht am Wettbewerb teil zu nehmen. Doch er hoffte, dass eine Talent-Überraschung von alleine komme wird.

Der Klassenraum füllte sich mit Eltern. Diese näherten sich den Kindern, richteten den Mädchen die Haare, den Jungs die Krawatten, küssten die Kinder auf die Wangen. Sie gaben ihnen ein vertrautes Gefühl – Auch Azamats Eltern kamen zu ihm  – fröhlich und begeistert.

„Warum träumen die Eltern nur von Talenten?“ dachte Azamat traurig.

Und dann ging es los. Dimka zeigte, wie schnell er den Rubikon zusammenbauen kann, alle klatschten.

Dann sangen Dascha und Asel‘ im Duett, nach ihnen tanzten Artur und Ksenja einen Tango. Na und? Sie besuchen schon seit dem Kindergarten den Tanzunterricht. Oksana zeigte ihre Zeichnungen – ein Portrait der Mutter, ein Stillleben mit Äpfeln und Vase, ein Kätzchen mit einem buschigen Schwanz. Anja trug ein Gedicht vor, welches sie selbst gedichtet hat. Igor‘, von dem Azamat ein Talent erwartet hatte, welches mit Essen zusammen hängt, zeigte eine gymnastische Übung. Oha! Er ist also ein Sportler. Marijka gab allen Salat zu essen. Eine andere Klassenkameradin hatte ebenfalls was zu Essen vorbereitet – Kekse. Azamat war sich sicher, dass ihre Oma diese gebacken hat.

Und der Junge wurde immer verunsicherter – er war bald an der Reihe, doch ein Talent wollte ihm nicht einfallen.

„Lasst uns für Azamat applaudieren. Er beendet unseren Wettbewerb!“ sprach Julia Andrejevna und Azamat ging zur Tafel, darüber grübelnd, wie er diesen doofen Wettbewerb beenden kann.

Er hob die Nase, schaute auf das Publikum. Da erinnerte er sich an etwas und hatte sich entschieden.

„Könnt ihr so etwas?“ schrie er.

Und er steckte sich seine Faust in den Mund.

Alle schwiegen. Es sah so aus, als ob das niemand konnte.

Elena Klepikova Zhanik und Zhenik

Die grüne Rettung oder wie Zhanik und Zhenik zu Außerirdischen wurden

Bei Zhenik zuhause lebte ein Kater, ganz weiß, wie erster Schnee. Die Mutter kämmte den Kater mit einer speziellen Bürste und träumte davon, dass dieser beim Kater-Wettbewerb den ersten Preis bekommt. Die Ausstellung war schon am nächsten Tag, am Samstag, und die Mutter bat Zhanik, als sie zur Arbeit ging, nach dem Kater zu schauen: ihm spezielle Vitamine zu geben und ihn mehrmals zu kämmen. Damit das Fell ganz seidig wurde.

Zhenik kämmte den Kater zwei Mal  und wollte ihm gerade Vitamine geben, als Zhanik anrief und ihn zu einem Spaziergang einlud.

„Ich kann nicht, ich habe eine verantwortungsvolle Aufgabe, ich bereite den Kater für den Wettbewerb vor.“ sagte Zhenik selbstsicher, „Komm lieber zu mir, dann können wir spielen.“

Zhanik kam schon bald, doch als Zhenik die Tür öffnete, sah er, dass der Freund zerschlagene Knie hatte.

„Ich habe mich zu sehr beeilt,“ Zhanik zeigte auf die steile Treppe. „Ich stolperte und fiel hin.“

„Wir müssen die Knie mit Zelönka bearbeiten,“ Zhenik machte sich Sorgen.

„Das wird weh tun…“ Zhanik igelte sich ein.

„Natürlich wird es, doch es muss sein,“ sagte Zhenik selbstsicher. „Oder willst du dir irgendwas einfangen?“

Die Freunde nahmen den Arzneikoffer heraus. Darin lag ein Verband, Watte, Tabletten, ein Fläschchen mit Baldriantropfen und ein Glas Zelönka.  Zhenik riss ein Stück Watte ab und nahm den Gummideckel vom Glas ab, als sich in sein Bein, durch die Shorts, scharfe Krallen hinein bohrten. „Mjau!“ schrie der Kater verlangend, er roch den Baldrian. Vor Überraschung verlor Zhenik das Glas aus den Händen. Dieses fiel auf den Kater, sein schneeweißes Fell mit Zelönka bedeckend und den Rücken entlang laufend auf den Boden.

„Mama!“ flüsterte Zhenik erschrocken,“ „Die Ausstellung…“

Zhanik verstand – den Freund muss man retten:

„Schnappe dir schnell den Kater, wir waschen ihn!“

Die Jungs eilten ins Badezimmer. Zhanik füllte die Wanne mit Wasser und sie versuchten, den Kater rein zu setzen. Doch dieser kämpfte wie ein Löwe. Die Hände der Freunde wurden von Kratzern bedeckt, doch sie schafften es, den Kater ins Wasser zu setzen.  Die Spritzer flogen in alle Seiten. Bald wurde im Umkreis alles grün. Die Zelönka ging nicht ab, sie vermischte sich mit Wasser.

Der Kater jaulte, befreite sich von den Händen und lief davon, grüne Spuren hinter sich lassend. Die zerkratzten Freunde schauten sich gegenseitig an.

„Oh, oh, oh,“ Zhenik bedeckte die Augen mit den Händen, die Tränen flossen wie Bäche – die Ausstellung…Mama…“

„Hör auf zu heulen! Hast du etwa zu wenig Wasser?! Schrie Zhanik. „Die Tränen werden deiner Sorge nicht helfen, lass uns hier aufräumen und uns dann uns mit diesem grünen Wasser waschen. Alles gerecht, der Kater ist grün und wir genauso.“

„Man wird uns so nicht in die Schule lassen!“

„Wird man. Wir sagen, dass wir Opfer des Katers und der Zelönka sind.

Als die Mutter nachhause kehrte und das Zimmer betrat, glaubte sie ihren Augen nicht. Auf dem Sofa saßen zwei grüne Jungs und zwischen ihnen, ein flauschiger grasgrüner Kater.

Die Mutter war sehr enttäuscht, doch ließ sie es sich nicht anmerken und sagte:

„Ihr werdet morgen beide mit mir zur Ausstellung gehen! Und den Kater werdet ihr mitnehmen. Außerirdische…“

Natürlich bekamen sie nicht den ersten Preis. Dafür bekamen sie  die aller wichtigste Auszeichnung – den Preis der Sympathie der Zuschauer.

Der goldene Fisch oder wie Zhanik und Zhenik sich etwas wünschten

Zhanik hat einen Fisch geschenkt bekommen. Keinen einfachen – einen Goldfisch. Zusammen mit einem Aquarium. Im Aquarium war ein Sauerstoffkompressor und elektrisches Licht, verschiedene Algen und ein Steinberg und sogar ein Spielzeug-Taucher. Ein cooles und schönes Aquarium. Doch der Goldfisch ist noch schöner. Zhanik rief den Freund Zhenik zu sich, um gemeinsam den Fisch zu bewundern.

So saßen die Freunde da. Sie saßen zehn Minuten, zwanzig, eine halbe Stunde – beobachteten wie der Fisch die Flossen im Wasser bewegt. Und den Jungs schien es als ob der Fisch sie durch das Glas beobachtet und irgend etwas sagen möchte.

Da drückte Zhenik seinen Freund mit der Schulter:

Zhanik, der Goldfisch hat dem Alten alle Wünsche erfüllt. Lass uns ihn auch um etwas bitten.

„Au ja!“ freute sich Zhanik. „Lass uns das machen!“

Sie begannen Wünsche zu äußern: über ein Mountainbike, über längere Ferien, über einen Bulldoggenwelpen  und einen Eimer Eiscreme. Der Fisch erfüllte keinen einzigen Wunsch. Er wedelte bloß mit dem Schwanz und versteckte sich hinter dem  Steinberg.

„Nein, so geht es nicht,“ Zhenik kratzte sich am Nacken, „Damit sie uns unsere Wünsche erfüllt, müssen wir sie mit einem Fischnetz fangen.

„Wir haben kein Fischnetz,“ sagte Zhanik traurig.

„Dann fangen wir ihn mit einem Kescher!“ Zhenik war sehr selbstsicher.

Die Freunde nahmen einen Kescher und fingen den Fisch. Sie begannen neue Wünsche zu äußern. Doch wieder alles umsonst – nichts geschah. Der Fisch riss das Maul weit auf, als ob er bitten würde: „Lasst mich raus.“

Was sollte man tun? Sie ließen den Fisch ins Wasser zurück. Sie gingen um das Aquarium herum, machten das Licht an und den Sauerstoffkompressor auf volle Stärke. Die Luftblasen im Wasser begannen vom Boden in die Höhe zu steigen und der Fisch wurde davon eingefangen und erstarrte. Endlich sagte Zhanik:

„Ich habe verstanden. Der Fisch hat nur dem Alten die Wünsche erfüllt. Aus Respekt zum Alter.“

„Wir sind doch keine Alten. Wir müssen bis zum Alter – och – noch ewig warten.“

„Nein, so lange warten möchte ich nicht. Wir müssen mit Hinterlist vorgehen.  Wir müssen so tun, als wären wir der Alte,“ Zhanik brachte einen Fuchskragen von Mutters Mantel und befestigte ihn wie einen Bart. Doch der Bart nutzte auch nichts. Der Fisch erfüllte keinen einzigen Wunsch. Nicht mal den aller kleinsten.

Die Freunde wurden ganz traurig. Und da erinnerte sich Zhanik plötzlich:

„Ohne Fleiß wirst du keinen Fisch aus dem Teich fangen! Wir müssen ihn ins Meer lassen, dann mit einem Fischernetz fangen und dann wieder frei lassen. Und erst dann uns etwas wünschen.

„Das hast du dir gut ausgedacht,“ Zhenik schaute mit Respekt auf den Freund. „Nur das Meer ist so weit weg, und wir sind hier.“

„Vielleicht fahren wir im Sommer zum Meer und nehmen den Fisch in einem Glas mit.“ zuckte Zhanik mit den Schultern. „Dann werden wir es überprüfen.“

Die Freunde fütterten den Goldfisch und begannen auf den Sommer zu warten.

Ein unechter Name oder wir Zhanik und Zhenik ein Buch schrieben

Eines Tages hatte Zhanik eine geniale Idee: ein Buch zu schreiben. Entschieden – getan. Er bereitete den Arbeitsplatz vor – räumte alles weg von seinem kleinen Schreibtisch, wischte die Tischfläche mit einem Tuch ab. Er fand ein sauberes dickes Heft mit Linien, einen neuen Kugelschreiber und setzte sich an den Tisch. Was weiter? Zhanik wusste es nicht. Dann legte er das Heft vor sich und schrieb darauf „Buch des Schriftstellers Zhandos“.

Das Wort „Buch“ gefiel ihm nicht.  Er strich das Wort durch und schrieb oben „Roman“. „Roman“ gefiel ihm noch weniger und er strich auch dieses Wort durch. Dann dachte er nach und schrieb „Erzählung“. „Erzählung“ schien ihm irgendwie nicht solide zu sein. Dann schrieb er oben das Wort „groß“, das schien Zhanik zu wenig zu sein und er schrieb vor das Wort „groß“ das Wort „sehr“. Er las es vor und das Geschriebene gefiel ihm: „Eine sehr große Erzählung des Schriftstellers Zhandos“.

Zhanik lachte zufrieden und ging in die Küche um Tee mit Keksen zu trinken. Er kaute den Keks und dachte, dass er das Buch nicht unter seinem eigenen Namen schreiben wollte. Jeder Autor soll ein Pseudonym haben. Das hatte er einmal in einer zufälligen Serie über Literatur gesehen.

„Pseudonym, das ist ein ausgedachter, unechter Name,“ dachte sich Zhanik. „Damit das Buch gut wird, muss man sich ein gutes Pseudonym ausdenken. Zum Beispiel Zhan Vseznajskij oder nein, Zhan der Großartige…“ Seine Gedanken wurden von einem Schrei von draußen unterbrochen. Zhenik rief seinen Freund zu einem Spaziergang. Zhanik schaute aus dem Fenster:

„Zhenik, störe mich nicht! Ich denke mir gerade ein Pseudonym aus!“

Zhenik war so verwundert, dass er gar nicht verärgert wurde wegen des „störe mich nicht“:

„Was denkst du dir aus?!“

„Ein Pseudonym. Ein unechter Name.“

„Wozu brauchst du einen unechten Namen?“ Zhenik verlor den Ball aus den Händen. „Hast du vor, dich vor irgendwem zu verstecken?“

„Ich habe beschlossen, ein Buch zu schreiben!“ schrie Zhanik stolz aus dem Fenster.

„Und das nennt sich Freund!“ Zhenik war sichtlich beleidigt. „Vielleicht möchte ich auch ein Buch schreiben. Und diesen unechten Namen möchte ich auch.“

„Gut, komm zu mir hoch, wir werden gemeinsam schreiben, Doch zuerst suchen wir uns ein Pseudonym, sonst wird nichts klappen.“

Zhenik ging zu Zhanik, sie tranken noch etwas Tee und aßen Kekse. Eigentlich wollte Zhenik gar kein Tee, doch Zhanik sagte, dass echte Schriftsteller vor der Arbeit immer Tee trinken.

Nach dem Tee setzten sich die Freunde an den Schreibtisch und begannen sich ein Pseudonym auszudenken. Nach zwei Stunden war das Heft von beiden Seiten mit unechten Namen beschriftet . Zhenik war schrecklich müde: das schien eine schwere Arbeit zu sein – sich ein Pseudonym auszudenken. Am Ende sagte er:

„Zhanik, lass uns ein Pseudonym aus unseren beiden Namen machen. Schau: Zhandos – einen Seelenfreund haben wir schon. Und den Nachnamen machen wir aus meinem Namen Evgenij: Das Ev nehmen wir weg, dann bleibt „Genij“. Dann fügen wir eine Endung hinzu und es kommt raus „Genial“. Dann ändern wir die Stelle des Vor – und Nachnamen und ändern „eine große Erzählung“ in „Buch“ um. Und dann kommt raus…“ er machte die erste Seite auf und schrieb mit großen Buchstaben: Das Buch: Ein genialer Seelenfreund.“

„Es ähnelt zwar mehr einem Titel als einem Pseudonym. Doch das macht nichts.“

Zhanik umarmte Zhenik, vor Begeisterung konnte er nicht einmal zusammenhängend sprechen:

„Nun denn,geliebter  Mitautor! Wie wundervoll! Wann fangen wir an das Buch zu schrieben?“

„A!“ Zhenik winkte mit der Hand ab. „Wann wir wollen, dann beginnen wir auch. Das wird so oder so genial sein.

Und sie liefen auf die Straße, um Fußball zu spielen.

Nuraina Satpaeva Al’kas Abenteuer

Al’ka und Buhtik

Och, wie langweilig es in den Ferien sein kann! Al’ka konnte sich so etwas nicht vorstellen und die ganze erste Klasse wartete, wann endlich der Sommer kommt. Und nun sitzt er auf dem Balkon und langweilt sich. Alles deswegen, weil sein bester Freund Danja zu seiner Großmutter gefahren ist. Nun hat er niemanden, mit dem er Fußball spielen kann und Mädchen ärgern. Dazu kam noch, dass die Mutter das Internet ausgeschaltet hat und ihn zwingt, ein Buch zu lesen. Und lesen wollte Al’ka nun wirklich nicht.

Nun lenkte sich Al’ka von seinen traurigen Gedanken ab, weil aus dem Treppenhaus der Bärenkerl Timka heraus ging, der es liebte irgendeinen Mist zu quatschen und anzugeben.

„Hallo!“ rief er und lächelte breit. Sein rundes Gesicht wurde noch breiter, die schmalen  Augen  und dünnen Lippen  verwandelten sich in Bindestriche und die Nase ähnelte einer gekochten Teigtasche.

„Guten Tag,“  grunzte Al’ka.

„Ich habe gestern eine große Meeräsche gefangen,“ Timka breitete die Arme breit aus und zeigte: So groß!“

„Du lügst!“

„Ehrlich! Neben den Adlerfelsen gibt es viel Fisch, der schwimmt dort scharenweise. Komm, ich zeige es dir,“ sagte Timka und streichelte sich über die strubbligen schwarzen Haare. Der ganze Hof wusste, dass wenn er das tat, er nicht die Wahrheit sagte.

„Keine Lust,“ antwortete Al’ka,

„Wie du willst,“ Timka zuckte mit den Schultern und verschwand hinter der Ecke.

Al’ka beschloss auch zum Meer zu gehen, nur an einem anderen Ort. Er lebte in einem Haus, welches sich fast am Ufer des Kaspischen Meeres befand und seine Eltern erlaubten ihm alleine spazieren zu gehen. Er legte den Angelköder in den Eimer, nahm die Angel und sprang nach draußen.

Bald kam er zu dem Muschelfelsen. Ein Wind wehte, das Meer war vom winzigen Kräuseln bedeckt. Hinter dem Muschelfelsen verbarg sich eine kleine Bucht, wohin die Schwärme fröhlicher Fische schwammen. Al’ka warf die Angel ins Wasser und begann zu warten.

Die Sonne brannte unauffällig auf den Kopf und Al’ka beschloss sich zu erfrischen. Er zog das Shirt aus, die Shorts, doch das silberne Amulett behielt er an seiner Brust.  Als der Großvater ihm zum Geburtstag dieses Schutz-Amulett geschenkt hatte, befahl er streng, dieses nie abzulegen.

Al’ka sprang ins Wsser und schwamm schnell zur kleinen Grotte.

Plötzlich hörte man in der Nähe ein Fauchen. Al’ka drehte sich um und sah in der Tiefe der Grotte zwei leuchtende Augen. Dann sah er eine kleine Robbe mit einem weißen Streifen auf dem Kopf.

„Warum versteckt sie sich da?“ sagte Al’ka laut.

„Ich bin stecken geblieben,“ fauchte wehleidig das Tier zur Antwort.

„Du kannst sprechen?!“ fragte Al’ka.

„Natürlich kann ich,“ fauchte die Robbe und war etwas beleidigt.

Al’ka war natürlich sichtlich verwundert, doch er ließ es sich nicht ansehen. Als ob man jeden Tag sprechende Tiere trifft! Die Robbe wedelte mit den Flossen, welche sich in einem Fischernetz verheddert hatten.

„Och, du bist wirklich dort stecken geblieben! Warte, ich werde ein Messer holen,“ sagte Al’ka und schwamm zu dem Platz, wo er seine Sachen gelassen hatte. Er nahm ein Taschenmesser aus der Tasche und schwamm eilig zurück. 

Er hat es gerade so geschafft, das Netz durch zu schneiden, und die Robbe sprang fröhlich ins Wasser, so, dass die Spritzer, einer Fontäne gleich, durch die Luft flogen.

„Ich heiße Al’ka, und du?“ fragte Al’ka als die Robbe wieder auftauchte.

„Wir haben keine Namen, wir sind ja keine Menschen,“ fauchte die Robbe.

„Lass uns einen ausdenken!“ schlug Al’ka vor. „Buhtik! Ich habe dich schließlich  in einer Bucht gefunden.“

„Ihr Menschen seid so seltsam, doch gegen Buhtik habe ich nichts einzuwenden,“ antwortete die kleine Robbe und verschwand im Wasser. Al’ka tauchte ebenfalls unter, ihm folgend. Buchtik und Al’ka schwammen schnell, sie hatten das Gefühl, die Wellen zu überholen.

„Och, meine Mutter wartet!“ bemerkte plötzlich die Robbe. „Ich bin noch klein, ich darf mich nicht zu weit von der Kolonie entfernen.“

„Bist du morgen hier?“ fragte Al’ka.

„Das weiß ich nicht,“ sagte Buhtik. „Meine Mutter sagt, dass hier überall Gefahr lauert.“

„Wozu bin ich da? Ich werde auf dich aufpassen,“ versprach Al’ka.

Die kleine Robbe sah ihn verständnislos an. Al’ka war hoch und dürr, mit herausstehenden Knien, Rippen und Ohren. Die dunklen Haare standen zu allen Seiten ab. Um es mit einem Wort zu sagen – er machte nicht den Eindruck eines Bärenkerls.

„Und ich werde auf dich aufpassen,“ antwortete die kleine Robbe, wedelte zum Abschied mit den Flossen und verschwand im Wasser.

Auf dem Nachhauseweg war Al’ka traurig, dass Dani nicht in der Stadt war. Der Vater ist zu ernst, er wird ihm nicht glauben, dass er eine sprechende Robbe getroffen hat, und Mutter wird sich erschrecken und ihn zum Arzt schicken.

Am Morgen hat Al’ka gewartet, bis Mutter und Vater zur Arbeit gegangen sind. Er wusch sich schnell, schnappte sich ein Brot mit Käse und lief zum Meer. Von weitem sah er die kleine Robbe, dieser schaukelte auf den Wellen.

„Hey!“ schrie Al’ka ihr zu.

„Spring ins Wasser!“ rief Buhtik.

Sie spielten miteinander fast bis zum Mittag. Al’ka brachte dem neuen Freund bei, wie man Steine aus dem Wasser holt und Buhtik lehrte ihn wie man tief taucht.

Am nächsten Tag lief Al’ka wieder zum Ufer, doch anstatt Buhtik erblickte er Timka neben der Grotte. Er stand bis zur Taille im Wasser, zog an einem Fischernetz, in welches sich jemand verheddert hat.

„Komm her und hilf mir! Alleine kann ich das nicht heraus ziehen!“ Schrie Timka.

In der Falle zappelte verzweifelt Buchtik, der mit allen Kräften versuchte, heraus zu kommen. Timka hielt das Netz fest.

„Lass ihn frei!“ – schrie Al’ka und warf sich auf Timka. Dieser schlug Al’ka direkt ins Auge, so dass Funken entstanden. Er fiel ins Meer, doch tauchte bald wieder auf und krallte sich wie eine Bulldogge in Timka, diesen ins Wasser zehrend. Sie plätscherten und schlugen sich gegenseitig mit den Fäuste.

Die kleine Robbe konnte sich  in der Zeit befreien, sie kreiste um sie herum und machte sich Sorgen um den Freund.

„Buchtik, schwimme schnell fort!“ schrie Al’ka.

„Auf Wiedersehen!“ fauchte die Robbe und verschwand im Wasser.

Timka stieß Al’ka von sich fort und sagte mit Ärger:

„Das macht nichts, ich werde ihn noch fangen! Und ihn für Geld im Delfinarium verkaufen, verstanden?!

Al’ka kroch auf das Ufer, aus der Nase floss das Wasser, und in den Ohren rauschte es. Er beruhigte sich, ging nach Hause, um rechtzeitig das Shirt und die Shorts zu trocknen, so lange die Mutter noch nicht von der Arbeit zurück gekehrt war.

Nachts befiel Al’ka eine starke Hitze.

„Ich muss zum Meer. Buchtik wartet,“ er wand sich im Bett hin und her.

„Dir ist wieder schlecht…was soll man nur machen?“ weinte die Mutter und rieb ihn mit Wodka ein. Der Vater saß daneben und maß alle fünf Minuten das Fieber.

Buchtik schwamm drei Tage zum Muschelfelsen, kroch sogar aufs Ufer und riskiere dabei, gefangen zu werden. Doch Al’ka kam nicht wieder.

Als er gesund wurde, war das erste was Al’ka tat, zum Meer zu laufen. Er suchte den Freund jeden Tag und schwamm weit hinter die orangen Bojen. Buchtik war verschwunden.

Bald kam auch Danja wieder, seine hellen Haare wurden von der Sonne trocken wie Stroh, die Nase schälte sich und auf dem Gesicht tauchten Sommersprossen auf.

Al’ka hat ihm alles erzählt, über Buchtik und über den Kampf.

„Und diese Robbe kann sprechen?“ fragte der Freund ungläubig.

„Du glaubst es nicht? Irgendwann wird Buchtik sicher zurück kehren, dann wirst du es sehen! Sagte Al’ka. Er war gar nicht böse auf Danja, denn er war selbst verwundert, als er die sprechende Robbe traf.

„Lass uns am Abend zum Meer gehen?“ schlug Danja vor.

Doch nach dem Mittagessen wurde das Wetter schlechter: schwere Wolken tauchten auf und der Regen fiel wie eine Wand. Die See wurde ganz stürmisch – die Wellen schlugen mit aller Kraft gegen das Ufer. Das Unwetter hielt noch einige Tage an. Als die Sonne raus kam, gingen Al’ka und Danja zum Muschelfelsen. Auf dem Weg trafen sie Timka, doch sie wollten ihn nicht mitnehmen. Sie kletterten auf steinernen Felsen, sammelten Muscheln und hörten von unten ein plötzliches Fauchen – bei der Grotte zeigte sich die kleine Robbe mit dem weißen Streifen auf  dem Kopf.

„Buchtik, schwimme hier her!“ schrie Al’ka und lief auf ihn zu.

„Hurra, also ist es die Wahrheit!“ freute sich Danja.

„Ich habe so lange gewartet, du bist nicht gekommen.“ fauchte Buchtik beleidigt.

„Ich war krank,“ sagte Al’ka schuldbewusst. „Warum bist du so lange nicht her geschwommen? Ich dachte schon, Timka hätte dich gefangen.“

„Wir haben uns auf den Robben-Inseln versteckt. Weit weg von hier,“ erklärte Buchtik.

Al’ka wandte sich an Danja:

„Siehst du, und du hast es mir nicht geglaubt!“

Danja schaute Al’ka seltsam an und sagte dann:

„Er faucht und spricht nicht.“

Al’ka wandte den Blick verstreut auf Buchtik.

„Nur du verstehst unsere Sprache,“ sagte die kleine Robbe.

„Aber warum?“

„Wegen des silbernen Anhängers,“ fauchte Buchtik.

Al’a wunderte sich, nahm das Amulett ab und begann es zu betrachten. Nichts besonderes – ein Anhänger wie ein Anhänger. Rund, alt, in der Mitte ist ein Wolf gezeichnet.

„Leg die das um den Hals,“ er reichte das Amulett Danja. „Das ist ein magisches Amulett!“

Danja legte ihn sich um den Hals, doch konnte er die Sprache Buchtiks trotzdem nicht erkennen.

„Das wird nicht klappen, denn es ist dein Amulett,“ fauchte Buchtik.

„Du bist ein wahrer Fantast, Al’ka!“ lachte Danja. „Lass uns lieber mit ihm spielen!“

Buchtik machte Purzelbäume, tauchte unter und nahm Steinchen vom Meeresboden mit, und Danja und Al’ka rannten auf dem Ufer hin und her.

Von Weitem wurden sie von Timka beobachtet.

Schon abends, vor dem Schlafengehen, fragte Al’ka den Vater:
„Stimmt es, dass das Amulett magisch ist?“

Der Vater zog die Vorhänge zusammen, erstarrte, drehte sich dann um und schaute auf den Sohn. Seine dichten Augenbrauen zogen sich zusammen, die braunen Augen wurden dunkler, er rieb sich den Nasenhöcker und  sagte:

„So hat es Großvater gedacht. Das Amulett trug noch dein Urgroßvater, und davor der Urgroßvater des Urgroßvaters.“

„Ich traf eine sprechende Robbe und verstand sie von seinem ersten Fauchen an.“

„Nun schlafe, und rede keinen Unsinn, es ist schon spät,“ der Vater richtete die Decke, machte das Licht aus und ging heraus.

Al’ka nahm das Telefon von der Schublade, versteckte sich mit dem Kopf unter die Decke und rief den Großvater an. Al’kas Großvater lebte in einem kleinen Aul, nicht weit weg von der Stadt:

„Hallo, das bin ich,“ flüsterte er.

„Was ist los?“ fragte der Großvater besorgt.

Da hat Al’ka ihm alles erzählt: über Buchtik, über das magische Amulett, darüber, dass ihm niemand glaubt.

„Mhh,“ sagte der Großvater zur Antwort und verstummte.

„Glaubst es mir auch nicht?“ wurde Al’ka traurig.

Endlich konnte er am anderen Ende die Stimme des Großvaters hören:

„Versprich mir, das Amulett immer zu tragen  und nichts zu fürchten,“ hörte er endlich die Stimme des Großvaters. „Es kommt die Zeit, da werde ich dir alles erklären.“

„Wann kommt die Zeit? Muss ich noch lange warten?“

„Halte noch etwas aus. Und nun geh schlafen.“

Al’ka atmete auf, wand sich ein paar Mal hin und her und schlief bald ein.

Al’ka und der schwarze Pinsel

Al’ka und Danja beschlossen Fahrrad zu fahren – morgens, so lange es noch nicht so heiß war. Sie fahren am Ufer entlang und bleiben stehen, um was zu trinken. Dann sehen sie ein Mädchen, welches neben ihrer Mutter auf der Bank sitzt. Sie scheint nicht mehr so klein zu sein, und weint in Strömen.

„Magst du Eiscreme?“ fragt ihre Mutter sie.

„Ich mag nicht!“ und sie weint weiter.

„Die Jungs schauen dich schon an. Es ist peinlich!“

„Wenn man ihnen den schwarzen Pinsel weg genommen hätte, würden sie auch weinen,“ sagte das Mädchen und griff nach dem Korb, der daneben stand.

Und da sitzt eine rote Katze. Blickt mit blauen Augen und wackelt mit den schwarzen Pinseln auf den Ohren.

„Wozu brauchst du ein solches Untier?? Sie beißt und kratzt,“ sagt die Mutter.

„Sie ist freundlich! Vielleicht behalten wir sie?“ fragte das Mädchen.

„Es ist schon beschlossen, wir bringen sie in ein Zoogeschäft.“

Die Mutter griff nach dem Korb, als die rote Katze heraus sprang und zur Seite entwich. Die Mutter mit Geschrei hinter dem schwarzen Pinsel, das Mädchen hinterher. Al’ka und Danja fuhren ebenfalls hinter der Geflüchteten, mit den Rädern waren sie schneller. Doch iwo, kann man sie etwas einholen?

Al’ka hat sich dann den ganzen Abend an den schwarzen Pinsel erinnert, vor allem an die Augen – blau-blau.

Am nächsten Tag ging er los, um die rote Katze zu suchen. Er schaute am Ufer unter jeder Bank nach, hat alles Büsche durchsucht. Nirgendwo war der schwarze Pinsel zu finden. Al’ka wurde müde und beschloss den Freund zur Hilfe zu rufen.

„Danja, komm raus!“ schrie er in die Sprechanlage.

„Ich komme runter,“ antwortete Danja. Al’ka spazierte in Erwartung neben dem Treppenhaus.

Plötzlich sprang vom Baum der schwarze Pinsel und als er Al’ka erblickte begann er böse auf zu murren:

„R-R-R.“

„Wenn du murrst, wird dich niemand mit nach hause nehmen,“ sagte Al’ka streng und ging für alle Fälle einen Schritt zurück.

Da erblicke der schwarze Pinsel das silberne Amulett um seinen Hals und wich zurück.

„Ich bin ein Karakal, ein Steppenluchs. Ich habe nicht vor in einem Haus zu leben.“

„Oh, ich verstehe nicht nur Buchtik!“ wunderte sich Al’ka, schaute sich um und griff nach dem Amulett. „Ich dachte, du seist eine Katze.“

„Das auch noch!“ fauchte der schwarze Pinsel. Ich bin vom Plateau Ustjurt, dorthin werde ich auch zurück kehren – zu meiner Mutter.“

„Onkel Jegor wohnt dort. Das ist doch sehr weit! Wie kamst du hierher?“

„Ein böser Mensch hat mich in eine Falle gelockt und mich weg gebracht,“ beschwerte sie sich.

In diesem Augenblick kam Danja auf den Hof. Sie beschlossen beide, dass Danja Katzennahrung und einen Karton mitbringt , Al’ka fragt den Vater nach Hilfe.

„Bleib hier sitzen, lauf nirgendwohin,“ sagte Al’ka dem schwarzen Pinsel.

´“R-R-R,“ antwortete der schwarze Pinsel und versteckte sich hinter den Baum.

Al’ka stürmte schnell nach Hause und er schaffte es noch nicht herein zu kommen, schon schrie er:

„Papa, darf ich eine Katze mitbringen?“

Der Vater Al’kas ist ein ernster Mensch, er antwortete nicht sofort, zuerst kniff er die Augen zusammen, rieb den Nasenhöcker, ging hin und her und sagt dann irgendetwas. 

Al’ka stand neben der Tür und wartete geduldig.

„Die Mama ist allergisch, weißt du es nicht mehr? Ich werde sie Onkel Jegor geben wenn er kommt.“

„Aha! Als ob er nicht genug wilde Tiere hätte.“

Al’ka lief wieder in den Hof.

„Und nun?“ fragte Danja.

„Man hat es mir nicht erlaubt,“ atmete Al’ka aus. „Lass uns sie auf meiner Etage einquartieren, ich werde sie bewachen.“

Sie stellten den Karton neben die Eingangstür, legten auf diesen Al’kas Schal, der schwarze Pinsel kletterte darein. Al’ka stand bis zum späten Abend bei ihr, bis seine Mutter ihn gerufen hatte:

„Al’ka, komm nach hause!“

„Darf ich noch etwas hier bleiben, Mama?“

„Nichts da, es ist Abendbrot-Zeit.“

Al’ka verabschiedete sich von dem schwarzen Pinsel und betrat die Wohnung. Dann lief er zur Tür und schaute in das Guckloch, ist dem schwarzen Pinsel auch nichts zugestoßen?“

„Was geschieht hier? Los, sag,“ forderte der Vater, als er ihn bei der Eingangstür erblickte.

Al’ka sagte ihm alles, bzw. fast alles, bis auf das Gespräch mit dem schwatzen Pinsel.

Der Vater schaute in den Korb und wählte sofort Onkel Jegors Nummer:

„Hallo, ich grüße dich, wir haben einen Karakal gefunden, wohl einen wilden.“

Weiter sagte er nichts verständliches, nur „aha“, „m-m“, „aha“, „m-m“, dann machte er das Telefon aus und sagte zu Al’ka:

„Du hast Glück, Jegor wird morgen hier sein, er wird schauen, was für ein Tier das ist.“

Nachts konnte Al’ka nicht schlafen, er sorgte sich um den Karakal.

Der schwarze Pinsel dagegen schlief fest. Er träumte vom Plateau Ustrjut. Davon, wie er und Mutter durch die gelbe Steppe rennen, so schnell, dass der Wind in den Ohren pfeift und die Pinsel sich bewegen.

Zum Mittag des Folgetages kam Onkel Jegor. Als er den Karakal sah, kniff er die Augen zusammen:

„Hör mal, das ist wirklich ein Steppenluchs. So sieht es aus.

„Sie sieht wie eine normale Katze aus,“ der Vater zuckte mit den Schultern.

„Ja, ich würde nur ungern eine solche Katze in der Steppe treffen. Sie kann vier Meter weit springen. Du kannst nicht weg laufen. Diese ist noch klein,“ sagte Onkel Jegor.

In dieser Zeit unterhielt sich Al’ka mit dem schwarzen Pinsel:

„Hab keine Angst vor Onkel Jegor. Er wird dich nach Ustrjut zurück bringen. Beiße und kratze nicht.“

„Danke dir,“ murrte zärtlich der schwarze Pinsel und sprang auf den Rücksitz des Geländefahrzeugs.

Onkel Jegor setzte sich ins Auto, winkte mit der Hand und fuhr davon.

„Sohn, du bist super!“ sagte der Vater.

„Papa, ich kann jetzt allen Tieren helfen.“

„Natürlich, nur hilf erst einmal der Mutter beim Staubsaugen, wie du es versprochen hast,“ lächelte der Vater, und als er die Enttäuschung im Gesicht Al’kas gesehen hat, fügte er hinzu:

„Sollen wir die Rettung des Karakals mit einem Essen und Getränk feiern?“

Sie gingen zum Café am Ufer, dort sah Al’ka wieder dasselbe Mädchen mit seiner Mutter.

„Die Katze ist verschwunden,“ beschwerte sie sich, ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Das war keine Katze, sondern ein Wildluchs! Sie wurde nach Ustrjut gebracht,“ sagte Al’ka. Als das Mädchen es hörte, freute es sich und wollte sofort ein Eis.

Al’ka, Tomka und die Möwe

Am Vorabend ging Al’ka spät schlafen. Er spielte zu lang Computer und bemerkte nicht, wie die Nacht begann.

„Hey Schlafmütze, steh auf,“ hörte man in der Frühe eine klingende Stimme.

Al’ka erinnerte sich mit Enttäuschung, dass bei ihnen seine Cousine zu Gast ist, Tomka. Überhaupt kommen im Sommer viele zu Besuch, weil Al’kas Familie am Meer wohnt, man kann sogar ein Stück des Strandes vom Fenster aus sehen.

In Wirklichkeit hieß Tomka Tamiris, wie eine altertümliche Skythenkönigin, weshalb sie sich wie eine Prinzessin verhielt, sie kommandierte herum und schmollte. Tomka war ein schönes Mädchen mit grünen Augen und kastanienbraunen Haaren.  Wenn sie zusammen auf den Hof gingen, dann warteten sie Jungs auf sie. Sogar Timka, der aller geizigste Junge auf der Welt, schenkte ihr einen Notizblock und kaufte ihr ein Eis. Ach was, der Timka – Danja nahm sie mit ins Kino und vergaß Al’ka ganz!

Das nannte sich bester Freund! Oh, Al’ka war sichtlich enttäuscht.

„Aufwachen!“ die Mutter schüttelte die Decke, „Wasche dich, es ist Zeit zum Frühstück.“

„Mama, Tomka soll bald weg fahren, die nervt so,“ sagte Al’ka

„Ach was,“ sagte die Mutter und breitete die Arme aus. „Sie ist ein nettes und schönes Mädchen, ich mag diese Worte von dir nicht hören.“

„Aha, wenn du gesehen hättest, wie sie auf dem Hof angegeben hat, dann würdest du anders denken,“ murmelte Al’ka.

„Es reicht, hör auf dich zu beschweren, führ den Gast lieber zum Meer, macht einen Spaziergang. Ich habe auf der Kommode Geld für euch gelassen, nimm es mit.“

Die Mutter ging zur Arbeit.

Al’ka machte sich lustlos fertig, er und Tomka frühstückten fluffige Fladenbrote mit Honig.

„Nimm meine Kappe mit, sonst wird die Sonne dir auf den Kopf scheinen,“ sagte er zur Cousine.

Tomka würde um nichts in der Welt die rote Kappe aufsetzen mit dem Kleid von smaragdgrüner Farbe. Sie achtete auf die Mode und hat einen vollen Koffer mit Kleidung mitgebracht.

„Lass uns zu den rosa Felsen gehen,“ rief Al’ka sie.

„Ist es weit?“ beschwerte sich der Gast und probierte einen zuckersüßen Strohhut mit einem seidenen Band an.

Tomka liebte es eher in der Stadt spazieren zu gehen, damit die entgegenkommenden Menschen ihre Schönheit bewunderten. Doch sie hat noch nie im Leben rosa Felsen gesehen und wurde neugierig.

Als sie zum Ufer kamen, gefiel es Tomka dort. Sie machte Fotos von Felsen aus Meeresmuscheln und machte nicht weniger als hundert Aufnahmen.

Derweil konnte Al’ka flache Steinchen sammeln, auf dem Sand mit dem Ast eine Robbe zeichnen und am Ufer entlang laufen. Dann warfen sie Kieselsteine in Wasser und kletterten auf den Rollsteinen.

„Schau!“ Al’ka zeigte auf ein kleines Nest aus trockenen Grashalmen und Federn. Darin lagen drei kaffeefarbenen  Eier.

„Oh, wie süß,“ Tomka wollte diese berühren.

„Rühre sie nicht an, sonst zerstörst du das Nest!“ Al’ka packte sie am Arm.

Plötzlich konnte man hinter der Wand ein böses „Sch-sch-sch“ hören.

Aus dem Gras schaute ein rautenförmiger Kopf heraus mit flimmerfreien Augen. Das war eine riesige Natter mit schwarzen Streifen.

„A-a-a! Eine Schlange! – rief Tomka erschrocken.

„Tomka, zurück!“ schrie Al’ka,  diese wich zurück. Al’ka nahm einen großen Stein und holte aus:

„Geh weg, Natter! Rühre uns nicht an.“

„Ich brauche euch gar nicht,“ zischte die Schlange, streckte ihre lange Zunge heraus und streckte sich zum Nest. „Hier ist meine Beute.“

„Tomka, rette das Nest und lauf!“ schrie Al’ka und warf den Stein auf die Schlange.

Tomka schnappte sich das Nest doch dieses fiel auseinander. Dann zog sie schnell den Hut aus, legte die Eier rein und lief los. Doch plötzlich kam von oben eine silberne Möwe, die anfing Tomka mit den Flügeln zu schlagen, auf den Kopf zu piken. Tomka setzte sich auf die Erde, weinte vor Schmerz, doch ließ nicht den Hut aus den Händen los.

„Möwe, hilf uns!“ Al’ka wedelte mit den Händen. Der Vogel sah, dass die Natter die Beine Al’kas umschlungen hat, sie flog und pikte diese in den Schwanz. Die Natter sprang zurück, zischte und kroch eilig hinter den Rollstein.

„Äch, das Nest!“ schrie die Möwe, als sie bemerkte, dass es auseinander gefallen war. „Die Küken schlüpfen bald und ich schaffe es nicht, ein neues Nest zu bauen!“

„Wir müssen ein Nest für die Möwe bauen,“ sagte Al’ka zu Tomka.

„Hier habe ich einen Strohhut,“ schlug sie vor.

Al’ka pflückte etwas weiches Gras, es entstand ein gemütliches Netz, sogar besser als das alte.

„Danke!“ schrie die Möwe zum Abschied und bewegte die Flügel-

Al’ka und Tomka gingen zum Café am Ufer, bestellten Eis und Coctails.

„Ich hatte überhaupt keine Angst,“ begann Tomka vom Geschehenen zu erzählen. „Eine Natter, na und? Eine Schlange wie eine Schlange.“

„Und wer hat geweint?“ lächelte Al’ka.

„Ich habe ein Korn im Auge gehabt. Die Möwe hat sich auch nicht erschreckt,“ gab sie an.

Al’ka wurde diesmal nicht böse, im Gegenteil dachte er, dass Tomka mutig und nett war. Seitdem waren sie befreundet.

Ein Monat verging und Tomka wurde zum Flughafen gebracht. Plötzlich erschien eine Möwe im Himmel, mit ihr drei Küken. Sie kreisten über dem Auto und flogen weg.

„Komm in den nächsten Ferien wieder zu uns,“ sagte Al’ka.

„Unbedingt,“ versprach Tomka.

Julia Kim Solange es nicht schneit

Ihm gefiel es nicht, wenn eine fremde Frau in seinem Haus herumwirtschaftet. Sie bemerkte es nicht: sie war ganz strubbelig, trug seit dem Morgen den Staubsauger von Zimmer zu Zimmer und schlurfte widerwärtig mit ihren Filz – Hausschuhen  auf dem hölzernen Parkett. Das einzige was ihr wahrscheinlich gelang, war das Kochen.

Er stocherte lange in seinem Gedächtnis, an die Erinnerungen daran, wann sie aufgetaucht war, doch der Klumpen mit den nötigen Details entwich verräterisch, je näher er dem Ganzen kam. Er schaute auf ihre dünnen Arme, auf den frischen Kratzer unter dem Ellenbogen und dachte: „Sozialarbeiterin? Nachbarin? Krankenschwester?  Denkt sich, sie kann mich beeindrucken mit ihrer Sorge? Ha!“

Der letzte Gedanke amüsierte ihn besonders, doch sich daran zu erinnern, aus welcher Organisation sie stammte, konnte er nicht, und hat er sie danach gefragt?

Vor dem Fenster schneite es, weiß und flockig. Die glitzernden Flocken bedeckten mit einem weißen Laken den Hof, und die Menschen beeilten sich mit sorgenvollen Wellen, um die letzten Käufe zu machen in diesem Jahr. Gar nicht so lange her, konnte er sich nicht vorstellen , dass es ohne Arbeit langweilig war. Die Zeit zog sich entlang der geräuschvollen Fließbändern und Leih-Schlitten.

Er rieb sich mit der Hand die dünnen, blassen Beine, so als ob er daran zweifeln würde, dass sie zu ihm gehören. Der Schmerz näherte sich mit scharfen Klingen  immer weiter von den krummen Knien bis zu den Fußknöchel.

Er hörte Geräusche aus dem Flur.

„Es reicht mit den Geräuschen!“ murmelte er gereizt, hielt eine kurze Pause und fragte interessiert: „Hat Lida angerufen?“

„Hat sie,“ ihre Stimme erklang zusammen mit dem Klopfen der Schubladen.“

„Sie hat dich grüßen lassen, fragte, ob du die Medizin rechtzeitig einnimmst.“

„Kommt sie in den Ferien?“ fragte er als er die Blister mit den bunten Tabletten heraus nahm.

„Keine Ahnung,“ antwortete sie verwirrt.

Seitdem die Mutter Lida ans Meer mitgenommen hatte, konnten sie sich nicht mehr so häufig sehen. Und bei diesen seltenen Treffen, schien sein Kopf ganz leer zu sein, sodass er sie außer über die Schule über nichts mehr ausfragte.

Am Abend erwachte er in einer leeren Wohnung. „Die Aufpasserin ist weg!“ Er wurde fröhlich, erwärmte das Wasser für den Kaffee, nahm den aufbewahrten Kognak heraus und ließ eilends das Wodkaglas fallen. Er schaute aus dem Fenster und fing an zu lachen.

Der Nachbar, welcher auf dem Spielplatz parkte, bekam noch eine bissige Botschaft auf der Motorhaube, diesmal eine begrüßende. In den Fenstern gegenüber ging das Licht an und Schatten flimmerten, ihm schien, als seinen diese von glücklichen Menschen. Er beobachtete eilig den Hof, doch so sehr er sich bemühte die Figur Lidkas zu materialisieren, in ihrem Fellmantel, sie erschien nicht. Dann beschloss er, sie anzurufen, doch eine näselnde Stimme am anderen Ende der Leitung bestätigte sofort: „Herr, wir haben hier keine Lidas, die hier arbeiten geschweige denn leben. Das hier ist ein Geschäft.“ Er schaute verwirrt auf die bekannte Kombination der Ziffern und schimpfte.

Seine Aufpasserin kam spät. Das vom Frost gerötete Gesicht schaute aus der Tiefe einer Fellkapuze heraus. In ihren Händen hielt sie Tüten mit irgendwelchen raschelnden Verpackungen, Schachteln und ein flaumiger Tannenbaum.

Es war einfach den Hausherren zu finden – seinen heißeren, gleichmäßigen Atem hörte man im ganzen Flur. Sie brachte geräuschlos , auf Zehenspitzen die kleine Grüne in sein Zimmer. Sie warf unakkurat eine Girlande auf den Baum und begann irgend etwas im Schrank zu suchen.

Die Erinnerung der schwarz-weißen Aufnahmen war zuversichtlicher, menschlicher. Neujahr des Jahres 92. Der Vater wollte gerade in den Laden gehen, als ein Väterchen Frost mit verdächtig bekannten Augen erschien. Erster September 95. Der Vater vergaß einen Blumenstrauß zu kaufen und man beschloss der Lehrerin einen Globus zu schenken. Sie blätterte Seite nach Seite um, gerade so Schritt haltend mit den Teilen des glänzenden Papiers, welche die verlorenen Fragmente der Erinnerungen auf nötige Regale legten.

„Lida, Töchterchen,“ rief er sie sehr leise.

Ihre Augen weiteten sich, sie lief zu seinem Bett und schrie wie ein Kind:

„Papa, mein Papa hat es nicht vergessen!“

Bunte Lichtflecke tanzten in der Tiefe seiner Falten. Das strubbelige Haar stand zu allen Seiten.

„Meine Lida, Schönheit ist gekommen. Wie läuft die Schule? Hast du sie abgeschlossen?

„Schon längst, Papa, ich habe sogar zwei Universitäten abgeschlossen!“

Er lachte und fragte sie wie gewohnt nichts mehr. In seinem Kopf vermischte sich plötzlich alles: Das Gesicht Lidkas, so erwachsen, das Licht der Girlanden und der Geruch der Tanne.

Am Morgen lösten sich die Schatten von den gegenüberliegenden Fenstern auf. Der Schnee bedeckte die schlafenden Pappeln und Birken, und der Rest des Feiertags leuchtete auf den weißen Hügeln mit buntem Müll.

Er mochte es nicht, wie diese fremde Frau in seinem Haus wirtschaftet, doch in ihren abrupten Bewegungen war irgend etwas vertrautes, ohne welches seine Seele traurig wurde. Er vergaß die ganze Zeit, woher sie kam, nannte sie mal Schwester, mal Krankenwärterin, doch sie, so schien es, bemerkte das alles nicht und schlurfte geschäftig mit den Filz-Hausschuhen, sich von einem in das andere Zimmer bewegend.

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