Oral Arukenova Der Zwinger

Veröffentlicht in Daktil‘ Nr 11, August 2020

An jenem Morgen, zum ersten Mal im Frühling, erwachte Aziza von dem Trällern der Nachtigall, sie sprang sofort vom Bett auf und schaute aus dem Fenster. Zuerst fiel ihr Blick auf das Nachbargebäude mit einem halbrunden, leeren Speicher, durch welchen man die  glänzende Scheibe der Sonne sehen konnte. Dann schaute sie nach unten auf den Apfelbaum, welcher bereits Blüten trug, auf das klar-grüne, noch winzige Laub des Ahornbaumes, auf die Abzäunung des Vorgartens und einen Haufen welken Laubs vom letzten Herbst. Das Thermometer hinter dem Fenster zeigte fünfzehn Grad, die Uhr halb sieben. Die beste Zeit für einen Spaziergang, solange die Patrouille noch nicht auf den Straßen aufgetaucht ist. 

„Tach. Ist es Ihr Zwinger?“ fragte die Nachbarin aus dem Nachbartreppenhaus, als Aziza in Sportkleidung und Turnschuhen den Hof betrat.

„Guten Tag! Welcher Zwinger?“

Zhazira zeigte mit einem Blick auf die quadratische, teils verrostete, metallische Konstruktion hinter den schrägen Ställen.

„Natürlich nicht. Wozu brauche ich sie? Antwortete Aziza erstaunt.

„Nun, ich weiß  nicht. Vielleicht wollen Sie Hunde züchten, Sie sagten doch einmal, dass Sie sich einen Hund anschaffen wollen.“

Aziza wollte natürlich die Nachbarin umstimmen, doch aus Erfahrung von anderen Gesprächen wusste sie, wie viel Zeit das raubte und überlegte es sich anders. Man hätte sich empören können, das würde auch gehen, doch sie wollte sich nicht schon am Morgen die Stimmung vermiesen. Aziza atmete tief die Morgenluft ein, lächelte und ging weiter. Zhasira schaute ihr hinterher und drehte den Finger an der Schläfe. Noch ein paar weitere Nachbarn fragten Aziza innerhalb dieser einen Woche, ob sie wisse, wem der Zwinger gehöre.

Anna Ivanovna wedelte ihr ein mal mit der Hand aus dem Fenster der ersten Etage und lud sie ein, sie zu besuchen. „Warum nur habe ich bei ihr vorbei geschaut?“ dachte Aziza. Die Alte war nicht langweilig, eher nervig, wobei das kein Problem darstellte. Der Geruch ihrer Wohnung – das bereitete Aziza Sorgen. Wenn man einen stickigen Gestank als Geruch bezeichnen konnte, welcher damals auftauchte, als die Alte neunzig Jahre alt wurde. Dieser Gestank verteilte sich schnell im Treppenhaus, wenn die Hausherrin die Haustür öffnete.

In der Zweizimmerwohnung Anna Ivanovnas herrschte eine ideale Ordnung, die blassblauen, hölzernen Quadrate auf der Decke glänzten, als ob man sie gerade eben gewaschen und poliert hätte. Der höhere Teil der Wände war mit einer Kalkschicht bestrichen, die Paneele mit blauer Farbe. Von der Türschwelle aus sah man die Küche mit dem schwarz-weißen Herd, möglich die erste sowjetische Variante. Töpfchen, Teekannen, Löffel lagen auf dem Tisch bei der  hohen, engen Fensterbank und leuchten in den Sonnenstrahlen. Im Wohnzimmer, rechts über dem Sofa, hing ein Wollteppich, im Glasschrank – Kristall. Auf der Schwelle – ein bunter, synthetischer Teppich, so sauber, dass man sich gar nicht traute, auf diesen zu treten. Doch woher kam diese stickige Luft? Aziza und ihr Ehemann hatten sogar die Theorie aufgestellt, dass es der Geruch des Alters sei – eine Metapher des Unterganges des Lebens, wobei sie noch nie diesen Geruch bei anderen Alten verspürt haben oder es ist ihnen nicht aufgefallen. 

„Hast du etwa vor, Hunde zu züchten?“ Die Alte warf sich von der Schwelle aus auf Aziza.

„Welche Hunde?“ Die Frau krümmte den Mund.

Die Alte grinste heuchlerisch und zeigte ihre kleinen, gelben Zähne.

„Ja, ich habe nicht daran geglaubt, wobei mich Zhazira lange davon überzeugen wollte, dass es dein Zwinger ist, hinter den Ställen. Sie sagt, ihr Mann sei zurück gekehrt, hat das Trinken aufgegeben, und so haben sie beschlossen, auf dem Hof, Hunde zu züchten.“ Die Alte verbarg nicht ihre Neugierde und beobachtete die Reaktion Azizas.

„Anna Ivanna, lassen Sie uns sachlich sprechen,“ die Frau krümmte die Augenbrauen.

„Ähm…Das ist, schau mal, der Zählerstand, dort in der Ecke, ich komme da nicht hin, mein Kopf dreht sich…“

Aziza öffnete das Türchen des Zählers und diktierte der Alten die Ziffern.

„Wenn das alles ist, dann gehe ich. Ich habe keine Zeit,“ sagte sie und öffnete die Eingangstür.

„Nun geh, natürlich, nur diese Seuche, wie nennt sie sich?“ fragte die Alte verwirrt.

„Koronavirus,“ sagte Aziza.

„Ja, man sagt, man habe in der Stadt den Verkehr verboten, der Sohn kann mich nicht besuchen, möchte mich zu sich holen. Ich lasse meine Wohnung allein…“

Aziza sah die Nachbarin zum ersten Mal verwirrt, sie hielt sich noch eine Weile auf der Türschwelle und machte wieder die Tür zu.

„Machen Sie sich nicht zu große Sorgen, Anna Ivanna. Die Quarantäne wird zu ende gehen, Sie werden zurück kehren. Und wir werden nach Ihrer Wohnung schauen.“

„Was wird dann mit dem Zwinger werden. Bitte vertausche du in meiner Abwesenheit nichts, weder im Treppenhaus, noch im Garten,“ sagte die Alte.

„Anna Ivanna, wer braucht schon unser Treppenhaus, Sie sagte ja schon selbst, das seitdem dieses im Jahr 1953 erbaut wurde, hat man es nie renoviert.

„So ist es, man sagt nur, dass man die Ställe abbauen möchte. Höre zu, ohne  mich keinen Abbau, das steht meine Marmelade und ich horte Sachen darin. Wenn sie kommen, dann sage ihnen, dass ich es nicht erlaube, ich bin sechsundneunzig Jahre alt, ich bin ein Arbeiterveteran, sag es ihnen, man kennt mich im Akimat. Ich ahne schon, dass wenn ich weg fahre, sie die Bäume in meinem Vorgarten fällen und die Ställe abreißen…“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Anna Ivanna, lassen Sie mir Ihre Nummer da, ich werde mit Ihnen in Kontakt tretet, wenn was ist.“

„Nein, ich kann Ihnen die Nummer nicht geben, nimm die von der Alten Altynaj aus dem zweiten Treppenhaus. Sonst werden alle anrufen, und ich bin dort bei Gast. Wem wird so etwas gefallen?“

„Gut, Anna Ivanna, ich wünsche Ihnen Gesundheit, wir sehen uns nach der Quarantäne.“ Aziza verließ die Wohnung und eilte auf die Straße, um noch etwas zu atmen.

Auf dem Hof stand der Vertreter des KSK, Vasilij Ivanovich, die Anwohner nannten ihn hinter seinem Rücken Chapaj. Der Alte war nicht hoch von Statur, quadratisch, als ob er in die Breite ginge, anstatt nach oben zu wachsen, mit Glupschaugen und einem eingefrorenem Blick.

„Guten Tag, Vasilij Ivanch!“ grüßte Aziza.

„Guten Tag, wissen Sie zufällig, wem dieser Zwinger hinter den Ställen gehört?“ fragte er,

„Hat man Ihnen auch erzählt, dass ich dort Hunde züchten möchte?“ antwortete die Frau mit einer Gegenfrage.

Die Augen des Vertreters schienen wie aus der Augenhöhle ausgetreten zu sein, in seinem Blick tauchte eine lebendige Bewegung auf.

„Wie, Hunde züchten? In der Wohnung oder auf dem Hof?“

„Im Stall,“ spornte Aziza den Vertreter an.

Er wölbte noch stärker die Augen auf.

„Haben Sie eine Erlaubnis?“

„Nein, ich mache natürlich nur Spaß,“ lächelt die Frau.

„Sie haben vielleicht Späße. Ist es nun ihr Zwinger?“

„Nein, ich habe keine Beziehung zu diesem Zwinger. Was haben sie mit diesem Metallteil? Sie sollten besser einen Hausmeister engagieren, der Hof wurde ein halbes Jahr nicht aufgeräumt. Im Vorgarten ist ein Haufen Laub vom letzten Herbst.

„Einen Hausmeister habe ich schon gefunden, er kommt heute Nachmittag. Dann werde ich auch diesen Zwinger weg bringen, denn er stört hier alle.“

„Wozu brauchen Sie den?“ fragte Aziza

„Ich werde ihn zersägen und zum Altmetall abgeben. Er nimmt die Hälfte des Parkplatzes ein, alle beschweren sich.“

„Dann gebe ich es selbst zum Altmetall ab, ich brauche Geld. Meine Tochter ist behindert, das wissen Sie genau,“ sagte beleidigt die unauffällig herannahende Zhasira.

„Nun bitteschön, nehmen Sie es, nur wie wollen Sie es zersägen?“ fragt Chapaj.

Aziza dreht sich um und geht nach hause, ihren Dialog nicht zu Ende hörend. Der Zwinger stand weiter auf seinem Platz, als ob der Vertreter und die Zhazira ihn nicht geteilt hatten.

Nach einem Monat sah Aziza auf der Tür des Hauses einen Aushang darüber, dass die Ställe abgerissen werden und es notwendig ist, diese innerhalb der nächsten Tage zu leeren. Anna Ivanovna hatte Recht. Die Frau eilte in das Nachbartreppenhaus, stieg in die zweite Etage und klingelte an der Tür der Alten Altynaj.

Die Alte überrumpelte Aziza mit der Nachricht vom Tod Anna Ivanovnas.

„Wie ist sie gestorben? Ich habe doch vor der Quarantäne mit ihr gesprochen und hatte sie besucht.“

„Sie hatte sich das Bein gebrochen, der Sohn brachte sie ins Krankenhaus, und dort infizierte sie sich mit dem Covisrus, ist nach  zwei Tagen gestorben…Nun sitzen alle Verwandten in der Quarantäne. Sie erlaubten es nicht einmal, mich zu verabschieden, ließen mich nicht herein. Sie wissen nicht einmal, wo sie beerdigt wurde,“ die Alte atmete bitter auf.

„Das gibt es doch nicht! Und ich wollte sie anrufen, ihr sagen, dass die Ställe abgerissen werden, sie hat dort doch Marmelade gelagert, sagte sie…“

„Wie, man reißt die Ställe ab?!“ Das Gesicht der Alten wurde vor Neugierde breit.

Da hörte man von der ersten Etage die Stimme Zhaziras:

„Sie haben nicht das Recht, ich werde schreiben, ich werde es ihnen zeigen!“

„Man soll den Chapaj anrufen im KSK, interessant, ob er Bescheid weiß? – fragte Aziza.

„Natürlich weiß dieser Ganove Bescheid. Er hat diesen Aushang angebracht. Hast du etwa nicht gesehen, es stand KSK „Nursulan“,“ antwortete Zhazira.

„Ich werde ihn gleich anrufen,“ sagte Aziza und wählte die Nummer des KSK.

Der Vertreter begann zuerst, sich zu rechtfertigen:

„Ich habe einen Anruf vom Akinat bekommen, man sagte mir unbedingt die Anwohner zu informieren.“

„Haben Sie Dokumente für den Stall?“ fragte Chapaj.

„Man soll es prüfen,“ antwortete Aziza, „auf wessen Seite stehen Sie?“

„Natürlich auf Ihrer,“ sagte der Vertreter.

„Warum haben sie dann den Aushang befestigt ohne die Erlaubnis der Anwohner?

„Das ist die Erlaubnis, ich wurde vom Akimat beauftragt.“ antwortete Chapaj.

„Was hat das Akimat damit zu tun? Sie wurden von den Anwohnern ausgewählt, nicht vom Akimat. Ich werde Sogymtaev schreiben, ich schreibe ihm heute einen Brief, werde es vorbereiten und die Unterschriften der Anwohner sammeln,“ entschied sich Aziza spontan.

„Ja schreiben Sie, nur etwas schneller, und lasst mich wissen, wenn Ihr eine Antwort  bekommt. Nur habe ich Angst, dass der Brief, zur Begutachtung zurück in unser Akimat kommt. Denken Sie, das ist das erste Mal in unserem Bezirk?“ warnte Chapaj.

„Aziza-Apaj, ich heiße Dauren, ich rufe Sie aus dem Akimat an. Wie fühlen Sie sich?“

„Gut,“ murmelte Aziza unzufrieden, eine Falle spürend.

„Ich wollte mich wegen der Ställe unterhalten. Man sagte mir, Ihr seid gegen den Abriss, alle anderen sind einverstanden. Können wir einen Kompromiss finden?

„Wie bin ich die einzige, alle anderen sind auch gegen den Abriss!“ Ich werde keinen Kompromiss mit Ihnen finden, wir haben einen Brief vorbereitet für den Akim der Stadt, er soll erst einmal antworten, dann schauen  wir weiter,“ sagte die Frau beleidigt.

Am nächsten Tag passte Dauren Aziza auf dem Hof ab.

„Guten Tag, sind Sie Aziza-Apaj?“ fragte mit einer priesterlichen Stimme der Mann.

„Ja, wer sind Sie denn?“

„Ich bin Dauren, aus dem Akimat, ich habe Sie gestern angerufen,“ sagte der Mann und zeigte den Schein.

„Ich werde nicht mit Ihnen sprechen, bevor ich nicht Antworte bekomme von dem städtischen Akimat.“

„Gut, Apaj, darf ich eine Frage stellen? Wem gehört dieser Zwinger ?“ fragte er.

„Ich weiß nicht, wem dieser Zwinger gehört und will es auch nicht wissen!“ antwortete die Frau.

„Hören Sie mir bitte zu, ich kann Ihnen helfen, um eine Erlaubnis für die Züchtung der Hunde zu bekommen.“

„Ich habe gar nicht vor, Hunde zu züchten!“ erhöhte Aziza die Stimme.

„Dann werde ich Ihnen einen neuen Stall bauen, einen großen, schönen, nur an einem anderen Ort.“

Die Frau eilte nach Hause, ohne ihm zu Ende zuzuhören.

Wie Chapaj erwartet hatte, gab der Akim der Stadt den Brief für die Begutachtung dem Gebietsakim. Aziza erfuhr davon erst einen Monat später von Dauren. Er selbst tauchte auf dem Hof des Hauses mit einer Brigade von Bauarbeitern auf, als die Quarantäne zu Ende war und das Grün der Bäume bedeckte günstig die Ställe. Er stellte den Anwohnern den Brigadier Zhamil‘ vor und hielt eine kurze Rede.

„Nun, liebe Anwohner, nun ist Ihr Hof an der Reihe. Zhamil‘ und die Brigade werden eine ganze Renovierung machen, von dem Territorium, welches dem Haus angehört. Innerhalb von zwei Wochen wird er hier einen Spielplatz bauen, Sportplätze, Beleuchtung und einen Schlagbaum. Die Ställe werden wir nicht abreißen, da die Meinung der Anwohner – die wichtigste ist für das Akimat.

Wir werden Ihre Ställe renovieren. Noch eine gute Nachricht – wir werden durch Ihren Hof eine Straße führen lassen, da Sie keinen Zugang haben für die Einfahrt eines Feuerwehrwagens.“

„Deswegen der Trubel! Sie möchten durch unseren Hof eine Straße zu diesem Eigenheim legen!“ schrie Zhazira und zeigte auf das Zweietagenhaus hinter den Ställen. „Die Ställe abreißen und ihnen unser Territorium verkaufen!“

„Nein, wir haben nichts mit dem Eigenheim zu tun, wir beschäftigen uns mit der Wohnkultur Ihres Hofes. Und Sie, anstatt uns zu danken und von der Möglichkeit zu profitieren, das Leben zu verbessern, macht hier ein Affentheater!“ setzte plötzlich in das Gespräch der Brigadier Zhamil‘ ein.

Da begann ein Heidenlärm, fast alle Anwohner des Hauses verursachten diesen und unterbrachen einander. Nach einer Stunde der Debatten konnte man am Gesicht des Brigadiers ablesen, dass er es bereut, in den Scharmützel eingetreten zu sein. Aziza bemerkte auf der zweiten Etage des Eigenheimes einen hinter dem Vorhang durch-blinzelnden Schatten, jemand machte das Fenster auf.

„Verehrte Bürger, wir gehen Ihnen entgegen, doch auch Sie müssen uns verstehen. Ich rufe euch zur Teilnahme auf, verzeiht mir, ich werde zur Arbeit berufen, auf dem Platz gibt es ein Problem, das Rohr ist gerissen,“ kündigte Dauren das Treffen an, er blickte vom Bildschirm des Smartphones und eilte zum Auto.

Am nächsten Tag, als Aziza für alle Fälle, die Gegenstände in dem Stall ausräumte, hörte sie unfreiwillig ein Gespräch zwischen Zhazira und dem Brigadier.

„Ist es Ihr Zwinger?“ fragte Zhamil‘ sie.

„Natürlich nicht, ich züchte keine Hunde,“ antwortete die Frau.

„Was haben die Hunde damit zu tun? Wer züchtet hier die Hunde?“ fragte verständnislos Jamil‘.

„Aziza aus der siebten Wohnung.“

„Ich habe sie doch schon gefragt, sie weiß nichts über diesen Zwinger.“

Aziza verließ den Stall und grüßte laut. Zhazira warf einen verwirrten Blick in ihre Richtung, dann näherte sie sich ihr und flüsterte:

„Das habe ich absichtlich gemacht, damit er, wie Chapaj auch, den Zwinger nicht anblicken. Sie sind doch wohlhabend und Ihr Mann verdient gut. Sie verstehen es nicht, aber mir wurde sogar keine Unterstützung angeboten, wie soll ich ein behindertes Kind erziehen?“

Aziza schaute Zhazira direkt in die Augen.

„Hören Sie, wenn Sie materielle Hilfe benötigen, wenden Sie sich an die Sozialhilfe. Und ich bitte Sie, hören Sie auf damit, über mich zu tratschen, als ob ich Hunde züchte,“ sagte sie relativ laut und ging wieder in den Stall.

Zhazira folgte ihr, blieb an der offenen Tür stehen und schaute mit Neugierde hinein:

„Aziza, Sie haben alles falsch verstanden. Ich bin doch alleinerziehende Mutter, meine Tochter ist behindert…“

„Also, was benötigen Sie von mir?“

„Ich wollte diesen Zwinger zum Altmetall bringen…doch muss man diesen zersägen, dafür muss man Leute engagieren, das kostet alles Geld…Kann mit Ihr Mann helfen?“ fragte wehleidig die Frau.

„Er ist doch Programmierer und kein Schweißer, er hat nicht einmal die Werkzeuge dafür, fragen Sie jemand anderen. Und lassen Sie mich endlich in Ruhe mit diesem Zwinger!“ erhöhte Aziza die Stimme.

Doch Zhazira ging nicht weg, sie blieb am Stall stehen und wandte sich wieder an Aziza:

„Was denken Sie, wenn ich diesen an Zhamil‘ verkaufe, um wie viel Geld soll ich bitten?“

„Machen Sie was Sie wollen,“  sagte Aziza und schloss die Tür des Stalls.

Sie führte ein Oline-Seminar mit Studenten durch , als sie auf dem Bildschirm des Smartphones fünf verpasste Anrufe von Zhamil‘ sah. Sie beendete den Unterricht und rief sofort den Brigadier an.

„Aziza-Apaj, guten Tag! Können Sie auf den Hof gehen, hier ist Willkürherrschaft!“ schrie Brigadier in den Hörer.

„Was ist passiert?“

„Die bringen hier den Zwinger weg! Und ich habe Zhazira-Apaj zehn Tausend dafür bezahlt.

„Was habe ich damit zu tun?

„Das ist doch Ihr Zwinger! Sie sagte, dass sie Ihnen das Geld gibt.“

„Hören Sie, ich habe keine Beziehung, weder zum Zwinger, noch zu Zhazira,“ Aziza drückte auf den Knopf für die Freigabe und schaute aus dem Fenster heraus.

Im Spalt des Dachbodens des Nachbarhauses war ein reiner blauer Himmel, auf dem Platz des Vorgartens – schwarzer, frischer Asphalt. Auf dem Thermometer hinter dem Fenster fünfundzwanzig Grad Wärme. Vom Hof fährt geräuschvoll ein Lastwagen und auf  seinem Laderaum – ein riesiger, teils verrosteter Zwinger.

Olga Kapitova Die Kuckucksuhr anhalten

Veröffentlicht in Daktil‘ No 11 August 2020

Ich gebe ehrlich zu, ich hatte seit meiner Kindheit an Angst vor Kuckucksuhren. Sogar jetzt von einer Erinnerung an die Zeit, als meine Eltern mich für das Wochenende zu meiner Oma schickten, muss ich zittern. Dort hing in dem Schlafzimmer eine genau solche Uhr. Wie oft habe ich meine Oma gebeten, den schrecklichen Mechanismus durch einen elektronischen zu ersetzen. Doch sie blieb taub auf meine Bitten, sie für eine Marotte haltend. Und jeden Abend betete ich zu meinen kindlichen Göttern, einzuschlafen bis zu diesem Moment, wenn der Kuckuck begann den Beginn einer neuen Stunde erklingen zu lassen. In dem allen war etwas Hypnotisches, als ob eine Kraft sich ihrem Willen unterwerfen wollte und einen dorthin bringen, von wo aus man nicht mehr zurücktreten kann.

Heute wiederholte sich das halb vergessene Gefühl und wurde um einiges stärker. In dem Zimmer des Hotels, wo ich anhielt, hängt eine Kuckucksuhr – der Schrecken der frühen Kindheit. Als ich mich ins Bett legte, verstand ich, dass es jetzt nicht notwendig ist, das mechanische „Kuckuck“ zu hören, um in den Stupor zu fallen – das Ticken selbst genügt schon. Wegen der verzweifelten Versuche, nicht mit dem Chronometer einstimmig zu atmen, welcher die Minuten und Sekunden zählt, hatte man kaum noch Atem. In der Kehle wurde es kratzig. Um sich abzulenken und den Schlaf herbei zu rufen, begann ich die Ereignisse in den Gedanken zu ordnen, welche am Tag statt fanden. Ein langweiliger, in nichts beachtenswerter Sonntag –  ohne ein winziges Ereignis…

Als ich durch den Innenhof zum Zimmer ging, da bemerkte ich auf meinem Hals irgendein Insekt, ich versuchte dieses abzuwerfen und erdrückte es versehentlich. Auf der Handfläche blieb eine orange Spur, als ob von dem Blütenstaub einer örtlichen Blume (ihren Namen habe ich vergessen). Sogar die Erinnerung an diese rief ein unangenehmes Gefühl hervor, das mich zwang, vom Bett auf zu stehen, um mir die Hände zu waschen, obwohl ich, bevor ich mich schlafen legte, eine Dusche genommen habe.

Ich drückte auf den Lichtschalter, machte die Tür des Badezimmers auf und ging zum Waschbecken. Genau in diesem Augenblick drehte es sich im Kopf zum ersten mal. Die Einbildungskraft zeichnete hilfsbereit ein Bild, als ob ich ein Kuckuck sei, welcher auf dem Pendel der gigantischen Wanduhr schaukelte. Ich musste mich an die Wand anlehnen und mein Gesicht mit kalten Wasser aus dem Wasserhahn bespritzen.

Es wurde leichter. Ich wusch mir gründlich die Hände und dachte, dass ich morgen einen Erholungstag mache. Und heute werde ich als erstes die Uhr anhalten, um das Ticken los zu werden und dieses Geräusch, von welchem eine bestimmte Stunde in das Nirgendwo hin fliegt.

„Das aller einfachste und das aller schwierigste ist es, die Uhr im notwendigen Moment anzuhalten.

Die Zeit – sie ist immer etwas hinter der Grenze. Zum Beispiel geschieht so etwas in der Natur, dass die Stare zu einem späteren Zeitpunkt herfliegen. Dafür bereiten sich die Kuckucks für den längeren Flug vor, welcher immer in Verbindung steht mit der Veränderung der Zeit. Soll es nur das Einstellen der Zeiger sein, bzw. der Wechsel von Tag zu Nacht, doch das ist immer ein Sprung in die parallele Realität.“

So dachte ich noch über Vögel nach, mich mit dem Gedanken beruhigend, dass es vielleicht nicht das zerdrückte Insekt war, welches die Spur auf der Hand hinterließ, sondern dieselben berüchtigten Gefiederten. Ich kratzte gedankenvoll den Hals und fühlte einen kleinen Hubbel.

Ich erzitterte und kehrte in die Realität zurück. Ich hasse Insekten – es bleibt noch übrig, dass dies ein giftiges Mistvieh ist, dessen Stich eine Allergie oder irgendetwas Schlimmeres hervor rufen kann. Von diesem Gedanken trat der Schweiß hervor. Ich wollte in das Badezimmer zurück kehren, um mich noch einmal zu waschen und mit der Hilfe von zwei Spiegeln zu beobachten, was da los ist.

Vielleicht ist es nur ein Muttermal, das ich früher nicht bemerkt habe. Und was ist, wenn das Insekt genau da rein gestochen hat? Kann es gefährlich werden? Besser ist es, die Stelle mit dem Stich mit irgend einem antiseptischen Mittel einzureiben, dachte ich.

„Und das soll man rechtzeitig machen, damit das Gift sich nicht verteilen kann. Es bleibt viel und wenig Zeit, doch wenn du die Uhr anhältst – ist in dem allen etwas Mystisches. Die Zeit soll nicht stehen bleiben, wie die weiße Königin es sagte. In ihr, wie auch im Raum, muss man sich schnell fort bewegen. Und wenn du zu langsam bist, wird dich dieses schreckliche Tier mit dem Namen Zeit auffressen. Er ist wie ein schwarzes Loch, wie die Mündung einer Waffe. Und du bist die Zielscheibe. Eins – und du bist nicht mehr da. Der Schuss kann auch das Ziel verfehlen, wenn du dich dem Tier gegenüber höflich verhältst und nicht vor hast, es zu töten. Und dann eins – und der Frühling ist schon da. Und du hast den ganzen Winter wie ein Bär verschlafen. Und hast dich nicht auf dem weißen Schnee herum getrieben. Wie in irgendeinem schlauen Lied.

Man sollte das Tier nicht antreiben, doch auch selbst soll man sich nicht beeilen. Lebe in deiner Epoche, reise in Gedanken oder Träumen in verschiedenen Zeitschichten – in dunklen Tunneln. Und wenn du den Weg nicht zurück findest, wenn du nicht zu dir zurück kehrst, was geschieht dann? – Der Tod, Unvernunft, ein langer, langer Schlaf oder einfach der Übergang in eine andere Realität? Eine Realität wenn du aufwachst, doch die Welt ist schon anders und du erinnerst dich nicht an die gewohnte Wirklichkeit und fährst fort, in dieser zu leben“ dachte ich und wachte auf.

Unter dem Eindruck dieser Gedanken, wunderte ich mich sogar nicht besonders als ich entdeckte, dass ich mich in einer Kammer befinde, mit solch brüchigen Möbeln, als ob diese am Ende der vorletzten Epoche gebaut wurden. Ich stand auf von dem harten Bett, welches aus gestapelten Brettern bestand und mit Lumpen, die darauf lagen. Der Kopf drehte sich immer noch. Der Hals heulte, es war unmöglich, diesen zu berühren. Ich legte mich wieder auf das improvisierte Bett und fiel in einen Schlaf.

„Und am nächsten Tag gibt es diese Welt nicht mehr, und ich bin wieder ganz neu. Und es ist keine Tatsache, dass du dort der selbe Mensch bleibst. Oder im Allgemeinen.

Das nächste Mal wachte ich am Ufer eines Flusses auf und lag einige Zeit einfach so da, dem langsamen Klang des Flusses lauschend. Ich spürte den Geruch von Algen und warum auch immer den Geschmack von Fisch. Der Hals war ganz entzündet. Und der Kopf drehte sich so stark, dass es schwerer fiel aufzustehen. Der Stich (und nun zweifelte ich nicht daran, dass es ein Stich war) wurde groß und brannte stark. Ich sollte wenigstens zum Fluss kriechen, um die trockenen Lippen zu befeuchten und kühles Wasser zu trinken, doch da verlor ich das Bewusstsein. Vielleicht fiel ich auch in einen Schlaf.

„Sonst wirst du zum eigenen Hund, oder noch schlimmer, zum Stich des verfluchten Insekten auf seinem Hals, oder der Tastatur des Laptops, und die Finger der Vergangenheit oder der Zukunft werden die Muskeln deines Halses polieren.“

Das Erwachen erfreute nicht mit den Pausen zum Besseren. Rundherum war glühender Sand. Ich lag auf dem Rücken, ohne Kraft, mich zu drehen. Der ganze Körper brannte. Besonders unerträglich war der Schmerz im geschwollenen Hals. Was ist das? Eine neue Realität oder einfach ein anderer Traum? Und kann man im Schlaf einschlafen?

„Wer wird mir die Sujets für neue Erzählungen geben: Du oder die Tastatur ( das heißt das jetzige Du) oder eine Stimme hinter dem Fenster, oder deine Freunde? Doch werden es deine Freunde sein? Und haben sie dich und warum benötigt ihr einander?“

Der nächste Ausbruch des Bewusstseins erreichte mich auf dem hügeligen, vertikalen Platz, auf welchem ich mich völlig irrational aufhielt. Die Oberfläche fühlte sich warm an, es roch nach Schweiß und vibrierte rhythmisch, als ob sie atmete. In dieser Realität hatte ich keine Schmerzen – im Gegenteil, in allem war eine angenehme Leichtigkeit. Es schien, als ob man sich nur wegdrücken müsste und ich schwebe in der Luft, wie ein Insekt oder ein Vogel. So handelte ich auch, doch ich schaffte es nicht die neuen Gefühle zu genießen und schnappte mit dem Seitenblick den arabesken Schatten, welcher sich  näherte mit fünf gespreizten Fingern. Ich schwang höher empor und erkannte plötzlich, dass die Situation, mit welcher die Abfolge dieser Realitäten begann, sich auf die andere Seite drehte. Nun war ich selbst das fliegende Mistvieh, und unten ging auf dem Pfad des Gartens ein Mensch, welcher sich den Hals kratzte. Ich beschloss mich fern zu halten vom gefährlichen Nachbarn und flog, flog, immer an Geschwindigkeit zunehmend, bis ich mich im bekannten Zimmer wieder fand, durch das offene Fenster hinein gelangend. Ich wirbelte herum, versuchte in die Freiheit hinaus zu kommen, doch stattdessen stieß ich in die Wanduhr und warf mich ins Innere. Die Falle schnappte zu und ich begann mich an die Wand zu drücken. Und als die bestimmte Stunde herannahte, stieß ich zusammen mit der kindlichen Angst. Und mitnichten im übertragenem Sinne – begann der Kuckuck mit dem Halter des Stunden-Mechanismus sich direkt auf mich zu beugen. Ihr gigantischer, offener Schnabel verdeckte den ganzen Horizont und schrie zum Abschied ein heißeres „Ku“…

Valeria Krutova Der Hühnerschenkel zur Hilfe

Aus dem Geschichtszyklus Das Museum der Freaks

Veröffentlicht: in der Zeitschrift Druzhba Narodov, Nr. 4, 2020

Ich bin dort gestorben. So seltsam. Als ob Sterben – noch kein Grund ist um aufhören zu existieren. So als ob es nicht zu Ende ist.

„Ich bin dort gestorben“. Bereits den dritten Tag tauchte diese Phrase in Dimas Kopf auf. Er erinnerte sich an sie als er zu Mittag aß – hat jemand, der tot ist, Vergnügen am Essen? Er erinnerte sich, wie er zur Arbeit fuhr – zählt Büroarbeit nicht als Tod? Sogar als er mit seiner Frau Sex hatte, erinnerte er sich – stirbt er nicht für eine Sekunde zur Zeit des Orgasmus?

Vor drei Tagen, als Dima aus dem Supermarkt raus ging, stieß er mit einem Kerl zusammen. Nicht groß, hager, die Jeans hängt herunter, er richtet sie die ganze Zeit. Auf dem Kopf ein Cape, es ist schwer das Gesicht zu sehen. Er ist rasiert. Ungefähr ein Dreitagesbart. Dima warf seinen Blick auf ihn, die Details studierend. Eine Angewohnheit des Künstlers. Der Kerl warf sich zuerst zur Seite, ca. einen Schritt weg doch blieb  dann stehen und sagte:

„Bruder…“ das sagte er leise und heiser. Dima verzog das Gesicht. Warum hält man die Anrede „Bruder, Brüderchen,“ für richtig? Warum ruft es den Wunsch hervor, zu antworten oder zu helfen? Aus welchem Anlass erschien dieser Drogensüchtige, Dima hatte keinen Zweifel daran, dass er high war, ihm als Bruder. Bruder für eine Sekunde, Bruder auf Zeit, „Gib mir eine Zigarette, gib mir Kleingeld, gib…“ Ein Bruder, der gibt.

Dima hatte einen Bruder. Noch zur Schulzeit, zum Zeitpunkt eines Kampfes, fiel Oleg ungeschickt hin und stieß mit dem Kopf gegen eine Bordsteinkante. Ein plötzlicher Tod. Und das wichtigste ist, dass keiner Schuld dran hatte. Ja, sie haben gekämpft. Ja sie haben einander geschlagen, doch vor dem Fall wurde er nicht einmal geschubst. Er ist einfach gestolpert. Also warum nimmt anstatt des wahren Bruders dieser Taugenichts den Platz ein? Dima vertrieb die Wut nach einer Sekunde. Der Kerl fuhr fort:

„Ich habe großen Hunger…Hast du zufällig Brot da?  Entschuldige.“

Dima wurde verwirrt. Er schaute auf seine Tüten – Zwiebeln, Salzgurken, Saft für den Sohn, zwei Schachtel Zigaretten und ein Mittel gegen die Stechmücken. Brot stand nicht auf der Liste und er hat es auch nicht gekauft.

„Lass uns gehen,“ er wandte sich wieder in Richtung des Supermarktes. „Wir kaufen dir Brot.“

„Ja, nein…geh du. Bis zum Supermarkt ist es weit. Ich werde später irgendwann…“ antwortete leise der Kerl.

„Wie, irgendwann? Du wirst irgendwann essen? Lass uns gehen, sage ich.“

Der Kerl nickte und machte einen Schritt, doch blieb für einen Moment erstarrt stehen, darauf wartend, bis auch Dima einen Schritt macht. Er ging leise hinter ihm her.

Dima war nicht wohl zu mute. Ein Kerl wie ein Kerl, sieht gesund aus. Warum kann er nicht arbeiten gehen? Warum nicht dort kehren, den Parkplatz vor dem Supermark? Es bringt zwar wenig Geld, aber immerhin etwas. So kann man sich wenigstens beruhigen, dass man eine gute Sache getan hat.

Ist es etwas einfacher zu betteln? Von der anderen Seite bat der Kerl nicht um Geld. Nicht für Alkohol oder Zigaretten. Er fragte nach Essen. Hunger – das ist etwas schlimmes. Es ist nervtötend.

Wenn man ihm keinen Alkohol gibt, gut, aber wenn man ihm das Brot verweigert…Wie soll man dann überhaupt schlafen, wenn man daran denkt, dass irgendjemand vor Hunger stirbt. Hoffen, dass irgendjemand freundlicher war? Hoffen, dass man mit seiner Ablehnung nicht den Wunsch zerstört hat, noch einmal zu bitten?

„Denk du nicht schlecht über mich,“ sagte leise der Kerl. „Ich habe einfach kein Geld, man nimmt mich nicht zum Arbeiten. Ich habe nicht gebettelt. Und irgendwie musste ich mich halten…“

„Warum stellt man dich nicht ein?“

Der Kerl verschnellerte den Schritt, um Dima einzuholen und zog sein Cape aus. Dima konnte sich nicht halten und achte. Es sah so aus, als ob dem Kerl die Hälfte des Nackens fehle. So als ob es ihm jemand heraus gerissen hätte und den Schädel des Kerls in eine Figur von den Bildern Dalis verwandelte. 

„Man hat mich geschlagen. Ich ging von der Arbeit und trug eine große Summe Geld bei mir. Und sie, zu dritt oder zu viert, haben sie mich getroffen. Und geschlagen. Wahrscheinlich wollten sie meinen Tod. Und nun vertraut mit keiner Arbeit oder Geld an. So bin ich ganz in Ordnung, doch habe oft Anfälle und vergesse vieles. Und mein Äußeres stößt auch sofort ab.

Der Kerl lächelte schuldig und zwinkerte mit einem Auge.

Dima bat ihn, kurz zu warten und ging selbst in den Supermarkt. Er kaufte zwei Laibe Brot, ein Päckchen Tee, Kekse, Eier und Milch. Dann kaufte er noch eine Packung Hühnerschenkel. Salz, Zucker, eine Packung Zigaretten. Als er schon an der Kasse stand, kehrte er er zu den Regalen zurück. Er warf ein paar Socken und eine Packung Toilettenpapier in den Korb.

Man kann Jeans finden in den Kleidersammlungen, auch eine Jacke und ein Hemd. Doch niemand gibt  Socken oder Unterwäsche ab. Und wenn man kein Geld hat für Essen, so sind Socken das Letzte, was ein hungriger Mensch kaufen wird. An der Kasse nahm Dima ein paar Schokoladentafeln und einen Rasierer.

Der Kerl wartete brav draußen. Er versuchte nicht in das Licht der Laterne zu geraten und rückte sich an den Zaun des näher stehenden Hauses. Er versuchte auch nicht von einem zufällig Vorbeigehenden erblickt zu werden.

„Nimm,“ Dima stellte die Plastiktüten vor ihn.

„Ach was! Sie! Du….Bruder, ich brauche nur Brot, bitte…“ Der Kerl streckte die Hände aus, zog sie zurück und streckte diesmal eine heraus.

„Nimm. Hast du ein Zuhause? Etwas, worauf du kochen kannst? Fragte Dima.

„Ja, ich habe ein Haus. Das habe ich vom Oma geerbt. Sie zog mich alleine auf. Und dann starb sie.“

„Lebst du alleine?“

„Ja, alleine. Und einen Ofen habe ich auch. Danke Ihnen. Dir…

„Dir. Du hast mich Bruder genannt, also wozu die Festlichkeiten?“ Dima klopfte dem Kerl auf die Schulter.

Zurück gingen sie etwas schneller und der Kerl bleib nicht zurück. Er sprach sogar etwas mutiger. Er erzählte, dass er nicht weit weg wohnt und ab und zu bei der Autowäsche arbeitet. Wenn der Herr gute Laune hat, gibt er ihm irgendetwas zum kehren oder zum waschen. Natürlich keine Autos, aber den Boden zum Beispiel. Und er bekommt auch eine Rente. Das reicht gerade mal für Gas und Wasser aus. Das Licht haben sie schon längst ausgeschaltet.

„Wie hat man dir das mit dem Kopf…?“ – Dima wurde schüchtern, ein erwachsener Mann und kann nicht mal eine normale Frage stellen.

„Ja, sie haben nicht nur auf den Kopf geschlagen. Sie haben mir den Schädel zerbrochen, sind darauf gesprungen. Überhaupt seltsam, dass aus mir kein Depp wurde. Wobei, doch, ich habe ständig diese Anfälle, sie werden das ganze Leben bleiben und wie es weiter geht mit der Gesundheit weiß der Teufel.

Der Kerl wurde auf einmal still. Dima sprach ebenfalls nicht. Er zählte die Schritte und dachte daran, wie viele Schritte bis zu Hause übrig blieben. Sich einschließen und nicht wissen, nicht verstehen. Wie ein Mädchen.

„Ich bin da wirklich gestorben als ich da lag. Ich dachte dies sei das Ende,“ sagte der Kerl leise und blieb bei der Kreuzung stehen.

„Musst du dort lang?“ erriet Dima.

„Ja dort. Danke dir noch einmal. Danke.

Er nahm die Tüten in eine Hand und reichte Dima die andere. Dima drückte sie fest.

Zuhause wurde alles irgendwie anders. Entweder war das Licht heller oder es war wärmer. Dima zog die Jacke aus uns stellte die Tüte auf den Tisch.

„Wo warst du so lange?“ fragte die Frau.

„Ich habe einen Kerl getroffen, einen Ärmsten,“ die Frau machte den Handybildschirm aus und schaute auf Dima, „Stell dir vor, man hat ihn zusammen geschlagen und nun kann er nicht mehr richtig arbeiten. Er bat mich um Essen. Nun, ich habe ihm alles mögliche gekauft. Essen, Socken, Toilettenpapier.“

Die Frau lächelte.

„Was hat er denn?“

„Ihm fehlt der halbe Kopf.“

„Und…hast du ihm Geld gegeben?“ Die Frau stand auf und ging zum Spülbecken.

„Nein, aber ich habe alles gekauft.!

„Du hättest ihm noch Geld geben sollen…Jung?“

„Ja, etwa so alt wie ich.“

„Schrecklich…“

Das Gespräch war zu Ende. Worüber noch reden? Über Mitleid? Wem gegenüber? Mitleid gegenüber dem Kerl? So etwas ist dir zugestoßen, und ich habe Licht zuhause, eine Frau, einen Sohn.  Ich habe Arbeit, verzeih mir, Kerl. Oder aus Mitleid zu sich selbst? So mitleidig wird man nur vor dem fremden Unglück, vor der fremden Sorge. So hilflos. Geld geben. Ein Huhn kaufen. Noch braten und heraus bringen. Hier, iss mal. Heute gebe ich ihm was zu essen, und morgen…wird er jemand anderem Netten begegnen. Den Hühnerschenkel reichen und die Hand, mit Öl voll, an der Hose sauber machen. Seine eigene Hose tut einem nicht leid, die Waschmaschine wird sie waschen.

Wie oft verspürt man die Schuld, wenn es einem selbst gut geht?

„Nun denke ich und denke…“ sagte die Ehefrau. „So schrecklich. Erzähle es mir nicht mehr. Das Herz rutscht mir von der Stelle.

„Erzähl mir so etwas nicht.“ Noch ein Grund um sich zu retten – nicht wissen. Der Mensch ist so unsicher in seinem Glück, dass er sich nicht vorstellen mag, was alles passieren kann. Und was ihm selbst zustoßen kann.

„Ich bin dort gestorben.“ Dima lag schon im Bett und dachte: „Will man nach so etwas etwas leben? Oder wäre es besser zu sterben?“ Was denkt dieser Kerl jetzt? Fragen über Fragen. Solche Fragen verlangen keine Antwort. Sie bitten sogar darum, dass man nie eine Antwort darauf findet. Besser so: ich habe es erfahren, als ob man mich mit dem Kopf in den Schnee stieß, habe es meiner Frau erzählt, teilte die Unsicherheit, vergessen das Morgen. Hauptsache der Kerl hat heute was zu essen.

„Wenn du ihn triffst, gib ihm Geld. Och, er tut einem leid,“ Die Ehefrau drehte sich um und machte den Lichtschalter über dem Bett aus.

Schlafen.

„Ich bin gestorben.“ Und Dima starb nur ein bisschen. Er erstarrte. Gott sei Dank lebt er. Gott sei Dank ist alles gut.

Das Perlhuhn

Tolibzhon Junusov, Übersetzung aus dem Russischen von der Online-Zeitschrift daktil.kz

Gewidmet an Nazarenko Maria Andreevna, meine Schullehrerin in Russischer Sprache und Literatur

Der Frühling in diesem Jahr fiel ungewöhnlich regnerisch aus. Für ein Land mit einem so warmen Klima, einer riesigen Anzahl nicht befeuchteter und trockener Bergregionen ist Regen ein Geschenk Gottes, welches vom Himmel fällt. Man hat das Gefühl, dass das ausgetrocknete, wüste Land wieder belebt wird, zuerst langsam und dann bedeckt es sich stürmisch mir Grün.

Der Anblick der sich öffnenden Tulpen und anderer Blumen, welche zerstreut sind auf mehreren Hektar Land,verzaubert einen. Den Pflanzen, wie aus der Erde, folgen eine große Vielfalt an Lebendigem: Schlangen, die in der Phase der Begattung sind, Schildkröten mit traurigen Augen, faule Warane, die mit ihrem Äußeren erschrecken und die verschiedensten Vögel. Die Vögel kommen in großen Scharen, nehmen Platz auf den Zweigen und beginnen zu singen. Sie singen laut und im Chor. Man hat den Eindruck, dass im Parlament der Vögel, heiße Debatten zu einer äußerst wichtigen Frage abgehalten werden.Nur möchte nicht ein Senator, dem anderen zuhören, alle reden gleichzeitig. An Regentagen ruhen sich die Parlamentarier aus. Diese ganze Landschaft ergänzen die Sammler von Arzneipflanzen, Hirten mit der Herde von Ziegen und Schafen und Touristen. Obwohl das Wetter warm ist, haben sie Winterschuhe an, um von den Schlangen verschont zu werden.

Die Stadtmärkte füllen sich mit essbaren Pflanzen. Der Frühling streckt mal seine Arme auf, alle mit seinen Gaben beschenkend, mal runzelt er seine Brauen und schickt Hagel, Regen und Donner.

„Bist du etwa betrunken?“ fragte ich sie. Die Örtlichkeit wurde von einem Blitz erhellt, und nach einer kurzen Pause donnerte es. Das Ungewöhnliche an dem ganzen war, dass ich meinen vierundsechzigsten Frühling empfing. In diesem Alter werden die Arbeiter der staatlichen Organisationen in Rente geschickt. Ich arbeitete in einem Büro und unterstützte Bauprojekte, es war nicht schwer, vorherzusagen, dass mich eine Rente von ungefähr siebenhundert Somoni erwartete.

Ich dachte, man habe mich vergessen, doch da wurde ich in die Hauptstadt eingeladen, in die Stadt Duschambe, in das Hauptbüro. Man gratulierte mir und gab mir zu essen. Versammelt war die Leitung  – ca. zehn Menschen. Man wünschte mir Gesundheit und ein langes Leben. Die Sekretärin der Leitung brachte Nelken, die schön eingepackt waren in durchsichtige Folie und einen Briefumschlag…und man gab mir zu verstehen, dass ich gekündigt wurde. Das sei die Staatsorganisation und es gehöre sich so. Im Briefumschlag lag die Nachricht mit meiner Kündigung und meiner Pensionierung, mit der Unterschrift des Leiters Abdulla-zade und tausend Somoni als Abschiedsgeschenk.  Das sind ca. hundert Dollar. Sozusagen zur Abfindung. In meinem Inneren brodelte es. Habe ich etwa jemanden gestört? Ich war gerade beim Aufgang meiner Kräfte. Es gab kein Thema im Bau, in dem ich mich nicht auskannte. Hauptsache, es wird Ihnen nicht so ergehen!

Mit den Jahren erlernst du die Fertigkeiten, die eigenen Gefühle zu beherrschen und das Geschehene wie von der Seite zu betrachten. Ich dankte für die Aufmerksamkeit, lächelte und sagte, man habe mich gerührt. Es war wirklich rührend, irgendwo tief im Inneren. Irgendetwas vergeht, der Kopf wird grau, die Zähne fallen aus, am Abend fühlt man die Müdigkeit, auf der Liebesfront geschieht auch nicht viel, bei meinen Versuchen, es endet nicht immer mit einem Sieg, und hier gab man mir zu verstehen, dass du bald am Ende angekommen bist. Du bist auf die finale Gerade gekommen. Die Glückwünsche klangen wie eine Grabrede.

Das Essen wie ein Leichenschmaus. Blumen? Möglich, dass diese mein Grab schmücken werden. Die Vorzeichen, dass es zu ende geht, sagte eine innere Stimme. Ja-ja, ich nickte unauffällig mit dem Kopf, nur der Briefumschlag wird fehlen.

Nach zwei Wochen rief mich Abdulla-zade an, grüßte irgendwie schuldbewusst, sagte, dass eine ausländische Baufirma einen gebildeten Ingenieur suche, das Alter sei egal. Man gab ihm deine Telefonnummer. So wurde ich von Ausländern eingestellt. Man zahlte mir um einiges mehr als Abdullaev. Es ist nicht alles schlecht, was ein schlechtes Ende hat.

Das Hauptbüro der Firma befand sich in der Stadt Duschanbe, ca. 130 Kilometer vom Bauprojekt entfernt, jeden Montag fand eine Versammlung statt. Das Büro befand sich in einem gemieteten, Zweietagenhaus mit einem Grundstück von ca. tausend Quadratmeter. Die Planung wurde professionell durchgeführt: Büros, sanitäre Anlagen, Badezimmer, Küche, Speisesaal, eine Abdeckung für die Autos, ein Flur, grüne Zone, Bäume und Bürgersteige.

Dieser ganzen Landschaft gaben zwei Perlhühner Lebendigkeit unter dem Treppenlauf. Sie hatten keine Extra-Behausungen. Den Anblick der Vögel nicht zu genießen, war nicht möglich.

Sie stolzierten frei auf dem Hof. Die Vögel stammen aus Afrika Im sechzehnten Jahrhundert emigrierten sie über Europa nach Russland und über Arabien nach Zentralasien. die Mehrheit der Kenner gibt eine gute Note für die geschmackliche Qualität dieser Vögel, und den Vitaminen in ihren Eiern. Doch die aller bemerkenswerte Fähigkeit ist ihr Gesang. Diese Vögel, von zweieinhalb Kilogramm Gewicht , können unwahrscheinlich laut und ungewöhnlich singen. Charakteristisch für sie ist auch die Ängstlichkeit. Wenn sie einen Fremden auf dem Flur bemerken, schreien sie laut. Das macht sie zu exotischen Wächtern von Häusern, und manchmal von Schlössern, da wo es kein Hundegebell gibt. Ihr schönes Äußeres und ihr Gesang wurden geschätzt, daher auch der Name – Perlhuhn, was im russischen „zarenhaft“ übersetzt heißt. In Zentralasien nannte man diesen Vogel „sultanisch.“

Montags, vor dem Meeting, nahm ich ein Beutel mit Korn, Reis oder irgendetwas anderes, um die Vögel zu füttern. Warum sind sie aus Afrika emigriert? Möglich, dass sie versuchten ihren afrikanischen Herren zu gefallen, landeten sie trotzdem im Suppentopf.

Warum eigentlich migrieren alle Lebewesen? Betrachtet man die Geschichte, dann waren Adam und Eva die ersten Migranten. Weil sich der Mensch auf der ganzen Erde vermehrte, kann man den Schluss ziehen, dass es nur wenige gab, die nicht migriert sind. Interessant, dass nicht nur Menschen migrieren, sondern auch Tiere, Vögel, Fische. Schaut auf die Birken und horcht hin in der Zeit des Windes. Millionen von Blätter rauschen gleichzeitig und wünschen sich abzufallen und den Platz zu verändern. Und das gelingt ihnen.  Wenn nicht im Frühjahr, dann im Herbst zur Zeit des Laubfalls. Es scheint, als ob die Bäume ihre Wurzeln tief schlugen, wie soll man den Platz tauschen? Doch sie migrieren! Mit der Hilfe von Vögeln, welche ihre Früchte wegtragen und die Kerne fallen lassen, weit weg vom Stamm. Alles bewegt sich und ändert seinen Platz: Flusswasser, Wind, Wolken, die Erdkugel und die Galaxien. Wenn man logisch beratschlagt, kann man ein Gesetz des Weltalls bestimmen, welches bündig lautet: „Nicht festzusitzen!“ Das betrifft vor allem diejenigen, welche Erfolg hatten mit  geistigen, wissenschaftlichen, philosophischen oder anderer Tätigkeiten.

Und wenn man gegen das Gesetz ist, dann existieren: Hochwasser, Erdbeben, Unterdrückung, Kriege, Hunger, Krankheiten, Revolutionen u.ä. Ihr müsst zunächst migrieren, sagen wir, nach Ägypten oder nach Russland, und dann wenn Amerika geöffnet wird, dann auch weiter. Die Menschheit muss aktiver suchen nach Orten der Sesshaftigkeit auf der Erde, sonst wird das erbarmungslose Gesetz die Erde zu einem afrikanischen Suppentopf machen Sind wir denn wirklich die einzigen im Weltall? Gibt es einen Planet in der Nähe, welchen man besiedeln kann.?

Das Pärchen hielt zusammen wie Verliebte. Das Perlhuhn sang wunderschön, laut, seine Stimme kam wie aus dem Inneren.  Er erfreute uns ausgiebig mit seiner glücklichen Stimme, Opernsängern gleich. Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein!

Am Montag vor der Versammlung, als ich den Perlhühnern etwas zu Essen geben wollte, entdeckte ich nur einen Vogel. Auf meine Frage antwortete die Köchin, dass am Samstag Gäste da waren und das zweite Perlhuhn geschlachtet wurde.

Bei dem Meeting gab man mir eine Aufgabe: innerhalb von zwei Tagen einen genauen Bericht über die  faktischen Ausgaben beim Bau einer Chemie-Fabrik vorzustellen. Auf meine Wiederworte darüber, dass ich vier Tage brauche, wurde befohlen über Nacht im Büro zu bleiben und die Arbeit rechtzeitig zu erledigen. Danach wurde mir eine Woche Urlaub genehmigt.

Ich blieb abends allein im Büro. Im Schlafgemach betete ich den notwendigen Teil des Abendgebetes, als ich plötzlich den lauten Gesang des Perlhuhns hörte. Nein, das war kein Gesang, das war ein Schrei! Es wurde dunkel, aus dem Fenster konnte man sehen, dass das Perlhuhn auf einem Kirschbaumzweig saß. Der Schrei war herzzerreißend. Man konnte sie drei, vier Häuser weiter hören. Ich verstand, dass ich nicht allein war. Das aller beeindruckendste an diesem Schrei war das Einatmen. Der Vogel atmete eilig ein, ungewöhnlich laut, kreischend, mit einem Pfiff. Normalerweise endete der Gesang mit einem Ausatmen, so ging es einige Minuten mit dem Einatmen. Zweifellos, der Vogel rief seinen Liebsten. Ich wurde still und der Vogel fuhr fort. Dann machte er eine Pause, als ob er bemerkt hätte, dass sein Partner nicht antwortet und nicht mehr da ist. Er saß da und drehte den unteren Teil seines  Schnabels zu mir und fuhr mit dem Schrei fort.

Welch ein Schrei! Das musste man hören! Sie schrie mich an. Auf einen Repräsentanten der menschlichen Rasse. Ich wandte den Blick auf den Boden. Versuchte, sie zu verstehen. „Sie verfügen über alles: Stärke, Macht, Besitz, Verstand, Häuser, Autos, und das ist immer noch zu wenig? Ich hatte nur ihn allein! Und er wurde mir genommen. Und nun, seid ihr zufrieden, ihr Machthaber?“ Mein steinernes Herz wurde berührt. Steinern und kalt.

Nach der Beendigung des Bauinstitutes wurde ich in den Javanski Bezirk geschickt, zum Bau einer Chemie-Fabrik. Die Arbeiter dort waren Gefängnisinsassen oder, wie man sie in den Dokumenten bezeichnet, Spezialkontingent. Mörder, Vergewaltiger, Hochstapler, Hooligans, Räuber und in einen zufälligen Unfall geratenen Autofahrer – mit diesen begann ich meine Arbeit. Die Arbeiter wurden in speziellen Fahrzeugen gebracht, in Begleitung von Soldaten und Hunden. Und heute, indem ich zurück blicke, fasse ich den Entschluss, dass diese Praxis mich erkalten ließ, berechnend und grob. Und hier schmolz ich auf!

In dem menschlichen Wesen ist etwas geheimnisvolles versteckt. Wie Feuer, welches sich im Metall versteckt. Wenn der Stein auf das Metall klopft, sprüht er Funken. Damit der Mensch sich dessen bewusst wird, benötigt man bestimmte Verhältnisse. Das kann ein geistliches Lied sein, eine Predigt, Seelenschmerz, das Gebet.

Ich begriff, dass Schmerz – das unangenehmste aus der Schöpfung Gottes – eine riesige Bedeutung hat in der menschlichen Evolution. Und da machte der Vogel eine zweite Pause. Es schien, als ob er den Schluss fasste, dass die Hoffnung in die menschliche Rasse eine falsche Hoffnung sei.

Es ist alles umsonst! Und hier änderte sich die Stimme des Perlhuhns plötzlich. Die Amplitude der Lautstärke verringerte sich abrupt, so dass nur der Nachbar am gemeinsamen Zaun ihn hören konnte. Das Intervall zwischen den kurzen Pausen wurde größer. Ein wütender Ton verwandelte sich in einen sanften. Doch der Gesang hielt immer noch an. Es gab keine Zweifel, der Vogel sang von seiner Liebe. Liebe und Schmerz – das sind zwei Gefühle, welche den Menschen in seinem Leben begleiten, ihn vergeistigen, ihn näher zu Gott bringen. Ich weinte. Warum taucht in den Augen der Menschen eine Flüssigkeit auf wenn sie traurig sind, die man Tränen nennt? Warum nicht in den Ohren? Warum nicht in der Nase? Warum nicht auf der Stirn?

Wahrlich, die Augen sind der Spiegel der Seele. Starke Gefühle, Erschütterungen haben nicht nur Auswirkung auf den Körper, aber auch auf das innere Wesen des Menschen, und Tränen sind ein Signal dafür, dass der Vorfall in der genetischen Erinnerung gespeichert ist.

Das letzte Mal weinte ich, als Mama starb. Sie war der einzige Mensch, der mich ehrlich liebte. Nun ist vor mir ein Wesen, das nichts mehr auf dieser Welt hat. Keine Hoffnungen. Ein Zustand, zudem geistliche Menschen streben, – einem Zustand der Versunkenheit von der Welt, zu dem die geistlichen Meister aufrufen.

Der Vogel machte eine Pause und fuhr fort. Diesmal waren die Pausen im Gesang anhaltend. Die Stimme wirkte irgendwie bittend. Soll man beten?…

Da erinnerte ich mich, dass ich mein Gebet nicht beendet habe. Der letzte Teil, das ist die Bitte, wurde nicht zu ende geführt. Dieser Vogel fügte sich in das Gebet ein und nun, als er neben mir stand und den unteren Teil des Schnabels fast zu mir drehte, schien es so, als ob er zu mir sprechen würde; „Fahre fort!“ Und ich fuhr fort:

„Gott, gib mir die Kraft und Ausdauer bei der Suche nach der Wahrheit, wie bei diesem Vogel, im Kampf mit meinen Mängeln!

Gott, gib mir das Glück zu lieben, wie dieser Vogel es tut!

Gott, gib mir Aufrichtigkeit in den Gebeten, wie bei diesem Vogel, und Ernsthaftigkeit in den irdischen und nicht irdischen Angelegenheiten!

…Gott, gib diesem Vogel ein Stück Glück aus deiner unerschöpflichen Vorrastkammer! Amen!“

Am Montag wäre ich fast zu spät zum Meeting gekommen. Der Chef sprach von der Verbesserung der Qualität der Schweißnähte in den metallenen Gasbehältern und über die Kontrolle der Nähte mit  Hilfe von Röntgenaufnahmen. Und…und da hörte man den Gesang des Perlhuhns. Diesmal war der Gesang fröhlich! „Ist ihr Liebster auferstanden?“ dachte ich. Ich schob vorsichtig den Rand des Vorhangs weg, um zu schauen. Ein Klopfen mit dem Kugelschreiber auf den Tisch weckte mich. Der Chef merkte, dass ich abgelenkt war. Nach dem Meeting ging ich auf den Hof und verstand alles. Dem Perlhuhn folgten fünf kleine Küken. „Vielleicht aus dm Inkubator?“ dachte ich. Und das Huhn blickte mich an und lachte. Haben Sie nie gesehen, wie Perlhühner lachen? Man muss etwas aufmerksamer sein und Sie werden es bemerken. Wenn die Menschen lachen, öffnen sie den Mund und erzeugen ein schnelles Ausatmen mit einem Geräusch. Bei den Perlhühnern ist es etwas anderes. Viellicht weil sie keinen Mund haben. Die Perlhühner hüpfen leicht, wenn sie lachen, strecken den Kopf hoch, öffnen etwas den Schnabel und ihre schwarzen, kleinen Augen glänzen. Die Afrikanerin schien auch über mich zu lachen.

Es fiel ein Nieselregen. Die Regentropfen fielen auf ihn und rollten auf die Erde, so als ob er mit Schiffslack gefärbt war. Er beruhigte mich. Er berührt nicht den Schmerz und das Leid Ihres wahren Ichs, sondern nur Ihre Gefühle und Ihren Körper. Es wehte ein weicher, feuchter Wind, das Gesicht liebkosend. Der Frühling dieses Jahr war ungewöhnlich regenreich.

Roman Zhukov: „Weiß“

Weiß

Andrjuscha nahm den Lappen von der Stirn der Mutter weg – der Stoff war fast trocken – er tunkte diesen in den Eimer mit Brunnenwasser, faltete ihn sorgfältig und legte ihn wieder zurück auf die Stirn. Die Mutter öffnete die Augen, nahm in an der Hand und versuchte vom Bett auf zu stehen.

„Weiß…Die Blume ist weiß!“ röchelte die Mutter und hustete schwer.

„Mama, leg dich hin! Leg dich hin meine Gute! Gleich wird die Großmutter Agaf’ja die Blume bringen! Doch du leg dich bitte hin!“

Die Frau ließ sich auf das Bett fallen, machte die Augen zu und atmete schwer. Andrej biss sich auf die Lippen. Die schiefe Fichtentür quietschte und die Hütte betrat die Alte mit einem grauen Umhang. Um ihre Taille waren Bunde von Gräsern und Blumen befestigt, in der Hütte roch es sofort nach Wermut und Thymian. Die Alte schleppte in das Haus eine verrostete Hundekette und ließ sie vor der Tür fallen.

„Bittet sie?“ fragte sie leise Andrej und begann in ihrer Tasche zu kramen, welche über ihrer Schulter hing.

Andrej lief zum Tisch, neben welchem die Alte Agafja stand, schaute in die Tasche und antwortete:

„Ja, sie bittet…“

Die Alte nahm eine Papiertüte mit Blutflecken darauf und warf diese auf den Tisch. Aus der Tüte fiel ein Stück Rinderleber.

„Bring mir die Knute, Söhnchen.“

Andrej lief sofort auf den Hof. Die Alte setzte sich schwerfällig auf die Bank. An der Wand der Hütte, bedeckt mit einem Pelz, hustete die Mutter und sagte wieder:

„Weiß…eine weiße Blume.“

„Ich weiß, Teure, ich weiß…“ flüsterte die alte Agafja und atmete auf. Ich habe alle weißen Blümchen ausprobiert, habe überall danach gesucht…es blieb nur noch eines.“

Die Hütte betrat der keuchende Andrej. Er schaute erschrocken auf die Mutter, ging zur Alten und zeigte ihr die Knute, mit welcher er das Vieh antrieb.

„Das wird gehen,“ sie schaute Andrej direkt in die Augen. Wendete lange den Blick nicht ab. Dann lächelte sie, streichelte mit der Hand seine schwarzen Haare und sagte:

„Nun wiederholen wir es noch ein mal, Söhnchen…Du gehst in den Wald. Am Rand des Waldes wartest du ab, bis sich der Mond  fünf Handflächen von der Erde erhebt. Du schmeißt dann die Leber auf das Gras und drehst dich um, um ihn nicht zu verschrecken…In der rechten Hand halte die Kette, in der linken Hand die Knute.

Agafja nahm Andrej die Knute ab und wedelte damit durch die Luft.

„Halt es gut fest…Dann sage die Wörter auf, welche ich dir beigebracht habe. Wiederhole sie.

Andrej schluckte und flüsterte:

„Waldgeist, Waldgeist! Ich bin ein Wanderer. Habe nichts da, was ich mit dir teilen kann – nur eine Rinderleber. Nimm alle Sorgen weg, komm her – koste es!“

„Gut,“ Agafja reichte Andrej die Knute, „Dann warte ab. Sobald du hörst, dass jemand isst, drehe dich um! Egal wen du siehst, schau ihm in die Augen und wende deinen Blick nicht ab! Wenn du ihn abwendest, bist du verloren, Andrjuscha! Sobald er sich auf dich wirft, schlag ihm mit der Knute auf die Augen! Sobald er die Augen versteckt, wirf ihm die Kette um den Hals, und hör nicht auf, ihn zu schlagen! Er wird dich tragen, und du halt die Kette fest, lass sie nicht aus deinen Händen! Und schlag ihn mit der Knute, schlag, lass die Kette nicht los! Und dort, wo sie zerreißt…wo sie zerreißt, dort wächst auch die Blume. Suche den Rückweg mit der Hilfe des Mondes –  die Fürstin wird dich aus dem Wald begleiten.

Von der Wand kam ein schwaches Stöhnen. Agafja stand auf, gab Andrej die Papiertüte mit der Leber und ging zur Tür. Andrej folgte ihr. Die Alte hob die Kette vom Boden auf und hängte diese auf Andrejs Schulter.

„Nun geh, Andrjuscha,“ sie nahm seinen kleinen Kopf in ihre warmen Hände, welche nach Gräsern rochen  und küsste seine Stirn,“ „Möge dich Gott beschützen!“

Andrej schaute sich um, blickte auf die Mutter und ging heraus auf den Hof. Er steckte die Papiertüte ein, nahm die Knute in die rechte Hand und die Kette in die linke und ging zum Wald, welcher finster da stand am Rande des Feldes. Über dem Feld ging der Mond auf.

Am Waldrand konnte man jeden Grashalm sehen – der Mond schien hell. Auf der Tanne schrie die Eule. Andrej streckte die Hand vor sich aus und begann sie in der Luft zu verschieben  – eins, zwei, drei, vier, fünf. Über welche Handflächen sprach die alte Agafja? Über ihre oder über seine? Ihre Handflächen sind etwas breiter…sollte man vielleicht etwas abwarten? Die Eule warf sich laut vom Baum, flog über die Wiese und setzte sich auf eine andere Tanne. Andrej stand da, ohne sich zu bewegen – er horchte in den Wald hinein. Es war Zeit.

Er nahm die Papiertüte, nahm die Leber heraus und warf diese auf das Gras. Er wischte die Hände am Papier ab, knüllte dieses zusammen und steckte es in die Hosentasche. Dann hob er die Knute auf und die Kette, hielt sie fest, wie es die Alte ihm beigebracht hat – die Knute in der linken, die Kette in der rechten Hand. Er atmete auf, schaute sich um. Es war Zeit. Andrej  drehte sich von dem Platz um, wohin er die Leber geworfen hatte und sprach laut:

„Waldgeist, Waldgeist! Ich bin ein Wanderer. Habe nichts, was ich mit dir teilen kann – nur eine Rinderleber. Nimm alle Sorgen weg, komm her – koste es!“

Die Eule warf sich erschrocken vom Zweig und verschwand in der Dunkelheit. Durch den Wald ging ein leichter Wind – das Gras am Waldrand raschelte das Gras, beugte zur Erde schwere Staubwedel und beruhigte sich wieder, indem es sich aufrichtete.

Andrejs Fäuste waren betäubt. Er erinnerte sich daran, wie die Mutter ihm Märchen über den Waldgeist und die Kikimora erzählte, wie sie Menschen im Wald schaden – diese erschrecken, ihnen „Hallo“ zurufen, sie in das Dickicht locken…Helfen können sie natürlich auch, sie zeigen dir den Weg, führen dich zu der Lichtung mit den Pilzen …doch sie helfen nur guten Menschen  – denjenigen, die den Wald und seine Bewohner respektieren…

Ein Zweig knirschte. Andrej erstarrte. Stille. Plötzlich zischte hinter ihm jemand und begann zu schmatzen. Im Inneren Andrejs begann sich alles um zu drehen – der Körper war wie erstarrt  und wollte nicht hören. Im Kopf erklang die Stimme der Mutter: „Weiß…eine weiße Blume.“ Er machte die Händen zu Fäusten und drehte sich um.

Vor ihm, im Mondlicht, stand ein riesiges, gehörntes Wesen auf zwei Beinen. Es schien, als ob er ganz mit Moos bedeckt war. Die Hände ähnelten krummen Flieder-zweigen, er hielt die Leber fest und schaute direkt auf Andrej. 

Andrej blickte in seine leuchtenden, gelben Augen und hob die Knute über seinen Kopf. Das Wesen ließ die Hände fallen, knurrte und warf sich nach vorne. Andrej holte aus und schlug mit aller Kraft auf seine Augen. Der Riese ließ die Leber fallen, stöhnte laut und wankte zurück, Andrej machte auch eine Schritt zurück, doch sprang plötzlich auf und wedelte mit der rechten Hand durch die Luft – die schwere Kette umschlang ein paar Mal den Hals des Waldgeistes. Er streckte sich, stöhnte wehleidig und lief in den Wald. Andrej folgte ihm.

Die Zweige klatschten auf seine Wangen, zerkratzten die Haut und zerrissen die Kleidung. Einige Male fiel Andej auf die feuchte, kalte Erde, doch er sprang sofort auf und lief dem Waldgeist hinterher, ohne damit auf zu hören, diesen mit der Knute auf seinen felligen Rücken zu schlagen. Der Waldgeist lockte ihn immer tiefer in den Wald – riesige, schwarze Stämme funkelten einer nach dem anderen in dem blassen Mondlicht. Die Kette rutschte aus den Händen. Amdrej schaute auf seine rechte Handfläche – diese war voller Blut. Das Herz klopfte direkt neben dem Hals. Durchhalten! Man muss durchhalten! Er stolperte auf einem Stein und fiel auf die Erde. Der Waldgeist schleppte ihn weiter den Rollweg entlang. Andrej verlor die Knute und umfasste die Kette mit beiden Händen. Die Augen wurden von einem roten Laken verdeckt. Das Hemd war an den Schultern zerrissen und kleine Steinchen bohrten sich bis zum Fleisch in seine Haut. Mama…ich lasse ihn nicht los, Mama. Und plötzlich ertönte ein Schrei, so als ob jemand laut mit der Zunge schnalzte. Andrej wuchs in die Erde hinein – die Kette war zerrissen. Das Geräusch in seinen Ohren störte ihn dabei hinzu horchen, was drumherum geschah. Doch im Umkreis war es still. Er hob den Kopf und schaute sich um – niemand da, der Waldgeist war verschwunden. Rechts von ihm, zwischen den Farnen, funkelte irgendetwas weiß.

Amdrej stand mit Mühe auf und ging wankend bis zu den hohen Büschen. In die Nase fuhr ein süßes Aroma. Vor ihm, auf einem hohen Halm leuchtete eine weiße Blume. Andrej streckte langsam die Hand aus und pflückte diese.

Der Wald begann sich zu bewegen. Vögel schrien, schlugen mit den Flügeln. Die Bäume stöhnten und bewegten die Zweige. Amdrej warf sich zurück und fand sich

vor einem blassen Frauengesicht wieder – dieses lachte und verschwand. Ein Zweig schnappte ihn an der Schulter. Andrej fing an zu schreien und ein weiterer Zeig klatschte ihm gegen die Stirn. Er schaute hoch und sah den Mond, welcher sich schon zum Untergehen neigte. Ihm hinterher! Führe mich raus, Fürstin! Andrej drückte die Blume an die Brust, bewegte sich mit Wattebeinen aus dem Wald heraus. Drumherum kreischten, lachten, schnappten sie seine Füße und sein Haar.Das Frauengesicht tauchte mal in der Ferne auf, mal vor seiner Nase und lachte mit einem unmenschlichen Lachen. Andrej lief, lief, so schnell er konnte, hob manchmal den Kopf und suchte den runden Mond, den Retter.  Da sah man schon das Feld im Sonnenaufgang! Und hinter dem Feld war ihre Hütte! Noch ein bisschen.Und plötzlich wuchs vor Andrej ein riesiger Schatten  und zwei gelbe Punkte leuchteten in der Ferne. Das war der Waldgeist. Er schnappte Andrej an der Kehle mit seinen krummen Fingern, nahm ihm die Blume weg und warf den Jungen auf die Seite. Das Letzte, was Andrej sah, war ein breiter Rücken, welcher im Dickicht verschwand.

Er wachte bei Sonnenaufgang auf, schaute sich um und fing an zu weinen – eine weiße Blume konnte man nirgends sehen. Er hinkte und ging über das Feld. Die Hände und die Kleidung waren voller Blut. Jeder Knochen tat ihm weh, doch Andrej bemerkte nicht den Schmerz. Er weinte und wischte sich die Tränen mit dem zerrissenen Ärmel weg. Er kreuzte den Hof, öffnete die schwere Tür der Hütte und blieb auf der Treppe stehen.

Die alte Agafja, welche bei der Mutter saß, wedelte mit den Händen und lief zu ihm.

„Alte…ich konnte nicht…ich konnte sie nicht festhalten!“ Andrej weinte in ihren warmen Umhang, welcher nach Wermut und Thymian roch.

„Leise, mein  Lieber…leise….es wird alles gut,“ beruhigte ihn Agafja und drückte den Jungen leicht an sich.

Andrej trocknete seine tränen und ging vorsichtig zum Bett, in dem die Mutter lag. Er setzte sich auf den Rand. Sie atmete selten, mit Mühe. Er nahm den Lappen von ihrer Stirn. Der Stoff war fast trocken . Die Mutter öffnete die Augen und schaute ihn lange an, als ob sie ihn nicht erkennen würde. Doch dann hob sie die schwere Hand, streichelte seine Haare und flüsterte:

„Weiß…mein weißes Blümchen…!

Andrej bis sich auf die Lippen, ging zum Eimer mit dem Wasser, um den Lappen wieder zu befeuchten, doch wich sofort zurück. Er schaute auf die alte Agafja, welche immer noch im Türrahmen stand, auf seine Hände , und beugte sich wieder leise über den Eimer – daraus blickte ihn ein Junge an mit einem weißen-weißen Kopf.

Kristina Moreva. Ist es dir egal?

„Roma, hast du mein Kleid im Wäschesalon abgeholt? Roma?“ Toma begann schon die Stimme zu heben, um die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich zu ziehen, welcher, ohne von dem Bildschirm aufzublicken, GTA spielte. „Roma, wen frage ich?“

„Was denn? Was hast du gefragt?“ Roma widmete seine Aufmerksamkeit endlich  Toma und nahm die Kopfhörer ab.

„Ja, ich fragte, ob du mein Kleid aus dem Wäschesalon abgeholt hast? Ich erinnerte dich morgens daran.“

Toma beobachtete das Zimmer: hier herrschte eine ideale Ordnung, bis auf die Ecke, wo Roma seine Spielsachen aufbewahrte. Als Toma es sah, wackelte sie mit dem Kopf: ein Fußball, Legosteine, eine Sammlung von Autos, welche, konnte Toma nicht wirklich sagen.

„Welches Kleid?“ Sogar ohne Kopfhörer, hörte Roma nicht auf zu spielen.

„Machst du dich lustig? Wir müssen in dreißig Minuten los, die Gäste versammeln sich!“ Die Augen Tomas füllten sich mit Tränen.

Sie wollte ihren Geburtstag nicht feiern, doch Roma bestand darauf. Er fand, dass nach der kürzlichen Tragödie mit der unglücklichen Schwangerschaft, Toma sich ablenken musste. Obwohl Toma selbst nicht so dachte. Doch die Einladungen waren schon verschickt, das Restaurant bezahlt und nun sollten auch die Gäste langsam ihre Plätze einnehmen.

„Och Liebes, ich habe es vergessen.“ Roma klopfte sich mit dm Controller auf die Stirn, „Die Jungs und ich haben seit dem Morgen Fußball gespielt und ich hatte es nicht mehr im Hinterkopf. Zieh eine Jeans an, du bist auch so hübsch.“

Roma stand vom Sofa auf und umarmte Toma. In diesem Moment rollte der Ball in die Mitte des Zimmers.

„Ich habe eine Million Mal darum gebeten, das Spielzeug verschlossen zu halten,“ Toma distanzierte sich von dem jungen Mann und schubste den Ball leicht zurück in die Ecke. „Ich ziehe mich an. Sei in zehn Minuten fertig.

„Toma, was stimmt nicht?“ Roma verschnellerte den Schritt und versuchte neben Toma zu gehen, „habe ich was falsches gesagt?“

„Geh weg von mir. Es stimmt alles nicht. Roma, alles.“

Toma verschnellerte den Schritt.

„Ja und, habe mit der Unbekannten ein paar Späße gerissen, das war nichts ernstes, habe einfach einen Witz erzählt, was fängst du wieder an?“ Roma versuchte die junge Frau an der Hand zu nehmen, doch bei seiner Berührung zog sie ihre Hand weg.

Der Abend war verdorben. Der Teil der Gäste bemerkte noch im Restaurant, wie Roma mit irgendeiner Blondine flirtete. Sie schauten Toma mitleidig an und begannen nach hause zu gehen. Nach einer kurzen Zeit, unter den mitleidigen Blicken der restlichen Gäste, verließ die junge Frau das Restaurant.

Toma blieb unerwartet stehen. Sie drehte den Kopf Richtung Roma:

„Du warst der Initiator dieses unnötigen Abends. Wozu?“

Roma schloss sie Augen und wackelte mit dem Kopf.

„Hast du dich die letzten drei Monate beobachtet? Wo ist die Toma, mit der wir immer Spaß hatten? Mit der wir wandern gingen in den Bergen und die Bars unsicher machten? Denkst du für mich ist es leicht, das zu beobachten? Auf dich, die du ewig traurig bist? Ich wollte dich aufrütteln.“

„Besser wäre es wenn du öfter zu hause bleibst und mich nicht aufrüttelst! Roma, ich habe ein Kind verloren, nicht eine Tasche mit Dokumenten. Ich habe ihm Sachen gekauft. Und jetzt ist es nicht da. Bedeutet das nichts für dich?“

„Tut es,“ er nahm ihre Hände ins seine.

„Warum bist du dann diese ganzen drei Monate nicht bei mir, sondern spielst Fußball oder deine Spielchen?“

„Krümel, du verstehst das nicht…“ fing Roma an.

Toma nahm ihre Hände aus seinen Handflächen und begab sich zurück zum Restaurant, wo sie ihr Auto geparkt hatten.

„Ich verstehe es nicht. Ich bin müde, bring mich nach hause.“

    ***

„Wo bist du?“ sprach Toma nervös in das Telefon. „Wie, du kommst nicht? Du hast versprochen mir beim Aufräumen zu helfen.“ Stille. „Ist klar, tschüss.“

Die junge Frau legte den Hörer auf, atmete auf, schaute sich das Zimmer an, stand auf und begab sich ins Badezimmer, um einen Eimer Wasser zu holen.

Sie füllte den Eimer mit Wasser und kehrte ins Zimmer zurück. Sie mochte es, das Aufräumen mit dem Wohnzimmer zu beginnen, um die Ordnung zu bewahren. Und in den letzten Monaten, als alles irgendwie falsch verlief, wollte man wenigstens eine Ordnung haben. 

Toma schob den Sessel weg, um dahinter zu wischen. Der Fußball rollte wieder in die Mitte des Zimmers. Als sie das sah, schmiss sie den Besen hin und sprang aus dem Zimmern. Sie kehrte nach einem Augenblick zurück mit einem Küchenmesser in der Hand.

„Du doofer, blöder Ball,“ schrie Toma schwer atmend und stach auf den Ball ein. „Ich hasse es, ich hasse es.“

Nach ein paar Minuten blieben vom Ball nur ein paar Fetzen. Kraftlos legte Toma das Messer neben die Fetzen, umarmte ihren Bauch mit den Händen und weinte lautlos.

Ca. fünfzehn Minuten saß Toma regungslos da. Dann stand sie auf, ging zum Waschbecken, wusch sich, dann näherte sie sich dem Schrank mit den Sachen, nahm von dem obersten Regal Romas Sporttasche und begann seine Sachen darin zu verpacken. Die Autos und die Playstation legte sie in eine extra Tasche. Oben drauf legte sie die Reste des Fußballs.

Sie überprüfte noch einmal, ob alle Dinge in der Tasche lagen, stellte die Tasche in den Flur und schrieb eine SMS: „Ich habe deine Sachen gepackt, nimm sie bald mit und verlass mein Haus und mein Leben.“

Auf dem Gesicht Tomas zeigte sich ein Lächeln, so leicht fühlte sie sich schon seit Monaten nicht mehr.

Manshuk Dajrabaeva Tjöma

„Er ist noch nicht da,“ Larisa drückte den Hörer noch fester an das Ohr und schob mit beiden Händen das Blech mit den Teigkugeln in den Ofen. Morgens fragt er sie: „Mutter, hast du vor ab zu nehmen?“ Er ist mit einer dicken Mutter nicht zufrieden…Sein Papa zahlt die Alimente schon seit zwei Monaten nicht.  Für wen soll man denn abnehmen? Die Frau nahm eine Zigarette und ein Feuerzeug von der Fensterbank und begann zu rauchen. „Stell dir vor, vor ein paar Tagen sagte er zu mir, ich solle ihn nicht mehr Tjöma nennen. Er sagte, dass Tjöma wie Popel klingt, und im Artjöm ist der Buchstabe „R“ vorhanden. Ich nenne ihn trotzdem Tjöma, und er hört nicht darauf. Brummt etwas, schließt sich im Zimmer ein. Isst schlecht. Ist ganz dürr. Ich dachte schon, er nehme Drogen. Was denn? Momentan sind alle Jugendlichen so. Ich kramte nachts in seinem Rucksack und er bemerkte es und schrie: „Du hast nicht das Recht dazu! Du respektierst mich nicht als Persönlichkeit!“ „Persönlichkeit,“ Larisa atmete den Rauch aus und schaute auf die Uhr. „Gestern kam er mit einer zerrissenen Jacke, ohne Kragen, ein blauer Fleck über das halbe Gesicht, das Handy zerstört. Ich hätte ihn fast getötet! Ich beschloss nichts zu kaufen. Soll er ohne Telefon bleiben und ohne Jacke, dann schaue ich mal, wie er mit mir reden wird. Heute zog er meine alte Jacke an, die fliederfarbene, kannst du es dir vorstellen?  So nach dem Motto, er pfeift drauf, was die Menschen denken.“

Die Frau warf die Kippe in den Aschenbecher, ging zum offenen Fenster, streckte den Kopf heraus und schaute wieder auf die Uhr. „Nein, er ist noch nicht da. Treibt sich irgendwo herum, um es mir zu zeigen…Doch er hat keine Freunde. Ich weiß nicht…Ich weiß nicht Mama! Ich rufe später zurück.“

Larisa nahm die letzte Partie Brötchen heraus, machte den Ofen aus und merkte erst später, dass der Himmel hinter dem Fenster sich dunkel gefärbt hat. Sie machte sich einen Tee in der Tasse und, nahm ein warmes Brötchen vom Blech und biss ein Stück ab.

Während sie den Tee schlurfte, legte sie das Telefon vor sich, wählte die Nummer des Ex-Ehemannes, dann legte sie wieder auf und warf das Telefon auf den Tisch. Sie wollte gerade das zweite Brötchen nehmen, doch überlegte es sich anders und rauchte eine Zigarette. Dann zog sie sich den Mantel an, die Stiefel, die Mütze mit dem Bommel und begab sich auf den Weg, um den Sohn zu suchen.

Im trüben Licht der Straßenlaternen sah das Schulgebäude verlassen aus und verursachte ein unangenehmes Gefühl im Bauch. Larisa umrundete die Schule, nahm das Handy aus der Tasche und rief die Klassenlehrerin an. Diese verkündete gleichgültig, dass Tjöma heute geschwänzt hatte und seit dem gestrigen Tag nicht in der Schule war. Die Lehrerin legte wieder auf – wahrscheinlich wollte sie schnell bei ihrer Familie sein. Larisa verließ den Schulhof, ging die Straße entlang und beobachtete die Gesichter der Passanten. Die Straße führte zu einem Supermarkt. Larisa betrat das warme Gebäude und begann einen Laden nach dem anderen zu betreten und den Sohn in der Menschenmenge zu suchen. Sie begab sich zur Vitrine, wo Eis verkauft wurde, blieb plötzlich stehen und bemerkte bei der Theke mit den Getränken ein ihr bekanntes Mädchen mit einem langen Zopf.

„Du bist doch Katja?“ Larisa näherte sich dem Mädchen und berührte ihre Schulter. „Du bist in der selben Klasse wie mein Sohn. Ich bin die Mutter von Tjöma Sorokin.“

„Ich erinnere mich an Sie,“ nickte Katja.

„Hast du Tjöma gesehen?“

„Heute nicht. Geht er nicht an das Handy?“

„Er hat kein Handy. Er geriet gestern in eine Schlägerei…“

„Mischka war selbst schuld,“ das Mädchen bewegte die Schultern. „Er ärgert Artjöm schon lange. Normalerweise schweigt Artjöm doch gestern sagte Mischka…“ Katja wurde verlegen und schaute in irgendeine andere Richtung

„Was hat er gesagt?“

„Ich habe es zufällig gehört. Er sagte zu Artjöm, dass seine Mutter fett sei,“ sagte das Mädchen leise. „Verzeihen Sie.“

***

Larisa betrat die Wohnung, sah die Schuhe ihres Sohnes in einer Pfütze geschmolzenen Schnees liegen und weinte los. Tjöma betrat den Flur und schaute verwundert auf die Mutter. Der blaue Fleck unter dem rechten Auge hatte eine andere Farbe, aus purpurrot wurde blau. Tjöma kaute, in seiner Hand hielt er einen angebissenen Apfel.

„Wo warst du?“ fragte er mit einem groben, fast männlichen Ton.

Larisa wischte sich die Tränen ab und reichte dem Sohn eine Schachtel.

„Ich war im Supermarkt und habe die ein Telefon gekauft.“

Alexandr Mendybaev Zugzwang

Am allermeisten auf der Welt liebte sie salzigen Fisch und Schach. Mitten in der Nacht konnte sie aus dem Kühlschrank ein riesiges Rotauge herausnehmen, dieses in Fetzen zerreißen und vor der nächsten Partie verspeisen.

Sie spielte wie besessen: mit zwei Computern und einem Notebook, sie installierte auch das Spiel auf dem Tablet, auf dem Handy und sogar auf dem Fernseher. Überall im Haus waren Schachbretter verteilt mit bunten Schachfiguren: schwarze, weiße, rote, blaue, grüne, violette und sogar durchsichtige. Die Figuren waren aus Knochen, Plastik, Holz, Metall, Onyx und aus Bergkristall. Es gab auch seltene Sets: aus Bronze, Gold, Kristall und echten Rubinen.

Das Magnet-Brett mit blau-weißen Figuren –  eine Partie gegen den Spieler aus Siettle . Bronzene, schwerem römische Legionäre – das Spiel mit der Französin, Champion der eigenen Heimatstadt.

Nachdem sie einen Zug gemacht hatte, streichelte sie liebevoll die Bauern, richtete sorgsam die Türme, wischte mit Spiritus die Läufer. Ohne diese Prozedur, würde die Schacharmee schon längst nach Fisch riechen.

Wir trafen uns zufällig. Ich brachte Rada ein Päckchen. Ich klingelte an der Tür, es machte eine junge Frau auf mit einer Stupsnase und leicht auseinander stehenden Augen. Sie erkannte mich sofort.

„Du bist doch Vadim?“

„Ja, ja, Vadim. Ich habe Ihnen ein Päckchen…“

„Erinnerst du dich nicht an mich? Radmila. Valeras Schwester.“

Als Rada noch ein Kind war, fuhr ich sie im Kinderwagen. Und eines Tages beschloss ich Valerka damit zu fahren. Das Rad ging bereits bei der ersten Kurve kaputt. Traurig und feierlich trug ich den kaputten Kinderwagen. Valerka ging hinter mir. Er hob den Kopf, damit das Blut aus der Nase das Unterhemd mit den Füchsen nicht beschmutzte.

Als ihre Familie weg zog, lief ich hinter dem Lastwagen, kaum die Tränen verbergend. Valerka saß auf der Reisetasche. Er hielt mit seinen Knien eine Topf mit einem Fikus fest. Einmal zerstörten wir mit den Schraubenziehern die ganzen Wurzeln, um ihn nicht mehr zu gießen. Leider hat der Fikus es überlebt. Und es tat uns wirklich um die Schraubenzieher leid, die die Großmutter uns weg genommen hatte. Ein Sonnenfleck von dem riesigen Spiegel blendete mich und ich krachte gegen einen Laternenpfeil. Der Umzug Valerkas war die erste, wirkliche Tragödie in meinem Leben. Und dann lebten wir uns irgendwie auseinander

„Radochka, hallo, wie geht es dir? Du bist erwachsen geworden. Wie alt warst du als wir weg gezogen sind? Neun?“

„Zehn.“

Sie lud mich zu sich in die Wohnung ein. Da sah ich zum ersten Mal diese Schach-Welt.

„Das gibt es doch nicht. Die Zeit fliegt. Wie geht es Valera?“

„Valera ist tot, er hat sich aufgehängt.“

Das Päckchen fiel mir aus den Händen.

„Vorsichtig! Das Brett ist sehr fragil. Elfenbein.“

Rada begann das Päckchen aus zu packen und nahm wunderschöne Schachfiguren heraus von milchig-kastanienbrauner Farbe. 

„Du hast sie zerstört! Schau dir den Deckel an! Du hast sie zerstört!“

Die Wangen Radas färbten sich rot und die Nase begann zu zittern, so als ob sie gleich losweinen würde. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich sprach irgendetwas über die Firma, die den Schaden ersetzen wird, ich schob es auf die schlechte Bezahlung.

Rada schrie, weinte und kaute hysterisch an ihren Fingernägeln.

„Radochka, meine Liebe, ich werde alles zurück zahlen. Ich verspreche es dir. Wie viel kosten sie?“

Ich nahm das Brett in die Hand und verstand, dass ein kastanienbraunes, langes Haar auf der Oberfläche klebte. Ich entfernte dieses und reichte das Brett Rada. Sie griff geizig in das Schachspiel, bedeckte den Finger mit Spucke und begann das Brett zu polieren. Nachdem sie bemerkte, dass alles in Ordnung war, wurde sie augenblicklich blass und warf sich mir um den Hals.

„Wir spielen mit dir eine Runde. Jetzt sofort.“

Sie begann beige und braune Figuren auf zu stellen. Mit einem Soliden Ton nahmen die Schachfiguren ihren Platz auf dem Brett ein. Ich nahm einen der Türme. Die für ihre Größe schwere Figur wäre beinahe aus meinen Händen gerutscht. Eine angenehme Kühle des natürlichen Steins. Rada nahm mir den Turm weg und stellte diesen in die Position H8.

„Du bist an der Reihe,“

„Radochka, Liebes, verzeih, doch ich muss schnell los.Ich habe noch so viele Bestellungen.“

„Brauchst du Geld?“

Ich war es gewohnt mit „ja“ auf diese Frage zu antworten, doch in Wirklichkeit kannte ich die Antwort nicht. Wahrscheinlich gehört das Geld denen, die damit umgehen können. Ich hatte es nie, ich gab mein ganzes Gehalt an die Eltern ab.

„Ich werde gekündigt werden.“

„Dann ist es halt so, wie viel zahlen sie dir?“

Ich nannte eine Ziffer.

„In Dollar“

„Vierhundert. Nein, fünfhundert Dollar. Wenn man die Bonusse mitzählt, dann…“

Sie ging zum Schränkchen. Unter der Bettwäsche nahm sie ein Päckchen Scheine heraus und reichte mir dieses.

„Ich habe zuhause nie viel da. Hier, nimm. Ich werde dir tausend Dollar im Monat zahlen.“

„Und ich?“

„Du wirst mich zum Supermarkt begleiten, und…

„Aufräumen?“

„Wofür? Das Essen bringt man mir aus den Restaurants, zum Aufräumen kommt die Nachbarin von oben, das Geschirr benutze ich kaum.“

Sie flüsterte mir etwas ins Ohr, ich wurde etwas rot.

„Radmila, du bist doch die Schwester meines Freundes.“

„Ja und? Verstehst du, mir ist es irgendwie egal. Doch die Ärzte sagten, dass jede Anstrengung zu sehr vom Schach ablenkt.“

Ich zählte das Geld. Es war etwas mehr als anderthalb Tausend. Es reicht für drei Monate. Dann nehme ich das Geld. Was habe ich zu verlieren? Als Bote bin ich gut zu haben.

„Bist du einverstanden?“

Ich dachte, dass sie über die Arbeit spricht und nickte schnell mit dem Kopf.

Rada zog plötzlich ihre Kleidung aus. Ich war verdutzt.

„Beeile dich und ziehe dich schnell aus.“

Man beachtete meine mangelnde Erfahrung und ich wurde verwirrt. Doch Rada machte alles selbst. Ich lag noch im Bett, als sie nackt aufsprang und zum Computer huschte.

„Entschuldige, ich habe gerade ein Spiel. In dieser Welt gibt es wenig gebührende Gegner. Man darf die Gelegenheit nicht verpassen.“

Während sie spielte, betrachtete ich die Bücherregale. Darin war nichts, außer Schach-Lehrbücher, Anleitungen für das Schachspiel, Sammlungen von Debuts, Aufgabenbücher, Kollektionen von Endspielen, Mittelspielen und Biografien bekannter Schachmeister.

Rada kehrte wieder zurück zu mir.

„Verloren. Der Champion Tschechiens, wenn er nicht lügt. Ich brauche mehr. Lege dich hin.“

Ich wollte gerade nach einem Präservativ fragen, doch Rada kümmerte sich nicht um solche Kleinigkeiten.

„Schützt du dich? Vor Schwangerschaft?“

„Ist es notwendig?“

„Nun, eigentlich, ich…“

Rada schaute mich an, krümmte vor Verwunderung die linke Augenbraue und widmete sich dann wieder ihren Schachbrettern. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich zog mich an und ging zum cremefarbenen Schachbrett, welches ich heute mitgebracht hatte. Rada näherte sich mir, blickte die Figuren an und fragte:

„Warum haben wir nicht gespielt?“

„Ich weiß es nicht. Wir haben uns wohl abgelenkt.“

„Warum haben wir nicht gespielt? Warum! Warum!!“

Sie stampfe mit den Füßen, ihre Wangen färbten sich rot. Um sie abzulenken, machte ich einen Gang mit der Königin. Ihre Augen bewegten sich schnell, der Blick sprang von Figur zu Figur. Auf der Stirn sammelten sich Schweißperlen. Sie spielte ausgezeichnet. Sie brachte mich in eine Sackgasse und blockierte die günstigen Kombinationen. Ich war sicher, dass ich verlieren werde. Rada bemerkte mein schwaches Spiel und hörte auf mit dem Blick hin und her zu laufen.

„Welche Rangliste hast du?“

Ich antwortete, dass auf chess.vom meine Rangliste etwas über Tausend ist.

„Nur?“

„Ja.“

„Das ist sehr schwach. Ich dachte…“

Sie lächelte. Und ich erinnerte mich daran, wie ich mit ihr die erste Partie gespielt hatte. Das war auf Valerkas Geburtstag. Dreizehn Jahre. Wir feierten dieses Ereignis und rauchten sogar auf dem Dach, und dann erbrachen wir auf dem Dachboden mit Taubendaunen. Zuhause erwartete und ein reich gedeckter Tisch. Nachdem wir und Salat auf die Teller legten, warfen wir uns auf das Brathähnchen und die Pelmeni.

„Vadimka, weißt du, dass wir Radachka für das Schachspiel angemeldet haben?“

Ich konnte nicht antworten, weil mein Mund voll war mit Hühnerfleisch. Valerka zog ebenfalls das Hähnchen den Pelmeni vor und wollte bereits den zweiten Hühnerschenkel essen.

„Wir baten deinen Vater, sie in seine Gruppe auf zu nehmen, doch dieser sagte, warum auch immer, ab.“

Der Vater trainierte die zukünftigen Champions, junge Talente, deren Eltern sie aus allen Teilen der Sowjetunion zu ihm brachten. Mich zählte er nicht als Spieler, das Schachspiel hat mir die Großmutter beigebracht.

„Ef fagte ef fei pät“

„Was?“

Ich kaute und wiederholte:

„Er sagte, es sei spät.“

„Spät? Warum spät? Sie ist gerade mal sieben Jahre alt.“

Ich sagte nichts. Bei dem Vater in der Gruppe gab es Vierjährige. Ein paar Mal ärgerten Valerka und ich sie. Ein Brillenträger hatte sich beschwert, seitdem war uns der Eintritt in die Schach-Sektion versperrt.

„Vadimka, spiele doch mit Radochka. Vielleicht kannst du später Vater davon erzählen…“

Ich wollte nicht spielen, doch das Schachbrett hatte man schon gebracht.  Die Verwandten versammelten sich im Kreis und ich wusste genau, wen sie vorziehen würden. Der Vater machte mir bewusst, dass aus mir nie ein Botvinnik, Tal oder Kasparov werden wird. Doch mich blamieren, indem ich gegen ein siebenjähriges Kind verliere, wollte ich nicht.

Vor Schreck zog ich mich zurück, in der Annahme, länger durch zu halten, damit niemand das Matt in drei Zügen bemerkt. Ich verstand sogar nicht, dass ich gewonnen hatte. Rada kam in die Falle. Irgendjemand bemerkte, dass Matt war und alle begannen sich zu wundern, doch nachdem sie sich überzeugt haben, war es notwendig, mich als den Gewinner an zu erkennen. Vor Anstrengung lachte ich wie ein Pferd. Rada weinte und biss hysterisch ihre Mutter.

***

Ich schaute wieder auf das Schachbrett. Die Lage war schwierig. Rada nahm meine Figuren vom Brett wie Kartoffelkäfer.

„Wie kann man nur so dumme Fehler machen? Ich habe noch nie solch mittelmäßigen Spieler getroffen.“

Ich lächelte.

„Das ist wahr. Weißt du nicht, wie ich in der Kindheit gegen dich gewonnen habe?“

Rada wurde wieder rot. Die Nase zitterte, als ob sie irgendetwas ekliges gerochen hatte. Zuerst dachte ich, dass Rada mir zublinzelt, doch sie fiel auf den Boden und begann sich im Zimmer hin und her zur rollen, zu schreien und sich die Wangen zu kratzen. Rada begann wie ein Wurm zu kriechen und schaffte es sogar, mich auf die Wange zu beißen. Ich band sie mit Pullover und Handtüchern fest und rief den Krankenwagen. Rada meckerte und heulte mit dem Knebel im Mund. Ich streichelte ihren Kopf, doch das reizte sie sehr. Soll ich gehen? Wenn Rada etwas zustößt, werde ich der erste Verdächtigte sein. Ermordet. Und nicht einfach ermordet, sondern missbraucht vor dem Tod. Das wird die erste Expertise feststellen.

Die Ärzte wussten Bescheid und waren nicht zum ersten Mal hier. Man schickte immer das gleiche Team zu ihr, der Sanitäter erzählte mir das und nahm das Medikament heraus aus der Schublade. Eine dicke Ärztin nahm eine Spritze und setzte sich auf die Knie vor Rada.

„Radochka, Kindchen. Beruhige dich, es ist alles gut.“

Man gab Rada eine Spritze und befreite sie von der Fesselung.

„Sie hatte Glück, dass Sie hier waren. Wir wollen sie schon lange in die Krankenstation aufnehmen. Doch es gibt nicht genug Gründe. Bürokratie, welche Gründe sollen da sein, wenn es in der Familie

zwei Suizide gab.

„Wer?“

„Die Mutter und der Sohn.“

„Und der Vater?“

„Er ist schon lange tot. Und die Großmutter auch. Radka ist nun alleine – in ihren vier Zimmern.“

***

Als die Ärzte gingen, klapperte Rada noch lange mit den Zähnen, als ob sie fröstelte. Tee lehnte sie ab und bat mich, ihr Fisch zu bringen. Sie aß und schlief ein und als sie wieder wach wurde, zog sie sich aus und begab sich schwankend ins Badezimmer. Vor Sorge, sie könnte auf den Kachelboden fallen, begleitete ich sie. Rada saß in der Hocke und ließ das Duschwasser auf sich laufen. Auf den Wangen lief Wimperntusche. Nach dem Duschen aß Rada zwei riesige Seebrassen und machte das Schachspiel auf dem Computer an. Ich bewunderte die Manier ihres Spiels. Ich beobachtete oft Virtuosen im Netz. Rada spielte viel besser. Als ich auf die Reihenfolge blickte, war ich sehr verdutzt. Sie spielte nur mit wirklichen Meistern. Hier gab es auch Preis-Partien. Nach meiner schlichten Rechnung, schaffte sie es, nicht weniger als anderthalb Tausend Doller am Tag zu gewinnen. Nachdem sie zu Ende gespielt hatte, bat sie mich auch um ein Spiel. Ich wusste, dass es keinen Zweck hatte, doch setzte mich vor das Schachbrett, um sie nicht zu verärgern. Ich weiß nicht, was mit ihr geschah. Vielleicht unterwarf sie sich. Doch als sie verloren hatte, weinte sie bis zum Abend. Man brachte Essen aus dem Restaurant. Wir aßen gemeinsam. Rada schnappte sich das Rotauge und nahm mich mit zum Schachbrett.

„Spielen wir noch eine Runde?“

„Wirst du auch nicht verärgert sein?“

***

Ich blieb bei Rada. Wir spielen kein Schach mehr. Rada darf jetzt nur nicht nervös werden. Abends gehen wir im Park spazieren. Auf dem Weg nach hause kaufen wir immer frisches Obst.

Manshuk Dajrabaeva Schagala (Kas.: Möwe)

Das Treffen der Absolventen sollte um sechs Uhr statt finden, mein Flieger kam um vier an. Ich setzte mich ins Taxi und bat den Fahrer, mich etwas durch die Stadt zu fahren. Früher konnte man die Stadt innerhalb einer halben Stunde durchfahren, und auch jetzt schien sie nicht größer geworden zu sein. Wir fuhren durch einige Bezirke, am zentralen Markt vorbei, vorbei an der Moschee, dem Museum, der Kirche, und schließlich kamen wir am Ufer an. Hier hatte man Asphalt verlegt, Bänke wurden aufgestellt  und künstliche Palmen aufgebaut. Wir fuhren am Ufer entlang bis zu den Laubgärten, rechts glänzte das Meer. Dann drehten wir um und fuhren in die Stadt. Ich nannte dm Fahrer die Adresse der Schule, doch da sah ich ein Café und bat ihn anzuhalten. 

Ich ging hinaus und atmete die Meeresluft ein. Von der Hitze und der feuchten Luft viel das Atmen schwer, das Hemd klebte am Körper. Ich ging über die Straße und betrat das Café. Dies war eine gewöhnliche Bar, in welcher Vadik und ich billigen Portwein tranken als wir von dem Unterricht flohen. Nun hieß das Café „Schagala“, obwohl im Inneren es immer noch dieselbe Bar war. Hinter der Bartheke stand eine dicke Frau, es war wohl die gleiche, welche uns damals den Portwein einschenkte. Ich bestellte mir ein Bier. Sie stellte das Glas vor mich hin, ohne den Schatten eines Lächelns. Ich hatte sogar kurz den Eindruck, dass sie mich gleich erkennt und mir mit dem Finger droht. Ich ging zum Tisch am Fenster und setzte mich. Vor dem Fenster am anderen Ende der Straße glänzte das Meer. Das Bier war kalt und das Glas war bedeckt mit nassen Perlen. Ich trank und beobachtete wie sich die Wellen bewegen. Das Meer war sehr stürmisch, die Wellen schlugen gegen das Ufer und explodierten mit großen Tropfen.

Ich war der einzige im Café, saß dort einige Stunden und war nun betrunken genug für das Treffen mit der Vergangenheit. Ich bezahlte und ging zur Schule. Als ich dort ankam, war es ca. acht Uhr. Ich ging, wackelte, als ob ich mich zu einer Musik bewegen würde, welche aus den offenen Fenstern erklang. Ich stolperte auf der Vortreppe. Das Foyer war mit Luftballons geschmückt und mit bunten Papierfahnen, am Eingang hing ein Banner mit den Buchstaben, die Wörtern zusammengefügt waren: „Herzlich willkommen zum Jahrgang 98“. Ich schmunzelte, als ich die Buchstaben betrachtete und verstand, dass ich nicht so sehr die Fratzen der Klassenkameraden sehen möchte.

Als ich abwog, ob ich gehen oder bleiben sollte, kam mir Alena entgegen – die ewige Klassensprecherin. „Sabyrzhanov,“ sagte Alena, „du bist wie immer zu spät!“ Sie kam zu mir und umarmte mich warum auch immer. „Die Tänze haben bereits begonnen. Die unsrigen sind alle in der Aula, geradeaus und links.“

„Ich erinnere mich,“ sagte ich und ging geradeaus und dann nach links.

Ich betrat die Aula und kniff die Augen zusammen vom Licht und von den Erinnerungen. Es waren viele Menschen da, es schien als ob alle Absolventen hier versammelt waren. Unsere Leute standen in einem Kreis, fast alle wie früher, außer Kostja, dieser starb letztes Jahr an einem Infarkt. Vadik und Mascha waren auch da. Ich ging zu ihnen und sie wurden ruhig, als ob sie über mich gesprochen hätten.

„Hallo,“ sagte Mascha.

Ich streckte die Hand aus, und begrüßte in der Reihenfolge die Jungs, irgendjemand klatschte mir auf die Schulter. Vadik begann plötzlich alle zu sich nach Hause einzuladen, er sagte, dass er ein großes Haus gebaut hatte und wir alle sollten ihn zur Einweihungsparty besuchen. Die Jungs und Mädchen wurden laut. Vadik ging zu Mascha und umarmte sie. Sie zitterte und nahm seine Hand weg. Er war betrunken.

Es wurde ein langsames Lied von Gubin gespielt, die Mädchen kicherten. Die Jungs gingen raus um zu rauchen. Ich wollte nicht mit ihnen gehen. Ich war erschöpft. Ich setzte mich auf  die Schulbank neben der Wand , nahm einen Papierteller, legte Wurst darauf, Käse und Brot, um mir ein Butterbrot zu machen. Die Jungs und Mädchen tanzten in Pärchen. Mascha stand alleine da und blickte sich um, als ob sie jemanden suchen würde. Sie wollte tanzen. Sie liebte es immer zu tanzen. Sie blieb ohne Vadik, er ging auch raus, um zu rauchen, doch das geht mich nichts an. Ich biss in das Butterbrot, als ich bemerkte, wie sie auf mich zukommt.

„Lass uns tanzen,“ sagte sie.

„Eigentlich bin ich am essen,“ sagte ich mit vollem Mund.

Sie setzte sich neben mich und wackelte mit den Beinen. Sie trug ein schwarzes Kleid mit einem tiefen Ausschnitt, solche, welche normalerweise fünfzehnjährige Mädchen tragen.

„Ich habe das Kleid schon mal gesehen,“ sagte ich.

„Nein, hast du nicht.“

„Du hattest es bei der Abschlussfeier an,“

Sie lachte und legte sich den Pony hinter das Ohr. Ich bemerkte Strahlen in den Ecken ihrer Augen.

„Und du bist immer noch der selbe Schnösel,“ sagte sie. „Und wie immer betrunken.“

Wir redeten noch eine Weile. Sie nahm aus der Tasche ihr Telefon heraus und zeigte mir die Bilder ihrer Jungs. Der Ältere sah ihr ähnlich, der jüngere sah Vadik ähnlich. Ich zeigte ihr das Foto meiner Frau. Ich trug dieses Foto mit mir seit fünf Jahren, seit dem Tag der Hochzeit, doch ich nahm es zum ersten Mal heraus.

„Sie liebt dich,“ sagte Mascha. „Du schaust zu Seite und sie blickt dich an.“

Ich weiß,“ sagte ich

„Liebst du sie?“

Ich nickte.

„Und wofür?“

Eine dumme Frage. Ich schaute ihr in die Augen und sagte:

„Dafür, dass sie mich liebt.“ Ich steckte das Foto weg und machte mir noch ein Butterbrot.

„Warum hast du dich betrunken?“ fragte sie.

„Ich bin eben erst mit dem Flieger gekommen. Ich musste mich sammeln. Mir scheint es nach einem Flug immer, als ob ich immer noch fliege. Das ähnelt einem Wertewandel, als ob…“

Ich schwieg. Sie schaute mich an, doch verstand nicht. Ich wollte sagen, dass die Stadt der Kindheit, das Meer, die Schule, die bekannten Gesichter einen Klumpen des Vergangenen zu mir schieben, welchen ich nicht in mich einlassen möchte. Ich wusste, dass wenn ich in die Hauptstadt zurück kehre, ich einige Tage mit einem Klumpen des Vergangenen umher streifen werde, und dann schmeiße ich all den Dreck weg in den inneren Schuppen, wo andere Erinnerungen aufbewahrt werden.

Wir schwiegen, dann begann das Quiz. Masha nahm aus der Tasche das Einladungsticket, schaute auf die Nummer und ging zur Bühne. Ich legte das Butterbrot weg und ging in den Hinterhof.

Ich nahm eine Zigarette heraus und als ich die Stimmen der Jungs hörte, ging ich zu ihnen. Diese betrunkenen, riesigen, vierzigjährigen Burschen spielten „Messer“. Es war dunkel. Der Hof wurde von einem kalten Licht der Laternen beschienen. Vadik stand mit einem Fuß im Zentrum eines auf der Erde gezeichneten Kreises. Er ging mit dem Messer immer besser um als wir. Ajdar hielt ein Taschenmesser fest. Ich schmiss die nicht zu Ende gerauchte Zigarette weg und sagte, dass ich auch mitspielen möchte. Ajdar gab mir das Messer, ich nahm es und traf Vadik auf den Fuß. Er schrie und schaute das Messer an. Die Mädchen kamen dazu als sie das Schreien hörten. Vadik wurde von der Menge umkreist, ich ging etwas zur Seite. Alle schwiegen und keiner blickte mich an. Aus der Menge kam Mascha heraus. Ich stand und beobachtete, wie sie seinen Schuh abnahm. Wahrscheinlich sagte Vadik ihr, dass ich Schuld war, weil sie den Kopf hob und mich mit ihren Augen suchte. In ihrem Blick war kein Beleidigt sein und nichts Böses. Sie verstand alles. Vadik zog die Socke aus, über den Zehen war ein Schnitt, aus dem Blut rann. Er bewegte die Zehen. Vollkommener Mumpitz.

„Entschuldige,“ sagte ich.

Mascha schaute mich nicht an, sie wedelte mit der Hand, nach dem Motto, dass alles in Ordnung sei.

„Man kommt gar nicht zur Ruhe,“ sagte Vadik böse.

Ich drehte mich um und ging zum Zaun. Ich verließ den Schulhof und ging den Weg entlang auf der Suche nach einem Geschäft. Das nächste Geschäft hieß „Schagala“. In dieser Stadt gibt es zu viele „Schagalas“, dachte ich. Ich kaufte eine Flasche Wodka und fand mich am Stadtstrand wieder. Ich ging am Ufer entlang und trank direkt aus der Flasche. Das Meer beruhigte sich. Die Wellen näherten sich langsam dem Ufer und dann wieder mit leisem Zischen zurück. Und plötzlich erblickte ich in der Dunkelheit alte, eiserne Schaukeln und eine hölzerne Laube neben diesen.

Ich blieb stehen, doch betrat die Laube nicht. Ich legte mich auf den Sand, trank und beobachtete die Sterne, wie ich einmal vor hundert Jahren hier mit ihr gelegen hatte, nach der Abschlussfeier. Eine Möwe schrie. Und dann noch eine, und noch eine. Ich stand auf, zog meine Schuhe aus und rann weiter, weg von den abrupten Schreien.

Valeria Krutova Freundschaft zwischen Männern und Frauen

Oksana, Anja und Marijka freundeten sich schon in der ersten Klasse an. Marijka und Anja saßen an einem  Schultisch – hier konnte man gar nicht anders als befreundet zu sein. Und Oksana lebte in der Nachbarschaft mit Anja und sie gingen immer zusammen zurück. Alles im allen fügte sich alles gut zusammen. Nur zu schade, dass man am Tisch nicht zu dritt sitzen kann. Doch die Mädchen hielten sich immer zusammen auf in der Mensa oder der Aula während der Festlichkeiten. Und wenn sie mit der Klasse ins Puppentheater gingen, setzten sie sich auch nebeneinander.

„Am Mittwoch haben wir keinen Unterricht,“ sagte Julia Andrejevna, ohne den Blick von der Zeitschrift abzuwenden. „Wir haben…Subbotnik“

„Warum Subbotnik nicht an einem Samstag? Und warum nennt man den Subbotnik am Mittwoch nicht Mittwochnik?“ interessierte sich Azamat und riss sich von Dimka los, der an ihm hing.

Julia Andrejevna hob den Kopf und lächelte.

„Wirklich,“ sie war einverstanden, „Es ist unlogisch. Ich werde beim Direktor nachfragen.

Sie lachte leise und ihr nach lachte die ganze Klasse 2 B.

„Was zerrst du immer an mit?“ Azamat warf sich beleidigt auf Dimka.

„Warum kommst du immer mit deinen Fragen?“ flüsterte Dimka nicht weniger beleidigt.

Anja und Marijka drehten sich um und zischten die Jungs an.

„Was zischen die hier so,“ ärgerte sich Azamt, doch Dimka antwortete nicht und deshalb hat Azamat sich beruhigt.

Julia Andrejevna stand auf und begann etwas auf die Tafel zu schreiben.

„Schreibt in eurer Hausaufgabenheft, damit die Eltern es nicht vergessen für euch einfache Kleidung, einen Besen und zwei Lumpen mitzugeben.“

„Große Lumpen?“ rief Dimka von seinem Platz aus.

„Du stellst selbst blöde Fragen,“ flüsterte ihm Azamat ins Ohr zu.

„Nein, nicht so große Lumpen. Solche, mit welchen ihr zuhause die Tische wischt. Wir werden die Schulbänke sauber machen,“ antwortete Julia Andrejevna.

„Frag noch, ob der Besen groß sein soll,“ flüsterte wieder Azamat.

„Abiev, möchtest du auch etwas fragen?“ Julia Andrejevna blickte ihn an.

„Nein-nein, entschuldigen Sie.“

„Sein Mund geht einfach nicht zu,“ kicherten Marijka und Anja.

Azamat machte eine Grimasse und ärgerte Marijka.

Am Mittwoch versammelte sich die ganze Klasse bei dem Eingang vor der Schule. Es war nicht nur die 2 B, sondern die ganze Grundschule. Das erste Quartal ging zu Ende und der Direktor der Schule wollte diese mit Sauberkeit beenden, denn fünf zweite Klassen wurden von dem Unterricht befreit.

Julia Andrejevna teilte die Schüler in Sektoren ein: Anja, Oksana und Azmat sollten Tische waschen, Igor, Marijka und Dima sollten den Vorgarten der Schule fegen.

„Warum geht mein Mund nicht zu?“ fragte Azamat interessiert.

„Was bist du nachtragend,“ sagte Anja. Azamat wrang den Schwamm aus und begann mit der rauen Seite die Aufschrift „Roma“ von dem Tisch zu wischen.

„Ich bin nicht nachtragend. Ich bin neugierig, warum die Freunde so über mich denken,“

„Sind wir etwa Freunde?“ geriet Oksana in Verlegeneheit.

„Warum nicht?“ wunderte sich Azamat und wurde plötzlich böse: „Warum fegt dieser Roma dort, wo ich nicht war und keinen Dreck hinterließ, und ich wische sein Kunstwerk weg!“

„Das ist ungerecht,“ war Anja einverstanden. Und sie streute etwas Soda auf die Aufschrift. „So sollte es schneller abgehen.“

„Oh, danke!“ freute sich Azamat. „Schau mal, wir sich wirklich Freunde!“

„Ich habe mal meine Mutter reden gehört, dass es zwischen Männern und Frauen keine Freundschaften gibt,“ sagte Anja.

„Nun, die Mutter hat wahrscheinlich Recht. Doch wir sind keine Männer und Frauen. Wir sind Zweitklässler. Ich denke, wir können befreundet sein. Es gibt Freundschaften zwischen uns,“ sagte Azamat selbstsicher.

Er sah, wie Oksana den Eimer mit Wasser hob, rannte zu ihr und nahm ihr diesen ab. 

„Ich werde es selbst umtauschen,“ sagte er wichtig, „Ich bin schließlich ein Junge. Auch wenn ich nur ein Zweitklässler bin.“

Die Mädchen hatten nun Respekt vor Azamat.

„Und mit Dimka und Igor‘ sind wir auch Freunde?“ Anja wurde rot.

„Natürlich!“

Die Kinder waren bald fertig mit den schmutzigen Tischen, wuschen die Tafel mit einem sauberen Lappen und Wasser. Azamat wusch auch die Schuhe und die Fensterbank mit dem gleichen Lappen. Und während er am waschen war, nahm Oksana Brote und eine Flasche Kompott heraus.

Julia Andrejevna entdeckte sie am Tisch, wie sie fröhlich quatschten und Krümmel von den Broten auf den Boden fallen ließen.

„Ihr seid super,“ lächelte sie. „Habt alles gewaschen, gegessen und euch angefreundet.“

„Wir waren schon immer befreundet,“ sagte Azamat mit vollem Mund.

Mit den Fäusten winkt man nicht

Azamat suchte ein Talent. Er stand vor dem Spiegel und beobachtete sich genau von den Füßen bis zum Kopf. Wo kann das Talent sein? Singen konnte Azamat nicht. Wobei, wahrscheinlich schon, doch er hat es nicht ausprobiert. Tanzen auch nicht. Das im Kindergarten zählt nicht dazu. Seiner Meinung nach war er damals viel zu jung und konnte dem Druck der Erzieher nicht widerstehen. Sportliche Errungenschaften hatte er auch keine. Wie Sport selbst.

„Vielleicht sollte ich meine Eltern fragen, mich zum Sport zu schicken,“ dachte er.

In vier Tagen begann in seiner Klasse ein Talent-Wettbewerb. Die Schüler der 2 B bereiteten sich vor und Azamat machte sich gar keine Sorgen. Irgendein Talent wird er schon finden. Seine Eltern und Brüder quälten ihn mit Fragen, was er denn beim Wettbewerb zeigen wird. Azamat schwieg vieldeutig.

„Was wirst du zeigen?“ er rief Dimka an.

„Ich werde einen Zauberwürfel zusammenfügen,“ antwortete der Freund.

„Und Igor‘? Wahrscheinlich Piroggen essen?“

„Ich habe ihn nicht gefragt,“ Dimka verstand den Witz nicht. „Es soll eine Überraschung werden.“

„Dann wird es auch bei mir eine Überraschung sein,“ beschloss Azamat.

„Erzählst du es mir?“

„Wenn ich selbst wüsste, welche…Ok, machs gut. Wir sehen uns morgen,“ der Junge legte auf.

„Eine Überraschung – das ist schon einfacher. Vielleicht kommt das Talent zu mir wie eine Überraschung,“ dachte Azamat.

Doch das Talent kam nicht. Der Junge wurde immer nervöser und als der Morgen des Wettbewerbs kam, wollte er sogar so tun, als ob er krank sei. Doch er vergaß es und hüpfte zum Frühstück. Die Eltern zogen ihn festlich an, küssten ihn und versprachen zum Wettbewerb zu kommen.

„Ich werde mich vor der Klasse und vor den Eltern blamieren.“Azamat machte sich Sorgen. Die Mutter Azamats liebte es darüber Witze zu machen, dass Azamat oft zu lange vor dem Fernseher sitzt, und nichts um sich herum bemerkt.  Doch Trickfilme beim Wettbewerb einzuschalten würde ihm niemand erlauben. Doch er war sich sicher, dass sinnlose Talente auch zählen.

Im Klassenraum war es laut. Alle interessierten sich für die gegenseitigen Talente.  Jeder wollte talentierter als die anderen sein. Und zum Azamat lief Marijka:

„Oh, wie festlich du gekleidet bist. Mit einer Fliege,“ sie nahm ihn an der Hand, „lass uns gehen. Da sind alle unsrigen. Nur alle schweigen darüber, was sie vorbereitet haben,“ Marijka machte eine Grimasse. „Intriganten.“

„Und du schweigst nicht?“ fragte Azamat interessiert.

„Ich habe einen Salat mit dem Schnäuzchen eines Tigers vorbereitet. Oben sind Möhren und Eier wie Streifen und Butter-Augen.“

„Und die Schnurrhaare?“

„Grüne Zwiebeln.“ Marika lächelte.

„Ist der Salat auch ein Talent?“ der Junge kniff die Augen zusammen.

„Natürlich, versuche mal selbst die aller schönste Schnauze eines Tigers zu machen. Das wird schwerer sein als ein gemaltes Bild!“ Das Mädchen nickte selbstsicher und Azamat war einverstanden.

Dimka, Igor‘, Anja und Oksana warteten auf sie in der Ecke des Klassenraumes. Alle ruhig und zufrieden. Talentiert. Azamat machte sich solche Sorgen, dass er sogar dazu bereit war, nicht am Wettbewerb teil zu nehmen. Doch er hoffte, dass eine Talent-Überraschung von alleine komme wird.

Der Klassenraum füllte sich mit Eltern. Diese näherten sich den Kindern, richteten den Mädchen die Haare, den Jungs die Krawatten, küssten die Kinder auf die Wangen. Sie gaben ihnen ein vertrautes Gefühl – Auch Azamats Eltern kamen zu ihm  – fröhlich und begeistert.

„Warum träumen die Eltern nur von Talenten?“ dachte Azamat traurig.

Und dann ging es los. Dimka zeigte, wie schnell er den Rubikon zusammenbauen kann, alle klatschten.

Dann sangen Dascha und Asel‘ im Duett, nach ihnen tanzten Artur und Ksenja einen Tango. Na und? Sie besuchen schon seit dem Kindergarten den Tanzunterricht. Oksana zeigte ihre Zeichnungen – ein Portrait der Mutter, ein Stillleben mit Äpfeln und Vase, ein Kätzchen mit einem buschigen Schwanz. Anja trug ein Gedicht vor, welches sie selbst gedichtet hat. Igor‘, von dem Azamat ein Talent erwartet hatte, welches mit Essen zusammen hängt, zeigte eine gymnastische Übung. Oha! Er ist also ein Sportler. Marijka gab allen Salat zu essen. Eine andere Klassenkameradin hatte ebenfalls was zu Essen vorbereitet – Kekse. Azamat war sich sicher, dass ihre Oma diese gebacken hat.

Und der Junge wurde immer verunsicherter – er war bald an der Reihe, doch ein Talent wollte ihm nicht einfallen.

„Lasst uns für Azamat applaudieren. Er beendet unseren Wettbewerb!“ sprach Julia Andrejevna und Azamat ging zur Tafel, darüber grübelnd, wie er diesen doofen Wettbewerb beenden kann.

Er hob die Nase, schaute auf das Publikum. Da erinnerte er sich an etwas und hatte sich entschieden.

„Könnt ihr so etwas?“ schrie er.

Und er steckte sich seine Faust in den Mund.

Alle schwiegen. Es sah so aus, als ob das niemand konnte.

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