BRÜCKE von Oral Arukenova, übersetzt von Kuljash Bajchergasheva/Voag

                Ihre Anwesenheit nahm Jesen viel früher wahr, bevor sie auftauchte. Sie erschien sowohl in seinen Träumen als auch in der Wirklichkeit, er freute sich immer darüber. Seitdem seine Mutter nicht mehr lebte, träumte er von dieser Wölfin. Das war ein gutes Omen, so entschied er sich. Die Mama erklärte: so wie du den Traum interpretierst, so kommen die Dinge auf dich zu. Die Wölfin rettete ihn in seinen Alpträumen, entweder zog sie ihn aus dem Sumpf oder stellte sich vor die  Monster.

                Sie wurde für ihn sein Glücksbringer. Manchmal spürte Jesen ihre Anwesenheit auch in der Wirklichkeit. Wenn Zweifel aufkamen oder jegliche Gefahr drohte, tauchte die zierliche Gestalt seiner Beschützerin auf. Sie lief dem Fluss entlang, als er sie am anderen Ufer bemerkte. Die Wölfin begleitete ihn. Sie lief auf verschneitem Boden und schaute in seine Richtung. Vor einem Monat wäre Jesen sicher gewesen, dass sie ihn beschützen wollte, aber jetzt zweifelte er daran Der Grund dafür war das Misstrauen seiner Schwester Zhuldyz (1). Als er in ihrem Haus in der Stadt wohnte, konnte er in der ersten Nacht lange nicht einschlafen, bis der Schatten der Wölfin erschien. Er stand früh am Morgen auf und zeichnete sie, wie er es öfters in letzter Zeit getan hatte.

„Was ist das?“ – fragte die Schwester.

„Eine Wölfin!“ – antwortete Jesen, „aus meinem Traum“.

Zhuldyz fand das besorgniserregend und am übernächsten Tag brachte sie ihn zu einem Arzt, Spezialisten für Akupunktur. Jesen hörte zufällig am Tag zuvor mit, wie seine Schwester ihre Gedanken mit ihrem Mann Benoit teilte.

„Er hat Alpträume, weißt du, träumt von einem Wolf, den er sogar gemalt hat. Ich habe mitbekommen, dass er lange nicht einschlafen konnte. Ich hörte ihn mehrmals umdrehen, während ich die Hefte meiner Schüler prüfte. Am nächsten Tag hat er einen Wolf gemalt, nein, eine „Wölfin“ – hat er gesagt.

– Hast du mit ihm gesprochen?

– Ich glaube, ich gehe mit ihm zu Nina, zur Akupunktur.

– Richtig so. 

Die Nadeln haben mir geholfen, alles war vorbei. Sie steckte mir Nadeln in die Ohrmuscheln, nur dreimal und voila – ich schlafe seit einem Jahr ruhig“.

                Jesen bekam wegen den Nadeln in Ohren Angst. Er konnte in dieser Nacht wieder nicht schlafen. Aber seine Ängste waren vergeblich. Nina mochte er – lustig und freundlich. In ihrem Büro, hinter der Trennwand, bemerkte er zwei liegende Männer, deren Rücken mit dünnen, langen Nadeln bedeckt waren. Als sich die Männer bewegten, zuckten die Nadeln wie Drähte bei windigem Wetter, es sah so lustig aus, dass Jesen lachte. Zhuldyz war von dieser Reaktion überrascht und Nina zwinkerte ihm zu. Er setzte sich gerne auf  Stuhl und schloss die Augen. Nach ein paar Minuten sagte Nina ihm, er solle seine Augen öffnen und in den Spiegel schauen. Jesen lachte wieder. Wie konnte sie ihm zwei so lange Nadeln in die Ohren stecken, ohne dass er etwas spürte? Seine Schwester brachte ihn eine Woche lang zu den Prozeduren, Jesen konnte jetzt durchschlafen und wollte nicht einmal morgens aufstehen. Er träumte weiterhin von der Wölfin, aber erzählte Zhuldyz nichts davon. Sie sprachen nie wieder über diese Wölfin. Er hörte die Tante Nina sagen, dass Wölfe im Traum ein alarmierendes Signal seien und Jesen sollte eine Psychotherapeutin aufsuchen. Jesen machte sich Sorgen, er wollte nicht zum Psychotherapeuten, was passiert, wenn er in die Klinik eingewiesen wird.

                Die Jungs in der Schule nannten ihn bereits „ein Psycho“, weil er schweigsam und körperlich sehr stark war. Einmal während des Sportunterrichts zeigte der Lehrer eine Kampfwurftechnik – den Wurf über die Hüfte. Also Jesen warf Tolegen, einen mobbenden Redner und Lügner, mit vollem Eifer. Er wollte ihm vor langer Zeit eine Lektion erteilen. Dieser flog über die Matte, ein paar Mal im Salto sich drehend, landete auf der anderen Seite des Raumes, schlug mit der Schulter hart gegen den Boden und verrenkte sich die Hand. Wie er geschrien hat!

                „Meine Hand! Oh, Hand! Er hat mir den Arm gebrochen! Ich sterbe, meine Schulter tut so weh! Oh, mein Arm! Oh, Schulter!“

                Jesen konnte sein Lächeln nicht verkneifen und sah Tolegen hysterisch auf dem Boden zucken. Er hörte auf zu lächeln, erst nach dem der Schulleiter in die Halle hinein stürzte. Sein Vater wurde sofort angerufen, er kam gerade vom Bauernhof, um Lebensmittel zu besorgen.

                Sein Vater schimpfte nicht mit ihm, er war an sich ein wortkarger Mensch. Erst auf dem Weg von der Schule sagte er plötzlich verspottend:

Zügele deine Kraft oder du wirst aus Versehen jemanden brechen“. 

                Seit diesem Vorfall hatten die Jungs Angst vor Jesen, provozierten ihn nicht und behandelten ihn mit scheinbarem Respekt. Tolegen wurde noch lange Zeit gehänselt: „Oh, Arm, oh, Schulter!“

                Zhuldyz suchte keinen Psychotherapeuten für Jesen auf, Benoit-Zhezde (2) und er schauten einen Film über Wölfe an, einen großartigen Film! Zhezde erzählte, dass er sich als Kind auch für Wölfe interessierte, viel über sie las und sogart einmal auf eine wissenschaftliche Expedition nach Sibirien mit ging, um die Verhaltensweisen der Wölfe zu studieren. Benoit, obwohl er ein Franzose war, sprach gut Kasachisch. Zusammen mit Zhuldyz unterrichteten sie Französisch an der internationalen Schule. 

***

                Nun zweifelte Jesen sehr. Warum lief die Wölfin ihm hinterher? Bewachte sie ihn oder verfolgte sie ihn? Und das seit einer Stunde! Das Schaf machte „määääh“ die ganze Zeit, wie verrückt. Jesen versuchte sie mit Tritten in die Seite und Schreien zum Aufhören zu bewegen. Und diese wollte sich überhaupt nicht beruhigen.

                Jesen brachte das Schaf zu seinem Nachbarn Amantai für das Wiegenfest. Nach sechs Töchtern bekam Amantai endlich einen Sohn. Er nannte ihn Alpamys und feierte seit Wochen, dafür schlachtete er alle seine Schafe. Es kam die Zeit, den Sohn in Besik (3) zu legen, aber Amantai hatte kein Fleisch mehr. Er wollte zuerst die Kuh schlachten, aber ließ seine Frau es nicht zu. Dann entschied er, die Kuh für den Sogym (4) aufzuheben. Letztendlich beschloss die Familie, ein großes Schaf vom Bauernhof von Jesens Vater zu kaufen. Die besagte Kuh sollte doch später geschlachtet werden, wenn Alpamys vierzig Tage alt wird. Daher ritt Jesen auf einem Pferd mit einem riesigen „määähndem“ Schaf auf der Seite und auf dem anderen Ufer begleitete sie die Wölfin.

                Irgendwann verschwand die Wölfin und das Schaf beruhigte sich. Jesen dachte sogar, dass er sich diese Wölfin nur einbildete. Doch bald wurde das Schaf wieder unruhig und das Pferd begann zu schnauben und zucken. Hinter den Bäumen bemerkte Jesen 3 Schatten. Die Wölfin und zwei kräftige Wölfe trabten am Ufer entlang, mal versteckten sie sich, mal tauchten diese wieder auf. Jesen hatte jetzt wirklich Angst. Das Dorf war fünf Kilometer entfernt,  davor befand sich eine Brücke, die Wölfe könnten leicht das Amantai-Schaf erreichen. Amantai würde sich ärgern. In diesem Moment wurde es Jesen klar, dass er bereits mehrere Brücken überquerte und die Wölfin versuchte nicht, an dieses Ufer zu gelangen. Aber eine andere Zweite? Die beiden Wölfe waren anders. Jesen spürte diese würden ihn nicht in Ruhe lassen, bis sie das Schaf bekommen. 

                Vor ihm erschien eine Brücke. Mit Eis bedeckt sah sie aus wie ein großer, dicker Eiszapfen, der die beiden Ufer verbindet. Nicht weit von der Brücke gab es eine Bergwasserquelle, die bereits von vielen Touristen im letzten Jahr besucht wurde. Diese Brücke, die für eine so große Anzahl von Autos nicht geplant war, konnte eine solche Belastung nicht standhalten und begann langsam zu zerfallen. Im Herbst wurde die Brücke demontiert und mit dem Bau einer neuen begonnen, aber nicht vollendet.  Auf einer Seite wurde die Metallkonstruktion der Brücke nur mit Holzbrettern für Fußgänger ausgelegt. Aber die Touristen konnten nicht aufgehalten werden, sie ließen ihre Autos an diesem Ufer stehen und gingen zu Fuß, mit verschiedenen Flaschen Wasser holen, und es dauerte bis Dezember, bis der Durchgang zur Brücke wegen Schneefalls gesperrt wurde. Einige der Bretter auf der Brücke brachen zusammen und an einigen Stellen waren Löcher zu sehen.

                 Wölfe eilten zur Brücke. Jesen holte ein Messer heraus, um dem Schaf die Kehle durchzuschneiden und es den Wölfen zuzuschmeißen. Es gab keinen anderen Ausweg. Ein kräftiges graues Männchen war als Erstes auf der Brücke, kletterte weiter, rutschte aus und rollte zurück. Der Wolf versuchte nochmal, sich vorwärtszubewegen, indem er sich hinlegte und begann langsam entlang der Brückenmitte zu kriechen. Dann kletterte die Wölfin auf die Brücke. Der zweite Wolf beobachtete sie vom Ufer aus. Jesen beschloss, nach vorne zu galoppieren, und falls die Wölfe ihn einholen sollten, würde er die Kehle durchschneiden und das Schaf den Wölfen zuwerfen. Kaum entfernte er sich von der Brücke, hörte er ein herzzerreißendes Kreischen. Jesen stoppte das Pferd und drehte sich um. Der kräftige Wolf zappelte im wilden Wasser und die Wölfin, die sich an der Brückenstange festhielt, hing in der Luft. Jesen drehte das Pferd um. Nachdem er vom Sattel gesprungen war, warf er seinen Mantel und seine Handschuhe ab. Er nahm das Schaf vom Sattel runter, eilte zur Brücke und näherte sich vorsichtig der Wölfin. Mit dem Rücken zum Geländer ging er in die Hocke und packte die Wölfin mit beiden Händen an den Vorderpfoten und zog sie zu sich heran. Die Wölfin schwankte in der Luft, krallte sich in die Handflächen und mit dem Schwung kletterte auf die Eisenstange. Sie legte sich ein wenig hin, schaute Jesen mit einem bedauernden Blick an, wimmerte und kroch an das Ufer. Als die Wölfin von der Brücke herunterkam, fiel sie in den Schnee, wälzte sich und setzte sich auf. Das Pferd blies seine Nüstern auf und stellte sich auf seine Hinterbeine. Das Schaf machte „määäähh“ und lief in Richtung Wald, aber versank und zappelte verzweifelt im Schneehaufen. Jesen lachte laut, richtete sich auf, er hatte keine Angst mehr und ging sicher über die Brücke. Aber er rutschte aus und schaffte es gerade noch, nach dem  Geländer zu greifen. Das Eisen war rutschig, aber Jesen hielt sich fest. „Wenn das Eis geschmolzen ist..“: dachte er, „dann könnte ich mich hochziehen und zurück auf die Brücke klettern“. Er schaute nach unten. Der wilde Wasserfall in der Mitte des Flusses trug den Wolf flussabwärts weit weg und  bewegte ihn als einen kleinen grauen Wollklumpen hin und her. Das Eis schmolz schmerzhaft in seinen Händen, Jesen warf seine Beine auf die Querstange und hielt sich sicher auf der Brücke. Aber das Seltsame war, er konnte seine Hand von der Eisenstange nicht befreien. Es schien ihm, seine Hände verschmolzen  mit ihr.  „Beruhige dich und überlege mal…“ dachte Jesen und in diesem Moment verspürte er die Kälte: Sein Hemd und Pullover rutschten nach oben und die Kälte des Wildwassers drang durch seinen Rücken.  Er versuchte seine rechte Hand zu öffnen, aber bei seiner ersten Bewegung könnte er vor Schmerz fast heulen. Die Haut klebte an dem gefrorenen Eisen. Er schaute auf das Ufer. Das Pferd beruhigte sich, das Schaf befreite sich aus dem Schneehaufen und beide beobachteten ihn. Und die Wölfin, die vorsichtig über die Brücke kroch, bewegte sich langsam auf ihn zu.  So kam sie näher, legte sich auf die Stange und fing an, seine Hände zu lecken, zuerst die eine und dann die andere. Ihr Kopf lag auf Jesen’s Brust, er beugte sich zu ihr und rieb sich an ihrem Fell. Die Wölfin gab ein freundliches Geräusch von sich. Bald konnte Jesen die eine Hand öffnen und dann die andere. 

———————————————–

(1) Zhuldyz – kasachischer Frauenname, bedeutet „Stern“

(2) Zhesde – der Schwager, der Ehemann der äteren Schwester

(3) Besik – auf Kasachisch „die Wiege“

(4) Sogym – kasachische Tradition, es wird für die Winterzeit der Fleischvorrat angelegt, in dem man Tiere (Schafe, Kühe) schlachtet. Die Verwandten werden eingeladen, um Fleisch unter sich zu verteilen.

Irina Gumyrkina Nun sind wir allein

Nun sind wir allein

und tonlos die Umrisse der Worte,

doch noch tonloser als alles andere –  der Mensch selbst…

Andrej Tavrov

Der Schnee heute ist weiß und schweigsam,

Und legt sich mühsam unter die Füße,

Taut gar nicht – seltsam und bange,

Und immer schwerer fällt es zu gehen,

Doch ich gehe bis ich weg geführt werde

Von der fast ununterscheidbaren Spur zur Grenze.

Nach ihr, ich weiß, wird es unmöglich sein

Sich selbst die Strapazen des Weges zu verzeihen:

Nach ihr ist der Schnee ganz anders – reiner,

Die Sonne weißer, und die Hügel ovaler,

Und der Himmel ist von Licht durchtränkt,

Weiter und dichter die Stille.

Meine Seele und mein Körper werden dort bettelarm sein.

Doch ich habe keine Angst, es ist ursprünglich:

Mit einem klanglosen Wort werde ich ohne Antwort bleiben,

Mit der Klanglosigkeit der Winter überstehe ich die Krankheit ganz.

***

Alles wie für Erwachsene: Bitterkeit, Tabakrauch.

Nur, weißt du: morgen wird es vorbei sein.

Der Fernseher heult auf jede Art und Weise:

Ein Flugzeug, ein abgestürztes Flugzeug.

Es sind nicht deine Verluste, nicht du bist dort.

Du krümmst vor Trauer den Mund in den Nachrichten.

Doch gewaltsam nehmen wir die Bürde auf uns,

Das heißt, es wird bald verheilen.

Den herben, nicht süßen Tee austrinkend,

Schaust du schwermütig durch das Fenster,

Wie die afghanischen Stare die Beute teilen –

Hartes Brot. Ein anderes gibt es nicht.

Keine Landschaften keine  anderen Farben drumherum –

Liebe du, was es gibt, schwarzen und roten Schnee.

Du weißt bloß: morgen zum nächsten Kreis,

Fliege hin, laufe dich nicht tot, Mensch.

***

Wir sprachen, manchmal schwiegen wir

Und rannten heraus, ohne den Mantel an zu ziehen,

Auf die Straße in herbstlichen Nächten,

Die Gedichte lasen wir laut. Und niemand

Konnte verstehen: woher wir waren –

Mit unseren müden Augen und der müden Seele,

Waren wir berauscht vom Wein oder von der Unterhaltung,

Das ist alles unwichtig – uns ging es gut,

Solange wir zusammen waren. Und dann, dorthin zurück gekehrt

Wo hasserfüllt sogar die Träume sind,

Wir wussten sicher, dass es nicht besser wurde,

Und wir bis zum Frühling durchhalten müssen.

Im Winter das Wasser, welches in Bächen lief,

Schwemmt Schicht für Schicht ab, und schon

Ist die Erwartung nachts nicht mehr furchtsam,

Man muss nicht einem Dieb gleich, auf der Hut sein,

Man muss den verwelkten Blick nicht verstecken –

Schau auf alles, als wäre es zum ersten Mal.

Ist es als Strafe oder als Belohnung uns –

Die Zeitlosigkeit, welche uns nicht verrät.

***

Es wird nichts übrig bleiben. Nichts einmal die einfache Rede

Sie wird wie ein Fluss austrocknen und nicht weiter fließen.

Und du wirst nicht verstehen, wie rein sie ist –

Wie die Träne von Christus

Nichts wird in Erfüllung gehen. Egal wie oft du fragst –

So leer ist über uns die pure Bläue des Himmels,

Nur das Echo multipliziert das heisere Lied der Krähen.

Und von allen Seiten

Nichts – kein Blick, kein Schwung einer fremden Hand:

Sie sind still auseinander gegangen, wie Kreise auf dem Wasser,

Sie schmolzen weg ohne Spur, wie der letzte Schnee.

Und es flachte ab

Alles, woran wir geglaubt haben, wir dachten – für immer.

Die Rede flachte ab, und der Stern war ausgebrannt.

Nichts zu machen. In der Ferne erlöschen die Feuer –

Nun sind wir allein.

***

Ich kehre dorthin zurück, wo die Zeit

nichts verändern kann,

wo der, auf die Erde gefallene Samen

in Gottes Handfläche wächst;

das Gras umrankt achtlos

die metallene Absperrung.

Ruhig windstill, heiter,

und man benötigt nichts mehr.

Doch sie ist wie eine Meereswelle,

bedeckt, und es wird plötzlich schrecklich,

davon, dass man nicht los lässt;

davon, dass auch ich eines Tages

nicht mehr kann – verschwinde, schmelze,

wie Zigarettenrauch im Wind.

Ich kehre zurück leer –

am Tod kann man nichts ändern.

***

Töte nicht meinen Glauben, welcher auf einem Haar hängt,

Und meinen letzten Frieden, bitte, stehle ihn nicht.

Ohne diesen ist es mühsam, wie ein Stein, eine Feder in der Hand,

Was ist von dem Vogel übrig geblieben, der in meiner Brust lebte.

Lüge mich nicht an in den Handlungen und in den Gedanken,

Ohne diese kann ich keine Träume sehen: keine eigenen, keine fremden –  keine Träume

Und dann ist es gleichgültig. Und dann – Leere im Inneren,

Und rufst du, rufst du nicht – es wird eine Stimme in der Antwort still sein.

Deswegen lasse mir keine Wahl, nach zu folgen

Und erkennen, wie –   ob salzig, ob bitter – im Geschmack.

Der in der Nacht gefallene Schnee wird lange nicht schmelzen.

Gehe nicht weg, lass nicht hier – ohne dich habe ich Angst.

***

Während du auf die Nachricht eines Menschen wartest,

Der niemals mehr schreiben wird –

Weil dort, wo er ist, gibt es keinen Schmerz,

Und der azurblaue Himmel ist reiner als die Luft nach dem Regen

In dieser Stadt, welche uns langsam tötet;

Noch erwartest du vom Meer ein gutes Wetter,

Dieses brennt allmählich nieder

Und es bleibt nur noch die tiefschwarze Asche,

Sammele diese und knete daraus eine unbezwingbare Festung –

Grenze dich ab von dem was geschehen ist und was geschehen wird:

Vom menschlichen Umkehrgrenzpunkt

Davon, dass auch der Himmel eines Tages

Verbrennen wird mit einer dunkel-blauen Flamme.

Petras Mažulis: Raumfähre – 226

Der junge Unteroffizier und Außendienstbeamter Samat Ryspaev liebte seine Uniform: Die Offiziersschuhe (oben aus Chromleder, die Futterung: Naturleder, die Methode der Anbringung: mit Kleber, Farbe: schwarz),

Die Schuhe geraden Zuschnittes (Stoff: Gabardine, Farbe: dunkel-blau) mit Schlaufen und rotem Saum an den Seiten, mit einem Latz am Reißverschluss, an der Taille mit Gürtelschlaufen, zwei Seitentaschen, mit einer geschlitzten Hintertasche mit einem Knopf,

der Gürtel (Material: Naturleder, Farbe: schwarz),

das Hemd mit langen Ärmeln (Stoff: Baumwolle, die Zusammenstellung des Stoffes: Poly,ester – 35 %, Baumwolle – 65 %, Farbe: blau),

die Krawatte (Stoff: Polyester, Farbe: dunkel.blau) mit einer Klammer (Material: Messing, Farbe: goldfarben),

die Chevron-Ärmel (Material: Seide, gewebt, Symbol MVD RK honiggelb, stellt einen Lorbeerkranz dar, in dessen Zentrum sich ein Schild befindet, unter dem vertikal ein Schwert abgebildet ist, den zentralen Platz der Komposition nimmt ein schwebender Adler ein),

die Schulterklappen mit den beiden Stichen in goldener Farbe in der Standartgröße (Die Stiche sind mit den Ecken nach oben gerichtet),

die Kappe (Stoff: Wolle, Farbe: dunkel-blau) mit einer Kokarde und einem Emblem, mit einem Rand (metallen) und einem roten Saum.

Der junge Unteroffizier und Außendienstbeamter Samat Ryspaev liebte seine Uniform, doch konnte er sie nicht ausziehen. Er stand vor dem Spiegel, beobachtete sein Spiegelbild, berührte mit dem Finger den himbeerfarbenen Rand der Kappe, wischte von der Schulterklappe den nicht vorhanden Staub ab, streichelte die glänzende Krawatte.

Die Polizei-Uniform umschloss seinen hageren Körper und der junge Unteroffizier atmete friedlich auf, ohne auf dem Hemd nur eine einzige kleine Falte zu finden. Mit dem Kissen des Daumens berührte er den Knopf auf der Brusttasche und fühlte plötzlich von diesem eine ausgehende, angenehme Hitze. Er leckte sich über die trockenen Lippen und zog leicht an dem Knopf, dann fröstelte ihn vor einem süßen Schmerz, welcher in den unteren Teil des Körpers zog.

„Samat,“ hinter der Tür hörte man eine weibliche Stimme.

Der junge Offizier verzog das Gesicht. In den letzten tagen mochte er seinen Namen nicht. „Der steht mir nicht,“ dachte er und zupfte an dem warmen Knopf. Dieser juckte, ameiselte, der junge Offizier fühlte diesen, als ob man in den juckenden Knopf seine Nervenenden keimten. Er drückzte mit dem Finger auf den Knopf und heulte stimmt. Auf dem Körper hatte er Gänsehaut.

„Bist du wach?“ der verärgerte Kopf Madinas schaute aus der Tür heraus. „Frühstück ist fertig…“

In das Schlafzimmer schlüpfte eine Katze hinein. Der junge Offizier fand sie auf der Huabe des Nachbarautos und nannte sie Barsa – zu Ehren des Lieblingsfußballvereins. Huschte an den Beinen Madinas vorbei, lief zum Herrchen und begann sich an seiner Hose zu reiben. Dieser fluchte und schubste die Katze mit dem Fuß. Barsa kreischte auf und versteckte sich unter dem Bett.

„Gehst du weg?“ fragte Madina schüchtern.

Der junge Offizier drehte sich um und schaute auf die Ehefrau, wie auf einen toten Fisch. Er näherte sich ihr und saugte sich mit deinem breiten Blick an ihrem erschrockenen Gesicht fest.

„Geh raus!“ befahl der junge Offizier. 

Madina begab sich aus dem Zimmer heraus und machte die Tür zu unter dem verwüsteten Blick des Ehemannes.

„Zieh die Schuhe aus,“ sagte sie mit einer zitternden Stimme, begab sich in die Küche und stellte den kalt gewordenen Teekessel auf das Feuer.

„Ich mag nicht,“ dachte der junge Offizier und schüttete von der Hose das Katzenfell an, „ich kann nicht.“

Gestern kehre er spät von der Arbeit nach hause – die Polizei der Stadt Almaty wechselte zu einem verschärften Regime für die Dienstleistung von Rechtsverstößen und allgemeinen Ordnungswidrigkeiten am Feiertag der Hauptstadt. Nach den Angaben des Ministeriums der inneren Angelegenheiten planten die Vertreter einer der extremistischen Organisationen eine nicht sanktionierte Versammlung beim zentralen Stadion.  Zum Ort des nicht – behördlichen Meetings wurden  Rechtsschutzkräfte der Abteilung der inneren Angelegenheiten gesandt sowie ein spezielles Kommando, welches schnell reagieren konnte. Dank der Bemühungen der Polizei wurden um die zweihundert Rechtsbrecher festgenommen.

Der junge Offizier erinnerte sich an ihre hasserfüllten Gesichter, an ihre schwarzen Hälse, welche Flüche ausstießen, ihre irren, brennenden Augen, mit welchem sie den jungen Offizier anstarrten, als dieser sie in der Dunkelheit des gepanzerten Gefängnistransporters einschloss. Das Auto, welches mit den Gefangenen vollgestopft war, fuhr weiter mit dem Ruf der Sirenen und der Großmütter und der junge Offizier kehrte zurück um die explosive Menge zu beobachten. Mit einem kühlen Blick unter dem Mützenschirm suchte er in der Menge nach Provokateuren. Das Gespür ließ ihn nicht im Stich: ohne Fehler konnte er naive, mit der Macht unzufriedene Gaffer von professionellen Aufwieglern unterscheiden, deren Ziel es war, die Pfeiler des Staates zu erschüttern, das Land zu Chaos und Anarchie führen. Er nahm die Aufhetzer aus dem Inneren der viel- händigen Menge und schleppte sie mit all seiner Kraft zum Wagen. Wenn der Provokateur Widerstand leistete, kamen die Kollegen dem Offizier zur Hilfe, hoben den Widerständler gemeinsam und brachten ihn zum Wagen. Unter den Blitzen der rot-blauen Leuchten verschwand bald der mit Menschen volle Wagen in der Weite und der junge Offiziers widmete sich wieder seinen gewöhnlichen Aufgaben.

„Ich würde sie alle einsperren,“ dachte er und setzte sich auf den Rand des unordentlichen Bettes.

Bei der Miliz wurden die Gefangengenommenen befragt, und wegen Mangels an Beweisen innerhalb von ein paar Stunden in die Freiheit entlassen, wo sie wieder ihre umstürzlerische Handlungen weiter führen konnten und für Revolte bei den Bürgern sorgen konnten.

„Alle – bis zum Letzten!“ er haute mit der Faust auf das Kissen. Barsa sprang unter dem Bett hervor und versteckte sich hinter dem Kleiderschrank. Der junge Offizier legte seine Hand auf das Gesicht und sah vor sich den zahnlosen Mund des Alten, welcher quäkte, wie ein Mädchen, als man ihn mit Kraft aus der wütenden Menge heraus zog. „Сен — адамсың ғой!“ schrie ihm der Alte zu. „Адамсың ғой!“ Mit Hilfe des herannahenden Kollegen schnappte der Offizier den grau haarigen Unruhestifters an den Händen und schleppte ihn zum Wagen. Die Beine des Alten schleiften auf der Erde und erinnerten an solche aus Stoff. „ Адамсың ғой,“ wiederholte der Alte immer leiser und leiser, „ мен сияқты“ Die Polizisten hoben ihn auf und schmissen ihn in den gefüllten Gefängnistransporter. „Ich bin Polizist,“ äußerte sich der junge Offizier, zeigte seine schneeweißen Zähne und machte mit einem lauten Geräusch die Schiebetür zu.

„Rufzeichen – Raumfähre 224“ flüsterte er und stand vom Bett auf.

Komplett kraftlos kehrte er spät nachts nach Hause zurück. Ohne die Kappe ab zu setzen und das Hemd, die Hose und die Schuhe aus zu ziehen, fiel er in das weiche Bett. Und als er morgens erwachte, stellte er fest, dass er die Uniform nicht ausziehen konnte.

Die hellblauen Katzenaugen schauten vorsichtig aus dem Kleiderschrank hervor. Der junge Offizier schmunzelte und machte die Tür des Schlafzimmers auf. Barsa flog aus dem Zimmer wie eine Patrone. Aus der Küche drang der aromatische Geruch vom Backwerk. Der junge Offizier verstanden, dass er hungrig war.

Im Flur traf er Madina. Diese drückte sich an die Wand. Der junge Offizier warf einen missbilligenden Blick auf sie: ihre langen Haare waren zottelig, das ausgeblichene Kleid war voll mit Flecken, die Hände voller Mehl und Sonnenblumenöl. Er ging an ihr vorbei und versuchte sie an der Pobacke zu zwicken, doch Madina führte mit einer plötzlichen Bewegung seine Hand weg. Der junge Offizier grübelte und verbog die Lippen.

„Bring dich in Ordnung,“ sagte er und berührte mit Ekel ihre Haare, „zukünftige Frau eines Offiziers.“ 

Mit seiner Treue zum Dienst rechnend, mit seinem ungewöhnlichen Leistungsvermögen, worüber sich alle seine Mitarbeiter wunderten, und welche seine Vorgesetzten lobten, rechnete der junge Offizier auf zwei fünfzackigen Sterne, welche bald auf seine dunkel-blauen Schulterkappen fallen.

„Es ist Zeit,“ dachte der junge Offizier und betrat das Badezimmer. Er schnappte sie das Stück Seife und wusch sich, ohne die Manschetten zu berühren, die Hände. Er wusch sich den Seifenschaum weg und begann sich die Zähne zu putzen – jede Reihe dreißig Sekunden. Er gurgelte und spuckte in das Waschbecken. Dann wusch er die Zahnbürste unter dem laufenden Wasserstrahl und steckte sie in den dafür vorgesehenen Halter. Er machte das Schränkchen auf und nahm einem Abkratzer für die Zunge heraus, führte diesen über die herausgestreckte Zunge elf Mal. Nachdem er die Zunge vom Belag gereinigt hat, reinigte der Unteroffizier den Abkrazter unter fließendem Wasser und stellte diesen zurück in den Schrank. Er lächelte sein Spiegelbild an, doch das Lächeln verschwand schnell und wurde von einem Ausdruck des Schreckens abgelöst. Der Unteroffizier entdeckte auf seinem Hemd einen Fleck Zahnpasta.

„Mist!“ schrie er, riss ein Stück Toilettenpapier ab  und begann zügig das Hemd von der Zahnpasta zu säubern. Diese brannte in seinen Bauch. Der Offizier heulte vor Schmerz auf: Wie  eine Ätzlauge brannte die Zahnpasta auf seiner Haut. Er pustete auf den weißen Fleck, rieb diesen mit dem Toilettenpapier, bis es ganz verschwunden war.

Endlich verging der Schmerz. Der Offizier atmete mit Erleichterung auf und trocknete sich das verschwitzte Gesicht ab mit einem Handtuch.

„Ich bin das Hemd, ich bin die Kappe,“ lachte der junge Offizier leise, „Schuhe bin auch ich., und die Hose, ich bin auch der Gürtel und das Holster und die Krawatte!“

Diese ganze Situation mit der Uniform, die er nicht ausziehen konnte, erschien ihn sehr unterhaltsam und in irgendeiner Art auch gewöhnlich, leer, ohne irgend eine Aufmerksamkeit zu verdienen. So als ob jemand die Hose andersherum angezogen hat und alle um ihn herum machen sich über ihn lustig. Und er selbst lacht auch über sich. „Na und, dann kann ich sie halt nicht ausziehen?“ munterte sich der junge Offizier auf und begann an dem Knopf auf der Manschette zu zupfen. „Dafür steht es mir.“

Eine unbeschreibliche Glückseligkeit erfüllte ihn: diese kroch mit einer heißen Welle des Genusses seinen Arm hoch, legte sich leicht auf die Schultern und berührte mit Engelsfedern das Rückgrat. Der Knopf pulsierte immer stärker. Der junge Offizier zog die Luft zwischen den vor Sauberkeit quietschenden Perlen-Zähnen ein. Die ganze fühlbare Welt schrumpfte zusammen zu der Größe des Hemdknopfes. Während er den Knopf berührte, schien es ihm, dass er einen unsteten Nerv des Lebens  selbst  kitzelte,  die Klitoris des Alls.

„Ich, das bin ich!“ brüllte der junge Offizier.

Das berauschende Gefühl dessen, dass er von jetzt ab ganzheitlich, fundamental, summarisch ist, das Gefühl eines Verschwimmens der Form mit dem Inhalt übermannte ihn und er hob zu Himmel die vor Glück feuchten Augen. Von seinem spitzen Kinn rann Speichel. Die zitternden Hände knickten ein. In  irgendeinem Augenblick fiel es ihm schwer zu atmen – das Jucken des Knopfes blieb, das Glück wurde immer größer, es floss durch den jungen Offizier und brannte sich in ihn ein mit Lüsternheit.

„Es reicht,“ flüsterte er mit ganzer Anstrengung und ließ den Knopf in Ruhe.

Das unerträgliche Jucken verschwamm auf seiner linken Hand und ihm blieb nichts anderes übrig, als auf den Knopf mit dem Daumen zu drücken. Der Genuss verwandelte sich in einen unerträglichen Schmerz, wie brennendes Eis.

„Es reicht!“ heulte der Unteroffizier. Er nahm aus dem Spiegelschrank eine kleine Schere heraus und stach damit auf den Knopf. Das kalte Metall der Schere berührte den Seidennerv. Der junge Offizier beugte sich vor Schmerz und paradiesischer Glückseligkeit. Dann knackte er mit der kleinen Schere.  Der Knopf landete im Waschbecken. Er sprang mit einem Laut hoch und verschwand in der Ausflussöffnung. Aus der Manschete tropfte das Blut. Das Waschbecken färbte sich rot.

„Madina-a-a-a-!“ heulte der junge Offizier. „Madina-a-a-a-a-a!

Die Ehefrau betrat das Badezimmer und  mit ihr der Geuch von Backwerk. Der junge Offizier hielt die blutige Hand über dem Waschbecken.

„Ich habe den Knopf abgeschnitten,“sagte er mit einer schweren Stimme und bedeckte die blutige Manschette mit der Hand. Durch die Finger rann das Blut.

„Was ist geschehen?“ fragte Madina verwundert.

„Ich kann nicht..kann es nicht ausziehen,“ sagte der junge Offizier betrübt mit einem qualvollen Lächeln.

„Was kannst du nicht?“

„Ich kann nicht…der Knopf juckte…Kribbelte…Ich habe ihn abgeschnitten…Nun läuft das Blut…Rufe einen Krankenwagen. Und stehe nicht einfach so herum! Sag, dass ich es nicht ausziehen kann…Ich kann nichts ausziehen…Sogar die Schuhe nicht…Die Kappe nicht…Nichts, sag das so! Rufe sie an! Jetzt!

Die erschütterte Madina schaute auf ihren Ehemann. Dann zog sie die Augenbrauen zusammen, ging auf ihn zu und hob die Hand hoch.

„Sei nicht albern“ sagte sie leise und nahm ihm die Kappe weg.

Sein Mund öffnete sich in einem stummen Schreckensschrei. Er bewegte tonlos die Lippen, schwankte und fasste Madina an den Schultern. Er bemühte sich ihr irgendetwas zu sagen, mit dem Mund nach Luft ringend. In seinem Kopf pochte ein lauter Schmerz: Das Geräusch von Schritten, das Murren der Menge, Schreie und Weinen, Bedrohungen und Verfluchungen.

Samat Ryspaev blickte zum letzten Mal auf die Ehefrau, als ob er sich ihre Züge merken wollte, dann schmunzelte er, blinzelte mit den Augen und fiel auf die schwarz-weißen Kacheln.

Madina schrie und fiel auf die Knie. Ihr Mann schaute mit leeren Augen auf die  brennende Deckenlampe, schloss den Mund und öffnete ihn wieder. Madina hörte wie seine Zähne aneinander schlagen.

„Samat!“ rief sie und schmiss die Kappe auf den Boden. „Was ist mit dir?!“.

Barsa hörte den Schrei und begann sich an dem Schuh des jungen Offiziers zu rieben . Dieser richtete den Blick vom der Deckenlampe auf die Kappe – die Rückseite war bedeckt mit blutige Haarfetzen,  auf einem Teil der Kappe hing die  abgerissene Kopfhaut.

„Samat, hörst du mich?“ jemandes Finger drückten in seine brennenden Wangen. „Sag irgendetwas, Samat!“

„Raumfähre – 226,“ rief der Offizier und lächelte breit.

„Ein Papagei in unserem Wohnbezirk“ Daniar Moldabekov

Tagsüber handelte Onkel Jasha mit Schnupftabak und abends betete er, setzte sich auf seine kranken Knie vor der Ikone der heiligen Sofia, welche er für die Mutter Gottes hielt. Sofia wurde nach Almaty aus Istanbul gebracht. Wie diese zu ihm gelangte, zu einem einsamen Witwer, der sich mit winzigem Einzelhandel beschäftigte, in unserem Wohngebiet, wird zu seiner Zeit erzählt. Nun soll vom Papageien, genauer über seine Streiche erzählt werden.

Zum ersten Mal flog der Papagei gegen die Scheibe zum Höhepunkt des Gebetes, voller Herzlichkeit und Schluchzen, das mehr an einen Schluckauf erinnerte, an Nauryz. Der Hof, in dem  Onkel Jasha lebte, sah nicht feierlich aus, wie der Platz der Republik, weit und kalt, Island oder Kostanaj ähnelnd. Nein, der Hof sah gewöhnlich aus: wenn nicht der Geruch von Pferdefleisch, der aus den Fenstern der Wohnungen drang, in welchen Kasachen lebten, würde Onkel Jasha nicht an den Feiertag denken. Doch er dachte daran.  Das Treppenhaus verlassend, krumm und füllig wie er war, wie eine zweitrangige Figur eines Theaterstückes, sagte er: „Bitch, wie gut es ist, und wie ein Schwanz, verfickt.

Er handelte mit  Schnupftabak tagsüber auf der Straße, ca. hundert Meter von der Bushaltestelle entfernt, welche nachts die Prostituierten bevölkerten. Wir Jungs liebten diese Frauen, die nach billigem Parfum rochen und nach Milch, und deswegen beschimpften wir sie und nannten sie verfickte Bitches und böse Schlampen. Wir konnten unsere Liebe anders nicht zeigen, weil wir kein Geld hatten, um von diesen Frauen mitgenommen zu werden in die Keller, die zu Hotelräumen umgebaut wurden, welche eher Kasernen für Kindersoldaten der Zukunft ähnelten, die kahlgeschoren  wurden und mit Mikrochips versehen, welche die Erinnerung an die Mütter verbergen.  Dann, wenn diese Frauen auftauchten, die hinter sich einen schweren Geruch des Parfums trugen, wie eine Karaffe mit vergiftetem Wasser, kehrte Onkel Jasha nach Hause zurück. Den Arbeitstag verbrachte er mit Gesprächen mit den lokalen Alkoholikern, welche Sportanzüge trugen und verwaschene Hemden, welche sie öffneten  und ihre nackten Brüste zeigten, in deren Tiefe sich Kreuze versteckten, als ob sie sich im Wald verirrt hätten und nach Hilfe riefen, außerdem Talismane und Tatoos. An dem Tag als der Papagei zum ersten Mals gegen seine Scheibe flog, blickte Onkel Jasha lange ein weibliches Gesicht an, welches auf der Brust eines seiner Gesprächspartnes tätowiert war, rund und schön. Es erinnerte ihn an das runde und schöne Gesicht seiner Frau, welche vor zwei Jahren von einem Bus überfahren wurde, welcher Richtung Flohmarkt fuhr, wo sie neue Bettlaken kaufen wollte.

Als Onkel Jasha nach Hause zurück kehrte, in seine Einzimmerwohnung mit großer Küche und  alten Tapeten, warf er sich auf das Bett. Dieses beugte sich unter seinem Gewicht, und ähnelte einer trächtigen Kuh, welche Onkel Jasha in dem Dorf gesehen hatte, wo er  seine Kindheit verbracht hatte, bevor er sich hat zum Schlosser ausbilden lassen und in die Stadt zog. Onkel Jasha wollte sich nicht daran erinnern und es folgten weitere, warme Erinnerungen an seine Frau, an ihr rundes Gesicht und ihre warmen, fülligen Hände, dann verzog Onkel Jasha das Gesicht vor Schmerz und setzte sich auf die Knie  vor der nicht großen Kommode, die geschmückt war, mit der Ikone der heiligen Sofia. Und er begann zu beten. Er kannte keine Gebete, nicht einmal das „Vaterunser“ und er betete wie ein intuitiver Protestant  – mit seinen Worten, die einfach waren und einer neugierigen Intonation endeten: „Wen  wir Menschen immer die selben sind, dann verlasse wenigstens du mich nicht, Mutter Gottes, denn ansonsten kann man die Wand hoch klettern, nicht wahr?“ betete er und schaute Sofia direkt in die Augen. In dem Augenblick als er sich an die heilige Sofia wandte, welche er für die Mutter Gottes hielt, flog in Richtung seines Fensters von den Neunetagenhäusern  etwas buntes, was man für eine physische Verkörperung einer Muse des Modelliers Versace  halten könnte, welche auf der Vortreppe seines Hauses vor fünf Jahren getötet wurde. Doch es war nicht die Muse Versaces, sondern ein kubanischer Amazon, ungestüm und schreiend, wie ein sechzehnjähriger Halbbandit, welcher vor seinen dreizehnjährigen Komplizen damit angab, die Entführungeines aufgemotzten Subaru Impreza gemacht zu haben. Der Papagei flog zum Fenster des Onkel Jashas just in dem Moment als er schluchzte und las, was sein fleischiges Gesicht einem Stück Teig ähneln ließ, welches man ohne es aus zu rollen auf dem Tisch liegen ließ, weil man das Haus rechtzeitig verlassen musste vor den Bombardements. Als der Papagei gegen das Fenster flog, verwandelte sich das Gesicht des Onkels Jashas in ein Spiegelei, blass und leer. „Gott“ sagte er leise. Der Papagei, welcher gegen die Scheiben flog, drehte sich etwas zurück, beugte den Schnabel in die Seite, schrie auf und stieß wieder gegen die Scheibe. Diesen Streich machte der Papagei jedes mal und dann wurde er müde, ständig in das leere Gesicht Onkel Jashas zu blicken und flog wieder weg.  Als Folge dessen wurde Onkel Jasha verwirrt und verstarb  und wie genau das vor sich ging, erzählte mir ein Freund, welcher in der Nähe des Wohngebietes lebte, wo das alles geschah. Weil jeder Mensch eine Geschichte über sich selbst verdient, und besonders die Bewohner unseres Stadtbezirkes, erzähle ich über meinen Freund.

Er war ca. zwei Meter  hoch mit einer herausstehenden Stirn, welche an ein Seepferdchen erinnerte und hatte ein schiefes Gesicht. Man lachte über ihn.  Ich verhielt mich gut ihm gegenüber, weil er ein guter Kerl war, er liebte  Jack London, besonders Martin Eden. Sein schöner Stiefvater war relativ erfolgreich, er war Manager  eines nicht allzu hohen Ranges,dann machte er ein Geschäft auf mit dem Handel von Scheiße  und hatte zuhause eine Kollektion kalter Waffen. Mein damaliger Freund, über den ich manchmal Witze mache, hat mir einmal diese Kollektion gezeigt, heimlich. Handgriffe aus den verschiedensten Materialien, von Elfenbein ( ich kaufe mir etwas ähnliches in Beirut ein paar Jahre später, aber nicht zu Ehren seines Stiefvaters natürlich, sondern um später den Gästen zu sagen, dass ich ein Messer mit einem Handgriff aus Elfenbein habe, damit angeben) bis Gold.

Sein Stiefvater war ein richtiger Mann sozusagen. Und mein Freund, der Sohn des Stiefvaters, war noch cooler, doch das verstanden wir nicht. Der Besitzer des krummen Gesichtes, absolut unähnlich dem symmetrischen Gesicht des Stiefvaters und des Stiefbruders, Besitzer einer gigantischen Kollektion von Komiks, die niemanden in meinem Umkreis interessierteren, wurde er zu einem Abweichler in unsrem Wohnbezirk.  Das manifestierte sich nicht in Massakern (an so etwas kann ich mich nicht erinnern), sondern zum Beispiel in der Anbindung eines Unglücklichen an das Geländer. War es irgendeine Scherz bzw. eine Verspottung  die zu einem Spiel mit eigenen Spielregeln wurde, welche ich vergaß doch deren Ergebnis war, dass irgendein Ärmster mit Schnürsenkeln in einem dunklen Treppenhaus (in unseren Treppenhäusern gab es nie Licht) festgebunden wurde. Man  verschloss die Augen, sagte irgendeine Beschwörungsformel, die man für eine Regel auslegte und band ihn fest. Und dann rannten wir weg und ließen ihn allein im Dunkeln; dazu kam, dass man das in der Nähe von Nachbarn machte, die besonders grimmig waren.

Meinen Freund, den ich verrate, hat man nicht nur einmal an ein Geländer festgebunden. Er verstand, was ihn erwartet, doch log sich selbst an: Man liebte es, ihn neben der Tür anzubinden – neben der Tür des ehemaligen Aufpasser des Regimes (in jedem Fall gab es eine solche Legende in unserem Wohnbezirk und die Legenden der Vergangenheit sind mehr greifbar und real als statistische Fakten), der einen bösen Köter bei sich hielt, eine Mischung aus Labrador und Dämon. Er lief aus dem Treppenhaus heraus mit einem Turnschuh. Doch diesen brauchte er nicht, er hatte eine Kollektion von Komiks, welche er, wie er mir immer gestand, nie verkaufen würde.  „Du wirst sehen,“ sagte mir mein großer Freund mit der Seepferdchenstirn, „irgendwann werden sie mehr kosten als unser ganzer Wohnbezirk und ich werde sie trotzdem nicht verkaufen. Auf keinen Fall. Das war verwunderlich dies zu hören weil meine und seine Altersgenossen  immer drauf erpicht waren, irgendetwas zu verkaufen: ich kannte vierzehnjährige Geschäftemacher und Diebe von Autos, ich erinnere mich daran, wie ein Kind den Audi irgend eines Trottels auf den Backsteinen   stehen ließ. Die Kollektion der Komiks lagerte zum Teil auf Regalen , teils überall verstreut. Das ganze Zimmer war damit vollgestopft – der einzige Ort auf der Welt, wo er sich frei fühlte vor den Augen des Neids, den er nicht verdient hat. Die Komiks, im Gegensatz zu den Messern des Stiefvaters, standen nicht hinter Glasvitrinen, die niemand berühren durfte, um ja nicht die Männlichkeit des Mannes zu verschmutzen, sondern waren offen für alle. Nachdem man  zum Beispiel über irgend eine Ausgabe von Bat-man stolperte,  konnte man mit dem Gesicht in eine Szene  von «Die Hüter» landen. Damals war ich ca. 15 Jahre alt und  krank mit der Krankheit der Unwissenden, welche sich in die Welt der Kunst vertieften  und Komiks gering schätzen, wobei es Komiks gibt, die stärker sind als die Texte Sartres. Deswegen konnte ich seine Kollektion nicht richtig beurteilen, doch jetzt verstehe ich, wie dumm ich war, als ich auf seine Nacherzählungen der Sujets der Komiks  mit Ignoranz reagierte. ( Ich hatte doch schon die Auferstehung Tolstojs gelesen.)

Noch dümmer war ich, als ich ihn verraten habe. In seinem Treppenhaus war ein Aufzug, der am Tag zuvor bespuckt wurde, wobei die Spucke  ziemlich frisch war, ich erinnere mich dass ein Teil der Spucke die Wände des Aufzugs runter lief. Den Jungs kam in den Kopf ihn an den Händen und Beinen zu schnappen, ihn in den Aufzug zu schleppen, in diesem so lange zu springen, bis der Aufzug stecken blieb. Wir kletterten durch den Schacht, den wir gut kannten wie die Karte Manison 2000 in dem Shooter Counter Strike, und ließen ihn dort. Er kannte weder den Schacht noch die die Ego Shooter. Dann kam es dazu, dass ich immer seltener in diesem Teil unseres Wohnbezirkes  auftauchte. Das Leben ging seinen Gang, ich vertiefte mich mehr in das Lesen und einen jugendlichen Alkoholismus und mein Freund, den ich verraten habe, bekam eine Stelle in einem Waffen – Laden.

„Verkäufer?“  fragte ich.

„Nein,“  antwortete der von mir verratene Freund, ich sortiere Patronen im Lager in Kisten, verkaufen darf ich nicht.“

Und ich stellte mir vor, wie er die Patronen sortiert, mit ihnen spielt wie mit knochigen Fingern, sie in die Fächer einsortiert und dann aus dem stickigen Lager raus geht in die Freiheit. Mit einem vollen Magazin. Zu seinem Rechte.

So traf ich ihn vor eine paar Monaten – mit einem Tokarew-Gewehr in der linken Hand, ging er irgendwohin, sich beugend ohne auf die Seite zu schauen. „Bevor du das machst, was du vor hast,“ sagte ich und blickte auf das Gewehr in seiner Hand, erzähl mir, wie das zu Ende ging mit Onkel Jasha.  Als Erinnerung über eine Freundschaft die mal war.“

Hier ging es nicht ohne Himena.

Sie verstand  nicht direkt, was für ein Kerl der Ibrahim war, es begann doch alles gut, es begann alles ausgezeichnet. Himena, die das ganze Leben in der Wohnung verbrachte mit der verwirrten Alten, freut sich.

„Großmütterchen, du wirst es nie verstehen,“ fauchte Himena auf ihre alte Großmutter, welche wie immer die Tafel mit irgend einer  Aufschrift vor den Papagei—Amazon hielt, welcher bei ihr in Kürze nach dem Tod des Alten erschien. „Du wirst es nie verstehen. Weißt du, was ich gesehen habe? Nun er geht so mit diesen Blumen, da ist eine Straßenlaterne , kaum am leuchten, und die Blumen, ihre gelben Blütenblätter, sie sind wie die Sonne. Und sie beleuchten ihn. Genauer, sie beleuchten wie er auf mich zugeht.“

Die Sache war, dass Ibrahim vor ein paar Wochen Himena Chrysanthemen geschenkt hatte, die er im Kindergarten gepflückt hat in dem Territorium des Bandwurms, und sie mit einem leckeren Eis beglückt hat im Supermarkt, sie bumste auf dem Bett mit dem kaputten Bettbein in der Wohnung seines Freundes Zheka, welcher für eine Nacht auf die Datsche gefahren war, um Suz’ma kochen. Himena war dreiundzwanzig Jahre alt.

„Uf , Ibra, wie du gingst und wie die Blumen zu deinem Gesicht passen, nein zum Kostüm, haha, weißt du wirklich, einen schönen Blumenstrauß hast du gekauft, ich weiß du hast viel gearbeitet wie kein anderer früher, keiner hat mir früher, wobei egal, weißt du auch wenn ich nicht reden werde, ich muss doch schweigen, was soll man dazu sagen“ plapperte sie, alles vergessend, das Blut ebenso, welches das Laken rot färbte doch an das Blut konnte sich Ibrahim gut erinnern, der zufällig mit seinen zwei Fingern in ihre Rippe stieß: „Ä, Himena ,warum hast du nicht gesagt dass du Jungfrau bist?“

„Was mein Guter?“ antwortete Himena die sich durch die Datura – Erinnerung der Chrysantheme  kämpfte.

„Ich sage, was ist, Bitch, so viel Blut! Zheka ocht, ich habe nicht recht.“

„Du, hab keine Angst.“  Himena streifte mit ihrer Hand seine Wange, „ich mache das alles, mach dir keine Sorgen.“

Sie nahm das Laken zu sich um es zu waschen. Eine Waschmaschine wie vieles andere hatten sie nicht , deswegen beschloss Himena  es per Hand zu waschen, doch dann entschied sie sich das Laken bei sich zu lassen. „Soll es,“ dachte Himena „an der Wand hängen. Soll es an die Plakate erinnern, die bei allen Mädchen  an der Wand hängen, außer bei Himena selbst. Sie hielt sich auch jetzt für hässlich, und früher als sie in der Pubertät war, hielt sie sich für so hässlich, dass sie keine Liebe verdiente , und selbst nicht das Recht hatte zu lieben Deswegen beeindruckten Justin Timerlake  und seine Clique sie nicht,  die mit ihren Lächeln bezauberten. „Jetzt,“ dachte Himena, „wenn man mit ihr  Liebe macht, kann sie so hässlich nicht sein. Sie hat das Recht zu lieben, Ibrahim zu lieben, das rote Bettlacken, sich selbst. Und Ibrahim, welcher wegen ihr besoffen vor Zheka auftaucht –  ihm wird Himena  ihr Bettlaken aufdrehen. Dieses ist weiß und sauber. Im Flur erwartete sie eine Schranke: der Papagei-Amazon  ihrer Großmutter, der  Himena von Kopf bis Fuß anschaute und sich auf sie warf, sie mit den Flügeln schlug, Himena schlug zurück.

„Du Hurrensohn, hau ab du Bitch!

Bald kam aus ihrem Zimmer die Alte, und wedelte fröhlich mit den Händen. Der Papagei verstand die Alte. Er flog durch den schmalen Flur, stellte sich auf seine Pranken und ging zurück ins Zimmer. Himena begann wegen dieses Ereignisses, wie mit jedem Ereignis, das mit diesem seltsamen Tier zu tun hatte,  nervös zu werden. Und sie ging nicht zum Spiegel um sich anzuschauen. Nicht jetzt, jetzt möchte sie neben der Tür stehen und beobachten, wie die Alte verrückt spielt, der Alten geht es immer schlechter, deswegen,  nachdem sie gesehen hat ,wie die Alte irre redet, beruhigte sich Himena und konnte sich im Spiegel anblicken

Die Alte schaute auf den Papagei, welcher durch das Zimmer flog, mit einer geduldigen Zärtlichkeit, doch dann legte sie die Finger der beiden Hände aneinander, dies war ihre typisch bittende belehrende Geste. Als der Papagei endlich stehen blieb. Auf den Stuhl vor der Großmutter, diese nahm eilig, als ob sie Angst hatte ihr Glück zu vertreiben, aus dem Schrank mit Tüchern und Salben, eine hölzerne Tafel auf welcher mit lateinischen Buchstaben der Himena unverständliche Worte standen. Der Papagei wackelte zügig mit dem Kopf und schaute auf die Tafel, die Alte hielt einfach die Tafel und starrte wie eine blöde Kuh. Himena blieb einige Minuten in der Tür stehen und beruhigte sich. Dann ging sie ins Bad um in den Spiegel zu blicken.

Sie sah vor sich ein Gesicht, dessen haut ausgetrocknet war, die Augen saßen tief und waren schwarz, schauten gegen den Willen ihrer Besitzerin, die Nase war zu lang und zur Spitze setzte sie sich ab, an eine Kartoffel erinnernd . Himena wurde traurig. Nach ihrem Vater war sie eine Spanierin-Kubanerin, nach der Mutter eine Tatrain, es schien, sie hätte einfach schön zur Welt kommen müssen. Himena setzte  sich auf  den Wannenrand und dachte.

Als sie vor Ibrahim stand und vor anderen Kerlen, welche wie Spatzen in der Knie-hocke saßen um eine leere Bank herum, auf der Bank standen Bierdosen auf Plastiktüten und gedörrter abgeknabberter Fisch,  grüßte sie  und gab Ibrahim das Bettlaken. Die Kerle lachten. Ibrahim lachte auch. Himena schenkte dem Lachen keine Aufmerksamkeit, kreuzte die Beine, ließ ihnen keine Ruhe und wartete auf die Worte Ibrahims: dieser spuckte aus der Ecke des Mundes und sprach: „Komm um zehn Uhr, Himenka.“

Als sie nach hause kam, wusste sie nicht womit sie sich beschäftigen sollte: Gut, dachte Himena hat es ihre Oma. Sitzt da, lächelt, hält die Tafel vor den Papagei. Sie muss nicht darüber nachdenken was sie machen soll. Von der Arbeit wurde sie nicht verscheucht für den finsteren Blick, eine Liebe, auf die man warten sollte, hat die Alte nicht. Aber sie, Himena hat nun eine Liebe. Doch jetzt zeigt der trockenes Zeiger der Uhr erst 15.47, diese Liebe versteckt sich irgendwo hinter Bierflaschen und gedörrtem Fisch. Himena beschloss zu schlafen und stellte den Wecker  auf dem alten Telefon. Nervös von Natur aus, spielte sie mit ihren Fingernägeln und konnte deswegen lange nicht einschlafen; dann beschloss sie, die Chrysanthemen anzuschauen und die gelben Blütenblätter zu zählen. Bald in einer halben Stunde, schlief sie ein.

Sie schlief sehr fest und hörte nicht das Läuten des Weckers, der sehr leise erklang. Sie wurde vom Papageien geweckt, welcher wieder von der Hausherrin ausgebüchst war: er setzte sich auf ihre Hand und schrie etwas unverständliches, irgendetwas nicht lateinisches. Himena fluchte und warf den Papagei vor sich. Sie schaute auf die Uhr: Halb elf. Sie war zu spät. Was wird er denken? Er wird doch böse sein? Natürlich. Er wird sie verlassen und das einzige was übrig bleibt ist das rote Bettlaken und die Kartoffel-Nase. Doch er war nicht böse. Ibrahim stand immer noch neben der selben Bank und knackte Sonnenblumenkerne. Es waren nicht mehr viele Kerle da. Doch einige Kerle standen noch bei ihm. Und Himena dachte, dass wenn sie hier her kommt, Ibrahim hier allein sein wird. So, dachte Himena soll es sein wenn man sich liebt: sie geht zu ihm in Einsamkeit, und er wartet in Einsamkeit.. Nun gut, sagte sie zu sich selbst, macht nichts. Das Wichtigste ist, er ist nicht böse. Er geht zu ihr um zu  krächzt:  „Geh zu Bachs Haus. Ich komme dann gleich zu dir.“

Sie gehorchte ihm; bald erschien Ibrahim. Auf  seiner Lippe glänzte die Schale eines Sonnenblumenkerns, Himena versuchte diese zu entfernen und streckte die Hand zu seinem Mund aus; doch er stieß ihre Hand weg und verzog böse das Gesicht. Er zeigte mit dem Finger in Richtung Treppe, welche zum Keller führte und von einer kleinen Wand abgeriegelt war.

„Geh herunter“ sagte Ibrahim.

Sie ging runter; er ebenfalls, begann ihre Brust zu berühren, ihren Hals zu beißen – Himena versuchte ihn zu küssen doch dieser drehte sich heimlich weg. Endlich, erregt wie es sich gehört, drehte er sie zur Wand und zog ihre Shorts und Unterhose aus. Während er das machte, dachte Himena daran, warum sie nicht zu Zheka gegangen waren: vielleicht dachte Zheka, dass das Bettlaken, welches sie Ibrahim gab, nicht seines ist und Zheka mag nur sein Bettlaken und ist deswegen beleidigt? Sie lenkte sich von diesen Gedanken ab, weil sie erregt war, doch bald, gegen ihren Willen, mit der Gewohnheit eines genervten Menschen überrannt, es war nicht die Zeit zum Nachdenken, – kehrte  sie wieder zu den Gedanken zurück: Warum hier? Warum zwischen Zigarettenkippen und Gemüseresten? Als Ibrahim aufhörte, fand sie noch keine Antwort auf ihre Fragen und Verstand nicht direkt den Sinn seiner Worte:

„Nun los.“

„Wohin gehst du?

„Man soll dich nicht bumsen.“

Sie verbrachte eine schlaflose Nacht, der seltene Schlummer wurde vom einem Tremor unterbrochen, und Himena krallte sich mit aller Kraft in das blutbeschmierte Bettlaken, welches an der Wand hängt und die abgehenden Tapeten zudeckt. Die Blütenblätter der Chrysanthemen haben diesmal nicht geholfen und morgens, als sie mit Husten  aufwachte, bemerkte sie, dass diese verwelkt waren. Wahrscheinlich, dachte sie, waren  sie schon gestern verwelkt: doch gestern welkte alles – Gefühle, der Schlaf, die Nerven, die Achseln, – und so hat sie nicht gemerkt, wie die Blütenblätter austrockneten und die Köpfe hängen ließen. Sie sah zum ersten  mal wie Chrysanthemen welken, Blumen im allgemeinen. Davor hat sie es nur im Kindergarten gesehen….

Das war ein schlechter Kindergarten. Es war feucht dort und im Schlafraum, wohin die Kinder getrieben wurden, gab es keine Tapete, nur  unregelmäßige weiße Wände. Himena ging eine Zeit in diesen Kindergarten, ja fast alle in unserem Bezirks ging dort hin. Und dann hörten sie irgendwann damit auf. Doch der Garten dort war schön: gepflegter Rasen, viele Büsche  und gelbe Chrysanthemen. All diese Schönheit pflegte die lokale Sowchose, der Bandwurm, ein schweigsamer Bärenkerl, „ein besessener“, der seinen Spitznamen vor langer Zeit bekommen hat.  Der Bandwurm, ein riesiger Kerl, raschelte  in dem Gras wie ein Nagetier, deswegen konnte er euch überraschen; wenn Sie mit voller Brust ein und aus atmen, das Aroma einatmend, wie einen durchdringenden, giftigen Geruch des Randbezirks, dann zeigt sich  der Bandwurm in der eigenen Person: in den Händen eine Gartenschere oder irgendein  Hölzchen, auf dem Körper eine gelbes Shirts, sieht so aus als ob es sich in die Haut festsaugt, sogar selbst die Haut ist.

„Er hat sie getötet,“ die Ader auf der Stirn des Bandwurms zitterte, „er hat sie getötet, aber wofür? Damit sie bumsen! Damit sie bumsen hat er die Blumen getötet.“

Himena beschloss den Morgen mit einem Spaziergang im Garten zu verbringen, sie wich zurück vom Ochsenbandwurm, doch das war nur ein Reflex: wirkliche Angst hatte sie nicht, sie fühlte überhaupt nichts mehr. Wenn es so ist, muss man damit aufhören. Es reicht, dass die Komödie zerbrochen wird.

Die Machete war das einzige neben den leeren Rumflaschen auf dem Balkon, was vom Vater noch übrig war –  diese stützte sich auf den Boden der Küchenkiste:  fast hätte Himena den Macheten-griff berührt, da fielen einige der türkisch-sowjetischen Schalen auf den Boden und zerbrachen. Hinter der Wand schrie der Papagei. Himena schenkte den zerbrochenen Schalen und dem Papagei keine Aufmerksamkeit. Sie berührte mit dem Finger die Rasierklinge. Scharf. Sehr scharf.

Ihr Leben, wie ihr schien war mittelmäßig; sie wollte besonders sterben, aber gleichzeitig, dass etwas vertrautes in der Nähe war…doch was? Sie ging in ihr Zimmer, begutachtete es mit Blicken, versuchte zu verstehen, was ihr hier teuer schien? Wohin blicken das aller letzte Mal? Der Blick blieb auf dem Bettlaken hängen. Jetzt liebte sie es nicht, das Laken, doch vor kurzem erst, gestern, war das ihre persönliche Flagge, welche sie bereit war aufzustecken, nicht nur an die Wand, sondern auf die aller höchste Bergspitze der berüchtigten Almaty – Berge, welche hinter den Neunetagenhäusern nicht zu sehen waren.

Man muss der Länge nach schneiden, nicht quer. Sich mit dem Laken zudecken. Das Laken kennt Blut, es wird ihm gefallen. Himena zog sich zum Laken, um dieses von der Wand zu reißen, doch dann plötzlich kam schreiend der Papagei-Amazon geflogen. Er krallte sich in die andere Ecke des Lakens, zog dieses hinter sich her in den Flur und flog höher. Doch Himena zog abrupt an ihrer Ecke und der Papagei stieß gegen die Wand. Wie ein Boxer bewegte er seinen Kopf, blickte auf Himena, welche ihn ansteuerte und die Machete fest in ihrer Hand hielt.

 „Jetzt töte ich dich. Danach töte ich die Alte und vielleicht dann Ibrahim. Und dann töte ich mich selbst. Doch darauf pfeifst du. Doch wisse, dass ich dich als erstes töten und das wird se-e-e-h-r weh tun!“

Der Papagei wich zurück. Himena trat auf. Endlich schnappte sie sich seinen Flügel, zog abrupt daran,und holte mit der Hand aus. Der Papagei bewegte mit dem Schnabel und sagte heiser:

„ Te. Echo. De menos. Todos. Los días.“

Himena war bedeppert. Aus dem Korridor kam ein schwacher aber zäher Applaus: Das war die Alte, deren Augen mit Tränen gefüllt waren.

„Te echo de menos todos los días! Te echo de menos todos los días! Ich vermisse dich jeden Tag, meine Kleine!“ blinzelte die Alte und drückte die Finger zusammen. Himena ließ die Machete fallen, setzte sich auf den Boden und hängte sich das Bettlaken um die Schulten. Innerhalb einer Minute fingen die Schultern zu zittern an und das Lachen der Frau, des Papageien und der Alten erfüllte den Raum. In der Küche fielen aus  der zerschmetterten Kiste noch zwei Schalen heraus. Himena hörte das Landen des Geschirrs auf dem Boden, sagte:

„Das ist fürs Glück. Für unser Glück. Alte, Papagei.“

„Te echo de menos todos los días!“ antwortete der Papagei.

Bald begann das Täfelchen mit diesen Worten an der Wand in Himenas Zimmer zu glänzen.

Als Onkel Jasha vom Irrsinn befallen wurde, ging er durch unseren Wohnbezirk mit einem Aprikosenzweig, den er mit einem Zahn gespitzt hat. Er schaute aufmerksam auf die Seiten  und stand wie ein Basketballspieler oder Bär auf den halb-gebeugten Beinen, und wenn man ihn fragte, was er macht, warum er nicht mehr Handel betreibt, sprach Onkel Jasha dann diese Worte: „Der verfickte Papagei.“  Mehr sagte er nicht und die Kinder, welche eine Genration nach uns kamen, begannen Onkel Jasha „verfickter Papagei“ zu nennen.

„Wer ist das?“

„Das ist ein verfickter Papagei, der einen anderen verfickten Papageien sucht!“ lachten sie.

Später, ca. ein Jahr später, hörten sie auf zu lachen, weil Onkel Jasha verschwunden war. In unserem Wohnbezirk fiel es gar nicht auf. Die Menschen haben sich mit der Zeit an seinen Irrsinn gewöhnt, und hielten sein Verschwinden für ein Anzeichen seiner Krankheit, seinen erstaunten Geist. Man erinnerte sich erst dann an ihn, als die Nachbarn sich zum Abendessen versammelten und einen scharfen Geruch nach Fäulnis rochen, und nachdem sie nirgendwo eine tote Katze gefunden hatten, erinnerten sie sich plötzlich. Und sie klopften bei Onkel Jasha. Er machte nicht auf, weil seine Hand bis dahin schon verfault war, wie alles andere auch. Als die Bullen, die ca. vierzig Jahre nicht in unserem Wohnbezirk waren, seine Tür aufbrachen, sahen sie seine Leiche. Welche auf dem Bett lag.  Diesmal  beugte sich das Bett nicht unter ihm.

Man wollte ihn zuerst staatlich beerdigen, doch unsere Alten, einige von ihnen haben es geschafft sich einen Teil des Nachtklubs anzueignen, erklärten, dass ein Mensch der in unserem Wohnbezirk aufgewachsen ist, ein ordentliches Begräbnis verdient hat.  Sie bestellten ihm einen Sarg  aus Eichenholz und zerbrachen nicht weniger als drei Patellas, damit man ihn am Kensaj beerdigt und ihn nicht in irgend einen Graben wirft für arme Menschen.

Als man den Sarg mit Onkel Jasha aus dem Treppenhaus trug, versammelte sich eine Menge, fast der ganze Wohnbezirk; da war auch die Himena mit ihrer Alten. Fast alle, die da versammelt waren, probierten den Schnupftabak, mit dem Onkel Jasha handelte, doch keiner wusste dass es ihn in das Grab trieb. Alle dachten an den Papagei. Genau an ihn, den bunten Amazonen, über welchen Onkel Jasha, bevor er starbt, immer sprach.

Himena traute ihren Ohren nicht. Sie ging hinter dem Sarg, bis man ihn in den Leichenwagen steckte und dann ging sie hinter dem Leichenwagen, bis sie die Grenze unseres Wohnbezirkes erreichte, wo irgendeine unsichtbare Kraft sie in die Brust drückte, ihre Wanderung hinter den toten Onkel Jasha beendete. Da verstand Himena, dass man unseren Wohnbezirk nur tot verlassen kann.

Der Asch. Von Alina Sh. Ein Theaterstück

In fünf Akten, die Oper nach einer altgriechischen Tragödie, war berlibr?

Die Hauptheldin, vierzig Jahre, junonisch

Die weiteren Rollen Chor – Polyphonie, die Stimmen folgen aufeinander,  jeder Satz – drei Männer und zwei Frauen 30-40 Jahre.

Chor: Er wurde, Gott sei  es gedankt, im Sommer in einem Kinderheim geboren. Er wurde abgetrocknet und nicht im Abfalleimer ertränkt. Es ist warm, trocken. So lag er da, still-friedlich auf dem Boden des allerliebsten  Aluminium – Asches. Man sagt, die erste Liebe vergisst man nicht. Und der Asch ist nicht nur der erste, sondern der einzige.

Zwei Tantchen blicken in den Asch

Tantchen 1: (etwas Ältere, aus dem Chor): Er atmet…vielleicht in die Druckkammer.

Tantchen 2: (jung): Welcher Zeitpunkt?

Tantchen 1: 27.28 Wochen

Tantchen 2: Und das Gewicht?

Tantchen 1: 850

Tantchen 2: Er ist winzig. Er wird es nicht überleben.

Chor: In den Asch mit der Aufschrift in roter Farbe „Ruhepausen“ 

Das Licht auf die Hauptheldin

Hauptheldin: Mir träumte es.

Chor: Das Resultat des screening-tests kam per Email in der Mitte des Tages. DS: Eine hohe Wahrscheinlichkeit des Down-Syndroms. Empfehlungen: Dringend einen zweiten Ultraschall machen zu lasen. Die Wiederholung auf der Sevastopolskaja,  gutachterlich bei dem Professor.

Die erste Freundin (eine etwas Ältere im Chor): Haube, Bettlaken, Krankenhaushemd. Die Verpackung der Überzieher halte im Stauraum. Wasser ohne Kohlensäure. Antibakterielles Gel, feuchte  Tücher – dann wenn man keine Möglichkeit hat, die Hände zu waschen. Trage das für alle Fälle bei dir in der Tüte, um nicht in Schlangen zu stehen.

Chor: Die sparsame Lejla hat vorgesorgt.

Freundin 1: Wenn du magst, fahre ich mit dir?

Hauptheldin: Nein, nicht notwendig

Chor: In der Krankenstation wünscht man keine, die stören.

Die Hauptheldin setzt sich an den Tisch.

Professor 1 (alt)In unserem Alter wächst die Möglichkeit für eine Pathologie.

Hauptheldin: Down-Syndrom? Sind sie sicher?

Professor 1: 80 % in der Risikogruppe. Das Down-Syndrom ist an sich nicht so schlimm. Es wird begleitet von der Pathologie des Herz-Kreislaufsystems, des Magen-Darm-Traktes, des ganzen Organismus. Ich sehe einen Fehler im Herzen, genauer können wir es in der zwanzigsten Woche bestimmen.

Die Hauptheldin: Was soll ich machen?

Professor: Sie müssen selbst entscheiden, ob sie die Schwangerschaft unterbrechen oder das Kind austragen.

Hauptheldin: Was ist es?

Professor 1: Mädchen

Hauptheldin: Im ZPS war man freundlich zu den Klienten, doch das Wort „Fötus“ wühlte

auf .

Chor: Es wühlte ständig auf. Man hat mir gesagt, ich solle nicht warten. Sie wusste, dass sie schwanger war bereits in den ersten Tagen.

Hauptheldin: Eine leichte Übelkeit am Morgen.

Chor: Das Springen des Bluthochdruckes und Kopfschmerzen.

Hauptheldin: Die ständige Übelkeit vierzig bis sechzig Mal am Tag, gastronomische Gelüste.

Chor: Sie hat sogar den Hering gefressen, richtig gefressen – eine Woche lang, denn normalerweise ist sie kein Fisch und keine Meeresfrüchte. Und das aller unerträglichste…

Hauptheldin: Die Angst vor dem Tod.

Chor: Irgend ein Irrationaler, immer von Anfällen befallen. Im Aufzug, im Dunkeln, auf der Treppe. Sie konnte nicht auf den Balkon raus gehen, gehen auf den gläsernen, Gumovski Anfahrten, in die U-bahn herunter steigend, mit dem Flugzeug fliegend. Es ist einfacher zu sagen, was sie konnte. Antidepressiva schlucken..

Hauptheldin: Und als das Klofelin alle war, fand sie Arsavin.

Die Hauptheldin steht auf.

Professor2 (jung): Der Hypothalamus  ist unartig. Drei Seancen reichen aus.

Chor: Drei Seancen haben sich in sieben mal drei verwandelt.

Hauptheldin: Am diesem Tag ist alles gut und auch am nächsten Morgen lässt es sich aushalten. Doch am nächsten: Guten Morgen Klo.“

Chor: Im Kopfschrie eine Zarenglocke, die Schmerzlindernden halfen nicht.  

Hauptheldin: Guten Tag.

Professor 2: Guten Tag.

Chor: Blass-grau-grün

Professor 2: Steiger, kommen Sie herein.

Chor: Er hat ihn, nicht auf die Reihenfolge wartend, aufgenommen.

Professor 2: Entspannen Sie sich.

Chor: Die Halswirbel knackten.

Professor 2: Auf den Rücken

Chor: Brrr, Nadeln. Zwanzig Minuten.

Hauptheldin: Wann das nächste Mal?

Professoer 2: Je nach Zustand

Chor: Ein Down-Kind – nichts Schlimmes!

Hauptheldin: Ich meine, ich habe ein Test gemacht wegen des Down-Syndroms beim 45 oder 49 Mal.

Chor: Machen Sie sich keine Sorgen.. Frieren Sie die Eizellen ein. Machen Sie eine künstliche Befruchtung, redaktionieren Sie das Genom, in England oder Deutschland hat eine 65-Jaährige ein Kind ausgetragen. Sie werden gesunde Kinder haben, mit einem Kind, das eine Behinderung hat, ist es schwer. Das Wichtigste ist nicht aufgeben.

Der Ehemann (Stimme des Professor 1): Ihr Herzchen ist schon am klopfen, und die Fingerchen und Zehenchen  – alle zwanzig, und die Augen, sie liebt und und erkennt uns schon.

Hauptheldin: Tolik wünschte sich ein Mädchen.

Chor: Ich wurde jeden Tag aus dem CPS angerufen , nahm aber den Hörer nicht ab. Auf die Arbeit, auf die Nadeln, Kerzen für die heilige Matrone. Tolik versuchte mich die ganze Zeit zu überreden, uns taufen zu lassen und zu heiraten. Ich stimmte zu, um ihn zu beruhigen. Vater Pavel begoss sie aus dem Taufbecken. Von dem Hemd entwich Dampf.

Paten wurden ihnen im Tempel zugewiesen. Das Kreuz und den Weihrauch kaufte sie selbst.

Hauptheldin: Die Ablehnung ist die erste Stufe des Leides, eine Stufe tiefer steht die Bosheit, die Dritte ist Selbstbetrug.

Chor: Sie wurde sofort demütig. Wobei ist Demut nicht die höchste Stufe von Stolz? Sie glaubte nicht an Gott, sie glaubte den Ärzten, doch es ist sogar schwer zu beschließen die alte, zahnlose Katze, einzuschläfern. Und du mit deiner...

Hauotheldin: Langersehnte, hat sogar geheiratet, um in einer großen Familie zu gebären. Keine zwanzigste Rippe, der Arm an der Schulter, ohne diesen wirst du dich anpassen, kannst leben. Als Mensch mit Behinderung.

Chor: Das aller unschädlichste, was eine schwangere Frau riskiert im Krankenzimmer ist eine vorzeitige Geburt.

Hauptheldin: Ich habe gestern in Foren für Mamas gelesen.

Chor:  Eine Tablette und in der 29-30 Woche werden plötzlich die Flüssigkeiten austreten, ein vorzeitiger Kaiserschnitt, der Fötus  wiegt ca. ein Kilogramm und muss drei bis vier Wochen in einer Kammer liegen, für eine zusätzliche Bezahlung. Du wirst einfach nur aufgeschnitten. Und du wirst niemanden mehr gebären können. Zwei Abtreibungen zu verschiedene Zeitpunkten. Ein genesener Autoimmun-Treodit. Wie auch immer diese Schwangerschaft zu Ende geht – die Verschärfung des AIT, Klimakterium.

Ein Brief vom CPS mit einer Ankündigung

Hauptheldin: Die mütterliche/kindliche Sterblichkeit/ärztliche Fehler. Eine Million

Hinweise. Die ganze Garnitur, geboren wurden vollwertige Kinder. Zwei Ereignisse. Zwei Wunder. Statistischer Fehler.

Chor: Zahlen und Fakten des Optimismus wurden nicht suggeriert.

Hauptheldin: Die Mehrheit der Kinder mit Behinderung werden von einsamen Müttern erzogen. Ein Mensch mit einem Down-Syndrom lebt ca. 25 Jahre.

Chor: Die ganze Schwangerschaft wurde etwas bestrichen. Im dritten Trimester begann es stärker und häufiger zu streichen. Sie gab Blut ab um die Schilddrüsenfunktion zu untersuchen. Dringend zur Aufbewahrung!- Endokrinologe. Nur wohin? Die Privathändler wimmelten ab. Mit einer solchen Diagnose! – Die Empörung geht einher mit Vorahnung.

Hauptheldin: Dorthin! Fahrt dorthin! Auf drei und fünf Buchstaben. Niemand wird so etwas aufbewahren, wozu sollen sie die Sterberate in einer Heilanstalt erhöhen? Man führt mit dir sogar eine Abtreibung durch an einem speziellen Platz: In der Infekt-Abteilung auf dem Sokolin-Berg.

Dahin geht es ohne Versicherungsschein, Penner, Alkoholiker, Drogendealer und Gastarbeiter. Dort ist Hepatitis oder HIV wie ein Schnupfen. Zu einem späteren Zeitpunkt eine Straftat, ein Troll mit dem  Asch, im  Asch ein toter Säugling. Relativ groß.

Hauptheldin: Ich beschließe nicht, eine Abtreibung zu machen. Ich bin in Gefahr. Und zum Aufbewahren wollen sie es nicht nehmen.

Chor:  Mit einer solchen Diagnose machen sie es richtig. Das ist eine Sünde. Ein Kind soll solange leben, wie Gott es bestimmt. Man hätte vorher überlegen müssen.

Hauptheldin: Es gibt mehr Trolle als Mütter.

Chor: Sonst gebären sie kurz vor der Pensionierung und suchen nach den Schuldigem. Worüber hast du früher nachgedacht, Ziege? Kinder, Küche, Kirche. Man sollte dich reinigen ohne Anästhesie 

Hauptheldin: Ein sehr dicker Troll.

Chor: Du heulst und verstehst dann, ein Tier, welche  Schmerzen das ungeborene Kind hat, rot, wie Kandiszucker, ein Säugling, die Unterschrift: Er starb unter schrecklichen Qualen 24 Stunden. Stirb, du Schlampe damit dich auf dieser Welt die ISIS zerstört. In der Konsultation über den Wohnort schlug man eine einzige Entscheidung vor: Dringend, solange der Fötus weniger wiegt als 500 Gramm. Der Gynäkologe, eine  zum Stehen kommende Kastanie , hat vorzeitig gewarnt. Eine medizinische staatliche Versicherung steht Ihnen nicht zu. Die Heilung und Operation Ihres behinderten Kindes werden sie selbst bezahlen, weil sie wussten, dass er mit einer Behinderung zur Welt kommt und nicht einverstanden waren, die Schwangerschaft abzubrechen.

Hauptheldin: Ich schrieb einen Belegschein: ich werde ihn aus dem Krankenhaus mitnehmen.

Chor: Sie schwören alles zu machen, wenn sie aber erst hinschauen…

Hauptheldin:  Das Gehirn der Schwangeren trocknet aus.

Chor: Im Kopf reifte ein dicker, genialer Furunkel.

Hauptheldin: … auf der Straße hinfallen mit den Sachen und Docks, überreden, abkaufen, den Krankenwagen als Geisel nehmen, damit diese uns in das medizinische Zentrum Kulakovs einweist.

Freundin 2: Mensch, fahr eine Karre in das Ministerium und warne sie, dass du dich bei Putin beschweren wirst, in der Liveübertragung.

Hauptheldin: Sie zwingen  mich dazu, Ihnen eine Mahnung zu schreiben!

II

Chor: In der 30-ten Woche wurde sie in die Pathologie-Abteilung gelegt. Der routinemäßige Konzil bestätigte die Diagnose.  

Hauptheldin: Tolik, bringe mir ein Nachthemd und kaufe Ginipral und Mikrolaks, 12 Mikro-Einläufe.

Chor: Das Ginipral wurde alle drei Stunden eingeflößt, das Fieber stieg, Herzrasen.

Hauptheldin: sie konnte nicht schlafen.

Chor: Das Veroponil wurde abgesetzt. Bettzeiten. Tropf, Spritzen, Tabletten, das Schiff. Der Milchbrei im Krankenhaus mit einer bläulichen Farbe. Die SMS von Lejla: „Was soll ich kochen?“

Hauptheldin: „Was du magst.“

Chor: Tropfe, Spritzen, Tabletten, Mittag, das Schiff. Ein Mitbringsel Lejlas mit einer Thermoskanne, Menagen und einem beschrifteten Zettel.

Freundin 1: Tolik fragt, wann er dich besuchen kann.

Chor:  Tropfe , Spritzen , Tabletten, Abendbrot, Schiff. Trinkgeld für die Sanitäterinnen und die Krankenschwestern. Für die Nacht der Tropf. Eine Woche. Direkt vor der Entlassung wurde der Darm von einer Kneifzange gedrückt, man drehte diesen und faltete ihn nach Außen.

Hauptheldin: Ein eisernes Krokodil hat die Sonne verschluckt.

Chor: Die Flüssigkeiten sind zurück getreten. Schnell in die Reanimation! — von Weitem. Ein Mann, wohin gehen Sie? Man darf hier nicht weiter. Tolik hielt sich an der Tür zur Reanimation auf.

Hauptheldin: Ich spüre meine Beine nicht, die Lampen verschwimmen, verflossenzu einer. 

Chor: Sie wird in den Permafrost gebracht, im Mund, in der Nase, in den Lungen – überall das frostige Bröckelige.

Hauptheldin:  Sie ist die Ceres des wüsten Polar-Archipels, eine eisige Ceres im Asteroid-Gürtel aus Eis.

Chor: Der arterielle Druck sinkt. Bi-i-i-i-i-i-i-i-i-i-i-i-ip, es blieb hängen.

Hauptheldin: Die zweite Abtreibung …

Chor:…er war zu einem anderen Zeitpunkt…

Hauptheldin: Es gab fast keine Geburtswehen. Dafür gab es viel Blut, das Kind wurde in Stücken heraus geholt, es schwamm im Blut, wie Fleisch in einer flüssigen Tomatensauce. 

Chor: Man spritzte ihr eine lokale Betäubung, sie hat alles gesehen. Ist es Ihr Mann?

Hauptheldin: Ja.

Chor: Der erste Ehemann stand daneben und hat alles gesehen. Nehmen Sie sie und bringen Sie sie aufs Zimmer, er versuchte sie hoch zu heben. Ein plumper Botaniker mit einer eingesunkenen Brust. Ich bin mitleidig, und gar nicht jung.

Hauptheldin: Ich mache es selbst. Das Zimmer begann sich zu drehen.

Chor: Sie schafft es nicht. Sie hat zwei Liter Blut verloren.

Hauptheldin: Selbst.

Die Leinwand erlosch.

Chor: Die Ärztin mit bösen, dunklen Augen und der hohe, locken – köpfige Stationsarzt tranken Tee und aßen dazu die Schokolade „Alenka“. Über ihnen auf dem Seil hingen gelbe Plastikhandschuhe. Leg dich hin, du vierzehnte um drei Uhr nachts. Die Beine auf Abstützen. Das Verbrechen? Der Expander  ist fast ganz rostig. 

Hauptheldin:  Der Abort.

Chor: Wie viele Wochen. 

Hauptheldin:  20–22.

Chor: Die Öffnung drei cm. Zwei Würfel Lidocain. Frau Mendel‘ zog sich die Handschuhe an, steckte eine Nadel in den Gebärmutterhals, nahm die aller größte Kürette, genau so alt und schrecklich, wie ein Expander.  Es schien als ob sie durch die Gebärmutter die Wirbelsäule  kritzeltund auf irgendetwas im Inneren drückt, abbricht und knarrt und knirscht. Dem Ehemann hat man nicht erlaubt, über Nacht da zu bleiben, nicht einmal im Flur. Sorgen Sie sich nicht, es wird alles gut. Ich werde sie beobachten. Die Heizungen geben kaum Wärme ab, der Assistenzarzt fand eine zweite Decke. Benötigen Sie mehr Flüssigkeit?Tee?

Hauptheldin:  Mit de exotischen Geschmack eines netten Besens. Danke, lieber Wasser.

Komm etwas früher. Ich halte es hier nicht länger aus, werde ein wenig schlafen. Kräfte sammeln.

Chor: Wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie an, seien Sie nicht schüchtern. Ein Bettpfanne Wasser. Ich habe Dienst auf dem Flur, ich heiße Gleb. Wenn ich es nicht höre, klopfen Sie mit der Tasse auf die Heizung. Dann werde ich sofort wach. Er brachte eine Handvoll Barbarzitzen mit und  ein Gematogen. Sie hat es sogar geschafft auf der klumpigen Matratze ein zu schlafen. Die zwei Decken störten sie, es war feucht und war,   

ESR, ROE morgen. Die Entlassung habe ich gestern vorbereitet, die Sachen werde ich abgeben, wenn die Schwester-Herrin sich befreit. Ablehnung von einem weiteren Krankenhaus-Aufenthalt.

Hauptheldin: Ich habe es unterschrieben, danke.

Sie geht in die Tiefe der Szene, in die Dunkelheit.

Chor:  Vergessen Sie nicht, die Brust ab zu binden. Werden Sie gesund. Wir schnappten uns ein Taxi und kehrten nach hause zurück. Still und leise, ohne irgendwelche Exzesse.

Chor: Und ich fahre mit der Tochter.  Sammele du die Pantoffeln ein, Hausschuhe, Bademantel, Handtuch, Zahnpasta, Bürste, Seife. Und fahr in ein anderes Krankenhaus, mit einem befehlshaberischen Ton. Der Mann drehte sich um und ging zurück in die Wohnung. Zum ersten Mal  begann das Fruchtwasser noch im Krankenwagen zu fließen, man gab ihr ein paar Spritzen.

Hauptheldin: Ich bin selbst in die dritte Etage gestiegen, in den Bereich „Geburtshilfe und Gynäkologie“. In feuchten, stacheligen Leggins und nassen Socken. 

Chor: Zieh deine Kleidung aus und leg dich hin. Die Krankenschwester machte das Bett mit Bettwäsche, die grau geworden ist von dem vielen Waschen. Sie benötigen Ihr eigenes  Nachthemd, auf diesem sind verdächtige Flecken und Löcher. Bleib du liegen und ich finde die Abteilung, spreche als Kollege zum Kollegen, die Mutter hat die leitende Funktion in der Klinik „Bagira!“ Sie legte sich hin

Hauptheldin:  Der Schmerz kam in Welle. Eine große, eine noch größere, eine riesige Welle kochenden Wassers. A-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a (in der ganzen Stimme)

Chor: Er lag zwischen meinen Beinen, in der Pfütze. Ganz Sauber, mit dunklem Haar, mit geschlossenen Augen.

Hauptheldin: Ihm war kalt.

Chor: Ein Junge. Wohin mit ihm? Auf den ersten Blick gibt es keine Pathologie. Man kann es versuchen…Nein, sagte die Mutter.

Hauptheldin: Mutter, wo ist er?

Chor: Niemand

Hauptheldin: Aus der Armbeuge eine Nadel mit einem Rohr (sticht mit der Nadel, das Blut spritzt)

Chor: Er wurde weg gebracht.

Hauptheldin: Er lebt. Ich erinnere mich, ein Junge.

Chor: Er ist gestorben als er auf die Welt kam, du bist jung, wirst einen weiteren zur Welt bringen.

Hauptheldin: Ich habe nicht gesehen, wie er gestorben ist(weint leise).

Chor: Schlaf, Teure, weine nicht. Sie wurde zweimal gewaschen: ein Mann mit weichen Händen und morgens durch die Hintertür. Kommt zu sich, fragt sie ob sie mal Hepatitis gehabt hatte. Sie ist unbekannt, hat keine Dokumente. Extrauterinschwangerschaft. Das Geschwür ist geplatzt. Das Blut floss in das Abdomen. Nach der Operation der Oberarzt-Abteilung, ganz in Blut. Ein gutes Mädchen , geduldig.

Hauptheldin: Ich? Nun habe das NJ  ausgehalten, bis ich auf der Straße hin fiel.

Chor: NJ ist größer, höher und älter als fünfzehn Jahre, sie tut einem nicht leid. Uns sie. Dünn, Hände-Fäden, Beine – Streichhölzer. Zu jung, zu vertrauenswürdig, solche leben nicht,  sondern ackern sich ab. Man hatte immer Mitleid mit ihr. Nun soll eine Untersuchung erfolgen. Ein Abort zu diesem Zeitpunkt  kommt selten vor. Sie sind selber Arzt und Mutter, Sie sollten es verstehen. Vitamine, Ernährung, weniger Stress und ein paar Jahre keine Kinder. Hier ist eine Überweisung in die endokrinologische Geburtsvorsorge, Sie sollten hin gehen.

Hauptheldin: Auf Wiedersehen.

Chor:  Dein Mann ist schuld. Der Depp. Konnte kein normales Kind machen. Ich lief aus seit dem ersten, doch zur Welt gebracht habe ich es alleine, dich sogar auf dem Sofa. Und du wirst gebären. Du musst gebären.

Ein leuchtendes Licht.

III

Freundin 2:  Warum lässt du dich nicht gesund machen?

Hauptheldin: Eine Schuld?

Chor: Damljama mit Schafrippchen

Hauptheldin: Ich war bei verschiedenen Ärzten und kam vom Kurs ab. Verschiedene Diagnosen und die Heilung ist unterschiedlich. 

Freundin2: Dann wähle eine aus und fange an.

Chor: Das wichtigste ist der Anfang.

Es roch anlockend nach Raykhon, Hammel, Knoblauch und nach Paprika.

Freundin 2: Nanu, eine unbeschreibliche Schönheit.

Chor: Die darstellende Kunst, ein Lied. Das Essen ist nicht nur für den Magen, sondern für die Seele.

Freundin 2: M-m-m. Eine Leckerei

Hauptheldin: Trink. Ich glaube ihnen nicht. Und die Arzneien mit den ernsten Gegenanzeigen , die Veränderungen des Blutbildes.

Chor: Arganulozyste 

Hauptheldin: Ich habe eine schwache Leber. Eine abscheuliche Bauchspeicheldrüse. Ich versuche gar keine Tabletten zu schlucken. Und hier mit vollen Händen und Jahre lang.

Freundin 2: Du lässt dich nicht heilen, von der Laterne. Du wärst fast verendet

Chor: Thyreotoxische Krisis. Das dritte Jahr der Blutdruck 135/100, Puls höher als 200.. nicht ab Hauptheldin: …Hund, Katze, Mücke...

Professor 1: Das Alter?

Hauptheldin: 29 Jahre

Chor: Du siehst aus wie Nadezhda Konstantinovna Krupskaja.

Hauptheldin: Einsamkeit. Ich habe mich daran gewöhnt. Man gewöhnt sich an alles.  An das Schlechte langsam. Wenn man das Schlechte nur vergessen könnte.

Professor 1: Geben Sie Blut ab wegen der Hormone, Ultraschall.

Hauptheldin: Habe ich.

Chor: Habe es gemacht, vor einem halben Jahr, zwei Monaten und vor einem Monat.

Professor 1: Machen Sie es erneut.

Chor: Wir sind zu alt, machen es selber, wir haben einen sehr guten Apparat, der beste Ultraschall. 

Professor 1: Mit den Ergebnissen bitte zu mir in die Aufnahme, 200.

Chor: 500, 700, 1000. Ergebnisse, der Ultraschall ist teurer.  

Freundin 2: Hörst du mir zu? Willst du sterben? 

Hauptheldin: Verzeih, ich war in Gedanken, wiederhole es.

Freundin 2: Willst du sterben? Die Karaffe ist wunderschön.

Hauptheldin: Nein, einen solchen Luxus kann ich mir nicht genehmigen. Ich werde weiter leiden den Feinden zum Trotz. Ashehani (Ашехани) der häuslichen Überflutung. Und die Karaffe stammt aus Georgien.

Chor: Quevre.

Freundin 2:  Du benötigst ein Brain-Storming. Krank sein und sich nicht heilen lassen ist Trash . Das Gericht ebenfalls.      

Chor: Authentisch

Hauptheldin: Es gibt eine Menge Arbeit, ich brenne am Geburtstag und zu Neujahr.

Chor: Sie war seit acht Jahren nicht im Urlaub.

Hauptheldin: Rishtan. Blaue Keramik, XIX Jahrhundert, Unterschrift, der Stempel des Meisters auf Farsi .

Freundin 2: Auffarsi – ein schöner Name.

Hauptheldin:Das ist kein Name. Das ist eine Sprache.

Freundin 2: Ich sehe.

Chor: Google.

Freundin 2: Rishtan ist eine tadschikische Stadt.

Chor: Alle Städte Zentralasiens wurden von Tadschiken gebaut. 

Hauptheldin: Trink..

Freundin 2: Wir werden austrinken. Ich erinnere mich an einen Trinkspruch. Lasst uns trinken vor dem Kampf! Ein ausgezeichneter Wein, leicht zu trinken, passend zum Thema  Für die Erfüllung der Wünsche! Seid arrogant!  

Chor: Den Zwillingen.

Freundin 2: Wechsel die Arbeit. Kardinal. Es ist Zeit- Zeit. Glaubst nicht an den Horoskop, soll Lejla die Zukunft hervor sagen….

Chor: Die Zwölften.

Freundin 2: auf den Karten.

Chor: besser mit Kaffee, mit Rattenknochen. .

Freundin 2:  Mach es nach den Sternen online im Netz.

Hauptheldin: Der Chef schlägt San-Diego vor. Lass uns auf das Sofa gehen.

Freundin 2: Nun , es fängt an, ohne Aufsicht wirst du arbeiten 120 Stunden die Woche. Mist, ich kann meinen Reißverschluss nicht schließen.  .

Chor: Der Bauch stört.

Hauptheldin: Zieh die Jeans aus, hier ist ein sauberer Bademantel.

Freundin 2: Uff! Ich werde nur eine Unterhose tragen. Hast du was dagegen?

Hauptheldin: Der Verdienst ist höher, Wohnung, Krankenversicherung.

Freundin 2:  Die Plastik des Gesichts. 32 Da Vinchi, Brüste aus Silikon die sechste Nummer und Beine  verlängert auf  10 cm

Hauptheldin: Die Beine lang. Kommst uns besuchen. Findest einen Millionär oder einen zwei Meter hohen Macho mit sechs Würfeln, Taille.

Chor: Und ohne Kringel auf den Seiten

Freundin 2: Finde du ihn dir. Wenn du versprichst, ein persönliches Leben zu beginnen, hau ab.

Chor: Selbst heute.

Freundin 2: Wohin auch immer, nach San-Diego.

Chor: Frei.

Hauptheldin: Ich höre auf.

Chor: Das Familienglück ist vorbei.

Hauptheldin: Man wird nicht irgendetwas, was sich lohnt, als Heirat bezeichnen. 

Freundin 2: Ja, gut, einen Ehemann! Gute Ehemänner – wie Küstenleoparden.

Chor: Zehn Stück werden schon seit 60 Jahren bewacht.

Freundin 2: Finde dir einen Geliebten.

Hauptheldin: Ich kann mir nicht einmal eine Katze anschaffen. Und die Katze…

Freundin 2: …fängt die Mäuse…

Chor: Fliegen.  

Freundin 2:…och, die Decke dreht sich und der Boden.

Hauptheldin: Ich habe keine Mäuse.

Freundin 2: Von denen wird es hier wimmeln, und nicht nur im Haus. Es gibt einen Neurotpathologen. Wir für alle Fälle heilen. Verheiratet, der Kotzbrocken, aber klasse, schlau, sympathisch, 35 Jahre und zauberhafte Hände, ein winziger Ausschlag man wird baff auf der Stelle. 

Hauptheldin: Nimm ihn zu dir.

Freundin 2: Ich will heiraten, doch einen Fremden schnappen, dazu fehlen mir die Nerven.

Hauptheldin: Vor allem mit meiner Psyche. Wäre er Psychiater, würde ich noch einmal nachdenken. Sei ehrlich, wie viele Liebhaber hattest du? Ich werde nicht lachen.

Freundin 2: Ach du Schlange, Hauptsache irgendwie abwimmeln.

Hauptheldin: Zwei, lach du nur auf die Gesundheit 

Freundin 2: In wie vielen Jahren und wer?

Chor: Namen, Schwester, Namen?

Hauptheldin: Nun, seit ich vierzehn war. Mein erster.

Chor: Hast Shahin geheiratet. Preis-Waterhous hast du in einen Harem verwandelt. Hast hübsche Jungen durch gehen lassen.  

Hauptheldin: Und der Ehemann.

Freundin 2: M-i-st, seit fünfzehn Jahren mit dem Ehemann zusammen?

Hauptheldin: Nun ja. Ich bin keine Schönheit und Sexbombe wie du.

Freundin 2: Mist, das ist nicht zum Lachen sondern zum Weinen…

Chor: Zum Aufhängen.

Freundin 2: …es bleibt nur noch Gleb…

Chor: Dieser doofe Weiberheld.

Hauptheldin: Ich schwöre, niemals er noch ich.

Freundin 2: Unterbreche mich nicht.  Er ist ein Depp , kein Idiot. Gleb nannte sich Birkchen.

Hauptheldin: Welches Birkchen? Eine Birke.

Freundin 2: Du Pinocchio-Brett. Wie hast du es nur zu diesem Leben geschafft?  

Chor: Wie ein Kolobok (russische Märchengestalt).

Freundin 2: Er sagte, du seist ein schmales Birkchen, klar und hell.

Hauptheldin: Und du hast es ihm aufs Wort geglaubt? Hast ihn nicht gezwungen Erde zu essen, Blut zu trinken?

Podruga 2: Du hast unrecht, was die Menschen denken, das sagen sie auch.  

Hauptheldin: Auch Gleb.

Chor: Messias, welcher die Wahrheit offenbart, ein Mischling Freuds und Messings.

Freundin 2: Man soll den Menschen einfach zuhören. Man hat nur ein Leben. Ist es vorbei, wirst du dich barbusig hinwerfen…

Chor: Für alle.

Freundin 2:…im Alter.

Hauptheldin: Ich werde es bis zum Alter nicht schaffen, ich bin 29 und fühle mich wie hundert.

Chor: Krächze nicht, sonst wirst du von dem Bösen Blick behext.

Das Licht wird rot

Ehemann: Ich habe mein Einverständnis nicht gegeben. (beleidigte Augen unter der Brille füllten sich mit Tränen).

Freundin 2:  Und die Rechnung nicht bezahlt.

Chor: Nicht einverstanden – zahle.

Professor 2:  Der Spieler  gab das Testament 

Ehemann: Sie haben mein Kind getötet. Sie haben meine Frau getötet.

Chor: Langweilig..

Ehemann: Ihr habt getötet, getötet, getötet.

Chor: Mit dem Aufreißen.

Freundin 2: Anatolij, beenden sie die Hysterie. Sie starb vor zwei Wochen mit Ihrer Tochter gemeinsam mit Ihrer Tochter.

Ehemann: Ich werde diese lausige Krankenhaus verklagen.  

Chor: Wahrscheinlich hat er Schmerzen.

Ehemann: Sie haben mein Kind getötet. Sie haben meine Frau getötet. Mörder!

Freundin 2: Um Himmels willen!

Chor: Halt’s Maul du Armseliger, und das Leid ist armselig.

Ehemann: Getötet, getötet, getötet, ge-e-e-e-e-e-e-e-e-e-e-e-!

Chor: Das Fenster wird gewischt mit einem zerknitterten Tuch mit Karomuster.

Ehemann: Du hattest nicht das Recht.

Chor: Die Augen zusammen kneifend.

Freundin 2: Ich bin eine rechtlichbefugte Person.

Chor: Gräulicher kann man es  nicht ausdrücken.

Ehemann: Ich bin ihr Mann, das war mein Kind, wir haben geheiratet, und du bist ein Niemand für sie. Lanochka schaffte es nicht zu beichten. Schlecht-schlecht-schlecht, Vater Pavel.

Freundin 2: Anatoloj, hör auf zu schreien.

Chor: Ohne dich ist es beschissen.

Freundin 2: Lassen Sie uns in den Flur gehen. Lev Platonovich, entschuldigen Sie uns. Er ist einfach müde.

Chor: Er saugte uns die Energie aus und trank.

Professor 2: Das tut mir sehr leid.

Freundin 2: Anatolij, lassen Sie uns gehen. Es wird Ihnen besser gehen an der Luft.

Ehemann: Y-y-y-y-y-y-y-y-y-y- Mörder! Mörder, Mörder! Y-y-y-y-y-y-y-y-y-

Freundin 2: Mist! Halt’s Maul! Schrei nicht!

Chor:  Er geht auf den Wecker..

Freundin2: Zum Teufel mit dir, kannst ruhig schreien, man soll dich in die Mentura mitnehmen.   

Chor: Ist er nun wirklich verstummt?

Freundin 2: Geh raus und warte hinter der Tür ( er lehnte sich an, wollte nicht gehen)

Chor: Ausgegangen, atmete durch und begann von Vorne.

Ehemann: Und was ist mit der Beerdigung? Man muss Vater Pavel fragen, dass dieser singt. Und einen guten Platz finden. .

Freundin 2: Die Einäscherung ist morgen um zwei.

Ehemann: Das geht so nicht, es ist unmenschlich. Lanochka, gläubig, getauft, man soll nach dm orthodoxen Ritus vorsingen

Chor: Hatte Angst, nach dem Tod von Würmern gegessen zu werden. Irgendeine Phobie, Arachnophobie, Insekten haben bei ihr eine kränkliche Abneigung verursacht.  

Ehemann: Und ich? Wie soll ich?

Chor: Die Wohnung der Mutter, das Auto dem Bruder. Die  Asche wird auf dem Grab des Vaters, des Großvaters und der Großmutter verstreut. Wir müssen einen Platz kaufen, sonst geben sie uns kein Grab. Sie wusste nicht, wie ihr Vater starb und wo er begrabe wurde. Mutter und Vater haben sich vor langer Zeit scheiden lassen. Er lebte in der Nähe von Dschambul auf dem Ufer des Taraz, mit seiner dritten Ehefrau und erwachsenen Kindern.

Alle Jahre wieder wurde das Haus aus Schilfrohr und Ton in den Fluss geschwemmt.  Der Vater baute es erneut auf der selben Stelle. Er stammt aus der Familie von Deportierten und wurde in der kasachischen Steppe geboren, entweder 1942 oder 1943. Später fuhr sie weg um zu studieren, die Sowjetunion fiel auseinander und es kamen keine Briefe mehr an. 

Freundin 1: Na endlich, du warst im Koma.

Hauptheldin: Mir schien, ich wäre tot.

Freundin 1: Fast (sie verzog die Lippen und die Wange). Man hat dich mit  irgendeinem  Zeug vergiftet und mit Strom. Und die Sanitäter…

Chor:  Besonders pockig und mit einer Schnauze

Freundin 1: …Die Schnösel.

Chor:  eine schmale herzliche Organisation.

Professor 2: Das wichtigste du lebst. Glück gehabt.

Chor: Die neuste Methode, die klinischen Prüfungen sind noch am laufen, chance 1:10

Freundin 2: Bei sich.  Du wurdest von der der künstlichen Beatmungder Lungen befreit, um dich hierher zu fahren. Lejla hat sich Urlaub genommen. Ich habe die Papiere unterschrieben, falls es nicht klappen sollte…

Das Licht ist auf der Hauptheldin, die Übrigen sieht man nicht.

IV

Chor: Nikola-Archangelski Krematorium. Bescheinigung über den Tod. Golgatha. Punkt, Ende, nicht korrigierbar. Keiner hat geweint. Fremde, Unbekannte, Kollegen des Bruders, Nachbarn. Sie ging als letztes. Senkte sich auf die Knie. Die großen Hände liegen auf dem Bauch. Vor fünf Jahren war sie eine hohe, dünne Frau mit durchdringenden dunklen Augen . Ihr Blick stocherte, hasste, war eifersüchtig. So unerwartet, es schien sie habe Krebs ohne Symptome, doch sie quälte sich nicht. Unter der weißen Spitzendecke war es nicht sie. Dorthin zu schauen war schrecklich und dort hin zu gehen noch schrecklicher. Eine Mumie. Mit Pergament umwickelte Knochen, ungemütlich, nicht richtig, ein eingefallenes Gesicht mit lippenlosem Mund.

Hauptheldin: Verzeih(sie küsste die Hände, welche mit weißen Schleifen)Verzeih, verzeih..

Chor: Das Letzte. Haben sich alle verabschiedet? Der Ort ist gut gelegen. In der Stadt, Bus und Marschrutki (kleine Busse zum Transport von Passagieren)

Bruder: Ich sage, wenn ihr nichts dagegen habt. Wir sind nicht viele, die aller Nächsten.

Chor: Keine Verwandten, keine Bekannten von der ehemaligen Arbeit, keine Freundinnen.  

Bruder:  Wen kannte die Mutter persönlich? Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich unterstützt haben. Ich…ich… 

Chor: Der beste Friedhof, geschlossen 30 Jahre, über die Vetternwirtschaft und eine Menge Geld ein bordeaux-farbener Sarg mit Gold und Behang. Mit der Krone zum Westen der Straße. Eine Handvoll Staub, Man hat den Hügel eines gelben Tons zu geschaufelt. Die Kränze vergesse, kauften im Friedhof-laden Plastikkränze, einen giftgrünen „Ruhe in Frieden“   und ein lachsfarbener „Der lieben Mutter“, staubige, schwarze Schleifen von irgendjemandes Grab.

…Gedenkfeier in der „Westlichen Küche.“ Neu. Vor kurzem eröffnet, vor ca. zwei Monaten. Sie beeilten sich, es wurde in den Bergen 5 Grad kälter. Der Tisch nicht gedeckt, im Wohnzimmer Kälte fast wie draußen.Die Bedienung-Schlafwandler krochen. Halbleere Nüsse, Trockenobst. Amerikanische hölzerne Äpfel, Mandarinen. – Ägypten. Salate? Nein, nein! Tee zum Aufwärmen, anstelle von Tee, Kompott. Zähe Hühnerbrühe mit gelben Fettkreisen und seltenem Dill. Pilaw, Kuurdak aus Hammelfleisch.

Hauptheldin: Es ist kalt geworden, nichts mehr zu Trinken da. An Opa wurde wie gewöhnlich gedacht, begonnen mit Rosinen-Brei, man erinnerte sich an ihn.

Chor: Mit einer Kristall-Ehrlichkeit, Treue, Männlichkeit. Der Karlag zerstörte ihn nicht.

Hauptheldin: Der Naive hat geglaubt.

Chor: An eine helle Zukunft und kommunistische Ideale. Mit Maria hat man Fünf erzogen. Lasst uns gedenken. Allah akbar, sie geben nicht, du bringst es nicht mit dir.

Hauptheldin: Ich hätte komme können , reden, zum letzten Mal, ich plante es seit fünf Jahren, habe sogar Tickets gekauft.

Chor: Zuerst wurden die Hände, dann die Beine entfernt. Am 31 wurde es einfacher, ich schaute „Ogonek“ Ins Krankenhaus musste ich nicht. Schaffe es.

Bruder: Den Hof machen..

Chor: Seit drei Wochen.

Bruder:…ich bin müde

Hauptheldin: Sagte nicht die vierte Stufe..

Bruder: Sie wollte selber nicht, beschwerte sich der dritte nachts gib mir die Wassermelone. Am Morgen erwachte sie nicht.

Chor: Die Kleidung verbrennen, von Genration zu Generation, für die Erinnerung den Allernächsten. Ein Ring. Den Rest in das Feuer. Die Kleidung eines Toten dürfen Lebende nicht tragen. Was nicht brannte, brachte man auf die Müllhalde.

 V

Hauptheldin: Frohe Weihnachten! Lässt du mich rein?

Chor: Es ist zu spät.

Freundin 1: Komme herein? Was ist mit dir?

Chor: Ein teures Abhandenkommen.

Hauptheldin: Mit mir? Nichts. Die Hunde, mein geliebter Sohn

Chor: Zwei Vorderzähne gefunden, sind heraus gefallen.

Hauptheldin: Nicht gemerkt, war krank, starb und überhaupt zu spät gekommen. Bin keine gute Krankenwärterin

Chor:  Schwächlich..

Hauptheldin: nicht zu beruhigen, weißt du die Kleinei träumte: richtige Eltern finden, die einen mitnehmen, genauso eine Drecksau ist sie geworden. 

Freundin 1: Weine ruhig.

Hauptheldin: Nach der Scheidung stritten, stritten wir, es kam fast zum Handgemenge. Die Afrikaner hungern.

Chor: Wir sind nicht in Afrika

Freundin 1: Du hast nichts gegessen.

Hauptheldin: Ich kann nicht. Bin abgehauen, habe sogar die Kleidung nicht mit genommen. In den Familien von Drogendealern und Alkoholiker.

Chor: Welch ein Vergleich.

Hauptheldin: Sag danke, dass ich geboren habe, danke, nur für was? Das Leben ist eine gute Sache?

Freundin 1: Es ist seltsam , wir haben uns gesehen. Ich fragte, wie es Mama geht und warum er niemanden gerufen hat?

Chor: Galila Dalilovna, die Ärzte aus der „Bagira“.

Freundin 1:  Zur Hochzeit muss man nicht unbedingt gehen, auf die Beerdigung unbedingt.

Hauptheldin: Ich spüre nichts.

Freundin 1: Das ist ein Schock, der Vater hatte vor einem Jahr den Insult, ich glaube es bis jetzt noch nicht.  

Chor:  Resignierte nicht.

Freundin 1: Schrecklich, doch nicht mehr zu verändern. Ist glücklich zu hause gestorben.

Hauptheldin: Zu schnell, der Großvater mit 78, die Großmutter mit 90. Bei uns haben sie alle ein langes Leben.

Freundin 1: Die Alten leben, wenn sie irgendjemand braucht

Hauptheldin: Hässliche Kinder, nach wem kommen sie?

Chor: Unfähig für Sympathie.

Hauptheldin: Der Gesunde stirbt eher. Sogar ein Foto in der Traueranzeige fehlt, dafür was sie alles ertragen hat, sie ernährte uns, kleidete uns ein, versuchte uns zu lieben, wenn wir krank waren, wartete sie kein einziges Wort ab. Sie hat ein solches Leben nicht verdient, niemand hat es.

 Freundin 1: Das heißt sie hatte Glück, hat sich nicht lange gequält. Und der Ort ist ausgezeichnet, auf der Zentralallee. Und die Beerdigung für die Lebenden.

Chor: Die Toten pfeifen drauf.

Hauptheldin: Ich vergaß, dass ich sie irgendwann geliebt habe, sie immer geliebt hatte.

Chor: Den hohen Standards nicht entsprechen, des erfolglosen Vaters ist schwer.

Freundin 1: Sie liebte wie sie konnte. Das Schlechte vergisst man, in einem Jahr stellen wir ein Denkmal auf. .

Hauptheldin: Eine schwarze Platte, oben eine weinende Weide.

Freundin 1: Aus Marmor, mit einem Foto, weine nicht..

Hauptheldin: In einem zerknitterten Kleid und einem Panama-Hut.

Chor: Von der anderen Seite ein Barsch-Marsch Jahr 1953 

Hauptheldin: Das sind wir 

Freundin 1: Sie ähnelt der Mutter, die Nörglerin .

Chor: Das Profil des Großvaters, der Stolz der Mutter, das Herz, die halbe Seele.

Freundin 1: Die Ehefrau hätte kommen können.

Hauotheldin: Die Ehemalige

Freundin 1: Gut, dass der Enkel da ist.

Chor: Vier Jahre alt, der Einzige.

Hauptheldin: Ganz wie Nikonvskie.

Chor: Der Cousin des Opas mütterlicherseits, ein Anhängsel des Imperialismus, direkter Nachkomme in der Verbannung.

Freundin 1: Soll die Erde der Mutter mit dem Flaum. .

Chor: Die Flasche ist alle.

Freundin 1: Friede

Chor: Hat geträumt

Freundin 1: Und nun auch mit dem Bruder vertragen.

Hauptheldin: Lejla…

Freundin 1: Ich habe längst verziehen, und nun lass auch du gehen.

Prpfessor 2: Der Tod trat am vierten Januar, um 11.05 Uhr ein.

„Im Traum“ – von Alina Sch.

Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge. Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen, ist die Aufgabe der Kunst. Ein Kritiker ist, wer seinen Eindruck von schönen Dingen in eine andere Form oder in einen anderen Stoff zu übertragen vermag.

Büro der Frankfurter Buchmesse in New York

Übersetzt von: Lena Muchin (M. A.)

Quelle: https://polutona.ru/?show=0202164222

Im Traum war die Großmutter auch krank, Stücke

der Erinnerungen sprangen konzentriert

als ob ein harter Disk auf dem Fleck

zerschnitt den Trojaner, und der Halbgebildete

Wasserkocher heilt – verkrüppelt

Die Metro – Apokalypse wurde in New York aufgenommen

Eine fette Maus

von der Größe einer Katze

saß auf dem Rand der Plattform

und blickte in die Augen

du kommst zu spät

die zehnte Runde das Mädchen im nackten Gong


einigt euch

die erste Reihe ist Ivins Platz

er heult


wie ein ausgeschlagener Zahn

Dzheb-dzheb-kross dzheb-dzheb-kross

der Abhang

Distanz bewahren

nicht in den Clinch eintreten

tanzen

chirk Teufel die linke Braue

bräk Blut

Krach im Kopf

der Ringrichter des Arztes

Trainer mit einem Handtuch

er ist alt

und du bist jung

er ist schwerer

hab Acht

der linke apperkot und

und du legst dich hinter

du führst

bei der Brille man kann fort fahren

Dzhab-dzheb-korss

dzheb-dzheb- kross

der Abhang

nicht riskieren

zwei Knockouts

der dritte knockout sogar

Nockdown

bei der letzten Runde

wird es der letzte sein

Schweiß und Blut verdecken die Augen

Distanz halten

Clinch aufhängen

sich ausruhen

durchatmen

bräk

Dzhab-dzheb-korss

in die Milch

ein halbfertiger dzholt

tote Dzhebs

Swing wie im Koma

klinch

für drei

gerade so ab geklebt

Taue Taue Taue

huk auf den Schenkel

eine gefährliche Bewegung mit dem Kopf

Klinch

bräk

kli-i-nch

kli-i-i-nch

kli-i-i-i-nch

go-o-o-ong

auf die Nieren

auf die Nieren

Kampf auf der Brille

Der Saal heult

der erste Schwere in der blauen Ecke

aus dem Fenster des Ausziehraumes

kann man die Brooklyn-Brücke sehen

umgeben von Lichtern

eine Weihnachtsgirlande

einschläferndes Panorama

des nächtlichen New-Yorks

des schlaflosen Workaholic

Perpetuum des Energizers

24/7 auf Tranquilizern

„Nauryz“ – eine Erzählung von Oral Arukenova

Übersetzt von: Lena Muchin und Polina Stoppel-Beise

Am Ende des Winters begann Koshkulan selber auf die Jagd zu gehen, ohne Ajtygan, oder sie gingen als Rudel. Ajtygan wurde schwerer, roch anders oder zog sich immer mehr in die Abgeschiedenheit zurück. Als Koshkulan vor ein paar Tagen die Wölfin spielend mit seiner schweren Pfote tatzte, direkt auf den Widerrist, sträubte sie sich auf und knurrte los. Der Wolf fuhr zurück, knurrte angriffslisutig aber merklich vortäuschend zurück und lud sie zu einem Spiel ein in der Erwartung auff einen Gegenangriff.

Doch Ajtgun schenkte ihm keine Aufmerksamkeit mehr. Sie schaute aufmerksam in den blauen, durchsichtigen Himmel, als ob sie ein Spiel mit einem anderen Wesen erwartete und der Rüde trat instinktiv zurück. Ajtugan lag immer noch da und schaute ihn gleichgültig an.

Und selbst wenn Koshkulan Beute zu ihr brachte, lief sie ihm nicht entgegen, wedelte nicht feudig mit dem Schwanz, sondern schaute auf das Fleisch und antwortete blos mit einem kurzen und tiefen Knurren. In ihr entwickelte sich eine unsichtbare Kraft, die den Rüden dazu zwang, sich zu unterwerfen. Kokshulan brachte die Beute, legte sie in ihre Nähe und entfernte sich von ihr. Ajgutan wiederum näherte sich der Beute, fraß gierig, manchmal auch alles, als ob sie für die Zukunft vorsorgen würde. Die Wölfe hielten sich den ganzen Winter im Rudel, Sie siedelten im Gebiet des Airitau in Berghöhlen entlang des Flusses. Beim Sonnenuntergang gingen die Rüden zu einem leise plätschernden Bach, der im Winter von einer Eisschicht bedeckt war, und begaben sich von dort aus ins Tal, um Nahrung zu suchen.

Koshulan war ein starker und erfahrener Anführer, doch die jungen Rüden fochten ihn an und versuchten, ihre Kräfte zu messen. Dann gab der Anführer einen besonderen Laut von sich, der nicht nur die jungen Rüden erschreckte, sondern das ganze Rudel. Alle wurden sofort still und der Wolfsraufbold hielt vorübergehend Abstand, um dem Anführer nicht unter die Augen zu kommen. Koshkulan erinnerte sich an solche Ereignisse und fühlte, wer aus dem jungen Ausschlag es mit ihm aufnehmen kann. Sobald der Frühling nahte, fiel die Jagd schwerer und das Rudel wurde von einem gemeinsamen Geist erfasst. Dem Überlebensinstinkt folgend, hörten die jungen Wölfe damit auf, dem Anführer töricht zuwider zu kleffen, denn nun hing das ganze Rudel von Kokshulan ab, von seiner Erfahrung und Intuition. In der Frühe wehte vom Westen ein Besorgnis erregender Wind und Kokshulan spürte das Näherkommen eines Schneesturms. Die letzten Tage waren warm, der Schnee auf den Oberfläche konnte einwenign abschmelzen und den glatten Beschlag zerstören. Auf einem solchen Schnee in der offenen Steppe ist es sehr mühsam zu laufen. Während des Tauwetters lernten es die Wölfe, Mäuse zu fangen und Erdhörnchen unter dem Schnee, um das Nest herum. Aber diese kleinen Nager konnten das Wolfsrudel nicht für einen ganzen Tag sättigen, sonder spornten die Raubtiere umso mehr an. Der anhaltende Hunger und die Anzeichen eines Sturmes drängten Kokshulan zu einem riskanten Schritt – das Rudel zur Jagd in den Wald der Menschen, zu schicken. Da gibt es immer viel Wild. Der urtümliche Instinkt des Raubtieres ließ keinen Platz für Zweifel, aber auch der herausfordernde Blick Ajtugans veranlasste den Anführer sofort los zu ziehen. Kokshulan stieg auf den Hügel, nahm eine herrische Pose an, blickte mit einem scharfen Blick auf das Rudel, als ob er es hypnotisieren wollte und machte eine Bewegung mit den Kopf, die Richtung weisend. Ajtugan ging auch auf die Jagd, den Kopf senkend, unterwarf sie sich dem Anführer wie die anderen Wölfe. Kokshulan führte das Rudel über einen Bergrücken. Der Schnee auf dem Berkamm war noch nicht geschmolzen und nur an manchen Stellen zeigte sich eine klebrige, glitschige Kruste. Das Rudel lief einen halben Tag durch einen dichten Nebel. Als der Geruch des Kohlerauches sich mit dem Geruch brennenden Holzes vermischte, näherten sie sich dem fremden Territorium. Sie hörten das laute Gekrächz von Krähen und Kokshulan blieb vorsichtig stehen. Eine riesige Krähe, die auf dem Ast eines Baumes saß, spreizte die Flügel und flog Richtung Wald. Ihr folgend flatterte eine ganze Vogelschar hinter her. Der Anführer spürte, dass sie sich ihrer Beute näherten. Doch seine Erfahrung, auf Menschen zu treffen, lehrte ihn vorsichtig zu sein und er beschloss bis zur Nacht zu warten. Erst als der Mond zwischen den dichten Wolken glitzerte, führte Kokshulan das Rudel auf das verboten Territorium, wo eine besondere Koordinationsfähigkeit gefragt war. Als erster lief der Anführer, hinter ihm zwei junge, starke Rüden. Nicht weit von ihnen entfernt, in zwei Gruppen aufgeteilt, bewegten sich die anderen Mitglieder des Rudels, die Wölfinnen liefen ganz hinten. Bald sah Kokshulan einen bekannten Raben, dieser saß auf einem Tannenzweig und unter ihm, auf dem Schnee, hat sich für die Nacht eine Herde Elche versammelt. Einer der Elche lag etwas weiter weg. An diesen konnten sie sich heran wagen, heranschleichend, von beiden Seiten. Elche sind starke und große Tiere. Wenn man sie stört, können sie dich treten und stoßen mit ihren Hufen und Geweihen, sodass du stirbst. Doch wenn man einen Elch erbeutet, kann dies für lange Zeit ausreichen. Gerade als Koshulan sich dem Ziel nähern wollte, krächzte ein Rabe und verschwand in der Dichte des Waldes, und ihm hinterher, wie eine schwarze Wolke, flog die laute Schar, und der Anführer musste verharren. Das Krächzen der Raben weckte die Elche und die Herde begann, sich zu bewegen. Dann führte Koshulan das Rudel in Richtung der Vogelstimmen. Die Wölfe tauchten im Wald unter und erblickten bald das Raben-Mahl. Auf der Erde lag ein riesiger Elch. Er keuchte noch und zitterte von den Schlägen der Raben-Schnäbel. Die Wölfe warfen sich auf das Tier und bissen sich mit ihren scharfen Reißzähnen fest in das noch lebende Fleisch, sie rissen blutige Fleischstücke heraus und schluckten sie geizig runter ohne zu kauen. Nachdem die Schar den Hunger gestillt hatte, bewegte sie sich zurück zur Bergkette, gemeinsam mit ihrem Anführer und gefolgt vom lauten Gekrächz der Raben.

* * * *

Anfang März wurde es plötzlich warm, der Schnee begann zu schmelzen, als plötzlich ein Schneesturm zu wüten begann. Der einschneidende Wind machte den Anschein, als ob er die unangenehmen Erinnerungen in feste Knoten drehte, sie schmerzhaft in die Brust, in den Rücken drückte und stumm heulend Mukasha beim Einschlafen störte. In solchen Nächten wollte er, wie immer, etwas trinken, seine Schuldgefühle taub stellen, seinen Scham, und ein Lied einstimmen. Und vielleicht auch irgendwo unbemerkt für sich selbst und andere erfrieren, irgendwo in der Steppe, um dann zur Nahrung jeglicher Raubtiere zu werden – so gäbe es wenigstens irgendeinen Nutzen von ihm. Und als sich der Himmel endlich lichtete, leuchtete endlich wieder die Frühlingssonne, die Kälte in der Seele begann zu tauen, Hoffnung lebte auf, das bald alles gut sein wird. Mukash lebte schon ungefähr einen Monat lang auf dem Kordon, seitdem er das Dorf verlassen hatte, gerade nach dem Begräbnis des Alten Basen. Er beantragte im Akimat gerade die Dokumente für das Haus des Großvaters und erblickte seinen alten Freund aus seiner Wehrdienstzeit, doch er tat so, als erkenne er ihn nicht. Er wollte nicht, dass sein ehemaliger Dienstkamrade ihn in diesem ungepflegten Zusatnd und dem ständigen Alkoholgeruch, der von ihm ausging, erblickt. Bajtas grüßte als erster, bekundete sein Beileid und lud ihn in ein Kaffee ein. Mukash trank als erstes was gegen den Kater und begann dann wie gewohnt über das Leben zu schimpfen. Bajtas lud ihn zu sich ins Reservat ein. Zuerst lehnte Mukash ab, doch er erinnerte sich, dass der Kordon von Bajtas nicht weit entfernt ist von Dzhajl, wo er in seiner Kindheit mit seinem Großvater die Sommer verbracht hatte und sagte zu. Er setzte sich in seine Niva und fuhr weg, ohne jemandem Bescheid zu geben, ja und wer braucht ihn jetzt überhaupt noch? Die erste Zeit riefen verschiedene Leute an, doch dann entlud sich das Telefon und Mukash beruhigte sich, alle aufdringlichen Probleme blieben hinter der Absperrung. Bajtas stellte keine unnötigen Fragen, und Mukash war es nicht gewohn offen zu plaudern, außer, er war betrunken. So lebten sie nun zu zweit. An klaren Tagen arbeiteten sie im Gehege, abends bei schlechtem Wetter lasen sie Bücher. Bajtas hatte viele Bücher, Vorbeireisenden ließen sie bei ihm zurück, und er selbst hatte auch so einige gesammelt.

– Mukash! Lass uns Tee trinken, – rief Bajtas. – Gleich, Bake, ich komme, – antwortete Mukash, richtete den Pfad von der Tür und steckte die Schaufel in den Schneehaufen. Er ging ins Haus, warf den blauen Chapan von den Schultern, wusch sich die Hände und setzte sich an den langen Holztisch. Bajtas nahm den Teekocher von dem Herd und goss einen sehr starken Tee in die Becher. – Ich muss ins Dorf runter, – begann Bajtas und nahm einen Schluck Tee. – Lebensmittel holen, und die Verwandten besuchen, und nicht nur die… – lächelte er verkniffen.
– Wie, hast du etwa eine Frau dort? – interessierte sich Mukash.
– Ja, habe ich, nur will sie nicht hierher ziehen, kümmert sich um den alten Vater.
– Gibt es etwa niemanden, der sich sonst noch um ihren Vater kümmern kann?
– Doch, die haben eine große Familie.
– Man sollte sie vermählen.
– Im Sommer plane ich eine Hochzeit!
– Richtig. Wieso soll man hier allein herumlungern?! Und wie geht es deiner Ehemaligen, Zaure?
– Sie hat geheiratet, lebt in Almaty, und der Sohn schließt dieses Jahr die Schule ab.
– Schließt die Schule ab, das gibt es doch nicht, – wunderte sich Mukash, – Weißt du, ich denke auch darüber nach, zu heiraten. Ich werde die Trauerzeit um meinen Großvater nach einem Jahr hinter sich lassen und dann heiraten.
– Es ist längst fällig. Wo ist Lisa, die dir Briefe in die Armee schickte?
– Mukash hob den Kopf und machte den Eindruck, als ob er von Innen leuchtete, sodass sogar die Narbe auf der Wange und die Falten unter den Augen sein Alter nicht mehr verrieten. Doch sofort ließ er den Kopf wieder sinken: – Sie ist nach Deutschland gezogen – zu den Eltern. Man sagt, sie hat immer noch nicht geheiratet, – sagte er leise, zog den Chapan an, ging hinaus und machte die Tür hinter sich zu.


* * *

Ungeachtet des Nebel und des Windes, konnte Kokshulan die Beute auf weite Entfernung erahnen. Und tatsächlich, dort, sich im klebrigen Schnee tummelnd, waren einige Argalischafe unterwegs. Der Wind wehte vom Hinten und trieb Kokshulan und seine Herde voran. Die Wölfe gingen nach unten und stapften in den zähen Schnee. Entweder war der Nebel dichter geworden oder die Schafe schafften es einen Pfad zu finden und nach oben zu kommen – Koksuhlan verlor den Geruchssinn, blieb stehen und horchte hin. Durch den Heulen des Windes hörte er etwas weiter entfernt das Krächzen von Raben und schlug eine andere Richtung ein. Bald haben sie eins der Schafe erreicht. Dieses erkannte die Raubtiere und drehte sich zur Seite, berührte mit den Vorderhufen einen Stein unter dem Schnee, wankte ungeholfen und fiel zur Seite. Kokshulan setzte ab, sprang mit seinem ganzen Gewicht auf das Agalischaf, beugte sich zum Nacken und zum Hals und biss es mit seinen scharfen Zähnen durch. Das flüssige, dampfende Blut tropfte auf den Schnee, das Schaf keuchte, verkrampfte seine Muskeln und entspannte zuletzt seinen gesamten Körper. Darauf hin begannen die Rüden das Fleisch zu zerfetzen. Bald begann das Rudel, die zwei übrig gebliebenen Tiere zu jagen und trieb sie nach oben. Die Schafe versanken mit ihren dünnen Beinen im Schnee und eilten hilflos durch den Nebel, wie Schiffe auf den Wellen, ermüdeten und gaben auf. Solange der Sturm wütete, würde das Rudel Vorräte haben. Im Morgengrauen trug Kokshulan den hinteren Teil seiner Beute zur Wölfin. Der Eingang der Höhle wurde innerhalb von einer Nacht mit Schnee verdeckt. Kokshultan legte die Beute neben einer Schlucht im Falsen ab und kletterte durch die Schneeverwehung in die Höhle. Der Schnee konnte sich in der kurzen Zeit noch nicht verdichten und der Wolf konnte leicht einen Durchgang formen und mit den Vorderpfoten in die Höhle kriechen. Aber die Wölfin war verschunden. Solange Kokshulan die Grotte erkundete, wurde der Durchgang wieder von Schnee verweht und er musste sich erneut seinen Weg nach draußen frei schaufeln. Im Schnee versinkend, steckte Kokshulan seine Schnauze aus der Höhle und bemerkte, dass die Beute nicht mehr an ihrem Platz war. An Stelle des großen Fleischstückes blieb eine Mulde im Schnee und die Ziehspuren führten in den Felsspalt. Kokshulan kroch aus dem Schnee heraus, setzte zur Felswand über und schaute in die nicht all zu tiefe Kluft. Unten erkannte er Ajtugan, die gierig die Beute aufaß. Der Anführer fletschte die Zähne und knurrte. Aber die Wölfin blickte Kokshulan nur gleichgültig an und fuhr mit ihrem Mal fort.

* * *

In der Frühe begann sich Bajtas für den Weg vor zu bereiten. Nach dem Frühstück wärmte er das Auto auf, legte den Rucksack in den Kofferraum und setzte sich ans Steuer. Doch als er das Tor erreichte, bremste er abrupt ab und stieg aus dem Auto aus.
– Bake, hast du etwas vergessen? – Mukash eilte zu ihm.

– Mukash, antworte mir auf eine Frage. Du hast versprochen, das Haus des Großvaters meinem Schwager Ermak zu verkaufen? – Bajtas blickte ihm direkt in die Augen.

– Nein, was sagst du da! – äugelte böse Mukash, – Vielleicht habe ich es versprochen als ich betrunken war, ich weiß es nicht…- wedelte er mit der Hand. – Warum fragst du?

– Ja, er ruft mich an, du gibst es nicht her, sagte er, dass du ein Teil des Geldes für das Haus bekommen hast, aber die Dokumente nicht weg gibst.
– Er lügt!

– Warum lebt er dann mit seiner ganzen Familie in eurem Haus?
– Dieses Haus hat man für meinen Großvater gebaut, weil er ein Kriegsveterane war, im letzten Herbst gab es eine Anweisung dazu. Und wir beschlossen dort im Frühjahr einzuziehen, ein Fest zum Nauryz zu feiern, alle Verwandten einzuladen. Isa und seine Familie…
– Und?
– Zu dieser Zeit hat Ermek mit seiner Familie eine Erdhütte in unserer Nachbarschaft gemietet. Dann erfuhren sie, dass wir erst im Frühling umziehen und baten uns solange in im unserem neuen Haus leben zu dürfen. Sie sagten, sie würden ausziehen, sobald ihnen nach Neujahr eine Wohnung zur Verfügung gestellt wird. Der Großvater hatte Mitleid mit den Kindern und ließ sie einzihen…
– Und mir sagte er, dass der Alte Basen ihm sein Haus überschreiben wollte, es nur nicht geschafft hat. Er sagt, nach dem Tod des Großvaters hätte er alles mit dir ausgemacht und dir das Geld gegeben.
– Er lügt! Ich kann dir die Dokumente zeigen, ich habe sie bei mir, der Alte hat nie jemandem was überschrieben! Ich sagte doch: der Alte ist krank geworden, ihm war nicht nach dem Haus und er verstarb schnell, innerhalb eines Monats.
Mukah nahm mechanisch den Hut ab, setzte sich in die Hocke und nahm Zigaretten aus seiner Tasche.
– Gut, verzeih mir Bruder! – sagte Bajtas, klopfte Mukash auf die Schulter und kehrte ins Auto zurück.
Mukash ging bis zum Fuß der Erhebung und kehrte dann wieder ins Haus zurück, machte den Teekocher an und kochte sich einen chifir‘. Mit Vergnügen schlürfte er die heiße Flüssigkeit und spürte ein widerhallendes Schlagen des Herzens. Er legte sich auf das Sofa neben dem Fenster und rauchte. Die helle Sonne wärmte angenehm sein Gesicht. Er konnte sich nicht daran erinnern, ob er diese Unterlagen, die Ermek gebracht hatte, irgendwann unterschrieben hatte oder nicht.

„Selbst wenn ich irgendetwas unterschrieben habe, die Dokumente für das Haus sind bei mir“, beruhigte er sich selbst. Dann stand er auf, klopfte sich ab, als ob er unangenehme Gedanken vertreiben wollte, zog sich an und ging in den Wald. Dann sammelte sammelte er vom Schneesturm gefällte Zweige und Baumstämme ein. Er kehrte zurück, schaufelte die Asche aus dem Herd und streute einen Eimer Kohle in den noch glühenden aber abkühlenden Ofen. Er trank einen halben Kessel Wasser, legte sich vor dem Abendbrot noch gerade kurz hin und schlief unbemerkt ein.

Er tanzte mit Lisa einen Walzer am Schulabend und plötzlich verwandelte sie sich aus einem Mädchen in Schuluniform in eine reife Frau, die ihn aufrufend anlächelte und ihn hinter sich her führte. Mukash lief ihr lange auf der Straße hinterher, dann stieg er eine Leiter hoch. Lisas langer Rock wehte in einer Brise, sie kletterte hoch und Mukash fing ihren Duft auf als der Saum des Rockes ihn und seinen Kopf bedeckte. Dann verschwand Lisa oben, aber Mukashs Füße schienen an der Leiter fest zu kleben.


Er wachte von dem Geräusch eines Motors auf und horchte hin. Ist etwa Bajtas zurück gekehrt? Wobei, nein, das Geräusch ist ganz anders, abrollend und gerade. Der Mann stand langsam auf und ging in den Hof. Ein riesiges Auto mit Reifen von der Größe eines Menschen rollte in den Hof und blieb stehen.

– Assalam alejkum! – aus dem Jeep sprang, einem Akrobaten ähnlich, ein dünner, hoher Kerl, der weich auf der Erde landete.

– Alejkum assalam! – antwortete mit Würde Mukash und streckt seine Hand aus.
– Akan, – stellte sich der Kerl vor und drückte ihn fest an sich.
– Mukash, – sagte Mukash, eine Zigarette anzündend.
– Heißt der hiesige Förster nicht Bajtas?
– Ja, Bajtas, nur der ist ins Dorf gefahren. Ich bin für ihn im Dienst, – sagte Mukash und versuchte zu erkennen, ob weitere Personen im Jeepfenster zu sehen waren.
– In diesem Auto bin ich allein gefahren, hinter mir fahren noch zwei Jeeps, ich mache den Weg für sie frei, – sagte Akan, – wir sind Jäger, kommen um Vögel zu jagen.
– Achso, ich verstehe, – Sagte Mukash, – es gibt viele Auerhühner, sie haben Spuren im Schnee hinterlassen. Nicht weit weg von hier haben sie sich heute versammelt, und dort weiter, am Wegesrand sind Birkhähne vor Ort. Haben Sie eine Erlaubnis?
– Haben wir, alles tip-top, wir sind hier nicht zum ersten Mal. Bake kennt uns. Das Geräusch von Motoren ratterte, und eins nach dem anderen fuhren zwei weitere Jeeps vor die Hütte, etwas tiefere. Mit lauten gehabe stiegen sechs weitere Männer aus, stelltenn sich einer nach dem anderen vor und drückten Muktash die Hand.

– Nun kommt, lasst uns ins ins Haus rein gehen, – sagte Mukash und zeigte einladend auf die Außenveranda.

– Gleich, wir holen erst die Lebensmittel aus, – sagte Erema, ein Kerl mit schelmischen Augen.
Er machte den Kofferraum auf und nahm einen Kasten mit Kognak heraus, einen Kasten Mineralwasser und einige große Pakete. Jeder Kerl nahm einen Kasten und das lustige Gespräch weiter führend, gingen sie ins Haus. Als der Tisch gedeckt wurde, wurde die Seele Mukashs ganz fröhlich, als ob die Leichtigkeit und Freude der Kerle auf ihn abfärben würde. Der Traum über Lisa, blitzte angenehm in seinem Kopf auf und verlieh Mukash noch mehr Männlichkeit. Und je mehr er trank, umso mehr wurde er sich seiner Kräft bewusst. Nachdem er zusammen mit den Kerlen fast schon fahrlässig an den Belomor-Zigaretten vergiftet hatte, schlief er ein. Morgens wachte er dann mit Kopfschmerzen und von Trockenheit im Mund auf. Er trank eine Karaffe Wasser, rannte in den Hof, rieb sich mit Schnee ab und füllte zwei Eimer Kohle. Im Haus begutachtete er fröhlich die Flaschen Kognak: Ich werde den Ofen anzünden und wir setzen uns gemütlich hin, trinken etwas, ganz menschlich, – dachte er mit einem Lächeln,und sah auf die Kerle in den Schlafsäcken, die sich auf dem Boden im hinteren Zimmer ausbreiteten. „Bajtas kommt erst in ein paar Tagen wieder, ich kriege es noch früh genug hin, mich wieder in Ordnung zu bringen… – machte Mukash Pläne. Die Jagd hat guten Fang gebracht, nach dem Mittagsessen versammelte sich ein großer Haufen Auerhühner, gemischt mit Waldschnepfen. Die restlichen Tage halfen die Kerle Mukash die Pfade von gefällten Bäumen und Zweigen zu befreien und grillten Schaschlik im Hof. Abends am Essenstisch begannen die Kerle Mukash über Wölfe auszufragen.
– Nein, Jungs, zu den Wölfen darf man nicht, gerade jetzt sind sie hungrig und frieren, die Wölfinnen werfen bald Jungen. – Ja, und ich weiß nicht, wo sie genau leben.
– Ja, ne, ich rede nicht von der Jagd, es ist einfach interessant, wie ihr gemeinsam mit den Wölfen lebt? – fragte Akan.
– Wölfe – sie sind schlau, – sagte Mukash, erinnerte sich an den Großvater, – Einfach so rühren sie niemanden an. Doch wenn du einen von denen beleidigst, seine Wölfin oder die Welpen, dann nimm dich in Acht. – Na ja, ich würde nicht so gern in ihre Höhle kriechen, egal wie human sie auch sind, – lachte Erema.
– Ich persönlich bin ihnen nie begegnet, doch Bajtas hat erzählt, dass er die Spuren eines Rudels gesehen hatte. Letzte Woche, vor dem Sturm haben sie nicht weit von hier einen Elch gerissen, es blieben nur noch Knochen übrig und ein Haufen Krähen kreiste über diesen Kadaver. Die mussten wahrscheinlich sehr hungrig gewesen sein, sonst begeben sie sich nicht hier her.
– Wo leben sie?
– Im Frühling leben sie in Höhlen, in den Bergen, bis die Wölfinnen Jungen werfen und sich dann in die Steppe begeben.
– Lasst uns zu den Höhlen fahren und Wölfen suchen, – machte einer der Kerle den Vorschlag. Was können sie uns anhaben, wir sind im Jeep, wir nehmen den Jeep Akans. Mukash kennt den Weg…wir machen Fotos.
– Ich sagte doch, ich weiß nicht, wo sie sich befinden, hier sind viele Höhlen.
– Ach komm schon, Mukah, komm schon! – schlugen einer der Kerle nach dem anderen vor.
– Nur nicht schießen, und nehmt kein Gewehr mit, – erklärte sich Mukash einverstanden.
– Und noch etwas…Lasst mich dort, – entschied er, überrascht von sich selbst. – Was sagst du da! – schrie Akan.
– Ich sagte: lasst mich danach dort – also lasst ihr mich dort! Sonst fahre ich nicht! – polterte Mukash aus seiner ganzen Kraft und schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Kerle blickten sich mit Lachen und Verwunderung an.
– Lass uns fahren! – sagte laut Mukash und torkelte von dem Kognak, den er getrunken hat.
– Nein, das geht nicht, er hält sich kaum auf den Beinen! – protestierte einer der Kerle , doch die anderen zogen sich bereits an, ohne ihm Beachtung zu schenken.
Im Auto trank Mukash weiter, er erinnerte sich daran, wie er zum Felsenklamm hinauf kletterte und bei der Höhle stehen blieben und wie die Kerle i auf seinen Wunsch hin rgend etwas aus dem Auto entluden.

* * *

Ajgutan bmerkte das Auftauchen des Unbekannten und beobachtete ihn. Sie näherte sich ihm, während er schlief, beschnupperte ihn. Von ihm ging ein scharfer Geruch aus. Jedesmal, wenn die Wölfin seinen unbeweglichen Körper sah, erwachte in ihr ein seltsamer Instinkt: sie wollte dieses hilflose Wesen beschützen. Als Koshkulan die Anwesenheit des Unbekannten spürte, begab er sich zur Höhle, doch Ajtugan gab ihm nicht die Möglichkeit, sich dem Menschen zu nähern. Sie machte einen drohenden Ton, und der Anführer zog sich zurück. Die Wölfin erlaubte es auch den anderen Wölfen nicht, sich dem Menschen zu nähern. Das war ihre Beute und das Rudel musste damit es hinnehmen. Der Mensch ging selten aus der Höhle raus, die Wölfin entfernte sich nicht weit weg von ihm und legte sich neben den gegenüberliegenden Felsspalt. Von jetzt an hielt sie sich etwas weiter vom Rudel weg. Kokshulan brachte Beute, lenkte Ajtugans Aufmerksamkeit auf sich, drückte sich zur Erde und wimmelte. Nachdem er das zufriedene Murren der Wölfin hörte, kehrte er zum Rudel zurück.

* * *

Während der Großvater Basen das Gebetsritual Namaz durchführte, kletterte Mukash auf das Fohlen und ritt los. Das Fohlen ritt zunächst zur Schlucht, dann verlangsamte es seinen Gang und begann seinen Kopf zu schleudern und sich zu streuben, versuchte den Jungen von sich runter zu werfen, aber Mukash ließ es nicht zu: Entweder er packte ihn an der Mähne, oder er zog es am Zaum und schaffte es sogar ihn während dessen mit der Peitsche zu schlagen. Ihm gefiel es, das Fohlen zu zähmen, manchmal konnten er sogar ruckartige Sprünge bewältigen, doch der Junge verlor unerwartet seine Konzentration, als er die Gestalt des sich nähernden Großvaters erblickte. Dann warf das Fohlen Mukash auf die Wiese und ritt unbeirrt weiter. Der Junge fiel ungeschickt auf die rechte Seite, mit dem Gesicht in den Wermut, und schnellte enttäuscht wieder hoch. Mukash machte die Augen auf und spürte Hitze im Mund. Er war umgeben vom Geruch des Alkohols, drumherum lagen Scherben der zerbrochenen Flaschen. Der Mann hob mit Mühe seine Augen, im Kopf schallte es. Mukah kroch auf allen Vieren Richtung Ausgang, zum Licht, und putzte sich mit den Händen die Glasscherben ab, kaum den Würgereflex zurückhaltend. Er streckte seinen Kopf aus der Höhle, beugte sich über einen Stein und kotzte direkt am Ausgang Säre auf die Erde raus. An den Schläfen hämmerte es noch stärker, Schweiß bedeckte sein Gesicht, die Innereien brannten. Als sich der verwüstete und kraftlose Mukash in den Schnee warf und seine Augen in der strahlenden Sonne zusammen kniff, fühlte er plötzlich jemandes Anwesenheit.

– Ist es wirklich Bajtas? – Mukash überkam ein ihm bereits bekanntes, schweres Schuldgefühl, als ob er einen fremden Platz eingenommen hätte und ein fremdes Stück Fleisch gegessen hätte. Der Mann hob langsam den Kopf und sah ein Paar aufmerksamer Augen einige Meter von sich entfernt. Es war eine Wölfin! Er konnte ihren runden Bauch und hervorstehende Zitzen zwischen ihren Beinen entdecken. „Ein Stück Fleisch!“ – rief Mukash und lachte. Das Lachen klang laut und entwich gurgelnd und kreischend aus seiner Kehle. Mukash wälzte sich auf dem schmelzenden Schnee hin und her und lachte, hysterisch,bis er kaum mehr Atem hatte. „So bin ich selbst ein Stück Fleisch geworden“ , entschied er, doch erkannte mit Neugierde, dass die Wölfin sich gleichgültig von ihm fort bewegt. Sie ging bis zur Lücke zwischen den Felsen unweit der Höhle, vor der Mukashs jetzt lag und setzte sich dort hin.


* * *

Die Anwesenheit der Wölfin spornte Mukash an, er verspürte Angst, Durst und Hitze zugleich. Ein klares, volles Lebensgefühl, wie in der Kindheit, als er das Fohlen ritt, ein Gefühl, welches, so schien es, längst verloren war. Damals fiel er irgendwo hier, neben der Höhle, vom Pferd. Rechts standen Kästen mit Flaschen voller Kognak und Whiskey, mit Bier und Mineralwasser. Mit zitternden Händen machte Mukash eine Wasserflasche auf und trank gierig etwas mehr als die Hälfte. Neben den Kisten lagen Konserven in Verpackungen und ein paar Tüten mit Nahrungsmitteln. Hunger hatte er keinen. Der Mann fegte die Scherben zu einem Haufen zusammen und schaute vorsichtig nach Außen. Die Wölfin lag auf der selben Stelle und schaute in seine Richtung. Mukash beschloss, die Sachen zu ordnen, die chaotisch neben dem Ausgang lagen. Er fand Selbstgerbranntes, ein paar Flaschen Spiritus und einen Kessel. Dann machte er den Schlafsack auf, um sich hinzulegen, doch zuvor überlegte er sich, dass man irgendwie den Eingang zur Höhle verschliessen sollte. Er ging heraus, schaute auf den Rollstein neben dem Eingang und beschloss, den Eingang mit Steinen zu versperren. Etwas ungeschickt legte er einen runden Stein,den man leicht hin und her schieben konnte, neben den Eingang. „Wenn die Wölfin hier ist, dann ist das hier das Rudellager!“ – verstand plötzlich Mukash, Schweiß strömte wieder auf seine Stirn, er trank das Wasser aus und nahm den Spiritus. Feuer würde nicht schaden. Im Laufe des Tages verließ Mukah einige Male die Höhle , beschäftigte sich mit der Einrichtung, rauchte, die Wölfin lag immer noch auf der selben Stelle. Der Anzahl der leer getrunkenen Flaschen nach zu urteilen, befand er sich hier schon den vierten Tag. Mukash hatte schon früher darüber nachgedacht, warum das Saufen immer drei Tage lang dauerte und am vierten wehrt sich der Organismus gegen den Alkohol. Gorbatsch, sein ständiger Mittrinker, hatte diesbezüglich eine eigene Theorie, nach welcher Mukash kein Alkoholiker sei. Nach Gorbatschs Meinung leidet ein Alkoholiker mehr an der Abwesenheit des Alkohols als von seiner Verfügbarkeit. Und wirklich, Mukash schaute mit Ekel auf die Reihe der Flaschen, die nebeneinander standen, von Whiskey bis Bier. Gorbastsch fand, dass Mukash ein tiefliegendes, soziales Problem hat. „Du hast besondere Anforderungen an die Menschen, sei etwas einfacher“ , – sagte der Penner-Philosoph. „Das heißt, die Wölfe wissen über mich Bescheid, und wenn sie mich noch nicht gefressen haben, werden sie mich wahrscheinlich auch ganz in Ruhe lassen“, dachte Mukash und erinnerte sich an den Alten Basen. Der Alte hielt die Wölfe für die aller klügsten und gerechtesten Wesen. Wenn man ihnen nicht droht und kein Anzeichen von Angst zeigt, werden sie nicht feindlich gesinnt sein, sagte der Alte. „Vielleicht ist die Wölfin in Wirklichkeit unsere Urmutter“ . dachte sich Mukash.

– Sei gegrüßt, Mutter! – sagte zärtlich Mukash, sich an die Wölfin wendend und diese brummte als Antwort. Er lachte wieder, das zweite Mal an diesem Tag, fühlte wieder Freude und Angst gleichzeitig wie eine leuchtende Explosion. Und er verstand, wie lange es her war, als er letzte Mal so frei gelacht hatte.

– Guten Tag, Mutter! – wiederholte er selbstsicherer und fing plötzlich an zu weinen, bitter schluchzend.
Die Wölfin wurde aufmerksam, streckte den Hals heraus und fing an zu heulen. Mukash wurde still, als er das Heulen hörte.
– Mach dir keine Sorgen, Mutter, nun ist alles in Ordnung, – sagte Mukash und zitterte. Auf dm Hügel, im Strahlen der untergehenden Sonne, erschien ein großer, grauer Wolf. „Kokshulan!“ – flüsterte Mukash und erinnerte sich, wie der Großvater einmal einen Wolf aus einer altertümlichen Legende beschrieben hatte. Der Mann wich instinktiv zurück und war erleichtert, dass er sich ein Versteck geschaffen hat. Er legte die Anschaffung unter die Fakel, den Spiritus und die Streichhölzer neben sich und verharrte. Aufmerksam beobachtete er den Wolf zwischen den Steinen. Der Wolf näherte sich der Höhle. Nach ein paar Schritten blieb er stehen, schaute in Mukashs Richtung und ging weiter, zur Wölfin. Er warf die Beute, welche er zwischen den Zähnen hielt, auf die Erde, direkt neben Ajtugan und murrte. Die Wölfin gab ebenfalls ein antwortendes Knurren von sich.

Mukash versteckte sich in der Höhle und bemühte sich, kein Laut von sich zu geben, er beobachtete die Wölfe. Wie viel Zeit verging, war unklar, aber es dämmerte. Als Mukash in der Dunkelheit für ein paar Sekunden die feurigen Augen des Rüden direkt vor dem Eingang bemerkt hatte, fing er an erschrocken ein Streichhölz nach dem anderen anzuzünden, doch der Wolf war aus seinem Blick verschwunden. Genauso plötzlich wie er auch aufgetaucht war. Mukash bemerkte, dass der Rüde die Wölfin immer zur Nacht hin und bei Sonnenaufgang aufsuchte, deswegen bemühte er sich in der Höhle zu bleiben und kein Feuer zu machen, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch der Wolf fühlte seine Anwesenheit. Jedes Mal blieb er neben der Höhle stehen und blickte herausfordernd hinein. Der feurige Blick Kokshulans durchströmte ihn, er ließ den Blick senken und der Wolf, hob den Kopf und ging stolz vorbei. Mit seinem selbstsicheren Blick erinnerte ihn Kokshulan an seinen älteren Bruder Isa.



* * *

– Isa, nun nenne die Namen deiner Urgroßväter bis zur siebenten Generation, – sagte Ramazan-ata und senkte sich auf das Kissen.

– Zuerst, Erasyl, der Sohn Karahs, dieser war der Vater von Oraz, dann Ryspaj, Sohn…- zählte Isa die Namen auf, bis er Zaman erreichte – der Urgroßvater, hier wurde er langsamer: – Ramazan, der Sohn Zamans, dann mein Vater…
Das Gesicht des Alten war von einem fröhlichen Lächeln erfüllt, er umarmte den Enkel und küsste ihn auf den Scheitel.
Mukash wollte sich auch unterscheiden, der Junge erinnerte sich nach dem dritten Mal an die Namen der Großväter. Und am nächsten Tag, als der Großvater Ramazan sich wie gewohnt an das Kissen lehnte nach dem Beshparmak, setzte sich der Junge neben ihn und trällerte laut:
– Zuerst Erasyl, der Sohn Karashs, Oraz, der Sohn Erasyls…- doch als er bemerkte, wie Ramazan die Augen zusammen kniff und die Mutter rot wurde, senkte er den Blick und schwieg. Isa zog ihn am Arm und zerrte ihn hinter sich in das Zimmer.
– Mukash, du sollst das nicht aufsagen, – sagte er stumm.
– Und warum? – fragte mit Tränen in den Augen Mukash.
– Ich sagte du sollst nicht, also solst du nicht! – schnitt der Bruder ab. Isa sprach zum ersten Mal mit ihm in einem solchen Ton, und Mukash verstand, dass zwischen ihnen ein Unterschied war, den er nicht verstand. Er und Mutter verließen an diesem Tag Großvaters Ramazan Haus. Aber Isa blieb bei ihm wohnen. Seitdem nahm die Mutter Mukash nie wieder mit ins Zentrum. Und sie brachte Isa in den Ferien allein zum Großvater Ramazan. Das Einzige, was Mukash verstand, war , dass er an irgendetwas schuld war. Seine Schuld wurde ihm später erklärt, von den Nachbarsjungen. Erst beschmissen sie ihn mit Steinen und beleidigten ihn als stammeslos, dann posaunten sie, dass seine Mutter ihn von Got weiß wem geboren hatte. Isa beschützte ihn vor den Jungs und stellte klar, dass Mukash kein Waisenkind ist: er hat eine Mutter, einen Bruder und den Großvater Basen-ata.
– Du musst damit klar kommen und es dürfen keine Fragen mehr gestellt werden, und ich werde dich nie wieder von irgend jemandem beleidigen lassen, – sagte der ältere Bruder.

* * *

Mukash wachte bei Sonnenaufgang von einem lauten Geräusch auf. Ein Teil der Felswand im Inneren der Höhle splitterte ab und krachte über ihm zusammen. Er sprang auf, wich den Steinen aus und schaute aus der Grotte heraus. Dann sah er, dass von oben eine eisige Schicht Schnee herunter gefallen war. Kokshulan wird bald da sein, und die Höhle ist frei. Er begann mit Zittern Schnee und Eis zu schaufeln, Steine heraus zu holen, bis er alles gereinigt hatte. Dann baute er sich erneut ein Versteck. Der Großvater sagte, dass bei einem Treffen mit einem Wolf, man diesem in die Augen schauen muss, dann wird er vor dir zurück weichen. „Soll kommen, was kommt!“ – dachte Mukash. Er glaubte fest daran, dass er sich diesmal selbst überwinden kann und dem Blick des Wolfes stand halten wird. Doch Kokshulan kam nicht an diesem Morgen und die Wölfin wurde immer unruhiger. Mal versteckte sie sich in der Höhle, dann kam sie wieder raus. Und dann verschwand sie ganz aus seiner Sicht. Am Mittag näherte sich Mukash beunruhigt aber vorsichtig dem Felsen und vernahm kaum hörbare Bewegungen und ein schmatzendes Geräusch. Er schaute ins Innere. Die Wölfin lag, zu einem Knäuel zusammen gerollt, neben ihr quiekte ein kleiner schwarzer Welpe, einen anderen Wolfswelpen leckte die Wölfin ab. Als sie das Herannahen des Menschen hörte, blickte sie ihn mit einem stacheligen Blick an. Leid und Müdigkeit überschatteten ihre Augen, was an einen Menschen erinnerte. Mukash war erschüttert. Er spürte eine Auswegslosigkeit, weil er nicht helfen konnte, sich nicht um sie kümmern konnte. Genauso, wie er einst seiner Mutter nicht helfen konnte. Im gleichen Augenblick verstummte der schwarze Welpe, streckte sich und begann zu schnarchen. Die Wölfin warf den anderen Welpen, der etwas heller war, auf seinen Platz zurück und begann den schwarzen Welpen zu lecken, bald begann dieser zu piepsen. Dann legte Ajtugan den schwarzen Welpen neben sich und begann den hellen zu lecken, der aber noch kaum mit seinem Bauch atmete und kein Geräusch von sich gab.

– Verluste, meine Liebe, Verluste. – sagte Muktash traurig und Ajtygan knurrte leise zurück.Er wusste, dass man sich den Welpen der Wölfin besser nicht nähern sollte, versteckte sich , als der kleine schwarze Knäuel sich zu ihm drehte. Mukash hatte das Richtige getan, als er sich zurück zog. Als er die Höhle betrat, erschien Kokshulan auf dem Hügel mit Beute zwischen den Zähnen. Der Wolf näherte sich der Felsspalte, ohne dem Menschen auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Kokshulan ließ die Beute fallen und ging hinein. Ein Symposium verschiedenster Laute eerklang: Heulen, Bellen, Winseln und Knurren. Bald sprang der Wolf wieder nach draußen. „Ich habe das Gefühl, sie geht mit mir besser um, als mit ihm, – dachte mit einem Lächeln Mukash. Und der Wolf nahm die Beute zwischen seine Zähne und trug sie langsamen Schrittes zu der Wölfin. Man hörte verschiedenen Stimmen knurren und der Wolf kam wieder heraus. Er legte sich neben die Höhle und lag so da bis zur Nacht, hob von Zeit zu Zeit seinen Kopf und jaulte, etwas mit der Wölfin besprechend.

* * *

Die Mutter sichte dahin innerhalb von ein paar Monaten, und eine Woche vor ihrem Tod, brachte sie der Krankenwagen in das Gebiets-Krankenhaus. Als Isa sein letztes Examen absolviert hatte, konnten die Brüder gemeinsam zu ihr fahren. Ihre Mutter freute sich über ihr Erscheinen, streichelte und küsste ihnen die Hände. Sie hatte jedoch keine Kraft mehr zum Reden. Und die Brüder fürchteten sich, sie an zu blicken. Auf dem hohlwangigem Gesicht blieben nur noch die Augen. Sie saßen mit ihr bis es dunkel wurde, bis die Krankenschwester sie aus dem Raum vertrieb. In dieser Nacht schlugen sich die Brüder zum ersten Mal. Isa schlug vor, bei dem Großvater Ramazan zu übernachten.

– Nein, ich komme nicht mit, ich bin doch ein Bastard! Geh selber, ich werde hier sitzen bleiben, neben dem Krankenhaus, – sagte Mukash.

– Gut, dann bleibe ich auch, – antwortete Isa und setzte sich neben ihn auf die Bank. Doch Mukash wurde von einem Zorn, der sich in all den Jahren angesammelt hat, zerrissen und begann seinem Bruder zu erklären:

– Wenn Mutter nicht mehr da ist, kannst du mich in Ruhe lassen und zum Großvater Ramazan ziehen.

– Rede keinen Unsinn, Mutter wird wieder gesund.
– Du kannst für immer zu deinem Großvater Ramazan ziehen. Du brauchst dich für nichts mehr zu schämen.
– Wofür soll ich mich, bitteschön, schämen?
– Du schämst dich für mich und unsere Mutter. Ich sehe, wie du mich anblickst, von oben, wie auf einen Straßenköter…
Er besann sich erst, als Isa ihm einem Schlag in den Kiefer verpasste und ihn auf den Boden fallen ließ. Mukash sprang auf und warf sich mit Fäusten auf seinen Bruder.

Die beiden wurden vom Wächter des Krankenhauses auseinander gerissen. Zuerst führte er sie in einen Erste-Hilfe Raum, wo man ihre Wunden versorgte, und dann ließ er sie in seinem Zimmer schlafen. Am nächsten Morgen wichen sie den Blicken ihrer Mutter aus, sie schämten sich für die vielen blauen Flecke und die Schrammen im Gesicht. Ihre Mutter nahm sorgenvoll all ihre Kräfte zusammen und kreichzte:
– Isa, Mukash…Haltet zusammen… – und dann begann sie keine Luft mehr zu bekommen. Mukash rannte los, um Hilfe zu holen, und als er mit der Krankenschwester zurück kam, erstarrte die Mutter mit einem offenen Mund auf dem Kissen. Sie hielt noch immer die Hand Isas fest.
Nach der Beerdigung fuhr Isa mit seinem Studium in die Stadt fort. Er schrieb Briefe, die Mukash wiederum, ohne sie gelesen zu haben, verbrannte. Mukash kam nicht einmal zu seiner Hochzeit. Auf der Beerdigung des Großvaters Basen stieg Isa aus dem Auto, umarmte Mukash und heulte bitter los.. Mukash weinte auch, drückte sich an seinen Bruder und als er den Kopf hob, sah er seinen Neffen, Isa wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Junge blickte mit Vorsicht und Unglauben auf Mukash. Dann drückte Mukash Isa weg und ging zur Tür und verstellte sich, als ob er andere Verwandte treffen wollte.

* * *

Zwei noch halb blinde Wolfswelpen wurden von Tag zu Tag erfahrener, sie ernährten sich nicht nur von der Milch der Mutter, sondern auch von der großzügigen Beute Kokshulans. Er brachte jeden Tag bei Sonnenaufgang Beute, immer wenn der Himmel begann sich im Osten rot zu färben. Er erbrach das Fleisch vor die Pfoten der Welpen, bis diese ihre Schnauzen in den Brei stießen und begannen zu essen. Mukash sah die Welpen zwei Wochen nach der Geburt. Zwei Welpen, der eine – schwarz, der zweite mit dem gleichen Fellmuster wie Kokshulan, sie krabbelten aus der Höhle und,begannen von dem grellen Morgenlicht benommen laut zu piepsen. Sich an das Licht gewöhnend, erforschten diese plump den Raum neben der Höhle, fielen von der einen Seite auf die andere. Mukash wollte sich ihnen nähern, sie anfassen, mit ihnen spielen. Doch er beherrschte sich , denn Kokshulan war nun immer in ihrer Nähe. Der Mensch hatte keine Angst vor der Eifersucht der Wölfin, er wollte nicht unter die Augen des Anführers kommen. In der Anwesenheit des Wolfes fühlte Mukash sich nicht einfach nur fremd, sondern unnütz in der Wolfsfamilie. „ Er hat recht, ich sollte mir auch bald eine Familie anschaffen“ – dachte er. Die Wölfin stupste die Welpen mit der Schnauze und brachte sie nach unten zum Brunnen. Kokshulan ging ihnen nach. Bevor er sich verstecken konnte, blickte sich Ajtugan um und schaute auf Mukash, und dann blickte auch der Anführer in seine Richtung. Mukash konnte zum ersten Mal seinen Blick halten. Kokshulan senkte als erster die Augen und verschwand aus seinm Blickfeld.
„ So haben wir auch den Winter überstanden. Ehre dem Erhabenen!“ erinnerte sich Makash an die Worte des Großvaters. Er konnte nie verstehen, warum Großvater sich dessen so freut, da es doch so gewöhnlich und selbstverständlich ist. Und nun war er selbst über das Herannahen des Frühlings froh und wollte Isa wieder sehen. Er fühlte, wie sehr er seinen Bruder vermisste, von dem er sich so lange abgewendet hatte. Vor dem Schlaf wand er sich hin und her, stellte sich seine Rückkehr vor, suchte er nach Worten, die er ihm sagen würde, bevor er ihn umarmte. Mukash hörte das weite Heulen der Wölfe, schaute auf den hellen Mond, der gerade zunahm und an sich zog, und schlief wie bei einem Wiegenlied ein.

Und schon verwandelte sich Kokshulan, der auf dem Berggipfel stand, in einen Vogel, streckt die Flügel aus und fliegt hoch zum Mond, und gleich nach ihm bewegt Ajtugan ihre Flügel und gewinnt an Höhe. Und dann zwei Küken – sie folgen ihr und werden Teil des unsichtbaren Stroms, der im Himmelskreis verschwindet.

Sakhariev Adilkhan Kazhmuratovich: „The Foreigner“

Translated by: Polina Stopel-Beise:

Excerpt of the novelette: „Cenraur Syndrome“ – Из повести „Синдром Кентавра“

Published in: „New World“; Nr. 7, 2015 – Опубликовано в журнале Новый Мирномер 7, 2015

Sakhariev Adilkhan Kazhmuratovich was born in 1982 in the city of Sarkand, Almaty region (Kazakhstan). He graduated from the journalism department of Al-Farabi Kazakh National University. He is also a graduate of the literary master class of the Musaget Public Foundation (2002), a participant in the Literary Festival of Young Writers of Kazakhstan. Prose writer. He was published in Kazakhstani and international literary magazines and online publications. The story “Centaur Syndrome” was included in the long list of “Russian Prize” following the results of 2014. Lives and works in Taldykorgan. In the „New World“ – „Novyj Mir“ – is printed for the first time.

The Foreigner

Work showed up by itself. Buggy, leaving, offered to take his place. It was a private company specializing in various services of an intellectual nature. I, as an international student by education, was entrusted with translations. I had to remember half-forgotten English.

Labor was hellish. From morning till night I fumbled with heavy texts crammed with highly specialized terminology. When I did not have time, I sat above them at night. If you put everything translated together, you would get ten volumes, no less. It would be just as fruitful to write artwork! The management turned out to be very demanding and squeezed all the juices out of its employees. However, they paid a little. So it soon became clear to me, why Buggy had so easily and without any regrets left this work. On the other hand, such work was much more pleasant than bureaucratic fuss in the housing and communal services department. In addition, thanks to translations, I began to understand something in logistics, engineering, the oil and gas sector and various other themes.

Over time, my boss began to trust in more responsible matters – assigned to foreign clients as a simultaneous interpreter. At first, I was delighted with the opportunity to talk with foreigners: you drive around in luxury cars, dine in expensive restaurants and even get paid for it. Who doesn’t like this? However, very soon their society began to weigh me. They behaved for the most part equally boring: fake smiles, arrogant appraising glances (so, probably, Columbus once looked at the Indians), endless conversations about money. Although what did I expect from them? After all, they came here to make money.

Once the chef gave me a special task. Sending to a meeting with a client, he ordered me to be as courteous as possible, to try to please in everything, because he was not a simple tourist, but a person well known in medical circles. He even threatened: if the client is dissatisfied, then I shall no longer appear at work. And he knew how to keep his word.

The name of the foreigner was sonorous, beautiful – Esteban Jose Camino. I thought that he would have a similar appearance – a kind of tanned, muscular macho in the prime of life, with a graceful appearance of a bullfighter and the temperament of a flamenco dancer. But the foreigner was not at all what I imagined him to be. The ordinary, lean old man, looking more like a northern European, than a descendant of El Sid: pale, without the slightest hint of a southern tan skin, with an elongated „horse“ face, even bright white greyness, which is quite typical for aged blondes. He sat in a hotel restaurant and had breakfast. He was wearing a light monophonic T-shirt and shorts, of which thin bare legs sticked out, with sharp knees as a dystrophic teenager usually has. His appearance did not fit into the grandiose interior of the restaurant. Like a stain on a luxurious, expensive carpet. However, I, too, did not seem to impress him very much. He gave me an indifferent look, greeted me dryly, and again buried himself in his plate. I had no choice but to wait patiently for the end of the meal. And he ate, as is characteristic of the elderly, slowly, unhurriedly, like a ruminant.

“At least he behaves naturally and does not have the habit of falsely smiling,” I reassured myself, looking at the foreigner’s chewing mouth.

He was a typical representative of a new formation of nomads. I have met people like him back in my student years, when I worked as a volunteer in various international forums. They can be recognized at first glance: they dress practical, discreet, but tasteful, almost always travel light, with only hand luggage, to make it easier to move around the world. They give the impression of people being internally free and self-sufficient. In whatever corner of the world they are, wherever they live, everywhere they feel at home. And their home is a place where they feel good and comfortable at the moment, whether it is a hotel room, a rented apartment or an airplane. Their whole life is on the road and on flights. They do not stay anywhere for long. They are used to constantly living abroad, somewhere far awy from their home country (if they have one, of course) and usually do not try to make friends, but if they do, they part with them easily and without regrets.

The old man looked tired. His tiredness revealed itself in nearly everything: in the pose in which he sat – hunched over, leaning his whole body on his elbows, in languid slow motion, in his gaze – his eyes were red, swollen, like people who had not slept for several days in a row. Maybe, he kept on being so unkind towards me, because of this fatigue.

Finally, the old man finished breakfast and started to talk. Anyway, he’s been talking as slowly as he ate. The foreigner said that he was in our country for the first time and that he had arrived at the invitation of local medical scientists, that he already spent a whole week discussing possible joint projects and, that he was giving lectures on cardiac surgery. I also found out that the receiving party has arranged translators for him.

– So, then why you need me?

– There is a certain site I am going to. You will accompany me as my personal translator. I need an independent man, so that there won’t be inappropriate conversations. I do not want to entangle personal affairs with my professional function.

The news that a mysterious mission awaits me was intriguing, and I could not resist and pryed out:

– And what kind of personal affairs?

– More about this later.

– I hope this has nothing to do with crime or espionage? – I tried to joke.

– No, it has nothing to do with it. – he answered absolutely seriously.

We exchanged some further meaningless phrases and adjourned agreeing on our next meeting in few days; by that time he shall have finished his work.

We met in the same hotel-restaurant. My working-day turned out to be extremely stressful. My boss had transfered a huge mass of documentary work to me, which I had to translate as soon as possible and to send it to our customers. So I had to sit upon these translations until late night without having time for a meal or for a smoke.

To our rendezvous with the foreigner i appered being exhausted, angry and hungry. Mr. Camino, possibly mentioning my tiredness, invited me for dinner! Naturally, I had nothing against such an idea. But the portion, disgustingly, was restaurant-like – very small, just enough to get it on one tooth, and caused even more appetite.

Not having eaten enough and even more outraged i started to rake away everything that was on our table. But – there was only an aperitif on it.

I was aware about that fact, that drinking on an emty stomach might bear consequences, but I’d allways thought, that I can control myself and stop when this becomes necessary. Moreover, the whiskey was realy good – went down warmly and mildly – but my temper was rather terrible, so I had to shorten up this long and boring evening somehow. Facilitating, the whiskey became even better and I did not mention how I bacame drunken. Ad when I did, it was too late. I became talkactive and eager for a conversation, but the old man kept on being relentless silent. And it made me extremely nervous. This situation was unbearable for me and i had started murmuring and scolding him in my own language. His reaction followed immedeately. Suddenly he fixated me with his colourless eyes, looking askane at me, suspiciously, and bursted out in Hispanic:

– I am honestly apologizing that i have taken your working-time. – he added,

– But i do not like poor conversations!

– So, you understand me?!

– Foulish language is an universial language! – he pointed out and blured out smiling.

– Anyone will understand it!

Maybe, because i was sloshed, it seemed to me that he was scoffing at me. Not thinking about any consequences i mocked at him:

– Where you’ve got all that self-conceit and arrogance from? What makes you better than us?!

– Absolutely nothing! Maybe the fact that I’ve got more grey hair! – the old kept on explaining, demonstrating his perfectly plained and even white teeth (apparently false).

– Don’t play a fool, Signore! You know exactly what i am about!

– Simply call me Esteban!

– What kind of difference does it make, what your name is?! It is just the same about all of you! You wanna get us under your law and your legislation, make us believe into your God, celebrating your holidays and impose your truth and your way of life on us! What, for hell, are you going to achieve? Assimilating us?

The next morning I woke up absolutely trashed. I remembered the last night and felt even worse. I was nearly sure that the old man had called my employer and that I had allready lost my job. But you can’t imagine how surprised I was when I walked out of my appartment watching at professor Camino waiting for me infront of the porch (entrance). And there was not even a shadow of offence in his eyes!

– How You’ve found out, where i’m living?

– I brought you home last night. – he told. – We must go!

– Where to? – I wandered.

– Where? On our trip!

– I can’t remeber that we agreed on anything yesterday!

– Actually, your constituency was not realy satisfacting, so you can’t remeber anything. – he mentioned ironically.

– I am honestly sorry for what happened yesterday!

– When I was in your age I got up with things even worse! – he smiled inertly and got into the pickup.

Our driver was a well-set, middle-aged man! He took my stuff and put it into the carrier which was chocked with food. When i had seen all that proviant, i realized that we had a long way before us.

– Your name is Azat, isn’t it?

– Yea!

– And I am Toktar! – the man reached out his hand.

– It was me, who asked your boss for you! We are good friends!

Toktar made a friendly impression on me! He was open, talkactive. You won’t feel bored on a trip with someone like him.

– So! Where are we going to?

– To a village that does not realy exist anymore! – I just wanted to ask him some further questions but in this moment a dissatisfied mien of professor Camino looked out of the window and urged us to get into the pickup.

It was a long way, for real! Maybe few hundreds kilometres, maybe thousand. Acceptable country roads endet soon and changed into off road. The driver had to slow down and inbetween, on some completely destroyed road-intervals, to keep on with the pace of a tractor. Our journey turned out to ba a sad, endless long shattering. But even that could be tolerated if there was not such an exhausting heat of forty degree. The asphalt was literaly melting away under the scorching sun. Stuffness was our biggest problem. Don Esteban had to suffer at most. And his face, already pale, became death-ashen. But he held on. He was watching distantly out of the window, going with the steppe drowning in a sultry midday haze, sinking into his own memories. Obviously, he must had had serious reasons to travel such a long distance to the unknown back of beyond to risk with his own health.

– Are you alright? – I asked him when I had mentioned that he was putting some drugs under his tongue.

– Will be fine in few minutes.

– Please tell me, where it hurts exactly?! – the driver asked him worrysome (and I translated him).

– Sounds amusing?! – the professor smiled sorrowly. – I’m a doctor by myself, but my own health is wracking in a downward spiral.

– You should rather go back and be hospitalized.

Our driver slowed down again.

– No! – Esteban refused. – I’ve not made such a long journey to turn around on the last accord!

– If something happens to you, I will be made respobnsible!

– Than stop the car! – Esteban stated harshly. – I’ll get out!

The driver pressed his lips together as if he was trying to hold back his emotions and sharply pushed the gas-pedal. Advantageously, it was not that far anymore. In a local medical-obsteric center Esteban received firs aid and soon felt better.

Thereafter we headed for the relatives of our steersman and they met us with a characteristic for all kazach people deep cordiality. The Dastarhan, spread out by tradition on a low table, was rich and varied with salads for every taste and all kinds of meat delicacies, and beshparmak (made from a lamb sloughtered on the ocassion of our arrival), so that my eyes were running wide. Our outlandish guest was offered an honourable place. The host, a senile and bent old man, regardless of his age (he was older than Esteban) started to arrange for him, put the most delicious dishes on his plate and when the lamb’s head was brought in, he explained to him all the fineness of its cutting.

– Is it your father? – I asked Toktar-aga, who had been sitting nearby.

– Grandfather! – he answered! – He is ninety and has a great vocal!-

– You must be glad! – I told kind of jealously

.- Why you think so?

– Because you’ve got a grandfather!

Toktar looked satisfied and relaxed, actually, exactly how he had to, fortunately arriving afer a long-hours off road trip and a long awaited meeting with his family, and i thought, that it was time to find out the real reason of our journey.

– I do not know either! – he uttered and shrugged puzzeled.

– He’s told me anythingat at all. One day he had called me and asked me to find out where this village is. So i had turned over all archives, asked all my friends, before i had finally found it out. It turned out that it is not that far away from my native manor. Kind of coincidece!

– What is your interest in all that?

– I’ve got an irritrievable debt infront of him. He has saved my son’s life – he’s made an operation because of a deadly heart disease my son had.

– And how long do you know each other?

– For ten years, I suppose!

– And how could you communicate with each other all that time?

– With the help of my son! But right now he is studying abroad, so he can’t join us (accompany). That’s why you’ve had to take his place.

Reclining on soft, downy pillows he’s been drinking his bouillon and hot coumys and even perked up a little bit and became cheerful, trying to make jockes. And, by the way, I was surprised, because i used to know him absolutely different. Though, his tiredness and unhealthyness had not disappeared. He simply put them byside for some time.

At the beginning the villagers kept on being some kind of sceptical towards their overseas guest, constrained by mistrust – an attitude that had also been transferred towards me as his „accomplice“.

But Don Esteban turned out to be so winsome that it had not taken so long and they „melted“ away. Not much later they were singing „BesameMucho“ and „Bella, Ciao“. And somehow it was unimportant whether someone could not hold the right tone or simply did not know the right words. And then when it was time for a solo, the old aksakal, the grandfather of Taktar-aga, sighed out „Karangy tunde Taugalgyp“*(1). His voice sounded weakly and tensioned, but at the same time soulfully. The room filled with silence. Even the children became calm. Don Esteban turned thoughtful and sad again.

– I heard this song in my youth, – remembered the foreigner, when the aksakal had finished.

– Where you’ve heared it? – someone of the inmates asked him.

– In France! A native of these lands was singing it. His name was Jean, the son of Asana.

The inhabitans of the house were silent – they were too young to know the person the foreiner was talking about. The answer came from the high aged householder:

– My grandson has told me, that you are going to the village „Dzansengira“. But unfortunatelly, no one lives there anymore. There is only the cemetery left. I’ve allready explained to Toktar how to get there. It is just one hour away from here.

– You had been aquinted to him? – Don Esteban asked.

– Yes! A little bit. But we belonged to different generations and manors and therefore our paths rarely crossed.

– Is there anyone of his relatives, who is still alive?

– No one of them lives anymore. Some decayed in labour detention camps, some in prisons, some starved to death, and the last, his orphan nephews, died on the front. They were my fellows.

Night time. We were placed in the same room. Don Esteban lay down on a sofa, Toktar – aga and me arranged ourseves on the floor. Our driver immedeately started to snort. To the contrary, our professor could not sleep at all. You could hear how he had been tossing and turning from side to side silently sighing. I could not sleep either. Maybe, because I couldn’t get used to an unfamiliar bed, or maybe, because I was simply overstrained.

– Are you also suffering from insomnia? – the voice of the foreigner reached out of the dark.

– I think, that it might be not uninteresting for you, why we are here, – he’s noticed after a short hasitation.

– Right! But why you’ve decided to tell me about it just right now?

– I was afraid to open up before time. It could go wrong. – the old admitted.

– At night, it is the best time for revelations. It is dark and there is no need to watch into the eyes of your companion.

– Yes! – Don Esteban nervously sneered.

– I’m feeling like a repentant sinner confessing to a priest.

We layed in the pitch darc, each one in his own corner, looking into the ceiling. I was listening and he was talking.

Don Esteban’s April

All my life i’ve tryed not to do anyone anything evil. I’ve tryed to live up to the people’s and God’s laws. Ant it seems to me that i was not a bad person. But apparantly, in heaven, they are thinking differenly. Like you, as you’ve managed to notice, i am suffering from isomnia. And this is going on for a long time, for several years now. I had done a lot of things to get rid of it. I took all kinds of soporiferous narcotics, sinned with alcohol and tryed to get help from psychologists. But nothing helps. And if i finally manage to forget myself for a short while, I have just the same dream in which i am running after a silhouette disappearing in the dark, and, not able to catch her up, i am starting to cry. This crying brought me to the kazach steppe. Insomnia has started to stalk me after my last operation; from that time on i am not practicing chirurgy anymore. My patient was a ten year old girl with an innate heart disease. She needed an emergency operation. The chances for a successful outcome were low. But we had no choice. We made a medical examination of her physiological conduct and found no contradicting or adversive facts and took her to the operation room. While we were prepairing, she did not take her eyes from me: there was neither fear, nor anxiety in her dark, fathomless eyes, except sadness. As if she knew, that she was going to leave all and wanted to tell farewell. And i felt awkward. Something changed inside of me. Something was breaking out of the deepest corners of my memory, long forgotten snapshots, and for a moment i thought, that it was someone else looking at me, someone out of my past, but i was too busy to pay to much attention to that. Then she was anesthetized and fell asleep. The operationn lasted for eight hours and was hard and nerve-tracking. We all hoped, her little heart will withstand it. However, a miracle did not happen. When it was all over, I ran out to the coordinating room for not to see this sinister metamorphosis. It was always painful to see, how easily and quickly the human body, that just recently moved, walked and danced, turned into a lifeless mass. I put my hands under the tap, under hot water and, looking into the mirror, I was suddenly horrified, how tired and indifferent towards everything my eyes had become at the sunset of my life. This was not what I was striving for crossing the treshold of the medical university for the first time. It was not what I had expected. Dreams of life-saving, of great things and deeds, dreams of something great and important. Who could have imagined that in old age my dreams will be replaced by a deep disappointment and a feverish desire to be saved by my own…

My parents were socialist republicans and after their defeat in civil war they left Spain. We had a vagabond way of life for a long time. We strayed from town to town, from country to country. Not getting used to a new home, we already left for our next. First we had been hiding from Franco’s people, then, when the Second World War started, from the fascists. And where ever we headed for, the brown plague breathed down our necks. As my father had had enough of fleeing, he joined the resistance movement. And when he died – mining a railway-bridge – me and my mother had to go on the run again. But even after the ceasefire, my mother could not stay anywhere for a long time. Apparently, it became a habit. As a result, this habit was transferred to me. As far as I can remember, there was always a constant change of faces and scenery. Temporary housing, temporary friends, everything was temporary.

In my last semester at the University of Paris, where we had moved to directly after the establishment of peace, I was sent as a trainee to a municipal hospital in one of the subburban districts of the capital. Dr. Herz, a tall, husky German, who had emigrated in the 30ies of the 19th century out of political constrains and believes, was secretly healing the enemies of his fascist compatriots in the underground. He got attached to me and did not let me do even one step without him. That is how my internship slid into a full time job. Like a circus horse, day by day I was running in a vicious circle: coordination room – hospital wards – operation hall. My job was severe, but I liked it.

On that evening there were especially many things to do. At the end of the working day I literally fell from my legs completely exhausted. Herz, watching at me, was laughing in a warm natured manner. Leastwise, he had something to compare with. An unknown young man broke into our cabinet . He was confused and desolate. And there was a young woman he brought in – not breathing.

– She felt down in the middle of the street. Just in front of a car. – he’s explained, as if justifying – a young, sleek, rosy-cheeked man, dressed from the needle.

We, Herz and me together, started to reanimate her. And soon she came to herself. She encircled us with a languid, slow glaze, tried to get up but the old doctor asked her to lay down for a while. She was a fragile, comely Asian woman, as if taken out of an oriental engraving. And even her pale complexion and bags under her eyes could not spoil her beauty. The rosy-cheeked young man could not get his eyes from her. He smiled compassionately, sympathetically and even lustfully.

– Right, she is our patient! – told Herz, initially observing the patient and added, as if he was going to reassure the young man:

– There are no fractures or injuries.

The young man, anticipating her diagnosis, was suddenly in a hurry – he’s told, that he was late for a meeting; exchanging few words with the woman, who now was completely aware of herself, promised that he would visit her in few days and hurried off. Soon, Herz also left: he was urgently summoned to the ward – one of the patients got worse. I stood with the young woman and kept on checking her trough. Suddenly, the light went off – in those first years, after the end of the war, that happened quite often. I looked for some candles. Rummaged around, looked through the ambries and the shutters, finally found and ignited them. Evidently, to ease such an uncomfortable situation, the woman started to explain, how unfortunate she had always been: one time she wrenched out her leg without any further impact, or there were heart attacks in most inappropriate moments. And she was talking so freely , even with self-irony, that you could think, that she was amused about all that. But for me her revelations became a confession.

– What is your name?

– Ajperi!

– Kind of a strange name!

– I am a Kazach woman! – mentioning my quandary she added, – From The Sovjet Union.

I had previously met people from the UdSSR. In Spain, these were military instructors who trained my father and his comrades to fight; in France – white immigrants. They were all stalwart, blonde and light-eyed. Maybe this is why I had thought that in the land of the Soviets all people have a slavic appearance. And I was quite surprised finding out that this frangible, black-eyed Asian woman came from there.

– And do you have a second name?

– Why? You do not like this one?

– It is beautiful! But it is difficult in pronunciation (to spell it out)! – I hastened to explain to her.

– My name, for example, is Esteban Jose. In honor of Echeverria! So you can call me both ways.

– It’s probably great to have two names at the same time. It is like living two lives. But I have only one.

– May I then call you Abril?

– I like it. It sounds so … tender!

She smiled. Ans this smile, magically making the candle-light shining brighter, seemed to me so familiar and so desired, as if I had been waiting for it out of the nothingness for hundreds of years and was born just to see this smile.

I asked about the rosy-cheeked young man – as if to encourage our conversation. But for real, everything shrunk inside of me out of tension. I could not compete with him. He was rich, successful, drove around in his own car, and I cooked dinner by myself and darned my socks. But Abril dispelled all my fears, saying that she did not even know his name.

I, abided by my profession, should had advised her not to dissipate her energies or squander them by conversations, but I really wanted to listen to her wonderful, gentle voice. And so we sat, chatting about trifles in a dark room, lit by only a dying candle – she forgot about her sick heart, and I that other patients were waiting for me – until they gave light. Hertz returned, followed by someone else from the medical staff. They were outraged that they had turned off the electricity, and prophesied that one day someone would die on the operating table because of this. The office immediately filled with a hubbub, it was somehow too light and noisy.

Abril was put into the ward that very evening. Hertz assigned me to her, of what I, of course, was incredibly glad.

So our acquaintance with Abril became closer. Several times a day I went to her ward to learn about her well-being, even on weekends. I made sure that she took medication on time and complied with the regimen. And when her constitution improved, I took her outside to breathe fresh air. Walking through a quiet autumn park, which was vestured with leaves and acorns, we spent hours with leisured conversations. We had a lot in common: similar habits, similar characters, similar fates.

She, like me, left her homeland as a child. Her family, who had fled from the tyranny of the Bolsheviks before coming to France, came from almost half the continent. Over the years of wandering, one after another, her mother, brothers and sisters passed away.

– There, on the road, I should have died, not them. They were stronger than me. Life is a strange thing, isn’t it? – she said, smiling sadly, and I did not know how to answer her.

One clear autumn day, wanting to brighten up her dull hospital leisure, I discharged her from Hertz and her into the city. It was the „Chestnut Week“. We walked along the malls, bought roasted chestnuts and spices and headed for the promenade. On the way, we looked into a souvenir shop. I brought her there for one reason – I wanted to make some kind of present to her. I decided on what she likes best. But, to my great surprise and frustration, she was not interested in jewelry or beautiful trinkets, as i expected, but in a giant globe standing on the floor, right in the middle of the store. Abril squatted down and eagerly began to search for something on him.

– Where would you like to go to? – I asked.

I supposed to hear something like Rio or Venice, which any woman dreams of, but she surprised me again:

– Home!

– You don’t like it here?

– I do. But here I am feeling like a guest.

– What can you remember about your homeland if you left it quite small?

– By the way, the most vivid memories are those from the childhood. A child’s memory is very tenacious! – she said with a light, playful reproach. – Is it me who should explain it to you, doctor?

– Can you show me, where it is?

– Right here! – Twirling the globe, Abril jabbed a finger at the very middle of the Eurasian continent.

I had always been fond of history, since my school years I had loved spending free time reading historical books and reference books. About disappeared civilizations, forgotten knowledge, and the unsolved mysteries of mankind – all this worried my childhood imagination. It seemed to me that history, like any science, is subject to some of its own laws, and if you can distinguish between them, then you can predict the future. Once, while studying the map of the Ancient World, I came across a lone inscription: “Wild nomadic tribes”, stretched in large bold letters between the Caucasus and the Ancient East. Underneath was an equestrian archer. And there were no more signs – as if neither rivers, nor lakes, nor mountain ranges, on this huge land the size of a dozen states, had names, as if there had never been life on it, only ferocious wild warriors, uproaring and galloping back and forth, annihilating everything on their way. And I thought: „What a horror the mapmaker must have experienced when he wrote these words.“ And so, years later, fate brought me together with a woman, through whose veins blood of those same ancient nomads poured .

– It is sunny and beautyful there. Especially in spring! – she kept on inbetween and her voice has been gentle, subtile and full of shimmering sadness.

– I go out of the yurt in the morning and in front of me there is the endless prairie. I run barefooted, and the earth’s warmth is strocking my heels, and the prairie-winds are rushing my steps. And I feel as if I am flying.

I couldn’t buy her this globe. I had not enough money and was extremly disappointed about it. Ofcourse, Abril mentioned that and started to question me out – why. And when she finally got what she wanted (i couldn’t stand her onrushing charm and layed out everything), she bursted out laughing and kissed me on my cheek.

– Don’t be a fool! I do not even know where to put him on!

We made a long stray down the promenade, enjoyed the Seine and the passing river vessels and went to the cinema. And i still can’t remember the movy, because we were kissing during the whole session. On that evening you couldn’t find anyone more happier than me in this world. Abril did not stay in the hospital for long. Due to a lack of treatment capacities, more or less cured patients were immediately sent home. However, in spring she had to undergo a second course of treatment.

– Poor girl. – said Hertz, who had no idea about our relationship with her. – We can only support her heart.

– Is there really nothing we can do?

– An operation might help. But we would put her life at risk, therefore, in her case, an operation is hardly justified.

Regrettably, medicine of that time was mightless against Abril’s disease. Even the best cardiac surgeons in France, whom Hertz and I addressed for help, did not dare to undertake such a difficult operation. All what remained was to protect Abril day and night and pray to God for her health. Ah, if modern treatment methods were practiced half a century before!

Months of separation seemed unbearably long. Time dragged on slowly and sluggishly. I tried to look aside: I loaded myself with extra work, went on overtime duty, but it did not help. My ardent desire for Abril did not let go even for a minute. Of course, I realized that falling in love with my patient, all the more, suffering from a serious illness, was on my part completely imprudent. But what could I do? I decided on an even more reckless act: I found her home address in the registration book and went straight to her home. She lived, as it turned out, not far from the hospital, in one of the destitute neighborhoods attached and adorned with love by immigrants from former colonies.

I Knocked. A sickly male voice with a strong accent reached out from behind the door. I asked for Abril. The door opened and an old man appeared in front of me. A stern Mongolian face, heavy low eyelids, thick fused eyebrows that made his look wary and cold. The man leaned on a cane, one leg was somehow unnaturally bent in his knee. I introduced myself. I, fulminantly, came up with the most rediculous reason for my visit: allegedly, there was a decision to ask about patients who had been released from hospital. The owner of the house continued to keep me on the threshold, as if waiting for something. I was already regretting that I had been so foolish coming to Abril’s home. It seemed to me that he was able to read thoughts and knew why I actually was here. The situation was retrieved by a woman who appeared behind him. Seeing me, she exclaimed:

– Jean, invite the guest into the house. Do not keep him in the cold!

The man reluctantly stepped aside and let me go forward.

– Please, excuse my husband, he is deaf. – the woman said innocently, inviting me into the living room.

Abril felt delighted by my appearance, but at the same time she was too shy to show her joy in front of her family. She blushed in abashment and, giving me a lambent glance, ran away to make tea. I was left alone with the married couple. Fortunately, the hostess of the house, a lively, able to win over woman, engaged me into a conversation and made almost any pauses inbetween.

In the parlour, a tiny and dim room, there was practically no furniture – no table, no chairs, no bed. They were replaced by homespun carpets and blankets spread out on the floor, variegated, patterned, painted with ornate horn-like ornaments. The dilapidated bookcase – the only furniture – was filled with books written mostly in Arabic script. Finally, Abril came. She brought tea. I decided to recall the purpose of my visit and expressed concern about Abril’s health. The woman began cursing her kindly:

– Stubborn! How many times we’ve told her not to walk alone in the city. She’s never listening. – the mistress of the house suddenly faltered. Her eyes instantly filled with moisture.

– Oh, it is fairly enough! – Abril tryed to sooth her.

– Sorry, honey. You know, how maudlin I am. The woman gathered the cups of unfinished tea and hastily left. Apparently, feeling ashamed of her tears.

– She always remembers her son when it comes to my health. – Abril explained to me.

– He died of pneumonia about halfway between Afghanistan and Iran. Probably the worst thing is to outlive your own children.

– Is she your stepmother?

– No, my younger mother.

– How is that? – I was surprised.

– My father had two wives! – Abril explained. – Here, polygamy is kind of ferocity, but for us – the norm.

The hostess returned soon. She became just the same smiling and friendly woman again.

– Maybe you can take a look on my husband and check him, because he has completely lost his condition in recent times? – she asked.

– Of course, madam!

– How kind of you. Maybe you will become our family doctor? – she’s told facetiously. As it seemed, she knew how to get advantage out of new acquaintances.

– Why not! Her proposal has, of course, served my satisfaction.

I started with the examination of the head of the family and parallely navigated him trough a standard set of questions regarding his well-being. But, actually, his wife answered for him. All this time the hoseowner glumly looked somewhere to the side. His body could tell a lot: a streaked and scarred back, a scarred trace from a perforating shoot in his shoulder, lameness. Life planty trashed him. Even with a quick inspection, you could find a whole bunch of neglected diseases. But the most serious ailment was his fathomless, hopeless anguish. He was a few years over fifty, and looked like a deep old man. I prescribed him some medications to lower blood pressure, and leeches and advised him to undergo an examination in the clinic, because I needed to find the reasons for his hypertension. But we both knew that he will not follow my advice.

According to the stories of Abril, his ancestors were not that wealthy pastoralists. He had a small farm, bred horses and sheep. His life was smooth, measured and, it seemed, and haralded no unexpected changes. But after the October Revolution, his quiet felicity came to an end. The new government took away almost all his property: land, livestock, valuables. Many of his neighbors leaved. But he accepted these changes with stoic humility and decided that it was better to live an indigent life in his native land than as a rich man in a foreign land. Monsieur Jean hoped that he would manage to get along with the Soviets. Nevertheless he undertook an attempt to actively help them with the construction of kolkhozes. However, he could not get along with that new proletarian society. The Soviets reminded him about his middle-class descent and sent him to labor camps. At first, when he returned home a few years later, after serving his sentence, famine raged , and then, as if by chain reaction, another wave of repression flooded the country. By that time he had already heard about the executions of “The enemies of the people” and persecution of their families, and therefore, having barely returned from places of detention, he gathered his relatives and hastily migrated out of the country. But life in foreign lands was not better: some countries were war torn, elsewhere epidemics of deadly diseases raged out, and besides that, sometimes they simply were not welcome. Living a vagabond life for many years, enduring deprivation and adversity, greaving about the death of loved ones and longing for his homeland – all this seriously undermined his health.

– You seem not to be from the locals either? – asked Monsieur Jean.

The question took me by surprise. And instead of giving a concrete answer, I began to talk indistinctly and erratically about myself.

– This means, you are a communist. – the old man made an unexpected conclusion.

Abril later told me, that every time he’s mentioned me, he titled me: „Your Communist.“

– I’m not a communist.

– Well, since your family members are Communists, so are you.

– And who – are you? – I snapped.

– Me?! I am no one! Already noone! – He suddenly flared up.

Monsieur Jean himself seemed to be frightened about his sudden anger, because his gaze immediately became guilty. An awkward silence reigned. I got up and began to hastily say goodbye.

– Do not take it too close to your heart. This happens to him sometimes. The hostess tried to get the tension out of the situation once again.

At the door, when I was already leaving the house, Monsieur Jean stopped me:

– Would you like to go back? – His hand tightly, painfully squeezed my palm.

– To Spain? I’m afraid, for Spain I’ll stay always a stranger!

His look, extinguished, and his hand sliding will-less down, he remained standing on the threshold, lost and wilted. I left. Abril caught me up on the street: she “revealed” infront of me — in scuffs and in a light coat hastily thrown over her shoulders.

– You will catch a cold, you should not make fun with your health. – I said, and taking her hand, I made a quick step back home.

– He liked you.

– But it seemed differently to me. (But I had another impression).

– It only seemed.

Indeed, our relationship with her father improved noticably with time. You could even say, became hearty. Our relationship started to change from the moment on i visited them again, due to a special emergency. It was not him, who invited me, but due to Abril’s urgend request . She was in panic and cried and explained to me that her father’s health extremely worsened . Of course, I could not refuse helping her.

Indeed, Monsieur Jean’s health deteriorated. His blood pressure rose and his nose was bleeding non-stop. I gave him tablets and put a dropper, and soon the patient felt better. I was about to take him to the hospital, but the head of family refused.

– You were lucky: the blood went out. But the next time, maybe you won’t. – I told him. – – Why you had not at least taken the medicines I had prescribed?”

– An too expensive entertainment! – he answered in a choked voice.

Monsieur Jean has changed seriously these days. He became hollow-cheeked and limp. His features became sharp and angular. Yes, and he himself became somehow quite lethargic and dull. I looked at him and wondered: could a person who suffered so many hardships and adversities, be broken by hypertension? Although, quite possibly, the disease simply became the very last calculus which overthrew the balance on his scales.

– Hold on! – I tried to cheer him up, – I’ll watch for you later.

Tha’s how I became a frequent guest in his house. We talked a lot about life before war and what it means to preserve it in peacetime. Sometimes we disagreed, our points of view contradicted. He turned out to be an interesting and reasoning counterpart. However, Monsieur Jean did not read newspapers , but mostly old books, and was not very interested in news. Only in those about the Soviet Union, as if he’s been hopeful of return. But at the same time, news from his homeland more upset him than pleased him.

Him and his daughter were very close. It was enough to see how she cared for him; how she warmed his feet in mustard water, how she was giving him his hot milk and, how his eyes with touching tenderness replyed to her care. Their connection was more than consanguinity. They were, as the saying is, soul mates. And they clung to each other, like to the last straw. Abril’s father had a great influence on her. You could feel it: when she’d been statig her viewpoints, in her speech, even in her intonation, some kind of similarity always slipped through. Sometimes, in our conversations, it even seemed to me that I was not talking with my beloved woman, but with her father. But I was not jealous, because I understood: she had been not just his last survived child, she’d been perhaps the only one, who kept him in this world.

Once, while walking in a quiet winter park, we came across a monument to the heroes of the Resistance. It was all lined with wreaths and bouquets of flowers. Spreading willow branches hung from above. Abril brushed the snow off the marble tiles and began to read the names carved on it.

– They are lucky! – she said.

– They died – what luck do you see in this?

– They left unconquered, and they were buried in their native land. One can only dream of such a death.

– Don’t be silly.

Abril did not argue with me.

Instead, she told the legend of a brave warrior (and maybe a true story) that she had once heard from her father:

– He was strong and agile and had no equal on the battlefield. The glory of his deeds thundered throughout the steppe. And when the enemies attacked his country, he gathered his army and stood up for its defense. But it was a time of troubles, a time of intrigue and constant strife. The enemies conspired with the steppe’s nobables – they promised them a ceasefire and support in their dominion strife, and in return they craved for the warrior’s head. And the legend was given away and taken into captivity. However, before disappearing in a foreign land, he chopped off his finger and, chanting “At least something of me shall remain!”, he buried it in the ground. Never again anyone heard anything about him. But the warrior, who has been called «the Finger» since then, has forever remained in the people’s memory.

When Abril finished her story, for some reason I thought that probably her father is «the Finger».

– I would like, – said Abril, – to leave a part of myself there as well .

– And would go now without a finger! – I tried to joke, but when I met her eyes, I felt that it was an unchancy endeavour.

– Ah, if I were to go back at least for an hour!

– Definitely you will.

– But this is impossible. – Abril said sadly. – Please do that for me someday, okay? And when in heaven, tell me about everything!

– But I’m sure you’ll have an opportunity to get there. You still have your whole life before you!

– Just promise.

– Allright, I promise.

She became cheerful and light-hearted again. She satirized that she had completely tormented me with her nostalgy for the vast prairie. Though there were bitterness and pain hiding in her voice! After all, a trip back home for „the daughter of a homeland traitor was assured“. Like for me, the son of a Republican; – in Francoist Spain they continued to crack down on dissidents even in peacetime. I often thought about what besides love could tie us so close. We have different mentality, different religion. And I came to the conclusion that it was homesickness. After all, somewhere in the depths of my soul, perhaps even without noticing it myself, I was tormented by the same longing for the lost land of my childhood.

Our romance lasted about six months: stormy, impulsive, like, probably, everything that has a short term. We reveled in joint happiness like thirsty travelers who came upon the icy spring water – greedily, possessively, breathtakingly. Next to Abril, everything retrieved sense and regained its natural principals. Thanks to her, I recognized that someone’s happiness can’t be achieved without reciprocity and, what is even more important, only if both of you are willing to listen into each other’s soul. It was a wonderful time, perhaps the best thing that has happened to me in my entire life. But at the same time a kind of threatening, raw feeling flickered through my consciosness, that all this is too wonderful to last for long, and sooner or later I will have to pay for this fortune. My rival, my archenemy, secretive, treacherous, was always somewhere nearby, watching us from around the corner, patiently waiting in the wings to take Abril from me. And even in the moments of the highest happiness, I felt his cold breath behind me. How often I wanted to hide her from his all-seeing eyes, lock ourselves in a deep inscrutable bunker, seal the front door, close all the cracks so that no one and nothing could get into the world we created and destroy it, or sail away to an uninhabited island, unknown and virgin. But no bunkers of the world, no «distant distances» could save her from the Angel of Death. I remember one of our last evenings. And I remembered him because at that date I finally decided to make her an offer. I carefully prepared for this event: a candlelight-dinner for two with a view on the Seine: dim lights, red wine, lyric music and other attributes for a romantic evening. Of course, there is nothing original in organizing such an evening, but then all that seemed to me, to a poor young doctor, to be on top of chic. Abril arrived, as it is inherent characteristic for a quean, with some delay. She was wearing a hand-sewn, satin evening dress and long silver earrings made in ethnic style, which she’d inherited from her deceased mother. She all shone with some kind of inner warm light and was like a princess from the tales of “A Thousand and One Nights.” A strange, bashful timidity swept over me, and from excitement I forgot all the necessary words. Mercifully, the musicians arrived in time and attuned the romancero and its melody, instead of me, could tell Abril evrything. All I needed to do was proffering her the engagement ring. Her reaction was unexpected. Abril looked at me for several seconds in disbelief, as if she could not understand the meaning of my gesture, then, suddenly she kind of tensed up, turned purple and, covering her mouth with her hand, ran out to the street. I trailed behind her – completely deluded. She quietly cryed hiding in a dark corner.

– I already got used to my illness! – she said through tears, – But you’ve appeared and turned everything upside down. And now I don’t want to die at all.

– Who told you, that you are going to die?

– Even if I become old, why you should need such a sick wife? Do you realy want to coddle me?

– I’m a doctor. Taking care of others is my vocation!

Abril involuntarily smiled:

– Do not look at me. I must look awful now, ” she said feeling ashamed.

But from this I even more wanted to look at her, excited, reddened.

– Let’s just live and enjoy life. We’ll think about sad things later. – I said, putting the ring on her finger.

We went into an alley and agonized clung to each other with our lips. Breathing in and out as though we were one. And i was breathing her in, gasping with delight, lightheaded either from the wine, or from the aroma of her body.

I did’t want that ordinary, vicious tomorrow to come.

But, somewhen, tomorrow had inevitably to come. After a second course of treatment, Abril felt much better, and we, heaven-sent and winged, started preparing for our wedding. But suddenly her father died, died of a fit of apoplexy. Abril’s small timid heart could not outlive this last thrust of fate. That fatal morning I was at the workplace – I was about to hand over the post. She was brought unconscious. We run to reanimate her and made everything possible and impossible. But it looked as though she was not willing to fight. My worst enemy, my rival, the Angel of Death, ultimately took her from me. As it seems, at that moment I completely lost control of myself claiming her back into life, because Hertz forcefully pulled me away from Abril and gave me such a powerful slap that I was thrown against the wall.

– We must try it again! Once again! – I coudn’t stop.

– It is all o’er! You can’t bring her back!

Abril and his father were buried on a Muslim cemetery. I didn’t go to the funeral or to the commemoration. For my part, of course, it was wrong. But I didn’t care anymore. Since she’s died, I lost every interest in life. He abandoned his work, began to disappear in pubs where i’v been drinking until I got unconscious. Once Hertz came to me — he somehow managed to find me. Without greeting, he sat down in front of me. We kept silent for a long and heavy time. I stared into my bloody reflection in the glass, and he distractedly examined the visitors.

– Her mother continues to come to the hospital every morning, – Herz spoke up. – She sits for hours in the hallway thinking that if she keeps on waiting, her daughter will run out alive into her arms.

I still kept sullenly silent in response.

– She’s got no one anymore. – he continued, – You should visit and support her.

– The heart is a weird organ. – I said in a drunken voice. – Beating and beating on its own. And one day it decides to stop. And you do not know, when this will happen. Have you ever wondered why mortality from cardiovascular diseases is so high?

– The heart is a muscle of three hundred grams. Nothing else. – Hertz remarked angrily. – There aren’t enough doctors in the hospital, and you’re hanging around in pubs. Well, I can’t shelter you forever.

– So fire me.

– Listen, son, I understand that it hurts you now. A loved one died, and you could not help her in anything. But everyone goes through that. Everyone has to accept its mightlessness someday.

“How easily people get used to someone else’s death. How, in general, amazingly easy they get used … and wean again …

– During the years of war, I lost all my relatives, all my friends. I had seen so much of everything that if I had not forced myself to harden, I would have long gone mad.

– But it is peacetime now.

– You’ve chosen a profession in which you’re at war every day. So get it over. While we are chatting here, there, in the hospital beds, maybe someone is dying.

Finally, I returned to work. Whether the words of Hertz acted in this way, or the instinct of self-preservation worked out, which would, to be be more honest, was anything than ordinary cowardice – after all, a little more, and I would have completely ruined myself by drinking.

Since then, I’ve decided to hide all memories of Abril in the farthest corners of my mind. I thought that this way it was easier for me to get over the pain of loss. Actually, that’s what I’ve done. Insensibly, I began to forget our mutual rounds, our conversations, then her features began to fade away out of my memory. So, imperceptibly, my memory hand in hand disappeared with my feelings. But the nagging feeling of guilt has never left me.

After her, of course, there were other women. Relations with them developed in different ways. Some i loved less, others more. There were even children from two ex-wives. But none of these women hasitated in my life for more than a few years. Perhaps this is some kind of curse – to lose along the way those who are dear to you or who you are dear to. In the otcome, at the end of my life I was alone. And more and more often insomnia, followed by tantalizing dreams, was fretting me from inside. Whether God punishes me for the sins of my past in such a sophisticated way, or whether a belated conscience torments me, I don’t know. But at the end of my years, like probably any old man, I want peace, I want to die with a peaceful heart. Therefore, I am here, confessing to you.

– And what happens in your dreams? – I asked.

In my dream, I, quite young, run, trying to catch up with Abril, and the snow breacks down under my feet. I fall and get up again. And she looks a me, in her light coat, flushed with frost, with sadness and disappointment. And I cry out to her – „ Abril! Abril! How I missed you! ” Finally, reaching for her, I hasten to hug her, but she pulls me away. “Don’t kiss me. Don’t, ”she says. Then Abril slowly dissolves in the dark. And I stand in a daze, unable to do anything, even to get out a pitiful „Take me with you!“ , watching helplessly as she disappears.

The Return

We arrived at the devastated village in the early morning, when the sun had not yet risen above the horizon. It was surrounded by hilly distant lands, overgrown with grass and thistle bushes. The terrain was deaf and abandoned. And if there were no several dilapidated graves located on the slope of one of the hills, one would think that people never lived here. Don Esteban put his hand in the inside pocket of his jacket and pulled out an elongated velvet case. There were old silver earrings inside of it.

– This is the only thing that I have kept from Abril. – he said. – It’s time to keep my promise. I have been postponing it for too long.

He took a shovel out of the carrier and headed for the cemetery. And there, choosing a place between the pise graves and falling to his knee, he began to dig a hole. It was a strange picture – a lonely old man in a deserted steppe digging a grave to his past.

Beyond the hills, where the sky touches the earth, daylight arouse, dissolving the predawn shade, revealing a breathtaking sight on the the silent, magnificent steppe. And at that moment a quiet, serene joy stole into me. How much sufferance this land endured, how many epochs have alternated here, how much blood and tears were shed here, but all that will never change her indefinite, pristine beauty. And it is fine that there is something in this world, that is beyond human control, lasting in eternaty, constant and superb and will outlive all. We have never been regents of the Earth and never will be. Eternity cannot have sovereigns. Rather, we are her inherent peculiarity.

– I’ve been ofte asked where I am from and where my home is! – Professor Camino returned back out of breath and tired. He flopped to the ground.

– Rather a common question. But I can’t answer it.

– Is it really so important for you? – I sit down next to him.

– In youth, you treat all this with indifference, maybe even with contempt. You wanna soar and float. But there can’t be an infinite levitation in life! – Don Esteban looked at the morning sky.

– Even vagabonds have a nest somewhere.

– Do you have one?

– I recently bought a grape plantation near Toledo. – the professor said, ripping off a branch of wormwood and smelling it.

– When I left, I asked my workers to keep the lights on in the villa. I’ll arrive there late at night, I will see the light in the window from afar, and maybe my soul will become warmer: what if someone is really waiting?

We got into the car and headed back. On the road, Don Esteban fell asleep – it was a sleep of a person who finally found his long-awaited peace. Soon, I followed his example. The sleep was so deep and long that on the way back I did not feel any potholes or bumps, and when I woke up, we were already approaching the city.

(1): “Karangy tyndde tau kalgyp” – a song of Abay Kunanbaev; the text of the song is a translation of the poem by M. Yu. Lermontov “Mountain peaks sleep in the darkness of the night …”, which, in turn, is a translation from Goethe.

Tschingiz Aitmatov

Aus dem Roman: „Wenn die Berge fallen (Ewige Braut)“; veröffentlicht im Journal: „Freundschaft der Völker“, Nr. 7, 2006Из Романа: „Когда падают горы (Вечная невеста)“; Опубликовано в журнале „Дружба Народов“, номер 7, 2006

Übersetzt von: Polina Stoppel-Beise

„Разве вы не видите, „Seht Ihr etwa nicht,
Как падают горы? Wie die Berge fallen?
Разве вы не видите, Seht Ihr etwa nicht,
Как валятся деревьяб Wie die Bäume fallen?
Разве вы не видите, Seht ihr etwa nicht,
Как вспять течет река? Wie Flüsse rückwärts fließen?
All das – vollbringe ich, Это я все делаю, я вершу,
Und jage eure Herde И всех вас стадом поганю
Wie Schafe in den Stall! И, как овец в сараи заганю!
So fallet mir zu Füßen, Мне в ноги падайтн, валитесь,

Falls nicht, seid nicht erzürnt А если не, то не сердитесь.
Ich- Schambalasch, kann Alles! Я — Шамбалаш, я все могу! Ich- Schambalasch, kann Alles! Я — Шамбалашб я все мошу!“

Talgat Dairov: „Machambet Burannyj“

Talgat Dairov

Erzählung: Machambat Burannyj“ – „Eine heilende Fortsezung

Veröffentlicht in: Daktil.kz; Febr. 2020; Nr. 5

Übersetzung: Polina Stoppel-Beise

In dieser Gegend fuhren die Züge wie gehabt von West nach Ost und von Ost nach West.

Tschingis Aitmatov: „Und Länger als die Ewigkeit dauert ein Tag!“

Viele Jahre sind vergangen seit der alte Edike gestorben ist, der einst den Namen Burannyj erhalten hatte, aber auf seinem Bahnsteig (Zwischenhaltepunkt) hatte sich nichts verändert. Züge schwirrten vorbei, Menschen wechselten sich ab, im Winter bedeckte feiner Staub gleichmäßig mit einer matten Schicht die Gleise. Kamele standen (ebenfalls) hoheitsvoll über dieser trostlosen (oder über dieser ungemütlichen) Welt und Weltraumschiffe durchstachen (durchfuhren) weiterhin den klaren Nachthimmel. Genau hier geschahen all die ungewöhnlichen Ereignisse, über die ich euch erzählen möchte. Zu seiner Zeit klopfte es an einer kalten Dezembernacht, kurz vor Neujahr, an der Tür  Machambet Abbassovs,  eines alten Gleiswächters. Und während  er sich zum Türaufmachen aufrappelt, werde ich euch den Hintergrund der Geschichte vorstellen. Der ehemaliger „Herrscher“ (Usurpator) des Gleishaltepunktes „Boranly – Burannyj“, der raue Edikge, verließ uns in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts, nachdem er zuvor vor 5 Jahren seine Frau verloren hatte. Er wurde genau dort begraben, wo zuvor der Patriarch Kazangapa beerdigt wurde, auf dem vertrauten Friedhof „Ana.Beit“. Weder Freunde, noch Verwandte Burannyjs konnten aufgefunden werden, und der traurigen Tradition folgend beerdigte ihn sein Nachfolger, Machambet Abbasov. Auf seinen letzten Weg begleiteten Edige drei Menschen: ein Traktorist, ein Mulla und sein Nachfolger (der neue Bahnwächter/Gleichwächter).

Einst lebte Machambet in einer grünen und gemütlichen Stadt, Alma Ata, hatte ein warmes Haus am Fluss Wesnovskaja, eine gute Arbeitsstelle und eine Familie. Und Alles in Allem war gut, so wie es war. Aber all dies nahm plötzlich sein Ende. Zuerst verlor er seine geliebte Frau bei einem Autounfall. Dann, In Afghanistan, starb heldenhaft sein einziger Sohn und seine Verlobte verschwand gleich am nächsten Tag zusammen mit der neugeborenen Enkelin, ohne auch nur die Rückkehr des gezinkten Sargs abzuwarten. Und Machambet blieb völlig vereinsamt zurück. Dieses Leid, auch wenn es ihn nicht umgebracht hatte, hatte ihn dennoch sehr verändert. Er behielt zwar seine Form und seine Sinnesklarheit, aber verschloss sich hinter einer rauen (harten) Fassade, verbannte die Vergangenheit (aus seinem Bewusstsein) und verlor völlig den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes. Und weil er nicht mehr im Stande war, all das zu ertragen, was ihn umgab und an die Vergangenheit erinnerte, verkaufte er seine Wohnung und verließ für immer diese winterliche, grau-matschige Stadt. Mehrere unendlich sehnsuchtsvolle Jahre dauerte seine Reise an.  Am Fluss Aktuba hatte er durch wilden Fischfang sein Geld verdient. In Karaganda verlud er Schwarzkohle. Trank Wodka in Achinsk. In Ufa musste er sich wegen Disenterie im Krankenhaus behandeln lassen. Manchmal (nächtigte) übernachtete er in Moskau oder in Uralsk, um am nächsten Tag wieder in irgendeine Richtung zu verreisen.  Während er fast ganz Eurasien durchkreuzte, wiederholte er fast schon die Route Tschechovs, und stand schließlich am Ufer der Buchte von Terpenj auf der Halbinsel Sachalin und schaute in die dichte, schneebeladene See hinaus. Sachalin roch nach feuchtem Nebel und (der poronaischen) Tundra. Aber diese riesige Sonne, die eillos im Ozean versank, und diese schwere, bleierne See, riefen nur einen weiteren Anfall von schwermütiger Sehnsucht in ihm hervor, und er floh wieder gen‘ Westen. Die Reise war lang und (umwegig) umständlich. Er kämpfte sich durch Wälder und setzte über eiskalte Flüsse über. In Ulan Bator kreuzte sich sein Weg mit einer alternden Burjatin und er beabsichtigte sogar zu bleiben und standesamtlich zu heiraten. Aber nach einem Monat setzte er sich an einem trüben Morgen per Anhalter auf einen Kamaz und fuhr Richtung Heimat. Auf diese umständliche Art, fernab jeder Logik und ohne genaues Ziel, erreichte er an einem klaren Maitag im Nirgendwo der Steppe den Gleishaltepunkt „Burannyj“.

Für gewöhnlich hielt hier der Zug für ungefähr zehn Minuten und Muchambet beabsichtigte hier eigentlich nur eine oder zwei Zigaretten zu rauchen, aber er fand niemanden, der Feuer hatte. Er schaute sich um. Irgendwo am Anfang des Zuges waren die dunklen Gestalten der Schaffner erkenntlich, aber diese waren zu weit weg. Irgendetwas zwang ihn plötzlich sich umzudrehen. Es war kein Schrei und auch kein Geräusch. Es war intuitiv, als ob er einen fremden, lastenden Blick auf seinem Rücken verspürte. Ein Zeichen, oder ein Aufruf, kam aus der Steppe. Eine unsichtbare Macht zwang ihn still zu stehen und in die Ferne zu lauschen. Die Steppe erinnerte im Frühjahr  mit ihrem Geruch der Unendlichkeit an das Meer.  Eine leichte Brise streichelte zärtlich die ultramarinblauen Gräser.

Das hämmernde Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges durchfuhr (die Luft) wie eine herannahende Flut und wandelte sich in völlige Ruhe und in eine klingende Stille der Steppe. Und dann entschied sich Machambet zu bleiben, fernab vom Geräuschpegel tausender Vorräume, Lautsprecher, fernab vom fremden Lachen und Geheule, von der trunkenen Bahnsteighektik und den unaushaltbaren Erinnerungen. Er sprang in sein Kupe, schmiss sein Zeugs in den Rucksack und stieg vollends aus. Der erste Mensch, den er auf dem Bahnsteig erblickte, war Edige. Sie begrüßten sich, schauten einander an und klärten (wortlos) jeder für sich unverzüglich das Unabdingbare (das Notwendigste). Das Schweigen brachte sie gar näher. Eine bemerkenswerte Tatsache war, dass beide kaum merkbar an den amerikanischen Schauspielern Charles Bronx erinnerten: das gleiche Faltenmuster, das die Augen am Rand zusammenzog, ein grauer buschelartiger Schnurrbart, und eine sturre Undurchdringbarkeit (Gesichtszüge mit ausgeprägten Wangenknochen). Machambet bot seine Hilfe bei der Arbeit an. Edige nickte (stimmte) zu. Mit einer Handbewegung lud Edige ihn ins Haus ein und schenkte ihm einen starken Tee ein. Der humpelnde Hausherr geleitete ihn dann in seine Stube. Es war ein schmales und langgezogenes Zimmer mit einem (verschwommenen) (matten) Ausblick auf vorbeifahrende Züge, in der Ecke, leicht verbeult, stand das Bett, an der Wand hing ein abgenutzter Teppich. Es roch nach etwas Vertrautem und lang Vergessenem. Das Gedächtnis Machambets ließ einen biographischen Schnappschuss aus seinem Lebens auferstehen. Ein dunkles Zimmer, Sonnenstrahlen, die durch nicht ganz geschlossenen Fensterläden hereinfielen und der schmale Rücken seines Großvaters bei seinem Morgengebet. Machambet setzte sich vorsichtig an den Rand des Bettes und verspürte eine unglaubliche Müdigkeit.  Die Stube gab ihm ein Gefühl von Geborgenheit, das ihn umarmte, wie einst seine Großmutter, als er auf ihrem Schoß saß. Er kniff aus ganzer Kraft die Augen zusammen, um nicht zu weinen. Als er wieder die Augen öffnete, war das Zimmer leer und die Tür fest verschlossen.

Ungefähr vor ein paar Wochen vor diesem traurigen Ereignis ergab sich zwischen den Beiden ein ernsthaftes Gespräch. Erstaunlich, aber weder Edige noch Machambet sprachen sich je zuvor irgendetwas von der Seele. Über das Wetter, über die Gleise, über Reparaturen, über die Vorbereitung von Brennholz oder Kies, über anstehendes Alltägliches oder Weggleitendes, aber noch nie über die wichtigen Dinge im Leben. Dabei wussten beide, dass diese Art von Gespräch irgendwann kommen würde. Die Zeit verging und die Notwendigkeit (Unausweichlichkeit einer solchen Unterhaltung) reifte heran. Wie ein ausgereifter Saft aus Aport-Äpfeln, der bereits über den Kelchrand floss. Und irgendwann war es soweit. Diese Notwendigkeit stürzte auf deren Köpfe herab. An diesem Abend, nach der Besprechung aller Pläne für Morgen, mussten beide erst mal eine längere Zeit schweigen (hüllten sich beider zuerst ins Schweigen).  Machambet rauchte und genoss die Ruhe und die Wärme (, die ihn umgaben). Hinter dem Fenster wirbelte ein Sturm. Es war März. Und im Feuer des rot erglühenden, gusseisernen Ofens (Kanonenofens)  knirschte rhythmisch der Saksaul*.

Edige strich sich über seinen Schnurrbart und starrte schweigend auf die emporsteigenden, kreiselnden Funken. (Ein unerwartetes  Bedürfnis stieg in Machambet auf), und er fing an zu erzählen. Er erzählte dem alten Bahnwärter alles: über sich selbst, über seine Familie, über sein Leben davor und danach, zeichnete dieses gleichsam ohne den gewohnten Schmerz, ruhig und aus der Ferne. Seine Erzählung dauerte bis spät in die Nacht.  Der alte Wächter hörte ihm mit irgendeiner besonderen, ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu. Er musste es während seines langen Lebens an diesem  (fern abgelegenen) Bahnhaltepunkt  erlernt haben. Worte eines Menschen, der neben ihm saß, die Schreie eines Vogels hoch über ihm im Himmel, das Heulen des Windes im Schornstein – Alles, absolut alles konnte auf etwas Wichtiges und Unvermeidliches deuten. Die Steppe und die Einsamkeit lehrten ihn sowohl zu hören, und, was noch wichtiger war, zu zuhören. Die gesamte Zeit über fühlte Machambet, wie der Alte seine Worte verinnerlichte; aufmerksam und geduldig; Edige versuchte jede Einzelheit zu verinnerlichen und Machambet durch keinen (sonderartigen) Blick zu unterbrechen, weder tadelnd noch zustimmend. Dies machte es dem Erzählenden einfacher. Machambet fühlte einen kaum fassbaren Durchbruch von etwas Leuchtendem, Warmen und lang Vergessenem. Ist denn eine Beichtrede vor solch einem Zuhörenden, das Öffnen seiner Seele, das Ausschütten seiner ihn  überwältigenden und trüben Unentschiedenheit, die nachts seine hintersten (dunkelsten) Gedankenwinkel überschwemmte und ihm den Schlaf raubte, ihm Sorgen bereitete und von Innen verzehrte (und zermürbte), ist das denn nicht die beste Therapie.

Als sich seine Erzählung dem Ende neigte, verspürte Machambet zum ersten Mal in seinem Leben, bestehend aus  endlosen Zugreisen, wie etwas immer mehr in seiner Brust nachlässt, wie von seinen Schultern riesige, vermooste Steinbrocken herab fallen. Seine Erzählung beendete er mit seinem unerklärlichen Wunsch, hier in der Bahnwärterhütte bleiben zu wollen.

„Es ist die Steppe, die mit dir sprach – und du hast sie gehört“, sagte Edige leise.

Dann fuhr er nachdenklich fort: „Und das ist sehr, sehr gut …“

Danach schwieg er für eine längere Zeit und schaute dabei durchs Fenster. Das Licht der schaukelnden Lampe spiegelte sich im Fensterglas und versank dann in seinen alten Augen. Machambet kam es sogar vor, dass es in der Küche dunkler geworden ist.

Sich besinnend, fuhr der Wärter fort: “ Ja-a, man kann sie nur hier hören. Lausch…“ – der Alte beugte sich abrupt vor – „ich habe noch nie jemandem davon erzählt und werde wohl niemandem mehr, außer dir.“

Im faden Licht zeichneten sich seine Wangenknochen skulpturartig ab, in seinen Augen tanzten funkelnde Lichter.

„Verstehst du, dieser Ort teilt die Welt in zwei Hälften. Auf der einen Seite ist die Welt, so wie sie ist, auf der anderen, so, wie sich der Mensch dieses Leben denkt. In der Steppe ist alles so, wie es ist. Wir trinken, wenn wir Durst haben, essen, wenn wir hungrig sind, schlafen, wenn wir müde sind und sterben, weil wir leben, und nicht wegen unseren Gedanken (Vorstellungen). Wir leben „hier und jetzt“ und nicht „Irgendwann und später einmal“.  Aber dort von woher du geflohen bist, ist alles umgekehrt. Irgendwann einmal, vor langer, langer Zeit, konnte ich mich nicht entscheiden (festlegen). Ich blieb in diesem Türdurchgang stecken. Aber jetzt weiß ich endlich, dass…“

Seine letzte Phrase sagte er sehr leise und anscheinend nur zu sich selbst. Aber anstatt fortzufahren lächelte der Wärter einfach. Und an dieser Stelle endete deren ernsthaftes Gespräch. Zwei Wochen darauf, sitzend auf einer uralten Bank und in die schwache März-Sonne schauend, verstarb der Alte. Er sah dem steinernen Bal-Bala* verblüffend ähnlich. Die gleiche geologische Ruhe, der gleiche reliefartige, nach unten zeigende Schnurrbart. Verwunderlich, aber Machambet, der den Alten an seiner Hand hielt, verspürte nicht die Anwesenheit des Todes. Es gab kein Stöhnen (Schnorcheln), keine Konvulsionen oder anderweitige düsteren Attributive. Es schien, als wäre der Wächter einfach irgendwohin davon gegangen und hinterließ dabei seinen Körper aufgrund dessen Unbrauchbarkeit. Man konnte sogar hören, wie die Gartentür knarrend zufiel. In der Steppe wirbelte der Staub hoch und bewegte sich ins Nirgendwohin Richtung Westen. Nach der Beerdigung stellte sich Machambet auf die kleine Welt eines Bahnwächters ein, die aus schwerer Arbeit, dem Hämmern der Zugwaggons, und aus dem Geruch von Wermut und durchtränkter Gleise bestand.

Zehn Jahre in der Steppe schmelzten unbemerkt dahin. In der Hektik verflog das Leben, blinkte mit gelben Fenstern, hinterließ leere Flaschen, Kippen und ande16rweitige Zeugnisse des Bahnlebens. Die ferne Welt verlor für Machambet jeglichen Inhalt und er lebte im Hier und Jetzt. Ein tiefer Hass auf seine Vergangenheit und die Angst vor dem „Nichtsein“ der Zukunft zeichneten in seinem Kopf eine Grenze, hinter die er sich bereits seit Jahren nicht mehr hinaus wagte. Aus eigenem Antrieb (konzentrierte er sich auf den heutigen Tag, und ein Morgen genau so wie ein Gestern existierten nicht für ihn. Die Routine und das Lesen von Büchern einer Dorfbibliothek war alles, womit er das letzte Jahrzehnt verbracht hatte. Jeden Winter vollbrachte der Wärter Abbasov größere und kleinere schwerfällige Arbeiten, von denen niemand etwas wusste (niemand auch nur ahnte). Und die Öffentlichkeit mied er. Im Winter ist die Steppe objektiv, wenn nicht sogar auf ihre Art vulgär, sodass man selbst ein Meter von der Haustür entfernt, erfrieren kann. Machambet jedoch riskierte sein Leben und seine Gesundheit völlig selbstlos; abgestumpft erstickte er  jeden abstrakten Sinn seines Daseins. Eines Tages erblickte ein durchreisender Journalist aus seinem Schlaf-Coupe heraus, gleich einer Fata-Morgna, in der frostigen Weite der schneebedeckten Wüste eine zwischen den Hügeln irrende Silhouette. Ob es Machambet gewesen ist, sei dahin gestellt, obwohl es sonst niemand hätte sein können. Dieses Bild hatte den jungen Mann so verblüfft, sodass er nachts nicht einschlafen konnte, und er versuchte nachzuvollziehen, was dieser Mensch dort zu suchen hatte und ob es überhaupt ein Mensch gewesen ist? Er schlug sich so lange mit diesen Gedanken herum, bis der jahrelang schweigende Lautsprecher begann mit einer krächzenden, jedoch durchaus dramaturgischen Stimme zu verkünden. Transliert wurde ein Ausschnitt aus einer Erzählung:

„…mit einer Decke umhüllen endlose Stürme immer noch die Steppe mit ihren menschenleeren Fluss- und Seeufern. Und nach der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr erscheint (endlich ) das zerrissene Sonnenlicht, welches allein die Steppengräser auferstehen lässt. Und bis es soweit ist, begießt der eingetrübte Diskus der matten Sonne über dem Horizont den verzinkten, tiefhängenden Himmel und verspielt dabei dem lebendigen Glänzen des Schnees, welcher die unumfassbare Weite dieser trübseligen Pampa bedeckt. Im Winter sind diese „kosmischen“ Freiräume hoheitsvoll einsam (menschenleer). Die schneidende Kälte verjagt alles Lebende.  Sie sprengt den Granit des Felsens „Balbalan“ und verlangsamt den elektrischen Strom, der von Mast zu Mast überfließt. Es wäre unvorstellbar, dass es sich jemand erlauben könnte, diesen hoheitsvollen Rückzugsort des Schnees, der Stürme, der Kälte und des Todes zu betreten (zu stören). Und plötzlich, all dem trotzend, erschien zwischen den Hügeln, eine aus dem Nirgendwo kommende, flimmernde Zeichenfolge von Spuren, die sich vom Horizont weg zielstrebig bis zum Kiesbelag zwischen den Gl eisen erstreckte. Es waren Menschenspuren. Erst am Morgen legte sich der wilde Schneesturm, der zwei Tage hintereinander wütete. Aber jemand hat sich ihm trotzend entgegengestellt und unterschätzte diesen zugleich. Derjenige, der diese Spuren hinterlassen hatte, weichte keinen einzigen Schritt aus und steuerte hartnäckig aus der Tiefe der Steppe zu den Bahngleisen. Was war das für ein Wesen, das sich dem Jähzorn der „Windgeister“ entgegenstellte? Warum war es hier? Was war der Grund: Zufall, ein Wunschtraum oder das Schicksal?“

Plötzlich war das Rauschen der Radiowellen so stark, dass die Stimme anfing in diesen unterzugehen. Dann folgte Stille. Nach einer Minute, jegliches Radhämmern und das Wellenrauschen übertönend, fuhr das Radio fort, aber diesmal in einem umso mehr durchdringlichen Tember:

„Viele tausende von Jahren, von Haus zu Haus, von Jurte zu Jurte, von Schloss zu Schloss, und vom Bazar zum Bazar streifte dieser Mensch umher.  Er ist wohlwollend und gut, sowohl Soldaten, als auch Hausfrauen respektieren ihn, Kinder, Hunde und Kamele liebten ihn. Er hat viele Freunde, die er besuchen möchte. Er hinkt. Sein rechtes Auge ist von einer weislichen Filmschicht (vom grauen Starr) bedeckt, sein (finsteres) dunkles Gesicht ist übersäht von Narben und Falten. Niemand fragt ihn, woher er kommt, alle sehen in ihm einen alten Bekannten. Er erscheint unbemerkt am Lagerfeuer und ist dankbar auch nur für eine Phiale mit „Kumys“. Und dann streichelt er das Kleinkind, bastelt geschickt eine Pfeife aus einem Strohhalm und gibt diese dem glücklichen Buben. Er spricht kaum, aber hört aufmerksam zu. Er hört so zu, wie dies sonst niemand auf Erden vermag. Die Menschen erwarten keinen Rat von ihm. Ihnen reicht allein schon sein Blick, welcher, wie der Kosmos (das Weltall) unwiederbringlich ihre Ängste und Sorgen in sich hineinzieht. In seinem sehenden Auge ist nur Anteilsnahme, keine Verurteilung. Dieses Auge kann man nicht anlügen. Die Menschen fühlen dies. Ganz besonders Kinder. (Sogar) die Tiere fühlen es (auch). Die Kasachen sagen, sein Name sei „Kdyr-ata“; Er erscheint kurz vor dem Fest „Nauryz“ und verschwindet dann bis zum nächsten Frühjahr.“

Es sei dahingestellt, ob das Radion wirklich zu dem Journalisten sprach, aber bei seiner Ankunft skizzierte er seine Eindrücke nach dem Motiven des Gehörten und zog sogar die Aufmerksamkeit des leitenden Redakteurs auf sich.

Machambet fuhr jedoch fort nichtsahnend in seiner Bahnwärterhütte zu existieren. Mit der Zeit verschleierten seine Erinnerungen, verloren ihre Schärfe, verwandelten sich düstere Geister (Dämonen). Nur der Gedanke an seine Enkeltochter, die er nur ein einziges Mal halten durfte, meldeten sich mit einer zuckenden Sehne an der Schläfe. Lebt sie? Ist sie glücklich? Sie kam ihm vor, wie ein junges Kälbchen, und das sanfte Atmen und der Geruch der Neugeborenen kratzten an seiner bis zum Spiegelglanz abgeschliffenen Seele. Selbstverständlich kehrte er immer wieder mal zu dem Gedanken an Gott zurück, wie über eine sonderbare Instanz, die das Klagen ihrer Klientel begutachtete, jedoch war dieser hinter die Grenzpfosten seines eingezäunten Bewusstseins hinaus gezwängt worden. Dennoch aber wandte er sich manchmal, in Augenblicken der Ruhe, zum endlosen, ruhigen Himmel, oder vielleicht an eine vorbeifliegende Wolke, und flehte lautstark um Beistand für das Mädchen.

Eines Tages im September, nach einer plötzlichen und schweren Erkältung, hatte Machambet zum ersten Mal seit vielen Jahren einen Traum. – Die Schule seiner Kindheit mit zwei runden Steinen (Pfosten) vor dem Eingang, ein abgescharbter Eingang mit zwei Türläden, und sein lächelnder Sohn in Schuluniform. Der Sohn sagte etwas, was man nicht verstehen konnte, und nur an seinen Lippen konnte man – „Papa, Alles wird gut!“ – ablesen.

Ja, das war im September. Und jetzt ist Ende Dezember…

An dem eingerosteten Türriegel herumzerrend, hörte Machambet das Wegfahren eines Autos.  Vor der Tür stand ein Mädchen im Alter von zehn Jahren, eingewickelt in ein „Orenburgisches Tuch. Der Ausdruck der schwarzen Augen erschien ihm wage vertraut. Nach einigen Sekunden der Verwirrung fragte er (endlich):

„Was möchtest du, Tochterherz?“

„Lebt hier der Bahnwärter Abbasov?“

„So ist es… und was ist passiert?“

Machambet war plötzlich beunruhigt und versuchte sich den wegfahrenden Jeep zu merken.

„Und ich heiße Asja!“ , sie verbesserte sich – “ Asia Abbasova!“.

Etwas seltsames geschah in diesem Moment mit Machambet. Die Sehne über dem Auge zuckte immer schneller und schneller; es war das Gefühl eines verlangsamten Fallens (eines Falls in der Zeitlupe). Er starrte in ihre dunklen Augen und ließ das Mädchen gleichsam (in sich ) hinein. Sie ging hinein. Die schimmernde Lampe fing das skeptisch dreinschauende Gesicht ein. Die vertrauten Züge, beerdigt unter den Trümmern seiner Erinnerungen bekamen, gleichsam Photographien in einer Projektionswanne, eine fast unaushaltbare, schmerzliche Schärfe – sein Sohn schaute auf ihn, so, wie er ihn im Traum gesehen hatte. Genauso sah er auch auf dem einzigen Familienfoto vor dem zentralen Blumenbeet im Gorkij-Park aus, und welches unser buranischer Wächter nicht vermochte zu verlieren.  Der „kopfüber geworfene“ Fussboden ließ sein Bewusstsein erlöschen, eine „ägyptische“ Dunkelheit floss in seine Augen. Machambet wachte von schwerelosen Berührungen an seinem Gesicht auf, irgendjemandes verschwommene Gestalt verdeckte das Licht. Das Bewusstsein kehrte zusammen mit einer geschärften Wahrnehmung zurück. Fast schon außer Atem schlug das Mädchen ihn auf seine Wangen und schaute erschrocken in seine Augen. Er setzte sich hin, schüttelte mit dem Kopf, und versuchte gleichsam eine Sinnestäuschung loszuwerden. Doch sogleich umklammerte eine festklebende Angst sein Herz. Ein Traum oder  Alles real? Aber nein; Alles war an seiner Stelle: die Enkelin, die schaukelnde Lampe und der Kopfschmerz. Da saßen sie nun, hielten sich an den Händen, er und die Enkelin mit dem wundervollen Namen, Asja!

Die Geschichte von Asia Abbasova unterschied sich nur wenig von tausenden Geschichten zurückgelassener Kinder. Die Mutter der Neugebohrenen, die sich damals nicht mehr besinnen konnte, tauchte zusammen mit der Kleinen in Moskau unter.  Ihre „Freunde“, die sie beherbergten, waren in Wirklichkeit Drogendieler, und die junge Frau, die ihr Kind mit dubiosen „Pflegemüttern“ in der Nähe der Metro-Station „Strogino“ zurückließ, verlor zusehends ihre menschliche Würde, als sie mit dem „neuzeitlichen“ Strohhalm der Epherde „flöten“ ging (sie war heroinabhängig und saß „auf der Nadel). Dann verloren sich ihre Spuren.  Das Jugendamt brachte das gerade mal ein halbes Jahr alte Mädchen unter in einer Pflegestätte für Säuglinge, und als sie das entsprechende Alter erreichte, wurde sie in das Kinderheim Nr. 251 gebracht, das sich nicht weit von der Metro-Station „Wasserstadion“ befand. Hier begann sie zu sprechen zu lesen, und was noch wichtiger war, zu träumen, dass eines Tages die Tür aufgehen würde, und liebende Eltern, wenn auch nicht die leiblichen, sie abholen würden. Dank einer glücklichen Konstellation der Umstände war die Kartei des Mädchens vollständig erhalten und wartete hoffnungsversprechend zusammen mit hunderten weiteren solcher Dokumente in einer Kiste.

Die 90-er Jahre standen an und „unser lodernder“ Zug kam an seiner Endstation an. Genau in diesem für das ganze Land historischen Moment kam auch für Asja die Stunde „X“. Die neue Direktorin des Kinderheims, namens Poleuneva Ekaterina Evanovna, ordnete an die persönlichen Karteien der Kinder aus zu sortieren,  die eine ungewisse (Herkunft) Staatsbürgerschaft hatten; oder wie sie es gern zu sagen pflegte, die der Nicht-Russen oder „Vagabunden“. Der bürokratische Durchzug verwehte die Lasten der „schwarzäugigen“ Waisenkinder durch allerhand Botschaften und konsularische Vertrettungen der ehemaligen Sowjetrepubliken. Es war einem märchenhaften Zufall zu verdanken, dass während der Vertreter des Generalkonsuls in den zerknitterten Listen herumwühlte, auf eine ihm bekannte Familie stieß, und feststellen musste, dass er, nachdem er mit der Schwester der Mutter telefoniert hatte, tatsächlich ein entfernter Verwandter Asjas ist. Von traurigen Blicken ihrer Waise-Freunde begleitet, verlässt unsere Heldin das Kinderheim, und kehrt als fünftes Kind zurück nach Alma-Ata in die Familie ihrer Tante. An dieser Stelle hätte auch Alles sein Ende finden können. Aber das Schicksal hat sich entschieden, das Mädchen nochmals auf die Probe zu stellen. Der Pflegevater von Asja, ein angesehener Geschäftsmann in Alma-Ata, umgeben von Gold und einflussreicher Gesellschaft, verstrickte sich in eine dubiose Affäre und wurde eines frühen, sonnigen Morgens zusammen mit seiner Frau und seinem Vertretter in einer Autoexplosion getötet. Die Winde des Schicksals, die sich für einige Zeit gelegt hatten, hoben Asja wieder hoch und kreisten diese, vorbei an fremden Korridoren und Vorzimmern, durch die wilden Fänge vetternwirtschaftlicher Kriege. Die Aussicht auf ein Kinderheimleben stand wieder in der Luft. Aber zum Glück entschied sich eine weitere Tante, die sowohl ihr Gesicht wahren, als auch sich von einer unangenehmen Last entledigen konnte, die Koordinaten des Großvaters, Machambet, ausfindig zu machen.  Das Gespräch mit Asja fiel ihr leicht, und dann: einhundert Dollar und die Kartei (mit der Geburtsurkunde) auf die Hand – und ein angemieteter schwarzer Jeep, der uns schon zu Beginn unserer Erzählung begegnet ist.

Eine ganze Woche lang erzählte Asja Machambet die Geschichte ihres kurzen Lebens, und er hörte  aufmerksam zu; sein Gesicht verkrampfte sich in Folge seines Mitgefühls und seiner Machtlosigkeit jetzt noch irgendetwas daran rändern zu können. Dennoch aber lächelte er, lächelte durch Tränen hindurch, vom ganzen Herzen und aus seiner ganzen Seele heraus. „Mein Blutströpfchen, mein Enkeltöchterchen, sitzt hier und rattert vor sich hin, unaufhaltsam, genauso, wie der Sohn in ihrem Alter. Hier und Jetzt!“

Der 31. Januar stand an. Machambet kehrte früher von der Arbeit zurück und half Asja den in einen Tannenbaum umwandelten Kehrbesen zu schmücken. Der Saksaul knisterte feierlich im Ofen, wohlrichendes  Aroma abgekochten Fleischs lag in der Luft.  Das letzte, was an diesem Tag noch erledigt werden musste, war der Geleit eines um einundzwanzig uhr dreißig am Bahnposten vorbeifahrenden Zuges. Der Großvater zug sich an, schaute auf seine eingenickte, voller Zufriedenheit lächelnde Enkelin, sich gleichsam seines Glücks sichergehend, und nahm eine Laterne mit. Der Handelszug kam nach Zeitplan, aber Machambet schaute noch lange dem schimmernden Leuchten des Zuges nach. Zum ersten Mal in seinem Leben warf der Anblick des sich entfernenden Zuges die Frage auf: „Wohin fährt er wohl?“ Zusammen mit dem Auftauchen der Enkelin in Machambets  Leben, erlangte auch das Morgen seine Realität, und das Leben bekam einen Sinn und ein Ziel. Der früher so vertraute Bahnwärteposten wurde klein und ungemütlich, und die ferne Welt verführte plötzlich mit neuen Perspektiven, neuen Fragen und angenehmen Alltagsorgen. Die Zukunft lächlte leise und versteckte sich hinter den Abbiegungen des Weges. Machambet fühlte, dass er an einer Schwelle stand, die er bereit war zu übertreten.

In Anlehnung an einen Epilog

Als Machambet den Handelszug begleitet hatte und noch einige Zigaretten zuende geraucht hatte, ging er, so, wie ihn dies eins Edige gelehrt hatte, an den Gleisen entlang und begutachtete deren Zusatand (die Risse  in den Gleisen). Nicht weit vom Bahnposten entfernt erkannte er eine merkwürdige, schleifende Spur, die Richtung Schlagbaum führte. Als der Wärter seine Laterne darauf richtete, wurden rote Flecken sichtbar, die an Blut erinnerten. „Könnte es sein, dass irgend wer unter die Gleise gekommen ist?“, dachte Machambet und folgte der Spur, mit der Hoffnung den Kadaver eines Schakals zu finden, die ab und zu an Bahnwegen entlang streiften. Im Bezirkszentrum gab es immer noch Auszahlungen für abgegebene Felle. Die Spur führte zu einem Absturz, der sich hinter einer Aufwallung versteckte. Ein Lichtstrahl durchdrang die absolute Dunkelheit und zeigte auf ein Objekt, das von Weitem an einen Sack erinnerte. Sich herannähernd, schrie Machambet auf. Der Sack war ein Mensch. Ein kaum vermerkbares Stöhnen deutete darauf hin, dass dieser noch am Leben war. Der Versuch ihn auf den Rücken zu drehen blieb erfolglos. Ein riesiger, alpiner Wanderrucksack war im Weg. Machambet leuchtete noch ein Mal hin und warf sich zurück; im kurzhaarigen, massiven Kopf war ein großes Loch, aus dem das Gelee des Gehirns heraus. „Ein toter Mann“, dachte Machambet, entschied sich aber dennoch Erste Hilfe zu leisten. Auf der Suche nach einem Verband machte Machambet den großen Rucksack auf und fror auf der Stelle ein. Anstatt Kleidung, Huhn und Frikadellen in einer Plastikbox, belichteten die Strahlen der alten Laterne, enggezogene, grünliche Päckchen amerikanischer Dollar, die man aus dem Kino kannte.

Ein Gedanke ist schneller als das Licht. Genau mit dieser Geschwindigkeit zeichnete sich in Machambets Kopf der nächste Handlungsalgorithmus ab. Schon bald wird dieser Leidende für immer schweign. Seine Kleidung, Dokumente und weitere identifizierende Gegenstände konnte man einfach verbrennen und die Leiche konnte man etwas weiter in den Absturz hineinziehen und unter dem Geröll verschütten. Erst recht, da es in dieser Gegend von Wölfen und Korsaken nur so wimmelte, und bis zum Frühling würde die Göttin Umaj alles verschlingen. Machambet kehrte noch vor Neujahr zurück und zählte die Päckchen durch – es waren fast einhundet Stück. Asja schlief leise atmend und zusammengepfercht, gemütlich auf einer alten Truhe. Sie lächelte im Schlaf.

Nach einigen Monaten, genauer gesagt, am 1. September, küsste ein älterer, schnurrbärtiger Mann mit einem asiatischen Erscheinungsbild ein zehn jähriges Mädchen und half ihr in einen gelben Bus zu steigen, auf dem stand: „School Bus. Green County“. Er holte eine Zigarette raus und drehte sich die Kleidertaschen abklopfend um, in der Hoffnung, einen Raucher zu erwischen.  Aber dabei stieß er nur auf die abwertenden Blicke der Frauen in deren bunten, langen Blusen.

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten