Übersetzt von: Lena Muchin:

Timur und sein Sommer.
Er wurde zwölf. Vor ein paar Tagen backte die Mutter einen Kuchen, auf dem perlenartig „Timur-12 Jahre“ mit Beeren ausgelegt war. „Schon so erwachsen!“ achten die Tanten, am Tisch auf seine Gesundheit anstoßend. Er ist dieses Jahr wirklich gewachsen, wuchs ganz in die Höhe, wurde jedoch noch dünner. „Timuryč,“ sprach sein Vater „Du bist doch ein Mann, nimm dir Salate, achte auf die jungen Damen.“ Timur lachte. „Was sind das für Damen, diese Tanten?“ Aber, dass Vater ihn Mann genannt hat, das war angenehm. Denn in der Familie, außer dem Vater, sind nur Frauen. Die Mutter hat Schwestern, der Vater auch.Und Timur selbst hat eine jüngere Schwester. „Und diesen Sommer,“ sagte der Vater, auf Timur das Wodkaglas hebend, „schicken wir Timur zu Oma. In seinem Alter habe ich den Sommer immer nur im Dorf verbracht.“ „Pf, du hast auch die Winter dort verbracht,“ zischte die Mutter. „Du hast dort bis zum Ende der Schulzeit gelebt.“ „Ja und?“ sagte der Vater direkt, „Im Sommer hätte ich weg fahren können, habe es aber nicht gemacht. Tima, wie ist es bei dir? Bist du froh?“ Timur verstand nicht, ob er froh war oder nicht. Er hatte etwas Angst, den Sommer ohne die Eltern zu verbringen und wusste nicht was er vom Leben im Dorf zu erwarten hatte. Er war beunruhigt. „Natürlich bin ich froh,“ sagte er. „ Sehen Sie,“ schrie der Vater so laut, dass er etwas Wodka verschüttete. „Nun gut, lasst uns auf Timka anstoßen!“ Früher sind sie immer mit dem Auto ins Dorf gefahren, aber diesmal hatte der Vater keine Zeit, und er fügte hinzu: „Soll er sich dran gewöhnen, selbstständig zu leben. Wir geben ihm Geld für den Bus und er fährt selbst.“
„Aha,“ schmunzelte die Mutter, „Er ist doch Omas Liebling.“ Oh ja die Oma (Omachen und einfach Omi, wie Timur sie nannte) liebte den Enkel sehnsüchtig. Und weil sie ihre Liebe durch die Menge an Essen ausdrückte, bereitete sie sich auf die Ankunft des Enkels schon im Voraus vor. Sie räucherte Fleisch, legte Kohl ein, machte Pelmeni und Vareniki mit Pilzen. Die Oma hatte nur wenig Hauswirtschaft, dafür war diese aber sehr gepflegt: Einen Garten mit akkuraten Beeten von Gurken und Zucchinis, sechs Apfelbäume, zwei Kirschbäume, dichte Himbeerbüsche und dazu noch eine Kuh, Ziegen und zehn Hühner. Der Vater brachte Timur zur Haltestelle. Sie suchten lange nach dem richtigen Bus zwischen den anderen. Überall herrschte ein Durcheinander. Die Busfahrer versuchten sie zu überreden, mit ihnen in eine andere Richtung zu fahren und in den engen Durchgängen zwischen den Bussen tauchten Menschen mit großen Reisetaschen auf. Sie zu umgehen, war nicht möglich, deswegen musste man umkehren und andere Wege suchen. Endlich fanden sie den richtigen Bus, der Vater klopfte Timur auf die Schulter und sagte: „Ok, weiter fährst du selbst. Grüß die Oma von mir.“ Timur nickte und stieg in den Bus. Im Bus war es stickig. Das Glas war von einer trüben, dicken Schicht bedeckt. Timur versuchte diese mit dem Vorhang, der am Fenster befestigt war, abzuwischen, ohne Erfolg. Der Bus fuhr los und mit ihm verschwamm die düstere, verwaschene Welt hinter dem Fenster. Viele Passagiere schliefen ein, aber Timur war nicht nach Schlafen. Zuerst bohrte er leicht im Vordersitz, hob und senkte die Lehne, trat das unter dem Sitz angebrachte Netz und unwissend womit er sich beschäftigen solle, begann er aus dem Fenster zu schauen, um wenigstens etwas in dem an ihm vorbei schwimmenden Nebel zu erkennen. Der Bus fuhr und fuhr an gleichen Maisfeldern vorbei, die hinter den Pappeln auftauchten. Nur einmal änderte sich die Landschaft. Die Pappeln gaben den Platz frei für kleine Büsche und durch das trübe Glas sah Timur weidende, graue und braune Pferde. Diese hoben den Kopf, um den vorbeifahrenden Bus anzusehen. Timur hatte das Gefühl, dass sie ihn anschauen und winkte ihnen zu. Seine Großmutter wartete an der Bushaltestelle auf ihn. Gegen den Widerstand des Enkels, nahm sie seine Tasche und sie gingen den staubigen, abendlichen Dorfweg entlang. Auf den Rändern wuchs dichtes, hohes Gras, aus dem mit seinen Blüten hier und da, Löwenzahl herausschaute. Und Wegerich wuchs hier, mit seinen großen Händen schaukelnd. Endlich sah man das rosa Dach, das des Hauses der Großmutter. Die Oma rasselte mit den Schlüssel,öffnete das Tor, und sie gingen auf den Hof. Von dem Quietschen des Tors wachte in seiner Bude der alte Hund Atos auf, Omas Rüde wie der Vater ihn nannte. Die Art von Atos war nicht zu bestimmen aber am meisten erinnerte er an einen Schäferhund, nur sein Schwanz kringelte sich und die Ohren hingen halb runder. Irgendwann hatte er Angst vor ihm, denn Atos konnte laut bellen aber beißen tat er nie, konnte vor Freude mit der Nase stupsen. Im Käfig hielt die Großmutter ihn nur deswegen, weil sie Angst hatte, dass er ihre Tomatenpflanzen und Paprika beschädigen könnte. Die Oma schickte Timur in die Sauna, damit er sich von der Reise waschen konnte, um selbst in Eile den Tisch zu decken. Ein Badezimmer hatte die Großmutter nicht, das Klo, ein kleines Häuschen, befand sich draußen. Und sich waschen konnte man in der Sauna, wo ein riesiger Bäuler, ein Geschenk vom Vater, hing. Timur nahm aus der Tasche ein Handtuch und eine Seife heraus und ging hinaus auf den Hof. Die Sonne ging schon unter und seine Strahlen beleuchteten die auf den Zweigen hängenden Äpfel und Kirschen, die an jemandes Beine in schweren runden Schuhen erinnerten. Das Grundstück der Großmutter trennte ein dünnes Netz von den Nachbarn. Aus dem Rohr der Nachbarsauna stieg ein dichter, aromatischer Rauch und von Innen hörte man Stimmen und Lachen. Plötzlich ging die Tür der Sauna auf und nach draußen, im Nebel, lief eine junge nackte Frau heraus. Sie lief heraus, schnappte sich den auf dem Boden stehende Eimer und schüttete sich das Wasser über den Körper. Timur, der neben dem Netz stand, schien als ob auch er einige Spritzer abbekam. Sie ließ den Eimer fallen, rieb sie sich mit den Händen die Schultern, nahm die Haare aus dem Gesicht und erblickte jetzt erst den versteinerten Timur. „Och, du Igel,“ sagte sie verlegen und versuchte sich zu bedecken, überlegte es sich aber anders und rief: „Jetzt hast du mich gesehen, dann darfst du auch gucken!“ und sie spreizte ihre Beine auf, wackelte mit ihren Händen, wie ein Stern, der im abendlichen, rosa Licht leuchtete, begann zu lachen, neigte den Kopf zur Seite und hüpfte zurück in die Sauna. Timur stand noch einen Augenblick, ging dann in Omas Sauna und begann sich zu waschen, sich einzuseifen, sein Gesicht und seinen Rücken ein zu reiben, sich im Geräusch des Wassers, an das Gesehene nicht zu erinnern aber das half nicht und vor seinen Augen war etwas weißes und glattes und rosarotes.
Endlich schaute die Großmutter in die Sauna: „Hat man es dir in der Stadt beigebracht, dich so zu waschen?“ murmelte sie, und wischte den mit Schaum und Wasser bedeckten Boden. „Ich warte schon die ganze Zeit, die Suppe ist schon kalt geworden. Hast mir die ganze Sauna überflutet. Schau nur was für ein Waschbär! Konntest du dir nicht die Hände und das Gesicht waschen. Eine Sache von zwei Minuten. Und du wäschst dich hier bis du ganz sauber bist, schau nur hin.“ Sie redete und redete, aber Timur hörte sie nicht, er schien von einem Nebel umgeben zu sein, ohne Gedanken und Gefühle. Und essen tat er genau so, den Kopf senkend, still, Und nachdem er gegessen hatte, ging er in sein Zimmer, wo seine Oma das Bett für ihn vorbereitet hat und dort drehte er sich, rieb sich an dem Sofarücken, quälte sich, was ihm ein unbewusstes Vergnügen bereitete. Und selbst als der Traum ihn schwer und trübe erreichte, fuhr er damit fort sich zu drehen und zu ächzen in der Dunkelheit des Zimmers, seltsame, ungewohnte Träume sehend. Am Morgen wurde Timur leichter zu Mute. Er wachte von der Kälte auf. Der Ofen, der das Haus mit Wärme versorgte, war nun aus und die Sonne schien mit einem kalten und trüben Rand im Horizont. Erzitternd zog sich Timur an und ging auf den Hof. Das Tor zum Stall war offen und Timur schaute rein. „Timur ist wach!“ sprach seine Großmutter, „Wir werden gleich frühstücken,“
Die Großmutter säuberte die Pferche. Vier weiße, saubere Ziegen standen in der Ecke und mähten leise, rieben sich aneinander. „Wie heißen sie?“ fragte Timur. „Wer? Die Ziegen?“ fragte die Großmutter ebenfalls. „Sie haben keine Namen, das sind doch Ziegen und nicht Pferde oder Kühe, Sie haben keine Namen.“ „Aber sie sind doch so unterschiedlich,“ sagte Timur und kam näher. Diese hat einen Fleck auf der Schnauze, und die da hat große Ohren. Schau wie sie in alle Richtungen abstehen. Und diese hat eine sehr dünne Stimme, so schrill, hörst du?“ Timur begann die vierte zu observieren, um einen weiteren Unterschied zu bestimmen aber diese hob den Kopf und Timur stand still. Die Ziege hatte blaue Augen und solch einen menschlichen, aufmerksamen, alles verstehenden Blick, dass man das Gefühl hatte, noch eine Sekunde und sie fängt an zu sprechen „Omachen,“sagte verwundert Timur, „sie sind doch wie Menschen. Sie können nicht ohne Namen. Darf ich ihnen einen Namen geben?“ „Mach das ruhig, Enkelchen, mach das,“ war die Oma einverstanden. „Nur zuerst werden wir frühstücken, laduschiki?“ Namen für die Ziegen dachte sich Timur schnell aus. Die Großmutter war mit den Namen einverstanden und zeigte Timur, wie man sich um die Ziegen kümmert, wohin man sie zum Weiden führen könnte und gab die ganze Verantwortung für sie ab. Von nun an kam Timur jeden Abend in die Pferche, brachte alles in Ordnung und brachte die Ziegen hinter das Dorf auf das Feld, wo er sich sonnte und sich im Schatten des wilden Apfelbaums versteckte. Er kaute Omas Piroggen mit dem Kohl, den Tee aus der Thermoskanne trinkend und achtete darauf, dass die Ziegen nicht weg laufen. Manchmal, wenn er sich nach etwas sehnte, versuchte er sich abzulenken, in dem er die Filzknäuel im dichten, lockigen Fell der Ziegen entwirrte und die Dornen abschnitt., Besonders aufmerksam kämmte er Vasiliska, seine Lieblingsziege. Die Tage vergingen. Timur verließ das Haus in der Frühe, kam spät wieder zurück und schaute immer in die Richtung der Nachbarsauna, aber es gab niemanden zu sehen. Nur im Traum begegnete er einem komischen Gefühl von der Nähe etwas Unsichtbaren.
Eine Woche musste vergehen, bis er der Großmutter die Frage stellen konnte. Es war Sonntag und die Großmutter hatte Bliny gebraten. „Omachen,“ fragte Timur, „Wer lebt bei uns in der Nachbarschaft?“ „Das ist doch das Haus von Oma Galja, sie hat dich in der Kindheit mit Erdbeeren gefüttert. Solche Erdbeeren wie sie sie hat, hat hier keiner, du beißt nur rein – echter Zucker und im Inneren leuchtet es, wie Schnee. Erinnerst du dich? Oma Galja ist zur Zeit im Krankenhaus. Gott sei gnädig, dass sie wieder gesund wird. Und zur Zeit kümmert sich ihre Tochter um den Hof, wie heißt sie nochmal? Lenka oder Alenka? Nur was ist das für eine Ordnung. Das ganze Grundstück ist voller Unkraut. Lenka kommt immer nur für ein paar Tage, mal alleine, mal mit Freunden, sie machen Schaschlik, sind so laut, das das ganze Dorf sie hört, das Unkraut ist denen egal. Warum isst du nicht die Blinys? Iss so lange du kannst, oder magst du sie nicht?“
„Doch sehr,“ versicherte ihr Timur. Die Blinys mochte er aber der Name Lenka nicht so sehr.
Die halbe Klasse waren Lenkas, alle doof. Und Alenka – das klang viel schönes. Mit einem scharfen, aufklappbaren Taschenmesser, der aus der Stadt gebracht wurde, schnitzte er diesen Namen auf der glatten Rinde eines Apfelbaums, unter welchem er sich vor der Sonne versteckte und die Ziegen beobachtete. Die Tage wurden immer wärmer. Die erste Bräune Timurs war verschwunden, die zweite blieb noch erhalten. In einem ärmellosen Pullover, aus dem seine dünnen, sonnen gebräunten Arme und Hals raus schauten, unterschied er sich in nichts von den Dorfjungen, mit denen er sich bereits angefreundet hat. Im Unterschied zu seinen Stadtfreunden, waren die Jungs hier seriöser und irgendwie erwachsener. Sie spielten nicht Musketiere, waren nie dreist und wenn sie kämpften dann nicht aus Freude, sondern für die Sache. Sie alle waren beschäftigt mit Arbeit, mit der Hauswirtschaft, achteten auf das Vieh, das Haus, arbeiteten auf dem Feld – wo blieb dann die Zeit zum Spielen? Und ihre Leidenschaft war auch die der Erwachsenen: Jagd und Angeln. Die Dorfautorität war ein Kerl mit dem Namen Kazbek.
Am Abend versammelten sich die Jungs auf dem Feld, machten Lagerfeuer, brieten auf Spießen Steinhühner, tranken Tee und erzählten sich Geschichten über Mädchen, über die älteren Brüder, über die Wald – und Steppengeister und die die nichts zu erzählen hatten, hörten zu. Timur lernte es auch das Pferd zu zügeln, Fisch zu fangen, weit zu spucken. Eines Tages als er vom Feld zurück kehrte und die Ziegen in den Stall trieb, hörte er wie sich dem Nachbarhaus ein Auto näherte. Er schloss nicht einmal das Tor zum Stall, lief nach draußen und sah einen breiten, silbernen Jeep. Aus dem Jeep stiegen einige Menschen aus. Die Kerle, laut miteinander redend, begannen aus dem Kofferraum Taschen voller Geschirr einzusammeln und die Mädchen, eine von ihnen die ihm bekannte Alena, in einem leichten, flattrigen Mantel, unter dem Timur, das früher Gesehene erahnte, liefen in das Haus. „Vergiss nicht das Bier! Im Salon!“ – schrie Alena, drehte sich um bevor sie in das Haus zurück kehrte und bemerkte Timur. Sie lächelte und wackelte mit der Hand wie einem Bekannten und verschwand hinter der Tür. Nachts konnte Timur nicht einschlafen. Die Nachbarn machten ein Picknick, zuerst tönte laut Musik, dann wurde die Musik ausgeschaltet und irgend ein Kerl begann Gitarre zu spielen. Alle sangen dazu, die Lieder waren bekannt und sie sangen schön. Und zwischen den Liedern stießen sie an, mal schwiegen sie, mal lachten sie laut. Durch das Fenster drangen Gerüche von Schaschlik, Bier und von irgend etwas unbekannten aber angenehmen ein. Sich von Stunde zu Stunde im Bett umdrehend, hielt Timur es nicht mehr aus, zog sich an und kletterte durch das Fenster auf den Hof, um die Großmutter nicht zu wecken. Die Nachbarn waren irgendwo hinter der Sauna spazieren, von Großmutters Hof aus waren sie nicht zu sehen, deswegen, dachte sich Timur auf einen Apfelbaum zu klettern, welcher seine Zweige auf beide Seiten des Zauns ausbreitete. Von hier aus sah man das Lagerfeuer. Direkt davor saß Alena, die mit einem Stab in der Kohle bohrte. Hinter ihr, an einem Baum anlehnend, küssten sich zwei. Sie waren halb von einer Decke bedeckt, aus der nackte Arme und Beine herausschauten. Nach den Klängen zu urteilen, war jemandem übel, dort in der Dunkelheit. Timur konnte es nicht sehen. Ein langhaariger Kerl lag da und so wie es aussah schlief er auf dem Gästebett, welches auf dem Hof stand. Die Gitarre lag direkt auf der Erde neben ihm, zwischen leeren Flaschen. Timur bewegte sich auf dem Zweig und näherte sich an, um Alena besser zu beobachten. Der Baum stöhnte und warf mit einem Laut ein paar Äpfel direkt auf das Dach der Sauna. Alena hob erschrocken den Kopf, begann nach oben zu schauen und schrie dann: „Wer ist da?“ Timur blieb still. Dann nahm Alena aus dem Feuer einen brennenden Ast, näherte sich der Sauna und kletterte sie auf das Dach die Leiter hoch. Zuerst erschien vor Timur ein Feuer und direkt danach das Gesicht Alenas. Sie erblickte Timur, wunderte sich nicht, sondern lächelte. „Was machst du hier für Geräusche?“ fragte sie im Flüsterton. Timur wollte etwas antworten, aber fand nicht die richtigen Worte. „Mach den Mund zu,“ lachte Alena, „kletter runter, komm zu uns.“
Timur kletterte ungeschickt vom Baum, streckte sich und versuchte mit den Spitzen der Schuhe in die Öffnungen des Zaunes zu treten und darüber zu klettern, so landete er direkt neben Alena. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn zum Feuer, das küssende Pärchen war verschwunden, es sah danach aus, dass sie in da Haus verschwunden waren. „Willst du Bier trinken?“ fragte Alena. „Wobei, das ist noch zu früh für dich. „Es ist nicht zu früh,“ murmelte Timur, „ich habe schon getrunken.“
Und das war wirklich die Wahrheit. Der Vater gab ihm mal Wodka zu trinken, als sie im Winter, vom Angeln zurück kehrten und mit dem Auto fest steckten. Mitten in der Steppe. Timur wurde schwindelig und er schlief ein, deswegen erinnerte er sich nicht, wie hinter ihm ein Traktor fuhr. „Ist ja gut, sei nicht beleidigt,“ sagte Alena , „Das Bier ist eh alle, lass uns lieber Tee trinken.“ Sie brachte einen Teekessel mit Wasser und Timur, der sich bereits mit dem Dorfleben auskannte, ordnete die Kohlen zu einem Dreieck, darunter schob er die Holzscheite und positionierte den Kocher darauf. Nachdem er das gemacht hat, fühlte er sich selbstsicherer und fragte: „Gibt es Tee?“ „Natürlich,“ sagte Alena, „Im Auto, im Handschubfach, bringst du ihn mir?“Tmiur nickte und ging zum Auto. Der Jeep war klasse, mit Ledersitzen und einem Radiorekorder. Er wühlte im Handschubfach, fand die Box mit dem Teebeuteln, murrte vor sich hin, weil er wusste, dass echter Tee nur mit frischen Teeblättern gut ist. Er nahm die Schachtel und ging zurück zum Lagerfeuer. Alena hat bereits eine Decke ausgebreitet und saß drauf, die Beine ausgestreckt. Sie erblickte Timur und rief ihn zu sich. „Setz dich, der Wasserkocher hat noch nicht gekocht.“ Timur lief rot an und war glücklich, dass es dunkel war. Sich bemühend so unauffällig wie möglich aufzutreten, näherte er sich der Decke, setzte sich aber weit von Alena. Diese lachte und setzte sich neben ihn: „Weißt du noch als du mich neben der Sauna gesehen hast, habe ich dir gefallen?“ Timur wurde noch roter und schwieg. „Was bin ich etwas nicht schön?“ fragte Alena noch einmal. „Schön“ murmelte Timur. „Sicher schön?“ Timur spürte wie sein Herz schnell schlug und konnte nichts machen. „Wie heißt du?“ fragte Alena. „Timur,“ sagte er. „Schön…so katzenhaft.“ Alena lächelte , rückte näher und rieb sich mit ihrer Schulter an seiner, „Timurrr. Hattest wohl noch nie ein Mädchen. Willst du mich? Warum schweigst du? Ich überprüfe es gleich…“ Mit einer schnellen Bewegung steckte sie ihre Hand in seine Tasche. Timur kauerte sich vor Scham und Überraschung zusammen, versuchend mit dem Bauch das zu verdecken, was man nicht verdecken konnte aber Alena hat schon alles gefunden und beugte sich direkt zu Timurs Gesicht, mit ihren weißen, scharfen Zähnen lächelnd. Sie roch nach Bier, Rauch, Zwiebeln und Erdbeeren. „Du bist groß, nur noch etwas zu klein. Ich küsse dich jetzt und schicke dich dann zu deiner Mutter.“ Und sie gab ihm einen sanften Kuss direkt auf die Lippen, hüpfte dann hoch, streichelte ihn übers Haar, lachte und lief zurück ins Haus. Der Teekessel zischte, der Deckel klapperte etwas, Spritzer entwichen dem Kessel und lösten sich auf, verwandelten sich in Dampf. Im Dunklen hinter dem Haus war jemandem übel. Timur sammelte sich etwas, sprang auf und lief auf die Straße. Er lief nach Hause bis er mit Schweiß überdeckt wurde. Der Pullover klebte auf der Haut und er zog ihn ungeduldig aus, in den Schritt wechselnd. Der Wind schien ihm kühl zu sein, aber das war angenehm. Das Dorf war zu ende, der Weg wurde von einem düsteren, niedrigen Halbmond beschienen und ein weiter weiter Himmel breitet sich über ihm aus. Hinter dem Dorf zeigten sich Felder, Wiesen, auf denen kleine wilde Apfelbäume und winzige Himbeeren wuchsen. Irgendwo in der Weite zeigte sich ein bunter Fleck eines Lagerfeuers, Timur ging in diese Richtung. Sich dem Lagerfeuer nähernd, sah er Kazbek. Dieser saß in eine Decke gewickelt und seine Kleidung und die Schuhe trockneten am Lagerfeuer, ausgebreitet auf den Steinen.
„Ich bin in den See gesprungen, wollte eine Ente fangen,“ sagte Kazbek, Timur zunickend, „und dort ist es tief. Das Wasser stieg nach den Regengüssen. Nun wärme ich mich. Willst du was trinken?“ Und damit reichte er Timur die Flasche. Timur schnappte sie sich und nahm ein paar gierige Schlücke. Der Wodka brannte, er war kühl und gleichzeitig feurig heiß – in Timurs Brust brannte es und in den Augen zeigten sich Tränen. „Hier, iss was.“ Kazbek nahm den Kessel, der neben ihm stand und reichte diesen Timur. Timur verspürte einen schrecklichen Hunger. Er vergaß alles und warf sich auf die Reste des Entenfleisches. Und Kazbek war bereits satt und aufgewärmt. Er wollte reden, aber Timurs Mund war beschäftigt. „Hast du einen Vater?“ fragte Kazbek. „Iss nur, iss. Trink noch was. Gib mir auch ein Schluck. Ich habe einen Vater aber viele Jungen im Dorf haben keinen. Mein Vater ist ein besonderer Mensch! Vor drei, vier Jahren ging ich zurück um ein paar Fallen für Hasen zu stellen. Die Fallen habe ich von meinem Cousin in der Stadt bekommen. Ziemlich gute Fallen, die Federung war genial! Direkt am nächsten Tag ging ich los um sie zu testen, sie alle waren leer bis auf einen. Und das war kein Hase sondern ein Wolf, stell dir vor!
Nicht ganz ein Wolf, eine Wolfsjunges.Von der Größe wie ein Wolf, nur dürr und dumm. Er ist böse, jault und die Falle, obwohl für einen Hasen aufgestellt, hält ihn fest. Ein großer Wolf hätte sich befreit und dieser kann nicht, hat nicht genug Kraft. Und keine Vernunft. Und dann tat er mir auf einmal leid. Meine Hand will nicht auf ihn schießen. Ich hätte ihn ja befreit aber wie soll ich mich ihm nähern? Er würde mich beißen. Dann ging ich zu meinem Vater. Was? sollen wir noch was trinken? Hast schon getrunken? Gut, dann auf dich! Und dann sagt mein Vater so zu mir – was willst du von mir? Das Leben ist eine Aufgabe. Und jede Aufgabe hat eine Antwort und viele Entscheidungen. Willst du pinkeln, dann pinkel und wie und wo du pinkelst, das hängt von dir ab. Und es ist mit allem so im Leben. Wenn du trinken willst, dann gehst du zu Tante Valja um die Halbliterflasche zu holen. Und wenn du da nichts bekommst, kann man den Nachbar fragen. Wenn der Nachbar dir nichts gibt, dann wende dich an Großvater Jegor. Er hat immer etwas Selbstgebranntes auf Lager. Vielleicht kann es auch sein, dass es kein Schicksal ist zu trinken, dann umgehst du alle und findest nichts. Aber wenn du nicht suchst und zuhause sitzt und wartest, bis man dir eine Flasche und was zu Essen bringt, dann wird nichts funktionieren. Dann handele, sagt er, solange dein Wolf noch am Leben ist. Und ich ging zurück. Wie sieht es aus? Ist noch was übrig? Ich nehme noch einen Schluck und du trink ganz aus, mir reicht es aus. Dann kam ich zu meiner Falle, und der Wolf war weg, nur eine Pfote schaut raus und das Gras ist mit Blut bedeckt. Ich bin zu spät gekommen. Der Wolf wurde letztes Jahr von Schafhirten angeschossen. Alle lachten über den Wolf, wie dieser auf drei Pfoten vor ihnen her lief. Ich kam wirklich zu spät.“ Timur hat schlecht verstanden, worüber Kazbek sprach. Der Wodka vertrieb von seinem Mund den Geruch Alenas, die Hitze im Inneren wurde immer dichter, und vor seinen Augen kamen und gingen nächtliche Bilder, die ihn den ganzen letzten Monat quälten. Er hielt es endlich nicht aus und sprang ungeschickt auf die Füße, die Erde verschwamm, schaukelte, im Mund wurde es bitter aber Timur hielt sich und murmelte: FFF…jibalijeejo…“ Wirst du hier schlafen?“ fragte Kazbek. „Wenn was ist, ich habe hinter dem Baum ein Zelt.“ Aber Timur antwortete nicht, sondern drehte sich um und ging weg. Er musste irgendwo auf dem Feld brechen und davon wurde ihm leichter. Dann wieder in der nähe des Hauses. Die Lippen waren ausgetrocknet, die Zunge schwoll an, fühlte sich fremd und rau an wie Eichenrinde, Timur wollte dieses ausspucken, er versuchte es, aber es klappte nicht, er hatte nicht einmal Spucke. Er kam zum Brunnen neben dem Haus trank gierig das eiskalte, süße Wasser und bekam Schüttelfrost. Timur wäre liebend gerne in das Bett geklettert, hatte aber Angst nach Hause zu kehren. Die Großmutter schlief fest, und wachte früh auf. Auf dem Hof umher gehend, schaute er in die Besenkammer auf die Instrumente, nahm die Laterne und sich umschauend und versuchend keine Geräusche zu verursachen, ging er in den Stall. Dort war es dunkel. Timur machte die Laterne an, kletterte zu den Ziegen, legte sich in der Ecke hin und schlief sofort ein. In seinem unruhigen Traum erschien Alena. Sie stand wieder vor ihm, die Arme und Beine ausbreitend, und lachte, den Kopf in den Nacken legend, dann näherte sie sich ihm, beugte sich über ihn und fing an hin und her zu schaukeln, sodass ihre rosa Nippel sein Gesicht kitzelten. Timur versuchte sie mit dem Mund einzufangen, schaffte es aber nicht und war deswegen immer mehr verärgert und wachte schließlich auf. Im Licht der Laterne sah er die neben ihm stehende Vasiliska. Diese beugte ihren Kopf und stupste ihre Nase in sein Gesicht. Timur stand auf, hängte die Laterne auf den Nagel und kehrte zurück zu Vailiska. Diese hob ihre seltsamen blauen Augen und leise, so als ob sie nicht stören wollte, mähte. Timur streichelte ihren Kopf und setzte sich neben sie. Vaseliska, als ob sie spüren würde, warum sie hier ist, machte ein paar kleine Schritte nach vorne und stand, ohne sich zu bewegen, als ob sie verstehen würde, dass es so sein soll. Timur bekam wieder Schüttelfrost, aber diesmal nicht von der Kälte. Er streckte die Hand aus und streichelte Vasiliskas Becken. Dann führte er die Hand weiter nach unten, hob ihren Schwanz und sah etwas dunkles und seltsames, die Finger glitten in die Dunkelheit und fühlten feuchte, warme Haut, wie die eines Menschen. Und Timur spürte unten, als ob Alena ihn mit ihrer warmen, festen Hand dort berührte, wie damals am Lagerfeuer. Er stand auf und machte den Gürtel auf. Die Bauchseiten Vaseliskasbewegten sich schnell und sie mähte wieder leise. Die Sorgen Vasiliskas spürend, wachte Rodinka auf und nach ihr die anderen Ziegen. Ton’ka erschrocken, mähtelaut, so wie nur sie es konnte und von diesem lauten Geräusch, wurde Timur richtig wach. Der Schüttelfrost verschwand, die Spannung ebenfalls, nur der Kopf tat mehr weh. Draußen bellten die nächtlichen Hunde, der Wind wehte und die Menschen in ihren Häusern wurden wach.. Timur beeilte sich die Hose zu zu machen, und in diesem Augenblick ging die Tür auf und auf ihrer Schwelle stand die Großmutter. Timur erblickend, achte sie, erstarrte für einen Moment, schloss schweigend die Tür, machte sie direkt wieder auf und schrie: „ Ach du Hooligan, was hast du dir da ausgedacht, du Gewissenloser. Ich werde es deinem Vater erzählen. Timur begab sich zur Tür, beugte sich um an der Großmutter vorbei zu gehen, aber diese schnappte ihn am Nacken, verzog das Gesicht und rief: „Du bist doch besoffen, Nervensäge!“ Und dann warf sie ihre feste Hand direkt auf seine Stirn und fügte sorgenvoll hinzu: „Du hast Fieber, ab mit dir nach Hause.“ Timur hatte keine Kraft mehr, die Knie zitterten, er wollte los heulen, aber die Tränen kamen nicht, er konnte sie gerade runter schlucken und ihm wurde vor der Großmutter übel. Im Stall mähten die Ziegen und beschwerten sich über die Störung. Im Zwinger wachte Atos auf und machte ein seltsames Geräusch, bellend oder gähnend. Die Großmutter machte die Tür zu, schnappte sich Timur und schleppte ihn mit nach draußen. Timur wurde sehr krank. Fast eine ganze Woche verbrachte er im Bett, er wachte nur auf, um Gemüsebrühe und Medizin einzunehmen, und dann fiel er in unruhige Träume.
Und nach einer Woche kam ihn der Vater abholen. Sie fuhren am Abend weg, am Morgen musste der Vater zur Arbeit. Timur nahm auf dem Rücksitz Platz, halb sitzend, halb liegend, war er eingewickelt in Großmutters Kamelhaardecke. Sie schwiegen den ganzen Weg, nicht wissend, was sie sich erzählen sollten und erst als sie sich der Stadt näherten, verringerte der Vater die Geschwindigkeit und sagte: „Schau mal, sie essen es auf“ Timur blickte aus dem Fenster und sah eine Herde Hunde. Sich gegenseitig verscheuchend, aßen die Hunde das Innere eines grauen Pferdes, das neben der Straße lag.
Anuška will essen
Seitdem die Eltern nach dem Frühlingsregen an Schüttelfost gestorben waren, blieben Radž und die kleine Anuška ganz alleine. Irgendwo in Trivandrum lebten noch Verwandte, aber bis dorthin müsste man den Bus nehmen und Radž kannte die genaue Adresse nicht. Zuerst fand Radž eine Arbeit auf der Baustelle, aber nachdem seine Hand im Betonrührer eingeklemmt wurde, trockneten die Finger ein und wurden ganz unbiegsam, so konnte er die schwerem Säcke voller Zement nicht mehr tragen und auch keine Gruben mehr graben. Wer braucht einen solchen Arbeiter? Radž versuchte eine Stelle im Restaurant oder einem Gasthaus zu bekommen, aber dort musste man gut Englisch sprechen, besser als er es sprechen konnte, dazu verschreckte seine Hand die Besucher.
Radž verfluchte das Schiksal, schämte sich seiner Hand und betete zu den Göttern, die über eine große Anzahl von Händen verfügten, außerdem freundete er sich mit dem Karma an und betete zu diesen Gottheiten, damit ihm diese, eine ihrer Hände für ihn opferten. Endlich fand Radž eine Stelle und zwar zum Zeitung austragen. Jeden Tag bekam er eine Tasche voller Zeitungen in verschiedenen Sprachen und mit dieser Tasche ging er den Strand entlang, ging zu ausländischen Touristen und mit einem schüchternen Lächeln, schob er ihnen die Zeitung unter die Nase, in der Hoffnung , das wenigstens eine davon ihre Aufmerksamkeit bekommt. Außerdem lernte er es, die Namen der Zeitungen zur rufen: „Times! Fox News! Le Monde! Izvestija! Er versuchte an den Gesichtern zu erkennen, wer Interesse hat. Die Arbeit war angenehm, aber die Bezahlung war schlecht. Es reichte nur für das Essen für ihn und Anuška und für irgend welche Kleidung. Zum Glück hatten sie noch das Eltern-Haus in den Slums, sodass sie nicht unter freiem Himmel schlafen mussten. Am Strand, wo Radž den Tag verbrachte, sich bemühend , mehr Zeitungen zu verkaufen , machte er die Bekanntschaft mit Babu, einem Drogendealer. Dieser dealte mit Haschisch, konnte aber alles besorgen, wenn es notwendig war. Bubu wurde mit diesem Zeug von irgend welchen Kriminellen beliefert, von denen zu erzählen, selbst Babu nicht wagte. Radž hatte Angst vor der Polizei, und wunderte sich über den Mut Babus. Dazu konnte sich Babu sehr schön kleiden, trug seine langen Locken offen und genoss die Aufmerksamkeit der weißen Touristinnen. Im Allgemeinen gefielen sie Babu nicht, obwohl sie alle jung waren, waren sie dick, grau und alt. Manchmal überredete Babu Radž neben den Zeitungen auch Drogen zu verkaufen. „Das ist doch einfach,“ versicherte er. „Du schreist einfach vom Weiten „Times“ und näherst dich den Besuchern an, dann flüsterst du „Haschisch“, und das war’s, und dann ist es einfach, entweder sie kaufen oder sie kaufen es nicht. Radž lächelte als Antwort auf die Bitten, war aber nicht einverstanden. Und abends, wenn er müde und sonnenverbrannt, nach Hause zurück kehrte, Reis und Milch brachte, machte seine kleine Schwester Anuška das Feuer und bereitete ihm das Abendessen vor. Anuška wurde gerade dann krank, als die Touristensaison auf das Ende zuging. Radž gab ihr heiße Milch zu trinken, danach lag sie die ganzen Nacht schweißgebadet, rief irgendetwas unverständliches und schlief erst am Morgen ein, dann als Radž bereits zum Strand gehen sollte, um Zeitungen zu verkaufen. Auf dem Weg besuchte Radž ein Kloster, betete zu Ganeša und hinterließ eine handvoll Reis und eine Blume. Der Tag verlief nicht besonders erfolgreich. Abgesehen davon, dass er fast einschlief nach der schlaflosen Nacht, begann es noch an zu regnen, die Wellen hoben sich und es gab kaum noch Touristen am Strand. Als er nach Hause zurück kehrte, sah er dass es Anuška noch schlechter ging. Ihre Augen waren eingefallen und sie konnte kaum sprechen. Er gab ihr wieder Milch zu trinken, aber den Reis rührte sie nicht an. Radž saß die ganze Nacht neben ihrem Bett, hatte Angst, dass Anuška stirbt und dachte darüber nach, dass die Milch alle war, und dass er kein Geld mehr hatte. Am nächsten Morgen ging er wieder zum Strand und schlich bis zum Mittag auf dem Sand in völliger Einsamkeit, zwischen den lauten Wellen und den nassen Steinen. Am Rande des Ufers traf er Babu. Dieser saß auf einem Stein, seine langen Locken wehten im Wind. Unter dem weißen Hemd sah man ein sonnen-gebräunten, muskulären Torso. Es sah so aus, als ob er nur deswegen hier saß, um die Aufmerksamkeit der vorbei gehenden deutschen und englischen Frauen auf sich zu ziehen. Babu rauchte einen Joint. Radž setzte sich neben ihn. Babu reichte ihn den Joint, aber Radž lehnte ab und atmete auf. „ Anuška ist schon den zweiten Tag krank und wir haben kein Geld, „sagte er, „kannst du uns was borgen?“ „Ich habe kein Geld, Bruder,“ sagte Babu, „aber ich habe sehr guten Haschisch. Fünf tausend für fünf Gramm. Alles ist gut verpackt, das Ganze muss in einem Stück verkauft werden, verstanden? Für eine offene Verpackung bist du verantwortlich, so sind die Richtlinien. Vier Tausend gibst du mir und ein Tausend darfst du behalten.“ „Weißt du, ich kann das nicht,“ sagte Radž. „Ach quatsch, was kannst du nicht?“ ärgerte sich Babu. „Brauchst du Geld oder nicht?“ Sitzt hier und vertreibst mir die Frauen.“ „Es sind doch keine Frauen hier,“ sagte Radž. Babu stand auf und ging weg. „Babu!“ rief Radž. Babu entfernte sich immer weiter weg. „Babu!“ rief Radž noch lauter und folgte ihm. „Babu, bleib stehen, ich bin einverstanden.“ Radž wickelte den Haschisch in seinen Hosenaufschlag. Am Strand waren keine Menschen, aber er versprach Babu bis zum Abend entweder das Geld oder die Ware zurück zu geben. Radž dachte nach und beschloss zwischen den Gasthäusern zu schlendern, welche etwas weiter vom Stand weg standen. Auf dem Weg schaffte er es, eine Zeitung zu verkaufen und zwar einem älteren Pärchen aus Deutschland, die unter den Palmen entlang spazierten, dann fasste er Mut und flüsterte das Wort „Haschisch,“ doch diese verstanden nicht oder wollten es nicht verstehen. Manchmal ging er an Restaurants vorbei und hütete sich davor, rein zu gehen, ebenfalls ohne besondere Ergebnisse. Die seltenen Touristen, die an ihm vorbei gingen schmunzelten entweder über sein Flüstern oder sie hielten sich von ihm fern, denn sie dachten er sei ein Bettler. Bis zum Abend hatte er keinen Erfolg. Es fing bereits an zu dämmern als Radž zum Strand zurück kehrte um Babu zu suchen. Um schneller an zu kommen ging er gerade aus, vorbei am Hotel und am Territorium vorbei, wo die kleinen Bungalow-Häuser standen. Vor einem dieser Häuser, auf der Veranda saßen zwei Kerle. Radž beschloss noch einmal das Schicksal heraus zu fordern und näherte sich ihnen, blinzelte sie an und tat so, als ob er einen guten Zug genommen hätte. Die Kerle schauten ihn traurig an und der dünne und glatzköpfige fragte: „Womit handelst du?“ Radž konnte den eigenen Ohren nicht trauen. Im Inneren jauchzte er, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen und sagte: „Haschisch. Sehr hochwertig,“ sagte er sich beeilend.“ „Wie viel?“ fragte der andere Kerl, der dunkelhäutige und nicht rasierte. „Fünf Gramm – fünf tausend,“ sagte Radž, so wie Babu es ihm beigebracht hat. „Zuerst wollen wir ihn probieren,“ sagte der erste Kerl. Radž fing an sich Sorgen zu machen. Hierfür hat er keine Anleitung bekommen. „Das ist sehr guter Haschisch,“ sagte er in Eile, „Der aller aller beste.“ „Woher weißt du das?“ bewegte der Dunkelhäutige die Schultern. „Wir müssen ihn erst probieren. Wenn er gut ist, nehmen wir ihn.“ Radž zögerte und begann einer neue Taktik auszuprobieren. „Herr,“ sagte er, „Ich bin nur der Verkäufer. Schauen Sie.“ Er nahm das Päckchen aus dem Hosenaufschlag. „Die Ware ist verpackt, mein Arbeitgeber erlaubt es mir nicht die Ware auszupacken. Wenn Sie diese probieren und nicht kaufen, werde ich dafür zahlen. Und auf mich wartet zuhause meine kranke Schwester und wir haben gar kein Geld. „Wir verstehen es,“ sagte der Glatzkopf, „aber versteh uns auch. Was ist wenn du uns Dreck unterjubeln willst. Wir brauchen keinen Dreck. Wir wollen Haschisch von guter Qualität kaufen, verstehst du?“ Oh! Dieser ist von sehr guter Qualität!“ rief Radž. „Nein, du hast nicht verstanden,“ sagte der Glatzkopf, „Bevor wir was kaufen, wollten wir es probieren. Wenn du uns nicht probieren lässt, kannst du dir andere Käufer suchen.“ „Okay,“ nickte Radž zerknirscht und stieg hoch auf die Veranda. Er brach ein gutes Stück mir seiner gesunden Hand ab und beschloss nichts zu riskieren. Er wünschte sich, dass die Droge Wirkung zeigte, dass die beiden Kerle nicht daran zweifelten, dass der Haschisch eine wirklich gute Qualität hatte. Den Rest legte er auf das Geländer, sodass die beiden es sehen konnten und sich davon verführen ließen. Der dunkelhäutige Kerl brachte eine Pfeife, schon durchgeraucht, mit Wänden die dicht mit Harz bedeckt waren. Der Glatzkopf bröselte in der Zeit den Haschisch auf. Radž rauchte nicht, er wollte, dass die Kunden was davon hatten. Es wurde immer dunkler. Die Kerle rauchten leise und in dieser dämmernden Stille sprach Radž heimlich Dankbarkeit vor Ganesha aus für diese Chance und bat diesen wieder um Geld für den heutigen Abend. Sein ruhiges Gebet wurde durch einen ruhigen Schlag unterbrochen – das war der Glatzkopf, welcher aus der Pfeife abaschte und auf das Geländer schlug. „Geht so,“ sagte der Dunkelhäutige und hustete. „Ja, etwas schwach,“ betonte der Glatzköpfige und drehte sich zu Radž um, „hast du nichts anderes da? Vielleicht Zapfen?“ „Nein, nein. Nein,“ rief Radž und traute seinen Ohren nicht, „das ist sehr, sehr guter Haschisch, ihr versteht nicht! Raucht noch mehr!“ „Warum hast du selbst nicht geraucht?“ schmunzelte der Glatzköpfige, „du weißt wahrscheinlich selbst, dass es Dreck ist. So etwas wollen wir nicht kaufen.“ „Aber ich habe doch schon die Verpackung aufgemacht!“ rief Radž. „Ich habe doch erklärt…ihr dürft das nicht machen! Ihr müsst ihn kaufen, sonst stirbt meine Anuška!“ „Ok, ok, nur hör auf zu weinen,“ sagte der Dunkelhäutige. „Ich gebe dir dafür Zweitausend, ok?“ „Nein,“ rief Radž erschrocken, „dieser kostet fünf tausend, wie könnt ihr das nicht verstehen…“ „Schau selber,“ sagte der Dunkelhäutige und betrat das Haus. Radž warf sich dem Glatzkopf zu Füßen: „ihr müsst, müsst mir das bezahlen,“ murmelte er vor sich hin. „Du hast gehört, was mein Freund gesagt hat?“ fragte der Glatzkopf. „Das ist schlechter Haschisch, schwach, und du hast uns guten, starken versprochen. Du hast uns angelogen.“ „Bitte, bitte…“ bettelte Radž. „Gut, ich gebe dir für diesen Dreck nicht zwei, sondern drei Tausend und das ist mein letztes Wort. Wenn du nicht magst, kannst du es zurück haben.“ Radž blieb stehen. Plötzlich verstand er, dass er angelogen wurde. Diese knallharte Wahrheit leuchtete in seinem Kopf. Drei Tausend anstatt fünf. Das hieß, er verdiente sich nicht was dazu, sondern schuldete Babu ein ganzes Tausend. Radž fing an zu weinen. Der Glatzkopf stand auf und sagte: „Warte hier.“ Nach einer Minute kamen die Kerle zusammen raus. Der Glatzkopf zählte drei Tausend ab, legte diese auf das Geländer und nahm den übrigen Haschisch. Radž stand auf und wackelte etwas. Seine Augen blinzelten in der Dunkelheit mit einem irren, wütendem Glanz. Er nahm das Geld, atmete schwer. Dann blickte er auf die ruhigen Gesichter der Kerle, schrie auf vor Kraftlosigkeit und lief in die Dunkelheit.
Radž lief auf gut Glück, ohne auf den Weg zu achten. Zweige streiften sein Gesicht, der aufkommende Wind trieb ihm Sand in die Augen, doch er lief und lief und fasste mit der gesunden Hand die gefalteten, feuchten Scheine. Endlich kam er zum Strand, steckte das Geld ein und lief am Ufer entlang, im Takt der Wellen aufschreiend. Die Sonne war im Nebel verschwunden, irgendwo hinter dem Ozean und nur das Wasser glänzte trübe und beleuchtete schwach das Ufer. In dieser Dämmerung erblickte Radž Babu, der mit dem Rücken zu ihm auf dem gleichen Stein saß, wie am Tag. Die dunklen Locken wehten im Wind. Ohne stehen zu bleiben, lief Radž zu ihm, schrie auf und haute ihm auf den Nacken. Babu ächzte auf und fiel auf den Sand, dabei verlor er ein kleines Täschchen, und daraus fielen Dollarscheine. Radž begab sich zu ihm und erstarrte bestürzt als er bemerkte, dass es nicht Babu war, sondern irgend eine unbekannte Frau, eine Ausländerin. Diese versuchte aufzustehen, doch Radž kam zu sich und drückte sie auf die Erde. Die Frau schrie und wand sich unter ihm, daraufhin schob Radž seine kranke Hand in ihren Mund, um ihre Schreie zu dämpfen, mit der anderen Hand griff er nach einem Stein und schlug sie mehrmals auf den Kopf. Die Frau verstummte. Radž ließ sie los und begann die Dollarscheine bei sich einzustecken. Der Sand raschelte am festen Papier und die Wellen neigten sich rhythmisch zum Ufer und in diesen Geräuschen der Wellen hörte Radž Musik erklingen und begann mit zu summen. Zu Beginn war es nur ein Motiv, aber auf diesen legten sich leicht die Wörter. „Anuška, Anuška,“sang Radž vor sich hin und steckte die Dollarscheine unter das Hemd, „oh wie viel Liebe bringe ich dir entgegen! Wie viel Liebe trage ich in mir…“ Er sang dieses Lied und lief das Ufer entlang und erst als er sich vom Meer entfernte, sich in den Büschen versteckte vor den Mopeds und Autos, erst als das Rauschen der Wellen nicht mehr zu hören war, und erst als er sich seinem Haus näherte, hörte Radž auf zu singen. Er betrat das dunkle Haus und begann nach der Kerze zu suchen. „Hast du Milch gebracht?“ fragte aus der Dunkelheit Anuška. Radž lächelte und zündete die Kerze an. Die blasse Anuška lag auf dem Bett. Ihre eingefallenen Augen schienen schwarz zu sein. „Ich habe etwas anderes gebracht,“ sagte Radž rätselhaft, „Schau!“ Er öffnete sein Hemd und zusammen mit dem Sand fielen auf den Boden die zerknüllten Scheine. „Nun kaufe ich sehr viel Milch!“ Und Fleisch, und Hähnchen, und Fisch!! sagte Radž, verschluckte sich, setzte sich neben Anuška und streichelte ihren Kopf. „Ich kaufe dir neue Saris! Ja einen schönen, gelben Sari! Und mir Turnschuhe und einen Sonnenhut, vielleicht sogar ein Moped! Siehst du? Schau wie viel Geld wir haben!“ „Ich habe Hunger…“ bat sie, doch dieser reichte ihr das Geld und lächelte glücklich,
Höl auf
Sie bewegt die Knie.Oh, ich bin aufmerksam, mir entgeht nichts. Ja, sie bewegt die Knie, verschließt sich nicht, nein im Gegenteil, sie bewegt sie auf eine begehrenswerte Art und Weise. Mit ihren unauffälligen Bewegungen presst sie die Oberschenkel aneinander, reibt Haut an Haut, macht eine Bewegung, als ob sie das eine über das andere Bein legen wollte, streckt die Fußspitzen aus, als ob dort im Bein-Bereich etwas jucken würde und mit diesen lockeren, aber beharrlichen Bewegungen den Juckreiz bändigen und beruhigen würde. „Es reicht,“ sage ich leise, „hör auf.“ Die Augen blicken mich nicht an, sie sieht und hört mich nicht. „Hör auf,“ wiederhole ich lauter. Sie kehrt langsam zurück, schaut durch die Reste des Nebels, und ihre Augen werden klar, rein, und sie selbst ist so naiv und klein. „Walte Papa,“ sagt sie. Sie heißt Nina, ist erst fünf Jahre alt und kann manche Laute immer noch nicht aussprechen. Wir fahren mit dem Bus. Auf meinem Schoß liegt ein gelber Rucksack voll mit Bildern und Farben in Tuben. Wir haben beschlossen Nina nicht im Kindergarten anzumelden, dafür bringen wir sie drei Mal die Woche zu den Kursen für die Förderung künstlerischen Potentials bei Kindern. Es klingt besonders, doch ist es bloß Musik, Malerei und Lesen. Nadja bringt sie dorthin und ich hole sie nach der Arbeit ab. Nadja ist meine Frau. Wir steigen die Treppe hoch in unsere Wohnung. Ich halte Nina an der Hand und sie geht viel langsamer als ich, ist ungeschickt aber bemüht bei jeder Stufe. Ich mache die Tür mit meinem Schlüssel auf. Es riecht nach etwas gebratenem – das heißt Nadja muss schon zu hause sein. Ninka läuft in ihr Zimmer. „Wascht eure Hände!“ schreit Nadja aus der Küche. Ich wasche mir nicht die Hände und ziehe mich auch nicht um sondern gehe direkt zur Frau. „Sie hat es wieder gemacht,“ sage ich und setze mich auf den Rand des Hockers. Nadja mischt das Fleisch in dem Kessel und schweigt. „Sie ist doch erst fünf,“ sage ich, „gibt es denn so etwas? Vielleicht sollten wir doch zum Arzt gehen?“ „Zu welchem Arzt willst du sie bringen?“ Nadja erstarrt über dem Kessel und schaut mich an. „Zum Psychiater?“ Ninka betritt die Küche. Sie hat sich die Hände gewaschen.
Sie schreit: „Mama blät Fleisch.“ Wir lächeln erzwungen aber Nina kann man nicht anlügen. Sie versteht alles und verstummt. Ich gehe mich umziehen. Nadja folgt mir. „Rede mit ihr,“ flüstere ich.
„Wie soll ich es ihr sagen?“ fragt sie nervös. „Nein, das kann ich nicht, mach du das.“
„Ich habe es schon versucht und ihr seid beide Frauen, ihr werdet einander besser verstehen,“ bestehe ich drauf. „Ich weiß es nicht,“ atmet Nadja auf, „Ich weiß es nicht.“
Nadja brät das Fleisch besser als alle. Besonders Rind. Bei mir wird es immer hart und trocken und Nadja gelingt es das Fleisch so zu zubereiten, dass es von außen mit einer dünnen, knusprigen Kruste belegt ist, und von innen saftig und weich mit dem Aroma von Kümmel und Rosmarin. Nina und ich vergessen dann alles, verdrücken alles und bitten um Nachschlag. „Das reicht,“ lacht Nadja, aber gibt uns immer mehr. Wenn die Bäuche voll sind, gehen wir fernsehen. Jetzt sind es Ninas Trickfilme. Ninka schaut aufmerksam, konzentriert, ohne sich abzulenken, ihr Gesichtsausdruck ändert sich. Sie kann entweder anfangen zu lachen oder sehr böse zu werden. Aber meistens lacht sie über die Trickfilme. Wir sitzen neben einander und schauen nicht mehr auf den Bildschirm, sondern auf Nina. Diese lacht, lehnt sich an der Sofalehne an und dehnt vor Aufregung ihre Fußspitzen. In ihrer Hand hält sie einen Affen – ein Geschenk ihrer Großmutter, Der Affe hat große Plüschohren und einen langen Kringelschwanz. Mit unauffälligen Bewegungen reibt sich Nina an dm Affen, rutscht auf dem Sofa hin und her, stöhnt wie ein Hund aber wendet den Blick nicht vom Fernseher ab. Ihr Atem beschleunigte sich, aber sie atmet ruhig und tief. Irgendetwas passiert dort im Trickfilm, das lässt Ninka erzittern, sie schaut auf den Bildschirm, wird plötzlich ruhig und entspannt sich endlich, streckt sich und gähnt…“
„Ninka,“ sage ich – was ist los? Warum machst du das?“ „Was mache ich, Papa? Fragte sie erstaunt. Ich werde böse und erröte. Wie soll man es ihr erklären? „Nur so!“ und ich hebe die Augen und beginne zu stöhnen. Nina lacht. Sie denkt, dass ich mit ihr spiele. Aber ich finde es gar nicht lustig. „Gut,“ sage ich, „wir reden später noch einmal.“ Und so geht es jedes Mal. Es hat keinen Sinn, sie selbst merkt es nicht. Am Morgen suche ich Internet-Foren durch nach einem Psychiater, ohne es Nadja zu verraten. Einer hat besonders gute Kritiken, Psychologe und Neuropathologe, und seine Praxis ist nicht weit von unserem Haus. Ich fahre selbst zu ihm und möchte für den Anfang nur ein Beratungsgespräch. Er ist ein älterer Herr mit weichen Händen. Er ist weich und korpulent. Ich bin nervös, da das Gespräch um meine Tochter geht. Er hört aufmerksam zu, unterbricht mich nicht.
„Kinder haben so etwas manchmal, „ sagt er endlich. „Nicht oft, aber es kommt vor. Das wird von alleine weg gehen, machen sie sich keine Sorgen. Schauen Sie mich an. Ja, genau so. Folgen Sie meinem Finger. Gut, danke. Sind Sie sicher, dass anderen Menschen so etwas auch auffällt…so ein Verhalten Ihrer Tochter? Ja, strecken Sie die Arme vor sich aus, bitte. Zittern sie morgens? Gut. Es geht hier nicht nur um Nina. Ich habe den Eindruck, dass Sie sich erholen müssen. Fahren Sie ans Meer, oder in die Berge. Mit der ganzen Familie. Zeigen Sie ihre Zunge…“
Ich strecke die Zunge raus und denke – ja Urlaub! Er hat recht! Genau das wollte ich nur gab ich es nicht zu. Beschwingt fliege ich nach hause. „Nadja! Nina! Wir fahren ans Meer!“ rufe ich. Ninka lässt sich vom Enthusiasmus anstecken und läuft hinter mit her. „Hulla! Meel!“ schreit sie. Sogar , Nadja, unser Gestell der familiären Skeptik, unsere ironische und manchmal herablassende Nadja, ist erfüllt von guter Laune.
Und nun fahren wir. Ich habe ein Zimmer in einem Kurort reserviert, für eine Woche. Natürlich sind es nur wir, die diese Pfütze Meer nennen. Es ist ja nur ein Wasserspeicher. Das Wasser hier ist süß, der Sand ist angenehm, die Sonne ist heiß und das Wasser nicht tief, sodass man keine Angst um Ninka haben muss. Gerade ist Hochsaison, es gibt viele Gäste und sie alle sind so glücklich – der eine mit einem Bier, der andere mit Mineralwasser. Wir haben eine Wassermelone. Ich schneide diese auf und sie platzt. Das Innere ist rosa, umgeben von weißen Zuckerkristallen. Ninka schnappt sich das größte Stück und beißt genüsslich in die Mitte. „Verschlucke dich nicht,“ lacht Nadja. Sie ist auch zufrieden. Wir essen die Wassermelone fast ganz auf. Kaum zu glauben, dass die ganze Melone in uns rein passte. Die Schale tun wir in eine Tüte. Ninka geht baden. Nadja und ich beobachten sie vom Ufer aus. Sie schreit und plantscht. „Gut, dass wir gefahren sind,“ sagt Nadja zu mir und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Du bist klasse.“ Ich lächele. Die Hitze und die Wassermelone verursachen Müdigkeit. Nadja steht auf. „Ich gehe in das Zimmer,“ sagt sie, „Ich habe die Sonnenmilch vergessen.“ Ich nicke müde. Nadja nimmt die Tüte und nickt mir zu, so nach dem Motte, ich schmeiße es auf dem Weg weg. Als Ninka merkt, dass die Mutter sich zum gehen bereit macht, kommt sie aus dem Wasser raus. „Wohin ist Mama gegangen?“ schreit sie und läuft mir entgegen. „Sie kommt gleich zurück,“ antworte ich und rücke den Liegesessel zu ihr. „Leg dich hin, ruhe dich so lange aus!“ Ninka klettert auf den Liegesessel, trocknet sich mit dem Handtuch
ab, legt sich dann auf den Rücken und atmet genüsslich auf. Wie klein sie doch ist! Nimmt nicht einmal die Hälfte des Sessels ein. Ich lege mich auch hin, strecke mich, mir geht es gut! Ich wackele mit den Zehen, schüttele den Sand ab. Über mir hängt ein Sonnenschirm. Ich würde gerne in den Himmel gucken, auf die Wolken, aber ich habe helle Haut und verbrenne mich leicht in der Sonne, deswegen verstecke ich mich immer im Schatten. Irgend ein Gedanke kreist in meinem Kopf, ich versuche ihn ständig am Schwanz zu packen, ihn zu fangen, aber ich schaffe es nicht rechtzeitig, der Gedanke entschlüpft mir immer und je länger ich versuche ihn zu fangen, desto mehr vergesse ich alles… Ich wachte plötzlich auf. Ich weiß gar nicht mehr, was mich geweckt hat. Ich stand auf schaute mich um und sah, dass Nadja immer noch nicht zurück gekehrt ist, das heißt, dass ich nicht all zu lange geschlafen habe. Nina liegt neben mir, ausgebreitet auf dem Liegesessel. Ganz wie ein Welpe, der von einer Jagd träumt, sie gibt Laute von sich und von Zeit zu Zeit erzittert sie. „Nina,“ rief ich sie. Ich hatte den Eindruck, dass sie sie ihre Augen halb öffnete. „Ninočka“ rief ich lauter. Nina stöhnte und streckte sich, drehte sich auf die eine Seite, dann auf die andere, dann auf den Rücken und schließlich begann sie schnell und mit Unterbrechungen zu atmen. Ich begann mir Sorgen zu machen. Ich rüttelte sie an den Schultern, klopfte ihr leicht auf die Wange, doch sie merkte nichts. Drumherum spielen Kinder im Sand, hüpfen zwischen den Wellen, Kinder ganz wie Kinder, doch Nina liegt, atmet schwer, schluchzt, stöhnt, die Augen halb offen, sie liegt zusammen gekrümmt da, als ob jeden Moment etwas aus ihr ausbrechen würde, aber tut es nicht, sondern bleibt im Inneren. Die Menschen blickten uns an, weil Nina immer lauter stöhnt. Alle starren sie auf uns uns auf mich, irgendwie unangenehm. „Hört auf zu glotzen!“ schreie ich alle an. „Das ist hier kein Zirkus. Denkt ihr, ich weiß nicht worüber ihr nachdenkt? Es geht euch nichts an, verstanden? Und hoffentlich wird Gott…hoffentlich.“ Ich sehe wie jemand die Augen senkt, jemand vorsichtig sich von seinem Platz entfernt und die, die weit entfernt sind, starren, trinke Bier, nehmen ihre Mobiltelefone heraus und filmen uns damit. Ich werfe in ihre Richtung Mineralflaschen. Sie verstummen, strengen sich an, aber daneben. Aber was zum Teufel…ich erreiche sie nicht.
„Und du Opa, was glotzt du so?“ Die Menschen setzten sich auf weiter entfernte Liegen und bemühen sich, nicht in meine Richtung zu gucken, nur der eine Opa ist neugierig, „Ich starre nicht, ich interessiere mich, verstehen Sie, ich bin Arzt.“ „Ich scheiße drauf!“ schreie ich, nähere mich ihm und stehe nun zwischen ihm und Ninka. Er sitzt und scheint zu lächeln, mir ist jedoch nicht nach Lachen zumute. „Das ist meine Tochter, verstehst du? Sie braucht keinen Arzt,“ „Verstehe verstehe,“ und er geht immer noch nicht weg, sondern streckt seinen Hals, als ob ich ihm den Anblick verwehren würde, Er hat fahle, durchsichtige Augen. Und einen solch unangenehmen, vulgären Blick. Wenn er noch einmal Ninka anstarrt, haue ich ihm eine rein, ganz sicher, meine Hände sind schon am zittern, das ist ein Zeichen. „Hat sie so etwas öfters?“ fragt er plötzlich. Hier halte ich es nicht mehr aus und haue ihm mit meinem Knie auf die Zähne. Der Alte fällt hin und deckt mit den Händen sein Gesicht zu. Er ist wahrscheinlich am bluten, Ich packe ihn an den Haaren, aber schlage ihn nicht, sondern schreie, schreie einfach in sein Gesicht, Das sind keine Worte, sondern irgend ein wilder, heiserer Ruf. Das Gesicht des Alten nimmt vor Schrecken eine andere Farbe an. Ich atme kurz auf und schreie wieder, so als ob ich ihn taub machen und sein Leben aushauchen würde. Der Alte wird schwach in meinen Händen und ich spüre wie sich etwas schmerzhaft in mein Oberschenkel bohrt. Ich drehe mich um und sehe Ninka. Sie hat kleine aber scharfe Fäuste. Sie bleibt stehen und schaut mich an. „Es reicht, Papa,“ sagt sie leise, „höl auf.“ Und sie hat große, große Augen.
Ich lasse den Alten los und Ninka nimmt meine Hand. Wir gehen in Richtung Hotel und schaufeln mit unseren Sandalen den Sand. Meine Hände sind welk, und die Beine schwer, wie betäubt. Aus dem Gebäude, dem wir uns nähern, geht eine Frau heraus, eine schöne Frau in einem schwarzen, glänzenden Badeanzug. Braun gebrannt, beweglich wie ein Panter. Die Männer drehen sich nach ihr um, aber sie schaut in unsere Richtung. Sie schaut und lächelt, Ich lächele zurück und davon wird mir wohl zu Mute als ob man mich vernetzt hätte. Und mit jedem Schritt drücke ich Ninkas Hand immer fester.
Führen Sie Chander aus
„Ich weiß, wo man Haschisch kaufen kann,“ sagte der Zigeunerjunge, „und wenn du magst, kannst du mich bumsen.“ Artjem wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er befand sich auf der Suche nach Haschisch in dieser indischen Kleinstadt schon den dritten Tag. Am Ufer gab es viele Verkäufer, aber hier auf dem Festland gab es niemanden. „Ist es weit zu gehen?“ „Für Haschisch? In diese Richtung des Flusses, und bumsen kann man direkt hier.“ „Ich werde dich nicht bumsen,“ sagte Artjem gereizt. „Nun gut, lass uns gehen.“ Der Zigeunerjunge rannte los und dreht sich um, um Artjem nicht zu verpassen. Artjem folgte ihm und bemühte sich, sich den Weg einzuprägen, aber diese Gassen ähnelten einander so sehr, sodass er sich verirrte und nur spürte, dass der Fluss in seiner Nähe war. Endlich tauchte er er aus dem Wirrwarr auf und sah das Ufer. Hier roch es nach Dünger und nach etwas gutem. Die Frauen falteten ihre Saris und wuschen ihre bunte Wäsche im Fluss- Unweit von ihnen, saß ein alter Mann in der Hocke und verrichtete seine Notdurft. „Wohin geht es weiter?“ fragte Artjem. „Es geht weiter,“ nickte der Zigeunerjunge und zeigte nach vorne, „da lang, über die Brücke.“ Auf der Brücke gingen ein paar Kühe. Sie drängten die Menschen auseinander mit ihren schwarzen Seiten und gingen mit gesenkten Köpfen und gebogenen Hörnern. Die Brücke war schmal, deswegen blieben der Zigeunerjunge und Artjem stehen und warteten, bis die ganze Herde an ihnen vorüber zog. „Wie viel kostet der Haschisch?“ kam Artjem auf die Idee danach zu fragen. „Pst,“ führte der Junge seinen Finger zum Mund und bewegte erschrocken den Kopf. Hinter der Brücke wurden die Slums noch dichter, auf den engen Gassen betrachteten die Menschen Artjem mit Neugierde. Eine Frau, die an ihm vorbei ging, fühlte den Kragen seines Hemdes. Dazu kam, dass es schon zu dämmern anfing, in dem grauen Himmel zeigte sich die frühen Sterne und Artjem begann sich Sorgen zu machen. „Hey,“ schrie er zum Zigeunerjungen, „das reicht, weiter gehe ich nicht.“ Der Zigeunerjunge schaute Artjem an und fing an zu lachen. Er zeigte mit den Gesten, welch langen Weg sie hinter sich haben und, dass nur noch ganz wenig übrig blieb. „Gut, ich warte hier,“ sagte Atjem, „und du, lauf und bring mir den Haschisch hier hin.“ Der Junge wackelte mit dem Kopf und zog Artjem am Ärmel. „Noch fünf Minuten und dann hast du deinen Haschisch, okay?“ So war es auch, es vergingen keine fünf Minuten, die Slums hörten auf und sie betraten ein mit Gras zugewachsenes Feld, welches umgeben war mit morschem Staket. In der Mitte des Feldes brannten Feuer und in ihrem Licht sah man hohen Zelte, Menschen gingen um sie herum. Nun verspürte Artjem Lust, so weit wie möglich von hier zu verschwinden, so schnell wie möglich. Aber irgendwie schämte er sich vor dem Jungen, er schämte sich davor weg zu laufen und seine Feigheit zu zeigen. Als sie sich den Feuern näherten, gab der Zigeunerjunge einen seltsamen Schrei von sich. Von diesem drehte sich in Artjem alles um, sodass ihm übel wurde. Und dann, entweder vor Schreck oder vom kalten Wind begann er zu zittern. Er blieb stehen, vor Angst hin zu fallen und beobachtete, dass die Menschen um die Feuer herum, auch erstarrten. Der Zigeunerjunge schrie irgendwas, in einer Artjem unverständlichen Sprache, Ein korpulenter, bärtiger Mann antwortete ihm. Nach einem kurzen Gespräch drehte er sich zu Artjem und sagte: „Man bringt dir gleich deinen Haschisch, du musst kurz warten.“ Die Menschenmenge löste sich auf und machte den Weg frei für Artjem. Er setzte sich auf einen Stein in der Nähe des Feuers. Die Zigeuner (Artjem hielt sie für Zigeuner) entspannten sich langsam. Sie begannen sich zu unterhalten, zu lachen und ihr Essen über dem Feuer zu zu bereiten. Artem atmete auch auf, diesmal freier und begann sich um zu schauen. Hinter den Zelten erblickte er jetzt erst die weidenden Pferde. Sie bewegten sich kaum, nur ihre Schwänze bewegten sich und verscheuchten die Mücken. Von Zeit zu Zeit hob ein Pferd den Kopf und schnarchte auf. Außer dem Lagerfeuer, neben dem Artjem saß, brannten noch zwei weitere. Bald blickte der Zigeunerjunge auf Artjem und lief weg, kroch in eins der Zelte und blieb dort. Artjem blieb alleine und dachte sich bei all seiner Liebe zu Reisen, liebte er es doch am meisten nach hause zurück zu kehren, zu wissen, dass es einen Platz gibt, der sich nicht fort bewegt. Man kann in die Küche gehen, sich seine Lieblingstasse mit grünem Tee füllen, aus dem Fenster zu schauen und die Birke zu erblicken, die wohl etwas gewachsen ist. Und siehe da – Onkel Bor’ja aus dem ersten Treppenhaus geht mit seiner Bulldogge spazieren und seine Frau, Tante Lida gießt die Blumen im Gewächshaus. Ein Schubser auf die Seite riss Artjem aus den Gedanken. „Bist du etwas eingeschlafen?“ fragte der Bärtige. „Hier nimm.“ Artjem nahm das ihm ausgestreckte Stück Haschisch von der Größe eines großen Zehs. Der Haschisch war hart und fast ganz schwarz, doch je mehr Artjem diesen in seinen Händen drehte, desto weicher, fettiger und aromatischer wurde dieser. „Wie viel schulde ich Ihnen?“ „Fünf Tausend.“ Der Preis war hoch, aber er wollte nicht verhandeln. „Willst du mit uns teilen? Fragte der Zigeunerjunge. „Es ist hier gar nicht so einfach an echten Haschisch zu kommen. „Ja, natürlich,“ beeilte sich Artjem, brach ein Stückchen ab und reichte dieses dem Zigeunerjungen. „Nein, nein, nein,“ lächelte der Junge. „Nicht so. Lass uns gemeinsam rauchen.“ Artjem wünschte sich, so schnell wie möglich zu verschwinden. „Nein, nein, ich belasse es dabei.,“ sagte Artjem, stand auf und wiederholte es nochmal auf Hindi.
„Nachi!“ „Nachi?“ fragte verunsichert der Junge, fing plötzlich an zu lachen, zeigte seine gelben Zähne und stupste Artjem mit dem Finger. „Nachi! Nachi! Hahaha…“ Die Zigeuner beginnen auch an zu lachen. „Komm,.setze dich,“ der Bärtige pickte ihm in den Bauch. Davon wurde Artjem schwindelig und er setzte sich wieder auf den Stein. Der Bärtige nahm den Haschisch aus den Händen Artjems zu sich und begann kleine Stückchen davon abzubrechen. Als der Haufen gewachsen war, nahm er aus der Tasche einen Tabakbeutel aus Papier, schüttete auf den Haufen Haschisch etwas Tabak und rieb die Mischung zwischen seinen Fingern. „Wo ist Chander?“ schrie der Zigeunerjunge. „Führen Sie Chander heraus!“ Artjem bewegte sich nicht, aber nicht aus Angst, sondern als ob er betäubt sei. Wie ein Hypnotisierter wendete er nicht den Blick von den Fingern des Zigeuners, welcher gerade das Röhrchen stopfte, ab und glaubte nicht ganz an die Realität des Geschehnisses. Der Bärtige zog am Rohr und machte ein paar große Atemzüge, davon warf das Gemisch im Rohr Funken, wie ein Lichtspiel einer nächtlichen, fremden Stadt. Er pustete eine ganze Wolke aus und gab das Rohr Artjem. Das Rohr war schwer und heiß. Artjem zog dran und der dichte Rauch breitet sich in der Brust aus. Ohne aus zu atmen, machte Artjem noch einen Zug, behielt den Rauch in sich und ließ ihn erst später raus. Der Zigeuner lächelte freundlich. Artjem gab ihm das Röhrchen, doch dieser wackelte mit dem Kopf und winkte Artjem, dass er diese in die andere Richtung reichen sollte. Artjem drehte sich um und erblickte einen Alten, der neben ihm saß.
Sein ganzes Gesicht war bedeckt von Muttermalen. Der Alte wackelte leise von einer Seite zur nächsten, als ob er etwas summen würde und blickte Artjem von der Seite an. Der Bärtige fragte irgendetwas, was Artjem nicht verstand. Der Alte nickte als Antwort ohne den Blick von Artjem abzuwenden. Der Alte beeilte sich nicht, an dem Röhrchen zu ziehen. Er schloss die Augen und hielt das Röhrchen in seinen trockenen , faltigen Händen, doch der Haschisch verursachte Rauch, dünne Schwaden Rauch stiegen hoch und legten sich auf das Gesicht des Alten wie ein Spinnennetz. Die Zigeuner tummelten sich in der Ferne und beschlossen, nicht näher zu kommen. Arjem blickte sie an und wunderte sich , diese waren so klein, einfach winzig, wie Froschkinder. Man macht einen Tritt und sie springen weg. Artjem stelle sich das vor und lachte los. Das Lachen war heiser und irgendwie hüpfend, wie eine Erbse, die auf einen Stein fällt. Um ihn zu stoppen, machte Artjem den Mund breit auf, aber der Laut hörte nicht auf, im Gegenteil, es schien so, dass nicht nur eine, auch nicht zwei, sondern ein ganzer Sack voll Erbsen auf dem Boden ausgeschüttet wurden.und diese zerstreuten sich darauf und fingen an zu hüpfen. Artjem hob die Augen und verstand plötzlich, dass es keine Erbsen waren, sondern Sterne – sie sind es, die hüpfen und erklingen und aus seinem breit geöffneten Mund flog irgend etwas großes und wichtiges heraus, auf dem Weg zu den Sternen. Jedoch blieben die Sterne nicht stehen, sondern sie funkelten, berührten einander mit ihren scharfen, langen Spitzen, drehten sich, und je schneller Artjem zu ihnen flog, desto weiter und winziger schienen sie zu sein, sich zu einem Haufen zusammen zu sammeln.Dann verschmolzen sie in einen einzigen leuchtenden Feuerkreis, bis Artjem endlich verstand, dass es keine Sterne waren, sondern die leuchtende Spitze des Röhrchens, welche er in seinen trockenen, faltigen Händen hielt.
Der Ankömmling und die Kosmonauten
Es raschelt, raschelt über meinem Kopf und ich habe das Gefühl, dass sich im Laub Mäuse eingenistet haben. Sie haben Angst vor der fröhlichen Katze Murka und hüpfen auf den Blättern, den Zweigen, stellen sich gegenseitig die Beinchen, schlagen Purzelbäume…, dies alles war nur ein plötzlicher Sturm. Dieser schaukelte den Baum wie ein Neugeborenes mit einer Rassel und verschwand. Auf der Straße geht neben mir ein Kosmonaut. Das ist keine Halluzination, hier wimmelt es von Kosmonauten. In seinen Händen hält er einen zerknitterten Blumenstrauß. Man möchte sich einbilden, dass es ein kleines Mädchen, welches erfüllt ist von romantischen Schwärmereien, diese Kamille und Kornblumen gepflückt hat…ja, sie bemühte sich, pflückte, wickelte eine Schleife um den Strauß…aber wem schenken? Natürlich dem Kosmonauten! Nun nein. Ich weiß, woher der Blumenstrauß kommt. Dieser Kosmonaut kreist schon sehr lange auf der Umlaufbahn um die Vera Zarečenskaja herum. Ich weiße es, weil ich selbst hinter dem Haus der Zarečenskih lebe. Und immer wenn ich im Sommer zu Besuch komme, fangen alle einheimischen Kosmonauten mich zu schlagen. Dies geschieht meist abends. Ich schaue aus dem Fenster und sehe vor mir eine Gruppe Kosmonauten. Sie haben keine Raumanzüge an, sind unterschiedlich gekleidet und die Augen ähneln einander. Wahrscheinlich haben sie dort im Kosmos etwas gesehen.. Und vielleicht ist es auch die unersättliche Liebe. Sie schauen mich an. Ich weiß, was sie wollen, deswegen beeile ich mich nicht raus zu gehen. Sollen sie sich ruhig etwas quälen. Endlich ziehe ich mir die Schuhe an, hänge mir eine Jacke über, nicht wegen des Windes sondern wegen der Mücken, und gehe raus. „Bist du etwas Verkas Liebhaber?“ sagt einer zu mir, unsicher und gleichzeitig drohend. „Jungs,“ antworte ich, mein Text ist längst fertig. „Also was ist mit euch, ihr macht den Eindruck, als ob ihr vom Mond runter gefallen wärt. Ihr schaut vom Himmel aus auf die Erde und vor eurer Nase seht ihr niemanden. Ja, Verka und ich sind von zwei unterschiedlichen Planeten, ich bin für sie wie ein Ankömmling – fremd und weit entfernt. Und das ist die Wahrheit. Vera Zarečenskaja würdigt mich keines Blickes. Ich lebe bei ihnen weil ich vor ca. fünf Jahren mit ihrem Vater gearbeitet habe und nun miete ich ein mal im Jahr ein Zimmer bei ihm, als Bekannter, dann wenn ich Urlaub bekomme. Am Anfang ärgerte es mich, dass Vera mir gegenüber gleichgültig war und heute kein Bisschen. Und überhaupt ist sie irgendwie emotionslos. Sie kann den ganzen Tag nur so da sitzen und ihren schwarzen Zopf flechten, in Zeitschriften blättern und Serien im Fernseher schauen. Dafür ist ihr Zopf so lang wie ein Arm, genauer einen Kosmonautenarm, meine Arme sind dünner. Entweder weil es die Natur so wollte bei ihr oder von der örtlichen Strahlung. Ich bemühte mich einmal eine Antwort von Vera zu bekommen, warum nicht ein einziger Kosmonaut für sie in Frage kam. Ich erinnere mich, wie sie lange schwieg, ihren Zopf flocht und dann antwortete: „Welchen Sinn soll es haben?“Und dann schaut sie mich nachdenklich an. Das war alles, was ich erreicht habe. Und nun geht dieser kleine Kosmonaut an mir vorbei mit einem Blumenstrauß. „Ey,“ rufe ich ihm zu, „bleib stehen.“ Er wartet darauf, bis ich mich ihm nähere. „Kommst du gerade von
Zarečenskaja?“ frage ich. Der Kosmonaut hebt neugierig die Augen, blinzelt vor der der anrollenden Erwartung… „Entspann dich,“ sage ich, „Ich brauche deine Verka nicht. Kannst du mir mit einer Zigarette aushelfen?“ „Ich rauche nicht,“ antwortet er. Ja, was dachte ich mir dabei, er ist schließlich Kosmonaut. „Nun denn,“ ich bin enttäuscht. Er entfernt sich und ich bleibe eine Zeit stehen und mache mir um nichts Gedanken. Es gibt eine solche Situation, als ob du über irgend etwas nachsinnst, über irgendetwas und du weißt selber nicht worüber. Das Haus der Zarečenskih ist niedrig, hat eine Etage und ist dafür sehr breit. Veras Zimmer ist nur eine Wand von meiner entfernt. Die Betten stehen so, dass wenn man die Wand entfernen würde, wir beide nebeneinander schliefen. Manchmal, vor dem einschlafen, plagen mich darüber Gedanken. Einmal habe ich sogar an die Wand geklopft, dachte es würde vielleicht jemand antworten. Dann hätten wir unser gemeinsames Geheimnis, unser geheimnisvolles, nächtliches Klopfen, das verbindet. Aber nein, sie antwortete nicht. Veras Vater heißt Vladimir aber ich darf ihn einfach Volodja nennen. Obwohl er ca. dreißig Jahre älter ist als ich. Volodja hat einen Lastwagen. Einen sehr guten, fast neuen. Der Lastwagen ernährt ihn. Es gibt viel Arbeit. Die einen müssen umziehen, für die anderen muss der Müll entfernt werden aber am meisten arbeitet er für die Kerle aus den Expeditionen: Geologen, Hydrologen, Archäologen. Er fährt auch ihr Equipment und arbeitet gleichzeitig als Fahrer. Die Ortschaften der Gegend kennt er sehr gut. Auf einer solchen Expedition lernten wir uns kennen. Volodja ist nicht oft zu hause. Der ganze Haushalt fällt auf Vera. Was ist das schon? Vieh und Vögel haben sie nicht, einen Garten ebenfalls nicht, so – ein paar Apfelbäume auf dem Hof, die man nicht einmal gießen muss, das Klima ist so. Das Essen kocht Vera nur dann wenn der Vater zuhause ist, ansonsten isst sie Joghurts aus dem Laden. Ich bin dran gewöhnt und warte nicht mehr auf das Frühstück, sondern mache mir selbst ein Spiegelei. Und Vera geht manchmal durch das Haus, wischt mit einem deutschen Staubwedel den Staub von den Möbeln und sitzt dann den ganzen Tag bei sich im Zimmer oder im Garten auf der Bank. Sitzt, flechtet sich ihren Zopf und blättert in de Zeitschriften mit den Bildern. Das war’s auch schon. Eines Tages blätterte ich auch in einer Zeitschrift und sagte: „Vera, was findest du nur in diesen Bildern? Das ist doch alles künstlich. Das ist doch alles Silikon, Retuschierung und Computergrafik. Du bist tausend Mal schöner als diese aufgeblasenen Blondinen.“ „Echt?“ fragt sie verwundert und wird rot. Ich sehe, dass ihr das gefällt und noch sehe ich, dass ihre Augen leuchten, die Lippen sich leicht öffnen, sie selbst erstrahlt, als ob sie etwas erzählen wollte und es dann doch nicht macht. Sie schaut mich an, zögert. Und ich bin ganz still geworden, erstarrte um sie nicht zu verschrecken. Und dann sehe ich, dass sie wieder blinzelt, ganz in sich gekehrt ist, die Zeitschrift schnappt und ins Haus läuft. Und ich denke mir, unsere Vera hat tatsächlich Gefühle, Träume, Geheimnisse. Und am nächsten Tag wache ich früh auf und sehe, wie Vera frühstückt. In aller Herrgotts Frühe. Es ist schon fast acht und normalerweise wacht Vera nie früher als elf auf. Besonders wenn der Vater gerade auf Tour ist. „Ist Volodja zurück gekehrt?“ frage ich schlaftrunken. Veras Mund ist voller Joghurt, sie wackelt nur mit dem Kopf, er ist wohl nicht zurück gekehrt. Ich wasche mich und verlasse die Toilette und Verka ist feierlich angezogen. Sie trägt ein Seidenkleid, bis zum Boden. Das Haar ist offen, legt sich auf die Schultern. In den Ohren goldene Ohrringe und die Augen wirken durch die Schminke noch größer. Wahrscheinlich stehe ich da wie ein Balken, sie merkt es und lächelt zufrieden. „Gut, mach’s gut!“ schreit sie mir von der Türschwelle zu, und ich schaffe es nicht einmal sie etwas zu fragen. Den ganzen Tag verbrachte ich mit Rätseln. Ich warte und kann es nicht erwarten, dass Vera kommt. Und ja, sie kommt um sieben Uhr abends. Sie ist betrunken und hält sich gerade so auf den Beinen, die Augen rot und verweint. Die Schminke läuft über ihr Gesicht. So habe ich sie vorher noch nie gesehen. „Vera, was ist mit dir?“ frage ich. Und sie winkte mir zur Antwort nur ab und begab sich in ihr Zimmer. Ich höre wie sie etwas umwarf, einen Stuhl wahrscheinlich, laut das Fenster schloss und den Anschein machte, als ob sie Papier zerreißen würde. Man hört nur – knirsch-knirsch-knirsch. Sie riss lange das Papier und wurde dann ruhig. In der Zeit habe ich zu Abend gegessen, trank einen Schluck für die Nacht und rauchte auf der Vortreppe, draußen ist es
angenehm, ruhig, nur die Frösche quaken in der Ferne und die Mücken kreisen. Doch sie fliegen nicht zu nah an mich heran, sie fürchten sich vor dem Zigarettenrauch. Dann zieht es mich in den Schlaf. Ich warf die Zigarette weg, wusch mich auf dem Hof und ging in mein Zimmer. Ich legte mich aufs Bett, aber irgendwie war mir der ganze Schlaf vergangen. Wie abgeschnitten. Erst eben war ich kurz vorm Einnicken und nun verspüre ich keine Müdigkeit. So liege ich da und denke an Verka. Was ist sie doch für ein Knilch. Lockt schon etliche Jahre die Kosmonauten an und erlaubte es bisher keinem von ihnen, sie zu küssen. Sympathisch ist sie, sympathisch. Wo hat sie sich heute nur so abgefüllt? Ich habe schon früher gesehen, dass sie die Neigung hat, etwas zu trinken, nur ein bisschen. Aber so wie heute habe ich sie noch nicht gesehen. Und das wichtigste ist, dass sie hinter der Wand schläft und ich liege auch in meinem Bett und mache mir Sorgen, mir ist nicht nach Schlafen. Ich habe es schlussendlich nicht mehr ausgehalten und denke mir, vielleicht ist was passiert, denn warum musste sie sich so betrinken? Ich sollte sie ausfragen. Ich stehe auf, gehe zu ihrem Zimmer und klopfe an die Tür. Schweigen. Ich klopfte lauter an die Tür und öffne sie halb.Im Zimmer ist es dunkel, nur von außen dringt Licht herein, schwach und grau. Ich hatte Angst das Licht im Zimmer ein zu schalten, machte es im Flur an und ließ die Tür geöffnet. Ich sehe, dass Vera auf dem Bett liegt, nur in Unterwäsche, die Arme und Hände in unterschiedliche Richtungen ausgebreitet, die Decke – ein Haufen, deckt sie nur halb zu und im Zimmer liegen überall Zeitschriften verstreut. „Vera,“ sage ich leise. Sie schweigt. „Vera!“ rufe ich lauter und gehe zu ihr. Sie antwortet nicht, sondern stöhnt im Schlaf. Ich setze mich neben sie aufs Bett, und sie liegt vor mir in ihrer weißen Unterhose, aus dem BH schaut ein Nippel heraus. Ich streichelte ihren Oberschenkel. Ihre Haut ist glatt warm, gepflegt, Mir wurde so gut zu Mute, dass ich mein Unterhemd und meine Schlafanzughose auszog und mich neben sie legte. Ich schmiegte mich an sie, streichelte ihren Bauch, ihre Schultern.Sie schläft und rührt sich nicht. Ich verstand, dass wenn ich diese Chance verpasse, es mein ganzes Leben bereuen werde, Ich wollte ihren BH ausziehen aber nach einigen Bemühungen, konnte ich diesen nicht öffnen. Hab ihn einfach verschoben und holte ihre Brust raus. Die Unterhose konnte ich ausziehen. „Nun denn, Vera, meine Schönheit, verurteile mich nicht.“ Ich legte mich auf sie und begann mich zu bewegen, Zuerst bemühte ich mich vorsichtig zu sein, etwas zärtlicher und dann bemerke ich, dass Vera lange stöhnt, Grimassen macht im Traum aber nicht aufwacht, das gibt mit Grund weiter zu machen. Und dann legte ich mich neben sie, drückte mich an sie, ein Alkoholatem entströmt ihr aber die Haut riecht trotzdem nach Milch. Ist es denn ein Wunder? Ich liege da und rieche an ihr, habe keine Lust weg zu gehen, aber ich habe Angst ein zu schlafen. „Nun denn,“ sage ich, „Ich muss gehen. Ich stand auf, zog mich an und küsste sie zur Verabschiedung auf den Mund. Dann ging ich in mein Zimmer und begann die Sachen ein zu sammeln. Ich verstehe, dass ich nach dem Geschehenen nicht hier bleiben kann, ich halte es einfach nicht aus. Ich ging mit der Tasche auf den Hof, stand eine Weile da und beobachtete den Mond. Ich atmete schwer die Luft ein und ging in Richtung Haltestelle. Auf dem Weg dahin kam mir ein Gedanke. Nicht weit von hier gibt es einen Club, in dem sich an Wochenenden Kosmonauten vergnügen. Das Level ist zwar nicht städtisch. Einfach so, Tanzen, Wodka. Und es ist zwar schon spät, aber immerhin ist gerade Freitag. Vielleicht treffe ich jemanden. Ich nähere mich dem Club und sehe – da stehen sie, die Eroberer des Kosmos. Und ich denke mir, ich sollte ihnen was Gutes tun, mögen sie sich freuen. Wann sonst haben sie die Gelegenheit, sich vor zu stellen. Sie stehen abseits und murmeln vor sich hin, über irgend welche Kosmonauten-Themen.Ich gehe zu ihnen und spreche sie an. Unsere Verka hat sich betrunken, sie liegt in ihrem Zimmer auf dem Bett, ganz nackt und dicht, zärtlich und bereit. Ich habe es selbst überprüft, sie schläft und wacht nicht auf. Fliegt auf sie Brüder, dies ist ein seltener Fall. Vielleicht habt ihr ein mal im Leben ein solches Glück. Lasst es euch nicht entgehen. Die Tür ist offen, also los! Die Kosmonauten schweigen und schauen nur. Ihre Augen sind leer leer. Ein Vakuum ist in ihren Augen. Es sieht so aus, dass sie langsam verstehen, Ich wiederhole. Sie ist vollkommen besoffen. Nackt. Nutzt die Chance, Jungs. Ihr habt sicher noch zwei Stunden. Nur der Reihe nach, ha-ha. Da haute mir der neben mir stehende Kosmonaut eine rein. Er selbst war ganz klein, aber der Schlag war stark. Meine Nase fing an zu bluten. „Was machst du da?“ sage ich und versuche mit dem Ärmel das Blut abzuwischen. „Jungs, was habt ihr denn? Ich habe doch extra für euch..“ Da fielen sie alle über mich her. Zuerst schlugen sie mich mit den Füßen und dann brachte jemand den Teil eines Spaten und ich verlor das Bewusstsein. Wie viel Zeit vergangen war, bis ich wieder aufwachte, kann ich nicht sagen. Es war ganz dunkel und meine Augen öffneten sich nicht. Ich berührte irgend etwas. Und ich höre, es ist leise drum herum. Es ist niemand hier. Keine Stimmern, keine Schritte. Nur die Bäume rascheln mit ihren Blättern, vorsichtig, als ob sie mir etwas geheimnisvolles zuflüstern würden. Ich breitete mich auf der Erde aus und begann hin zu hören. Wenn die Bäume noch rascheln, dann ist alles beim Alten. Dann leben wir noch eine Weile.
Die Falle
Den ganzen Tag regnete es. Die Tropfen vielen auf das Zinkdach des Bungalows und von ihrem monotonen Klopfen, wollte Ivan immer einschlafen. Er kämpfte nicht gegen diesen Wunsch an, denn draußen gab es so wieso nichts zu tun. An solchen Tagen schlossen alle Restaurants und Geschäfte, der Strand wurde leer, der Ozean wurde stürmisch und nicht gerade begrüßend. Und der Wind riss die Kokosnüsse von den Bäumen, diese fielen mit einem lauten Krach auf den Sand. Ivan wollte im Bett bleiben, doch sein Schlaf war unruhig. Die Wände des Bungalows waren dünn und durch diese drangen Geräusche des regenreichen Dschungels ein. Im Schlaf, durch das Rauschen des Regens hörte Ivan die Bewohner dieses Dschungels. Sie brüllten, stöhnten und lachten. Bis zu ihm drang das Horn-Geschrei eines Elefanten aber am häufigsten seltsame, einem Kinderschrei ähnelnde Rufe. Er wusste bereits von den Einheimischen, dass so Schakale schreien. Auf seine Frage, in wie weit diese gefährlich sind, lachten alle und versicherten, dass Menschen sehr selten von Schakalen angegriffen werden. Das beruhigte Ivan jedoch kaum. Am zweiten Tag des Regens verließ er seine Behausung, machte einen löchernen, alten Regenschirm auf, wickelte die Zigaretten-Schachtel in eine Plastiktüte und ging ins Dorf, mit dem Ziel, Lebensmittel zu kaufen. Einzelne Bungalows, so ähnlich wie der Ivans, lagen zerstreut am Strand. Sie wurden vermietet an solche wie ihm – Vagabunden, Armen und Einsamkeit Suchenden. Das Dorf befand sich tief im Tal, also ob es sich abgrenzen wollte von dem mächtigen, erbarmungslosen Ozean, mit dem Staket eben dieser Bungalows. So als ob es die verschlossenen, unrasierten Touristen, die niemand brauchte, ausstellte, in Form eines rituellen Opfers. Sie hofften, dass im Falle eines Tsunamis der Ozean sie auffrisst und sich danach beruhigt. Ivan kehrte mit seinen Lebensmitteln zurück und sah eine, fast auf der Schwelle des Hauses, langsam kriechende Schnecke. Die Schnecke war gigantisch, von der Größe eines Kopfes. Ivan gab ihr, voller Ekel, einen Tritt, wie mit einem Fußball, aber die Schnecke klebte mit ihrem Körper auf der Erde fest und rührte sich keinen Zentimeter, sie zitterte nur auf und zog sich erschrocken zusammen. Nun ging Ivan nur dann raus, um eine zu rauchen. Essen und Trinken hatte er für die ganze Woche, und Gott sei es gedankt, es gab Elektrizität, so konnte er seinen Wasserkocher benutzen und am Abend eine matte, einsame Lampe anmachen, welche auf einem Draht von der Decke herunter hing. Bei diesem Licht zu lesen, erwies es sich als schwierig, aber es war trotzdem Licht. Mit jedem Tag wurde der Regen stärker. Das Dach des Hauses konnte die Wassermassen kaum halten, die Decke färbten sich dunkel von der Feuchtigkeit und auf einer der Wände liefen dünne Rinnsale, die irgendwo hinter der Fußleiste verschwanden. Die Zigaretten waren fast alle. Ivan bemerkte es und beschloss weniger zu rauchen, aber irgendwie rauchte er doch noch mehr. Er lag auf dem Bett, döste ab und zu, fiel in keinen tiefen Schlaf aber auch in keinen Wachzustand. Und in diesem seltsamen Zustand hatte er das Gefühl, kein Mensch, sondern eine Maus zu sein. Eine graue, kluge Maus, mit einem langen, dünnen Schwanz, welche sich in ihrer gemütlichen Höhle darauf wartend, dass bis die Hausherrin ihren Hausputz beendet hat. Am fünften Tag, als Ivan im Vorhaus stand, unter der Abschirmung, rauchte und den Regen beobachtete, wie dieser den Dreck weg spülte, hörte er ein seltsames Geräusch. Hinter der Tür, im Bungalow fiel etwas auf den Boden. Der Krach war lang und etwas gedehnt, so als ob jemand von der Decke ein Seil geworfen hätte, ein dickes Tau, welcher gegen den Boden schlug, nicht auf einmal, sondern wellenartig wie eine Wurfleine.
Ivan erstarrte und horchte hin. Zu hören war nichts mehr und der Regen rauschte so laut, dass er jedes Geräusch übertönte, „Eine Schlange,“ verstand Ivan und bekam Gänsehaut. Die Zigarette in seinen Fingern war erloschen. Er zündete sie noch einmal an und bemerkte, dass seine Hände zitterten. „Wie kommt denn die Schlange ins Haus?“ fragte er und beruhigte sich selbst. „Und vor allem, was macht sie auf der Decke? Die Tür verschließe ich immer.. Das Fenster ebenso. Vielleicht ist der Putz einfach abgefallen. Solch ein Gedanke schien ihm vernünftig und beruhigte ihn. Er fing sogar an zu lachen mit Erleichterung, fühlte wie die Schlange ihn durchdrang und nicht so schnell verschwand. Ivan rauchte die Zigarette auf, warf den Stummel in eine Pfütze, wollte gerade die Tür aufmachen, aber blieb stehen. Um den Bungalow herum wuchsen nur Palmen. Blätter. Die vom Baum gefallen und Teile von verfaulten Früchten lagen im Überfluss um das Haus herum, doch es gab nicht einen Stock. Diesen konnte er jetzt gut gebrauchen. Er dachte nach, ging in den Regen und hob einen riesigen Stein auf, der in der Nähe lag. Unter dem Stein bewegte sich eine Gruppe Regenwürmer. Ivan erzitterte und warf den Stein auf die Vortreppe. Er drehte ihn mit dem Stein um, um sicher zu gehen, dass keine Würmer auf der Rückseite klebten, hob ihn wieder auf und hielt ihn bequemer fest. In der Ferne jammerten und heulten Schakale. Ivan machte die Tür auf und sprang sofort zur Seite, in Erwartung alles möglichen. Es geschah nichts. Mit dem Stein in der Hand betrat Ivan vorsichtig den Bungalow und machte das matte Licht an. Die Decke war ganz. Wie immer waren auf den Wänden dunkle Flecken, aber der Putz wollte nicht runter fallen. Das erfreute Ivan nicht. Er hielt sich so weit weg wie möglich vom Tisch und vom Bett, dann ging er zum Rucksack und nahm eine Taschenlampe heraus. Warum auch immer, beruhigte er sich. Er machte die Taschenlampe an und versuchte unter das Bett zu leuchten und alle seine Ecken zu erhaschen. Unter dem Bett war nichts. Er leuchtet unter den Tisch, schaute auch unter die Schubladen. Nichts. Nur eine Kellerassel huschte weg unter die Fußleiste. Ivan packte die Schlafdecke am Rand und beschloss diese auf den Boden zu werfen. Er hatte die Bettwäsche schon lange nicht mehr gewechselt, alles war chaotisch, kein Bettgemach, sondern ein Nest, feucht vom Regen und Schweiß. Die Bettdecke riss das Laken und das Kissen mit sich und es wirkte so, als ob irgend etwas aufleuchtete, silbrig funkelte und sich daraufhin versteckte. Ivan schrie auf, zum einen vor Schreck, zum anderen um die Schlange zu erschrecken. Der große Klumpen fiel auf den Boden und zerfiel in mehrere Teile. Aus dem Kissen flogen dünne, weiße Federn, die im Raum kreisten. Ivan sprang zurück, hielt den Stein fest und schaute angestrengt auf die im Zimmer verteilte Wäsche. Das Lämpchen wackelte von dem Durchzug und in diesem hüpfenden Licht sah es so aus, als ob sich das Bettlaken in verschiedene Richtungen bewegte. Ein paar Augenblicke versuchte Ivan das Schattenspiel von der Realität zu unterscheiden, doch dann gaben seine Nerven auf, er gab ein lautes Stöhnen von sich und schmiss den Stein sofort auf die Wäsche. Der Stein landete gut, ohne irgendwelchen Effekt und Ivan kam sich so unbeschützt vor ohne eine Waffe in der Hand. Er dachte nicht lange nach, sprang aus dem Bungalow und machte die Tür hinter sich zu. Das Herz klopfte und er hatte überhaupt keine Lust rein zu gehen. Es dämmerte schon. Ivan ging auf der Vortreppe hin und her und beschloss, dass man es wenigstens eine Nacht aus sitzen sollt. Er fühlte seine Hosentasche, überzeugte sich davon, dass die Zigaretten noch da waren und wanderte durch den Regen und den Dschungel Richtung Dorf. Der Regenschirm blieb im Bungalow, deswegen wurde er sofort nass. Es war warm und irgendwie ekelhaft. Er betrat das Dorf und klopfte an der geschlossenen Tür des Kaffees „Mun Bič.“ Der Eigentümer des Kaffees war ein älterer Koreaner Mun, Ivan kannte ihn etwas. Die Tür wurde lange nicht geöffnet. Ivan klopfte noch mehr, bis in der ersten Etage endlich das Licht eingeschaltet wurde und Mun selbst raus schaute. „Wer ist da?“ schrie er schlaftrunken. „Entschuldigen Sie , Mun,“ schrie Ivan als Antwort. „Ich bin‘ s Ivan, in meinem Haus befindet sich eine Schlange, darf ich bei Ihnen übernachten?“ Mun stand noch ein paar Sekunden so da und wackelte etwas, dann wedelte er mit der Hand und machte die Klappe zu. Nach ein paar Minute öffnete sich die Tür aber Mun stand auf der Türschwelle und versperrte ihm den Weg.ins Haus. „Woher kommt denn die Schlange in deinem Haus?“ fragte Mun finster. „Ich weiß es nicht!“ rief Ivan, wurde auf einmal sehr zerstreut und begann zu erklären. „Ich habe geschlafen, dann ging ich weg, dann fiel sie hinter die Tür, ich kam rein und sie war weg.“ „Wenn die Schlange nicht da ist, wovor hast du dann Angst?“ fragte Mun. „Sie ist dort, dort!“ schrie Ivan und verstand, dass er selbst durcheinander geraten war. „Sie hat sich einfach versteckt, ich kann sie nicht finden.“ „Mein Bruder ist letztes Jahr gestorben,“ sagte Mun. „Er ist nicht da, aber er lebt genau hier,“ er klopfte sich mit Kraft auf die Brust. „Wenn die Schlange nicht mehr da ist, und du hast immer noch Angst, dann bedeutet es, dass die Schlange nicht mehr im Bungalow ist, sondern in deinem Herzen. Wie kann ich in mein Haus einen Menschen lassen, der eine Schlange im Herzen hat?“ Mun starrte auf Ivan in der Erwartung einer Antwort, aber Ivan wusste nicht, was er antworten sollte. „Du hast mich gehört,“ sagte Mun, nickte und machte die Tür zu. Ivan schaute sich zerstreut um. Der Wind hatte sich beruhigt, der Regen wurde leiser, aber darin lag noch mehr Gefahr, denn alles drum herum war wie erstarrt, rollte sich zu einem Knäuel vor dem alles entscheidenden, tödlichen Sprung, Und als ob er nicht dem eigenen Willen gehorchte und sich etwas unabwendbaren
unterwarf, beschloss Ivan, zum Strand zurück zu kehren. Er ging zum Strand und näherte sich dem Rand, wo der Kies zu Ende ging und der Sand begann. Der Ozean rauschte leise, so wie die Elektrizität in den Leitungen rauscht. Das Wasser im Ozean war dicht, so als ob sie mit einer fettigen Haut überzogen wäre. Irgendeine Stille breitete sich aus und Ivan hatte das Gefühl, in der Mitte eines riesigen Heißluftballons zu stehen. Dieser war so stark aufgeblasen, dass wenn nur bei einem weiteren Einatmen, bei jeder weiteren unvorsichtigen Bewegung, der Ballon platzen würde.
Er bemühte sich dieses Gleichgewicht nicht zu stören, setzte sich langsam auf die Knie, legte sich dann auf den feuchten Sand und schloss die Augen. Der Ozean leckte seine Fersen und nach einem Augenblick, in einer fröhlichen Stimmung, atmete er tief ein, und bedeckte Ivan mit seiner Welle.



