Ilja Odegov „Die Ankömmlinge“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Timur und sein Sommer.

Er wurde zwölf. Vor ein paar Tagen backte die Mutter einen Kuchen, auf dem perlenartig „Timur-12 Jahre“ mit Beeren ausgelegt war. „Schon so erwachsen!“ achten die Tanten, am Tisch auf seine Gesundheit anstoßend. Er ist dieses Jahr wirklich gewachsen, wuchs ganz in die Höhe, wurde jedoch noch dünner. „Timuryč,“ sprach sein Vater „Du bist doch ein Mann, nimm dir Salate, achte auf die jungen Damen.“ Timur lachte. „Was sind das für Damen, diese Tanten?“ Aber, dass Vater ihn Mann genannt hat, das war angenehm. Denn in der Familie, außer dem Vater, sind nur Frauen. Die Mutter hat Schwestern, der Vater auch.Und Timur selbst hat eine jüngere Schwester. „Und diesen Sommer,“ sagte der Vater, auf Timur das Wodkaglas hebend, „schicken wir Timur zu Oma. In seinem Alter habe ich den Sommer immer nur im Dorf verbracht.“ „Pf, du hast auch die Winter dort verbracht,“ zischte die Mutter. „Du hast dort bis zum Ende der Schulzeit gelebt.“ „Ja und?“ sagte der Vater direkt, „Im Sommer hätte ich weg fahren können, habe es aber nicht gemacht. Tima, wie ist es bei dir? Bist du froh?“ Timur verstand nicht, ob er froh war oder nicht. Er hatte etwas Angst, den Sommer ohne die Eltern zu verbringen und wusste nicht was er vom Leben im Dorf zu erwarten hatte. Er war beunruhigt. „Natürlich bin ich froh,“ sagte er. „ Sehen Sie,“ schrie der Vater so laut, dass er etwas Wodka verschüttete. „Nun gut, lasst uns auf Timka anstoßen!“ Früher sind sie immer mit dem Auto ins Dorf gefahren, aber diesmal hatte der Vater keine Zeit, und er fügte hinzu: „Soll er sich dran gewöhnen, selbstständig zu leben. Wir geben ihm Geld für den Bus und er fährt selbst.“

„Aha,“ schmunzelte die Mutter, „Er ist doch Omas Liebling.“ Oh ja die Oma (Omachen und einfach Omi, wie Timur sie nannte) liebte den Enkel sehnsüchtig. Und weil sie ihre Liebe durch die Menge an Essen ausdrückte, bereitete sie sich auf die Ankunft des Enkels schon im Voraus vor. Sie räucherte Fleisch, legte Kohl ein, machte Pelmeni und Vareniki mit Pilzen. Die Oma hatte nur wenig Hauswirtschaft, dafür war diese aber sehr gepflegt: Einen  Garten mit akkuraten Beeten von Gurken und Zucchinis, sechs Apfelbäume, zwei Kirschbäume,  dichte Himbeerbüsche und dazu noch eine Kuh, Ziegen und zehn Hühner. Der Vater brachte Timur zur Haltestelle. Sie suchten lange nach dem richtigen Bus zwischen den anderen. Überall herrschte ein Durcheinander. Die Busfahrer versuchten sie zu überreden, mit ihnen in eine andere Richtung zu fahren und in den engen Durchgängen zwischen den Bussen tauchten Menschen mit großen Reisetaschen auf. Sie zu umgehen, war nicht möglich, deswegen musste man umkehren und andere Wege suchen. Endlich fanden sie den richtigen Bus, der Vater klopfte Timur auf die Schulter und sagte: „Ok, weiter  fährst du selbst. Grüß die Oma von mir.“ Timur nickte und stieg in den Bus. Im Bus war es stickig. Das Glas war von einer trüben, dicken Schicht bedeckt. Timur versuchte diese mit dem Vorhang, der am Fenster befestigt war, abzuwischen, ohne Erfolg. Der Bus fuhr los und mit ihm verschwamm die düstere, verwaschene Welt hinter dem Fenster. Viele Passagiere schliefen ein, aber Timur war nicht nach Schlafen. Zuerst bohrte er leicht im Vordersitz, hob und senkte die Lehne, trat das  unter dem Sitz angebrachte Netz und unwissend womit er sich beschäftigen solle, begann er aus dem Fenster zu schauen, um wenigstens etwas in dem an ihm vorbei schwimmenden Nebel zu erkennen. Der Bus fuhr und fuhr an gleichen Maisfeldern vorbei, die hinter den Pappeln auftauchten. Nur einmal änderte sich die Landschaft. Die Pappeln gaben den Platz frei für kleine Büsche und durch das trübe Glas sah Timur weidende, graue und braune Pferde. Diese hoben den Kopf, um den vorbeifahrenden Bus anzusehen. Timur hatte das Gefühl, dass sie ihn anschauen und winkte ihnen zu. Seine Großmutter wartete an der Bushaltestelle auf ihn. Gegen den Widerstand des Enkels, nahm sie seine Tasche und sie gingen den staubigen, abendlichen Dorfweg entlang. Auf den Rändern wuchs dichtes, hohes Gras, aus dem  mit seinen  Blüten  hier und da, Löwenzahl herausschaute. Und Wegerich wuchs hier, mit seinen großen Händen schaukelnd. Endlich sah man das rosa Dach, das des Hauses der Großmutter. Die Oma rasselte mit den Schlüssel,öffnete das Tor, und sie gingen auf den Hof. Von dem Quietschen des Tors wachte in seiner Bude der alte Hund Atos auf, Omas Rüde wie der Vater ihn nannte. Die Art von Atos war nicht zu bestimmen aber am meisten erinnerte er an einen Schäferhund, nur sein Schwanz kringelte sich und die Ohren hingen halb runder. Irgendwann hatte er Angst vor ihm, denn Atos konnte laut bellen aber beißen tat er nie, konnte vor Freude mit der Nase stupsen. Im Käfig hielt die Großmutter ihn nur deswegen, weil sie Angst hatte, dass er ihre Tomatenpflanzen und Paprika beschädigen könnte. Die Oma schickte Timur in die Sauna, damit er sich von der Reise waschen konnte, um selbst in Eile den Tisch zu decken. Ein Badezimmer hatte die Großmutter nicht, das Klo, ein kleines Häuschen, befand sich draußen. Und sich waschen konnte man in der Sauna, wo ein riesiger Bäuler, ein Geschenk vom Vater, hing. Timur nahm aus der Tasche ein Handtuch und eine Seife heraus und ging hinaus auf den Hof. Die Sonne ging schon unter und seine Strahlen beleuchteten die auf den Zweigen hängenden Äpfel und Kirschen, die an jemandes Beine in schweren runden Schuhen erinnerten. Das Grundstück der Großmutter trennte ein dünnes Netz von den Nachbarn. Aus dem Rohr der Nachbarsauna stieg ein dichter, aromatischer Rauch und von Innen hörte man Stimmen und Lachen. Plötzlich ging die Tür der Sauna auf und nach draußen, im Nebel, lief eine junge nackte Frau heraus. Sie lief heraus, schnappte sich den auf dem Boden stehende Eimer und schüttete sich das Wasser über den Körper. Timur, der neben dem Netz stand, schien als ob auch er einige Spritzer abbekam. Sie ließ den Eimer fallen, rieb sie sich mit den Händen die Schultern, nahm die Haare aus dem Gesicht und erblickte jetzt erst den versteinerten Timur. „Och, du Igel,“ sagte sie verlegen und versuchte sich zu bedecken, überlegte es sich aber anders und rief: „Jetzt hast du mich gesehen, dann darfst du auch gucken!“ und sie spreizte ihre Beine auf, wackelte mit ihren Händen, wie ein Stern, der im abendlichen, rosa Licht leuchtete, begann zu lachen, neigte den Kopf zur Seite und hüpfte zurück in die Sauna. Timur stand noch einen Augenblick, ging dann in Omas Sauna und begann sich zu waschen, sich einzuseifen, sein Gesicht und seinen Rücken ein zu reiben, sich im Geräusch des Wassers, an das Gesehene nicht zu erinnern aber das half nicht und vor seinen Augen war etwas weißes und glattes und rosarotes.

Endlich schaute die Großmutter in die Sauna: „Hat man es dir in  der Stadt beigebracht, dich so zu waschen?“ murmelte sie, und wischte den mit  Schaum und Wasser bedeckten Boden. „Ich warte schon die ganze Zeit, die Suppe ist schon kalt geworden. Hast mir die ganze Sauna überflutet. Schau nur was für ein Waschbär! Konntest du dir nicht die Hände und das Gesicht waschen. Eine Sache von zwei Minuten. Und du wäschst dich hier bis du ganz sauber bist, schau nur hin.“ Sie redete und redete, aber Timur hörte sie nicht, er schien von einem Nebel umgeben zu sein, ohne Gedanken und Gefühle. Und essen tat er genau so, den Kopf senkend, still, Und nachdem er gegessen hatte, ging er in sein Zimmer, wo seine Oma das Bett für ihn vorbereitet hat und dort drehte er sich, rieb sich an dem Sofarücken,  quälte sich, was ihm ein unbewusstes Vergnügen bereitete. Und selbst als der Traum ihn schwer und trübe erreichte, fuhr er damit fort sich zu drehen und zu ächzen in der Dunkelheit des Zimmers, seltsame, ungewohnte  Träume sehend. Am Morgen wurde Timur leichter zu Mute. Er wachte von der Kälte auf. Der Ofen, der das Haus mit Wärme versorgte, war nun aus und die Sonne schien mit einem kalten und trüben Rand im Horizont. Erzitternd  zog sich Timur an und ging auf den Hof. Das Tor zum Stall war offen und Timur schaute rein. „Timur ist wach!“ sprach  seine Großmutter, „Wir werden gleich frühstücken,“

Die Großmutter säuberte die Pferche. Vier weiße, saubere Ziegen standen in der Ecke und mähten leise, rieben sich aneinander. „Wie heißen sie?“ fragte Timur. „Wer? Die Ziegen?“ fragte die Großmutter ebenfalls. „Sie haben keine Namen, das sind doch Ziegen und nicht Pferde oder Kühe, Sie haben keine Namen.“ „Aber sie sind doch so unterschiedlich,“ sagte Timur und kam näher.  Diese hat einen Fleck auf der Schnauze, und die da hat große Ohren. Schau wie sie in alle Richtungen abstehen. Und diese hat eine sehr dünne Stimme, so schrill, hörst du?“ Timur begann die vierte  zu observieren, um einen weiteren Unterschied zu bestimmen aber diese hob den Kopf und Timur stand still. Die Ziege hatte blaue Augen und solch einen menschlichen, aufmerksamen, alles verstehenden Blick, dass man das Gefühl hatte, noch eine Sekunde und sie fängt an zu sprechen „Omachen,“sagte verwundert Timur, „sie sind doch wie Menschen. Sie können nicht ohne Namen. Darf ich ihnen einen Namen geben?“ „Mach das ruhig, Enkelchen, mach das,“ war die Oma einverstanden. „Nur zuerst werden wir frühstücken, laduschiki?“ Namen für die Ziegen dachte sich Timur schnell aus. Die Großmutter war mit den Namen einverstanden und zeigte Timur, wie man sich um die Ziegen kümmert, wohin man sie  zum Weiden führen könnte und gab die ganze Verantwortung für sie ab. Von  nun an kam Timur jeden Abend in die Pferche, brachte alles in Ordnung und brachte die Ziegen hinter das Dorf auf das Feld, wo er sich sonnte und sich im Schatten des wilden Apfelbaums versteckte. Er kaute Omas Piroggen mit dem Kohl, den Tee aus der Thermoskanne trinkend und achtete darauf, dass die Ziegen nicht weg laufen.   Manchmal, wenn er sich nach etwas sehnte, versuchte er sich abzulenken, in dem er die Filzknäuel im dichten, lockigen Fell der Ziegen entwirrte und die Dornen abschnitt., Besonders aufmerksam kämmte er Vasiliska, seine Lieblingsziege. Die Tage vergingen. Timur verließ das Haus in der Frühe, kam spät wieder zurück und schaute immer in die Richtung der Nachbarsauna, aber es gab niemanden zu sehen.   Nur im Traum begegnete  er einem  komischen Gefühl von der Nähe etwas Unsichtbaren.

Eine Woche musste vergehen, bis er der Großmutter die Frage stellen konnte. Es war Sonntag und  die Großmutter hatte Bliny gebraten. „Omachen,“ fragte Timur, „Wer lebt bei uns in der Nachbarschaft?“ „Das ist doch das Haus von Oma Galja, sie hat dich in der Kindheit mit Erdbeeren gefüttert. Solche Erdbeeren wie sie sie hat, hat hier keiner, du beißt nur rein – echter Zucker und im Inneren leuchtet es, wie Schnee. Erinnerst du dich? Oma Galja ist zur Zeit im Krankenhaus. Gott sei gnädig, dass sie wieder gesund wird. Und zur Zeit kümmert sich ihre Tochter um den Hof, wie heißt sie nochmal? Lenka oder Alenka? Nur was ist das für eine Ordnung. Das ganze Grundstück ist voller Unkraut. Lenka kommt immer nur für ein paar Tage, mal alleine, mal mit Freunden, sie machen Schaschlik, sind so laut, das das ganze Dorf sie hört, das Unkraut ist denen egal. Warum isst du nicht die Blinys? Iss so lange du kannst, oder magst du sie nicht?“

„Doch sehr,“ versicherte ihr Timur. Die Blinys mochte er aber der Name Lenka nicht so sehr.                                                                                                                                                        

Die halbe Klasse waren Lenkas, alle doof. Und Alenka – das klang viel schönes. Mit einem scharfen, aufklappbaren Taschenmesser, der aus der Stadt gebracht wurde, schnitzte er diesen Namen auf der glatten Rinde eines Apfelbaums, unter welchem er sich vor der Sonne versteckte und die Ziegen beobachtete. Die Tage wurden immer wärmer. Die erste Bräune Timurs war verschwunden, die zweite blieb noch erhalten. In einem ärmellosen Pullover, aus dem seine dünnen, sonnen gebräunten Arme und Hals raus schauten, unterschied er sich in nichts von den Dorfjungen, mit denen er sich bereits angefreundet hat. Im Unterschied zu seinen Stadtfreunden, waren die Jungs hier seriöser und irgendwie erwachsener. Sie spielten nicht Musketiere, waren nie dreist und wenn sie kämpften dann nicht aus Freude, sondern für die Sache. Sie alle waren beschäftigt mit Arbeit, mit der Hauswirtschaft, achteten auf das Vieh, das Haus, arbeiteten auf dem Feld – wo blieb dann die Zeit zum Spielen? Und ihre Leidenschaft war auch die der Erwachsenen: Jagd und Angeln. Die Dorfautorität war ein Kerl mit dem Namen Kazbek.

Am Abend versammelten sich die Jungs auf dem Feld, machten Lagerfeuer, brieten auf Spießen Steinhühner, tranken Tee und erzählten sich Geschichten über Mädchen, über die älteren  Brüder, über die Wald – und Steppengeister und die die nichts zu erzählen hatten, hörten zu. Timur lernte es auch das Pferd zu zügeln, Fisch zu fangen, weit zu spucken. Eines Tages als er vom Feld zurück kehrte und die Ziegen in den Stall trieb, hörte er wie sich dem Nachbarhaus ein Auto näherte. Er schloss nicht einmal das Tor zum Stall, lief  nach draußen und sah einen breiten, silbernen Jeep. Aus dem Jeep stiegen einige Menschen aus. Die Kerle, laut miteinander redend, begannen aus dem Kofferraum Taschen voller Geschirr einzusammeln und die Mädchen, eine von ihnen die ihm bekannte Alena, in einem leichten, flattrigen Mantel, unter dem Timur, das früher Gesehene erahnte, liefen in das Haus. „Vergiss nicht das Bier! Im Salon!“ – schrie Alena, drehte sich um bevor sie in das Haus zurück kehrte und bemerkte Timur. Sie lächelte und wackelte mit der Hand wie einem Bekannten und verschwand  hinter der Tür. Nachts konnte Timur nicht einschlafen. Die Nachbarn machten ein Picknick, zuerst tönte laut Musik, dann wurde die Musik ausgeschaltet und irgend ein Kerl begann Gitarre zu spielen. Alle sangen dazu, die Lieder waren bekannt und sie sangen schön. Und zwischen den Liedern stießen sie an, mal schwiegen sie, mal lachten sie laut. Durch das Fenster drangen Gerüche von Schaschlik, Bier und von irgend etwas unbekannten aber angenehmen ein. Sich von Stunde zu Stunde im Bett umdrehend, hielt Timur es nicht mehr aus, zog sich an und kletterte durch das Fenster auf den Hof, um die Großmutter nicht zu wecken. Die Nachbarn waren irgendwo hinter der Sauna spazieren, von Großmutters Hof aus waren sie nicht zu sehen, deswegen, dachte sich Timur auf einen Apfelbaum zu klettern, welcher seine Zweige auf beide Seiten des Zauns ausbreitete. Von hier aus sah man das Lagerfeuer. Direkt davor saß Alena, die mit einem Stab in der Kohle bohrte. Hinter ihr, an einem Baum anlehnend, küssten sich zwei. Sie waren halb von einer Decke bedeckt, aus der nackte Arme und Beine herausschauten. Nach den Klängen zu urteilen, war jemandem übel, dort in der Dunkelheit. Timur konnte es nicht sehen. Ein langhaariger Kerl lag da und so wie es aussah schlief er auf dem Gästebett, welches auf dem Hof stand. Die Gitarre lag direkt auf der Erde neben ihm, zwischen leeren Flaschen. Timur bewegte sich auf dem Zweig und näherte sich an, um Alena besser zu beobachten. Der Baum stöhnte und warf mit einem Laut ein paar Äpfel direkt auf das Dach der Sauna. Alena hob erschrocken den Kopf, begann nach oben zu schauen und schrie dann: „Wer ist da?“ Timur blieb still. Dann nahm Alena aus dem Feuer einen brennenden Ast, näherte sich der Sauna und  kletterte sie auf das Dach die Leiter hoch. Zuerst erschien vor Timur ein Feuer und direkt danach das Gesicht Alenas. Sie erblickte Timur, wunderte  sich nicht, sondern lächelte. „Was machst du hier für Geräusche?“ fragte sie im Flüsterton. Timur wollte etwas antworten, aber fand nicht die richtigen Worte. „Mach den Mund zu,“ lachte Alena, „kletter runter, komm zu uns.“                         

Timur kletterte ungeschickt vom Baum, streckte sich und versuchte  mit den Spitzen der Schuhe in die Öffnungen des Zaunes zu treten und darüber zu klettern, so landete er direkt neben Alena. Sie nahm ihn an der Hand  und führte ihn zum Feuer, das küssende Pärchen war verschwunden, es sah danach aus, dass sie in da Haus verschwunden waren. „Willst du Bier trinken?“ fragte Alena. „Wobei, das ist noch zu früh für dich. „Es ist nicht zu früh,“ murmelte Timur, „ich habe schon getrunken.“

Und das war wirklich die Wahrheit. Der Vater gab ihm mal Wodka zu trinken, als sie im Winter, vom Angeln zurück kehrten und mit dem Auto fest steckten. Mitten in der Steppe. Timur wurde schwindelig und er schlief ein, deswegen erinnerte er sich nicht, wie hinter ihm ein Traktor fuhr. „Ist ja gut, sei nicht beleidigt,“ sagte Alena , „Das Bier ist eh alle, lass uns lieber Tee trinken.“ Sie brachte einen Teekessel mit Wasser und Timur, der sich bereits mit dem Dorfleben auskannte, ordnete die Kohlen zu einem Dreieck, darunter schob er die Holzscheite und positionierte den Kocher darauf. Nachdem er das gemacht hat, fühlte er sich selbstsicherer und fragte: „Gibt es Tee?“ „Natürlich,“  sagte Alena,  „Im Auto, im Handschubfach, bringst du ihn mir?“Tmiur nickte und ging zum Auto.  Der Jeep war klasse, mit Ledersitzen und einem Radiorekorder. Er wühlte im Handschubfach, fand die Box mit dem Teebeuteln, murrte vor sich hin, weil er wusste, dass echter Tee nur mit frischen Teeblättern gut ist. Er nahm die Schachtel und ging zurück zum Lagerfeuer. Alena   hat bereits eine Decke ausgebreitet und saß drauf, die Beine ausgestreckt. Sie erblickte Timur und rief ihn zu sich. „Setz dich, der Wasserkocher hat noch nicht gekocht.“ Timur lief rot an und war glücklich, dass es dunkel war. Sich bemühend so unauffällig wie möglich aufzutreten, näherte er sich der Decke, setzte sich aber weit von Alena. Diese lachte und setzte sich neben ihn: „Weißt du noch als du mich neben der Sauna gesehen hast, habe ich dir gefallen?“ Timur wurde noch roter und schwieg. „Was bin ich etwas nicht schön?“ fragte Alena noch einmal. „Schön“ murmelte Timur. „Sicher schön?“  Timur spürte wie sein Herz schnell schlug und  konnte nichts machen. „Wie heißt du?“ fragte Alena. „Timur,“ sagte er. „Schön…so katzenhaft.“ Alena lächelte , rückte näher und  rieb sich mit ihrer Schulter an seiner, „Timurrr. Hattest wohl noch nie ein Mädchen. Willst du mich? Warum schweigst du? Ich überprüfe es gleich…“ Mit einer schnellen Bewegung steckte sie ihre Hand in seine Tasche. Timur kauerte sich vor Scham und Überraschung zusammen, versuchend mit dem Bauch das zu verdecken, was man nicht verdecken konnte aber Alena hat schon alles gefunden und beugte sich direkt zu Timurs Gesicht, mit ihren weißen, scharfen Zähnen lächelnd. Sie roch nach Bier, Rauch, Zwiebeln und Erdbeeren. „Du bist groß, nur noch etwas zu klein. Ich küsse dich jetzt und schicke dich dann zu deiner Mutter.“ Und sie gab ihm einen sanften Kuss direkt auf die Lippen, hüpfte dann hoch, streichelte ihn übers Haar, lachte und lief zurück ins Haus. Der Teekessel zischte, der Deckel klapperte etwas, Spritzer entwichen dem Kessel und lösten sich auf, verwandelten sich in Dampf. Im Dunklen hinter dem Haus war jemandem übel. Timur sammelte sich etwas, sprang auf und lief auf die Straße. Er lief nach Hause bis er mit Schweiß überdeckt wurde. Der Pullover klebte auf der Haut und er zog ihn ungeduldig aus, in den Schritt wechselnd. Der Wind schien ihm kühl zu sein, aber das war angenehm. Das Dorf war zu ende, der Weg wurde von einem düsteren, niedrigen Halbmond beschienen und ein weiter weiter Himmel breitet sich über ihm aus. Hinter dem Dorf zeigten sich Felder, Wiesen, auf denen kleine wilde Apfelbäume und winzige Himbeeren wuchsen. Irgendwo in der Weite zeigte sich ein bunter Fleck eines Lagerfeuers, Timur ging in diese Richtung. Sich dem Lagerfeuer nähernd, sah er Kazbek. Dieser saß in eine Decke gewickelt  und seine Kleidung und die Schuhe trockneten am Lagerfeuer, ausgebreitet auf den Steinen.

„Ich bin in den See gesprungen, wollte eine Ente fangen,“ sagte Kazbek, Timur zunickend, „und dort ist es tief. Das Wasser stieg nach den Regengüssen. Nun wärme ich mich. Willst du was trinken?“  Und damit reichte er Timur die Flasche. Timur schnappte sie sich und nahm ein paar gierige Schlücke. Der Wodka brannte, er war kühl und gleichzeitig feurig heiß – in Timurs Brust brannte es  und in den Augen zeigten sich Tränen. „Hier, iss was.“ Kazbek nahm den Kessel, der neben ihm stand und reichte diesen Timur. Timur verspürte einen schrecklichen Hunger. Er vergaß alles und warf sich auf die Reste des Entenfleisches. Und Kazbek war bereits satt und aufgewärmt. Er wollte reden, aber Timurs Mund war beschäftigt. „Hast du einen Vater?“ fragte Kazbek. „Iss nur, iss. Trink noch was. Gib mir auch ein Schluck. Ich habe einen Vater aber viele Jungen im Dorf haben keinen. Mein Vater ist ein besonderer Mensch! Vor drei, vier Jahren ging ich zurück um ein paar Fallen für Hasen zu stellen. Die Fallen habe ich von meinem Cousin in der Stadt bekommen. Ziemlich gute Fallen, die Federung war genial! Direkt am nächsten Tag ging ich los um sie zu testen, sie alle waren leer bis auf einen. Und das war kein Hase sondern ein Wolf, stell dir vor!

Nicht ganz ein Wolf, eine Wolfsjunges.Von der Größe wie ein Wolf, nur dürr und dumm. Er ist böse, jault und die Falle, obwohl für einen Hasen aufgestellt, hält ihn fest. Ein großer Wolf hätte sich befreit und dieser kann nicht, hat nicht genug Kraft. Und keine Vernunft. Und dann tat er mir auf einmal leid. Meine Hand will nicht auf ihn schießen. Ich hätte ihn ja befreit aber wie soll ich mich ihm nähern? Er würde mich beißen. Dann ging ich zu meinem Vater. Was? sollen wir noch was trinken? Hast schon getrunken? Gut, dann auf dich! Und dann sagt mein Vater so zu mir – was willst du von mir? Das Leben ist eine Aufgabe. Und jede Aufgabe hat eine Antwort und viele Entscheidungen. Willst du pinkeln, dann pinkel und wie und wo du pinkelst, das hängt von dir ab. Und es ist mit allem so im Leben. Wenn du trinken willst, dann gehst du zu Tante Valja um die Halbliterflasche zu holen. Und wenn du da nichts bekommst, kann man den Nachbar fragen. Wenn der Nachbar dir nichts gibt, dann wende dich an Großvater Jegor. Er hat immer etwas Selbstgebranntes auf Lager. Vielleicht kann es auch sein, dass es kein Schicksal ist zu trinken, dann umgehst du alle und findest nichts. Aber wenn du nicht suchst und zuhause sitzt und wartest, bis man dir eine Flasche und was zu Essen bringt, dann wird nichts funktionieren. Dann handele, sagt er, solange dein Wolf noch am Leben ist. Und ich ging zurück. Wie sieht es aus? Ist noch was übrig? Ich nehme noch einen Schluck und du trink ganz aus, mir reicht es aus. Dann kam ich zu meiner Falle, und der Wolf war weg, nur eine Pfote schaut raus und das Gras ist mit Blut bedeckt. Ich bin zu spät gekommen. Der Wolf wurde letztes Jahr von Schafhirten angeschossen. Alle lachten über den Wolf, wie dieser auf drei Pfoten vor ihnen her lief. Ich kam wirklich zu spät.“ Timur hat schlecht verstanden, worüber Kazbek sprach. Der Wodka vertrieb von seinem Mund den Geruch Alenas, die Hitze im Inneren wurde immer dichter, und vor seinen Augen kamen und gingen nächtliche Bilder, die ihn den ganzen letzten Monat quälten. Er hielt es endlich nicht aus und sprang ungeschickt auf die Füße, die Erde verschwamm, schaukelte, im Mund wurde es bitter aber Timur hielt sich und murmelte: FFF…jibalijeejo…“ Wirst du hier schlafen?“ fragte Kazbek. „Wenn was ist, ich habe hinter dem Baum ein Zelt.“ Aber Timur antwortete nicht, sondern drehte sich um und ging weg. Er musste  irgendwo auf dem Feld brechen und davon wurde ihm leichter. Dann wieder in der nähe des Hauses. Die Lippen waren ausgetrocknet, die Zunge schwoll an, fühlte sich fremd und rau an wie Eichenrinde, Timur wollte dieses ausspucken, er versuchte es, aber es klappte nicht, er hatte nicht einmal Spucke. Er kam zum Brunnen neben dem Haus trank gierig das eiskalte, süße Wasser und bekam Schüttelfrost. Timur wäre liebend gerne in das Bett geklettert, hatte aber Angst nach Hause zu kehren. Die Großmutter schlief fest, und wachte früh auf.  Auf dem Hof umher gehend, schaute er in die Besenkammer auf die Instrumente, nahm die Laterne und sich umschauend und versuchend keine Geräusche zu verursachen, ging er in den Stall. Dort war es dunkel. Timur machte die Laterne an, kletterte zu den Ziegen, legte sich in der Ecke hin und schlief sofort ein. In seinem unruhigen Traum erschien Alena. Sie stand wieder vor ihm, die Arme und Beine ausbreitend, und lachte, den Kopf in den Nacken legend, dann näherte sie sich ihm, beugte sich über ihn und fing an hin und her zu schaukeln, sodass ihre rosa Nippel sein Gesicht kitzelten. Timur versuchte sie mit dem Mund einzufangen, schaffte es aber nicht und war deswegen immer mehr verärgert  und wachte schließlich auf. Im Licht der Laterne sah er die neben ihm stehende Vasiliska. Diese beugte ihren Kopf und stupste ihre Nase in sein Gesicht. Timur stand auf, hängte die Laterne auf den Nagel und kehrte zurück zu Vailiska. Diese hob ihre seltsamen blauen Augen und leise, so als ob sie nicht stören wollte, mähte. Timur streichelte ihren Kopf und setzte sich neben sie. Vaseliska, als ob sie spüren würde, warum sie hier ist, machte ein paar kleine Schritte nach vorne und stand, ohne sich zu bewegen, als ob sie verstehen würde, dass es so sein soll. Timur bekam wieder Schüttelfrost, aber diesmal nicht von der Kälte. Er streckte die Hand aus und streichelte Vasiliskas Becken.  Dann führte er die Hand weiter nach unten, hob ihren Schwanz und sah etwas dunkles und seltsames, die Finger glitten in die Dunkelheit und fühlten feuchte, warme Haut, wie die eines Menschen. Und Timur spürte unten, als ob Alena ihn mit ihrer warmen, festen Hand dort berührte, wie damals am Lagerfeuer. Er stand auf und machte den Gürtel auf.  Die Bauchseiten Vaseliskasbewegten sich schnell und sie mähte wieder leiseDie Sorgen Vasiliskas spürend, wachte Rodinka auf und nach ihr die anderen Ziegen.  Ton’ka erschrocken, mähtelaut, so wie nur sie es konnte und von diesem lauten Geräusch, wurde Timur richtig wach. Der Schüttelfrost verschwand, die Spannung ebenfalls, nur der Kopf tat mehr weh. Draußen bellten die nächtlichen Hunde, der Wind wehte und die Menschen in ihren Häusern wurden wach.. Timur beeilte sich die Hose zu  zu machen, und in diesem Augenblick ging die Tür auf und auf ihrer Schwelle stand die Großmutter. Timur erblickend, achte sie, erstarrte für einen Moment, schloss schweigend die Tür, machte sie direkt wieder auf und schrie: „ Ach du Hooligan, was hast du dir da ausgedacht, du Gewissenloser. Ich werde es deinem Vater erzählen. Timur begab sich zur Tür, beugte sich um an der Großmutter vorbei zu gehen, aber diese schnappte ihn am Nacken, verzog das Gesicht und rief: „Du bist doch besoffen, Nervensäge!“  Und dann warf sie ihre feste Hand direkt auf seine Stirn und fügte sorgenvoll hinzu: „Du hast Fieber, ab mit dir nach Hause.“ Timur hatte keine Kraft mehr, die Knie zitterten, er wollte los heulen, aber die Tränen kamen nicht, er konnte sie gerade runter schlucken und ihm wurde vor der Großmutter übel. Im Stall mähten die Ziegen und beschwerten sich über die Störung. Im Zwinger wachte Atos auf und machte ein seltsames Geräusch, bellend oder gähnend. Die Großmutter machte die Tür zu, schnappte sich Timur und schleppte ihn mit nach draußen. Timur wurde sehr krank. Fast eine ganze Woche verbrachte er im Bett, er wachte nur auf, um Gemüsebrühe und Medizin  einzunehmen, und dann fiel er in unruhige Träume.  

Und nach einer Woche kam ihn der Vater abholen. Sie fuhren am Abend weg, am Morgen musste der Vater zur Arbeit. Timur nahm auf dem Rücksitz Platz, halb sitzend, halb liegend, war er eingewickelt in Großmutters Kamelhaardecke. Sie schwiegen den ganzen Weg, nicht wissend, was sie sich erzählen sollten und erst als sie sich der Stadt näherten, verringerte der Vater die Geschwindigkeit und sagte: „Schau mal, sie essen es auf“ Timur blickte aus dem Fenster und sah eine Herde Hunde. Sich gegenseitig verscheuchend, aßen die Hunde das Innere eines grauen Pferdes, das neben der Straße lag.  

Anuška will essen   

Seitdem die Eltern nach  dem Frühlingsregen an Schüttelfost gestorben waren, blieben Radž und die kleine Anuška ganz alleine. Irgendwo in Trivandrum lebten noch Verwandte, aber bis dorthin müsste man den Bus nehmen und  Radž kannte die genaue Adresse nicht. Zuerst fand  Radž eine  Arbeit auf der Baustelle, aber nachdem seine Hand im Betonrührer eingeklemmt wurde, trockneten die Finger ein und wurden ganz unbiegsam, so konnte er die schwerem Säcke voller Zement nicht mehr tragen und auch keine Gruben mehr graben.  Wer braucht einen solchen Arbeiter? Radž versuchte eine Stelle im Restaurant oder einem Gasthaus zu bekommen, aber dort musste man gut Englisch sprechen, besser als er es sprechen konnte, dazu verschreckte seine Hand die Besucher.

Radž verfluchte das Schiksal, schämte sich seiner Hand und betete zu den  Göttern, die über eine große Anzahl von Händen verfügten, außerdem freundete er sich mit dem Karma  an  und betete zu diesen Gottheiten, damit ihm diese, eine ihrer Hände für ihn opferten. Endlich fand  Radž eine Stelle und zwar zum Zeitung austragen. Jeden Tag bekam er eine Tasche voller Zeitungen in verschiedenen Sprachen  und mit dieser Tasche ging er den Strand entlang, ging zu ausländischen Touristen und mit einem schüchternen Lächeln, schob er ihnen die Zeitung unter die Nase, in der Hoffnung , das wenigstens eine davon ihre Aufmerksamkeit bekommt. Außerdem lernte er es, die Namen der Zeitungen zur rufen: „Times! Fox News! Le Monde! Izvestija! Er versuchte  an den Gesichtern zu erkennen, wer Interesse hat. Die Arbeit war angenehm, aber die Bezahlung war schlecht. Es reichte nur für das Essen für ihn und Anuška und für irgend welche Kleidung. Zum Glück hatten sie noch das Eltern-Haus in den Slums, sodass sie nicht unter freiem Himmel schlafen mussten. Am Strand, wo  Radž den Tag verbrachte, sich bemühend , mehr Zeitungen zu verkaufen , machte er die Bekanntschaft mit Babu, einem Drogendealer. Dieser dealte mit Haschisch, konnte aber alles besorgen, wenn es notwendig war. Bubu wurde mit diesem Zeug von irgend welchen Kriminellen beliefert, von denen zu erzählen, selbst Babu nicht wagte. Radž hatte Angst vor der Polizei, und wunderte sich über den Mut Babus. Dazu konnte sich Babu sehr schön kleiden, trug seine langen Locken offen und genoss die Aufmerksamkeit der weißen Touristinnen. Im Allgemeinen gefielen sie Babu nicht, obwohl sie alle jung waren, waren sie dick, grau und alt. Manchmal überredete Babu  Radž neben den Zeitungen auch Drogen zu verkaufen. „Das ist doch einfach,“ versicherte er.  „Du schreist einfach vom Weiten „Times“ und näherst dich den Besuchern an,  dann flüsterst du „Haschisch“, und das war’s, und dann ist es einfach, entweder sie kaufen oder sie kaufen es nicht.  Radž lächelte als Antwort auf die Bitten, war aber nicht einverstanden. Und abends, wenn er müde und sonnenverbrannt, nach Hause zurück kehrte, Reis und Milch brachte, machte seine kleine Schwester Anuška das Feuer und bereitete ihm das Abendessen vor.  Anuška wurde gerade dann krank, als die Touristensaison auf das Ende zuging.  Radž gab ihr heiße Milch zu trinken, danach lag sie die ganzen Nacht schweißgebadet, rief irgendetwas unverständliches und schlief erst am Morgen ein, dann als  Radž bereits zum Strand gehen sollte, um Zeitungen zu verkaufen. Auf dem Weg besuchte Radž ein Kloster, betete zu Ganeša und hinterließ eine handvoll Reis und eine Blume. Der Tag verlief nicht besonders erfolgreich. Abgesehen davon, dass er fast einschlief nach  der schlaflosen Nacht, begann es noch an zu regnen, die Wellen hoben sich und es gab kaum noch Touristen am Strand. Als er nach Hause zurück kehrte, sah er dass es  Anuška  noch schlechter ging. Ihre Augen waren eingefallen und sie konnte kaum sprechen. Er gab ihr wieder Milch zu trinken, aber den Reis rührte sie nicht an. Radž saß die ganze Nacht neben ihrem Bett, hatte Angst, dass  Anuška stirbt und dachte darüber nach, dass die Milch alle war, und dass er kein Geld mehr hatte. Am nächsten Morgen ging er wieder zum Strand und schlich bis zum Mittag auf dem Sand in völliger Einsamkeit, zwischen den lauten Wellen und den nassen Steinen. Am Rande des Ufers traf er Babu. Dieser saß auf einem Stein, seine langen Locken wehten im Wind. Unter dem weißen Hemd sah man ein sonnen-gebräunten, muskulären Torso. Es sah so aus, als ob er nur deswegen hier saß, um die Aufmerksamkeit  der vorbei gehenden deutschen und englischen Frauen auf sich zu ziehen. Babu rauchte einen Joint.  Radž setzte sich neben ihn. Babu reichte ihn den Joint, aber  Radž lehnte ab und atmete auf. „ Anuška ist schon den zweiten Tag krank und wir haben kein Geld, „sagte er, „kannst du uns was borgen?“ „Ich habe kein Geld, Bruder,“ sagte Babu, „aber ich habe sehr guten Haschisch. Fünf tausend für fünf Gramm. Alles ist gut verpackt, das Ganze muss in einem Stück verkauft werden, verstanden? Für eine offene Verpackung bist du verantwortlich, so sind die Richtlinien. Vier Tausend gibst du mir und ein Tausend darfst du behalten.“ „Weißt du, ich kann das nicht,“ sagte  Radž. „Ach quatsch, was kannst du nicht?“ ärgerte sich Babu. „Brauchst du Geld oder nicht?“ Sitzt hier und vertreibst mir die Frauen.“ „Es sind doch keine Frauen hier,“ sagte  Radž. Babu stand auf und ging weg. „Babu!“ rief  Radž. Babu entfernte sich immer weiter weg. „Babu!“ rief  Radž noch lauter und folgte ihm. „Babu, bleib stehen, ich bin einverstanden.“  Radž wickelte den Haschisch in seinen Hosenaufschlag. Am Strand waren keine Menschen, aber er versprach Babu bis zum Abend entweder das Geld oder die Ware zurück zu geben.  Radž dachte nach und beschloss zwischen den Gasthäusern zu schlendern, welche etwas weiter vom Stand weg standen. Auf dem Weg schaffte er es, eine Zeitung zu verkaufen und zwar einem älteren Pärchen aus Deutschland, die unter den Palmen entlang spazierten, dann fasste er Mut und flüsterte das Wort „Haschisch,“ doch diese verstanden nicht oder wollten es nicht verstehen. Manchmal ging er an Restaurants vorbei und hütete sich davor, rein zu gehen, ebenfalls ohne besondere Ergebnisse. Die seltenen Touristen, die an ihm vorbei gingen schmunzelten entweder über sein Flüstern oder sie hielten sich von ihm fern, denn sie dachten er sei ein Bettler. Bis zum Abend hatte er keinen Erfolg. Es fing bereits an zu dämmern als Radž zum Strand zurück kehrte um Babu zu suchen. Um schneller an zu kommen ging er gerade aus, vorbei am Hotel und am Territorium vorbei, wo die kleinen Bungalow-Häuser standen. Vor  einem dieser Häuser, auf der Veranda saßen zwei Kerle.  Radž beschloss noch einmal das Schicksal heraus zu fordern und näherte sich ihnen, blinzelte sie an  und  tat so, als ob er einen guten Zug genommen hätte. Die Kerle schauten ihn traurig an und der dünne und glatzköpfige fragte: „Womit handelst du?“  Radž konnte den eigenen Ohren nicht trauen. Im Inneren jauchzte er, aber er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen und sagte: „Haschisch. Sehr hochwertig,“ sagte er sich beeilend.“ „Wie viel?“ fragte  der andere Kerl, der dunkelhäutige und nicht rasierte. „Fünf Gramm – fünf tausend,“ sagte  Radž, so wie Babu es ihm beigebracht hat. „Zuerst wollen wir ihn probieren,“ sagte der erste Kerl.  Radž fing an sich Sorgen zu machen. Hierfür hat er keine Anleitung bekommen. „Das ist sehr guter Haschisch,“ sagte er in Eile, „Der aller aller beste.“ „Woher weißt du das?“ bewegte der Dunkelhäutige die Schultern. „Wir müssen ihn erst probieren. Wenn er gut ist, nehmen wir ihn.“  Radž zögerte und begann einer neue Taktik auszuprobieren. „Herr,“ sagte er, „Ich bin nur der Verkäufer. Schauen Sie.“ Er nahm das Päckchen aus dem Hosenaufschlag. „Die Ware ist verpackt, mein Arbeitgeber erlaubt es mir nicht die Ware auszupacken. Wenn Sie diese probieren und nicht kaufen, werde ich dafür zahlen. Und auf mich wartet zuhause meine kranke Schwester und wir haben gar kein Geld. „Wir verstehen es,“ sagte der Glatzkopf, „aber versteh uns auch. Was ist wenn du uns Dreck unterjubeln willst. Wir brauchen keinen Dreck. Wir wollen Haschisch von guter Qualität kaufen, verstehst du?“ Oh! Dieser ist von sehr guter Qualität!“ rief  Radž. „Nein, du hast nicht verstanden,“ sagte der Glatzkopf, „Bevor wir was kaufen, wollten wir es probieren. Wenn du uns nicht probieren lässt, kannst du dir andere Käufer suchen.“ „Okay,“  nickte  Radž zerknirscht und stieg hoch auf die Veranda. Er brach ein gutes Stück mir seiner gesunden Hand ab und beschloss nichts zu riskieren. Er wünschte sich, dass die Droge Wirkung zeigte, dass die beiden Kerle nicht daran zweifelten, dass der Haschisch eine wirklich gute Qualität hatte. Den Rest legte er auf das Geländer, sodass die beiden es sehen konnten und sich davon verführen ließen. Der dunkelhäutige Kerl brachte eine Pfeife, schon durchgeraucht, mit Wänden die dicht mit Harz bedeckt waren. Der Glatzkopf bröselte in der Zeit den Haschisch auf. Radž rauchte nicht, er wollte, dass die Kunden was davon hatten. Es wurde immer dunkler. Die Kerle rauchten leise und in dieser dämmernden Stille sprach Radž heimlich Dankbarkeit vor Ganesha aus für diese Chance und bat diesen wieder um Geld für den heutigen Abend. Sein ruhiges Gebet wurde durch einen ruhigen Schlag unterbrochen – das war der Glatzkopf, welcher aus der Pfeife abaschte und auf das Geländer schlug. „Geht so,“ sagte der Dunkelhäutige und hustete. „Ja, etwas schwach,“ betonte der Glatzköpfige und drehte sich zu Radž um, „hast du nichts anderes da? Vielleicht Zapfen?“ „Nein, nein. Nein,“ rief  Radž und traute seinen Ohren nicht, „das ist sehr, sehr guter Haschisch, ihr versteht nicht! Raucht noch mehr!“ „Warum hast du selbst nicht geraucht?“ schmunzelte der Glatzköpfige, „du weißt wahrscheinlich selbst, dass es Dreck ist. So etwas wollen wir nicht kaufen.“ „Aber ich habe doch schon die Verpackung aufgemacht!“ rief  Radž. „Ich habe doch erklärt…ihr dürft das nicht machen! Ihr müsst ihn kaufen, sonst stirbt meine Anuška!“ „Ok, ok, nur hör auf zu weinen,“ sagte der Dunkelhäutige. „Ich gebe dir dafür Zweitausend, ok?“ „Nein,“ rief  Radž erschrocken, „dieser kostet fünf tausend, wie könnt ihr das nicht verstehen…“ „Schau selber,“ sagte der Dunkelhäutige und betrat das Haus.  Radž warf sich dem Glatzkopf zu Füßen: „ihr müsst, müsst mir das bezahlen,“ murmelte er vor sich hin. „Du hast gehört, was mein Freund gesagt hat?“ fragte der Glatzkopf. „Das ist schlechter Haschisch, schwach, und du hast uns guten, starken versprochen. Du hast uns angelogen.“ „Bitte, bitte…“ bettelte  Radž. „Gut, ich gebe dir für diesen Dreck nicht zwei, sondern drei Tausend und das ist mein letztes Wort. Wenn du nicht magst, kannst du es zurück haben.“ Radž blieb stehen. Plötzlich verstand er, dass er angelogen wurde. Diese knallharte Wahrheit leuchtete in seinem Kopf. Drei Tausend anstatt fünf. Das hieß, er verdiente sich nicht was dazu, sondern  schuldete Babu ein ganzes Tausend.  Radž fing an zu weinen. Der Glatzkopf stand auf und sagte: „Warte hier.“ Nach einer Minute kamen die Kerle zusammen raus. Der Glatzkopf zählte drei Tausend ab, legte diese auf das Geländer und nahm den übrigen Haschisch. Radž stand auf und wackelte etwas. Seine Augen blinzelten in der Dunkelheit mit einem irren, wütendem Glanz. Er nahm das Geld, atmete schwer.  Dann blickte er auf die ruhigen Gesichter der Kerle, schrie auf vor Kraftlosigkeit und lief in die Dunkelheit.

Radž lief auf gut Glück, ohne auf den Weg zu achten. Zweige streiften sein Gesicht, der aufkommende Wind trieb ihm Sand in die Augen, doch er lief und lief und fasste mit der gesunden Hand die gefalteten, feuchten Scheine. Endlich kam er zum Strand, steckte das Geld ein und lief am Ufer entlang, im Takt der Wellen aufschreiend. Die Sonne war im Nebel verschwunden, irgendwo hinter dem Ozean und nur das Wasser glänzte trübe und beleuchtete schwach das Ufer. In dieser Dämmerung erblickte Radž Babu, der mit dem Rücken zu ihm auf dem gleichen Stein saß, wie am Tag. Die dunklen Locken wehten im Wind. Ohne stehen zu bleiben, lief  Radž zu ihm, schrie auf und haute ihm auf den Nacken. Babu ächzte auf und fiel auf den Sand, dabei verlor er ein kleines Täschchen, und daraus fielen Dollarscheine.  Radž begab sich zu ihm  und erstarrte bestürzt als er bemerkte, dass es nicht Babu war, sondern irgend eine unbekannte Frau, eine Ausländerin. Diese versuchte aufzustehen, doch  Radž kam zu sich und drückte sie auf die Erde. Die Frau schrie und wand sich unter ihm, daraufhin schob Radž seine kranke Hand in ihren Mund, um ihre Schreie zu dämpfen, mit der anderen Hand griff er nach einem Stein und schlug sie mehrmals auf den Kopf. Die Frau verstummte. Radž ließ sie los und begann die Dollarscheine bei sich einzustecken. Der Sand raschelte am festen Papier und die Wellen neigten sich rhythmisch zum Ufer und in diesen Geräuschen der Wellen hörte  Radž Musik erklingen und begann mit zu summen. Zu Beginn war es nur ein Motiv, aber auf diesen legten sich leicht die Wörter. „Anuška,  Anuška,“sang Radž vor sich hin und steckte die Dollarscheine unter das Hemd, „oh wie viel Liebe bringe ich dir entgegen! Wie viel Liebe trage ich in mir…“ Er sang dieses Lied und lief das Ufer entlang und erst als er sich vom Meer entfernte, sich in den Büschen versteckte vor den Mopeds und Autos, erst als das Rauschen der Wellen nicht mehr zu hören war, und erst als er sich seinem Haus näherte, hörte Radž auf zu singen. Er betrat das dunkle Haus und begann nach der Kerze zu suchen. „Hast du Milch gebracht?“ fragte aus der Dunkelheit Anuška.  Radž lächelte und zündete die Kerze an. Die blasse  Anuška lag auf dem Bett. Ihre eingefallenen Augen schienen schwarz zu sein. „Ich habe etwas anderes gebracht,“ sagte  Radž rätselhaft, „Schau!“ Er öffnete sein Hemd und zusammen mit dem Sand fielen auf den Boden die zerknüllten Scheine. „Nun kaufe ich sehr viel Milch!“ Und Fleisch, und Hähnchen, und Fisch!! sagte Radž, verschluckte sich, setzte sich neben Anuška und streichelte ihren Kopf. „Ich kaufe dir neue Saris! Ja einen schönen, gelben Sari! Und mir Turnschuhe und einen Sonnenhut, vielleicht sogar ein Moped! Siehst du? Schau wie viel Geld wir haben!“ „Ich habe Hunger…“ bat sie, doch dieser reichte ihr das Geld und lächelte glücklich,

Höl auf

Sie bewegt die Knie.Oh, ich bin aufmerksam, mir entgeht nichts. Ja, sie bewegt die Knie,  verschließt sich nicht, nein im Gegenteil, sie bewegt sie auf eine begehrenswerte Art und Weise. Mit ihren unauffälligen Bewegungen presst sie die Oberschenkel aneinander, reibt Haut an Haut, macht eine Bewegung, als ob sie das eine über das andere Bein legen wollte, streckt die Fußspitzen aus, als ob dort im Bein-Bereich etwas jucken würde und mit diesen lockeren, aber beharrlichen Bewegungen den Juckreiz bändigen und beruhigen würde. „Es reicht,“ sage ich leise, „hör auf.“ Die Augen blicken mich nicht an, sie sieht und hört mich nicht. „Hör auf,“ wiederhole ich lauter. Sie kehrt langsam zurück, schaut durch die Reste des Nebels, und ihre Augen werden klar, rein, und sie selbst ist so naiv und klein. „Walte Papa,“ sagt sie. Sie heißt Nina, ist erst fünf Jahre alt und kann manche Laute immer noch nicht aussprechen. Wir fahren mit dem Bus. Auf meinem Schoß liegt ein gelber Rucksack voll mit Bildern und Farben in Tuben. Wir haben beschlossen Nina nicht im Kindergarten anzumelden, dafür bringen wir sie drei Mal die Woche zu den Kursen für die Förderung künstlerischen Potentials bei Kindern. Es klingt besonders, doch ist es bloß Musik, Malerei und Lesen. Nadja bringt sie dorthin und ich hole sie nach der Arbeit ab. Nadja ist meine Frau. Wir steigen die Treppe hoch in unsere Wohnung. Ich halte Nina an der Hand und sie geht viel langsamer als ich, ist ungeschickt aber bemüht bei jeder Stufe. Ich mache die Tür mit meinem Schlüssel auf. Es riecht nach etwas gebratenem – das heißt Nadja muss schon zu hause sein. Ninka läuft in ihr Zimmer. „Wascht eure Hände!“ schreit Nadja aus der Küche. Ich wasche mir nicht die Hände und ziehe mich auch nicht um  sondern gehe direkt zur Frau. „Sie hat es wieder gemacht,“ sage ich und setze mich auf den Rand des Hockers. Nadja mischt das Fleisch in dem Kessel und schweigt. „Sie ist doch erst fünf,“ sage ich, „gibt es denn so etwas? Vielleicht sollten wir doch zum Arzt gehen?“ „Zu welchem Arzt willst du sie bringen?“ Nadja erstarrt über dem Kessel und schaut mich an. „Zum Psychiater?“ Ninka betritt die Küche. Sie hat sich die Hände gewaschen.

Sie schreit: „Mama blät Fleisch.“ Wir lächeln erzwungen aber Nina kann man nicht anlügen. Sie versteht alles und verstummt. Ich gehe mich umziehen. Nadja folgt mir. „Rede mit ihr,“ flüstere ich.

„Wie soll ich es ihr sagen?“ fragt sie nervös. „Nein, das kann ich nicht, mach du das.“

„Ich habe es schon versucht und ihr seid beide Frauen, ihr werdet einander besser verstehen,“ bestehe ich drauf. „Ich weiß es nicht,“ atmet Nadja auf, „Ich weiß es nicht.“

Nadja brät das Fleisch besser als alle. Besonders Rind. Bei mir wird es immer hart und trocken und Nadja gelingt es das Fleisch so zu zubereiten, dass es von außen mit einer dünnen, knusprigen Kruste belegt ist, und von innen saftig und weich mit dem Aroma von Kümmel und Rosmarin. Nina und ich vergessen dann alles, verdrücken alles und bitten um Nachschlag. „Das reicht,“ lacht Nadja, aber gibt uns immer mehr. Wenn die Bäuche voll sind, gehen wir fernsehen.  Jetzt sind es Ninas Trickfilme. Ninka schaut aufmerksam, konzentriert, ohne sich abzulenken, ihr Gesichtsausdruck ändert sich. Sie kann entweder anfangen zu lachen oder sehr böse zu werden. Aber meistens lacht sie über die Trickfilme. Wir sitzen neben einander und schauen nicht mehr auf den Bildschirm, sondern auf Nina. Diese lacht, lehnt sich an der Sofalehne an und dehnt vor Aufregung ihre Fußspitzen. In ihrer Hand hält sie einen Affen – ein Geschenk ihrer Großmutter, Der Affe hat große Plüschohren und einen langen Kringelschwanz. Mit unauffälligen Bewegungen reibt sich Nina an dm Affen, rutscht auf dem Sofa hin und her, stöhnt wie ein Hund  aber wendet den Blick nicht vom Fernseher ab. Ihr Atem beschleunigte sich, aber sie atmet ruhig und tief. Irgendetwas passiert dort im Trickfilm, das lässt Ninka erzittern, sie schaut auf den Bildschirm, wird plötzlich ruhig und entspannt sich endlich, streckt sich und gähnt…“

„Ninka,“ sage ich – was ist los? Warum machst du das?“ „Was mache ich, Papa? Fragte sie erstaunt. Ich werde böse und erröte. Wie soll man es ihr erklären? „Nur so!“ und ich hebe die Augen und beginne zu stöhnen. Nina lacht. Sie denkt, dass ich mit ihr spiele. Aber ich finde es gar nicht lustig. „Gut,“ sage ich, „wir reden später noch einmal.“ Und so geht es jedes Mal. Es hat keinen Sinn, sie selbst merkt es nicht. Am Morgen suche ich Internet-Foren durch nach einem Psychiater, ohne es Nadja zu verraten. Einer hat besonders gute Kritiken, Psychologe und Neuropathologe, und seine Praxis ist nicht weit von unserem Haus. Ich fahre selbst zu ihm und möchte für den Anfang nur ein Beratungsgespräch. Er ist ein älterer Herr mit weichen Händen. Er ist weich und korpulent. Ich bin nervös, da das Gespräch um meine Tochter geht. Er hört aufmerksam zu, unterbricht mich nicht.

„Kinder haben so etwas manchmal, „ sagt er endlich. „Nicht oft, aber es kommt vor. Das wird von alleine weg gehen, machen sie sich keine Sorgen. Schauen Sie mich an. Ja, genau so. Folgen Sie meinem Finger. Gut, danke. Sind Sie sicher, dass anderen Menschen so etwas auch auffällt…so ein Verhalten Ihrer Tochter? Ja, strecken Sie die Arme vor sich aus, bitte. Zittern sie morgens? Gut. Es geht hier nicht nur um Nina. Ich habe den Eindruck, dass Sie sich erholen müssen. Fahren Sie ans Meer, oder in die Berge. Mit der ganzen Familie. Zeigen Sie ihre Zunge…“

Ich strecke die Zunge raus und denke – ja Urlaub! Er hat recht! Genau das wollte ich nur gab ich es nicht zu. Beschwingt fliege ich nach hause. „Nadja! Nina! Wir fahren ans Meer!“ rufe ich.  Ninka lässt sich vom Enthusiasmus anstecken und läuft hinter mit her. „Hulla! Meel!“ schreit sie. Sogar , Nadja, unser Gestell der familiären Skeptik, unsere ironische und manchmal herablassende Nadja, ist erfüllt von guter Laune.

Und nun fahren wir. Ich habe ein Zimmer in einem Kurort reserviert, für eine Woche. Natürlich sind es nur wir, die diese Pfütze Meer nennen. Es ist ja nur ein Wasserspeicher. Das Wasser hier ist süß, der Sand ist angenehm, die Sonne ist heiß und das Wasser nicht tief, sodass man keine Angst um Ninka haben muss. Gerade ist Hochsaison, es gibt viele Gäste und sie alle sind so glücklich – der eine mit einem Bier, der andere mit Mineralwasser. Wir haben eine Wassermelone. Ich schneide diese auf und sie platzt. Das Innere ist rosa, umgeben von weißen Zuckerkristallen. Ninka schnappt sich das größte Stück und beißt genüsslich in die Mitte. „Verschlucke dich nicht,“ lacht Nadja. Sie ist auch zufrieden. Wir essen die Wassermelone fast ganz auf. Kaum zu glauben, dass die ganze Melone in uns rein passte. Die Schale tun wir in eine Tüte. Ninka geht baden. Nadja und ich beobachten sie vom Ufer aus. Sie schreit und plantscht. „Gut, dass wir gefahren sind,“ sagt Nadja zu mir und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Du bist klasse.“ Ich lächele. Die Hitze und die Wassermelone verursachen Müdigkeit. Nadja steht auf. „Ich gehe in das Zimmer,“ sagt sie, „Ich habe die Sonnenmilch vergessen.“ Ich nicke müde. Nadja nimmt die Tüte und nickt mir zu, so nach dem Motte, ich schmeiße es auf dem Weg weg. Als Ninka merkt, dass die Mutter sich zum gehen bereit macht, kommt sie aus dem Wasser raus. „Wohin ist Mama gegangen?“ schreit sie und läuft mir entgegen. „Sie kommt gleich zurück,“ antworte ich und rücke den Liegesessel zu ihr. „Leg dich hin, ruhe dich so lange aus!“ Ninka klettert auf den Liegesessel, trocknet sich mit dem Handtuch

ab, legt sich dann auf den Rücken und atmet genüsslich auf. Wie klein sie doch ist! Nimmt nicht einmal die Hälfte des Sessels ein. Ich lege mich auch hin, strecke mich, mir geht es gut! Ich wackele mit den Zehen, schüttele den Sand ab. Über mir hängt ein Sonnenschirm. Ich würde gerne in den Himmel gucken, auf die Wolken, aber ich habe helle Haut und verbrenne mich leicht in der Sonne, deswegen verstecke ich mich immer im Schatten. Irgend ein Gedanke kreist in meinem Kopf, ich versuche ihn ständig am Schwanz zu packen, ihn zu fangen, aber ich schaffe es nicht rechtzeitig, der Gedanke entschlüpft mir immer und je länger ich versuche ihn zu fangen, desto mehr vergesse ich alles… Ich wachte plötzlich auf. Ich weiß gar nicht mehr, was mich geweckt hat. Ich stand auf schaute mich um und sah, dass Nadja immer noch nicht zurück gekehrt ist, das heißt, dass ich nicht all zu lange geschlafen habe. Nina liegt neben mir, ausgebreitet auf dem Liegesessel. Ganz wie ein Welpe, der von einer Jagd träumt, sie gibt Laute von sich und von Zeit zu Zeit erzittert sie. „Nina,“ rief ich sie. Ich hatte den Eindruck, dass sie sie ihre Augen halb öffnete. „Ninočka“ rief ich lauter. Nina stöhnte und streckte sich, drehte sich auf die eine Seite, dann auf die andere, dann auf den Rücken und schließlich begann sie schnell und mit Unterbrechungen zu atmen. Ich begann mir Sorgen zu machen. Ich rüttelte sie an den Schultern, klopfte ihr leicht auf die Wange, doch sie merkte nichts. Drumherum spielen Kinder im Sand, hüpfen zwischen den Wellen, Kinder ganz wie Kinder, doch Nina liegt, atmet schwer, schluchzt, stöhnt, die Augen halb offen, sie liegt zusammen gekrümmt da, als ob jeden Moment etwas aus ihr ausbrechen würde, aber tut es nicht, sondern bleibt im Inneren. Die Menschen blickten uns an, weil Nina immer lauter stöhnt. Alle starren sie auf uns uns auf mich, irgendwie unangenehm. „Hört auf zu glotzen!“ schreie ich alle an. „Das ist hier kein Zirkus. Denkt ihr, ich weiß nicht worüber ihr nachdenkt? Es geht euch nichts an, verstanden? Und hoffentlich wird Gott…hoffentlich.“ Ich sehe  wie jemand die Augen senkt, jemand vorsichtig sich von seinem Platz entfernt und die, die weit entfernt sind, starren, trinke Bier, nehmen ihre Mobiltelefone heraus und filmen uns damit. Ich werfe in ihre Richtung Mineralflaschen. Sie verstummen, strengen sich an, aber daneben. Aber was zum Teufel…ich erreiche sie nicht.

„Und du Opa, was glotzt du so?“ Die Menschen setzten sich auf weiter entfernte Liegen und bemühen sich, nicht in meine Richtung zu gucken, nur der eine Opa ist neugierig, „Ich starre nicht, ich interessiere mich, verstehen Sie, ich bin Arzt.“ „Ich scheiße drauf!“ schreie ich, nähere mich ihm und stehe nun zwischen ihm und Ninka. Er sitzt und scheint zu lächeln, mir ist jedoch nicht nach Lachen zumute. „Das ist meine Tochter, verstehst du? Sie braucht keinen Arzt,“ „Verstehe verstehe,“ und er geht immer noch nicht weg, sondern streckt seinen Hals, als ob ich ihm den Anblick verwehren würde, Er hat fahle, durchsichtige Augen. Und einen solch unangenehmen, vulgären Blick. Wenn er noch einmal Ninka anstarrt, haue ich ihm eine rein, ganz sicher, meine Hände sind schon am zittern, das ist ein Zeichen. „Hat sie so etwas öfters?“ fragt er plötzlich. Hier halte ich es nicht mehr aus und haue ihm mit meinem Knie auf die Zähne. Der Alte fällt hin und deckt mit den Händen sein Gesicht zu. Er ist wahrscheinlich am bluten, Ich packe ihn an den Haaren, aber schlage ihn nicht, sondern schreie, schreie einfach in sein Gesicht, Das sind keine Worte, sondern irgend ein  wilder, heiserer Ruf. Das Gesicht des Alten nimmt vor Schrecken eine andere Farbe an. Ich atme kurz auf und schreie wieder, so als ob ich ihn taub machen und  sein Leben aushauchen würde. Der Alte wird schwach in meinen Händen und ich spüre wie sich etwas schmerzhaft in mein Oberschenkel bohrt. Ich drehe mich um und sehe Ninka. Sie hat kleine aber scharfe  Fäuste. Sie bleibt stehen und schaut mich an. „Es reicht, Papa,“ sagt sie leise, „höl auf.“ Und sie hat große, große Augen.

Ich lasse den Alten los und Ninka nimmt meine Hand. Wir gehen in Richtung Hotel und schaufeln mit unseren Sandalen den Sand. Meine Hände sind welk, und die Beine schwer, wie betäubt. Aus dem  Gebäude, dem wir uns nähern, geht eine Frau heraus, eine schöne Frau in einem schwarzen, glänzenden Badeanzug. Braun gebrannt, beweglich wie ein Panter. Die Männer drehen sich nach ihr um, aber sie schaut in unsere Richtung. Sie schaut und lächelt, Ich lächele zurück und davon wird mir wohl zu Mute als ob man mich vernetzt hätte. Und mit jedem Schritt drücke ich Ninkas Hand immer fester.

Führen Sie Chander aus

„Ich weiß, wo man Haschisch kaufen kann,“ sagte der Zigeunerjunge, „und wenn du magst, kannst du mich bumsen.“ Artjem wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er befand sich auf der Suche nach Haschisch in dieser indischen Kleinstadt schon den dritten Tag. Am Ufer gab es viele Verkäufer, aber hier auf dem Festland gab es niemanden. „Ist es weit zu gehen?“ „Für Haschisch? In diese Richtung des Flusses, und bumsen kann man direkt hier.“ „Ich werde dich nicht bumsen,“ sagte Artjem gereizt. „Nun gut, lass uns gehen.“ Der Zigeunerjunge rannte los und dreht sich um, um Artjem nicht zu verpassen. Artjem folgte ihm und bemühte sich, sich den Weg einzuprägen, aber diese Gassen ähnelten einander so sehr, sodass er sich verirrte und nur spürte, dass der Fluss in seiner Nähe war. Endlich tauchte er er aus dem Wirrwarr auf und sah das Ufer. Hier roch es nach Dünger und nach etwas gutem. Die Frauen falteten ihre Saris und wuschen ihre bunte Wäsche im Fluss- Unweit von ihnen, saß ein alter Mann in der Hocke und verrichtete seine Notdurft. „Wohin geht es weiter?“ fragte Artjem. „Es geht weiter,“ nickte der Zigeunerjunge  und zeigte nach vorne, „da lang, über die Brücke.“ Auf der Brücke gingen ein paar Kühe. Sie drängten die Menschen auseinander mit ihren schwarzen Seiten und gingen mit gesenkten Köpfen und gebogenen Hörnern. Die Brücke war schmal, deswegen blieben der Zigeunerjunge und Artjem stehen  und warteten, bis die ganze Herde an ihnen vorüber zog. „Wie viel kostet der Haschisch?“ kam Artjem auf die Idee danach zu fragen. „Pst,“ führte der Junge seinen Finger zum Mund und bewegte erschrocken den Kopf. Hinter der Brücke wurden die Slums noch dichter, auf den engen Gassen betrachteten die Menschen  Artjem mit Neugierde. Eine Frau, die an ihm vorbei ging, fühlte den Kragen seines Hemdes. Dazu kam, dass es schon zu dämmern anfing, in dem grauen Himmel zeigte sich die frühen Sterne und Artjem begann sich Sorgen zu machen. „Hey,“ schrie er zum Zigeunerjungen, „das reicht, weiter gehe ich nicht.“ Der Zigeunerjunge schaute Artjem an und fing an zu lachen. Er zeigte mit den Gesten, welch langen Weg sie hinter sich haben und, dass nur noch ganz wenig übrig blieb.  „Gut, ich warte hier,“ sagte Atjem, „und du, lauf und bring mir den Haschisch hier hin.“ Der Junge wackelte mit dem Kopf und zog Artjem am Ärmel. „Noch fünf Minuten und dann hast du deinen Haschisch, okay?“ So war es auch, es vergingen keine fünf Minuten, die Slums hörten auf und sie betraten ein mit Gras zugewachsenes Feld, welches umgeben war mit morschem Staket. In der Mitte des Feldes brannten Feuer und in ihrem Licht sah man hohen Zelte, Menschen gingen um sie herum. Nun verspürte Artjem Lust, so weit wie möglich von hier zu verschwinden, so schnell wie möglich. Aber irgendwie schämte er sich vor dem Jungen, er schämte sich davor weg zu laufen und seine Feigheit zu zeigen. Als sie sich den Feuern näherten, gab der Zigeunerjunge einen seltsamen Schrei von sich. Von diesem drehte sich in Artjem alles um, sodass ihm übel wurde. Und dann, entweder vor Schreck oder vom kalten Wind begann er zu zittern. Er blieb stehen, vor Angst hin zu fallen und beobachtete, dass die Menschen um die Feuer herum, auch erstarrten. Der Zigeunerjunge schrie irgendwas, in einer Artjem unverständlichen Sprache, Ein korpulenter, bärtiger Mann antwortete ihm. Nach einem kurzen Gespräch drehte er sich  zu Artjem  und sagte: „Man bringt dir gleich deinen Haschisch, du musst kurz warten.“ Die Menschenmenge löste sich auf und machte den Weg frei für Artjem. Er setzte sich auf einen Stein in der Nähe des Feuers. Die Zigeuner (Artjem hielt sie für Zigeuner) entspannten sich langsam. Sie begannen sich zu unterhalten, zu lachen und ihr Essen über dem Feuer zu zu bereiten. Artem atmete auch auf, diesmal freier und begann sich um zu schauen. Hinter den Zelten erblickte er jetzt erst die weidenden Pferde. Sie bewegten sich kaum, nur ihre Schwänze bewegten sich und verscheuchten die Mücken. Von Zeit zu Zeit hob ein  Pferd den Kopf und schnarchte auf. Außer dem Lagerfeuer, neben dem Artjem saß, brannten noch zwei weitere. Bald blickte der Zigeunerjunge auf Artjem und lief weg, kroch in eins der Zelte und blieb dort. Artjem blieb alleine und dachte sich bei all seiner Liebe zu Reisen, liebte er es doch am meisten nach hause zurück zu kehren, zu wissen, dass es einen Platz gibt, der sich nicht fort bewegt. Man kann in die Küche gehen, sich seine Lieblingstasse mit grünem Tee füllen, aus dem Fenster zu schauen und die Birke zu erblicken, die wohl etwas gewachsen ist. Und siehe da – Onkel Bor’ja aus dem ersten Treppenhaus geht mit seiner Bulldogge spazieren und seine Frau, Tante Lida  gießt die Blumen im Gewächshaus. Ein Schubser auf die Seite riss Artjem aus den Gedanken. „Bist du etwas eingeschlafen?“ fragte der Bärtige. „Hier nimm.“ Artjem nahm das ihm ausgestreckte Stück Haschisch von der Größe eines großen Zehs. Der Haschisch war hart und fast ganz schwarz, doch je mehr Artjem diesen in seinen Händen drehte, desto weicher, fettiger und aromatischer wurde dieser. „Wie viel schulde ich Ihnen?“ „Fünf Tausend.“ Der Preis war hoch, aber er wollte nicht verhandeln. „Willst du mit uns teilen? Fragte der Zigeunerjunge. „Es ist hier gar nicht so einfach an echten Haschisch zu kommen. „Ja, natürlich,“ beeilte sich Artjem, brach ein Stückchen ab und reichte dieses dem Zigeunerjungen. „Nein, nein, nein,“ lächelte der Junge. „Nicht so. Lass uns gemeinsam rauchen.“ Artjem wünschte sich, so schnell wie möglich zu verschwinden. „Nein, nein, ich belasse es dabei.,“ sagte Artjem, stand auf und wiederholte es nochmal auf Hindi.

„Nachi!“ „Nachi?“ fragte verunsichert der Junge, fing plötzlich an zu lachen, zeigte seine gelben Zähne und stupste Artjem mit dem Finger. „Nachi! Nachi! Hahaha…“ Die Zigeuner beginnen auch an zu lachen. „Komm,.setze dich,“ der Bärtige pickte ihm in den Bauch. Davon wurde Artjem schwindelig und er setzte sich wieder auf den Stein. Der Bärtige nahm den Haschisch aus den Händen Artjems zu sich und begann kleine Stückchen davon abzubrechen. Als der Haufen gewachsen war, nahm er aus der Tasche einen Tabakbeutel aus Papier, schüttete auf den Haufen Haschisch etwas Tabak und rieb die Mischung zwischen seinen Fingern. „Wo ist Chander?“ schrie der Zigeunerjunge. „Führen Sie Chander heraus!“ Artjem bewegte sich nicht, aber nicht aus Angst, sondern als ob er betäubt sei. Wie ein Hypnotisierter wendete er nicht den Blick von den Fingern des Zigeuners, welcher gerade das Röhrchen stopfte, ab und glaubte nicht ganz an die Realität des Geschehnisses.  Der Bärtige zog am Rohr und machte ein paar große Atemzüge, davon warf das Gemisch im Rohr Funken, wie ein Lichtspiel einer nächtlichen, fremden Stadt. Er pustete eine ganze Wolke aus und gab das Rohr Artjem. Das Rohr war schwer und heiß. Artjem zog dran und der dichte Rauch breitet sich in der Brust aus. Ohne aus zu atmen, machte Artjem noch einen Zug, behielt den Rauch in sich und ließ ihn erst später raus. Der Zigeuner lächelte freundlich. Artjem gab ihm das Röhrchen, doch dieser wackelte mit dem Kopf und winkte Artjem, dass er diese in die andere Richtung reichen sollte. Artjem drehte sich um und erblickte einen Alten, der neben ihm saß.

Sein ganzes Gesicht war bedeckt von Muttermalen. Der Alte wackelte leise von einer Seite zur nächsten, als ob er etwas summen würde und blickte Artjem von der Seite an. Der Bärtige fragte irgendetwas, was Artjem nicht verstand. Der Alte nickte als Antwort ohne den Blick von Artjem abzuwenden. Der Alte beeilte sich nicht, an dem Röhrchen zu ziehen. Er schloss die Augen und hielt das Röhrchen in seinen trockenen , faltigen Händen, doch der Haschisch verursachte Rauch, dünne Schwaden Rauch stiegen hoch und legten sich auf das Gesicht des Alten wie ein  Spinnennetz. Die Zigeuner tummelten sich in der Ferne und beschlossen, nicht näher zu kommen. Arjem blickte sie an und wunderte sich , diese waren so klein, einfach winzig, wie Froschkinder.  Man macht einen Tritt und sie springen weg.  Artjem stelle sich das vor und lachte los. Das Lachen war heiser und irgendwie hüpfend, wie eine Erbse, die auf einen Stein fällt. Um ihn zu stoppen, machte Artjem den Mund breit auf, aber der Laut hörte nicht auf, im Gegenteil, es schien so, dass nicht nur eine, auch nicht zwei, sondern ein ganzer Sack voll Erbsen auf dem Boden ausgeschüttet wurden.und diese zerstreuten sich darauf und fingen an zu hüpfen. Artjem hob die Augen und verstand plötzlich, dass es keine Erbsen waren, sondern Sterne – sie sind es, die hüpfen und erklingen und aus seinem breit geöffneten Mund flog irgend etwas großes und wichtiges heraus, auf dem Weg zu den Sternen. Jedoch blieben die Sterne nicht stehen, sondern sie funkelten, berührten einander mit ihren scharfen, langen Spitzen, drehten sich, und je schneller Artjem zu ihnen flog, desto weiter und winziger schienen sie zu sein, sich zu einem Haufen zusammen zu sammeln.Dann verschmolzen sie in einen einzigen leuchtenden Feuerkreis, bis Artjem endlich verstand, dass es keine Sterne waren, sondern die  leuchtende Spitze des Röhrchens, welche er in seinen trockenen, faltigen Händen hielt.

Der Ankömmling und die Kosmonauten

Es raschelt, raschelt über meinem Kopf und ich habe das Gefühl, dass sich im Laub Mäuse eingenistet haben. Sie haben Angst vor der fröhlichen Katze Murka und hüpfen auf den Blättern, den Zweigen, stellen sich gegenseitig die Beinchen, schlagen Purzelbäume…, dies alles war nur ein plötzlicher Sturm. Dieser schaukelte den Baum wie ein Neugeborenes mit einer Rassel und verschwand. Auf der Straße geht neben mir ein Kosmonaut. Das ist keine Halluzination, hier wimmelt es von Kosmonauten. In seinen Händen hält er einen zerknitterten Blumenstrauß. Man möchte sich einbilden, dass es ein kleines Mädchen, welches erfüllt ist von romantischen Schwärmereien, diese Kamille und Kornblumen gepflückt hat…ja, sie bemühte sich, pflückte, wickelte eine Schleife um den Strauß…aber wem schenken? Natürlich dem Kosmonauten! Nun nein. Ich weiß, woher der Blumenstrauß kommt. Dieser Kosmonaut kreist schon sehr lange auf der Umlaufbahn um die Vera Zarečenskaja herum. Ich weiße es, weil ich selbst hinter dem Haus der  Zarečenskih lebe. Und immer wenn ich im Sommer zu Besuch komme, fangen alle einheimischen Kosmonauten mich zu schlagen. Dies geschieht meist abends. Ich schaue aus dem Fenster und sehe vor mir eine Gruppe Kosmonauten. Sie haben keine Raumanzüge an, sind unterschiedlich gekleidet und die Augen ähneln einander. Wahrscheinlich haben sie dort im Kosmos etwas gesehen.. Und vielleicht ist es auch die unersättliche Liebe. Sie schauen mich an. Ich weiß, was sie wollen, deswegen beeile ich mich nicht raus zu gehen. Sollen sie sich ruhig etwas quälen. Endlich ziehe ich mir die Schuhe an, hänge mir eine Jacke über, nicht wegen des Windes sondern wegen der Mücken, und gehe raus. „Bist du etwas Verkas Liebhaber?“ sagt einer zu mir, unsicher und gleichzeitig drohend. „Jungs,“ antworte ich, mein Text ist längst fertig. „Also was ist mit euch, ihr macht den Eindruck, als ob ihr vom Mond runter gefallen wärt. Ihr schaut vom Himmel aus auf die Erde und vor eurer Nase seht ihr niemanden. Ja, Verka und ich sind von zwei unterschiedlichen Planeten, ich bin für sie wie ein Ankömmling – fremd und weit entfernt. Und das ist die Wahrheit.  Vera Zarečenskaja würdigt mich keines Blickes. Ich lebe bei ihnen weil ich vor ca. fünf Jahren mit ihrem Vater gearbeitet habe und nun miete ich ein mal im Jahr ein Zimmer bei ihm, als Bekannter, dann wenn ich Urlaub bekomme. Am Anfang ärgerte es mich, dass Vera mir gegenüber gleichgültig war und heute kein Bisschen. Und überhaupt ist sie irgendwie emotionslos. Sie kann den ganzen Tag nur so da sitzen und ihren schwarzen Zopf flechten, in Zeitschriften blättern und Serien im Fernseher schauen. Dafür ist ihr Zopf so lang wie ein Arm, genauer einen Kosmonautenarm, meine Arme sind dünner. Entweder weil es die Natur so wollte bei ihr oder von der örtlichen Strahlung. Ich bemühte mich einmal eine Antwort von Vera zu bekommen, warum nicht ein einziger Kosmonaut für sie in Frage kam. Ich erinnere mich, wie sie lange schwieg, ihren Zopf flocht und dann antwortete: „Welchen Sinn soll es haben?“Und dann schaut sie mich nachdenklich an. Das war alles, was ich erreicht habe. Und nun geht dieser kleine Kosmonaut an mir vorbei mit einem Blumenstrauß. „Ey,“ rufe ich ihm zu, „bleib stehen.“ Er wartet darauf, bis ich mich ihm nähere. „Kommst du gerade von

  Zarečenskaja?“ frage ich. Der Kosmonaut hebt neugierig die Augen, blinzelt vor der der anrollenden Erwartung… „Entspann dich,“ sage ich, „Ich brauche deine Verka nicht. Kannst du mir mit einer Zigarette aushelfen?“ „Ich rauche nicht,“ antwortet er. Ja, was dachte ich mir dabei, er ist schließlich Kosmonaut. „Nun denn,“ ich bin enttäuscht. Er entfernt sich und ich bleibe eine Zeit stehen und mache mir um nichts Gedanken. Es gibt eine solche Situation, als ob du über irgend etwas nachsinnst, über irgendetwas und du weißt selber nicht worüber. Das Haus der  Zarečenskih ist niedrig, hat eine Etage und ist dafür sehr breit. Veras Zimmer ist nur eine Wand von meiner entfernt. Die Betten stehen so, dass wenn man die Wand entfernen würde, wir beide nebeneinander  schliefen. Manchmal, vor dem einschlafen, plagen mich darüber Gedanken. Einmal habe ich sogar an die Wand geklopft, dachte es würde vielleicht jemand antworten. Dann hätten wir unser gemeinsames Geheimnis, unser geheimnisvolles, nächtliches Klopfen, das verbindet. Aber nein, sie antwortete nicht. Veras Vater heißt Vladimir aber ich darf ihn einfach Volodja nennen. Obwohl er ca. dreißig Jahre älter ist als ich. Volodja hat einen Lastwagen. Einen sehr guten, fast neuen. Der Lastwagen ernährt ihn. Es gibt viel Arbeit. Die einen müssen umziehen, für die anderen muss der Müll entfernt werden aber am meisten arbeitet er für die Kerle aus den Expeditionen: Geologen, Hydrologen, Archäologen. Er fährt auch ihr Equipment und arbeitet gleichzeitig als Fahrer. Die Ortschaften der Gegend kennt er sehr gut. Auf einer solchen Expedition lernten wir uns kennen. Volodja ist nicht oft zu hause. Der ganze Haushalt fällt auf Vera. Was ist das schon? Vieh und Vögel haben sie nicht, einen Garten ebenfalls nicht, so – ein paar Apfelbäume auf dem Hof, die man nicht einmal gießen muss, das Klima ist so. Das Essen kocht Vera nur dann wenn der Vater zuhause ist, ansonsten isst sie Joghurts aus dem Laden. Ich bin dran gewöhnt und warte nicht mehr auf das Frühstück, sondern mache mir selbst ein Spiegelei. Und Vera geht manchmal durch das Haus, wischt mit einem deutschen Staubwedel den Staub von den Möbeln und sitzt dann den ganzen Tag bei sich im Zimmer oder im Garten auf der Bank. Sitzt, flechtet sich ihren Zopf und blättert in de Zeitschriften mit den Bildern. Das war’s auch schon. Eines Tages blätterte ich auch in einer Zeitschrift und sagte: „Vera, was findest du nur in diesen Bildern? Das ist doch alles künstlich. Das ist doch alles Silikon, Retuschierung und Computergrafik. Du bist tausend Mal schöner als diese aufgeblasenen Blondinen.“ „Echt?“ fragt sie verwundert und wird rot. Ich sehe, dass ihr das gefällt und noch sehe ich, dass ihre Augen leuchten, die Lippen sich leicht öffnen, sie selbst erstrahlt, als ob sie etwas erzählen wollte  und es dann doch nicht macht. Sie schaut mich an, zögert. Und ich bin ganz still geworden, erstarrte um sie nicht zu verschrecken. Und dann sehe ich, dass sie wieder blinzelt, ganz in sich gekehrt ist, die Zeitschrift schnappt und ins Haus läuft. Und ich denke mir, unsere Vera hat tatsächlich Gefühle, Träume, Geheimnisse. Und am nächsten Tag wache ich früh auf und sehe, wie Vera frühstückt. In aller Herrgotts  Frühe. Es ist schon fast acht und normalerweise wacht Vera nie früher als elf auf. Besonders wenn der Vater gerade auf Tour ist. „Ist Volodja zurück gekehrt?“ frage ich schlaftrunken. Veras Mund ist voller Joghurt, sie wackelt nur mit dem Kopf, er ist wohl nicht zurück gekehrt. Ich wasche mich und verlasse die Toilette und Verka ist feierlich angezogen. Sie trägt ein Seidenkleid, bis zum Boden. Das Haar ist offen, legt sich auf die Schultern. In den Ohren goldene Ohrringe und die Augen wirken durch die Schminke noch größer. Wahrscheinlich stehe ich da wie ein Balken, sie merkt es und lächelt zufrieden. „Gut, mach’s gut!“ schreit sie mir von der Türschwelle zu, und ich schaffe es nicht einmal sie etwas zu fragen. Den ganzen Tag verbrachte ich mit Rätseln. Ich warte und kann es nicht erwarten, dass Vera kommt. Und ja, sie kommt um sieben Uhr abends. Sie ist betrunken und hält sich gerade so auf den Beinen, die Augen rot und verweint. Die Schminke läuft über ihr Gesicht. So habe ich sie vorher noch nie gesehen. „Vera, was ist mit dir?“ frage ich. Und sie winkte mir zur Antwort nur ab und begab sich in ihr Zimmer. Ich höre wie sie etwas umwarf, einen Stuhl wahrscheinlich,  laut das Fenster schloss und den Anschein machte, als ob sie Papier zerreißen würde. Man hört nur – knirsch-knirsch-knirsch. Sie riss lange das Papier und wurde dann ruhig. In der Zeit habe ich zu Abend gegessen, trank einen Schluck für die Nacht und rauchte auf der Vortreppe, draußen ist es

angenehm, ruhig, nur die Frösche quaken in der Ferne und die Mücken kreisen. Doch sie fliegen nicht zu nah an mich heran, sie fürchten sich vor dem Zigarettenrauch. Dann zieht es mich in den Schlaf. Ich warf die Zigarette weg, wusch mich auf dem Hof und ging in mein Zimmer. Ich legte mich aufs Bett, aber irgendwie war mir der ganze Schlaf vergangen. Wie abgeschnitten. Erst eben war ich kurz vorm Einnicken und nun verspüre ich keine Müdigkeit. So liege ich da und denke an Verka.  Was ist sie doch für ein Knilch. Lockt schon etliche Jahre die Kosmonauten an und erlaubte es  bisher keinem von ihnen, sie zu küssen. Sympathisch ist sie, sympathisch. Wo hat sie sich heute nur so abgefüllt? Ich habe schon früher gesehen, dass sie die Neigung hat, etwas zu trinken, nur ein bisschen. Aber so wie heute habe ich sie noch nicht gesehen. Und das wichtigste ist, dass sie hinter der Wand schläft und ich liege auch in meinem Bett und mache mir Sorgen, mir ist nicht nach Schlafen. Ich habe es schlussendlich nicht mehr ausgehalten und denke mir, vielleicht ist was passiert, denn warum musste sie sich so betrinken? Ich sollte sie ausfragen. Ich stehe auf, gehe zu ihrem Zimmer und klopfe an die Tür. Schweigen. Ich klopfte lauter an die Tür und öffne sie halb.Im Zimmer ist es dunkel, nur von außen dringt Licht herein, schwach und grau. Ich hatte Angst das Licht im Zimmer ein zu schalten, machte es im Flur an und ließ die Tür geöffnet. Ich sehe, dass Vera auf dem Bett liegt, nur in Unterwäsche, die Arme und Hände in unterschiedliche Richtungen ausgebreitet, die Decke – ein  Haufen, deckt sie nur halb zu und im Zimmer liegen überall Zeitschriften verstreut.  „Vera,“ sage ich leise. Sie schweigt. „Vera!“ rufe ich lauter und gehe zu ihr. Sie antwortet nicht, sondern stöhnt im Schlaf. Ich setze mich neben sie aufs Bett, und sie liegt vor mir in ihrer weißen Unterhose, aus dem BH schaut ein Nippel heraus. Ich streichelte ihren Oberschenkel. Ihre Haut ist glatt warm, gepflegt, Mir wurde so gut zu Mute, dass ich mein Unterhemd und meine Schlafanzughose auszog und mich neben sie legte. Ich schmiegte mich an sie, streichelte ihren Bauch, ihre Schultern.Sie schläft und rührt sich nicht. Ich verstand, dass wenn ich diese Chance verpasse, es mein ganzes Leben bereuen werde, Ich wollte ihren BH ausziehen aber nach einigen Bemühungen, konnte ich diesen nicht öffnen. Hab ihn einfach verschoben und holte ihre Brust raus. Die Unterhose konnte ich ausziehen. „Nun denn, Vera, meine Schönheit, verurteile mich nicht.“ Ich legte mich auf sie und begann mich zu bewegen, Zuerst bemühte ich mich vorsichtig zu sein, etwas zärtlicher und dann bemerke ich, dass Vera lange stöhnt, Grimassen macht im Traum aber nicht aufwacht, das gibt mit Grund weiter zu machen. Und dann legte ich mich neben sie, drückte mich an sie, ein Alkoholatem entströmt ihr aber die Haut riecht trotzdem nach Milch. Ist es denn ein Wunder? Ich liege da und rieche an ihr, habe keine Lust weg zu gehen, aber ich habe Angst ein zu schlafen. „Nun denn,“ sage ich, „Ich muss gehen. Ich stand auf, zog mich an und  küsste sie zur Verabschiedung auf den Mund. Dann ging ich in mein Zimmer und begann die Sachen ein zu sammeln. Ich verstehe, dass ich nach dem Geschehenen nicht hier bleiben kann, ich halte es einfach nicht aus. Ich ging mit der Tasche auf den Hof, stand eine Weile da und beobachtete den Mond. Ich atmete schwer die Luft ein und ging in Richtung Haltestelle. Auf dem Weg dahin kam mir ein Gedanke. Nicht weit von hier gibt es einen Club, in dem sich an Wochenenden Kosmonauten vergnügen. Das Level  ist zwar nicht städtisch. Einfach so, Tanzen, Wodka. Und es ist zwar schon spät, aber immerhin ist gerade Freitag. Vielleicht treffe ich jemanden. Ich nähere mich dem Club und sehe – da stehen sie, die Eroberer des Kosmos. Und ich denke mir, ich sollte ihnen was Gutes tun, mögen sie sich freuen. Wann sonst haben sie die Gelegenheit, sich vor zu stellen. Sie stehen abseits und murmeln vor sich hin, über irgend welche Kosmonauten-Themen.Ich gehe zu ihnen und spreche sie an. Unsere Verka hat sich betrunken, sie liegt in ihrem Zimmer auf dem Bett, ganz nackt und dicht, zärtlich und bereit. Ich habe es selbst überprüft, sie schläft und wacht nicht auf. Fliegt auf sie Brüder, dies ist ein seltener Fall. Vielleicht habt ihr ein mal im Leben ein solches Glück. Lasst es euch nicht entgehen. Die Tür ist offen, also los! Die Kosmonauten schweigen und schauen nur. Ihre Augen sind leer leer. Ein Vakuum ist in ihren Augen. Es sieht so aus, dass sie langsam verstehen, Ich wiederhole. Sie ist vollkommen besoffen. Nackt. Nutzt die Chance, Jungs. Ihr habt sicher noch zwei Stunden. Nur der Reihe nach, ha-ha. Da haute mir der neben mir stehende Kosmonaut eine rein. Er selbst war ganz klein, aber der Schlag war stark. Meine Nase fing an zu bluten. „Was machst du da?“ sage ich und versuche mit dem Ärmel das Blut abzuwischen. „Jungs, was habt ihr denn? Ich habe doch extra für euch..“ Da fielen sie alle über mich her. Zuerst schlugen sie mich mit den Füßen und dann brachte jemand den Teil eines Spaten und ich verlor das Bewusstsein. Wie viel Zeit vergangen war, bis ich wieder aufwachte, kann ich nicht sagen. Es war ganz dunkel und meine Augen öffneten sich nicht. Ich berührte irgend etwas. Und ich höre, es ist leise drum herum. Es ist niemand hier. Keine Stimmern, keine Schritte. Nur die Bäume rascheln mit ihren Blättern, vorsichtig, als ob sie mir etwas geheimnisvolles zuflüstern würden. Ich breitete mich auf der Erde aus und begann hin zu hören. Wenn die Bäume noch rascheln, dann ist alles beim Alten. Dann leben wir noch eine Weile.

Die Falle

Den ganzen Tag regnete es. Die Tropfen vielen auf das Zinkdach des Bungalows und von ihrem monotonen Klopfen, wollte Ivan immer einschlafen. Er kämpfte nicht gegen diesen Wunsch an, denn draußen gab es so wieso nichts zu tun. An solchen Tagen schlossen alle Restaurants und Geschäfte, der Strand wurde leer, der Ozean wurde stürmisch und nicht gerade begrüßend. Und der Wind riss die Kokosnüsse von den Bäumen, diese fielen mit einem lauten Krach auf den Sand. Ivan wollte im Bett bleiben, doch sein Schlaf war unruhig. Die Wände des Bungalows waren dünn und durch diese drangen Geräusche des regenreichen Dschungels ein. Im Schlaf, durch das Rauschen des Regens hörte Ivan die Bewohner dieses Dschungels. Sie brüllten,  stöhnten und lachten. Bis zu ihm drang das Horn-Geschrei eines Elefanten aber am häufigsten seltsame, einem Kinderschrei ähnelnde Rufe. Er wusste bereits von den Einheimischen, dass so Schakale schreien. Auf seine Frage, in wie weit diese gefährlich sind, lachten alle und versicherten, dass Menschen sehr selten von Schakalen angegriffen werden. Das beruhigte Ivan jedoch kaum. Am zweiten Tag des Regens verließ er seine Behausung, machte einen löchernen, alten Regenschirm auf, wickelte die Zigaretten-Schachtel in eine Plastiktüte und ging ins Dorf, mit dem Ziel, Lebensmittel zu kaufen. Einzelne Bungalows, so ähnlich wie der Ivans, lagen zerstreut am Strand. Sie wurden vermietet an solche wie ihm – Vagabunden, Armen und Einsamkeit Suchenden.  Das Dorf befand sich tief im Tal, also ob es sich abgrenzen wollte von dem mächtigen, erbarmungslosen Ozean, mit dem Staket eben dieser Bungalows. So als ob es die verschlossenen, unrasierten Touristen, die niemand brauchte, ausstellte, in Form eines rituellen Opfers. Sie hofften, dass im Falle eines Tsunamis der Ozean sie auffrisst und sich danach beruhigt. Ivan kehrte mit seinen Lebensmitteln zurück und sah eine, fast auf der Schwelle des Hauses, langsam kriechende Schnecke. Die Schnecke war gigantisch, von der Größe eines Kopfes. Ivan gab ihr, voller Ekel, einen Tritt, wie mit einem Fußball, aber die Schnecke klebte mit ihrem Körper auf der Erde fest und rührte sich keinen Zentimeter, sie zitterte nur auf und zog sich erschrocken zusammen. Nun ging Ivan nur dann raus, um eine zu rauchen. Essen und Trinken hatte er für die ganze Woche, und Gott sei es gedankt, es gab Elektrizität, so konnte er seinen Wasserkocher benutzen und am Abend eine matte, einsame Lampe anmachen, welche auf einem Draht von der Decke herunter hing. Bei diesem Licht zu lesen, erwies es sich als schwierig, aber es war trotzdem  Licht. Mit jedem Tag wurde der Regen stärker. Das Dach des Hauses konnte die Wassermassen kaum halten, die Decke färbten sich dunkel von der Feuchtigkeit und auf einer der Wände liefen dünne Rinnsale, die irgendwo hinter der Fußleiste verschwanden. Die Zigaretten waren fast alle. Ivan bemerkte es und beschloss weniger zu rauchen, aber irgendwie rauchte er doch noch mehr. Er lag auf dem Bett, döste ab und zu, fiel in keinen tiefen Schlaf aber auch in keinen Wachzustand. Und in diesem seltsamen Zustand hatte er das Gefühl, kein Mensch, sondern eine Maus zu sein. Eine graue, kluge Maus, mit einem langen, dünnen Schwanz, welche sich in ihrer gemütlichen Höhle darauf wartend, dass bis die Hausherrin ihren Hausputz beendet hat. Am fünften Tag, als Ivan  im Vorhaus stand, unter der Abschirmung, rauchte und den Regen beobachtete, wie dieser den Dreck weg spülte, hörte er ein seltsames Geräusch. Hinter der Tür, im Bungalow fiel etwas auf den Boden. Der Krach war lang und etwas gedehnt, so als ob jemand von der Decke ein Seil geworfen hätte, ein dickes Tau, welcher gegen den Boden schlug, nicht auf einmal, sondern wellenartig wie eine Wurfleine.

Ivan erstarrte und horchte hin. Zu hören war nichts mehr und der Regen rauschte so laut, dass er jedes Geräusch übertönte, „Eine Schlange,“ verstand Ivan und bekam Gänsehaut. Die Zigarette in seinen Fingern war erloschen. Er zündete sie noch einmal an und bemerkte, dass seine Hände zitterten. „Wie kommt denn die Schlange ins Haus?“ fragte er und beruhigte sich selbst. „Und vor allem, was macht sie auf der Decke? Die Tür verschließe ich immer.. Das Fenster ebenso. Vielleicht ist der Putz einfach abgefallen. Solch ein Gedanke schien ihm vernünftig und beruhigte ihn. Er fing sogar an zu lachen mit Erleichterung, fühlte wie die Schlange ihn durchdrang und nicht so schnell verschwand. Ivan rauchte die Zigarette auf, warf den Stummel in eine Pfütze, wollte gerade die Tür aufmachen, aber blieb stehen. Um den Bungalow herum wuchsen nur Palmen. Blätter. Die vom Baum gefallen und Teile von verfaulten Früchten lagen im Überfluss um das Haus herum, doch es gab nicht einen Stock. Diesen konnte er jetzt gut gebrauchen. Er dachte nach, ging in den Regen und hob einen riesigen Stein auf, der in der Nähe lag. Unter dem Stein bewegte sich eine Gruppe Regenwürmer. Ivan erzitterte und warf den Stein auf die Vortreppe. Er drehte ihn mit dem Stein um, um sicher zu gehen, dass keine Würmer auf der Rückseite klebten, hob ihn wieder auf und hielt ihn bequemer fest. In der Ferne jammerten und heulten Schakale. Ivan machte die Tür auf und sprang  sofort zur Seite, in Erwartung alles möglichen. Es geschah nichts. Mit dem Stein in der Hand betrat Ivan vorsichtig den Bungalow und machte das matte Licht an. Die Decke war ganz. Wie immer waren auf den Wänden dunkle Flecken, aber der Putz wollte nicht runter fallen. Das erfreute Ivan nicht. Er hielt sich so weit weg wie möglich vom Tisch und vom Bett, dann ging er zum Rucksack und nahm eine Taschenlampe heraus. Warum auch immer, beruhigte er sich. Er machte die Taschenlampe an und versuchte unter das Bett zu leuchten und alle seine Ecken zu erhaschen. Unter dem Bett war nichts. Er leuchtet unter den Tisch, schaute auch unter die Schubladen. Nichts. Nur eine Kellerassel huschte weg unter die Fußleiste. Ivan packte die Schlafdecke am Rand und beschloss diese auf den Boden zu werfen. Er hatte die Bettwäsche schon lange nicht mehr gewechselt, alles war chaotisch, kein Bettgemach, sondern ein Nest, feucht vom Regen und Schweiß. Die Bettdecke riss das Laken und das Kissen mit sich und es wirkte so, als ob irgend etwas aufleuchtete, silbrig funkelte  und sich daraufhin versteckte. Ivan schrie auf, zum einen vor Schreck, zum anderen um die Schlange zu erschrecken. Der große Klumpen fiel auf den Boden und zerfiel in mehrere Teile. Aus dem Kissen flogen dünne, weiße Federn, die im Raum kreisten. Ivan sprang zurück, hielt den Stein fest und schaute angestrengt  auf die im Zimmer verteilte Wäsche.  Das Lämpchen wackelte von dem Durchzug und in diesem hüpfenden Licht sah es so aus, als ob sich das Bettlaken in verschiedene Richtungen bewegte. Ein paar Augenblicke versuchte Ivan das Schattenspiel von der Realität zu unterscheiden, doch dann gaben seine Nerven auf, er gab ein lautes Stöhnen von sich und schmiss den Stein sofort auf die Wäsche. Der Stein landete gut, ohne irgendwelchen Effekt und Ivan kam sich so unbeschützt vor ohne eine Waffe in der Hand. Er dachte nicht lange nach, sprang aus dem Bungalow und machte die Tür hinter sich zu. Das Herz klopfte und er hatte überhaupt keine Lust rein zu gehen. Es dämmerte schon. Ivan ging auf der Vortreppe hin und her und beschloss, dass man es wenigstens eine Nacht aus sitzen sollt. Er fühlte seine Hosentasche, überzeugte sich davon, dass die Zigaretten noch da waren und wanderte durch den Regen und den Dschungel Richtung Dorf. Der Regenschirm blieb im Bungalow, deswegen wurde er sofort nass. Es war warm und irgendwie ekelhaft. Er betrat das Dorf  und klopfte an der geschlossenen Tür des Kaffees „Mun Bič.“ Der Eigentümer des Kaffees war ein älterer Koreaner Mun, Ivan kannte ihn etwas. Die Tür wurde lange nicht geöffnet. Ivan klopfte noch mehr, bis in der ersten Etage endlich das Licht eingeschaltet wurde und Mun selbst raus schaute. „Wer ist da?“ schrie er schlaftrunken. „Entschuldigen Sie , Mun,“ schrie Ivan als Antwort. „Ich bin‘ s Ivan, in meinem Haus befindet sich eine Schlange, darf ich bei Ihnen übernachten?“  Mun stand noch ein paar Sekunden so da und wackelte etwas, dann wedelte er mit der Hand und machte die Klappe zu. Nach ein paar Minute öffnete sich die Tür aber Mun stand auf der Türschwelle und versperrte ihm den Weg.ins Haus. „Woher kommt denn die Schlange in deinem Haus?“ fragte  Mun finster. „Ich weiß es nicht!“ rief Ivan, wurde auf einmal sehr zerstreut und begann zu erklären. „Ich habe geschlafen, dann ging ich weg, dann fiel sie hinter die Tür, ich kam rein und sie war weg.“ „Wenn die Schlange nicht da ist, wovor hast du dann Angst?“ fragte Mun. „Sie ist dort, dort!“ schrie Ivan und verstand, dass er selbst durcheinander geraten war. „Sie hat sich einfach versteckt, ich kann sie  nicht finden.“ „Mein Bruder ist letztes Jahr gestorben,“ sagte Mun. „Er ist nicht da, aber er lebt genau hier,“ er klopfte sich mit Kraft auf die Brust. „Wenn die Schlange nicht mehr da ist, und du hast immer noch Angst, dann bedeutet es, dass die Schlange nicht mehr im Bungalow ist, sondern in deinem Herzen. Wie kann ich in mein Haus einen Menschen lassen, der eine Schlange im Herzen hat?“ Mun starrte auf Ivan in der Erwartung einer Antwort, aber Ivan wusste nicht, was er antworten sollte. „Du hast mich gehört,“ sagte Mun, nickte und machte die Tür zu. Ivan schaute sich zerstreut um. Der Wind hatte sich beruhigt, der Regen wurde leiser, aber darin lag noch mehr Gefahr, denn alles drum herum war wie erstarrt, rollte sich zu einem Knäuel vor dem alles entscheidenden, tödlichen Sprung, Und als ob er nicht dem eigenen Willen gehorchte und sich etwas unabwendbaren

unterwarf, beschloss Ivan, zum Strand zurück zu kehren. Er ging zum Strand und näherte sich dem Rand, wo der Kies zu Ende ging und der Sand begann. Der Ozean rauschte leise, so wie die Elektrizität in den Leitungen rauscht. Das Wasser im Ozean war dicht, so als ob sie mit einer fettigen Haut überzogen wäre. Irgendeine Stille breitete sich aus und Ivan hatte das Gefühl, in der Mitte eines  riesigen Heißluftballons zu stehen. Dieser war so stark aufgeblasen, dass wenn nur bei einem weiteren Einatmen, bei jeder weiteren unvorsichtigen Bewegung, der Ballon platzen würde.

Er bemühte sich dieses Gleichgewicht nicht zu stören, setzte sich langsam auf die Knie, legte sich dann auf den feuchten Sand und schloss die Augen. Der Ozean leckte seine Fersen und nach einem Augenblick, in einer fröhlichen Stimmung, atmete er tief ein, und bedeckte Ivan mit seiner Welle.

Sabyrzhan Madeyev „Ohrringe des aktualisierten Bildungsinhaltes“

Übersetzt von: Lena Muchin:

Die Schule machte einen niederdrückenden Eindruck. Von außen ging es noch, aber im Inneren…unabhängig von der Tageszeit, war es im Foyer der Schule immer dunkel. Eine Reihe zerschlissener  Durchreisender, hinter ihnen stand ein finsterer Wachmann, eine Horde Eltern, die sich ruhig untereinander absprachen – das alles machte den Eindruck irgendeines Regimeobjektes.

„Man hätte wenigstens Stühle hierhin stellen können.“

„Ach, als ob sie es nötig haben.“

„Man muss es auf der Versammlung ansprechen.“

„In der alten Schule war es anders.“

Auf der einzigen Bank saßen drei apashki (Alten) und schauten traurig in die Richtung des Schulfoyer . Einzelne Autos versuchten sich zum Foyer durch zu quetschen, aber ihre Bemühungen waren umsonst. Talgat schaffte es gerade so,  sich durch die dichten Reihen der genervten Eltern zum Wachmann durch zu schlängeln.

„Guten Tag!“

„Man darf es nicht.“

„Ich weiß, aber ich muss zur Lehrerin.“

„Rufen Sie sie an, sie geht dann selber raus.“

„Ich habe ihre Nummer nicht.“

„Dann ist es verboten.“

„Ich mache schnell, ich muss nur was besprechen,“

„Es ist verboten, gehen Sie, stören Sie nicht!“

Talgat ging zur Seite und in dem Moment läutete die Schulglocke. Die Eltern wurden plötzlich lebhaft, die Anzahl der Mobiltelefone wurde direkt größer. Die Absprachen mit den Kindern wurden  auf einem höheren Level der Lautstärke geführt.

„Wo bist du?“

„Bist du soweit?“

„Wie lange brauchst du noch?“

„Mach schneller, sonst kommen wir zu spät zu Karate!“

Innerhalb von wenigen Minuten füllte sich das Foyer mit Kindern. Sie alle schrien irgend etwas, zogen sich beim Gehen die Rucksäcke über, schleiften die Jacken auf dem Boden, wedelten mit den  Armen, kommunizierten über Mobiltelefone, gleichzeitig nach ihren Müttern und Vätern suchend. Wie immer entstand ein Stau an dem einzigen, funktionsfähigen Drehkreuz.  Talgat nutzte Die Eile und das Chaos aus, sprang unter dem Gestell durch und ging schnell in die zweite Etage. Dort fand er die Klassenlehrerin der vierten K, die Klasse, in der seine Nichte Dana Schülerin war. „Guten Tag, Gul’sira Karabaltaevna! Ich möchte zu Ihnen!“ „Guten Tag“ – von der heftigen Umdrehung des Kopfes neigten sich die Ohrringe zur Seite: „Wer sind Sie?“ Die ersten drei Jahre verbrachte Dana in Karaganda und ging dort zur Schule, dort war sie Einserschülerin. Mit Vergnügen tanzte sie, sang, spielte Klavier und las Gedichte in kasachischer, russischer und englischen Sprache und nahm an allen Veranstaltungen in der Schule teil. Sie war der Stolz der Klasse und der Traum eines jeden Klassenlehrers. Dana liebte die Schule und vermisste sie, ihre Klassenkameraden und ihre Lieblingslehrerin in den Ferien. Diesen Sommer zogen Danas Eltern nach Astana und meldeten Dana in die am nächsten gelegenen Schule an, ohne lange darüber nachzudenken. Danas Mutter war zu ihrer Zeit selbst Schülerin dieser Schule und sie hatte die besten Erinnerungen an diese. Aber in der neuen Schule konnte Dana nicht Fuß fassen. Talgats Schwester beschwerte sich eines Tages bei ihm, dass Dana die Schule ohne jeden Enthusiasmus besucht. Sie hatte kein Leuchten mehr in ihren Augen, die Hausaufgaben machte sie in aller Eile. Vor ein paar Tagen beispielsweise gab es in der Schule die Veranstaltung „Guten Tag, Herbst“! Und Dana nahm nicht nur daran nicht teil, sondern zeigte auch keinerlei Interesse. Herbarien, Basteleien, Malerei – das alles zog sie nicht an, und das war ein schlechtes Zeichen. Talgat sprach mit der Nichte und machte sich einiges klar.  So wie er verstand, war die ehemalige Lehrerin Danas sehr still, ausgeglichen und ließ keine lauten Auseinandersetzungen mit den Schülern zu. Selbst wenn sie jemanden zur Rede stellen sollte, machte sie es weich, ohne die Stimme zu heben. Die neue Lehrerin hatte eine laute und scharfe Stimme. Plus sie forcierte von Zeit zu Zeit ihre Stimme und schimpfte mit den untüchtigen Schülern. Wie zu ihrem  Pech, saß mit Dana am Nachbartisch ein sehr hibbeliger Junge. In der Schule war er nicht gut, deswegen war er oft das Objekt des pädagogischen Einflusses von der Seite der Lehrerin. Sie näherte sich ihrem Tisch, beugte sich über Dana und  begann dem Jungen die Meinung zu sagen. Sie hing direkt über Dana, diese igelte sich ein und war geblendet und hörte nichts mehr. Zu Dana selbst war die Lehrerin immer nett und diese Kritiken waren nie an sie gerichtet. Doch Dana war nicht an so etwas gewöhnt und verließ, so schien es, für einige Zeit die Realität. Sie schaute auf die Tafel oder ins Buch, verstand aber nichts und guckte stupide vor sich hin und das war’s. Natürlich, nach einiger Zeit, integrierte sich Dana in den Unterricht, doch in dieser Zeit geschah etwas im Klassenraum: Irgendwelche Aufgaben, das neue Thema wurde erklärt, und all das ging an ihr vorbei. Dementsprechend wurde Dana nervös, begann sich Sorgen zu machen.und dies führte zu einem wachsenden Desinteresse für den Unterricht. Talgat beschloss die Lehrerin Danas kennen zu lernen.

„Und überhaupt ist unsere Schule jedes Jahr eine Pilotenschule, in der ein neuer Lehrplan approbiert wird.“ Gul’sira Karabaltaevna erzählte Talgat schon seit zehn Minuten, ohne aufzuhören über die Erfolge der Schule und über sich selbst. „Ich habe selbst  letztes Jahr die Standard – Kurse absolviert und dieses Jahr die Kurse wieder aufgefrischt. Hier, schauen Sie. Gul’sira Karabaltaevna

zeigte stolz mit ihrer Hand auf die in einem schönen Rahmen hängenden, sich direkt neben der Tafel befindenden Zertifikate. Sie blickte auf Talgat, war etwas eingeknickt, als ob sie grübeln würde, darüber ob sie sprechen oder schweigen sollte und gab zu:

„Ich lerne gerade Englisch.“

„Das ist fabelhaft!“ Talgat versuchte, so viel wie möglich Offenheit in seine Stimme zu legen..

„Wären bloß alle Lehrer so wie Sie!“ Talgat stellte sich Gul’sira Karabaltaevna als Blogger vor, welcher sich für Neuheiten interessierte und sagte, dass er viel Gutes von dieser Schule gehört hat und über sie ebenfalls. Dies schien zu genügen, um festen Fuß zu fassen nach den vielen Zweifeln und Talgat mit einem Redeschwall zu überrumpeln. Gul’sira Karabaltaevna redete sehr selbstsicher mit einer gestellten Lehrerstimme und es schien als ob sie an all den Erzählungen Vergnügen fand. Doch Talgat schaltete nach ein paar Minuten ab und verfiel in eine Prostration. Von Zeit zu Zeit nickte er mit dem Kopf  und benutzte mit Begeisterung soziale Interjektionen, aber er verstand alles. Die Klassenlehrerin Danas hätte vor ca.  vierzig Jahren geboren werden müssen. Dann hätte sie eine gute Karriere im kommunistisch – parteiischen Arbeitsfeld gemacht. Und wirklich, mit ihrer lauten Stimme hätte sie von den hohen Tribünen die Faulenzer, Müßiggänger und Verbrecher vertrieben.. Das hohe Tembre ihrer Stimme passte ideal zur Entlarvung der weltlichen Bourgeoisie und den Aufruf zum Kampf für die helle Zukunft der Menschheit.

„Nur schreiben Sie bitte nicht auf Englisch, gut?“ Gul’sira Karabaltaevna nickte und ihre Ohrringe sprangen hin und her und begannen sich im Takt der Bewegung ihres Kopfes zu bewegen. „Denn mein Englisch hat zur Zeit noch ein sehr niedriges Niveau.“ „Verständlich,“ bestätigte Talgat.

„Meine Leser interessieren Fragen der kriteriellen Beurteilung. Was können Sie dazu sagen?“ Talgat hörte Gul’sira Karabaltaevna aufmerksam zu und bemerkte, dass er Kopfschmerzen hatte. Er dankte  der Lehrerin, versprach den Link auf seinen Blog zu stellen und ging heraus. In ihm reifte ein Plan.

„Dana , was macht die Schule?“

„Es geht.“

„Was gibt es neues?“

„Nichts neues.“

Talgat blieb extra etwas länger bei der Schwester und versuchte den Anschein des Zufalls zu wahren, um seine Nichte über die Schule zu befragen.

„Wie gefällt dir deine Lehrerin?“

„Es geht.“

„Kann sie gut erklären?“

„Ja.“

Dana war wirklich nicht danach, über die Schule zu reden. In der letzten Zeit widmete sie sich der Serie „Gravity Fols“, las das dazu gehörende Buch und hoffte, dass das Gespräch mit Talgat bald zu Ende ging. Talgat versuchte sie von der anderen Seite zu erreichen.

„Deine Mutter lobt sie sehr,“

„Mama? Lobt  Gul’sira Karabaltaevna?“ Dana wunderte sich sehr.

„Ja, sie lobt dich. Sie sagte, dass du trotz deines jungen Alters schon sehr begabt bist.“

„Das gibt es doch nicht!“

„Und dann sagte sie noch, dass sie eine sehr angenehme Stimme hat. Das ist krass.“

Dana war so verdutzt, dass sie ihr Buch zur Seite legte.

„Sagte sie nicht, dass Gul’sira Karabaltaevna so laut schreit als ob man sie schlachten würde!“

„Schreien? Auf dich?“

„Nicht auf mich, aber sie schreit!“

„Aber Dana, wir alle schreien manchmal.“

„Manchmal? Sie schreit die ganze Zeit! Und sie schreit nicht, sondern sie brüllt!“

„Wie, betritt sie den Raum und fängt an zu schreien ?“

„Nein, aber häufig.“

„Häufig, häufig?“

„Ja vor allem wenn Rainbek wieder Faxen macht.“

„Wer ist das?“

„Raumbek? Er sitzt neben mir.“

„Verstehe, das heißt die Lehrerin schimpft dann mit ihm, wenn er Unsinn macht.“

„Ja und sie schreit, so dass ich später Kopfschmerzen habe.“

Das konnte Talgat sehr gut verstehen. Wenn ihm als erwachsenem Mann fünfzehn Minuten ausreichten, um in den Untergrund zu fallen, was soll man dann über das Kind sagen, welches den halben Tag in einer solchen Atmosphäre verbringt? Es ist Zeit, entschied Talgat.

„Hör zu Dana, hat deine Lehrerin Ohrringe?“

„Ohrringe?“

„Ja, hat sie welche?“

„Klar.“

„Welche?“

„So längliche, mit roten Steinchen.“

„Sag mal Dana, wenn sie anfängt zu sprechen, wackeln dann ihre Ohrringe hin und her?“

„Ja klar, und wie!“

„Wackeln sie im Uhrzeigersinn oder entgegen dem Uhrzeigersinn?“

„Wie meinst du das ?“

„Schau, wenn es so ist, dann im Uhrzeigersinn, und wenn so dann dagegen den Uhrzeigersinn. Man sagt auch, dass sie sich drehen, verstanden?“

„Ja.“

„Also wackeln sie?“

„Ich weiß es nicht mehr, warum?“

„Schade, dass du dich nicht erinnerst! Das ist sehr wichtig! Kannst du dich beim nächsten Mal erinnern, in welche Richtung sich die Ohrringe bewegen, gut?“

„Gut.“

„Achte darauf, sie können sich in verschiedene Richtungen drehen. Präge dir das alles ein, gut?“

„Gut, Onkel Talgat, aber wofür?“

„Ich erkläre dir alles später. Und du kannst es dir so lange einprägen und aufschreiben. Dann erzählst du und zeigst mir alles.“

„Also gut.“

„Nur darfst du es niemandem erzählen. Das wird unsere geheime Forschung. Oki-poki?“

„Oki-poki!“

„Und damit du es leichter hast, können wir eine Tabelle anlegen.

Es verging eine Woche. Talgat besuchte seine Schwester. Von der Türschwelle kam Dana mit einem Notizblock auf ihn zu.

„Onkel Talgat, Onkel Talgat, schau!“ Danas Augen glänzten vor Erwartung etwas Ungewöhnlichen.

„Schau, ich habe alles notiert!“

„Zeig mal her…“ Talgat betrat das Zimmer, setzte sich an den Tisch und begann aufmerksam die Tabelle zu mustern.

Diese war beschriftet mit einer Tabelle, die mit Ziffern gefüllt war – mit der Schrift einer Einserschülerin. In dem Bereich Zusätzliches befanden sich einige Kommentare.

„Hier, schau,“ Dana zeigte mit dem Finger auf den Anfang der Tabelle.

„Als sie am Montag begann Raimbeg anzuschreien, begannen ihre Ohrringe hin und her zu wackeln, drehten sich aber nicht. Und während des Lesens begannen sie sich zu drehen. Nur konnte ich nicht direkt die Richtung bestimmen.“

„Was sind das für Zeiger?“

„Das bedeutet, dass sie sprangen. Nach oben und nach Unten, Schau, am Dienstag sieben Mal, und am Donnerstag…“

„Und was steht hier geschrieben?“

„Da habe ich geschrieben, dass die Ohrringe auf dem einen Ohr anders springen als auf dem anderen.“

„Oha! Das ist sehr interessant! Warum ist es so?“

„Keine Ahnung.“ Dana schaute Talgat verwirrt an. „Warum ist es so?“

„Nun, ich weiß es auch nicht!“ Talgat kratzte sich am Nacken. „ Das ist für mich unerwartet. Man muss es noch beobachten.“

„Noch?“

„Natürlich, du hast eine sehr interessante Gesetzmäßigkeit entdeckt.“

„Welche?“

„In der Wissenschaft sagt man dazu asynchronische Bewegung des oberen Teils des Körpers!“

„Was? Welche Bewegung?“

„Asynchrone!“

„Was bedeutet das ?“

„ Lass uns das so machen, Dana. Du beobachte weiter und ich versuche den Mechanismus der Entstehung dieser Fluktuierungen zu verstehen.“

„Fluktuierungen?“

„Ja. Und es ist gut möglich, dass du und ich ein neues Naturgesetz entdecken! Stell dir vor, es wird das Gesetz  von Dana und Talgat sein.“

„Oho!“

„Und vielleicht werden wir beide eine Doktorarbeit darüber schreiben“

„Wau! So wie Ataška?“

„Ja, und damit du es einfacher hast, lass uns die Tabelle erweitern.“

„Ja, lass uns das machen!“

Eine Woche verging. Dann eine weitere.

Jeden Samstag beschäftigten sich Talgat und Dana mit der Tabelle, welche mit jedem Mal größer und vielseitiger wurde. Die goldenen Ohrringe mit den roten Steinchen hatten die Tendenz sich in Abhängigkeit vieler Faktoren zu bewegen: der Frisur, der Laune, der Lautstärke des Schreis, der Art des Unterrichts und sogar des Wetters. In Dana erwachte ein zukünftiger Gewinner des Nobelpreises.  Sie hatte jetzt keine Angst vor der lauten Stimme der Lehrerin, sondern im Gegenteil,  sie wartete darauf, dass diese erklingt um sich alle Nuancen der Bewegung der wundervollen Ohrringe zu merken. Einmal zweifelte sie und gab vor Talgat zu, dass sie es einmal nicht schaffte eine neue Bewegung der Ohrringe zu registrieren und  so musste sie in der letzten Unterrichtsstunde 

Raimbek an zu stupsen. Dieser schubste sie als Antwort darauf und sie bekam eine gute Möglichkeit eine Beobachtung an diesem Tag zu machen. In Wahrheit, um dieses Ereignis zu beurteilen, kamen sie zu dem Schluss, dass dies nicht richtig ist und gegen die Ethik der Wissenschaft verstößt.

Parallel zur Wissenschaft, hatte Dana nun auch Erfolge in der Schule. Das erste Viertel schloss sie als Einserschülerin ab. In den Ferien beschlossen Dana und Talgat, dass genügend Material für eine ernsthafte Analyse gesammelt wurde und Talgat nahm alle Notizblöcke zu sich für die weitere Erforschung und Auswertung mit dem fakultativen Super-Computer..

Beim Elternsprechtag zu Beginn des zweiten Schulviertels lobte Gul’sira Karabaltaevna Dana. Sie nannte sie eine aufmerksames und konzentriertes Kind. Sie betonte, dass sie schon langem nicht solche bemühten und neugierigen Augen gesehen hat.

„Talgat, hör zu, gestern war Elternsprechtag von Dana und sie wurde sehr gelobt!“

„Das ist ausgezeichnet!“

„Danke dir, dass du Dana in Mathe geholfen hast. Sie sagte mir, dass ihr sehr fleißig wart.“

„Gar nichts für! Sie ist sehr begabt.“

„Ja natürlich, aber ich habe mir Sorgen gemacht und erinnerst du dich, wie ich dir erzählt habe, dass sie gar nicht zur Schule gehen wollte?“

„Ich erinnere mich.“

„Und jetzt rennt sie begeistert, wie früher, in die Schule. Ihre Klasse bereitet zur Zeit für Silvester ein Theaterstück vor. „Die Eiskönigin.“  Und Dana hat die Rolle der Gerda. Man kann sie gar nicht aus der Schule zurück holen!“

„Cool! Wie ist es mit ihrer Lehrerin?“

„Wunderbar einfach! Nur weißt du Talgat, als ich Dana davon erzählte, wie sie von Gul’sira Karabaltaevna gelobt wurde, fragte sie mich, wie sich ihrer Ohrringe bewegten. Irgendwie seltsam.“

„Ja, tatsächlich. Sehr seltsam. Aber mach dir keine Sorgen Schwester. In diesem Alter kommt so was manchmal vor.“

„Denkst du? Na gut, tschüss. Danke dir noch mal!“

„Tschüss.“

P.S. Von Talgat

So liegt in meinem Schrank meine und Danas vollbrachte, wissenschaftliche Forschung über die Asynchronität der sich drehenden Bewegung der Rubin-Ohrringe im Rahemen der Einführung eines neuen Inhalts der Ausbildung.

Vielleicht braucht es jemand?

Rezension zu: Aigerim Tazhi „Paper- thin -Skin 2019“ (Translated by J. Kates)

Von Lena Muchin

Aigerim Tazhi wurde im Jahr 1981 in Aktobe, in Westkasachstan geboren. Bis jetzt wurde 2004 ein Gedichtband mir dem Titel „БОГ-О-СЛОВ“ veröffentlicht, ein Wortspiel das als „GOTT-DER-WÖRTER“ gelesen werden kann. Sie bekam mehrere literarische Auszeichnungen, unter anderem war sie 2011 im Finale des ehrenvollen, russischen Preises für Poesie: „Debut“. Ihre Arbeiten wurden ins Englische, Französische, Polnische, Kasachische, Usbekische und Armenische übersetzt.

Tazhi war eine der BegründerInnen des literarischen Projekts „The Visible Poetry“ in 2008. Sie lebt in Almaty. „Ich lebe in Kasachstan“, sagt sie, „aber geboren wurde ich in der Sowjetunion. Wir hatten ein eigenes Land, eine gemeinsame Hauptstadt (Moskau) und die Amtssprache war russisch.  Deswegen sprachen wir in der Schule und auf der Straße russisch. Ich habe diese Sprache nicht gewählt. Dies ist einfach die Sprache, die ich seit meiner Kindheit gesprochen habe.“ Aus dem Russischen ins Englische übersetzt wurden die neuen Gedichte des Bändchens Бумажная Кожа (Paper-Thin-Skin) von J. Kates.

Mal mit Schwung, mal vorsichtig herantastend, mal phantasmagorisch erzählt Aigerim Tazhi in ihren Gedichten, von Menschen, die halb Tier sind: „В песочнице под грибком/ уснул челoвек-оборотень,/ наполовину волк,“ (In a sandbox under the playground mushroom/ a man-shapeshifter has fallen asleep/ half of him wolf) (S.124f.) und von Reisenden, die im Kamelschritt wandern(S.2). In ihrem manchmal fragmentarischen Charakter, erinnern die Gedichte an die Lyrik Vasko Popas. Doch auch die Andeutung auf das Nomadische ihrer Heimat, in ihrer Lyrik jedoch ein nomadisch – fluider Raum, Kasachstan, klingt hier an, so dass man sich direkt in die Weite des Meeres – der Steppe versetzt fühlt: Оттолкнушись от старого корабля/ бежит к берегу маленькая волна…/Одеялом мягок морской песок. (Pushed away from an old ship/ a little wave runsup on the beach…/ Onto sea and soft as a blanket) (S.138f.)und im folgenden Ausschnitt: Пусть слышат они только море,/ Стaрое море, новое море./А мы пока накричимся /и выкричим горе. (Let them hear only the sea,/ The old sea, the new sea./ While we keep crying out/ crying out our grief) (S.76f. )Die zentrale Rolle jedoch spielt hier der urbane Raum: Treppenhäuser, „Der Chor der Autos.“ usw. (S.82)Ebenfalls von Bedeutung ist die Natur innerhalb dieses Raumes: „Кажется, больше места/ Стало – ты будешь рад/ Старый лимон на лето/ Вынесли в сад./ В комнате слишком душно./ Тихие голоса/ Резко прервёт кукушка -/ белое брюшко,/ Пластмассовые глаза.

(It seems the more room/ there is – the happier you’ll be./ An old lemon for the summer/ Taken out to the garden./ The room is too stuffy./ Quiet voices/ A cuckoo suddenly breaks in-/ A white belly./Plastic eyes) (S.62f.)

Aus einem Interview mit der Autorin geht hervor, dass Heimat für sie keine eindeutige Bedeutung hat, diese, so die Autorin, trage in sich mehrere Bedeutungen. Für sie ist Heimat der Ort, an dem sie die Kindheit verbracht hat. Da ist alles bekannt, heimisch. Es muss nicht mal eine konkrete Stadt sein, sondern eine Kombination aus Natur, Klima , Essen, Menschen, Gerüchen und Wörtern:

„Мне кажется, что родина – понятие, у которого нет однозначного определения, оно несёт в себе очень много смыслов. Для меня родина – это место, где прошло моё детство. Всё там знакомое, родное. Но это даже не конкретный город, а некое особенное сочетание природы, климата, еды, людей, запахов, слов.“ Auf die Frage, ob Aigerim Tazhi irgendwann auf kasachisch schreiben wird, antwortet sie, dass sie in der Sowjetunion geboren wurde, wo die vorherrschende Sprache russisch war: „Это язык, на котором я говорю с детства, потому и стихи я пишу на нём.“ Ihr Projekt „Наглядная поэзия“ (nagljadnaja poäzija) beschreibt sie als Projekt von drei kasachstanischen Autoren, die sich dazu entschieden haben, Gedichte in einer anschaulichen Form zu präsentieren, den Leser dazu animierend, mit ihnen zu interagieren, sie anzufassen, sie zu riechen, zu essen, zu hören, sie aus Bruchstücken wieder zusammen zu fügen, sie zu brechen, zu entschlüsseln. In einer der kasachischen Galerien wurde eine Ausstellung eröffnet, wo Gedichte in Form von interaktiven Installationen vorgestellt wurden. Ein Exponat Tazhis war beispielsweise ein Rosenkranz, der beschriftet war mit Buchstaben, die Gedichte ergaben. Um Die Gedichte lesen zu können (eine Perle nach der anderen) musste man den ganzen Kreis durchgehen. Im Gedicht offenbarte sich ein Spiel der Sinne, wo von den Gedanken an Gott es weiter geht zu den Gedanken an ein Weltende. Ein weiteres Exponat Aigerim Tazhis war eine Schreibtafel aus Ton mit Gedichten beschriftet. Die Tafel lag auf dem Boden und die Menschen traten versehentlich darauf, wovon sie in Stücke zerbröckelte. Und um die Gedichte zu lesen, mussten die Besucher der Ausstellung aus diesen Bruchstücken ein Mosaik zusammen sammeln. Im Nachhinein war die Tafel so stark zerbröckelt,  so dass man die einzelnen Teile nicht mehr zusammenfügen konnte. Die Ausstellung ging nur ein Tag, weil die Mehrheit der Exponate nicht mehr existierte, kaputt war. Zum Abschluss lässt sich fest halten, was Oksana Trutneva über Tazhi geschrieben hat, hier wird sie von J. Kates in seinem Vorwort zu dem Lyrikband zitiert: „An einer imaginären Grenze zwischen Europa und Asien, zwischen der russischen und kasachischen Sprache, wirkt es als ob uns die Autorin in eine Welt führt, in der Grenzen nicht existieren, wo Sprachen und die Art zu denken sich vereinigen und das Wort zu einem Dirigenten in dieser Welt wird.“ (Oksana Trutneva, Novyj Mir, Moscow 2015, No. 12)

Ilja Odegov „Die Fluchten“ (Pobegi)

Übersetzt von: Lena Muchin:

Erste Flucht. Haus

Die Alte schlief auf der achten von neun Etagen, in einer Einzimmerwohnung, gekauft in einer Zeit, speziell um die alte Wohnung ihrer Tochter mit Mann und Kindern zu überlassen. Die Alte ging um zehn Uhr schlafen und stand mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Deswegen mochte sie es nicht, wenn die Nachbarn zu spät der Fernseher laufen ließen oder Musik hörten. Sie klopfte verbissen und schlaftrunken mit ihrem Krückstock auf die Heizung, aber die Nachbarn hatten sich daran gewöhnt und achteten selten darauf. Die Alte verließ das Haus seit Jahren nicht, nicht mal ins Treppenhaus ging sie. Die Welt, wie sie ihr erschien, war zu groß und unvorhersehbar. In dieser Welt konnte man nicht vorausahnen, wann man starb. Morgens und abends aß die Alte mit ihren Händen Frischkäse in ihrem Schlafzimmer. Und wenn es vor dem Fenster dämmerte, ging sie in die Küche um Tee zu trinken. Kleine Fliegen krochen vom eingeschalteten Licht in der Küche. Mit ihrer trockenen, rauen Hand zerdrückte sie diese soweit sie konnte. Sie fand darin ein besonderes Vergnügen. Manchmal, wenn die Mücken sich verkrochen, machte sie wieder das Licht aus, wartete ab und horchte hin und dann, wenn sie nach ein paar Minuten das Rascheln der Tüten hörte, machte sie wieder das Licht an und schlug die Mücken vor Freude lachend. An Wochenenden bekam sie Besuch von ihrer Tochter Dusja. Diese brachte ihr Frischkäse, Brot und Tee und räumte die Wohnung auf. Normalerweise sprach die Alte nicht mit ihrer Tochter, sondern verkroch sich im Bad und wartete ab bis die Tochter die Arbeit erledigt hatte. Wenn Dusja ging, machte die Alte die Badezimmertür auf, beeilte sich aber nicht, sondern wartete  bis der feuchte, rutschige Boden trocknete. Dann machte sie den Versuch, machte ein paar unsichere Schritte, sich auf den Krückstock stützend und ging zum Kühlschrank, um nach dem neuen Essen zu sehen. Manchmal, die Tochter hatte ihren eigenen Schlüssel, traf sie die Alte unerwartet, wenn sich diese weiter weg vom Bad befand. „Mama, ich bin’s“ sagte Dusja. Die Alte wusste nicht, worüber sie mit ihrer Tochter sprechen sollte. Sie nickte ihr zu und aß den Frischkäse mit den Händen, auf dem Bett sitzend, ohne die Augen auf die Tochter zu richten. „Mama, wie fühlst du dich?“ fragte die Tochter. Die Alte nickte wieder. Die Zeit verging langsam. Jede Woche war erfüllt mit kleinen, angenehmen Ereignissen. Die Alte klopfte auf die Heizung, zerdrückte die Mücken,  aß den Frischkäse und versteckte sich vor ihrer Tochter im Bad. Plötzlich änderte sich alles. An einem Samstag oder Sonntag, hinhörend wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, griff die Alte nach ihrer Krücke um ins Bad zu huschen. Sie stand vom Bett auf und fiel hin. Die in die Wohnung eintretende Tochter erblickte die Alte, die in einer unnatürlichen Pose auf dem Boden lag. Ohne zu blinzeln, schaute die Alte auf die Tochter. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah Dusja die Augen ihrer Mutter und dieser Blick verblüffte sie. „Ich dachte, sie sei tot“ sprach sie weinend zu ihrem Mann, der kam um dem Sanitäter zu helfen, die Alte ins Auto zu laden. „Es ist nur ein Bruch“ antwortete ihr Mann, sie beruhigend, „das wird verheilen. Sie ist eine kräftige Alte. Das wird schon.“ Im Krankenhaus waren viele Menschen. Die Alte wollte nicht vor ihnen sterben. Sie wollte nach Hause aber auf dem Weg ins Krankenhaus hat man ihr irgend etwas gespritzt, sodass sie sich nicht bewegen konnte. Die Alte beobachtete mit Neugierde, wie um sie herum Menschen in grauen Mänteln hin und her liefen und ihr schien, dass jeden Moment ein Licht angeht und eine riesige, raue Hand beginnt diese grauen Unmenschen zu greifen und zu erdrücken. Dann schlief sie ein und kam in einem lilafarbenen Zimmer zu sich, in dem es sauer roch. Ihr linker Arm trug einen Gips. Sie versuchte die Finger zu krümmen, die aus dem Gips heraus guckten und das gelang ihr. Eine kräftige Frau, das Nachbarbett machend, lächelte ihr zu. Die Alte wartete ab, bis diese das Zimmer verließ und beschloss aufzustehen. Sich umschauend, fand sie ihre Krücke nicht, atmete auf, schaute unter die Bettdecke und stellte mit Schrecken fest, dass sie fast nackt war und so nicht rausgehen konnte. Der Regen klopfte auf die Fenster. Die Alte schaute auf die sich leicht bewegende Uhr an der Wand, stellte fest, dass es fast zehn Uhr war, machte die Augen zu und schlief wieder ein. Morgens wurde sie mit irgend einem Brei gefüttert, ihr Gips wurde betastet und man zwang sie, Medizin einzunehmen. Nach dem Frühstück betrat die Tochter mit Ehemann und Kindern das Zimmer. Die Alte erkannte ihre Enkel, doch konnte sie sich nicht an ihre Namen erinnern. „Vadik, Tolik, begrüßt eure Oma“ sagte die Tochter als ob sie ihre Gedanken erraten hätte. Die Jungs schauten finster drein und murmelten irgend etwas. Die Alte drehte sich um. Die Tochter setzte sich neben das Bett, der Mann blieb stehen. „Mama, du wirst morgen entlassen“ sagte Dusja. „Der Arzt meinte, es habe keinen Sinn, dich im Krankenhaus zu behalten. Lieber wieder zu Hause regenerieren, aber unter Beobachtung. Du weißt doch, ich habe viel Arbeit und kann nicht den ganzen Tag bei dir bleiben. Im Allgemeinen haben wir beschlossen,“ sie blickte auf ihren Mann, dieser nickte, „wir haben beschlossen für dich eine Betreuerin zu besorgen. Wir haben sie schon kennen gelernt, eine wunderbare Frau. Die Alte freute sich wieder zu Hause zu sein. Aber in all den Tagen, an denen sie nicht da war, hat sich das Haus unmerklich verändert. Es schien so als würde es nach einem anderen Menschen riechen – nach etwas Unbekanntem, ein fremder, menschlicher Geruch. Die Alte verstand, dass das Haus sie verließ. Wenn sie früher eine Einheit bildeten wie eine Mutter mit ihrem Säugling, so ließ das Haus sie nun im Stich, ließ sie allein. Es war immer noch ihr Haus aber zwischen ihnen lag eine Leere. Sich eines Tages von ihr befreiend, konnte das Haus sie nicht zurück in seinen Bauch aufnehmen. Die Betreuerin versprach am nächsten Morgen zu erscheinen. Die Alte wollte alleine bleiben, aber die Tochter blieb bei ihr. Sie gab ihr zu Essen, machte dann ihr Bett. Half ihr sich hinzulegen und saß bei ihr, die Haare der Alten streichelnd und aufatmend. Als die Alte endlich eingeschlafen war, stand sie auf, wusch sich in der Küche und verließ leise die Wohnung, hinter sich die Tür schließend. Die Nacht war klar. Die Alte wurde vom Licht des Mondes wach. Sie stand auf, ging sicheren Schrittes durch die Wohnung, schaute ob die Tochter weg gegangen war. Ohne das Licht einzuschalten, setzte sich die Alte auf das Bett und zog sich langsam an, ungeschickt, nur mit der rechten Hand hantierend. Dann ging sie noch einmal durch die Wohnung, blieb im Flur stehen, mit der Wange an die Wand gelehnt, zog sich Schuhe an und ging heraus.. Von dem Licht im Aufzug geblendet, fuhr sie ins Erdgeschoss, drückte die Tür des Treppenhauses und fand sich draußen wieder. Neben dem Treppenhaus standen unbekannte, im Licht des Mondes glänzende Autos. Die Blätter der Bäume raschelten leise von der Bewegung des Windes. Sich auf die Krücke stützend, ging die Alte die Straße entlang. In den Häusern schien fast kein Licht, aber die Straßenlaternen beleuchteten ihren Weg. Sie ging bis zum Ende der Straße. Sie bog  auf gut Glück ab und befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs. Sie ging über den Platz und betrat das Gebäude. In seinem Inneren, trotz der frühen Stunde, standen und saßen Menschen mit Taschen, auf ihren Zug wartend. Die Alte setzte sich auf eine der Bänke. An ihr vorbei ging ein paar Mal eine Patrouille, die schlafende Obdachlose und Bettler von den Bänken verjagte. Es fing schon an hell zu werden, als der Zug endlich ankam. Die Menschen mit den Taschen eilten zu ihm und auch die Alte stand auf. Sie ging auf den Bahnsteig, schaute sich um und stieg, den anderen folgend, in den Zug. Der Zug fuhr los. Der Zugbegleiter ging durch den Waggon, bei den zugestiegenen  Passagieren die Tickets kontrollierend, bemerkte sie jedoch nicht. Bei der nächsten Station stieg die Alte aus. Das war nicht einmal eine Stadt, sondern ein Dorf. Ein paar alte Häuser, neben welchen Hühner ihre Spaziergänge machten. Es roch nach Rauch. Von der Station schlängelte sich ein kleiner Weg nach links. Dort, hinter den Bäumen, plätscherte ein Fluss oder Bach. Die Alte folgte dem Klang. Das Ufer war flach, daneben aus dem Wasser schaute die fauleNase eines gestrandeten  Bootes heraus. Auf der anderen Seite des Flusses tranken Pferde gierig das Wasser. Ein Wind kam auf. Die Alte hörte ein Quietschen hinter sich. Sie drehte sich um und sah zwischen den Bäumen ein schiefes Haus, das mit Hanf und Wermut zugewachsen war, sodass sie an diesem vorbei ging, ohne es zu bemerken. Ein Windstoß öffnete die quietschende Tür. Die Alte betrat das Haus, machte die Tür weiter auf, schaute rein und sah einen Tisch, einen halb auseinander genommenen Ofen und in der Ecke ein Bett. Sie ging hinein, stellte ihren Krückstock ab, legte sich auf das Bett, atmete vergnügt auf und schloss die Augen. 

Zweite Flucht. Die Beute

Der Sommer war still und warm, typisch für diese kleine Stadt. Im Allgemeinen war diese ganze Gegend, von Buchara bis Almaty, von Turkestan bis Dušanbe gewöhnt an die sommerliche, brennende Sonne. Die Vögel sangen nur in den Morgenstunden, dann wenn die Sonne etwas schwächer brannte. Danach vertrieb sie die Hitze von den Zweigen und die Menschen versteckten sich in Häusern, nur wenige betrieben Handel auf der Straße, mit Schweiß überströmt und darauf hoffend etwas zu verdienen dank der seltenen Touristen. Ibrahim verkaufte Souvenirs, die er zusammen mit seinem Bruder, dem einbeinigen Said, fertig stellte. Hier gab es Hörner von Argali – Schafen in silberner Fassung, künstlich alt aussehende Statuetten aus Stein, lackierte Schädel verschiedener Tiere, mit Mustern bestickte Gürtel und Scheiden, bronzene Schalen und grobe, männliche Ringe. Vor vielen Jahren war der mächtige Said ein großer Jäger, ein echter Batyr. Mit einem einzigen Messer jagte er Wölfe und Luchse aber das Schicksal führte ihn zu einer kleinen, schwarzen Steppenschlange, deren Gift Said zwar nicht tötete aber das Blut in seinem Bein vergiftete. Der Arzt  Zakir-Aka gab ihm Arrak zu trinken und hackte das Bein ab.

Nun wurde dieses ausgetrocknete Bein im Haus aufbewahrt, in dem die Söhne lebten. Danach ging Said nicht mehr auf die Jagd, lernte aber Tierhäute zu gerben, Metall zu schmelzen, Hörner und Stein zu bearbeiten. Die einheimischen Bewohner sagten, dass Said sein Bein als Opfer für Mangys gebracht hat, der sich in eine Schlange verwandelt hat, um von ihr Zauberkräfte zu bekommen. Ibrahim glaubte nicht daran. Er wusste, dass sein Bruder des öfteren auf der Vortreppe sitzt und irgendetwas summt, von einer zur anderen Seite schaukelnd. Said wollte, dass Ibrahim jagen geht, aber dieser war zu jung und zu zart dafür. Ibrahim mochte kein Blut, er kämpfte ungern, verließ immer den Kampf, wollte sich frei kaufen oder den Bruder um Hilfe bitten. Dafür schnitzte er Basteleien aus Horn und Stein, stach Muster auf dem Leder und färbte die Statuetten. Sie arbeiteten tüchtig und ihre Ware erlangte schnell Popularität. Sie machten einen Laden im Zentrum der Stadt auf, aber nur Ibrahim handelte und der einbeinige Said bevorzugte es zuhause zu bleiben, am Rand. Er war schon immer nicht gerade redselig und nachdem er sein Bein verloren hatte, hat er sich ganz verschlossen und sprach nur mit seinem Bruder. An diesem heißen Tag stand Ibrahim nicht vor dem Ladeneingang um Kunden anzulocken, sondern saß im Inneren des Ladens, umgeben von Schädeln und Schalen. Im Laden war es heiß, aber nicht so sehr wie draußen. Immer wieder ging Ibrahim raus, schaute sich um, aber der Marktplatz war leer. Im Schatten der Bäume lagen die Hunde mit raus gestreckten Zungen. Im Endeffekt beschloss Ibrahim, dass man bis zum Abend auf Kunden warten konnte, holte eine Strohmatte aus der Ecke heraus und  legte sich hinter die Ladentheke um  zu dösen. Er legte einen Reh-Schädel unter seinen Kopf, schlief schnell ein und begann zu träumen, einen Traum nach dem anderen. Er träumte von einem Löwen, der sich Said näherte. Said stand auf einem Bein, angelehnt an einen Baum und hielt eine Krücke in der Hand. Ibrahim betrachtete diese Szene von oben. Der Löwe näherte sich ruhig, ohne Interesse und Ibrahim verstand plötzlich diese Ruhe. Der Löwe brummt nur dann, wenn er einen Feind erblickt und Said war für diesen Jäger kein Feind. Er war ein neugieriger Fang. Der Löwe bereitete sich nicht auf den Kampf vor und auch nicht auf die Jagd – die Katze wollte bloß überprüfen, welches neue Spielzeug der Besitzer ihr gebracht hat. Unerwartet für sich selbst schrie Ibrahim: „Bru-u-uuder, Bruder hab keine Angst!“ Und er fand sich auf dem Boden wieder schreiend und mit den Händen wackelnd, fast blind von der sinnlosen Wut, und lief auf den Löwen zu. Je mehr er sich näherte, desto schwerer und langsamer wurden seine Bewegungen, als ob die Luft sich verdichtete wie Wasser. Und genau so langsam drehte der Löwe seinen schweren Kopf zu ihm, das Maul öffnend. Und als der Blick des Löwen Ibrahim mit seinen gelben Augen streifte, schrie Ibrahim auf. Der Speichel des Löwen und die stinkende Glut landeten in seinem Gesicht. Im Traum bemerkte er, dass irgendetwas seinen Kopf berührte. Ibrahim erwachte sofort, feucht und heiß, machte die Augen auf, streifte mit der Hand sein Gesicht, als ob er sich vom Traum befreien wollte, und sah Blut auf seiner Handfläche. Er zitterte und stand ungeschickt auf. Dann schaute er in die bronzene Spiegelschale und sah, dass Blut aus seiner Nase und seinen Ohren floss. Ibrahim zog sein Hemd aus, wischte sich ab und verließ den Laden. Die Sonne war fast untergegangen, die Hitze ist weniger geworden und auf der Straße sah man Spaziergänger. Sie schauten verwundert auf den halbnackten Ibrahim, riefen ihm zu, aber er hörte nichts. Irgend eine Frau näherte sich ihm und berührte seine Schulter. Ibrahim wollte ihr Gesicht sehen, doch er sah nur einen Umriss.

Unweit von zuhause kam er langsam zu sich. Er kam an, wusch sich mit dem am Tag aufgewärmten Wasser aus dem blechernen Waschbecken auf dem Hof und probierte das Blut vom Hemd zu waschen. Er hat es nicht geschafft und hängte dieses auf den Zweig eines Kirschbaums. „Said, ich bin’s,“ sagte Ibrahim und öffnete die Tür, „ich bin’s.“ Im Haus war es dunkel. Said mochte es nicht, das Licht einzuschalten. Ibrahim kam rein, holte ein anderes Hemd heraus, zog sich an und ging durch das Haus. Die Stille des Hauses verblüffte ihn nicht: Said war entweder eingeschlafen oder er arbeitete in der Werkstatt, ein extra dafür eingerichteter Stall im Hinterhof. Ibrahim ging in die Küche, schnitt sich ein Stück Brot ab und nahm sich ein Stück gedörrtes Hammelfleisch. Er sagte ein kurzes Gebet auf und aß zu Abend, dazu trank er Milch. Er fegte die Krümmel vom Tisch in seine Hand und warf sie sich in den Mund, stand auf und ging in den Hinterhof. Said war nicht in der Werkstatt. Waschtröge mit frischem Leder standen da und es roch nach Tabak. Ibrahim fing an, sich Sorgen zu machen. Er kehrte zurück ins Haus und stieg hoch in Saids Schlafzimmer. Ibrahim öffnete leise die Tür, um den Bruder nicht zu wecken und erblickte das leere Bett und die im ganzen Zimmer verstreuten Sachen. Über dem Bett schimmerte schwarz die Kontur eines alten,

doppel- äugigen Gewehrs des zwölften Kalibers, das Lieblingsgewehr Saids, welches schon lange als Dekoration diente. Ibrahim verstand plötzlich, dass sein Bruder auf Jagd gegangen war und er erinnerte sich an seinen Traum. Sicher aber resigniert ging Ibrahim raus auf den Hof. „Said“ schrie er. Von seinem Schrei tauchten im Himmel Sterne auf und fingen an zu glitzern. Ibrahim hatte das Gefühl von Weitem, aus den Bergen einen antwortenden Schrei zu hören und machte sich gedankenverloren auf den Weg dorthin. Er rannte durch die Büsche, nicht auf die Pfade achtend, bis er am Fluss ankam. Ibrahim bemerkte, dass er nicht durch den Fluss waten konnte und bewegte sich am Ufer entlang. Er versuchte wieder nach dem Bruder zu rufen, aber erhielt keine Antwort. Die Einbildungskraft zeichnete Ibrahim, das irgendwo im Dunkeln, Raschelnden und voller Augen des Waldes eine große Katze mit Pinseln auf den Ohren leise aus Saids Bauch zu Abend isst und ihre Katzenkinder, schmutzig vom Blut die Stelle erstaunt kontrollieren, wo normalerweise ein Bein sein sollte. In der Nacht, zitternd vor Angst und Kälte, kehrte Ibrahim endlich heim. Die Tränen zurück haltend, umging er noch einmal das ganze Haus, in der müden Hoffnung, dass Said zurück gekehrt war. Ibrahim glaubte immer mehr an die Realität seines Traums und machte sich Vorwürfe, dass er ins Geschäft gegangen war. Zu hoch flogen gestern die Krähen, den schwülen Tag ankündigend, das bedeutete die Abwesenheit der Kunden. In der besonderen, grellen Stille des leeren Hauses, verstand Ibrahim, dass er alleine geblieben ist. Es gab niemanden mehr, der das Leder  gerben konnte und den Stein bearbeiten. Niemand würde ihm helfen und ihn beschützen. Aus seiner Nase lief wieder Blut. Ibrahim wischte sich die Nase ab und ging hoch in Saids Zimmer. Es roch hier immer noch nach seinem Bruder. Er setzte sich auf sein Bett und bemerkte ein lang gestrecktes Paket, das hinter dem Bett in der Ecke stand. Er deckte das Papier auf und sah das ausgetrocknete, dunkel angelaufene Bein des Bruders. Schluchzend drückte er es an sich und fing laut an zu weinen.

Dritte Flucht. Sorge

„Dus’ka, fang sie! Fang sie schon! Bleib stehen du Luder!“ Dusja drehte sich um und erblickte Baba Katja, welche den Rock hoch zog und schweren Schrittes, hinter der im Hof gut bekannten, roten Katze mit dem charakteristischen Namen Urka her ging. „Ich meinte nicht dich, ich meinte sie,“ schrie im Gehen die Alte Katja. „Hat alle Kappelane aufgefressen, das Luder. Womit soll ich nun Il’jušenka füttern?“ Dusja erinnerte sich an den rot-wangigen, wohlgenährten Il’juška – den siebenjährigen Enkel von Baba Katja und lachte ungewollt. Urka erblichte Dusja, hielt kurz an und bewertete die Situation und sich graziös streckend, sprang sie auf den Baum, von wo aus sie von den Dächern der Garagen verschwand. „Komm ja nicht wieder, ich töte dich!“  warnte sie mit einer Faust Baba Katja, die neben Dusja stehen blieb. „Uf, das ist wirklich Frühsport. Und du? Warum besuchst du mich nicht?“ „Ich habe keine Zeit Baba Katja, viel Arbeit.“ „Die Arbeit ist kein Wolf, sie fragt nicht nach dm Essen. „Und was für ein Wolf,“ lachte Dusja. „Wie geht es den Kindern?“ „Die sind bei Andrjuša.“ „Arbeit ist Arbeit, und die Kinder muss man lieben,“ wackelte mit dem Kopf Baba Katja. „Gut, ich gehe jetzt, wenn du Zeit hast, komm vorbei.“  „Auf Wiedersehen, Baba Katja.“ Dusja hatte wirklich keine Zeit. In der Porzellan-Fabrik, wo sie sechs Jahre lang als leitende Buchführerin gearbeitet hat, hat sie nicht einen Rubel gestohlen. Man hielt sie für ein albernes Arbeitspferd. Um es genau zu sagen, kannte sie ihre Arbeit gut und abgesehen von ein paar finanziellen Angelegenheiten der Fabrik, führte sie Buch bei einigen kleinen, nicht bekannten Firmen. Ihre steuerlichen Berichte waren bis zur Kopeke immer genau, die kalligrafische Schreibschrift diente als Schmuck für jedes beliebige Dokument und die großen biblischen Augen riefen keine Zweifel an der Ehrlichkeit hervor. Dusjas Ehemann,  Andrjuša hat sein ganzes Leben als Geschichtslehrer in der Schule gearbeitet und brachte nur wenig Geld nach Hause. Dessen schämte er sich. Und die beiden Söhne, Tolik und Vadik, beide geboren in den ersten Jahren ihrer Verbindung, hatten noch viele Jahre Schule vor sich, dafür aßen sie jedes Jahr umso mehr. Im Allgemeinen spürte Dusja immer, dass das Geld fehlt, selbst dann wenn sie genug davon hatten. „Was soll man mit dir machen?“ fragte Andrjuša sie. „Du kannst nicht das ganze Geld verdienen, erhole dich. Ich habe Kartoffeln gekocht, Salat gemacht, Die Jungs und ich haben schon gegessen. Und ich mache so lange das Bett. Geh schon, geh.“  Andrjuša war Lehrer von Berufung. Die Schüler liebten ihn und er konnte die nächsten Treffen mit ihnen kaum erwarten. Manchmal kamen die Schüler zu ihnen nach Hause, brachten Flugzeugteile, verletzte Katzen  und Taubeneier mit. Sie schauten  Andrjuša in die Augen, fingen jedes Wort von ihm auf, warteten auf ihn nach dem Unterricht, Andrjuša war dankbar für ihre Aufmerksamkeit und beeilte sich selbst, um ihnen zu helfen, sie zu unterstützen und um sich mit ihnen zu beraten. Manchmal trafen sie sich im Park, ab und zu lockten sie die vorsichtigen Park-Eichhörnchen zu sich um sie aus der Hand zu füttern. Sie zählten die auseinander gehenden Kreise auf dem alten Baum, fuhren mit Katamaranen auf dem See, mit den Pedalen quietschend. Natürlich gab es in der Schule mehr solcher Schüler, die zuhause blieben, um Fern zu schauen, nur mit Faulheit zum Unterricht gingen, jene, die Nintendo und Gameboy im Unterricht spielten, mit den Feinden in der virtuellen Welt kämpften und die Daumen bewegten. Aber es fanden sich oft genug jene, die ihre Zungen vor Mühe ausstreckten, Segel aus Papier ausschnitten, für selbst gemachte Schiffe, bastelten und schnitzten.

Tolik und Vadik folgten ihrem Vater wie angeklebt. Er liebte sie ohne Wenn und Aber, war manchmal streng und versuchte sie nicht mit überflüssiger Beachtung zu verhätscheln. In der Gegenwart von Gleichaltrigen war  Andrjuša ihnen gegenüber nie nachsichtig und wenn diese schmollten oder dreist wurden, dann gönnten sie sich wie jeder andere Junge einen kalten, schnippischen Blick. Und je mehr sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollten, desto weniger gelang es ihnen. Bis jetzt beschäftigte sich Andrjuša mit der Erziehung. Dusja verdiente das Geld. Jedes Mal kehrte sie von der Arbeit mit Taschen nach Hause. Sie brachte Kartoffeln und Wurst nach Hause, Männersocken und Unterhosen für die Kinder, Waschpulver und Toilettenpapier. Im Winter, wenn Andrjuša mit den Kindern im Schnee spielte und auf Ski-Wanderungen ging, saß Dusja auf der Arbeit und stellte Listen zusammen, was man kaufen sollte, wohin man gehen und was man machen sollte und wie man das alles in kurzer Zeit erledigen könnte. Am meisten wünschte sie sich, das Leben zu meistern. Nachdem ihre Mutter verschwunden war, wurde Dusja leichter ums Herz, die Sorgen wurden weniger. Insgeheim war sie froh darüber, dass ihre Mutter verschwunden war, vieles wurde einfacher, weniger Sorgen, obwohl sie es vor sich selbst nicht zugab. Aber innerhalb eines Jahres wuchsen die Preise fast um das Doppelte,  Andrjušas Verdienst dagegen nicht und nur dank ihres Gehaltes konnte man auf irgendetwas hoffen. Sie fühlte sich für das Leben ihres Mannes und ihrer Kinder verantwortlich, für ihre Gesundheit, für ihre Zukunft. In ihrer Freizeit machte Dusja Schemata, die Auslegungen beinhalteten über besonders gute Universitäten, Arbeitsorte und Bräute. Sie fantasierte nicht, im Gegenteil, sie skizzierte sehr realistisch wahrscheinliche Szenarien und suchte nach Wegen, wie man die Söhne in die richtige Richtung lenken konnte, zu ihrem Glück, zu einem komfortablen Leben. Eines Tages, als sie spät nach Hause zurück kehrte, ging die müde Dusja zu ihren Kindern, schaute sie an und wunderte sich über ihren Schlaf. Sie rochen nach Ruhe und Vertrauen und ihr Schlaf war tief und sorgenlos. Dusja spürte plötzlich die Unabhängigkeit ihrer Söhne. Das war sie, die vom Geld abhängig war, von Arbeit, von der Familie. Sie war es, die danach strebte,  Andrjuša und die Kinder glücklich zu machen, doch auch ohne das sahen ihre Gesichter frei und glücklich aus. Dusja fand es sehr gut. „Undenkbar“ flüsterte sie morgens besorgt, die Papiere auf ihrem Tisch ordnend. „Das ist einfach unmöglich. Ich bin alles für sie. Ich ernähre sie, ich kleide sie ein und die? Schlafen! Die Undankbaren! Und er ? Hat Kartoffeln gekocht, das Bett gemacht und es sieht so aus also ob es nicht ich bin, die sich Sorgen macht, sondern er  sich um mich sorgt, nichts der gleichen!“

An diesem Tag kehrte sie früher nach Hause, mit dem Wunsch, alles zu regeln. Es war niemand zuhause. Es wurde nicht einmal ein Zettel mit der entsprechenden Nachricht hinterlassen.  Andrjuša und die Jungs kehrten erst anderthalb Stunden später zurück. Glücklich, lachend, ganz rosa vom Frost. Sie drangen in das Haus mit Ärmeln voller Schnee, Taschen und rannten einer nach dem anderen ins Bad, sich gegenseitig schubsend und schmutzige Pfützen hinter sich hinterlassend. „Oh, Mama!“ sah Tolik sie endlich. Vadik nutzte die Pause, schlüpfte ins Bad und raschelte hinter der Tür.  Andrjuša verstand, dass er Schuld war und begann ihre Spuren zu verwischen. Sie aßen gemeinsam Abendbrot. Dusja wünschte sich ein warmes, familiäres Abendessen. Sie haben sich schon lange nicht mehr gemeinsam versammelt aber  Andrjuša verließ sie und ging fernsehen, irgend eine historische Sendung, auf die, so schien es, er schon seit zwei Wochen gewartet hat. Die Jungs wurden schnell satt und begannen, lachend, sich mit Essen zu beschmeißen. Auf sie blickend, begriff Dusja, das sie nachgegeben hatte. Es gab wahrscheinlich irgendeinen Tag oder eine Stunde, als die drei sie umgangen haben und alles was ihr blieb, war sie mit dem Notwendigen zu versorgen, so dass sie es sich schnappen konnte, an ihr vorbei laufend. Dusja bemerkte, dass nicht sie anders waren, sondern sie selbst und während sie zu dritt waren, blieb sie allein. Alles drehte sich um die drei: Essen, Kleidung, Wohnung, alles was sie wert schätzten, gehörte ihr, nur die drei gehörten ihr nicht. Die Jungs fingen an zu kämpfen, sich an der Kleidung ziehend und auf dem vom Essen glatten Boden rutschend. „Was zum Teufel?“ dachte Dusja, wünschte allen eine gute Nacht und verschwand im Schlafzimmer. Sie verfügte nicht über besondere Einbildungskraft, konnte sich jedoch strategisch an die Lösung von Aufgaben herantasten. Die Strategie war einfach. Die Operation selbst sollte innerhalb von ein, zwei Stunden gemacht werden. Am schwierigsten war es mit der Sprache. Dusja sprach nur russisch, englisch lag ihr nicht und das bedeutete, dass der Kreis sich nicht um die ehemalige sowjetische Republik drehte. Am Morgen des nächsten Tages fuhr sie ins Reisebüro zur Fluggesellschaft, informierte sich über die Flüge und buchte einen Flug für den Abend. Sie kam wie gewohnt zur Arbeit, pünktlich. Sie aß zu Mittag, und verließ ihren Platz nicht, sondern fragte ihren Kollegen, ob er ihr etwas aus der Kantine mitbringen kann. Um fünf Uhr abends ging sie runter zur Kasse und bat Ženečka, die Kassiererin den Erlös selbst zur Bank zu  bringen. In der Bank angekommen, anstatt die Rechnung zu vervollständigen, stellte sie die Dokumente einer der Firmen vor als Finanzdirektorin (dies war ihre Stellung) und bat, ihr in großen Scheinen sechzig Prozent der Gesamtsumme auszuhändigen. Danach führte Dusja die gleiche Operation in anderen Banken durch. Nach der vorläufigen Rechnung zu urteilen, sollte die Summe für ca. zwanzig Jahre ausreichen. Dass man sie suchen würde, beunruhigte Dusja nicht. Selbst wenn sie jemand in der Liste der Passagiere fand, wird wohl keiner damit rechnen, dass sie sich mit solch einer Summe in Zentralasien abgesetzt hat. Und außerdem ist sie eine professionelle Buchführerin, sie weiß schon, wie man jemanden auf die Pfote haut, damit sie für immer in Ruhe gelassen wird oder im Zweifelsfall gefälschte Dokumente bekommt. Deswegen, ohne sich zu verstecken, hielt Dusja ein Taxi an, betrat den Flughafen, füllte ruhig die Anmeldung aus und gab sie dem Grenzbeamten, ihn mit ihren großen, biblischen Augen anblickend, ohne einen Zweifel an ihrer Ehrlichkeit zu hinterlassen. Und als nach ein paar Minuten das Boarding angekündigt wurde, war sie eine der ersten, die sich in die Reihe stellten. Als das Flugzeug abhob, erinnerte sie sich an Baba Katja, welche ihren Liebling, einen gemästeten Enkel namens Il’jušenka, betüdelte. Sie erinnerte sich daran, wie Baba Katja schwer atmete, wie sie die freche Urka  nicht einholen konnte und die atmete und sprach: „Arbeit ist Arbeit aber  Kinder muss man lieben.“ „Kann sein,“ dachte Dusja. Als man den Passagieren erlaubte die Gurte ab zu schnallen, schloss sie das Fenster ohne den Wunsch sich umzublicken und bat die Stewardess um einen doppelten Scotch, eine Decke und  Hausschuhe.

Die vierte Flucht. Das Amulett

Aus den biegsamen Zweigen von Süßholz und Karagač webte Said ein großes Netz um das Wildschwein nach Hause zu schleppen. Er kam nur langsam voran, das Wildschwein wog mehr als Said. So ein Tier traf man selten in dieser Gegend. Aus dem rosa Schleim am Maul schauten lange, weiße Stoßzähne heraus und aus dem Bauch, der mit einem Messer durch geschnitten wurde, rannte Blut. Said machte sich Sorgen, dass das Blut andere Jäger anlockt, konnte jedoch nicht schneller gehen. Mit einer Hand stützte er sich auf die Krücke und mit der anderen hielt er das über die Schulter geworfene Ende des Netzes. Als die Sonne untergegangen war, verstand Said, dass er sich ausruhen musste. Um zu Kräften zu kommen, trank er Blut aus dem Bauch des Wildschweins bevor es nicht ganz gerann und band das Netz bequemer um, die beiden Enden der Schlaufen verbindend –  nun konnte er nicht sie über die Brust werfen und die Hand befreien. Von Weitem hörte er den Schrei eines Nachtvogels: „Saiiid.“ Said dachte an Ibrahim, stand auf und machte sich wieder auf den Weg. Am Fluss angekommen, fand er nicht direkt den Übergang, bestehend aus ein paar über die Strömung geworfenen breiten Bretter. Der Fluss war schmal und die Bretter nicht sehr stabil, deswegen ging er erst einmal selbst ans andere Ufer und zog die Beute erst dann hinter sich. Als er das Haus erreichte, begann es schon hell zu werden. Said ließ das Wildschwein in der Mitte des Hofes liegen und setzte sich selbst auf die Vortreppe des Hauses. „Ich bin wieder Jäger, Bruder!“ schrie er. Die erwachten Vögel zwitscherten in den Bäumen. Said stand auf, betrat das Haus und ging in das Zimmer. Ibrahim lag auf seinem Bett, blass und zerzaust, das dunkel gewordene, trockene Bein Saids umarmend. Said setzte sich neben ihn und streichelte seine Haare. Ibrahim zitterte und machte die Augen auf. „Du hast wieder geblutet“ wackelte Said mit dem Kopf und berührte sein Gesicht, „das ist nicht gut, Bruder.“ Morgens ging Ibrahim nicht in den Laden. Gemeinsam mit Said schlachteten sie das Tier aus, zerteilten es, salzten das Fleisch und hängten es im Schatten auf. Hufen und Kopf brachten sie in die Werkstatt. Während die Hitze anhielt, ging Ibrahim nicht in die Stadt, aber innerhalb weniger Tage änderte sich das Wetter, Wolken zogen auf, es wurde kühler. Said saß lange in der Werkstatt und bereitete aus dem Wildschweinkopf eine Vogelscheuche vor. Bevor er in den Laden ging, betrat Ibrahim das Zimmer des Bruders und sammelte alte Patronen ein. Er legte sie ordentlich in die Kiste und versteckte sie in der Küche in mitten der anderen Kisten, in denen Möhren und Zwiebeln lagerten. Auf dem Marktplatz waren viele Ausländer. Ibrahim konnte sie schon anhand ihrer Figur, Kleidung, anhand ihres Verhaltens und ihrer Sprechweise erkennen. Die Amerikaner hatten Shorts an, sprachen so als ob sie Wörter zerkauten und gingen mit den Einheimischen gönnerhaft um. Die Deutschen und Engländer lächelten schreckhaft. Fast ohne zu handeln, kauften sie alles Mögliche und sahen dabei aus wie Welpen, begeistert und verlassen. Russen dagegen handelten händeringend, stritten untereinander, doch manchmal in der Flut der Großzügigkeit, konnten sie jede Ware kaufen, für jeden Preis. Nur Japaner und Koreaner kauften fast nie etwas, verhielten sich aber immer ruhig und unaufdringlich, sich verneigend und mit ihren Kameras klickend. Ibrahim hat seit seiner Kindheit seine Sprache gesprochen sowie das Russische, und nun konnte er ebenso andere Sprachen verstehen, konnte von sich auf englisch und deutsch erzählen. Der Handel lief gut und Ibrahim war zufrieden. Abends schloss er das Geschäft und betrat den Nachbarladen, um Salz und Farbe zu kaufen. Mit den Einkäufen den Laden verlassend, erblickte Ibrahim eine Frau, die mit Neugierde die Vitrine seines Ladens betrachtete. Die Frau spürte seinen Blick, lächelte ihn an und fragte: „Ist das Ihre?“ Ibrahim nickte. Er kam näher, machte die Tür des Ladens auf und das Licht an. Die Frau betrat mit Neugierde den Laden. „Seitdem ich hier bin, kann ich mich nicht dran gewöhnen,“ sagte sie, „hier macht alles so früh zu.“ „Nachts soll man nicht arbeiten,“ antwortete Ibrahim. „Das Geld liebt den Tag.“ „Wie interessant das ist, was Sie sagen,“ lächelte die Frau. „Geld…Gel…d, wie habe ich es früher nicht bemerkt.“ „Soll ich Ihnen helfen?“ fragte Ibrahim. „Was suchen Sie?“ „Ja, vielleicht können Sie mir helfen“ nickte sie nachdenklich. „Wie heißen Sie?“ „Ibrahim.“

„Ibrahim, haben Sie…ähm,“ sie dachte nach, „Amulette? Talismane? Für das Glück.“ Ibrahim zog unter seinem Hemd seinen Tumar hervor und zeigte ihn ihr: „So etwas?“ „Ja, ja“ freute sich die Frau. „Nur ein gutes, starkes.“ „Habe ich da“  sagte Ibrahim, „nur nicht hier, zuhause. Und er ist teuer.“ „Das macht nichts,“ wedelte die Frau mit der Hand und lachte. „Nun gehen wir also zu Ihnen? Wo wohnen Sie?“ Ibrahim wurde etwas verlegen. „Brauchen Sie es jetzt direkt?“ fragte er noch einmal. „Ja,  machen Sie sich keine Sorgen, ich bettele nicht um Gastfreundschaft, kann an der Tür warten.“ „Folgen Sie mir,“ sagte Ibrahim nachdenklich. Das Haus befand sich fast am Stadtrand  und die Frau konnte nicht so schnell gehen wie Ibrahim. „Said, ich bin’s!“ schrie Ibrahim, den Hof betretend. „Wer ist Said?“ fragte die Frau erschrocken. „Mein Bruder,“ antwortete Ibrahim. „Warten Sie hier, ich komme gleich.“ Der Hof war mit Steinen ausgelegt, zwischen ihnen wuchs Gras, auf dem großen Baum links hing eine Laterne und ein Käfig mit irgend einem großen Vogel. Unter dem Baum stand ein Waschbecken und daneben ein Tisch und ein paar Hocker. Die Frau wartete ein paar Minuten ab, setzte sich auf einen von diesen und begann die um die Laterne fliegenden Insekten zu beobachten. Endlich kam Ibrahim aus dem Haus. Hinter ihm, auf die Krücke stützend, ging der einbeinige, finstere Rauschebart mit einer weißen Tjubetejka auf dem Kopf. Die Frau stand schnell auf und berührte mit den Händen ihr Kleid. Die Brüder näherten sich ihr. „Ich bin Said,“ sagte der Einbeinige, „und ich Evdokeja…“ lächelte die Frau, „man kann mich auch Dusja nennen.“

„Nehmen Sie Platz,“ sagte Said, „möchten Sie Tee trinken? Ibrahim bringt gleich welchen.“ Said schwieg aufmerksam in der Zeit als Ibrahim weg war und Dusja wusste nicht, wie man diese Stille unterbrechen sollte. Sie wusste nicht, worüber man mit diesem Said reden sollte, behielt ihn aber im Blick, sich bemühend, ihn besser zu erkennen. „Eigentlich wollte ich ein Amulett kaufen,“ hielt sie es endlich nicht aus. „Ibrahim sagte, dass…“ „Ja ja, er bringt es gleich,“ sprach leise Said und schaute sie an. Ibrahim kam mit einer Teekanne zurück, mit Schälchen und einem Fladenbrot. Said begann mit Ibrahim ein Gespräch in einer für Dusja unbekannten Sprache zu führen. Sie biss ein Stück vom Fladenbrot und trank dazu einen Schluck Tee. Das Brot roch nach Thymian, der Tee nach Ingwer. Sie fühlte sich nun gut und beruhigt. Die Blätter raschelten vom Wind, im Gras sangen verschieden sprachige Grillen. Nachtschmetterlinge vom Licht der Laterne geblendet, fielen manchmal auf den Tisch und Dusja fegte sie auf den Boden. Endlich, als ob er es mit dem Bruder besprochen hätte, drehte sich Ibrahim zu ihr und nahm aus der Hosentasche ein Päckchen heraus. „Hier,“ sagte er, „gut, stark.“ Sie nahm das Päckchen in die Hände und öffnete es. Innen lag ein seltsames, gefaltetes Stück Leder mit grauem Fell. „Was ist das ?“ fragte sie. „Die Möse eines Wolfes,“ sagte Ibrahim. Dusja zuckte auf und warf das Lederstück auf den Tisch. Said und Ibrahim schauten sich um und lachten. Dusja wollte aufstehen aber Said bat sie mit einer Geste sitzen zu bleiben. „Gehen Sie nicht und seien Sie nicht beleidigt,“ sagte er weich. „Der Bruder sagt die Wahrheit. Das ist ein gutes und seltenes Amulett. Um es zu bekommen, muss man der Wölfin ins Auge oder ins Herz schießen. Wenn die Wölfin nicht direkt stirbt, beginnt sie an ihrer Möse zu knabbern. Ein sehr starkes Amulett und ein sehr gefährliches. Liebe, Erfolg, Geld – Sie werden alles bekommen. Aber zu lange darf man es nicht benutzen, alles kann auf einmal verschwinden. Die Wölfin füttert die Jungen bis sie ausgewachsene Wölfe werden. Danach wird sie getötet.“ Die Grillen sangen, auf den Tisch fiel noch ein toter Schmetterling. „Ich muss darüber nachdenken,“ sagte endlich Dusja. „Es ist schon spät,“ Said stand auf, sich auf die Krücke stützend.  Die Nacht verbrachte Dusja in Unruhe. Sie war es nicht gewöhnt auf dem Boden zu schlafen. Abgesehen davon hatte Ibrahim ihr mehrere Decken übereinander gelegt, dazu war das Haus voller unbekannter Geräusche und der Kopf voller Gedanken. Sie träumte, wie ihre daheim gebliebenen Söhne, Tolik und Vadik zuhause spielten, sie träumte von Flugzeugen, von Geld, viel Geld, von vielen Ziffern, sie träumte davon mit einer grauen Wolke bedeckt zu werden und als Wolf auf einem Platz zu kreisen, und versuchen fest zu halten, sich an jenem Platz fest zu beißen. Morgens wurde sie vom Licht geweckt. In dem für sie bestimmten Zimmer gab es keine Vorhänge. Sie drehte sich in dem Schatten, aber die Sonne erreichte sie auch da wieder. Dusja stand gähnend auf und machte das Fenster auf. Vor dem Fenster standen Bäume und es roch nach warmen, feuchten Gras.  Dusja hielt sich am von der Sonne gewärmten Rahmen fest, beugte sich über die Fensterbank und erblickte Ibrahim, der durch das Tor trat. Sie wollte ihm etwas zuschreien, doch sie überlegte es sich anderes und ging zurück ins Zimmer. Der Boden unter den Füßen quietschte und ächzte, jede Bewegung in ein Laut verwandelnd. Dusja ordnete das Schlafzeug und zog sich an. Sie wusste, dass Said  zu Hause geblieben war und versuchte dann auch ihr Haar in Ordnung zu bringen. Sie wollte, dass er sie beachtete. Dusja verließ das Zimmer, ging durch das Haus, sah aber keinen Said. Sie wusch sich das Gesicht mit Vergnügen auf dem Hof, stellte sich auf einen Hocker und blickte in den Käfig zu dem Vogel. Unzufrieden und erschrocken über die Bewegung eines Menschen, fing der Vogel an mit seinen gelben, heraus guckenden Augen zu blinzeln und drehte sich demonstrativ weg. Dusja betrat die Küche, fand ein bereits angebissenes Fladenbrot und goss sich aus einer Karaffe etwas Milch ein. Dann kehrte sie mit dem Essen auf den Hof zurück, setzte sich in den Schatten eines Baumes und frühstückte genüsslich. Zwischen den Bäumen sah man die in der Sonne glänzenden, weißen und steinigen Hügel der Berge. Betrachtete man diese, hatte man das Gefühl, dass auch der Wind stärker wurde. Nach dem Frühstück wollte Dusja das Haus umkreisen und in den Hinterhof schauen. Ein platt getretener Weg, der sich am Haus vorbei schlängelte, führte sie zu einem niedrigen aber breiten Holzschuppen. Dusja ging zur Tür, klopfte leise an, horchte hin und betrat den Schuppen. Von Innen wirkte dieser größer als von Außen. Said saß in einer Ecke. In seinen Händen hielt er ein Messer und ein langes, gebogenes Horn, das grob aus einem Schädel herausgearbeitet war, mit einem Knochen dran. Er hob die Augen, nickte Dusja ruhig zu und bearbeitete weiter das Horn, befreite es vom Knochen. Es roch nach Leder, nach gedörrtem Fleisch und nach verrostetem Eisen. Dusja schaute sich um. Von der unebenen Decke hingen lederne Gürtel und aus Holz geschnittene Tierfiguren an dünnen Schnüren. Zwischen ihnen zitterte, in der Sonne glänzend von den Strahlen, die in die Lücken drangen, ein Spinnennetz. Dusja hob die Hand und berührte den Rand des Spinnennetzes; sie fühlte, wie dieses ihre Finger umfasste und umwebte,  dann zog sie diese zurück und zerstörte mit dieser unvorsichtigen Handlung ihre Ganzheit. Die verärgerte Spinne sprang aus ihrem Versteck und lief weg. Im Zentrum des Raumes stand eine Arbeitsbank, bedeckt mit Holz – und Metallspänen. Darüber hing von der Decke eine Lampe an einer Schnur. Einen großen Teil des Raumes nahmen, zwischen Boden und Decke gezogenen, einem Spinnennetz und einem Segel ähnelnden, rote und gestreifte Tierfälle. An den Wänden hingen ihre grinsenden Köpfe. Entlang der Wände drückten sich aneinander, große, von der Größe eines siebenjährigen Kindes, Steingötzen. Die einen lachten, schauten finster drein, drohten, lachten selbstzufrieden, die anderen schauten unbefangen auf die Welt. Daneben standen offene  Säcke, gefüllt mit genau solchen, aber viel kleineren Figuren. Dusja nahm eine, die oben lag. Der Stein fühlte such kühl und rau an. Dusja näherte diesen zu ihren Augen, fegte den Staub weg, streichelte diese über den Kopf  und legte sie zu ihren Kameraden zurück. In der hinteren Ecke lagen irgend welche metallenen Ringe, und auf der Seite, auf den Regalen standen Bronze-Vasen, Teller und Tassen, verziert mit grünen und blauen Steinen. Von den Sonnenstrahlen, die durch die Ritze rein fielen, hatte man hier das Gefühl, dass hier alles lebendig, fertig sei. Zum Aufwachen und Sich-bewegen. Dusja schaute sich um, ging zu Said und setzte sich neben ihn. Er hatte das Horn bereits von dem Knochen befreit und bearbeitete es nun. „Wo ist Ihr Bein?“ fragte Dusja verlegen. Said schwieg. „Nein, nun antworteten Sie nicht,“ beeilte sich Dusja damit, erschrocken, ihn beleidigt zu haben. „Ich weiß manchmal selbst nicht, was ich rede. Entschuldigen Sie, ehrlich.“ „Weise Leute sagen, dass die Angst in den Beinen der Menschen lebt,“ sagte langsam Said. „Die Wut in den Händen, die Sünde im Kopf. Die Kraft im Bauch. Das Gewissen im Herzen und die Liebe ist hier,“ klopfte sich Said in die Leistengegend . „Was hat Ihr Bein damit zu tun?“ fragte Dusja. Said blickte sie an und schmunzelte: „Kein Bein, keine Angst.“ Die Steingötzen schauten Dusja an und erst jetzt bemerkte sie, dass sie verstümmelt waren. Man hatte den Eindruck, dass ihre Augen, Beine, Hände, Nasen und Köpfe sich irgendwo, unweit von hier befinden, akkurat zusammen gelegt, ihre Rückkehr erwartend und die verletzten Götzen, als ob sie  Soldaten in einem Krankenhaus seien, warten darauf, verbunden zu werden, und mit schwachen Stimmen die Krankenschwester zu rufen.

Said streckte plötzlich die Hand heraus und berührte mit ihr die rechte Brust. Dusja erzitterte von der Plötzlichkeit, bewegte sich aber nicht. Eine plötzliche Unbeweglichkeit durchfuhr sie. Said nahm seine Hand nicht zurück und Dusja wollte aus allen Kräften, dass er die ihre nimmt, bis die Starre verschwindet. „Mach die Augen zu,“ sagte Said. Dusja kniff die Augen zu und sah, wie sich auf ihrer Haut Regenbogenkreise formten. Saids Hand strahlte eine unerträgliche Hitze aus, die sie kaum aushielt. „Das Vergangene kann man nicht ändern“ hörte sie Saids Stimme, als ob sie in ihr klingen würde. „Aber es loswerden ist auch schwer. Es zieht sich immer wie ein Faden hinter dir her, umwickelt die Beine und verschließt das Tor für die Zukunft. Wenn Du in der Vergangenheit einen Fehler begangen hast, bring ein Opfer im Namen dieses Fehlers und die Vergangenheit lässt dich in Ruhe.“ Dusja hatte das Gefühl, dass die die Wörter sich wie Tropfen auf ihr nieder lassen, sich auflösend und auf der Oberfläche sich öffnende Kreise hinterlassend. Langsam füllten diese Kreise fast ihr ganzes Bewusstsein aus, sie konnte sich nicht mehr bewegen, obwohl sie spürte, dass die fremde Hand Saids ihre Jeans aufmachte und vorsichtig, als ob sie etwas studiere, das zwischen ihren Beinen berührte. Die Hitze stieg höher, wurde unerträglich. Im Inneren zitterte und hupte es, sie verstand, dass es jede Sekunde explodieren könnte, platzen und in diesem Moment durchbohrte sie ein scharfer, unerträglicher Schmerz, als ob der wütende Džejran in ihren Bauch sein Horn hinein stieß. Schläfrig von dem Schmerz, schrie sie auf wie eine verwundete Wölfin und mit einer starken Wut rollte sie sich zusammen, mit den Zähnen klappernd, sich darum bemühend, sich in ihre Scham einzuklammern, in ihren Schmerz, den sie so akkurat vor sich selbst versteckte. Der Schmerz überrollte sie, mit jeder Welle stärker werdend. Dusja beugte sich vor, im Versuch ihre Eckzähne hinein zu stoßen aber mit jedem Mal griff sie mit ihrem Maul in die Leere. Endlich erreichten ihre Zähne den Rand vom Fleisch. Sie brüllte rasend, verschluckte  sich an der eigenen Spucke und  begann die feuchten, kalten Klumpen abzureißen, spuckte sie  mit Hass aus, einen nach dem anderen, bis der Schmerz nachließ und schließlich ganz verschwand. Das Licht wurde weicher, durch den Schleier auf ihren Augen erblickte Dusja den auf dem Hocker sitzenden Said. Schwer atmend, roch sie an sich selbst und ging sicher, dass es keine Kälte mehr gab, es blieb nur die Wärme. „So ist es gut,“ sagte Said, der das geschliffene Horn abrieb und Dusja nicht anblickte. „Solche Wunden verheilen schnell, nun lebe weiter.“ Dusja stand auf, die Beine noch schwach, sah sie  unter sich eine Pfütze frischen Blutes. Das Blut roch nach Tod und zog in den hölzernen Boden ein. Dusja leckte sich die Lippen ab und fühlte, dass sie Hunger bekam. Sie schaukelte hin und her und ging durch die halboffene Tür des Stalls hinaus. In der sich verdichtenden Dämmerung flogen Fledermäuse. Dusja wollte eine fangen, doch diese wich leicht aus. Im Haus hörte man Schritte, eine Tür quietschte. Dusja verschwand im Schatten und plötzlich von dieser Bewegung, spürte sie die Kraft ihres Körpers und sprang  heraus, sie versteckte sich nicht und  begab sich mit breiten,freien Sprüngen in Richtung des Waldes. Und erst nach ein paar Augenblicken ertönte neben ihr ein aufgeregter, menschlicher Schrei: „Bruder, der Wolf ist hier!“

Die fünfte Flucht. Abrakadabra

Das aller bemerkenswerteste war, dass laut dem Testament der alten Ajgul‘-apa, die riesige Wohnung in die Hände ihrer Haushälterin übergeben wurde. Ajgul‘-apa verließ in den letzten Tagen ihre Wohnung nicht. Ihre Kinder gingen hinter der Grenze zur Schule, fanden dann eine Stelle bei ausländischen Firmen und kamen nachhause sehr selten. Aber die Nachbarn beobachteten, dass Ajgul‘-apa jeden Morgen Besuch von einer jungen Frau bekam, die ein mit Pockennarben übersätes Gesicht hatte. Bei den Treffen mit den Nachbarn lächelte sie und nickte, sich bemühend, sie zu umgehen. Man sprach, dass Ajgul‘-apa sie aus einer unangenehmen Geschichte herausgezogen hat, die entweder mit Sklaverei oder mit Drogen zu tun hatte. Was genau passiert war, wusste niemand aber alle sahen, welch aufrichtige Hingabe und Sorge Bajaša der alten Herrin entgegenbrachte. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte  Ajgul‘-apa in einem Rollstuhl.  Bajaša ging lange mit ihr spazieren, sie langsam auf den Hof schiebend und ihren ruhigen  Geschichten über die Vergangenheit lauschend. Später, wenn sie nach hause zurück gekehrt waren, rieb sie ihre Beine und ihren Rücken mit schwarzem Thymian ein.  Ajgul‘-apa mochte keine modernen Ärzte, sie hörte nur auf die Tipps, welche ihr von Zeit zu Zeit ein lokaler Medizinmann namens Zakir-aka gab und dieser hatte auf alle Fragen eine Antwort. „In den Hadisen heißt es,“ sagte er mit den Zeigefingern zeigend, „dass der Prophet Mohammed, sala – allachu – a lejchi – ua -salam, nur ein Mittel für die Heilung kannte: Das Öl des schwarzen Thymians ist die wahre Medizin gegen alle Krankheiten , abgesehen vom Tod. Tut es im Inneren weh, so trinkt, tut es außen weh, dann reibt es ein.“ Nach dem Einreiben mit dem Öl, bereitete  Bajaša das Essen vor oder ging in das Geschäft um einzukaufen, nachdem sie Ajgul‘-apa mit einer Kaschmir – Decke zugedeckt hatte, einer dünnen Decke, hergestellt nur aus Ziegenbärten. Nun war die Zeit des Schlafes gekommen. Wenn Ajgul‘-apa erwachte, rief sie Bajaša  mit schwacher Stimme und diese brachte ihr Essen und Getränke. Die Wohnung hatte sechs Zimmer aber Ajgul‘-apa bevorzugte es nur in ihrem Schlafzimmer zu sein oder in dem großen Gästezimmer, wo die Wände bis jetzt mit Tierhäuten und glänzenden Messern unterschiedlicher Länge geschmückt waren wie zu Lebzeiten ihres verstorbenen Mannes namens Kasym.  Bajaša sah ihn auf einem Foto, abgesehen von der kleinen Statur und seiner Hagerkeit, schien Kasym ein gefährlicher Mensch zu sein. Die Kieferknochen fest aneinander gedrückt, schaute er auf  Bajaša mit einem durchdringenden, bösen, nicht zwinkerndem Blick an und wenn das Foto bunt gewesen wäre, würden seine Augen gelb leuchten, so wie die Augen eines Steinadlers  leuchten. Ajgul‘-apa liebte es vom Tod ihres Mannes zu erzählen, nur klangen diese Geschichten jedes Mal unterschiedlich. Mal erreichte der Tod ihn nachts, in der Steppe, wenn Kasym auf dem Weg zum Bürgermeister irgend einer bedeutenden russischen Stadt war, er löschte das Feuer,  schüttete es mit einer Hand voll Sand zu und zitterte als er das sorgenvolle Schnarchen seines Pferdes hörte. Manchmal kam der Tod wenn er seinen Jahressold bekam, für eine Nacht er übernachtete in dem Gasthaus, das  auf dem Weg lag, warf das Geldstück in die geizigen Hände des dienst-fertigen, frechen Hausherren, öffnete das Fenster in seinem Zimmer, drehte sich plötzlich wegen des Knirschens eines fremden Schlüssels im Schloss um. Manchmal, in den Erzählungen Ajgul‘-apas, schaffte es Kasym nach hause zurück zu kehren, erschöpft von der langen Reise, sich nach dem Essen einer Frau und warmen Essen sehnend, wartete er nicht darauf, sondern fiel in einen  tiefen Schlaf nachdem er es gerade so geschafft hat, sich auszuziehen. Des nachts erwachte er jedoch vom Quietschen der Fußbodenbretter im Nachbarzimmer. Die Geschichten waren mit solchen Details und Nuancen gefüllt, als ob Ajgul‘-apa die ganze Zeit in der Nähe ihres Mannes gewesen wäre und aufmerksam, sich nach seinem Tod, an alles erinnerte ja sogar jedes Detail darüber aufschrieb, wie er angezogen war, wie er den Dolch hielt, wie sich für einen Augenblick sein Gesicht veränderte. Und nur eines blieb in diesen Geschichten unverändert: Es gab immer Zwei. Sie streckten ihre zitternden, gierigen Hände zum stolzen Kasym, steckten in seinen Rücken ein schiefes Messer, würgten ihn mit der Wäscheleine und Kasym verschwand, löste sich in der Erinnerung auf und nur seine Augen auf dem Foto blinzelten mit einem gelben, trüben Licht. Manchmal, wenn Ajgul‘-apa sich früher als sonst schlafen legte, ging Bajaša spazieren. Sie liebte es, die Hauptstraße der alten Stadt entlang zu gehen, wo schnippische Verkäufer ihre exotischen Souvenirs im nationalen Stil verkauften, wo Straßenmusiker Flöte spielten und mit dünnen Stimmen Heimat-Lieder sangen, wo Kinder im Springbrunnen  badeten und misstrauische Touristen die Vorbeigehenden mit ihren Kameras knipsten. Eines Tages, als sie von ihrem Spaziergang zurück kehrte, fand sie Ajgul‘-apa tot in ihrer Wohnung.  Bajaša saß in der Nähe ihres Bettes, bedeckte das Gesicht der Toten, und nachdem sie gebetet hatte, ging sie schlafen. Sie träumte von Äpfeln. Am Morgen rief  Bajaša die Telefonnummern an, die sie in einem Notizblock in der Schublade vorfand. Als erstes erschienen die Ärzte und der Notar. Dann kamen entfernte Verwandte und die Söhne und Töchter riefen nur an und fragten, wie man sich verhalten und was man unternehmen sollte. Es begann ein Gehetze, im Haus gab es viele Menschen, es kamen Nachbarn, ehemalige Kollegen und Bekannte. Im Endeffekt kamen auch in ihren glänzenden, schwarzen Autos die Kinder. Der Notar las das Testament, nach welchem die Kinder irgendwelche teuren und wertvollen Dinge aus dem Haus behalten sollten, genauso die Ersparnisse auf der Bank. Und Bajaša erhielt die Wohnung.  Bajaša wollte nichts verändern. Sie schlief in ihrem Bett, im kleinen Zimmer für Bedienstete. Sie machte selten die Vorhänge auf, räumte einmal in der Woche auf, stellte akkurat die Gegenstände um, den Staub abwischend, lächelte den Nachbarn zu und ging nur selten nach Draußen. Die Verkäufer lachten und lockten die Kunden an, ihre Waren zeigend und mit den Münzen rasselnd.  Bajaša mochte diese fröhlichen, sonnen-gebräunten Kerle. Sie geriet in Verlegenheit und freute sich, wenn diese mit ihr sprachen und kokettierten. Doch besonders sympathisch war für Bajaša der den anderen Verkäufern nicht ähnelnde, ruhige und lächelnde Ibrahim. Einmal sah sie ihn krank und betrunken, halbnackt, mit Blut im Gesicht, wie er über dem Marktplatz direkt auf  Bajaša zuging. Sie hat ihn nicht direkt erkannt, erschrak und erstarrte vor Schreck. Ibrahim näherte sich ihr ganz dicht an und sie sah für einen Augenblick seinen irrsinnigen Blick.  Bajaša streckte ihre Hand aus und streichelte seine Schulter. Ibrahim erzitterte und blickte für einen Moment mit klarstellenden Augen auf  Bajaša. Das Blut rann ihm aus der Nase. Er schluchzte, drehte sich um und ging weg. Bajaša kehrte mit einem merkwürdigen Gefühl nach Hause zurück, welches sie sich selbst nicht erklären konnte. Ihr schien es als habe sich alles verändert, als ob alles anders geworden sei. Als ob nun er, Ibrahim, in ihr Leben gestoßen sei wie eine plötzliche Krankheit. Das Haus war viel zu groß für die kleine Bajaša. Und obwohl ihre Ansprüche überhaupt nicht groß waren, musste man trotzdem manchmal Lebensmittel kaufen, Kleidung auch, und für die Wohnung bezahlen.  Bajaša hatte keine Angst vor der Arbeit, aber der Geist Ajgul‘-apas hatte sich bisher nicht ganz in ihrem Gedächtnis aufgelöst und es schien ihr wie ein Verrat wenn man wieder anfangen würde zu

arbeiten . Um an das Geld zu kommen, begann sie Sachen aus der Wohnung zu verkaufen. Sie brachte Vasen zum Markt, Statuetten, Schmuck; nur die Garderobe ließ sie in Ruhe und Kasyms Dolche. Jedes Mal wenn sie an Ibrahims Geschäft vorbei ging, lächelte sie ihm verlegen zu, bis Ibrahim selbst sie einmal bat, hereinzukommen. Seitdem kam sie manchmal einfach so vorbei, um ein bisschen in seinem Laden zu sitzen, sie mochte den Geruch von Leder und Metall, sie mochte das Halbdunkel, indem die gebogenen Henkel der Bronze-Schalen glänzten, aber besonders mochte sie die melodische Stimme Ibrahims, der die Kunden in den Laden lockte. Manchmal, wenn Ibrahim aus der Nase blutete, legte sie ihm ein in ein Gazetuch gewickelten schwarzen Thymian auf die Nase und las ein Gebet. Wenn das nicht half, dann machte sie ein Schlaf-Lager in der Ladenecke und überredete Ibrahim, sich dort hin zu legen. Sie selbst ging dann nach draußen und lockte an seiner Stelle die Touristen an. Ibrahim spürte, dass wenn  Bajaša in der Nähe war, er sich viel ruhiger fühlte. Noch in der frühen Kindheit hörte er von seinem Vater, dass es im Leben eines Mannes nur drei bedeutende Treffen gibt, das Treffen mit dem Mann in sich selbst, das Treffen mit einer Frau für sich selbst und das Treffen mit dem Tod. Das erste Treffen, so die Worte des Vaters, macht dem Mann den Weg frei. Das zweite gibt ihm Kraft für das Leben. Und das dritte…davon berichtete der Vater erst vor Kurzem. Um Said und Ibrahim den Weg zu öffnen, testete er diese: er provozierte sie zu Kämpfen mit den Nachbars-Söhnen, zwang sie aus einem schweren Gewehr zu schießen, setzte sie auf kaum reitbare Pferde. Eines Tages nahm der Vater sie noch als Jungs mit auf die Jagd: den ganzen Tag trugen sie vom Vater angeschossene Rebhühner und Fasane und wenn es dunkel wurde, ließ er sie da, um auf die Beute aufzupassen. Sie warteten auf den Vater mehrere Stunden und erst als der Mond die Kronen der Bäume berührte, verstanden sie, dass er nicht zurück kehren würde. Beladen mit Taschen voller toter Vögel, gingen die Brüder auf den Tierpfaden entlang, alleine zwischen Waldgeräuschen – und Augen. Endlich erreichten sie die Anhöhe, von der aus man den Fluss sehen konnte und dahinter die Feuer der Randgebiete. Der Abhang war relativ steil und Said ging vor. Ibrahim versuchte nicht zurück zu bleiben, aber die Tasche war unerträglich schwer, und ihm wurde schon ganz übel von dem Geruch nach Vogelblut. Vorsichtig, damit Said es nicht bemerkt, machte Ibrahim die Tasche auf und begann daraus die schweren Vogelkörper heraus zu ziehen und sie ins Gras zu werfen. Die Tasche war schon halb-leer als etwas weiches Ibrahims Ohr streichelte. Er schrie vor Überraschung auf, der vorne gehende Said drehte sich um und in diesem Moment warf ein schwerer Schlag Ibrahim um. Er rollte nach unten, auf den Steinen  und vom Himmel stürzte ein Schlag nach dem anderen nieder mit den Flügeln sein Gesicht peitschend, die Kleidung und Haut mit den Krallen zerreißend, als ob man in sein Inneres hüpfen wollte, in seinen Bauch. Die Augen mit den Händen bedeckend, konnte Ibrahim erblicken, wie Said mit seiner Tasche wedelnd, gegen den gigantischen Schatten kämpfte und er verlor das Bewusstsein. Als er wider zu sich kam, hörte er Stimmen. „Schau nur, was du angestellt hast!“ zischte laut die Mutter. „Sein ganzer Kopf ist verletzt. Was bist du für ein Vater? Hast die eigenen Söhne im Wald gelassen!“ „Der Mann soll sich selbst begegnen,“ antwortete ruhig der Vater. „Je früher, desto besser. Schau, sie leben ja noch. Es hätte schlimmer kommen können.“ „Ein Mangys bist du und kein Mensch!“ schrie die Mutter und als sie sah, dass Ibrahim die Augen öffnete, stürzte sie zu ihm. Ibrahim verbrachte einen ganzen Monat im Bett. Erst später erzählte ihm Said, dass sie von ein paar gigantischen Eulen attackiert wurden, die von dem Blutgeruch angelockt wurden. Said konnte diese vertreiben und Ibrahim nach hause tragen. „Der Vater sagt, dass es nicht einfach Eulen waren, sondern der Tod selbst für uns beide,“ erzählte Ibrahim Said. „Er sagt, dass der Tod manchmal dem Mann begegnet, nicht der Mann dm Tod. Der Tod holt ihn ein und stößt seine Krallen in den Rücken, ihm nicht die Möglichkeit gebend sich umzudrehen, er trinkt sein ganzes Leben aus. Und dann verschwindet die Seele dieses Menschen und löst sich auf. Wenn der Mann dem Tod von Angesicht zu Angesicht begegnet, dann befreit sich seine Seele und kehrt zu den Seelen der Vorfahren zurück. Ibrahim verstand, dass er den ersten zwei, vom Vater organisierten Treffen nur knapp nicht entgehen konnte. Der Tod indessen hinterließ seinen Fußabdruck. Ibrahim wurde nun von seltenen, aber starken Kopfschmerzen geplagt, die vom Nasenbluten begleitet wurden. Nach dem Tod der Eltern wollte Ibrahim nicht an die Vergangenheit denken. Aber jetzt, wo in sein Leben, weich wie Wasser, Bajaša einfloss, verstand er, dass ein zweites Treffen statt gefunden hat. In ihrer Gegenwart fühlte er sich ruhig und stark, aber die Anfälle häuften sich und desto öfter war auch  Bajaša bei ihm und umsorgte ihn. „Das ist normal,“ sagte Ibrahim. „Du weißt doch, bei mir kommt so etwas vor. Das geht von alleine weg, sorge dich nicht.“ Es gab jedoch einen Grund sich zu sorgen. Während der Anfälle redete er irre und von Zeit zu Zeit fiel er in eine komplette Gedächtnislosigkeit. Einmal hörte der Anfall so lange nicht auf, dass die sorgenvolle  Bajaša loslief um einen Heiler zu rufen. Zakir-aka betastete die Brust, das Gesicht und die Arme Ibrahims und sagte: „Er braucht ein Bett und etwas zu essen. Bringen Sie ihn nach hause und erlauben Sie ihm nicht auf zu stehen, ich komme morgen wieder.“ Die Verkäufer der Nachbargeschäfte halfen Bajaša, Ibrahim in Decken einzuwickeln und brachten ihn zu ihr in die Wohnung. Bajaša brachte ihn in ihr eigenes Bett und legte sich selbst daneben auf den Boden, um seinen Atem zu hören. Am Morgen kam Ibrahim zu sich. Er stand auf, ging mit Verwunderung durch die Wohnung, die Reste der Ausstattung und die Fotografie betrachtend, berührte ein paar Vasen und betastete sogar den von der Decke hängenden Dolch.  Bajaša fütterte ihn mit Reis und Gemüse und befahl ihm wieder ins Bett zu gehen. „Ich fühle mich fabelhaft“ beschwerte sich Ibrahim. „Und mein Bruder, Saia! Er weiß doch nicht wo ich bin, was mag er denken?“ „Sorge dich nicht“ beruhigte ihn Bajaša, „Ich bat Zakir-aka ihm auszurichten, das du bei mir bist.  Bajaša hat nicht umsonst darauf bestanden. Tagsüber traten wilde Anfälle auf. Ibrahim fieberte vor Aufregung, schrie auf, flüsterte, manchmal die Augen schließend, manchmal im Gegenteil, sie weit aufreißend, als ob er etwas neugierig betrachten würde. Bajaša wischte ihm das Blut weg, welches aus der Nase lief und machte das Kissen zurecht. Der Arzt kam als die Sonne fast untergegangen war. „Alles ist Allahs Wille,“ sagte Zakir -aka. „Zu lange haben böse Geister Ibrahim gequält. Er ist schwach und sie sind noch zu mächtig aber ihre Kräfte vergehen. Jetzt stehen sie am Rand. Bald wird Ibrahim entweder sterben oder er wird seine Krankheit für immer los. Das alles wird sich in den nächsten Tagen klären. Und ich habe da keine Macht. Man kann nur beten.“ „Ich werde beten,“ flüsterte Bajaša, den Schweiß von Ibrahims Stirn wischend. Nachts wachte Ibrahim von einem seltsamen Geräusch auf , als ob jemand hinter der Wand gesprungen oder hingefallen war. Ibrahim horchte hin. Vor dem Fenster wehte der Wind.  Bajaša schlief auf dem Boden neben seinem Bett. Er hatte schon beschlossen, dass er es sich eingebildet hatte, als im Nachbarzimmer der Boden quietschte und eine leise, unzufriedene Stimme ertönte. Vorsichtig, um  Bajaša nicht zu stören, stand Ibrahim auf und ging auf Zehenspitzen in den Flur. Durch die halb geöffnete Tür konnte man im Zimmer sich bewegende Schatten erblicken. Ibrahim hatte immer Angst vor Kämpfen. Er hatte nicht nur Angst vor seinem, sondern auch vor fremden Blut. Er hatte Angst, jemanden ins Gesicht zu schlagen, jemanden weh zu tun. Aber jetzt war er derjenige, der Bajaša und ihr Haus beschützen konnte. Er drückte die Tür auf. Im Fenster schien das weiße Loch des Mondes, in seinem Licht schien alles vom Mehl bedeckt zu sein. Die an den Wänden hängenden Dolche leuchteten. Inmitten des Zimmers standen zwei Männer in Sportanzügen. Ihre Gesichter lagen im Schatten. Es leuchteten die Lichtstofflampen. Einer von ihnen ging einen Schritt auf Ibrahim zu und streckte seine Hand aus, als ob er ihm den Mund zuhalten wollte, aber Ibrahim wankte zurück und schrie auf. „Still, still“ sagte der, welcher weiter weg stand. „Sie brauchen sich  nicht zu fürchten.“ Sich entlang der Wand bewegend, begann Ibrahim zurück zu treten. Die Männer tauschten Gesten aus und näherten sich ihm von beiden Seiten. Ibrahim hörte ihren Atem mit dem linken und rechten Ohr, als ob ein Wind in seine Ohren flog, vorsichtig aber unabwendbar seine Gedanken aus dem Kopf pustend und je weniger solcher Gedanken er hatte, desto ruhiger und gleichgültiger wurde Ibrahim, als ob es ihn nichts anginge, was mit seinem Körper passierte. Nur der Mond lockte seine Aufmerksamkeit, sein ganzes Wesen zog sich zu ihm wie Blätter sich zum Licht neigen, als plötzlich in diesem Licht Gesichter auftauchten. Mit Schrecken stellte Ibrahim fest, dass sie beide gleich waren: blass mit brennenden Augen, mit einem Bart, ihre Gesichter waren genaue Spiegelungen. Ibrahim dachte, dass vor ihm ein Mensch steht und die Verdoppelung in ihm selbst. Davon haben seine Augen und Ohren aufgehört die Welt doppelt und zur gleichen Zeit wahr zu nehmen. Ibrhaim lachte über seinen Gedanken und ihm zur Antwort lachten zwei gleiche Gesichter. Man konnte sich nicht mehr weiter bewegen. Ibrahim streifte mit der Hand die Wand und ertastete den Griff eines Dolches. Mit zitternder Hand griff er nach dem Dolch. Die Feinde blieben augenblicklich stehen, irgend etwas klapperte und Ibrahim sah in ihren Händen kurze Dolche. Ibrahim umfasste seinen Dolch fester als auf der Türschwelle  Bajaša erschien, schwankend und unreal im Mondlicht. Ibrahim verstand plötzlich, dass er seit seiner Kindheit von einem genau solchen Tod geträumt hatte, seit dieser Zeit als er sich mit Scham und Kopfschmerzen gequält hat und dem Tod erlaubt hat, ihn von hinten anzugreifen. So wollte er damals sterben, mit dem Dolch in der Hand, in einem ehrlichen Duell, diejenigen beschützend, denen er etwas bedeutete. Aber nun, auf  Bajaša blickend, wollte er leben und nicht sterben. „Abrakadabra,“ sagte  Bajaša und Ibrahim warf das Messer hin. Derjenige, der links stand, war komplett zusammen gebeugt, sich am Bauch haltend und dann hob er voller Schmerzen und Verzweiflung den Blick auf Ibrahim und begann sich aufzulösen, zu verdampfen in der Luft. Der zweite schrie auf, warf das Messer weg und  stürzte  auf Ibrahim. Ibrahim spürte, wie dünne, starke Finger, wie Schlangen, sich um Ibrahims Hals schlängelten. Er fing an zu röcheln, blinzelte und begann sich los zu reißen, aber der Feind drückte umso mehr die starken Finger zusammen. Ibrahim spürte, dass er keine Kraft mehr hatte um sich zu wehren. Er machte die Augen auf und blickte direkt in die mit Blut gefüllten, vor Hass aufgerissenen Augen des Feindes. Und plötzlich platzten diese Augen, explodierten und mit ihnen platzte der Mond vor dem Fenster,  sprühte im Himmel mit winzigen weißen Sternen, die wie Gitarrenseiten gezogenen Finger, die seinen Hals umwickelten, platzten einer nach dem anderen auf. Ibrahim atmete laut auf, zog die Luft ein und sah, wie sich aus diesen Steinen dunkel ein Männergesicht formiert hat, das auf ihn schaute mit durchdringenden, gelben Augen. Der Mann lachte zufrieden und schmolz langsam, hat sich wieder in Steine verwandelt, verstreut und dann verschwanden auch diese. Innerhalb von drei Tagen, kam Ibrahim wieder zu Kräften, obwohl er immer noch schwach war. Bajaša fütterte ihn mit warmer Suppe und kräftigem, grünem Tee, von dem der Hals kratzte. Wenn Ibrahim von den Ereignissen jener Nacht sprach, schaute sie ihn umsorgt an und streichelte seinen Kopf, wie man Kinder streichelt wenn man ihnen gruselige Geschichten erzählt, ohne die Worte zu kennen, die die Nichtrealität des Traums erklären. Indessen war die Tür zum Gästeraum geschlossen. Einmal gelang Ibrahim heimlich herein aber er fand weder einen Dolch noch ein Portrait von Kasym. Die Kopfschmerzen hörten auf ihn zu quälen aber eine Sorge darüber, dass die Ausflucht noch viel zu frisch zu sein schien, das Loch zwischen dieser und jener Welt. Zakir-aka kam manchmal am Abend vorbei um nach Ibrahim zu schauen. Er hörte seinen Atem ab, schaute ihm in die Augen, berührte Hände und Kopf und schnatterte zufrieden daherredend: „Och Allah, gut so gut, dass deine Frau gebetet hat,“ wovon Bajaša rot wurde und ihr Gesicht versteckte, sich umdrehte. Und dann mit dem Blick auf ihr, wurde es Ibrahim leicht und ruhig.

Sechste Flucht. Glück

Er wurde von allen Glatzkopf genannt. In Wirklichkeit hatte er keine Glatze, sondern rasierte sich immer komplett. An seinen Namen konnte sich niemand mehr erinnern. Entweder Saša oder Lješa oder Andrjuša. Alles in allem hatte er einen weit verbreiteten Namen und um ihn nicht mit anderen zu verwechseln, nannte man ihn seit der Kindheit einfach „Glatzkopf.“  Vor vielen Jahren erlernte der Glatzkopf den Beruf eines Regisseurs. Er liebte es bereits als Kind ins Kino zu gehen und war überzeugt davon, dass er irgendwann einen Film drehen wird, der in allen Kinosälen der Welt gezeigt werden würde. In der Uni nahm er auf Videoband ein paar Kurzfilme auf, die unter den Studierenden sehr erfolgreich waren. Einer der Filme bekam sogar einen Preis auf einem Studentenfestival. Nach dem Abschluss der Uni träumte er davon nach Europa zu fliegen und verteilte seine Filme unter den europäischen Filmstudios, bekam aber keine Antwort. Im Endeffekt hörte der Glatzkopf auf zu warten  und wurde bei einem kleinen Fernsehsender eingestellt. Er filmte und schnitt Sendungen über Kinder und Sport und manchmal jobbte er als Operator bei fremden Hochzeiten und Jubiläen. Seine zukünftige Frau lernte der Glatzkopf beim Fernsehsender kennen. Anja teilte die Sendezeit ein. Bereits beim ersten Treffen der Mitarbeiter setzte sich der Glatzkopf neben sie. Während er auf die Entschlossenheit wartete, ihr ein Kompliment zuzuflüstern, lächelte sie ihm selbst zu und streifte ihn beim Aufstehen mit der Handfläche auf den Kopf. In drei Monaten heirateten sie. Der Glatzkopf liebte seine Frau. Er malte ihr Postkarten, drehte kurze, lustige Glückwunschfilme an Feiertagen, lief in den Pausen zwischen den Aufnahmen immer zu ihr, roch an ihren Haaren, kaufte ihr Apfelsinen und schnitzte auf ihren Schalen lustige Fratzen, um sie zum Lachen zu bringen. Nachts kuschelte er sich so stark an sie, als ob er in ihre Haut eintauchen wollte, sich in ihrem Körper auflösen. Anna nannte ihn Glatzchen, schickte ihm zärtliche SMS mit Smilies, lachte über seine Witze, war eifersüchtig auf seine Freunde, machte ihm Äuglein, tanzte erotisch mir den Hüften wippend und suchte sogar Kleidung in den Läden für ihn aus. Immer mehr Zeit verbrachten sie miteinander und sahen ihre Freunde und Verwandte immer seltener. Nachdem etwas Zeit verstrichen war, fiel dem Glatzkopf auf, dass er nach dem Stundenplan der Ehefrau handelt. Sie teilte nicht nur die Sendezeit des Senders ein, sondern ihr privates Leben. Wenn der Glatzkopf sich früher erlauben durfte samstags morgens aufzustehen und zu beschließen, dass heute ein guter Tag für Natur-Aufnahmen war und dann, umdachte zu hause zu bleiben, um für das Abendbrot frittierten Fisch und Kartoffeln zuzubereiten, so wurde er nun bereits abends über das morgige Programm in Kenntnis gesetzt. Es gab viel zu tun: zuhause aufräumen, das alte Bügelbrett bei Anjas Tante abholen, über den Müll und die zerbrochenen Scherben im Treppenhaus zu schimpfen, irgendetwas in der Apotheke kaufen, ins Reisebüro fahren um sich früh genug über die Varianten für den Sommer zu erkundigen, und dann auf dem Weg den Müll weg zu schmeißen, das Auto waschen und Kartoffeln kaufen. Das alles trat unmerklich in das Leben des Glatzkopfes ein und wurde ihm zur Gewohnheit. Manchmal machte er sich klar, dass er den alten Lebensstil vermisste, verstand aber nicht um welche Lebensweise es sich handelt. Schritt für Schritt wurde Anja für ihn zum Lebensmittelpunkt. Er hörte auf ihre Bemerkungen über seine Arbeit und richtete sich oft danach, änderte ab und zu die Szenen in den Programmen sowie die akustischen Wege.

Am schwersten fiel ihm diejenigen Anweisungen Anjas auszuführen, die mit Menschen zu tun hatten. Die Schauspieler in seinen Sendungen waren manchmal launisch, erfüllten die Aufgaben nur mit Faulheit und verspäteten sich für die Aufnahmen. Anja war empört und sagte zum Glatzkopf: „Glätzchen, so geht das nicht. Du bist doch Regisseur. Du musst Regeln einführen und darauf achten, dass sie befolgt werden von den anderen. Sag ihnen, dass du so ein Verhalten nicht dulden kannst. Schrei sie an. Man muss es unterbinden. Entweder sollen sie arbeiten oder kündigen.“

Der Glatzkopf wusste, dass seine Schauspieler nicht ideal waren. Aber sie waren Menschen und der Glatzkopf liebte sie und verhielt sich ihren Zickereien gegenüber mit Nachsicht. Außerdem kam er nach einem Gespräch mit der Ehefrau ins Studio, rief irgend einen Schauspieler zu sich und sagte weich zu ihm: „Schätzchen, versuch heute das Bestmögliche, ich bitte dich sehr darum.“ Noch anstrengender fand es Glatzkopf, wenn Anja ihn auf Rücksprachen vorbereitete. Der Glatzkopf maß  Details keine Bedeutung zu. Als sie, nach langer Vorbereitung begannen, in der Wohnung zu renovieren, erklärte Anja dem Glatzkopf ausführlich wie alles gemacht werden sollte und schickte ihn zur Rücksprache mit den Handwerkern. Der Glatzkopf erklärte ihnen alles, wie es sich für einen Mann gehört, gab vor ihnen an und fluchte sogar. Aber als die Handwerker die Kacheln nicht vertikal, sondern diagonal auslegten, kam die verärgerte Anja und sprach: „Wir baten sie doch, sie vertikal zu legen. So eine Arbeit will ich nicht. Geh und sag ihnen das.“ Der Glatzkopf geriet in Verlegenheit. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass die Kacheln vertikal gelegt werden sollten und ihm war das nicht bewusst, ob er es mit den Handwerkern besprochen hatte. „Ich glaube, ich habe vergessen, es ihnen zu sagen,“ atmete er schuldbewusst ein. „Gl-Ä-TZCHEN“ sagte Anja vorwurfsvoll. „Wir haben doch alles besprochen! Wie konntest du es nur vergessen? Du bist mir einer. Und was sollen wir jetzt tun? So gefällt es mir nicht. Sie sollen es anders machen. Wie oft habe ich es wiederholt …woran denkst du die ganze Zeit?“ Der Glatzkopf ließ seinen Kopf in die Schultern sinken, sich von den Worten der Frau weg drehend, atmete er erneut auf und ging zu den Handwerkern. „Es gefällt uns nicht,“ sagte er. Manchmal änderte sich Anjas Laune sehr plötzlich. Sie begann dann mit einer kalten, gleichgültigen Stimme zu sprechen, schaute Glatzkopf überhaupt nicht an, manchmal schmiss sie die ärgerlichen Entgegnungen über die sie umgebenden Menschen, die Aushängeschilder, das Wetter, die Ereignisse. Meistens ging sie leise durch die Wohnung oder lag mit geöffneten Augen auf dem Bett und das erschreckte den Glatzkopf am meisten und machte ihn traurig. In solchen Momenten fühlte er sich wie ein Hund, der sein Herrchen zu Hause empfängt, mit dem Schwanz wedelnd und vor Glück jault aber das Herrchen ist nicht in Stimmung. Er zieht sich finster um, macht den Fernseher und Wasserkocher an und der Hund geht immer hinter ihm her, schuldig den Schwanz einziehend und ihm in die Augen blickend. „Vielleicht bin ich an etwas Schuld?“ denkt zerstreut der Hund. Dann verzeih mir Herrchen, gut? Aber der Herr schaut ihn nicht einmal an, und der Hund, aufatmend, geht zurück zu seinem Platz. Der Glatzkopf fühlte sich in solchen Momenten sehr schuldig. Sein Herz drückte sich zusammen, er versuchte Anja fröhlich zu stimmen, ihre Wünsche zu erfüllen. Er fing sie auf dem Weg aus der Küche ins Schlafzimmer ab, umarmte sie, flüsterte ihr zärtliche Worte zu und bat sie um Verzeihung, für alle Fälle, selbst nicht wissend, warum. Aber meistens half es nicht. Normalerweise ging es innerhalb einer kurzen Zeit von selbst weg, die gute Laune kehrte zurück, ihre Augen leuchteten wieder und Glatzkopf atmete vor Erleichterung auf und lachte glücklich mit ihr zusammen. Mit den Nachbarn hatten Anja und Glatzkopf keinen Kontakt, aber sie kannten ihre Gesichter und grüßten sie. Eines Tages, als sie nach hause zurück kehrten, sahen sie neben ihrem Haus einen Lastwagen. Männer trugen Möbel in das Haus. „Scheint so als hätten wir Neue,“ sagte Anja. Am Abend dieses Tages klopfte es. Glatzkopf machte auf und sah einen älteren Herren, gekleidet in einem eleganten, schwarzen Kostüm und Hausschuhen. „Guten Abend,“ sagte der Mann mit einer gesetzten Stimme. „Ich bin Michail Jakovlevič, Ihr neuer Nachbar von oben. Ich bin erst heute eingezogen.“ „Tag,“ sagte der Glatzkopf, „Einen Moment, ich rufe meine Frau. „A-anja,“ aus dem Bad hörte man das Wasser plätschern und der Glatzkopf entschied, dass sie badet und deswegen nichts hört. „Kommen Sie rein,“ schlug er vor. „N-nein,“ wackelte Michail Jakovlevič mit dem Kopf und lächelte breit. „Ich danke, ich wollte mich nur kurz vorstellen. Heute kann ich gar nicht aber ich würde mich freuen Sie morgen bei mir anzutreffen, wenn Sie wollen.“ Der Glatzkopf schloss die Tür. Anna kam im Bademantel und einem Handtuch auf dem Kopf aus dem Bad. „War jemand hier?“ fragte sie. „Der Nachbar,“ sagte Glatzkopf. Gehen wir hin?“ Am nächsten Tag vergaß der Glatzkopf die Einladung. Es gab viel Arbeit, die Schauspieler zickten wieder herum und Anja rief ihn jede halbe Stunde an sie  erinnernd und daran was man unbedingt einkaufen musste. Nach der Arbeit fuhren sie in einen weit gelegenen Supermarkt, wo die Preise etwas niedriger waren und die Auswahl größer. Sie gingen lange durch den Laden, blieben in jedem Bereich stehen und Anja, die Waren beäugend, fragte den Glatzkopf: „Ich kann mich nicht entscheiden, welche besser ist. Dieser oder Jener?“ Der Glatzkopf sah keinen Unterschied. Er selbst kaufte meistens irgend etwas aus der Mitte, nicht das teuerste und nicht das günstigste, so dass es nett aussah. In die Nuancen zu gehen, gefiel ihm nicht. Dazu kam, wenn er Anja bat weiter zu gehen, sie nach dem Grund dieser Entscheidung fragte und diese Gründe hatte Glatzkopf nicht. Meistens stellte sie seine Auswahl in Frage, stritt mit ihm und kaufte endlich etwas anderes, aber beim nächsten Regal blieb sie wieder stehen und wandte sich unentschlossen an ihren Mann: „Ich weiß es selbst nicht, dieser oder jener? Was denkst du?“ Irgendwann nervte es Glatzkopf und er sagte: „Such du selbst aus, gut? Du willst es kaufen, nicht ich. Du sollst entscheiden.“ Das hörend, schaute Anja finster drein und ging von ihm weg. Glatzkopf kannte dieses Verhalten schon. Anja ging immer weiter weg und Glatzkopf blieb mit einem Einkaufswagen voller Waren stehen und blickte ihr traurig hinterher. Beide wussten bereits, dass Glatzkopf sie gleich abholen würde und sich bei ihr entschuldigen, sich bemühend, sie wieder in gute Laune zu versetzen und Anja würde sich wieder weg drehen, so tun als ob sie ihn nicht beachtet und wird dann doch mit ihm gemeinsam gehen, den ganzen Weg schweigen und davon wird sich Glatzkopf schuldig und unglücklich fühlen. Und erst zuhause, nach ein paar Versuchen sich zu erklären, sie um was auch immer, um Entscheidungen zu bitten, taute sie endlich langsam auf und immer noch finster drein schauend, sagt sie zu ihm: „Als ob ich all das bräuchte. Ich kann das auch lassen, ich habe genug andere Dinge, weißt du aber ich bemühe mich ein gemütliches Zuhause einzurichten. Und du kannst nicht einmal helfen…“ „Entschuldige, verzeih mir, ich bin einfach müde geworden,“ wird Glatzkopf ihr sagen, mit Erleichterung aufatmen und sie an sich drücken. Den Nachbarn Michail Jakovlevič besuchte er erst nach einer Woche. Er besuchte ihn allein. Anja war nicht danach, Michail  Jakovlevič führte den Gast still in die Küche, gab ihm einen Stuhl und nahm aus dem Kühlschrank eine angebrochene Flasche mit dünnem Hals. Die leichten Versuche des Glatzkopfes abwinkend, goss er die durchsichtige Flüssigkeit in kleine Christallgläser: „Lehnen Sie nicht ab, Sie brauchen das, glauben Sie mir.“ „Wir können uns duzen“ winkte der Glatzkopf mit der Hand und sich nach unten beugend, roch er an dem Wodka. Er roch frisch. Sie tranken: Michail  Jakovlevič mit kleinen Schlucken, der Glatzkopf in einem Zug. Was zu essen bot der Nachbar nicht an aber der Wodka war angenehm. Irgendwie wurde das Gespräch unbefangen. Der Glatzkopf entspannte sich, lehnte sich an die weiche, gebogene Lehne des Stuhls. Es stellt sich heraus, dass Michail  Jakovlevič ein Diplomat war, Mitarbeiter in der Botschaft, war durch viele Länder gereist, hat in Afrika gearbeitet und in Asien, war mehrere Male glücklich verheiratet und kehrte erst in Verbindung mit dem Tod seiner Tante zurück, von welcher er eine Wohnung, eine Datscha und eine große Summe auf der Bank geerbt hatte. Der Glatzkopf mehr vergnügt über die Offenheit des Nachbarn als über den Wodka, wurde ebenso redseliger, laut das sagend, was er schon lange fühlte und worüber er nachdachte. „Ich liebe sie und habe gleichzeitig Angst vor ihr,“ gab er zu, schon etwas angetrunken, „habe Angst, falsch zu handeln ihr gegenüber,  habe Angst ihre Wünsche nicht zu erfüllen, habe sogar Angst mit ihr zu streiten. Sie sagt „lass uns abmachen, dass du den Müll jeden Morgen heraus tragen wirst.“ Was ist das für eine Abmachung? An einer Abmachung sind immer zwei beteiligt. Das ist keine Abmachung, sondern ein Befehl. Aber ich habe Angst es ihr zu sagen, weil ich weiß, dass sie wieder beleidigt sein wird und ich bin der Schuldige. Ich weiß nicht, wie es immer dazu kommt, aber ich trage die Schuld.“ Michail Jakovlevič hörte aufmerksam zu und der Glatzkopf redete und redete, bis er endlich selbst in Verlegenheit geriet: „Och, entschuldigen Sie mich um Gottes Willen, ich habe zu viel gesprochen, In Wirklichkeit trinke ich selten.“ „Ach was, das passt schon.“ sagte Michail  Jakovlevič. „Ich erzähle dir nun eine Geschichte, und du hör zu. Vor langer Zeit arbeitete ich in Zentralasien und freundete mich mit einem einheimischen Heiler an, namens Zakir-aka, von ihm habe ich diese Geschichte gehört. Es lebte dort eine ältere Apajka, so nennt man in ihrer Sprache die Großmutter. Sie hatte eine große Wohnung im Zentrum der Stadt, ihre Kinder studierten im Ausland und ihr wurde von einem Dienstmädchen geholfen, ein gutes Mädchen, ein Waisenkind. Aber das ist unwichtig. Apajkas Ehemann verstarb vor vielen Jahren. Und Apajka erzählte allen von seinem mutigen Tod. Darüber, wie in der Zeit der Ausführung einer verantwortungsvollen Aufgabe, er von Unbekannten in Masken überfallen wurde. Die Geschichten wurden natürlich erfunden. Zakir-aka sagte, dass ihr Mann, Kasym ein Pantoffelheld war, der gern einen über den Durst trank, und Asiaten vertragen Alkohol sehr schlecht. Sie sind eher an Opium oder Marihuana gewöhnt. Und je mehr Apajka muckte und ihn herum kommandierte, desto mehr trank er. Aus diesem Grund lehnte er sich zurück, besoff sich, begann zu erbrechen, entschuldigen Sie, jedenfalls erstickte er an seinem Erbrochenem. Natürlich konnte Apajka an ein solches Ende ihres Mannes nicht denken und fühlte sich schuldig und um die Wahrheit aus dem Gedächtnis zu verdrängen, begann sie Geschichten auszudenken und sie allen zu erzählen und so realistisch, dass ihr alle glaubten. Verstehst du wozu?“ „Nicht ganz,“ gab der Glatzkopf zu. „Es sammelt sich alles an. Die erste verschluckte Sorge wendet sich um nach einer leichten Trunkenheit aber wenn man lange Zeit trinkt, viel und regulär, können die Folgen drastischer sein. So wickele dir etwas um den Schnurrbart.“ „Meine Frau möchte einfach immer alles kontrollieren,“ sagte der Glatzkopf ruhig. „Man kann nicht alles kontrollieren!“ rief Michail  Jakovlevič. „Ich weiß. Aber es macht sie glücklich, mich zu kontrollieren. Und ich wünsche mir, dass sie glücklich ist.“ „Respekt“ sagte Michail  Jakovlevič nachdenklich. „Hör zu, ich habe eine Idee,“ sprang er plötzlich auf und kramte  im Schrank. „Ich habe hier Schlüssel von der Datscha. Ich selbst war noch nicht dort, erst einmal müssen ein paar Dinge in der Stadt erledigt werden, und du fahr zur Datscha –  erhole dich. Ich schreibe dir die Adresse auf. Lebst ein bisschen an der frischen Luft, wirst frischer. Und sag ja nicht nein. Ich bestehe darauf!“ Der Glatzkopf lehnte nicht ab. Die Möglichkeit auf die Datscha zu fahren kam ihm gerade recht. Es ergab sich sogar gut, weil Anja eine Freundin aus Europa erwartete und der Glatzkopf stellte sich mit Sorge vor, ihren Gesprächen bereits seit früh am Morgen zu lauschen. Natürlich war Anja zu Beginn über die Entscheidung des Glatzkopfes beleidigt, beschloss aber später, dass es so einfacher sein würde ihre Freundin unter zu bringen. Der Glatzkopf hat sie gehen lassen aber sie verzieh ihm nicht, darauf hin hat er sich auf dem Weg Sorgen gemacht und das Gefühl von Schuld verspürt und das würde bedeuten, dass er sie vermisst. Zwei Tage Urlaub nehmend, Freitag und Montag, mit dem Plan am Dienstag zurück zu kehren, begann der Glatzkopf die Tasche für die Reise zu packen. Am Freitag, um sieben Uhr stand er bereits in der Warteschlange am Busbahnhof. In beide Richtungen blickend, fühlte er irgend eine Unwirklichkeit, die Unmöglichkeit einer Situation; er hatte das Gefühl, dass Anja auf eine unbekannte Art und Weise auseinander gefallen war, zerbröckelte, sich in andere Menschen verwandelte und jedem von ihnen einen charakteristischen Gesichtsausdruck oder ausstattend mit irgend einem besonderen eigenem Wort und nun, als der Glatzkopf es erriet, begann sie plötzlich durch die fremden Gesichter durch zu schimmern. Der Weg erwies sich als Weit, weiter als der Glatzopf es erraten hätte. Er ist sogar eingedöst, da er die Eintönigkeit der Landschaft nicht aushielt, erwachte jedoch bald, sorgenvoll, dass er seine Bushaltestelle verpasste. Den Namen hatte er sich auf einen Zettel geschrieben aber der Busfahrer hatte die Haltestellen nicht angekündigt und der Glatzkopf musste immer wieder seine Mitfahrer wecken. Im Endeffekt nervte es ihn und der riesige alte Mann in einer Schirmmütze, der vor dem Glatzkopf saß, erklärte ihm eingängig, wie man den richtigen Ort nicht verpasst. „Hab keine Angst, wenn wir die Strecke umfahren, dann spring direkt raus, das wird schon.“ Als der Glatzkopf dachte, dass der Alte scherzt, überfuhr der Bus mit Krawall die Eisenbahngleise und blieb Staub aufwirbelnd stehen. Das war nicht einmal eine Stadt, sondern ein kleines Dorf. Ein paar alte Häuser, neben welchen Hühner umher gingen. Es roch nach Rauch. Nicht weit weg, sah man eine Haltestelle, ein Einetagenstall, neben dem auf der Bank ein Aufseher, zugedeckt mit einer gelben Weste schlief. Der Glatzkopf ging an ihm vorbei, sich nach Menschen umschauend, bei denen man nach dem Weg fragen konnte aber er sah niemanden und kehrte zurück. Vorsichtig berührte er die Schulter des Schlafenden, drückte dann etwas fester und fing an ihn zu schütteln, bis der Aufseher seine betrunkenen, trüben Augen öffnete. Der Glatzkopf reichte ihm einen Zettel mit einer Adresse. Der Aufseher bewegte die Lippen lesend, winkte dann mit der Hand und drehte sich weg. Von der Haltestelle führte ein Weg nach links. Dort hinter den Bäumen plätscherte ein Fluss oder Bach. Der Glatzkopf folgte dem Geräusch. Das Ufer war flach, aus dem Wasser schaute der alte Bug eines untergegangenen Bootes heraus. Der Glatzkopf ging in die Hocke, schöpfte etwas Wasser und wusch sich das Gesicht. Auf dem anderen Ufer des Flusses breitete sich der Wald direkt vom Wasser aus. Von dort liefen plötzlich zwei Pferde, ein weißes und ein braunes, die den Glatzkopf erschraken. Sie tranken gierig das Wasser und dann, schnaufend und zitternd vor Vergnügen, begannen sie sich im Staub zu wälzen. Endlich stand die Stute wieder auf und rannte in den Wald. Die Braune lief ihr hinter her, kam näher. Sie rieben sich gegenseitig die Mäuler und verschwanden hinter den Bäumen. Der Glatzkopf atmete tief ein und setzte sich in den Staub. Und es wurde ihm so warm ums Herz als ob hier und jetzt der Fluss für ihn floss und nur für ihn die rennenden Pferde da seien und dieses gekenterte für immer still liegende Boot. Dem Glatzkopf wurde augenblicklich klar, dass während er dort seine Sendungen drehte, hier genau so der Fluss dahinplätscherte und die Bäume ihre Blätter bewegten aber das alles wurde erst so lebendig und wirklich, als er erschien, er, der das alles beobachten konnte und sich darüber freuen. Als ob sein Aufatmen ihn gerufen hätte, kam ein heftiger Wind auf, der Staub wurde aufgewirbelt. Der Glatzkopf kniff die Augen zusammen und hörte ein leises Quietschen, irgendwo hinter seinem Rücken. Sich umdrehend, sah er zwischen den Bäumen ein schiefes Haus, zugewachsen mit Hanf und Wermut, sodass er an ihm vorbei ging ohne es zu bemerken. Die Gesetzmäßigkeit der Ereignisse ahnend, stand der Glatzkopf auf und näherte sich dem Haus. Auf der Wand war eine Nummer mit weißer Farbe geschrieben. Der Glatzkopf sah auf den Zettel mit der Adresse und schrie vor Freude auf. Er betrat das Haus nicht sofort, sondern umging er es von allen Seiten. Er stellte sich geschäftig vor, dass die Bäume noch Früchte tragen konnten wenn man den Hof vom Unkraut befreit, berührte die abgepellten, tönernen Wände des Hauses, aus denen das Schilfrohr heraus schaute und fing an sich als Hausherr zu fühlen. Die vom Wind halb geöffnete Tür begann wieder zu quietschen. Der Glatzkopf ging hinein und schloss die Tür hinter sich, mit Mühe von Innen das Schloss abriegelnd. Mit einem unangenehmen Vorgeschmack drehte er sich um, um das einzige, jedoch große Zimmer zu betrachten. In mitten des Raumes stand ein Tisch, zugedeckt mit einer alten, bunten Tischdecke mit irgend welchen asiatischen Mustern. Links von ihm stand ein nicht zu Ende gebauter Steinofen und neben diesem stand ein Eisenbett mit einem Haufen Sachen drauf. Es roch nach Feuchtigkeit und Mäusen. An den Wänden hingen Bilder, die wahrscheinlich aus Büchern heraus gerissen wurden. In der Ecke lehnten zwei Hocker aneinander und ein Regal stand daneben mit irgend welchen gefüllten Flaschen, Gläsern und bereits verbrannten Kerzen. Das alles verunsicherte den Glatzkopf nicht. Im Gegenteil, er wollte all diesen Dingen zeigen, dass er angekommen war und bereit die Oberhand über sie zu halten. Der Glatzkopf knipste den Lichtschalter und nahm war, dass die Lampe durchgebrannt war oder es gar keine Elektrizität gab. Hinter dem Regal fand er Besen und Schippe und begann aufzuräumen, hoffend das Haus bis zum Ausbruch der Dunkelheit in Ordnung zu bringen. Draußen rauschte der Wind, der Himmel war von Wolken bedeckt. Im Halbdunkel fegte er Mäuse – Leichen weg, Stücke von Backsteinen, Nägel, alles zur Türschwelle fegend. Dann fand er in einer Tasche ein Essenspäckchen, verteilte die Lebensmittel auf dem Tisch und räumte den Müll in die Tüte, die er vor die Tür stellte. Als es bereits ganz dunkel war, zündete der Glatzkopf eine Kerze an und aß Abendbrot – Ölsardinen, Brot, Käse und trank dazu einen Tomatensaft. Er hatte nur wenig Essen dabei, aber er rechnete damit, am nächsten Tag, irgend wo in der Nähe einen kleinen Laden zu finden und deswegen aß er alles auf. Das Essen war lecker, irgendwie besonders gut. Der Glatzkopf dachte, dass Anja jetzt wahrscheinlich alle Sorgen vergessend, bereits ihre Freundin getroffen hat und sie in ein Restaurant zum Abendessen ausführte. Und wahrscheinlich lachten die beiden lauter als die Musik, in Erwartung des zweiten Gerichts. Plötzlich fühlte er sich einsam, aber ein neuer Windstoß kam auf, hinter dem Fenster leuchtete es auf, es donnerte am Himmel und Kraft sammelnd rauschte der Regen und von seinen Schlägen wurde es wieder leicht auf dem Herz und fröhlich. Die Kerze beleuchtete leicht das Zimmer, die Tür war verschlossen, das Haus ließ die Nacht und das Gewitter nicht in sein Inneres, den Glatzkopf behütend. Und am aller seltsamsten war es, dass der Glatzkopf nicht wusste, womit er sich in einer Minute, in einer Stunde, morgen und übermorgen beschäftigen würde. Er war komplett sich selbst überlassen, außerhalb von Grafiken und Stundenplänen, außerhalb von Befehlen und Tipps. Der Glatzkopf spürte physisch, wie sich seine Schultern gerade bogen, sich von der unsichtbaren Last befreiend. Er ergab sich dem Windstoß, öffnete er das Fenster, lehnte sich daran, blinzelte, hielt das Gesicht ins Wasser und lachte glücklich auf. Der Glatzkopf stellte sich vor, wie süß er die ganze Nacht schlafen würde, bis zu den ersten Hühnern. Irgendwie war er davon überzeugt, dass morgens Hühner gackern würden. Er hatte einen Schlafsack dabei, wollte sich aber nicht auf den Boden legen. In den Ecken raschelten die Mäuse. Im Kerzenlicht meinte er irgend welchen alten Decken auf dem Bett zu sehen. Er beschloss sie auf den Boden zu werfen und die ganz kaputten weg zu schmeißen. Sich von der feuchten Kleidung befreiend, den Kopf abtrocknend, sowie das Gesicht und den Körper, nahm der Glatzkopf eine Kerze und näherte sich dem Bett. Die Flamme flackerte vom Wind und in diesem verzerrten Licht schien es ihm als ob etwas in der Ecke glänzen würde. Er näherte die Kerze näher und erblickte das Gesicht einer Alten, die auf ihn mit weit geöffneten Augen blickte. Der Stationsaufseher, sich in der Bude vor dem Regen versteckend, wachte von einem weiten, wilden Schrei auf, der das Geräusch des Gewitters übertönte, schaute auf die Uhr, und unzufrieden etwas murmelnd, schlief er wieder ein. Schwer atmend saß der Glatzkopf da, den Kopf umfassend, vor der Tür. An so einen Verrat zu denken war er nicht in der Lage. Die Alte schien nicht glücklich zu sein. An den Lippen knabbernd, fing der Glatzkopf fast an zu weinen und rieb den Kopf mit zitternden Fingern, als ob er sich bemühen würde das aus dem Gedächtnis auszukehren. Die Alte war klein, sie lag in der selben Ecke, zugedeckt mit der Decke bis zum Kinn und ihr Gesicht war rein und zufrieden. Es schien, als sehe sie jetzt etwas Verwunderliches, Wunderschönes, das Allerteuerste in ihrem Leben. Ihre Augen schließen oder wenigstes ihr Gesicht mit einer Decke überdecken, konnte der Glatzkopf nicht. Das wäre genau so frevelhaft wie wenn man einem Waisenkind sein Lieblingsspielzeug wegnehmen würde. Sein erster Impuls war so schnell wie möglich weg zu gehen, zu vergessen, zu verschwinden, aber das Gewitter war so heftig, die Ausbrüche des Windes aushaltend und zurück in die Stadt zu fahren , war unmöglich. Nachdem etwas Zeit vergangen war, hat sich der Glatzkopf beruhigt, mied es aber das Bett anzusehen. In seinen Schlafsack eingewickelt, machte er es sich auf dem Bett gemütlich, nachdem er von da die Essensreste weg geräumt hat. Im Zimmer mit einem Toten zu übernachten, konnte der Glatzkopf nicht, aber er hoffte wenigstens sich aufzuwärmen und zu erholen. „Im Endeffekt ist sie tot,“ dachte er laut nach: „liegt einfach da, ein wohlwollendes Großmütterchen. Seltsam ist es aber nicht schrecklich. Ich werde morgen früh zur Haltestelle gehen und alles erzählen, dann wird sie mitgenommen.“  Nun, mit jedem Aufleuchten des Blitzes, sah der Glatzkopf ihre Silhouette, „heilig ist diese Großmutter“ fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf. „Im Haus ist nichts, kein Essen, kein Geschirr, nur Bildchen an den Wänden. Sie konnte nur dank des heiligen Geistes überleben, deswegen wirkt auch ihr Gesicht so erleuchtet und sie ist noch ganz geblieben, ist sie wahrscheinlich nicht erst seit gestern tot. Mein Gott, eine heilige Einsiedlerin.“ Und der Glatzkopf bekreuzigte sich. Von diesem Gedanken klopfte das Herz ruhiger, die Gedanken beruhigten sich auch und plötzlich durchfuhr ihn ein neuer Gedanke. Er sprang auf und hätte beinahe den Tisch umgeworfen, er griff nach der Kerze und begann  die Bilder der Heiligen, die an den Wänden hingen, zu beobachten. Auf ungeraden, aus einem Buch ausgerissenen Blättern, waren Gegenden und punktierte Linien aufgezeichnet, die sich in verschiedenen Ecken überschnitten, außerdem waren sie mit Ziffern und griechischen Buchstaben ausgeschmückt. Der Glatzkopf fühlte, dass darin ein Geheimnis verborgen liegt, das vor dem Tod der Alten gelüftet wurde. Die Angst vor der Leiche wurde durch eine angstvolle  Begeisterung und Ehrfurcht abgelöst. Die Gleichzeitigkeit der Illustrationen aus einem Physik-Schulbuch suggerierte dem Glatzkopf noch mehr Vertrauen, er sah in dieser Personifikation die Verschmelzung von Geist und Vernunft, des Gewöhnlichen und Wissenschaftlichen, des Erklärbaren und Überhöhten. Diese Schemata entziffern  konnte der Glatzkopf nicht, aber er spürte mit dem Herzen, dass er jetzt den Rand des Schleiers berührte und irgendwo in der Nähe befindet sich die Quelle für alles. Und das Licht dieser Quelle schien bereits durch den Schleier. Er spürte, dass er sich nach dem Willen des Schicksals an dem Ort wieder fand, wo er noch nicht durch schlüpfen konnte, der Ort, der die menschliche Welt mit der Göttlichen verband; an dem Ort, wo der Mensch die Geheimnisse des Seins durchschaute, so wurden ihm die Tore in die andere Welt geöffnet. Und es kam ihm so vor, als ob durch die Lücke dieser sich schließenden Türen, er jetzt etwas sehen konnte, was die Alte vor ihrem Tod gesehen hat. Nicht daran glaubend, ließ der Glatzkopf die Kerze stehen und rieb sich die Augen und plötzlich, als ob sie von dieser Bewegung verursacht wurden, begannen aus seinen Augen Tränen zu kullern. Der Glatzkopf stellte mit Vergnügen fest, dass er weint. Seine Brust begann zu zittern, der Rücken juckte. Der Glatzkopf fiel auf die Knie und heulte los. Er weinte, die Tränen mit der Hand weg wischend, schluckend und sich schnäuzend, schluchzend, mit den Händen winkend und sich von Seite zu Seite schaukelnd. Er schrie mit schriller, weiblicher Stimme, lachte, gluckste und heulte. Er machte Grimassen, blies die Nasenlöcher auf, prustete und wand und drehte sich auf dem Boden. Mit jeder Bewegung und jedem Laut, spürte er, wie er sich veränderte. Er fühlte, wie sich Schicht nach Schicht von ihm löste, wie er sich von der engen Kleidung befreit, von fremden Worten, Enttäuschungen und Wünschen, wie sich der Müll von Ohren und Kopf befreit, wie die Menschen von den Schultern runter rollen und die Steine vom Hals. Er warf Hülle für Hülle von sich runter, mit Genuss spürend, wie er leichter und leichter wurde. Zum ersten Mal seit vielen Jahren machte er das worauf er Lust hatte und machte es aus voller Kraft. Und als ihm bereits schien, dass er fast am Ende angekommen war und unter der nächsten Schicht nichts mehr war, hat es aufgehört zu regnen. Der Glatzkopf lag auf dem Boden, verkrümmt, die Knie ans Gesicht gezogen und fühlte nichts, absolut nichts. In der Brust klingelte es leise. Und in dem Moment begannen hinter dem Fenster die ersten Vögel leise an zu zwitschern. „Ich will schlafen,“ dachte der Glatzkopf. Er stand auf und blickte die Alte an. Diese, wie immer, schaute ruhig und fröhlich nach vorne. Der Glatzkopf spürte seine überfüllte Liebe und Dankbarkeit. Sich schüttelnd, kletterte er auf das Bett. Das Netz hing durch und die Alte drehte sich mit dem Gesicht zu ihm. Der Glatzkopf richtete ihr Kissen zurecht, kroch unter die Bettdecke, sich nah an die Alte schmiegend, sowie Kinder sich an ihre schlafende Mutter kuscheln und schlief ein.

Die siebte Flucht. Fatamorgana

Die Schale zerbrach in Stücke. Michail Jakovlevič liebte genau diese Schale mit den „Gurken“ und trank nur aus ihr. Zornerfüllt schrie er die Helferin an, obwohl er verstand, dass er selbst schuld war, hat ungeschickt nach der heißen Schale gegriffen und konnte sie nicht halten. Die Helferin wischte sich die Tränen weg und begann die Scherben einzusammeln, er wollte es nicht sehen, stand auf und ging ins Büro. Das Fenster bot die Sicht auf die laute, zentrale Straße, voller dunkler Händler, verirrter Touristen und friedlicher Köter. Hinter den roten Häusern aus Ton, sah man  die Türme der Minaretten und die Kronen von Pappeln. Die Uhr schlug Mittag und gemeinsam mit ihrem Klang ertönte von weitem das langgezogene Lied des Muezzins, die Zeit des zweiten Namaz ankündigend. Viele Händler ließen die Touristen im Stich und gingen in ihre Läden um zu beten. Der Muezzin sang schon. Die Luft roch nach heißem und feuchtem Gras. Es war bereits der dritte Tag, an dem Michail Jakovlevič den Sessel des ermächtigten Stellvertreters einnahm und es war furchtbar demütigend, dass alles so begann. Vom alten Standort brachte er zwei große Koffer mit persönlichen Sachen mit sich, ohne die er nicht konnte: Eine Sammlung Uhren, bunte Krawatten, eine zarte Oboe, die er seit langem, aber erfolglos zu spielen pflegte, gelesene, zerfledderte Bücher, schwere und aromatische Kaffee – Päckchen, ein paar Brillen zum Auswechseln und dann noch die Schale mit den Gurken. Michail Jakovlevič tat nicht einmal die Schale leid, sondern sein Verhalten, dass er die Emotionen nicht bei sich halten konnte. „Wahrscheinlich ist es das Klima,“ dachte er sich, „hier ist es zu warm um kaltblütig zu bleiben.“ Er mochte die Stadt. Er mochte dieses Organische, mit dem hier das Vergangene mit dem Zukünftigen verschmolz. Die epochen -alten Moscheen und Schlösser, die schreienden Händler in ihren Tjubetejkas, die Pyramiden der Wasser – und Honigmelonen. Man hatte das Gefühl, dass hier alles unveränderbar blieb im Lauf von einigen Jahrhunderten. Und dazu kam ganz natürlich – man sah, Bergen ähnelnde Hochhäuser. In den Moscheen und Schlössern leuchteten elektrische Lampen, hier und da gab es Kamera-Blitze, irgend jemanden aus der Menge heraussuchend und ihn knipsend und das Gesicht dieses Glücklichen wurde sofort von einem Lächeln beleuchtet, als ob in diesem Moment eine Erleuchtung über ihn einher ging. Realisierend, dass er keine Lust hat, sich mit Papierkram zu beschäftigen, entschied Michail  Jakovlevič eine Runde spazieren zu gehen. Die Mütze über die Augen schiebend, um sich vor der Sonne und neugierigen Blicken zu verstecken, machte er einen Spaziergang um die Botschaft herum, rauchte eine auf der Bank neben dem Springbrunnen, kaufte eine aromatische Honigmelone bei einer alten Händlerin, die sie direkt in der Karre verkaufte. Danach erschien er noch etwas zu gehen und schenkte die Honigmelone zwei Mädchen, die ihn darum baten. Er nahm sie wie Geschwister wahr aber dann fing er an zu zweifeln, beobachtend wie eine von beiden, die Ältere ganz blond war, hell. Die Mädels nahmen die Honigmelone, waren aber nicht ganz glücklich und Michail  Jakovlevič dachte, dass er ihnen auf dem Rückweg etwas Kleingeld geben würde. Die Straßen waren schmal und kurvig und deswegen orientierte er sich, an den über den Häusern, sich erhebenden Minaretts mit einer blauen, runden Spitze. Dort, wo der Durchgang etwas breiter wurde, bildeten sich von der Sonne beleuchtete kleine Wiesen, auf welchen sich Katzen sonnten. Sie machten die Augen auf, seine Schritte spürend und rollen sich zusammen, bereit jeden Moment zu springen, doch sie bewegten sich nicht, darauf wartend, das Michail  Jakovlevič an ihnen vorbei geht. Ab und zu traf man Pfützen aus Seifenwasser, es sah danach aus, das die Einheimischen nach dem Wäschegang das Wasser direkt auf die Straße schütten aus der oberen Etage. Darüber nachdenkend begann Michail  Jakovlevič aufmerksamer nach oben zu schauen. Endlich traten die Wände auseinander und er betrat einen vom Licht überfüllten Platz, in dessen Mitte, zitternd und fast in den Himmel fliegend ein altes Schloss stand, die Raketen der Minaretten zogen sich zur Sonne. Das Schloss war riesig. Es schien wie ein Trugbild zu sein, das durch den ersten Windstoß zerstreut wird. „Höchstwahrscheinlich wird alles drumherum verschwinden, nur das Trugbild bleibt.“ Michail Jakovlevič erzitterte und drehte sich um. Hinter seinem Rücken stand ein Alter mit einem Besen. Der Alte schmunzelte: „Alle denken so, Sie sind nicht der Erste. Ich hatte als Kind selbst Angst, das Innere zu betreten, dachte das wird mit mir zusammen verschwinden. Dann berührte ich jedoch die Wände, gewöhnte mich dran und beruhigte mich. Sie sind nicht lange hier? „Ja“ nickte Michail Jakovlevič verwirrt. „Dann kommen Sie rein. Das war früher so, dass man keine Freaks rein gelassen hat und nun bauten sie ein Museum, nehmen Eintrittsgeld. Sehen Sie, da vorne ist die Kasse. An der Kasse standen Touristen, ca. fünf Leute. Darauf wartend dran zu kommen, verstand Michail Jakovlevič warum er Freak genannt wurde, und das gefiel ihm nicht. Dahinter verbarg sich irgend eine versteckte Aggression, so nach dem Motto – wir haben uns damit angefreundet, dass du hier bist. Wir werden dich nicht mehr stören aber beobachten. Sei vorsichtig. Ihm wurde direkt unbehaglich zumute. Auf einmal entschied er sich dagegen, das Museum zu besuchen und beeilte sich, spürte auf sich die neugierigen Blicke und ging er weg. Wenn er sich auf dem Hinweg an den Dächern der Minaretten orientierte, so hatte er nun keine hilfreichen Zeichen. Er ging immer noch die schmalen, kurvigen Gassen entlang, sich bemühend den Weg in seiner Erinnerung hervor zu rufen. Doch je weiter er sich vom Museum entfernte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass er sich verlaufen hat. Nach wie vor begegneten ihm faule Kater und schmutzige, seifige Pfützen. Auf seine Intuition hoffend, bog er mal hier, mal da ab aber er konnte nicht die zentrale Straße erreichen, die zur Botschaft führte. Wolken kamen auf und der Regen fing an zu tropfen. Ein paar Mal irgendwo vorne funkelten menschliche Figuren, doch wenn Michail  Jakovlevič sie rief, verschnellerten diese erschrocken den Schritt, entweder sie bogen ab oder sie betraten ein Haus. Ein paar Mal klopfte Michail  Jakovlevič an Türen, warf Steinchen ins Fenster, aber es kam keiner und rief keiner. Mehr böse als verschreckt sah er darin noch einen Beweis seiner Fremdartigkeit dieser Stadt gegenüber. Die Straßen schienen leerer zu sein, ihn nicht aus ihrem Labyrinth gehen lassen zu wollen. Im Endeffekt setzte er sich auf die Vortreppe des Hauses, das an einer Weggabelung stand, deren fünf Wege in verschiedene Richtungen gingen. Michail  Jakovlevič  wollte eine rauchen aber die Zigaretten waren alle und das reizte ihn auch sehr. Plötzlich hörte man Schritte und Lachen und die beiden Mädchen mit den verschmutzten Gesichtern liefen auf die Kreuzung. Michail  Jakovlevič  erkannte sie sofort – die selben Bettlerinnen, welchen er vor einer Stunde die gelbe Honigmelone geschenkt hat. Sie erblickten auch ihn und blieben unsicher stehen. Aus Angst die beiden zu vertreiben, lächelte  Michail  Jakovlevič breit und sagte: „Hallo Mädels! Na wie geht es euch? Wie ist die Honigmelone? Gefiel sie euch? Die Mädchen schwiegen mit finsterem Blick aber blieben stehen. „Sprecht ihr russisch? Ja?“ fragte  Michail  Jakovlevič: „Wollt ihr euch etwas dazu verdienen?“ Er kramte in seinem Portemonnaie, nahm ein paar Scheine heraus und zeigte sie den Mädchen. „Ich habe mich etwas verlaufen. Begleitet mich und ich gebe euch etwas Geld. Einverstanden?“ Die Mädchen schauten sich um.  Die Ältere nickte, kam näher und streckte die Hand aus.  Michail  Jakovlevič schob ihr das Geld hin, direkt in die schmutzige Hand. Zuerst gingen die Mädchen vorne, Abstand wahrend zu  Michail  Jakovlevič, dann beruhigten sie sich jedoch und gingen in seiner Nähe. Sie schienen wirklich Schwestern zu sein, aber den Vater kannten sie nicht.  Michail  Jakovlevič sah dann den Grund der Unterschiedlichkeit ihrer äußeren Erscheinung, die Mutter verließ sie vor einem Jahr, zog mit einem fremden Mann in eine fremde Stadt, vielleicht sogar Land. Die Ältere von den beiden hieß Nijara, sie war zwölf, abgesehen vom Alter war sie schon am arbeiten – sie wusch abends den Boden in einer ärmlichen Teestube und an Wochenenden ging sie mit dem Schwesterchen auf die Zentralstraße bei Touristen Geld einsammeln. Die jüngere, sechsjährige Žanel’ka kümmerte sich um den Haushalt. Für das Zimmer, in dem sie früher mit der Mutter zusammen lebten, konnten die Mädchen nicht zusammen aufkommen, aber sie fanden Platz auf dem Dachboden eines großen, neuen Hauses und ließen sich da nieder. Die Mädchen erzählten von ihrem Leben ruhig, ohne Scham und das berührte Michail Jakovlevič besonders. Er erinnerte sich plötzlich daran, wie er sich morgens wegen der zerbrochenen Schale geärgert hat. Dies erschien ihm nun als Firlefanz, als Unsinn, als Bockmist. Er wurde nie warm mit Kindern, normalerweise waren sie zu zickig, eigenwillig und zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Doch diese schmutzig-gesichtigen Schwestern waren richtig und ehrlich, sprachen klar und besonnen und er kam auf die Idee, die beiden zu adoptieren, Erschrocken distanzierte sich Michail Jakovlevič von diesem Gedanken, sich selbst damit rechtfertigend, dass er ständig auf Reisen sei und keine Erfahrung in der Erziehung von Kindern habe. Aber der Gedanke begann sich selbst zu entwickeln. Er stellte sich vor, wie er von der Dienstreise zurück kehrt und von glücklichen Schreien empfangen wird: „Papa, Papa ist zurück.“ wirft sich ihm Žanel’ka an den Hals und Nijara ist schüchtern aber kann nicht die Freude zurück halten und er dreht sich zu ihr um, damit auch sie umarmt werden kann. Und dann ziehen sie ins Speisezimmer. „Papa, guck schneller, das ist für dich,“ und da steht ein Fleischkuchen, sein Lieblingsgericht, übersät von Spuren von fleißigen Mädchenfingern. „Und jetzt spazieren,“ sagt er und die Mädchen laufen in ihre Zimmer, kehren aber zurück: Nijara in weiß,  Žanel’a in rosa mit Spitze. Und er holt aus dem Koffer Geschenke heraus. Für Nijara eine silberne, mit Steinchen bedeckte Libellen-Spange, für  Žanel’ka einen Haarreif mit lustigen Hasen und sie gehen sich Händchen haltend raus und die Fußgänger drehen sich lächelnd um: „Was für eine angenehme Familie.“ Und abends liest er ihnen Märchen vor. Nijara tut so als sei sie schon erwachsen, das sie kein Interesse mehr habe, hört aber zu. Und  Žanel’ka reißt vom fokussierten Zuhören den Mund auf, sie kann es nicht erwarten zu erfahren, was passieren wird als nächstes, aber Seite folgt auf Seite, sie begann langsam zu dösen und da schlafen sie beide. Und Michail Jakovlevič küsst sie zärtlich auf die Stirn und macht das Licht aus. Die Phantasie schien ihm so real zu sein, dass er sich fast ärgerte, die Augen senkte und als er die Mädchen sah, wieder zu sich kam. „Wir sind fast da,“ sagte Najara. Und tatsächlich um die Ecke abbiegend, befanden sie sich auf der Zentralstraße. In der Weite sah man das Gebäude der Botschaft. Die Schwestern blieben stehen.  Michail Jakovlevič blickte auf, stellte sich vor, wie sie auf ihren Dachboden zurück kehren, sagte aber nichts und öffnete die Tür. Michail Jakovlevič führte die Schwestern in sein Büro und setzte sie auf das Sofa. Sie setzten sich auf den Rand, bereit jede Minute wieder auf zu springen. Michail  Jakovlevič hob den Hörer ab um das Essen zu managen, aber plötzlich schaute er die Mädels an und verstand, dass in einer solchen Erscheinung er sie nicht in die Gaststätte führen konnte. Sie saßen angestrengt da, wie Wolfskinder, seltsam, fremd an diesem Ort. Michail Jakovlevič kam es vor als ob er mit kaltem Wasser übergossen wurde. Wie mit dem Wind wurde das Trugbild weggeweht, das in seinem Kopf entstanden war. Hier in seinem Büro, inmitten seiner Sachen spürte er unerwartet die Fremdartigkeit dieser dreckigen Mädchen, sah die komplette Unvereinbarkeit ihrer Welt mit der seinen. Wie nur konnte es in seinem Kopf kommen, das er mit diesen Kindern leben könnte. Als ob es nicht genug Bettelkinder gäbe. Najara,  beobachtete ihn, spürte die eingetretene Pause und stand auf. „Wir haben keinen Hunger, geben Sie uns einfach Geld, dafür das wir Ihnen geholfen haben.“ „Ich habe bereits gezahlt!“ verzog Michail Jakovlevič erstaunt die Brauen. „Das ist zu wenig, wir brauchen mehr.“ „Das ist eine Frechheit,“ Michail  Jakovlevič freute sich darüber, dass er einen Grund gefunden hat, sie zu vertreiben. „Los, weg von hier, ihr bekommt keine Kopeke mehr von mir.“ „Gib uns das Geld“ sagte Nijara, „sonst werden wir hier etwas veranstalten, du wirst nicht froh darüber sein. Ich werde gleich los schreien  und wenn man sich uns nähert, sage ich die ganze Wahrheit.“ „Welche Wahrheit?“ wunderte sich Michail  Jakovlevič. „Dass du uns vergewaltigen wolltest.“ „Das gibt’s doch nicht.“ dachte der Stellvertreter des äußersten Beauftragten. „Denn es riecht nach einem Skandal. Das Mädel ist nicht dumm!“ „Man wird mir glauben, nicht euch,“ sagte er endlich. „Nein,“ wackelte Nijara mit dem Kopf, „Man wird uns glauben. Wir sind zu zweit und du bist allein. Außerdem bist du hier ein Fremder. Fremde lügen immer. Besonders Männer, reiche Männer. Also gib uns das Geld.“ Michail Jakovlevič begab sich langsam zum Tisch und holte aus einer Kiste eine Zigarrenbox heraus. Im Zimmer war es so warm, das das Hemd unangenehm am Körper klebte und an den Schläfen hämmerte. Michail Jakovlevič öffnete die oberen Knöpfe, zog eine Zigarette heraus und sich so in den Sessel setzend, dass er die Sehne nicht berührte, fing er an zu rauchen. „Also, wie viel willst du?“ fragte er , den Rauch auspustend. „Ein Tausend,“ sagte Nijara, „oder zwei, alles was Sie da haben“ „Und wenn ich Hundert Tausend habe,“ schmunzelte Michail Jakovlevič, „oder wenn ich gar nichts habe?“ Ich fange gleich an zu schreien,“ Sagte Nijara. „Nein, nein, nicht nötig“ winkte Michail Jakovlevič mit der Hand. Er nahm den Geldbeutel und schüttelte seinen ganzen Inhalt auf den Tisch aus. „Ich weiß nicht, wie viel das ist, aber mehr habe ich nicht, ehrlich.“ er rückte mit der Hand den Haufen Scheine und Münzen auf die gegenüber liegende Seite des Tisches. Nijra ging zum Tisch und begann den Haufen zusammen zu sammeln, das Geld unter die Achsel stopfend. Unter ihrem Hemd konnte man kleine, runde Brüste erkennen und  Michail Jakovlevič spürte sofort, das er in Erregung geriet. Schwer atmend wischte er sich mit zittriger Hand den Schweiß aus dem Gesicht. In den Augen juckte es und davon wirkte alles drum herum irreal, wie in einem Traum. „Wie warm es hier ist,“ dachte er, bereits verstehend, dass er sich nicht halten kann. Irgendwo am Rande des Unterbewusstseins geriet der Gedanke über die zerbrochene Schale in Bewegung und er versuchte daran kleben zu bleiben, sich selbst aus dem Dunst raus zu ziehen, doch es war schon zu spät. Die Hitze überfiel ihn, und er, die Zigarette weg werfend, beugte sich nach vorne, packte Nijara an den Haaren und drückte ihr den Mund zu. Nijara heulte auf und krallte sich mit ihren Händen in ihn, versuchend sich loszulösen. Žanel’ka verstummte und saß erschrocken auf dem Sofa, die Augen vor Schreck aufreißend. „Tzz!“ sagte Michail  Jakovlevič, „Man muss nicht schreien.“ Er begann vorsichtig den Tisch zu umrunden, Nijara haltend, aber sie zuckte plötzlich auf und biss in seine Hand. Und als er reflexartig seinen Arm weg zog, konnte sie sich befreien und schrie laut. Mit einem Sprung kam Michail  Jakovlevič ihr näher, warf sie mit aller Kraft aufs Sofa und das Kissen greifend, drückt er ihr Gesicht zu, den Laut dämpfend. Žanel’ka, die sich immer noch nicht bewegte, drückte er an sein Gesicht und sie mit dem Ellbogen nieder drückend, schob er Nijaras Rock nach oben und versuchte ihr die Unterhose auszuziehen.  Das hatte er fast geschafft als er plötzlich spürte, wie etwas nasses sein Bein hinunter läuft.  Michail  Jakovlevič schaute genauer hin und sah, wie unter  Žanel’kas Beinen auf dem Marmorboden sich eine gelbe Pfütze ausbreitete. Auf einmal sah er sich von der Seite – rot, zerzaust, mit wahnsinnigen Augen. Im Schreck drehte er sich um und Nijara, dies spürend, warf das Kissen vor sich und kroch hervor.  Žanel’kas Hand umfassend, nahm sie alle Kraft zusammen und schlug Michail  Jakovlevič auf die Nase. Vor Schmerz erblindete er für eine Sekunde, als ob der Blitz einer Kamera ausgelöst wurde und ihn blendete und in dieser weißen Blindheit wurde das durchsichtige Schloss durchgeschlagen, das sich mit seinen Minaretten zur Sonne neigte, schlug durch und verschwand und es blieb nur das Chaos des dunklen, stickigen Zimmers, in dem nun weder Nijara noch  Žanel’ka anwesend waren.  Michail  Jakovlevič wollte dem Pförtner Bescheid geben, dass er sie anhalten solle, entschied sich jedoch anders. Aus dem Fenster sah er  wie die Schwestern nach draußen liefen. Die Abendlaternen sind gerade erst angegangen, aus teuren Kneipen drang Musik, die Läden leuchteten einladend. Die abendliche Kühle feiernd, gingen die Menschen nach dm heißen Tag spazieren. Die Mädchen verschwanden schnell in der Menge und erst dann machte der Fremdling dieser Stadt, Michail  Jakovlevič, die Vorhänge zu.

„Schnee im Spinnennetz“ (Sneg v pautine). Quelle zum russischen Text: https://magazines.gorky.media/novyi_mi/2015/12/sneg-v-pautine.html?fbclid=IwAR1qvt7IPslJOZ-Y04OacBynRAOJxc3aR7EhcHA0yeD7caLUG8NStskxna0

Ilya Odegov

                                                                       1.

Der Winter wurde kalt und der Schnee wehte immer Richtung Almaty. Die struppigen Zweige der Tanne neigten sich nach unten, unter der Last der kleinen, weißen Kissen, versuchten diese loszuwerden, aber der Schnee haftete mit aller Kraft an den Nadeln und wollte nicht runter fallen. Gelbe, abgepellte Dreietagen-Häuser schimmerten durch das Staket der Bäume, von ihren abgenutzten Dächern hingen durchsichtige, kalte Eiszapfen. Hätte Nazar den Fußweg eingeschlagen, wäre er sicher stehen geblieben um all das zu bewundern. Er war selten in Almaty, er liebte diese Stadt. Aber schon am Vorabend fuhr Nazar zum Autohändler nach Altyn-Orda und kaufte sich ein Auto, zwar einen alten, aber flinken Volkswagen Golf. Drei Jahre hatte er dafür Geld zurück gelegt und konnte ihn sich endlich leisten. Deswegen ging er nicht zu Fuß, sondern saß am Steuer, davon träumend, dass sich der endlose Stau, in dem er steckte, endlich auflöste. Nach dem kürzlich gefallenen Schnee wurden die Straßen nicht geräumt oder sie wurden geräumt, nur so, dass es noch schlimmer wurde. Auf beiden Seiten türmten sich riesige Haufen tauenden, schmutzigen Schnees, welcher das Herannahen an den Bürgersteig störte, parkende Autos standen fast mitten auf dem Weg und verwandelten sich in einen schmalen Weg.

Die Autos bildeten eine Kette, hupten und hinterließen dichte Wirbel grauen Rauchs, der zu einer einzigen Wolke zusammenfloss, welche langsam in die Fenster der Nachbarhäuser kroch und sich als Ruß auf ihren Wänden absetzte. Nazar hupte ebenso, nur um den Laut seines neuen Autos zu hören, dann drehte er den Schlüssel um und machte den Motor aus. „So spare ich Sprit und verschmutze die Luft weniger“, sagte er laut, als ob er sich vor sich selbst rechtfertigen müsste. Der Ofen heizte nicht mehr seit der Motor aus war, deswegen fing er bald an zu frieren. Doch plötzlich bewegten sich die Autos. Nazar startete den Motor, fuhr mit den Anderen gemeinsam zur nächsten Kreuzung, lenkte das Lenkrad und bog nach links ab. Der zufriedene Golf gewann schnell an Geschwindigkeit und spürte die Freiheit, als plötzlich ein Verkehrspolizist im gelben Anzug seinen Weg kreuzte. Er schwang mit dem Eisenstab und bat den Fahrer zur Seite zu fahren. „Mist“, flüsterte Nazar verärgert und schlug auf die Bremse. Der Polizist wartete und rechnete damit, dass der Autofahrer schuldbewusst auf ihn zukommt, doch Nazar rührte sich nicht von der Stelle, er zückte nur seine Papiere, öffnete das Fenster und betrachtet durch den Seitenspiegel den Polizisten. Dieser näherte sich unwillig dem Auto, bückte sich zum Fenster und stellte sich vor. „Kapitän Žumanov. Ausweispapiere bitte!“ Nazar zeigte ihm seinen Führerschein, den Fahrzeugschein und die Versicherung. Der Polizist drehte die Papiere hin und her und sagte mit einer halb fragenden Betonung: „Sind wir gesetzwidrig?“ „Nein“, antwortete Nazar. „Gehen Sie zum Bus, machen Sie sich vertraut mit der Videoaufnahme“, sagte der Polizist und nickte in Richtung des weißen Streifenwagen mit einem blauen Streifen auf der Seite. „Gut“, dachte Nazar und stieg aus dem Auto aus. Sie setzten sich in den Streifenwagen. Innen drin war es heiß, der Heizer tat seinen Dienst. Ein weiterer Polizist saß vor dem Computer, rotwangig und füllig von der Statur. Der Füllige blickte auf Nazar und drehte den Bildschirm in seine Richtung. „Hier ist Ihr Wagen. Die registrierte Geschwindigkeit liegt bei zweiundsiebzig pro Stunde, erlaubt sind allerdings nur sechzig.“ „Kommandeur,“ sagte Nazar, „welche zweiundsiebzig? Ich bin doch gerade von der Kreuzung gestartet und bin keine zwanzig Meter gefahren. Ich bin doch nicht mit dem Fahrrad unterwegs, woher also die zweiundsiebzig?“ „Hier ist es egal“, sagte der Füllige müde. „Dein Auto? Deines. Hier ist ein Foto und hier sind deine Angaben. Ich registriere es und du, wenn du möchtest, schreib, dass du damit nicht einverstanden bist. Ich nehme dir den Führerschein weg, das Auto wird auf einem Parkplatz für Falschfahrer geparkt, dann kannst du dich vor Gericht damit beschäftigen.“

„Gut Kommandeur“, sagte Nazar, „reichen zweitausend?“ „Welche zweitausend?“ ärgerte sich der Füllige. „Die Strafe sind zwanzigtausend, so das Gesetz, weißt du?“ Nazar öffnete das Portemonnaie und zeigte es dem Polizisten. Dieser blickte in an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Gut, dann fahr den Wagen und lass mir ein Tausend, den zweiten Teil kannst du behalten.“

Nazar kroch zurück in seinen Golf, atmete in die Handflächen und fuhr los. Er näherte sich dem Park achtundzwanzig und sah von Weitem irgendein schweres Gerät. Auf den ersten Blick waren es nicht Traktoren, sondern Panzer. Angst einflößend, gigantisch, dick aufgetragen mit grüner Farbe. Aus deren Öffnungen krochen junge Kerle in Militäruniform. Nazar verlangsamte die Geschwindigkeit, kurbelte das Fenster runter, guckte raus und fragte: „Jungs, mit wem ist Krieg?“ Einer der Kerle schaute faul auf Nazar, spuckte auf die Seite und sagte: „Mit dir.“

                                                           2.

„Danik, schau, es schneit immer noch!“ Alija öffnete das Fenster, in die Wohnung drang ein weißer, frostiger Wirbel. „Mach zu, mach schneller zu, du erkältest dich noch“ sagte Danijar und wedelte mit den Armen, schlaftrunken, immer noch unter der Decke verkrochen. „Hör auf zu meckern“, sagte leise Alija, „ich erkälte mich nicht.“  Draußen auf dem Hof rappelten die Müllmänner mir ihren Behältern. „Ich habe gestern zwei Obdachlose gesehen“, sagte Alija. „Haben sie dich nicht erschreckt?“, fragte Danijar. „Wenn du siehst, dass sie sich bei uns im Treppenhaus wärmen, erzähl es mir, ich werde sie vertreiben.“ „Ja, ne“, wackelte Alija mit dem Kopf, „ich meine was anderes. Sie wühlten im Müll und suchten vielleicht nach Nahrung, in ihren Augen konnte man den Hunger sehen. Wie leben sie jetzt im Winter nur auf der Straße? Man möchte unbedingt helfen. Ich dachte zuerst daran, ihnen Geld zu geben, dann entschied ich mich um, dachte, dass sie wahrscheinlich trinken. Werden alles versaufen. Das will ich nicht.“ „Koch ihnen doch was und bring es ihnen raus“, sagte Danijar. „Machst du Witze, ja?“ wandte sich Alija zu ihm. „Warum nicht?“ „Und wie? Soll ich es direkt in das Behältnis kippen?“

„Warum Behältnis? Stell es einfach daneben. Sie werden es finden, keine Sorge.“ „Genau“, Alija machte das Fenster zu und lief in die Küche, raschelte da mit etwas, knallte irgendwelche Schranktüren und schrie dann von da aus: „Ich hab’s! Ich koche ihnen Reis. Reis ist bestimmt gesund, nahrhaft und lecker…“ „Und günstig“, murmelte Danijar vom Bett aufstehend und sich streckend. Er duschte lange, putzte sich die Zähne und rasierte sich langsam und ohne Begeisterung die Wangen mit einem Einwegrasierer. Er wischte im beschlagenen Spiegel die Lücken, die der Wasserdampf verursacht hatte, weg und sah darin sein vom Schlaf geschwollenes Gesicht.

Er mochte es nicht, wenn Alija schon morgens früh so aktiv war. Er wusste aus Erfahrung, dass ihre Energie einen abbrühen konnte, was bedeutete, dass man besonders vorsichtig sein musste. „Ich bin soweit!“, rief Alija als sie bemerkte, dass Danijar raus ging. „Ich habe Reis gekocht, einen vollen Topf und habe sogar Butter hinzugefügt. Nun sollte ich ihn in eine Tüte füllen?“ „Die Tüte wird zerreißen. Lieber in einen Eimer“, sagte Danijar, „ich habe einen übrig, dieser Plastikeimer für Farbe.“ Der Reis war aromatisch und fluffig. Danijar schloss den warmen Topf mit einem Deckel: „Nur stell es nicht neben den Müll. Es ist schließlich Essen.“

                                                           3.

Genas Berufspraxis war imposant. Zu seiner Zeit machte er eine Ausbildung zum Eletkro – Ingenieur für Diesel- Elektrozüge, hatte aber keine Arbeit mit seiner Spezialisierung gefunden und wurde Verkäufer in einem Geschäft für Elektroartikel. In seinem Naturell sehr neugierig, lernte er bald alle Produktkataloge vom Buchrücken bis zum Buchrücken, eignete sich Wissen über elektronische Schemata an und fuhr manchmal zu Klienten, um Lampen für sie zu befestigen und Steckdosen in Stand zu bringen. Er war ein guter Mensch, tüchtig, aufgeschlossen, in der Lage einen Leuchter professionell zu befestigen und einen passenden Witz zu erzählen. Es gab immer mehr Klienten in seinem Geschäft, darum beschloss er zu kündigen und für sich selbst zu arbeiten. Zuerst hatte er Angst, gewöhnte sich aber schnell dran. Geld hatte er genug. Seine Zeit konnte er gut einteilen. In seiner Freizeit fuhr er angeln. Er fuhr sommers wie winters, bei Regen und bei starker Hitze. Nie kehrte er mit leeren Händen zurück. In seinem Behältnis befanden sich immer mindestens zehn Woblen. Aber meistens gab es noch einen größeren Fang: Karpfen und ein schrecklicher, bärtiger Wels. Noch Ende letzten Jahres begann Gena mit einem Projekt. Zu seinen dauerhaften Klienten gehörte eine wichtige Dame, Besitzerin eines Kosmetiksalons: Olga Jurjevna Šatunova. Alt aber gepflegt und imposant, kokettierte Olga Jurjevna ein wenig mit Gena, eher wie eine alte Angewohnheit. Am ersten Arbeitstag öffnete sie die Tür in einem Bademantel gekleidet, mit einem Handtuch auf dem Kopf. „Och, Gennadij, Sie? Ich habe es ganz vergessen, dass Sie …“, sagte sie zerstreut. „Nun kommen Sie rein, ich ziehe mich nur schnell um.“ Und sie verschwand irgendwo in den Tiefen ihrer Wohnung. „Natürlich“, murmelte Gennadij vor sich hin und zog Schuhe und Mantel aus. „Hetzen Sie nicht. Was ist das für ein Čmo?“Und tatsächlich, das Wesen, welches ihm entgegen sprang, erinnerte nur vage an eine Katze. Das war irgendein undeutlicher Energie – bzw. bunter Wollknäuel. Von allen Seiten guckten Pfoten, Ohren und ein Schwanz hervor. Čmo kroch neben Genas Beinen herum, miaute schrill und wehleidig und krallte sich schmerzhaft aber nicht fest mit seinen Krallen in Genas Fußknöchel. Gena verfiel in Lachen und schnappte das Wesen mit seinen großen, starken Händen: „Wer bist du,“ fragte er, in die vor Schreck weit geöffneten, runden Augen blickend. „Das ist Elsa“ ,sagte die ins Zimmer zurückgekehrte Olga Jurjevna. „Ich habe sie geschenkt bekommen. Ich kann mich einfach nicht an sie gewöhnen.“ „Was bist du nur für eine, Elsa“, murmelte Gena. „Du bist ein Čmo, einfach Čmo.“ Vorsichtig ließ er Čmo auf den Boden, dieser streifte mit seinen Krallen seine Handflächen und tauchte unter dem Sofa unter. Beim nächsten Mal brachte Gena etwas mit, ein kleines Gummiküken, welches gackerte wenn man seine beiden Seiten zusammendrückte. In seiner Jugend haben solche Gummiküken nur gepiepst, sie erzeugten solch einen langen, ekelhaften Pieps, das Küken dagegen hat wirklich gegackert. Gena mochte dieses Spielzeug als er im Geschäft war. Čmo spürte, dass das Geschenk für ihn gedacht war. Es steckte seine Nase sofort in die Tüte, miaute verlangend, dann trat es auf das Küken und sprang sofort zurück, versteckte sich, erschrocken von dem Geschrei unterm Sofa. Gena lachte genüsslich, zog das Spielzeug aus der Tüte und warf es auf den Teppich. Er war den ganzen Tag damit beschäftigt, Schalter zu knipsen, die Decke zu bohren, Drähte mit seinen festen, aber flinken Fingern zu sortieren und die ganze Zeit darauf zu achten, wie Čmo mal vom Kücken floh, mal es attackierte, es würgte um dann wieder erschrocken zu verschwinden, wenn das Küken anfing zu gackern. Arbeit hatte Olga Jurjevna genug, Gena fürchtete sich nicht vor der Arbeit, mochte es jedoch nicht mit Materialien von schlechter Qualität zu arbeiten. Olga Jurjevna kaufte alles Teure, Italienische. Und Gena wusste aus Erfahrung, dass italienische Lampen nur von außen schick aussahen und mit ihrem Kristall glänzten, von innen sind, man versteht es nicht, die Drähte zu dünn, die Kontakte schwach und deshalb hat man viele Plackereien damit, und man riskiert viel damit, weil der Preis zu hoch ist. Er erklärte sich jedoch bereit für die Reparatur. Olga Jurjevna zahlte gut, es war unangenehm, ihr abzusagen. Sie war immerhin seine treuste Kundin. Er schaffte es nicht an einem Tag, auch nicht an zweien und dann stellte sich heraus, dass die Hälfte der Leuchter einen Makel hatte. Daraufhin ächzte Olga Jurjevna und lief los um sie auszutauschen. Im Geschäft wurden die Lampen angenommen, man versprach allerdings neue erst in einem oder zwei Monaten zu liefern. So war es dann auch. Als die neue Lampe geliefert wurde, rief Olga Jurjevna Gena an und so kam er dann zu ihr. Gena hätte den Job schon längst geschmissen, jeden Tag ans andere Ende der Stadt zu fahren, war umständlich, aber er, überrascht von sich selbst, hing zu sehr an Čmo, wenn er ihn zu lange nicht gesehen hatte. Olga Jurjevna gab ihm den zweiten Schlüssel, sie vertraute ihm diesen an. Wenn Gena in der Wohnung erschien, rauchte er zuerst auf dem Balkon und spielte anschließend mit Čmo. Das Spiel war einfach. Čmo fiel auf den Rücken und streckte vor sich alle vier Tatzen mit scharfen, gebogenen Krallen. Gena versuchte diesen mit dem Zeigefinger in den Bauch zu stoßen oder nach seiner Nase zu schnappen, sich bemühend die Krallen nicht zu berühren. Čmo zappelte und versuchte mit aller Kraft nach dem Finger zu greifen, aber die Krallen glitten nur auf der harten Haut. Gena lachte und dann, ohne es auszuhalten, nahm er Čmo auf den Arm. Dieser stellte sich sofort tot und mit Erstaunen, auf beide Seiten schauend, lehnte er sich an Genas Brust. Erst zum Ende des Winters wurden alle Lampen fertig gestellt. Čmo war gewachsen, wurde graziöser und seine Instinkte kamen klarer durch. Er spielte nicht nur – er jagte sehnsüchtig und vergnügt. Er machte im Prozess der Jagd mit seinem ganzen Körper mit, mit all seiner Achtsamkeit. Zum Objekt der Jagd konnte alles werden. Ein Apfel, der vom Tisch gefallen ist, ein Schuh, der im Flur abgestellt worden war, das Gesicht des Nachrichtensprechers im Fernseher. Aber meistens Genas Beine.

                                                                4.

Stepanyč hatte sich verliebt. Das war irgendwie peinlich, gewissenlos in seinem Alter. Denn er verliebte sich nicht einfach so, nicht platonisch, sondern voller Sehnsucht, mit Begeisterung, bis zum Zittern. Sein ganzes vergangenes Leben verbrachte Stepanyč in Einsamkeit. Es gab viele Möglichkeiten aber er heiratete nicht. Es hat nicht geklappt. Er hatte nicht einmal Freunde, nur einen  Bekannten – einen Nachbarn, Mark Ivanovič, sie kannten sich nur sporadisch, wie alte Kumpel meckerten und stritten sie ständig. Mark Ivanovič war ein bedeutsamer Mensch, eine Autorität, er fuhr einen „Merce“ mit coolem Nummernschild. Zur Einwohnerversammlung schickte er seinen  Sekretär. Doch Stepanyč hielt diese Persönlichkeit für gekünstelt und verpasste nie die Möglichkeit, Mark Ivanyč runter zu ziehen. Und zur Antwort bekam er immer irgendeine Stichelei. So waren sie befreundet. Sein ganzes Sein widmete er einer Sache. Fast vierzig Jahre arbeitete er als Arzt, hat sich seiner Zeit an menschlichen Wehwehchen, bis zur Übelkeit, satt gesehen. In seiner Wohnung herrschte absolute Ordnung und Sauberkeit, wie im OP- Saal. Jeder Gegenstand hatte seinen streng vorgeschriebenen Platz. Das Draußen reizte ihn. Dort lagen überall Müll, Kippen, Bonbonpapiere und Flaschen. Dort draußen spuckten die Leute direkt auf den Boden und klebten unordentlich Anzeigen auf die Türen der Treppenhäuser. Im Sommer erschienen Arbeiter in gelben Anzügen, die laut fluchten den Asphalt bearbeiteten, neben ihnen schrie die Straßenwalze, als ob die Gaswolken explodierten, erzitterten und losgelassen wurden. Die Winter in Almaty waren feucht und schmutzig. Die Sonne schien durch die bleierne Luft. An solchen Tagen schien es Stepanyč, dass es nicht die Luft sei,  sondern irgendetwas voll mit zierlichem, schmutzigem Schnee, irgend ein Halbnebel, der sich als dicker Ruß auf die Fenster und Autos absetzte und einen schweren, stickigen Atem verursachte. Aber der jetzige Winter war anders. Obwohl, wie gewöhnlich, bewölkt, aber still, frostig und verschneit. Der Schnee verdeckte den Unfug, füllte die Straßengräben, versteckte den nicht weggeräumten Müll des Herbstes. Es schneite oft und für die Momente wenn es zu schneien aufhörte, kam der blaue Himmel zum Vorschein, so offen, schutzlos, dass einem unangenehm zu Mute wurde, sodass man die Augen verstecken wollte. In diesem Winter begann Stepanyč seine Spaziergänge zu machen. Er verließ das Haus früh am Morgen, als der Schnee noch unberührt war und schlenderte durch das alte Zentrum von Almaty. Mit der Zeit bildete sich eine Route heraus. Entlang der Bajsevitova, vom neuen Platz bis zur Ševčenko, dann vorbei an dem Mimovoj- Krankenhaus, in den Park in der Nähe des Oper – und Ballett – Theaters. Von da aus ging es entlang der Panvilova bis zur Grünanlage auf dem alten Platz und weiter abbiegend zum Kazybek Bi. Er ging weiter bis zum Park achtundzwanzig in der Panfilowcer, umging ihn um beim ewigen Feuer zu verweilen, legte den Kopf in den Nacken, um die Riesen zu begrüßen, dem Musikinstrumentenmuseum zuzunicken, den Park zu verlassen und weiter zu ziehen auf der Ualihanova bis zur Abajs. Manchmal ging er auch die Tulebajka entlang, vorbei an den schweren, dreieckigen Tannen und sich küssenden Pärchen. Bei einem dieser Spaziergänge sah er sie. Sie war kräftig, hochgewachsen, einen Kopf größer als Stepanyč, und war dünn angezogen trotz der Kälte. An den Beinen trug sie eine Leggins und gelbe Turnschuhe auf den Füßen. Obenrum einen Fellmantel und auf dem Kopf eine Mütze. Während Stepanyč weiterging, lief sie an ihm vorbei, sportlich, sich mit den Füßen von der Erde abhebend.  Stepanyč blickte auf ihren schaukelnden, kräftigen Hintern und beschloss ihrer Spur zu folgen, kam aber bald außer Puste, und der Hinter, immer noch schaukelnd, verschwand hinter der Abbiegung. Das war keine Liebe auf den ersten Blick, aber Stepanyč  hatte sich festgehakt. Bis zum Ende der Woche kannte er die Route der unbekannten Sportlerin, sie joggte immer morgens von Neun bis Zehn, machte drei bis vier Runden im Park der Panflowcer, lief dann weiter entlang der Ualihanova bis zur Akademie der Wissenschaften und verschwand in einem der benachbarten Häuser. Er war jedoch nicht bereit, sie anzusprechen, doch seine Angst entbrannte immer stärker. Die Chance ergab sich plötzlich wie es immer so ist. Draußen war Frost und Glatteis und Stepanyč achtete nicht auf seine Schritte. Er drehte ständig seinen Kopf um die Sportlerin zu beobachten. Er joggte am ewigen Feuer vorbei, vorbei am gelben Voznesensky Sobor und bog ab in die zentrale Gartenstraße. Plötzlich erblickte er etwas, nur für einen Augenblick. Ein dunkler Streifen blitzte vor seinen Augen auf. Entweder war es der Baum, der zur Begrüßung einen dünnen, biegsamen Zweig ohne Blätter herausstreckte oder es waren Raufbolde, die einen Draht zwischen die Büsche gespannt haben. Stepanyč reagierte ungewollt, versuchend sich im Lauf zu bücken, vorbei zu laufen an dem unerwarteten Hindernis, aber er hampelte stärker als nötig. Die Beine bewegten sich, rutschten aus und Stepanyč fiel mitten im Park um.  Er fiel so ungünstig auf die Seite und verrenkte den Handknöchel. Mit Mühe begann er sich aufzurichten und spürte, wie jemandes starke Hände ihm unter die Achseln griffen. Für einen Moment dachte er, dass er in die Kindheit zurückgekehrt war, er wurde wieder zum Jungen mit zerkratzten Knien, ein junger Kerl, der mit den warmen Händen der Mutter von der Erde aufgehoben wird. „Sind Sie in Ordnung?“ Die Stimme gehörte nicht seiner Mutter, sie war tief und rau. Stepanyč sammelte sich und sah sie mit ihrer Mütze. Sie hatte hellblaue, fast durchsichtige Augen und ein gebräuntes Gesicht mit dünnen fast unsichtbaren trockenen Fältchen. „Ich“, sagte  Stepanyč und betrachtete sein Handgelenk. „Ich glaube meine Hand ist gebrochen.“ Auf dem Weg zum Krankenhaus lernten sie sich kennen. Stepanyč saß ganz in ihrer Nähe auf der Rückbank vom Taxi. Sie hielt ihm als Erste die Hand hin. „Ich heiße Tonja, Antonina. Und Sie?“  Stepanyč hielt ungeschickt ihre Hand mit seiner Gesunden. „Ich bin Viktor Stepanyč, lass uns direkt duzen, Tonja.“ „Nein, das kann ich nicht. Sie sind schließlich…“ „Du Tonja, Du. Es ist wahr. Kurzweg, du hast mir praktisch das Leben gerettet.“ „Ach was, Leben“, lachte Tonja. „Viktor Stepanyč, richtig? Gut Stepanyč, wie du magst. Du, dann Du.“ Im Krankenhaus wurde er schnell geröntgt, man fand einen Bruch und  Stepanyč erhielt einen Gips. „Auf dem Gang – ist das Ihre Tochter oder Enkelin?“, fragte der junge Mann, die Hand verbindend. „Tochter“, sagte  Stepanyč und blickte finster drein.

                                                                       5.

Nazar öffnete die Tür mit seinem Schlüssel, zog die Schuhe aus und betrat die Küche. Abaj lag halb auf dem Küchensofa und nippte finster an seinem Tee aus der Schale mit Gurkenmotiv. Auf der Fensterbank lief der Fernseher, der Ton war ausgeschaltet. „Abaj, Bruder, ist es nicht genug?“, fragte Nazar und setzte sich ihm gegenüber. „Was bist du nur für ein Mensch? Wirst du bis zum Lebensende so sitzen?“ Abaj antwortete nicht. Im Fernsehbildschirm öffnete und schloss sich ein Mund. „Steh auf, lass uns spazieren gehen“,  schlug Nazar eindringlich vor. „Wenigstens etwas frische Luft schnappen. Du sitzt hier wie ich weiß nicht wer. Du sitzt schon seit drei Jahren so, bist ganz schimmelig  geworden.“ „Hör auf, Nazar“, sagte Abaj weich. „ Setz dich, lass uns Tee trinken, Ich habe eben welchen gekocht, frisch und kräftig. Wofür sollen wir uns beeilen? Die Luft ist nur da rein, wo man frei atmen kann. Deswegen macht es keinen Unterschied, hier oder draußen.“ „Es gibt einen Unterschied.“ „Ja, gibt es, ,stimmte Abaj zu. „Dort ist kalter Schnee, hier ist heißer Tee. Ich bevorzuge auf jeden Fall das Zweite. Also gieße ein. Dir selbst und mir. Welchen Sinn hat es, das Haus zu verlassen? Man sagt, mehr als du bekommst, wirst du nicht erfahren. Habe ich dir von dem Sack voller Körner erzählt?“ „Nein, welcher Sack?“ „Ich habe mal davon geträumt. Habe ich dir sicher nichts davon erzählt? Natürlich ist es Unsinn aber ich erinnere mich in letzter Zeit oft an den Traum. Als ob ich neben einem runden Tisch stünde und vor mir alle Weisen der Welt. Kannst du es dir vorstellen? Ich und die ganze Weisheit der Welt! Der Sack ist schwer, die Hand ist angespannt. Und ich mache ihn auf und sehe – darin sind Körner.“ „Und wie weiter?“, fragte Nazar. „Was, weiter? Das war alles, ich bin dann aufgewacht.“ Abaj nahm die Fernbedienung von der Fensterbank und der Mund im Fernseher begann zu sprechen. „…um eine Gesellschaft von nicht-ignoranten Menschen zu formen, die ein erfolgreiches Kasachstan erschaffen wollen. Aufklärung und Wohlergehen.“ Genau dieses Ziel erklang beim Treffen…Nazar stand auf und zog das Kabel des Fernsehers aus der Steckdose. „Ich fuhr eben am Park vorbei. Da stehen Panzer…“, sagte er. „Echte Panzer, ganz neue…Ist es immer so hier?“ „Ich weiß es nicht.“ Nazar berührte Abajs Schulter, in den dunklen Monitor des Fernsehers blickend. „Ich gehe ganz selten raus, wie du siehst. Solange es Essen und Wasser gibt, muss ich nirgendwo hingehen. Mach den Fernseher an, lass uns Nachrichten schauen. Vielleicht erzählt man irgendetwas über deine Panzer.“ „Schalte ihn selber an“, murmelte Nazar. „Du hast übrigens keine Lebensmittel bei dir zuhause. Ich habe morgens alle Schränke durchsucht und fand nichts. Nur Konserven. Wie kannst du nur so leben? Das verstehe ich nicht.“

                                                                       6.

„Schon wieder räumen sie unseren Hof nicht auf“, sagte Alija. „Der  Hausmeister war seit heute morgen nicht draußen gewesen. Hast du mit der Eigentumswohnungsverwaltung telefoniert?“ „N- Nein“, antwortete Danijar unsicher und erinnerte sich daran, dass er es hätte tun sollen. „Schon wieder vergessen? Ich habe dich doch darum gebeten…“, sagte Alija vorwurfsvoll. „Warum muss ich dich immer daran erinnern?“ „Ja und? Muss ich jedes deiner Worte aufschreiben, oder wie?“, fragte Danijar gereizt und fühlte, dass die ganze Sache nach einem Skandal roch. Alija war immer zurückhaltend mit Emotionen, doch manchmal blitzte sie unerwartet auf, begann solche Blitze auszusprühen, dass man sich verstecken und den Sturm abwarten sollte. Alija antwortete nichts, doch ihr Gesicht verdüsterte sich und sie ging still in die Küche. In solchen Situationen wusste Danijar nicht, wie er sich verhalten sollte. Er rief sofort die  Eigentumswohnungsverwaltung an aber dort nahm, wie gewohnt, keiner den Hörer ab und es war absurd darauf zu hoffen, dass an einem Samstag, bei einem solchen Schneesturm, jemand den Hausmeister dazu zwingen würde, seine Arbeit zu machen. Jedenfalls nicht in Almaty. Danijar konnte sich genau daran erinnern, wie er sich wunderte als er bei seinem Dienst in Moskau in ein winterliches Unwetter kam. Die ganze Nacht schneite es und die ganze Nacht kehrten die Straßenkehrer die Straße, junge Männer – Tadžiken. Sie fegten ohne Pause, von einem zum anderen Ort. Morgens, als Danijar das Treppenhaus verließ, türmten sich auf den Seiten Schneehaufen, die fast bis zur Hüfte gingen. Dafür waren die Wege sauber, schwarz gestreut mit einem feinen Sand. Die Straßenkehrer verschwanden. Danijar verstand ihre Logik. Wofür kehren wenn Neuschnee fällt? Besser warten, bis es aufhört zu schneien und später erst mit der Sache beginnen. In dieser Zeit hat sich, der auf die Erde gelegte Schnee, von den Maschinen wegdrücken lassen, Eisschichten, glatt und fest vom Frost. Zum Asphalt vorzudringen war nur möglich wenn man das passende Werkzeug dafür hatte. Im Internet tauchten bald Zusicherungen auf, dass die Stadt bald in Ordnung gebracht werden wird, vom Schnee befreit werden wird. Aber die Versprechen gingen nicht in Erfüllung, bis die Sonne aufging, eine weiche Frühlingssonne, die schnell die Aufgabe erfüllte, die den Beamten so schwer fiel.  Bei der Eigentumswohnungsverwaltung hoben sie den Hörer immer noch nicht ab, sodass Danijar nicht zu Alija gehen konnte, um ihr mitzuteilen, dass die Sache mit dem Hausmeister geklärt sei. Die Woche wurde mühselig und er hoffte so sehr, sich am Samstag ausruhen zu können, einfach nur ausruhen, leichtsinnig faulenzen. Länger im Bett bleiben, fernsehen, die Programme auflistend, ohne darüber nachzudenken was da läuft, auf den Bildschirm schauen wie in das Feuer eines Kamins. Jemanden von den alten Freunden anrufen, wenigstens Maksa Oblepihina oder Adilja. Jemanden, mit dem man Smalltalk halten konnte. Oder den Computer einschalten und eine Runde zocken, ein Ballerspiel oder Fußball. So eine Erholung wünschte sich Danijar. Jetzt fühlte er sich jedoch schuldig vor Alija und deswegen war an Ausruhen nicht mehr zu denken. Das Herz würde sich sowieso sorgenvoll zusammenziehen und im Kopf würden sich Gedanken sammeln über die Möglichkeit, sich mit Alija zu vertragen. Dafür müsste man zu ihr gehen und davor fürchtete sich Danijar. In Gedanken beschloss er noch abzuwarten und irgendetwas nützliches im Haushalt zu machen. Alija liebte es, wenn Danijar etwas im Haushalt machte. Er wechselte die durchgebrannten Glühbirnen, drehte die losen Klinken zurecht…dazu kam, dass Danijar im letzten Monat wenig zuhause war, er steckte immer länger auf der Arbeit fest, in dieser Zeit sammelten sich eine Menge Kleinigkeiten, die seine Aufmerksamkeit benötigten. Danijar streifte durch die Wohnung, reparierte die schiefen Türchen der Schränke im Wohnzimmer, schraubte an den Muttern des defekten Handtuchhalters im Badezimmer und beschloss dann den Müll zu entsorgen. Die zugeschnürten Müllsäcke standen schon seit gestern Abend an der Türschwelle und rochen etwas streng. Er zog sich eine Jeans und einen alten Pullover an und wollte gerade rausgehen als er hörte, wie in der Küche etwas umfiel. „Alija! Ist alles in Ordnung?“, rief Danijar und ohne die Antwort abzuwarten, ging er zu ihr. Vor Alija lag ein großer Topf, aus diesem floss der Rest der gestrigen Suppe auf die Fliesen. „Wie oft habe ich dich darum gebeten“, sagte Alija, Danijar erblickend „die schmutzigen Töpfe sofort zu waschen. Du bringst immer alles durcheinander.“ „Was bringe ich durcheinander?“, murmelte Danijar, als er den Topf aufhob und den Boden mit einem Lappen schrubbte. „Alles bringst du durcheinander“, rief Alija. „Alles, schau dir unser Haus an. Wohin man auch blickt, nichts ist an seinem Platz. Überall sind irgendwelche Papiere, Schraubenzieher, Unterhemden – alles durcheinander. Kannst du den Gegenstand nicht dahin zurück legen, woher du ihn hast? Ist es etwa zu schwer? Wir haben doch ausgemacht, dass du die Töpfe wäschst. Du weißt doch, dass es mir schwer fällt. Das war die einzige Bitte…züchtest hier Spinnen, wozu?“ „Welche Spinnen?“, fragte Danijar die Stirn runzelnd. „Wir haben hier keine Spinnen.“ „Die werden schon auftauchen“, rief Alija. „Wie oft habe ich es dir schon gesagt – leg die schmutzige Wäsche direkt in den Korb, bis jetzt sind überall in der Wohnung deine Socken verteilt, unter jedem Schrank. „Nicht unter jedem, nur unter einem“, protestierte Danijar. „Jeden Tag koche ich für dich, putze, wasche. Schon seit einem Jahr bitte ich dich, eine Spülmaschine zu kaufen, aber dir ist es egal. Wer bin ich denn? Eine Bedienung? Du denkst überhaupt nicht an mich“, Alija schaute streng auf Danijar und schrie wieder auf. „Warum setzt du dich in dieser Straßenjeans auf den sauberen Stuhl? Hast du etwa keinen Kopf?“ „Ich habe mich selbst hingesetzt und wische es selbst weg“, sagte Danijar gereizt, stand auf und wischte über den Stuhl. „Hast du sie noch alle?“, schrie Alija. „Zuerst wischst du den Boden und dann mit dem selben Lappen den Stuhl!?“ „Warum schreist du mich an?“, beklagte sich Danijar. „Kannst du nicht normal reden?“ „Du verstehst normal nicht“, sagte Alija mit einer abbrechenden Stimme. „Es ist unmöglich mit dir zusammen zu leben. Ich kann es nicht, ich gehe lieber irgendwo anders hin, ist egal wohin, nur ohne dich.“ „Ich lasse dich nicht“, sagte Danijar. „Wohin mit dir?“, fragte Alija, ohne ihn anzublicken. „Ich kann so nicht mehr.“ „Dann gehe lieber ich weg“, sagte Danijar. „Wenn ich dich so reize, gehe ich.“ „Dann geh“, sagte Alija. „Geh, mir ist es egal.“ „Ich gehe“, sagte Danijar, „ich gehe.“ Er ging in den Flur, zog sich den  Fellmantel an, dann die Mütze, schnürte sich die Schuhe zu, nahm den Autoschlüssel, zählte etwas Geld aus dem Portemonnaie ab und ging raus, hinter sich die Tür zuknallend. Er wusste genau wohin er ging. Über ein Gasthaus dachte er gar nicht nach. Es fing bereits an zu dämmern, deswegen ging er erst einmal zum Geschäft um die Ecke, kaufte Wasser, Brot, eine Stange Wurst, ein Stück Käse und ein paar Tafeln Schokolade. Er kehrte mit den Einkäufen zurück auf den Hof, öffnete sein Auto, das mit Schnee bedeckt war und kletterte auf den Beifahrersitz. Der Schnee begann zu fallen, mit großen klebrigen Flocken, dann wurde er weniger, wurde schärfer, wieder stärker, häufiger. Ein Wind kam auf, es klatschten und donnerten die blechernen Blätter auf den Dächern, die Drähte schaukelten. Alija fing  an sich Sorgen zu machen und schaute auf den Hof. Ihr alter Jeep stand direkt vor der Straßenlaterne. Aus dem Auspuff entwich ein dichter, weißer Dampf. Alija war im Allgemeinen nicht froh darüber, dass er gegangen war, aber sie war auch nicht traurig, nein sie fühlte zunächst, dass es so gerecht war, dass er, Danijar, es verdient hatte bestraft zu werden und sie hatte es verdient etwas Zeit alleine zu verbringen. Nach dem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Ehemann im Auto übernachtete, beruhigte sich Alija wieder, machte Musik an und kümmerte sich um den Haushalt. Sie räumte auf, wischte die Fensterbänke, goss die Blumen. Dann erhitzte sie das Wasser im Wasserkocher und trank einige Tassen Tee, dazu aß sie Haferkekse. Sie schaltete den Fernseher an, blätterte durch die Sender und machte ihn ungeduldig wieder aus, nachdem sie nichts passendes für sich gefunden hatte. Vor dem Fenster schneite es leicht. Auf der Spitze des Nachbarbaumes saß eine Krähe. Alija drohte ihr mit dem Finger. Die Krähe saß noch einen Augenblick so da und dann, sich vom Zweig abstoßend,  flog sie los, mit aller Kraft die Flügel schlagend. Alija wollte sich irgendeinen Film ansehen aber alle neuen Filme wollte sie gemeinsam mit Danijar schauen und deswegen war es nicht gerecht, sie ohne ihn zu gucken. Sie blickte wieder heimlich runter zum Hof. Der Schnee hatte schon die Spuren des Tages versteckt. Draußen war alles weiß, unberührt. Sie zog die Vorhänge zusammen, zog sich aus und kroch unter die Bettdecke. Der Winter war sofort weit entfernt und durchsichtig, es war nur irgendwie ungewohnt und traurig einzuschlafen, und neben sich nicht den warmen Danijar zu spüren. Draußen hörte es nicht auf zu schneien. Autos, die im Hof standen, verloren mit der Zeit ihre Konturen, der Schnee ließ sie größer erscheinen und glättete ihre Umrisse,  verwandelte sie in gigantische, weiße, abschmelzende Kerzen. Danijar lag sich halb zurück gelehnt auf dem Vordersitz seines Jeeps und schaute wie die Welt vor seinen Augen verschwamm. Von innen schien der Schnee auf dem Frontfenster nicht weiß, sondern schwarz zu sein. Doch das gelbe Licht der Laterne schien auf den Schnee, als würde die Welt flimmern. Danijar startete den Wagen, machte den Ofen an, wärmte das Innere, entschied sodann, dass er in dem gestarteten Wagen nicht schlafen konnte und stoppte den Motor. In seinem Kofferraum lagen einige Picknickdecken. Er wickelte  sich in alle ein und zog eine Mütze über die Ohren. Auf das Frontfenster schauend, kam er sich vor wie ein Neugeborenes, in Winden gewickelt. Doch er bewegte sich nicht zum Licht, sondern in die entgegengesetzte Richtung.

                                                                       7.

Die Hand schmerzte. Stepanyč bekam einen professionellen Gips. Beim Frost spürte man die Schmerzen nicht, doch jetzt tauchten sie auf, stumpfe, ziehende, unangenehme Schmerzen.  Stepanyč ging langsam, aufmerksam, die Beine so bewegend, um nicht noch einmal zu stürzen. Als er das Treppenhaus erreichte, sah er vor der Tür einen zerrissenen Sack Müll. Aus der Tüte floss irgendeine trübe Flüssigkeit. „Schon wieder fünfundzwanzig“, sagte Stepanyč verärgert als er stehen blieb. Die Flüssigkeit verfestigte sich langsam, zerfloss zu einer Pfütze über dem Betonboden und fror ein im Frost. Stepanyč hockte sich hin, ochte, schnappte mit der gesunden Hand die Tüte und brachte sie zum Mülleimer. Auf dem Parkplatz, umgeben von Autos, lungerte Danijar herum. „Guten Tag Viktor Stepanyč“, sagte dieser fröhlich, „bringen Sie den Müll raus?“ „Hallo Danijar!“, sagte im Stehenbleiben Stepanyč. Aus der Tüte tropfte gelbe Flüssigkeit auf den Schnee. „Hast du eine Ahnung, wer hier den Müll vor meinem Treppenhaus stehen lässt?“ „Keine Ahnung“, Danijar fuchtelte mit den Armen: „ja und? Ist ja nicht zum ersten Mal.“ „So finde ich eine Tätigkeit. Gut, nicht jeden Tag aber sicher ein paar Mal die Woche. Und so geht das schon das halbe Jahr.“  „Bringen Sie eine Videokamera an“, riet ihm Danijar. „Legt mit den Nachbarn zusammen und installiert hier eine.“ „Welche Kamera? Was sagst du da, Danijar? Niemand will hier eine Verbesserung. Möge Gott das bewahren, was es schon gibt. Nur macht mir der Müll Blasen auf den Augen. Und dann denke ich mir, bin ich der einzige, der das braucht? Wenn ich es nicht mache, wie lange bleibt der Müll dann stehen? Und stell dir vor, er steht ein Tag, Zwei, Drei. Alle gehen dran vorbei und beschweren sich nicht. Gut, dass Winter ist, sonst wäre hier alles voller Mücken. Ich habe es natürlich nicht ausgehalten und fragte die Nachbarn. Aber niemand wollte es zugeben, dass der Müll ihnen gehört. Und dann sage ich – soll das hier so stehen bleiben? Und man sagt zu mir, hau ab Stepanyč. Wenn es dich so beschäftigt, dann geh und bring ihn selber raus. Und so begann ich dem Müll raus zu tragen.“ „Wie hinterhältig“, sagte Danijar, „Wissen Sie, ich bin zur Zeit im Auto…Das heißt, ich verbringe viel Zeit im Hof. Ich kann einen Blick auf ihr Treppenhaus werfen. Wenn ich jemanden sehe, erzähle ich es Ihnen. Oder ich nehme es selbst in die Hand. Das lohnt sich ja für gar nichts. Und wenn man das so lässt, fangen sie morgen an ins Treppenhaus zu kacken. Was ist mit der Hand Viktor Stepanyč?“ „Ach, unwichtig“, winkte  Stepanyč ab. „Und du, hab Acht, hab Acht Danijarchen. Man muss nicht kämpfen, sag einfach wer es war und wir regeln das selbst.“ „Gut“, stimmte Danijar zu, „Geben Sie mir den Müll, ich bringe ihn raus, und Sie – gehen Sie nach hause und kommen Sie zu Kräften.“ In der Wohnung angekommen, erhitzte Stepanyč den Wasserkocher, goss sich eine Tasse voll ein und machte den Fernseher an. Der Bildschirm blieb schwarz und wackelte leicht mit winzigen Pünktchen. „Was zum Teufel“m sagte verärgert Stepanyč und schaltete um. Es veränderte sich nichts, nur dass die Pünktchen heller wurden. Stepanyč klickte noch etwas mit der Fernbedienung und griff nach dem Telefon, um den Reparatur-Dienst anzurufen, als es an der Tür klopfte. Stepanyč schaute in das Guckloch. „Wer ist da?“ „Guten Tag“, im Guckloch wackelte und verschwamm das Gesicht eines Kerls mit Brille und Kappe. „Wir haben aus versehen Ihren Draht durchgeschnitten, wir wollten bei Ihrem Nachbarn den Fernseher installieren und haben zufällig Ihren Draht abgeschnitten.“ „Meine Fresse“, sagte Stepanyč, öffnete die Tür und trat auf den Flur. „Einfach nur meine Fresse, wie kann man nur zufällig einen Draht zerschneiden?“ „Ja, ich habe die Kabelführung durchgeschnitten, in der Ihr Kabel liegt und habe falsch kalkuliert“, versuchte sich der Kerl zu rechtfertigen. „Hör mal, weißt du wer ich bin?“, fragte  Stepanyč. „Ich bin Chirurg im vierzigjährigen Dienst. Und wenn ich falsch kalkulieren würde und dir anstatt des Blinddarms eine Niere herausnähme?“ In der Wand des Treppenhauses klafften zwei Löcher und von der akkuraten Kabelführung, die in die Wohnung  Stepanyčs führte, verlief schräghin ein neuer Zweig. „Entschuldigung“, sagte der Kerl. „Entschuldigung“, äffte Stepanyč ihn nach. „Warum hast du überhaupt deine Nase in meine Kabelführung gesteckt?“ „Um das Äußere des Treppenhauses nicht zu stören. Wir haben eine solche Ordnung“. „Als hättest du hier Schönheit erschaffen“, sagte Stepanyč. „Warum ist alles so schief? Eure Hände wachsen euch aus dem Hintern.“

Gleich rufe ich deinen Chef an, um solche wie dich mit dem Besen zu vertreiben.“ „Ne, Sie können nicht anrufen – das Telefonkabel habe ich auch zerschnitten.“ „Oha, was seid ihr für Spezialisten“, Stepanyč wackelte mit dem Kopf. „Wie willst du es nun flicken?“ „Ich löte es“, sagte der Kerl nachdenklich. Eine Etage tiefer fiel eine Tür ins Schloss. „Jungs, seid ihr fertig?“, hörte man eine weibliche Stimme.  Stepanyč beugte sich über das Geländer, „Olga Jurjevna, verlegt man etwa bei Ihnen das Kabel?“ „Guten Tag, Viktor  Stepanyč. Was ist denn los? Ist alles in Ordnung?“ „Ja, eure Jungs haben mich ohne Fernseher und Telefon gelassen.“ „Oh Gott“, ochte Olga Jurjevna. „Gleich Gena. Machen Sie sich keine Sorgen, Viktor  Stepanyč, ich habe einen Elektriker, der ist Gold wert. Er wird alles reparieren, Gena, Gennadij.“  „Gut“, murmelte  Stepanyč, „Flickt es schneller. Ich brauche das Telefon.“ Er kehrte wieder in die Wohnung zurück…Der Tee war schon kalt, musste wieder erhitzt werden. Vor dem Fenster fiel nach wie vor in dicken Flocken Schnee.  Stepanyč berührte seinen Gips und wackelte mit den Fingern. Ein Riss, so ein Unsinn. Dafür kennt er jetzt Tonja. Antonina. Tonečka. Ein guter Name. Und das Mädchen, so hübsch. So groß und stark.  Stepanyč mochte starke Frauen. Sie gab ihm ihre Nummer. So leichtsinnig.  Stepanyč schmunzelte. Die Alten haben Glück. Man sollte heute schon anrufen, ohne es zu verlegen. Er ging zum Telefon, nahm den Hörer ab, hörte hin. Ein Ton, das heißt, es wurde schon repariert. Er nahm ein zweimal gefaltetes Schnipsel Papier aus seiner Brusttasche hervor, welche am Jackett im Flur befestigt war. Zum Teufel, welch winzige Schrift. Wo ist die Brille? Gefunden. So. Drei Siebener. Mobiltelefon etwa? Gut, wählen wir. Sie hob sofort ab. „Guten Tag, Tonja!“, sagte  Stepanyč verlegen. „Ja, ja. Wirklich? O, bei mir ist alles in Ordnung. Tonja, ich würde dir gerne irgendwann…ähm, danken. Kann ich dich zum Essen einladen? Ja, so ist das, hier gibt es nichts, wo man hingehen kann. Wir gehen ja nicht ins Theater, also was? Ja, ja. Abgemacht, bis morgen.“  Stepanyč sagte zufrieden „Hm“, setzte seine Brille richtig auf und stellte den Hörer zurück in die Station.

                                                                       8.

Abaj saß immer noch in der Küche und starrte in den Fernseher. Nazar setzte sich neben ihn und holte aus der Tüte zwei Flaschen Wodka hervor. Abaj schaute ruhig auf die Flaschen und sagte: „Dort im Schrank, auf dem obersten Regal, steht ein Glas mit eingelegten Tomaten. Gute Tomaten. Meine Nachbarin, Alija, hat sie selbst eingelegt. Du kennst doch Alija. Hol raus, dann haben wir was zum beißen.“ Das Glas war mit grauem, klebrigem Staub bedeckt. „Du räumst zuhause gar nicht auf, oder?“, fragte Nazar, die Tomaten auf den Teller ablegend. „Bald werden Pilze auf deinen Wänden wachsen.“ Sie tranken den Wodka. Auf den Abfluss vor dem Fenster, mit den Flügeln raschelnd, setzte sich eine Taube, kaum noch am Rand haltend, mit den Krallen das fleckige Blech kratzend. Sie riss die Augen auf, schaute ohne Unterbrechung auf die Tomaten und rutschte dann aus, die Flügel aufschlagend, wurde sie vom Wind fortgetragen. „Hier war doch früher ein Balkon“, sagte Abaj und streckte sich, um nochmal die Gläser zu füllen. „Lange her, ungefähr vor sechs Jahren. Erinnerst du dich? Ich war damals noch im Dienst. Als man mit der Renovierung begann, stellte sich heraus, dass im alten Schrank auf eben diesem Balkon die Tauben ein Nest erbaut haben. Wir haben den Balkon mit der Küche verbunden, die Wand wurde entfernt, Krach, Staub…Die Tauben haben wohl Angst bekommen und sind weggeflogen, und die Eier blieben im Nest. Zuerst wollte ich das Nest ganz nach draußen tragen, irgendwo auf einen Baum hängen, doch dann verstand ich, dass die Katzen es essen würden. Und klar, wenn die Vogeleltern nicht zurückkehren, bleibt den Küken nur das Sterben und das Gewissen ist schlecht. Ich habe sie dann aufs Dach getragen, dachte am nächsten Tag mal nach ihnen zu schauen, doch dann hatte ich es vergessen und kletterte nicht mehr dorthin. Und als der Balkon verglast wurde, fingen die Tauben an, hierher zu fliegen. Wie jetzt – kommt die Taube her als ob sie etwas suche und fliegt wieder weg? Gut, lass uns trinken.“ „Lass uns trinken“, sagte zustimmend Nazar. Nazar trank aus und Abaj starrte lange auf das Glas und sagte endlich: „Du sagst, dass ich wie ein Eremit lebe, nie rausgehe, ja? Hattest du nie so etwas, dass du gehst und dann plötzlich vor dir ein Schatten auftaucht und dein Körper zur Seite zuckt, sich wegduckt von diesem Schatten? Und dann stehst du auf, blickst dich um, und es gibt nichts im Umkreis von diesem Schatten. Leere. Und warum hast du dich weggeduckt? Hast du nicht manchmal so ein Gefühl?“ Nazar bewegte ablehnend den Kopf. Abaj schaute den Bruder aufmerksam an und senkte wieder die Augen. „Bei mir war das immer so. Die ganze Welt bestand früher aus diesen Fäden – dunklen, gespensterhaften, auf alle Seiten gespannt, versuch dich nur zu ducken. Was denkst du, warum ich zuhause sitze? Weil dort“, Abaj zeigte mit dem Finger auf das Fenster, „nur Fallen…Ich war schon in der Armee, müde, immer bereit zu sein. Nur so – Abteilung aufstehen! Heute hier und morgen werden wir ins Unbekannte abkommandiert. Immer auf der Hut, dachte ich. Mache den Dienst zwanzig Jahre und dann in Rente, als Zivilbürger. Dachte man kann dann ruhig leben, nichts fürchten. Hier ist es noch schlimmer. Du biegst um die Ecke und da ist ein Graben, sie wechseln wieder die Rohre. Du gehst zur Seite und da ist eine offene Luke. Du sagst nur ein Wort und schon kippt man auf dich einen Eimer voller Abfälle. Überall Fallen. Der Krieg ist im Gange, doch den Feind sieht man nicht. Nur das Gefühl als ob die ganze Stadt mit einem Spinnennetz bedeckt ist. Mit einem klebrigen, schwarzen Spinnennetz. Und irgend jemand hat sich stark in diesem Spinnennetz verfangen. Manch einer zittert noch. Manche sind schon vergiftet  worden. Und ich duckte mich weg, duckte mich, bemühte mich. Dachte nur daran, die Spinne zu finden, sie zu  mustern. Denn wenn es ein Spinnennetz gibt, dann muss es auch eine Spinne geben, stimmt es ? Und dann verstand ich, dass ich es selbst nicht bemerke, wie ich mich verheddere. Sobald ich denke den Schatten der Spinne zu erblicken und dann genauer hinsehe – nein das ist nur eine Fliege, die im Spinnennetz flattert. Dann höre ich einen Lärm, bewege mich sofort dahin, und da ist eine andre Fliege, beide so dick und speckig. Als ob sie von der Spinne verlassen wurden, um abzulenken. So lief ich hin und her. Und obwohl ich nichts machte, kam ich immer erschöpft nach hause, konnte weder Beine noch Arme bewegen. Weil das Spinnennetz klebt. Klebt sich auf die Augen, verkriecht sich in den Ohren. Und alles drumherum ist so, du berührst das Glas vom Fenster und siehe da, auf den Fingern ist etwas schwarzes, öliges. Triffst du den Blick eines Menschen, doch seine Augen sind leer, vergiftet, aus dem Mund fließt Gift.“ Abaj atmete mit viel Kraft aus und trank. Nazar schwieg, unwissend, was er dem Bruder sagen sollte. „Ich rede unverständlich, stimmt’s?“, fragte Abaj. „Ich habe selbst anfangs nichts verstanden“, sagte Abaj, „deswegen habe ich mich hier eingesperrt. Ich wollte alles überdenken, wie es sich gehört. Ich saß nur da und habe den ganzen Tag ferngesehen. Ich hoffte, dass ich dieses Spinnennetz von der Seite betrachten könnte. Erinnerte mich an die Eltern. Erinnere mich daran, wie unser Kindheit war. Weißt du noch, wie wir auf die Garagen der Eltern kletterten. Kennst du noch Onkel Vitja? So einen Bärtigen? Er fuhr einen

weißen Moscvič. Und seine Frau, Tante Vera. Sie wohnten eine Etage über uns. Und ihnen gegenüber die Familie Tulegenovy. Ajdar war die Ältere und mit Bek und Asel‘ spielten wir draußen auf dem Hof. Sie hatten keinen Vater und die Mutter…wie heißt sie noch…?“ „Gauhar-apaj“, lächelte Nazar und füllte die Gläser mit Wodka. „Ja genau, Gauhar-apaj hat uns immer mit Äpfeln gefüttert. Weißt du noch? Ich habe die Bilder vor meinen Augen. An die Namen erinnere ich mich nicht an alle aber die Gesichter sind mir noch vertraut. Mitschüler, Freunde, ihre Eltern…und unsere Eltern, wie viele Freunde hatten sie. Sie kamen zu uns nach hause, fröhlich mit Gitarren, sangen Lieder, tanzten…Mama kochte beš-parmak, solch einen, dass der Duft das ganze Haus erfüllte. Erinnerst du dich? Irgendwie waren alle so glücklich. Ich erinnere mich an die Gesichter, offen, hell, die Augen klar…Es waren doch auch schwere Zeiten. Alle lebten ärmlich. In den Geschäften wurde kein Fleisch verkauft, Ich weiß noch, wie Vater extra aufs Land fuhr um Fleisch zu kaufen. Ich träumte von Würstchen, von diesen grau-rosaroten schrecklichen Würstchen.“ Abaj schmunzelte: „Und jetzt haben die Leute kein Glück. In den Augen nur Angst. Lass uns trinken.“ Die beiden stießen an und tranken. „Entschuldigung, jetzt habe ich zu viel gesprochen“, sagte Abaj, „heutzutage kann man selten reden.“ „Kennst du noch Nina, aus dem zweiten Treppenhaus?“, fragte Nazar und lachte. „Natürlich kennst du sie. Du hast ihr gefallen. Aber du warst schon seit der Kindheit kratzig. Wenn du sie getroffen hattest, wurdest du noch kratziger.“

„Sie ist vor einem Jahr gestorben“, sagte Abaj, sein Gesicht verfinsterte sich und verzog sich vor Schmerz. „Sie hat sich erhängt. Bek rief an und lud uns zum Begräbnis ein, doch ich ging nicht hin. Lass uns ihrer gedenken wenn wir uns schon erinnern.“ Sie tranken leise und saßen lange in der Stille. Jeder dachte über das Seine nach, vielleicht auch über etwas gemeinsames. Endlich fing Abaj wieder an zu sprechen. Unerwartet laut erklang seine Stimme in der dunklen Küche. „Weißt du, was ich denke? Bisher habe ich es noch niemandem erzählt, aber dir verrate ich es jetzt. Seit Nina tot ist, denke ich…weißt du, ich dachte früher, dass die Oberhäupter unseres Staates Diebe sind.“ Abaj drehte in seinen Fingern das leere Glas und hob den Blick auf Nazar. „Und weißt du, ich lebe damit, habe mich an diesen Gedanken gewöhnt. Bemühte mich, dass man mir nicht zu viel wegnahm, verdiente händeringend und bewahrte das Gute auf soweit ich konnte. Und jetzt blicke ich um mich und sehe, dass ich falsch lag, katastrophal falsch. Sie sind keine Diebe, sondern Mörder…“ Abaj hob den Kopf und Nazar staunte über seinen Blick. Kein Licht war in diesen Augen, nur Dunkelheit einer unendlich erweiterten Pupille. Und Abaj sprach schneller, als ob er einen Gedanken auffing und hatte nun Angst ihn loszulassen, beeilte sich, um die richtigen Worte zu finden: „Jaja, Mörder, was anderes lässt sich nicht sagen. Alle um dich herum töten sie. Unsere Erde, die fruchtbare Steppe, die grüne, töten sie. Unser Opa, weißt du noch, erzählte, dass früher Gras in der Steppe wuchs, so hoch wie ein Mensch, selbst den Reiter auf dem Pferd bedeckte es samt seinen Kopf. Der Aral ist ausgetrocknet, das Erdöl hat man der Erde ganz ausgesaugt, die Flüsse verschmutzt, auf dem Baikonur explodieren Raketen mit giftigen Treibstoffen. In den einen Städten Radioaktivität, in den anderen vergiftete Luft. Und selbst bei uns, hier in Almaty, ist es keine Luft, sondern ein bleierner, ewiger Nebel. Bäume werden mitten in der Stadt gefällt vor den Blicken der Menschen und die Machthaber verstecken sich hinter offiziellen Dokumenten. Und dann heizen sie mit diesen jahrhundertealten Eichen ihre Kamine. Unsere Berge ebnen sie mit Bulldozern um an deren Stelle Ski – Kurorte zu schaffen. Was bleibt am Ende übrig? Keine Kurorte, kein Geld, alles nur wie ein Sumpfloch irgendeines Nimmersatts. Uns es bleiben nur Berge und Menschen, gleich abgequält, verstümmelt…“ Nun senkte Nazar seinen Blick, nicht in der Lage, die aus Abaj sprudelnde Trauer auszuhalten. Abaj verstummte ebenso, qualvoll, finster blickend, als ob er in irgend ein Inneres schauen würde, in seinen Kopf und in sein Herz. „Und die Sprache“, rief er plötzlich aus und beeilte sich wieder, „früher war kasachisch eine wunderschöne Sprache. Wie gut haben die Leute sie beherrscht. Welche Lieder haben sie gesungen? Und in der Gegenwart? Du öffnest im Sommer das Fenster und hörst nur Flüche von der Straße kommen, machst den Fernseher an und da nur Neologismen. Da sagen sie, dass sie sogar das Alphabet wechseln wollen. Die Sprache ist doch jetzt schon krank, überlebt geradeso und dann bekommt sie ein Bein gestellt, wird in den Rücken gestoßen. Heutzutage gibt es wenig gebildete Menschen und wenn sie das Alphabet ersetzen, wird es davon keine mehr geben.“ Abaj berührte mit den Händen seine Schläfen und sprach leiser, fast flüsternd, noch mehr Wut kam raus, noch mehr Schmerz. „Die Erde getötet, die Sprache auch und lassen die Leute nicht leben“, flüsterte Abaj, Unsere Frauen dürfen nicht anständig gebären. Sie werden alle zum Kaiserschnitt gezwungen, Krankheiten heilen können sie nicht. Die Menschen halten den Schmerz aus, haben Angst zu Ärzten zu gehen, um sich keine Hepatitis oder andere Seuche einzufangen. Die Kinder bekommen überfällige Impfungen. Und jeden Tag solche Nachrichten, dass die Seele zu glauben aufhört. Die Uhr schlug Mitternacht, was Abaj zusammen zucken ließ und ihn beinahe wach machte, den Blick auf Nazar hebend. „Weißt du noch, der Sohn eines Beamten hatte Menschen mit deinem Auto angefahren? In allen Zeitungen wurde darüber berichtet, aber er ist auf freiem Fuß, so als ob nichts gewesen wäre. Heute haben die Eltern Angst, ihre Kinder allein auf die Straße zu lassen, weil die Söhnchen mit ihren Autos hetzen als wären sie blind. Und dann die Nachrichten: da wurde ein Mensch angefahren, da verstümmelt. Wahre Mörder. Und alle in Freiheit. Oder hier, auch aus den Nachrichten, wie eines dieser Söhnchen mit seinen eigenen Händen eine ältere Frau getötet hat. Erinnerst du dich? Weißt du noch? Ihren Sohn hat er verprügelt, weil dieser versehentlich einen Spiegel an seinem Auto gestreift hat. Und die Frau bemühte sich, ihren Sohn zu beschützen, doch auch sie hat er nicht verschont. Er schlug sie und tötete sie auf der Stelle. Denn sie sind alle wie einer, wenn sie die Macht haben. Oder die Kinder derer, die an der Macht sind. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm wie man sagt…“

„Abaj“, sagte Nazar ruhig aber hart, den Bruder anblickend, „du hast mit allem Recht, nur das Wichtigste hast du vergessen. Was ist wenn wir all das verdient haben? Ist es etwa möglich, die Hand auf dem Herzen, zu behaupten, dass wir selbst kein Verhältnis dazu haben, was um uns herum geschieht? Und wie wir das haben! Nur enthält sich jeder von uns der Verantwortung. Warum sind wir krank? Weil die Krankenschwestern zu faul sind, sich Handschuhe anzuziehen, die Zahnärzte vergessen die Instrumente zu desinfizieren und die Hebammen sich nicht mit normalen Geburten herum quälen wollen, so schneiden sie alles auf wie Tiere. Die Machthaber begehen Verbrechen, so auch das Volk auf seine Weise. Warum ist bei uns überall Dreck? Warum ist es in diesen Bergen so schmutzig? Alles voller Flaschen, Kippen, Mülltüten? Dafür ist nicht die Macht verantwortlich, sondern einfache Leute. Sie selbst errichten um sich herum eine Müllhalde. Du sagst, wir haben schlechte Luft? Dafür raucht jeder Zweite, vergiftet sich selbst und andere. Du sagt, dies seien die Söhnchen der Abgeordneten, aber schau dir die Busfahrer an. Sind sie etwa besser? Ich habe gestern erst gesehen, wie zwei Busse sich auf der glatten Straße beinahe überschlugen als sie sich gegenseitig zu überholen versuchten um zu gucken wer als erster die Haltestelle erreicht. Sie schonen sich nicht und riskieren dabei andere Menschenleben. Ist das denn keine Gesetzmäßigkeit? Ist es kein Vergehen? Und davon gibt es Tausende, Millionen. Die kümmern sich nicht, was du ihnen erzählst. Mich kümmert es, dich auch und sie nicht. Sie töten und verstümmeln sich gegenseitig. Verschmutzen das eigene Zuhause. Zur Vernunft kommen wollen sie nicht. Wenn andere Leute sich gegenseitig egal sind, warum sollte man darauf warten, dass die Machthaber besser werden? Wie das Volk, so sind auch die Machthaber.“ Abaj hörte Nazar zu, warf das Glas aufbrausend auf den Tisch und packte den Bruder an der Schulter: „Wie sollen die Menschen anders leben?“ Abaj atmete schwer und schaute Nazar in die Augen: „Wie du schon sagst, wir leben nicht, sondern versuchen zu überleben. Weißt du, wie viele Selbstmorde es in Kasachstan gibt. Bei uns verkünden sie lauthals, dass es keine Geldentwertung geben wird und am nächsten Morgen, bähm, und die eigenen Verbrechen werden vergessen. Und alle sind wieder Bettler, einer kriecht unter den Tisch, der andere in die Schlinge. Wenn nicht die Schlinge, dann schmerzt das Herz, die Gesundheit ist durch diese verschmutzte Umwelt beschädigt. Mörder, sag ich doch. Als ob sie uns von da aus beobachten und denken: was haben sie noch Geduld? Lass uns sie unter Druck setzen. Lass uns ihnen was ganz anderes wegnehmen. Lass uns noch mehr ihr Leben verderben. Und wie ist es jetzt? Sind sie zertreten? Erniedrigt? Krank? Am Sterben? Ausgezeichnet, lass uns in diesem Geist weiter machen. Und unser Volk ist schon so gequält von diesem langen Ersticken, dass es die Hand nicht gegen seine Peiniger heben kann. Keine Kraft mehr und Angst vor dem Tod. Stirbt, kocht lebendig, krampft sich zusammen, und Angst vor dem Tod hat er immer noch. Hofft immer, dass es am Leben bleibt. Ständig Angst, dass man ihm das letzte weg nimmt. Und es hat zu Recht Angst. Sie nehmen es weg. Und wie sie es weg nehmen. Sie nehmen es weg und töten. Ihr Gewissen reicht so weit aus, um das eigene Volk zu töten. Deswegen lieber nicht in die Schlinge, sondern unter den Tisch. Damit sie es nicht merken. Denn wenn man sich gut versteckt, wird man möglicherweise nicht bemerkt.“ Abaj ließ Nazars Schulter los und senkte leise aber mit Kraft seine Fäuste auf den Tisch. „Ich bin doch genauso. Sitze unter dem Tisch, knirsche vor Ärger mit den Zähnen, aber habe Angst herauszukriechen. Deswegen mache ich die Augen zu, stelle mir mein Land vor…“ Abaj machte wirklich die Augen zu und seine Stimme erklang von neuem mit einer fremden, belegten Zärtlichkeit: „Die Steppe ist grün. Tulpen, Mohn. Die Fasane schreien mit krächzender Stimme im Gebüsch. In der Ferne laufen Antilopen, laufen mit Leichtigkeit, dünnbeinig, flink. Und die Luft ist so rein, dass es die Brust auseinander drückt. Und es reitet der Schafhirte vorbei, führt seine Herde, sitzt selbst auf dem Pferd, zwei Hirtenhunde in seiner Nähe. Die Ziegen mähern, reiben sich aneinander. Und der Himmel hoch – hoch, blau – blau. Das alles stelle ich mir vor und verstehe, dass es für so etwas nicht zu schade ist, das Leben herzugeben.“ „Hör auf, Abaj,, sagte Nazar mit Tränen in den Augen. „Hör auf so zu reden. Du zerreißt mir das Herz.“ Abaj verstummte. Noch einige Augenblicke saß er still da, schaukelnd wie in Trance, und dann trällerte leise irgend ein unbekanntes Lied. „Und im Übrigen hast du nicht recht“, sagte endlich Nazar und Abaj verstummte sofort: „Recht oder Unrecht. Die Menschen hocken zuhause nicht weil sie Angst vor den Machthabern haben. Die Leute haben keine Angst vor den Herrschern, sondern vor sich gegenseitig. Sie haben Angst vor den Gaunern, und zwar weil diese ihre Straflosigkeit spüren und die Unvorhersehbarkeit. Sie haben  Angst vor den Armen, weil diese oft gekränkt sind und nichts zu verlieren haben. Vor den Zugereisten haben sie Angst, weil diese fremd sind. Vor den eigenen Leuten haben sie Angst, weil diese zu viel wissen. Wir haben uns einfach dran gewöhnt, in allem die Bedrohung zu sehen. Wir sehen in jedem einen Verräter und Dieb. Fürchten uns…und das zu Recht. Wie soll man auch keine Angst haben. Du sagst wir seien eine Herde. Unsere Hirten sind lappig, deswegen ist die Herde hungrig. Und ich denke, die Not besteht darin, dass wir keine Herde sind, sondern Wölfe – Einzelgänger. Jeder macht das seine und für sich selbst. Wir kämpfen um die Beute. Vor starken Wölfen krümmen wir uns, die Schwachen erdrücken wir selbst. Es gibt viele Worte über die Gemeinschaft, doch existiert die Gemeinschaft nicht. Dabei vertrauen wir den Anderen nicht und wollen selbst nichts machen. Wie arbeitet man bei uns? Vier beobachten, kontrollieren und einer gräbt die Grube. Und das ist der Gastarbeiter. Wo sieht man so etwas? Faul sind sie geworden, willenlos, ignorant. Haben sich daran gewöhnt, etwas nur durch Lüge zu erreichen, mit Geld, mit Kontakten, mit Schmeichelei. Die Menschheit haben sie vergessen. Fällt ein Mensch auf der Straße um, wird sich ihm keiner nähern, ihm keiner die Hand geben. Und du sprichst von Herde…“ „Ach, ich weiß nicht. Nazeke, ich weiß es nicht“, Abaj wackelte mit dem Kopf, „vielleicht ist es ein geschlossener Kreis. Aber davon wird es nicht leichter. Und wenn es so ist, was machen wir dann hier? Hier, in dieser schmutzigen Stadt, wo man nicht atmen kann, mitten unter Leuten, für die ein fremdes Leben, fremde Gesundheit, fremdes Eigentum nichts wert sind? Worauf warten wir? Bis jetzt wurde alles nur noch schlimmer. Denn ich denke jedes Mal daran, dass alles grenzenlos ist. Schlimmer kann es nicht werden. Wenn es keine Nachricht ist, dann ist es ein Angstkrampf. Vorgestern sprach man erst darüber, dass die Amerikaner hier bei uns ein Laboratorium für besonders gefährliche Viren erbauen. Gestern beriet man darüber, dass sich unser Land in eine all-weltliche Urne für radioaktiven Müll verwandelt. Heute reden sie darüber, dass vom Himmel Teile von Raketen runter fallen. Von der russischen Grenze aus rücken in unsere Richtung Kanonen. Früher hatten die Menschen in Almaty Angst vor Erdbeben und heute haben sie fast gar keine Angst. Jetzt geschehen schlimme Dinge.“ Abaj stand auf und machte das Fenster auf. Die frostige Luft drang plötzlich in das Zimmer, wirbelte in ihm. Das Spinnennetz zwischen Hauswand und Fenster gespannt, ist noch vom Herbst da geblieben, in ihm glänzten Schneefunken. „Schau mal, wie hübsch“, sagte Abaj: „schau her, Schnee im Spinnennetz. Und die Spinne ist schon längst weg. Vielleicht schläft sie, vielleicht ist sie schon tot. Aber das Spinnennetz funktioniert. Obwohl, sie kann im Winter sowieso nichts fangen. Nur so weiße Mücken fliegen da rein. Komisch ist es. Keiner fängt keinen. Ich weiß nicht, Nazeke…ich weiß es nicht. Ein anderes Mal denke ich, vielleicht schwups, und das war’s. Wie Nina. Und plötzlich, als ob es ihm eine Antwort geben wollte, heulte wölfisch die Alarmanlage los.

                                                                       9.

Schon einige Jahre lebte Gena für sich allein. Er lebte langweilig, weit weg vom Zentrum. Lud keine Frauen zu sich ein. Manchmal, am Abend, trank er eine Flasche Bier. Zum Vergnügen. Meistens lag er vor dem Fernseher, in eine alte Decke eingewickelt. In solchen Momenten schien es ihm so, als ob die Welt nicht so groß sei, wie man in Lehrbüchern darüber schreibt. Er selbst und sein Zimmer wurden winzig klein, möglich in die Fingerspitzen zu passen. Gena schien es so, als ob die menschliche Zivilisation genauso seltsam auf der Erde aussieht, als wäre sie zwischen den Nadeln eines Igels entstanden. Er stellte sich vor, wie er den Igel jagte, seine Nadeln auseinander schob wie Zweige. Dort zuhause gab es Straßen mit Wäscheleinen zwischen den Nadeln, hin und her eilende Autos, kleine hektische Menschen. Ein Musterschüler war Gena weder in der Schule, noch in der Uni gewesen. Aber ihm schien, das Leben sei wie ein Lauf. Zuerst läuft es sich einfach und fröhlich. Begnadet sind die, die lange Beine haben oder deren Atem stärker ist, diese laufen natürlich vorne. Aber auch die anderen bleiben nicht weit zurück, weil es so gesellig ist. Doch nach einer, zwei, drei Runden, kommen die Läufer außer Puste. Manch einer hört auf. Die Begnadeten haben Vorsprung, sie waren von Anfang an die ersten, aber einfach nur Talent ist noch zu wenig. Man benötigt Erfahrung. Man benötigt Können. Der Impuls ist weniger wichtig, sondern die Ausdauer. In der Jugend glänzt jeder und funkelt. Und weiter wird es schwerer. Weiter verliert der Mensch entweder an Kraft oder er gewinnt sie. Entweder er wird matt, oder er feilt neue Flächen. Anders klappt es nicht. Und das Leben, das  ist ein langer Staffellauf mit Hindernissen. Und Gena lief gemächlich aber schnurgerade. Er bemühte sie nicht zu stolpern und auszurutschen. Und das brachte ihm sein eigenes Obst. Er hatte einen stabilen Verdienst, sei es auch nicht viel, er hatte sein Haus und sogar einige Kontakte. Nur hat sich mit der ehemaligen Frau das Verhältnis nicht gebessert. Abends, vom aufgeflogenen Wind, winkten vor dem Fenster die Bäume, unordentlich mit ihren Pfoten und von dieser Bewegung bewegte sich irgend etwas im Inneren, sorgte sich, als ob die Pfoten unsichtbare Fäden griffen, welche aus seinem Körper heraus gingen, und zogen in alle Richtungen. Ihn sorgte auch der hinter den Bergen herauslugende, gelbe, gefleckte Mond, als ob dieser bereit war zu explodieren wie aus einem Vulkanschlot die Lava. Gena stand auf und ging im Haus umher, er konnte lange die Haut auf dem abgekühlten Tee beobachten, den in der Luft wirbelnden Staub, beobachten, wie sich auf dem Rand des Wasserhahns ein Tropfen bildet. An solchen Tagen gingen Genas Gedanken meistens zu dem rothaarigen und flauschigem Čmo.

                                                                       10.

Nazar ging morgens raus in den Hof. Alles um ihn herum war bedeckt mit weißem, sauberen Schnee, und irgendwo hier zwischen den Schneehaufen, verbarg sich sein Golf. Falten ziehend von der Fülle des Weißen und vor Kopfschmerzen nach den gestrigen Ereignissen, ging Nazar hin und her, sich ins Gedächtnis rufend, wo er geparkt hatte, erinnerte sich jedoch nicht daran. Danijar beobachtete Nazar mit Vergnügen durch die Frontscheibe, dann hielt er es nicht aus, öffnete die Tür seines Jeeps und rief: „Assalam Ualejkum! Was? Kannst du dein Auto nicht finden?“ „Ualejkum assalam“, antwortete Nazar, „Ich meine, er war gestern noch hier und jetzt verstehe ich es nicht.“

„Hier ist er, zweiter Schneehaufen“, sagte Danijar herauskletternd. „Ich habe einfach im Auto übernachtet, hatte Sehnsucht, schaute aus dem Fenster. Habe den ganzen Hof kennen gelernt. Wo welcher Baum wächst, wo wessen Auto steht, ich weiß jetzt alles.“ „Danke“, Nazar freute sich und begann mit den Händen den Schnee vom Auto zu räumen. Bald zeigte sich tatsächlich die blaue Seite des Golfs. „Äch, ich hätte zuerst die Bürste raus holen sollen“, sagte er enttäuscht. „Du bist doch Abajs Bruder, stimmt’s?“, fragte Danijar. „Ist es ok, wenn ich dich duze?“ „Ja, natürlich, Nazar“, stellte sich Nazar vor, die Hand ausstreckend. „Danijar“, sagte Danijar, die Hand Nazars drückend. „Ich gebe dir gleich meine Bürste.“ Er nahm die Bürste und begann Nazar zu helfen, das Auto frei zu räumen. „Abaj hat sich lang nicht mehr blicken lassen“, sagte Danijar. „Fehlt ihm nichts?“ „Ihm fehlt nichts.“ Nazar nickte, „will einfach nicht rausgehen.“ „Hat er ein Glück, wenn er will, geht er raus, wenn nicht, dann nicht“, schmunzelte Danijar, und schaufelte den Schnee unter den Reifen frei. „Und wovon lebt er, wenn es kein Geheimnis ist? Och, verzeih mir, Aljuša schimpft die ganze Zeit mit mir wenn ich solche Fragen stelle. Ich mag es direkt und nicht drumherum. Besser man fragt und wenn dein Gegenüber es nicht möchte, dann wird er nicht antworten, stimmt’s?“ „Weißt du es denn nicht?“, fragte Nazar. „Er bekommt Rente, Münzen natürlich. Aber Abaj braucht nicht viel zum Leben.“ „Und vieles funktioniert heutzutage nicht“, antwortete Danijar. „Wie du dich auch drehst, es ist trotzdem zu wenig. Solche Zeiten haben wir. Das Geld wird weniger, die Preise steigen.“ „Aber Glück liegt ja nicht nur im Geld“, sagte Danijar, den Schnee von der Haube wischend. „Worin dann?“ „Worin?“, Danijar taute auf. „Ich habe auch gedacht, ich denke schon den zweiten Tag nach. Ich bin hier, weil…also meine Frau mich aus der Wohnung vertrieben hat. Jetzt habe ich Zeit zum Nachdenken…Aber Geld, ja selbstverständlich braucht man Geld! Aber nicht nur, stimmt’s? Was denn noch? Na, nehmen wir mal an die Familie. Obwohl das für manche kein Glück ist, sondern Quälerei. Gestern dachte ich daran, dass man vielleicht viel Lebenserfahrung braucht, um glücklich zu werden. Nichts da. Nun, ich fuhr nach Indien vor zehn Jahren. Dort hat man von Kasachstan kaum was gehört. Ich war noch ganz jung, ein Kerlchen, hatte gerade das Studium absolviert, wusste nichts über das Leben. Und ich suchte Abenteuer, dort findet man leicht welche. Ich freundete mich also mit einem Afghanen an, einem Schmuggler und Drogendealer und wir sind durch ganz Indien gereist. Er betete  um Vergebung für seine Sünden und handelte mit Haschisch, und ich habe Leute kennen gelernt, verschiedene Heilige, also ich habe mich entspannt. Zurückgekehrt bin ich wie von einem anderen Planeten, habe eine Trommel mitgenommen, indische Kleidung. Ich kam mir echt vor wie ein Kosmonaut. Nachdem man meine Erzählungen gehört hat, fuhren nächstes Jahr weitere Menschen, meine Bekannten. Und heute ist es nur ein Faulpelz, der Indien noch nicht besucht hat. Doch während ich Orte besuchte, sakrale,

märchenhafte, Haridwar, Varanasi, Sarnath, fahren diese neuen Reisenden nach Goa, wo zur Zeit alles russisch ist. Von Indien sind nur die Bedienungen und Schmuckläden übrig. Aber von der Seite erkennt man keinen Unterschied. Wenn man bedenkt, ich war in Indien vor zehn Jahren, und der Sohn meines Nachbars, Kolja Getmančuk, fährt jedes Jahr hin. Von der Seite betrachtet ist Kolja der größere Kenner Indiens als ich, obwohl er nie weiter gereist ist als Pune. Tiefer blicken will niemand. Meine Erfahrung verliert an Wert, das heißt das Glück auch.“ Danijar hat ganz aufgehört Nazar zu helfen, das Auto frei zu räumen, lief ständig hinter ihm her und erzählte, mit den Händen gestikulierend. „Aber es ist doch dennoch deine persönliche Erfahrung“, sagte Nazar, und befreite die Fenster vom Eis. „Du weißt doch, dass du mehr gesehen hast als dieser, dein Kolja.“ „Nein, du verstehst einfach nicht“, Danijar wedelte mit dem Arm. „Schau mal, hier ist ein anderes Beispiel für dich. Ich habe einen Freund, er ist Fotograf. Ein Künstler. So natürlich kann der Mensch Schönheit erkennen und den Moment fest halten. Genau den Moment wenn der Vogel den Schnabel öffnet, jemand mit den Händen schwenkt, ein Blatt vom Baum, das vorbeifliegt. Nun hat er aber mit der Fotografie fast ganz aufgehört. Ich frage ihn, warum? Darum, antwortet er mir. Es gibt zu viele Fotografen, du kannst dich nicht durchdrängen. Jeder Zweite hat um den Hals eine coole Kamera hängen, alle mit so klugem Blick, knipsen da irgend etwas und laden es im Internet hoch – ihre mit Photoshop bearbeiteten Resultate. Und wenn man das so von der Seite betrachtet, unterscheidet sich mein Freund der Fotograf, in nichts von den anderen. Von der Seite betrachtet, sehen  viele Fotografen sogar besser aus, sie haben eine ausdrucksvollere Technik und mehr Likes auf Facebook. Und die Aufmerksamkeit auf das Gefühl für die Schönheit zu lenken, auf den eingefangenen Moment interessiert niemanden. Damit meine ich die Masse, mein Freund ist bloß einer aus einer Vielzahl von Fotografen und bewertet nach der äußeren Erscheinung und der Anzahl der Likes, ist er noch längst nicht der Erste. Und dann sieht es so aus, dass der Mensch talentiert ist, man ihm aber noch lange nicht erlaubt glücklich zu werden. Also wird nicht nur die Lebenserfahrung bewertet, sondern auch das Talent. Alles ist irgendwie flüchtig geworden, oberflächlich. So hatte ich früher Ziele, Durchsetzungsfähigkeit, und nun – wozu brauche ich sie jetzt? Willst du Fotograf werden, hänge dir eine Kamera um den Hals, zieh dir ’nen Schal an – fertig, ein Fotograf. Willst du eine neue Sprache lernen, hör dir einen Audiokurs an, ein paar Mal und du hast ein paar Phrasen auswendig gelernt – und fertig.“ „Nun, ich weiß nicht“, sagte Nazar. „So wollte ich früher ein Auto haben, eine ausländische Marke, spare drei Jahre lang. Hab einen zweiten Job gefunden. Dann bin ich zum Bruder gefahren, alle Anzeigen gelesen, fuhr ein paar mal zum Autohandel und kaufte es. Hier ist es.“ Hinter ihnen knallte eine Tür im Treppenhaus und schwer atmend, nur mit Mühe ihre kurzen, dicken Beine bewegend, betrat eine alte Dame den Hof. Aus den Überschuhen schauten nackte Knöchel heraus. An einer langen Leine führte sie einen gigantischen, grauen Kater. Dieser sträubte sich störrisch, drehte seinen Hals, versuchte auszubüchsen, sich von der Leine zu befreien. Wahrscheinlich machte er das aus Gewohnheit, ohne Zorn und Empörung. „Kuz’ma!“, rief ihn streng die Alte. Der Kater gab auf und näherte sich ihr, hob die Pfoten und befreite sie vom Schnee. Im Fenster der ersten Etage erschien ein zotteliger Schoßhund, als er den Kater bemerkte, fing er an zu bellen und berührte mit dem Näschen die Scheibe. Kuz’ma hörte die Stimme und begann sofort sich zu strecken und zu gähnen und zeigte seine langen gelben

Eckzähne. „Gut“, winkte Danijar mit der Hand zum Gespräch zurück. „Du verstehst nicht, oder ich erkläre es falsch. Ich bin es auch nicht gewohnt solche Sachen zu erklären. Ich rede über Materielles…über das Bild in etwas. Der Mensch muss doch eine Vorstellung besitzen, was draußen ist und was Innen. Gleichgewicht, ne? Das ist das Glück, so scheint mir. Ansonsten was für ein Glück wenn das Gleichgewicht fehlt. Und hier ist es so, dass die Balance gestört wird. Die Leute ziehen sich irgend ein Bild über, doch was Innen ist, kannst du nicht verstehen.“ Die Alte kam näher, belauschte mit Neugierde das Gespräch zwischen Nazar und Danijar und jammerte dann auf: „Es schneit die ganze Zeit, wann hört es endlich auf?“ Nazar und Danijar drehten sich um. „Guten Tag, Tamara Vasiljewna“, sagte Danijar. Tamara Vasiljevna, zufrieden die Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, fuhr fort: „Das ist Gott, der unsere Stadt bestraft hat. Er kann von oben das leidvolle Leben sehen. Das ist Schande und kein Leben. Ich habe ja mein ganzes Leben in der Fabrik durchgearbeitet, bin Arbeitsveteran und habe eine Medaille, und nun? Ich lebe von Münzen, alles geht für die Medikamente drauf und für diesen Faulenzer.“ Sie schubste leicht den Kater und dieser zischte als Antwort auf und kratzte die Alte am Schuh. „Und gestern ging ich auf die Straße und sah neben dem Müll einen Eimer gekochten Reis. Ein voller Eimer Reis. Ich habe manchmal nichts zu essen und jemand lebt so, das er Essen in einem Eimer weg wirft. Manche haben zu viel des Guten. Ich bin doch alt, habe keine Kräfte mehr. Ich dachte, ich kann den Topf in die Wohnung tragen aber der ist zu schwer. Deswegen versteckte ich ihn unter dem Baum.“ Sie berührte mit zitternden Fingern die verschneite Birke. „Söhnchen, helft der Alten, da ist er irgendwo, sucht danach, Ich muss ihn irgendwie in die dritte Etage tragen. Helft doch, Söhnchen.“ „Ja, eine Schande“, atmete Danijar auf und schaute diebisch hoch zu seinem Fenster, „guckt Aljuša vielleicht raus?“ „Gut, Tamara Vasiljevna, ich habe sowieso nichts zu tun. Wo, sagen Sie, ist der Eimer?“

                                                           11.

Stepanyč kleidete sich in eine Paradeuniform ein, band sogar eine Krawatte um den Hals, Tonja erschien in Jeans und einem dicken, orangefarbenem Pulli. Sie saßen sich im Restaurant gegenüber. Tonja bestellte sich einen gigantischen Steak und schlang ihn nun mit viel Appetit herunter. Stepanyč bestaunte sie und wühlte in seinem Salat. „Och, hat es viel geschneit!“, sagte Tonja, das Fleisch zerkauend und aus dem Fenster blickend. „Woher haben wir nur so viel Schnee,  Stepanyč? Du bist doch Lehrer, du musst es wissen.“ „Ich? Lehrer?“, fragte  Stepanyč verdutzt. „Ja, klar, warum nicht? Ich dachte einfach, dass wenn du Viktor Stepanyč, dich so offiziell mit Vatersnamen vorgestellt hast, dann bist du entweder Beamter oder Lehrer. Ein Beamter kannst du nicht sein, also Lehrer.“ „Ich bin Arzt“, sagte Stepanyč zurückhaltend. Doktor.“ „Was, echt?“ Tonja legte sogar die Gabel weg. „Was für ein Arzt? Zahnarzt etwa?“ „Warum denn Zahnarzt? Nein, Chirurg.“ „Oh, arbeitest du im Krankenhaus?“ „N-nein. Ich arbeite nicht mehr.“ Stepanyč winkte der Bedienung zu und diese kam langsam auf ihn zu. „Sollen wir vielleicht was trinken? Wein, Kognak, Wodka?“ „Ne.“ „Dann Kognak. Hudert Gramm bitte.“ „Könntest du einen Arm vergipsen?“ „Möglicherweise ja“, sagte Stepanyč. „Aber das ist umständlich. Dafür muss man zuerst ein Röntgenbild anfertigen.“

Ein älteres Paar betrat das Restaurant. Von ihren Mänteln und Mützen rieselte Schnee. Von draußen kam Frost herein. „Weißt du überhaupt, warum ich die Medizin verlassen habe?“, fragte  Stepanyč. „Wahrscheinlich haben Sie dich in Rente geschickt. Du hast schließlich das Alter dafür.“ „Nicht wirklich“,  Stepanyč atmete auf, die breiten, runden Schultern von Tonja bewundernd. „Wir haben gute Ärzte. Einfach so schicken sie niemanden in Rente. Hier verhält es sich anders. Es gab da mal eine Geschichte…ich habe niemandem davon erzählt, aber dir will ich’s sagen, weil ich schon alt bin, und du…du gefällst mir.“ Tonja lachte. Stepanyč verstand, dass er schroff klang, fröstelte und nahm, das von der Bedienung gebrachte Glas Kognak. „Lass mich trinken und erzählen…Och, ist der stark. Man sagt ich kann keinen Kognak trinken. Wie Wodka trinke ich ihn, in einem Zug. So schmeckt er mir besser. Ich mag es nicht, es in die Länge zu ziehen und nur dran zu nippen…Gut, also worüber wollte ich erzählen? In unser Krankenhaus kam eines Tages ein neuer Chefarzt: Tursunbekov Kajnat. Den Vatersnamen habe ich vergessen, er war junger als ich. Und wie es bei uns oft so ist, wenn die Leitung ausgetauscht wird, dann ändert sich das Personal. Und so kam es auch. Irgend jemanden hat man gekündigt. Irgendwer wurde versetzt. Ich wurde da gelassen wo ich war, nur der Assistent wurde ausgewechselt. Nurlan hieß er. So ein winziger, noch ein junges Kerlchen. Kein Wissen, keine Erfahrung, dafür aber sehr hochmütig. Gut, dachte ich, irgendwie werden wir uns aufeinander einarbeiten. Aber das Einarbeiten klappte nicht. Während der OP muss ja alles genau sein. Aber Nurlan tat so, als ob er mich nicht hören würde. Ich bat ihn die Spreizer zu halten und er zwinkerte nur mit den Augen. Ich sagte ihm, er solle Überschuhe anziehen, aber er erscheint in Straßenschuhen im OP-Saal. Wie ein Depp. Verspätete sich, kam schlaftrunken, gähnend. Einmal schrie ich ihn an, versprach ihm, ihn zu kündigen zum Teufel komm raus, wenn es so weiter geht. Er schmunzelte nur und sagte, dann gehen Sie doch und beschweren Sie sich beim Chefarzt. Ich ging und beschwerte mich. Ich habe ruhig erklärt, das Nurlan seiner Stellung nicht entspricht. Kajrat hörte es sich an und sagte: „Stepanyč, mein Lieber, du bist uns eine wertvolle Fachkraft, aber Nurlan kündigen kann ich nicht. Entschuldige.“ Und das war’s. Ohne Erklärungen. Und Nurlan hat es verstanden, das es nicht geklappt hat und wurde noch frecher. Hat während der Op’s gequatscht, fing an mir von den Leuten Ratschläge zu geben, meine Fehler besprechend. Überhaupt versuchte er mich so weit zu bringen, das ich aus meiner eigenen Haut fuhr. Er konnte auch nicht zum Dienst erscheinen. Ich weiß nicht wessen Sohn er war, nur gelang ihm gar nichts. Und eines Tages brachten sie mir eine Kranke, deren Blinddarm heraus geschnitten werden musste. Das ist eine Routine-OP, mit einigen Nuancen aber banal. Wir machten eine Narkose, ich sezierte die Muskeln und man konnte sehen, das alles entzündet war. So etwas passiert. Ist es schlimm, das ich beim Essen davon erzähle? Vergeht da nicht der Appetit?“ „Nein,  Stepanyč. Mein Appetit hat vor nichts Angst“, Tonja lächelte Tonja. „Erzähl weiter.“ „ Also, wir bereiteten uns vor, erreichten das Innere und stellten fest, das alle Symptome für eine schlimme Blinddarmentzündung sprachen. Ich sah, das der Blinddarm nur dann raus geholt werden konnte, wenn der Schnitt vergrößert wurde. Und da begann Nurlan wieder sein Ding zu machen, fing an zu beurteilen, das angeblich manche Chirurgen an die eigene Bequemlichkeit denken. Sie können angeblich den ganzen Bauch aufschlitzen, Hauptsache die Finger werden nicht schmutzig. Und dann pfeifen sie drauf, das der Mensch später sein ganzes Leben lang mit einer Narbe leben muss. Hier habe ich unterbrochen, gab ihm das Skalpell und sagte: „Wenn Du so schlau bist, dann operiere Du, und habe selbst den Saal verlassen, habe den Mantel abgelegt und bin eine rauchen gegangen. Da stehe ich und rauche und mache mir den Kopf, verstehe ja, dass es so nicht geht. Die Kranke kann ja nichts dafür. Aber die Wut erwürgte mich beinahe, Wut und irgendein Gefühl. Kraftlosigkeit. Ich habe zu Ende geraucht, betrat das Krankenhaus und sah, wie Nastja mir entgegen lief, unsere Krankenschwester. Ein gutes Mädchen, nur zehn Jahre junger als ich. „Schneller“, sagt sie „Stepanyč“, und blickt mich vorwurfsvoll an. Ich verbarg die Augen und folgte ihr. Ich zog mich schnell um, flog in den Saal, sehe – Nurlan ist nicht da nur Alina, die Anästhesistin, ganz voller Tränen, versorgt die Wunde am Bauch. Sie hat erzählt, das Nurlan die OP begonnen hatte, selbst den Schnitt gemacht hat und dann sagte, das er nicht alles verstanden hat. Nurlan hat anscheinend bemerkt, dass der Blinddarm zu tief sitzt, begann zu schneiden und erschrak. Gut, das er wenigstens eine Klammer benutzt hat. Aber es gab schon Komplikationen. Es war dringend notwendig, die OP schnell zu beenden. Er hat es also knapp geschafft. Gott sei Dank. Der Blinddarm wurde entfernt, die Stelle zugenäht. Dann ging ich zur Patientin ins Zimmer, brachte ihr Blumen. Sie wunderte sich, was für ein guter Arzt ich bin. Wo denn gut? Ein Drecksack bin ich, ließ beinahe einen Menschen sterben. Habe einen Dummkopf ans Messer gelassen. Habe einen Schwur gebrochen. Und Nurlan erschien am nächsten Tag, als ob nichts gewesen wäre. Er sagte, er wollte mich suchen. Hat mich aber nicht gefunden. Erkundigte sich nicht einmal nach der Patientin. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und habe eine Anzeige geschrieben. Kajrat wollte mich nicht entlassen, dazu hatte ich ja noch zwei Jahre bis zur Rente. Nur zwei Jahre, stell dir vor. Und welchen Zweck hat diese Rente? Nur ist meine Geduld schon früher ausgegangen. Ich habe für das Alter was angespart, ich bin kein armer Mensch. Aber die Arbeit…dann riefen sie mich in die Uni um zu lehren aber ich habe abgelehnt. Ich stellte mir vor, ich komme dahin, und da sind alle so wie Nurlan. Gauner, frech, selbstverliebt…“ „Warum verallgemeinern?“, Tonja zuckte mit den Schultern, „es gibt auch normale Kerle.“ „Ich weiß nicht, Tonja. Früher, ja, sicher und jetzt sind sie alle so als hätte man sie vergiftet. Nun. Mark Ivanyč, mein Nachbar – sein Sohn ganz der Künstler. Im orangefarbenen Mäntelchen, mit einem Schal um den Hals, mit einem modernen, wie ihr es nennt, Outfit, eine Hornbrille, so nach dem Motto, ein Künstler. Fährt mit Papas Auto mit einem coolen Nummernschild und selbst verdient er nicht eine Münze. Den ganzen Tag in Restaurants, in Clubs mit Freunden unterwegs, raucht Wasserpfeife. Bei uns sind ja heutzutage, die cool, die sich eine Wasserpfeife in den Mund schieben. Ich verstehe nicht, sehen sie das denn nicht, das das Rauchen einer Wasserpfeife die Imitation von Oralsex ist. Entschuldige Tonja. Es ist einfach ekelhaft da zu zu schauen. Nun aber, ich frage Ivanyč eines Tages: Ist dein Sohn ein Künstler? Oder wie? Oder eine Schwuchtel?  Ivanyč war beleidigt und sagte – du selber bist ne Schwuchtel, aber Kolja hat das Malen gelernt, und überhaupt ist er ein Hipster. Und solche Hipster gibt es heutzutage Millionen. Und alle sind sie schöpferisch, der eine eine Gitarre hinterm Rücken, der andere eine Kamera um den Hals, der Dritte schreibt irgend etwas in sein Notizbuch mit klugem Blick. Wenn du jedoch tiefer gräbst, ist alles Fiktion. Haben sich nur Kapitänsbärtchen wachsen lassen, mehr können sie nicht wirklich. Die geben vor, etwas zu sein, haben aber keine Talente und lernen wollen sie auch nicht. Dieser Kolja, ich öffnete mal seine Facebook-Seite, was denkst du? Bin ich zu alt und kann es nicht? Und wie ich es kann. Ich hatte schon einen Account als Facebook noch nicht ins Russische übersetzt worden war, ich benötigte es für die Arbeit. Ich bin früher rund um die Welt gereist, auf Konferenzen. Viele Freunde. So öffnete ich die Seite und schaute, was Kolja da für Bilder hoch geladen hat. Und ich fand sie. Da sind ein paar Fotos, wo er irgend etwas auf die Leinwand pinselt, mit einem schlauen Blick. Und das war’s. Ein Hipster. Im besten Fall können sie nur ihre Eier schaukeln. Keine Künstler, sondern Schwänze, man …“ „Stepanyč, was bist du so aufgebraust?“, lachte Tonja. „Ist es der Kognak, der seine Wirkung zeigt? Besser Hipster als Proll. Hipster sind nett.“ „Ich weiß nicht. Ich habe gelesen, was das für welche sind. Im Wikipedia steht alles geschrieben. Und was? Ich bin kein Depp, obwohl alt. Und ich beobachte, dass alle Strömungen, Mode, Musikstile, das alles taucht da auf wo die Zivilisation weiter entwickelt ist als bei uns. In Europa, in Amerika. Und bei uns wird einfach alles kopiert, miserabel kopiert, ohne Talent. Es gibt keine Kultur, kein Gehalt. Denkst du Kolja ist ein wahrer Hipster? Iwo. Hat sich einfach ein modernes Bild übergestülpt und im Inneren ist er das verwöhnte, zickige Papasöhnchen. Und nun? Hat er genug, macht er was er will, Schönheit! Heute sind Hipster modern – er sieht aus wie ein Hipster. Morgen tauchen irgendwelche Šmipster auf, dann zieht er sich schnell um. Und von solchen wie Kolja haben wir heute genug, keine Menschen, sondern Hüllen. Es gibt nichts eigenes. So auch Nurlan, von Außen Arzt. Im Arztmantel, mit Stethoskop um den Hals – so wichtig ist er. Und im Inneren Null. Es gibt nur das Bild. Du pustest ihn einmal an und er fliegt weg. Entschuldige Tonečka. Ich habe dich selbst eingeladen und anstatt dich zu amüsieren, ermüde ich dich mit meinen Meckereien. Lass und einig werden, dieses Abendessen zählt nicht.“ „Nein Stepanyč, alles in Ordnung“, protestierte Tonja. „Tonja, ich bin ein Gentleman. Ich zahle gleich, bringe dich nach Hause und die Tage gehen wir nochmal zu Abend essen und dann ohne irgend welche Meckereien.“  Stepanyč begleitete Tonja wirklich. Bei dem Frost verflog seine Trunkenheit und seine Enttäuschungen wurden trübe. Tonja erlaubte es ihm, sie am Arm zu halten, sich Sorgen darüber machend, dass Stepanyč wieder umfiel. Sie erzählte irgend etwas von Wettbewerben, an denen sie die Absicht hatte teil zu nehmen, über den zickigen Trainer, über eine Diät, aber das alles hatte keine Bedeutung. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen und  Stepanyč war fast glücklich. Nach Hause kehrend, begann er sogar etwas zu singen, irgend ein einfaches, schlichtes Motiv. Beim Treppenhaus angekommen, suchte er lange die Schlüssel in seinen Taschen, dann legte er ihn auf die Gegensprechanlage, machte die Tür auf und sah zwei Tüten Müll, direkt hinter der Türschwelle. Im Treppenhaus roch es nach faulem Fisch.

                                                                       12.

Zuerst ging Danijar in das Nachbarscafé. Er ging endlich auf Toilette, setzte sich dann vor den Ecktisch und bestellte Suppe, Püree mit Fleisch und ein paar Piroggen mit Kartoffeln und dann bestellte er, nachdem er darüber nachgedacht hatte, ein weiteres Glas Wodka. Diesen trank er direkt aus, ohne etwas dazu zu essen. Der Mann am Nachbartisch schnatterte anerkennend: „Arbeitslos?“

 „Nein.“ Danijar wollte sich nicht unterhalten. Die Suppe und der Eintopf wurden gebracht. Danijar beugte sich über den Teller und rechnete damit, das begonnene Gespräch unter den Teppich zu kehren. „Du lügst“, sagte der Mann. „Hier sind alle arbeitslos. Wer Geld hat, geht ins Restaurant. Aber ich bin auch knapp bei Kasse, nur bin ich nie arbeitslos. Wenn der Mensch es nötig hat, findet er immer Arbeit, stimmt’s? Hör zu, ich setze mich zu dir. Hab keine Angst, ich will nichts geschenkt haben. Wenn du willst, lade ich dich ein. Ne, im Ernst, ich will nur quatschen. Ich habe ja schon was eingenommen. Aber ich habe noch was übrig, wir können teilen.“ Der Mann setzte sich Danijar gegenüber, goss ein und hob das Glas. „Auf uns.“ Danijar stieß an und trank aus. Nach der heißen Suppe war der Wodka ideal. „Ich bin nicht arbeitslos,“ sagte er, „Ich bin Unternehmer.“ „Ich genauso“, sagte der Mann gutmütig. „Ich habe fast überall gearbeitet. Als Wache in der Bank, als Barmann, als Busfahrer und bin nun nach ganz unten gefallen, habe einen Platz als Lehrer in einer Schule bekommen. Unterrichte Biologie. Ich bin ausgebildeter Biologe.“ „Aber Lehrer ist doch ein guter Job“, sagte Danijar. „Gut“, sagte der Mann. „Nur gibt es kaum Gehalt, obwohl, ich hatte noch nie viel verdient, das ganze Leben auf Mindestlohn. Wir haben doch überall das selbe Business. Du bist ja Lehrer, also weißt du es selbst.  Der Vorgesetzte heuert einen Arbeiter an und gibt ihm nur den Mindestlohn, weil er überhaupt nicht weiß, wie der Arbeiter arbeitet und was ist wenn er schlecht arbeitet? Und der Arbeiter denkt, wozu soll ich mich für Münzen Mühe geben? Wie das Gehalt, so die Mühe. Und da sitzt er und faulenzt. Das können sie bei uns wundervoll machen. Anstrengung mögen sie nicht. Meine Schüler sind zu faul, ihre Hausaufgaben zu machen, nehmen einfach ihre iPhones heraus und fotografieren die Tafel mit den Aufgaben. Also der Angestellte macht nichts und der Vorgesetzte denkt sich, habe ich ihm zurecht ein kleines Gehalt gestellt. Und was haben wir? Das Business des Vorgesetzten entwickelt sich nicht, weil die Angestellten schlecht arbeiten. Sie leben und beschweren sich über die niedrigen Löhne und den Mangel an Karrierewachstum.“ „Aber wenn du dich bemühst und etwas beweist, dann würdest du vielleicht mehr Geld bekommen.“ „Was hat es für einen Sinn sich anzustrengen. Bei uns braucht eh keiner was. Mein Nachbar – ein Schriftsteller. Ich habe seine Bücher gelesen. Ein saucooler Schriftsteller, ohne Witz. Sein Buch wurde in Russland herausgegeben, in Amerika ins Englische übersetzt und vor Kurzem sogar ins Chinesische, stell dir vor! Die drei größten Länder der Welt lesen den Roman meines Nachbarn und bei uns braucht ihn niemand. Er arbeitet als Dermatologe, verdient wenig. Von Zeit zu Zeit besuchen ihn Journalisten, befragen ihn zu den Sujets und machen jedes Mal große Augen, kennt man Sie im Ausland? fragen sie. Sie haben schon fünf Romane geschrieben. Das gibt’s doch nicht. Und das war’s? Dann zeigen sie ihn im Frühstücksfernsehen, so nach dem Motto, stellt euch vor, es scheint so als hätten wir einen solchen Narren – Schriftsteller. Und allen ist alles egal. Und wo bekommen wir Ehre und Achtung? Nur wer Kohle hat und Macht. Sie laufen alle zum Beamten, um sich vor ihm zu verneigen, zu schreien, zu stottern – schleim, schleim. Und du sprichst von Bemühungen. Ich arbeite mehr als viel, doch es ist allen egal. Deswegen mache ich besser langsam. Lass mich noch einen Wodka bestellen, magst du?“ Danijar zuckte mit den Schultern. Der Mann stand auf, ging zur Bar und kehrte zurück mit einer Karaffe. „Ich heiße übrigens Bachtyžan oder einfach Baha.“ Er reichte ihm die Hand. „Danijar.“ „Gut Danijar, auf das Kennenlernen. Was hast du für ein Business?“ „Nur so“, antwortete unwillig Danijar. „Handel, Baumaterialien.“ „Und ich dachte mal, mich mit Tourismus zu beschäftigen“, sagte Baha, „Wollte Führungen für ausländische Touristen anzubieten.“ „Und dann?“, fragte Danijar. „Hat es nicht geklappt?“ „Iwo“, Baha wedelte mit dem Arm. „Dann hat es sich gezeigt, dass es niemand braucht. Es gibt nichts womit wir vor den Augen der Ausländer prahlen können. Ist alles beendet. Wir hatten in Kasachstan so viel Reichtum. Und wir haben alles verspielt – alles so wie es ist. Beurteile selbst, wo die Heimat der Äpfel ist.“ „In Kasachstan“, sagte Danijar unsicher, „Hier bei uns, in Almaty.“

„Wo sind die Äpfel? Es gibt hier keine zum Teufel. Keiner glaubt mehr an die Sorte Aport, von der Größe eines Kopfes. Wo sind die Apfelgärten, die sich von den Bergen direkt in die Stadt ausgebreitet haben? Es gibt sie nicht. Sie wurden alle gefällt und an ihrer Stelle wurden Villen gebaut. Und der Apfel ist nun das Symbol New Yorks. Da wachsen jetzt unsere Äpfel. Und die Touristen fahren dahin, um in den Apfelgärten spazieren zu gehen. Und wo ist die Heimat der Tulpen?“ „In Holland?“ „Nichts. Bei uns in unseren kasachischen Steppen. Und in Holland werden unsere Tulpen kultiviert und zu ihrem Symbol gemacht. Ich habe zu dieser Frage recherchiert und deswegen sage ich…Nun schaut man auf die holländischen wie auf ihre eigenen. Also da gibt es einen Tulpengarten und es fahren dorthin Hunderte von Touristen. Schön und nützlich und er bringt Geld. Aber die Tulpen, das sind unsere. Nur hier bei uns ist es allen egal. Mit Tulpen hat man Arbeit und bei uns mag man Arbeit nicht. Und wo ist die Heimat der Pferde?“ „Auch bei uns?“, schmunzelte Danijar. „Was? Findest du das witzig? Ja, bei uns. In unseren Steppen. Und wo sind diese Pferde? Die sind verwildert. Erst vor kurzem reiste ich in die Berge und beobachtete die Pferdchen, die von den Hirten beritten wurden, klein, abgequält, ohne Fell, lumpig. In den Schwänzen Fellknäuel, auf dem Körper irgendwelche Wunden. Dafür aber die Pferde der Polizisten in London. Oh wau! Ich habe sie im Fernsehen gesehen und habe meinen Augen nicht getraut. Deren Widerrist ist höher als mein Scheitel. Gesund, gepflegt, kräftig. Und bei uns sind sie verwildert. Weil es allen egal ist. Ich bin schon ruhig, was unsere besonderen Tiere angeht. Wo leben unsere Schneeleoparden unser Stolz. Symbol von Almaty. Sie leben in europäischen Zoos. Vermehren sich da. Und dort leben auch die Prschewalskipferde, Saigaantilopen, Agalischafe. Und wir haben alles verpennt. So weit muss man kommen. So viel besitzen, um dann alles zu verlieren. Ich wette  mit dir, bald ist auch das Erdöl alle und dann ist es rum. Und die letzten Saiga-Antilopen, nur noch ein bisschen und dann sterben sie auch aus. Und was anderes sind wir nicht in der Lage zu unternehmen. Lass uns noch einen trinken…wie der Geschichtslehrer bei uns an der Schule Worte macht, zwischen der ersten und der zweiten, ist nur ein kleines Päuschen. Er ist gerade mal einundzwanzig.“ Danijar kehrte bei Dunkelheit nach hause. Alle drei Fenster ihrer Wohnung leuchteten. Er blieb im Hof stehen, schaute nach oben und hoffte dunkel, das Alija in dem Moment raus schaut, ihn sieht, und das irgendetwas zwischen ihnen vorbeihuscht, aber Alija schaute nicht raus, nicht einmal ihr Schatten berührte die leuchtenden Fenster. Danijar atmete wehmütig auf, machte das Fenster auf, den Motor an und den Ofen aus.

                                                                       13.

Geld blieb nicht viel übrig. Wenn es keinen Schnee gäbe, wäre er schon längst weggefahren, aber der Schnee fiel jede Nacht. Morgens verließen die Menschen ihre Treppenhäuser, liefen in alle Richtungen, auf dem Neuschnee ein Spinnennetz von Spuren hinterlassend aber die Wolken verdichteten sich abends, fielen mit weißen Flocken die Spuren verwischend, damit morgens keiner glauben könnte, das in dieser Stadt überhaupt jemand am Leben blieb. Nazar beobachtete den ganzen Tag das Fenster. Und Abaj schaute Fern. „Gut, ich muss noch fahren“, sagte endlich Nazar. „Ich habe doch versichert, dass es nur für drei, vier Tage ist. Das Auto nehmen und heim fahren. Aselja wartet schon allzu lange.“ „Wohin gehst du?“, fragte Abaj finster. „Da draußen liegt Schnee bis zum Knie. Und das in der Stadt. Was in der Steppe los sein muss. Kannst du es dir vorstellen?“ „Ich schlage mich durch, ist ja nicht zum ersten Mal“, sagte Nazar  an die Richtigkeit der getroffenen Entscheidung glaubend. „Das Auto ist ja nicht neu.“ „Du weiß ja selber, wie man hier bei uns Handel treibt, durchtrieben. Von außen machen sie alles sauber und verstecken die wichtigsten Defekte, verkleben es mit einem Kaugummi, verbinden es mit Tesafilm. Hauptsache es funktioniert ein, zwei Tage oder eine Woche. Wenn du den Wagen nicht testest wie es sich gehört, wirst du es selbst nicht erfahren.“ „Ach was?“, rief Nazar. „Bei dir ist es anders. Als ob ich zum ersten Mal ein Auto kaufte? Ich weiß selber wohin ich schauen soll. Also wage es nicht, meine Hübsche zu beleidigen.“ „Man wird es dir nicht erlauben“, sprach Abaj, „man sagte im Fernsehen, dass die Strecken gesperrt sind. Es wurde Sturm vorhergesagt.“ „Und wie lange werde ich deiner Meinung nach?“ „Woher soll ich das wissen? Wir werden sehen. Es wird aufhören zu schneien, man wird die Straßen kehren. Vielleicht noch ein paar Tage.“ „Ja, dieser Schnee fällt unaufhörlich, immer dichter. So kann man das ganze Leben drauf warten, dass sich alles von alleine ergibt. Ne, so kann ich nicht. Was willst du machen?“ Abaj stand auf, füllte den Kessel mit Wasser und  stellte ihn auf die Flamme. „Lass uns lieber Tee trinken.“ „Ich werde sowieso wegfahren“, sagte Nazar. „Ja ich trinke den Tee und werde mich auf den Weg machen.“ „Keiner wird dich raus lassen“, wiederholte Nazar. „Und ich kann deiner Meinung nach nicht selbst entscheiden?“ „Nein Nazeke, du entscheidest nicht. Hier bei uns entscheidet niemand. Wir tun nur so als ob wir irgendwelche Entscheidungen treffen. Und in Wirklichkeit…“ „Zum Teufel, geh raus und schau dir das Volk an, sitzt hier und grübelst, du Hobbypsychologe. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber die Menschen hier tun so als würden sie sich unterwerfen. Vor allem wenn die Bullen in der Nähe sind. Und jeder macht das was er will. In unserem Dorf haben sie irgendwann ein Schild aufgestellt, welches besagte, das die Durchfahrt versperrt ist, die Straße wurde repariert aber keiner aus dem Dorf nahm die Umleitung. Stell dir vor. Nicht einer. Und ich auch nicht. Und dort beim Graben, die ganze Straße ist umgegraben, es ist unmöglich, sie zu umfahren. Und alle fuhren bis zur Umleitung, ärgerten sich, kehrten um und nahmen die Umleitung. Hier bei uns wird sich keiner ans Gesetz halten. Weder der einfache Mensch, noch der Machthaber. Jeder macht was er will.“ „Nazar, du weißt selber, das der Fisch am Kopf zuerst verfault?“ „Hör zu, Abaj, du nervst mich mit deiner Philosophie.“ „Warum heulst du? Wenn es dir nicht passt, dann ist es halt so. Bist du unzufrieden mit der Macht? Mit wem speziell? Wo fängt die Macht an? Hier blickst du nicht durch. Wo ist die Grenze zwischen denen, die Macht besitzen und denen die ohne sie sind? Zum Beispiel habe ich einen Bekannten – Kudajbergen, er arbeitet als Jagdaufseher. Wir haben hinter unserem Ort einen Nationalpark, erinnerst du dich? Er arbeitete so wie man gewöhnlich bei uns arbeitet. Er fuhr ganz stolz durch den Wald mit dem Gewehr um die Schulter. Sammelte Tribut von Touristen, weil sie Lagerfeuer an nicht angemessenen Orten machten. Er brachte reiche Jäger in den Park, soff mit ihnen nachts, morgens zeigte er ihnen die Wege, auf denen die Antilopen zu den Wasserstellen gehen. Alles fürs Geld natürlich. Als Ergebnis kam dann raus, dass es immer weniger Antilopen im Nationalpark wurden, dafür immer mehr Müll. Dafür ist Kudajbergen ein gleichberechtigter König. Es ist an der Zeit…denn eines Tages wurde er suspendiert. Sie setzten einen anderen Kerl als Jagdaufseher ein. Es stellte sich heraus, das irgendwer von oben, den Job einem Verwandten geben wollte. Der Kerl schien in Ordnung zu sein, hat aber trotzdem schwarz gearbeitet. Jedoch sorgte er für Sauberkeit im Nationalpark. Verstehst du? Das hat nichts mit Macht, mit Vetternwirtschaft, mit Verwandten, die eine hohe Stellung haben zu tun, sondern mit dem Menschen selbst. Mit jedem konkreten Menschen. Und es ist unwichtig, ob er reich oder arm ist, Russe oder Kasache. Bei uns reden sie nicht gern über Leute sondern über die Zeichen.“ Schlag die Reichen, stürze die Machthabenden. Schließe die Armen im Getto ein. Einer schreit, Russen seien verantwortlich für den Holodomor und Repressionen, sie haben die Krim besetzt und den Krieg mit Tschetschenien verursacht. Andere sagen, Amerikaner – die Drecksäcke. Sie haben den Krieg in Jugoslawien provoziert und in der Ukraine. Sie sind es, die Lybien, den Irak und Syrien zerbomben. Amerikaner, Russen, Deutsche, Ukrainer, Kasachen – welchen Unterschied macht es? Sie sind alle Menschen. In jedem Volk gibt es Arme und Reiche, gibt es Helden und Schurken, gutherzige und solche ohne Gewissen. Die Gesetzwidrigkeiten begehen die Hände konkreter Menschen und nicht das Volk.“ „Du sprichst schön Nazek. Aber schon wieder lässt du das wichtigste aus. Die Welt ist heutzutage so gemacht, dass die Menschen selbstständig denken können. Es ist alles fertig. Schnelles Essen, das Gedächtnis des Computers ist riesig, das Internet hat auf jede Frage eine Antwort parat. Manche Fragen wollen nicht gestellt werden. Sie warten darauf, sofort Antworten zu bekommen. Warum ist es  so? Weil solche Menschen es nicht schwer haben zu regieren. Sag ihnen, dass es einen Feind gibt, dann glauben sie dir nicht nur, sie werden andere davon überzeugen. Haben die Leute nicht nur deshalb recht, weil sie daran glauben, was sie  erzählen? Der Henker glaubt ja auch, dass sein Opfer die Strafe verdient. Es bleibt nichts anderes als zu glauben. Die Soldaten glauben, dass sie nur deshalb auf den Feind schießen, ansonsten würden sie nicht auf den Abzug drücken. Sie müssen glauben. Den Generalen, den Richtern. Und wir leben in Zeiten, in denen nicht Armee gegen Armee kämpft, nicht Volk gegen Volk, sondern der Mensch gegen den Menschen. Das ist der aller schlimmste Krieg. Um ein ganzes Land zu zerstören, in ihm Chaos anzurichten, ist es nicht notwendig Sanktionen durchzuführen oder Bomber vom Himmel fallen zu lassen. Es ist einfach nötig den Menschen etwas Gift ins Gehirn zu spritzen. Es ist leicht die Menschen mit Hass zu vergiften Die Menschen fressen sich gegenseitig auf. Sie schmieren dich mit Teer ein und hüllen dich in Federn. Der beste Freund wird zum Feind. Sie verstehen nicht, dass wenn sie andere beschmutzen, sie selber nicht davon sauber werden. Und hassen kann man für alles, für die Hautfarbe, für den Glauben, für die Automarke, für die Sprache, für das Talent. Nur ist dieser Hass nicht der eigene, sondern der verwirklichte. Man kann sogar den besten Menschen anstupsen als Gemeinheit. Man muss einfach den Knopf finden!“ „Gut, mach wie du denkst.“ Nazar stand auf, „ich werde nicht mehr mit dir streiten. Bin schon müde. Jeden Tag mit der Zunge kratzen. Das nervt. Ich habe eine Familie, ein Haus, habe genug andere Sorgen. Und du, bleib weiterhin in deinem Kokon sitzen, wenn es dir gefällt.“ „Nun, du hast alles selbst gesehen“, Abaj lächelte. „Ich sagte doch, hier ist überall das Spinnennetz. Ich komme hier nicht mehr raus. Du kannst es ja versuchen wenn du dich so entschieden hast. Vielleicht klappt es ja.“ Nazar näherte sich Abaj und umarmte ihn. „Mach’s gut“, sagte er. „Hallo“, antwortete Abaj.

                                                           14.

Die Milch war alle und das Brot verschimmelt. Alija liebte es morgens Milchbrei und belegte Brote zu essen. Sie hatte keine Lust, einkaufen zu gehen. Zuhause war es warm und gemütlich. Gestern saß Alija den ganzen Tag auf dem Bett, in die Decke gehüllt, trank Tee, schaute aus dem  Fenster auf den fallenden Schnee und blätterte in einem Buch. Alija liebte den Winter, aber nur vom Fenster aus. Sie mochte den sauberen Schnee, die Konturen der schwarzen Bäume im gelben Himmel, Schwärme der Krähen, die ihr Gefieder aufplusterten. Aber raus gehen und spüren, wie der Frost die Wangen beißt, in den kniehohen Schnee einstürzen, nein das war nichts für sie. Dazu kam, das vor ihrem Fenster, direkt vor dem Treppenhaus ihr Auto stand, und darin Danijar. Sie war immer noch sauer auf ihn. Vor allem deshalb, weil dieser immer noch nicht da war um sich zu vertragen. Nicht zuletzt weil er sie allein gelassen hatte und dann wollte er nicht einmal zurück kehren. Nein, Alija wollte Danijar nicht sehen. Sie hat alles vorbereitet – Geld, Kleidung und Schuhe und beschloss zu warten, bis Danijar verschwindet. Er muss doch zu Mittag essen. Und wo geht er auf Toilette? Hm. Alija schaute unauffällig aus dem Fenster. Lehnte sich heraus. Endlich sah sie, wie Danijar heraus ging, den Kopf hoch, seine Jacke zumachte und auf dem Hof links abbog, Alija fuhr zurück. Ausgezeichnet. Alija musste nach rechts. Dort auf der anderen Straßenseite befand sich ein Lebensmittelladen. Sie zog sich schnell Kleidung an, warf sich den Pelzmantel über, band sich ein Tuch um den Kopf, nahm das Geld und verließ das Haus. Sogar im Fellmantel fror sie. Es war nicht kalt, sondern nasskalt. Unangenehm. Sie zitterte. Alija umging das Haus und näherte sich dem Zebrastreifen. Zwischen Straße und Bürgersteig zog sich ein langer, schwarzer Schneehaufen. Alija kletterte darüber, sah wie auf der Straße ein silbernes Auto raste und blieb für alle Fälle stehen. Das Fahrerfenster fuhr nach unten und daraus schaute ein breitwangiger Kerl mit einer schwarzen Brille. „Ey, du Schlampe! Was stehst du da? Beweg mal deine Beine schneller!!“ Alija erschrak und überquerte die Straße. Irgendein Mann, der vorüber ging, schrie zu dem Kerl: „Pass auf deine Zunge auf. Das ist ein Bürgersteig!“ Der Kerl wackelte mit dem Kiefer und spuckte energisch seinen Kaugummi in Richtung des Mannes. Das Auto schrie auf und bewegte sich von der Stelle. Nachdem sie die Straße überquert hatte, ging Alija nun ruhiger und verstand jetzt erst, was passiert ist. Tränen der Enttäuschung traten in ihre Augen und froren augenblicklich zu. Die Nase rümpfend, betrat sie das Geschäft. Dies war ein winziger Laden von der Decke bis zum Boden voll gestellt mit Kram. „Für mich Milch“, sagte sie schluchzend, „Drei-prozentige. Und Brot. Welches haben Sie da?“ „Ein Laib Weißbrot,“ sagte der Verkäufer. „Es gibt frische Hörnchen.“ „Geben Sie mir ein Brot und drei Hörnchen“, nickte Alija. „Wie viel schulde ich Ihnen?“ Auf dem Rückweg ging sie nicht am Zebrastreifen vorbei. Dieser Weg war länger. Dafür gab es auf der Kreuzung eine Ampel. Alija hatte vergessen, sich Handschuhe anzuziehen, hatte sich zu sehr beeilt, deswegen fror die Hand, in der sie die Tüte hielt. Sie ging zur Kreuzung und fühlte sich das erste Mal seit langer Zeit einsam.

                                                                       15.

„Ljecha? Lješka! Hallo!“ „Dan’ka? Danijar, wow Freundchen! Wie lange ist das her Mensch! Bist es wirklich du? Wie geht es dir?“ „Ganz gut, geht langsam voran. Welches Schicksal hat dich hierher geführt?“ „Kann ich mich zu dir setzen?“ „Klar, setz dich.“ „Gleich, eine Sekunde…So, geben Sie mir Uha, Baursaki und eine Kanne Tee. Ja, schwarz. Mit Milch. Gut, nun gehöre ich ganz dir.“ „Komm, erzähl! Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Fünfzehn, zwanzig Jahre?“ „Seit der sechsten Klasse haben wir uns nicht gesehen. Seitdem wurdest du irgendwohin versetzt. Bist du in Almaty zur Zeit oder nur auf der Durchreise?“ „In Almaty. Ich lebe unweit von hier.“ „Ach, und mich hat das Schicksal durch die ganze Welt gejagt. Ich bin ja nach der Schule nach Deutschland gezogen, fürs Studium. Dann lebte ich in Russland, habe da geheiratet und bin mit der Ehefrau nach Kanada übergesiedelt.“ „Und hierhin?“ „Hierhin bin ich nur für kurze Zeit gekommen, um die Eltern zu besuchen.“ „Sind sie wohlauf?“ „Die Mama ist krank. Aber es ist alles in Ordnung. Ist ja schließlich das Alter.“ „Ach Lješka. Das gibt es doch nicht.“ „Dan’ka! Du bist ganz der Alte, hast dich gar nicht verändert.“ „Du auch.“ „Ehrlich?“ Wie geht es dir denn überhaupt?“ „Ich bin manchmal im Ausland, habe auch geheiratet und hier ein Business eröffnet. Im Allgemeinen will ich mich nicht beschweren. Und wo arbeitest du?“ „Ich habe die mathematische Fakultät absolviert und machte dann eine Umschulung zum Programmierer. Die braucht man heute häufiger als Mathematiker.“ „Stimmt, Computer, Androide…“ „Dazu kommt, das es gute Programmierer heutzutage wenig gibt. Die Marktführer sind die Chinesen und Inder. Sie machen es schlecht aber günstig. Übrigens, kannst du dich an Ljudmila Ivanovna, unsere Mathematiklehrerin erinnern?“

„Na klar. Sie war es doch, die uns aus dem Klassenraum vertrieben hat, wegen unseren Flugzeugen.“ „Ja, stimmt. Du wurdest dann versetzt und sie wurde unsere Klassenlehrerin und da hat sich gezeigt, das sie eine anständige Frau war, kannte sich gut mit Mathe aus. Wir haben sogar nach der Schule noch Kontakt gehabt. Und als wir nach Kanada zogen, habe ich ihre Adresse verloren. Dachte, vielleicht hast du sie noch.“ „Ne, ich bin ihr nie begegnet. Dafür habe ich vor kurzem Ajnur Tašbulatova getroffen. Sie ist jetzt Anwältin, arbeitet unweit von hier. Ajnurka ging doch mit dir zur Schule bis zum Schluss?“ „Ja, bis zur Elften. Möglicherweise weiß sie etwas über Ljudmila Ivanovna.“ „Gut, wir regeln das. Danke. Und wie ist es bei dir? Wie verbringst du die Zeit? Spielst du Fußball? Du warst doch so ein guter Fußballspieler.“ „Ach ne, welcher Fußball? Habe schon hundert Jahre nicht mehr gespielt. Arbeit. Haus. Manchmal gehe ich mit meiner Ehefrau ins Kino.“ „Hör zu, ich sah, dass bei euch gerade Evgenij Onegin aufgeführt wird? Warst du da? Wie ist es dort?“ „In der Oper oder wie?“ „Aha.“ „Ne, Oper ist nicht meins.“ „Ich grübele auch, soll ich gehen oder nicht? Ich verstehe einfach nicht, wie Kasachen Evgenij Onegin singen können.“ „Was ist daran nicht zu verstehen?“ „Das ist doch komisch, oder nicht?“ „Ja, ich sehe du hast dich verändert.“ „In wie fern?“ „Gut, der Zug ist abgefahren. Erzähl, wie lebt es sich in Kanada?“ „Im Grunde nicht schlecht. Ich habe Arbeit, die Menschen sind in Ordnung. Allerdings viele Schwuchteln. Aber man kann dort leben. Das Trinken habe ich übrigens aufgegeben. Ich habe in Russland so viel gesoffen und dann geheiratet. Glück gehabt. Meine Frau ist orthodox und ich wurde auch getauft. Seitdem ich getauft bin, habe ich das Trinken aufgegeben. Ich trinke und rauche nicht. Ganz wie eine Pusteblume. Bringe den Menschen Licht und Liebe. Fühle mich fast wie ein Heiliger, ohne Witz.“ „Bravo! Wie heißt denn deine Frau?“ „Olga, Ol’enka. Ich erzähle dir mal, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich bin damals nach Moskau gekommen, um den zweiten Hochschulabschluss zu bekommen. Ich kam an, fand eine Mietwohnung, habe mich eingelebt und beschloss mich etwas zu erholen und ins Kino zu gehen. Ich kam an und der Kinosaal war fast leer. Ich dachte mir, wir sind ja in Moskau, hier gibt es Kinos wie Sand am Meer. Dann begann der Film, Nach der zehnten Minute verstand ich, warum der Saal so leer war. Ein doofer Film. Irgendein Weib geht hin und her und philosophiert über das Leben. Kann mich nicht an den Titel erinnern. Dann wollte ich gehen und da fiel mir Ol’ka auf. Sie saß hinter mir, da kannte ich sie noch nicht. Ich sah nur ein hübsches Mädchen. Im Dunkeln kann man ja kaum etwas sehen. Gut, denke ich. Dann gedulde ich mich noch etwas. Und ob du glaubst oder nicht, ich habe mich ganze zwei Stunden geduldet. Nicht umsonst. Als der Film zu ende war, standen alle zehn Zuschauer von ihren Plätzen auf und bewegten sich zum Ausgang und ich zu ihr. Wort für Wort, wir lernten uns kennen und besprachen den Film, saßen kurz in einem Café und ich erklärte mich bereit, sie nach hause zu begleiten. Und da stehen wir schon fast vor ihrem Treppenhaus und sie sagt zu mir, dass sie alleine wohnt. Dann stiegen wir langsam die Treppe hoch, auf jeder Etage gaben wir uns einen Kuss. Endlich gingen wir rein. Sie bietet mir Hausschuhe an, wir betreten die Küche und da steht ein gedeckter Tisch. Es gibt zwar keinen Wodka aber Saft und was zum Knabbern. Wir saßen da und tranken Saft. Ich wollte eine rauchen aber sie ließ mich nicht. Und dann starrte sie mich an. Ich habe ihr aus versehen die Hand aufs Knie gelegt, sie wurde ganz rot, befreite sich von meiner Hand, drückte sie, stand auf und zog mich ins Schlafzimmer. Sie setzte mich aufs Bett und begann sich zu entkleiden. Und ich, genauso wie sie, machte mein Hemd auf. Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus, schlüpfte unter die Bettdecke und zog sich dann den Rest aus. Dann griff sie mit der Hand unters Kissen und zog ein Präservativ raus. Und ich nehme es, stülpe es über und krieche zu ihr unter die Decke. Nun…“

„Äh hör zu, bitte keine Einzelheiten, gut? Habt ihr denn Kinder?“ „Ach was, weiter wird’s erst richtig spannend. Aber du musst es selber wissen. Ne, Kinder haben wir bis jetzt keine. Wir gewöhnen uns erst an den neuen Ort, leben uns ein und machen dann viele Kinder. Ich möchte Jungs. Wie verhält es sich hier bei dir in dieser Sache?“ „Genau so eine Geschichte. Wir planen erst jetzt. Es ist gerade mal drei Jahre her, dass wir geheiratet haben. Wir haben noch Zeit. Fährst du Auto?“ „Es ist notwendig. In Kanada sind die Entfernungen groß. Du kannst nicht genug Taxi fahren. Dazu sind alle Taxifahrer Farbige. So schwarz, schrecklich. Haben alle Banditen-Fressen, einfach schrecklich.“ „Hör zu, du hast mehr gesehen als ich.“ „Ja, ne. Ich versichere es dir, alle Farbige.“ „Übrigens ist die Uha hier sehr gut. Schon probiert? Ich kann es empfehlen.“ „Ich esse selten Fisch.“ „Ich bin Allesesser. Wie ein Bär. Bin es noch von der Armee gewohnt, alles durcheinander zu fressen. Wie ist die Stimmung hier in Kasachstan, was den Krieg angeht?“ „Welcher Krieg? Der dritte Weltkrieg? Ich habe keine Ahnung. Warum? Bereitet sich Kanada auf den Krieg vor?“ „Die ganze Welt bereitet sich vor. Schaust du etwa keinen Fernseher?“ „Manchmal schon aber ich glaube nicht alles.“ „Ja klar, ich glaube auch nicht an alles. Das ist normal. Jeder Sender hat seine eigene Perspektive. Der eine sagt, dieser hat Recht, der andere Jener. Aber der Krieg wird von allen vorhergesagt.“ „Hör zu, ich bin zwar kein Spezialist, aber ich denke, das der Krieg schon lange existiert. Mal an diesem Ort, mal an jenem. Der eine greift an, der Andere rächt sich, der Dritte verteidigt. Und wer Recht hat, da blickt man nicht durch, wie du dich auch bemühst. Jeder hat auf seine Art Recht.“ „Für wen bist du denn?“ „Für niemanden, beziehungsweise für den Frieden natürlich.“ „Und gegen wen?“ „Ich sage doch, hier hat jeder seine Wahrheit. Also ich bin definitiv gegen jenes Land, welches seine Hände aufwärmt auf Kosten fremden Leids. Das ist so, wie wenn in der Nachbarwohnung ein Streit ausbricht. Der Ehemann schreit seine Frau an, die Frau den Mann, Geschirr wird zerbrochen, die Kinder weinen. Jeder Nachbar dreht da den Fernseher lauter, damit man die Schreie nicht hört. Der nächste geht hin, um die Nachbarn zu versöhnen, zu überreden, zu beruhigen. Der Dritte will sich für Ehefrau und Kinder einsetzen und zu kämpfen anfangen. Der Vierte ruft die Polizei. Das alles ist normal, menschlich. Und der fünfte Nachbar hat die Idee, das er eine kleine Wohnung hat, es wäre nicht übel noch ein Zimmer zu haben. Und wie? Da die Nachbarkinder hinter der Wand schreien, eine Wand durchschlagen, die andere zumauern – da hast du neue Wohnfläche. Und man hat einen edlen Grund, so nach dem Motto, man nimmt die unglücklichen Kinder unter seine Fuchtel. Und wenn man sich anstrengt, dann kann man die richtigen Leute finden und die Dokumente so ausstellen, dass das Zimmer dem Nachbarn unrechtmäßig gehört. Und die Sache ist gebongt. Das ist dann aber nicht mehr menschlich. Man darf nicht auf fremden Leid Kapital schlagen. Wenn du nicht kannst oder nicht willst, einem Menschen, der umgefallen ist, die Hand zu reichen, dann geh lieber vorbei und hör auf das Geld, welches runter gefallen ist, in die eigene Tasche zu stecken.“ „Hör zu, ich habe verstanden, dass du für Frieden bist doch bevor man dem Gestürzten die Hand gibt, muss man denjenigen fangen, der ihn geschubst hat und ihm Haue geben, damit er es künftig nicht wiederholt. Sonst stellt er dir morgen das Bein. Das ist ja ein Feind und den sollte man bekämpfen.“ „Mit welchem Feind?“ „Wir haben einen und den selben Feind.“ „Ja, und wer?“ „Wie, wer? Amerikosy.“ „Sicher? Vielleicht Farbige? Oder Schwuchteln? Oder Hindus, Kasachen…wen noch hast du da genannt? Chinesen, ja?“ „Ja ne, sicher die Amerikosy, da muss man nicht lange nachdenken.“ „Ich denke, dass nur der Dummkopf alles verstehen kann.“ „Nicht verstanden?“ „Dann ist es noch nicht alles. Ich muss langsam los.“ „Bist du etwa beleidigt?“ „Nene, was sagst du da?“ „Mach’s gut. Wir telefonieren wenn was ist.“

                                                                       16.

Der Motor wollte nicht anspringen. Eigentlich mochte Gena Schnee aber jetzt fiel er bis zum Knie in die Schneehaufen, die nachts angeweht wurden, er spürte wie die Liebe schwächer wurde. „So kann ich bis zum Frühling hier stehen“, murmelte er als er die Motorhaube öffnete und im Motor wühlte, mit seinen steifen Fingern. Der Akku war wohl in Ordnung. Doch vielleicht…Gena schnappte sich die Bedienungsanleitung und fing an sie ungeschickt durchzublättern, halbblind, die Augen schließend vor dem ihm umgebenden, weißen Schnee. Plötzlich bewegte sich der Nachbarschneehaufen, stürzte wie eine Schneewand ein und aus dieser Schneewand tauchte ein verschlafener Mann auf, eingewickelt bis zu den Ohren in eine graue, karierte Decke. Gena verstummte wunderte sich und beobachtete den Unbekannten. Und dieser streckte sich, gähnte, erblickte Gena und grüßte er ihn unfreundlich. „Guten Tag Nachbar, springt er nicht an?“ „Ich bin kein Nachbar, bin einfach stecken geblieben.“ „Der Unbekannte kam näher und reichte ihm die Hand. „Danijar, ist es schlimm wenn ich dich duze?“, fragte Danijar. Gena stand hinter der offenen Motorhaube und winkte bloß mit der Hand. „Der Anlasser dreht sich nicht, Mist. Das Relais ist kaputt oder sonst was. Verstehe ich nicht.“ „Und wo soll man ein Neues besorgen? Ich bin ja bis hierhin Gott weiß wie gekommen. Die letzten Quartale fuhr es wie eine Schildkröte. Ich hätte um neun ankommen sollen, kam aber erst um zwölf an. Bin Elektriker. Kennst du Olga Šatunova? Ich habe bei ihr das Licht repariert. Ich hatte eine Stunde Arbeit und fuhr ganze drei Stunden. Wohin mit mir? Der Schnee auf den Straßen ist höher als die Knie. Mancherorts noch mehr und solche Schneehügel. Und Staus. Die Menschen verlassen ihre Autos auf den Straßen. Und hier nur der Anwerfer, mist. Wie soll ich denn jetzt heim fahren?“ „Die Ehefrau wartet?“, fragte Danijar. „Nicht wirlich, welche Ehefrau? Ich hatte mal eine. Ich bin Angler, weißt du, magst du das Angeln?“ „Ja“, sagte Danijar unsicher. „Ich kann gar nicht ohne. Sitze zu hause, grübele, spitze die Haken, bereite den Angelblei vor. Und sie so gar nicht. Sie dachte, dass ich saufe. Dumme Kuh. Klar trinke ich, jedoch nicht bis zur Besinnungslosigkeit. Nur so, zum Vergnügen. Einmal war sie so hysterisch, dass sie meine Angelrouten nahm und verschwand. So lebe ich jetzt. Und du? Wie ich sehe, wurdest du auch des Hauses vertrieben?“ „Ja“, Danijar lächelte verkrampft. „Der wievielte Tag ist es jetzt schon im Auto, naja, macht nichts, es gefällt mir sogar.“ Gennadij blickte von der Seite auf Danijar und begann wieder im Inneren des Autos zu wühlen. „Verstehe, hast also schon Sehnsucht?“ „Habe ich“, gab Danijar recht. „Schreckliche Sehnsucht. Habe mich dran gewöhnt, da die Frau in der Nähe ist. Denke die ganze Zeit an sie.“ „Warum bist du dann gegangen?“ „Tja“, Danijar wedelte mit dem Arm, „das weiß ich jetzt selbst nicht, sind aneinander geraten. Es sah so aus, als wäre alles kaputt. Ich habe dann die ganze Nach darüber gegrübelt, warum Frauen Männer piesacken. Gut, ich verstehe Galka, diese Galja…wie heißt sie nochmal? Kravkova aus dem zweiten Treppenhaus, kennst du sie?“ „Nein“, sagte Gena. „Du gehörst ja zu uns, ich habe es vergessen“, Danijar stieß sich auf die Stirn. „Nun, unwichtig. Galkas Ehemann säuft. Viktor. Vertrinkt die ganze Rente und dann noch den halben Verdienst von Galka. Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank und dann bekommen Galka und die Kinder das ab. Galka schuftet bei drei Arbeitsstellen und er ist in Rente. Dafür piesackt ihn Galka morgens, kreidet ihm sein ganzes Leben an und sie hat eine scharfe Zunge. Zwei Wochen geht er hin und her, den Schwanz eingezogen und sie ist nur am Schreien. Und dann geht alles von vorne los. Das verstehe ich. Er verdirbt ihr Leben und sie ihn. Alles gerecht. Und wie ist es bei uns? Ich zum Beispiel, meine Alija…weißt du, wie sie ist. Die einzige auf den ganzen Welt. Ich mache alles für sie und sie. Äch. Was macht es schon für einen Unterschied? Ist doch eh egal.“ „Dann geh zu ihr und rede mit ihr“, schlug Genadij vor. „Ne, ich gehe nicht zu ihr“, Danijar wackelte mit dem Kopf. „Ich kann mich nicht entschuldigen, woran bin ich denn Schuld? Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich beleidige sie nicht. Ich schenke ihr an Feiertagen Blumen, verdiene genug, führe sie in Restaurants aus. Von der anderen Seite verstehe ich natürlich – ich stecke den ganzen Tag auf der Arbeit fest und sie sitzt alleine zuhause. Sie kocht, räumt auf, wartet auf mich. Es gibt viel im Haushalt zu tun. Und dann komme ich, müde, verärgert, auf der Arbeit auch ein Haufen Probleme. Anstatt zärtlich zu ihr zu sein, gehe ich mit finsterer Mine durch das Haus. Ein anderes Mal kann ich essen, ohne mich zu bedanken. Sie sorgt sich um mich und ich merke das manchmal gar nicht, habe ihr keine Spülmaschine gekauft. Und auch jetzt – mache mir ein schönes Wochenende und habe keine Lust, etwas im Haushalt zu machen. Wie oft hat sie mich schon drum gebeten, die Fenster zu reparieren, es weht herein und ich bin zu faul dafür. Deswegen ist sie beleidigt. Aber ich bin doch auch nur ein Mensch. Kann ab und zu faulenzen. Das ist doch alles Unsinn, stimmt’s? Was meinst du? Oder nicht? Ne, ich gehe nicht zu ihr. Wenn ich zu ihr gehe, wird es dann wieder so sein, dass ich Schuld bin. Ich bin immer Schuld. Egal was passiert, ich bin schuld. Ne, ich gehe nicht…“ „Geh, geh du nur“, sagte Gennadij lachend. „Man sieht doch, wie du dich schämst, das du sie schrecklich vermisst und nur einen Grund suchst.“ „Ach, Du“, winkte Genadij ab und ging zurück zu seinem Jeep. Gennadij schloss die Motorhaube, setzte sich ans Steuer, atmete hoffnungsvoll auf und drehte den Schlüssel. Der Motor rüttelte sich, ratterte nießend und hustend. Aus dem Auspuff flog eine dunkle Wolke, riss ab und floh, sich auflösend, in die frostige Luft. Gena ließ das Auto warm laufen, huschte selbst ins Treppenhaus und stieg wieder die Treppe hoch, in Olga Jurjevnas Wohnung. Er machte die Tür mit seinem Schlüssel auf, ging rein, zog sich die Schuhe aus und betrat das Zimmer, auf beide Seiten blickend. „Hey Čmo“, rief Gena und horchte hin. Stille. „Čmo, wo bist du?“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen und klopfte mit der Hand auf die staubige Decke des Schrankes. Nichts. Dann ging er zur Schublade mit dem Fernseher, schaute rein – leer. „Wo bist du denn hin?“, murmelte Gena umherblickend und in diesem Moment krallten sich in seine Hand Zähne und Krallen ein. Die Pfoten aufspreizend, flog Elsa auf seine Ferse, kaute an seinen Zehen, sprang dann zur Seite und fegte unters Bett. Aber innerhalb eines Augenblickes steckte sie ihre rosa Nase heraus, mit Neugierde die Reaktion Genas beobachtend. Gena ging vor Elsa in die Hocke. Sie miaute und kletterte graziös unter dem Bett hervor, streckte sich mit dem Schwanz spielend. Sie ging hin und her, legte sich auf den Rücken und zog ihre Pfoten heraus, darauf wartend, dass Gena mit ihr spielt aber Gena war nicht nach Spielen zu Mute. „Hör zu Čmo“, sagte er leise. Lass mich dich von hier mitnehmen, hm? Du wirst bei mir leben. Ich habe natürlich nicht solche Gemächer wie hier. Dafür einen eigenen Garten, Freiheit, Weite. Du wirst an der frischen Luft spielen. Mäuse fangen. Dir steht auf der Stirn geschrieben, dass du eine Jägerin bist. Ich bin doch Angler, weißt du welch guten Fisch ich fange? Karpfen, Barsch und Rapfen. Das ist nicht wie dieses…dein Whiskas. Und mit Olga Jurjevna bespreche ich das noch. Wenn was ist, dann sage ich ihr, dass ich keine Bezahlung für meine Arbeit brauche. Sie schuldet mir ordentlich etwas.“ Elsa hörte Gena aufmerksam zu und zog sich zu ihm  von Zeit zu Zeit, bemühte sich mit der aus gespreizten Pfote darum, den schaukelnden Saum des Kissens zu greifen. „Nun ist mein Auto kaputt“, Gena atmete auf. „Mal springt es an, mal nicht. Nur mach dir keine Sorgen. Ich werde heute damit fertig, selbst oder ich bringe es zum Mechaniker aber ich werde es reparieren. Und dann gehe ich morgen wegen der Bezahlung zu Olga Jurjevna und nehme dich mit. Wenn sie es mir nicht gestattet, dann werde ich dich stehlen. Elsa verstand, dass die Sache ernst war, miaute leise und wackelte nervös mit dem Schwanz.

                                                                       17.

Stepanyč stellte alles aus wie es sich gehört. Den Ring hat er behalten. Vor langer Zeit wollte er Nijara heiraten, eine hübsche Krankenschwester aus dem H-N-O- Bereich. Die Romanze war leidenschaftlich. Sie gingen abends ins Kino, küssten sich geizig bis zum Blut. Sie hatte kleine Brüste, weich, nur die Nippel verhärteten sich vor Erregung. Stepanyč wühlte im Dunkel des Kinosaals dort unter ihrer Bluse aber weiter als das erlaubte Nijara ihn nicht zu gehen. Der schlaue Stepanyč verstand, dass bald geheiratet werden sollte und lief los, um einen Ehering zu kaufen. Am nächsten Tag erschien Nijara nicht zur Arbeit, dafür kamen ihre Brüder, zwei große, kräftige Aserbaidžaner. Sie fanden Stepanyč und deuteten an, dass Nijara und er kein Paar seien und dass die Folgen ihrer Romanze die aller traurigsten sein werden. Stepanyč entschied sich, den Ring als Erinnerung zu behalten. Und nun dachte er, dass dieser vielleicht Tonja passen würde. Im Restaurant, welches sie betraten, waren nur wenige Menschen. „Wein“, sagte Stepanyč, „eine Flasche Wein, roten und…was habt ihr da an Knabbereien?“ „Caesar-Salat“, sagte die Bedienung. „Das war’s?“ „Ja.“ „Bringt ihn uns“, schrie Stepanyč fast auf. Tonja schaute mit Bewunderung Stepanyč  an und sagte zur Bedienung: „Für mich einen Steak. Medium. Mit Reis.“ „Und zum Wein?“, fragte die Bedienung. „Nein, ich trinke nichts“, sagte Tonja. „Tooonnja“, rief Stepanyč flehend. „Stepanyč, ich bin doch Sportlerin“, lachte Tonja. „Und eine Schönheit“, sagte Stepanyč verlegen. Die Bedienung grinste aber blieb da: „Noch irgend etwas?“ „Bis jetzt nicht“, sagte Tonja. Auf eine kleine Bühne, in der Ecke des Saals, stiegen ein paar Musikanten. Ein Kerl mit einer Gitarre und eine junge Frau mit einer Flöte. Die Noten durchforstend, versuchten sie leise etwas mittelalterliches zu spielen. „Tonja, ich habe was für dich“, sagte Stepanyč und kramte in der Jackentasche. „Ach ja, Stepanyč, ich übrigens auch für dich“, erinnerte sich Tonja. „Nun los, du zuerst.“ „Nein, nein. Ladies first“, sagte Stepanyč besorgt. „Nun gut“, sagte Tonja und zog aus ihrer Tasche eine Tüte: „Das ist von meinem Trainer.“ „Was ist das?“ „Eine Salbe. Sehr hochwertig, importiert. Ist genau das Richtige bei Brüchen. Regeneriert schnell. Wenn der Gips abgenommen wird, beginn sie dir aufzutragen. „Danke.“ Stepanyč versteckte die Salbe und ungeschickt nach Tonjas Händen greifend, küsste er ihre Finger. „Was bist du altmodisch, Stepanyč“, lachte Tonja. „Gut, jetzt du, was hast du da? Zeig es mir.“ Stepanyč holte leise aus der  Jackentasche die Schachtel hervor, stellte sie auf den Tisch vor Tonja und öffnete sie, im schwarzen Samtstoff lag ein goldener, dünner Ring. Die Musikanten drumherum verstummten. „Stepanyč, was machst du nur?“, fragte Tonja verwundert, ohne das Schächtelchen zu berühren. „Bist du verrückt geworden? Du bist doch zu alt.“ „Ja und?“, erwiderte Stepanyč und spürte, dass er rot wurde. „Ich bin nur von außen her alt und im Inneren lodert es.“ „Ne, ne, ne“, lachte Tonja, den Ring von sich weg schiebend. „Denk gar nicht dran.“ „Tonja, ich liebe Sie“, sagte Stepanyč mit zitternder Stimme, verwundert über den eigenen Wechsel zum Siezen. „Gut Stepanyč“, sagte Tonja und bückte sich über den Tisch zu ihr. „Du bist ein guter Mensch und gebildet und ich mag dich, wirklich. Aber nicht als Mann, eher als Opa. Lass uns nichts überstürzen.“ „Tonja, Sie töten mich“, heulte Stepanyč. „Lass uns das bald vergessen“, sagte Tonja, „Und außerdem bringen sie uns jetzt das Essen.“ Die Bedienung schob unaufdringlich die Schachtel zur Seite, legte das Besteck und das Essen auf den Tisch und goss Stepanyč Wein ein. Stepanyč dankte zurückhaltend. „Martin hat mir heute geschrieben“, sagte Tonja. „Martin?“, fragte Stepanyč abwesend. „Habe ich es nicht erzählt?“, lachte Tonja. „Ja, dann hör zu, eine klasse Story. Wir fuhren mal im Sommer auf die Datscha. Volodja, Mama und ich. Volodja ist mein älterer Bruder, sei nicht eifersüchtig. Wir haben einen Jeep, ich fahre ihn aber kaum. Meistens fährt Volodja. Wir fahren also zurück und es dämmert schon, der Weg ist frei, drumherum Steppe. Dann sehen wir vor uns einen Fahrradfahrer, auf der Seite, fast am Wegesrand. Auf dem Rücken hat er einen Rucksack, riesig, voll-geklebt mit ausländischen Aufklebern. Und wir haben übrigens vor ein paar Tagen in den Nachrichten gesehen, dass ein Fahrradfahrer aus Deutschland oder Österreich nach Kasachstan gekommen ist. Er habe wohl die Hälfte der Erde umkreist und sei jetzt in Kasachstan. Bis zur nächsten Stadt war es noch weit. Und es war schon dunkel. Volodja und ich verstehen uns in solchen Situationen ohne Worte. Also Volodja gibt Gas und ich kurbele das Fenster runter und denke mir, das ist ja schließlich ein Ausländer, der spricht kein russisch, dann müssen wir uns wohl irgendwie auf englisch verständigen, ihm sagen, dass wir helfen wollen. Alles woran ich mich noch erinnerte, war Hilfe auf englisch, „Help“ Kurzum. Volodja holt den Fahrradfahrer ein, beginnt ihn leicht zu schneiden und ich schaue aus dem Fenster und rufe zum Fahrradfahrer: „Help!“ Stepanyč konnte sich nicht halten und lachte. Tonja lachte auch. „Das ist noch nicht das Ende, Stepanyč, warte mal ab.“ Ich schreie also „Help“ und der Fahrradfahrer wäre fast ins Gebüsch gefallen, hielt sich aber und legte einen Gang drauf. Volodja erhöhte auch den Druck, holte ihn wieder ein und drückt ihn gründlich zur Seite und ich lehne mich wieder aus dem Fenster und schreie: „Help, help!“, und versuche zu lächeln und Zähne zu zeigen, um zu verstehen zu geben, das wir freundlich gesinnt sind, dass wir in Wirklichkeit helfen wollen. Nichts anderes, passendes fällt mir auf Englisch ein, verstehst du? Der Fahrradfahrer sperrte die Augen auf, kehrte dann plötzlich um und fuhr irgendwohin in die Steppe, in die Unwegsamkeit. Gut, dass wir einen Jeep haben. Irgendwie holten wir ihn ein. Und es stellte sich heraus, dass es wirklich dieser Reisende aus den Zeitungen war. Martin. Ein guter Kerl.  Wir luden sein Fahrrad in den Kofferraum, nahmen ihn mit nach Hause, gaben ihm zu Essen, zu Trinken, im Allgemeinen zeigten wir Gastfreundschaft. Wir entschuldigten uns natürlich, dass wir ihm einen Schrecken eingejagt haben. Und er, so scheint es, erinnert sich immer noch daran. Gut, dass er uns traf, es geschieht ja sonst alles Mögliche, nicht wahr? Und heute hat er uns einen Brief geschickt, eine Email. Er kam nach Hause, zurückgekehrt in sein Österreich und lädt uns nun zu sich ein.“ „Und fährst du?“, fragte Stepanyč. „Ich habe keine Zeit. Ich habe immer Wettbewerbe“ Tonja atmete auf. „Aber Volodja wird vielleicht fahren. Ist doch cool. Ich fahre morgen übrigens wieder zum Trainingslager. Nicht lange, nur für ein paar Wochen.“ „Für dich ist es nicht lang“, Stepanyč atmete auf. „Ich bin ein alter Mensch, in zwei Wochen kann alles passieren.“ „Rede keine Dummheiten, Stepanyč“, Tonja runzelte die Stirn. „Pass ja auf, dass du wie ein Gürkchen bist bei meiner Rückkehr.“

                                                                       18.

Nazar fuhr am Tag los und erreichte die Trasse erst gegen fünf. Der Schnee wurde immer noch nicht geräumt. In der Stadt bewegte sich kaum etwas. Hier und da lagen Baumzweige, die den Schneesturm nicht überlebt haben und die Autos bewegten sich sehr langsam. Die Nerven gaben auf, die Fahrer stritten durch die geöffneten Fenster und das Geheul der Alarmanlagen wollte kaum aufhören. Auf der Straße gab es einen Stau. Der Fahrer, direkt neben Nazar, verlor die Geduld, stieg aus, knallte die Tür und näherte sich den Männern, die am Rand standen. Nazar sah, wie sie sich die Hände gaben und irgendetwas besprachen. Der Nachbarfahrer von Nazar gab den Männern Zigaretten und ging  zurück. Nazar öffnete das Fenster und rief ihm, als dieser vorbei ging, zu: „Entschuldige Bruder! Hast du eine Ahnung, warum wir nicht weiter fahren?“ „Das wollte ich selbst heraus finden“, sagte der Nachbar kurz stehen bleibend. „Man sagt, das drüben beim Wachposten alle zur Rückkehr gezwungen werden. Es gab einen Befehl, niemanden in die Stadt rein zu lassen.“ „Ja gut, raus lassen, aber warum denn nicht rein lassen?“, wunderte sich Nazar und kletterte aus dem Auto um zu reden. Es ging ja sowieso nicht weiter. Draußen entwich Dampf aus dem Mund. Der Schnurrbart des Gesprächspartners war mit kleinen Eiskristallen bedeckt. „Haben Angst vor Kundgebungen.“ „Welche Kundgebungen? Im Winter?“ „Wie sommers, so winters,“ nuschelte der Bärtige. „Willst du eine rauchen?“ „Ja, warum nicht?“, sagte Nazar, „wir haben Zeit.“

„Unser Volk geht nicht“, sagte der Bärtige und gab Nazar Feuer. „Jeder weiß es. Wie oft kam es schon vor? Keine Menschen, sondern Opfer. Man kann uns endlos verhöhnen, wir halten alles aus. Das liegt an der Mentalität. Kundgebungen. In Almaty leben mehr als zwei Millionen Menschen. Und wie viele von ihnen gehen raus? Zehn, zwanzig Leute. Vielleicht auch hundert. Ja und? Sie alle werden für ein paar Stunden zur Polizeiwache gebracht, führen ein gelehrsames Gespräch und werden laufen gelassen Das war’s mit unserem Meeting. Das ist bombensicher. Und dann, wenn sich doch einer traut zu gehen. Die haben dort ja trotzdem Angst. Die haben sogar Spezialeinheiten in die Stadt gejagt, hast du gehört?“ „Achso, da kommen die Panzer her…Verstehe, würdest du selbst gehen?“ „Ich? Nein, natürlich nicht. Welchen Zweck hat das Ganze? Ich glaube nicht an Kundgebungen. Soll doch alles scheiße sein, dafür aber keine Kämpfe, dafür sind meine Kinder gesund. Und diejenigen, die Macht haben – die werden immer stehlen und lügen. Bei uns können die Menschen momentan nicht anders. Egal wem die Macht überlassen wird, derjenige, wenn er erst die Macht spürt, wird als erster seine Taschen füllen. Und die neue Tasche ist immer leer. Deswegen soll alles so bleiben wie es ist. Ein reicher Dieb ist besser als ein Armer.“ „Ich würde gehen.“ „Warum fährst du dann weg? Warte doch ein paar Tage. Vielleicht ist es wirklich eine Kundgebung.“ „Ne, ich fahre zur Ehefrau. Bin eh schon spät dran.“ „Ich sage ja, wozu brauchen wir das alles zum Teufel? Bei der Ehefrau ist es immer besser. Gut, lass uns fahren. Da vorne lassen sie uns durch.“ Nazar drückte dem Bärtigen leicht die Hand und stieg in seinen Golf. Aber die Autos wurden immer noch nicht durchgelassen. Die Kolonne bewegte sich nur deshalb weil einige Autos umgekehrt waren. Nazar hielt es nicht aus und drehte das Lenkrad bis zum Ende. Die Autos krochen auf den nahegelegenen Wegen wie Ameisen, sich bemühend einen Ausgang, einen Durchschlupf zu finden. Ein paar Mal erreichte Nazar Sackgassen, drehte sich in einem unbekannten Hof, fuhr weiter über einen Bürgersteig, fuhr über eine kleine Bordsteinkante, bog um die Ecke und fand sich am Rand eines Feldes wieder – breit, schneebedeckt, grenzenlos. Noch vor einer Sekunde sah er graue, steinerne Mehretagenhäuser, und hier, plötzlich, begann die Steppe. Auf dem unberührten, jungfräulichen Schnee, zog sich eine Linie von runden, lockeren Spuren, die an Pferdehufen erinnerten. Nicht lange nachdenkend, fuhr Nazar nach vorne, auf der Spur. Schon bald blieb die Stadt hinter ihm. Alles drumherum war sauber und weiß. Nazar öffnete das Fenster und verstand endlich, dass er atmen konnte. Die Stadt hat ihn noch nicht gänzlich gehen lassen. Es machte den Anschein als klebe sie sich an Nazar mit klebrigen, schmierigen Fäden. Doch diese Fäden zogen sich in die Länge, wurden dünner, platzten einer nach dem anderen auf und je weniger Fäden es wurden, desto breiter öffneten sich Nazars Augen. Er hatte den Eindruck, als wäre er jetzt erst erwacht, er wollte kräftig gähnen, sich strecken. Endlich platzte der letzte Faden und als würde er es spüren, lachte Nazar unbewusst los. Und in diesem Moment, direkt vor ihm, zwischen grauen, bleiernen Wolken, schaute der erste blaue Fleck hervor.

                                                                  19.

Am Morgen sprang das Auto gut an, als ob nichts gewesen wäre. Und das Wetter wurde unerwartet etwas klarer, nur hingen neben den Bergen weite Wolken und der übrige Himmel erschien unendlich blau. Von der weißen, blendenden Sonne fing  das Eis an zu tauen, es tropfte vom Dach und an seinem Rand wuchsen dünne, durchsichtige Eiszapfen. Gena säuberte mit Vergnügen den Hof vom gefallenen Schnee, machte sich dann einen Kaffee und ging raus, auf die Vortreppe, eine rauchen. Geblendet vom Licht, trank er den Kaffee, welcher an der frischen Luft besonders heiß und köstlich erschien, und rauchte genüsslich seine Zigarette. Das Auto war aufgewärmt und brummte gleichmäßig, sicher. Man konnte losfahren. Er hat mit Olga Jurjevna ausgemacht, dass er für sein Gehalt gegen elf bei ihr sein wird aber er fuhr früher los, denn er hatte Angst vor Staus. Und der Tag war so klar, dass er nicht zuhause sitzen wollte. In seinem Kopf hatte Gena schon einige Male die Szene durchgespielt, wie er das Geld ablehnt mit der Bitte ihm Čmo zu überlassen. Die Phrase, die Formulierung wollte nicht gelingen, aber er konnte sich Olga Jurjevnas Reaktion gut vorstellen. Ihr Gesicht dehnte sich erstaunt auseinander und das Staunen wurde von der Erleichterung abgelöst, von der Freude und sogar von irgend einer Nachsichtigkeit, so nach dem Motto: „Das ist alles, was sie wollen? Nehmen Sie ihn mit, bitteschön!“

„So, los geht’s“, sagte Gena laut, beschließend, dass er seine Rede auf der Autofahrt vorbereiten wird. Er warf den Kippenstummel in den Glasaschenbecher und ging zur Tür um sie zu öffnen. Die Straße zwischen den Häusern war schmal, aber nach dem Schneefall verwandelte sie sich in einen einspurigen Weg. Die Schneeglätte begann in der Morgensonne an schmelzen und das Auto schlitterte, mit dem Hinterteil wackelnd. Der Weg ging nach links. Gena kannte diese Strecke ausgezeichnet und machte im Voraus den Blinker an, sich bemühend auf die Straße zu lenken, jedoch er wurde vor der Ausfahrt von einem schwarzen Jeep blockiert. Gena bremste und hupte. Der Jeep rührte sich nicht von der Stelle. „Eingeschlafen oder wie?“, fragte Gena verärgert, bewegte die Feststellbremse und stieg aus dem Auto.  Im anderen Auto saßen ein paar Männer. „Nimm einen anderen Weg“, sagte der Fahrer, ein kräftiger Bursche in einer Daunenjacke. „Hier lang darf man nicht fahren.“ Es gibt hier keinen anderen Weg“, sagte Gena. „Seit dem letzten Frühling ist es die einige Ausfahrt. Auf der anderen Seite ist ein Graben. Da wechseln sie schon das zweite Jahre die Rohre aus. „Dann bleib heute zuhause“, schrie ein brünetter Kerl, der neben dem Fahrer saß und lachte. „Kurzum, erhole dich.“ „Jungs“, sagte mit sich abreißender Stimme Gena. „Ich muss fahren. Ich muss jemanden abholen…eine Katze. Ich habe es versprochen…“ „Wem versprochen?“, der Brünette lachte. „Der Katze? Ha-ha!“ Gena sah, wie sich auf dem Rücksitz, viel händige Schatten bewegten. „Hör zu man“, sagte der Fahrer, „hör auf zu nerven, die Straße in die Stadt ist gesperrt, du kommst sowieso nirgends hin. Willst du unter die Panzer kriechen? Geh heim. Kannst morgen fahren, wohin du willst.“ Irgend jemand auf dem Rücksitz des Jeeps bewegte sich und sagte: „Was sprichst du mit ihm wie mit einem Mädchen? Hau ihm eine rein.“ „Mach doch selbst“, sagte der Fahrer unzufrieden. Die Hintertür des Jeeps öffnete sich und es stieg ein riesiger Kerl in Polizeiuniform aus. Gena trat einen Schritt zurück. „He, Onkel, ist irgend etwas unverständlich?“ Er schlug ohne Schwung Gena ins Gesicht. Gena versuchte auszuweichen und der Schlag streichelte ihn nur. Aber der Kerl schlug erneut zu. Auf das Ohr, auf das Kinn und in den Bauch. „He, Ajdos, das reicht“,  rief der Fahrer des Jeeps. Gena stand gebeugt da, das Gesicht mit den Händen bedeckend, und atmete schwer. Die Luft wurde dicht, klebte an den Lippen wie ein Spinnennetz und wollte gar nicht zur Brust vordringen, die Brust füllen. Gena richtete sich nicht auf und sah nichts, er ging auf gut Glück zu seinem Auto und entschied, was er machen wollte. Er setzte sich, drehte den Schlüssel und schaute sich im Spiegel an. Aus dem Mund rann Blut. Er fuhr ca. zwanzig Meter vor, nur diese notwendigen zwanzig Meter, die für den Anlauf wichtig waren. Er stellte den Handhebel um und drückte mit voller Kraft auf das Gaspedal.

                                                                       20.

Abaj wachte früh morgens auf von den Sonnenstrahlen, die in das Zimmer fielen. Er stand vom Bett auf, zog die Vorhänge zu und kniff die Augen von dem unerträglichen Licht zu. Dann legte er sich wieder hin, konnte aber nicht einschlafen. Hinter dem Fenster tropfte und gluckste es. Der Kopf tat schrecklich weh. Vor allem schmerzte diese Stelle, wo der Hals in den Nacken übergeht. Abaj hatte das Gefühl, als würde da eine unsichtbare Spinne sitzen. Dass, sie da sitzt und ihn sticht. Und von diesem Punkt aus, in Richtung Ohren, breitete sich ein Gift aus. Langsam zerfallend. Die Wirbel knackten vor Aufregung. Das Gift drang sogar in die allerengsten Lücken, sprengte die Hindernisse, grub Höhlen im Kopf. Die Spinne hat sich fest geklammert. Abaj spürte es auf der Haut, wie die Spinne ihr Maul bewegte, aus Ungeduld wo anders hintrat und immer tiefer und tiefer eindrang. Abaj versuchte sie abzuschütteln, haute sich auf den Hals, rieb den Nacken ein, massierte mit den Fingern die Wirbel aber er konnte die Spinne nicht ertasten. Nur manchmal, während des Druckes auf eine besonders empfindsame Stelle, durchfuhren ihn Krämpfe und davon wurde ihm, warum auch immer, leichter. Abaj begann diese Punkte zu fangen, prägte sie sich ein, drückte fester. Dann wurde er in die Höhe geworfen und gekrümmt, als ob auf der Wirbelsäule, wie aus einem langen Schlauch, Wasser lief und ins Gehirn strömte. Noch einmal. Und noch. Der Kopf fiel impulsiv nach Hinten, als ob er die Spinne einklemmen wollte zwischen Nacken und Hals, einklemmen und zerdrücken. Er drückte auf den Punkt. Impuls, Entladung. Er krampfte sich zusammen. Der Kopf klirrte immer lauter. Man hatte schon Angst sie zu berühren, so war die Hülse aufgespannt, es platzte beinahe. Abaj kroch aus dem Bett und fiel auf die Knie, zusammen gekauert, das Gesicht zum Boden gereichtet. „Darnieder“, kam es ihm in den Kopf. „Welch ein seltsames Wort – darnieder, ist es das?“ Abaj wunderte sich, wie genau die Fläche des Bodens mit der Linie seiner Stirn übereinstimmte. Die Linie, die in seine Nase übergeht, von der Nasenwurzel bis zur Nasenspitze. Entweder er sitzt oder er liegt, zusammengeklappt. Hat sich ganz zusammen gekrümmt. Willenlos, kraftlos, unbeweglich. Und es schmerzt und zieht nur hinten im Nacken. Es schmerzt so, als ob dort eine Spinne sitze, beziehungsweise eine Krebsschere, die Wäscheklammer eines Puppenspielers. Dieser hält ihn an einem Faden, der nach oben führt. Er zieht an ihm, zieht – versucht ihn hoch zu heben. Aber irgend etwas störte Abaj beim Aufstehen und er spürte, dass die Klammer jeden Moment ausrutschen kann, reißen. Sie springt raus, zusammen mit dem Büschel der Materie und Watte, zusammen mit dem Klumpen seines Körpers. Vor seinen Augen. Fast vor Schrecken öffnete sich immer weiter die Pore des Linoleums. Und dann knackste leise irgend etwas. Dieses Geräusch war kaum hörbar. Crack. Der Kopf begann sich mit Sand zu füllen, mit schwerem, feuchtem Sand. Jetzt konnte man ihn gar nicht vom Boden befreien. „Soll er liegen bleiben“, dachte Abaj und stand auf.

                                                                       21.

Stepanyč machte nicht seinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Er beschloss sich frei zu nehmen. Dazu kam, dass Tonja weg gefahren war. Und jetzt tat auch die Hand im Gips weh. In die Fenster schien eine für Kasachstan seltene Sonne. Stepanyč führte die Schmerzen in der Hand auf den Wetterwechsel zurück. Er ging den halben Tag durch die Wohnung, ohne einen Platz für sich zu finden, versuchte Fern zu sehen, aber konnte die Worte, die aus dem Fernseher kamen, nicht verinnerlichen. Das Telefon klingelte. Stepanyč wurde selten angerufen. Er lief zum Telefon, nahm mit Argwohn, mit zwei Fingern, den Hörer ab, führte ihn zum Ohr, hörte aber nichts. Hinter den Fenstern tropfte es von den Dächern. „Hört auf mit dem Unfug“, schrie Stepanyč und legte den Hörer auf seinen Platz. Die Stimmung war miserabel. Stepanyč spürte, dass er etwas unternehmen sollte, etwas Wichtiges, das man nicht verlegen kann. Aber was? Endlich hielt er es nicht aus und begann sich anzukleiden. „Ich gehe mal hin“, murmelte Stepanyč. „Schaue mir an, wie es da ist. Drehe ne Runde, gucke mal…“ Er schloss die Tür zu, drehte den Schlüssel zwei Mal um und begann langsam die Treppe hinunter zu gehen. Er kam bis zur ersten Etage und bog in den Flur ab, wo die Briefkästen standen. Im Briefkasten lag irgend ein Unsinn: Flyer, Werbung, alte Rechnungen. Über seinem Kopf krachte eine Tür und von der Treppe hallten eilende Schritte. Stepanyč drehte sich um, um zu schauen und sah wie eine Silhouette mit fetten Tüten an ihm vorbeihuschte und das Treppenhaus verließ. Vermutungen befielen Stepanyč und er begann die Verfolgung, lief nach Draußen, kniff die Augen zusammen vom Licht und sah vor seinen Füßen die Säcke, voller Müll. „Hey, stopp! Bleib stehen! Wo bist du?“, schrie Stepanyč, sich umher blickend und sah einen Menschen, der am Auto fummelte. „Ey, komm her“, Stepanyč näherte sich ihm und versuchte sein Gesicht zu mustern. „Bist es Du? Kol’ka, du? Bist du ganz verrückt geworden? Kotzbrocken. Hipster, Mist. Bleib stehen!“ Kol’ka sprang in den langen weißen „Mers“, schaffte es aber nicht, ihn zuzumachen, da hatte Stepanyč ihn schon eingeholt. Er zog die Autotür zu sich, schliff Kol’ja heraus und schleppte ihn zum Treppenhaus. „Hey, räume deinen Müll weg, hast hier einen Schweinestall angerichtet!“ Kol’ka versuchte sich loszumachen. Stepanyč schubste ihn nach vorne und Kolja fiel ungeschickt. Er lag auf dem kalten Boden und sein Knie fiel genau auf die Mülltüte. Die Tüte platzte. Er verlor seinen Schal und aus dem Mantel schaute sein dünner, weißer Hals heraus. Im großen und ganzen war Kolja irgendwie dürr, unförmlich, unglücklich. Stepanyč beruhigte sich und beugte sich über ihn. „Gut Kol’ka, was machst du nur? Gut, tut mir leid. Es nervt bloß. Wir leben wie im Saustall, wie Schweine. Hast du dich gestoßen? Komm, lass dir helfen.“ Kol’ka stieß die Hand des Alten weg und sprang auf die Füße, hinkend zu seinem Auto laufend. Stepanyč war verdutzt und nicht wissend, was er antworten sollte, schaute er zu, wie Kol’ka ins Auto stieg, es startete und langsam losfuhr. Auf die Vortreppe, mit den Flügeln raschelnd, setzte sich eine dicke Taube, die anfing, die aus der Tüte fallenden Brotkrumen zu picken aber Stepanyč stampfte mit dem Fuß und vertrieb sie, dann bückte er sich und fing an den Müll einzusammeln. Kol’ka fuhr am Treppenhaus vorbei und bleib stehen, er nahm aus dem Handschubfach eine schwarze Pistole. Stepanyč, atmete schwer und sammelte den verstreuten Müll ein. Kol’ka kurbelte das Fenster runter, zielte und gab einen Schuss ab. Von dem Laut des Schusses wachte in seinem Auto Danijar auf. Er konnte nachts nicht einschlafen, wälzte sich herum bis zum Morgen und beruhigte sich erst als die Sonne aufkam. Er wärmte sich auf und fiel in einen tiefen Schlaf. Danijar beobachtete, wie der weiße „Mers“ vorbei fuhr, verstand aber nicht was passiert war. Er kletterte aus dem Auto, machte ein paar Schritte auf dem Hof und wollte gerade was essen gehen als er Stepanyč entdeckte. Dieser saß beim Treppenhaus an die Wand gelehnt und schwer atmend. „Viktor

 Stepanyč, was ist mit Ihnen?“ Er kam näher. „Ist Ihnen schlecht? Soll ich den Krankenwagen rufen?“ „Ja, ruf ihn Danijarchen“, sagte Stepanyč heiser. „Ich wurde angeschossen.“ „Wie, angeschossen? Wer?“ „Unwichtig, Danijar, alles in Ordnung, habe nur eine starke Prellung. Kann sein, das die Rippen gebrochen sind, keine Ahnung. Los mein Lieber, rufe den Krankenwagen.“

„Mist, meine Batterie ist leer“, rief Danijar, der versuchte die Nummer mit seinem Mobiltelefon zu wählen. „Haben Sie ein Telefon dabei?“ Stepanyč wackelte mit dem Kopf. „Gut, bleiben Sie sitzen, ich komme gleich!“, entschied Danijar. „Ich bin blitzschnell.“ Er rannte auf seine, die dritte Etage und klopfte an. Seine Schlüssel hat er im Auto gelassen. Das Schloss klapperte und die Tür öffnete sich. Danijar sperrte sie auf und umarmte Alija. „Meine Liebe, Gute“, flüsterte er, ihre Haare küssend. „Verzeih mir, verzeih mir Dummkopf. Ich bin ein Idiot. Einfach nur eine selbstverliebte, faule Arschgeige. Ich fahre morgen los und kaufe diese blöde Spülmaschine. Und einen Staubsauger. Ich kaufe alles, was wir brauchen, nur sei nicht beleidigt. Entschuldige, dass ich dich allein gelassen habe. Entschuldige, das ich vergaß dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Ich brauche niemanden außer dir. Ich habe dich schrecklich vermisst. Egal was ich auch machte, worüber ich sprach, ich dachte die ganze Zeit an dich. Verzeih mir, gut?“ Alija hörte schweigsam zu, den Kopf gesenkt, atmete dann auf und drückte sich fester an Danijars Brust. Er verstand, dass Friede war und verstummte. So standen sie eine Minute da und dann schrie Danijar auf: „Ich muss anrufen. Wo ist das Telefon? Stepanyč liegt im Sterben.“

                                                           22.

„Viktor Stepanyč, ich habe den Krankenwagen gerufen, die kommen gleich“, schrie Danijar als er das Treppenhaus verließ. „Wie fühlen Sie sich? Ich würde Sie ja selbst fahren, aber so viel Schnee und Staus. Mich wird keiner durchlassen.“ „Och. Ich bin in Ordnung, macht nichts“, ächzte Stepanyč. „Es ist bloß kalt.“ „Setzen Sie sich hierhin.“ Danijar zog die Jacke aus und begann sie unter Stepanyč zu schieben. „Danke, Sohn.“ Stepanyč lehnte sich gegen die Jacke, stand kurz auf, um sie unter sich zu schieben und hustete stark. „Ach, habe ich ein Pech“, schmunzelte er. „Gerade hat die Hand zu verheilen begonnen. Und nun…“ „Wo bleiben sie nur so lange?“ „Keine Eile, ich bin stark“, schmunzelte Stepanyč wieder. „Lass uns warten, keine Angst, ich sterbe nicht. Ich bin doch Arzt, ich kann die Situation einschätzen. Wir wollen noch ein bisschen leben. Der Kerl ist wirklich flink. Wo hat er nur die Waffe her? Er ist wahrscheinlich noch keine zwanzig. Ein Kind. Du hast doch keine Kinder, stimmt’s? Ich auch nicht. Aber du wirst welche haben, ich nicht mehr. Alt bin ich, ein alter Mann. Äch…“ Vom Dach riss mit lautem Aufprall eine ganze Lage gefrorenen Schnees auf die Erde. Verschreckte Spatzen flatterten aus dem Gebüsch und trällerten empört. „Schön ist es im Frühling in Almaty“, krächzte Stepanyč. „Hauptsache der Schnee schmilzt und dann geht es in aller Schnelle weiter. Da schaffst du es nicht einmal den Pelz durch den Mantel auszuwechseln und da blühen schon die Bäume. Der Frühling hier dauert nur eine Woche und direkt danach fängt der Sommer an. Danijar, bist du aus Almaty? Einheimisch?“ „Ne“, sagte Danijar. „Aus Karaganda bin ich, wurde dort geboren, habe dort bis zur fünften Klasse die Schule besucht. Und dann zogen die Eltern hierhin, nach Almaty.“ „Und wie ist Almaty so?“, fragte Stepanyč. „Damals mochte ich es“, lächelte Danijar. „Damals war es überall schön für mich.“ „Und ich wurde in Almaty geboren, bin hier aufgewachsen und werde hier sterben“, sagte Stepanyč. „Hilf mir mal, mich bequemer hinzusetzen. Ja, so ist es gut. Siehst du den Baum da hinten? Ja, der mit der zerstörten Krone. Das ist ein Apfelbaum. Der letzte in unserem Hof. Früher gab es viele. Almaty ist ein Garten. Hier gab es einen Garten. Keine Häuser, keine Menschen, nur Bäume. Hier gab es Äpfel, Blüten. Weißt du, wie es in einem Garten riecht? Nicht nach Äpfeln, nicht nach Blüten, nein…im Garten riecht es nach Erde. Nur nicht nach Sand und Staub, sondern nach saftiger, fetter Erde. Es riecht nach Leben, weil in dieser Erde Regenwürmer kriechen, die Bäume ihre Wurzeln verflechten, das Gras sich zur Sonne neigt und im Gras hüpfen Grashüpfer, äch…und Schmetterlinge fliegen von Blume zu Blume, verstehst du? Manchmal ist es der Kuckuck, der in den Zweigen singt, schillernd, manchmal der Star und manchmal, wenn man hinblickt, sieht man Fasane durch die Büsche flitzen. Glaubst du mir nicht? Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Und unsere Stadt ist in diesem Garten gewachsen, wie ein Apfel, sauber, sonnig, rotwangig. Die ganze Stadt ist voller Bäche und Wassergräben. Das Wasser fließt aus den Bergen, eiskalt. Und so durchsichtig, das man es trinken kann. Nur geht es auf die Zähne. Die Jungs und ich haben es getrunken. Äch, zum Teufel, es tut weh… Und die ganze Stadt war so ein Haus, umrundet von Apfelbäumen, Wasserhahnenfuß, Birnen und immer der Wassergraben in der Nähe. Du gehst raus, pflückst einen Apfel vom Baum, trinkst Wasser aus dem Wassergraben und du brauchst nichts mehr. Das Wichtigste ist, das die Menschen das alles gespürt haben, verstehst du? Die spürten dieses Licht der Stadt, sein Leuchten. Der Mensch konnte nicht raus gehen, ohne zu lächeln. Wie soll man hier auch nicht lächeln, wenn die Bäche fließen, die Bäume blühen, die Sonne scheint. Und am Horizont blaue – blaue Berge. Und wenn ein Mensch lächelt, möchte er etwas Gutes vollbringen. Entweder ein Lied dichten, ein Buch schreiben, einen Film drehen. Und sie schrieben, drehten, dichteten. Was sagst du?“ „Ich sage, das alles im Wandel ist“, sagte Danijar. „Natürlich ist alles im Wandel“, Stepanyč nikcte. „Und Almaty hat sich auch verändert. So lange Jahre! Wir hatten hier Erdbeben, Revolutionen. Was es nicht alles gegeben hat. Egal was passiert ist, wir wussten immer, dass wenn du raus gehst, du empfangen wirst von der Sonne, vom Himmel, von den Bergen, Bäumen und den Wassergräben. Und das war genug, um mit allem zurecht zu kommen. Und jetzt? Ich gehe jeden Morgen spazieren und die Sonne habe ich heute erst erblickt, zum ersten Mal seit Monaten. Im Sommer geht’s ja noch aber im Winter ist sie nicht zu sehen. Irgend ein Nebel, es leuchtet irgend etwas in diesem Dunst. Und was – das versteht man nicht. Und die Wassergräben? Warum führen sie kein Wasser mehr? Da liegt nur Müll und alles ist voller Ratten. Ich gehe auf meinen Hof, und hier anstatt Bäumen nur Baumstümpfe. Und ich lächele nicht mehr, schaue nur finster drein. Und alle drumherum sind genauso, böse, besorgt, traurig. Das kann man nicht mehr ertragen. Der Mensch wird mit allem fertig, mit jeder Schwierigkeit, – Hauptsache er hat gute Laune. Man kann dem Menschen das Geld weg nehmen, Zeit, Kraft, aber Freude kann man ihm nicht nehmen. Und ohne Sonne, ohne Himmel, ohne Bäume – welche Freude? Was bist du von Beruf?“ „Ich? Unternehmer“, sagte Danijar. „Unternehmer“, krächzte Stepanyč. „Und was macht ihr Unternehmer? Unternehmt ihr was? Sonst kommt für uns alle das dicke Aus. Oh schau, da sind sie endlich. Geh, sag ihnen, das ich hier bin.“ Doch die Sanitäter erblickten sie und holten die Bahren aus dem Wagen.

                                                                       23.

Der Schnee taute in aller Schnelle. Alle Dächer erinnerten an gigantische, grinsende Mäuler und von Zeit zu Zeit fielen von oben blaue Klumpen Eis und stürzten mit lautem Knall auf den Asphalt, in kleine Funken umherfliegend. Gena betrat hinkend sein bekanntes Treppenhaus, stieg in den zweiten Stock und klingelte. „Gennadij, guten Tag. Kommen Sie rein, kommen Sie schon rein.“,

Olga Jurjevna machte die Tür auf und verschwand dann in die Küche, wo irgend etwas bruzelte und zischte. Gennadij zog die Schuhe aus, dann die Jacke und knipste aus Gewohnheit den Lichtschalter. Das Licht war intakt. „Warum tragen Sie eine Brille?“, fragte Olja Jurjevna aus der Küche kommend und sich mit einem Handtuch die Hände abtrocknend. „Oh Gott, was ist mit Ihnen? Darf ich?“ Sie streckte die Hand aus und nahm Gena die Sonnenbrille ab. Um die Augen herum war alles geschwollen, blau-gelb. „Oh Gott“, sagte Olga Jurjevna und fing an zu weinen. „Oh Gott…“ „Ach was…“, sagte Gennadij verwirrt, ohne zu wissen wohin mit seinen Händen. „Das verheilt, das ist normal. Von einer gebrochenen Nase hat man schnell Flecken, das ist nicht schlimm.“ „Und hier?“, fragte Olga Jurjevna weinend und zeigte auf das verletzte, mit Fäden genähte Ohr Genas. „Entschuldigen Sie, dass ich in solch einer Erscheinung zu Ihnen komme“, bat Gennadij. „So hat es sich ergeben…lange Geschichte…Und wo ist Elsa?“ „Och Elsa, ja. Wissen Sie…“ Olga Jurjevna atmete auf, sich die Tränen weg wischend. „Vorgestern erst, als Sie alles beendet haben, Gennadij, hat sie begonnen solch eine Show abzuziehen…einfach nur schrecklich. Sie hat die ganze Nacht geschrien, laut, mit der ganzen Stimme, als ob sie Schmerzen hätte. Im Endeffekt hielt ich es nicht aus und rief den Tierarzt.“ Gena verstand, dass etwas Schreckliches bevorstand und seine Augen wurden leer. „Gestern früh kam der Tierarzt, sagte, das so etwas bei Wohnungskatzen manchmal auftritt, das sind die Hormone, man müsse sterilisieren. Je früher, desto besser. Ich war in Sorge, natürlich, aber was soll man machen? Sie quälte sich so sehr…und ich habe schließlich kein Herz aus Stein. Dazu ist die OP unkompliziert. Sie blieb eine Nacht in der Klinik und vor ca. zwei Stunden brachten sie sie zurück. Sie ist noch nicht ganz fit nach der Narkose, steht gar nicht auf. Liegt das hinten in der Ecke hinter dem Sofa, die Arme. Sie tut mir so leid.“ Olga Jurjevna fing an zu weinen. Gena ging zum Sofa und erblickte Elsa, diese lag zu einem Knäuel zusammen geringelt und atmete schwer, mit dem ganzen Körper. Ihre Augen waren offen und der Kopf wollte sich nicht einmal drehen. Schaute die ganze Zeit irgendwo vor sich hin. „Olga Jurjevna“, sagte Gena mit leiser Stimme. „Ich bin hier wegen einer Sache. Ich brauche dringend Geld zur Zeit.“ „Ja, ja. Natürlich“, hetzte Olga Jurjevna. „Ich habe es Ihnen versprochen. Direkt mit Ihnen abzurechnen. Moment, eine Sekunde.“ „Olga Jurjevna , können Sie mir noch dreißig Tausend borgen?“, sagte Gena noch leiser. „Nicht für lange, ich gebe es Ihnen Ende des Monats wieder, Ehrenwort.“ „Ja“, sagte Olga Jurjevna, die Scheine abzählend. „Ich verstehe, hier nehmen Sie.“ Gena steckte das Geld in die Jackentasche und stand einige Sekunden schweigend da, den Kopf gesenkt. „Entschuldigen Sie“, sagte er endlich. „Ich, ich gehe nun, gut?“ Am Fenster huschte ein blauer Schatten vorbei und innerhalb des Bruchteils einer Sekunde, berührte er die Erde  und explodierte ohrenbetäubend.

                                                           24.

Es wurde immer wärmer. Der Schnee taute langsam, die Schneehaufen lösten sich auf, verwandelten sich in Bäche und flossen entlang der langen Straßen, zwischen den Füßen der Fußgänger und der Autoreifen. An einem solcher Tage versteckte sich die Sonne hinter von den Bergen angeschwommenen, schwarzen Wolken und die Menschen versteckten sich in ihren Häusern, die kurzfristige Rückkehr des Winters erwartend, doch der Himmel leuchtete auf und platzte, explodierte in Teile, und diese Teile verwandelten sich in Wasser und ließen sich nieder auf die Stadt als Platzregen, alles hinter sich weg spülend. Die Wände der Häuser wurden mit schwarzer, schmutziger Farbe bedeckt, die grau-gelben Haufen wurden schwammig, fast wie gigantische Ameisenhaufen. Die Wassergräben füllten sich und hoben den Müll des Winters auf die Oberfläche. Von den Autos löste sich die Dreckschicht, Fetzen für Fetzen. Das Wasser drang in jede Ritze, klopfte an die Fenster und Türen, rief die Menschen, nach draußen zu gehen, Aber die Türen waren fest verschlossen, die Fenster dicht isoliert. Und die wenigen Menschen, die draußen vom Regen überrascht wurden, liefen schon zu ihren Häusern, Büros, Autos, hinterließen bunte Pfützen, weil der Regen sie von ihrer Hülle befreite. Der Regen raschelte noch, versuchte den in die Stadt strömenden Ruß zu vertreiben, wurde jedoch müde, gab auf, rieselte und hörte ganz auf. Die Wolken hingen wie immer über Almaty, aber das Wasser floss nicht mehr vom Himmel. Ein plötzlicher Windstoß lief über die Leitungen, schüttelte von ihnen die letzten Tropfen ab. Und dann hörte alles auf. Der Frühling kam.

Il’ja Odegov ist Autor, Literaturübersetzer und Lehrer für Kreatives Schreiben. Er ist der Autor von vier Romanen. Außerdem ist er Preisträger der Literaturpreise „Russischer Literaturpreis“ (2013) und „Zeitgenössischer kasachstanischer Roman“ (2003) und Diplomand des IX Internationalen Vološinsker Wettbewerbes (2011). Er ist ständiger Autor der Zeitschriften „Novyj mir“ und „Družba narodov“. Seine Geschichten und Erzählungen wurden in Literaturzeitschriften und Sammelbändern Kasachstans, Russlands, der USA und Europas publiziert und ins Englische, Deutsche, Polnische und in andere Sprachen übersetzt. Er ist der Gründer der Online-Schule für Kreatives Schreiben „Litpraktikum“. Odegov lebt in Almaty.

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