Olga Kuz’mina: Am Rande der Erinnerung

Gedichte.

Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/45/poetry/olga-kuzmina/na-krayu-pamyati/725

Ein Garten-

ein angebrochener Zweig

im alten Blumenübertopf

Ein toter Spatz

auf dem Pfad zum Haus.

Ich hob ihn auf, beerdigte ihn.

Ich werde es überleben.

Überweinen.

 ***

Einfach mal hier stehen.

Stehen.

Aufsaugen die Gerüche der Züge,

der Abschiede, der Piroggen

in den Straßencafés, das Leben aufsaugen.

Einfach mich an dich erinnern,

Flammen, in der Hälfte des warmen Sommers.

Warte auf mich am Rande der Erinnerung.

Signatur: des Sommers.

 ***

Im Rachen der Tasche,

auf dem Grund,

in einer Papierschachtel-

eine kleine herzliche Anhänglichkeit,

eine schwache,

eine zweiwöchige.

Taschenphrasen-

für alle Fälle.

Der Schrei einer Möwe,

die Sirene eines Schiffes,

ein Foto – Aushängeschilder mit ять-Buchstaben,

Spuren des Verrates. 

***

I.

Von der Zärtlichkeit angeschlagen,

versteckt unter der Ferse Gottes-

gerettet und vergeben

die Liebe beschwörend.

Mein Glück.

Meine dursichtige Zärtlichkeit-

Fließwasser.

Die Geschichte beginnt bei den vielen Punkten.

II.

…ich stehe auf dem Bahnsteig

Und höre dem Chor deiner Flügel zu,

die den Frühlingsschnee aufstäuben,

die in die Rettung bergen

deine Gedanken – deine Strophen,

die grünen Augen, die das Lachen weinen.

Das Schweben der zerzausten Federn

wechselt sich ab mit der Musik von Treppenhäusern.

III.

Eine zufällige Verkäuferin

verinnerlicht uns

mit einem geübten Auge

und raucht eine, aufatmend über das Eigene.

Neigt den Kopf zum Himmel-

mit dem kribbelnden Auge.

Sie will so sehr…

Wie sehr will sie bloß –

im weißen Kleidchen

auf dem Bahnhofsplatz – 

sich verwirklichen,

wieder richtig leben,

emporfliegen –

es gibt keinen Anfang und kein Ende…

IV.

Das war

und wird sich wiederholen –

dort gibt es keinen Anfang und kein Ende.

Auf einmal kommt es mir vor,

dass ich etwas älter geworden bin,

und du stärker als ich

um ein ganzes Leben.

Doch auch das –

Verzeihe ich dir.

***

Auf der Handfläche – an der Lebenslinie entlang –

kleine Höcker, Gruben.

                                      Seltener – Hügel.

solch kleine Tannen.

Und ich bin zwischen ihnen – groß.

Und ich – blicke um sie herum…

Das war und war nicht –

wer wird es später verstehen,

wenn ich mich unter sie lege?

***

Wenn in deinem Haus

Dinge aus

Einer anderen Realität aufzutauchen beginnen,

Schaue hinter den Horizont

Bist du auch wirklich in deinem eigenen Haus?

***

Auf dem Springbrunnenplatz eine Attraktion

durchdacht von einem außerirdischen Verstand.

Solch eine Maschine, die reine Energie einsammelt

Bei den gutgläubig-jungen Bürgern,

die sprunghaft in die fünfte Dimension schreiten,

um zu Göttern zu werden.

Und nachdem die Jahre vergehen –

wirst du Finsternis überwinden

auf dem stillen unerforschten Planeten

und genau solche Attraktionen errichten.

***

Hier dröhnt sogar der Wind,

in den Grund und Boden der Steinplatten

kriechend, durch die Finger sich windend.

Die Straßen beschweren sich über die Wanderer,

die Hotels – über die Gäste,

denn Stein dämpft die Schritte nicht ab.

Nur lüge nicht, dass deine Stiefel

das Ufer des Flusses nicht verletzen.

Du fließt ja sowieso wie ein Starkregen

oder eine reflexive Bewegung

in die Mengen der Menschen auf den Straßen.

Du versuchst dich nicht zu beugen.

um nicht aufzufallen,

gesegnet zu sein oder verstümmelt,

zertrennt auf sieben Straßen

von diesem Riesen Stadt.

***

Egal welche Texte

die auf deinen Nachnamen referieren

plane ich nie im Leben zu publizieren.

Doch das Leben hat anders entschieden.

Sie ist – mein Verleger.

 Olga Kuz’mina – ist Poetin, Künstlerin und Theaterschauspielerin. Sie studiert am Kulturinstitut in Samara „Regie des Laientheaters“ Sie ist Preisträgerin des Preises des Penser Gebietes, der im Bereich Kultur vergeben wird. Sie ist auch Teilnehmerin des XXII Forums der jungen Schriftsteller Russlands, der GUS-Staaten und des Auslandes. Kuz’mina ist Autorin des Gedichtbandes „Ohne Zucker“ („Без сахара“) und des Solotheaterstückes „Die Biomechanik der Seele“ („Биомеханика души“). Sie lebt und arbeitet in Pensa.

Polina Žerebcova: Der Weg in den Himmel. Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/27/prose/polina-zherebcova/put-v-podnebese/277

Polina Žerebcova: „Der Weg in den Himmel“

                                                                          Eine Erzählung

(aus dem Buch „Dünner, silberner Faden“)

Das Paradies befindet sich unter den Füßen unserer Mütter

                                                                       Hadith

Der Wolf war außerordentlich grau, mit einem silbernen Schimmer auf dem Fell. Sein Blick war streng und wild, und in seinem Maul, am Gebiss, versteckte sich ein Lächeln – ein Buddha, der die Padmasana durch einen unendlichen Lauf ausgetauscht hat. Er verzichtete auf unsere Vorurteile und Beschränkungen, lief durch die Kluft zum am Horizont eingefrorenen Regenbogen, um, nachdem er diesen übersprungen hatte, zu beweisen, wie wahrlich mächtig er war.

Der erste Wolf der Welt, der den Regenbogen überquert hat! Alle Berg- und Waldbewohner, die davon erfuhren, neigten ihre Köpfe vor ihm.

Miša lachte. Wie ein Meister freute er sich über seinen auf dem Papier so gut gelungenen Helden.

Die Mutter war den ganzen Tag nicht zu Hause – sie ging zum Markt um mit Arzneien und Kräutern zu handeln, um abends mit Essen nach Hause zurückzukehren. Oftmals lagen in ihrer Leinentasche nur Zwiebeln und Kartoffeln.

Die Kartoffeln bereiteten sie in einem alten elektronischen Samowar zu – der Gasofen hatte vor kurzem seinen Geist aufgegeben.

Der Junge saß eingesperrt zuhause, zur hellen Tageszeit, und wartete nur auf das Eine – wann die Mutter zu ihm lebendig und unversehrt zurückkommen würde.

Nach dem ersten Krieg, der im Winter des Jahres 1995 stattgefunden hatte, hatte Miša sehr große Angst nicht nur vor der unaufhörlichen Schießerei auf den Straßen, sondern auch vor den Neujahrsböllern und vor den jetzt so ungefährlich scheinenden Flugzeugen.

Zur Nacht hin saß die Mutter, trotz ihrer Müdigkeit, neben dem Jungen, streichelte sein Haar oder rieb ihn mit der Hand hinter seinem Ohr und flüsterte:

„Mit deinen sieben Jahren malst du wie ein Erwachsener, Miša! Du musst dich weiterentwickeln. Schade, dass wir so arm sind wie Kirchenmäuse und diese verdammte Stadt nicht verlassen können.“

Doch Miša liebte seine Stadt, die im Umkreis der Berge lag. Hier lebten unterschiedliche Menschen: gute und schlechte, und die Stadt war die eine – für alle. Der Junge wollte sie nicht verlassen.

Und jeden Abend konnte er seine Mutter in einem neuen Licht, als ein neues Bild sehen.

Alleine zu Hause war ihm langweilig, und besonders trist wurde es, wenn er genau hinschaute und die leeren Regale sah und sich dann daran erinnerte, wie die Mutter das Tischeisen und das Geschirr herausnahm, aufatme und sagte:

„Perestrojka! Kein Essen, keine Arbeit!“

Dann brachte sie all die schönen Sachen zum Markt und verkaufte irgendetwas davon für wenig Geld oder tauschte irgendetwas einfach gegen Brot aus.

Das allerschlimmste für Miša war es, das Zimmer der Mutter zu betreten. Dort stand auf ihrem Tisch eine Fotografie in einem schwarzen Rahmen, auf der durch einen unbekannten Fotografen sein Vater und Großvater dargestellt waren. Es war seltsam, doch wenn Miša das Foto betrachtete, hatte er die Vorahnung, dass er sie bald treffen würde.

Der Junge erzählte der Mutter davon, doch die Mutter sagte, es lohne sich nicht so zu denken, und von da an hatte er sogar Angst, das Foto anzuschauen. Und zwar weil er dachte, dass der Vater ihm ständig zuzwinkerte und der Großvater ihn aufmerksam anschaute.

Die Angst kam immer unerwartet. Wie auch heute, einer Vogelspinne gleich, kroch er aus der Ecke des Schrankes und begann geschäftig seine raffinierten Muster zu spinnen.

Miša hatte schreckliche Angst vor Spinnen und nun schien es ihm, dass es schlimm um ihn stand – da sich die Angst sich genau in jenes Wesen verwandelt hatte.

Der Junge war nicht in der Lage zu Mittag zu essen, obwohl seine Mutter ihm Nudeln mit Käse dagelassen hatte – sein Lieblingsessen.

Seine Zeichnung mit dem Wolf lenkte ihn ab, doch zum Abend hin, als die Sonne sich gerade gen Untergang neigte, rauschte die Angst Spinne mit seinen haarigen Beinen.

Miša näherte sich dem Fenster und öffnete es. Man konnte die Leninstraße aus dem vierten Stock wie die eigene Handfläche sehen. Nun, hier waren die Beete und der Springbrunnen und etwas weiter auf dem Sockel stand früher der Großvater Lenin.

„Wer ist das?“, fragte Miša eines Tages seine Mutter Tanja.

„Ich weiß es nicht“, antwortete diese. „Manche Leute glauben, dass er einst ein großer Denker war, und andere behaupten, dass er mit seinen Büchern und Ausrufen Tausende von Menschen getötet hat …, dass er ein Besessener war und ein deutscher Spion.“

„Wahrscheinlich“, dachte Miša, „war er wirklich groß, dieser Großvater Spion, wenn er fähig war, Bücher zu schreiben und damit so viel anzurichten. Deswegen hatte man ihn auch irgendwann auf den Sockel gestellt, damit alle Spione und Mörder wussten – ihre Sache lebt.“

Miša liebte, wie fast jedes Kind der Epoche der Perestrojka, Erzählungen über den Zaren Nikolaj und seine Kinder, aber vor dem Großvater Lenin hatte er Angst. Während Miša sich seinen Gedanken hingab, klopfte es an die Tür. Das Klopfen war nicht freundlich. „Man hämmert mit den Füßen“, erriet Miša.

Die Mutter brachte es ihm bei: man öffnet Fremden nie die Tür. Und er und die Mutter hatten keinen, der ihnen nahe war. So hat es sich gefügt.

Miša bewegte sich nicht von der Stelle, doch dann hörte man böse Stimmen hinter der Tür, die an das Knurren eines Hundes erinnerten. Er hatte den Eindruck als ob man ihm auf die Handflächen mit Nadeln stechen würde.

Vielleicht wird sich alles von alleine regeln? Früher kam so etwas doch auch mal vor: es kamen Jugendliche und während die Mutter nicht zu Hause war, klopften sie bedrohlich an die Tür und schrien Beleidigungen:

„Weg mit den Russen aus Tschetschenien!“

„Russen sind Schweine!“

„Wir töten dich!“

Genau in solchen Fällen öffnete Miša die Tür, nahm ein Gewehr (dies war eine immer zuverlässige, großkalibrige Maschine, die sein Großvater, der mutig gegen die Faschisten in jenem weiten Krieg kämpfte, besessen hatte) und begann zu schießen; die tosenden Wände des heimischen Treppenhauses liefen blutrot an und schmolzen, und von den Feinden blieb keine Spur mehr.

Doch leider war das alles nur ein Teil von Mišas Einbildungskraft, sowie sein zum Regenbogen laufender Wolf – man kann ihn bitten so oft man möchte, er wird dich nicht mitnehmen.

Als die Schreie nicht verstummten und es unmöglich wurde, ihnen zuzuhören, ging Miša ins Badezimmer: dort stand ein Becken mit Wasser – für den Fall, falls man das Wasser abstellt, – und eine alte, eiserne Schöpfkelle. Mit dieser konnte man das Wasser schöpfen, zurück in das Becken gießen und zuhören, wie das Wasser rauscht. Das war beruhigend. Sonst musste er zittern und ihm wurde heiß.

Nach ein paar Stunden dieser Qual kam die Erleichterung – die Stimme der Mutter Tanja, die vom Markt zurückkehrte:

„Haut ab ihr Teufel! Was schreit ihr so? Tschetschenien ist unsere Heimat. Wir wurden, wie auch ihr, hier geboren!“

Und die Nachbarskinder liefen fort.

Zu Beginn machte Miša selbst die Tür dem Gesindel vom Hof auf und versuchte zu sagen:

„Lasst uns in Freundschaft leben!“

Doch er wurde nur verprügelt und man nahm ihm die Uhr ab, die sein Vater ihm vor seinem Tod geschenkt hatte.

Das Klopfen hörte nicht auf. Dazu kamen unangenehme, donnernde Geräusche – so als ob jemand gegen das Schloss hauen würde.

„Weißt du“, sagte ihm die Mutter eines Tages, „wir können nicht von hier fort gehen, es gibt niemanden, zu dem wir gehen könne, wir haben keine Verwandten. Und radikale Moslems töten manchmal Christen. So war es schon. Man schneidet sie quartalweise aus.“

„Was machen die?“, Miša verstand nicht.

„Man schneidet ihnen den Kopf ab!“

Seitdem stand der größte Schrecken in Verbindung mit einem abgeschnittenen Kopf. Doch in jenen Träumen, in denen Miša schrie und weinte, köpfte man nicht ihn, sondern den Großvater Lenin und einen Weiteren, Bärtigen, der einem nichtrussischen Menschen ähnelte. Im Traum war Lenin nicht so stattlich wie auf dem Podest, sondern lebendig und dürr und er flehte darum, ihm nicht den Kopf abzuschneiden:

„Verschont mich, ich habe doch gelehrsame Bücher geschrieben! Die Kinder lieben mich.“

Doch niemand hörte ihm zu.

Manchmal lachte er auch läppisch und sagte:

„Ihr Deppen! Was bin ich denn für ein Christ?! Ihr Lümmel!!

Er zeigte auf den Bärtigen und fügte hinzu:

„Dieser hat ja das Priesterseminar besucht…“

Der Bärtige dagegen, bettelte und schrie nicht. Er runzelte bloß die Stirn, nahm eine Pfeife aus der Tasche und stopfte diese mit Tabak. Man hat ihm wohl vor dem Tod erlaubt, zu rauchen.

Dabei entwich von den zum Tode Verurteilten ein seltsames Licht, so als ob ein roter Sonnenaufgang die Figuren durchdringen würde. Diejenigen, die sie hinrichteten, waren Abreken mit langen, schiefen Säbeln, in weißen Burnusen. Nun konnte Miša vor Angst zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden: die Tür wurde von den Schlägen kaputtgeschlagen.

Er sah die Mutter hinter dem Fenster: sie ging die Straße entlang und trug eine schwere Tasche, in der ein Knäuel Frühlingszwiebeln und ein Brot zu sehen waren.

„MAMA! MAMA! Man schlägt unsere Tür kaputt. Ich habe Angst!“, schrie Miša so laut er konnte. „Mamalein! Hilfe! Hilfe!“

Die Frau hob den Kopf nach oben, sah das erschrockene Gesicht des Sohnes, warf die Tasche hin und lief zum Treppenhaus.

Miša machte eine unvorsichtige Bewegung und warf die Staffelei, die Stifte und Farben um. Und auf die Zeichnung, auf der der Wolf so sehr in Richtung des Regenbogens strebte, fiel das alte Tintenfass des Großvaters und man verstand sofort, dass es am Horizont keinen Regenbogen gibt, sondern nur eine schwere, bleierne Wolke aus einem abstrusen und bösen Königreich.

Unbekannte Leute, die gegenseitig zornige Worte austauschten, betraten die Wohnung, und Miša schaffte es gerade so sich hinter der Tür des Zimmers seiner Mutter zu verstecken.

Die Unbekannten waren vier an der Zahl, Miša erkannte in den Händen von Zweien Gewehre – Maschinenpistolen.

Die erwachsenen Kerle schauten geschäftig auf die Möbel und Teppiche, und einer von ihnen sagte auf Russisch:

„Eine schöne Wohnung! Drei Zimmer! Die würde genau für Iljas in Frage kommen!“

„Es gibt hier keine Menschen…“, sagte nachdenklich der Mann mit dem Bart, der einem Zauberer aus einem Märchen ähnelte.

In diesem Augenblick hielt es Miša nicht länger aus und schluchzte.

„Hier ist ein Junge!“ Ein sehr junger Kerl von ca. siebzehn Jahren entdeckte Miša. „Soll ich ihn niederschießen?“

„Um mich zu erschießen braucht man eine Erlaubnis“, dachte Miša plötzlich als er in die Augen des jungen Mannes blickte. Jetzt hatte er mehr Angst um die Mutter als um sich selbst. Und er blickte über die Schulter des Menschen, der neben ihm in der Hocke saß, durch den Türrahmen.

Derjenige, den Miša für sich als Zauberer bezeichnete, näherte sich dem Tischchen, das neben dem Bett der Mutter stand, und als er dort eine Ikone entdeckte, warf er diese auf den Boden.

„Ich werde ihn Ahmed als Sklaven übergeben. Soll er Schafe hüten. Allah wird uns für unsere Gutherzigkeit belohnen. Und wenn Erwachsene auftauchen – sollen sie sterben. Du wirst doch Schafe hüten?“ Er näherte sich Miša und schmunzelte.

„Warum haben Sie die Ikone umgeschmissen?“, fragte Miša. „Das gehört sich nicht. Sind Sie ein Zauberer?“

„Ey, du Welpe“, die Ohrfeige ließ Miša in die Wirklichkeit zurückkehren und sein halbes Gesicht wurde taub. Er fiel kopfüber in die Diele und stieß mit dem Kopf gegen eine Ecke im Flur.

„Miša! Miša!“ Tatjana erreichte die vierte Etage und betrat die Wohnung.

„Mamalein!“ Miša versuchte aufzustehen. Doch der Jüngling packte ihn am Rand des Hemdes und warf ihn zurück auf die Farben und Pinsel.

Es erklang eine Reihe von Schüssen. Ta ta ta ta. Die Ohren wurden taub. Tatjana blieb stehen und schluckte dabei Luft. Auf der weißen Bluse tauchten rote Flecken auf.

„Mišen’ka…Söhnchen…“, murmelte sie, doch der Todesengel hatte bereits die Oberhand über sie gewonnen.

Miša begann fürchterlich zu schreien und zu wimmeln – und schon wieder erblickte er den Wolf auf seiner Zeichnung, direkt vor seinem Gesicht.

In diesem Augenblick schien es dem Jungen, als ob der Wolf echt sei und ebenfalls wimmelte. Er wimmelt, weil man ihn betrogen hatte, und dort wo er hin gelang, gab es nichts außer einen schwarzen Fleck, in dessen Inneren es darum ging, zu töten oder getötet zu werden – eine gewöhnliche Sache.

Und er wimmelte wegen der Erinnerung, dass alles bereits stattgefunden hat und er läuft unendlich weit durch die Welten des Todes, die wie Papierseiten in Mišas Malbuch, ganz nah nebeneinander liegen, und die Seiten gehen zu Ende und der Wolf weiß dann alles über Miša.

Die Augen der Mutter sahen nicht mehr, obwohl sie geöffnet waren, der Junge verstand klar, obwohl er nicht wusste warum.

Miša schrie und weinte, bis man gegen seinen Kopf mit etwas Schwerem schlug. Und durch den Hall in den Ohren erklang wie aus einer dunklen Höhe ein Befehl:

„Wickelt den Körper in eine Plane und werft ihn in die Grube hinter der Stadt. Und den Welpen bringe ich zu Ahmed.“

Die weiteren Ereignisse verzerrten sich wie ein Spiegelbild in einem schiefen Spiegel. Miša erinnerte sich nur ganz dunkel, wer ihn die Treppe entlang zerrte und wie. Er bemerkte noch den Kübel mit der Pflanze im Vorbeifliegen zwischen der zweiten und der dritten Etage und die Nachbarin Rosa, die dicke Mutter von sieben Kindern. Sie sprach irgendetwas laut aus, doch der Mensch, der Miša nach unten zerrte, schrie sie zornig an und sie versteckte sich hinter der Tür ihrer Wohnung.

Die Zeit schien mit ihnen zu spielen: mal wurde sie langsam, mal zog sie sich in die Länge wie schwarzer Honig, oder es erreichte im Gegensatz eine übernatürliche Schnelligkeit.

„Los! Beweg dich!“ Miša wurde in einen Wagen geschubst, der auf einer staubigen Straße von Grozny stand.

Sein Kopf drehte sich und er ordnete sich sofort unter. Während er in das Innere des Wagens geschubst wurde, fiel ihm auf, dass in der Tiefe des Wagens ein Mädchen saß, das seinen Kopf an die Knie presste.

Die Tür schloss sich mit einem quietschenden, scheußlichen Geräusch.

„So transportiert man normalerweise Vieh“, blitzte es in Mišas Bewusstsein auf. „Von hier kommt man nicht mehr weg.“

Miša machte einige Schritte über die Bretter, die im Wagen lagen und fiel auf diese.

„Komm mir nicht zu nahe! Ich werde dich töten!“, flüsterte das Mädchen. „Ich werde alle töten. Ich bin mutig.“

Dann fing sie bitterlich an zu weinen.

Und weil das Mädchen weinte, kam Miša, der mit einem leeren Blick in den Raum schaute, langsam zu sich. Er bemerkte, dass es im Auto nicht so dunkel war, wie es zu Beginn schien: durch die engen Öffnungen des Laderaumes drangen dünne Lichtstrahlen der noch nicht untergegangenen Sonne hindurch.

„Hat man deine Mutter getötet?“, fragte er in einem Flüsterton.

„Meine Mutter?“, das Mädchen hörte für einen Augenblick auf zu weinen.

„Nein, ich wohne mit Großmutter Maša. Ich war auf dem Nachhauseweg von der Schule, und die Banditen schubsten mich hier rein. Ich sitze auf meinem Ranzen. Darin liegt mein Schulbuch!“

„Du gehst zur Schule?“

„Ja, und du?“

„Nein!“

„Du Taugenichts!“ Das Mädchen hörte auf zu weinen und Miša spürte, dass sie sogar lächelte. „Ich bin schon elf Jahre alt!“, sagte sie stolz. „Ich gehe in die fünfte Klasse.“

„Man hat eben meine Mutter getötet…“

„Wie?“

„Sie haben geschossen und sie fiel hin…auf den Boden.“

Der Motor brummte und der Wagen begann sich zu bewegen. Als der Wagen durch eine Grube fuhr, wurden die Kinder durchgeschüttelt. Miša kroch auf allen Vieren zu dem Mädchen.

„Darf ich hier sitzen?“

„Darfst du.“

„Ich heiße Miša.“

„Und ich Vera.“ Sie streichelte ihm vorsichtig über die Haare. „Mach dir keine Sorgen wegen deiner Mutter. Meine Oma sagt, dass die Seele eines Menschen niemals stirbt. Deine Mutter ist nun bei Gott. Er wird ihr nicht weh tun.“

„Weißt du denn, wer Gott in Wirklichkeit ist?“

„Nein.“

„Ich auch nicht. Ich möchte nicht, dass er ihr weh tut!“

Zum ersten Mal kullerten aus Mišas Augen echte Tränen, er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und weinte.

Das Mädchen schwieg, weil es nicht wusste, was es sagen und wie es den kleinen Jungen beruhigen sollte.

Das Auto fuhr langsam durch die Stadt und ließ die bekannten Straßen hinter sich, bis es einen Wüstenweg erreichte, der in die Berge führte. Dort kam es in Fahrt.

* * *

Zu diesem Zeitpunkt machte sich die Großmutter Maša Sorgen, weil Vera nicht nach Hause kam, sie begab sich in die Schule, die in einem gemütlichen, grünen Park lag, drei Quartale von ihrem Haus entfernt. Sie erinnerte sich an diese Schule und liebte sie bereits seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts: sie ging selber auf diese Schule, hatte ihre beiden Kinder dorthin geschickt sowie ihre einzige, geliebte Enkeltochter.

Die Großmutter Maša hieß in Wirklichkeit Morozova Marija Semenovna, und abgesehen von ihrem betagten Alter, war sie eine sehr gute Ärztin und rettete Menschenleben in einem der wichtigsten Krankenhäuser der Stadt Grozny.

Marija bewertete nicht die Bürger der Stadt nach ihrer Religion, Nationalität oder der politischen Einstellung.

„Jeder braucht medizinische Hilfe!“, sagte sie sich gewöhnlich und ging zur Arbeit.

Viele Bewohner der Stadt liebten und respektierten sie.

„Haben Sie meine Enkeltochter gesehen?“, fragte die Großmutter Maša jeden, der an der Schule vorbeiging.

„Nein, wir haben sie nicht gesehen“, erklang es als Antwort.

„Sie ist schon lange her weg gegangen“, sagte ein tschetschenisches Mädchen mit zwei Zöpfen auf dem Kopf. „Schon nach dem Literaturunterricht. Sie sagte, ihr sei schlecht, sie habe Bauchschmerzen. Und dann ging sie.“

Großmutter Maša holte mit zitternden Händen eine Validol aus ihrer Jackentasche und legte sie sich unter die Zunge. Sie schaute in den Himmel und sagte:

„Gott! Meine Tochter und ihr Mann starben bei einem Flugzeugabsturz. Der einzige Trost – meine Enkelin. Sei gnädig! Bewahre sie! Wenn ihr jemand mit böser Absicht begegnet ist, möge sie ihn meiden. Ich bitte dich inständig. Gott!“

„Was tragen Sie hier vor?“, fragte eine vorbeigehende Frau mit einer fettigen Schürze. „Sie sind hier nicht in der russischen Kirche. Gehen Sie fort von hier!“

„Meine Enkeltochter ist verschwunden!“, antwortete Marija leise.

„Sachen gibt es, man hat sie wahrscheinlich gestohlen um sie zu verheiraten.“ Die Fremde lachte und zeigte ihre goldenen Zähne.

„Wie verheiraten?! Sie ist doch noch so klein!“

„Vielleicht hat sie sich jemand zur Nebenfrau geholt…!“

Die Fremde drehte sich nicht um und ging ihres Wegs. Die Großmutter Maša lehnte sich an den Schulzaun aus dem ersten Krieg.

„Lass es nicht zu lieber Gott!“, flüsterte sie nur mit ihren Lippen. Sie richtete ihr Kopftuch und bekreuzigte sich: „Bewahre sie und habe Mitleid!“

Und die Großmutter Maša stellte sich vor, dass sie sich mit der Enkeltochter ganz oben, in der höchsten Etage des Turmes von Babylon befand. Der Turm wackelte und war kurz vor dem Einstürzen. Und unten leuchtete rot von der Lava der Abgrund. Und es gab keinen anderen Ausweg, als in diesen Abgrund zu fallen und sich noch im freien Fall in ein sich wirbelndes Feuerknäuel zu verwandeln.

Und das Einzige, was notwendig war – die Seele vor dem Antlitz Gottes zu retten, wenn der letzte Augenblick kommt. Doch Marija konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Vera sterben muss und sie drückte sie an sich mit ihrer letzten Kraft.

Welches Ende der Traum nahm, daran konnte sich die Großmutter Maša nicht erinnern. Sie wusste nur, dass es keine Rettung gab und niemand zur Hilfe kommen würde.

Morgens spuckte Veras Großmutter gewöhnlich aus dem Fenster und spülte sogar ihren Traum in die Toilette. Dabei murmelte sie:

„Samson, Samson, nimm mir meinen Traum weg!“

Und jetzt wurde es klar: alles, was sie bei Sonnenaufgang gesehen hatte, stand in einem direkten Bezug zu dem was passierte.

„Man kann die Welt nicht verändern, sowie man sich nicht damit trösten kann, dass es tausende von alternativen Realitäten gibt. Wiederhallende Bruchteile der Phrasen erklangen im Kopf von Marija Semenovna, so als ob sich ein Mosaik aus all dem bilden würde, was sie in ihrem Leben gesehen und erfahren hatte.

Wahrscheinlich empfinden Menschen genau das vor ihrem Tod.

Marija Semenovna verstand, dass es schneller dunkel wurde als dass sich die Situation aufklärte und begab sich schnellen Schrittes zur Polizei, wo sie von zwei Aufsichtshabenden empfangen wurde. Ein Älterer und ein Jüngerer. Der Jüngere machte auf den ersten Blick den besseren Eindruck auf Veras Großmutter. Er war schüchtern, das bedeutete er war nicht gemein. Und nach dem Gesetz der Berge respektierte er alte Leute, egal welche Nationalität sie hatten. Als die alte Dame das Polizeipräsidium betrat und anfing zu weinen, rückte er einen braunen Stuhl mit schiefen Beinen zu ihr und gab ihr ein Glas Wasser.  

Marija lehnte das Wasser ab, nahm ihr Kopftuch heraus und begann zunächst vom Traum und dann von den darauffolgenden Ereignissen zu erzählen.

Der ältere Polizist schien bereits seit ihrer Ankunft gleichgültig zu sein und strahlte einen unverständlichen Hass aus, da er die Frau bei ihrer Erzählung unterbrach und sie anschnauzte:

„Wie ihr mich alle langsam auf die Nerven geht!“

Marija Semenovna, die fassungslos darüber war, schwieg zunächst, doch dann sammelte sie sich wieder und fuhr mit ihrer Erzählung fort:

„Sie ist doch alles was ich habe. Bitte findet sie, ich bitte Sie!“

Der Ältere reagierte folgendermaßen:

„Wenn es Ihnen in Tschetschenien nicht gefällt, dann haut doch ab von hier. Ihr Russen seid ganz frech geworden. Die Enkelin kehrte nicht von der Schule heim – da lauft ihr hierher, hat sie sich mit den Nachbarn gestritten, lauft ihr dorthin. Wir haben jedoch viele wichtige Dinge zu erledigen: Mordfälle, Diebstähle. Verstehen Sie? Kehrt man in Tschetschenien nach drei Tagen nicht nach Hause, soll man eine Anzeige schreiben.“

„Reden Sie nicht in diesem Ton mit mir!“ Marija wurde böse. „Meine Enkelin ist minderjährig…Sie ist noch ein Kind!“

„Das behaupten Sie. Vielleicht treibt sie sich irgendwo herum und trinkt Wodka?!“

Eine solche Frechheit hatte Marija Semenovna nicht erwartet, sie blickte verweint nach oben und bemerkte die Flasche Kognak auf dem Tisch des Chefs des Polizeipräsidiums.

Der junge Polizist fühlte sich unbehaglich auf Grund der Anwesenheit der traurigen, alten Frau und fragte seinen älteren Kollegen irgendetwas auf tschetschenisch. Doch dieser reagierte und antwortete ihm nicht.

Marija Semenovna stand auf und verließ das Büro. Sie verstand, dass es zwecklos war, auf die Hilfe der Machthaber zu hoffen.

„Das gibt es doch nicht“, erörterte sie vor sich selbst und irrte den leeren Weg entlang. „Man lebt so lange im eigenen Land, macht so vieles durch und plötzlich wird man absolut entrechtet und niemand braucht dich mehr…Zwei Quartale weiter tötete man eine russische Familie, man schnitt allen die Kehle durch. Ehemann, Ehefrau und zwei Kinder. Die andere Familie, im Haus gegenüber, hängte man auf. Dort lebten zwei einsame Alte. Es reicht nicht, dass man sie einfach aufhängte. Man häutete sie lebendig. Wie schrecklich sie sterben mussten! Man muss weglaufen! Weglaufen! Der Nachbar hatte doch eingewilligt, so scheint mir, unsere Einzimmerwohnung zu kaufen. Doch nun ist die Enkeltochter verschwunden…Und ohne sie gehe ich nirgendwohin. Ich werde hier sterben!“

Solche Gedanken begleiteten die traurige Marija Semenovna auf dem Nachhauseweg.

Sie betrat ihr Treppenhaus und fiel fast auf den Treppen hin – man schaltete das Licht häufiger aus, um Strom zu sparen. So etwas geschah ständig in Grozny, fast jeden dunklen Abend.

Marija Semenovna betrat das Haus, zündete einen Kerzenstumpf an, nahm eine Bibel in die Hände, öffnete diese und begann zu lesen…

Die Gedanken störten sie beim Lesen und ein Gedanke war schlimmer als der andere: und zwar, dass es kein Telefon gab, es niemanden gab, den man anrufen konnte, weder Freunde noch Bekannte, dass Vera noch nie von zuhause weggelaufen war, sie hatte auch keine Freundinnen…

Was tun?

Was tun?

Was tun?

Der gestreifte Kater Barsik kroch auf Großmutter Mašas Schoß, so als ob er ahnte, dass ein Unglück geschehen war, und versuchte sie zu beruhigen.

Nach einiger Zeit erlosch die Kerze und die Wohnung tauchte in Dunkelheit.

Durch die schweren, bordeauxfarbenen Vorhänge versuchten Lichtflecke des Mondes nach innen zu dringen und das gequälte Bewusstsein von Marija Semenovna wurde langsam vom Schlaf heimgesucht,

Auf der Allee, die bedeckt war vom Mondlicht, wuchsen außergewöhnliche Pflanzen, die großen Lotusblumen ähnelten. Die Pflanzen schaukelten und sangen, so ähnlich wie eine Mutter singt, die ihr Kind schaukelt.

Marija Semenovna verstand, dass es solche Pflanzen auf der Erde nicht gibt und fragte daher kaum hörbar:

„Wo bin ich bloß?“

Das Flüstern des Windes brachte ihr eine seltsame Botschaft:

„Auf dem Planeten Venus, im Tal der Kinder.“

Marija Semenovna war verwundert, da sie keine Kinder sah – um sie herum waren nur Blumen, aus denen Musik strömte.

„Die Blumen der Wiegenlieder“, flüsterte der Wind, „singen ihre Lieder.“

So schlafen die Seelen tiefer, so wird ihre Welt zauberhafter!

Und derjenige, der später auf der Erde geboren wird,

Wird den Tod, den Schmerz und das Böse vergessen…

Marija Semenovna neigte sich zu einer der Pflanzen und streichelte diese, so als würde sie ein Kätzchen oder einen Hund streicheln. Die Pflanze bewegte sich, murmelte etwas verschlafen und stimmte wieder mit dem Chor in das Wiegenlied ein.

Marija Semenovna gab nicht nach. Sie klopfte leicht mit der Hand auf die Pflanze. Da fauchte die Pflanze, öffnete ihre Blätter und in ihrem Inneren, genau mitten in ihrem Herzen, schlief, zu einem Knäuel zusammengefaltet, die Enkelin Vera.

Marija Semenovna nahm ihre Handflächen in ihre und schrie:

„Ich habe dich gefunden! Ich werde dich mit nach Hause nehmen!“

Doch Vera weinte:

„Nein, Großmutter! Man darf mich von hier nicht mitnehmen. Ich will hierbleiben!“

Das Herz stach Marija Semenovna, sie verstand, dass die Enkelin die Wahrheit sagte und legte sie zurück in die Pflanze.

„Doch wie willst du es schaffen, so ganz alleine?“

„Nein, Großmutter“, antwortete das winzige Mädchen. „Ich werde einen Freund bei mir haben. Hab keine Angst!“

In diesem Augenblick klapperten die anderen Pflanzen unzufrieden – so als ob kleine Gebisse mit ihren Zähnchen knirschten.

„Lauf, Großmutter! Lauf!“, flüsterte Vera und löste sich in der Luft auf.

„Du darfst nicht in dieser Stadt bleiben!“

Das Klappern wurde stärker und Marija Semenovna wachte wieder auf. Hinter den Fenstern auf den Straßen wurde geschossen.  

* * *

Während Miša und seine neue Bekannte sich im Laderaum des Wagens befanden und bei den Schlaglöchern Sprünge machten wie kleine Schafe, und die Großmutter Marija mal mit sich selbst, mal mit der Polizei sprach und dann dem Pfad der Träume folgte, fanden in der Wohnung, in der der Junge zusammen mit seiner Mutter gelebt hatte, einige Veränderungen statt.

Erstens beseitigte man die Leiche sofort. Tatjanas Körper wurde in eine Plane gewickelt, zu einem Auto gebracht, das unter einem Baum stand und vor den Augen eines gleichgültigen Publikums in den Kofferraum geladen.

Dann erteilte derjenige, den Miša unvorsichtig Zauberer genannt hatte, einige Befehle. Er rief den jüngsten seiner Helfer namens Adam zu sich und sagte:

„Du bist der Sohn meiner Schwester, deswegen gebe ich dir einen wichtigen Auftrag. Werfe den Körper in die Schlucht und wenn du zurückkehrst, begebe dich zu Ilijas und verkünde ihm die frohe Botschaft: wir haben für ihn ein Haus im Herzen Itschkeriens.

Adam nickte gehorsam, verabschiedete sich respektvoll und ging davon, Staubwirbel verursachend.

Zweitens brachte man dem Zauberer ein Funkgerät und er hörte sich aufmerksam irgendwelche Wünsche eines nicht sichtbaren Gesprächspartners an. Es sah so aus, als habe der Zauberer Angst vor dem Unsichtbaren, da er schmeichlerisch und laut in den Hörer antwortete:

„Ja, das werde ich machen. Ja, ich werde es erfüllen. Ja, erteile mir den Befehl.“

Er lenkte sich nur für einen Augenblick ab, als er bemerkte, dass man den Jungen in den Laderaum des Wagens drückte und hinter ihm die Autotür schloss.

„Äch, ich würde jedes russische Miststück umbringen!“, schoss es aus ihm heraus. „Doch wir müssen die Traditionen wahren…“

Über welche Traditionen er sprach, war unklar.

Als das Gespräch über das Funkgerät beendet war, näherte sich ihm einer der Helfer. Er führte eine Frau in einem langen Mantel und großen Kopftuch zu ihm.

„Bruder, im Haus ist Blut…“, sagte die Frau verwirrt. „Was ist geschehen?“

„Das waren Verräter, Schwester. Wir haben sie liquidiert.“

„Verräter?“

„Ja, Zarema, hier lebten Russen, die zu Kriegszeiten mit den Okkupanten kooperierten.“

„Ich verstehe“, die Frau senkte den Blick. „Allah rechnet schnell ab!“

„Man muss alles beseitigen und die nicht notwendigen Dinge wegwerfen.“

„Ich habe dich verstanden.“

Zarema betrat das Badezimmer. Sie nahm einen alten Eimer, der Tatjana gehört hatte, goss aus dem eisernen Becken etwas Wasser hinein und begann den Flur zu wischen. Aus dem Wasserhahn lief kein Wasser. Man hatte es abgestellt.

Der Zauberer und seine Helfer gingen zum Markt – eine Tür musste gekauft werden, denn kaputte Geschenke verschenkt man nicht. Dazu kam, dass Tatjanas Tür bereits alt war, genauso wie die Dinge, die Zarema geschäftig in einen Müllsack einsammelte.

Dorthin stopfte sie die Fotografien von verstorbenen Verwandten, die Zeichnungen Mišas, Ikonen mit den Bildnissen von Heiligen, die die Hausherren nicht vor dem Bösen bewahren konnten, und weiterer Kram, der im Zuge des Aufräumens dazu kam.

Nur über eines freute sich Zarema: ein wunderschöner, goldener Anhänger, der in der Schublade des Tisches lag. Er hatte die Form einer Weintraube und bewahrte die Erinnerung an Italien, an Sonne und Meer, an die Liebe, die sich in den kleinen, goldenen Trauben versteckte – das war das Symbol der Ergebenheit von Mišas Vater gegenüber seiner Tatjana.

Doch wenn Menschen in die andere Welt gehen, benötigen sie wohl kaum Gegenstände.

Die Lebenden brauchen Gegenstände.

Zarima behielt den Anhänger für sich selbst, sie dachte, dass die großherzige Familie von Ilijas nicht wegen einer solchen Kleinigkeit, wie einem goldenen Ding, leiden würde, denn das Haus ist nichts Wertvolles, das Haus ist die Behaglichkeit, die vom Menschen selbst erschaffen wird.

* * *

Die Zeit bewegt sich ruckweise die Wege entlang, doch führt sie beständig zum Ziel. So blieb auch der Wagen, mit dem die Kinder fuhren, manchmal in einem Bergdorf stehen und setzte dann seinen Weg durch die Nacht fort. Am Morgen wurde das Mädchen einer Alten übergeben, die kein Wort russisch verstand, und der Junge fand sich, wie versprochen, bei dem Hirten Ahmed wieder. Er lebte in einem weiß gestrichenen Lehmhaus, das am Rande eines Abhanges stand. Als er den Jungen erblickte, verzog er das Gesicht und fragte irgendetwas auf tschetschenisch. Die lange, astreiche Phrase ließ Miša nur verstehen, dass der Hirte wissen wollte, wer er war.

Der Helfer des Zauberers, der das Kind übergeben hatte, erzähle ausführlich irgendeine Geschichte, von der Miša die Worte „Allah“ und „russisch“ verstand. Und am Schluss fragte der Kerl den Alten:

„Nimmst du ihn bei dir auf?“

Der Alte nickte.

Der Kerl mit dem Maschinengewehr setzte sich in den Wagen und fuhr davon, Miša blieb.

„Folge mir, ich gebe dir Brot und Käse“, der Alte näherte sich dem Jungen und berührte ihn leicht mit seinem Stock, auf dem er lehnte, so als ob er überprüfen wollte, aus welchem Teig Miša gemacht war. Daraufhin sagte er: „Folge mir!“

Der Junge achtete nicht auf die russische Rede und blieb neben der Landstraße stehen, der Alte betrat das Haus.

Um ihn herum waren Berge. Miša hatte noch nie so große Berge gesehen. Die frische Bergluft verzauberte ihn: in ihr lagen die Aromen von Wiesen; und abgesehen von dem Krieg und die erlebte Angst, lächelte Miša zum ersten Mal.

Der Alte blickte wieder aus dem Haus heraus. Nun fiel dem Jungen auf, dass der Alte auf seinem Kopf eine Tjubetejka von grüner Farbe trug, solch eine, wie sie die gläubigen Moslems in Itschkerien tragen. Die samtene Tjubetejka nennt man im Volk „Peso“, sie wird von einem langen Pinsel aus seidenen Fäden geschmückt.

Der Alte war in einen braunen Pelz gekleidet, er trug eine warme Hose und Überschuhe aus Gummi. Er ging auf seinen Stock gelehnt, der fest und weiß und aus Holz geschnitzt war.

„Kannst du sprechen?“, fragte der Alte. „Oder bist du stumm?“

Miša nickte.

„Dann komm hierher!“

Miša schaute sich um und stellte fest, dass das Dorf sehr klein war und alle Häuser nebeneinander standen, nur das Haus des Alten befand sich abseits.

Er machte ein paar Schritte und fand sich im Inneren des Lehmhauses wieder.

Im Haus war alles aus Holz – der Tisch und die Hocker. Das Zimmer war sauber und gemütlich, auf dem Tisch stand ein Kelch mit Milch, darauf lagen auch ein in dicken Scheiben geschnittener, hausgemachter Käse und ein Fladenbrot.

„Wie ist dein Name?“, fragte der Alte.

Der Alte sah weder böse noch unfreundlich aus, er hatte einen dünnen, weißen Bart und tiefe, dunkle Augen. Er war stark und für seine Jahre unwahrscheinlich munter.

„Miša“, antwortete der Junge.

„Ein guter Name“, sagte der Alte. „Und ich heiße Ahmed!“

Er setzte sich an den Tisch und schwieg. Er schaute nur den fremden Jungen an und verstand nicht, was dieser hier, in einem tschetschenischen Dorf verloren hatte.

Miša griff nach einem Stück Fladenbrot, dieses schmeckte ihm so gut, dass er nicht bemerkte, wie er das ganze Brot und dazu ein Stückchen Käse aufgegessen hatte.

„Du musst Milch dazu trinken!“ Der Alte sprach diese Phrase aus während er einen blechernen Becher bis zum Rand mit Milch füllte. „Bald kommt Nuran, backt uns leckere Fladenbrote mit Frühlingszwiebeln und bringt uns salzigen Käse. Und nun gehen wir zur Schafherde, damit die Schafe nicht davonlaufen.

* * *

Vera hatte weniger Glück.  Der Kerl überließ sie einer Alten, die ohne ein Wort zu sagen, ihre Hand nahm und sie im Schuppen einschloss. Vera hätte von Innen an die Tür zu klopfen versucht, doch die Alte schrie sie so zornig vom Hof aus an, dass Vera Angst bekam, die Alte könnte sie schlagen.

Der Schuppen war voller alter Dinge, Vera fand einen beigen Eimer aus Emaille, drehte diesen um und setzte sich auf ihn. Ihr größter Wunsch war es einzuschlafen, weil sie die ganze Nacht mit dem kleinen Jungen gesprochen hatte, dessen Mutter die Banditen getötet hatten. Mal weinte der Junge, mal erzählte er von seinen Zeichnungen, die zu Hause geblieben waren. Vera machte sich Sorgen um ihr Schulbuch und die Schulhefte, doch zum Morgen hin wurde sie so müde, dass sie nicht einmal traurig wurde, als man es ihr verbot, diese mitzunehmen. Das Schulbuch und die Hefte blieben auf dem aus Holzbrettern gefertigten Boden des Autos, im Ranzen mit dem Bild von Mickey Maus.

Das Mädchen wollte trinken, doch es gab kein Wasser, und Vera begann zu träumen, dass es regnet, sie stellte sich vor, wie der Regen durch das morsche Dach durchdringt und ihr Gesicht wäscht. Sie schlief langsam ein, lehnte sich gegen die Wand und blieb einige Zeit in dieser Position. Auf ihrem Herzen lag eine Schwere und die Träume ähnelten flimmernden Bonbonpapieren.

In einem der Träume erklärte Vera der Großmutter Maša, dass sie geraubt wurde und dann, beim Aufwachen, sah das Mädchen, wie sie zur Schule ging und die Schule brannte von einer aus einem Flugzeug herunter gefallenen Bombe. Doch auch das war nur ein Traum.

„Verstehst du, ich habe in einem Buch gelesen“, berichtete Vera einem unsichtbaren Gesprächspartner, „dass das Schiff eines Tages eine Katastrophe erlitt. Die Matrosen blieben in einem engen, kleinen Boot ohne Essen und Wasser. Nach ein paar Tagen des Herumtreibens im Ozean starben sie vor Durst. Und dann sagte einer von ihnen:

„Kommt, wir stellen uns vor, dass im Umkreis des Bootes Trinkwasser ist.“ Zuerst lachte man ihn aus. Und dann beschloss man, dass sie sowieso sterben mussten…Die Matrosen ließen ihre Hände über den Rand des Bootes fallen und begannen zu denken, dass das Wasser um sie herum Trinkwasser sei. Als sie dieses mit den Handflächen schöpften, verstanden sie, dass man das Wasser trinken kann! Das Salzwasser um sie herum wurde zu Trinkwasser!

„Ich glaube, dass es so war“, erklärte ihr jemand, der sein Gesicht nicht zeigte.

„Wir sehen und fühlen immer nur das, was uns zugänglich ist.“

Das Mädchen wachte vom Hundegebell auf, der Hund war angekettet. Und als das Gebell aufhörte, fing der Hund an zu wimmeln: es schien, als habe sie jemand mit dem Fuß getreten oder mit einem Stock geschlagen.

„Muss ich hier noch lange sitzen?“, dachte Vera. Doch sie hatte Angst zu schreien – denn man könnte sie töten oder erschießen, wie die Nachbarin Tante Dusja, die man wegen ihrer Wohnung getötet hatte. Vor dem Krieg lebten alle freundschaftlich miteinander, waren sich nahe, und nun schien es, dass alle, die einen russischen Namen trugen, Feinde waren und man sie töten musste. Warum?

Den sie heimgesuchten Gedanken konnte Vera nicht zu Ende denken, da sich die alte Tür öffnete, in ihrer Schwelle standen zwei Frauen. Die Alte, die Vera bereits morgens gesehen hatte, sagte irgendetwas in der unbekannten Sprache. Die andere, die ein schwarzes Tuch, das den Kopf und die Brust bedeckte, trug, erklärte auf Russisch:

„Du wirst nun mit uns leben, so sagte man uns das. Trampel mir nach!“

„Wer sagte das?“, fragte Vera.

Die alte Frau brach in Lachen aus. Die junge Frau sagte nichts, sondern befahl dem Mädchen mit einer machthabenden Geste, ihr zu folgen. Das Mädchen bemerkte, dass irgendein Schatten aus dem Fenster des Hauses sie beobachtete.

* * *

„Alif, Ba, Ta, Sa, Džim, Ha, Hja, Dal‘, Zal‘…“, der Alte namens Ahmed spricht und beobachtet dabei, wie Miša die arabischen Buchstaben, die ihm diktiert werden, ins Heft schreibt.

Die Schafe weiden in der Nähe, sie fühlen sich auf den grünen Wiesen in Sicherheit, wo die Sonne mit ihren Strahlen viel saftiges Gras wachsen ließ. Miša gewöhnte sich an den Alten, wobei er zu Beginn Angst vor ihm hatte. Der Alte erwies sich als freundlich: der Alte gab ihm zu Essen, ließ in der Stadt neue Kleidung für ihn kaufen und abends brachte er ihm die arabische Sprache bei. Der Junge lernte innerhalb eines Monats einfache Wörter der arabischen Sprache und erntete Lob.

Der Alte stellte dem Jungen keine Fragen: warum er bei ihm zu Gast sei, wo seine Nächsten leben, – und Miša, der in der ersten Nacht beschloss, wegzulaufen, überlegte es sich anders. Es lag auch nicht daran, dass in seiner Wohnung nun Fremde lebten und die Mutter irgendwo vergraben wurde, es lag daran, dass der Alte ihm einfach gefiel, obwohl der Junge es nicht vor sich zugeben wollte.

Jeden Morgen vollzog der Alte das Namaz auf dem kleinen Teppich neben dem Bett, zählte lange die Perlen der Gebetskette und erinnerte sich an Allah, dann wärmte er das Essen auf und teilte es mit seinem kleinen Gast.

„Die Buchstaben ähneln Vögeln“, sagte Miša, „sie können fliegen! Manchmal atmen wir sie ein wie Luft, und dann leben sie weiter in unserem Herzen.“

„Du kannst gut reden und gut zeichnen“, antwortete darauf Ahmed.

„Nächstes Jahr müssen wir dich in die Schule schicken. Ich warte die ganze Zeit auf die Ankunft meines Sohnes.“

„Wie heißt ihr Sohn?“, fragte Miša.

„Iljas!“, antwortete der Alte. „Er ist selten in unseren Gefilden, er kämpft mit den Russen, er ist ein Krieger. Und mein anderer Sohn wurde letztes Jahr getötet, in Grozny, der Hauptstadt Itschkeriens.“

Miša schrieb fleißig die Buchstaben auf und versuchte die Erinnerung zu verscheuchen: morgens, im Traum, besuchte ihn die Mutter und wunderte sich, wie gut es ihm ging. Dann beschwerte sich Miša bei ihr, dass in seinem Mund ein Zahn wackelte und diesen auszureißen hatte er Angst.

„Das ähnelt jedoch nicht einem Buchstaben!“, sagte der alte Ahmed, als er in Mišas Heft blickte, das der Junge auf seinem Schoß liegen hatte.

Miša schaute genauer hin und erkannte, dass er einen echten Zahn anstelle des Buchstaben „Kaf“ gezeichnet hatte.

„Ich war in Gedanken versunken…“

„Das sieht man. Am Abend gehen wir zum großen See. Früher gingen die Menschen zu solchen Orten, sprachen an diesen im Flüsterton, zogen ihre Schuhe aus, wenn sie an diesen vorbeigingen, und nun schießen sie. Wenn es keinen Respekt gibt, wird es auch die Welt nicht geben“, beendete der Alte seinen Satz.

Miša dachte an das Haus, in das er nicht mehr zurückkehren konnte, nicht dorthin fliehen, dort, wo seine Spielsachen waren und sein Leben.

Was soll er sagen, wenn fremde Menschen ihn dort antreffen?

Die Wohnung, die einst Mišas Eltern gehört hatte, wurde nun von den einen Banditen den anderen Banditen geschenkt.

Es wurden Danksagungen ausgesprochen. Der Anstand wurde befolgt.

Die Säcke vom Müllhaufen wurden von den örtlichen Pennern weggetragen, der ein oder andere wird dieses oder jenes bekommen: der eine bekommt die alten Kleider und das Geschirr Tatjanas, der andere bekommt Mišas Spielsachen und Schuhe. Sie hatten keinen Nutzen mehr für den Ort, der vom Krieg eingenommen war.

Die Ruinen, die vergaßen, dass sie vor gar nicht so langer Zeit die Lebenden vor Kälte und Hitze beschützt hatten, verdrängten die Menschen, die noch in ihnen lebten, und in den Bezirken, wo der Wohnort noch erhalten geblieben war, wie die Höhlen in uralten Zeiten, fand ein Kampf statt zwischen starken und schwachen Personen.

Nur der Markt half beim Überleben. Auf dem Markt, einem riesigen Ameisenhaufen gleich, konnte man etwas finden, stehlen, wegnehmen, alles Mögliche weiterverkaufen. Bloß gab es keine Sklaven dort, was diesen Markt von altertümlichen Märkten des Planeten Erde unterschied, so bot man auch dort keine Gewehre öffentlich an.

Von den am Markt grenzenden Ruinen drangen Hilfeschreie durch – wahrscheinlich raubte jemand jemanden aus oder er missbrauchte ihn, doch keiner schenkte dem Geschehen Beachtung: aus Gewohnheit.

Als aus den Maschinengewehren geschossen wurde, versteckte sich die Menge unter den Holztischen, bei schweren Schüssen lief man los. Danach platzierten sich alle wieder an ihren Platz.

Veras Großmutter irrte durch die Reihen des Marktes und fand einige Münzen, die auf der Erde lagen, danach gaben ihr ein paar mitleidige Menschen eine Pirogge und boten ihr Wasser an.

Ein paar Mal wurde die ältere Dame von jemandem getreten. Dann, durch die Marktreihen, die man „Trödelmarkt“ nannte, irrend, fiel Marija Semenovna der Ranzen ihrer Enkeltochter auf!

Sie hätte diesen unter Tausenden erkannt, weil sie es selbst war, die den alten, abgenutzten Griff mit einer großen Nadel flickte!

„Wieviel kostet der Ranzen?“, fragte sie mit einer brüchigen Stimme und zeige auf den Ranzen.

„Was Sie mir geben“, antwortete irgendeine Frau. „Ich fand ihn neben der Straße, jemand hat ihn weggeworfen. Ich kann ihn gegen ein Laib Brot tauschen!“

Sofort machte der Hass dem Schmerz Platz, weil der Faden bereits riss, bevor er sich aus dem Garnknäuel lösen konnte. Marija Semenovna begann zu weinen.

„Ist etwa der Preis zu hoch?“, fragte die Verkäuferin, die allerlei Trödel verkaufte. „Ja, Sie können ihn haben, nur weinen Sie nicht!“

„Meine Enkeltochter ist weg. Verschwunden. Und das ist ihr Ranzen.“

„Oh“, die Frau fühlte wahrhaftig mit. „Natürlich, Sie können ihn haben. Ich weiß nur, dass er neben der Černiševskij Straße lag. Jemand hatte ihn aus einem vorbeifahrenden Auto herausgeschmissen.“

Eine weitere Frau namens Medina, handelte gemeinsam mit ihrem Sohn in der Nähe. Sie kannte Marija Semenovna bereits von früher, sie begegneten sich auf dem Markt. Sie lief zu ihr und umarmte sie. Dann sagte sie mit einer festen Stimme:

„Die Enkelin wird wieder auftauchen! Ich fühle mit meinem ganzen Herzen mit! Leiden Sie nicht!“

Die Großmutter Marija nahm den einzigen Gegenstand, der ihr wertvoll erschien und ging fort, vorbei an den Menschenstimmen und dem Markttrubel.

* * *

Als Zarema die handgemachte Halva zubereitete, süß und köstlich, so wie ihr es die Großtante beigebracht hatte, erinnerte sie sich immer an ihre Tochter Lejla. Und auch diesmal war die Frau mit dem goldenen Anhänger so in Gedanken vertieft, dass sie sich sogar die Hand mit der heißen Butter verbrannt hatte.

Lejla hatte mit Zarema nicht mehr gesprochen, seit sie mit sechzehn Jahren geheiratet hatte. Der Vater, vor dem sie immer Angst hatte, hatte die Hochzeit ganz allein vereinbart: die Familie konnte nicht widersprechen. Lejla zog in ein fremdes Dorf und man hatte sie ganz vergessen. Es war abgemacht, dass sie die Mutter nach einem halben Jahr wiedersehen durfte, doch die Mutter starb an einem Herzinfarkt und es gab niemanden mehr, zu dem man fahren konnte.

Der Vater hatte das ganze Leben lang getrunken und war in Schlägereien verwickelt, er ging der Mutter mit russischen Frauen fremd. Wie viele Tränen hatte die Mutter vergossen! Wie oft haben die Kinder die Spuren der Schläge an ihr gesehen!

Am häufigsten tauchte in Zaremas Erinnerung ein Fragment aus der Kindheit auf: der Vater beschloss im betrunkenen Zustand die Mutter mit der Säge zu attackieren. Er warf die Frau auf die Erde und streifte ihren Rücken mit der Handsäge. Die älteren Brüder, Lejla und die Kleinste, Zarema, zitterten vor Angst und weinten nur wehleidig, kraftlos, sich in das Geschehen einzumischen. Der Vater kam zu sich und tötete die Mutter nicht.

Dem Gesetz nach konnte sich niemand über den Vater beschweren, da die tschetschenischen Gesetze befehlen zu schweigen, wenn so etwas in einer Familie geschieht: die Nachbarn dürfen es nicht erfahren. Einem Verräter, der den Streit außerhalb des eigenen Hauses auslebt, wird niemand verzeihen.

„Wie geht es jetzt nur der Mutter, so alleine in ihrem Grab? Ich habe sie so geliebt! Sie hatte niemals Glück erfahren, war dem Missbrauch des Ehemannes ausgeliefert, wurde von ihm geschlagen!“, dachte Zarema.

Zarema ängstigte sich vor der alten Volksweisheit: dass wenn man einen Menschen beerdigt, dessen Traum und Hilferuf jener hören wird, der ihn mal geliebt hatte.

Nach den lokalen Traditionen dürfen nur Männer Tote beerdigen, doch Zarema war an jenem Tag auch anwesend, obwohl sie die Absperrung nicht überquert hatte. Damit eine Frau die Absperrung überqueren darf, bedarf es eines ganzen Rituals: man muss ein Gazetuch in neun Schichten übereinander legen und dieses unter die Stelle legen, woraus die Kinder geboren werden; und an jenem Tag hätte man den Friedhof auf keinen Fall besuchen dürfen, da Zarema einen Schmerz im Unterleib verspürte und die Tage erwartete, die eine jede gesunde Frau in ihrem Leben hat.

Die Halva war fertig. Zarema richtete sie akkurat auf einem Teller an, las ein Gebet, das die bösen Schaitane verscheuchen sollte und begab sich in die Gärten, um Wasser zu holen.

„Du bist heute so nachdenklich“, sagte die Nachbarin zu ihr. „Hat dein Ehemann mit dir geschimpft?“

„Nein“, winkte Zarema ab. „Ich habe einen guten Ehemann! Ruhm dem Allermächtigsten!“

Die neue Besitzerin des goldenen Anhängers machte sich umsonst Sorgen! Die Schwester empfand ihr gegenüber keinen Hass, sie wollte einfach keinen Kontakt haben. Um nicht gefunden zu werden, änderte sie ihren Namen und hieß nun Medina. Wohin soll eine Tschetschenin verschwinden, die mit ihren Nächsten nichts zu tun haben möchte? Jeder weiß alles über jeden in den kleinen Dörfern, deswegen zog sie nach Grozny, das die tschetschenischen Patrioten nun Džokhar nannten – zu Ehren des ersten Präsidenten, der im Krieg ums Leben kam.

Medina hielt sich von der Politik fern. Als sie jung war, wollte sie zur Schule gehen, doch man erlaubte es ihr nicht und zerstörte ihr Leben. Manch einer resigniert, hängt von dem Ehemann ab und von seiner Familie, von ihrem Zorn und ihrer Gnade, doch nicht Medina. Mit ihren schwarzen Augen heiratete sie ohne Liebe und zog ein Kopftuch an, um ihre Zöpfe zu verbergen. Und nach einem Jahr kam Timur zur Welt, das Licht ihrer Seele.

Medinas Ehemann, Said, erwies sich als guter Mensch, der eine sowjetische Erziehung genossen hatte, ein „Intellektueller“, so bezeichneten ihn spöttisch die Nachbarn, die aus den Bergdörfern hinzuzogen.

Er erlaubte es seinen Schwestern und der Mutter nicht, seine Braut zu schlagen, trat für sie ein. Er verhätschelte Timur wie er nur konnte. Medina schätze es und freute sich über den Beschützer.

Said starb zu Beginn des ersten Tschetschenienkrieges, als er russische Alte retten wollte, die von den Platten ihres eigenen Hauses erdrückt wurden, nach den Artilleriebeschüssen.

Nach dem Begräbnis verließen Medina und Timur die Familie des Ehemannes, verschwanden in der Stadt und handelten nun auf dem großen Markt, der sich an der Straße und den Nebengassen entlang zog, inmitten von zerstörten Häusern und Tramwegen…

Medina kaufte ihre Ware bei den Aserbaidschanern aus der Stadt Baku:

Scheren, Kämme, Stecknadeln. Sie erhöhte den Preis jedes Gegenstandes um ein oder zwei Rubel und konnte damit ein Mittagessen für sich und ihren Sohn finanzieren. Timur ging nicht zur Schule. Er verließ diese bereits in der fünften Klasse.

„Ich werde dir helfen, Mama“, sagte der Junge.

„Gut“, die Mutter war einverstanden. „Du bist nun der einzige Mann im Haus, alles liegt an dir!“

* * *

Die Tage fädeln sich, Perlen ähnelnd, auf den Faden ein und ergeben ein Collier. Ein solches wird jeder seinem Tod schenken. Die einen haben lange Colliers, wie Lianen sehen sie aus, man kann sie zwei oder drei Mal rollen, die anderen haben nur wenige Perlen, und die Menschen geben dem Tod verlegen ihre kleinen Perlenarmbänder, doch der Tod ist nicht wählerisch, denn seine Koffer sind voll mit solchen Schätzen.

Für Vera flogen die Tage schnell vorbei, und sie wartete darauf, dass die Großmutter kommt und sie abholt, doch es kam niemand. Man gab ihr ein langes Kleid und ein Kopftuch, beides musste sie anziehen, da man ihr die alten Sachen weggenommen und sie dann weggeschmissen hatte. Man siedelte sie in der weiblichen Hälfte an, zu der die Männer gar keinen Zugang hatten. Die alte Frau hieß Sada, und die junge – Kometa. Man sagte Vera, dass ihre Verpflichtung es sei das Essen zuzubereiten und darauf zu warten, was ihr irgendein Idris über ihr Schicksal sagt.

„Wer ist das?“, fragte Vera.

Doch sie bekam wieder keine Antwort.

„Wahrscheinlich derjenige, der den Auftrag gegeben hat, mich zu    rauben“, beschloss das Mädchen. Ein paar Mal, als sie die Kuh nicht richtig melkte, belohnte die Alte sie mit Schlägen, doch Kometa trat für sie ein: sie nahm Vera zu sich und versteckte sie.

„Wenn die Älteren irgendetwas sagen, senke deinen Blick und höre ihnen zu“, warnte sie Kometa vor. „Hebe nicht den Blick! Nur dann, wenn man es dir erlaubt. Wage ja nicht, bei ihnen zu sitzen! Steh sofort auf, wenn jemand das Zimmer betritt. Eine Frau muss gehorsam sein!“

„Ich möchte von hier fortgehen! Ich möchte in die Schule!“, gab Vera zur Antwort.

„Das solltest du vergessen!“, riet ihr Kometa. Ihr Kopf war von einem Hidšab aus schwarzem Stoff geschmückt und das Kleid, das im Auftrag, im Nachbardorf genäht wurde, war mit östlichen Mustern bedeckt.

Nach einiger Zeit bekam Vera auch einen Hidšab. Und sie zog diesen an. Es gab keine andere Wahl.

Vera lebte in dem Haus der alten Seda, dort lernte sie es, Žižig Galnaš zuzubereiten (Knödel mit Fleisch), außerdem salzige Fladenbrote, Plow und Halva. Das Mädchen liebte es zu kochen, doch sie vermisste ihre Großmutter sehr.

„Wenn ich ihr doch wenigstens ein paar von den Köstlichkeiten anbieten könnte!“, dachte das Mädchen oft und betrachtete das einfache, tschetschenische Haus mit den in seinem Inneren gestrichenen Wänden, an denen handgearbeitete, dagestanische Teppiche hingen.

* * *

Wer in diesem Leben Glück hat, und wer nicht – das hängt davon ab, was die Seele in ihren letzten Leben angestellt hat. Man kann nicht sagen, dass Marija Semenovna, Veras Großmutter, eine Buddhistin war: sie bewahrte zuhause Ikonen auf, doch sie dachte ganz so wie ein tibetischer Mönch, den die bittere Erfahrung gelehrt hatte.

Die Träume erzählten ihr, dass Vera lebte, und das war das Wichtigste. Indem sie ihre Vergangenheit in ihrem Gedächtnis sortierte und genau betrachtete, konnte sich die Großmutter Marija an jene Augenblicke erinnern, die für immer verloren zu sein schienen: hier geht Vera zum ersten Mal in die Krippe, hier nähte man für sie ein rotes Trägerkleid und der weiße Sonnenhut schützte die Augen vor der Sonne. Wenn man den Kopf etwas neigte und die Augen etwas zusammenkniff, konnte man sehen, wie der Großvater die geliebte Enkelin aus dem Entbindungsheim nach Hause brachte und dabei noch witzelte:

„Was ist das denn für ein kleiner Frosch?!“, dabei trank er einen kleinen Wodka vor Glück.

Hinter dem Fenster krachte es, und Marija Semenovna erwachte von den süßen Schwärmereien.

„Gehen Sie in den Keller?“, fragte Raisa, eine junge Krankenschwester, sie.

„Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod, ich bleibe hier sitzen“, beruhigte sie Marija. „Aber du, geh! Du sollst noch lange leben!“

Nachts brachte man ihr einen verletzen Tschetschenen und Marija Semenovna operierte ihn, dabei daran denkend, dass wenn vor ihr ein verletzter, russischer Soldat läge, sie genauso handeln würde.

„Wäre es ein Russe, dann würde ich ihn mit meinen eigenen Händen umbringen“, sagte ihre Assistentin Malika.

Und Marija verurteilte sie nicht. Im Krieg starben drei von Malikas Kindern: ein Flugzeug warf eine Bombe ab, deshalb hatte sie das Recht, alle Russen zu hassen.

„Die Menschen haben nun komplett ihre Scham und ihr Gewissen verloren“, sagte Marija, die die Wunden vernähte. „Sie lieben es, einander zu töten, Blut zu trinken, wie Vampire. Wir leben immer zu Zeiten des Krieges, nur wütet der Krieg in unterschiedlichen Ländern, mit der Verwendung von unterschiedlichen Waffen, seiner Zeit gemäß. Doch er ist immer auf die gleiche Weise gnadenlos.

Malika schwieg als Antwort auf diese Worte.

* * *

Der Winter warf seinen Schleier auf das Dorf, in dem Ahmed und Miša lebten und der Junge fürchtete, dass der Alte sterben könnte. Morgens, als sie Brot und Dörrfleisch frühstückten, hustete der Alte und Miša sah Blut auf dem Taschentuch.

„Nicht schlimm, es wird vorbei gehen“, bemerkte der Alte. „Es ist nicht das erste Mal!“

„Geht es Ihnen wirklich nicht schlecht?“, fragte Miša.

„Du bist bereits erwachsen, doch verhältst dich wie ein Kind. Es wird die Zeit kommen, da wird mich und dich auch der Engel des Todes, Azrail, abholen. Allah hat es sich so ausgedacht.

Miša wurde nachdenklich.

„Warum sterben Menschen?“, fragte er.

„Die Sündiger erwartet die Hölle, und die Gerechten – das Paradies. Sie sterben, um ihren Weg dort fortzuführen, wo der Weg auf der Erde zu Ende geht.“

Miša wollte von seiner Mutter erzählen, doch wusste er nicht, wie er das Gespräch darüber beginnen sollte und stellte eine weitere Frage:

„Kommen schlechte Menschen immer in die Hölle?“

„So steht es im Koran, dem wichtigsten Buch aller Moslems. Das sagt der Prophet zu uns. Deshalb soll es so sein.“

„Verstehe“, sagte Miša.

„Wirst du auch zu einem Moslem?“, Ahmed lächelte.

Vor dieser Frage hatte Miša Angst. Ihm schien: wenn er den Glauben an Christus ablehnt, wird es einen Verrat darstellen.

Deswegen schwieg er.

„Es wird der Sommer kommen und du wirst einer werden. Du wirst bis dahin die Gebete auswendig gelernt haben!“

Miša kannte bereits einige, doch manchmal vertauschte er die Worte und es kam nur Wirrwarr heraus.

„Niemand wird eine Waise so unterstützen wie Allah, der barmherzig und gnädig ist“, Ahmed fuhr mit seiner Rede fort.

„Aber man hat meine Mutter getötet…“

„Rezvan erzählte mir, dass du eine Waise warst, als er dich zu mir brachte.“

„Ja, aber…“

„Es ist schwer darüber zu sprechen, deswegen möchte ich nicht, dass du darüber sprichst.“

Und da verstand Miša, dass der Alte nichts über ihn und seine Mutter wusste und auch nicht darüber, was in der Wohnung in der Leninstraße vorgefallen war.

* * *

Der Schatten im Fenster gehörte Ibrahim, dem Enkelsohn von Seda. Er ging mit den älteren Männern am Morgen weg und kehrte spät abends zurück.

Die Gedanken über seine roten, lockigen Haare und seine grünen Augen verfolgten Vera, während sie in Gedanken verfiel. Nach dem morgendlichen Namaz, für den Kometa sie aufweckte, beobachtete Vera durch das Licht zwischen den Gardinen, wie die Pforte des Zaunes ins Schloss fiel, als die Männer zu ihren Angelegenheiten in die Stadt fuhren.

An den Abenden erzählte man sich in dem Haus über große Taten, darüber wie die Tschetschenen die Pferde der Kosaken stahlen und sie den Terek, den gefährlichen Fluss entlangführten. Denn die Russen und die Tschetschenen waren bereits seit dem Altertum verfeindet.

Diese Geschichten hörte Vera von Kometa und den weiblichen Verwandten, die manchmal zu Besuch kamen und die russische Sprache beherrschten.

Über die annektierten Wohnungen herrschte in der Familie die folgende Meinung vor:

„Als wir nach dem Befehl Stalins im Jahr 1944, von unserer Heimaterde vertrieben wurden“, sagte Kometa eines Tages, „kamen die Russen her und okkupierten unsere Häuser und nahmen uns unsere Sachen weg. Sie behielten alles für sich. Die Türen sind geöffnet. Man kann sich alles unter den Nagel reißen! Unsere Leute wurden in Viehwaggons weggebracht, in dem was sie am Leibe trugen. Und nun werden ihre Enkel und Urenkel, die in die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind, von Flugzeugen und Panzern vernichtet. Deswegen erstechen und töten manche Tschetschenen die hier ansässigen Russen, um sie für ihre Schuld zu bestrafen. So erzählen es die Alten.“

„Das ist schlimm – jemanden umzubringen…“, entgegnete Vera.

„Ja“, Kometa wurde nachdenklich. „Das ist der Ast der Geschichte. Wenn sie jemand hinter sich herzieht, kehrt sie immer wieder auf ihren Platz zurück und peitscht einem schmerzhaft ins Gesicht.“

„Und wenn Russen getötet werden, die sich alles selbst fair erarbeitet haben?“

„Der Allmächtige verzeiht das Unwissen. Und übrigens, wenn du wie eine Muslima beten wirst, dann wird man dich auch nicht in ein anderes, schlechtes Haus als Sklavin abgeben!“, erschrak Kometa sie.

„Ich werde beten!“, sagte Vera. „Doch wie?“

„Dafür muss man einfach nur sagen: „Es gibt keinen anderen Gott als Allah. Und das ist alles. Dann bist du Muslima!“

„Und wenn ich getauft bin?“

„Das ist unwichtig. Wenn du so etwas aussprichst, dann bist du bereits eine Muslima.“

Nachdem sie den Islam angenommen hatte, verhielt man sich ihr gegenüber viel höflicher und gab ihr den Namen Iman.

„Iman bedeutet auf Tschetschenisch „Glaube“, erklärte ihr Kometa.

Kometa war eine dünne Frau mit großen Augen. Sie gebar fünf Kinder, doch ihr Ehemann vertrieb sie und die Kinder blieben nach dem Gesetz der Berge bei ihm, mit seinen neuen Frauen.

„Ich darf sie ohne Erlaubnis nicht einmal sehen!“, Kometa weinte manchmal. „Nun habe ich dich anstatt einer Tochter! Wir geben dich nicht weg zu Iljas! Er raubte dich und brachte dich hierher aus der Stadt.“

* * *

Der Sommer brachte nichts neues als die Gewohnheit in einer Unterwelt zu leben. Im Fernsehen erzählte man sich, dass Tschetschenien ein unabhängiges Land werden wird. Die Menschen betonten die Scharia und suchten darin die Gerechtigkeit. Manche Bewohner wurden nach ihren Gesetzen auf den Straßen erschossen und die Menge versammelte sich aus einem feierlichen Interesse um zu beobachten, wie dies von statten geht.

Ein paar Mal schien es in den Nachrichten durch, dass es zur Norm wurde, Geiseln zu nehmen und diese aus anderen Regionen Russlands nach Tschetschenien zu bringen, irgendeinem Russischen Mädchen schnitt man die Finger ab und forderte von der Familie eine große Geldsumme.

Die Welt schlug den Boden des einen Abgrunds auf und fiel rasant in den nächsten. Niemand war dem anderen ein Freund. Wenn Menschen mit Maschinengewehren zu den Nachbarn kamen, um sie umzubringen, gab es da überhaupt jemanden, der für sie Partei ergriff? Die seltenen russischen Familien, die in Grozny lebten, hatten es sehr schwer, sie trugen lange, muslimische Kleider und sprachen tschetschenisch. Die anderen, weniger schlauen Familien, erwartete der sichere Tod – wenn nicht durch Bomben oder Geschosse von vorbeifliegenden, russischen Flugzeugen, dann von tschetschenischen Banditen, die mutig wurden durch ihre uneingeschränkte Macht.

Vera erinnerte sich, als sie einmal mit ihrer Großmutter über das „tschetschenische Roulette“ gesprochen hat, welches in Grozny vor dem ersten Krieg begann.  Bewaffnete Menschen klopften an die Haustüren der Wohnungen und befragten die Familien:

„Für welchen Leader seid ihr? Wer soll über die tschetschenische Erde herrschen?“

Zunächst verstanden die Bewohner nicht, worum es ging, da die bewaffneten Bärtigen sich als „Wahlkomitee“ ausgaben. Doch dann häuften sich die Fälle, dass bei einer „nicht richtigen Antwort“, die die Ankömmlinge nicht befriedigte, ein Schuss in die Stirn folgte. Im Endeffekt hatten die Bewohner solch eine Angst, dass sie den Fremden nicht die Tür öffneten.

Die Großmutter warnte Vera vor:

„Egal was jemand dich fragt – antworte nicht! Schweige!“

„Wer soll mich schon was fragen – ich bin klein!“, antwortete das Mädchen.

Doch später verstand es, dass die Menschen schon voller Schrecken waren von der Folter und den Tötungen.

Und wenn die Antwort „richtig“ ausfiel, verschenkten die bewaffneten, bärtigen Männer ein leuchtendes, oranges Päckchen Waschpulver.

* * *

Die Jahre im Krieg vergehen schnell, so als ob man einen Film aus einem Paralleluniversum geschickt hätte. Die Kinder wachsen auf wie ein sorgsam begossenes Unkraut; ihr Blick wird schwer und tief. Die Fäden der Schicksale reißen ein und es entstehen neue.

Im Tschetschenien des Jahres 1996 wurde es modern drei oder vier Frauen zu haben. Doch das konnten sich nur die Reichen leisten – diejenigen, die mit Erdöl handelten und es mit kleingewerblichen Methoden erwarben. Manche wurden in die Luft gesprengt als sie versuchten Löcher in den eigenen Vorhöfen zu bohren!

Im Getümmel des Krieges gab es auch Menschen, die mit Sklaven und Waffen handelten.

Manch einer ging hinter die Grenze nach seiner Teilnahme an Plündereien und Tötungen, der Rest verstarb in Armut und sank auf den Grund.

Es gab auch solche, die den Tod ihrer Nächsten nicht verzeihen konnten. Solche banden Trotyl um ihren Körper und gingen, sich an den Russischunterricht in der Schule erinnernd und an die Unabhängigkeitsbewegung, wie einst die Narodvolcy, zu den Feinden, um sie in die Luft zu sprengen. Solche Menschen nannte das Fernsehen Terroristen.

Ihre Zahl wurde mit jedem Tag größer; Mullahs in den Moscheen riefen die Jugendlichen dazu auf, sich an ihren Feinden zu rächen, an den Eroberern ihrer Heimaterde.

Im Sommer 1999 gärten und wirbelten auf dem riesigen Markt von Grozny Nachrichten über einen neuen Krieg, über den Einfall nach Dagestan, darüber, dass Russland es Tschetschenien nicht gestatten wird, die Unabhängigkeit zu erlangen.

Die Menschen wünschten sich Unabhängigkeit, doch wussten sie nicht was sie damit anfangen sollten; an die Macht kamen schon wieder die Geldhungrigen. In Tschetschenien herrschen die Klans über alles und es ist von Bedeutung, auf welchem Berg du geboren wurdest und wer deine Vorfahren sind.

Es bleiben nur wenige Helden. Die Helden sterben zuerst. Gott nimmt sie noch als Jünglinge zu sich, und der Müll, der von dem Wind der Pausen angetrieben wird, bleibt am Leben, denn die Erde ist ein Planet der Prüfungen.

Vera, die eingehüllt war in ein riesiges, weißes Tuch aus Mekka, in ein grünes Kleid gekleidet, ähnelte einer reinen, exotischen Blume. Sie lernte es, Kräuter zu sammeln und sie auf alten Zeitungen zu trocknen, für Heilzwecke gegen Erkältungen in der Winterzeit. Sie war nicht zu faul, um im Garten Gemüse zu pflanzen. Tschetschenien ist eine warme Gegend, die von Bergen geschützt ist. Im Sommer herrschen Temperaturen über vierzig Grad Celsius, im Winter minus zehn.

Die Ernte sammelten die Bewohner zwei Mal im Jahr.

„Wenn du den Kämpfern im Krankenhaus als Krankenschwester helfen wirst, wird ihre Heilung schneller vonstattengehen!“, witzelte die alte Grauhaarige auf Tschetschenisch, und das Mädchen verstand sie gut. 

Die Tschetschenische Sprache erwies sich als einfach. Sie ist wild, rau, scharf wie ein Echo in den Bergen, wie der Schrei eines Adlers in den Wölbungen des Himmels. Seine Tonalität erschrickt die Feinde und erfreut die Freunde.

Eines Tages waren Kometa und Vera in der Stadt, doch Marija Semenovna trafen sie weder zuhause noch in dem Krankenhaus an. Die Nachbarn sagten, sie sei weggefahren.

Ibrahim und die Männer überließen das Mädchen nicht Iljas und vertrieben ihn vom Hof. Und Iljas protestierte nicht gegen die Dorfbewohner, denn er verstand, dass in einem Haus, in dem sich viele Waffen befanden, man besser nicht streiten sollte.

„Wenn du weg fährst um mit den Feinden zu kämpfen, stehe ich dir bei!“, betonte Vera hartnäckig gegenüber Ibrahim. Morgens tischte sie Tee und Gebäck, das in Öl gebraten wurden, süße Teilchen, auf, die man in der neuen Familie so liebte.

„Rede keinen Blödsinn, Frau. Es wird keinen Krieg geben!“, unterbrach sie der zwölfjährige Ibrahim.

Und Vera erstarrte vor Glück, weil er sie für eine Erwachsene hielt.

Kometa machte Witze, dass man die beiden verheiraten sollte, wenn der Herbst beginnt.

* * *

Als der alte Ahmed die Wahrheit erfuhr, verfluchte er den Sohn. Sein Gesicht wurde dunkel, er bekam oftmals keine Luft und fasste sich ans Herz.

Als Miša eines Tages an der Türschwelle den Zauberer selbst erblickte, zitterte er vor Schreck und begann laut an zu schluchzen, denn er dachte, man würde ihn umbringen, genau wie seine Mutter.

„Hab keine Angst“, sagte der Alte. „Gehe in das andere Zimmer. Ich werde selbst mit ihm sprechen.“

Das lange Gespräch verlief auf Tschetschenisch, und der Zauberer erklärte irgendetwas mit leiser Stimme, er erzählte etwas und brachte Argumente vor. Doch der Alte ging hinaus und brachte ein grünes Buch mit einer arabischen Ligatur.

„Das ist ein Koran“, sagte Ahmed. „Dieser wurde von meinem Urgroßvater und meinem Großvater gelesen, der von seiner Heimaterde von Stalin vertrieben wurde, man pferchte ihn in einen Zugwaggon, einem Vieh gleich und schickte ihn in seinen Tod in die kasachischen Steppen. Dieser Koran wurde von meinem Vater gelesen, der es geschafft hat zu überleben und all die Verwandten zu beerdigen. Nun lese ich ihn. Schwöre mir, dass du und mein Sohn keine russischen Menschen in Grozny getötet habt, um an ihren Besitz zu kommen. Jene Russen, die auch hier geboren wurden, und für die Tschetschenien ebenfalls eine Heimat ist, wie für uns auch. Wir lebten immer nah zu Allah, in den Bergen, doch in den Ebenen und in der Stadt lebten Russen, Armenier, Ingušen, Kumyken, Awaren, Zigeuner, Bulgaren…Und andere Völker. Von unseren Brüdern gab es dort wenige. Sie wurden von russischen Flugzeugen bombardiert, sie wurden ausgelöscht und zu Staub gemacht. Und nun sage mir: hast du mit den anderen Tschetschenen die letzten Nichttschetschenen fertig gemacht, um ihnen ihre Sachen wegzunehmen?! Wenn nicht und ich mich täusche, schwöre und nimm dieses Buch in deine Hände! Sage mir, dass du und mein Sohn Iljas dies nicht getan haben.“

„Bruder…Oh, mein Bruder…“, der Zauberer war sichtlich verlegen und sprach achtungsvoll, was Miša, der durch den Vorhang blickte, deutlich sehen konnte. „Als man uns im Jahr 1944 deportierte, kamen Russen hierher. Sie siedelten sich in unseren Häusern an, nahmen unsere Sachen…Dann, als Stalin starb, begannen wir nach einer Zeit wieder zurückzukehren. Wir bekamen nichts zurück…Und nun beginnt die Rache. Wir nehmen uns das Unsrige zurück. Das geschieht in jedem Bezirk, in jeder Straße.“

Der Zauberer nahm den Koran nicht in seine Hände und bemühte sich sogar nicht in Richtung des heiligen Buches zu schauen, so als würde er sich die Augen an ihm verbrennen.

„Nein, du irrst dich!“, sagte der Alte hart. „Ihr nehmt nicht das Eurige. Es gibt Menschen, die alles mit ihrem eigenen Schweiß und Blut erarbeitet haben. Es gibt jene, die unter den Bomben Vater und Mutter verloren haben, so wie wir Tschetschenen. Bist du etwa ein Engel oder ein Prophet, der weiß, ob man die unglücklichen Bewohner tötet, weil man ihnen dabei das Eigene oder das Fremde wegnimmt?! Ich weiß, dass im Nachbardorf die Tschetschenen darüber stritten, dass mit einem solchen Trupp der „Rächer“, auch junge Tschetschenen, einen Alten vor den Augen aller erschossen hatten! Das ist eine Schande!  Es taten jene, die unsere Adate (arabisch: Sitten), unsere Gesetze vergessen haben!  Weg von meinen Augen! Und wenn du Iljas antriffst, richte ihm aus, dass ich ihn verfluche. Ich will ihn nicht wiedersehen. Er soll ja nicht wieder zuhause erscheinen.“

Der Zauberer begann keinen Streit und ging hinaus. Er beschloss für sich, dass der Alte verrückt geworden war und nicht verstand, was in Itschkerien vor sich ging.  Das Auto des Zauberers verschwand schnell aus dem Blickfeld und Miša, der keine Angst mehr um sein Leben hatte, trat aus dem anderen Zimmer hinaus.

„Alle Moslems sind unterschiedlich“, sagte Ahmed. „Auch sind alle Tschetschenen unterschiedlich und alle Russen auch. Es gibt solche, die den rechten Weg entlang gehen und Gutes schaffen, doch es gibt auch solche, die dem Teufel dienen und sich unter Allahs Namen verstecken, deswegen geschieht ein solches Unglück in der Welt. Doch ich glaube, dass es eine andere Welt gibt, eine vollkommene, eine von Güte beschenkte.  Allmächtig sollen jene sein, die Licht von Dunkelheit unterscheiden können, diejenigen, die nicht wahnsinnig geworden sind durch Hass, denjenigen, denen der Šaitan (arab. Teufel) nicht den Blick vernebelt hat. All jene werden diese Welt betreten, die nicht beschmutzt sind durch Lüge und Unzucht. Jene, die ihre Fehler eingestehen, die ihre Sünden bekennen und den Koran befolgen. Die anderen, Nattern gleich, suchen nur ihre eigenen Interpretationen und Versionen dessen, was unser Prophet gesagt hat.

„Ich möchte beten und so wie Sie leben“, sagte Miša. „Ich möchte tapfer sein!“

„Ich bringe es dir bei, fünf Mal am Tag das Namaz zu halten“, sagte der Alte. „Wir werden zusammen beten und Allah darum bitten, unserer gemeinsamen Heimat Frieden zu schenken!“

Nun, jeden morgen vor dem Sonnenaufgang, lasen der Junge, dem der Alte den Namen Musa gegeben hat, und der Alte, die „Al Fatiha“ und den „Tašahhud“, dabei saßen sie nebeneinander. Sie falteten die Hände zum Gebet und beteten die Dua – ein Gebet, das um das Wohl nach dem grundlegenden Namaz bittet.

Im Herbst fühlte sich der Alte schlechter und wurde bettlägerig. Hin und wieder kam die Schwiegertochter Nuran vorbei. Der Alte sprach nicht mit ihr. Die junge Frau ließ stets etwas Essen da und ging wieder: zu ihren Pflichten gehörte es, sich um den Vater des eigenen Ehemannes zu kümmern. Miša fiel ihr nicht auf.

Ende September, als die russischen Flieger wieder Bomben auf Dörfer und Städte abwarfen, schlief der Alte nach dem nächtlichen Namaz ein und wachte nicht wieder auf. Als der Junge morgens seinen Körper entdeckte, schluchzte er lange und konnte lange Zeit nicht aufhören, obwohl der Alte es ihm beigebracht hatte, dass Männer nicht weinen sollten.

* * *

Ibrahim fehlte einige Tage, Vera fühlte sich einsam und konnte keinen Platz finden. Ein paar Mal, an der Quelle, sah sie den Jungen Michael Musa, doch nun konnte sie nicht lange mit ihm sprechen. Sie sprach nur ihr Mitleid aus.

Miša blieb in Ahmeds Haus leben, nachdem man den Alten auf dem heimatlichen Friedhof beerdigt hatte. Irgendjemand musste doch nach der Schafherde sehen: die lokalen Bewohner zahlten dem Hirten für ihre Schafe. Der Junge kam ziemlich gut zurecht, doch er bemühte sich, sich nicht zu weit vom Dorf zu entfernen: was passiert, wenn er von Wölfen überrascht wird?

Ibrahim kehrte mit schlechten Nachrichten aus Dagestan zurück: der Vetter wurde bei einem Beschuss getötet. Und dann wurden noch irgendwelche muslimischen Brüder umgebracht. Doch sie hatten es noch geschafft die Šahada vor ihrem Tod zu sprechen und wurden zu Šahiden.

Ibrahim bewunderte die waghalsigen Führer, die Meister des Weges zum Džannat (arab. Das höchste Paradies bei den Moslems), die sich dem Hattab unterordneten.

„Verstehst du den Džihad (arab. der heilige Krieg gegen Andersgläubige) – das ist, wofür wir leben und sterben müssen!“, rief Ibrahim.

„Wenn du auf dem Weg Allahs stirbst, werde ich mich für dich freuen“, sagte die alte Graue zu ihm. „Versuche nicht zu überleben. Die Russen ließen uns nie in Ruhe und haben nun beschlossen uns ganz auszurotten, damit es kein tschetschenisches Volk mehr auf der Erde gibt.  Ihnen ist es gleichgültig: möge hier sogar ein Meer sein – sie werden von seiner Tiefe das Erdöl herausholen!“

Kometa schwieg. Sie begann irgendwelche Sachen für den Weg einzusammeln.

„Man muss weiter gehen, in die Berge“, sagte sie.

Vera wollte sehr ihre Großmutter wiedersehen, wenigstens zum letzten Mal, doch sie entschied sich nicht zu fragen, dass man sie zu ihr ließ.

Vor dem Beginn des zweiten Tschetschenischen Krieges zog Marija Semenovna in die Region Krasnodar, zu einer entfernten Freundin. Die beiden schrieben jeden Tag gemeinsam Briefe für Fernsehsendungen, in denen man nach verschollenen Menschen suchte, doch sie verstanden, dass die Hoffnung nur klein war, ohne vorauszuahnen, dass diejenigen, nach denen man so akribisch suchte, es sich nicht einmal mehr wünschen gefunden zu werden.

Als der Fernseher erzählte, dass die Straßen von Grozny, die nach dem Ersten und -Sommerkrieg ausgebessert wurden, nun wieder zu Pulver werden, beschloss Veras Großmutter zurückzukehren. Sie konnte nicht den Gedanken zulassen, dass sie ihre Enkelin allein im Krieg zurückließ.

Medina und Timur waren erfreut darüber, ihr Obdach zu geben. Irgendwann tauschten sie auf dem Markt ihre Adressen aus. So etwas kam häufiger zwischen Fremden in Kriegsjahren vor.

„Wenn wir zuerst zerbombt werden, dann kommen wir zu euch…“, sagten die einen.

„Und wenn unser Haus mit Geschossen durchlöchert wird, dann besuchen wir euch…“, antworteten die anderen und schrieben eilig ihren Straßennamen und die Hausnummer auf die Fetzen von Zeitungspapier.

Das Unglück der russischen Frau war für Medina nachvollziehbar, sie war selbst nicht sonderlich glücklich. Und sie hatte niemanden in Russland, zu dem sie fahren konnte.

Viele Nachbarn zogen für eine Nacht aus, übernachteten mit den Kindern auf Parkbänken und kehrten nach den Bomben wieder zurück. Vom Staat erhielt man keine Hilfe, keine Unterstützung. Die Menschen, die vor den russischen Bomben und der lokalen Gesetzlosigkeit flohen, brauchte niemand. Niemand sollte ihren Erzählungen über Kriegsverbrechen lauschen: die lokalen Machthaber sorgten sich darum, dass man denjenigen den Mund versperrte, der das Gesehene mit den ausländischen Korrespondenten teilen wollte.  

Tschetschenien verlassen konnten nur diejenigen, die entweder etwas zusammengeraubt hatten oder reiche Verwandten in anderen Regionen Russlands hatten.

Weder Medina und Timur, noch Marija Semenovna, die wegen ihrer Enkelin zurückgekehrt war, konnten sich einen solchen Luxus wie die Auswanderung erlauben und beschlossen, dass sie auf der heimatlichen Erde sterben würden, wenn es der Allmächtige so vorgesehen hat.

* * *

Man musste durch den Wald rennen, in das Tal, inmitten der Nacht, nachdem Ahmets Sohn zuhause auftauchte. Miša Musa dankte Gott für die Rettung: er schaffte es die Fensterscheibe einzuschlagen, rauszuspringen und die Kugeln, die nach ihm zielten, durchbrachen die Dunkelheit, doch trafen nicht ihr Ziel.

All das geschah nach dem vorabendlichen Namaz. Der Zauberer sowie der Sohn des Alten, Iljas, betraten das Haus und verkündeten, dass der Junge am nächsten Morgen sie begleiten würde, da er sich ihrem Willen unterordnen soll. Miša nickte ergeben und man schloss hinter ihm die Tür des kleinen Zimmers. Der Junge hörte ihren Stimmen genau zu und verstand, dass die Männer irgendeine wichtige Sache erörtern. Es stellte sich heraus, dass der Zauberer begeistert war von Iljas‘ Einbildungskraft:

„Wie hast du es dir nur ausgedacht, Bruder! Was für eine Angelegenheit!“, sagte er.

Außerdem kam heraus, dass in Grozny wieder irgendeine russische Familie wegen ihrer Wohnung getötet wurde. Die Mutter, der Vater und die älteren Kinder wurden erstochen, doch mit dem Säugling im Kinderbettchen hatte man Mitleid und tötete ihn nicht. Man übergab ihn zur Erziehung in eine fremde, tschetschenische Familie.

„Wenn er erwachsen ist, wird er Russen töten!“, lachte Iljas. „Wir sagen ihm, dass er Tschetschene ist, und dass seine Familie auf grauenvolle Art und Weise getötet wurde. Er wird uns glauben. Denn es wird ihm niemand jemals die Wahrheit erzählen!“

„Du bist so klug! Ein Kopf!“, nickte der Zauberer. „Einfach nur ein prima Kerl!“

Als Miša Musa das hörte, schlug er die Fensterscheibe ein und lief in die Richtung, wohin seine Augen ihn führten, dabei waren ihm die Wölfe, die in dieser Gegend lebten, egal.

Am frühen Morgen, müde und hungrig, fand er sich bei einem Fluss wieder, den zu überqueren, wegen der starken Strömung, er sich nicht traute, deswegen lief er den Fluss entlang, in der Hoffnung, dass er bald irgendeine Siedlung erreichen würde. Er murmelte Gedichte von Lermontov vor sich hin, die ihm oft in guten Zeiten von seiner Mutter Tatjana vorgelesen wurden.

Vera, die nun Iman hieß, fuhr zusammen mit Ibrahim in ein anderes Dorf. Dort begann die junge Frau anderen Frauen zu helfen, die für die Kämpfer Essen zubereiteten und ihre Kleidung wuschen, Ibrahim ging zu dem Waldtrupp rüber. Es gehörte sich nicht für Männer und Frauen in einem Haus aufzuhalten, da auch dort die strengen Gesetze der Šaria galten.

Zarema kam nach ein paar Monaten in dasselbe Haus und konnte sich mit Vera nicht anfreunden, denn sie fand, dass selbst wenn eine Russin den Islam angenommen hatte, sie trotzdem eine Fremde war, es sei denn, wenn sie zur Nebenfrau wurde und sich der der ersten tschetschenischen Ehefrau unterordnete und unter ihrer Macht stand.

* * *

Der Markt half sogar in Zeiten des Krieges allen Bewohnern. Genau hier tauschte man Brot gegen Socken und Zigaretten gegen Kartoffeln. Man überlebte. Genau hier fand Medina den schmutzigen und hungrigen Mihael Musa, der es mit Mühe schaffte, die Stadt innerhalb von wenigen Tagen zu erreichen.

Sie brachte ihn nach Hause, gab ihm zu essen, hörte seine Geschichte an und sagte:

„Du wirst mein zweiter Sohn sein!“

Miša geriet in starke Verlegenheit darüber, dass die ihm wenig bekannte Tschetschenin solche Dinge erzählte, wobei er auch verstand, was der alte Ahmed ihm erzählt hatte darüber, dass alle Menschen unterschiedlich seien. Nur Timur freute sich nicht über eine solche Nachricht. Er war zwei Jahre älter als Miša und hielt sich für den einzigen Sohn Medinas, und nun musste er die mütterliche Fürsorge mit irgendeinem fremden Jungen teilen.

Marija Semenovna war mit der Suche beschäftigt, und als sie erfuhr, dass die Enkelin die ganze Zeit unweit der Stadt lebte, staunte sie. Doch Miša verkündete, dass er nicht wusste, wohin sich Ibrahim und Vera begaben.

„Irgendwohin in die Berge“, sagte er. „Suchen Sie nicht, machen Sie sich keine Hoffnung. Man kann dort niemanden auf Russisch etwas fragen!“

Veras Großmutter verstand es gut. Sie wusste, dass die russische Sprache Schaden anrichten und bei der Suche nach den Verwandten nicht helfen konnte.

Die Bewohner, umgeben von Panzern und Flugzeugen der Kriegszeit, suchten nach Brennholz, Essen und Wasser. Manchmal stritten sich Miša und Timur, doch Medina schaffte es stets sie zu versöhnen.

Und im Januar des Jahres 2000, als die russischen Kämpfer in das Fabrikgebiet eindrangen, wurden viele Nachbarn erschossen.

In Medinas Wohnung, während der Säuberung, drang ebenfalls eine Gruppe russischer Söldner ein, sie durchsuchten die Sachen und fanden die Pistole, die sie eines Tages auf der Straße gefunden hat.

„Die habe ich für die Notwehr!“ behauptete Medina, obwohl sie verstand, dass man ihr nicht glaubt. „Sie wissen doch wie schrecklich es ist zu leben, wenn man ständig von Banditen umgeben ist!“

Doch die Soldaten entschieden anders:

„Du bist eine Terroristin!“

Medina hatte Angst, dass Timur und Miša bald wiederkehren, denn am Morgen waren sie aufgebrochen, um Wasser bei den entfernten Brunnen zu holen.

Marija Semenovna betete aus Angst und versuchte gleichzeitig die eindringenden, bewaffneten Menschen mild zu stimmen. Doch es klappte nicht. Sie schnappten sich Medina und zerrten sie auf die Straße.

„Bleib hier stehen!“, sagten sie. „Gleich wirst du das Deine bekommen!“

Man richtete die Mündung eines Gewehrs gegen ihr Gesicht.

„Das war’s“, dachte Medina. „Das Wichtigste ist, dass die Jungen jetzt nicht zurückkehren!“

Marija Semenovna folgte ihr:

„Sie kann absolut nichts dafür, tötet sie nicht! Sie nahm einen obdachlosen, russischen Jungen auf und zieht ihn groß!“

„Was erzählst du für Märchen, du alte Schachtel!“, wurde sie von einem der Soldaten unterbrochen. „Hau ab von hier!“

Miša kehrte als Erster zurück, da Timur beschloss in den verlassenen Häusern nach Essen zu suchen, und als er sich dem Hof näherte, erblickte er Medina, die neben einer Wand stand, die weinende Großmutter Maša und einige russische Söldner.

Der erste Gedanke war, wegzulaufen, da Gefahr in der Luft hing und physisch spürbar war, doch Miša stoppte sich.

„Es gibt nichts Schlimmes am Tod“, dachte er und dieser Gedanke machte ihn wacher. „Ein toter Löwe ist besser als ein lebendiger Hund“, und schon wieder tauchte das Lächeln des alten Ahmeds neben ihm auf.

„Das ist meine Mutter!“, hörte Miša seine eigene Stimme. „Rührt sie nicht an!“

„Wer bist du?“, wunderten sich die Soldaten.

„Ich sagte doch bereits: der Junge ist russisch, sie erzieht ihn…“, betonte Veras Großmutter.

„Russisch?!“, fragten die Soldaten und riefen Miša zu: „Wie heißt du, Wolfskind?“

„Musa!“, sagte er. „Und das ist meine Mutter – Medina! Wenn ihr sie tötet, dann tötet auch mich!“

Es war augenscheinlich, dass der Junge russisch war, man konnte es seinen Gesichtszügen ansehen, es  an der reinen, schönen Sprache erkennen, die frei war vom kaukasischen Akzent, doch er betonte, er sei Tschetschene.

„Selbst der Teufel kann euch nicht verstehen!“ rief der Führer, ein stämmiger, russischer Mann. „Was geschieht nur bei euch! Gut, Scheiß drauf!“

Er winkte ab und befahl den Soldaten, diese Menschen in Ruhe zu lassen.

Sie gingen fort und nahmen die Pistole mit.

* * *

Einige Jahre vergingen. Vera verlor sich in den Bergen des Kaukasus und besuchte ihre Großmutter nur über die Pfade, die in den Träumen entlangführten, als ob sie extra für solche Fälle vorgesehen waren.  Sie berichtete der Großmutter, dass es ihr gut ginge.

Zarema starb als die Russen in das Dorf eindrangen. Ibrahim verschwand mit dem Trupp und löste sich in den Wäldern auf.

Die Bewohner Tschetscheniens warf die Nachricht um, dass eine mutige, junge Frau, sich mit Trotyl in ein Auto setzte und den russischen, militärischen Teil in die Luft sprengte. Man dichtete immer wieder neue Legenden über sie, doch es ging ständig um das Eine: eine mutige Schöne rächte sich für den Tod der Verwandten. Und ihr kurzes Leben, und ein genau so schneller Tod wurden zum Teil des unendlichen Lebens und Todes ihres Volkes.

Medina und ihre Söhne verließen Tschetschenien und sie fand eine Arbeit. In allem half ihr die alte Freundin von Marija Semenovna. Genau sie war es, die für sie in einem Dorf der Region Krasnodar ein Zuhause fand. Die Jungs konnten ihren Schulabschluss machen, abgesehen davon, dass es in der Schule aufgrund der Kriege weder Mathematik noch Englisch gelehrt wurde.

Als sich die Möglichkeit ergab, beschloss Medina den Hadž (Pilgerfahrt nach Mekka) zu vollziehen, wie es sich für jeden gläubigen Moslem gehört. Und sie begaben sich nach Mekka. Medina und ihre zwei Söhne – ein Russe und ein Tschetschene.

                                Polina Žerebcova

Polina Žerebcova wurde 1985 in Grozny, UdSSR, geboren. Sie ist Schriftstellerin und Poetin. Sie ist Autorin von tschetschenischen Tagebüchern, die sie mit neun Jahren begann zu schreiben, bei Kriegsbeginn 1994 in der tschetschenischen Republik, außerdem von Erzählungen, die in viele Sprachen übersetzt wurden.  Die Tagebücher „Eine Ameise in einem Glas“ kamen ins Finale der Prämie ANGELUS (Polen, 2019). Im Jahr 2013 bekam sie politisches Asyl in Finnland. Sie beschäftigt sich mit Menschenrechtsaktivismus. Außerdem ist sie Finalistin der Prämie A. Saharovs „Für den Journalismus als Tat“ 2012.

Gedichte von Marija Vil’koviskaja – übersetzt von Mascha Beketova und Lena Muchin

Der Abgrund zwischen der maximalen Verfremdung und der unendlichen Betroffenheit

verstecken deinen Körper

all mein körperlicher Schmerz psychosomatischer Schmerz

wir kennen uns selbst nie und schon gar nicht die Wörter

die ohne unser Mitwissen aus diesem Loch herausfliegen

Chakren Höhlen Brüste sei grob Gruben Berge gru gru gru

uru ru uru ru uru ru

all der körperliche Schmerz ein somatischer Psychoschmerz

wie gewohnt trennt er den Verstand und das Seelchen und den Schlachtkörper

Titushka und Psychiatrie bitte geh nicht ich bitte dich darum

Birnbaum Birnbaum Apfelbaum und die Krone

horizontale boshka vertikale Bettlerin

zwischen dem maximalen Persönlichen und minimalen Gesellschaftlichen

unser ganzes neunundvierzig jähriges Leben Beweise Begünstigung

die Annahme winziger Beleidigungen ich enthalte mich die Schuld zu fühlen

ich spüre nichts außer Zorn

du versprachst mir zu kämpfen

du hast gewonnen

Adelante Cubanos

in uns gab es keine Vulgarität wir fliehen vor ihr

doch der Tod warum auch immer

zieht sich und zieht sie hinter sich her.

***

I.V.

der Weg entpuppte sich als eisern

und etwas latschig, doch unter diesen

Bedingungen haben wir uns gewöhnt nur

das Herz ist nicht eisern wie die nicht leichte Lunge

ich sitze in der Dämmerung des Irrenhauses höre die Spechte

und die Segler, dazu noch Musik

einer Lerche die von Vera gebacken wurde und kann nicht begreifen

warum wir es nicht geschafft haben zu kommunizieren

zum Lebensende bei der Haltestelle

jemand schreit langgezogen und ich werde mehr nicht reichen

meine Hand um deine nicht rasierte

eingefallene Wange zu streicheln verzeih

dass ich es dir nicht beigebracht habe aus der Ferne

die schnurlosen Kopfhörer zu benutzen

nun gehören sie für immer mir

Der Elektrakomplex

die Anzahl der Kerzen ist willkürlich

teilbar in drei Komplex „Elektro“ in dem

die aller billigsten Lämpchen sind wenn

mich der zweite Ehemann verlassen hat, und die dritte

war noch hinter dem Horizont der Ereignisse du kamst

mit einer Bohrmaschine zogst über den Kopf irgendein Küchenhandtuch

und etwas fluchend hängtest du unter die Decke

meiner ersten eigenen Wohnung irgendeine

wunderlich hinterfotzige Lampe die

einer riesigen Titte ähnlich sah welche ich an dem Tag zuvor kaufte

im berüchtigten „Elektro“-Komplex diese hing

dort beleuchtend das was verflucht in den Wänden geschah

nach ca. sechs Jahren fuhren wir weg von dort ich glaube in dieser Titte

transportierten wir etwas Zerbrechliches und sie riss Plüschkin in mir

schickt Grüße deinem sammele dort

jedes Elektron oder Neutrino oder was dort unter den Füßen liegt wenn du möchtest

werde ich den ganzen Spam lesen, den du mir geschickt hast?

Und werde jeden Link anklicken antworten ich auf diesen nichtweißen Lärm wohin wir

stopfen die Symbole und die Dimensionen des Fortgehens

***

not good not bad
an ambivalent cat

***

meine Vagina ist mir keine Vagina

dieses westliche Wort sagt mir nichts

ich bevorzuge Fotze zu denken

oder am* ich esse dich auf

Vagina Dentats isst nur was ihr gefällt

politisch kannst du deinen Geschmack sogar erneut formieren

und das ist prima

meine am-Fotze war einst ein Fotze-Grabmal

Und das ist bis jetzt eine der schwersten körperlichen Erfahrungen

die mir zuteil wurden

meine am-Fotze war immer hypersexuell

sie masturbierte nur über Frauen

doch es fügte sich historisch (kh) zusammen

dass ich lange Zeit mit Männern zusammenlebte obwohl eines Tages als ich dreizehn Jahre alt war

fragte ich meine Mutter was sind Lesben und meine Mutter sagte ruhig

das sind Frauen die Frauen lieben Liebe machen und manchmal

zusammen leben und seitdem endeten meine feuchtesten Träume

mit einem Orgasmus in dem Moment des Traums wenn die Mutter erschien

und mir die Hand auf das Schambein legte ich habe diese Träume nie als schreckliches Tabu wahrgenommen,

das ich mir wünsche zu brechen, sondern wie eine gewöhnliche Umdrehung eines ödipal-elektro–Komplexes

in manch einem lesbischen Sinne, wenn der Mann die Mutter begehren kann

warum kann dann das der Frau nicht erlaubt sein das wichtigste ist es rechtzeitig erwachsen zu werden

im Allgemeinen wuchs ich auf in einem Moment relativ weit von der eigenen Vagina

aus meiner staubigen grünen Stadt in einer Welt die langsam zerfällt und in der

mit vierundzwanzig Jahren ich die erste echte lesbische Erfahrung machte

doch das alles war relativ hoffnungslos wir, meine Freundin und ich, entfernten uns voneinander

sie interessierte sich für Geld ich mich für Musik und Wasser wie soll man hier zusammenkommen es ist unmöglich

und erst nach vielen Jahren

fand ich meine ideale akademische Schlampe mit der

ich vor nichts Angst habe auch nicht vor Außerirdischen

wir gewöhnten uns an die Apokalypse machen weiter die Experimente mit unseren nicht jungen

doch immer noch voller Leidenschaften körperlichen Symbionten und manchmal

andere Frauen und Männer und Kinder und Tiere und Pflanzen und Sterne und Kosmos

geben uns Licht und Dunkelheit und schnappen und bewahren auf


*am (Fotze. Kas.)

***

unsere Körper sind ohne überlebenswichtige Organe

mir fehlt die Schilddrüse, dir der Phallus (o)

bedingt vorfristig bedingt weiß bedingt jung

regulieren sich mit psychotherapeutischen Gesprächen

und Hormontherapie wer trägt die Verantwortung

und für was wer sind unsere Richter

wer wer wer ist er

ein Kater der weder lebend noch tot ist

eine Krabbe die schmackhaft und leer ist

der Fisch der den Mund berühren wird

es verfliegt als Bürgerin Laniakea meine Gämse

warte mal laufe nicht weg

***

die Menschen die keine Körper spüren

bewegen kaum in der Dunkelheit

zwischen mit-mir

stimmt-etwas-nicht

und mit-dieser-Welt

stimmt-was-nicht

ich wähle mich und die Welt

meine eigene umkonstruierte

intersektionelle begrenzte flint

organische

die zerfällt in die Politik der Einladungen

in die Politik der Identitäten in die Politik

mit dem Trans-par

ent das zerfällt

zer fall erstens fall zweitens fall steinfall

wie jener Hiob halte ich den Schlag

erstens Durchhaltevermögen zweitens Durchhaltevermögen

drittens ich habe nicht durchgehalten ex plo diere

wie jener Mischa kam ich von den Stadtblumen

wie jene Marina sammelte ich Wildblumen

wieder irgendein Berg im Saum nicht aufgehoben irgendetwas

nichts oder etwas verstand ich wieder kehrte zurück

wie in den Vorzeiten zum menstruierenden wie in den Vorzeiten Körper

der sich schnell bewegt in der Dunkelheit kehrte zurück durch die Rute das Gehirn

durch die Bewegung kam ich zu mir und blieb stehen

in der neuen Wurzel Ge

Ge sage ich zu mir

Ge-schichte

Ge-dichte

mal irgendeine Geschichte mal irgendeine Poesie was ich gehört habe

und dachte wieder nach und hob nicht auf dass ich alles

verstand

***

Pläne schmieden für die Vergangenheit

da es keine Zukunft gibt

____

bald wird A-baj Bajs zu sich holen

Be- äN-, und Ka-

was er nicht tut

das wird Lukas vollbringen

was UNO nicht tut das vollbringt Chronos mit Cha-ronchik

Danik mit Butonchik zart wie eine Blume

Doktor SPOK

schneller OK (X) wird sie alle zu sich holen

hier wird das Volk der Rheim sein, oder eher nicht

oder in jener Ewigkeit in der Leere wird es das Wort Volk nicht geben

nur der toj* der weibliche mutige toj

es wird nur „y“ und „a“ „wir“ und „ich“ geben wird vergessen zu sprechen

wird sich verstecken hinter dem Fenster-Grund

mit den Schwestern werden wir über uns violettfarbene Sonne öffnen

wir werden alle Dienste und Freundschaften mit einem dummen Feuer begießen

das uns nicht gebeugt hat in der Zukunft räumen wir um räumen wir auf

sja und tja und nja und andere Silben

legen mit unserer beweglichen äs-opschen Autor_innen-Sprache-OM!

* toj – Fest, Festessen (Kas.)

Marija Vil’kovsikaja ist Künstlerin, Kuratorin und Poetin. Sie wurde in Almaty geboren und absolvierte das Alamtiner Staatliche Konservatorium von Kurmangaz, die Literaturschule „Musaget“ (2008) und die Moskauer SommerkuratorInnenschule (2013). Seit 2011 kuratiert sie Ausstellungen und kulturelle Projekte in der Sphäre der zeitgenössischen Kunst. Seit 2013 leitet sie gemeinsam mit Ruth Dženbrekova die imaginäre Institution mit dem Namen „Kreol’skij kul’turnyj zentr“. Zu den Projekten gehören feministische Ausstellungen „Vtoroj pol“ („Das zweite Geschlecht“) (2013), Ženskoe Delo“ („Die weibliche Angelegenheit“) (2013), die Sommerschule der zeitgenössischen Kunst (2013), der queer-feministische poetische Sammelband „Ышшо Одна“ (2016), der Sammelband der Queerpoesie „Pod odnoj obložkoj“ („Unter einem Buchdeckel“) (2018). Sie ist Teilnehmerin des ersten Almatiner Poetryslams und von poetischen Festivals „Polifonija“ („Polyphonie“) und „Sozyv“ („Die Einberufung“). Ihre Poesie wurde in den Verlagen „Vozduh“ („Luft“), „Novyj Mir“ („Neue Welt“), „TextOnly“, „Apollinarij“, „Znaki“ („Zeichen“), in der Zeitung „Ышшо Одын“, „Megalit“ publiziert. Außerdem brachte sie das Buch „Imenno s ätogo mesta“ (Genau von diesem Platz aus“) (Almaty 2014) und den Gedichtband „Nekotorye otryvochnye svedenija“ („Einige bruchstückhafte Ausschnitte“) (Verlag: Kaninetnyj uchenyj, 2022) heraus. Marija Vil’koviskaja lebt und arbeitet in Almaty und Wien.

Ayagul Mantaeva: Die Depression

Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/28/prose/ayagul-mantaeva/depressiya/308

Die Erzählung „Depression“ von Ayagul Mantaeva erschien zuerst in kasachischer Sprache und wurde aus dem Kasachischen von Oral Arukenova ins Russische übersetzt.

Zum ersten Mal lernte ich das literarische Werk Ajagul‘ Mantaevas im Jahr 2016 kennen, als ich ihre Erzählung „Die Depression“ im Prosasammelband der zeitgenössischen kasachstanischen Autoren „Нақты қадам“, der mit der Unterstützung des Internationalen kasachstanischen PEN Klubs veröffentlicht wurde, las. Mir gefiel sehr der Stil der Autorin, die Art und Weise wie sie ein in der kasachischen Gesellschaft tabuisiertes Thema streifte und dabei eine neutrale Position wahrte. Die Wekre Ajagul’s kennzeichnen ein sehr feiner Psychologismus und Offenheit. Sie öffnet die aller fragilsten und schwierigsten Themen der kasachischen Gesellschaft, beschreibt Menschen und Ereignisse und nimmt dabei den Leser mit in eine Reflexion, dabei einen Raum für eigene Lesearten bewahrend und das aller bemerkenswerte ist, dass sie sie jeden von uns dazu bringt, über sich selbst und seinen Platz in der Welt nachzudenken. Leider verließ uns Ajagul’ im Juli 2021 auf dem Höhepunkt ihrer Schaffensphase. Sie bleibt in der Erinnerung der Kollegen und Freunde als eine schillernde, unabhängige, schöpferische Persönlichkeit. Ich wünsche mir sehr, dass mehr Menschen ihr Werk kennenlernen. Aus diesem Grund übersetzte ich diese Erzählung in die russische Sprache und möchte auch andere ÜbersetzerInnen dazu anregen, sie in weitere Sprachen zu übersetzen. Es wird sicherlich möglich sein, ihr Werk auch ins Englische und weitere Sprachen zu übersetzen.

Oral Arukenova

Das Licht der Lampe auf dem Pfosten vertrieb die Dunkelheit der Nacht und blendete die Augen: die Beleuchtung des Auls in einer mondlosen Nacht. Die Falter und Mücken wirbelten um den Pfosten herum, so als ob sie sich in die Schnelligkeit des Lichts einordnen wollten.

„Einige von uns sehen Faltern oder Mücken ähnlich. Ich möchte nicht einem Falter ähnlich sehen“, sie atmete auf.

Niemand möchte einem Falter ähnlich sehen.

Sie lächelte traurig und sprach:

„Und du siehst einer wilden Blume ähnlich, die auf dem Grund eines hohen Kelches wächst.“

„Ich möchte mich in einen schneeweißen Vogel verwandeln und hoch zum Himmel fliegen“, sagte ich mit Pathos in der Stimme.

„Die schneeweiße Taube pflückt vorsichtig die wilde Blume aus dem Kelch, hält diese in ihrem Schnabel und schwebt im Himmel“, fuhr sie fort. „Schade, dass ein Falter nicht so hoch fliegen kann: die Flügel sind zu schwach.“

„Mir tun die Falter leid. Eines Tages, als ich noch ein Kind war, schaffte ich es nicht einen bunten Schmetterling zu fangen. Ich wurde wütend und tötete mit dem Besen einen Haufen gelber Falter, die sich auf die Rüben setzten. Dann füllte ich mein Naturkundeheft mit ihnen.“

„Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen ähneln den Beziehungen zwischen einer Blume und einem Schmetterling. Hast du jemals gesehen, dass sich auf eine Blume, die auf der Fensterbank eines Hochhauses stand, ein Schmetterling setzte?“, sagte sie, den Blick fragend an mich gerichtet.

„Es ist dumm, eine wilde Blume mit einer künstlichen zu vergleichen“, antwortete ich.

„Ich spreche von der Ähnlichkeit einer Prostituierten, die nach körperlichen Vergnügungen sucht, mit einem Falter: die beiden spielen ja mit dem Tod“, sie unterbrach abrupt das Gespräch und fragte ängstlich: „Hast du eben eine schwarze Katze gesehen?“

„Eine schwarze Katze?“

„Ist dir nicht diese große, schwarze Katze aufgefallen, die unseren Weg kreuzte?“, fragte sie unsicher.

„Nein, sie ist mir nicht aufgefallen.“

„Ich habe Angst, beim Einschlafen die Augen zu schließen. In meinem Traum kämpfen die schwarze Katze mit ihren Kitten um das Fleisch meines Körpers und nagen an meinen Knochen. Beim Aufwachen habe ich Angst, die Augen zu öffnen. Als unsere schwarze Katze Kätzchen zur Welt brachte, füllte ich den Eimer mit Wasser und ertränkte die blinden Kätzchen der Reihe nach darin. Als die Katze im Frühling bemerkte, was ich da tat, stürzte sie sich auf mich wie ein Tiger und zerkratzte mein Gesicht und meine Hände. Dann schleppte sie der Reihe nach die Leichen ihrer Kinder, die nicht einmal einen Tag gelebt hatten, zum alten Grabmal.

Noch immer hat man die Katze mit dem winzigen, baumelden Körper in den Zähnen vor Augen. Dann schlug ich auf sie mit dem Spaten ein als ich sah wie sie die kleinen Leichen mit der Zunge leckte. Ich weiß, man kann mir meine Grausamkeit nicht als kindlichen Streich verzeihen, das wäre ein Verbrechen. Mein Hass der Mutter gegenüber, die uns fünf Kinder von verschiedenen Ehemännern hatte, verursachte in mir den Hass gegenüber der schwarzen Katze, die ein paar Mal im Jahr Kätzchen warf.

An jenem Tag schwor ich mir, dass ich meine leibliche Mutter umbringen werde, damit sie keine Kinder mehr gebiert. Eine Prostituierte hat nicht das Recht Kinder zu gebären, verstehst du, sie hat keinerlei Rechte dazu! Eine leichte Frau kann nur ein leichtes Mädchen gebären. Wusstest du, dass ich in der zehnten Klasse zwei Mal eine Abtreibung gemacht habe? Verstehst du, dass ich mit meinen eigenen Händen die eigenen Kinder getötet habe, während du, Dümmerchen, deinen Bruder dazu zwangst, jeden Kerl zu verhauen, der nur deinen Zopf berühren wollte?“ Sie krallte sich von beiden Seiten in den Kragen meines blauen Kleides und begann mich zu würgen.

Ich versuchte mich von ihr zu befreien und schrie:

„Hilfe! Man will mich umbringen. Hilfe!“

Ich hörte kaum meine Stimme, da blieb die stumme Nacht mir gegenüber schon teilnahmslos.

„Verzeih mir“, sagte sie, als sie sich wieder fing und die Hände spreizte. „Verzeih mir. Verzeih mir, dass ich dich gleichzeitig liebe und hasse. Gasyr…er spottete über meine Gefühle… Verzeih mir, dass ich ihm einen schnellen Tod wünsche. Verzeih mir, dass ich die ganze weite Welt hasse, alle Menschen in meinem Umkreis. Glaubst du an Schicksal?“, fragte sie und zündete sich eine Zigarette an.

Ihre schönen Finger zitterten. Der Wind wirbelte in ihren schulterlangen Haaren. Die Tränen kullerten die weißen Wangen entlang.

Ich hörte alles, was sie mir gesagt hatte, doch konnte mich aus Angst nicht fassen.

„Ich weiß es nicht…“

„Hast du Angst vor mir?“, sie lächelte spöttisch. „Manchmal habe ich Angst vor mir selbst.“

Das Zittern hörte auf und ich begann zu frieren.

„Nun gut, tschüss! Wir werden uns wiedersehen“, sagte ich und eilte nach Hause.

Ich schlief erst beim Sonnenaufgang ein. Als ich erwachte, spürte ich in meinem Körper Schwäche und hob mit Mühe meinen Kopf.

Ich kehrte zwei Tage später als geplant in die Stadt zurück.

***

Sie und ich waren in einer Klasse. In den ersten Jahren saßen wir gemeinsam an einer Schulbank.  Wir stahlen aus den Rucksäcken unserer Klassenkameraden die Butterbrote, manchmal schwänzten wir zusammen die Schule. In der großen Pause deckten wir gemeinsam unsere Schulbank (wir saßen in der letzten Reihe) und machten ein Picknick: wir bedeckten den Tisch mit den Broten, die wir bei den Jungs geklaut hatten, Fladenbrote, die mit Butter beschmiert waren, ich brachte von zuhause Manty mit, Ajkorkem ein süßes Getränk, das sie in der Schulmensa gekauft hatte. Manchmal luden wir die anderen Mädchen zum Picknick ein, Jungs durften daran nicht teilnehmen, geschweige denn unsere Köstlichkeiten probieren.

 „Schon wieder habt ihr meine Fladenbrote gestohlen“, beschwerte sich der Froschjunge Dias.

„Glaubst du etwa, dass niemand außer deiner Mutter Fladenbrote backt?“, antworteten wir ihm immer mit einer vorgefertigten Antwort.

„Meine Mutter hatte gestern vergessen, sie rechtzeitig aus dem Tandyr herauszuholen und sie brannten etwas an. Ich erkenne sie, das sind meine. Gebt sie mir wieder, ihr Diebinnen!“, entrüstete sich das Äffchen Kurmaš.

„Unsere Mutter ist auch vergesslich, gestern brannte ihr auch das Brot an“, ich wollte nicht die Wahrheit zugeben.

In der siebenten Klasse hörten wir damit auf, den Jungs das Brot zu klauen. Von da an begann sich Ajkorem von mir zu distanzieren. Ich hatte Angst sie zu verlieren, fühlte, dass unsere Freundschaft nun einen Riss hatte. Wobei, möglicherweise, war es ich, die sich distanzierte und nicht sie.

In der Zeit der Krise, in den ersten Jahren der Unabhängigkeit kam Ajkorkem in teuren Kostümen zur Schule, die sie ständig wechselte. Ich bewunderte heimlich ihre Kleidung, war sogar neidisch. Ich selbst trug jeden Tag eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock, der von der Freundin meiner Mutter genäht wurde, die man dazu beauftragt hatte. Ich hatte eine Bluse zum Wechseln, doch keinen zweiten Rock. Ich wusch diesen jeden Sonntag, und wenn er nicht bis Montag trocknete, nahm ich das Bügeleisen zur Hilfe. Ich erinnere mich, wie ich ein Loch mit dem Bügeleisen in den Rock machte, daraufhin schnitt meine Mutter ein Stück von Vaters Hose ab und flickte das Loch mit diesem Stück Stoff. Ich trug diesen Rock bis zum Herbst, bis ich bei der Baumwollernte Geld verdiente und mir davon eine neue Schuluniform kaufen konnte. Der geflickte Rock entfernte mich noch weiter von Ajkorem, ich wurde auf Veränderungen in ihrem Verhalten aufmerksam. Sie schwänzte oft die Schule und war oftmals unpünktlich.

Eines Tages, als ich zu spät zum Unterricht kam, traf ich auf die beiden weinenden Ajkorkem und Asisu, die sich jeweils in den unterschiedlichen Ecken des Klassenraums befanden.  

„Man darf Ajkorkem nicht für die Fehler ihrer Mutter beschuldigen“, sagte die Klassenlehrerin. „Asima du musst sie um Verzeihung bitten.“

„Ich soll sie um Verzeihung bitten, dass ihre Mutter unsere Familie zerstört hat? Wobei, vielleicht soll ich sie als Schwester behandeln!? Sie ist ja zwei Monate älter als ich, vielleicht soll ich sie Epke nennen?  Mein teures Schwesterchen, Epke“, witzelte Asima.

„Wenn die Eltern sich stritten, hörte ich, wie die Mutter zum Vater sagte: Vielleicht ist Ajkorkem deine Tochter?! In diesem Fall wäre sie meine Schwester“, bemerkte der einfältige Kuanyš.

Ajkorkem, die hinter der Schulbank stand und schluchzte, hob den Kopf und schrie:

„Halt die Klappe, du dumme Nuss!“, dann näherte sie sich Asime, gab ihr ein paar Ohrfeigen und sagte: „Du Zicke, wag es ja nicht mich Epke zu nennen!“ Dann wandte sie sich Kuanyš zu: „Ich bin dir keine Schwester, du Blödel!“ Und sie warf ein Buch in sein Gesicht.

Ich begann nicht, sie zu beruhigen, ich hätte dafür so oder so keine passenden Worte finden können. Wir konnten nicht verstehen, das Ajkorkem nicht schuld war an den Sünden ihrer Mutter. Nun, genau diese Tatsache entfernte mich von ihr, und nicht die Tatsache, dass sie schnell erwachsen wurde. Haben wir etwa zu wenige von solchen frühreifen Mädchen wie sie? Seitdem ich meine Zöpfe geöffnet hatte, entfernte mich das Verbot meiner Mutter, Ajkorkem zu treffen, endgültig von meiner Klassenkameradin. Und nach jenem Vorfall verließ uns alle der Gedanke nicht, dass sie „die Tochter meines Vaters, Großvaters oder älteren Bruders“ sein konnte. Obwohl wir nicht darüber sprachen, versuchten wir in der Abwesenheit Ajkorkems gemeinsam zu „bestimmen“, wer ihr Vater war.

Die Schönheit einer Frau, die mit vier Töchtern eine Ehe mit einem Traktoristen einging, ließ den Männern des Auls keine Ruhe. Man nannte die Frau Župar (Die Wohlriechende). Die Männer nannten das Häuschen am Rand „das Wohlriechende“.

Die Frauen des Auls hassten dieses Haus und seine wohlriechende Hausherrin.

„Oh Gott, wie kann man ein „stinkendes Haus“ wohlriechend nennen?“, erzürnte sich meine wohlbeleibte Großmutter.

Die Kartenspieler unseres Dorfes bezeichneten sie mit dem Titel der nackten Frauen auf der Rückseite von Spielkarten.

Zu dem Zeitpunkt als wir uns in die Bibliothek des Kulturhauses einschrieben, um Märchen zu lesen, borgte sich ihr Mann dort haufenweise Bücher aus. Er liebte es zu lesen.  Unser kindliches Bewusstsein zwang uns dazu zu denken, dass Buchliebhaber alle weise seien. Als ich erwachsener wurde, glaubte ich nicht sofort daran, dass seine Frau jemand ist, der ein leichtes Benehmen hat. Wie kann die Ehefrau eines weisen Menschen eine Prostituierte sein? Die Erwachsenen erklärten es damit, dass sie ihn „in ihren Bann gezogen hat“. Als ich sie zum ersten Mal sah, da verstand ich intuitiv, dass sie keiner dieser Frauen ähnlich sieht, die ich früher getroffen hatte. Es war schrecklich für mich, das zu fühlen und zu verstehen. Immer wenn ich sie sah, ertappte ich mich dabei, wie ich ein unbewusstes Gefühl von Angst erlitt. Die Frau kam selten nach Hause aus der Stadt.

Als wir im Sommer die siebente Klasse beendeten, verlor ihr Mann den Verstand. Er hielt in seinen Händen eine Knute, zügelte ein imaginäres Pferd und ritt unaufhörlich durch den Aul. Er rief keine Angst bei mir hervor, mehr Mitleid und Ekel. Keine der vier Schwestern Ajkorkems heiratete, dafür vermehrte sich in unserem Aul die Zahl der unehelichen Kinder.

Ajkorkem…Keiner der Kerle aus dem Aul konnte seine Begeisterung und sein Interesse ihr gegenüber verstecken…Doch keiner von ihnen konnte in Wirklichkeit ihre Schönheit bewerten. Die Männer waren erpicht auf ihre Schönheit, verfolgten sie mit einem wölfischen Appetit. Ich habe mich vor ihr verschuldet, weil ich nicht mehr mit ihr befreundet sein konnte und ihr nicht die Hand reichte im richtigen Moment, weil ich nicht die Trauer in ihren schwarzen Augen zu lesen vermochte.  

**

Ajkorkem und ich trafen uns acht Jahre nach jenem Abschied. Sie hatte zugenommen, um die Augen hatte sie nun winzige Fältchen, die Trauer in ihren Augen wurde noch tiefer.

„Wurdest du immer noch nicht geküsst?“, fragte sie mich verschmitzt.

Ich wurde beleidigt:

„Sehe ich etwa einer Erzieherin im Kindergarten ähnlich?“

„Nein, du ähnelst einer wilden Blume am Grund eines hohen Kelches.“

„Du hast es nicht vergessen. Doch die schneeweiße Taube wird nicht kommen, um mich mitzunehmen in die Höhe.“

„Galym hat noch nicht geheiratet“, antwortete ich, obwohl ich mich von Zeit zu Zeit an den Kerl erinnerte, in den ich verliebt war und ihn sogar vermisste.

„Ich habe dir so viele Briefe geschrieben und bekam keine Antwort“, sagte ich.

„Und ich kann Galym nicht vergessen. Er ist der Einzige, der nicht meine Gefühle erwiderte. Er liebte nicht mich, sondern dich. Ulkig, dass er mir keinerlei Interesse gewidmet hat, mir, die solch eine Schönheit ist.“

„Manche Schönheiten haben bloß Gespöt von den Männern verdient“, erwiderte ich böse.

Sie war gar nicht beleidigt.

 „Du hast eine besondere Schönheit“, sagte sie und küsste mich auf die Wange.

„Ich weiß. Du hältst dich vor mir in Acht, hast Angst vor meinem Wesen, ich habe auch Angst vor dir, du erwürgst die Gefühle in dir, gibst nie zu, dass du liebst oder verliebt bist.

Deswegen vermisse ich dich, obwohl wir so verschieden sind. Ist es dir nicht peinlich, mit mir an einem Tisch zu sitzen?“

„Ich habe dich nicht verstanden…“

„Tu nicht so unschuldig, du aufgeblasene Zicke“, antwortete sie mit einem strengen Ton. „Ich erinnere mich nicht an die Männer, die meinen Körper für eine Nacht kaufen, dafür erinnern sie sich an meinen Körper. Ein Mann kann eine Frau nicht wertschätzen, die sich das ganze Leben um ihn kümmert, dafür erinnert er sich an die Vergnügungen, die er für Geld bekommt. Mein Körper ist mir teurer als mein Gewissen und mein Stolz. Gefühle und Hoffnungen, Fantasien und Wünsche haben mich betrogen. Das Geld, das mir eine Freundin nicht borgen kann, veridene ich mit meinem Körper.“

„Dein Leben – deine Wahrheit“, war das erste, das ich sagte, was in meinen Kopf kam.

„Gestern hatte ich wieder einen Albtraum, ich wachte auf vor Schrecken. Im Traum erschien an meinem Grab eine schwarze Katze. Wenn du dich meinem Grabmal näherst, vertreibe nicht die Katze von dort, die den Grund zerkratzt und durcheinanderwirft“, sagte sie wehleidig. „Lege keine Blumen auf mein Grab, bringe lieber etwas Milch für die schwarze Katze. Wohin ich auch gehe, werde ich von dem Schatten der schwarzen Katze verfolgt. Ist dir die Katze aufgefallen, die in das Fenster blickte?“ Sie glotzte mich an und verstummte.

„Was für ein Unsinn. Katzen sind nicht so ungeheuer. Du hast es dir eingebildet“, ich drehte den Kopf zum Fenster und erblickte eine riesige schwarze Katze, die ihren Blick nicht von uns wandte.

Mein Herz pochte vor Angst, ich fürchtete mich, lange in ihre grünen, verurteilenden Pupillen zu blicken. Vor meinen Augen wurde es dunkel und der Kopf drehte sich.

Am nächsten Tag wachte ich in einem Krankenhausbett auf.

 „Sie haben weder eine schwarze, noch eine grüne Katze gesehen. Die Ängste Ihrer depressiven Freundin beeinflussten Sie. Die Katze erschien in Ihrer Fantasie, Sie haben sie nicht gesehen. Ich verbiete es Ihnen, Ihre Freundin zu treffen. Ansonsten können Sie einen Nervenzusammenbruch erleiden“, sagte der junge Arzt.

„Hätten Sie den Hass in den Augen jener schwarzen Katze gesehen, dann wären Sie auch in einem Krankenhausbett gelandet.“

„Ihr Nervensystem ist an seine Grenzen geraten.“

„Ich bin tatsächlich müde. Nur habe ich nie gehört, dass depressive Menschen sich schwarze Katzen einbilden.“

Der Doktor lächelte und schwieg.

Die weichen Gesichtszüge und tiefen Augen des Arztes erinnerten mich an Galym. Da verstand ich, dass die Gefühle zu dem Kerl im heimischen Aul geblieben sind. Die Stadt ließ die Gefühle gegenüber Galym empfand, erkalten, doch abgesehen davon vermisste ich ihn.

„Wahre Gefühle gehen auch irgendwann vorbei“, murmelte ich.

„Was haben Sie gesagt?“, der Arzt schaute mich fragend an.

„Haben Sie als Kind Tulpen in der Steppe gesammelt?“

Er lächelte und wackelte mit dem Kopf:

„Wir hatten keine Verwandten im Aul. Meine Eltern wurden in einem Kinderheim großgezogen. Also habe ich nie Tulpen im Aul gesammelt, dafür habe ich Setzlinge gepflanzt, den Garten gewässert und Äpfel gesammelt.“

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, erblickte ich einen Strauß mit Tulpen in einer Vase und den sympathischen Arzt, der über meinen Schlaf wachte.

„Ich habe sie in der Steppe gesammelt, speziell für Sie“, sagte er schüchtern und verließ mit einem weichen Schritt das Krankenzimmer.

Ich drückte die Tulpen ohne Geruch an meine Brust und schritt vorsichtig zum Fenster. Draußen roch es nach Frühling. Auf die zitternden Blätter des Urjuks tropfte der Regen, ein auf einem Baumast sitzender Vogel krümmte sich vor der Kälte zusammen. Ich kniff die Augen zusammen und erblickte eine Katze auf dem Baum. Als ich die Augen öffnete, sah ich eine gefleckte Katze, die sich diebisch dem Vogel näherte. Um den Vogel zu verscheuchen, warf ich zwei Tulpen nach ihm.

„Haben Sie keine Angst. Ich sehe diese Katze jeden Tag im Hof des Krankenhauses“, ich hörte eine Stimme und drehte mich abrupt um. „Die Herren der Gefühle sind nicht die Tulpen, sondern das Herz ist der Herr der Gefühle“, sagte der junge Arzt rätselhaft und lächelte.

Ich wand meinen Blick von ihm und blickte schuldbewusst zuerst auf die Tulpe, die auf einem Ast hing und dann auf die, die auf der Erde lag.

„Sie müssen sich für ihr gutes Herz nicht schämen“, sagte er, „denn Sie wollten ja die Tulpen nicht wegschmeißen, sondern den Vogel retten.“

Ich stellte schweigend drei Tulpen in die Vase und blickte den Arzt mit einem Seitenblick an. Er lächelte. Ich verspürte von den Tulpen ohne Steppenduft einen Wohlgeruch der Gefühle.

Ajagul‘ Mataeva – eine kasachischsprachige Autorin und Preisträgerin des Serper Youth Preises. Sie wurde in einem Dorf in Bajkonys geboren und zwar in der Maktaaralsker Region im turkestanischen Gebiet. Sie absolvierte ein Magisterstudium an der russischen Universität der Freundschaft der Völker. Zu ihren Publikationen gehört der Gedichtsammelband „Doždlivaja vesna“ („Der verregnete Frühling“) und das Buch „Nazad k serdcu“ („Zurück zum Herzen“) Im Jahr 2010 bekam sie das Stipendium des Präsidenten in der Kategorie „Literatur“

Nina Trox: „Die Zeichen der Stille“ und „Der Tod und die Engel“ Erzählungen. Korrigiert von Polina Stoppel-Beise

Vom Autor

Diese Erzählung ist ein Puzzle, dessen volles Bild man erst sehen kann, wenn man diese zu ende gelesen hat. Zeit, Situationen, Emotionen – alles, wie Teile eines Rätsels, fügt sich langsam zusammen. Ein zerrissener Erzählrhythmus – der Rhythmus des Lebens der Heldin. Dies ist eine einfache Liebesgeschichte und ein nicht einfacher Weg der Suche nach sich selbst und nach innerer Ruhe.

Erstes Zeichen

Die Katharsis der Seele tritt ein, wenn du einen Menschen anschaust und verstehst, dass du ihn nicht mehr liebst. Dann verschwinden die Beleidigungen, der Schmerz, der Wunsch nach Rache, dann verlässt dich das Gefühl der Anteilnahme für diesen Menschen – die letzte Verbindung reißt. Und die Augen, die dich anblicken, sind nur noch ein Sehorgan, nichts weiter.

Ich liebte es zu beobachten, wie ihre Hände tanzen. Wie die dünnen, langen Finger sich beugen, sich wie ein Fächer öffnen, sich wieder zusammenbiegen, unbekannte Muster zeichnend. Zeichen, die ich nicht verstanden habe, doch sie haben mich bezaubert.

Wir trafen uns zufällig auf einer Ausstellung. Man präsentierte russische Impressionisten. Obwohl meine Wahrnehmung von Kunst nicht professionell ist – „es gefällt mir, es gefällt mir nicht“, ich genieße es hin zu schauen, die Farben aufzusaugen, die Emotionen, die Gefühle. Manchmal fühle ich wirklich. Wenn das natürlich nicht gerade mal „art“ ist oder „sur-sur“, wo alles vermischt ist, wo man eine Übereinstimmung zwischen der Kleckerei auf der Leinwand und dem Titel, nicht einmal mit meiner reichen Einbildungskraft finden kann. Impressionisten sind für mich Kuindzhi, Korovin, Levitan, Serov, Maljavin, Grabar, ich ging an ihren Bildern vorbei und genoss es. Wenn du verstehst, doch nicht so tust als ob, konzentriert die Stirn runzelst, dann verspürst du auch ein Vergnügen daran und fühlst dich nicht wie eine dumme Kuh.

Ich bemerkte sie nicht. Ich hörte ihre Stimme hinter meinem Rücken.

„Hallo, An‘!“

„Das tanzende Weib“ Maljavins verwandelte sich in einen einzigen roten Fleck. Der irre Tanz des „Weibes“ wurde an mein Herz weiter gegeben. Ich hatte Angst mich umzudrehen und stand einige Sekunden wie erstarrt da. Danach drehte ich mich auf einem meiner Absätze.

In der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, hat sie sich kaum verändert. Eine andere Frisur – langes Karre; sie war fülliger geworden – das Gesicht etwas runder; der selbe Blick – gerade und ausdrucksvoll; das selbe Lächeln – ironisch, jedoch zugleich offen, wie das eines Kindes.

„Maja? Hallo!“, atmete ich aus.

„Und ich überlegte schon, bist du das oder nicht? Eine andere Frisur und neue Haarfarbe. Das kurze Haar steht dir. Wie geht es dir?“

„In einer verhältnismäßig instabilen Welt, bin ich verhältnismäßig stabil“, reimte ich drauf los und verstand zugleich, dass ich Unsinn rede.

„Und dir?“

„Ich bin auch okay. Ich besuche eine Künstlerakademie. Ich wollte schon lange das Malen erlernen. Nun besuche ich Ausstellungen, bilde mich weiter.“ Maja lächelte und schaute durchdringend, als ob sie meine Gedanken erraten wollte.

Und ich dachte an nichts. Das innere Zittern hörte nicht auf, mir wurde warm, ich kriegte kaum Luft. Es schien, als ob die Beine mich nicht mehr halten wollen und ich gleich vor ihr auf den Boden falle. Doch eine starke Hand fasste mich am Ellenbogen und zwang mich gerade zu stehen. Ich drehte mich zu meinem Retter um und erinnerte mich, dass ich ja nicht alleine gekommen war. Denis lächelte zufrieden und wandte sich an Maja.

„Solange unsere gemeinsame Bekannte irgendwo in den Wolken schwebt, erlauben Sie mir mich Ihnen vorzustellen, Denis Levickyj!“ er machte die Betonung auf das „y“ und nickte lebhaft.

Wir waren bereits fast ein Jahr miteinander befreundet. Mitten im Semester stürzte ein dürrer, hoher, sympathischer Kerl mit zotteligem Haar in unseren Englischkurs. Er setzte sich, warum auch immer, neben mich, obwohl er dazu beitrug, dass die Hälfte der bereits Platz genommenen Kursteilnehmer dafür aufstehen musste. Zuerst reizte er mich mit seinen Aufschreien, Witzen, unangebrachten Seufzern. Doch dieses Nicht-Ordinäre, der Humor und dabei gleichzeitig eine seltsam zärtliche Sorge um mich, bezauberten mich schlussendlich. Wir schmissen erfolgreich die Kurse, aber wir hörten nicht auf befreundet zu sein, obwohl ich fühlte, dass für Denis das mehr war als einfach nur Freundschaft. Doch wie sagt man es, „womit kann ich dienen“?!

„Ich bin Maja! Hallo!“

Er hob erstaunt eine Augenbraue und drückte zurückhaltend Majas Hand.

„Bestimmt hat man euch schon mit der Allusion zu der uns allen bekannten Biene (Biene Maja, aus dm Trickfilm die Abenteuer der Biene Maja), in den Wahnsinn getrieben, deswegen lass ich dieses Thema.“

„Ach, ich bitte Sie“, Maja lächelte.

„Dann eine vernünftige Frage; wie gefällt Ihnen die Ausstellung?“

Ich traute mich nicht auch nur ein Wort auszusprechen und dankte dem Universum für meinen gesprächigen Freund.

„Besonders hat mir Grabar gefallen! Seine winterlichen Landschaften sind einfach nur überwältigend…“

Maja erzählte, dass ihr Zeichenlehrer Grabar als Beispiel nimmt, um die Authentizität der Wiedergabe des Tageslichts zu vermitteln. Sie sprach, doch ich hörte ihre Worte nicht mehr. Ich blickte sie an, versuchte zu verstehen, was ich an ihr liebe? Wofür? Warum?“

„Was ist sie für dich?“ Diese Frage stellte Denis, als wir nach der Ausstellung im Café saßen. Seltsam wie sich nahe Menschen austauschen können – nur in Form von Gedanken. Telepathie existiert.

„Einst war sie für mich das Wichtigste.“

„Und jetzt?“ Denis reichte mir das Glas mit dem milchigen Cocktail.

„Jetzt ist alles vorhanden, was gebraucht wird, aber nicht mehr.“

„Bin ich nicht mehr?“

„Du bist höher.“

„Ich meine es ernst!“

„Du kannst ernst sein?“

„Anja“, Denis senkte die Stimme.

Ich sah ihn zum ersten Mal in dieser Verfassung. Falten neben der Nasenwurzel, verschobene Brauen, der Adamsapfel zittert nervös. Ja, es ist ernst. Nur nicht heute. Nicht jetzt.

„Dinja, was willst du von mir hören? Wir haben schon längst alles über deine und meine Vorlieben geklärt. Warum erzitterst du Otello?“

„Ich wollte einfach erfahren, was sie für dich bedeutet?“

„Nein, nicht einfach. Nicht einfach nur! Du verhältst dich wie ein Hund, dem man den Knochen wegnimmt. Wir sind Freunde, das ist alles. Wenn es dir nicht passt, auf Wiedersehen. „

„An‘, reg dich nicht auf. Was ist mit dir?“

„Nichts“ Jeder meint, er sei der Nabel der Welt. Also dreht euch jetzt um ihn. Zum Teufel mit allem!“

Ich schnappte mir meine Jacke, die auf der Lehne des Stuhls hing, und begab mich zum Ausgang.

„An‘ bleib stehen!“ schrie mir Denis hinterher.

Doch ich hatte bereits die Tür geöffnet und atmete die kühle Luft ein.

Der Panzer bröselte sich auf. Der Körper zitterte, reagierte auf das Rascheln unter den Füßen, die Autosignale, die Gespräche der Vorbeigehenden. Die Geräusche schlugen auf mich ein und erzwangen eine Vibration – tief in mir. Ich wollte nur eines – Stille, mich von den betäubenden Geräuschen der Stadt befreien, von meinen Gedanken, Erinnerungen,

Weglaufen! Hinter die Grenzen des Hörbaren…

Zweites Zeichen

Ich bin grenzwertig. Meine Grenzwertigkeit bestimmen die Ängste. Sie erlauben es mir nicht, mit den Gefühlen zusammenzuwachsen, die ich erlebe, erlauben es nicht diese zu genießen. Ich bin wie ein Halbblüter in der Gesellschaft von Menschen mit reinem, adligen Blut. Sie sind sich ihrer hohen Position bewusst und bewegen sich mit einem geraden Rücken und einer hypertrophierten Würde. Ich spüre immer eine Verklemmtheit und versuche die Blicke, die auf mich gerichtet sind, zu umgehen.

Auch jetzt würde ich gerne fliehen. Dieser Luftmangel von den aufkommenden Gefühlen jagte mir Angst ein und egal wie pathetisch es klingen mag, ich dachte immer, dass ich dessen nicht würdig bin. Nicht würdig, mit meinem durch Dissonanzen verunreinigtem Blut, diese Euphorie zu spüren.

Sie blickte auf mich, lächelnd, und die Ecken ihrer grünen Augen lächelten mit. Entweder fühlte sie meine Verlegenheit und Unsicherheit, oder sie spielte ein ihr lang bekanntes Spiel. Ich saß gegenüber und spürte ein ohrenbetäubendes, trommelartiges Klopfen des Herzens. Mir schien als ob mein ganzer Körper in jenem hysterischen Rhythmus bebe.

„Warum trinkst du nicht?“, sprach sie und nickte auf das Glas, das ich in meiner Hand festhielt. Ihre Stimme klang selbstsicher, doch mir schien, dass sie etwas zu tief sei für die äußerliche Zerbrechlichkeit ihrer Figur.

„Ich?“, fragte ich noch einmal und im Inneren wurde es kalt.

Sie lächelte noch mehr und sagte: „Aha, es gefällt dir nicht?“

„Nein, es ist einfach…einfach…“, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Tohuwabohu im Kopf füllte sich mit dem Bewusstwerden dessen, dass meine Dummheit alle Rekorde schlägt.

„Ich heiße Maja“, sagte sie und reichte mir die Hand.

Das operative System meines Auffassungsvermögens des Geschehenden brach zusammen, ich konnte nicht einen einzigen nützlichen File finden. Doch der Autopilot übernahm und ich reichte ihr meine Hand. Warme Finger drückten meine Hand und als wir uns losließen liefen ihre Finger zart über meine innere Handfläche.

Für mich sind Berührungen sehr intim. Ich mag es nicht, wenn Unbekannte mich berühren oder sich mit „Bises“ austauschen wollen. Ich erlaube sogar manchen Freunden nicht, mich zu berühren. Möglicherweise ist es der innere Ekel. Oder meine Überzeugung, dass die Berührung eine Form der Übergabe von Energien ist. Und diese Substanz ist bei allen unterschiedlich.

Doch in diesem Moment setzte sich alles auf null und ich verstand nur wenig. Ich antwortetet mit einer Geste auf die Geste der Begrüßung. All meine Abgebremstheit war auf dem bisherigen Level und Maja nahm wieder die Initiative in ihre Hände.

„Hast du einen Namen?“

In diesem Moment, so schien es, arbeiteten alle vorrätigen Generatoren und ich versuchte zu scherzen.

„Ja, ich glaube als ich geboren wurde, wurde mir ein Name gegeben. Anja.“ ich sprach den eigenen Namen nur mit Mühe aus. So als ob dieser fremd war und mir wenig bekannt.

„Anja also, fabelhaft! Hey, Sheri!“ sie hob die Hand nach oben und rief den Barman. „Sheri, Pfote, machst du dem jungen Fräulein Anna eine „Blaue Lagune“, fragte sie den heran gekommenen, subtilen Kerl mit großen Tunneln in den Ohren.

„Für dich, Biene, was immer du dir wünschst“, antwortete er.

„Bist du alleine oder mit jemandem hier?“ Sie setzte sich neben mich auf den freien Stuhl.

„Ich bin mit einer Freundin hier. Sie…Ähm…ist zu Bekannten gegangen. Und ich, nun…“

„Trinkst du diesen ekligen Saft? Oder was ist das, ein „Schraubenschlüssel“?“, fragte sie und hob das Glas bis zur Augenhöhe, um zu verstehen, welches Getränk ich trinke.

„Nein, kein Schraubschlüssel, einfach Apfelsinensaft. Ich trinke nicht.“

Maja lächelte.

„Wer trinkt hier überhaupt? Ich glaube, alle probieren es nur so aus. Ich habe eine deutsche Bekannte aus Dresden, die trinkt. Ich spreche nicht übers Bier. Das ist schließlich das Nationalgetränk, aber sie trinkt Wodka! Einmal waren wir…“

Und hier war die leise Pause vorbei und man hörte nur noch ohrenbetäubende Technomusik.

Dieser war wahrscheinlich der einzig passende Ort für Gays in unserer halb provinziellen Stadt. Die Musik dröhnte nicht die ganze Zeit. Die Pausen mit einer angenehmen, leisen Instrumentalmusik gaben dem Volk die Möglichkeit sich zu unterhalten. Der Klub war nicht groß, doch sehr gemütlich. Sofas, kurzbeinige Tische, Sitzsäcke, auf die sich alle mit Vergnügen schmissen, eine kleine Bühne in der Mitte und eine lange Bartheke, hinter der einige Barmänner standen. Die Gesichtskontrolle war nur eine Formalität, hier kannte fast jeder jeden.

Natürlich war die weibliche Gesellschaft vorherrschend, genauer gesagt die Gemeinschaft, die die Energien weitergab. Dieser unverständliche Ansatz einer aufgeregten Sexualität, einer gefühlten, elektrisierenden Angespanntheit, irgendeiner zärtlichen Sorge und gleichzeitiger Aggression, das alles nahm ich auf und es war unangenehm.

Ich ging selten an jene Orte, wo sich viele Menschen versammelten. Ich hatte irgendeine unbestimmte Angst vor Ansammlungen von Menschen. Und wenn nicht Ritka gewesen wäre, die mich jetzt im Stich gelassen hat und verschwand, wäre ich nicht hier her gekommen.

Maja traf ich vor zwei Jahren an der Uni. Das war mein zweites Studium. Mir wurde langweilig und ich reichte die Dokumente für ein Fernstudium in Jura ein. Ich kann nicht sagen, dass ich davon träumte, ein renomierter Jurist zu werden, nur musste ich mich mit etwas beschäftigen, und das Lernen ist meine langjährige Hingabe zum Zeitvertreib, um nicht an die Gegenwart zu denken. Und in der Gegenwart gab es Einsamkeit, das Lesen von Büchern, die Verbortheit der Mutter, eine langweilige Arbeit als Manager in einer kleinen Firma, die etliche Businessveranstaltungen organisierte.

Erste Sitzung. Das Kennenlernen mit schon erwachsenen Kursteilnehmern, die Einschätzung der Dozenten und das Abzählen der Schmiergelder. Alles nach Standard und vorhersagbar. Außer zweier Treffen, die von der Monotonie der Vorlesungen und wenig aufregenden Unterhaltung mit den Kommilitonen abhoben. Beide fanden in der Universitätsbibliothek statt, beide am gleichen Tag, beide zerbrachen meine Schablonenhaftigkeit.

Die lange Literaturliste für die Fächer stimmte mit der langen Schlange in der Bibliothek, in der ich bereits 15 Minuten lang anstand. Das Quadrat vor der Ausgabetheke der Bücher war voll gedrängt mit Studenten. Lachen, Kreischen, alles vermischte sich, und diese Kakophonie machte lebhaft und erzeugte eine Vorahnung auf etwas Neues. Ich beobachtete, wie eine junge Frau in ihrer Tasche wühlte und nichts finden konnte. Sie stand etwas weiter weg von der Menschentraube und wiederholte mit ihren Lippen „Fuck“.

Dann, nachdem sie die Geduld verloren hatte, schüttete sie alles aus der Tasche auf den Boden und begann auf den Knien stehend in dem Inhalt zu graben. Doch wie seltsam, sie fand nicht das, was sie suchte, nahm die Tasche mit Zorn in die Hand und begann noch wütender in ihr Inneres zu schauen. Als sie eine der inneren Taschen aufmachte, die ich nicht sehen konnte, lächelte sie schief. Und ja, vollkommen nach dem Gesetz des Genres, war das ein Glanzstift für die Lippen, rosafarben. Immer noch auf den Knien stehend, machte sie die Tube auf, nahm einen Handspiegel, der zwischen den Sachen auf dem Boden lag und begann mit einem besonderen Vergnügen mit dem Pinsel ihren Mund zu bestreichen. Nach dem vollendeten Akt räumte sie alles wieder in die Tasche ein, stand auf, richtete sich den Rock und gesellte sich sorgenlos zu ihren stöhnenden Freundinnen in der Schlange.

Für mich ist es immer eine Offenbarung, wenn vernünftige Menschen sich so verhalten. Das sind nicht mal Instinkte, das ist irgendeine glamouröse Hysterie, die sich im Gehirn festgesetzt hat und einen zwingt eine geschminkte Puppe zu sein. Obwohl ich ein professionelles Make-up schätze, das die Schönheit der Frau unterstreicht und das preis gibt, was vor der Allgemeinheit verborgen bleiben soll. Bald war ich die Erste in der Schlange und stand neben der Theke. Das war eine Erschütterung: Vom Äußeren bis zur Stimme, von der Stimme bis zur Manier zu sprechen, von der Manier zu sprechen bis zum eigenen Können, sich zu halten. Vor mir stand die sogenannte „Mademoiselle Freken Bok“, eine Dame von betagtem Alter, runder Kurven, mit leuchtend roten Haaren ( solch eine Farbe entsteht wenn man das Haar mit Henna färbt) zusammengebunden zu einem Dutt im Nacken. Die Lippen, karottenfarben, bildeten eine Linie, die etwas zusammengekniffenen Augen schauten mich abschätzend an, auf den Wangen war eine künstliche Röte, und die Falten unterstrichen mit feinen Linien ihr Alter. Ja, darin war etwas weiches. Ihre große Brust war etwas hin zur Theke gebeugt.

„Kindchen, meine Unwiderstehlichkeit ist allen bekannt. Was möchtest du?“, wandte sie sich abschätzig an mich.

„Bücher“, schoss es aus mir heraus vor Überraschung.

„Ja, so ist es, wir verkaufen hier keine Eiscreme. Was hast du da? Die Menschen warten, Kindchen!“

Ich blickte mich um, so als wollte ich mich von ihren Worten überzeugen. In unerwarteten Situationen und in Stresssituationen stehe ich oft da wie nach einem Kurzschluss. Alle logischen Verbindungen reißen ab. Und ich erstarre dann oder beginne offensichtliche Dinge zu machen. Wie diesmal auch.

Zwei Helferinnen, junge Frauen von etwa neunzehn, zwanzig Jahren, standen schon hinter ihrem Rücken und blickten mich ebenso erwartungsvoll an.

„Ich benötige….hier ist die Liste.“, kam es aus mir heraus.

„Kannst du lesen, Teuerste?“

„Allgemeines Recht, Rhetorik, Strafprozess, Bürgerliche Prozessordnung…“, begann ich aufzuzählen.

Ohne abzuwarten, bis ich zu ende lese, drehte sie sich zu den Frauen um und sagte:

„Diese Schönheit ist von der Fernuni, Juristen, die Standartsammlung“, sagte sie direkt und schnell.

Die Frauen flogen in verschiedene Richtungen.

„Und nun höre zu, Kindchen. Ich heiße Margarita Mihajlovna. Man sollte sich mit mir anfreunden und Geld mitbringen.“

„Das ist vielleicht eine Wende“, dachte ich.

„Meine Gazellchen bringen dir gleich deine Bücher, und du bringst ihnen dafür nächstes Mal Schokolade, sie sind Naschkatzen, was soll man da tun. Und für mich Tesafilm.“

„Wozu brauchen Sie Tesafilm?“, fragte ich.

Sie wackelte mit dem Kopf und antwortete: „Ich foltere gerne neugierige Studenten.“

Jemandes grober Bass hinter meinem Rücken rief: „Guten Tag, Margarita Mihajlovna!“

„Bist du das, Volkov?“, fragte sie etwas hochnäsig.

„Ja!“, antwortete der Kerl. „Ich habe Tesafilm mitgebracht.“

„Dein Tesafilm wird dir nicht helfen, Volkov, solange du Internationales Recht nicht bestanden hast.“

„Ich habe es bestanden.“

„Volkov, ärgere mich nicht“, sagte Margarita Mihajlovna lächelnd.

Hinter meinem Rücken lachte wieder dieselbe Stimme.

In diesem Augenblick setzte sich Margarita Mihajlovna an den Tisch, der neben der Theke stand, setzte sich die Brille auf und wandte sich an mich.

„Kindchen, wollen Sie einen Leseschein?“

Ich nickte.

„Wie heißt du? Gib mir deine Angaben. Oh, göttlichen Götter!“

Ich reichte ihr eine Karte.

„Das heißt du heißt Anna Krylova. So tragen wir es ein.“

In der Schlange tuschelte man mit verschiedenen Stimmen, Gelächter rollte in Wellen an mich heran und ich blickte auf die feurig rote Krone dieser charismatischen Frau und wusste bereits, dass sich mich bezaubert hat. Noch einige Minuten trug Margarita Mihajlovna mit einer geraden, kalligrafischen Schrift meine Daten in den Leseschein ein.

Dann hob sie die Augen, wollte etwas fragen, doch da tauchte ein junges Fräulein auf und schubste mich schmerzhaft mit ihrem Ellenbogen weg. Ihr Anblick war der der bunten Wunderblume aus einem Volksmärchen: aschblondes Haar, eine weit geöffnete leuchtend-rote Bluse, blaue Jeans, rote Strümpfe mit weißen Streifen und gelbe Schuhe.

„Margarita Mihajlovna“, sagte sie fast schreiend. „Ich brauche dringen die Kaz. Geschichte, sofort!“

„Pasechko, hör auf zu schreien, ich bin nicht taub“, antwortete leise Margarita Mihajlovna. „Du hast doch letzte Woche bestanden, du sagtest, dass du dich durchgeschossen hast. Wozu jetzt noch?“

„Ja, Mist, es ist doof gelaufen. Ich dachte sie borgt mir…“, sie stutzte, sich erinnernd. „Ich benötige es unbedingt, Margarita Mihajlovna. Ich werde eine Woche im Archiv Bücher zusammenkleben, wirklich, aber bitte, ich brauche es sofort.“

„Nun Liebes, ich habe dich nicht an der Zunge gezogen. Ich sehe dich dann am Montag nach der Vorlesung im Nebenraum sitzen. Wenn du nicht da bist, komm mir nicht unter die Augen, einverstanden?“

„Ja!“, die junge Frau sprang fröhlich auf der Stelle auf.

Und Margarita Mihajlovna stand langsam auf und ging eilend zum Bücherregal.

In dieser Zeit brachte ihre zwei Helferinnen, wie auf Befehl, jede einen Stapel Bücher für mich. Sie trafen sich, als ob sie sich lange Zeit nicht gesehen haben und begannen etwas auf kasachisch zu beraten. Ihre gelassene Chefin zeigte sich nach einer Minute und hielt ein zerflattertes Buch in ihren Händen.

„Dieses bringst du auch in Ordnung“, sagte Margarita Mihajlovna streng und legte das Buch auf das Regal vor dem lächelnden Paradiesvogel. „Unterschreibe die Karte und weg mit dir, Frechdachs.“

Die junge Frau verschwand genauso plötzlich und zielgerichtet wie sie aufgetaucht war.

„Nun mit dir Krylova.“, sie nickte ihren Helferinnen zu und sie begannen Karten aus den Büchern herauszuholen und mir diese zum Unterschreiben weiter zu reichen. „Diese Bücher darf man nicht einhalten, geh sorgsam mit diesen um, wenn die Vorlesung abgeschlossen ist, bringst du sie sofort zurück.“

Ich nickte auf ihre Worte und unterschrieb die Karten.

Als ich die Bücher in den Rucksack steckte, verstand ich, dass es der Liste nach mehr Bücher sein müssten, als ich bekommen habe. Ein fragender Blick, gerichtet auf Margarita Mihajlovna, wurde richtig interpretiert.

„Den Rest holst du später ab, die brauchst du nicht bis zur zweiten Vorlesung“, erwiderte sie kategorisch und verabschiedete sich mit einem lang gezogenen: „Tschü-u-ss, Krylova!“

Nach diesen Worten schubsten mich die hinter mir stehenden nach vorne, okkupierten sofort die Theke und mir blieb nichts anderes übrig, als mich zum Ausgang durchzuschlagen. Ich versuchte den vollen Rucksack über die Schulter zu hängen und erhaschte mit dem Seitenblick ungewöhnliche Handbewegungen. Ich drehte den Kopf und sah zwei junge Frauen, die in der Mitte der Schlange standen, einander anblickten und, ohne jeglichen Laut von sich zu geben, gestikulierten.

Das war ein wahnsinniger, merkwürdiger Tanz von vier Händen. Ich verstand, dass die tauben Gesprächspartnerinnen sich wegen irgendetwas streiten. Die Gesten von beiden Seiten, waren abrupt. Mal wackelte die eine, mal die andere mit dem Kopf, wahrscheinlich müde von den Erklärungen. Unsere Blicke trafen sich.

Das war die zweite Erschütterung des Tages.

Ich wurde in die Tiefe gezogen, ich machte die Augen auf und schaute nach oben. Mein Körper schwebte, die Sonne war ein flackernder gelber Fleck, und ich fühlte mich aufgewühlt und dieses Gefühl erschien mir so neu, dass ich keinerlei Angst verspürte. Ich wurde vom Paten herausgeholt.

Und in diesem Augenblick versank ich erneut. In derselben aufwühlenden Woge, mit derselben Verschwommenheit alles Umgebenden, mit demselben Gefühlsverlust meiner eigenen Existenz. Diese Sekunde ihres Blickes reichte aus.

Sie drehte sich wieder zu ihrer Gesprächspartnerin und gestikulierte noch schneller. Meine Bücher brachten mich wieder zu mir selbst und ich trug sie aus der Bibliothek. Die Realität bekam einen Riss.

Drittes Zeichen

Ich wachte mit Kopfschmerzen auf. Ich hasse diesen Zustand eines faulen Apfels, wenn jede Bewegung eine weitere Erschütterung ist, wie ein Gele im Kopf.

Die Augenlider heben sich langsam, und die roten Augen – ein Protest irgendetwas zu tun. Doch man muss aufstehen, gehen, sich beeilen und arbeiten. Und…Sie rief nicht an. Die dreitägige Quarantäne war längst vorbei. Eine Woche verging. Eine ganze Woche. Man hat mich abgezogen – so wie man einen Weidenzweig vor Ostern abreißt.

Das Aufstehen vom Bett gelang mir nur mit Mühe. Ich riss den Kopf vom Kissen – wie einen angetrockneten Kaugummi vom Stuhl. Die Dusche half nicht. Das Wasser, das an den verzapften Haare entlang floss, zog den Schmerz hinter sich nach. Und jeder Tropfen, der sich von einer Haarsträhne losriss, glich einer Sprungfeder, die den Schmerz zurück zu der Quelle seines Ursprungs jagte. Jeans, Hemd, eine dunkle Weste, Schuhe „unisex“ und eine leichte Jacke wurden automatisch angezogen. Gut, dass heute Freitag ist und der inoffizielle Dresscode auch so durch geht, ohne weitere Folgen.

Ich – Zombie ging nach draußen.

„Annuška! Annuška, bleib stehen!“, schrie mit einer piepsigen Stimme Ekaterina Matveevna, die Älteste des Hauses.

„Oh, Gott, nur nicht heute!“, dachte ich, bereits ahnend, dass der Tag scheußlich sein wird.

Die herannahende, füllige Dame, versuchte eine Fülle an Informationen in meinen Kopf zu platzieren. Ich fing nur die auf, dass heute, um sieben Uhr Abends, ein Treffen der Bewohner statt finden wird. Die Liste mit den Fragen für die Besprechung ist groß und, dass ich anwesend sein müsse.

Ich nickte, beugte mich vor Schmerz, sagte „gut“ und ging schnellen Schrittes zur Bushaltestelle.

Die Sonnenbrille dämpfte die Strahlen der spielenden Frühlingssonne und die Blicke der Vorbeigehenden. Diese dunkle Abschirmung half mir immer dabei, mich von der Umgebung zu distanzieren.

Bushaltestelle. Drei Jugendliche, ungefähr zwölf Jahren alt, quatschten über die bevorstehende Klassenarbeit und machten sich über die Lehrerin lustig.

Ein altes Weiblein saß friedlich auf der Bank und ich lehnte mich an den Pfeiler, der das Dach der Bushaltestelle stützte, und betrachtete das riesige Werbeplakat, das auf der gegenüberliegenden Seite der Straße an der Hauswand hing .

„Die Waschmaschine „V….“ – erledigt alles für Sie!“ „Wird sie für mich arbeiten gehen?“, dachte ich.

„Gott, wie stupide. Warum habe ich sie selbst nicht nach der Telefonnummer gefragt? Wobei, ist jetzt auch egal, ich hätte sie sowieso nicht angerufen. Ich rufe nicht an, trinke und rauche nicht. Immer nur das „Nicht“ und im Endeffekt – nichts.“

Der Kopf schmerzte immer noch. Eins der seltsamen Dinge meines Charakters, ist ein bewusster Masochismus. Noch in der Kindheit hielt ich viel aus. Ich begann nicht zu weinen, bis der Schmerz unerträglich wurde, öffnete immer die Wunden und mit einem trüben Vergnügen schaute ich, wie aus der Wunde das Blut zu fließen begann.

Ich mochte es, schmerzhafte Gefühle zu erforschen: das tropfende Wachs der Kerze auf die Handfläche: das Ziehen der Weidenrute auf den Oberschenkel; der Effekt eines Gummibandes auf dem nackten Körper. Vielleicht ist es ein unbewusstes Verhalten des Opfers? Auch jetzt, während ich im Bus durchgerüttelt wurde, durchlebte meine Super-Geduld eine weitere Herausforderung. Der Kopf wurde zu einer Glocke, die den ganzen Körper mit Schmerz füllte. Ich beschloss, dass sobald ich auf der Arbeit bin, ich eine Tablette einnehmen werde.

Weitere zwanzig quälende Minuten gingen zu ende, ich sprang nach draußen, noch fünf Minuten zu Fuß, dritte Etage, Büro, der Tisch links am Fenster, eine Schublade und „Spazmalgon“. Das Wasser, kauen, schlucken. Bald geht es mir besser.

„Anja, Anja, was ist mit dir?“, hörte ich Veras Stimme und hob den Kopf. „Anja, was ist passiert?“, wiederholte Vera mit weit geöffneten Augen.

„Ich habe Kopfschmerzen.“

„Ich komme halt auf dich zu – „Hallo!“ Und du sagst kein Wort, sitzt da mit gesenktem Kopf, die Hände verschlossen. Ich dachte schon es ist was Ernstes. Hast du die Tablette eingenommen?“

„Habe ich.“

„Nun gut. Doch wirklich, ist alles okay, du wirkst so blass?“, fragte Vera mit Anteilnahme.

„Mach dir keine Sorgen. Es ist alles okay.“

Vera blickte mich noch einmal aufmerksam an, machte mit den Fingern ein Zeichen, dass sie mich beobachtet und verließ das Büro. Das war ihr Morgenritual. Sie kam in das Büro, zog die Oberkleidung aus, nahm die Tasche und ging in das Damenzimmer, um die Schminke aufzufrischen. Die Prozedur bestand aus dem Folgenden: Tuschen der Wimpern, Korrektur des Lippenstiftes, das Richten der Frisur, seinem idealen Spiegelbild zulächeln und zurückkehren in das Büro, kampfbereit für die „fruchtbare Arbeit für den Segen unserer Firma.“

„Anjuta, der Tag ist wundervoll!“, sagte Vera als sie zurückkehrte. Sie schmiss die Tasche auf ihren Sessel und ging zum Fenster.

„Meine Schönheiten!“ Immer, wenn sie zu ihren Pflanzen sprach, lispelte Vera wie ein kleines Kind. Zimmerpflanzen waren ihre Leidenschaft. Die grünen Okkupanten nahmen alle Fensterbänke ein, standen auf den hohen Regalen, auf einem herrenlosen Schränkchen und auf einem etwas tieferen dreistöckigen Regal, direkt neben dem Tisch der Hausherrin.

„Anja, sind deine weggeflogen? Semjen hat gestern den Chef raushängen lassen, hat nachgefragt.“

„Ja, sind sie. Der Chauffeur hat mich angerufen. Der Abflug wurde zweimal abgebrochen, doch dann ging alles gut.“

Vera umging ihre „grünen Liebhaber“, goss einige von ihnen, bei anderen grub sie die Erde etwas durch, und an manchen brach sie die vergilbten Blätter ab, und dann setzte sie sich mit einem zufriedenen Blick an ihren Tisch.

Zu diesem Zeitpunkt wurde mein Kopf ganz leer. Der Schmerz war vorüber und nur einige unbequeme Noten stöhnten noch zum Takt dieser Glocke, die mich seit dem Morgen quälte.

Ich blickte auf den Monitor. Oh Gott, diese unendlichen Briefe. Bald erwachen die Telefone, die Leitung wird aktiviert und es beginnt der routinierte Kreislauf – vorlesen, aufschreiben, versenden, anrufen, abstimmen, antworten, erinnern, an machen, durchstreichen, nicht vergessen. Wir leben und arbeiten in Verben.

Mein Philosophieren wurde vom eintretenden Semjen unterbrochen.

„Guten Morgen! Anja, sind deine Speaker weggeflogen?“

„Ja, sind sie.“

„Gut, rufe den Koordinator an, einer der beiden ist Vegetarier. Sollen sie ein Menü ohne Fleisch auswählen.“

„Ich habe bereits Bescheid gesagt.“

„Erinnere sie nochmal daran.“

„Ja Sofort!“, antwortete ich etwas harsch.

Erst vor ein paar Monaten saß Semjen mir gegenüber, genau ein solcher Manager, und fluchte über den leitenden Manager, der ihm vorschrieb, wie und was er zu tun hätte.

Semjen ging zu seinem Büro, und ich, wie gewohnt, lächelte ihm nach.

Sein Gang machte mich immer fröhlich. Jeder seiner Schritte glich einem Hüpfen. Und sein Gesäß hüpfte mit, hob seine Hosenbeine an, und ließ seine aufgeputzten Schuhe aufblitzen. Seine Bewegungen erinnerten an den Tanz von fülligen, aufreizenden Afroamerikanerinnen, die sich rhythmisch mit ihren Gesäßen zum Takt der Trommeln bewegten.

Das Telefon klingelte. Es ging los.

Am Abend küsste mich Vera auf die Wange und flog förmlich zu einem Treffen davon, und ich saß noch vor dem Computer und schrieb einen weiteren Brief zu ende. Ich wollte nicht nachhause. Morgen ist Wochenende und ich habe weder Pläne, noch Wünsche.

Maja rief nicht an.

„Was machst du hier?“, Semjen verließ das Büro und verschloss die Tür

„Ich beende einen Brief.“

„Anja, hör‘ zu. Ähm…ich mag es nicht, wie du mir manchmal antwortest, in welcher Tonlage. Ähm, meine Postion hat sich verändert. Ich bin nun dein Leiter…Und die Befolgung einer gewissen Subordination hat niemand aufgehoben“, er stand in der Nähe des Tisches und drückte den Henkel der Laptop-Tasche so fest zusammen, dass seine Knöchel weiß wurden. „Ich hoffe, du verstehst mich?“

Ich blickte auf Semjen und konnte nicht glauben, dass der ehemalige Nörgler, der sich immer über seine Ehefrau beschwerte, die sich nach dem Sex zur Wand dreht, sowie auf die Schwiegermutter, die ständig unzufrieden ist mit ihrem faulen Schwiegersohn, mir heute Lektionen erteilt. Ich atmete aus und antwortete – langsam, jedes Wort hervorhebend:

„Natürlich, Semjen Aleksandrovič, ich verstehe alles. Mein Verhalten wird angemessen sein, und der Ton höflich“, ich wollte noch hinzufügen: „Um ehrlich zu sein, scher‘ dich zum Teufel…“, doch ich drehte mich um und schaute wieder auf den Monitor.

„Also gut. Auf wiedersehen!“

Ich antwortete nicht.

Als ich das Haus erreichte, sah ich die Nachbarn. Ekaterina Matveevna sammelte Unterschriften bei denen ein, die noch nicht weg gegangen sind. Ich wollte mich umdrehen und das Haus von der anderen Seite umkreisen, damit sie mich nicht bemerkt, doch es war zu spät. Ekaterina Matveevna blickte auf mich und winkte mich verzweifelt zu sich.

„Annuška, du hattest es doch versprochen. Wir haben bereits alles besprochen“, ihr Aufpiepsen am Ende jeder einzelnen Phrasen bohrten sich in meine Ohren.

„Wir haben kein Geld für eine Renovierung des dritten und vierten Treppenhauses. Unterschreibe hier, wir werden zusätzlich sammeln. Dann haben wir noch eine neue Aufstellung für das Aufräumen bestimmt. Im nächsten Quartal werden wir mit der Dachreparatur beginnen!“, sie sprach ohne Pausen. „Das Licht blinkte vor ein paar Tagen, jemand hat sich an uns angeschlossen. In den Aufzügen wurden alle Plakate abgerissen, die haben kein Recht, diese dort aufzuhängen. Ja wir haben einen neuen Polizeibeamten zugewiesen bekommen…“

Ich wollte, dass diese Tortur aufhört.

Nach zehn Minuten schaffte ich es, mich von der Ältesten davon zu stehlen, und dies auch nur deswegen, weil sie auf die benachbarte Katzenliebhaberin umschaltete. Sie schmiss sich sofort auf die erschrockene Frau – wegen den Beschwerden der Bewohner auf den Geruch.

Der gestrige Salat mit Lachs war bereits schlecht. Es gab kein Brot. Ich kochte mir einen Zimttee, schnitt ein Stück des Cheddars ab. Die Tischlampe in Form eines Kolbens mit schwimmenden, neonfarbenen Medusen warf unscharfe Schatten auf die Wände. Verschlossene Vorhänge und – Stille.

Die Erwartung ist ein Kampf mit der Zeit. Wenn der Rhythmus des Lebens bewusst wird. Du läufst wie gewohnt, doch spürst du jeden Schritt, durchlebst ihn tiefer, hoffend, dass dies der letzte sein wird. Und wenn er da ist, dann kann man stehen bleiben, ein Häkchen in die Zeit setzen. Mein Kampf verging im Nichts.

Sie wird nicht anrufen.

Viertes Zeichen

Der Zufall, genau der, verändert manchmal das gängige Sujet des Lebens. Sollte man darüber nachdenken, warum das Schicksal diese Überraschungen bereit hält? Wobei, kann jemand eine Antwort darauf geben? Die Analyse funktioniert später, wenn du jenen Moment, der alles verändert hat, verfluchst oder ihm dankst. Der Kaffee wurde kalt. Ritka war immer noch enttäuscht von dem Verhalten ihrer „Ehemaligen“.

„Sie klebte sich an mich, wobei Kitti, noch schlimmer als sie selbst, zehn Meter weiter stand. Ich sage ihr: „Bist du etwa krank?“ Und sie zu mir: „Ich habe Sehnsucht. Kannst du es dir vorstellen? Du hattest recht, als du sagtest, sie sei nicht adäquat. Genau!“

Ich blätterte die Fotos auf Ritas Telefon.

Lächelnde Gesichter, Grimassen, heraus gestreckte Zungen, Hörnchen, wie gewohnt. Diese Serie der Fotografien unterschied sich nicht von den hundert vorigen, von den Abenden, an denen die fröhliche und offene Rita der Stammgast war. Ich strich maschinell auf den Bildschirm, ohne die Gesichter zu unterscheiden, da blieb mein Finger auf einer Fotografie zweier Frauen stehen. Die eine kannte ich, die andere erkannte ich.

„Wer ist es?“, unterbrach ich Ritka.

„Wo? Das ist Maja.“

„Welche Maja?“, die Stimme zitterte.

„Maja, sie kam mit der rothaarigen Tanjka. Kann super tanzen. Warum bist du so angespannt?“

„Ich habe sie in der Uni gesehen, als ich das Fernstudium machte. Erinnerst du dich? Ich hatte es dir erzählt.“

„Aaah, das ist diese Taubstumme? Doch sie kann sprechen, und wie.“

„Sie ist nicht taubstumm, sie ist ein super Übersetzer, ihre Freundin war taubstumm.“

Ich nippte am kalten Kaffee und erinnerte mich, wie wir Tee mit Kommilitonen tranken, in der Unimensa. Die Vorlesung zur Rhetorik, deren Dozentin noch nicht einmal zwei Worte zusammen reimen konnte, war gerade zu ende gegangen.

Mich enttäuschte diese Inkompetenz. Rhetorik, oratorische Kunst, wo sind sie?

Der Gebrauch von parasitären Worten, fehlerhafte Akzentsetzung, im Endeffekt nennt sich der Mensch Pädagoge und versucht dabei auch noch jemandem die oratorische Kunst bei zu bringen. Lustig und widerwärtig zugleich. Und solche Menschen werden von nichts in Verlegenheit gebracht. Vor Empörung hoppelte ich auf dem Stuhl herum und meine Kommilitonen, beide um die vierzig Jahre alt, lächelten mich im Gegenzug verständnisvoll an. Meine Hände flatterten und ich hätte fast den Tee vergossen, und als ich den Becher rechtzeitig schnappte, erblickte ich die schweigenden Gesprächspartnerinnen aus der Bibliothek. Seit dem Treffen sind einige Monate vergangen und während ich auf den Fluren der Universitäten umherirrte, behielt ich die vorbeigehenden Studenten stets im Blick, in der Hoffnung, die beiden zu treffen. Genauer sie.

Maja ging vorne. Ein schwarzes Hemd, ein offener weißer Pullover, blaue Jenas, leuchtend rote Schuhe. Ihre Begleiterin war für mich nur ein unbedeutsamer Hintergrund, den ich eigentlich überhaupt nicht beachtete.

Mein abruptes Schweigen und die Blässe erschreckten meine Kommilitoninnen.

„Was ist geschehen? Geht es dir schlecht?“, rollten die Fragen. Ich machte den Witz, dass ich manchmal hängen bleibe wie ein Computer, der von einem Virus angehalten wird. Und ich versuchte nicht in Richtung des Tisches zu blicken, an dem Maja und ihre zweite Hälfte saßen.

Ich beschäftigte mich oft mit der Frage, was uns am anderen Menschen so anzieht? Welcher Trigger funktioniert plötzlich, sodass die Gedanken an diesen Menschen derart prevalieren, sodass eine gewisse akzeptable Norm überschritten wird? Ist es vielleicht das unbewusste Streben einen Doppler zu finden, sich selbst bis zur gänzlichen Vollkommenheit zu füllen? Chemie? Karmischer Kontakt aus dem früheren Leben? Was? Und das Wichtigste ist, es gibt nichts Konkretes, nicht für sich selbst, nicht für andere, es gefällt einem einfach, das war es. Du spürst es und willst es spüren.

Zum Ende der zweiten Vorlesung, als ich die Bücher abgab, kam ich mit Margarita Mihajlovna ins Gespräch.

„Du wirst die Kriminalistik lernen, Kindchen. Ajgul Serikovna wickelt keine Geschäfte ab, nimmt nichts an. Prinzipiell. Es sollte mehr von solchen geben, dann bleibt vielleicht endlich etwas in euren Köpfen hängen.“ Sie schaute mich aufmerksam über ihre Brille hinweg an .

„Und der strafrechtliche Prozess?“

„Bin ich etwa die Auskunft? Krylova, man muss lernen!“

„Ja, ich verstehe…Margarita Mihajlovna, Sie kennen doch alle?“

„Wozu die Frage? Hm?“, fragte sie erzürnt.

„Ich habe die jungen, taubstummen Frauen gesehen…wie können…wie können sie…lernen…sie sind doch…“

„Krylova, bist du etwa ein Spion oder von Natur aus so neugierig?“

„Nun, einfach so…interessant…“

„Und warum wirst du dann so rot?! Du wirst nie ein Spion werden! Nur die eine der beiden studiert in der juristischen Fakultät, jene, die höher ist, die Blonde. Die dunkelhaarige ist ihre Übersetzerin.“

„Margarita Mihajlovna, sind sie…“

„Oh Gott, Krylova! Du hast die Bücher abgegeben, Schokolade, Tesafilm – auch abgegeben. Jetzt kannst du gehen!“

In der nächsten Sekunde hörte ich.

„Tschü-u-ss, Krylova!“, was bedeutete, dass es keine Fortsetzung geben wird.

Rita und ich schreckten auf. Die Bedienung ließ das Tablett fallen. Wir beobachteten einige Minuten, wie der heran gestürmte Manager sich vor den Besuchern entschuldigt, die mit Kaffeelatte beschmutzt wurden. Und der daneben stehende, plumpe Kellner setzt sich die ganze Zeit in die Hocke, als ob er auf Toilette müsste.

„Sie ist oft in den „Bermudas“. Ich konnte dich ja nicht dorthin mitschleppen, doch vielleicht bist du diesmal einverstanden?“ Ritka kniff die Augen zusammen und blickte mich an.

„Du weißt doch, welche Einstellung ich zu solchen großen Anhäufungen von Menschen habe. Und die Musik dröhnt!“

„Maja wird auch vor Ort sein! Ich habe bereits damals verstanden, dass du ein Auge auf sie geworfen hast. Ich gehe am Samstag. Und du?“

„Ritka!“

„Anjka, hab dich nicht so. Sonst wirst du noch verwildern. Wenn du nicht gehst, werde ich sie mir selbst vorknöpfen. Sie ist nicht schlecht! Schau!“

Ritka fand eine weitere Fotografie, auf der Maja, halb zugewandt zu der Kamera, mit einem Sektkelch in der Hand stand. Sie lächelte und warf den Kopf etwas zurück, sodass man auf ihrem Ohrläppchen drei Ohrringe sehen konnte.

Dieses Bild hat sich irgendwie wiederholt. Wir trafen uns bereits drei Monate. Auf der Datscha unserer gemeinsamen Bekannten versammelten sich ungefähr zwölf Menschen. Ein Zweietagenhaus, eine große Veranda, und hinter dem Haus waren Himbeerhecken. Die Sonne ging langsam unter. Die Hitze verschwand. Musik, Alkohol, Snacks – eine Freude. Maja nahm meine Hand.

„Lass uns Himbeeren sammeln gehen?“

„Was ist mit den Mädels? Wir wollten doch „Krokodil“ spielen?“, ich beobachtete, wie die Herrin der Datscha, die Anwesenden in zwei Teams teilte.

„Zum Teufel mit dem Krokodil. Die Himbeeren sind süß.“ Sie umarmte mich und küsste mich in den Nacken.

„Komm, ich werde dich füttern.“

„Damit hätte man anfangen sollen.“

Maja ging vor. Nachdem ich den Schnürsenkel auf dem Turnschuh zugebunden hatte, eilte ich ihr hinterher. Als ich mich in die Höhe streckte, stand sie bereits bis zur Taille im grünen Laub – mit einem Glas in der Hand. Damals dachte ich, dass ich es bereits irgendwo gesehen hatte. Und Maja pflückte die erste Beere und rief mich.

Ihre Lippen nahmen den Geschmack von Himbeeren an. Ich spürte ihn bei jedem ihrer Küsse. Wir haben uns viele Kratzer eingefangen, als wir uns auf eine Insel um eine große Eiche herum, die frei von Hecken war, durch die Dornen kämpften.

„Verstehe ich recht, dass die süßen Himbeeren nicht das Wichtigste an deinem Vorschlag waren?“

Maja lag neben mir und knöpfte mein Hemd auf.

„Ich würde sagen, das aller Unwichtigste, doch Köstliche“, ihre Hand kroch unter meinen BH. „Du hättest es ahnen sollen, Erdbeere, Himbeere, ist doch alles dasselbe. Nun wird unsere Erdbeere unsere Himbeere sein.“

„Kindchen, du bist durch Pornofilme ruiniert!“

„Und wie!“

Ihre Lippen berührten meine, aber gerade nur so lange, dass ich diesen Satz nicht in die Länge ziehen konnte.

„Wirst du mich noch lange so weiter aufreizen? Ich werde dir…“

„Tsch! Weniger Worte.“

Maja zog ihr Tshirt aus und ich spürte ihre Wärme. Sie zog sich nicht mehr zurück…

Ich nahm ihre Hand weg und stand auf. Maja zog den Pullover dichter an ihren Körper. Im Haus schliefen noch diejenigen, die am Abend nicht weggefahren waren. Ich ging von der zweiten Etage hinunter nach draußen.

Es gab so viele Sterne.

Niemand kam bisher auf den Gedanken, nach zu zählen, wie oft der Mensch sich in einem Zustand vollkommenen Glücks befindet. Genau in jenem Moment, wenn du dir nichts vorstellst, nichts wünschst, sondern die Fülle des Moments spürst. In mir war die ganze Welt. Ein seltsames Gefühl der Vollkommenheit und einer stillen Freude. Das Zirpen der Grillen, Zwergohreulen, die irgendwo in der Nähe saßen, die feuchte Kühle der Nacht. Mein Moment des Glückes, der für immer bleibt.

Fünftes Zeichen

Es war ein farbenfreudiger, leuchtender Tag. Die Sonne schien zu attackieren, denn jedes mal, wenn die Wolken an ihr vorbei gezogen waren, versengte sie mit doppelten Kraft. Es war trocken, heiß, angenehm.

Wir gingen in der Stadt spazieren, in meiner Stadt, die mit ihr zusammen, so anders zu sein schien. Die ruhigen Gartenanlagen wurden durch das Vogelgezwitscher lauter. Schmale Gassen schienen freiräumig zu sein; eben deshalb, weil sie ein Stück weiter entfernt von mir lief. Die grauen Fünfetagenhäuser deprimierten mich nicht mehr durch ihre mausgraue Farbe. Und ich konnte nicht verstehen, wie wir denn diese Welt wahrnehmen können, wenn jemandes Vorhandensein diese Weltwahrnehmung verändert.

Wir setzten uns neben die Fontäne in der Nähe des Opern – und Balletttheaters. Die zu uns fliegenden Spritzer erfrischten uns und machten uns angenehm wach. Maja versteckte das Grün ihrer Augen, kniff diese zusammen, auf die Sonne blickend. Ich hatte meine Sonnenbrille an und beobachtete sie mit Vergnügen, ohne Angst zu haben, dass mein direkter Blick von ihr bemerkt würde. Ich spürte immer noch ein leichtes Unbehagen in ihrer Anwesenheit und wusste nichts mit meinen Händen anzufangen als ich auf der Bank saß. Mal legte ich sie zusammen, mal kreuzte ich sie vor der Brust, mal legte ich die Handflächen auf die Knie, wie ein anständiges Kindergartenkind. Maja näherte sich mir, wahrscheinlich weil sie Mitleid mit mir hatte, ihre Finger rutschten unter meine Handfläche und drückten sie zusammen.

„Weißt du“, sagte sie zu mir, auf die Fontäne blickend, „mein Vater brachte mich in der Kindheit oft hierher. Er mochte es, die Tauben zu füttern. Und ich kann diese nicht ausstehen.“

Sie drehte sich zu mir, blickte mich an und lächelte.

„Warum?“

„Weil ich schon damals Mädchen mehr mochte.“

„Aber Tauben und Menschen, das ist doch…“

„Entspann dich!“, unterbrach sie mich, „Das war scherzhaft. Ich mochte es einfach nicht, mit meinem Vater spazieren zu gehen. Ich schämte mich für ihn, verstehst du?“

„Nein, verstehe ich nicht.“

„Man schaute uns immer an. Taubstumme ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Wie Menschen mit Behinderungen oder Blinde, also Minderheiten. Ich erinnere mich, dass es mir weh tat. Ich konnte ja hören. Trotzdem schaute man auf mich genauso wie auf meinen Vater und meine Mutter.“

„Schauen die Menschen irgendwie besonders?“

„Natürlich. Mit Neugierde und Mitleid. Nun gut. Erzähle mir etwas von dir.“

„Ich? Was soll ich da erzählen?“

„Entschuldige, ich habe keinen Verhörbogen mitgebracht.“

„Ich habe dich bereits vor dem Klub gesehen“, strömte es aus mir, um wenigstens irgendetwas zu sagen.

„Ja, und wo?“

„In der Universität. Ich studiere an der Juristischen Fakultät, und du warst mit einer Frau zusammen, die an der Journalistischen studierte.“

„Ja, das stimmt. Ich half Lena.“ Maja sprach den Namen so weich aus, dass es mich berührte. „Sie hört schlecht, manchmal hat sie nicht alles verstanden.“

„Wie wurdest du zu einem Gebärdensprachedolmetscher?“

„Alles ist vorbestimmt. Wenn du in eine Familie von Tauben geboren wurdest und selbst hörst, dann hast du eine direkte Berührung damit. Seit meiner Kindheit kenne ich die Sprache der Gesten. Nach der Schule bin ich auf die Universität in Nowosibirsk. Dort lebt Mamas Schwester. Und nun bin ich ein Dolmetscher für Gebärdensprache. Und wer bist du?“

„Ich bin Biologielehrerin, aber gescheitert. Nach zwei Praktika wurde mir klar, dass ich einfach kein guter Pädagoge sein kann. Nun organisiere ich Business-Veranstaltungen, Konferenzen, Seminare.“

„Du selbst?“

„Nein, unsere Firma beschäftigt sich damit.“

„Hör mal, es ist so heiß. Lass uns Wasser kaufen“, sie stand auf. „Es ist auch so heiß, weil du bei mir bist.“

Es wurde tatsächlich heiß.

So war es nach dem Tanzmarathon, auf das mich Ritka mitgeschleppt hat. Sie hat mich ungefähr zwanzig Minuten nicht von der Tanzfläche gelassen. Am Ende spürte ich, dass ich bald falle und vor Hitze sterbe, von dem trockenen Hals und dem Pulsieren im ganzen Körper.

In der Damen-Toilette war wie gewohnt eine Schlange. Gut, dass wenigstens eines der Waschbecken frei war. Das kalte Wasser half. Das glühende Gesicht hörte auf zu brennen, zwei Schlucke retteten den Hals.

Als ich raus ging, stieß ich gegen Maja.

„Oh, entschuldige!“

„Alles gut. Wie hat dir die „Blaue Lagune“ gefallen?“

„Ja, sehr gut!“, das Zittern kehrte zurück.

Ich war sauer auf mich selbst. Weshalb diese Reaktion des Organismus? Oder ist es eine Adrenalinausschütting oder ist es Maja, in meinem System der Koordinaten, die den höchsten Punkt der Instabilität darstellt?

„Wenn es so ist, dann kannst du mir vielleicht deine Nummer geben?“

„Nun, ich gebe nicht an jeden meine Nummer heraus“, ich wunderte mich über sich selbst, dass ich dies überhaupt zustande brachte auszusprechen.

„Nun, ich gebe nicht allen ein Cocktail aus“, Maja schmiegte sich fast schon an mich, als einige Frauen sich an ihr vorbei zu den Toiletten drängten.

„Wie denn jetzt?“

Sie nahm ihr Telefon aus der Jeansjacke heraus.

Ihre Nähe legte jeglichen Widerstand lahm, und ich nannte ihr in einem Zustand der Trance die Ziffern.

„Ich werde dich anrufen“, sagte sie und ging zur Tür der Toilette, dann drehte sie sich um, lächelte und fügte hinzu: „Bis bald, Anja!“

Ich konnte nicht schlafen. Dazu kam, dass nach ein paar Stunden dröhnender Musik im Kopf ein nicht enden wollender Lärm ertönte und ihre Worte sich wie auf einer sich wieder und wieder abgespielten Aufnahme im Kopf wiederholten: „Bis bald, Anja!“ Ich wartete auf den Morgen, auf den neuen Tag, dass sie anruft.

„Klingelt dein Telefon?“, Maja reichte mir eine kalte Flasche.

„Ja, entschuldige.“

Ich ging zur Seite. Das war Mama, die anrief. Wie immer, begann sie damit, dass ich sie lange nicht besucht habe. Sie erinnerte daran, dass Sergej morgen Geburtstag hat und sie unbedingt wollen, dass ich dabei bin. Ich versprach ihnen, dass ich da sein werde, sonst würde ich sie nicht loswerden. Meine Mutter war zufrieden mit meinem Versprechen, stellte noch ein paar Fragen und legte dann den Hörer auf.

„Entschuldige. Das war meine Mutter.“

„Du hast dich nicht sehr begeistert angehört.“

„Wie auch, mein Stiefvater hat morgen Geburtstag.“

„Ich sehe, du bist nicht froh darüber. Schwierige Verhältnisse?“

„Wahrscheinlich.“

Maja hob erstaunt die Augenbrauen.

„Mutter und Vater haben sich scheiden lassen, als ich dreizehn war. Nach zwei Jahren kam Sergej dazu. Er ist okay, versuchte mit mir eine gemeinsame Sprache zu finden. Er liebt meine Mutter. Doch ich kann nichts einfach nichts dagegen tun, es nervt mich.“

„So was kommt vor. Das kenne ich von mir selbst. Und, wirst du hingehen?“

„Nein, ich denke mir eine Lüge aus.“

„Du bist also ein schlechtes Mädchen.“, Maja lächelte.

„Und wie, du kennst mich noch nicht.“

„Ist es eine Drohung?“

„Eine Tatsache.“

„Ich mag unanständige Mädchen“, sie machte eine Pause. „Inspiriert mich.“

Es wurde wieder heiß.

Wir gingen noch einige Quartale und bogen in den Park ab. Auf schmalen Alleen gingen Mütter mit Kinderwagen spazieren, auf den Bänken erholten sich Rentner, sich lebhaft unterhaltend, mal hier, mal dort, auf dem Gras, saßen Pärchen. Wir setzten uns in den Schatten eines hohen Kastanienbaums. Das weiche Gras war angenehm kühl. Ich beobachtete, wie in der Weite aus einem Rohr, Wasser in einem Rinnsal fließt und dachte, wenn es vor zwei Tagen nicht geregnet hätte, wäre Maja jetzt nicht bei mir.

Ich bat Sergej um einen freien Tag. Die Woche zuvor blieb ich immer bis neun im Büro, bereitete mich auf die Konferenzen vor. Es regnete und ich war froh, nirgendwohin gehen zu müssen. Doch ich musste raus gehen, der Kaffee und die Milch waren alle, das ist alles für mich. Eine formlose Jacke, eine alte Jeans, Turnschuhe auf den nackten Füßen.

Der Schirm verbog sich von den schweren Regentropfen. Ich ging um die Pfützen herum, sprang über die Bäche, versuchte nicht auf die rosa Regenwürmer zu treten und begab mich in den Supermarkt. Nachdem ich die Straße überquert hatte und ca. hundert Meter gelaufen war, erreichte ich einen von Licht überfluteten Einkaufsladen. Ich streunte eine viertel Stunde lang zwischen den Regalen umher, schnappte mir außer dem Kaffee und der Milch noch andere Kleinigkeiten, bezahlte und ging nach draußen, wo es bereits noch stärker regnete.

Ich musste mich zwei Mal von der Fahrspur zurück ziehen, um nicht bespritzt zu werden, doch im Endeffekt überquerte ich die Straße. Ohne auf die Pfützen zu achten, die Tüten waren schwer, ging ich zum Haus, als ich von einer jungen Frau eingeholt wurde. Ohne Schirm, mit einer übergeworfenen Kapuze einer leichten Jacke. Ich erkannte sie sofort. Maja verlangsamte den Schritt und versuchte aus ihrer Tasche ein klingelndes Telefon herauszuholen. Doch die nasse Hose wollte dieses einfach nicht hergeben. Sie blieb fünf Meter vor mir stehen.

Es verging ein Monat seit unserem Treffen im Klub und ihrem Versprechen anzurufen. Ich dachte mir: „Das hast du so verdient“. Doch als ich die nasse Kleidung sah, und wie sie den Kopf in die Schultern einzieht, um sich vor dem Regen zu schützen, ging ich zu ihr und hielt den Schirm über sie.

Sie drehte sich zu mir und antwortete in den Hörer:

„Um zwölf Uhr dreißig also, das schaffe ich noch.“

Sie benötigte einige Sekunden, um mich zu erkennen und die Verwunderung auf ihrem Gesicht wich einem strahlenden Lächeln.

„Ja, ja“, fuhr sie weiter fort. „Ira macht ein Foto und dann können wir alles besprechen.“

Maja flüsterte: „Danke“, den Blick auf den Schirm richtend.

Ich stand da wie ein braver Page, blickte auf ihre Schulter und traute mich nicht in ihre Augen zu schauen. Und ich wurde wütend und dennoch zugleich froh, und ich spürte ein leichtes Zittern im ganzen Körper.

Nachdem Maja das Gespräch beendet hatte, blickte sie neugierig auf mich.

„Anja, was machst du hier?“

„Du erinnerst dich an meinen Namen, verwunderlich!“

„Ja, ich habe ein gutes Gedächtnis“, sie vertrieb ein paar Tropfen auf ihrer Wange.

„Ich würde sagen, ein selektives Gedächtnis“, beanstandete ich.

„Ja, entschuldige, dass ich nicht angerufen habe. Ich speicherte dich als Anja ab, und in meinem Telefon sind drei Anjas. Ich wusste nicht, wer von den dreien du bist. Es gießt heute, einfach schrecklich. Noch mal danke, dass du mich geschützt hast vor dem Regen.“

Ich wollte ihr glauben. Und es war doch enttäuschend. Alles ist so einfach. Ich dachte den ganzen Monat daran, spielte unser Treffen in Gedanken wieder und wieder durch, beschuldigte zuerst mich, dass ich etwas falsch gemacht hätte, dann sie, weil sie nicht angerufen hatte. Manchmal schlägt der Gedankenmechanismus alle Rekorde und die Kontrolle über die gespielten Fantasien strebt gegen Null. Die Bilder, eines schrecklicher als das andere, machen Platz für einen weitaus mehr illusorischen Schrecken, und an diesen glaubt man am schnellsten. Doch in Wirklichkeit kann alles viel durchsichtiger sein – die Zufälligkeit, die Vergesslichkeit, die Unentschlossenheit. Alles einfach.

Ich wurde wacher und, meinem Prinzip widersprechend, mir schlecht bekannte Menschen nicht zu mir nach Hause einzuladen, sagte ich:

„Ich wohne hier in der Nähe. Du musst trocken werden und ich habe einen zweiten Schirm. Komm mit.“ Wahrscheinlich klang das dermaßen ohne Appell, dass Maja sofort einverstanden war. Erstaunt und leise sagte sie:

„Okay, lass uns gehen.“

Maja näherte sich mir und ich spürte ihren Atem im Nacken.

„Ich dachte jetzt, was gewesen wäre, wenn wir uns vorgestern nicht getroffen hätten?“

„Ich habe auch darüber nachgedacht.“

„Du riechst gut.“

Ich fühlte, wie ihre Hand die Haare von meinem Hals streift und dann einen leichten Kuss.

„Das ist…das ist Shampoo, aus Japan.“

Ich rückte etwas zur Seite.

„Hast du Angst vor mir?“

Ich schaute nicht auf Maja, aber wusste, dass sie lächelt.

„Nein. Doch hier sind Menschen und wir sind nicht in Europa. Und dir gefällt es auch…ja? Es gefällt dir, mich zu verunsichern?“

„Du bist so lieblich verlegen, dass es mir gefällt.“

Das war eines jener Ereignis, in denen die Offensichtlichkeit des Geschehens mich nicht abbremste, sondern mich in eine ganz andere Richtung lenkte, mir Sicherheit gab.

Ich stand auf.

„Dann finden wir vielleicht einen Ort, wo ich nicht verlegen sein muss…Möglicherweise wird dir das viel mehr gefallen“, nach diesen Worten, so schien mir, atmete ich so laut aus, dass der in der Nähe springende Spatz aufflatterte und zwitschernd davon flog.

Für Maja war das unerwartet, wie eigentlich auch für mich selbst. Sie stand auch auf, näherte sich mir ganz dicht und flüsterte:

„Mir gefällt alles, was mit dir in Verbindung steht.“

Ganze zwanzig Minuten später. als ich die Tür zur Wohnung öffnen wollte, konnte ich immer noch nicht mit dem Schlüssel das Schlüsselloch treffen. Maja stand neben mir und brachte mich so sehr zum Lachen, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Die Tür ging endlich auf.

Ich verstand nicht, wie es geschah. Maja ging als erste rein, dann ich und in der nächsten Sekunde drückte ich fest ihre Hände und ihre Lippen küssten meine. Mit meinen Schulterblättern spüre ich die Wand. Ihre Hände streifen hinunter, auf meine Oberschenkel, sie knabbert an meinem Hals. Ich habe Angst, keine Luft mehr zu bekommen, es raubt mir den Atem. Ich ziehe ihr Hemd nach oben und spüre die Hitze ihres Körpers. Meine Jeans ist offen, ihre Finger unten, ich fange ihren Rhythmus auf. Der Kopf dreht sich. Maja flüstert, ob sie mir weh tut, und ich will nur das eine, dass sie nicht aufhört….

Ich höre, wie hinter der Wand die Nachbartür aufgeht…ihre Finger bewegen sich stärker, schneller…Serik hustet wie immer, macht die Tür zu…ich sauge mich in ihre Lippen, ziehe sie an mich…ein Schlüssel klimpert…Maja bleibt für einen Augenblick stehen, blickt auf mich…ich höre die sich entfernenden Schritte des Nachbarn…ihre Finger werden wieder lebendig…Serik flucht auf die streunende Katze…ich stöhne…

Wir konnten noch einige Stunden nicht voneinander los lassen. Langsame Zärtlichkeiten lösen sich mit offener Leidenschaft ab, eiliges Flüstern mit genüsslichen Schreien, ein wahnsinniges Tempo der Bewegungen. Wir teilen miteinander, ohne trennbar zu sein…

Es entsteht ein seltsames Gefühl der Leere, wenn man das bekommt, wonach man sich lange gesehnt hat. Dieses innere Vakuum, die Bewusstwerdung, wo das „Ich“ wie ein Teilchen der gesellschaftlichen Existenz, ausgelöscht wird, und du spürst etwas Großes, Einheitliches. Jenes Level, wo emotionslose Ruhe einkehrt, zu der alle streben. Ich spürte weder Fröhlichkeit noch Unruhe davon, dass sie endlich bei mir war. Es wurde mir einfach warm ums Herz, allein von dem Gedanken, dass ich morgen nicht alleine aufwachen werde.

Sechstes Zeichen

Ich berühre mich mit meinen Händen. Die Arme werden länger und verwandeln sich in zärtliche, grüne Stiele, die mich ganz einlullen, und ich sehe nichts mehr. Ruhe und Zärtlichkeiten. Ich bin frei, allein und das ist gut so, das, was ich jetzt brauche. Es gibt keine Gedanken, nur ein leichtes Schaukeln. Warm, gemütlich, angenehm. So…

Warum können Träume, solche Träume nicht ewig währen? Ich möchte den anderen Raum nicht verlassen, hinein in die reale Realität. Mehr real, als ich es wollte. Ich kann fliegen und nicht fallen, den Vater sehen und mit ihm sprechen, kann barfuß auf der Erde laufen und fühle keinen Schmerz. Ich kann so vieles dort, dass ich hier nichts tun kann. So vieles, was ich hier nicht tun möchte.

In meinen Gedanken spiele ich unser letztes Gespräch ab. Jene Hysterie der Gefühle, jenes Gefühl der Verlorenheit, des Endes. Ich fühle, fühle alles. Ich hasse dieses Wort. Ich hasse es zu fühlen. Ständiger Schmerz in der Brust. Sie heult, als hätte man ein Leuchtturm eines unaufhörlichen, dumpfen Schmerzes in diese implantiert. Schaltet ihn aus, bitte!

Schon wieder ein Morgen. Schon wieder…wozu?

Eine Tasse Kaffee verbrennt die Finger. Ich trinke nicht.

Der Kardiologe sagte, dass das Herz in Ordnung sei. Psychosomatischer Schmerz. Und ich weiß es, weiß es…

Dieses Wissen bringt um.

Seltsam, dafür weiß ich jetzt sicher, dass ich mein Leben nie mit einem Selbstmord beende. Zu schmerzhaft und schrecklich. Welche Dummheit, dass physischer Schmerz den inneren Schmerz ausblenden kann.

Der Verband ist schon wieder feucht. Er muss umgebunden werden.

Bald wieder zur Arbeit…

Ich stehe am Fenster. Der Bus kriecht langsam durch den braunen Brei. Es schneite die ganze Nacht. Kalt. Die Hand zuckt in der Tasche. Ich verbiete es mir, zu denken. Ich mache eine Gedankenkastration all dessen, was mit ihr verbunden ist. Sonst weiß ich nicht, wie ich mich distanzieren kann und alles vergessen. Vergessen…nicht in ihrer Matrix sein…

Schon wieder die Stille. Sie verbietet es den Geräuschen zu mir durch zu dringen. Das beruhigt sogar.

Ich beobachte, wie auf den verschneiten Bürgersteigen vereinzelt Passanten vorbei gehen, sich in Fellmäntel einmummeln, in Jacken, Pelze und ihre Mützen noch fester richten. Das Wetter unterwirft sie sich.

Und ich wollte mich ihr unterwerfen. Es schien, als sei es für mich eine Gesetzmäßigkeit, geleitet zu werden, denn sie inkorporierte Selbstsicherheit, Direktheit, Spontanität, Mut. In mir sind nur die Unentschlossenheit und der Widerwille, gehen zu lassen.

Das erste Mal stritten wir uns vor zwei Monaten. Wir waren im Kino. Der Film war Hollywood-Mist und wir, enttäuscht, beschlossen spazieren zu gehen, und wollten uns dann irgendwo rein setzen. Draußen war es nass und frostig. Schon nach fünfzehn Minuten saßen wir auf weichen Sesseln in einem warmen, gemütlichen Café und warteten auf unsere Bestellung.

„Worüber sprechen sie?“, fragte ich Maja und zeigte auf zwei Frauen hinter dem Fenster, die sich in Gebärdensprache unterhielten.

Maja blickte in ihre Richtung.

„Warum willst du wissen, worüber sie sprechen?“

Ihre Tonlage und Worte schmerzten.

„Einfach interessant.“

„Was ist daran so interessant?“

„Maja, was ist mit dir? Was habe ich Schlimmes gesagt?“

„Du gehst doch nicht zu gewöhnlichen Menschen und hörst zu, worüber sie sprechen? Oder machst du es immer so?“, sie war plötzlich irgendwie fremd, distanziert.

„Maja, ich habe sie einfach nur gesehen und habe dich gefragt – das ist alles. Ohne irgendwelche Hintergedanken oder den Wunsch, dich zu verletzen.“

„Mich? Was habe ich damit zu tun? Taubstumme sind immer wie auf einer Vitrine ausgestellt. Alle anderen starren sie an, wie auf gestikulierende Mannequins. Doch sie sind so wie alle, nicht krank, nicht unvollständig.

Ich verstand nicht, was passiert. Maja wurde blass, ihre Hände zitterten.

„Maja, verzeih mir, ich habe nicht gemeint, dass…“

Sie unterbrach mich.

„Was hast du denn gemeint? Worüber, denkt ihr, sprechen Taubstumme? Bei dieser ist die Tochter krank, sie erzählt wie teuer die Medikamente sind. Was hast du gedacht, worüber sie sprechen? Über die Geheimnisse des Universums?“

„Oh Gott, was für ein Unsinn. Maja, hör auf!“

Die Besucher des Cafés begannen uns anzublicken.

Wir wurden still. Die Bedienung brachte Kaffee und Kekse.

Dann entschuldigte sie sich, sagte, dass die Arbeit ihr den letzten Nerv raubt und wahrscheinlich die Hormone verrückt spielen – Prämenstruelles Syndrom. Sie umarmte mich, bat mich um Verzeihung, flüsterte, dass ich ihr sehr viel bedeute und sie selbst nicht versteht, warum sie so aufgebraust ist. Und später hat uns die Nach völlig versöhnt.

Jetzt ist auch fast Nacht. Ich hasse den Winter. Es entsteht der Eindruck, dass es keinen hellen Tag gibt. Du sitzt im Büro, beleuchtet vom Lampenlicht, durch die Jalousien siehst du auch kein Tageslicht, du lebst in der Morgen- und Abenddämmerung.

Und im Büro brennt Licht.

„Bist du etwa zu spät? Hallo!“, Vera klopfte auf die Tastatur. „Semjen ist heute wütend wie ein Hund. Hat nach dir gefragt.“

„Hallo! Wie viel Uhr haben wir?“, ich ging zum Tisch und legte den Pelzmantel auf den Sessel.

„Schon halb neun? Was ist mit der Hand?“

„Ich habe mich am Messer geschnitten.“

„Oh, wie das!“, Vera hörte auf zu tippen und blickte auf meine Hand. „Warum hast du sie so schlecht verbunden. Wo ist unser Arzneikasten?“

„Vera, es ist alles gut.“

„Nichts ist gut.“, sie ging zu der Schublade und nahm den Arzneikasten heraus.

„Zeig her, was hast du da? Mist, schau, das Blut sickert durch.“ Vera begann vorsichtig den Verband zu öffnen.

„Warum warst du so unvorsichtig…“, sie machte den Verband ganz auf und verzog das Gesicht, als sie die Wunde sah.

„Teure, hier muss man nähen.“

„Nein, das verheilt.“

„Anja, was redest du für einen Bockmist! Die Wunde ist tief.“

„Vera, mach sie zu und ich beginne zu arbeiten.“

„Wie soll man hiermit arbeiten…“, sagte Vera beleidigt.

Ich fasste sie mit der gesunden, rechten Hand an die Schulter.

„Vera ich bitte dich, verbinde sie einfach!“

Sie gab nach.

„Dann werde ich die Wunde wenigstens bearbeiten.“

„Gut“, war ich einverstanden.

Semjen kam mit rotem Gesicht aus seinem Büro, sichtlich genervt. Ich telefonierte mit einem Kunden.

„Anja, später zu mir ins Büro!“, sagte er laut und ging wieder zu sich ins Büro.

Vera blickte mich mitleidig an und hob die Faust in die Luft, als Zeichen der Unterstützung, als ich die Bürotür Semjens öffnete.

„Krylova, warum rufen mich Kunden an und beschweren sich über die Arbeit der Dolmetscher?“

„Ich weiß es nicht“, er bot nicht an, mich zu setzen, also setzte ich mich selbst auf den Stuhl, der neben seinem Tisch stand. „Ich beauftragte jene Dolmetscher für das Projekt, die du mir empfohlen hast.“ Er stutzte.

„Du hättest während der Konferenz ihre Arbeit kontrollieren müssen.“

„Ich spreche kein italienisch, wie hätte ich sie überprüfen sollen. Sie beide saßen in ihren Kabinen, kamen nicht raus, nach fünfzehn Minuten wurden sie ausgetauscht. Wie gewohnt.“

„Warum sagt dann der Kunde, dass die Übersetzung nach der Kaffeepause schrecklich gewesen war?“ Das Ende der Phrase schrie er fast.

„Woher hätte ich es wissen sollen, wenn du mich in Veras Symposium hast wechseln lassen. Du hast selbst angerufen oder erinnerst du nicht mehr? Du sagtest, dass bis zum Ende nur noch zwei Stunden verblieben, und dass sie auch selbst klar kommen können.“

Ich erhob ebenfalls meine Stimme. „Du brauchst nicht alles auf mich zu schieben!“

Er wurde noch roter im Gesicht. Klopfte mit den Fingern auf den Tisch und dampfte, wie ein kochender Teekessel.

„Ihr…Ihr alle müsst Verantwortung für eure Projekt übernehmen.“

„Das tun wir. Nur muss auch der Leiter, dem wir uns unterwerfen, der Subordination entsprechend, ebenso Verantwortung tragen. Ist es nicht so, Sjemen Aleksandrovič?“

„Was erlaubst du dir…wie redest du überhaupt mit mir?“

„So wie du es verdient hast“, ich war in Rage. „Nicht nur, dass du von nichts eine Ahnung hast, du willst dich auch mit nichts auseinandersetzen, wenn Hilfe benötigt wird. Und vor allem bist du unfähig zu leiten, geschweige denn Menschen oder Ressourcen zu organisieren und lässt alles an uns hängen.“

Semjen sprang auf. Schockiert von meiner Offenheit, wusste er nicht, was er sagen sollte. Er drehte den Kopf von der einen Seite auf die andere und suchte nach Worten.

„Ja, du….Ich werde dich…“

„Was wirst du mich?“

„Du dumme Lesbe. Glaubst du, ich weiß es nicht?“

Ich stand auf.

„Weißt du warum sich deine Frau nach dem Sex immer umdreht? Weil sogar sie versteht, was für ein Depp du bist. Wahrscheinlich bist du ihr genauso zuwider wie mir.“

Ich machte die Tür so laut zu, dass sogar Vera im Sessel aufsprang.

Die Tränen liefen erst in der Toilette. Dort, ohne sich beherrschen zu wollen, heulte ich mit beiden Händen vor dem Gesicht laut los. Nach einer Minute kam Vera zu mir und umarmte mich.

„Was geschieht mit dir, Anja? Was ist los?“

Ich konnte nichts sagen, schluchzte nur.

Zuhause rollte ich mich ein und lag lange auf dem Sofa. Die eingereichte Kündigung ließ ich bei Vera übergeben. Morgen muss ich sie noch in all die Aufgaben und Einzelheiten einarbeiten. Hauptsache ich treffe diesen Mistkerl, Semjen, nicht. Ich ging davon aus, dass die Kollegen es ahnten und ich wusste auch, dass Semjem ein Homophob ist, aber ich ahnte nicht, dass er so weit gehen wird.

Genauso dachte ich nicht, dass Rita Maja bat, sich neben mich zu setzen und mich kennen zu lernen im „Bermudas“. Das erfuhr ich erst während einem weiteren Streit. Maja schlug die Tür zu und ging, und ich wählte Ritkas Nummer. Sie gab es zu und rechtfertigte sich damit, dass ich niemals als erste auf Maja zu gegangen wäre, ich wäre auch weiterhin so allein dort sitzen geblieben, seufzend und nach ihr schmachtend. Ich parierte, dass man sich nicht in das Leben anderer einmischen sollte, und alles wäre anders gekommen. Ritka zog sich nicht zurück, sagte, dass sie helfen wollte. Ich sei wie ein Stachelschwein, das seine Stacheln ausfährt und glaubt, dass alle mir nur Schlechtes wollen. Wir haben uns noch lange all die Dinge vorgeworfen, die wir dachten, bis ich sie zum Teufel geschickt und das Telefon ausgeschaltet hatte.

Wir versöhnten uns erst nach einem Monat.

Ich wurde zu einem Dreipunkt. So als ob man mich unterbrochen hätte, und es keine Fortsetzung gab. Ohne Maja füllte ich mich mit Stille. Irgendwann im Gespräch erzählte sie, dass sie bis sie drei Jahre alt wurde, nicht gesprochen hat. Die Stille zuhause, die Stille der Eltern waren natürlich. Draußen wollte mit einem tauben Mädchen niemand spielen. Erst als die hörende Tante zu ihnen zu Besuch kam, bestand diese darauf, dass man Maja in einen Kindergarten schicken sollte. Maja begann bald zu sprechen, doch sie wollte trotzdem so schnell wie möglich nachhause, um in der Stille zu verweilen. So habe auch ich mich mit den geschlossenen Fenstern und dicht zugezogenen Vorhängen von jeglicher Einmischung von außen isoliert. Die Welt schrumpfte bis zum Umfang des Bettes zusammen. Diese warme Höhle distanzierte alles von mir, was an Bedeutung verloren hatte. Die Atrophie der Wünsche wurde an den Körper weitergegeben. Ich bin ein Knäuel…

Ich ging eine Woche nicht aus der Wohnung. Doch meine Mutter rief mich jeden Tag an und bestand mit Drohungen und Überredungen darauf, dass ich Silvester mit ihnen gemeinsam feiere.

In den letzten fünf Jahren, die ich eigenständig hier lebte, habe ich nie bei ihnen Silvester gefeiert.

Alles war heimisch. „Oliv’je“, „Hering im Pelzmantel“, „Buzhenina“ aus Schweinehals, die Sergej zubereitet hatte, Brote mit Kaviar und Mutters bekanntes „Lecho aus Paprika und Tomaten“. Ich half, den Tisch zu decken, man holte ein Service mit blauen Tellern und Omas Weingläser heraus. Die Mutter sprach die ganze Zeit am Tisch, erzählte über ihre Verwandten, darüber, wie ich in der Kindheit war, über die Nachbarin Valentina, die die Männer päckchenweise wechselt, über die neue russische Serie, in der alles so echt und realistisch ist. Sergej baute ab und zu ein paar Worte ein, lachte, blinzelte mir zu. Ich sah, wie sie sich bemühen, mich zu unterstützen.

Um zwölf Uhr stießen wir an, ich habe es nicht einmal geschafft, mir etwas zu wünschen. Normalerweise hatte ich eine Liste mit Wünschen, ich versuchte immer, diese so schnell es geht in meinen Gedanken durch zu gehen, solange noch das Glockenspiel im Fernseher spielte. Doch dieses Jahr – nichts.

Nach ein paar Minuten explodierte das Feuerwerk. Ich ging ins Zimmer, dort konnte man es besser sehen. Ich stand am Fenster und blickte auf die sich windenden Böller, mit bunten Lichtern, und auf meinen Wangen kullerten Tränen. Ich hielt sie nicht zurück.

„Schön, nicht?“ meine Mutter näherte sich mir.

„Ja.“

Sie umarmte mich und drückte sich an mich.

„Alles wird gut, Tochter. Alles wird vergehen. Der schwarze Lebensstreifen ist schon vorbei, im Neuen Jahr wird alles anders.“ Sie küsste mich auf die Wange.

„Ich liebe dich, Mam!“

„Ich dich auch, meine Gute. Ich liebe dich sehr!“

So standen wir lange da. Und im Himmel tauchten neue Raketen auf, explodierten in der Höhe mit leuchtenden Funken. Die Menschen schrien, klatschten, beglückwünschten einander.

Ein neues Jahr begann – ohne Wünsche.

Siebtes Zeichen

Das Samsara-Rad machte eine Umdrehung. Der Kreislauf war vollendet. Das Universum oder das Schicksal gibt mir die Möglichkeit, mit meinen alten Gefühlen, Emotionen und Beziehungen ab zu schließen. Zu befreien und das Weiterleben zu erlauben, ohne die Last des Nachtragens und der Verärgerung zu spüren. Das Wichtigste ist es, anzunehmen und loszulassen.

Ich hoffe, ich kann es.

Maja schaute auf mich, und ich auf sie. Wir schwiegen. Denis ging weg um zu telefonieren. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich ein Unbehagen im Schweigen. Ich vermisste die Augen, das Lächeln, das Zucken der Schultern wenn sie sich unbequem fühlte. Die Falten in den Ecken der Augen wurden noch sichtbarer. Das innere Zittern verging und ich fühlte nichts, wie ein außen stehender Beobachter, der nur hin sah, mit der Vergangenheit verglich, ohne zu bereuen.

Maja hielt es als erste nicht aus.

„Du hast einen ulkigen Freund.“

„Ja, so ist er.“

Eine Horde Studenten betrat den Ausstellungsraum. Ihre Leiterin, eine hohe Frau im Hosenanzug mit einem bordeauxfarbenen Lippenstift, bat sie sich ruhiger zu verhalten. Die Studenten verstummten, doch nach ein paar Sekunden war der betäubende Lärm wieder da. Die Kursleiterin bat sie wieder, leise zu sein und es wiederholte sich alles. Maja und ich beobachteten sie. Doch bald näherte sich der Gruppe die Ausstellungsführerin und führte sie in das weite Ende des Raumes.

„Und ich bin froh, dich zu treffen, wirklich“, Maja wurde ernst.

„Ich bin auch froh, dich zu sehen.“

„Anja, du“, sie nahm mich an der Hand. „Verzeih mir…es ist alles so dumm gelaufen…ich wollte dich anrufen…“

Ich spürte die Wärme ihrer Hand. Im Inneren drückte sich alles zusammen.

„Ich dachte, unsere Wege werden sich irgendwann kreuzen und wir werden sprechen“, fuhr Maja fort. „Ich habe einige Male Rita getroffen, aber sie hat mich noch nicht einmal gegrüßt. Verstehst du, mir fällt es wahrscheinlich einfacher mit Tauben…Anja, ich wollte es dir erklären…sogar…“

Denis kehrte zurück. Maja ließ meine Hand los.

„Habt ihr mich vermisst? Meine Damen, ich habe dort ein faszinierendes Bild von Korovin gesehen. Vielleicht schauen wir uns das mal an?“

„Ja, klar.“, antwortete ich schnell.

Und dann schritt ich zu Denis, der in die Richtung zeigte, wo sich das Bild befand. Maja zögerte.

„Maja, ich bitte dich!“, Denis bemerkte ihre Verlegenheit, nahm den Ellenbogen weg und bat ihr an, ihn unter den Arm zu halten. „Das sind nur ein paar Meter. Ich werde euch begleiten.“

In diesem Moment näherte sich uns eine junge Frau und berührte Maja, die ihr den Rücken zugewandt hatte, an der Schulter.

Maja drehte sich um und umarmte die Frau.

„Das ist Lisa!“, Maja sprach und gestikulierte gleichzeitig.

Lisa begrüßte uns mit der Hand.

Dann stellte Maja uns ihr vor. Wir begrüßten uns. Lisa zeigte irgendetwas mit Gesten.

„Lisa sagt, dass sie froh ist, euch kennen zu lernen“, übersetzte Maja.

„Für uns ist es ebenfalls angenehm!“ antwortete Denis für zwei.

Ich nickte. Eine Pause entstand.

„Nun denn, bewegen wir uns zu Korovin“, Denis machte mit dem Kopf ein Zeichen.

„Nein…wahrscheinlich“, Maja blickte auf die Freundin. „Lisa ist jetzt erst gekommen, wir beginnen von vorne.“

„Nun denn, gut! Nochmal, es war schön, euch kennen gelernt zu haben! Maja, Lisa!“ Denis verneigte sich.

Ich atmete tief ein.

„Ich war froh, dich wiederzusehen, Maja. Lisa, alles Gute. Aufwiedersehen!“

Maja übersetzte alles in die Sprache der Gesten.

Lisa winkte uns wieder zu.

„Ja, hat mich auch gefreut. Aufwiedersehen!“, rief Maja. Sie wollte noch etwas sagen, doch überlegte sie es sich anders und lächelte nur.

Denis und ich musterten das Bildnis Korovins „Kapuzinerkresse“.

„Klasse, oder? Wie viel Luft, Farbe!“, sagte Denis begeistert. „Und wie viel Sonne! Alles ist wie erleuchtet durch die Sonne…“

Er hörte nicht auf zu reden – der Einfluss seiner Mutter, die Kunsthistorikerin war, zeigte sich. Und ich dachte an etwas ganz anderes.

An jenem Tag gab es auch viel Sonnenschein. Das Licht wurde vom Schnee, der gerade erst gefallen war, reflektiert und blendete die Augen. Es war frostig und frisch. Maja und ich waren fast den ganzen Tag spazieren und gingen nachhause um uns umzuziehen. Wir wollten den Samstag Abend im Theater ausklingen lassen. Ich habe einige Male vorgeschlagen, zusammen zu ziehen. Maja brachte einen Teil ihrer Sachen zu mir, doch endgültig zog sie nicht bei mir ein.

Wir aßen ein paar Brote und tranken Kaffee. Nach der Dusche lief ich durch das Zimmer in Unterwäsche und konnte nicht entscheiden, was ich anziehen sollte. Maja sprach am Telefon. Auf meine Fragen: „Wird sie duschen? Was zieht sie an? Wann sollen wir das Taxi rufen?“ schwieg sie.

Ihre Apathie begann mich zu reizen. Ich bemerkte, dass wenn wir uns alleine irgendwo aufhielten, sie sich verschloss. In der Gesellschaft von Menschen war sie lebensfroh, redselig, aktiv, manchmal sogar aggressiv. Doch wenn niemand in der Nähe war, veränderte sich ihr Gemüt. Sie sprach kaum, dachte über etwas nach, antwortete, als ob es sie Kraft kosten würde.

„Maja, bist du bereit? Wir müssen bald los.“ Ich stand angezogen neben dem Schrank, vor dem Spiegel und tuschte mir die Wimpern.

„Vielleicht gehen wir doch nicht?“

„Wie, wir gehen nicht? Wie hatten doch alles daran gesetzt, Tickets zu bekommen für das Theaterstück.“

„Ich will nicht.“

Ich hörte auf mich zu schminken und drehte mich zu ihr.

„Na super! Wozu stehe ich hier und schminke mich? Was geschieht hier überhaupt? Du bist den ganzen Tag nicht in der Stimmung. Du sagtest, dass unsere Wochenenden langweilig sind.“

„Sei still.“

„Was?“, ich ließ vor Empörung die Wimperntusche fallen.

Maja machte irgendeine Geste mit ihren Armen.

„Was bedeutet das?“

„Dass du mich nervst!“

„Maja, was zum Teufel…?“

„Gar nichts. Du schleppst mich…ich kann nicht…ich will nicht…“

„Was willst du nicht?“

Sie blickte mich an, in ihren Augen standen die Tränen. Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Ich verstand nichts.

„Bleib stehen. Es reicht. Sprich mit mir!“

Ich ging ihr hinterher. Sie stand in der Küche am Fenster.

„Du…mir geht es nicht gut…“, Maja atmete auf, schwieg eine Sekunde und als sie ausatmete, sagte sie: „Mit dir…“

„Wie mit mir? Was bedeutet das?“

Ich spürte den Schweiß auf meiner Stirn. In dem Bereich der Brust drückte es und das Gefühl einer herannahenden Panik blieb im Hals stecken.

Maja blickte mich an, auf den Wangen rannten die Tränen.

„Wir…wie müssen uns trennen…“

Ich zitterte.

„Maja, was geschieht hier? Was ist das für ein Theater? Was zum Teufel?“, ich schrie.

„Schrei nicht!“, Maja wischte sich die Tränen mit der Handfläche ab. „Du redest immer…Es ist zu viel…von dir.“

„Ich spreche?“ flüsterte ich, ohne zu verstehen.

„So viele Worte…“, Maja schluchzte. „Ich kann so nicht…es gibt keine Stille…Entschuldige…ich dachte, wir können….Dachte ich kann…“

Ohne zu wissen, was ich sagen sollte, ging ich zu Maja und umarmte sie. Sie drückte sich an mich und weinte.

„Was ist los, meine Liebe? Maja, Sonnenschein, alles ist gut. Wir sprechen und lösen alles.“

Sie distanzierte sich, schaute mir in die Augen. Ihr Kuss, zuerst so zärtlich, dann leidenschaftlich, riss so unerwartet ab, dass ich schaukelte, und fast hingefallen wäre.

„Ich kann nicht“, flüsterte Maja in mein Ohr und lief aus der Küche heraus.

Ich hörte, wie sie sich im Flur fertig machte, wie der Schlüssel erklang, doch mein Zittern gab mir nicht die Möglichkeit mich von meinem Platz zu bewegen.

Erst als die Wohnungstür aufging, konnte ich mich umdrehen und rufen.

„Nein Maja, geh nicht!“

Die Tür fiel ins Schloss.

Dann folgten abgelehnte Anrufe, Nachrichten ohne Antwort. Unsere gemeinsamen Freunde sagten uns, sie sei weggefahren. Und nach zwei Wochen, als ich am Abend nachhause kam, bemerkte ich, dass Maja all ihre Sachen abgeholt hatte.

Irgendwann sagte Sergej zu mir, bei dem mir niemals zuvor eine besondere Neigung zur Philosophie aufgefallen ist: „Der Schmerz lehrt uns zu lieben.“ Ich konnte diese Phrase lange nicht verstehen, geschweige akzeptieren. Der Schmerz lehrt nur den Schmerz. Du lebst mit ihm, durchlebst ihn, findest dich mit ihm ab, versuchst ihn zu betäuben. Was hat Liebe damit zu tun? Doch langsam, wenn der Schmerz nachlässt, beginnst du zu verstehen, dass egal wie unerträglich es ist, du weiter lieben wirst. Du fährst damit fort, ein Ebenbild im Gedächtnis zu bewahren, sprichst mit ihm, vermisst ihn. Können wir wirklich denjenigen gehen lassen, den wir geliebt haben?

Vielleicht ist es gerade der Schmerz, der in uns das Verständnis von Liebe konzeptualisiert? Und wir fahren fort damit zu leben, mit diesem durchlebten Gefühl. Und bereits wissend, lassen wir uns auf neue Beziehungen ein, und hoffen, dass es diesmal anders wird.

Am nächsten Tag, nach der Ausstellung, fuhr ich zu meiner Mutter. Sie und Sergej kehrten gerade aus Italien zurück und mich erwartete ein Tuchfest. Eine Jacke, zwei Jeanshosen, hohe Schuhe, vier Shirts und zwei Pullover, die auf dem Bett lagen. Ich probierte mit Vergnügen die neuen Sachen an und war meiner zufriedenen Mutter sehr dankbar. Sergej machte die Flasche „Taurazi“ auf. Ich mag keine trockenen Weine, doch probierte davon, feierte ihre Rückkehr und den guten Urlaub.

Nach dem gemeinsam verbrachten Silvester näherten Sergej und ich uns einander an. Er vermittelte mir einen Job in einer Firma seines Freundes, half mir mit der Renovierung der Küche und ich erfuhr, welch interessanter und tiefgründiger Mensch er ist.

Beim Gespräch über Verona und das Schauen der Fotografien, rief Denis an. Entschuldigte sich, bat mich, uns zu treffen.

Nach zwei, Stunden brachte ich die Geschenke nachhause und fuhr mit dem selben Taxi zur Anlage neben dem Opern-und Balletttheater.

„Hallo Teure!“ Denis küsste mich auf die Wange. „Mir wurde also verziehen, da du da bist?“

„Hallo! Womöglich. Warum hier?“

„Warum nicht? Ein super Ort und die Fontänen funktionieren noch.“

„Ja, die Fontänen“, ich erinnere mich an die lächelnde Maja und ihre Hand in meiner Hand.

„Anja, entschuldige mich, ich habe meine Nase hinein gesteckt, wo man sie nicht hinein stecken sollte. Höfliche, jüdische Jungs verhalten sich nicht so, doch du hast leider Pech mit mir, ich bin schlecht erzogen. Verzeih, wirklich!“

„Ach was, Dinja, alles gut.“

Denis wusste nicht, dass er mich aus meiner Depression heraus zog, als er auftauchte – nach der Trennung mit Maja. Und ich bin ihm dankbar dafür.

„Nun wenn alles so wundervoll sich ergeben hat, möchte ich dir Lasagne anbieten.“

„Kann ich nicht ausstehen.“

„Nun gut, dann knabberst du halt eben an einer Pizza. Und, überredet, ich bestelle uns beiden Cappuccino.“

„Oh, welch‘ eine Großzügigkeit?“

Er atmete auf, neigte verträumt den Kopf zurück und sprach:

„Sie Madame, gefallen mir sehr.“

Wir lachten.

Im Café, während unsere Bestellung vorbereitet wurde, blickte ich auf eine Elster, die draußen umher sprang, erinnerte mich an jenen Sommermorgen, als wir nicht aus dem Bett aufstehen wollten. Wir teilten uns eine Decke. Ich rollte mich in diese ein, wie eine Puppe, entblößte dabei Maja und sie versuchte mich wieder heraus zu rollen und ihre eigene Hälfte wieder zu erlagen. Es folgten Kniffe, Kitzeln, Bisse in den Hals. Ich wehrte mich wie ich konnte, doch als die Bisse zu Küssen wurden, spreizte ich die Flügel der Decke und ließ sie zu mir…

Es war etwas nach elf. Ich blickte auf Maja. Sie lag auf dem Bauch mit geschlossenen Augen, lächelte jedes Mal wenn meine Finger ihren Rücken berührten.

„Warum bist du mit mir zusammen?“

Maja öffnete die Augen.

„Du machst leckere Butterbrote.“

„Hör auf, ich meine es ernst. Warum?“

„Wegen der Augen.“

„Der Augen?“, ich verstand nicht.

„Du schielst. Das finde ich gut!“, sie lachte.

„Was? Hör auf dich lustig zu machen.“

„Wirklich wegen der Augen“, sie drehte sich auf den Rücken, setzte sich, indem sie ihre Beine an die Brust drückte.“

„Eher weil ich es mag, wie du mich anschaust.“

„Wie schaue ich`?“, ich setzte mich auch.

„Wie kein anderer mich angeschaut hat. Ich kann es nicht erklären….Mit Lust…Ich kann es nicht erklären. Doch ich spüre es. Ich spüre es immer, wenn du mich anblickst.

„Ich vergöttere dich wirklich…“, bei dem letzten Wort zitterte die Stimme.

„Komm zu mir.“

Zum ersten Mal war ihr Kuss weder fordernd, noch erzwingend. Diesmal fühlte ich Zärtlichkeit und Fürsorge…

Maja schlief.

Ich schnitt Gurken in der Küche, um diese den Tomaten beizufügen, dem süßen Paprika und dem Frischkäse. Eine große, saftige Olive rollte im Mund, bis ich diese zerbiss und den Olivengeschmack genoss. Zwei Elstern auf der Birke trällerten, von einem Ast zum anderen fliegend. Ich hielt es nicht aus, schaute aus dem Fenster und rief laut. Die erschrockenen Vögel flogen mit unzufriedenen Schreien in verschiedene Richtungen. Der Salat war fertig. Ich tat Olivenöl dazu und ging schauen, ob Maja schon wach war. Sie streckte sich in der Diagonale auf dem Sofa, kaum zugedeckt mit der Decke und schlief noch.

Und ich wusste vom ersten Blick an, damals in der Bibliothek, dass ich mit ihr zusammen sein wollte.

Dieser Wunsch, unbewusst, fast instinktiv, kam sofort auf. Als ich die schlafende Maja anblickte, verstand ich, dass man Gefühle nicht erfragen kann, berechnen, erahnen. Und ich werde nie die Frage beantworten: „Warum?“

Die Stadt lebte. Die abendliche Stadt, voller Lichter und Geräusche zog mich in ihren Bann.

Wir genossen den Spaziergang nach dem Abendessen. Denis erörterte die Ungerechtigkeit des Zeitflusses. Die fröhlichen Momente im Leben vergehen blitzschnell, und alles Schlechte zieht sich ewig lang. Es wäre eine Verschwörung des Universums, den Menschen leiden zu lassen, so meinte er.

Und ich dachte daran, dass in den acht Monaten, die Maja und ich zusammen waren, so viel passiert ist, so viel Verschiedenes. Und das Glück zog sich wochenlang und die Flammen der Streitigkeiten dauerten nur kurz an. Und das Gedächtnis begann die kränklichen Momente auszuradieren. Die Zeit ist neutral. Wir versuchen jede Sekunde in dieser zu leben. Und wir wollen Liebe einfach hinausziehen, vielleicht aber auch die innere Stille fühlen.

Der Tod und die Engel

Das Mäuschen

Ein kleines, graues Mäuschen lief an einem umgeworfenen Stuhl vorbei und blieb in der Mitte des Zimmers stehen. Es stellte sich auf die Hinterpfoten, um sich das Schnäuzchen mit den Vorderen putzen zu können. Die alte, zerrissene Socke, die schon seit einer Woche in der Ecke lag, erschien ihr heute gar nicht mehr so schrecklich. Sie beschloss sich etwas zu nähern. Es begann nach Fell zu riechen, dann nach etwas solch Scharfem, was die Graue dazu zwang, wieder etwas weiter zurück zu huschen. Sie wäre beinahe mit dem Kristallglas zusammengestoßen, das neben dem Tischbein eines dekorativen Zeitungstisches lag.

Die Graue kannte durchaus die Anordnung aller Gegenstände in dem Zimmer, doch da sie einen solch ekligen Geruch nicht erwartet hatte, konnte sie sich nicht sofort orientieren. Und nun saß sie wie erstarrt neben dem Glas und dachte nach, ob sie in den gläsernen Gegenstand kriechen sollte oder weiter zu den bunten Knäueln laufen sollte, um einen bunten Faden in ihr Mauseloch mit zu nehmen. Aber da sie dachte, dass sie dies auch zu jeder anderen Zeit machen könne, lief sie zu einem Blatt Papier, das unweit von den Knäueln lag.

Das Blatt raschelte unter ihren Pfoten und das gefiel der Maus. Ihr schien, sie sei so groß geworden, dass sogar die Erde unter ihren Pfoten erzitterte. Auf dem Blatt war etwas geschrieben, doch das interessierte die Maus nicht, denn sie konnte nicht lesen, und außerdem machte es ihr ein großes Vergnügen, auf dem Blatt herum zu laufen.

Nachdem sie noch etwas mit dem Papier geraschelt hatte, bemerkte sie etwas, was gestern noch nicht in diesem ruhigen und vertrauten Zimmer war, und blieb stehen. Ein kleiner, glänzender Stein lag neben dem vertrauten, roten Hausschuh. Die Kleine lief interessiert zu ihm. Der Brillant war sehr klein, doch beleuchtet von den ersten Sonnenstrahlen, glänzte und schimmerte er so, dass die Kleine für einige Sekunden erstarrte und das Lichtspiel genoss. Sie beschloss, den Stein mit zu nehmen. Doch woher kam er? Die Graue erinnerte sich ausgezeichnet, dass als sie gestern im Zimmer war, der Stein noch nicht da war. Und dann, ohne zu wissen weshalb, schaute die Kleine nach oben, was ihr zuvor auch nie in den Sinn kam, zu tun.

Ein zweiter, genau solcher Hausschuh hing in der Luft. Da war noch etwas Großes, doch sie konnte nicht erkennen, was genau. Sie dachte, dass wenn von oben ein glitzerndes Steinchen fallen konnte, auch der zweite Hausschuh irgendwann herunterfallen wird, und sollte sie sich unter diesem befinden, würde er sie töten. Das Mäuschen nahm den Brillant in die Zähne, lief schnell zu ihrem Mauseloch und beschloss nie wieder, in dieses schreckliche Zimmer zurück zu kehren.

ER

Er nahm aus der Kiste, die neben ihm stand, kleine Figuren aus Holz heraus und stellte diese auf einem großen Zinntisch auf. Neben dem Tisch befand sich ein großer, schwarzer, drei Meter großer Ofen mit einem Rohr, das irgendwohin nach oben führte. In jene unsichtbare Dunkelheit, die den ganzen Raum bedeckte, bis auf den Tisch mit den Figuren und den Ofen selbst.

„Denkst du, ich bin ganz seelenlos und böse?“, er machte die Tür des Ofens auf, die gerade so bis zum Rand des Tisches reichte. Und dann, indem er alle hölzernen Figuren mit einer Armbewegung zusammen schmiss, warf er diese unerwartet ins Feuer.

Die Flamme war derart stark, dass sie, als sie die Neuankömmlinge verschluckte, den Zuwachs noch nicht mal bemerkte.

Ein Zug, der vom Gleis abgekommen war, nahm das Leben von fünfzehn Menschen…“

„Glaubst du, das Leben ist ein wertloses Geschenk? Ein einzigartiges Geschenk und bla-bla-bla und so weiter und so fort? Unsinn!“, ohne sich zu beeilen, stellte er seine Trophäen auf.

„Das Leben ist ein Drangsal, das der Mensch durchlebt. Eben mit sich selbst wetteifert er um die Überlebensmöglichkeiten dieser Katastrophe. Etwas wirr, doch wahr.“

„Schaue auf diesen Schönling.“ Er nahm eine Holzfigur und begann sie in seinen Händen zu drehen.“

„Als er fünf war, starb seine Mutter. Er blieb bei seinem Vater, der ihn so sehr schlug, dass er mit zehn Jahren, keine heile Stelle mehr am Körper hatte. Mit zwölf kam er in ein Kinderheim. Der Vater verlor das elterlichen Sorgerecht. Er begann in einer Fabrik zu arbeiten. Und als er dort mal besoffen antanzte, hackte er sich die halbe Hand ab.“

„Welch ein einzigartiges Geschenk ist es denn dann?“ Er schaute auf die Figur und schmiss sie in den Ofen.

Nach vorläufiger Auffassung geht es um einen unachtsamer Umgang mit dem Feuer. Ein Mensch starb…“

„Du fragst, wie es um die Liebe steht? Und ich antworte. Ein Augenblick, für den du mit Allem bezahlst. Mit dem, was war, was ist und was sein wird. Nein, ist es denn gerecht?“

„Schaue sie dir an“, jetzt nahm er die kleinen Skulpturen paarweise in die Hand.

„Diese sind von zu hause weggelaufen. Dachten, die Welt liegt ihnen zu Füßen.“

In den Ofen.

Man fand die Leichen zweier junger Menschen europäischer Nationalität. Der Mann von zwanzig, zweiundzwanzig Jahren, die Frau…“

„Die hier, in einem Abstand von zwanzig Jahren, dachten, dass sie die Zeit angehalten haben.“

Auch dahin.

Zwei unbekannte Körper fand man im Auto…“

„Zwei ungelebte Leben…“ Sie wartete zwölf Jahre lang auf ihn. Als er sich endlich von seiner ersten Frau trennte und zu ihr kam, welch ein Wunder! Doch es gab kein Wunder. Er erwürgte sie“, die erste Figur fiel in den Ofen.

„Und wozu hat sie sich diese zwölf Jahre gequält? Wozu? Um in der Umarmung des Liebsten zu sterben? Abrechnung?!“, und die zweite Figur flog hinterher.

In einer Isolationszelle fand man einen Erhängten…“

„Und dann sagst du noch – Schicksal. Je nach dem, welche Karte fällt. Und wenn du dein ganzes Leben lang immer die falsche Karte ziehst? Der Faden zieht sich, und hop, er reißt…“ Das ganze Volk fällt in den Ofen.

Die Boeing fiel auf die Landebahn. Es starben zweihundert zweiundachtzig Menschen…“

„Nein, ich bin weder böse noch seelenlos. Ich weiß einfach, was besser ist.“

„Ich befreie die Welt von solchen Unglücken: von Irren mit Atomknöpfen, von Wahnsinnigen, von „ambitionierten“ Wissenschaftlern, irren Politikern, Mördern, Dieben, Lügnern…“

„Unschuldig? Von welchen unschuldigen Opfern sprichst du? Jeder hat irgend ein Unglück. Und der Tod, der Tod ist die einfachste Bestrafung. Fragt sich, auf welche Art und Weise?…Ach, jede beliebige. Das ist doch die Befreiung von allem, was du angestellt hat oder was du noch anstellen könntest. Der im Mutterleib Gestorbene ist ein Heiliger.“

„Erzähle mir nicht vom Leben. Es ist fruchtlos. Ich mache es wertvoll. Weil ich es ihnen weg nehme. Und erst danach kommt das Gedenken, der Ruhm, die Verherrlichung…Ich gebäre die Ewigkeit.“ Und wider war der Tisch voll gestellt mit….

Bei der Explosion eines Hauses…“

Morgen

„Wozu brauchst du sie?“

„Für die Seele.“

„Welche Seele, wenn du sie nicht loslässt?“

„Das ist nicht wichtig.“

„Nicht wichtig, dass du sie loslässt oder nicht wichtig, weil es für die Seele ist?“

„Hör mal, lass mich.“

„Das ist immer so bei dir. Kaum fangen wir an über etwas zu reden, da wirst du…“

Viktor legte sich bequemer auf das Sofa und schaute auf die Decke.

„Zum Teufel mit dir.“ Sergej stand auf und ging auf den Balkon.

Die kurze Stille wurde vom Telefonklingeln unterbrochen. Viktor, nahm den Hörer ab, ohne seine Position zu verändern.

„Ja.“

„…“

„Nein.“

„…“

„Zwei oder drei?“

„…“

„Oder?“

„…“

„Gut, Küsschen.“

„Hey Serjoža. Deine Schwester hat angerufen. Sie bat dich, Apfelsinen zu kaufen. Zwei oder drei Kilogramm.“

„Kann das nicht ihr bedepperter Ehemann machen?“

„Mit dieser Frage – nicht zu mir.“

Viktor begann wieder auf die Decke zu starren. Er versuchte nicht zu blinzeln und schaute auf ein kleines Spinnweben, das hin und her schaukelte. Nach ein paar Minuten begannen die Augen zu tränen und zu schmerzen – das war das erste Zeichen, dass er aufgab. Er wandte den Blick auf den Fernseher, auf das alte Regal der Mutter, den Besen, den Stuhl. Und so, seiner Blickrichtung folgend, richtete er auch seinen Oberkörper in eine vertikale Lage auf. Und dann, auf dem Sofa sitzend und jetzt auf den Boden schauend, schrie er plötzlich: „Stehe auf, du Mistsack.“

Vom Balkon aus hallte es: „Fängt das schon wieder an…“

Viktor begann wehmütig: „Die Liebe hat Flügel wie ein Vöglein…“, er stand langsam von seinem Sofa auf. Er unterdrückte einen Anfall von Übelkeit und das Bewusstwerden der eigenen Nichtigkeit, ging ins Badezimmer und schleifte sein linkes Bein hinterher.

Vor zwei Jahren, nachdem er sich auf auf Maškas Geburtstag etwas lustiger gestimmt hatte, wollte Viktor mit seinem neuen Volkswagen wieder nach hause zurück. Er versprach ihr am nächsten Tag einen Korb voller Erdbeeren zu bringen. Das Morgen zog sich darauf drei Monate hin.

Er hatte einen schweren Bruch des linken Beines, eine Gehirnerschütterung und Wunden im Gesicht. Sie kam nicht. Kein einziges Mal seit den letzten einundneunzig Tagen.

Sie trafen sich mal zufällig im Supermarkt. Sie machte den Anschein, als ob sie ihn nicht erkannt habe.

„Genau solch eine Schlampe wie alle.“

Viktor blickte in dem befleckten und verwischten Badezimmerspiegel auf sein Spiegelbild. Er hatte sich lange nicht mehr rasiert, fettige Haare und angeschwollene Augenlider, er fing sich bei dem Gedanken, dass er dem Alkoholiker-Nachbar ähnlich sieht, der bereits am Morgen in den Kiosk läuft, um Nachschub zu holen.

„Wie verwahrlost“, kam es aus ihm heraus.

Er begann sich zu waschen, als er plötzlich die Stimme Sergejs hinter seinem Rücken hörte.

„Vitja.“

„Was noch?“

„Du hast Besuch.“

„Von wem?“

„Mhh…Mhh…“

„Was muhst du wie ein Fabrikant? Und?“

„Ma-ša.“

„Welche…Maša?“ Viktor drehte sich um, sah die runden Augen Sergejs und verstand – die Eine.

Für einige Sekunden war Viktor wie erstarrt, doch das Herz begann immer schneller wie eine Trommel zu schlagen, sodass er einige Male seinen Atem fangen musste.

Er atmete tiefer ein und begab sich selbstsicher in das Wohnzimmer.

Maša saß im Sessel, ihre Hände lagen auf den Knien, wie bei einem schuldbewussten Kind.

„Hallo“, sagte Viktor leise.

„Guten Tag, Vitja.“

„Warum bist du gekommen?“

„Du hast mir Erdbeeren versprochen und brachtest sie mir nicht.“ Sie zeigte mit dem Blick auf den Korb mit den großen Beeren.

„Erdbeeren?“, fragte Viktor verwirrt.

„Nun ja“, antwortete Maša etwas verlegen. „Ich hatte doch gestern Geburtstag.“

Viktor schaute sie an und verstand nicht, was geschah. „Ist sie etwa krank oder tut sie nur so?“

„Du hast es mir versprochen und hast dein Versprechen nicht gehalten“, fuhr Maša fort. „Deswegen beschloss ich selbst…“

„Ja ich bin etwas spät. Ungefähr zwei Jahre.“

„Nein, ich bin zu spät“, sagte sie und begann zu weinen. Dann beherrschte sie sich wieder, lächelte und schlug vor: „Möchtest du Erdbeeren?“

„Bist du verrückt?“ Viktor begann es von dem Geschehen zu schütteln.

„Ich habe dich geliebt“, sagte Maša kaum hörbar und stieß den Korb mit den Erdbeeren um, als sie das Zimmer verließ.

Nach ungefähr zwei weiteren Sekunden schlug die Eingangstür zu.

Der Zombie-Viktor begab sich wieder ins Badezimmer. Rasierte sich. Wusch sich den Kopf. Putzte sich die Zähne.

Wie neugeboren, wischte er den beschlagenen Spiegel ab, blickte auf sein Spiegelbild und blinzelte sich zu. Als er das Badezimmer verließ, stieß er mit einem keuchenden und aufgewühltem Sergej zusammen.

„Ich war bei den Nachbarn um Salz zu holen“, er wurde leise und blickte fragend auf Viktor.

„Und wo ist das Salz?“

„Die waren nicht zu hause. Und wo..?“ Sergej drehte sich um und begab sich ins Wohnzimmer. Viktor folgte ihm. Auf dem Boden lag der umgeworfene Korb und Wiesenduft erfüllte das Zimmer.

„Wo ist dein Gast?“, fragte Sergej.

„Weg gegangen“, antwortete Viktor standhaft.

„Einfach so?“

„Einfach so.“

„Habt ihr nicht einmal…“

Viktor ließ Sergej nicht aussprechen.

„Lass mich“, sagte er ungerührt.

„Wie immer“, und der enttäuschte Sergej begann die Erdbeeren in den Korb einzusammeln.

Viktor blickte den Freund an, lächelte, knackte mit den Fingern und ging ins Schlafzimmer.

Auf dem alten Holzbetten, zwischen den Kissen, lag das, was er brauchte.

„Nun, Schönheit, heute wirst du Maša sein“, er ließ sich mit Schwung auf das Bett fallen.

Irgendwann hörte Sergej die Geräusche des quietschenden Bettes. Und dann, mit Trauer, oder eher mit philosophischer Nachdenklichkeit, merkte er an: „Wer hat sich die Sexshops ausgedacht?“, und biss ein Stückchen einer weiteren großen Beere ab.

Da die Engel weiß sind…

Wir sterben nicht. Wir lösen uns im Lebendigen auf. Warum ist es so schwer für Sie, das zu verstehen? Der Himmel ist notwendig für eine schöne Legende über das himmlische Königreich und die Vergebung, doch der Wind bringt Klänge, Gerüche, Gefühle…Warum glauben Sie nicht daran, sondern an die Legende?

Das herbstliche Laub flüsterte, seine Farben erfreuten mich. Kann ein solches Feuerwerk an Farben etwa Verwelken darstellen? Wohl eher die Lebensbestätigung – der Regenbogen vor dem weißen Blatt des Winters. Es ist feucht, doch noch nicht kalt, noch nicht traurig.

Es war ein banales Ereignis. Es gab keine Angst. Denn alle haben ja Angst vor der Angst, und nicht vor jener Alten mit dem Zopf. Der Augenblick kann manchmal ewig dauern. Wie ein Kaugummi, den du in die Länge ziehst, und je dünner er wird, desto länger wird er, doch ohne zu reißen.

Es wurde einfacher zu Existieren. So als ob der Begrenzer kaputt gegangen sei. Raum, Zeit und alles innerhalb und außerhalb. So ungewohnt, keine Beherrschung über den Körper zu haben, doch über alles Herr zu sein. Der Anker wird nicht gezogen, die Himmel weinen nicht. Alles ist heller, bunter, saftiger. Ich fühle mich, nein ich fühle mich nicht. Ich bin wie ein Vampir, denn in den Filmen, nachdem sie sich verwandelt haben, bekommen sie einzigartige Fähigkeiten – hören, sehen, bis in weite Welten, lesen Gedanken, empfinden alles schärfer… Und dann kann ich dort sein, wo ich sein will. Ich möchte in das Café, in jenes im Park, neben dem Teich.

Ja, hier hat man schon die Tische und Stühle unter die Markise gestellt. Regen. Und das Wasser wurde grauer. An jenem Tag war es grün-blau. Wir saßen uns gegenüber und bemühten uns nicht zu lächeln, um nicht halbklug auszusehen. Doch wir konnten uns nicht zurückhalten. Das Glück sieht wahrscheinlich nicht normal aus. Und nun, eine einsame Ente bewegt sich mit ihren Flossen auf dem grauen Wasser und ich lächele, ohne das Gesicht oder die Lippen zu spüren.

Aus der Datei des „Rettungsdienstes“:

„Die Leiche einer jungen Frau liegt auf dem Bett, auf dem Rücken, ohne die Anzeichen eines gewaltsamen Todes. Bewusstsein, Atem, Herzklopfen fehlen. Die Pupillen sind maximal geweitet – ein Symptom des „Katzenauges“. Hornhautreflexe fehlen.

Die Integumente sind blass (zyanotisch, marmorn), trocken. Eine krankhafte Erschöpfung.

Teile von Hypostasen an einigen Körperstellen. Die Totenstarre erfasste bereits die Kaumuskulatur.

Anamnese morbi: die Patientin war vorstellig bei dem Hämatologen-Onkologen mit der Diagnose „chronische myelonische Leukämie“, seit dem Jahr 2003. Sie bekam 7 mal Chemotherapie. Die Remission begann in der Periode vom Ende des Jahres 2006 bis zur Mitte des Jahres 2007. Die Knochenmarkspende wurde im Jahr 2007 durchgeführt, doch es gab keine Besserung. Außerdem führte man 3 Hämotransfusionen durch. Vor zwei Monaten begann die Verschlechterung des Zustandes, Blutungen des Magen-Darm-Traktes, die Patientin wurde in die Klinik aufgenommen. Sie bekam hormonelle, zytostatische und immunodepressive Therapie. In den letzten zwei Wochen verschrieb man Morphium und Promedol, 2-3 Mal täglich.

Es ist ruhig. Die Erinnerungen verbrennen mich nicht. Sie stellen sich auf wie Denkmäler ohne Schleifen und Gefühle. Genau das wollte ich. Einfacher.

Ich drehe mich wie die Derwische unter dem Regen. Er fällt durch mich hindurch, ich spüre jeden Tropfen und teile ihn mit allem, was im Umkreis ist. Ein wahrer Regenmensch besteht aus Regen. Wie schön. Ich drehe mich.

Aus einem Brief an den Bruder:

„Das Krankenhaus nervt. Ich werde diesen Chlorgeruch selbst dann spüren wenn ich tot bin. Doch Veronika sitzt und lächelt. Hatte erst kürzlich die Chemotherapie, doch lächelt sie. Ich kann es nicht begreifen, entweder hat sich ihr Gehirn in Brei verwandelt oder sie pfeift auf alles? Gleich kommt die Clique aus den Nachbarzimmern, und sie, blass wie ein Giftpilz, wird ihnen irgendetwas über irgendein Land namens „Figland“ erzählen, dort wo alle Wünsche in Erfüllung gehen und niemand krank ist. Ich muss kotzen. Und mir erzählt sie über einen Kerl, der gerade irgendwo studiert, sie liest seine Briefe. Ist ganz verrückt geworden. Erzählt ständig irgend etwas Unglaubwürdiges.

Doch wenn es für sie einfacher ist, dann soll sie labern. Und dann geht es mir auch nicht so übel. Vielleicht werde ich in einigen Jahren, wie sie auch, irgendeinen Müll fabrizieren. Natürlich nur wenn ich es bis dahin schaffe.“

In den Bergen ist es so ruhig. Nur irgendein weiter, reiner Klang. Weiß. Ich schwimme im Weißen.

In meiner Kindheit, ich weiß nicht mehr wie alt ich damals war, liebte ich es unter dem Bettlaken zu liegen und durch sie hindurch zu schauen. Man hatte den Eindruck, dass die ganze Welt weiß sei – und ich eine weiße Fee. Ich kann alles schwarze, graue, schmutzige wegfegen, und alle lieben mich. Diese Gefühle des weißen Lichtes und der Liebe waren immer unzerreißbar. Wie jetzt – ich bin eingehüllt, voller weißer Liebe. Nicht einmal Verwunderung, sondern Wissen, dass es so ist.

O-o-o. Es schneit. Weiß auf weiß. Ich erinnere mich an den Apfelgarten. Vater und ich gingen dort oft spazieren. Und er wiederholte: „Die Äpfel, wie Engel, sind weiß. Und auf ihnen die Tauben, wie Weihrauch.“ Die Blätter, zart, fallen leicht auf die Erde und bedecken sie mit einem weißen, ungeraden Teppich. Und man hat Angst darauf zu treten, um es nicht zu zerstören…

Aus dem Tagebuch von Veronikas Mutter

„Im Inneren, Leere…Es sollte einfacher werden, aber was? Ich spüre nichts. Alles ist taub. Fedja blickt mich nicht an, als ob er sich aus irgendeinem Grund für mich schäme. Und ich, nichts. NICHTS. Veronika ist nicht mehr unter uns, und ich kann nicht weinen. Was stimmt bloß nicht mit mir?“

Den Himmel zu berühren… Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich dachte, es wird kalt, doch nein. Milch aus Wolken, leuchtendes Licht der Sonne zwischen der Schlagsahne, ein spielender Wind, abrupt… Ich steige immer höher, höher, höher. Und da blendet mich die Sonne. Nur diese gelborange Platte vor mir. Ich spüre ihre Wärme, Stärke, darin liegt der ganze Lebenssinn.

Aus dem Blog von A.:

„Ich dachte lange nach, ob ich darüber schreiben soll. Das ist sogar keine Frage der Ethik, sondern eher der Respekt vor dem Leid. Doch ich schreibe, weil diese Geschichte auch mich betroffen hat und viele meiner Freunde. Und weil andere Familien in dieser Situation wissen müssen, dass sich immer Menschen finden, die dich unterstützen und bereit sind, dir zu helfen.

Vor ca. sieben Jahren machte ich die Bekanntschaft mit der Familie B. Vater, Mutter und ihre dreizehnjährige Tochter. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte das Mädchen bereits seit drei Jahren mit einer schrecklichen Diagnose: chronische Leukämie. Dieses sonnige Mädchen lächelte immer, dachte sich Geschichten aus und tat so, als sei sie gesund. Dieser Gegensatz zwischen dem kahlen Kopf, den dunklen Ringe unter den Augen, Übelkeit und Ohnmachtsanfällen und ihrer Freude waren das aller Schreckerregendste. Ihre Eltern spielten ihr was vor, bemühten sich, die medizinische Terminologie weg zu lassen und erinnerten sie möglichst wenig an all die Prozeduren. Alles war wie ein Märchen aufgebaut, in dem die Prinzessin magische Tränke trinken musste, damit die bösen Zauberer sie nicht verzaubern.

Und dieses schreckliche Märchen endete vor einem Monat. Zehn Jahre Kampf. Zehn Jahre Hoffnung. Das ist furchtbar…

Ich sah, wie dieses Kind aufwächst, von Tag zu Tag, Angst und Leid fühlend.

Sah, wie die Eltern dasselbe fühlten und die Enttäuschung darüber, ihrer einzigen Tochter nicht helfen zu können.

Es ist schwer zu schreiben…

Für den Abschied. Ich sah den ausgetrockneten, kleinen Körper der jungen Frau…Sie lächelte kaum merklich. Ich hoffe, sie ist endlich in ihrem Märchen und es geht ihr gut dort.

Und was blieb den Eltern? Ein Paar ausgemergelter Menschen bewegte sich wie ein Schatten. Die Mutter war wie erstarrt, sprach fast nichts, saß da und schaute auf einen Punkt. Der Vater versuchte sich zu beherrschen, doch musste er sich die Tränen abtrocknen. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie durchlebt haben. Es war furchtbar, sie anzuschauen, wie kann man so etwas ertragen?

Und diese Schrecken in unserer Nähe. Das kann einem jeden von uns zustoßen. Deswegen wende ich mich an Familien mit dem gleichen Leid. Verschließt euch nicht, bleibt nicht alleine damit. Erzählt, redet, nehmt Hilfe an. Denkt nicht, dass ihr alleine seid. Es gibt Menschen, die gerne helfen und euren Schmerz teilen. Wir sind mit euch“

Schaukeln. Ich liebe Schaukeln. Nach oben zu schweben und auf dem höchsten Punkt nach unten zu sinken. Immer mehr schaukeln, nach oben fliegen. Und in einem Augenblick verstehen, dass das alles ist, dass es die Grenze ist. Die Grenze deiner Kräfte, die Grenze der Konstruktion, der Luft, des Lebens.

So leer, Geliebte, ohne dich. Alles ist anders. Ich irre durch die Wohnung und habe das Gefühl, in einer Höhle zu sein. Du schreist und hörst das Echo. Ich begann die Stille zu hassen. Mache den Fernseher an, damit es nicht so schlimm ist. Denke ständig daran, was ich falsch gemacht habe. Warum gerade uns? Warum? Als du noch bei uns warst, versuchte ich die Gedanken zu verscheuchen. Doch jetzt…Gott, warum? Warum musste mein Kind leiden? Warum war der größte Wunsch meines Mädchens unter den Rädern eines Autos zu sterben, schnell und schmerzlos. Wozu diese Stille?

„Papalein, nicht nötig. Ich bin hier mit dir. Spüre mich. Nicht weinen…Du verstehst noch nicht. Unser Pfad ist eine Kette, ihre Glieder sind das irdische Leben. Es geschieht nichts, nur der Übergang in eine andere Welt, die Befreiung von der irdischen Hülle. Höre mich.“

„Noch immer spüre ich den Geruch deines Parfums. Erinnerst du dich, Mama schenkte es dir zu deinem zwölften Geburtstag. Solch ein zärtliches Aroma…Ich spüre es immer noch. Als ob wir nebeneinander seien. Töchterchen, ich bitte dich, mir zu verzeihen. Ich konnte nicht…konnte dir nicht helfen…Konnte nicht…“

„Ach Papa. Nicht nötig. Beschuldige dich nicht selbst. Das ist mein Weg gewesen. Du wirst alles verstehen, wenn du zurück kehrst. Wenn du dich erinnerst. Wir können es nicht verstehen, bis wir uns befreit haben, bis wir die Wahrheit des Universums spüren.“

„Und auch Ira und ich sind uns gegenseitig fremd. Sie schaut durch mich hindurch, deckt den Tisch und schweigt. Räumt ab und schweigt. Als sei sie von mir weg gegangen und nur ihr Körper ist noch in der Nähe, und die Seele ist nicht mehr bei mir. Ich werde verrückt davon. Was soll ich tun? Wie leben? Leben..?“

„Leben, Papa, leben. Ihr müsst beide weiter leben. Es wird noch so vieles geschehen. Nichts bleibt stehen. Die Liebe ist ewig, nur die Körper sind vergänglich. Ich werde zu dir kommen. Du wirst es sehen, spüren“.

„Ich bat dich so oft, ich flehte dich hunderte von Male an – nimm mich mit. Wenn du ein Opfer brauchst…Nimm mich. Ich flehte dich an…Warum hörst du nicht, warum verdammt, hörst du nicht? Ich hielt sie in meinen Armen, schon kalt, schon nicht mehr die meine…und dachte, worin liegt der Sinn? Ich erinnere mich, wie sie das erste Wort aussprach, so ulkig – „skaka“. Ira bewachte mich zum Witz mit der Teigrolle. Ich erinnere mich an ihre rosa Strumpfhose und die ulkige Schleife. Ich erinnere mich, wie ich ihr „Alice“ vorlas, und von allen Helden wählte sie die Maus aus. Ich erinnere mich an alles…Dann, Tränen, Schreie, Krankenhaus, der Schrecken in den Augen meiner kleinen Puppe. Also, worin liegt der Sinn? Antworte. Ich werde nicht mehr flehen…Mir bleibt nur noch, mit ihr zu reden. Denn du hörst mich, ja? Du fehlst mir, mein Mädchen. Meine Erdbeerveronička….“

„Ich höre dich, höre dich. Das ist nur ein Augenblick, Papa. Ein kleiner Punkt in der Unendlichkeit. Jeder bekommt, was er verdient, und auch wenn mein Abschnitt kurz war, er war voller Liebe und Sorge. Jeder Anschein von Ausweglosigkeit entsteht aus Angst. Doch Angst ist etwas Erdachtes, es gibt sie nicht. Wir sind alle frei. Alle unendlich. Und die Verabschiedung – eine Illusion, und der Verlust der Punkt der Abrechnung. Beginne zu leben, Papa.“

Palmsonntag

Der alte Mann

Dieser seltsame Alte tauchte im Park vor ca. drei Monaten auf. Sein blasser Mantel hatte früher mal die Farbe von Milchkaffee, nun hat er einen Gelbton von altem Papyrus mit hellbraunen Linien an manchen Stellen. Der alte Mann hat ihn nie zugeknöpft und ließ die Vorbeigehenden auf seinen dunkelblauen Blazer blicken, mit vor Alter speckigen Rändern, auf das schneeweiße Hemd, dessen Knöpfe alle zugeknöpft waren und auf die schwarze, mit Streifen gebügelte Hose.

Seine braunen, abgetretenen Schuhe erinnerten an zusammengeschrumpfte Birnen im welken Gras des Herbstgartens. Der dunkle, abgetragene Hut war etwas zu groß und hing bis zu den Ohren, deswegen musste er diesen öfter heben. Doch das reizte den Alten nicht. Im Gegenteil, er hob den Hut mit Vergnügen und grüßte damit Vorbeigehende und Kinder, die lächelten, wenn sie ihn erblickten. Er lächelte zurück und ging Schritt für Schritt weiter die Allee entlang, etwas gebeugt und den Kopf zur Seite geneigt.

Man konnte es ihm ansehen, dass sein Alter ihn anstrengt und die Bewegungen seines welken Körpers geißelt. Warum auch immer, doch man stellte sich vor, dass er in seiner Jugend stramm und schön war, wie ein braver Offizier mit einem selbstsicheren Gang. Nun hat die gnadenlose Zeit ihn ausgetrocknet.

Die Allee ging zu Ende. Er verließ den Park und ging, das Trottoir entlang, vorbei an den Häusern, bis zur kleinen Kreuzung. Er wartete, bis die Ampel grün wurde, ging auf die andere Straßenseite und betrat durch einen kleinen Hof das Treppenhaus eines Fünfetagenhauses. Die schwachen Beine stiegen nur mit Mühe die endlosen Treppen in die dritte Etage hoch. Die Tür, eine Schlüsseldrehung. Der alte Mann, ging, ohne sich auszuziehen, durch den Flur in das Zimmer. Durch die halb geöffnete Tür sah er sie.

Sie saß wie gewohnt am Fenster. Ihr graues Haar, zusammengebunden zu einem Dutt, schimmerte im Licht der untergehenden Sonne – wie Kupfer – , und einige Strähnen leuchteten wie Feuer in dem Licht, das durch das Fenster fiel.

Ihr bescheidenes Kostüm bestand aus ihrem geliebten, cremefarbenen Tuch mit blass-rosa Blüten, das auf ihren Schultern lag, einem weißen Kleid mit blauen Punkten, hellbraunen Strümpfen und blauen Hausschuhen.

Er näherte sich leise, setzte sich auf den Stuhl neben ihr und nahm den Hut ab. Dann nahm er ihre Hände, die auf den Knien lagen, in seine und küsste sie. Sie erzitterte vor Überraschung, und dann, lächelnd, schmiegte sie sich an seine grauen Haare. Weiter lächelnd, neckte sie den Alten dafür, dass er sich wieder leise herangeschlichen hat, und begann zu erzählen, was an dem Tag geschah.

Die Tochter rief an und erkundigte sich nach ihrer Gesundheit. Die Nachbarin Farida bot ihr Baursaki und Marmelade aus wilden Erdbeeren an. Serježenka bekam eine Rolle in irgendeinem Film, aber der Leiter der Kunstschule war voller Bedauern und wollte ihn kaum zu den Aufnahmen gehen lassen. Das Wetter ist ungewohnt warm für Mitte Oktober. In den nächsten Tagen wird sie den Pullover zu ende stricken. Und ihr Kopf dreht sich wieder, die Tabletten helfen nicht. Und noch vieles mehr, das wichtig und bedeutend ist.

Der alte Mann hörte aufmerksam zu, nickte, manchmal fügte er einige Worte hinzu, dann erzählte er wortkarg seine Neuigkeiten.

Es dämmerte und die Alten saßen immer noch da und sprachen. Schon leuchtete der erste Stern am Nachthimmel und die Mondsichel zeigte ihre Spitze, als sie begannen sich zu verabschieden.

Der Alte stand auf und blieb einige Sekunden lang stehen, als ob er sicher gehen wollte, dass die Beine sein Gewicht tragen können. Er nahm den Hut von der Fensterbank und blickte, die Augen etwas zusammengekniffen, auf seine traurig gewordene Gesprächspartnerin. Dann streichelte er sie zärtlich am Kopf, küsste sie auf die Krone, richtete ihr Tuch, das leicht von den Schultern fiel und sagte, sie solle brav sein, ihre Tabletten trinken, gut essen und auf Sergej hören.

Sie gab ihm das Versprechen, es zu tun und bat ihn, doch öfter vorbei zu kommen. Sie atmete tief aus und bedeckte den Mund mit einer Ecke des Tuches. Der Alte küsste sie erneut und begab sich zur Tür. Sie blickte ihm nach und unterdrückte gerade noch so ihre Tränen.

Er ging durch den Flur, machte die Eingangstür auf, machte ein paar Schritte auf der Stelle, machte die Tür zu, drehte sich um und ging nach links, den Flur entlang zum Badezimmer. Er schloss vorsichtig die quietschende Tür hinter sich, nahm unter der Badewanne schnell eine große Tasche hervor, nahm aus dieser Sachen heraus und begann sich auszuziehen. In Unterhose ging er zum Spiegel. Aus dem Spiegel blickte ihn ein grauhaariger, alter Mann an, mit tiefen Falten, einer großen Nase, einem schütteren Bart und müden Augen. Er bedeckte seine Schläfen mit den Händen und erinnerte sich an das heutige Gespräch mit Ljuda.

„Wie lange möchtest du das noch machen?“, sagte sie und stellte die Gläser auf den Tisch.

„So lange es nötig ist. Ich kann nicht anders. Wenn ich mich daran erinnere, wie sie tagelang so da saß und vor und zurück schaukelte, sein Hemd in ihren Händen…das ist unerträglich…ich kann nicht anders.“

Er machte die Augen auf, atmete aus, begann Augenbrauen und Bart abzukleben, die Perücke abzulegen, die massive Silikonnase. Mit einer Servierte begann er von dem Gesicht die Schminke abzulegen.

„Das alles ist doch letzten Endes nur eine Lüge. Glaubst du, sie versteht das nicht?“ Ljuda trug mit scharfen Bewegungen die Grundierung auf sein Gesicht auf und schattierte damit den Hals.

„Ich weiß nicht, wie ihr Bewusstsein funktioniert und was darin geschieht. Doch Eines weiß ich – es geht ihr besser und sie lebt“, antwortete er und ließ demütig alle Eingriffe auf seinem Gesicht über sich ergehen.

„Du hast bereits zwei gute Vorschläge abgelehnt. Du wirst deine Karriere ruinieren“, konnte sich Ljuda nicht beruhigen.

Er schwieg. Ljuda blickte auf die Fotografie, die auf dem Tisch lag, legte die Schattierungen auf, mit deren Hilfe sie auf seinem Gesicht den Anschein des Alters erreichte, und strich dann mit Farben mimische Falten hinzu, damit die Haut natürlicher aussah. Er saß da und schaute in den Spiegel des Schminkraumes und verspürte wiederholt, dass er sich in diesen Falten auflöst und sich in Ihn verwandelt.

Er nahm also die Schminke ab, wusch sich, zog sich die Jeans an, das Hemd, eine leichte Jacke, und Turnschuhe. Dann legte er die ausgezogene Kleidung akkurat in die Tasche. Er verließ leise das Badezimmer, ging zur Eingangstür, machte sie auf und schloss sie wieder. Dann zog er die Schuhe aus, stellte die Tasche daneben, hing die Jacke auf und ging in das Zimmer.

Er näherte sich leise der Alten, die gerade im Licht einer Lampe las, und küsste sie auf die Wange.

„Oj, Serježenka!“, zitterte diese. „Wie der Großvater schleichst du dich heimlich an!“

„Ja?“, fragte er gespielt.

„Mišenka war heute da, erzählte, dass Murzik schon wieder ein Würstchen vom Tisch stibitzte.“

„Ich bin froh, dass er da war…“

„Und noch…“, und sie begann ihm von dem Tag zu berichten.

Sergej stand da, lehnte sich an die Fensterbank und hörte seiner geliebten Großmutter zu. Für einen Moment dachte er nach und erinnerte sich an die letzte Phrase Ljudas, als er den Schminkraum verließ.

„Denkst du nicht, dass es unmenschlich ist, sie zu belügen?“

Sergej schwieg einige Sekunden und antwortete dann.

„Nein. Ich will einfach, dass Seine Liebe lebt.“

Lajli Edige: „Ein ungefährlicher Ehemann“

„Hier, halte fest!“

Vor fünf Minuten habe ich das hundertste Mal seine Hände mit Desinfektionsmittel eingerieben. Sie beginnen zu jucken, sobald sie trocken sind. Und ich reibe sie. Reibe sie und bin genervt. Und bin böse auf sie…

„Ich habe schon…“

„Teuerster, du musst nichts kommentieren. Behandele einfach deine Hände und lass uns zu Mittag essen gehen.“

Sie ist felsenfest. Fest wie ein Felsen. Wissen Sie, ein solch einsamer Felsen, auf dem kein Grashalm wächst. Und sie steht zwischen Bergen, die bewachsen sind von Pflanzenschönheiten, zertretenen Pfaden wilder Tiere und bedeckt von trüben Nebeln. Und da ist sie, leer und stolz. Man kann nicht sagen, wie sie hier her kam. Sie ist immer die Erste. Und immer in Opposition.

Ich behandele leise meine Hände mit dem Desinfektionsmittel und gehe strebsam in die Kantine.

„Mein Lieber, ich denke, wir werden dieses uns unangenehme Thema nicht anschneiden. Wir haben bereits alles beraten, und ich warte darauf, dass du alles bedingungslos ausführen wirst, was wir vereinbart haben. Wie du verstehst…“

„Emmi…“, beginne ich, doch sie unterbricht mich wieder. Sie nähert sich mir und gibt mir Einweghandschuhe, mir zunickend, dass ich diese anziehen soll.

„Ich weiß, was du mir sagen willst. Und du sollst mir nicht sagen, dass ich zu gefühlvoll bin. Verstehe, die Bakterien umgeben uns von überall. Während du zum Tisch gingst, hast du mindestens drei Gegenstände berührt und hast mindestens zwei Türklinken angefasst.“

„Aber Emmi“, ich ziehe die Handschuhe an und warte, wann man mir das Mittagessen reicht, „wir befinden uns in einem öffentlichen Haus und nicht auf seinem geschlossenen, bewachten Territorium. Von welchen Bakterien und welcher Vorsicht kann hier die Rede sein?“, ich bemühe mich, ruhig zu sprechen und bedacht, doch ich fühle, dass mit jeder Minute es in meinem Inneren immer mehr und mehr brodelt.


„Um sich eine Infektion einzufangen, benötigt man nur wenig Kontakt mit dem Träger…“

„Welcher? Welcher Träger?“, unterbreche ich sie.

„Nun, weißt du Teurer. Ein Träger von Bakterien kann auch ein Insekt sein. Ich hörte, dass die Infektionen auch durch den Wind übertragen werden können…“

„Meinst du es ernst?“, ich blicke sie an, ohne zu blinzeln, in der Hoffnung, dass sie Witze macht.
„Ganz und gar. Ich möchte lange leben. Glücklich. Ohne irgendeinen Störfaktor für mein seelisches oder körperliches Heil. Deswegen habe ich beschlossen…“

Ich lenkte mich für eine Minute davon ab, was sie sprach, betrachtete den wunderbaren Steak, den mir Elsa gebracht hatte, die einzige Bedienung unseres Hauses.

„Hörst du mich, Jack?“

„Ja, verzeih. Ich höre“, ich wollte nicht in ihre Worte eindringen, weil ich in Gedanken bei dem Vergnügen des Verspeisens eines aromatischen Stückes Fleisches, das vor mir lag, war.

„Ich sage, ich habe beschlossen, und nun werden wir in verschiedenen Zimmern schlafen…Unsere Treffen, du verstehst, unser Sex, wird nun maximal geschützt sein…So wie alle anderen Kontakte…“, beendete Emmi leise ihre Rede, und fuhr damit fort, das Fleisch mit dem Messer akkurat zu zerschneiden, in dem sie es mit einer Gabel in der anderen Hand fest hielt.
„Wie geschützt? In welcher Form? Mit Masken?“, ich traute meinen Ohren nicht, erstarrte mit der Gabel in der Hand, das Fleischstück immer noch nicht zu meinem Mund führend.

„Alles wahr, mein Lieber. In Masken. Mit Handschuhen. Mit einem negativen Test auf COVID:

„Nein. Du sprichst wirr. Du bist ganz wirr geworden, Teure. Hast sie nicht mehr alle“, ich wollte mich kneifen. Können Menschen wirklich so verrückt sein?

Da erinnerte ich mich, wie ich Emmi kennen lernte. Ich erinnere mich, dass ich meinen Wocheneinkauf machte und den Wagen zu meinem parkenden Auto schob, als sie plötzlich meinen Weg kreuzte. Müde und gereizt. Die Haare waren zerzaust, die Wimperntusche verschwommen, die Kleidung nass vom Schweiß. Sie erklärte mir eilig etwas über den Autofahrer, dessen Auto irgendwo auf der Straße kaputt gegangen war und er sie nicht rechtzeitig erreichte. Sie stünde hier alleine mit den Einkäufen, tausend Meilen vom Haus entfernt. Sie sei verwirrt, voller Sorge und ihr Handy funktioniere nicht. Sie redete und redete und ich dachte nur darüber nach, dass ich sie in meinem Bett haben wollte um Liebe mit ihr zu machen. So sehr beeindruckte mich ihre Verwirrtheit (ich habe schon damals verstanden, dass bei ihr alles in Schubladen sortiert war): von dem zerzausten Haar, dem verschwundenem Fahrer, den Schachteln mit den Einkäufen bis zum Aroma ihres Parfums, das vermischt war mit den Gerüchen ihres verschwitzen Körpers, das mich so verrückt machte.

Ich saß ihr gegenüber und wusste nicht, was ich sagen sollte. Der Steak wurde kalt und verlor kontinuierlich seine Anziehungskraft. Ich verstand absolut nicht, wie ich auf das Geschehene reagieren sollte, entschuldigte mich und sagte, ich würde später im Büro essen.

Dann stieg ich ins Büro und arbeitete bis spät in die Nacht.

Als ich in unser gemeinsames Schlafzimmer hinabstieg, war die Tür verschlossen. Neben der Eingangstür auf der Schublade entdeckt ich einen Zettel: „Ich habe befohlen, dein Bett im Gästezimmer zu machen. Über unsere Treffen werde ich dir im Vorhinein schreiben. Gute Nacht.“

***

„Ich habe dir verboten, dich mit den Wilsons zu treffen, Jack“, die Ehefrau zog den Morgenrock an und stand mit dem Rücken zu mir.

„Müssen wir unbedingt jetzt darüber sprechen, Teure?“ Ich verstand nicht, wie in diese lieblichen Kopf so viel Müll sein konnte. Und ich, wissend, dass ich keine Antwort finde, schob diese Gedanken von mir fort und bestaunte ihren perfekten Körper.

„Du hast letzte Woche Majkel gesehen. Warum hast du mir nicht darüber erzählt?“

„Emmi, die Quarantäne ist längst vorüber…Du weißt, dass die Begrenzungen in der Stadt aufgehoben sind. Ich kann wohl meinen besten Freund treffen?“, fragte ich und bemühte mich die Gereiztheit in meinem Hals zurückzuhalten.

„Nein, Jack“, sie kämmte sich die Haare und wackelte leicht nach rechts und nach links. Solche Bewegungen, sagte sie, helfen ihr dabei, ihre schlummernde Lymphe zu wecken, „seine Frau hatte den Virus und du weißt das. Ich las, dass die Wissenschaftler es bisher nicht bewiesen haben, dass eine vollkommene Genesung möglich ist. Deswegen Jack, können sie alle noch virulent sein.“

„Oh nein, Teure, fahre nicht fort. Stellen wir uns wieder auf den selben Gleis?“

„Ich spreche ernst mit dir“, Emmi biss sich auf die Lippen und hörte auf zu wackeln, „wenn du das Verhältnis mit diesen Menschen nicht beendest, werde ich…“, sie unterbrach sich für einen Moment, „werde ich…“

Ich schwieg…

Von dem Moment der Aufhebung der Quarantäne, verwandelte sich mein Leben in irgendeinen schlecht aufgenommenen Film, eines unbegabten Regisseurs. Emmi wurde aus einer mir nahen und erwünschten Ehefrau, von Tag zu Tag zu jemanden, der Präventivmaßnahmen hegte von allen möglichen Arten einer Infektion. Unser Stundenplan für die Treffen mit Freunden wurde von ihr bewacht. Tägliche Tests auf Infektionen. Eine totale Begrenzung von Beziehungen…

Ich fühlte, dass ich wahnsinnig wurde.

Ich sammelte noch am selben Tag meine Sachen und fuhr in die Mietwohnung.

Nach einer Woche bekam ich einen Brief:

„Teuerster Jack. Ich habe beschlossen, die Scheidung einzureichen, da ich bald heiraten werde. Ich denke das Verteilen des Eigentums ist kein Problem, da wir ja einen guten Ehe-Vertrag vereinbart haben. Wenn es dich interessiert, dann wird mein neuer Mann Haumea, Version 5.0. sein. Das ist die beste Version des vor kurzem herausgegebenen Eheersatzes „The best spouse“, das funktional alles das ersetzen, was du mir gabst, Jack: emotionale Unterstützung, sexuelle Befriedigung und sogar materielle Fürsorge (es erlaubt, an den besten amerikanischen Aktien zu verdienen).

Ach, ja, ich habe vergessen das aller wichtigste hinzu zu fügen – Haumea ist ganz ungefährlich.

Nun bin ich beruhigt, was meine Zukunft angeht.

Ich wünsche dir Erfolg, Jack.

In Liebe, Emmi.“

Лайли Эдиге

БЕЗОПАСНЫЙ МУЖ

– Вот, держи!

Пять минут назад я в сотый раз за последний час облил руки санитайзером. Они начинают чесаться, как только высыхают. И я их чешу. Чешу и нервничаю. И злюсь на неё…

– Я уже…


– Не надо ничего комментировать, дорогой. Просто обработай руки, и мы пойдем обедать!

Она непреклонна. Непреклонна как скала. Такая знаете, одинокая отвесная скала, на которой не растет ни единой травинки. И стоит она между гор, заросших хвойными красавицами, истоптанных тропами диковинных животных и покрытых густыми туманами. И вот в таком месте вдруг она – пустая и гордая. Непонятно как здесь очутившаяся. Всегда правая. И всегда в оппозиции.

Я молча обрабатываю руки и покорно иду в столовую.

– Милый, я думаю, мы не будем снова касаться этой неприятной для нас обоих темы. Мы уже обсудили, и я жду, что ты будешь беспрекословно выполнять то, о чем мы с тобой условились. Как ты понимаешь…

– Эмми…- начинаю было я, но она меня опять перебивает. Она подходит ко мне и дает в руки одноразовые перчатки, кивая, чтобы я их надел.

– Я знаю, что ты хочешь мне сказать! И не нужно говорить мне, что я чересчур впечатлительна, или что это не стоит „выеденного яйца“! Пойми: бактерии окружают нас повсюду! Пока ты шел к столу, ты потрогал как минимум три предмета и коснулся ручек как минимум двух дверей!

– Но, Эмми, – я натягиваю на руки перчатки и жду, когда подадут ужин, – мы с тобой находимся в частном доме на закрытой и охраняемой территории. О каких бактериях и о какой предосторожности может идти речь? – я пытаюсь говорить спокойно и вразумительно, но чувствую, что с каждой минутой внутри меня что-то вскипает все больше и больше.


– Для того, чтобы подхватить инфекцию достаточно малого контакта с носителем…

– Каким? Каким носителем? – перебиваю я её.

– Ну знаешь, милый. Переносчиком бактерий может быть и насекомое. Я слышала, что инфекции могут перемещаться по ветру…

– Ты сейчас серьезно? – я смотрю на нее, не мигая, надеясь, что она шутит.

– Вполне. Я настроена прожить эту жизнь долго. Счастливо. И без какого-либо ущерба своему духовному и телесному здоровью. Поэтому я решила…

Я на минуту отвлёкся от того, что она говорила, заглядевшись на чудесный стейк, который мне принесла Эльза – наша единственная допущенная в дом служанка.

– Ты слышишь меня, Джек?

– Да, извини. Я слушаю, – я не хотел вникать в её слова, потому что уже мысленно был в предвкушении скорого удовольствия от ароматного куска мяса перед собой.

– Я говорю, что я решила, и теперь мы будем спать с тобой… в разных спальнях. Наши встречи, ну ты понимаешь – наш секс – теперь будет максимально защищенным… Как и все другие контакты… – заключила Эмми спокойно, продолжая во время заготовленной заранее, как виделось мне, речи, аккуратно разделять мясо ножом, придерживая его вилкой в другой руке.

– Как защищенным? Каким образом? В масках? – я, не веря своим ушам, застыл с вилкой в руке, так и не донеся вожделенного куска до рта.

– Всё верно, милый. В масках. В перчатках. С предварительным тестом на COVID.

– Да, нет! Ты бредишь! Ты сбрендила, дорогая! Слетела с катушек! – я хотел ущипнуть себя. Реально, может так люди сходят с ума?

Я вдруг вспомнил, как я познакомился с Эмми. Помню, что закупился на неделю вперед в Волмарте, и тащил тележку к своему припаркованному на стоянке автомобилю, как вдруг дорогу мне преграждает она. Усталая и раздраженная. Волосы рассыпаны по плечам, тушь потекла, и одежда взмокла от жары и проступившего пота. Она что-то спешно объясняла мне о водителе, машина которого сломалась где-то по дороге и он не приехал к ней вовремя. Что она здесь с покупками одна, в тысяче миль от дома. Что растеряна, обеспокоена, и телефон разрядился. Она говорила и говорила, а я думал только о том, что безумно хочу уложить ее в постель, и прямо сейчас заняться с ней любовью. Так возбудила меня ее растерянность и непривычная (я уже тогда понимал, что у нее все разложено обычно по полочкам)– её непривычная ей самой расхлябанность во всем: от взъерошенных волос, пропавшего водителя, коробок с покупками до дурманящего, сводившего меня с ума аромата дорогих духов, смешанных с запахом ее разгоряченного вспотевшего тела.

Я сидел напротив, не зная, что сказать. Стейк предательски остывал и стремительно терял свою привлекательность. Я совершенно не понимал, как мне реагировать на случившееся, и извинившись, сказал, что поужинаю позднее в кабинете.

Затем я поднялся наверх и работал там, закончив далеко за полночь.

Когда я спустился в нашу общую спальню, дверь была заперта. Рядом со входом на тумбочке я увидел записку: «Я велела приготовить твою постель в комнате для гостей. О встречах я буду писать тебе заранее. Спокойной ночи».

***

– Я запретила тебе встречаться с Вилсонами, Джек!– жена надевала пеньюар, стоя ко мне спиной.

– Нам обязательно сейчас говорить об этом, дорогая? – я не понимал, как в такой милой голове могло быть столько мусора. И зная, что ответа не найду, просто откидывал эти мысли, любуясь её точенным, совершенным телом.

– На прошлой неделе ты виделся с Майклом. Почему ты не сказал мне об этом?

– Эмми, карантин давно окончен…  Ты знаешь, что на всё в городе сняты ограничения. Могу же я встретиться с лучшим другом? – спросил я, стараясь сдержать подступающее к горлу раздражение.

– Нет, Джек, – она расчесывала волосы, слегка раскачиваясь вправо и влево. Такие движения, говорила она, помогают запустить её «дремлющую лимфу», – его жена переболела вирусом, и ты об этом прекрасно знаешь. Я читала, что учеными пока не доказано, что полное излечение возможно. Поэтому, Джек, они все еще могут быть заразны!

– Ооо нет, дорогая, не продолжай! Мы опять встаем на те же рельсы?

– Я говорю с тобой серьезно, – Эмми поджала губы, и перестала раскачиваться, – если ты не прекратишь общение с этими людьми, я … – она на мгновение прервалась, – я буду вынуждена…

Я молчал…

С момента отмены карантина, моя жизнь постепенно превращалась в какой-то плохо снятый фильм бездарного режиссера-самоучки. Эмми из прелестной и до сих пор желанной мне женщины, с каждым днем становилась просто одержимой превентивными мерами защиты от всех видов инфекций. Наши расписанные по календарю встречи в средствах защиты. Почти еженедельные тесты на наличие патогенных тел микроорганизмов. Тотальное ограничение общения…

Я чувствовал, что теперь я схожу с ума!

Я собрал свои вещи и в тот же день съехал на съемную квартиру.

Неделю спустя я получил письмо:

«Дорогой, Джек. Я решила подать на развод в связи с моим скорым замужеством. Думаю, что раздел имущества – не проблема, поскольку мы заключили неплохой брачный контракт.

Если тебе интересно, то моим новым избранником стал Haumea, версия 5.0. Эта лучшая версия из ныне созданных супружеских приложений “The best spouse”, которое функционально в превосходной степени заменяет все то, что ты давал мне, Джек: и эмоциональную поддержку, и сексуальное удовлетворение и даже материальную составляющую (приложение позволяет зарабатывать на котировках акций лучших американских компаний).

А да, забыла добавить самое главное – Haumea совершенно безопасен!

Теперь я спокойна за свое будущее.

Удачи тебе, Джек.

С любовью, Эмми».

Рассказ «Димка»

Лето. Жара. Градусов под тридцать только в тени под деревьями. А на солнцепёке – так все сорок.

«Я бездельник, у-у-у, мама, мама! Я бездельник у-у-у, у-у-у!», – надрывается из окна общежития напротив нашей хрущевки редкий по тем временам кассетник, обладатель которого перекупщик, или как говорили тогда, спекулянт, армянин дядя Алик считался человеком успешным, продвинутым для конца 80-х. Он гонял запрещенные видеки в полуофициальном видеосалоне, расположенном с торца общежития, промышлял перепродажей модной фарцованной джинсы и жвачки. А также вот таким образом создавал атмосферу. Музыка орала как подорванная, заполняя собой все близлежащие дворы и закоулки – «Ю май хат, Ю май соул»…

Перестройка. Времена горбачевской свободы и «гласности». И такого беззаботного полуголодного детства.

Чумазые, свободные от родительской опеки и какого-то маломальского надзора, ребята с утра бежали к речке купаться. Это была и не речка вовсе, так – водохранилище. Но их этот географический факт мало интересовал. Главное, что воды было много – можно было купаться. Загорать. Даже раки там водились.

Сбор на речку выглядел таким образом: первым за Димкой заходил Руслан. Он жил на пятом этаже, Димка – на четвертом. Затем они вдвоём спускались до второго этажа и отпрашивали Ляльку – соседскую хоть и девчонку, но своего в доску человека. Как никак вместе выросли. С детсада вместе. Потом они топали до последнего пятого подъезда их дома – за Лёхой.

– Салам! Можно Лялька у тебя в туалет сходит? Приспичило ей, –  Лялька, красная, стоит виновато опустив глаза вниз, но совершенно без сил сдержаться или бежать назад к себе, так хочется по-маленькому. Пролетает мышкой в туалет, под одобрительный кивок Лёхиного папаши. Он стоит в трусах, улыбается, даже не пытаясь как-то прикрыть свой срамной вид. Лялька закрывает нос пальцами, чтобы не дышать, туалет так себе: чистота у Лёхи дома в дефиците.

Они выскакивают с криками и радостными улюлюкиваниями на улицу – свобода! Галопом бегут к речке через ближайшую школу. Димка плетётся в самом конце – он тащит пластмассовую продуктовую сумку, в которую Лялька заранее уложила плед, чай с сахаром в трехлитровой банке и полбулки хлеба. Ближе к речке поравнявшись, идут вместе.

– Вчера я видел пацанов из восьмого «Б». На рамсы зовут нас. Там у Сакена косого, брат его младший от нашего Витюхи по полной получил. Девчонку на дискотеке не поделили что ли… – сказал Руслан, непонимающе пожав плечами, – придётся пойти на стрелку.

– Да, из-за Насти они. Красотка еще та! – мечтательно прикрыв глаза, ответил ему Димка и почему-то высунул язык.

– Да какая она красотка, – громко перебив, вмешалась Лялька. – Она уже и волосы перекисью высвечивает и помада эта красная, фу – безвкусица! И вообще, она уже пропащая. Мне ее подруга Танька сказала, что эта Настька целовалась с десятиклассником Вовкой Архиповым. А может и вообще со всем десятым «Б» перецеловалась по кругу. Они там в бутылочку что ли играли…

– Ты серьезно? – пацаны, притихнув, взглянули на Ляльку с нескрываемым восторгом.

– Да! А что? Чего вы так обрадовались? – возмущенно вскипая, продолжала Лялька. – пропащая она и падшая … женщина! – театрально завершила она.

Пацаны замолчали. Но по глазам и переглядываниям можно было понять, что тема целованной девчонки из параллельного класса ох как интересна, но вслух ничего не сказали.

Лялька обиделась. Всю дорогу до речки она не проронила ни слова.

***

Осень вовсю уже стучалась в окна квартир реденьким дождем. С утра легкий морозец прихватывал маленькие лужи возле дорог, красиво обрамляя их узорчатыми как кружева оборками. По утрам ребята, когда шли по еще темным улицам в школу, не выспавшиеся, молчали и ежились под тонкими плащами. Стараясь прижиматься к друг другу ближе, добегали до яркого крыльца школы. Раздавалось и тут же застывало в воздухе гулкое карканье оголтелых ворон, которые кружились над школой, в только им ведомом, а со стороны – совершенно бесцельном и хаотическом танце.

Димка рос пацаном красивым. Нравился многим девчонкам в классе и во дворе. Ляльке он тоже нравился. Но они дружили с детского садика, и, конечно, Димка совсем не видел в ней какую-то там особенную для мечтаний подростка девчонку.

– Я вчера целовался с Настей, – сказал он как бы невзначай на уроке русского. Училка, услышав его шепот, сделала укоряющий жест рукой в их с Лялькой сторону.

Лялька, покраснев, задышала тяжело и грузно.

– И как? – она почти прошипела в ответ Димке.

– Не знаю…не очень как-то. Там знаешь, язык участвует. Бееее, короче – прошептал ей в ответ Димка. – И потом ты знаешь, она так неприятно пахла – духами что ли. Дзинтерс, она сказала. Я чуть не задохнулся. Короче, мне не понравилось.

– Гапаров, Ушакова – вы сейчас выйдете из класса! Хватит там перешептываться! – учительница строго взглянула на обоих, подойдя ближе к их парте и стукнув указкой по столу. – Гапаров к доске!

Димке пришлось идти к доске и писать под диктовку предложения с проверкой правописания частиц «НЕ» и «НИ».

Лялька сидела счастливая и задумчивая до конца уроков.

***

К новогодней дискотеке Лялька начала подготовку недели за две до начала.

Во-первых, ей удалось уговорить мамку отдать ей на перешивку свою старую юбку. «Делай с ней, что хочешь – только отвяжись!» – равнодушно бросила мать счастливой Ляльке. Недолго думая, та мелом в точности по ранее сделанным швам, сделала метки по своим размерам на распоротых частях переда и зада.  Немного укоротила и подживулькала снизу. Теперь оставалось только аккуратно прострочить их на смазанной маслом старой, но верно работавшей пятый десяток швейной машинке. Юбка готова. Красота!

Затем она уговорила соседку Юльку одолжить ей ярко синюю блузку с блестками. Здесь не обошлось без подкупа – пришлось пообещать дать ей надеть свою заколку пушок. Он был классный, ярко алый, блестящий и такой крутой, что Лялька аж зажмуривалась от счастья обладать такой умопомрачительной красотой! Нужно было гладко-гладко собрать волосы в высокий хвост и скрутить его в тугую дульку, а сверху на нее надеть этот пушок. Он обязательно должен располагаться на самой верхушке, и тогда уж обеспечено было стать самой главной девчонкой на вечеринке! Жалко было давать его Юльке даже не вечер: как пить дать – испортит. Но что же делать, раз пообещала. Благо, ее дискотека только на следующей неделе. Сейчас же для Ляльки все имело значение и ценность – нужно было прийти на праздник при полном параде.

В нужный день она с нетерпением ждала ребят возле двери своей квартиры. В прихожей затрезвонил телефон.

– Алло, Лялька? Увидимся в школе! Мы с пацанами уже ушли. Иди сама! – Лёха с Русланом позвонили ей сообщить, что все они в том числе и Димка уже давно убежали в школу. Ну или куда-то туда, Лялька толком не поняла.

В холле школы стояли уже подвыпившие учитель математики Игорь Борисович и завуч школы Татьяна Петровна. Улыбаясь входившим, они просили раздеться в гардеробной и спускаться вниз в столовую на дискотеку. Подёргиваясь, они нелепо топтались на месте под звуки гремевшей где-то внизу музыки, от которой, казалось, трясло все стены школы и портреты великих, которые могли вот-вот свалиться со стен на пол.

Лялька спустилась в столовку. Посреди зала стояла высокая, бедно украшенная елка, смотревшаяся скорее жалостливо, чем празднично. На окна были наклеены аккуратно вырезанные на салфетках снежинки и снеговики. Потолок был весь в тут и там налепленным на вату дождиком.

– Он здесь! – подбежала и схватила ее за руку разгоряченная танцами Светка.

– Кто он? – спросила ее Лялька.

– Как кто? Димка твой

– Почему он мой? – недовольно поежившись, парировала Лялька, – он совсем даже и не мой.

– Ладно врать – я же знаю, что ты в него втюрилась. Мне-то не чеши, – не успокаивалась подружка. – Они с пацанами куда-то во двор школы пошли. Что они там делать будут, как думаешь?

– Не знаю даже, – беспокойно ответила Лялька, – может пойдем посмотрим?

Они побежали на улицу, накинув сверху только куртки без шапок и перчаток. Лялька издалека признала ярко желтую куртку Руслана. Значит, где-то рядом должен быть и Димка с Лехой.

– Ребята, все в порядке? – подбежала к Руслану Лялька.

– Девчонки, идите на дискотеку. Здесь вам не нужно оставаться, – как-то странно, глядя в сторону сказал Руслан Ляльке. От него за версту несло спиртом.

Лялька пожала плечами, и они ушли со Светкой назад в школу.

На дискотеке пацаны так и не появились. Лялька сначала долго ждала их, огладывалась по сторонам и все смотрела в сторону входной двери в столовку. Потом смирилась и просто танцевала. За ней весь вечер долго и томно, стоя возле стены, наблюдал мальчик из параллельного класса. К концу дискотеки он решился и подошел пригласить на медленный танец. Лялька никогда до этого не танцевавшая медленный танец от растерянности не знала, куда деть руки, и даже обрадовалась, когда этот незнакомый мальчик уверенно положил их себе на плечи. Непривычно.

Они дотанцевали медляк, и мальчик, которого звали Гоша, прижавшись головой к Лялькину уху, громко прокричал:

– Давай дружить! Ты мне давно нравишься!

Лялька от радости вся покраснела, и сама, не ожидая от себя, кивнула головой.

***

Гоша стал провожать Ляльку домой со школы, и их постоянный ритуал возвращаться с мальчишками из школы вместе нарушился.

Однажды почти уже возле дома, попрощавшись с Гошей, Лялька вдруг встретила Димку.

– Ты так изменилась, – бросил он ей неожиданно. – Все с этим мутным трешься, – его глаза, глядевшие исподлобья блестели и смотрели прямо Ляльке в глаза, будто он хотел прожечь ее своим взглядом.

– Да. А что? – независимо и как-то гордо даже ответила Лялька. – Я взрослая уже. С кем хочу, с тем и дружу! Как и ты в общем-то.

Она вытянулась за этот учебный год. И как-то вдруг для себя обнаружила, что стала нравиться мальчикам, и даже тем, что гораздо старше. Новое пальто красивого терракотового цвета с отложным воротником, которое ее отец смог с трудом выбить через знакомых по блату, сидело на вытянувшейся фигурке как влитое. И прическа с завитой и уложенной горкой слегка в сторону, по последней моде челкой придавало ее лицу такую неуместную взрослость, что еще больше подчеркивало то, что Лялька была еще по сути девчонкой.

– Лялька, – замялся Димка, – но ведь мы же друзья все еще?

Она взглянула на него и опустила глаза.

– Конечно. Почему ты спрашиваешь?

– Но зачем тебе он? Он глупый и высокомерный…гусь, – Димка с неохотой говорил о Гоше, как о чем-то неодушевленном и опасном. – И потом ты можешь найти и получше…парня.

– Куда вы подевались тогда на дискотеке? – спросила она неожиданно.

Димка молчал.

– Ну, как тебе сказать… Мы выпили тогда. Видимо, перебрали. Нас тогда завуч в школу не пустила. Пришлось домой идти. И от мамки тогда влетело… – вздохнул Димка.

– Ну и зря! Я была такая красивая. Так готовилась. Думала, мы все вместе будем отмечать. С ребятами. С тобой… – Лялька замялась и притихла. Розовый румянец покрыл ее щеки, и весь ее вид – цветущий, нежный – делал с ним что-то необыкновенное. Димка осознал, что никогда до этого не видел Ляльку такой красивой.

Он подошел к ней и крепко обняв, прильнул к губам. Лялька зажмурилась, но не оттолкнула. А лишь крепче прижалась к нему, не веря, что все происходит с ней наяву.

***

Теперь все дни Лялька с Димкой проводили вместе. Это ужасно мешало учёбе и злило родителей обоих влюбленных, но подростки не хотели думать об этом. Они часто сбегали вместе с уроков, и когда какой-то из учителей спрашивал на уроке: «А где Ушакова?», весь класс хором кричал в ответ: «С Гапаровыыыыммм!». Молодые упивались первой любовью и свободой, которую она дарила.

Наступило лето. Последнее лето перед выпускным десятым классом. Ребята почти все дни пропадали на речке, беря с собой за компанию Руслана и Лёху. При этом практически всегда оставаясь то там, то тут вдвоем, убегали от них. Им хотелось в эти моменты быть только вместе. Странно, но практически никогда скучно от этого не становилось.

Лялька читала Димке стихи Цветаевой, Есенина, Блока. Димка же, совсем не понимая их, да и особо не любя, слушал, не перебивая. Наверное, ему просто нравилось смотреть на Ляльку, такую манящую, одухотворенную что ли, всегда покрывавшуюся в эти моменты густым румянцем и чуть заметной испариной в области висков. Димка тогда останавливал ее, поправляя непокорные вьющиеся кудри рукой, и прижимая ее к себе, целовал, не давая закончить красивые и такие непонятные стихи…

Десятый класс пролетел, как один день. И крепнущая день ото дня влюбленность каким-то волшебным образом помогла им подготовиться и успешно сдать выпускные экзамены. Лялька помогала Димке с русским, литературой и английским. Димка – ей в точных науках. Вместе решили поступать в Горный Университет в Москву, у которого со школой была договоренность на предоставление студентов.

– Я не поеду с тобой, – после выпускного в слезах и непрекращающихся рыданиях, сказала Лялька.

– Что случилось? Почему?

– Меня отец не отпускает. Говорит, нечего тебе девке делать в этой столице. Пропадешь там.

– Но ведь ты со мной едешь? – закричал Димка от возмущения, – почему же он тебя не отпускает?!

– Я не знаю, Дим. Поговори с ним!

Отец Ляльки даже слушать не стал невнятные и неуверенные доводы. Долгие споры, слезы, уговоры и шантажи не дали своих результатов – Ляльке запретили ехать в столицу.

Димка уехал в конце августа.

В сентябре после череды дней недомоганий и обмороков Лялька, придя к врачу в районную поликлинику, с удивлением обнаружила четвертую неделю беременности.

Малыш родился в начале мая. Лялька, не найдя поддержки ни у родных, ни у отца ребенка, приняла предложение и вышла замуж за Лёху.

Димка по завершении вуза уехал на крайний север по контракту. Больше они не виделись.

Сына назвали Дмитрием.

Скворечник

Та зима была щедра на снег.

В самом начале декабря после томительно-долгих дождливых осенних месяцев, когда уже начинало казаться, что весь мир промок насквозь до самой неприметной, необозначенной на карте улочки, лить вдруг перестало. Пару дней голые мокрые деревья стояли истуканами, грозя обрушиться на дорогу и завалить всё своими деревянными сучьями. А посеревшие дома, глядевшие наружу огромными глазницами темных окон, пугали и отталкивали почти до самой темноты, пока в них не начинали зажигаться вечерние огни. Рано утром в воскресенье наконец-то пошел снег.

Он пошел сразу большими хлопьями, легкими, пушистыми, и шел так почти сплошной стеной и всё воскресенье, и понедельник, захватив и начало следующей недели. Успокоилось все только к четвергу.  Вдруг стало тихо, светло и очень торжественно.

Сания до сих пор помнила этот день отчетливо. Когда она закрывала глаза, то в воспоминаниях всплывала сразу поляна, вся сплошь покрытая снегом. Он искрился, слепил глаза так, что они до краев наполнялись слезами… 

В последние дни каникул Сания где-то подхватила корь. Ее сразу отделили от всех детей, уложив за перегородкой в виде старого шкафа. Температура то падала, то поднималась, тело зудело, и очень больно было смотреть на ослепительно яркий свет лампочки, одиноко висевшей над потолком и скудно освещавшей их небольшой дом, состоявший, собственно, из двух комнат. Детей было шестеро выживших, двое скончались при родах.

Ее мать, по сути, добрая, молчаливая, неграмотная женщина, всю жизнь работавшая на селе, вырастила их, ни разу не скорбя на судьбу. Она умело управлялась хозяйством, состоявшим из лошадей, нескольких баранов и пары коров.  Санию мать жалела. Старалась беречь от тяжелой домашней работы, та в ответ была предана матери, всегда делилась с ней мыслями и переживаниями. Отец, прошедший рядовым в Великую отечественную до Берлина, и оттуда переброшенный в Японию на вторую мировую, придя домой живым, сразу пошел работать на шахту. Ни разу ни словом не упоминал он ужасов войны, и только ночами еще много лет вскрикивал, просыпаясь в поту от снившихся кошмаров. Самым страшным ругательством, срывавшимся с его уст в порывах гнева, было слово «фашист»…

Сания болела уже третью неделю, и когда изредка заходила сельский врач, вздыхавшая на «неприемлемые условия содержания больного ребенка», девочка украдкой спрашивала: «Тәте[1], я могу уже пойти в школу?». Врач, отрицательно поведя головой, заверяла лежать еще хотя бы недельку-другую до полного выздоровления. Сания не успокаивалась. Уроки в школе уже давно начались: ей становилось невыносимо оттого, что она пропускает, казалось, что она никак не сможет догнать потом своих одноклассников. Не зная ни слова по-русски при поступлении в начальную школу, ей приходилось зубрить все в двойную силу, чтобы достичь того, что легко удавалось менее способным одноклассникам. И оттого, любой пробел в знаниях восполнялся потом сверхусилиями. Любой проигрыш в виде двойки и даже тройки больно бил по самолюбию…

Не сказав матери, тайком, еще не выздоровевшая, с легкой одышкой и холодным лбом, Сания, наскоро одевшись и схватив ранец, пустилась наутек со старшей сестрой и братьями в школу. Радости ее не было предела: она снова училась! Школьная смена пролетела стремительно, и голодный желудок призывно взывал что-то перекусить. Сания поспешила домой одна, не дождавшись своих братьев и сестры.

Дорога домой была тяжелая, в гору – «на пикете» – так они называли то место на возвышенности, где стоял их старый дом. Приходилось идти то полем, местами лесом, но почти везде дорога была извилистой, грязной. По той плодородной и темной земле, что казалось, сунь палку в землю – и та прорастет. Местность вокруг была сама сказка: причудливые горы и леса обрамляли округу и воздух, богатый, густой, наполненный травами, казалось, входил в легкие и оставался там навсегда…

Сания шла с трудом. Помимо ранца, она тащила домой скворечник. Его сделали на уроке труда мальчишки, и потом оказалось, что он никому не нужен. Сания решила обрадовать мать: идея-то верная – птиц в округе много, пусть кормятся, поют. «Прибьем его к столбу рядом с домом», – решила Сания и взяла с собой тяжелую поклажу.

Шлось тяжело. Глаза все еще не могли привыкнуть к дневному свету: они слезились, но Сания старалась укрывать их от прямых лучей, идти под той малой тенью, что давали зимой скелеты голых деревьев.

Вдруг неожиданно она увидела перед собой ватагу ребятишек славянской внешности. Сания резко остановилась, не мигая глядя на пацанов, в мгновение окруживших её, и довольно озиравшихся по сторонам с легкими ухмылками на губах. Они явно замышляли неладное. Вообще-то никто в их деревне старался не ходить в одиночку: было опасно. Дети, видя давнюю вражду между взрослыми: а в их краях русские не любили казахов, а казахи – русских, старались держаться кучками, не ходить в одиночку, от беды подальше. В этот же раз Сания шла одна.

– Ты, чучмечка, что несешь? Зачем тебе скворечник, кур там держать вздумала? – спросил ее один из мальчишек, рослее и старше остальных и громко рассмеялся. – Ты что, страх потеряла здесь идти? Это наша дорога, проваливай! – он резко подошел к ней и вырвал из рук скворечник, больно ткнув ее в плечо.

Сания упала на одно колено, и заплакала, увидев, что старые мамины чулки от удара о землю порвались, и вниз побежала предательская стрелка, разрывая ткань дальше и делая невозможным скрыть происшедшее. Она разозлилась.

– Как ты? Как вы…? – она не могла подобрать слов, от отчаяния и растерянности, и в особенности по тому, что плохо говорила еще по-русски. – Я все расскажу братьям – они вас! Иттер[2]! Фашисты! – она, размахивая ранцем, ринулась на толпу мальчишек, толком не осознавая, что силы не равны, в надежде их оттолкнуть и забрать скворечник.

Это еще больше раззадорило пацанов, и ее побили: больно, стыдно, без свидетелей…

Домой Сания бежала короткой дорогой: по яркому полю, засыпанному белым, только что выпавшим снегом, который ослеплял и без того ничего не видевшие от слез и болезни глаза.

Вечером мать, увидев порванную одежду и грязный ранец с испачканными учебниками и тетрадями, больно ударила её, и велела ложиться спать…Соседка, мать одного из мальчишек, устроивших расправу, донесла матери о «постыдном» поступке Сании: злосчастных, с летевших с уст «фашистах». Сания, от несправедливости и обиды глотая слезы, уснула, всхлипывая, не ощущая, что в глазах огонек лампочки под потолком стал глуше, еле заметно виден.

Она проболела еще месяц, и вернувшись в школу после болезни поняла, что уже ничего не видит со второй парты. Через неделю матери пришлось купить ей очки в черной безобразной оправе.

Больше Сания не раскрывалась матери никогда.

Нечаянная расплата

            Михайло Иосифович медленно, глядя себе под ноги, шел домой. Дорога была грязная, вся в колдобинах и ямах, еще больше развороченная густым весенним дождем, прошедшим накануне, совсем не пригодная к проезду транспортом, а уж тем более к пешему ходу.

В руках он держал старую, но крепкую еще советскую авоську с белым нарезным батоном и пачкой дешевого молока. Ноги его, обутые в резиновые сапоги, отяжелевшие от налипшей и слегка подсохшей уже местами грязи, шли тяжело, грузно, увязая и покрываясь новыми комками тягучей и липкой земли. Михайло Иванович, отыскав более или менее сухой участок, ступил на него и, остановившись, поднял наконец голову и огляделся вокруг. Весна, яркая, зубастая, смотрела на него, задорно пыхтя теплом, шедшим от земли и уходящим в небо тонкими струйками еле различимого пара. Тут и там, стреляя зелеными глазками, с ветвей глядели проклюнувшиеся и вот-вот готовые зацвести спелые налитые почки. А птицы, ватагами летавшие то низко к земле, то взмывая к верхним кромкам деревьев, верещали так, что в ушах звенело.

– Ух-х-х, – только и сказал Михайло Иосифович и неожиданно улыбнулся.

– Эй сосед! Здорово живешь? – сзади, гудя мотором, подъехал внедорожник. Михайло Иосифович услышал знакомый голос и повернувшись, увидел улыбавшийся щербатый рот Николая Архипова, его давнего приятеля, жившего по соседству.

– И тебе здравствуй, Николай Пахомыч, – ответил он в ответ.

– Залезай в машину, подвезу тебя! Грязь какая…

– Да, мне тут метров три осталось… Сам дойду, не переживай… ещё машину тебе перепачкаю…

– Садись говорю, сосед! Я ж из заграницы вернулся, есть что рассказать. Я вот видишь, – Архипов вытащил бутылку из сумки на заднем сидении, показывая, – виски купил, заграничного, дорогого. Выпьем может за мой приезд, отметим как-то?

Михайло мотнул головой.

– Да я в жизни не пил такое. Что это – и знать-то не знаю даже.

– Так и я не пил его раньше. Вот и испробуем. Ты вечером заходи, сосед. Посидим, поговорим. Я знаешь, эту Германию, Берлин то бишь – вдоль и поперек обошел. Есть чем поделиться. И Родина ж это твоя, как никак. Немец же ты по рождению, а? Верно, Шульц? – и со значительным видом Архипов подмигнул ему.

«Да, какой я там немец, – подумал Михайло Иосифович, – я и слова-то по-немецки не говорю».

Он вылез из машины и махнул вслед соседу рукой.

***

В последние годы Михайло Иосифович вел жизнь простую, неприметную, можно было даже сказать, затворническую. Как померла его жена Наталья Ильинична, женщина скромная, но характера твердого, сильного, сам он не сломался, как думали многие с ним случится. Но замкнулся, стал нелюдим. Редко когда выбирался из дома: если только за продуктами какими недалеко в ларек сходить или в поликлинику провериться, как где сильно прихватит.

Он уже и не помнил, кто и когда стал звать его вот так: на старорусский манер -«Михайло»: забыл, но особо и не возражал. Чистокровный немец и по матери, и по отцу, Михайло Иосифович немецкого не знал, обычаев никаких не соблюдал. Да и прожив всю жизнь в Казахстане и напитавшись культурами казахов и русских, уйгуров и других народов, считал себя скорее «немецким казахом», ну или на худой конец «русским немцем». Он знал, что дедов его сослали с Украины в Казахстан еще во времена раскулачивания, но дальше этого историю семьи не изучал. На эту тему говорить Михайло Иосифович особо не любил: вопрос идентичности бередил его душу, а поскольку ответ на искомое – «кто я» – не находился, то однажды он решил закрыть его для себя и не поднимать более.

Единственный сын его Артем, повзрослев и обзаведясь семьей, подал документ на репатриацию в Германию. Оттуда сын посылал переводы, часто звонил и уговаривал отца переехать к нему, но Михайло Иосифович отмалчивался и согласия не давал.

Ночами он часто просыпался в постели посреди пустого дома, от скрипа половиц или иного какого нечаянного глухого стука, и невольно искал глазами жену Наталью Ильиничну. Ему было пусто без нее. За всю семейную жизнь он редко был откровенен с ней в чувствах, но на похоронах ее неожиданно для всех вдруг завыл громко и протяжно, осознав, что потерял в жизни что-то самое ценное.

«Когда уж я наконец-то повстречаюсь с моей Наташенькой», – думал он все чаще.

– Сосед! Михайло Иосифович! Ты дома?

– Тут, я тут, – сказал Михайло Иосифович, выходя из курятника во двор и держа в руках теплое ещё, обмазанное пометом и облепленное перьями, яйцо, которое пока еще несла раз в неделю его единственная курица.

– Пойдем ко мне, посидим. Поляна уже накрыта, и тебе, Михайло, я думаю тоже полезно будет проветриться.

***

На столе стояли отварная картошка, зеленый свежий лук, очищенная и порезанная селедка и черный бородинский хлеб. Посредине стола красовались темная запотевшая бутылка виски, привезенная соседом из заграничной поездки, и поломанная на дольки плитка казахстанского шоколада. Сам Архипов много улыбался, шутил, показывая на телефоне фото Берлина и его достопримечательностей, говорил и говорил, так что Михайло Иосифовичу оставалось только кивать и слушать.

– Зря ты, Михайло, к сыну не переедешь! Что здесь тебе ловить-то осталось? Ни жены, ни семьи, ни собаки даже нет у тебя, Шульц! Дай-ка я налью тебе этого напитка – вис-ки, – сказал, растягивая слова и расплываясь в довольной улыбке Архипов и разливая напиток в высокие граненные стаканы.

– Да, что я? Я-то что… Здесь моя Родина. В Казахстане…

– Не придумывай ты, Михайло! Кто по крови немец, казахом или русским никогда не станет, – они молча чокнулись и Архипов залпом выпил весь стакан, – взгляни на себя, ты ж до мозга костей немецкой выдержки, как хорошее такое немецкое пиво. Ну и педант ты такой же, как и они. И структурой, так сказать, мышления немецкой породы…Я тебе знаешь, что скажу? – переменившись в лице, ставшим вдруг хмурым, неожиданно тихо сказал ему Архипов, – я тебе так скажу: после поездки я как-то иначе на немцев и на Германию смотрю! Вдруг вспомнились мне несмываемые их грехи перед нашим советским народом…

Михайло Иосифович удивленно взглянул на соседа.

– Я тебе так скажу, Михайло, – продолжил тот, – только там я понял вдруг, что не-на-ви-жу их всей душой! – выпалил Архипов и сверкнул глазами, – там знаешь, как? Идешь по местам этим…и таблички висят, вроде того, с надписью «Мы об этом никогда не забудем» – это бишь означает, что они тот «грех» свой и раскаяние увековечить хотят…сукины сыны! И мы им этого тоже не забудем! Я, я лично не забуду!

Михайло Иосифович молчал, опустив голову вниз и не глядя на Архипова.

– Что ж ты молчишь, Михайло?. Или тебе сказать нечего? – он вглядывался в глаза Михайло Иосифовича, словно злясь и распыляясь от его затянувшегося молчания, – скажи что-нибудь?

– Что я скажу тебе, Николай Пахомыч, дело оно темное…прошлое…

– Да, какое же оно прошлое, если там, в Германии до сих пор есть эти фашистские гады! Они живут, размножаются, проповедуют свои идеи…и тихо ждут, как затаенный зверь своего часа, чтобы вдруг напасть снова, как только такие, как мы, потеряем бдительность…- Архипов выпив второй стакан виски и изрядно уже опьянев, смотрел на Михайло Иосифовича, не мигая и уже совсем не улыбаясь.

– Так что же ты молчишь, Михайло?.. Или тебе сказать нечего? – Архипов встал из-за стола, подошел вплотную к соседу и пахнув в лицо смесью алкоголя и соленой рыбы, прошипел, – или ты, гнида фашистская, тоже тихо сидишь, как и они, и только и ждешь своего часа, чтобы напасть на нас?

– Да, как ты смеешь? – прошептал Михайло Иосифович и приподнявшись со стула уперся лбом в лицо Архипова.

– Сволочь ты, Шульц. Фашист он и есть фашист… – проговорил Архипов и улыбнулся.

Михайло Иосифович, схватив рукой стоявшую рядом бутылку недопитого виски со всего размаху ударил ею в висок Архипову, и тот, закатив глаза, как-то сразу обмяк и рухнул на пол ему под ноги. Струйка ярко алой крови поползла от виска Архипова и образовала лужицу около грязного сапога Михайло Иосифовича…

***

Летом того же года в следственном изоляторе города Алматы следственно-арестованный по статье сто шестая часть третья УК РК «Умышленное причинение тяжкого вреда, повлекшей смерть потерпевшего» Шульц Михаил Иосифович покончил жизнь самоубийством посредством повешения. Накануне он написал записку, «что просит никого не винить в своей смерти, и будет рад наконец-то уже встретиться со своей Наташенькой».


[1] Тәте – «тетя» (перевод с каз.яз.)

[2] Иттер– «собаки» (перевод с каз.яз).



Olga Illi: „Eine lange Nacht“

Nacht. Ich gehe die Eisenbahnbrücke entlang, die sich über einen winzigen Fluss zieht. Wahrscheinlich war dieser einmal breit gewesen, wenn man eine solche Brücke gebaut hat. Im Umkreis nur Ödland, in der Weite leuchten die Lichter des Privatsektors. Wie sagte er noch einmal? „Wenn du nicht zur Meinen wirst, werde ich mich von der Brücke werfen.“ Ich hätte sagen sollen – hau ab und mach das. Doch er tat mir leid. Die Mutter hat recht wenn sie sagt, man solle kein Mitleid haben. Nun nennt mich sein Vater Schlampe, und er…Hat sich nicht einmal für mich eingesetzt. Sitzt da und murmelt etwas. Ihr könnt mich alle mal.

Im Umkreis ist niemand. Ich schaue auf die Sterne und beruhige mich langsam. Ein Sternchen bewegt sich am Himmelszelt und wird größer. Die Farbe wechselt von weiß zu gelb. Näher, noch näher, nun hat es die Größe eines Tennisballes. Ich erstarre und beobachte die Bahn seines Fluges. Was ist das? Vielleicht ein Sputnik? Vielleicht ein UFO? Gleich wird sich das Schiff direkt vor mich auf das Gleis setzen und mich von hier mitnehmen. Und dann fliegen wir auf einen anderen Planeten, weiter weg von Saschka und seinen Verwandten. Ich schaue, wie mein Sternchen, ohne mich zu erreichen, sich in der Dunkelheit auflöst. Zu viel geträumt.

„Hey Mädel, hast du das UFO gesehen?“, hört man eine männliche Stimme von unter der Brücke.

Ich erzittere. Was ist das für ein Mann dort unten am Fluss? Er sieht mich und ich ihn nicht. Doch ich antworte trotzdem:

„Habe ich.“

„Und ich dachte, ich habe Hallus“, schreit er. „Wohin gehst du?“

„Nach Hause.“

Ich verschnellere mein Tempo. Nicht, dass er zu mir auf das Gleis klettert, um über die Außerirdischen zu sprechen. Vor mir sehe ich eine Kette von gelben Lichtern. Ich denke mir, noch ein Kilometer und das Ödland hört auf. Dort ist eine große Straße, eine Stadt, die Zivilisation. Irgendwie schaffe ich das.

Nach einer Zeit führen mich die Gleise zu einer Autobrücke. Ich klettere auf die Aufschüttung. Der Kies knirscht unter den Füßen. Ich klettere über die Abgrenzung und finde mich auf einer beleuchteten Straße wieder. Es sind nur wenige Autos da. Die Stadtviertel sind ganz in der Nähe, alles ist nicht so furchtbar wie auf de Ödland. Neben mir bremst ein kleiner Bus.

„Enkelin, wohin gehst du so alleine? Setze dich, ich nehme dich mit.“

Hinter dem Steuer sitzt ein großer, grauhaariger Alter. Vielleicht kann er mich wirklich nach Hause fahren? Oder wenigstens in die Nähe? Ich klettere in das Auto und setzte mich neben den Fahrer. Der Bus startet. Der Alte beobachtet mich.

„Ich komme vom Dienst, habe alle nach Hause gebracht. Hungrig, wie ein Hund. Meine Alte hat mir etwas Essen mit auf den Weg gegeben. Lass uns anhalten und etwas speisen. Oder bist du in Eile?“

„Nein, bin ich nicht“, sage ich und füge dann hinzu: „Ich habe mich mit meinem Freund gestritten. Er lud mich zum Angeln ein, sagte, dass wir um vier Uhr nachts starten und ich über Nacht bleiben soll. Da lenkte der Vater ein und blickte auf die Nacht. Er mag mich nicht. So habe ich sie alle zum Teufel geschickt und gehe nun nach Hause.“

Der Alte nickt mit Verständnis. Er fährt einen Seitenweg entlang und biegt in irgendeinen Hof ab. Bleibt stehen.

„Lass uns in den Salon gehen, Enkelin, und was essen. Ich bin müde von dem langen Arbeitstag.

Er löst den Gurt, macht die Tür auf und springt heraus. Ich klettere ebenfalls heraus. Oh. Der Alte ist riesig von seiner Statur, ein Meter neunzig, nicht weniger. Er blickt mich von oben bis unten an und schmunzelt.

„Hast du nicht damit gerechnet? Ich bin Ilya Muromec. Und ich heiße Ilya Ivanych. Und du?“

„Aljena. Mama nennte mich Lölja, doch das kann ich nicht ertragen.“

„Wie alt bist du denn, dass du bereits einen Freund hasz?“

„Sechzehn. Ich bin eigentlich volljährig. Habe vor kurzem meinen Ausweis bekommen.“

„Wenn das so ist….Lass uns in den Salon gehen. Ich habe dort eine Thermoskanne mit Tee und Pirogen. Du bist doch hungrig?“

„Nein, ich bin böse.“

Ilya Ivanovich macht die Tür des Salons auf, lässt mich durch und betritt diesen keuchend selbst.

Er nimmt den ganzen Raum des Wagens ein.

„Lass uns auf den Rücksitz setzen, ich habe alles da.“

Er setzt sich schwerfällig hin, nimmt seine Tasche heraus und kramt in ihr. Ich setzte mich neben das Fenster.

Ivan Ivanovych nimmt die in Zeitung eingewickelten Piroggen heraus und reicht mir eine.

Anstatt einer Thermoskanne befindet sich in der Tasche eine Flasche Wodka und zwei Plastikbecher. Der Alte reicht mir einen davon.

„Lass uns trinken. Es gibt keinen Tee. Die Alte hat vergessen die Thermoskanne mitzugeben.

Nun, den Tee hat sie vergessen und den Wodka nicht. Ich glaubte ihm.

„Nein danke, ich trinke nicht.“

„Dann iss Piroggen und ich werde trinken“, der Alte gießt sich einen vollen Becher Wodka ein, atmet aus und trinkt den Wodka in einem Zug. Dann wischt er sich den Mund mit dem Ärmel ab, beißt in die Pirogge. Er schmatzt und isst sie auf.

„Äch, wie gut. Wo wohnst du denn, Enkelin?“

„Im dreiundzwanzigsten Bezirk.“

„Oh, das sind fünfzehn Kilometer von hier.“

„Können Sie mich nicht fahren?“

„Ich habe getrunken. Was ist, wenn wir Bullen treffen?“ Als er bemerkt, dass ich aufstehe, nimmt er meine Hand und drückt mich wieder auf den Sitz. „Warte, warte. Beeile dich nicht. Wir können einen Umweg fahren, ich darf nicht die Hauptstraße nehmen, sonst nimmt man mit den Führerschein weg. Wer soll dann arbeiten?“

„Sind Sie nicht Rentner?“

„Ja, seit kurzem. Doch die Leitung lässt mich nicht gehen. Ich bin unaustauschbar.“

Der Alte nähert sich mit. Sein kariertes Hemd riecht nach Schweiß. Dazu noch ein sauerer Geruch, den nur Alte an sich haben. Da umarmt er mich und legt sich auf mich, flüsternd:

„Was ist Enkelin. Gib mir. Meine Alte gibt es mir seit zehn Jahren nicht mehr.“

Vor Überraschung erstarre ich und kann mich nicht bewegen. Der Alte zieht mich an meiner Bluse und drückt sich mit seienr unrasierten Wange in meinen Hals.

„Enkeltochter, ziehe dich aus. Ilya Ivanovich braucht nicht viel. Nur einmal.“

Er ist robust und stark. Ich habe das Gefühl, als ob ein riesiger Baum auf mir liegt. Die grauen Strähnen klettern in meinen Mund. Ich spucke sie aus und huste. Da fange ich an noch mehr zu husten und berühre meinen Hals.

„Asthma…ich habe Asthma…“

Ich verdrehe die Augen und zittere.

„Meine Tropfen…machen Sie dir Tür auf….Luft…“

Der Alte lässt mich los. Er ist erschrocken.

„Gleich Enkeltochter, gleich“, murmelt er. Er zieht mich zum Ausgang, macht die Tür des Wagens auf.

Ich rutsche an ihm vorbei und finde mich draußen wieder.

Ich falle ins Gras. Man darf nicht langsam sein. Die Angst, die mich davor so übermannte, gibt mir nun Kraft. Ich stehe abrupt auf, ohne auf das Auto oder den Alten zu blicken, laufe ich in Richtung des nächsten Mehretagenhauses.

Ich laufe und betrete einen Hof. Dieses Haus geht. Ich springe in das zweite Treppenhaus, gehe die Leiter hoch und drücke auf den Knopf des Aufzuges. Dieser macht Geräusche. Das Herz springt im Hals, in den Ohren ein Rauschen. Schneller, Schneller. Ich drücke und rücke auf den Knopf. Endlich kommt der Aufzug und öffnet sich. Ein Lämpchen leuchtet trüb. Die Türen gehen langsam zu als ich auf den Knopf der achten Etage drücke. Der Alte weiß nicht, dass ich hier bin. Dass ich in genau diesem Haus bin. Der alte Bock, glaubte mir, dass ich Asthma habe. Ich zittere immer noch. In dem schmutzigen Spiegel des Aufzuges sehe ich mein Spiegelbild. Wilde Augen, zotteliges Haar, der Kragen der Bluse ist zerrissen. Ich berühre mit den Händen meine Haare und versuche sie zu glätten. Die Handflächen sind kalt und feucht.

Der Aufzug hält an. Ich gehe auf Zehenspitzen an den Wohnungen vorbei und steige die Treppe hinab. Ich schaue aus dem Fenster. Unten beleuchten die Laternen den Spielplatz. Eine Rutsche, ein Sandkasten, Schaukeln. Der weiße Bus umfährt den Hof und verschwindet beim Ausgang des Hauses gegenüber.

Долгая ночь

    Ночь. Я иду по железнодорожному мосту, протянувшемуся над мелкой речушкой. Наверно, когда-то она была широкой, раз такой мост отгрохали. Вокруг пустырь, вдали мерцают огоньки частного сектора. Как он там говорил? «Если ты не станешь моей, я пойду и сброшусь с моста». Надо было сказать, – ну и вали, бросайся! Пожалела. Правильно мама говорит  – этим местом не жалеют. Теперь его папаша называет меня шлюхой, а этот… Даже не вступился! Сидит и мямлит что-то себе под нос. Да пошли вы все!

   Вокруг никого. Смотрю на звезды и постепенно успокаиваюсь. Одна звездочка движется по небосклону и увеличивается. Цвет из белого становится желтоватым. Ближе, еще ближе, вот она уже размером с теннисный мячик. Я замираю и наблюдаю траекторию ее полета. Что это? Может, спутник? А вдруг, это НЛО? Сейчас их корабль опустится передо мной прямо на рельсы, и заберет меня отсюда. А потом мы полетим на другую планету, подальше от Сашки и его родственничков. Я смотрю, как моя звездочка, не долетев до меня, постепенно тает во тьме. Размечталась.

– Эй, девчонка! НЛО видела? – доносится мужской голос из-под моста.

 Я вздрагиваю. Что за мужик там внизу, возле речки? Он меня видит, а я его нет. Но все равно отвечаю:

– Видела.

– А я думал, у меня глюки, – кричит он, – Ты куда идешь?

– Домой иду.

    Ускоряю шаг. Не хватало, чтоб он залез ко мне на рельсы поговорить о пришельцах. Впереди вижу цепочку желтых огней. Думаю, еще с километр, и пустырь закончится. Там большая дорога, город, цивилизация. Как-нибудь доберусь.

   Через некоторое время рельсы подводят меня к автомобильному мосту. Я карабкаюсь на насыпь. Гравий осыпается под ногами. Перелезаю через ограждение и оказываюсь на освещенной дороге. Машин мало. Городские кварталы уже близко, – все не так страшно, как на пустыре. Рядом тормозит микроавтобус.

– Внучка, ты куда идешь одна? Садись, подвезу.

За рулем крупный седой дед. Может, и правда, подвезет до дома? Или хотя бы поближе?

Я залезаю и сажусь рядом с водителем. «Газель» трогается. Дед рассматривает меня.

– Я со смены еду, всех развез. Голодный, как собака. Мне тут бабка еды с собой завернула, давай остановимся, перекусим? Или ты торопишься?

– Не тороплюсь, – говорю я, и вдруг выпаливаю – Я с парнем поругалась. Он на рыбалку меня пригласил, сказал, выходим в четыре утра, приезжай с ночевкой. Тут папаша его прицепился, на ночь глядя. Ни с того, ни с сего. Не нравлюсь я ему. Вот, послала их всех к черту и домой иду.

Дед кивает понимающе. Съезжает на боковую дорогу и заворачивает в какой-то двор. Останавливается, глушит двигатель.

– Пойдем в салон, внучка, поедим. Целый день баранку кручу. Устал.

Он отстегивает ремень, открывает дверь и спрыгивает. Я тоже выхожу. Ого! Дедок-то оказывается огромного роста, метр девяносто, не меньше. Он смотрит на меня сверху вниз и посмеивается.

– Не ожидала? Я Илья Муромец. Меня и зовут Илья Иваныч, а тебя как?

– Алёна. Мама зовет Лёлей, но я этого терпеть не могу.

– А сколько лет тебе, что ты уже с парнями гуляешь?

– Шестнадцать. Я совершеннолетняя вообще-то. Недавно паспорт получила.

– А-а-а, ну, раз так… Пошли в салон, у меня там термос с чаем, пирожки с капустой. Ты ж, поди, голодная?

– Нет, я злая.

    Илья Иванович открывает дверцу салона, пропускает меня, следом, кряхтя, залезает сам. Он заполняет собой все пространство «Газели», пробирается назад.

– Айда на заднее сиденье, у меня все там.

Тяжело садится, достает походную сумку, роется в ней. Я устраиваюсь возле окна. Илья Иваныч вытаскивает газетный сверток с пирожками и подает мне, – на, мол, разворачивай. Вместо термоса в сумке оказывается бутылка водки и два походных пластмассовых стаканчика. Дед протягивает мне стакан.

– Давай по маленькой? Нету чая. Бабка термос не положила.

Ну да, чай забыла, а водку не забыла. Так я и поверила.

– Нет, спасибо, я не пью.

– Ну, тогда пирожками угощайся, а я выпью, – дед наливает полный стакан «Русской», выдыхает и залпом выпивает его весь. Вытирает рот рукавом,  откусывает пирожок с капустой. Чавкает, и в два присеста съедает пирожок.

– Эх, хорошо! Так ты где живешь, внучка?

– В двадцать третьем микрорайоне.

– Ого! Это ж пятнадцать километров отсюда!

– Вы меня не подвезете?

– Я выпил уже, а вдруг менты? – Видя, что я встаю с сиденья, хватает меня за руку и усаживает обратно, – стой, стой, погоди. Не торопись. Может, в объезд и доедем. Нельзя мне по центральной, не дай бог, прав лишат. Кто потом работать будет?

– А вы разве не на пенсии?

– Недавно вышел, начальство не отпускает. Незаменимый я.

     Дед придвигается ко мне. Его клетчатая рубашка воняет потом и мазутом. Еще примешивается какой-то кислый запах, который бывает только у стариков. Вдруг он обхватывает меня руками и наваливается сверху всей тушей, шепча:

– А что, внуча, ты дай мне, внуча. Бабка моя десять лет уже не дает.

От неожиданности я цепенею, не могу двигаться. Дед тянет за ворот блузки и тычется своей небритой харей мне в шею.

– Внуча, раздевайся. Илье Иванычу много не надо. Один разок.

Он кряжистый и сильный. Я чувствую, будто меня придавливает огромным деревом. Седые космы лезут мне в рот, я выплевываю их и откашливаюсь. Внезапно в мозгу что-то щелкает. Я начинаю сильнее кашлять, таращу глаза и хватаюсь за горло.

– Астма… у меня астма…

Закатываю глаза, трясусь в припадке удушья.

– Мои капли… откройте дверь… воздух…

Дед отпускает меня, он испуган.

– Сейчас, внуча, сейчас, – бормочет он. Тащит меня к выходу, открывает дверь «Газели». Я проскальзываю мимо него и вываливаюсь наружу.

    Падаю в траву. Медлить нельзя. Страх, который до этого сковывал меня, теперь дает мне силы. Резко встаю и, не глядя на машину и деда, бегу в сторону ближайшей многоэтажки. Нет, не сюда, слишком близко. Пробегаю мимо и ныряю через арку в соседний двор. Вот этот дом подойдет. Заскакиваю во второй подъезд, вверх по лестнице, жму кнопку лифта. Он гудит и дребезжит вверху. Сердце колотится в горле, в ушах гул. Ну, быстрей, быстрей! Я давлю и давлю на кнопку. Лифт наконец-то приезжает и открывается. Тускло светит лампочка. Дверцы медленно-медленно закрываются, когда я нажимаю на кнопку восьмого этажа. Дед не догадается, что я здесь. Что я именно в этом доме. Старый козел, поверил, что у меня астма! Меня бьет дрожь. В грязное зеркало лифта я вижу свое отражение. Дикие глаза, волосы растрепаны, порван воротничок блузки. Провожу руками по волосам, пытаясь их пригладить. Ладони холодные и мокрые.

   Лифт останавливается. На цыпочках крадусь мимо квартир и спускаюсь на один лестничный пролет. Смотрю в окно. Внизу фонари освещают детскую площадку. Горка, песочница, качели. Белая «Газель» объезжает двор по периметру и скрывается в арке дома напротив.

Alesya Kim: „Der Schutzengel“

Er saß da und blickte auf seine trockenen Finger. Dann nahm er eine Zigarette heraus und rauchte. Varja betrat das Zimmer. Er hob seine blauen, greisenhaften Augen und schaute sie an. Sie hatte keine Zeit für Mode, die Frisur trug sie schon 37 Jahre.

„Vova, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Krankenhaus“, die Linien der Lippen verzogen sich in ihrem Gesicht. Er schaute sie an. Durch die Sorgen mitgenommen, wurde sie noch schneller alt. Sie fing seinen Blick auf, blinzelte oft, die Tränen vertreibend.

„Ich habe dich genug gequält…wie viele Sorgen ich dir bereitet habe…ja, und jetzt…sie ist so gar nicht die Deine…“, Varja verstand, dass die letzte Phrase überflüssig war.

„Varja, mache keinen Druck“, sagte Vladimir genervt.

Wie lange soll es noch so gehen? 36 Jahre sind vergangen und sie fühlt sich immer noch schuldig. Wie soll sie nicht die seine sein, wenn er sie aufgezogen hat, wie die eigene Tochter erzogen. Was soll dieses „wie“ bedeuten? Sie ist ihm nahe. Er blickte wieder Varja an. Im Gesicht – Verwirrung. Das blaue Hemd hing wie ein Segel auf den dünnen Schultern. Und einmal waren diese Schultern, diese Brust, diese Taille voller Jugend. Solch schmackhafter und saftiger Jugend, dass man sich nicht von ihnen abwenden konnte. Er liebte sie. Liebte sie ganz, sogar mit einem fremden Kind unter dem Herzen.

Sie lernten sich durch einen Zufall kennen. Er lief aus dem Supermarkt auf die Straße und sah sie in einem gelben Kleid mit einer modernen Frisur. Schön und traurig. Sie lernten sich kennen.

„Vova, ich bin schwanger…Wozu brauchst du eine solche Last?“, fragte Varja.

„Varja, ich liebe dich und das bedeutet, dass ich auch dieses Kind liebe.“

Und als Tanjuschka geboren wurde, als er sie zum ersten Mal auf den Arm nahm, diese Tomaten-rote Puppe, wurde er von einer noch größeren Liebe bedeckt. Er vergaß einfach, dass es nicht seine Tochter war. Und er hätte es für immer vergessen, wäre da nicht Varjas schuldbewusster Blick gewesen. Niemand wusste, dass Tanja in Wirklichkeit die Tochter Vitjkas war, der im vierzehnten Haus lebte und so schnell in den Norden aufbrach, um Brillanten zu suchen. Alle hielten sie für die Tochter Vovas. Und nun liegt seine Tochter schon die dritte Stunde auf dem Operationstisch und er kann nicht helfen…

Den Kindern sagte man nichts. Maxim war in einer anderen Stadt. Er würde den nächsten Flug nehmen.

Sie ging einfach über den Zebrastreifen…

Der gequälte Chirurg verließ den Operationssaal. Vladimir schmiss die Kippe aus dem Fenster.

Varja rannte zum Arzt: „Doktor, was….?“, ihre Stimme brach ab und sie konnte nicht zu Ende sprechen. Die Rauheit Vladimirs verschwand und die Welt um ihn herum begann zu schwimmen.

„Sie wird leben. Natürlich mussten wir wegen des Schlages einen Teil der Lunge entfernen…“, doch weder Varja, noch Vova hörten ihm zu. Das Wichtigste, was gesagt wurde, hatten sie gehört.

Nach einer Woche, als Tanjuscha in ein einfaches Zimmer verlegt wurde, besuchten sie sie:

„Nun, Tochter, wir gehen wieder. Werde bald gesund, deine Kerle vermissen dich schon“, Vladimirs Augen leuchteten vor Glück.

„Ich kann es nicht mehr hier aushalten. Doch Talgat Isakovich sagte, dass ich mindestens noch eine Woche hier liegen muss.

Die Eltern küssten die Tochter und begaben sich zum Ausgang.

„Mama“, Tanja wandte sich an die Mutter, „kann ich dich für eine Minute sprechen?“

„Vova, gehe schon mal vor, ich werde dich einholen“, sagte Varja und eilte zur Tochter.

„Mama, Papa ist nicht mein leiblicher Vater, oder?“

„Wie kommst du darauf? Welcher Unsinn?“

„Mama“, die Tochter unterbrach sie, „ich weiß, dass er nicht mein leiblicher Vater ist.“

„Doch woher weißt du das? Außer uns wusste es niemand…er selbst hätte es dir nicht erzählt…“

„Ich habe es gesehen. Mich, als ich vom Auto angefahren wurde“, Tanja schwieg und suchte nach Worten, „ich sah meinen Körper auf der Straße und fühlte ihn in meiner Nähe. Doch ich sah ihn nicht, ich wusste einfach, dass es Papa war. Als ob er mich zurück in meinen Körper gestoßen hätte. Da sah ich den Unterschied zwischen uns und verstand, dass ich nicht seine Tochter bin. Mama, er hat mich gerettet.“ Tanja blickte auf die Mutter, und erwartete nicht ihr Verständnis.

„Nicht das erste Mal, Tanjuscha, nicht das erste Mal…Der Tag, an dem ich Vova kennen lernte, ging ich zur Abtreibung. Dein Vater, dein echter Vater, ließ mir Geld da, als er von meiner Situation erfuhr, für die Abtreibung, und fuhr fort. Ich bin selbst schuld…ich dumme Kuh. Und Vova…Vova hat mich gestört. Wegen ihm kam ich zu spät zum Arzt. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie dankbar ich ihm dafür bin. Töchterchen, er liebt dich wie sein eigenes Kind“, begann Vera sich zu rechtfertigen.

„Was du nicht sagst, zwei Mal…“, sagte Tanja, ohne der Mutter zuzuhören.

Varja blickte sich beim Weggehen noch einmal nach der Tochter um:

„Weißt du, Tanjuscha, manchmal leben die Schutzengel neben uns als Menschen.

Tanja blickte auf die Mutter und lächelte: sie hatte Glück, sie kennt ihren Schutzengel.

Anja Kiesow: Tauben-Wuttke

Tauben-Wuttke

Herr Wuttke war ein Mann mittleren Alters, nicht zu klein, nicht zu groß. Er trug einen grauen Regenmantel und dazu einen passenden grauen Hut. In der rechten Hand hielt er stets einen schwarzen Aktenkoffer, in der linken Hand einen schwarzen Regenschirm. Herr Wuttke war ein gewöhnlicher Mensch und gewöhnliche Menschen pflegen jeden Tag um 7 Uhr aufzustehen, um 8 Uhr auf Arbeit zu gehen und pünktlich um 16 Uhr Feierabend zu machen. Doch etwas war sonderbar an Herrn Wuttke: er wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Taube zu sein. Jeden Morgen, wenn er auf den Bus wartete, fütterte er die Straßentauben mit Brot und er freute sich, wenn sie in großen Scharen herbeiflogen und die Brotkrümel aufpickten. Nach Bureauschluss ging er oft zu Fuß nach Hause, wo ihn sein Weg durch den Park führte. Dort hielt er dann inne, setzte sich auf eine Parkbank und beobachtete sehnsüchtig die stolzen Ratten der Lüfte. „Ach“, seufzte er, „wäre ich doch einer von ihnen. Ich würde sorgenfrei leben, könnte frei durch die Lüfte schweben, wäre überall zuhause. Wie wunderbar diese Tiere erhobenen Hauptes die Straße entlangschreiten – ich wäre eine gute Taube“. Herr Wuttke versuchte, mit den Leuten über seine Sehnsüchte zu reden. Doch die Leute lachten dann. Sie hielten ihn für verrückt und nannten ihn spöttisch den „Tauben-Wuttke“. Das machte ihn traurig. Die Tage wurden grauer und Herr Wuttkes Sehnsucht immer größer. Er wusste mit seinem Leben nichts mehr anzufangen, seine Frau hatte ihn schon vor Jahren verlassen, als sie von den Tauben erfuhr. Jeden Morgen schlurfte Herr Wuttke nun mit hängendem Kopf die Straße entlang. Beim Anblick der stolzen Taubenschar, die unter einer Brücke verweilten, füllten sich seine Augen mit Tränen. Eines Tages, es war ein windiger Herbstmorgen, beschloss er, sein Leben zu beenden. Er wollte sich von einem Dach stürzen, weil er der Meinung war, dies sei der sicherste Tod. Er zog seinen grauen Regenmantel und seinen Hut an, lies Koffer und Regenschirm zurück. Er suchte sich ein Dach und als er oben stand, sahen die Leute zu ihm hinauf und versuchten ihn umzustimmen. Doch Herr Wuttke war fest entschlossen. Er streckte seine Arme aus und schloss die Augen. Was die Leute dann sahen, war ein kleines Wunder. Noch Jahre später sollte dies Gesprächsthema der kleinen Stadt sein: Herr Wuttke hob einfach ab und flog davon. Seitdem wurde er nie wieder gesehen.

Rashida Stikeeva: „Die Musik spielte…“ (ein Auszug aus dem Roman);Quelle zum russischen Text: https://daktilmag.kz/11/prose/rashida-stikeeva/igrala-muzyka-otryvok-iz-romana/111

Erstes Kapitel des Romans

Igarka 78

Neben der ordentlich abgegriffenen und angeschlagenen Tür des Restaurants tummelten sich junge Leute. Hinter dem trüben Glas sah man die solide Figur des Pförtners. Alles deutete auf eine hohe Besucherzahl der Veranstaltung. Dazu verkündete es das schief hängende Schild scharf und ernst: „Es gibt keine Plätze mehr“

Doch das Volk, das nicht gewohnt war, dem gedruckten Wort zu glauben, tummelte sich in Erwartung und in der Hoffnung, doch einen Platz zu bekommen in dem einzigen Musiklokal der Stadt.

Am Hafen der Igarka standen hauptsächlich Arbeitsschiffe, die Holz transportierten. Man achtete nicht auf sie. Schon einen ganzen Tag war die Stadt voller Sorge: ein riesiges Schiff kam an. So etwas geschah nicht oft in der kleinen Stadt dieser nördlichen Weiten. Noch lud man auf dem Schiff ab und machte Renovierungsarbeiten, doch alle wussten: am Abend werden die Matrosen von dem Schiff nach langer Wanderung im Restaurant „Igarka“ einkehren: die Plätze sind reserviert, das Menü besprochen.

Junge, unverheiratete Frauen des Städtchens hatten nun die Möglichkeit auf eine großes Glück: sich zu vergnügen, die Matrosen kennen zu lernen, vielleicht durch eine Bekanntschaft etwas Ernsteres entstehen zu lassen.

Die lokalen Schwarzhändler hatten eigene Vorstellungen über das herannahende Ereignis: nach allen Regeln der dunklen Kommerz, die Ware anzunehmen, wenn man Glück hat, die heißgeliebte Währung zu erlangen.

Doch das sowjetische Restaurant hielt sich zurück. Seine Tür knackte unter dem Ansturm der Leidenden, doch gab nicht auf. Ja, und die Pfeife des Wächters befand sich in Kampfstellung.

Die unerwartet hohe Tür öffnete sich, ein weiblicher Kopf mit Dauerwelle schaute heraus.

„Makarova. Wer ist Makarova?“

Eine hohe Frau, die in der Menge stand, drehte sich zu der Stimme um, wovon der üppige Pferdeschwanz heller Haare über der Menge aufstäubte:

„Ich. Ich bin Makarova.“ Sie begann sich durch die Menge zu schieben und ihre Freundinnen zu animieren, ihr zu folgen.

Die sie Umkreisenden zogen sich hinter ihr her.

„Kommen sie herein. Schnell. Wie viele seid ihr?“, eilte sie die Frau in der Tür.

„Wir sind zu dritt…“

„Los, los…haltet euch nicht auf…“

Die Menge war angestrengt, machte sich Sorgen und schrillte auf mit unzufriedenen Stimmen:

„Und wir? Was ist mit uns? Sind die Coolen auf dem ersten Platz?“

Die Lockenhaarige verschwand, die jungen Frauen folgten ihr. Eine hohe Tür quietschte mit einer strammen Feder, ging zu, ließ die draußen Wartenden stehen und das Schild unverrückbar. Die Menge klopfte, stieß mit den Füßen in die Tür. Jemand wollte mit einem Stein die Scheibe einschlagen. Doch da drohte der Pförtner mit seiner Faust, zeigte auf die Pfeife, die um seinen Hals hing, und da beruhigten sich alle. Die Polizei befand sich um die Ecke, doch es gab keinen, der den Wunsch hatte, dorthin zu gelangen.

„Folgen Sie mir“, die Administratorin klopfte mit ihren Absätzen, begab sich in den Saal, die Mädchen folgten ihr. „Sind Sie die Tochter von Elena Fedorovna?“, fragte sie und blickte sich beim Gehen um. „Man hat mich angerufen, ich habe für Sie einen Tisch reserviert. Nun, direkt bei der Bühne.

Ein kleiner Saal, deren Wände geschmückt waren mit Holztafeln, hohe Decken- ein besonderer Kronleuchter mit langen Kristallzapfen, war gemütlich.

Runde Tische umkreisten die nicht all zu hohe, halbrunde Bühne, die angelehnt war an die einzige Wand ohne Holztafeln. Auf der Bühne tummelten sich Musiker, die ihre Instrumente stimmten und das Mirko einrichteten.

„Eins-eins…eins…eins. Eins…zwei…drei…“

Die Freundinnen blieben für einen Augenblick neben der Bühne stehen, riefen die Musiker beim Namen und schickten ihren kokett einige Bussis. Endlich nahmen sie Platz an ihrem Tisch.

„Mädels, was wollen wir bestellen?“, fragte die nicht junge Kellnerin, die an ihnen vorbei ging.

Die Freundinnen drehten ihre Köpfe zu Makarova.

„Für uns eine Flasche Champagner“, sagte sie schnell. „Pralinen und Früchte.“

„Früchte haben wir nur Äpfel da, sowjetischen Champagner und nur Vogelmilchpralinen“, antwortete die Kellnerin klar und deutlich.

„Gut. Bringen Sie es uns.“

Die Kellnerin streifte die jungen Damen mit einem bewertenden Blick und ging in Richtung Küche.

Das Restaurant war halbleer. Im Zentrum des Raumes saß die kleine Clique der bekannten Mädels aus dem Supermarkt, bei dem Eingang blickte der Nachbar Makarovas, Vit’ka Razuaev, finster drein. Er war in Gesellschaft seiner nicht gerade zahlreichen Begleitung. Außerdem tummelten sich drei Männer in dem Raum, die stets in Richtung ihres Tisches lugten.

Die jungen Frauen drohten diesen Kavalieren mit der Polizei, stießen freundschaftlich an, tranken ihren Champagner und aßen dazu die Pralinen aus der Schachtel. Dann widmeten sie sich den Äpfeln und dem Beobachten der Musiker.

Es ist ulkig, dass alle drei Freundinnen Irina hießen und alle Mütter der Mädchen waren Arbeiterinnen im sowjetischen, lokalen Handel.

Elena Makarova war die Leiterin eines großen, städtischen Kaufhauses und zog ihre einzige Tochter auf. Die laute Toila Jahina handhabte die Lebensmittelbasis des Hafens und ihre kleine russisch-tatarische Familie. Die unheimliche Lusja Semenova arbeitete im Gorono und leitete dort einen Handelsbereich. Im Gegensatz zu den anderen zwei Frauen, setzte sie ihren zwei Töchtern keine Grenzen, doch beherrschte sie die Leben dieser. Alle drei Mütter waren miteinander befreundet.

Die Töchter gingen in einen Kindergarten, dann in die beste Schule der Stadt. In diesem Jahr schlossen die Freundinnen erfolgreich die zehnte Klasse ab und begaben sich auf den Weg auf das Festland, um sich in Fakultäten einzuschreiben.

Der freche Mischling, Irka Jahina, hatte braune Augen, schwarze Haare und ein freches Temperament, sie unterschied sich von den beiden Freundinnen durch ihre kleine Größe.

Vor ca. einem Monat brachte Jahinas Vater seine zitternde Tochter zu den tatarischen Verwandten nach Kazan‘, er nahm von den Töchtern und Tanten das Versprechen ab, sie genau zu beobachten. Die Tochter bestand die Aufnahmeprüfung und schrieb sich an der staatlichen Universität ein und war nicht erreichbar, bis sie wieder nach hause zurück kehrte. Ihre Igarka konnte sie nicht ausstehen, deswegen beeilte sie sich, auf dem neuen Territorium, neue Bekanntschaften zu schließen.

Die wie eine nördliche Birke zarte und schöne, Irochka Semenova schrieb sich in das Leningrader Institut für Schiffsbau ein.

„Warum?“, fragten die Freundinnen sie. „Wozu brauchst du diesen Schiffsbau?“

„Es gefällt mir“, raschelte leise eine Antwort. „Sehr interessant….denke ich. Und auch die Mama rät es mir. Nach dem erfolgreichen Bestanden von zwei Examen, kehrte sie für eine Zeit nach hause zurück, auf ihr geliebtes Sofa, zu den geliebten Büchern.

Die erste Schönheit Igarkas, Irina Makarova, musste alle Examen bestehen. Nichts zu machen, zwei Zweier im Zeugnis. Doch ohne Mühe schrieb sie sich in das Institut in Nowosibirsk ein, in die Wirtschaftsfakultät.

Katherina, die nahe Freundin der Mutter, lebte seit ihrer Kindheit in Nowosibirsk. Sie war einsam und beleidigt, als das Mädchen sich in ein Studentenwohnheim einmietete. Doch Irina versprach, dass sobald sie das studentische Leben nerven würde, sie sofort zu Katherina geht, in ihre gemütliche Anderthalbzimmerwohnung im Zentrum der Stadt. Und bis dahin, wird sie Tante Katja mit alltäglichen Besuchen beglücken.

Die Frauen feierten die Einschreibungen die Uni und den Beginn des erwachsenen Lebens.

„Wie können sie nur keine Angst haben? Im Suff wird man sie zerstören“, sprach Semenova laut ihre Gedanken aus und zeigte auf den Kronleuchter. „So schön wie im Theater…“

„Gott, wer soll es denn zerstören? Nur Weiber hier“, fügte die kleine Jahina hinzu als sie von ihrem Platz aufstand. „Und wo sind die versprochenen Schönlinge? Der Stolz der inländischen Handelsflotte?“

„Sie werden gleich da sein“, versprach Makarova selbstsicher. „Mama sagte, sie haben hier Tische reserviert.“

„Und meine Mutter sagte, dass sie eine dringende Information erhalten müssen, bevor sie das Schiff verlassen…“ erklärte Irochka Semenova und streckte ihren dünnen, weißen Hals.

In diesem Augenblick hörte man Geräusche neben der Eingangstür.

Das ganze Restaurant wurde plötzlich blau. Es gab verschiedene Schattierungen und Stoffe von Jeanshosen – und Jacken. Die Matrosen legten seit vielen Monaten zum ersten Mal ihre Uniform ab und kleideten sich in Landkleidung. Die Einheimischen hielten sich ebenfalls nicht zurück von den modischen Tendenzen, dank den wachen Schwarzhändlern. Nur die Kellner waren richtig gekleidet „oben weiß, unten schwarz“, und einige Offiziere betraten das Restaurant in Uniform. Es schien, als würden sie auch hier ihren unruhigen Dienst ausleben.

Er, hoch und statisch, betrat das Restaurant als letzter. Sie bemerkte ihn sofort. Er hatte einen Matrosenmantel an mit Schultergurten. Neben ihm gingen noch zwei weitere, etwas kleiner als er, sie trugen ebenfalls Uniform, mit dem Unterschied, dass sie nicht dem Offiziersstand angehörten.

Die lockenhaarige Administratorin trug einen möhrenfarbenen Lippenstift und war belebt von der männlichen Aufmerksamkeit. Sie lief zwischen de Matrosen umher und wies die Gäste auf ihre Plätze. Ihn und die anderen beiden in der Offiziersuniform, setzte sie in die Ecke, auf die andere Seite der Bühne, genau gegenüber dem Tisch, an dem die Freundinnen saßen. Dann näherte sie sich wieder den Matrosen und fragte genau ihn etwas. Er antwortete freundlich. Sie begann laut zu lachen und schüttelte dabei all ihre Locken. Makarova blickte so sehr auf diese Szene und hätte beinahe den Mund aufgemacht, doch sie beherrschte sich und knabberte weiter an dem Apfel.

Auf den Tischen standen noch nicht angerührte Salate, Platten mit Snacks, da bestellten die schon angetrunkenen Matrosen, Spirituosen im vollen Umfang. Die Kellner schafften es gerade so, ihnen die Getränke zu bringen. Wein, Wodka, Kognak – die Spirituosen flossen wie ein Fluss.

„Makarova, er schaut nur dich an.“ Jaha mit ihren Glupschaugen, schaffte es den jungen Offizier am Rand der Bühne zu bewerten, die anderen beiden konnte sie nicht sehen, sie saßen mit dem Rücken zu ihr, doch sie fing auch einen Blick auf von dem Ecktisch bei der Eingangstür. Die kleine Größe war kein Hindernis für die Intrigantin. Die Ereignisse rollten sich auf mit einer filmischen Geschwindigkeit, nun liebte sie ihre Heimatstadt.

„Wer? Dieser Offizier?“ Irina streckte den Rücken und blickte direkt gegenüber. „Er ist mir aufgefallen, ich schaue ihn auch an…“

„Welch ein Offizier? Vit’ka, dein…Nachbar.“

„Soll er schauen. Das wird ihm auch nicht helfen“, und Makarova biss in ihren Apfel.

„Er schaut wieder rüber.“ Jaha richtete ihre hohe Frisur mit den Fingern. „Mama hat erzählt, ihr hattet wieder einen Skandal? Vit’kas Vater hat seine Familie geärgert? Seine Ehefrau geschlagen? Hör zu, Vit’ka wird dich irgendwann erstechen. Du solltest wenigstens mit ihm tanzen und ihn beruhigen? Er hält sich nicht für schlechter als ein Admiral.“ Jaha kicherte zufrieden.

Irina bewegte die Schulter: „auch das noch. Die Einheimischen beobachten stets die Mädels, als ob man sie ihnen versprochen hätte.

Natürlich kann das sein, dass sie eine paar zugefahrene Matrosen verdreschen können. Doch welchen Sinn hat es? Ob man jemanden verprügelt oder nicht. Die Mädels fahren eh aufs Festland und halten sich nicht lange in der Igarka auf. Wo soll man sich auch aufhalten? In der Stadt gibt es außer dem Hafen nur das Sägewerk, doch dort benötigt man nur männliche Hände. Von hier stammen nur jene Männer, die abgesehen von der harten Arbeit, trinken und in ihrer freien Zeit randalieren.

Arbeit für Frauen gibt es in der Stadt kaum. Ebenso keine Vergnügungen. Nur ein Kino und ein Restaurant für die ganze Stadt. Überall gleiche Kleidung. Es gibt niemanden, mit dem man ausgehen kann. Wenn der Hafen geschlossen ist, und das ist für fast neun Monate im Jahr der Fall, herrscht in der Stadt Trübsinn und schreckliche Langeweile. Manchmal kommt es zu Romanzen mit Außendienstlern, doch das sind eher Skandale.

Die Musiker nahmen Platz. Den Freundinnen widmeten sie das Lied über einen armen Studenten. Es erklang laute, rhythmische Musik. Es kam zu Bewegung im Raum.

Der stramme Offizier aus der Clique gegenüber, drehte sich mit dem Gesicht zum Saal, sprang von seinem Platz auf und ging eiligen Schrittes zu dem Tisch, an dem die Freundinnen saßen. Er schrie lauter als die Musik und stellte sich vor: „Konstantin.“ Für einen Augenblick war er verwirrt: alle drei Frauen waren hübsch, welche sollte man wählen? Doch da fand er wieder Mut und seine Einladung zum Tanz wurde von Jahina angenommen. Er nahm sie mit, mit ihrem schnellen Gang, auf die Tanzfläche. Die Freundinnen wunderten sich: Hat er Augen im Nacken, dieser Matrose? Er saß doch die ganze Zeit mit dem Rücken zu uns. Auch nach dem zweiten Tanz kehrte diesmal Irina Semenova nicht zu ihrem Tisch zurück. Man hörte nur ihr Lachen aus der blauen Reihe der Verehrer.

Die aller schönste Frau der Igarka, Irina Makarova, blieb auf ihrem Platz. Und sie war damit nicht unzufrieden. Die Freude war groß. Die Musikgruppe spielte Lieder von Jurij Antonov. Und alles tanzte zu der Musik wie zu einem Wind. Die Matrosen waren in ihrem Element. Die laute Musik, die sich drehende und leuchtende Discokugel, die von der Mitte der Decke herunterhing und die Funken der Lichtmusik. Berührungen, Auseinandergehen, wieder Berührungen. Man tanzte sich in den Rausch. Dann kehrte man zu seinen Tischen zurück, kippte den Wodka, den Wein und ging wieder auf die Tanzfläche. Die einheimischen Kerle saßen leise in einem Haufen und tranken faul ihren Wein. Der Saal war fast leer, dafür war die Tanzfläche überfüllt.

Im Umkreis Irina Makarovas tummelten sich Verehrer verschiedenen Alters und verschiedenen Zustandes der Angetrunkenheit, doch sie lehnte ihre Einladungen ab und blickte in die geheime Ecke.

Die Gäste waren alle am feiern, doch er blieb sitzen…Nun kündigte man einen langsamen Tanz an. Sie beschloss: ich wähle nun jemanden aus den neben mir Stehenden, den aller höchsten und nüchternsten und gehe tanzen. Ich habe das Warten satt.“

Die Musiker machten eine Pause. Im Saal dimmte man das Licht. Man schaltete das Mikro ein. Es sang Jo Dassin: „Wo bist du und wo sind deine Spuren…“ Die Gäste stimmten sich auf eine gefühlvolle Atmosphäre ein.

Entweder war es die schöne Musik, oder die lyrische Stimmung, der Unbekannte stand endlich auf, machte die Schultern gerade, knöpfte seinen Mantel zu und begab sich mit vor Scham roten Gesicht, zum Tisch:

„Darf ich Sie einladen?“

Irina blickte streng auf seine geröteten Wangen, wedelte mit den Haaren, stand eilig auf und bemerkte, dass sie auf ihren Absätzen einen halben Kopf kleiner ist als er. Sie gab ihm ihre Hand.

⃰⃰⃰ ⃰⃰⃰ ⃰⃰⃰

Für Sergej Tomin war es die erste, selbstständige Reise nach dem Abschluss des Schiffsbauinstitutes. In seiner Heimatstadt wartete die Schwester Sveta und ein Grabstein auf dem städtischen Friedhof auf ihn.

Der Vater, ein Meeresoffizier, kehrte nicht zurück von einer Kampfübung in friedlicher Zeit. Die Mutter verwandelte sich nach dem Tod ihres Ehemannes aus einer jungen und fröhlichen Frau in eine traurige, alte Witwe. Svetlana, die zehn Jahre älter war als Sergej, wurde zum Kopf der Familie. Er wurde gerade sieben Jahre alt, als der Trauermarsch für seinen Vater erklang. Nach einem Monat ging Svetlana in die Abendschule, und die Mutter wechselte in das lokale Krankenhaus als Fachbereichsarzt.

Tagsüber, während der Bruder in der Schule war, und die Mutter auf der Arbeit, kümmerte sich die ältere Tochter um den Haushalt, abends lief sie zum Unterricht.

Serjezha wuchs als lächelnder, einfacher Junge auf, sein Äußeres war ganz unscheinbar. Die ganze Schönheit hat die Schwester geerbt. Er hatte keine Freunde und malte den ganzen Tag Schiffe, als er älter wurde, schrieb er sich in den Zirkel „Junger Techniker“ im Haus der Pioniere ein. Dort verbrachte er seine ganze freie Zeit.

Mit dem Sportunterricht in der Schule wollte es jedoch nicht gelingen. Der Basketballklub, den Serjezha zunächst besuchte, wechselte zu diesem Zeitpunkt in das alte Gebäude. Auf dessen rutschigem Boden fielen alle hin, inklusive dem Trainer. Man schimpfte, doch der Boden glänzte weiter.

Nach einer Trainingseinheit am Abend, fiel Sergej sein geschwollenes Knie auf. Svetlana bereitete Teig zu, fror diesen ein und legte ihn nach einer Stunde auf die schmerzhafte Stelle. Für das erste Mal war es genug. Die Schwellung verschwand am nächsten Morgen. Doch nach ein paar Ausrutschern, schwoll das Knie wieder auf. Svetalna nahm den Bruder mit in die Traumaklinik.

Der Orthopäde war grau vor Müdigkeit, er roch nach Tabak und Alkohol und trug einen verwaschenen Mantel: Den Sport müssen Sie aufgeben. Sergej begann zu streiten, wollte sogar weinen, doch der Arzt wurde milder und sagte, es sei nur für kurze Zeit.

Die Mutter wurde mit der Zeit schwächer, der Charakter der Tochter stärker.

Nach fünf Jahren beendete sie ihr Studium der ausländischen Sprachen und fand Arbeit in einem ausländischen Betrieb.

Zum Ende des sechsten Jahres starb die Mutter leise und unscheinbar. Sie schlief ein und wachte nicht wieder auf. Nach einem Jahr stellte Svetlana auf den Gräbern ihrer Eltern einen kleinen Obelisken auf und beschloss: Serjezha wird Schiffsbau lernen.

In diesem Jahr wurde er noch größer. Beine und Arme wuchsen in einem Jahr derart, dass die Schwester sich wunderte . Die Schuluniform erwies sich als zu klein.

Auch das Äußere veränderte sich. Die Haare wurden dichter. Die Augen waren von schönen Wimpern umgeben, nahmen eine dunkelgraue Farbe an.

Der Blick wurde forsch und durchdringend.

Er achtete nicht auf Mädchen bis zur achten Klasse, doch da verliebte er sich. Nun brachte er in den Schulpausen irgendeine Schrulle mit. Er umging schweigend seine Schwärme und blickte nicht auf die enttäuschten Klassenkameradinnen. Man rief ihn abends an, steckte ihm Zettel in den Ranzen. Während er sie las, wurde er rot und ärgerte sich.

Es kam ihn nicht in den Sinn, diese Situation mit der Schwester zu besprechen. Er schämte sich vor ihr, hatte etwas Angst vor ihrer Coolnes und Strenge.

Freunde spielten auch in seiner Jugendzeit keine besondere Rolle. Wenn sie ihn riefen, dann ging er mit ihnen ins Kino, zum Fußballspielen, Schlittschuhlaufen, doch er selbst rief niemanden, bat um nichts, lud keinen zu sich nach Hause ein und besuchte auch selten jemanden.

Doch er hatte Bekannte. Kostja, Marat, Igor’…Mit ihnen spielte er Basketball. Kostja und Igor‘ schrieben sich ebenfalls für den Schiffsbau ein, ohne sich abzusprechen. Sie waren ständig zusammen, daher auch die Freundschaft.

Er liebte es ihnen Basteleien zu schenken, die er selbst hergestellt hat. Seine Zeichnungen und Schiffe nahmen die Freunde gerne mit nach Hause. Er berichtete vergnügt von diesen Schiffen, Segelbooten, Fregatten und erzeugte bei seinen Freunden großen Respekt.

Er war ein guter Student und bereitete der Schwester keine Unannehmlichkeiten, wobei Svetlana die elterlichen Versammlungen ignorierte. Sie hatte bloß Kraft seine Hefte und Hosentaschen zu untersuchen, um zu erfahren ob er heimlich raucht.

Abgesehen von allen Sorgen, hatte sie eine Romanze mit einem Engländer, der russische Wurzeln hatte, Larry Peterson. Larry bat sie, ihn mit dem russischen Namen anzusprechen – Illarion, so habe ihn angeblich seine Großmutter genannt.

Sveta widersetze sich nicht, sie war gewöhnt an die Macken der Ausländer. Nach zwei Jahren Liebe folgte der Antrag, doch sie dachte sich, nein und sagte ab mit dem Argument, sie müsse sich um ihren kleinen Bruder kümmern.

Die Trennung mit dem Heiratskandidaten war lang und quälend, mit den Jahren verschwand die Verbindung nicht, sondern wurde stärker.

„Ich die Angewohnheit habe dich zu lieben.“ Illarion breitete seine Arme aus.

„Nun gut, soll es so weiter gehen“, erlaubte es ihm Svetlana.

Bei seinen seltenen Aufenthalten in der Stadt, rief er sie aus dem Hotel an und sie ließ sich krank schreiben und ging zu dem gemeinsamen Treffen, sie schwor dabei jedes Mal, es würde das letzte Mal sein.

Mit den Jahren erlosch die Leidenschaft und das Verhältnis wurde fast zu einem verwandtschaftlichen. Dafür war Illarion ihr sehr dankbar. Svetlana blieb unverheiratet und kinderlos und machte allen im Umkreis deutlich, dass sie keine Zeit hatte für ein eigenes, persönliches Leben, weil sie sich um den Bruder kümmern musste.

Die Verbindung mit Illarion wurde deswegen noch fester, wegen der Tatsache, dass er, aus irgendeinem zauberhaften Grund zum Konsultator jenes Betriebes wurde, wo Svetlana arbeitete.

Nun brannten auf den Hotellaken nicht nur Liebesfeuer, sondern es entflammten auch dienstliche, diesmal jedoch Streitigkeiten und Gerüchte.

Aus Sergejs Gedächtnis verschwand das Bild eines Vater-Helden, doch das tauende Bild der Mutter nagte noch an seiner Seele. Er fragte sich mit Trauer, welcher Trübsinn die Mutter gequält hatte, welcher geheimnisvolle Sinn ihr das Leben raubte?…

Die Schwester kümmerte sich gut um ihn. Sie war zwar oft ungemein streng zu ihm, doch hatte sie aus zärtliche Worte für ihn übrig. Sie gab ihm gutes Essen und kümmerte sich um ihn wenn er krank war. Sie bemühte sich, ihn modern anzukleiden, und achtete auch auf sich. Sie hat ihm niemals Geld verwehrt, wobei er selten danach bat, das gab er dann für den Kauf von Büchern aus in seinem Lieblingsbuchladen. Er fühlte sich nie wie ein Waisenkind. Doch lebte in seiner Seele irgendeine Leere und er füllte sie mit dem Traum vom Meer.

Außer dem Meer, war eine weitere Leidenschaft Sergejs das Lesen. Die lokalen Bibliotheken und die Bibliotheken der Schule und später der Universität, gaben dem Verlangen des jungen Romantikers und gierigen Lesers nach. Russische und ausländische Klassiker wühlten ihn und seine Seele auf, wie sein Umfeld es bemerkte.

Die Kurse des Schiffsbaus besuchte er neben dem Lesen von Jack London und seinem weißen Stoßzahn, Hemingways mit dem Geräusch des schaumigen Meeres, Ibsens und seine neblige Sehnsucht, Edgar Poes Düsternis und Jule Vernes wehender Winde, die in die Segel schlagen.

Während die ältere Schwester in den Schlangen der Geschäfte stand (es gab überall Defizite, angefangen bei Lebensmitteln bis zum Toilettenpapier), verbrachte Sergej die Zeit in den Bibliotheken. Svetlana stellte für Illarion Listen mit Importwaren und Kleidung zusammen, ließ die Namen laut in den Telefonhörer erklingen. Bei jeder seiner Dienstreisen nach Leningrad brachte er ihr und Sergej Taschen mit Geschenken mit. Am wichtigsten war das Schuhwerk für den schnell wachsenden Bruder. Einmal nahm Illarion mit einem zufriedenen Blick eine Schachtel mit Schuhen der Firma Ascot aus der Tasche und sagte:

„Das ist die beste Schuhmarke Londons, auch wenn sie noch sehr neu auf dem Markt ist. Ich kaufte eine Größe größer, so wie du mich gebeten hast.“

Sergej trug diese Schuhe tatsächlich mehr als ein Jahr. Die Firma enttäuschte sie nicht. Svetlana war glücklich.

Selten, meistens zu Feiertagen, lud Svetlana Illarion zu sich nach Hause, zum Essen ein. Als Serjezha erwachsen wurde, konnte er dank seiner Hausaufgaben, ein Gespräch auf englisch führen, er und Illarion führten solide Gespräche. Der Gast von der anderen Seite des Meeres kam stets mit einer roten oder blauen Fliege und hatte immer einen Blumenstrauß dabei. Blumen begleiteten Svetlana all die Jahre, die sie mit Larry verbracht hatte. Manchmal, im kältesten Winter, erfreute er die geliebte Frau mit einem kleinen Strauß Veilchen oder Mimosen direkt aus London.

Mit dem Jungen liebte er es, über englische Architektur zu sprechen.

„Serenkij, höre nur zu“, riet ihm die Schwester als sie im Haushalt beschäftigt war und der kleine Bruder hörte zu.

Larry kommentierte die englischen Klassiker lange und tiefgründig. Die Balladen von Robert Stevenson konnte er auswendig.

Svetlana machte große Augen.

„Ich dachte, du liest nur…“, sagte sie leise und schonte die Ohren ihres Bruders, „im Bett Hughes…“

Illarion lachte nur, wandte sich an Sergej und kündigte an:

„Deine Schwester, Serje, ist eine sehr ernste Dame. Sie ist sehr forsch. Hughes, übrigens, respektiere ich sehr…“

Er trank etwas Wodka und begann weiter zu fabulieren:

„Noch gefällt mit Tomas Hann…“

Nach dem Abendessen begann sich der fast Verwandte zurück ins Hotel. Warum blieb er nicht über Nacht? In der Dreizimmerwohnung gab es genug Platz. Sergej wagte es nicht, diese Frage zu stellen, das ging ihn nichts an.

Nur einmal, als sie bis zur Abenddämmerung gemeinsam da saßen, schlief Illarion im Sessel ein. Sie zogen ihm vorsichtig die Schuhe aus, dann den Blazer und die Fliege, machten den oberen Knopf des Hemdes auf, bedeckten den Gast mit einer Decke, legten ihm einen Kissen unter den Kopf und gingen auf Zehenspitzen in die Küche um Geschirr zu spülen, dabei machten sie die Tür hinter sich zu.

„Sveta, warum heiratest du ihn nicht?“ Sergej brach das gemeinsame Einverständnis, nicht darüber zu reden und lief rot an. Svetlana erstarrte für einen Augenblick über dem Haufen des Geschirrs im Spülbecken, dann wandte sie sich an ihn:

„Ich habe bereits auf diese Frage gewartet. Ich erinnere mich an Mama…Wie sehr sie den Vater vermisste….als ob alles für sie stehen geblieben war, in einem Augenblick zu ende. Und wir? Waren wir in ihrem Leben? Oder nur der Vater? Ich war böse auf sie…“, sagte die Schwester und schwieg kurz. „Ich möchte nicht auch so enden. Doch anders wird es auch nicht funktionieren. Anders habe ich es nicht gelernt. Deswegen soll ich auch nicht damit anfangen“, sie atmete aus und beendete ihre Rede: „Ich habe dich, das reicht mir.“ Sergej ging zur Schwester und umarmte sie.

„Was hast du Serenkij? Ist doch alles gut. Dafür wirst du heiraten und ich eine Alte sein. Und was für eine Alte…“ , sprach sie schnell zu Ende und begann zu weinen.

* * *

Sie verließen das Restaurant als Erste. Sie wollten nichts und niemanden sehen. Sie wollten nur einander hören und sehen.

Die Igarka schlief nicht. Atmete mit dem Meer, flüsterte mit den Büschen, leuchtete mit den Flammen des Hafens und der städtischen Laternen.

„In Leningrad sind gerade weiße Nächte…wie lieben sie sehr…“, begann er schnell zu erzählen.

„Bei uns ist es noch heller…“, unterbrach sie ihn. „Ja, ja…glauben Sie nicht? Wir haben die aller hellsten Nächte…Noch heller als in Leningrad. Doch wir gehen nicht spazieren. Wir sitzen am Fenster und hören dem Meer zu….Und die letzten Nachrichten im Fernseher. Sollen wir etwas sitzen?“ Irina blickte sich um.

„Oh, das ist doch mein Kindergarten. Ich ging hier her als Kind…Es ist offen.“ Sie stieß die Tür im Zaun auf und lief den Pfad entlang. Sergej folgte ihr.

„Schauen Sie, Schaukeln. Schaukeln Sie mich.“ Sie sprang in die kleine Kinderschaukel. Und eins, die Beine schwebten bei jedem Schaukeln über den Kopf, es schien, man könne die Sterne mit dem Fuß berühren und den großen, weißen Mond, wie einen Ball, stoßen.

„Wollen Sie, dass ich Ihnen Gedichte vorlese?“ Sergej schaukelte sie immer stärker.

„Er wird gleich Asadov lesen“, dachte Makarova etwas genervt.

„Nun los“, sagte sie laut und wollte es aushalten.

„Mondschatten – Schatten Trauer

wandeln mit einem leisen Schritt.

Unter einer Decke, die schwarz wie Erde ist

Einen geisterhaften, steilen Pfad, entlang

Man schaukelte viele liebsam und zart,

Wachsam gab man den Widerschein…

Mondschatten, Schatten der Trauer,

Wiederholen meine Silhouette.

„Igor‘ Severjanin? Das gehörte nicht zum Schulprogramm“, wunderte sich Irina und dachte mit Trauer, dass sie es nicht geschafft hatte, dieses Gedicht in ihr Heft zu schreiben, bevor Elena das Band des unbekannten Poeten, zusammen mit zwei Sammelbändern des berühmten Puschkins, für das Schneidern des Ballkleides verkaufte. So war der Tauschhandel in diesem Teil der Welt.

„Vieles, was es nicht im Schulprogramm gibt“, antwortete Sergej.

„Ich liebe das Gedicht über die Königin und den Pagen…“ und sie dachte sich: „Schreibt er auch Gedichte ab oder hat er ein Buch?“

„Das war am Meer, beim azurblauen Schaum,

Wo man selten eine städtische Equipage trifft…

Die Königin spielte in dem Turm des Schlosses – Chopin,

Und als er Chopin hörte, liebte er sie.

Alles war sehr einfach, alles war sehr lieblich:

Die Königin bat, den Granatapfel durchzuschneiden,

Sie gab ihm eine Hälfte, und erschöpfte den Pagen,

Und sie liebte den Pagen, nach allen Motiven der Sonaten.

Und er flüsterte dann, und trug ganz leise vor:

Und dann gab sie sich hin, gab sie sich gewittrig,

Bis zum Sonnenaufgang schlief die Herrin wie eine Sklavin…

Das war am Meer, dort wo die Welle türkisfarben ist,

Wo der azurblaue Schaum ist und die Sonate des Pagen“

„Das reicht.“ Sie sprang auf die Erde, schüttelte den Kopf und spürte ein Zittern in dem Körper. „Ich muss nach Hause. Mama macht sich Sorgen.“

Irina konnte nicht mit dem Wunsch zurechtkommen, ihn zu umarmen oder die Hände auf seine Schultern zu legen. Vor diesem Treffen hatte sie nie den Wunsch gehabt, als erste jemanden aus ihrem Umfeld zu umarmen. Im Gegenteil, sie wollte mit ihrem Ranzen jenen Razuvaev schlagen und seiner Freundchen, doch alles blieb da…in der Schule, fast in der Kindheit. Hier war eine gänzlich andere Situation: eine erwachsene, voll mit gefühlvoller Romantik. Sergej zitterte. Der Unterschied lag darin, dass sie sich bemühte seine Sorge nicht zu beachten, als er rot wurde und sehr verlegen war. Sein Verlegen färbte auf sie ab.

Doch es war trotzdem sehr schön. Sie wollte zuerst auf dem einen, dann auf dem anderen Bein springen und mit jedem Sprung in Richtung Himmel fliegen. Alles war von einem weichen Nebel umgeben: die Sterne, die Gedichte, die warme, männliche Hand…

Sie begaben sich auf den Rückweg, gingen nebeneinander, hielten sich an den Händen fest, er sagte Gedichte auf, sie hörte zu, den Kopf im Nacken, sammelte mit ihren Augen die tiefen, funkelnden Sterne auf…

Sie gingen zwischen Sträuchern, die hinter ihrem Rücken raschelten, obwohl kein Windhauch ging.

„Nun…Wir sind da.“

„Dann lass uns verabschieden“, er senkte den Kopf und lehnte sich nach vorne.

„Gleich wird er mich küssen.“ Sie streckte sich und zeigte Widerstand. Das Gefühl vermischte sich mit dem scharfen Wunsch, die Barriere zu überwinden. Sie wird jedoch keinen großen Widerstand leisten, so…wie es sich für anständige Damen gehört und den quälenden Wunsch des Abends herauslassen. Doch er begann plötzlich nach etwas in seiner Brusttasche zu suchen, er fand einen Zettel und schrieb etwas auf diesen, dabei beugte er sich stark nach vorne. Er bemühte sich, den Lichtkreis der Laterne einzufangen. Dann reichte er ihr den Zettel.

„Das ist meine Leningrader Adresse und die Telefonnummer. Die Schwester heißt Sveta…für alle Fälle. Kommen Sie morgen?“, sprach er schnell vor sich hin.

„Gut…“, Irina nahm verwirrt den Zetel. „Sobald ich in Nowosibirsk ankomme, werde ich schreiben. Ja, und morgen komme ich auch…um dich zu verabschieden.“

Irina beherrschte sich, wedelte mit ihrem üppigen Pferdeschwanz, stellte sich auf die Zehenspitzen, umarmte Sergejs Hals, küsste ihn heiß und innig und verstand selbst nicht, wie es um sie stand: entweder auf die Wange oder auf den Mund. Dann begab sie sich schnell ins Treppenhaus, stieg auf die Treppe und winkte ihm zu:

„Tschüss.“

„Irina, ich habe Sie hier.“ Sergej legte seine Hand auf die Brust.

Sie stieg in ihre dritte Etage, laut atmend, zog sich im Flur die Schuhe aus und begab sich in die Küche.

„Mama, das bin ich“, sagte sie laut zu der schläfrigen Mutter.

Irina trank gierig etwas Wasser aus dem Wasserhahn, wischte sich den Mund ab, ihr Herz klopfte schnell, und sie ging zum Fenster. Er stand in dem Lichtschein der Laterne und hob sein Gesicht zum Fenster, das sehr blass zu sein schien. Der Schatten seiner Figur war nicht nur unnatürlich gestreckt, sondern zerbrochen, ganz aus Ecken bestehend.

Sie blickte weiter in das Fenster, auf seinen seltsamen Schatten. Sie atmete auf, beruhigte sich und horchte in sich hinein: nur Mitleid und Enttäuschung, keine Freude.

„Was ein Kavalier, hat mich nicht geküsst“, flüsterte sie traurig. „Habe mich selber aufgedrängt…“, sie bemerkte in der Weite dunkle Silhouetten, begab sich ins Bett und befreite das Haar von dem Haargummi.

Sie verschlief die Verabschiedung am nächsten morgen. Sie irrte durch die ganze Wohnung, zog sich das Kleid an, rannte ins Badezimmer und dann wieder heraus: sie schnappte mal nach der Haarbürste, mal die Zahnbürste. So sehr sie sich auch beeilte, sie kam zu spät.

Auf dem Kai stand eine kleine Menge, das Auge fing die bekannten Figuren der Freundinnen auf. Irina winkte ihnen zu…und…Sie lief, blickte sich um, bis sie ihren Namen hinter dem Rücken hörte. Jemand zerrte sie an der Hand, sie drehte sich abrupt um.

„Was ist das?“, wunderte sich Ira. „Wer war das? War das gestern? Nach unserem…“

Sergejs linkes Auge war angeschwollen und blau, die Schläfe ganz violett, auch die Unterlippe war geschwollen.

„Alles in Ordnung“, sagte Sergej verlegen und berührte vorsichtig die Schläfe und die Unterlippe.

„Waren das Vitka und seine Kumpanen?“

„Ich weiß es nicht. Sie haben sich nicht vorgestellt. Sie überfielen mich zu dritt… Das alles macht nichts. Irina, werden Sie mir schreiben?“ Er blickte sich eilig um, nahm die junge Frau an der Hand und presste sie an seine Lippen.

„Serjezha, wir haben doch das „Du“ vereinbart.“, sagte Irina und versuchte ihre Tränen zu verstecken. Mitleid, scharfes Mitleid übermannte sie wieder.

„Ich kann mich nicht erinnern…“, sagte er verwirt.

„Natürlich. Ich werde dir schreiben. Und du schreibe mir bitte auch“, sagte sie fröhlich.

Nach Hause gingen die Freundinnen schweigend. Semenova, blasser als sonst, ging barfuß und hielt die weißen, tschechoslowakischen Schuhe mit den Absätzen in den Händen. Jahina kam kaum hinterher auf ihren kleinen Füßchen mit den Highheels. Da blickte sich Semenova plötzlich zur Jahina um, und mit einer Freude, die untypisch für sie war, sagte sie:

„Der Kronleuchter wurde doch zerstört. Schön war er. Und sie…bum, mit dem Stuhl. Es blieben nur irgendwelche Nägel. Die Matrosen sind…turmhoch…Es gab ein Feuerwerk…und was für eines…“

Die Mädels lachten los, die Laune wurde besser.

„Du und Sergej seid gegangen und dort….hat so etwas angefangen.“ Jahina prustete los.

Die beiden Frauen begannen Makarova über die gestrige Schlägerei zu berichten, zwischen den Matrosen und den Einheimischen.

Sie verabschiedeten sich bei der Parkanlage und verabredeten sich zum abendlichen Tanz im Haus der Kulturen.

* * *

Vitjkas Wohung befand sich gegenüber von der Wohnung Makarovas. Razuvaevy: das ist ein trinkender Vater, eine schreiende Mutter und zwei Brüder, Rotznasen, sie waren weder nachts noch tagsüber leise. Die Familie lebte laut, manchmal mit Liedern, doch häufig mit Schreien und Flüchen.

Ira erinnerte sich bereits vor dem Haus an den Nachbar und wurde verärgert. Sie versuchte ihre eigene Tür zu öffnen (das Schloss wollte sich nicht öffnen), und drohte mit der Faust in Richtung der Tür der Razuvaevs.

„Dreckskerl.“

Die Nachbartür öffnete sich langsam. Auf der Türschwelle stand Viktor Razuvaev mit einem Streichholz im Mund.

Er arbeitete am Hafen, ging dorthin direkt nach seinem Schulabschluss. Er arbeitete jeden zweiten Tag und hatte eine Menge freie Zeit, doch war er selten zuhause.

Wie er über das Leben seiner geliebten Nachbarin erfuhr, blieb ein Rätsel. Wo auch immer Ira erschien, Viktor folgte ihr wie eine Schatten. Manchmal alleine, meistens mit seinen Kumpanen.

„Arschloch.“, zischte Irina und bewegte ihren üppigen Pferdeschwanz, ohne zu verstehen, ob sie sich an die Tür wandte oder den Nachbarn. „Drei auf einen? Razuvaev, du bist ein Dreckskerl.“

„Ich schlug, schlage und werde schlagen. Du hast hier nichts zu suchen“, stellte Vit’ka berechnend fest. Und fügte hinzu: „Habe vor nichts Angst, Königin.“

Die verdammte Tür wollte sich immer noch nicht öffnen. Razuvaev riss sich von dem Pfosten los, näherte sich Irina und schob die junge Frau zur Seite. Dann zog er mit aller Kraft die Tür auf sich, das Schloss knackste, der Schlüssel drehte sich und die Tür öffnete sich.

„Königin“, äffte Irina ihn nach. „Es gibt niemanden mehr, den du schlagen kannst. Ich fahre fort. Ich fahre“, schrie sie ihm ins Gesicht. „Für immer und ewig.“ Sie schlug fest die Tür von der anderen Seite zu. Nach dieser Verkündigung kehrte Viktor leise zurück und schloss ruhig seine Tür zu. Er beriet sich in Gedanken auf eine weise Art: alle fahren weg, doch kehren sie später zurück.

Die Geschichte der Bekanntschaft mit den Matrosen in dem Restaurant „Igarka“ tangiert Irina Jahina nur indirekt. Nach einem kurzen Briefwechsel mit Kostja, endet ihre Romanze. Im Weiteren wird Jahina bei der Erinnerung an diese Episode nur mit der Hand wackeln, so als ob sie den unbedeutenden Fakt der Biografie vertreiben wolle.

Irochka Semenova, die brave Tochter, wird denjenigen Matrosen heiraten, mit dem sie die Nacht im Restaurant „Igarka“ durch getanzt hat, und zwar im Jahr 79, in Leningrad, nach dem letzten Kurs im Institut. Sie wird für ihren Igor‘ eine anständige Offiziersehefrau sein: zärtlich und treu.

Irina Makarova erwarteten lange Jahre des Briefwechsels, voller Liebe, Zärtlichkeit und Meeresromantik.

***

Nach Tolmachevo flog Irina alleine, so war die Abmachung zwischen ihr, der Mutter und Katherina, die ihr teures Mädchen treffen sollte. Bald fand sie ein Studentenwohnheim. Sie schleppte ihren schweren Koffer in die zweite Etage und entdeckte in dem Zimmer, das ihr zugewiesen wurde, noch zwei weitere Studentinnen. Am Abend kam noch eine vierte dazu – Gulja. Diese war spät dran, sie kam mit dem Zug aus Kasachstan. Die drei jungen Frauen, die ihren Schulabschluss gerade gemeistert haben, waren fast siebzehn Jahre alt. Gulja hatte das Technikum absolviert, drei Jahre gearbeitet und schien für die drei bereits eine alte Frau zu sein – sie war bereits dreiundzwanzig Jahre alt. Sie war Studentin des dritten Kurses jener Fakultät, an der auch Irina studieren sollte.

Gulja war klein vom Wuchs, hatte eine korpulente Figur, einen langen, schwarzen Zopf und war in ihrer ganzen Art sehr lässig. Sie machte sich bald mit dem Studentenwohnheim bekannt und seiner verschiedenen Orte: der Küche, der Dusche und dem Waschraum.

Dann erkannten alle Gulja als die Älteste im Zimmer an und sie zeichnete sofort den Stundenplan für die anfallenden Arbeiten. Sie achtete streng auf die Ordnung im Zimmer und den Einkauf der Lebensmittel (dafür legten die Mädchen zusammen).

Ira mochte alles. Nur eines enttäuschte sie – es gab viele Schönheiten und brave Mädels in ihrem Umfeld. Sie war es sonst gewohnt, die Erste zu sein. Von Zeit zu Zeit hielt sie sich zu lange vor dem Spiegel auf. Sie blickte lange und aufmerksam in diesen. Außerdem hatte sie einen forschen und beobachtenden Blick, der ganz beherrscht war von der farbenvollen Vielfalt der Welt. Und nun sah sie vor sich das Gesicht einer jungen Frau, doch konnte sie nicht entscheiden, ob diese schön war oder nicht. Meistens war sie zufrieden mit sich.

***

Die Eltern Ira Makarovas kamen nicht freiwillig nach Igarka. Sie wurden als Kinder von der Halbinsel Tajmyr dorthin gebracht. Irochkas Großeltern wurden wegen ihrer Nationalität in der Kriegszeit nach Igarka verbannt. Die Männer gingen bei dem Umstieg in Krasnojarsk für immer verloren. Die Mütter mit ihren Kindern fuhren bis zur Endhaltestelle am rechten Ufer des Jenissei.

Mit einem Wort, waren sie nach diesem Winter von allen vergessen, von Gott und den Mächten. Niemand kehrte zurück, doch es stellte sich heraus, dass durch ein Wunder drei überlebt haben: ein kleines Mädchen und der junge Juris mit der erschöpften Mutter Ingeborg.

Später, bei den ernsten Symptomen von der sie befallenden Krankheit, brachte sie die Kinder nach Igarka. Weiter zu fahren war nicht erlaubt. Dort befand sich auch die Kommandantur, wo man sich einmal im Monat melden sollte. Dieser nördliche Punkt behielt sich lange Zeit den Status des Ortes, wo sich die ehemalig Verbannten der äußersten Welt versammelten.

Jurij, jener Jurij Ivanovich war behindert seit seiner Kindheit, er erinnerte sie nie an seine Herkunft, dieses Thema war von den Mächten verboten worden. Eines Tages, zu Beginn der siebziger Jahre, bekam er Besuch von einer frechen Journalistin von der zentralen Jugendzeitung. Sie interessierte sich lebhaft für alles, vor allem: wird Jurij Ivanovich eine Entschädigung von der Macht erbitten, als „Entrechteter“ und „Sohn des Volksfeindes“ in der Vergangenheit?

Das Thema, welches damals noch als „geheim“ galt, und deswegen besonders anziehend war, war nicht mehr gefährlich, es wäre zu einer Bombe für den Neuen Norden geworden.

Nach den ersten Fragen, wie sie es geschafft haben, zu überleben, warum man sie vergessen hatte, welche Summe die Familie Makarov erwartet, begann Jurij Ivanovich, der schon so weiß im Gesicht war, noch blasser zu werden. Elena holte Tropfen und Wasser und bat die Journalistin zu gehen und Jurochka, sich keine Sorgen zu machen. Doch er konnte sich nicht beruhigen, zu schrecklich waren die Erinnerungen an die Kindheit.

In Agapitovo, wo Hunger und Elend herrschte, wurde er sieben Jahre alt. Viele Jahre verbrachte er und die dreijährige Lenochka in einer Baracke auf den Pritschen, ohne jemals nach oben zu gelangen. Es war starker Frost, sie hatten keine Kleidung. Die Fetzen, sie sie trugen, retteten sie nicht vor der Kälte.

Elena, im Gegensatz zu ihrem kranken Mann, konnte sich an nichts erinnern, es blieb bloß seit ihrer frühen Kindheit irgendeine überirdische Bosheit. Die Mutter Lenas, nach den Worten jener Inga, starb an Kälte. Sie fror an ihre Unterlage an, da sie in einem Zelt schlief, im Frost, mit all den anderen.

So geschah es, dass die mitfühlende Litauerin sein eigenes und das fremde Kind aus Agapitovo zuerst in das Dorf Nosovaja brachte, fünfzig Kilometer vom Jenissei entfernt, wo es normale Häuser gab und irgendwelche Lebensmittel. Dort hatten sie sich etwas angefüttert, sich gestärkt und auch dort wurde Inga in die Fischfang-Arbeitsgenossenschaft aufgenommen, bei der Kolchose „20 Jahre Oktober“. Nach einigen Jahren hatte man es ihnen erlaubt, nach Igarka umzusiedeln.

Bereits bei der ersten Registrierung schrieb Inga Juris als Jurij ein. Den Nachnamen für sich und den Sohn nahm sie von dem verstorbenen Ehemann an, Ivan Makarov, der bei der Errichtung der sowjetischen Macht in Litauen ums Leben kam. Die zweite Registrierung verwandelte das kleine Mädchen Helene, Tochter von Wolgadeutschen, in Elena Fedorovna Schpiceva. Damit lehnte sie die Existenz des leiblichen Vaters Friedrich Spitz ab. Sie übernahm für Lenochka die Vormundschaft als Verwandte.

Katherina kam zu der Familie etwas später hinzu. Sie und Lena besuchten eine Klasse, obwohl Katherina etwas älter war. Sie hielt Jurij lange Zeit Lena zuliebe aus, doch dann gewöhnten sie sich aneinander, wahrscheinlich weil sie sonst nicht mit diesem zauberhaften Mädchen sich hätten anfreunden können. In der letzten Zeit, bereits nach der Schule, arbeiteten alle drei in einem Geschäft am Hafen. Dort freundete sich Elena noch mehr mit Katherina an, und auch Jurij verhielt sich ihr gegenüber freundlicher. Im Gegensatz zu vielen, hatte Katja einen Vater, eine Mutter und einen kränklichen, jüngeren Bruder. Der Vater, ein Entrechteter der zweiten Welle (stark, praktisch veranlagt, einfallsreich) konnte sich halten, trat in die Fischfang-Arbeitsgenossenschaft ein und eignete sich das fremde Handwerk an. Die Familie lebte sich langsam ein, nahm die lokalen Gesetze und Gewohnheiten an. Fand sich ein in dieser ewig trüben Stadt, die vom Meereswind umweht wurde, weit weg von dem lieben Roggen-Gänseblümchen-Dorf.

Elena und Jurij kannten die Geschichte ihrer Kindheit. Inga verbarg nichts vor ihnen. Lenochka konnte sich weder an den Vater noch die Mutter erinnern. Doch die verrunzelte, zahnlose Litauerin und ihr trübsinniger Sohn wurden für sie zu nahen Menschen, und später zur Familie. Als Lenochka achtzehn Jahre alt wurde, heiratete sie Jurij. Beide waren groß, hellhaarig. Jurij, lang, dürr, kantig. Auf dem schmalen, grauen Gesicht zeigten sich ganz unpassend dunkelblaue Augen. Von der Kindheit im Tajmyr blieben Krankheiten, das ewige Gefühl des Hungers, ein schlechter Charakter.

Elena war anders. Ein offenes, lächelndes Gesicht mit Sommersprossen – eine junge Dame wie auf einer sowjetischen Postkarte. Von der Figur und der Größe nicht gerade zierlich, doch mit einer schönen Taille. Vom Charakter eher redselig, nicht so wie der Ehemann.

Nach dem Rat der Mutter, schloss Jurij nach der Schule Buchführerkurse ab. Er hatte nun alle Hände voll mit Ziffern, Berechnungen, Berichten zu tun. Mit der Zeit lernte man es, ihn zu respektieren, was in seiner Jugend, beim Dienst in der sowjetischen Armee nicht gerade der Fall war.

Irochka wurde nach zwei Jahren geboren. Nach ihrer Geburt entschied man, dass Lenochka ein Fernstudium absolvieren sollte, da wo auch Katja studiert hatte. Die junge Mutter fuhr fünf Jahre nach Moskau zum Studium und ließ die kleine Tochter bei dem jungen Ehemann. Zu diesem Zeitpunkt erholte sich Inga bereits auf dem lokalen Friedhof.

Die älteste Freundin, als sie nach Nowosibirsk kam, hatte viele Freunde und bekam einen guten Job,

doch konnte sie lange Zeit keine Wohnung finden, so mietete sie immer kleine Zimmer.

Jurij Ivanovich zog fünf Jahre lang seine Töchter groß und arbeitete gleichzeitig bei zwei Stellen.

Den Mädchen wurde alles erlaubt. All die Jahre, solange er noch fit war, arbeitete er in einem kleinen Geschäft als Buchführer, wo früher Ingeborg den Boden wischte.

Jurisj Ivanovich bemühte sich, arbeitete noch nebenbei. Sein Gehalt reichte für Brot, Butter und schöne Schuhe. An Abenden ging er zum Hafen, zur Entladung, ohne auf seinen kranken Zustand zu achten. So ging alles den Bach unter: Der Wohlstand der Familie wuchs, und die Gesundheit des Ernährers verschlimmerte sich.

Nach dem Abschluss des Institutes wechselte Elena von einer Verkäuferin zu einer Warensachverständigen. Mit der Entwicklung des Nordens und der Seewege, wuchs auch der Hafen und wurde reicher. Er entwickelte sich zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt in der Sowjetunion. Der Ehemann ging bereits in Frührente wegen Krankheit, da wuchs die Karriere der Ehefrau stetig an.

Jurij Ivanovich konnte seit der frühen Kindheit der Tochter, mit Elena einen Nenner finden, obwohl diese oft verreist war. Morgens brachte er sie in den Kindergarten, abends holte er sie ab, fütterte sie, gab ihr Spielzeuge, versprach ihr, er würde bald wieder zu hause sein, sie solle keine Angst haben. Er ließ den zweiten Schlüssel bei der Nachbarin, damit sie nach der Tochter schaue, machte die Tür zu und ging zu seinem Minijob..

Irochka wuchs als schönes und braves Kind auf, mit einem einzigartigen Charakter. Sie schmollte nicht, begann früh an zu sprechen und ihren Vater nachzuahmen, beriet auf ihre kindliche Art. Sie liebte ihren Vater sehr, die junge Mutter hielt sie meistens für eine Freundin, wobei sich Lenochka bemühte eine emsige Mutter zu sein.

Von dem ewig trübsinnigen Vater, hatte die einzige Tochter nur die Augenfarbe geerbt. Das leuchtende Blau glänzte auf dem zarten Gesicht, wechselte in allen Farbspektren, von einem zarten Blau bis zu einem dunkelblauen Blau, in Abhängigkeit von der Laune und des Wetters.

Sie war die aller größte in der Kindergartengruppe, die Erste im Schulsport, leuchtend-blaue Augen, helle Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, den sie seit der dritten Klasse trug, sehr auffällig in ihrem Wesen, fühlte sie sich immer als die Erste in ihrem Umfeld.

Seit ihrer frühen Kindheit hörte das Mädchen immer wieder, dass man sie „Schönheit“ nannte.

Elena, flüsterte der Tochter zu, als sie sie für den Kindergarten fertig machte:

„Meine Blauäugige.“

Wenn Katherina Irochka sah, bei ihren Besuchen der Familie, tätschelte sie diese und spach:

„Meine Schönheit.“

Jurij Ivanovich flüsterte häufig mit Zärtlichkeit:

„Mein Sternchen…“

Elena suchte das Allerbeste für ihre Tochter aus und nutzte ihre geschäftlichen Verbindungen, um die Schönheit der Tochter zu unterstreichen. Schöne Pullover, Kleider, Röcke. Die Haarschleifen hatten alle möglichen Blautöne: kornblumenblau, himmelblau, meeresblau, zzurblau, violett, perlen-grau. Katherina, die eine gute Stelle in einem lokalen Buchführerbüro bekam für zwei Jahre, schickte Päckchen mit Importware. Auch diese Kleidung passte man zu der blauen Garderobe des Mädchens an. Darauf konnte Jurij Ivanovich nur mit dem Kopf wackeln:

„Die Weiber sind verrückt geworden.“

Irochka gewöhnte sich daran, überall die Schönste zu sein, wo sie mit ihrer Familie erschien. Die Schönheit war einzigartig – jeder bemerkte sie, zog sie an, begrüßte sie. Man liebte sie für ihre Freundlichkeit und Gefälligkeit. Es hatte keinen Sinn mit ihr zu streiten, ihr irgendetwas zu beweisen oder die Verhältnisse zu klären. Es reichte aus, das Irochka eintrat und lächelte, dann wollten alle ohne Ausnahme mit ihr Befreundet sein, sie an der Hand halten, die Spielzeuge mit ihr teilen. Auch die Erwachsenen hatten es leicht mit ihr, sie war ein braves Kind. Kam sie mit etwas nicht zurecht, vertraute sie immer dem Gegenüber. Niemand hatte sie jemals belogen.

Der erste Ausdruck ihres Charakters zeigte sich am ersten September des ersten Schuljahres. Die einsame Katherina nahm an allen Veranstaltungen der ihr nahestehenden Familie teil. Sie kam mit Geschenken, um Irochka zu gratulieren. Man stritt wegen der Haarschleifen. Katherina nahm aus Brotpapier leuchtend-blaue Seidenschleifen heraus, und legte breite, weiße und schwarze Schleifen aus Nylon daneben. Auf die letzteren blickte das Mädchen gar nicht, ihre Augen leuchteten von den Blauen. Sie trug keine Zöpfe, wie es damals Mode war. Im Einverständnis mit Elena, trug sie üppige Pferdeschwänze.

„Ich möchte diese haben“, bat sie und zeigte auf die Seidenschleifen.

„Irochka“, riefen Mutter und Katherina gleichzeitig. „Irochka. Nein. Der erste Schultag. Da darf man nur weiße Schleifen tragen.“

„Ich will nicht. Ich will die anderen.“ Weiter folgte ein Stimmengewirr. Überredungen, leichte Drohungen, Versprechungen, alles umsonst.

„Ihr habt selbst gesagt, man soll die Schönheit unterstreichen“, weinte Irochka, worüber sich die beiden Frauen wunderten, denn es passte nicht zu ihr.

„Nach der Schule, so viel du magst…“, versuchten Elena und Katja sie zu überreden, beide überwältigt von einer solch stürmischen Reaktion des Mädchens.

Jurij Ivanovich verbrachte zu diesem Zeitpunkt seine Zeit liegend, in einem breiten Sessel in dem kleinen Zimmer. Ihn erwartete eine Herzoperation im Krankenhaus in Nowosibirsk. Die Warteschlange war groß, die Lebenskräfte verließen den Kranken genauso langsam.

„Tochter“, hörte man in der kurzen Pause zwischen den Schreien. „Komm zu mir.“

Sie lief sofort zum Vater, zitterte noch von den Tränen und blinzelte streng mit den dunkelblauen Augen.

„Höre mir zu.“ Er machte eine Pause und leckte sich über die grauen Lippen. „Den Charakter zeigen muss man in einem ernsten Fall, wenn etwas bedeutend ist. Hier geht es nur um Schleifen…“

Er schmunzelte schief, ohne sich Gedanken zu machen, ob die siebenjährige Tochter seine Worte versteht. „In der Schule geht es um andere Erfolge…“ Er schloss müde die Augen.

Die Tochter nickte, ohne etwas zu verstehen, doch vertraute sie den Worten ihres Vaters.

Und wirklich, nach dem ersten Halbjahr in der Schule, überzeugte sich Irochka, dass in der Schule, für einen vollen Erfolg, etwas andres notwendig war als zarte Grübchen und schöne Augen. Sie begann fleißig zu lernen.

In der Klasse gab es drei Schönheiten, doch blaue Augen und üppiges Haar hatte nur sie, die Makarova. So waren sie zu dritt all die Schuljahre befreundet. Die Freundschaft war fest, manchmal uneben. Wenn eine von ihnen sprach, hörten die anderen gefasst zu, manchmal kritisch. Es kam vor, dass Jahina ihr Temperament zeigte und los schrie, manchmal weinte, doch das geschah nicht oft.

Semenova bestand nie auf etwas und machte nichts ohne die Erlaubnis ihrer Mutter. Makrova machte alles so, wie sie es für richtig hielt.

Alle drei waren recht unabhängig und wiederholten die Beziehungen und die Freundschaft iher Mütter.

Alle drei hatten die besten Schulnoten. Doch waren dieses unterschiedlich. Bei Jahina und Semenova leicht ergattert, bei Makarova durch Fleiß. Ira Makarova wünschte sich sehr einfache Gewinne, denn an diese war sie immer gewöhnt, doch die guten Noten bekam sie nur durch Mühe. Dazu kam, dass die geheime Selbstliebe, die sich in ihren dreizehn Jahren offenbart hatte, sie dazu zwang, weiter fleißig zu sein.

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