Natalija Tartakovskaja

„Die Häschen haben es erzählt“

Natalija Tartakovskaja

Die Häschen haben es erzählt

Veröffentlicht auf daktil.kz

In dem Winter, als ich das Schneemädchen spielte, gab es oft starken Schneefall und die schneebedeckte Stadt war wunderschön. Ich war vierzehn Jahre alt und träumte von einem glücklichen Leben, von neuen Kostümen. Ich wollte schön sein, den Jungs gefallen, mich freuen, lachen, den Kopf in den Nacken legen und mit den feierlichen Schuhen in der Luft wedeln.

Doch das einzige Kleid aus Crimplen und die festen Stiefeln, die bereits ihre Form verloren hatten, eigneten sich nicht dafür. Der Vorschlag, etwas dazuzuverdienen, in dem man Geschenke zustellte, war angebracht.

Mit dieser Angelegenheit beschäftigte sich zu der Zeit „die Firma der guten Dienste“, eine Organisation, die sich in einem Zweietagenhaus befand, in der Straße der Kosmonauten. Dort arbeitete meine Mutter.

Es ist schwer zu glauben, doch die Menschen, die für ein reines Gehalt arbeiteten, ohne Boni und anderer Belohnungen, erfanden ständig, wie man seine Sache besser machen kann und angenehmer für die Empfänger dieser freundlichen Dienste. Ich erinnere mich, wie Mutter und ihre Chefin Darja Petrovna, die einer Nonne ähnlich sah, in ihrem schwarzen, dunklen Kleid, an Wochenenden auf unserer neuen Nähmaschine große, bunte Tüten aus dem rauen Packpapier von roter und blauer Farbe nähten – das war die Idee meiner Mutter. Damals gab es noch keine Verpacker von Geschenken, deswegen packte man diese in die handgemachten, papiernen Säcke ein.

Die Firma stellte mir ein Kostüm zur Verfügung – einen Mantel, eingefasst mit weißer Baumwolle, aus blauem Atlasstoff, den man über die Winterkleidung anziehen musste, einen Gürtel und eine ebensolche Kopfbedeckung aus Atlas. Ein Element des Kostüms war eine Perücke mit zwei langen Zöpfen, die wundervoll zu meinem Gesicht passte. Als ich diese anprobierte, verwandelte ich mich sofort in ein echtes Schneemädchen. Ich verstand es just in der Sekunde, als meine Schneemädchen-Kolleginnen, die in den Säcken nach ebensolchen Kostümen wühlten, sofort still wurden und mich aufmerksam anschauten. In jener Sekunde verstand ich, dass ich das aller schönste Schneemädchen bin. Keine schwarzhaarige Euredike mit ausdrucksstarken, traurigen Augen, keine schöne, dunkelhäutige Kasachin, keine blonde russische Mollige – keiner konnte sich mit mir vergleichen, mit der vierzehnjährigen, in einer Perücke aus diesem blonden, synthetischen Haar.

Es ist ulkig sich zu erinnern, wie ich mir Sorgen machte, am ersten Arbeitstag, ich konnte nicht einschlafen, dachte die ganze Zeit darüber nach, was ich den Kindern erzähle, wie ich ihnen die Geschenke überreiche, machte mir Sorgen, ob ich den Bestellern gefalle.

Und nun setzen wir uns gemeinsam mit dem Väterchen Frost in den grauen Wagen, der vollgestopft ist mit Paketen. In unseren Händen ist eine Liste mit Empfängern, ihre Adressen und Telefonnummern.

Nun denn, los geht es!

Nach dem Schneefall sieht meine Stadt sehr feierlich aus, so als ob diese bedeckt sei mit einer weißen, festlichen Tischdecke – einer sauberen und knirschenden. Der Himmel ist blau, die Sonne wie gewaschen, die Zweige der Bäume, gestern erst düster, tot, sind heute mit Schnee bedeckt.

Die Schneewalzen können sich nicht überall halten auf den unebenen Gründen, und deswegen sehen die Zweige vor dem leuchtenden Himmel genau so aus, wie im Frühjahr die Zweige der Apfelbäume aussehen, wenn sie ganz bedeckt sind von weißem, blumigen Schaum.

Meine Laune ist hervorragend. Mit vierzehn Jahren ist die Erwartung des bevorstehenden Festes und des märchenhaften, fröhlichen Lebens, immer besonders mit Freude erfüllt.

Jetzt kann man sich nicht mehr daran erinnern, wann ich diese Fähigkeit, sich über etwas zu freuen, mit meinem ganzen Wesen verloren habe.

***

Wir fahren zu einem kleinen Mädchen, um ihm das Geschenk auszuhändigen. Sie lebt in den neuen, schönen Häusern in der Komsomol-Straße.

Wir werden erwartet – die Tür öffnete sich und ein älterer, grauhaariger Mensch mit einem schönen Gesicht lugte hervor. Er drückte einen Finger auf die Lippen und verschwand. Die Tür schloss sich. Nach einer Minute des Wartens kam in das Treppenhaus ein riesiger, roter Karton mit einer schönen, deutschen Puppe. Danach mussten wir lange und laut weiter an die Tür klingeln. Die Tür öffnete sich mit lautem Krach. Wir wurden empfangen von dem uns bereits bekannten Mann und einer jungen, schwangeren Frau, außerdem einem kleinen Kind in einem feierlichen Kostüm mit einer Schleife auf dem Kopf.

Ein Kronleuchter, Teppiche, Regale aus Holz, Geschirr von der Marke „Madonna“ im Glasschrank – all die Attribute eines respektablen Lebens jener Zeiten.

„Wohnt hier das Mädchen Mascha?“, rief ich fröhlich. „Väterchen Frost und ich kamen zu dir aus dem Wald und bringen dir Geschenke mit. Schau mal, welch schöne Puppe dein Opa uns empfohlen hat, mitzubringen!“

Der ältere Herr berührte mich an der Schulter.

„Ich bin der Vater“, erklärte er uns.

„Das war es“, dachte ich mir, „eine Katastrophe, was habe ich nur angerichtet!“

Es gab jedoch keinen Skandal, der Vater war nicht beleidigt, und das Mädchen hatte meine Phrase nicht einmal bemerkt. Sie verspürte eine große Freude: sprang in der Nähe des Väterchens Frost, lachte und versuchte Gedichte aufzusagen. Die Mutter des Mädchens setzte sich an das Klavier und begann mit einer zärtlichen Stimme das Klavierspiel zu begleiten:

„Unterm Strauch, unterm Strauch, wer sitzt da mit seinem grauen Schwanz?“

Das Mädchen wackelte mit ihrem kostümierten Po und wedelte mit ihren üppigen Händen, mit Bändchen, durch die Luft. Sogar die Puppe mit den schönen Locken war ihr nicht so wichtig wie der echte Väterchen Frost mit Bart und Stab. Der Großvater-Papa des Mädchens brachte aus der Küche eine Kristallvase, die gefüllt war mit wunderbaren Bonbons und bot uns diese an. Solche Bonbons in roten Papieren eingewickelt, brachte man damals aus Moskau, in Almaty gab es so etwas nicht.

„Nein, nein“, antwortete ich verlegen, „ich möchte nicht, danke.“

„Nehmen Sie sich“, bestand der Hausherr. „Sie sind so schön, ich möchte Ihnen etwas anbieten. Vielleicht Champagner?“

„Nein, nein, nicht nötig“, ich sprang schnell aus der Wohnung.

Das Väterchen Frost folgte mir laut.

Hinter der Wohnungstür verwandelte sich das freundliche Väterchen Frost in einen relativ bösen Viktor.

„Hör zu, wenn du keine Bonbons möchtest, denke doch wenigstens an mich,“ murrte er.

Ich antwortete ihm auf die Komsomolsker Art.

„Viktor!“, sagte ich streng. „Wir bekommen das Gehalt für das Abliefern der Geschenke und einen zusätzlichen Verdienst, selbst wenn es nur Nahrungsmittel sind, dürfen wir nicht annehmen, es ist uns nicht erlaubt.“

Das aller interessanteste ist, dass Viktor mit mir einverstanden war – wahrscheinlich dachte er, dass ich mich sonst bei der Leitung beschwere.

„Weißt du, was das für ein Mann war? Das war der Leiter der Fabrik. Die junge Frau war Musiklehrerin bei seinem Enkel, er verliebte sich in sie. Dann verließ er die Frau, zerstritt sich mit den Kindern, auf der Arbeit wie man ihn zurecht. So ist die Liebe – was soll man da tun…

Draußen verstand ich, dass es falsch war, die Bonbons nicht anzunehmen – auf dem Hof empfingen uns von allen Richtungen Kinder, ihre Augen habe ich bis jetzt im Gedächtnis, begeistert, verwundert – die Augen der Kinder, die in ihrem Leben so wenige Feste gesehen haben.

Danach lehnte ich nie wieder Bonbons und Früchte ab und verteilte diese auf dem Hof an die Kinder. Das war eine gerechte Aufteilung von Werten. Kinder, die von uns Bonbons oder Äpfel bekamen, und zwar von dem aller echtesten Schneemädchen, waren die aller glücklichsten, die ich je gesehen habe. Das war für sie kein Treffen, sondern ein echtes Wunder.

***

Häuser, Häuser, Wohnungen, Wohnungen – mal reiche, mit Teppichen, schönen Möbeln, leuchtenden Parkettböden, mal arme, hinter Sperrholztüren, mit beschädigtem Linoleum auf dem Boden. Man freute sich überall über uns, überall sprang man und lachte. Und ich, die selbst ein Schulmädchen war, versuchte mit meiner ganzen Kraft, die Menschen zu schätzen, die sich nicht davor scheuten, den Nächsten eine solche Überraschung zu machen. Die Aufgabe des Väterchens Frost war ganz einfach: mit dem Stab klopfen, lachen und mit der Hand im Handschuh, die Hand des Kindes zu drücken. Ich musste alle begrüßen, sowie mit allen sprechen, außerdem um den Baum herum zu tanzen, das alles, um dem Kind zu zeigen, dass ihn nicht einfach eine Brigade besuchte, die Geschenke für Geld abliefert, sondern die aller echtesten Väterchen Frost und das Schneemädchen. Und ich bemühte mich sehr.

„Wohnen hier die Mädchen Ajman und Sholpan? Väterchen Frost und ich kommen zu euch aus dem Wald und wir bringen euch wunderbare Geschenke! Ihr wisst sicherlich irgendwelche Gedichte oder Lieder? Macht dem Großvater eine Freude!“

Die Zwillinge Ajman und Sholpan, im Alter von ungefähr zehn Jahren, trugen schöne Kostüme und singen:

„Ich wurde von einem Nilpferd gebissen,

Vor Angst kletterte ich auf einen Zweig!

Ich sitze hier, und mein Fuß ist dort –

Ich wurde von einem Nilpferd gebissen.

Ich sitze hier, es erklingt der Banjo.

Ich sitze schon lange hier,

Ich würde dem Teufel auf die Hörner klettern,

Doch Gott, wo ist mein Fuß?“

Ein ulkiges Lied, ein schönes Motiv, die Mädchen sangen gut. Das Lied war ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit alle Lieder von Lenin handelten, oder von dem Kreuzer „Aurora“ oder ähnlichem. Seltsam war auch die Wohnung, in der die Zwillinge lebten: weder Regale, noch Kronleuchter, überall, schöne Teppiche, mit Mustern bestickte Filzdecken, auf den Wänden die Bilder – die Eltern der Mädchen waren Künstler. Sogar der Weihnachtsbaum war auf ein großes Papier gezeichnet und an die Wand gebracht. Und der Weihnachtsbaumschmuck – echt, hing auf dem Papier, angebracht mit Büroklammern – ein Ende steckte im Papier, das andere in der Kugel. Doch die Schwestern glaubten an die Realität des Väterchens Frost. Sie nahmen mit Freude die Geschenke an. Auf wiedersehen Ajman-Sholpan, bis zum nächsten Jahr!

***

Und wo ist Marija Petrovna? Väterchen Frost weiß, dass hier eine solch wunderbare Frau lebt, ein Arbeitsmensch, ein Veteran. Wir bringen Ihnen ein wundervolles Geschenk aus dem Wald, Ihr Sohn Volodja erzählte dem Väterchen Frost darüber, dass man Sie persönlich besuchen soll!“

Die kleine, traurige Frau wickelte sich in ihr Tuch ein und nahm das Geschenk an. Sie trocknete mit der dünnen Hand die feuchten Augen.

„Das hat er euch erzählt…Richtet meinen Dank aus…Er selbst will die Mutter nicht einmal besuchen? Wie letztes Jahr…Man braucht mich nun nicht mehr!“

Marija Petrovna hielt die Tränen zurück und schloss hinter uns die Tür. Eine solche Bescherung!

***

Ein kleines Häuschen im Gebiet „Almaty 1“. Das Dach war schräg, die dunklen Schichten der Teerpappe hingen herunter wie Büschel und berührten die Tragflächen des Daches. Der Hof war mit Schnee bedeckt, die Wege waren nicht gekehrt. Wir gingen und fielen bis zu den Knien in den Schnee. Wir öffneten die Tür, die ummantelt war mit einer alten, gesteppten Decke. Aus deren Löchern schaute ein bordeaux-blauer Watteansatz heraus. Aus dem Haus entwoch Dampf nach Außen, dieser vermischte sich mit dem Geruch von Kerosin, eingelegtem Kohl, einer Schnapsfahne und Hundefell.

Auf dem Flur schliefen Hunde und Menschen, die mit warmen Decken und Schafspelzen zugedeckt waren. Schnarchen, geneigte Köpfe, komische Posen – nicht einer hat sich bewegt, nicht einer hat reagiert auf das Rufen des Väterchen Frosts. Wir betraten das Zimmer, bewegten unsere Füße über die Körper der Liegenden – das selbe Bild: der Boden erinnerte an die Behausung von Robben, plus ein eisernes Bett mit Luftballons und ein Sofa, auf dem auch Menschen schnarchten. Väterchen Frost berührte die Schultern eines Kerls, der auf dem Bett lag:

„Bist es du, Sergej Ivanych“

„Ja,“ sagt der Schlafende.

„Hier hast du ein Geschenk, dein Freund Dmitrij sendet dir Glückwünsche.“

„Er liegt doch auf dem Sofa,“ murmelt Serjej verwirrt, „wie konnte er darum bitten? Hey, Dimon! Wache auf! Väterchen Frost ist da, und das Schneemädchen!“

„Sollen die sich zum Teufel scheren,“ murmelt der Besteller, ohne die Pose zu verändern.

Ein wütendes Schnarchen, das auf Probleme mit dem Nasenrachenraum hindeutete, verriet die Geringachtung zu den Märchenfiguren.

Die beiden kehrten auf dem gleichen Weg zurück, über die Schlafenden tretend.

„Viktor, wie hast du es herausgefunden, dass Sergej genau jener Kerl ist?“

„Logisch. Derjenige, der auf dem Bett liegt, ist der Hausherr.“

Die beiden machten eine Verschnaufpause und begaben sich wieder in Bewegung.

***

Das Gebiet um den Flughafen. Eine Wohnung in der Chruschtschowka.

„Wohnt hier Isabella Al’fredovna? Ihre Tochter Gretta erzählte Väterchen Frost von Ihnen und bat sie zum Neuen Jahr zu beglückwünschen!“

„Leise, leise, sie ist eben eingeschlafen!“

„Wer? Gretta?“

„Nein, Matilda. Sie hat den fünften zur Welt gebracht, schleckte ihn ab und schlief ein.“

Nachdem die Frau meine Verwirrung sah, fing sie an zu lachen:

„Die Katze Mathilda, eine balinesische Katze. Komm mit mir Mädchen, ich zeige dir die Kätzchen.“

In einer winzigen, feierlich geschmückten Küche lagen auf einem Kissen neben der Mutterkatze fünf engelsgleiche, kleine Kätzchen. Ihre Schwänzchen waren so dünn und winzig, sodass man dachte, diese gehörten kleinen Ratten und nicht den Kätzchen. Zarte, rosa Schnäuzchen mit geschlossenen Augen waren so liebenswürdig, die winzigen Schnurrhaare schauten ulkig aus.

„Ein solches Geschenk brachte mir Mathilda zum Neuen Jahr. Das sind sehr teure Kätzchen. Mathilda hilft mir sehr. Besser als die Tochter Gretta – von der bekommt man nur eine Pralinenschachtel zum Neuen Jahr. Denke darüber nach, Mädel. Wenn du ein Kätzchen möchtest – komme in einem Monat wieder, ich gebe dir eines für fünf Rubel. Mit einer Abstammungstafel, von einem guten Züchter. Und rate es auch deinen Bekannten, die vielleicht ein Kätzchen möchten. Fünfundzwanzig Rubel! So viel kosten neue Markenschuhe! Dafür kannst du auch zwei paar tschechische kaufen! Was für Katzen!“

„Auf wiedersehen, Isabella Al’fredovna! Wenn ich es mir überlegt habe, komme ich vorbei.“

***

Eine Wohnung im Stadtzentrum. Ein gepflegtes Treppenhaus, eine breite Treppe, hohe Türen – „ein Akademikerhaus“.

„Wohnen hier Galja und Rozachka, von denen uns Aslan erzählte, der gerade in Deutschland ist? Sein Vater bat uns ebenfalls darum, Euch zu gratulieren und ein Geschenk zu überreichen.“

Eine schön gekleidete junge Frau mit einer eleganten Frisur führte uns, an Kisten vorbei, in die leere Wohnung. Eine ideale Sauberkeit, doch kein Anzeichen für das Herannahen des Neuen Jahres – kein Weihnachtsbaum, kein Schmuck, keine Piroggen. Auf dem Parkettboden krabbelte ein kleines Mädchen mit einem Teddybären in den Händen.

Galija schüttete den Inhalt der Tüte auf das Sofa und wedelte mit den Händen:

„Was sind das für Leute! Wer braucht diese Pralinen?“

„Es ist doch Feiertag…“, antwortete ich verwirrt.

„Feiertag bedeutet nicht, dass ich Pralinen essen und mir dabei meine Figur verderben soll. Und das Kind sollte gar keine Pralinen essen! Und dass Rozochka schon anderthalb Monate nicht nach draußen geht, interessiert keinen. !“

„Ist sie krank?“, fragte ich

„Mein Kind ist niemals krank, weil ich gut danach schaue“, sprach Galija klar und deutlich aus, „Rozochka hat einfach keine warme Mütze.“

„Kaufen Sie eine aus Pelz. Jene, welche Großmütterchen stricken,“ riet ich ihr in meiner Naivität.

„Warum soll ich dem Kind etwas kaufen, wenn es doch genug Verwandte hat?“, fragte Galija. „Ich erschaffe eine materielle Grundlage, lege jede Münze auf das Sparbuch und ich denke, jeder versteht, dass ich kein anderes Geld habe. Ich kann nicht einmal meine Teeservices aufstellen, da ich kein Regal dafür habe. Sie möchten einfach nicht ihren Kopf zu denken benutzen und machen Dummheiten. Sie haben mich zur Weißglut getrieben, ich rufe sie gleich an und werde ihnen meine Meinung sage!“

Wir entfernten uns sehr leise vom Territorium der Wohnung Galijas. Als wir raus gingen, hörten wir abrupte Geräusche einer Frauenstimme – sie hat bereits die Verwandten erreicht, deren frommen Gefühlsausbrüche ihnen ein Skandal zum Neuen Jahr verursachten.

***

Eine Gruppe kleiner Häuser neben dem Gorki-Park. Die Häuser sind alt, ohne Komfort. „Serjözha Karpuhin“, stand geschrieben in Klammern „ein defektes Kind“.

Was ein „defektes Kind ist“, konnte ich nur erahnen. Ich stellte mir ein unglückliches, blasses Kind vor, das man erfreuen und aufpäppeln soll. Wir stiegen die Treppe hinauf, in den Häusern hat jede Wohnung ihren eigenen Eingang. Wir klopften an. Die Tür öffnete eine nicht junge Frau mit traurigen Augen:

„Kommt herein, kommt herein“, lädt sie uns eilig ein, „in das Zimmer mit dem Weihnachtsbaum.“

In einem sauberen, großen Raum stand ein großer, schöner Weihnachtsbaum, auf seiner Spitze ein Stern, der Weihnachtsbaum war voll mit Kugeln, mit Silberlametta. Unter dem Baum standen Spielsachen, ein Elefant in Unterhosen, ein Teddybär in einem Hut.

„Serjözhinka,“ rief die Frau zärtlich, „nun komme doch, Väterchen Frost und das Schneemädchen sind da.“

Den Raum betrat ein erwachsener, im Schlafanzug gekleideter Mann, mir schien es, von dreißig Jahren. Sein Gesicht war dunkel, die Haare lang, und das sah einfach abenteuerlich aus. Der Mann hüpfte auf einer Stelle und schrie irgendetwas. Aus seinem Mund strömte irgendein Kauderwelsch und die Worte „Väterchen Frost“ und „Schneemädchen“.

Ich war wie betäubt. Ich erschrak, weil ich zum ersten Mal einen solch inadäquaten Menschen sah. Ich wollte mich umdrehen und das Haus verlassen, in dem ein solches Monster lebt.

„Schneemädchen,“ wandte sich plötzlich zu mir das „defekte Kind“, „tanzen, tanzen!“

„Habe keine Angst meine Teure, er wird nichts schlimmes anstellen,“ sagte plötzlich die Frau. Ihre gerade, ruhige Stimme machte mir Mut. Man konnte dieser nicht nicht glauben – er wird mir wirklich nichts schlimmes tun.

„Tanze mit ihm und lächele ihm zu. Er wartet das ganze Jahr auf das Kommen von Väterchen Frost und dem Schneemädchen. Serjözha ist gerade mal siebzehn Jahre alt, doch er sieht viel älter aus. Die Ärzte sagen, dass er nicht lange leben wird. Mach ihn froh, du Liebe, ich bitte dich darum.“

Das Mitleid, was ich diesen Menschen gegenüber verspürte zwang mich, mich zu beherrschen und sogar zu lächeln. Ohne Angst reichte ich dem Kind meine Hand und tanzte mit ihm um den Baum herum. Väterchen Frost und die Mutter Serjözhas gesellten sich zu uns und da kamen auch die Nachbarn. Bald tanzten wir alle wie verrückt zu den Kinderliedern aus dem Plattenspielern. Dann hielten wir uns an den Händen und kreisten im echten Ringelreihen. Der langhaarige Serjözha klatschte in die Hände und hüpfte dabei. Er ist gar nicht gruselig, sondern einfach ungewöhnlich, einfach nicht so wie die anderen, dieses Kerlchen.

„Sage ihm, er soll sich die Haare schneiden lassen. Auf dich wird er hören,“ bat mich seine Mutter.

„Lieber Serözhenka!“ schrie ich. „Väterchen Frost und das Schneemädchen gratulieren Dir zum Neuen Jahr und wünschen dir, ein guter Junge zu sein, auf deine wundervolle Mutter zu hören, gut zu essen und keinen Schabernack zu treiben. Und außerdem bitten wir dich, noch einmal die Haare zu schneiden, und wenn du das immer machst, wie deine Mutter es dir sagt, dann kommen wir auch im nächsten Jahr.“

„Mama, schneide mir jetzt die Haare,“ murmelte Serjözha, „soll das Schneemädchen es sehen!“

„Später, später, Söhnchen. Wir werden zum Friseur gehen. Das Schneemädchen wird aus dem Wald zusehen und kommt bestimmt wieder zu dir.“

„Fahr nicht weg, Schneemädchen“, fing das Kind an zu weinen. Die Tränen liefen auf den Wangen und tropften auf den Boden. „Bleibe bei mir, Schneemädchen!“

„Das Schneemädchen wird schmelzen, wenn sie bleibt. Sie muss zurück in den Wald. Dort steht ihr Haus,“ wandte sich die Mutter ruhig und ernst an ihren Sohn, „ Sag Väterchen Frost und dem Schneemädchen „Auf wiedersehen!“, andere Kinder warten bereits auf sie.“

Serjözha zog den Mantel an und begleitete uns zum Bus, dann winkte er und verschwand aus unserer Sicht.

„Wir gratulieren ihm jedes Jahr,“ sagte Viktor, „du bist wunderbar, ließest dich nicht verwirren. Ich habe dir deshalb nicht früher Bescheid gegeben, weil ich dachte, dass du dann nicht mitkommst. Diese Frau ist Lehrerin, man hat ihr angeboten das Kind in ein Kinderheim abzugeben. Der Ehemann wollte so nicht leben und verließ sie. Er hat schon längst eine andere Familie und Kinder, und sie widmet ihr ganzes Leben dem Kind…wenn die Mutter stirbt, weiß man nicht, was mit ihm sein wird.“

***

„Wohnt hier der Junge Arman?“

„Ja, ja, kommen sie herein.“

Ein Mädchen mit einem langen Zopf, nicht älter als ich, führte uns ins Zimmern. Die Einzimmerwohnung war fast leer, in der Mitte stand ein Kinderbett, darin ein Baby von ungefähr drei Monaten. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum.

„Das ist unser Armanchik!“

Oh Gott, wie soll man einen solchen Armanchik beglückwünschen?

„Wer sind Sie?“

„Ich bin die Mutter von Armanchik!“

„Und ich – der Vater von Armanchik!“ antwortete ein junger Mann, der aus der Küche heraus kam.

„Sehr geehrte Vater und Mutter Armanchiks!“ fand ich wieder zu mir. „Väterchen Frost und das Schneemädchen erfuhren von Apashka Bahytgul‘ und Ataska Serik, dass hier solch wunderbaren Menschen leben – die Eltern Armanchiks. Und sie beschlossen, dass man euch alle zum Neuen Jahr gratulieren sollte!“

Man gratulierte – die Mutter Armanchiks erzählte ein Gedicht, der Vater nahm eine Gitarre und sang die folgenden Zeilen vor: „Für mich gibt es keine Schönere als dich“.

Man nahm die Geschenke an, lachte und tanzte sogar. Nur Armanchik saugte am Schnuller und nahm nicht an der gemeinsamem Freude teil.

Werde erwachsen, Armanchik! Du hast wundervolle Eltern und wirst zweifelsohne ebenfalls ein super Kerl werden.

***

Die Behausungen sind wie ihre Eigentümer, alle verschieden: mal riecht es nach was Gebratenem, mal nach Apfelsinen, mal nach Kerosin, doch alle vereint das eine – das Bestreben, wie man sich am besten für das Neujahrsfest vorbereitet. Man glaubt daran, dass das Neue Jahr sehr glücklich sein wird, sehr freundlich zu denen, die dieses empfangen, von den Kindern bis zu den Erwachsenen.

Dieser Glaube zwingt die Menschen, die Schwierigkeiten zu meistern, die Traurigkeit zu überwinden. Und wenn der Glaube an das Gute den Menschen verlässt, dann endet sein Leben. Heute sind alle Tische feierlich gedeckt, bei allen sind die Böden geschrubbt, die Teppiche ausgeklopft und die Töpfe gespült. Die Menschen ziehen ihre besten Kleider an, kämmen ihre frisch gewaschenen Haare und warten auf das Neujahrsfest und mit diesem auf ein echtes Wunder. Für den einen ist ein Wunder – eine Pralinenschachtel, die woher auch immer, unter dem Weihnachtsbaum auftaucht, und für die anderen, ein neues, glückliches Leben.

Es ist fast elf Uhr abends, man wartet zuhause auf uns und vor uns ist noch eine Wohnung. Wir haben sie absichtlich zum Schluss gelassen, sie befindet sich in der Nähe von der „Firma der guten Dienste“ – an der Ecke der Straßen Pasters und der Kosmonauten. Das sind neue Häuser, in denen die Arbeiter von „Tabachka“ einer Zigarre, arbeiten.

„Guten Tag ihr Lieben!“, murmelte der müde Väterchen Frost. „Wohnt hier ein Mädchen namens Julchen?“

„Hier, hier,“ stöhnte eine junge Frau, die uns im Flur empfing, sie hatte ausgeblichenes Haar, das zu zwei Pferdezöpfen gebunden war. Diese wurden von großen rosa Schleifen gehalten

„Kommen Sie herein, Väterchen,“ ihre Rede wat undeutlich, ihr Gang wackelig.

Die Frau machte die Tür zu und begleitete uns ins Zimmer. Eine

düstere Glühbirne unter der Decke beleuchtete das ärmlich eingerichtete Zimmer. In der Mitte stand ein Tisch, der bedeckt war mit einer rosa Tischdecke. Es stand kaum etwas auf dem Tisch. Auf einem Teller lag ein Haufen Sauerkraut, auf einem anderen Bonbons. Daneben standen ein paar Tassen und eine Flasche, die zu zwei Dritteln gefüllt war mit einer trüben Flüssigkeit. Am Tisch saßen zwei Männer, das Gesicht des einen konnte man nicht erkennen, er schlief, sein Kopf lag auf den Händen. Der andere freute sich wie wild über das Väterchen Frost und das Schneemädchen. Eine betrunkene Alte schaute uns gespannt an. Das Mädchen Julchen war nirgends zu sehen.

Die dürre Frau piepste unerwartet und warf sich zum Sessel, der in der Ecke des Zimmers stand – es stellte sich heraus, dass genau hinter diesem, sich unser Adressat versteckte.

„Hier bist du, Unhold!“, schrie die Frau und zog das Mädchen heraus, welches sich an der Möbel festhielt. Sie war am zittern wie ein wildes Tier. Sie musste ungefähr fünf Jahre alt sein, nicht älter und sie schien irgendwie durchsichtig zu sein. Ihre Harre waren ebenfalls geflochten und mit einer Schleife gebändigt, wie bei der Mutter. Die Kleidung bestand aus Lumpen, die ihren winzigen Körper bedeckten – eine Kleidung, die ihre Farbe und ihre Form verloren hatte. Die nackten Beinchen des Kindes schauten unerwartet hervor: es war Winter – keine Saison für kleine, nackte Beinchen.

Väterchen Frost lachte, rief das Kind zu sich, das Mädchen kreischte, die Mutter zerrte sie an der Hand, die anderen Teilnehmer des Festes gaben ihre Meinung dazu ab.

Ich werde von keinem beachtet und freue mich darüber.

Die Schreie, das Sorgen die chaotischen Bewegungen der Menschen im Zimmer hörten endlich auf. Väterchen Frost Viktor saß am Tisch, sein Bart lag über der Schulter, die Schnurrhaare waren nicht mehr an ihrer Stelle.

Vor ihm ist ein Becherchen, aus dem er schon einige Male getrunken hat. Auf seinem Schoß saß das kleine Julchen, ihre Wimpern waren wie die Flügel eines Schmetterlings, sie flatterten wenn das Kind das Väterchen Frost anschaute. Dieser streichelte Julchen auf dem Kopf und von dieser ungewöhnlichen Zärtlichkeit war sie noch mehr angespannt.

Die junge Hausherrin legtee sich ebenfalls auf ihre auf dem Tisch liegende Hand und schauet Väterchen Frost von der Seite an:

„Und woher wusstest du, Väterchen, dass hier unser Julchen lebt? Und wie hast du beschlossen zu uns zu kommen?“

„Von den Häschen habe ich es erfahren, von den Häschen,“ – murmelt der matschige Großvater und blickt sich um, was er nach dem nächsten Schnapsglas zu essen bekommt – entweder das Sauerkraut oder die Erbsen. „Die Häschen kamen zu mir und erzählten, dass hier das Mädchen Julchen lebt. Sie sagten zu mir, ich soll verrecken, doch Julchen muss ich beglückwünschen.“

„Och wie gut haben es dir die Häschen erklärt,“ die Frau in den Schuhen trocknet sich die Tränen des Mitleides ab, „wie gut, dass es die Häschen erzählt haben!“ und unerwartet lau fügt sie hinzu: „Darauf müssen wir alle trinken, stehend!“

Die am Tisch sitzenden standen mit Einverständnis auf. Den Schlafenden konnte man nicht wecken.

Plötzlich richtete sich der Blick der Frau mit den Schuhen auf mich:

„Und du, Schneemädchen, warum hast du bis jetzt noch nichts getrunken?“ schreit sie enttäuscht und reicht mir das Glas mit der Flüssigkeit.

„Ich trinke nicht…“ murmele ich verwirrt.

„Sind wir für dich etwa Säufer? Willst du uns beleidigen? Sind wir es deiner nicht würdig mit dir zu trinken? Ekelst du dich vor uns?!“

Die abrupte Stimme der Frau wurde zu einem Piepsen. In ihm spürte man eine bedrohliche Note.

„Ach du Schlampe,“ der Schlafende hob seinen Kopf. Es schien, dass er die Situation unter Kontrolle behielt. „Möchtest du etwas Trauer in diesem Haus lassen? Wir werden es dir nicht erlauben!“

Die Aufmerksamkeit der Anwesenden richtete sich auf mich.

„Ich bin noch nicht volljährig und darf noch nichts trinken“, sagte ich. „Lass uns von hier fort gehen,Viktor!“

Doch Viktor beschloss, wie es aussah, die Revanche für den ganzen Tag voller Enthaltsamkeit zu üben.

„Man muss trinken“, sagte er ernst, „sonst lässt man uns nicht von hier weg.“

„Trinke Schneemädchen!“ drohte mir die Frau in den Schuhen. „Trinke das Glas leer, sonst werde ich nicht für mich selbst antworten!“

Sie war bereit, sich auf mich zu werfen, der wachsame Mann hielt sie davon fern bis…

Nun, ich sehe den sowjetischen Helden wohl nicht ähnlich, die unter Todesangst ihren Prinzipien treu bleiben. Im Umkreis trinkt man, und Väterchen Frost will mich nicht unterstützen. Ich war so erschrocken, dass ich das halbvolle Glas zum Mund führte.

Der Gestank, der diesem entströmte, war bestialisch. Im Schrecken erkannte ich eine regenbogenfarbige, in allen Farben schimmernde Schicht auf der Oberfläche. Die Hand mit dem Glas senkte sich.

„Trink!“, murmelten die Unholde. „Trink leer!“

Ich zog den Atmen ein und goss die Flüssigkeit in den Mund. Es bestätigte sich, dass diese Flüssigkeit nicht zur inneren Einnahme vorgesehen war. Man durfte sie nicht trinken.

Das Gefühl nach der Einnahme dieses Getränkes war seltsam – mir schien als ob man mir plötzlich alle Sehnen durchgeschnitten hat, sodass die Hände und Beine aufhörten sich zu bewegen.

Mit Mühe mich auf den Beinen zu halten, befahl ich Viktor aufzustehen und begab mich zur Tür. Dieser hörte unerwartet auf mich und ging mir hinterher. Er kaute das Sauerkraut zu ende, spuckte die Knäuel der Schnurrhaare aus dem Mund und verhedderte sich in seinem Mantel.

Der Fahrer empfing uns verständnisvoll und bat uns in den Wagen einzusteigen. Bis zum Neujahr blieben nur einige Minuten.

Von der „Firma der guten Dienste“ blieben bis zu meinem Haus nur einige hundert Meter entlang des leeren Hofes, der beleuchtet war von den Lichtern der Fenster. Diese paar Meter waren für mich eine Herausforderung.

Ich stolperte auf dem mit Eis bedeckten Asphalt, und ich dachte mir, dass ich nie auf die Beine komme und damit auch nie zu Papa und Mama, zum köstlichen Tisch und dem festlichen „Blauen Flämmlein.“

Ich begriff, dass ein wahres Schneemädchen, so zart und rein wie es in Wirklichkeit ist, so wie ich den ganzen Tag war, nie auf dem dreckigen Boden liegen würde, mit einem scheußlichen Geschmack im Mund. Dieses Bewusstsein war so bitter für mich, dass ich anfing wie ein Kind zu weinen.

Zum Glück verschwanden mit den Tränen auch die Reste der Wirkung der getrunkenen Flüssigkeit und ich kam nach hause wie ein gewöhnliches Mädchen. Nur meine Seele fühle sich schwer und schmutzig an, und ich wünschte mir nur noch, dass niemals darüber erfahren würde, was ich an meinem ersten Arbeitstag angestellt habe.

Am nächsten Morgen wurde das schmutzige Eis von weißem Schnee bedeckt, die Stadt wurde wieder festlich. Der betrunkene Viktor wurde durch einen anderen ersetzt, einen nüchternen und freundlichen Menschen mit dem Namen Andrej. Mit ihm fuhren wir den ganzen Tag lang die Geschenke zu den Kindern und Erwachsenen, um die sich die Verwandten und Freunde kümmerten und wir schenkten Köstlichkeiten denen, um die sich niemand kümmerte.

Vor mir standen neue Feste – das Fest des ersten Gehaltes, das Fest der Einkäufe und das Anprobieren der Kleidung, die ich mir von meinem ersten Gehalt gekauft habe. Außerdem war vor mir ein ganzes Leben, unbedingt glücklich, voller Erfolge, Freude, Sonne, Liebe und Schönheit.

Oral Arukenova: Der Ring

Oral Arukenova

Der Ring

Der russische Text befindet sich auf daktil.kz

„Kadyr-Ata, wo ist mein Neujahrsgeschenk?“, fragte Dana.

Der Alte mit dem weißen Bart zeigte mit dem Stock in Richtung Weihnachtsbaum, daneben stand das Schneemädchen im silbernen Kleid, das Nauryz-Kozhe einschenkte. Unter dem Baum sprang eine Ratte heraus, schnappte mit den Vorderpfoten die kleine Schachtel und versteckte sich schnell auf den Hinterpfoten wieder unter dem Baum.

Dana wurde vom Schreien der Tochter wach.

„Ich werde den Brei nicht essen, er ist heiß!“, schmollte diese.

„Sei leise, sonst weckst du noch die Mutter“, zischte Bekzhan.

„Ist schon passiert!“, schrie Dana und streckte sich. Aselja stürzte in das Zimmer und sprang auf das Bett.

„Mama, Mamalein! Erzähle mir ein Märchen.“

„Ich habe jetzt keine Zeit, geh frühstücken. Papa und ich müssen zur Arbeit. Du bleibst hier mit der Nanny.“

„Wann ist das Fest?“

„Wir versammeln uns alle am Abend, decken den Tisch und werden feiern. Du wirst mit uns das Neue Jahr abwarten, danach gibt es ein Feuerwerk.“

„Juhu, Feuerwerk! Und die Geschenke?“

„Die Geschenke machen wir morgen früh auf.“

***

Die Geschenke sind alle im Kofferraum, das wichtigste ist, diese nicht zu vertauschen. Links an die Kollegen und Freundinnen. Rechts für die Verwandtschaft. Und in der Mitte die Torte für Tante Aischa, die einzige Verwandte Danas in Almaty. Alle Verwandten und Bekannten wissen Bescheid über die besondere Liebe des Tantchens zu Torten. Sie erzählt jedes Mal, wie sie in der Kindheit von einem „Märchen“ geträumt hatte, doch man lieferte nur selten Torten in den Supermarkt, und selbst wenn man diese dorthin brachte, konnte sie sich diese nicht leisten. In der Schule malte Tante Aischa bunte Blumen in all ihre Hefte und Bücher, sogar in die Schulbücher. Früher nahm das Tantchen alles Gebackene an, und nun bestellt sie deliziös die Torten selbst. Diesmal eine Minivariante der Sachertorte. Welch eine Bezeichnung! Dana fragte noch einmal vorsichtig nach und bekam als Antwort:

„Die Schokoladensachertorte wird in der „Pesochnica“ verkauft, man kann sie online bestellen.“

Der Ehemann sagte, dass das Dessert höchstwahrscheinlich zur Ehre Leopold Sacher-Mazochs benannt wurde.

„Dann hätte man das wohlklingender benennen können: „Leopold“ oder „Leo“, antwortete Dana.

„Nein, man hätte ihn „Sado-Maso“ oder einfach „Maso“ nennen können“, lachte Bekzhan.

Dana googelte und fand heraus, dass diese Schokoladentorte die Erfindung eines anderen Österreichers ist – Franz Sacher.

Alles andere ist für die vielzählige Verwandtschaft des Mannes. Für die Schwiegermutter kaufte sie eine französische Gesichtscreme, für den Schwiegervater ein seidenes Halstuch. Der Großvater des Ehemannes ist der aller älteste und wichtigste Mensch, er liebt Pralinen in bunten Schachteln, er verteilt diese an die Kinder, manchmal bekommt Aselja die Pralinen, welche Dana ihm geschenkt hatte. Die vielzähligen Großmütter bekommen Tücher, sie behalten nur die, die ihnen gefallen, die restlichen verschenken sie. Das wichtigste hier ist, diese richtig zu verpacken. Damit man diese akkurat auspacken kann und dann wieder zusammenlegen, wenn es ihnen nicht gefällt. Für die jungen Frauen besorgte Dana Kosmetikartikel von der Neujahrskollektion. Den Brüdern und Neffen des Ehemannes – Polohemden aus dem Ausverkauf. Für den Chef kaufte sie einen Markenkugelschreiber mit einem Notizblock. Sie hat alle auf ihrer Liste beachtet. Es blieb nur noch, für sich selbst ein Kleid zu kaufen, ein silbernes oder weißes. Manty, Salate und Häppchen hat Dana in der Nacht zubereitet, sie legte sich um drei Uhr morgens schlafen. Ihren Ehemann bat sie darum, am Abend den Tisch zu decken, während sie die Geschenke abliefert und in die Boutique geht, um sich ein Kleid zu kaufen.

Um neun Uhr Abends fuhr Dana in das Kaufhaus.

„Guten Tag, alles Gute für das kommende Jahr! Wir schließen schon“, lächelte die Verkäuferin verschmitzt.

„Ich brauche etwas feierliches, weißes oder silbernes, man sagt, so soll es sein für das Jahr der Metallratte,“ sagte Dana und dachte sich dabei: „Deswegen habe ich von einer Ratte geträumt“.

„Wir haben ein passendes Kleid, das allen gefällt, doch niemandem gepasst hat.“

Die Verkäuferin verschwand zwischen den Reihen mit der Markenkleidung und tauchte auf mit einem Kleid von silberner Farbe in ihren Händen.

„Oh, wie wundervoll! Das Kleid eines Schneemädchens!“, rief Dana.

„Eines Schneemädchens?“, wunderte sich die Verkäuferin.

„Nur so…ich habe geträumt.“

Das Kleid passte perfekt. Nun konnte sie nachhause fahren um mit der Familie Silvester zu feiern. Uff! Sie hat alles geschafft. Und sie träumte, dass sie ohne Geschenk blieb. Und von der Ratte. Pfui! Obwohl, das kommende Jahr ist das Jahr der Ratte…Ein Geschenk wird sie auf jeden Fall bekommen, sie sah bereits den goldenen Ring mit der großen Perle, von Brillanten umgeben, in einer Schachtel, die ihr Mann versteckt hat. Dazu wird auch das Kleid passen.

„Töchterchen, hilf uns! Meine Frau und ich trinken und rauchen nicht. Doch haben wir kein Geld, wir würden gerne nach Hause, doch sind wir nicht von hier“, sagte ein älterer Herr in einem sauberen aber abgetragenem Mantel, der ihr seine Hand mit den langen Fingern entgegen streckte. Er sprach und hatte dabei die Augen gesenkt. Dana schämte sich, als ob sie die Schuld daran habe, daran, dass zwei alte Leute sie an einem Feiertag um Geld bitten. Sie griff in ihre Tasche nach dem Portemonnaie, nahm einen Schein von fünftausend Tenge heraus und reichte diesen dem alten Mann.

„Möge Gott dir Glück schenken! Mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen! Warte, meine Frau soll dich auch segnen“, der alte Mann zeigte auf die Bank, auf welcher eine Alte saß. Dana blickte ruhig in ihre Augen und lächelt.

„Ajnalajyn! Baktty bol!“, segnete die Alte sie.

„Seien Sie doch mein Gast, ich bringe sie morgen zum Bahnhof“, fragte Dana spontan.

„Nein, Töchterchen! Danke! Wir wollen dir nicht das Fest verderben. Wir gehen gleich zum Bahnhof, kaufen uns Tickets für den nächsten Zug, der fährt häufig und wir haben es nicht weit, bis zur Station Chu,“ antwortete die Großmutter.

„Warum nicht! Man darf doch nicht einen Dastarhan ablehnen, dazu noch zu einem Feiertag“, blinzelte der Großvater mit den Augen.

„Dann lasst uns fahren. Tochter und Ehemann warten schon!“, freute sich Dana.

Als sie die Wohnung betraten, wunderte sich niemand. Tochter und Ehemann dachten, der Besuch sei einer ihrer weiten Verwandten und fragten Dana nicht einmal danach aus. Aselja, die Gäste gewöhnt war, hielt sich mal bei der Großmutter mal bei dem Großvater auf. Sie feierten das Neue Jahr und liefen zu dritt nach draußen, um das Feuerwerk zu bestaunen. Den Alten hat man auf dem Sofa im Wohnzimmer das Bett zurecht gemacht. Vor dem Schlaf packten Dana und Bekzhan noch zwei Geschenke ein und legten diese unter dem Weihnachtsbaum.

Am nächsten Morgen wachte Dana von einem begeisterten Schrei auf. Aselja stürzte ins Zimmer in einer Ninja-Maske, mit einer leuchtenden Luftschlange um den Hals:

„Steht auf und öffnet eure Geschenke! Ich habe meine bereits geöffnet!“

„Wer hätte daran gezweifelt?“, sagte Dana. „Wie gefallen dir die Geschenke?“

„Was hat der Weihnachtsmann dieses Jahr meinem Töchterchen geschenkt?“, fragte Bekzhan.

„Es gibt keinen Weihnachtsmann, das sind Märchen für Kinder!“, sagte Aselja und sprang in das Elternbett mit einer Puppe in der einen Hand, und einem halb ausgepackten Malbuch in der anderen.

„Hast du die Großeltern mit deinem Schrei geweckt?“, fragte Dana als sie sich an die Gäste erinnerte.

„Sie sind schon weg, nach hause gegangen. Sie haben sogar die Geschenke nicht mitgenommen, darf ich ihre Geschenke auspacken?“

„Irgendwie unangenehm, wir hätte sie zum Bahnhof fahren sollen“, sagte Bekzhan.

„Schau auf die Uhr. Alte Leute stehen immer früh auf“, antwortete Dana.

„Los! Steht auf! Geschenke, Geschenke!“, Aselja hüpfte auf dem Bett.

Dana nahm das leuchtende Tütchen in die Hand, welches von einer roten Schleife fest gehalten wurde, machte es auf, nahm die Schachtel, und bereits bevor sie diese öffnete, verstand sie, dass sich darin kein Ring befinden wird.

Zauresh Dandybayeva: Gespenster aus der Vergangenheit, Summary

Zauresh Dandybayevas Roman „Gespenster aus der Vergangenheit“ handelt von der Geschichte einer jungen Frau, die ständig auf der Suche nach etwas Neuem ist. Sie reist durch die Welt und lernt Menschen kennen. Jedes Treffen ist einzigartig. Die Heldin fliegt, fährt, geht zum Treffen ihres Glückes. Und auf dem Weg lernt sie neue Länder kennen und Menschen, sie verliebt sich und durchlebt zauberhafte Augenblicke. Jedes Sujet des Romans hat ein neues Thema inne und jede Episode kann als einzelner Teil betrachtet werden, als eine Erzählung oder als Szenarium eines Filmes. Wie ein Kaleidoskop der Erinnerungen zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte.

Für die Heldin ist das Leben selbst eine interessante Reise. „Wir trinken die Schale der gemeinsamen Ereignisse ganz aus, verabschieden uns von Hass oder Liebe und glauben daran, dass die Göttin Erfolg uns ein neues Treffen schenkt“

Der Roman beginnt mit der Beziehung von zwei Schwestern, die sehr innig und herzlich ist.

Die beiden brechen zu zweit auf in die Berge. Sie gehen einen Pfad entlang, riechen die Margeriten, wundern sich über die Eichhörnchen, erinnern sich an alte Zeiten.

Olga ist für die Protagonistin eine Begleiterin, ein Guru und einfach eine liebe Schwester.

Mit ihr macht sie auch die Reisen zum See Issyk Kul.

Die Heldin des Romans erzählt immer wieder von ihrer Großmutter Vera. Sie erinnert sich an das gemeinsame Kochen und Backen, an die Herzlichkeit der Großmutter.

Zur eigenen Mutter hat sie allerdings ein unterkühltes Verhältnis.

Bei der Großmutter jedoch fühlt sie die Wärme, die Sorge, die kindliche Freude. Sie ist für sie „der Sonnenschein im dunklen Königreich.“

Die Erinnerungen an das Neujahrsfest, das Aroma des Weihnachtsbaumes, der Mandarinen, sind sehr präsent, auch an die Harmonie der Gesten und des Rhythmus um die Großmutter herum – diese ist wie eine frische, durchsichtige Luft.

Die nächste Reise geht nach Paris, eine Pilgerschaft. Das Leben ist wie ein Karussell, immer im Kreis. Und immer wieder stellt sich die Heldin die Frage nach der Liebe. Für sie ist die Liebe etwas flatterhaftes, ephemermes,, das man nicht auffangen kann. „Hier ist die Liebe, und dann ist sie wieder fort.“

Im Roman geht es auch um seelische Schmerzen: „Und du versuchst sie zu überdecken, zu essen, zu trinken, neue Treffen zu suchen, mit dem, der ihr Verursacher war. Doch der ganze Sinn besteht darin, dass man einfach verzeihen muss und loslassen.“

Um den Schmerz zu verarbeiten, fliegt die Protagonistin nach London. Sie will ihren „Schmerz transformieren…Oder wenigstens die eigene Wunde in der Seele heilen. Die Londoner Nebel sollen sie bedecken und sich dann auflösen im Licht ihres Herzens.

Doch die Ankunft zuhause bereitet der Hauptfigur ebenfalls Freude. Sie gewinnt den Geschmack und die Welt füllt sich mit Farben, sie genießt die Berge, saugt die Bergluft ein und bereitet sich auf den Urlaub in den Bergen vor: man muss schließlich die Rückkehr nach Hause feiern!

Tonya Shipulina: „Mucha“

Tonya Shipulina

Mucha“

Protagonisten

Mucha – Mischa Konopka

Papa – Maxim

Mama – Alina

Tigran – Freund und Klassenkamerad von Mischa

Nebenfiguren

Paschka

Maxims Mutter

Zhazira

Anastastja Vladimirovna

Lehrerin „der Weltgeschichte“

Ein junger Mann mit blauen Kopfhörern

Stellvertretender Schulleiter

Olja

Kobold Il’juha

Erste Szene

Ein dunkler, leerer Raum. Der Vater von Mucha erscheint – von Kopf bis Fuß in Watte gehüllt.

Über der Watte eine dichte, blasenförmige Folie. Diese Polyethylen-Folie riecht nach Säure. Die Nasenwurzel des Vaters ist rot, jedes Auge blickt in eine andere Richtung.

Der Vater streckt ängstlich den Kopf aus der Watte:

– Alina, hast du etwas gegen hohen Blutdruck?

Eine Ecke des leeren, schwarzen Raumes wird beleuchtet – das ist eine kleine, doch ansehnliche, helle Küche.

Die Mutter schiebt schweigend den Hocker zum Schrank (Der Arzneikasten ist im oberen Fach), stellt sich da drauf, nimmt vom Regal eine Plastikschachtel, nimmt eine silberne Pille, macht diese auf und gibt sie schweigend dem Ehemann.

Papa:

– Danke. Und hast du etwas für das Herz, weißt du noch, du hast mal was gekauft?

Alina, kühl:

– Lustig…Lustig die Arznei mit Gift zu schlucken.

Die scharfen Augen der Mutter blicken wieder auf die Polyethylen-Blasen, die mit Luft gefüllt sind. Einige der Bläschen platzen, doch unter ihnen ist Watte und die Worte sinken in ihr ein, verheddern sich. Den Vater von Mucha stören sie nicht. Alina sucht in der Kiste nach Herz-Tabletten. Und findet diese.

Der Vater nimmt diese, nickt (der Kopf versteckt sich wieder in der Watte):

– Ich lege mich etwas hin. Mir geht es nicht so gut.

Alina atmet auf. Es ist schwer. als ob sie versucht hätte einen zwanzig Kilo Sack Kartoffeln zu heben, den sie jedoch fallen ließ. Der Atem, so wie die Worte berühren die Schutzhülle des Kostüms. Doch sie erreichen nicht die Ohren und lösen sich auf.

Alina. Suchanfrage: „Der Alkohol in der Natur“.

„Wenn Sie zur Zeit des Picknicks ein Glas vergorenen Saftes oder der Marmelade übrig lasst, dann bemerken Sie nach kurzer Zeit, dass um dieses Wespen kreisen. Diese können zu solch einer Leckerei nicht Nein sagen. Sie werden sich gegenseitig schubsen die Reihenfolge nicht beachten und werden so ertrinken. Und diejenigen, die überlebt haben und im Flug humpeln, kriechen bis zu ihrem Bienenstock und warten auf die Enttäuschung. Die nüchternen Verwandten lassen sie nicht ins gemeinsame Haus. Und sie werden sie nicht eher herein lassen, bevor diese nicht nüchtern sind.“

Das Licht in der Küche geht aus. Vater und Mutter verschwinden.

Im dunklen, leeren Raum erscheint Mucha:

– Natürlich, in Wirklichkeit hat mein Vater keine Watte, keine Folie mit Bläschen. Er trägt ein gewöhnliches, graues Sweatshirt und eine graue Hose. Nur die Mutter machte einmal einen Witz: „Dein Vater hört uns nicht, er hat eine Kleidung an, die ihn durchsichtig macht, mit dem Schutz vor allen Empfindungen.

…Nun kann man diese Watte und die Folie gar nicht mehr sehen. Der Wollsack mit den Bläschen ist das Lieblingskostüm des Vaters. Manchmal trägt der Vater das monatelang und kann sich nicht davon lösen. Er sieht darin lustig aus, böse und traurig.

Eine weitere Ecke des dunklen Raumes wird erleuchtet – der Flur.

Mucha:

– Und überhaupt würde ich gerne vieles nicht sehen.

Mucha steht im Flur und schaut, wie seine Mutter irgendetwas sucht hinter den Küchenschränken, hinter dem Kühlschrank, im Korb mit der Schmutzwäsche und sogar in der Toilette.

Mucha:

– Warum fahre ich dann überhaupt vor? Ich kann nicht aufhören zu schauen…

Muchas Mutter findet endlich irgendwo eine große, glänzende Flasche und mit einem siegreichen Äußeren gießt sie die durchsichtige Flüssigkeit in den Waschbecken.

Mucha:

– Dann gießt die Mutter in die Flasche normales Wasser aus dem Wasserhahn, bindet einen Zettel an den Flaschenhals und stellt die Flasche wieder zurück. So als ob niemand sie gefunden hätte. Die Mutter nennt es „Eine Überraschung für den Vater machen.“ Papa spielt ein Spiel mit dem Verstecken von Flaschen, er nennt es „Zanachki“.

Mischa. Suchanfrage: „Fahne“ (russ. Peregar)

Peregar – eine Methode der Bearbeitung von Erde in der Landwirtschaft“ (Wikipedia)

Mischa. Suchanfrage. „Fahne bei Alkoholikern“

Wenn in den menschlichen Organismus Alkohol eintritt, also ein giftiges Mittel, beginnt die Leber zu reagieren. Zuerst muss sie das Gift unschädlich machen, und dieses erst dann ausführen. Deswegen verwandelt die Leber den giftigen Spiritus in eine ungefährliche Essigsäure. Doch damit diese Metamorphose erst möglich sein wird, wird aus dem Spiritus Acetaldehyd. Nicht weniher ungefährlich. Eine kleine Menge des Giftes kann die Leber selbst beseitigen, doch wenn zu viel Alkohol vorhanden ist, kann die Leber nicht mehr funktionieren. Der Fokus gelingt erst stückweise und der Acetaldehyd sammelt sich an. Das Blut zerrt dieses und andere Produkte des Alkohols durch den ganzen Organismus und erreicht auch die Lungen.“

Mucha geht weg, das Licht geht aus.

Zweite Szene

Das Zimmer Muchas. Die Mutter hängt die nasse Wäsche auf den Wäscheständer. Der Ständer ist krumm, die einzelnen Sprungfedern sind draußen. Mucha liegt auf dem Bett, hört „Voobrazi Drakonov“ vermischt mit Zoj und Gorrilaz.

Mama:

– Mishca, hast du deine Rolle bereits gelernt?“

Misha nimmt den Kopfhörer heraus:

– Entschuldige, ich habe nicht gehört. Was hast du gesagt?“

Маmа:

Hast du deine Rolle gelernt? Du hast morgen den Ablauf. Erinnerst du dich?

Mucha:

Was soll man da lernen…Der Räuber hat nur zwei Punkte.

Mama:

Wolltest du direkt die Hauptrolle? Anastasija Vladimirovna wird sich anschauen, wie du mit dieser kleinen Rolle zurecht kommst und gibt dir nächstes Mal eine größere.

Mucha:

– Aha, macht sie.

Mucha nickt und schmunzelt:

– Und wie sie sie mir geben wird.

Mama

– Warum bist du so frech, erkläre es mir?

Mucha: ich bin nicht frech.

Mucha legt den Kopfhörer wieder auf die Ohren, doch stellt die Lautstärke der Musik auf das Minimum. Er blickt einige Minuten die Mutter an und ist dann endlich bereit:

– Mama, wird Papa heute wieder auf meinem Bett schlafen?

Mama:

– Ja, heute schläfst du bei mir.

Mucha:

– Und wird es lange so gehen?

Mama:

– Ich weiß nicht, mein Teurer… ich weiß es nicht.

Mucha nickt:

– Verstehe…

…Das ist die Unwahrheit. Ich verstehe gar nichts…Mama sagt, dass Papa krank ist. Sie sagt, dass es schwer ist mit einer solchen Krankheit zu kämpfen. Alkoholismus sei eine Krankheit wie jede andere auch, und es ist peinlich zum Arzt zu gehen. Doch das sollte nicht peinlich sein, verstehst du?“ Nur erklärt es mir meine Mutter im Flüsterton.

Man hört ein Schnarchen.

Mucha:

– Der Papa schnarcht…Ich könnte um diese Uhrzeit nie schlafen…vor dem Fenster ist es noch hell. Es ist erst halb fünf. Und der Vater schläft…Einmal ist er vom Bett runter gefallen und schlief die ganze Nacht auf dem Boden. Die Mutter versuchte ihn zu wecken: schubste ihn, sprach laut in sein Ohr. Dann deckte sie ihn mit einer Decke zu. Am Morgen befand sich die Decke unter dem Tisch, und der Vater am Bücherregal – stieß mit seiner Stirn dagegen und drehte sich nicht mehr um. Als ich das sah, lachte ich und Mama sagte: „Das ist nicht lustig.“

In den Kopfhörern von Mucha dröhnt das Lied: „I want to shelter you, but with the beast inside, there’s nowhere we can hide…”

Mucha:

– Das heißt: “Ich möchte dich bewahren, doch mit einem solchen Tier im Inneren können wir uns nirgendwo verstecken”.

Mucha beobachtet, wie seine Mutter auf dem Wäscheständer sein Schulhemd glatt drückt und fragt plötzlich:

– Warum trinkt Vater?

Die Mutter verstummt. Dann schweigt sie eine Weile und sagt dann leise:

– Dein Vater lebte in seiner Kindheit in einem Zimmer mit seinem Stiefbruder…dieser konnte nachts aufwachen, unter dem Kissen eine Wodkaflasche heraus holen und diese trinken, als sei es Wasser. Er trank, trank, trank…ich kenne sogar den Grund nicht, warum er anfing zu trinken…doch das Wichtigste ist, dass er einmal so viel trank, dass er starb.

Die Mutter atmet auf:

– Dein Vater liebte ihn…Vielleicht denkt er jetzt, dass er keine Wahl hat und in einer Falle sitzt. Möglicherweise hat er Angst davor, was ihn später erwartet…Hat Angst vor dem Tod.

Mucha verdreht die Augen:

– Das heißt er hat Angst vor dem Tod und tötet deshalb sich selbst?

Mama:

– Verdrehe nie deine Augen so vor den dir Nahestehenden. Das verletzt…Dein Vater ist ein guter Mensch. Freundlich und lustig. Ich dachte man könnte mit seinem Leid zurecht kommen, verstehst du? Ich erkläre ihm, was ich kann, und er wird verstehen. Doch er hat es immer noch nicht verstanden. Bis jetzt…

Mucha:

– Überhaupt ist der Tod etwas schreckliches, ich verstehe, bin nicht dumm…Einmal habe ich mit Freunden ein überfahrenes Küken beobachtet. Das Nest fanden die Mädchen – in der Öffnung eines Rohres, an dem Seile befestigt sind zum Trocknen von Wäsche. Irgendjemand nahm aus dem Haus einen Stuhl heraus. Das Rohr ist ziemlich hoch. Zuerst kletterten einer nach dem anderen hoch und beobachteten das Nest. Dort piepsten vier rosa Würmer mit gelben Schnäbeln. Anstelle von Augen hatten sie solch dunklen Kugeln, wie aus Knete geformt. Die Haut durchsichtig, man glaubt gar nicht daran, dass daraus bald Federn wachsen würden.

Und dann geschah (keinem den Jungs war bewusst wie) dass eines der Küken plötzlich auf dem Asphalt lag Er wurde von einem Reifen eines vorüber fahrenden Autos zerdrückt und wurde flach wie aus Karton. Ich wollte das tote Küken nicht beobachten, doch ich schaute und schaute es an. Wozu? Doch ich konnte nicht aufhören…

Die Mutter kam mit Pantoffeln auf den Füßen aus dem Haus, schnappte das Küken mit irgendeinem Stab und schob ihn damit vom Asphalt in die Sträucher…wie heißt er nochmal…Schneebeere. Sie versprach, ihn später zu begraben, doch sie hatte es vergessen.

Dritte Szene

Das Licht fällt aus Muchas Zimmer in ein anderes. Auf dem Bett sitzt Muchas Vater. Er ist eben erst aufgewacht und bedeckt mit aller Kraft das Gesicht mit den Händen.

Maxim still:

– Peinlich…wie peinlich. Im Mund Maxims ist es trocken, die Lippen kleben zusammen. In den Schläfen pocht es. Und er will trinken. So sehr wie in der Wüste.

Maxim steht auf, wackelt, geht den dunklen Flur entlang in die Küche. In der Küche ist es auch dunkel, doch Maxim braucht kein Licht, er beugt sich zur Waschmaschine, fühlt etwas kühles. Nimmt es heraus. Macht einen Zettel auf. Welcher Zettel. Dann macht er ein paar Schlucke.

Maxim:

– Pfui!

Maxim wirft die Flasche ins Waschbecken, doch diese bleibt wie ein Wunder, ganz. Er nimmt den Zettel und liest in der Diagonale.

Maxim murmelt:

– Eine alte Platte…so geht das nicht weiter…erinnere dich an den Sohn …Bin ich etwa ein Alki… wie ich hier vor dem Zaun liege? Ich verdiene Geld…und bin müde. Habe ich ein Recht mich zu entspannen oder nicht?

Maxim knüllt den Zettel zusammen, kehrt in den Flur zurück, zieht sich Schuhe an, versucht leise zu sein und öffnet die Eingangstür. Im Treppenhaus müsste es noch von dem Frühjahr Vorrat geben. Da unter der Treppe. Wenn dieser natürlich nicht von der lokalen Säuferin mitgenommen wurde. Maxim steigt in den Keller herunter. Ja, irgendwo hier..das Herz klopft schnell-schnell. Maxim beeilt sich, tritt in eine Plastik-Schachtel mit den Resten irgendeines Essens. Wahrscheinlich füttert die Nachbarin von oben die Katzen. Das Herz klopft schnell. Maxim ist schwindelig. Doch da findet er, was er gesucht hat. Er trinkt schnell und versteckt es in der Hosentasche. Das Herz beruhigt sich.

Maxim zum Saal:

– So kann man weiter leben.

Er zündet sich eine Zigarette an und geht in den Schnee.

Misha. Suchanfrage: „Varianten von Fallen“.

Dieser bunte Kelch ist gefüllt mit einer Flüssigkeit welche viel gefährlicher ist als Sonnentau. Der Sonnentau wirkt wie ein klebriges Papier, das mit einem Mittel bedeckt ist, an dem Insekten kleben bleiben. Sarracenija ist eine raffinierte Falle, ein idealer Mechanismus für das Fangen und den Tod von Insekten. Die Konstruktion ist verblüffend! Die Krone dieser schönen Pflanzen ähnelt einer Blume mit roten Äderchen, die an ein Muster erinnern. Sie zieht nicht nur die Aufmerksamkeit auf sich, sie verspricht ihrem zukünftigen Opfer ein märchenhaftes Mahl. Auf dem unteren Teil des Blattes von Sarracenija gibt es Tropfen von lockendem Nektar. Das Insekt kann nicht widerstehen und vorbei fliegen. Zum Beispiel sei es eine Fliege. Schaut nur, wie sie beschäftigt ist mit dem Essen der Köstlichkeit, dass sie sogar nicht bemerkt, dass es schwer ist, sich auf dem Papier zu halten. Die Blätter der Pflanze helfen dem Insekt nach unten zu kriechen – in das Innere des Kelches, werden danach aber rutschig. Die Fliege rutscht aus, fällt und ertrinkt im Brunnen, welcher gefüllt ist mit giftigen Fermenten. Es gibt keine Rettung – aus dem Kelch zu klettern ist unmöglich. Das Insekt zersetzt sich kontinuierlich und die Pflanze schluckt die Inhaltsstoffe, mit einem Aufwand, süßen Nektar herzustellen.“

Vierte Szene

Das Fenster in der Küche ist halboffen, auf der Fensterbank steht eine Tasse mit Tee. Diese wird umhüllt von Wirbeln eisiger Luft. Das Butterbrot ist bereits aufgegessen, und der Tee wird nicht kalt. Mucha versucht einen Schluck zu machen, doch er verbrennt sich.

Die Mutter, ohne den Telefonhörer aus der Hand zu lassen:

– Gib etwas Milch hinzu.

Im Telefon spricht eine weibliche Stimme zum zehnten Mal: „Der Abonnent befindet sich außerhalb der Zone“.

Mucha wirft die Krümmel vom Tisch in seine Handflächen:

– Ich kann es nicht leiden.

Die Mutter fragt nach:

– Wen kannst du nicht leiden?

Mucha lächelt:

– Milch. Doch nicht Papa…

Alina schließt das Fenster, wischt das beschlagene Fenster mit dem Ärmel des Mantels und blickt in die brennende Weiße des Morgens:

Wahrscheinlich ist sein Handy nicht aufgeladen. Mach dir keine Sorgen.

Mucha:

-Gut, ich gehe…

Mama:
– Gut…ruf an wenn du da bist.

Mucha geht in den Korridor, zieht sich die Jacke an, wirft einen Rucksack auf den Rücken.

Draußen bleibt er bei einem Strauch der Schneebeere stehen. Er wirft den Schnee mit der Spitze des Schuhs vor sich. Atmet schwer aus.

Mucha:

– Eines Tages, damals, beschmissen Papa und ich uns mit diesen weißen, runden Beeren und wenn diese auf die Erde fielen, zerdrückten wir sie. Die Kugeln platzten unter den Füßen auf – toll! Papa lachte und ich lachte auch…Papa roch nicht nach der sauren Folie, sondern nach Parfum, welches meine Mutter ihm zum Geburtstag geschenkt hat.

Mucha zieht sich die Mütze über die Ohren (diese wackelt ständig), geht zum Fußballfeld und sagt:

Gestern vereinbarten Tigran und ich, uns hier zu treffen. Doch er kommt immer zu spät, er hat einen weiten Weg – von dem Parkplatz muss er immer alleine laufen. Man hat mich erst dieses Jahr alleine zur Schule gehen lassen, und Tigran ging seit der vierten Klasse alleine.

Ein Schrei ertönt:

– Much-a-a-a!“

Tigran steht an der Ampel und winkt ihn mit aller Kraft.

Mucha lächelt und schreit als Antwort:

– Deine Hand fällt dir ab!

Tigran läuft zu ihm, richtet seine Mütze – diese sitzt auch bei ihm immer schief:

– U-F-F-F. Hast du Mathe gemacht?

Mucha:

– Nein, ich habe nichts davon verstanden, was sie uns erklärt hatte.

Tigran ist verwundert:

– Und die Mutter? Sie kennst sich doch in Mathematik aus.

Mucha:

– Ne, die hat keine Ahnung. Sie hatte gestern außerdem keine Zeit.

Mucha dreht sich zum vierstöckigen, braunen Haus. Es scheint ihm als ob er im Fenster der ersten Etage immer noch die Silhouette der Mutter sieht. Er kann sogar wieder hören: „Der Abonnent befindet sich außerhalb der Zone“

Mucha fügt hinzu:

– Ja, und Papa kam zu spät von der Arbeit zurück.

Tigran schubst den Sportbeutel:

– Alles klar. Ich habe sie auch nicht gemacht. Meine Mutter versteht all diese Wurzeln auch nicht – sie will nicht einmal in das Buch blicken. Sie sagt: „Suche du selber im Internet!“ und ich habe es gefunden, doch verstand trotzdem nicht.

Mucha:

– Ich frage Tigran nicht einmal nach dem Vater. Tigran hat nicht einmal von ihm erzählt. Vielleicht haben sich die Eltern scheiden lassen oder Tigran hat seinen Vater noch nie gesehen. So etwas kommt vor…

Tigran:

– Aber dass wir Mathe in der ersten Stunde haben, das weißt du noch?“

Mucha versteht die Anmerkung sofort und lächelt.

– Ok, ich bin einverstanden!

Vielleicht atmet der Mensch eine neue Luft ein, lüftet das Gehirn und beginnt auch die Mathematik zu verstehen.

Tigran:

– Wohin gehen wir?

Mucha:

Tigran interessiert sich nur zum Schein. Wir schwänzen den Unterricht immer auf dem selben Hof. Kaufen uns Limo, eine Packung Chips, klettern auf die Rutsche (gut, dass man die Spielplätze dieses Jahr renoviert hat, und die Rutsche ist aus Plastik und nicht aus Metall – der Hintern friert nicht) und so vergeuden wir die Zeit. Normalerweise spielerisch.

Mucha zu Tigran:

– Lass uns wieder dort hingehen.

Mucha und Tigran gehen langsam, die Straße wird immer leerer – Kinder, die zur Schule eilten, sitzen bereits in den Klassenräumen – machen den Anschein als würden sie den Lehrern zuhören. Es fällt der Schnee.

Nach einer langen Pause sagt Tigran:

– Meine Mutter hat mir das Handy weg genommen. Weil ich in der Englischarbeit eine zwei hatte.

Ich erklärte ihr, dass alle in der Klasse eine schlechte Note haben, nicht nur ich, und dass ich sie am Samstag umschreiben werde, doch sie nahm es mir weg und gab mir eins mit Knöpfen.

Tigran zieht aus der Tasche ein Telefon mit kleinem Display, dreht dieses in den Händen mit Ekel, als ob es irgend ein Plastikmüll sei, und steckt es wieder ein.

Tigran:

– Und sie weiß noch nicht über kasachisch Bescheid. Und warum hat diese Roza Tleubekovna solch einen Aufstand gemacht damals? Sie zerriss das Heft. Ich habe doch alles richtig geschrieben…sag du das doch auch…

Mucha nickt:

– Jap…gestern versuchte mir meine Mutter zu erklären, dass Lehrer auch Menschen seien – sie werden müde von uns und werden dann laut…

Tigran lächelt knapp:

– Und wir? Sind wir denn keine Menschen?

Dann bleibt er plötzlich stehen.

Tigran:

Schau mal, da auf der Bank schläft ein Alki ohne Schuhe…es schneit und er ist ausgezogen…

Mucha:

– Atmet er wenigstens?

Tigran wird schneller:

– Ich habe keine Ahnung. Lass uns nachschauen.

Mucha wird ebenfalls schneller. Die Bank kommt näher. Der Mensch, der auf ihr liegt, scheint nicht mehr ein kleines Spielzeug zu sein. Noch näher…der Mann atmet. Er trägt ein graues Tshirt und eine graue Hose. Auf den Beinen nichts. Die Haut auf den Fingern ist rau und voller Schnee.

Tigran schlägt mit der Faust auf den Tisch:

– Abschaum der Gesellschaft!

Mucha schweigt.

Tigran:

– Gute Menschen sterben, ohne fünfzig zu werden, Kinder haben Krebs, und DIESE, leben…Man macht nichts mit ihnen. Mein Vater hat auch viel getrunken. Deswegen wollte er sich mit allen raufen…deswegen hat sich meine Mutter von ihm scheiden lassen. Eines Tages, stell dir vor, erzählte mir meine Mutter, wie ein Nachbarhund den Vater auf den Mund biss, als er besoffen diesen blöd anmachte. Und fast hätte sie ihm diesen abgerissen. Und so hing sein Mund und dann irgendwann nicht mehr.

Tigran dreht sich von dem Mann weg und geht weiter:

– Meinen Vater habe ich nicht gesehen seit ich fünf war…Er ist kein Mann.

Mucha steht still schweigend da. Er stellt sich Tigans Vater vor mit der zerrissenen Lippe und einem Taschentuch. Und rotes Blut, tropfend auf den weißen Schnee.

Tigran wackelt mit der Hand:

– Kommst du?

Mucha dreht sich auch weg. Von dem Vater. Und geht Tigran hinterher. Sie gehen langsam. Sogar langsamer als zuvor. Muchas Wangen glühen – sie sind rot.

Tigran klopft Mucha auf die Schulter:

– Hör mal, ich wollte dich fragen. Du bist doch Mischa, warum nennt man dich Mucha?

Mucha hebt die Augen Richtung Tigran, wacht aus seinen Gedanken auf, versucht zu verstehen, worum es geht. In der nächsten Minute versteht er es.

Mucha:

– Kannst du dich nicht erinnern? Damals, in der ersten Klasse…

Tigran lächelt wieder:

-Hallo! Ich kam doch erst in der zweiten zu euch.

Mucha:

– Aaa…nichts besonderes… in der ersten Klasse, während des Unterrichts bemerkte ich eine Fliege auf dem Fenster. Sie schlug gegen das Fenster, zummte, und ich kroch dahin um es zu öffnen – die Lehrerin war gerade draußen. Doch ich fiel hin und brach mir den rechten Arm. Und so wurde ich zu…Mucha.

.

Tigran verwundert:

– Warum hast du die Fliege raus gelassen? Das ist doch kein Schmetterling oder Vogel…

Mucha bewegt die Schultern. Die Bank mit dem Vater ist schon weit weg, man kann sie von hier aus nicht sehen.

Mucha:

– Mensch, Tigran, ich habe mich eben daran erinnert, dass ich meinen Sportbeutel zuhause gelassen habe…geh du nur, ich hole dich ein. Sonst wird Rashidych wieder schreien.

Mucha verschwindet, lässt Tigran nicht antworten. Er rennt schnell, ohne sich umzudrehen.

Fünfte Szene

Ein Klingeln

Maxims Mutter:

– Hallo Alinochka? Kannst du mich gut hören? Töchterchen, wie geht es euch?

Alina:

– Alles gut, Mama, guten Tag! Wie geht es Ihnen? Wie ist die Gesundheit?

Maxims Mutter:

– Bei mir ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Erzähl mir lieber wie es meinem Söhnchen geht, trinkt er wieder?

Alina:

– er trinkt

Maxims Mutter:

Oh, meine Güte, was soll man nur mit ihm machen…Nach wem von uns ist er so? Seit er das erste mal bei der Abschlussfeier getrunken hat, kann er nicht mehr aufhören…Ich und sein Vater haben nur an Feiertagen getrunken oder an Wochenenden. Wer trinkt denn am helligsten Tag? Und haben wir nicht irgendein Zeug getrunken, sondern Fruchtlikör aus Berberitzen oder Johannisbeere, selbst gemacht. Und dass Paschka Wodka trank wie verrückt, dann hätte Maxim sich ein Beispiel daran nehmen sollen, dass Alkohol dem Menschen schadet…Oh du meine Güte, das Herz zerreißt mir..

Alina:

– Mama, es ist schwer darüber zu sprechen, das verstehe ich. Lassen Sie uns aufhören. Erzählen Sie lieber wie es Ihren Beinen geht, hat der Balsam geholfen, den ich Ihnen mitgebracht hatte?

Maxims Mutter:

– Alinochka, meine Teure, kann ich über meine Beine erzählen während du dich mit meinem Kind quälst?

Alina:

– Mama, ich liebe ihn. Und er mich.

Maxims Mutter:

– Alinochka, Töchterchen, erinnerst du dich an die Großmutter Njura, sie wohnte über mir in der fünfundzwanzigsten Wohnung? Eine füllige Frau, hat viel geflucht, erinnerst du dich?

Alina:

– Ich glaube, ich erinnere mich.

Maxims Mutter:

– Sie hatte zwei Töchter, weißt du noch? Die eine der beiden, die Ältere, hat auch schrecklich viel getrunken. Ihr Bräutigam hat sie verlassen, ist ihr vor der Hochzeit fremd gegangen. So hat sie sich verschiedene Leute zu sich nach hause eingeladen. Im Hof war ein schlimmer Lärm. Njurka kniete vor der Tochter nieder, bat sie nicht zu trinken, doch dieser war es egal…Während ich mit dir sprach, erinnerte ich mich, dass Njurka, auf den Vorschlag des Priesters, zu einer Tante an den Stadtrand fuhr – irgendwohin auf die Turarsker Datschen, diese gab ihr heiliges Wasser. Darin irgendwelche Heilkräuter, dieses sollte man heimlich ins Getränk mischen, einen kleinen Löffel, und dabei irgendwelche Wörter murmeln.Und stell dir vor, es hat ihr geholfen! Aus ihr wurde ein neuer Mensch! Alinochka, schau in deinem Internet nach, vielleicht findest du dort den Kontakt dieser Tante oder die Worte? Vielleicht wird auch mein Söhnchen gesund…

Alina:

– Mama, seien Sie nicht böse, doch das was sie beschreiben ist Scharlatanerie. Alkoholismus ist eine ernste Krankheit. Der Mensch hat nicht nur psychologische, sondern auch physische Abhängigkeit…

Maxims Mutter:

– Alinochka, verzeih mir, dass ich unterbreche…du sagst so schlaue Worte, doch nimm es einfach an und glaube daran. Die Kraft des Glaubens erschafft Wunder! Und du riskierst nichts, stimmt es?…und noch was Töchterchen, bete häufiger, gut? Ich werde es auch tun.

Alina, Suchanfrage: „Beschwörungsformel gegen Alkoholismus“.

„Beschwörungsformel für das Verschwinden von Alkoholismus, nach den Worten der Heiler, soll man am besten in der Zeit des abnehmenden Mondes vollführen. Zwei- drei Tage vor Neumond. Mit der rechten Hand ist es wichtig, ein Glas zu kreuzen, welches mit geheiligtem Wasser aus der Kirche geweiht ist und dazu zu sagen: „Heiliges Wasser, die Kerze ist stark. Wie die Feuchtigkeit sich nicht mit der Flamme anfreunden kann, so soll auch ich vom Alkohol die Finger lassen. Die Feuchtigkeit dringt in mein Inneres ein, die Flamme im Inneren ertränkt mich und die Abhängigkeit verschwindet. Die Kerze wird erlöschen, die Schuld wird mit dem Rauch verschwinden. Amen.“ Danach muss man das Wasser trinken, die Kerze löschen, sich bekreuzigen und schlafen legen. Am nächsten Morgen werden Sie als neuer Mensch auferstehen.

Küche. Alina steht am Fenster, wählt noch einmal die Nummer ihres Ehemannes. Wie immer geht keiner dran. Alina schließt das Fenster, geht in den Flur und schaut sich im Spiegel an.

Alina:

– Ein guter Spiegel. Er lügt nie. Und das Licht neben diesem ist so weich. Den Rahmen hat Max gemacht, als wir gerade hier eingezogen sind. Er baute diesen aus den Brettern des alten Schrankes. Er arbeitete lang daran, hatte in jedem Finger einen Splitter. Er färbte den Rahmen in meine Lieblingsfarbe – türkis, und hängte diesen auf. Er ging jede halbe Stunde zum Spiegel und bewunderte diesen, fragte immer wieder, ob er mir so gefällt. Ich sagte ihm, dass er mir gefalle. Dann sagte er, ich sollte es noch einmal sagen, und ich sagte es ihm …

Im Spiegel spiegelt sich ein Kleiderständer voller Fellmäntel, Rucksäcke und Schirme. Maxims Jacke hängt auf einem Haken – khakifarben, nur die Kapuze – bunt.

Alina geht zur Jacke und berührt diese:

– Seine Lieblingsjacke.

Alina dreht sich zum Schuhregal, verwundert:

– Die Schuhe Maxims sind irgendwie nicht da. Seltsam…

Alina beschließt wieder seine Nummer zu wählen, doch auf dem Bildschirm erschienen die Buchstaben: „Mischka“.

Alina, mit Sorge in der Stimme:

– Ja Mischa, hast du jetzt nicht Unterricht?

Mucha schreit:

– Da liegt Papa! Papa auf der Bank! Ich versuchte ihn zu wecken, doch er wacht nicht auf. Ich schaffe es nicht ihn zu halten. Er hat keine Schuhe an. Seine Beine sind nackt, Mama!

Alina. Suchanfrage: „Alkohol in der Natur“.

Wenn Spechte beschließen Eltern zu werden – sind sie konzentriert und geschäftig. Sie zu beobachten ist das reinste Vergnügen. Sie suchen sich den besten Platz für ihr künftiges Nest, sammeln notwendiges Baumaterial. Doch wenn Sie Spechte beobachten in einem warmen Winter – dann erkennen Sie sie wahrscheinlich nicht! Von ihrer Disziplin bleibt keine Spur. Wenn die Spechte vergorene Beeren gegessen haben, verlieren sie die Vorsichtigkeit und die Fähigkeit ihren Flug zu regulieren, sie haben keine Angst mehr vor Hunden oder Katzen. Betrunkene Spechte singen nicht – sie fliegen gegen Fensterscheiben und fallen in Gruben. Ziemlich oft endet ein solches Verhalten für sie im Tod.“

Sechste Szene

Draußen. Eine Bank. Alina versucht den Ehemann zu heben, um die Jacke unter ihn zu schieben und diese wenigstens teilweise auf ihn zu ziehen. Mucha versucht aus aller Kraft zu helfen: schubst, hebt an, hält fest, wie seine Mutter bestimmt. Die Füße des Vaters tragen nun Schuhe. Als erstes rieb die Mutter die Füße mit irgendeiner Creme ein – direkt vor den Vorbeigehenden – zog ihm Socken an und warme Turnschuhe.

Alina:

– Lass uns ihn umdrehen, Mischa! Zu dir, zu dir! Noch ein bisschen!

Der Vater scheint aufzuwachen. Muht irgend etwas. Er riecht so säuerlich, dass Mucha sich ekelt.

Alina schreit in das Ohr ihres Ehemannes:

– Maxim! Steh auf, wir müssen gehen! Wir müssen bis zum Haus gehen!

Muchas Vater versucht aufzustehen und fällt wieder auf die Bank.

Auf einmal, die Worte ziehend, sagt Muchas Vater:

– Gibst du mir fünf Tenge für eine Pirogge mit Kartoffeln? Ulken Rahmet, wir werden ausgehen!

Alina versucht verärgert den Mann wieder zu heben:

– Bist genug ausgegangen!

Mucha versucht es noch´einmal, doch der Vater ist zu schwer. Sie drehen sich um und beobachten. Manche lachen. Ein Kerl mit blauen Kopfhörern nimmt den Vater Muchas mit dem Handy auf.

Mucha:

– Vielleicht wird es der Dummkopf auf Instargram stellen?

Mucha senkt den Kopf:

– Depp…

Alina:

– Mischa, zanke nicht, das muss nicht sein.

Alina hebt den Ehemann erfolgreich unter den Arm, und dieser steht endlich auf.

Alina:

– Das war es Mischa, er geht selber. Geh zur Schule, weiter werde ich selbst klar kommen.

Mucha:

– Ich gehe nicht, habe eh geschwänzt.

Alina:

– Ich sagte geh! Und versuche nicht mit mir zu streiten!

Mucha:

– Und der Vater darf?

Mucha wartet die Antwort nicht ab, und läuft weg. Läuft, läuft, läuft.

Siebente Szene

Schule. Das Fach Weltgeschichte. Mucha malt irgendetwas auf der Rückseite des dicken Heftes.

Mucha:

– Mich durchzuckte es heute – ich habe mit einen neuen Superhelden ausgedacht! Trommelwirbel – Ein Mensch – Alkoholfahne! Vor mir hat noch nie jemand so etwas ausgedacht. Superfähigkeit des Menschen-Alkoholfahne: Jeder, der sich ihm mehr als zwei Meter nähert – verliert sofort das Bewusstsein! Es gibt auch das extra Training: Die Standfestigkeit bei tiefen Temperaturen und die Möglichkeit das Gift zu aufzunehmen, und nicht direkt zu sterben.

Die Lehrerin der Weltgeschichte:

– Konopka, du hörst mir nicht zu! Du wirst die Klassenarbeit nicht bestehen und deine Mutter wird sich auf dem Elternsprechtag beschweren, warum ihr kluges Kind, das in der ersten Klasse nur gute Noten hatte, sich in einen schlechten Schüler verwandelt hat.

Die Lehrerin geht zu ihm. Nun ist sie ganz in seiner Nähe. Beugt sich über ihn, beugt sich. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihr Gesicht so nah am Gesicht Muchas ist, dass er alle Poren und Falten zählen kann. Mucha beendet gerade die Zeichnung mit den fetten Kreuzen auf den Augen des Feindes, welcher von dem neuen Superhelden überwältigt wird.

Die Lehrerin der Weltgeschichte:

– Das Thema ist übrigens schwer, ich werde es nicht ein zweites Mal für dich wiederholen!

Mucha schließt das Heft:

– Entschuldigen Sie bitte.

Die Lehrerin der Weltgeschichte entfernt sich endlich von Mucha:

– Schau, Konopka, ich achte nicht darauf, dass du ein Schauspieler bist – im Theater spielst. Soll mich Anastasija Vladimirovna ruhig versuchen zu überreden, verstanden?

Mucha nickt:

– Verstanden.

Das Licht geht aus. Die Lehrerin der Weltgeschichte und die Schüler verschwinden – es bleibt nur Mucha. Er liegt auf der Schulbank, mit der rechten Wange den Tisch berührend. Draußen dämmert es schon, hinter dem zwei-glasigem Fenster des Schulfensters zittern die Zweige der Karagachej.

Mucha murmelt:

– Noch Literatur, Englisch, Selbsterkenntnis und dann Theater und nach hause. Gut, dass es das Theater gibt, ich will nicht nach hause.

Mucha atmet auf, legt sich auf den Tisch mit der anderen Wange.

Tigran betritt den Klassenraum – nass, die Krawatte kreuz und quer. Er setzt sich neben Mucha, legt seine große, schwere Hand auf seine Schulter und lächelt.

Tigran:

– Warum hast du Sport geschwänzt? Du wolltest doch deine Sachen holen?

Mucha streckt sich und steht vom Tisch auf:

– Da war eines nach dem anderen…Mama musste helfen…Ich verstand, dass es zu spät ist für die zweite Stunde. Hat Rashidych geschimpft?

Tigran:

– Nein, hat nur vermerkt, dass du nicht da bist, das war es.

Mucha versucht ebenfalls zu lächeln:

– Rashidych ist oft ein guter Mensch, stimmt es?

Tigran:

– Aha. Sollen wir dann nach dem Unterricht auf unserem Platz sitzen? Wir haben doch Literatur jetzt? Und die letzte Stunde . Englisch?

Mucha:

– Ich glaube Selbsterkenntnis.

Da springt Tigran auf, zeigt mit dem Finger:

– Schau, Zhazira ist eine Drogenabhängige!

Tigran lacht unnatürlich und wiederholt laut:

– Aha, Drogenabhängige!

Mucha schaut auf Zhazira. Sie sitzt zwei Tische weiter.Vor ihr ein kleiner Zettel mit irgendeinem Pulver. Nur ein bisschen. Zhaziras Augen sind wie die einer Saiga-Antilope, die Augenbrauen dicht, dunkel, treffen sich in der Mitte.

Zhazira dreht mit dem Finger auf der Schläfe:

– Bist du ein Depp? Das ist Arznei! Ich habe es von meiner Mutter, ich mag das Pulver lieber. Ich esse es jeden Tag in der vierten Stunde.

Tigran fliegt zu Zhazira:

– Natürlich, als würde ich es dir glauben! Lass mich mal riechen!

Zhazira reicht den Zettel zu Tigran:

– Hier, rieche wenn du magst, du Depp.

Tigran:

– Mucha, lass uns gehen und ihr glauben!

Tigran zerrt einen Stuhl zu Mucha:

– Wer ist erster?

Mucha setzt sich.

Tigran:

Lass uns auf Su-li-fa.

Mucha:

Okay.

Zusammen:

Su-li-fa!

Tigran:

Noch einmal bis drei!

Zusammen:

Su-li-fa!

Su-li-fa!

Tigran:

Mucha, du bist erster!

Mucha zieht das Papier zu sich, beugt sich, zieht das weiße Pulver mit der Nase ein, so wie er es mal in einem Film gesehen hat. Dann hebt er den Kopf und sieht seine Lehrerin vor sich.

Lehrerin:

Alle drei aufstehen, ihr nehmt das,was ihr gerade geschnüffelt habt, und geht mit mir zum Direktor!

Achte Szene

Maxim sitzt in der Küche mit einer Zigarette und beobachtet die Balkone des Hauses gegenüber. Alle sind gleich traurig.. Nur einer – in der zweiten Etage sticht hervor. Sein oberer Teil besteht aus alten, rostigen Brettern. Unten sieht man schöne, große Keramikplatten mit kasachischen, nationalen Ornamenten. Maxim macht die Zigarette aus – macht mit der Kippe eine Höhle im Haufen der anderen Kippen, ein Teil der grau-schwarzen Asche fällt auf die milchige Fensterbank.

Er schließt das Fenster fest zu, steht vom Hocker auf und dreht sich endlich zu Alina.

Maxim:

– Ich wollte mein Leben lang einen Balkon haben. Hätte ich ihn schön gestaltet…

Alina:

– Hast du wenigstens ein Wort gehört, von dem was ich dir gesagt habe?

Maxim geht zu Alina und umarmt sie:

– Ja, ich habe alles gehört, bin nicht taub.

Alina distanziert sich etwas.

Maxim:

– Alina, ich habe dir doch alles gesagt! Verstehst du? Alles! Verzeih mir, ich werde es nicht wiederholen…das reicht langsam, mich zu…

Alina schaut Maxim an:

– Alles? Weißt du wie oft ein solches Alles vorkam? Anfangs habe ich es sogar aufgeschrieben! In meinen Kalender, wie eine dumme Kuh, wie lange du von einem bis zum anderen Versprechen dich hältst. Drei Wochen! Drei unglückliche Wochen, verstehst du? Und weiter…deine Ersparnisse in allen Ecken! Versteckst sie im Treppenhaus! Von dir geht ein solcher Geruch aus, dass es sogar in den Augen brennt!

Maxim:

– Es wird ein paar Tage riechen und dann hört es auf…

Alina bittend:

– Du bist krank, Max, du brauchst Hilfe! Nach Hilfe zu fragen ist nicht peinlich! Lass uns zusammen einen guten Psychotherapeuten suchen, bitte…Er wird dich nicht auffressen! Ihr werden einfach nur sprechen…

Maxim löst Alina aus der Umarmung und geht ins Badezimmer.

Alina:

– Wohin gehst du weg von mir? Magst du es nicht, zu zu hören? Gefällt es dir etwas mit welchen Augen Mischa dich anblickt? Stell dir vor, wie es für ihn war, seinen betrunkenen Vater vor aller Leute Augen von der Bank abzuholen!

Maxim drückt auf die Zahnbürste einen blauen, welligen Tropfen, welcher wie eine exotische Raupe aussieht.

Maxim:

– Wie immer überspitzt er…das alles sah sicherlich nicht so schrecklich aus. Bin auf der Bank eingeschlafen, ja und…

Alina:

– Warum schweigst du Max?

Maxim:

– Alina, warum bist du am Besserwissern? Ich verstehe, ich habe übertrieben. Das ist schlecht und schädlich…überhaupt wenn man so nachdenkt, ist alles schädlich – rotes Fleisch, Karzinogene, Radiation, unser Smog in Alma-Ata – wir atmen ihn jeden Tag ein. Alina, das Leben ist so, dass wenn man nicht trinkt, wird man verrückt. Einer der Schriftsteller eines klassischen Romans sagte: Alkohol sei eine Anästhesie vom Leben. Erinnere mich, wer es war?

Alina:

– Hör zu, ich trinke nicht und bin bis jetzt nicht verrückt geworden! Und ich brauche auch keine Anästhesie.

Maxim:

– Wie konnte ich nur vergessen – mein himmlischer Engel! Raucht nicht, trinkt nicht! Vielleicht hast du nicht nachgedacht, deswegen trinke ich, warum kontrollierst du mich und wühlst in meinen Taschen! Ich träumte immer von einer Mini-Bar! Wie ein Globus, den man öffnen kann, hast du so etwas einmal gesehen? Damit ich, wenn ich müde von der Arbeit nachhause komme, fünfzig Gramm Kognak trinke zum Beispiel, um zu entspannen. Und um sich vor niemandem zu verstecken!

Alina:

– Schon lange schaue ich nicht mehr in deinen Taschen nach… ich verstand, dass es keinen Sinn mehr hat…Und mit der Bar, wir haben schon einmal versucht, so etwas mit dir zu machen, erinnerst du dich?

Maxim schweigt.

Alina:

– Wir sind gemeinsam ins Geschäft gegangen, haben ca. fünf teure Flaschen gekauft, kamen nach hause und stellten sie schön auf. Damals hatte ich noch gehofft, dass vielleicht wirklich sich alles ändern wird. Ich dachte, vielleicht bin ich wirklich selbst schuld. Erinnerst du dich, womit es endete? Du hast innerhalb einer Woche alle fünf Flaschen leer getrunken. Erinnerst du dich?

Maxim schweigt, die Zahnbürste zittert in seiner Hand.

Alina:

– Max, hör mich endlich, bitte! Das ist Selbstbetrug, ILLUSION, dass du den Inhalt des Getrunkenen kontrollieren kannst. Du darfst gar nichts trinken, verstehst du? Gar nicht… Das ist wie eine Allergie. Denn wenn du von Walnüssen anschwellen würdest, würdest du diese dann essen? Nicht du trinkst den Alkohol, sondern er dich. Er trinkt dich langsam, durch einen Strohhalm…bis es all deine Lebenssäfte gestohlen hat…

Maxim nähert die Zahnbürste zu dem Mund. Die blaue Raupe der Zahnpasta fällt ins Waschbecken, fällt wie in einen Abgrund. Maxim wirft auch die Zahnbürste weg.

Maxim:

Bist du etwa ein Arzt? Überhaupt Alina, was möchtest du von mir? Damit man mir einen Torpedo unter die Haut setzt? Ich werde zu keinem Psychologen gehen. Ich werde selber aufhören. Alles! Verstanden? Schreibe auf, wohin dualles über mich aufschreibst! Selbst!

Alina schaut lange auf Maxim und sagt:

– Übrigens, dieser Geruch kommt nicht aus deinem Mund, sondern aus deiner Lunge. Deswegen wird es nicht helfen, dir die Zähne zu putzen.

Maxim. Suchanfrage: „Schöne Balkone. Foto“

„Blick vom Balkon. Warum ein großer Balkon gut ist…

Warme Loggien und Balkone – Sonnenfenster…

Gemütlicher Balkon/ Wissenschaft und Leben…

Die Vorteile eines französischen Balkons…

Beglasung von Balkonen: Typen, Technologien, Preise…“

Alina. Suchanfrage: „Die Behandlung von Alkoholismus“

„Garantierter Erfolg – ein neues, glückliches Leben! Volle Anonymität.

Genetische Analyse!“

„Ständige ärztliche Beobachtung, ganz tägliche Aufnahme. Rufen Sie an!“

„Methoden der Behandlung von Alkoholismus.“

Neunte Szene

In der Tasche Maxims liegt eine chetverinka. Maxim hält diese liebevoll mit der rechten Hand – die chetverinka ist direkt am Herzen. Jetzt wird Maxim stehen bleiben und etwas trinken. Direkt aus dem Hals. Unter den Füßen ist Eis – es scheint dünn zu sein. Man hört sein Geknatter bei jedem Schritt, als ob es unzufrieden sei, dass man darauf geht und es beschmutzt. Deswegen bewegt sich Maxim langsam fort, vorsichtig, leicht wackelnd. Wohin geht Maxim überhaupt? Wo ist er? Ist es eine künstliche Schlittschuhbahn oder ein gefrorener See? Maxim bemerkt die Pantoffeln auf seinen Füßen. Häusliche, alte. Er beugt sich zu diesen und die chetverinka rutscht aus der Tasche und fällt hin, zerbricht. Maxim fällt auch hin. Er liegt da und berührt die Scherben. Wie kann es nur sein? Ich würde wenigstens noch einen Schluck probieren. Das Eis hält es nicht aus und zerbricht in Stücke, bedeckt Maxim bis zum Kopf. Er versucht zu schwimmen, paddelt mit den Händen. Ihm scheint es als ob er auf die Oberfläche kommt, doch es ist zu viel Wasser. Es ist überall, man kann es nicht bezwingen. Maxim ist müde, er macht die Augen zu und sieht unerwartet seinen Bruder Paschka. Dieser steht auf irgendeiner Insel zwischen diesen Wassern und wendet seine Augen nicht von Maxim ab. Er steht einfach da. Ruft nicht und winkt nicht. Und blickt irgendwie gleichgültig drein. Als wäre er ein Fremder. Wenn Maxim nicht ertrinken würde, würde er ihm auf jeden Fall zuschreien: „Wie glücklich ich bin, dass du lebst, Bruder! Ich wusste, dass du in Wirklichkeit nicht tot warst!“ Doch Maxim kann nicht schreien und das Gesicht Paschkas beginnt sich zu verändern. Es wird dunkel, aus der Nase und dem Mund kommt ein grünlicher Schaum. Maxim nimmt Luft in die Lungen auf, verschluckt sich und wacht auf. Das Kissen ist nass vom Schweiß – man kann es aus-wringen. Und das Bettlaken und die Decke.

Maxim:

– Im Herzen sticht es, im Mund ist es wieder trocken. Es ist kalt, und fröstelt. Oder ist es ein Temperaturanstieg? Gestern schrieb ich dem Chef über die Krankschreibung, das klappt.

Siebente Szene

Schule. Das Büro des stellvertretenden Leiters. Man muss die Zähne zusammenbeißen vor der strahlenden Beleuchtung. Bei der Tür stehen Mucha und Alina.

Alina:

– Wie bei einem Zahnarzt. Anstatt des Apparates mit Rohren und Bohrern – Tisch, voll mit Papieren und Mappen. Anstatt eines Sessels – ein Hocker, auf dem Mutter oder Vater Platz nehmen.

Der stellvertretende Direktor zeigt auf den Hocker:

– Setzen Sie sich, Alina Nikolaevna! Gut, dass Sie so schnell gekommen sind. Gleich müssen noch Zhaziras und Tigrans Eltern dazukommen. Doch den Inhalt der Sache habe ich Ihen schon am Telefon erklärt. Ich denke, Sie wissen, das man mit solchen Dingen keine Scherze macht und die Sache wird in die Statistik eingehen. Alina schaut auf Mucha. Er ist ganz gebückt, hält sich fest am Rucksack, als ob dieser ihn retten würde. Außer dem stellvertretenden Leiter im Büro ist noch eine weitere Frau. Sie steht am Fenster, schwerfällig, mit Juwelen, die am Hals hängen.

Der stellvertretende Leiter drängt:

– Setzen Sie sich, setzen Sie sich. Das Gespräch wird lange dauern.

Alina stezt sich immer noch nicht:

– War das wirklich nur Arznei?

Der stellvertretende Leiter:

– Verstehen Sie, das hätte alles mögliche sein können.

Alina:

– Ja, ich verstehe. Doch war es Arznei?

Der stellvertretende Leiter fährt fort:

Zulfja Rahimovna und ich…

Der stellvertretende Leiter fährt fort:

– …wie mussten es überprüfen. Das war wirklich nur Arznei. Doch die Sache ist die, hauptsache ist, wie sie überhaupt konnten…

Alina:

Entschuldigen Sie bitte, dass ich unterbreche. Wie haben Sie es überprüft?

Der stellvertretende Leiter:

Was?

Alina:

Dass es Arznei (askorbinka) ist.

Der stellvertretende Leiter verwirrt:

Wir haben einfach probiert. Mit dem kleinen Finger.

Alina:

Und warum mit dem kleinen Finger?

Der stellvertretende Leiter noch verwirrter:

– Entschuldigen Sie…

Alina:

Warum ein unbekanntes Pulver, das hätte alles sein können und Sie probierten es so, wie es Drogensüchtige machen in Filmen – doch warum auch immer, wird man sie nicht dafür bestrafen.

Der stellvertretende Leiter laut:

Alina Nikolaevna, verwirren Sie mich nicht! Wir haben Sie nicht dafür hierher gerufen! Sie überschreiten alle Grenzen! Es sieht so aus, als ob sie die Situation für besonders normal halten?!

Alina wirft den Blick auf Mucha (er ließ die Hände vom Rucksack und stellte sich gerade):

Nein, ich halte es für normal. Doch mir scheint es, dass es anormal ist, ein Kind so zu erschrecken. Über den Schaden der Drogen wird er zuhause eine Lektion hören. Sahen Sie, wo ich unterschreiben soll und ich werde gehen.

Der stellvertretende Leiter macht vor Alina ein Heft auf und unterschreibt mit dem Bleistift die Zeile mit dem aktuellen Datum:

Gut. Wir haben Sie gewarnt. Schreiben Sie hier Ihren vollen Namen, danach die Unterschrift. Und hier Name und Nachname des Kindes und wieder die Unterschrift.

Die Frau am Fenster richtet ihre Juwelen und sagt:

Wegen solchen wie Sie es sind, werden Kinder zu Drogensüchtigen

Mischa. Suchanfrage: „Alkohol – ist das eine Droge?“

„Das Äthanol ist die wichtigste Komponente eines beliebigen alkoholischen Getränks und gehört zu den starken Drogen. Zuerst ruft dieser Aufregung hervor und danach die Paralyse des Nervensystems. Äthanol – leicht entflammend, farblose Flüssigkeit mit einem charakteristischen Geruch, wird verwendet in der Verarbeitung von explosiven Inhalten, Plastik, Treibstoffen und verschiedenen Lösungen“.

Elfte Szene

Alina geht schnellen Schrittes auf der Straße. Die Luft ist frostig, der Himmel dunkel, bald werden die Laternen angehen. Die Tränen rollen von den Augen – Alina trocknet diese im Gehen ab.

Alina:

Warum geschieht all das mit mir? Wofür?

Im Zentrum des leeren Kinderspielplatzes auf einem fremden Hof, bleibt Alina stehen. Gegenüber der Schaukel. Der Platz ist schmal und nah an der Erde, doch die Lehne ist aus Holz, bequem. Alina

setzt sich und beginnt zu schaukeln.

Alina:

– In meiner Kindheit habe ich Schaukeln über alles geliebt. Man schaut in den Himmel, als ob dieser dir zuwinken würde mit einer grün-blauen Hand, man singt Lieder, die man sich selbst ausgedacht hat, ohne sich vor jemandem zu schämen und du hast das Gefühl, du würdest ewig leben. Und vor dir unendliche Freude.

Alina schaukelt immer mehr und mehr.

Alina:

-Vor kurzem habe ich Olga gesehen, meine ältere Schwester…sie lebt jetzt in einem anderen Land.So weit weg, dass man drei Flugzeuge braucht um dorthin zu kommen. Wir saßen in irgendeinem Café und tranken Kaffee mit einer Käsetartelette für uns beide. Olga wischte mit einer Servierte die Spur des Lippenstiftes vom Rand der Tasse und sagte zu mir:

– Es ist nicht verwunderlich, dass es dazu kam. Du warst schon immer ein Retterin…verletzte Hunde, verlorene Katzen. Und mit den Menschen die selbe Geschichte – gebeugt, humpelnd, Alkoholiker? Dann gehört er dir! Ich hätte einen solchen Mann schon längst aus dem Haus vertrieben. Ich hätte ihm ein Ultimatum gestellt: entweder du hörst auf zu trinken oder ich reiche die Scheidung ein. Und du hältst seine Krankheit aus. Das ist gar keine Krankheit! Man muss sich einfach zusammenreißen. Er muss die Kraft des Willens trainieren.

Alina hört auf zu schaukeln:

– Olga sagte damals: „Wenn du dich nicht scheiden lassen möchtest, dann erzähle es wenigstens Mischka nicht, dass sein Vater ein Trinker ist. Sage einfach: „Papa ist müde von der Arbeit, er erholt sich.“ Man darf die Autorität des Vaters in den Augen des Sohnes nicht verlieren.“

Alina steht auf. Die Tränen sind fast getrocknet.

Alina:

– Olga sagte: „Sei nicht beleidigt auf mich, Schwesterchen. Du tust mir leide, verstehst du? Du rettest ihn und rettest…Und wer wird dich retten?“

Alina geht weg.

Zwölfte Szene

Küche. In Maxims Händen ist eine Packung Arznei gegen Grippe. Er nimmt fünf Tabletten heraus. Gießt zwei Löffel Sirup und trinkt eine Tasse heißen Tees.

Maxim:

– Es wird direkt leichter zumute. Ein neuer Mensch.

Maksim setzt sich und steht wieder auf – als ob er keinen Platz finden würde. Dann beschließt er, dass die Zeit reif ist Ordnung im Koffer mit dem Werkzeug zu machen. Es klingelt. Maxim geht zum Küchenfenster. Nimmt das Moskitonetz ab, streckt sich bis zur Taille. Bei der Treppenhaustür steht Il’juha.

Maxim:

– Auf dem Hof nennt man Il’juha Kobold. Wegen seiner kleinen Größe. In Wirklichkeit ist Il’juha ein Meister in Sportgymnastik, er beschäftigte sich noch mit Break Dance – als einer der ersten in Alma-Ata eröffnete er seine eigene Schule. Das war wirklich lange her. Nun bettelt Il’juha vom Morgen bis zum Abend um Kleingeld bei den Fußgänger für Schnaps, und wenn er den Betrag nicht zusammen hat, lässt er die Frust an seiner Mutter, die eine Behinderung hat, aus. Alina ruft dann die Polizei. Die Polizei kommt, nimmt den Kobold mit und bringt ihn nach ein paar Stunden zurück. Dann geht seine Mutter nach draußen in Gesellschaft seines zittrigen Hündchens und geht um das Haus spazieren bis in die tiefste Nacht. Sie hat Angst, in die Wohnung zurück zu kehren. Ich hätte Il’uha schon längst mit größter Freude die Fresse poliert..

Maxim atmet auf:

– Doch Alina erlaubt es mir nicht. Sagt: „Dem Kobold wird nichts geschehen und dich wird man einsperren.“ Weil die Gesetze so funktionieren. Krumm wie die Pfoten eines Terriers.

Kobold:

– Hallo Bruder!

Maxim ohne Il’juha anzublicken:

– Was willst du?

Kobold:

– Bruder, hast du zwei Tenge? Ich gebe sie dir wieder. Ich brauche es dringend, ich sterbe.

Der Kobold hält sich mit Mühe auf den Beinen. Seine Fahne wird nicht einmal vom Frost überdeckt.

Maxim verzieht das Gesicht:

– Ich habe kein Geld. Dieses muss man verdienen.

Maxim:

-Alina hält mich dazu für einen Alkoholiker – hier ist der wahre Alkoholiker. Sind wir uns etwa ähnlich?

Kobold:

– Und als wir gestern zusammen getrunken haben, hast du was anderes gesagt…Du sagtest, ich soll mich an dich wenden wenn ich was brauche…Sagtest, nur du würdest mich verstehen, Bruder…

Maxim fällt fast aus dem Fenster:

– Was. Als ob ich mit dir getrunken hätte. Was spinnst du, Kobold!

Kobold:

– Du spinnst selber…hast mir sogar deine Schuhe geschenkt. Sagtest: hier Bruder, im Winter frierst du mit deinen Turnschuhen, nimm meine – die sind warm.

Maxim:

– Hey du..! ich werde es dir gleich zeigen „geschenkt“!

Ohne das Fenster zu schließen, wirft sich Maxim in den Flur, zieht die Jacke an, hüpft in die Schuhe, findet den Haustürschlüssel, macht die Tür auf, rennt heraus, doch vom Kobold keine Spur mehr, nur der abscheuliche Geruch ist geblieben.

Maxim, hüstelnd:

– Ach du Nervensäge! Ich konnte nicht mit ihm trinken. Konnte nicht!

Maxim steht eine Weile neben dem Treppenhaus, raucht und steigt dann wieder in die Wohnung. Er bleibt bei dem Spiegel im Flur stehen. Blickt sich aufmerksam an.

Maxim:

– Etwas angeschwollen, etwas geknickt, doch eigentlich normal – ich habe keine Ähnlichkeit mit einem Alkoholiker.

Maxim, nach einer Pause:

– Ist übrigens ein schöner Spiegel. Lügt nie. Und das Licht ist weich. Ich habe den Rahmen aus den Brettern des alten Schrankes gemacht, als wir hier einzogen. Habe mich lange damit herum geplagt, aus jedem Finger den Splitter herausgeholt. Färbte den Rahmen in Alinas Lieblingsfarbe – türkis und hängte ihn auf. Alina kreiste den ganzen Tag um den Spiegel herum – mal richtet sie sich das Haar mit einer Spange, mal öffnet sie es. Sie kämmte sich und das Licht fiel so sanft auf ihren Hals, als ob er sie umarmen würde.

Maxim hustet wieder.

Maxim, leise:

– Ich möchte sie an mich drücken, fühlen, dass sie in der Nähe ist. Das sie nicht mit Verdacht an mir schnuppert, mich nicht ablehnt, sondern umarmt, wie damals, so fest, dass man schwer atmet.

Maxim geht in die Küche, trinkt noch etwas Sirup gegen den Husten.

Maxim:

Soll ich mich schlafen legen? Nein, Für den Schlaf bin ich noch zu wach. Ich gehe eine Runde…

Maxim kommt es vor als ob man ihn in die Luft wirft, die Hände wackeln. Maxim kehrt in den Flur zurück, macht die Jacke zu, nimmt das Portemonnaie aus der Tasche und steckt es ein.

Maxim murmelt:

Der Blumenmarkt sollte lange offen haben….ich schaffe es…Mit dem Bus sind es drei Haltestellen…Ich kaufe Alina einen schönen Blumenstrauß. Sie liebt Pfingstrosen…wahrscheinlich finde ich keine, doch etwas ähnliches sollte ich finden. Und trinken werde ich auch nicht mehr. Das WAR ES. Ich habe es schließlich versprochen. Und wenn ein Mann es sagt, dann macht er es auch.

Maxim. Suchanfrage: „Die aller schönsten Rosen. Foto.“

„ Rosen in Alma-Ata. Wählen sie einen unvergesslichen Strauß, mehr als 40 Arten von Blumen“

„ Rosen – unsere Favoriten inmitten aller anderen Blumen…“

„Rosen. Geheimnisse der Züchtung und der Pflege.“

Dreizehnte Szene

Tigran sitzt direkt auf dem Linoleum vor der Tür zur Aula. Neben ihm steht Mucha. Der Unterricht ist zu Ende, sie warten bis die Theaterstunde beginnt.

Tigran:

– Deine Mutter hat echt cool reagiert. Und meine konnte nicht einmal vor den anderen das Büro betreten, schlug mich auf den Kopf uns schrie lauter als Rosa Treubekovna. Am Ende weinte sie. Sagte: „Du wirst wie dein Vater werden wenn du groß bist, und dann komme ich früher als notwendig ins Grab.“ Sie immer mit ihrem Grab…

Mucha rutschte auch an der Wand auf das Linoleum.

Mucha:

– Die Mutter macht sich Sorgen um dich…

Tigran:

– Und deine? Macht sie sich keine Sorgen?

Mucha:
– Doch…auch. Nur ist die Sorge anders.

Tigran:

– Das war falsch von uns mit dem Pulver….wie Drogenabhängige…Meine Nase ist immer noch am jucken. Die doofe Zhazira. Konnte sie nicht direkt sagen dass es Pulverarznei ist?!

Mucha:

– Das hatte sie doch gesagt. Man sah ihr an, dass sie nicht lügt.

Tigran:

– Hast du es etwa gesehen? Warum warst du dann letztens mit Su-li-fa einverstanden?

Mucha, verwundert:

– Warte…Warst du echt bereit, einer Droge zu probieren?

Tigran dreht sich um:

– Nein, bereit war ich nicht…habe darüber nicht ernsthaft nachgedacht. Hab mich einfach anpäppeln lassen und das war es auch…

Mucha schweigt eine Weile und fragt dann plötzlich:

– Erinnerst du dich an den Mann auf der Bank, den betrunkenen. Ohne Schuhe?

Tigran dreht sich wieder zu Mucha:

– Ja.

Mucha:

– Das war mein Vater…er ist Trinker.

Tigran blickt auf Mucha.

Mucha ist nicht bedrückt von seinem Blick. Im Gegenteil, er spürt eine Erleichterung. Seit dem frühen Morgen fühlte er eine Schwere in der Brust. Und jetzt schien es so, als habe sie sich aufgelöst.

Mucha spricht von irgendetwas nicht besonderem:

– Mama sagt, dass Alkoholismus eine Krankheit sei. Ich habe vieles im Netz dazu gefunden. Wenn es wirklich eine Krankheit ist, dann wird sie mit dem Blut vererbt…stell dir vor, dann darf ich gar nichts probieren, was gefährlich ist. Und du übrigens auch….Weil unsere Gene schlecht sind, verstehst du?

Tigran blickt auf Mucha noch konzentrierter, möchte irgendetwas antworten, doch das erscheint Anastasija Vladimirovna:

Kinder, sitzt nicht auf dem Boden, bitte. Lauft lieber zur Aufsicht und bittet um die Schlüssel für die Kostümkammer – wir benötigen heute alle Requisiten. Wer möchte laufen?

Mucha steht vom Boden auf:

Anastasija Vladimirovna, kann Tigran laufen…

Das Licht geht aus. Das Telefon klingelt.

Anastasija Vladimirovna:

– Guten Tag! Sind Sie es, Alina Nikolajevna?

Alina:

Ja, guten Tag!

Anastasija Vladimirovna:

Ich bin es, Anastasija Vladimirovna! Die Lehrerin Mischas von der Theater-AG.

Alina:

Ich habe Sie erkannt, Anastasija Vladimirovna! Ist etwas passiert?

Anastasija Vladimirovna:

Nein, nichts schlimmes. Ich wollte mit Ihnen sprechen…Haben Sie Zeit?

Alina:

Ja.

Anastasija Vladimirovna:

Alina Nikolajevna, ich hatte eben ein sehr ernstes Gespräch mit Mischa. Er entschuldigte sich, dass er nicht am Theaterstück teilnehmen kann, weil er seine Rolle nicht gelernt hat. Warum, hat er es nicht erklärt, sagte, es sei persönlich. Ich gab ihm ein paar Phrasen, obwohl ich zu Beginn ihm die Hauptrolle geben wollte. Mischa ist sehr talentiert. Als ich die Gruppe für dieses Jahr sammelte, während des Vorsprechens, ist er mir direkt aufgefallen. Er hat eine ausgezeichnete Phantasie, er ist sehr aufmerksam. Zum Beispiel war eine der Aufgaben – einen Affen zu imitieren und Mischa war einer der ersten, als er zeigte, wie er bei einem anderen Affen im Fell wühlt.

Und er machte es sehr realistisch, sodass wir alle lachten. Deswegen, Alina Nikolajevna, bitte schimpfen Sie nicht mit Mischa (Ich habe jemanden, der ihn dieses Mal ersetzt. Das Theaterstück hat immer jemanden der einspringt, falls einer ausfällt, machen Sie sich keine Sorgen), doch reden Sie mit ihm. Ich habe das Gefühl, dass er sich um irgendetwas sorgt, sein Kopf ist voll mit etwas Schweren und das ist traurig. Traurig dass er die Möglichkeiten verpasst, sich zu entwickeln.

Vierzehnte Szene

Der Bus rollt wie ein Schiff, leise, wie auf dem Wasser. Maxim sitzt am Fenster, es scheint als ob er schaukeln würde.

Maxim:

…Ich gehe bei der nächsten Haltestelle heraus.

Der Bus fährt vorbei. Maxim blickt auf die Uhr – er scheint pünktlich zu sein. Er drückt sich mit der Schläfe an das kühle Fenster – hinter ihm blinkt ein Werbebanner.

Maxim liest laut:

„Waren Ihre Kinder mal im Naturpark Altyn-Emel‘?“ Und der Junge auf dem Banner zeigt eine kleine Eidechse auf seiner Handfläche.

Maxim lächelt auch unwillig:

– Natürlich war ich noch nie in Altyn-Emele und werde es wahrscheinlich auch nie sein, doch eine Steppeneidechse habe ich in meiner Jugend gesehen. Ich saß mit Paschka und seinem Freund auf den Treppen des Datscha -hauses – drumherum Pfingstrosen, Himbeersträucher, die Sonne brennt auf Schultern und Kopf, in den Gläsern wartet das eiskalte Wasser. Paschkas Freund goss sich so viel davon ein, dass er im Sitzen einschlief: und ich bemerkte die Eidechse unter dem Stein. Grau, glänzend in der Sonne, von der Größe eines kleinen Fingers. Paschka fing sie ein. „Schau, sagt er – gleich versteckt sie sich in der Höhle“ nimmt sie und nähert sie der Nase des Freundes. Doch die Eidechse kroch direkt in das Nasenloch, und der Freund schläft – blinzelt nicht einmal. Ich habe so gelacht, dass mir der Bauch weh tat.

Maxim lacht:

– Paschka zieht die Eidechse am Schwanz heraus, und diese kriecht wieder in die Nase. Dann zum dritten Mal, als Paschka sie herausholen wollte, blieb in seiner Hand nur der Schwanz. Paschka sprang auf, wie abgebrüht, schüttelte den Freund auf und schrie ihm zu: „Schnäuze dich! Schnäuze dich, schnell!“ Dieser kann nicht verstehen, was los ist, doch er schnäuzte sich – die Eidechse flog aus der Nase wie eine Patrone und lief zurück ins Gras. Wir haben bis zum Abend gelacht. Eine schreckliche Dummheit, peinlich jemandem davon zu erzählen. Alina würde es sich nicht gut heißen. Doch es war lustig.

Maxim atmet auf:

– Und man wollte leben. Der Eidechse wuchs ein neuer Schwanz oder sie ist gestorben. Wie Paschka. Und Paschkas Bruder ist auch vor zwei Jahren gestorben. Die Leberzerrose führte zu Krebs. Interessant, wie lange Eidechsen leben?

Maxim hustet, die Frau auf dem Vordersitz dreht sich um.

Maxim. Suchanfrage. „Wie lange leben Eidechsen?“

Wie hält man eine lebendgebärende Eidechse zu hause. Was essen Eidechsen, wie werden sie geboren, sind Eidechsen gefährlich für den Menschen“

Die Blindschleiche. Beinlose Eidechse mit dem Äußeren einer Schlange.“

Schlangen und Eidechsen – was haben sie gemeinsam?“

Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Eidechse beträgt von einem bis zu zwanzig Jahre…“

Der Bus bleibt stehen. Maxim geht heraus. Ihm fröstelt wieder. Und der Husten nervt, will nicht aufhören. Die Menschen beobachten ihn wie einen Außerirdischen. Maxim ist es egal.

Maxim murmelt:

– Gleich werde ich für meine Alina die schönsten Rosen kaufen und sie wird mir verzeihen. Unbedingt. Denn früher hat sie mir auch verziehen. Dann wird mich Alina umarmen und küssen. Ach du meine Güte, wie lange haben wir uns nicht mehr geküsst… Eine Ewigkeit.

Maxim überquert die Straße. Vor den Reihen der Blumenboutiquen ist ein graues Gebäude mit schiefen Buchstaben: „A-L-K-O-Markt“ Ein Geschäft mit alkoholischen Getränken. Durch das Fenster der Vitrine kann man Flaschen sehen: in allen Farben und Größen – es sind viele – vom Boden bis zur Decke. Roséwein, Cidre, Wodka…von den Etiketten brennt es in den Augen.

Maxim:

– Irgendwann früher sammelte Paschka eine Kollektion. Er klebte die Etiketten in ein großes, graues Album mit schweren Kartonseiten. In der Kollektion konnte man Raritäten finden. Dann hat Paschka diese auch versoffen. Es tut mir leid um ihn…

Maxim wurde langsamer, murmelt:

– Ich darf nicht trinken – das habe ich versprochen. Alina und mir selbst. Er macht ein paar Schritte Richtung Markt.

Maxim murmelt:

– Ich darf nicht trinken, ich habe es versprochen. Alina und mir selbst.

Er greift nach dem Türgriff.

Maxim murmelt:

– Ich darf nicht trinken – Ich…

Maxim murmelt:

– Nur ein bisschen. Das letzte Mal…

Fünfzehnte Szene

Muchas Zimmer. Mucha liegt auf dem Bett, in den Ohren weiße Ohrstöpsel (schnurlose Kopfhörer – ein Geschenk des Vaters). Es ertönt: „I want to shelter you, but with the beast inside, there’s nowhere we can hide…“, irgendwas in der Art: „Ich will dich beschützen, doch mir einem solchen Tier in meinem Inneren, können wir uns nirgendwo verstecken.“

Mama:

– Mischa, magst du noch nicht zum Abendbrot essen?

Mama:

– Mischa, hörst du nicht, ich rufe dich?

Mucha hebt den Kopf und nimmt die Kopfhörer ab:

– Was hast du gesagt, Mama?

Mama:

– Ich frage dich, willst du essen?

Mucha:

– Eigentlich schon.

Mama:

– Dann geh und wasch dir die Hände, ich mache es warm.

Mucha nimmt die Beine vom Bett und schaut auf die Mutter. Sie steht in Flur zwischen den beiden Zimmern – geht nicht weg. Sie hat einen traurigen Blick, doch keinen vorwurfsvollen. Mucha senkt die Augen.

Mucha:

– Mama, ich wollte dir sagen, ich verstehe nicht, warum ich das mit dem Arzneipulver gemacht habe…ich weiß nicht, was ich mir dabei dachte…

Mucha beginnt zu weinen.

Mucha:

– Ich habe Angst, dass Papa stirbt…Habe Angst, dass ich ihn nicht mehr lieben werde…als er auf der Bank lag, ging ich zuerst vorbei – mir war das peinlich vor Tigran…was ist wenn ich auch Alkoholiker werde wenn ich groß bin? Wozu dann groß werden, wozu das alles…welchen Sinn…

Die Mutter nähert sich Mischa, drückt ihn an sich und drückt ihr Gesicht in seine Haare.

Mama:

Wie gut du riechst!

Mucha:

Wonach?

Mama:
Nach dir. Nach Mischka. Du bist so erwachsen, schlau, erstehst alles…

Die Mutter trocknet seine Tränen ab:

Papa wird dich immer lieben, und du ihn auch. Doch das bedeutet nicht, dass du verantwortlich bist für seine Wahl. Das ist seine eigene Wahl, verstehst du? Und wenn ihm alles bewusst ist, dass er krank ist, und es nicht bekämpfen möchte…dann…

Die Mutter bewegt die Arme:

Du bist nicht er…Wie sehr wir es auch wollen…man darf nicht die eigenen Gedanken in einen fremden Kopf legen. Der Schädel des Menschen ist fest. Es gibt in ihm kein Türchen für solche Zwecke.

Die Mutter lächelt:

– Soll ich dir nun ein Geheimnis verraten, Mischa? Weißt du, warum ich, als ich klein war, sehr schnell erwachsen werden wollte?

Mucha wackelt verneinend mit dem Kopf.

Mama:

Damit ich ruhig in der Wassermelone löffeln konnte.

Mucha lacht:

Ehrlich?

Mama:

Absolut! Papa und ich schimpfen nicht mit dir wenn du es tust, und mein Vater hat in meiner Kindheit sehr mit mir geschimpft…

Muchas Mutter möchte noch etwas wichtiges auffangen, doch während sie die Worte wählt, klopft die Eingangstür und öffnet sich. Alina und Mucha rennen aus dem Zimmer. Im Flur steht Maxim. In seinem Lieblingskostüm – dem Watte-Bläschen-Sack, der nach Säure riecht. Er wackelt leicht, in seiner Hand ein Strauß Rosen.

Alina:

– Max was ist mit dir?

Maxim reicht ihr leise den Blumenstrauß.

Alina nimmt diesen. Eine Blume verliert ein Blatt.

Alina:

Du hast wieder getrunken…

Maxim im Flüsterton:

Ich habe Sirup gegen den Husten getrunken…der Husten war vorbei…dann nahm ich etwas gegen die Grippe…Gefallen dir die Blumen?

Alina schreit:

Du hast die ganze Packung Antigrippalmittel getrunken, bist du ganz verrückt geworden? Das enthält Dimedrol und Paracetamol! Man darf sie nicht mit Alkohol mischen. Davon kann man sterben, ohne Witz!

Maxim:

Gefallen dir die Blumen?

Alina: Max, welche Blumen?! Welche Blumen überhaupt?! Schau dich im Spiegel an! Wenn du es schaffst! Ich verstehe nicht, wie du in einem solchen Zustand geschafft hast nach hause zu kommen?!

Alina wirft den Strauß auf den Küchentisch:

Lass mich nachlesen, was das für ein Sirup ist!

Sie nimmt den Arzneikasten.

Alina:

Natürlich, wie ich wusste – Äthylen Spiritus! Ich dachte, ich hätte es weg geworfen…Max man muss dir den Magen reinigen!

Maxim:
Man muss gar nichts…Du liebst mich nicht…Niemand liebt mich.

Alina schweigt und bedeckt das Gesicht mit beiden Händen.

Mucha kommt dazu und streichelt Alinas Haar.

Mucha:

Weine nicht Mama…bitte weine nicht…

Maxim:

A das bist du Mischka..

Maxim hustet ca. fünf Minuten, nimmt dann den Blumenstrauß, macht den Schrank unter dem Waschbecken auf und stopft die Blumen in den Papierkorb.

Maxim:

Wie groß du bist…brauchst keinen Vater mehr..

Maxim hat bisher die Schuhe nicht ausgezogen, die Füße gehorchen nicht, sind weich. Maxim bewegt sich unvorteilhaft, hält sich an der Wand fest und erstarrt plötzlich…er steht und drückt sich mit dem Ohr an die Wand, atmet nicht.

Maxim:

Tsch.. leise…hören Sie?

Alina trocknet sich die Tränen ab, schaut auf Maxim verwundert:

Was sollen wir hören?

Maxim:

Jemand kratz an der Wand…

Alina:

Nein…da ist niemand, Max…

Maxim:

Doch ich höre es…ganz sicher…kleine Pfoten, wie bei einer Eidechse…

Alina geht zu Maxim, legt ihre Hand auf seien Stirn doch dieser nimmt diese sofort weg.

Alina:

Max, du hast eine Hitzewallung…

Maxim flüstert nicht mehr sondern schreit:

Hältst du mich für einen Deppen? Ich höre dort ein Kratzen. Da, da ist sie. Rennt gerade in die Ecke!

Alina:

Meine Güte Maxim, erschrecke mich nicht! Erschrecke Mischka nicht!

Maxim:

Wovor soll man sich erschrecken? Es ist eine Eidechse in der Wand ich werde sie herausholen. Ich brauche ein Werkzeug!

Alina:

Es ist nicht möglich, dass eine Eidechse in der Wand ist, Maxim. Das sind Halluzinationen, möglich, dass du etwas zusammen gemischt hat, was man nicht mischen durfte…Maxim!

Maxim ist nicht mehr ruhig – er ist laut, schnell, ein ganzes großes Ohr, ein gigantisches Falkenauge – fängt eine Fliege im Flug an dem Flügel, und erst recht eine Eidechse!

Maxim:

Eine graue Eidechse…klein…Hauptsache sie wirft ihren Schwanz nicht ab…

Maxim bewegt sich an der Wand entlang, fühlt diese, beugt sich mal, mal streckt er sich.

Maxim:

Das wichtigste ist, dass sie den Schwanz nicht…Da ist sie!

Maxim macht irgendwelche unnatürlichen, lustigen Bewegungen mit den Händen, versucht irgendetwas zu schnappen hinter dem Spiegel…er hält diesen mit dem Kopf fest doch der Spiegel fällt herunter. Zerbricht. Die Scherben: große und winzige fliegen in alle Richtungen. Eine trifft Mucha am Fußknöchel. Mucha blickt auf den dünnen Rinnsal des Blutes, er hat keine Schmerzen.

Maxim wendet sich ab von der Eidechse, hört auf, die Wand zu berühren. Er schaut verwirrt nach unten, auf den Boden, wo der zerschlagene Spiegel liegt. Er sieht das Gesicht eines Menschen. Doch diesem fehlen Teile als ob es ein Gesicht Puzzlespiel ist. Man muss eine rauchen, um zu verstehen. Maxim spürt, dass es jemand bekanntes ist, jemand, den er gut kannte…das Gesicht erinnert ihn an das Gesicht Paschkas , an den Kobold, und irgendwie auch an Maxim…Maxim blinzelt. Die Vermutung erschreckt ihn. Ist er es wirklich im Spiegel? Ist dieses fremde, schreckliche Gesicht etwa sein Gesicht?

Mit Mühe wendet Maxim das Auge vom Spiegelbild. Vor ihm stehen Alina und Mischa. Das sind sie wirklich. Er hat sie erkannt.“ Die Vertrauten…wo waren sie die ganze Zeit? Maxim hat sie so vermisst.

Maxim:

Helft mir…ich brauche Hilfe…

Mucha:

Das war ein guter Spiegel. Und das Licht leuchtet neben ihm. Und der Rahmen ist ganz geblieben. Papa hat diesen gebaut, als wir hier einzigen. Baute es aus den Brettern des alten Schrankes. Hat lange Zeit damit verbracht, holte dann aus jedem Finger den Splitter heraus. Färbte diesen in die Lieblingsfarbe der Mutter – türkis, und hängte diesen auf.

Alina. Suchanfrage: „Wo in der Welt leuchten synchron die Glühwürmchen?“

„Die Bäume leuchten in der Dunkelheit mit einem phosphoreszierendem Licht. Doch in Wirklichkeit ist es das Leuchten vieler Käfer. Die Insekten leuchten auf und erlöschen wieder auf den Nachbarbäumen praktisch synchron!

„Die lokalen Seemänner verwendet das Leuchten der Käfer als Leuchttürme. Eine solche Erscheinung kann man in Malaysia beobachten“

Alina. Suchanfrage: „Familienreise nach Malaysia“

„Der Wunsch gemeinsam, nach Malaysia zu fahren? Wir zeigen die besten Ecken!“

Mischa. Suchanfrage: „Wie können Schauspieler schnell einen langen Text auswendig lernen?“

„Es gibt drei grundlegende Möglichkeiten, sich den Text zu merken…“

„Wenn Sie wissen möchten, wie sie schnell einen Text auswendig lernen können, muss man die Fähigkeiten der Schauspieler nutzen. Für sie ist es wichtig, die Szenen zu Filmen und Theaterstücken Wort zu Wort zu lernen…“

Das Licht geht aus. Aus dem dunklen, leeren Raum geht Maxim, er schaut in den Saal und sagt:

Maxim. Suchanfrage: „Alkoholismus“:

Zauresh Dandybaeva: Freundschaft

Das Schlimmste ist, ohne echte Freunde zu sein

F. Bacon

Einleitung

Zara dachte immer öfter über die Werte von menschlichen Beziehungen in der Freundschaft nach. Wie echt es ist: „Wir kommen auf diese Welt alleine,und gehen alleine“. Doch warum benötigen wir im Laufe unseres Lebens Gesellschaft, wie wir Luft benötigen? Dazu nicht nur mit Verwandten, sondern auch mit Freunden. Wir überleben gekränkt die Zerwürfnis, wie ein Bildstreifen drehen wir alle Ereignisse um, welche den Streit mit den uns nahen Menschen verursachen. Wenn die Beziehungen in die Sackgasse laufen und wie eine Saite bespannt sind, ist das beste Mittel, nicht zu banalen Skandalen zu gehen, sondern diejenigen gehen zu lassen, mit denen es schwer ist in einem Raum zu atmen.

Eine Reihe von Verraten machte den Kreis der Freunde Zaras etwas kleiner. Waren es auch Freunde oder Lehrer, die nach der Schulglocke genau so schnell verschwanden, wie sie ihr Leben betreten haben und auf der Seele nur eine Narbe hinterlassen haben, die größer war, als die davor? Wir werden es erfahren.

Die Schulfreundschaft

Man sagt, viele Freunde hat man nicht. Und mit dem Älterwerden werden es immer weniger und weniger, und diejenigen, die bleiben, werden zu einem nahen Menschen, weil ein echter Freund der aller nächste Mensch ist, er wird zu einem Teil deiner Selbst. Und dieses Bewusstsein kommt meistens in der Schule. Wahrscheinlich, weil wir in der Schule lernen, zu erörtern. Vögeln gleich, sind wir aus dem Nest geflohen und lernen es, in der Gesellschaft zu leben. In der Nähe ist weder die Großmutter noch die Mutter. Doch in der Nähe kann der Freund sein! Es ist schrecklich, sich vorzustellen, wenn ein Mensch keine Freunde hat. Er wird zuhause am Computer sitzen und so die Welt erfahren, alles wissen, doch niemand ist da, dem er es erzählen kann. Zara dachte daran, dass in der neuen Zeit das Verständnis von Freundschaft sich verändern wird. Nun denken wir so über die Freundschaft:

„Was ist Freundschaft?“ fragte ich den Vogel.

„Das ist, wenn der Habicht die Meise trifft.

„Was ist Freundschaft?“ fragte ich das Tier.

„Das ist wenn die Katze die Maus mit der Pfote streichelt.“

„Was ist Freundschaft?“ fragte ich die Freundin?

„Wenn man sich trifft! Wenn alle beisammen sind. Das ist wenn die Jungs die Mädchen nicht ärgern. Wenn die Eltern die Kinder verstehen. Wenn in der Schule es keine schlechten Noten gibt. Wenn sich alle respektieren. Wenn du am Morgen die Blumen gießt; wenn du mit einem Freund, einer Freundin, einem Hund spazieren gehst; wenn wir gemeinsam zum Training laufen, keiner schimpft wegen der Tattoos. Wenn du in der Schule frei singst. Wenn du deine Freunde abschreiben lässt.

So ungefähr verlief meine Schulzeit. Wie ich dachte, so machte ich es auch. Und das war klasse.

Die Schuljahre sind eine besondere Zeit, dann wenn dein Leben Menschen eintreten, von denen du denkst, dass du nicht von ihnen trennen wirst. So dachte auch Zara. So denke auch ich. Zara und ich – ein Gesicht. Doch wenn ich versuche auf mein Leben zu blicken, nenne ich mich beim Namen. Und jetzt vertiefe ich mich ebenfalls in die Erinnerung der Schulfreundschaft. Und ich gehe in die tiefste Tiefe meiner Seele, und entwirre den Knäuel der Erinnerungen. Die erste Freundin, das Schulschwänzen, die Wanderungen in den Bergen, das Zusammensein auf dem Hof, Übernachten bei der jeweils anderen, Geburtstage, Schuldiskotheken in den höheren Klassen, Geheimnisse, die kein Ende nahmen.

Wie berauschend sind die süßen Erinnerungen über die Schulfreundschaft! Übrigens, das erste Verständnis über die Gesetze des Lebens kommt ebenfalls in der Schule. Und eines davon werde ich folgendermaßen formulieren: die Schule erzieht besser als die Familie. Die liebenden Eltern verzeihen den Kindern ihre Faulheit, ihre Verantwortungslosigkeit, ihre Schwächen. Die Schule ist streng wie das Leben selbst. Und in ihr soll man nicht lernen, wenn die Ärmel unten sind. Und wenn ein fabelhaftes Mädchen durch das Examen fällt, wird man sie nicht trösten. Sie wird aus der Schule gehen müssen. Und Tränen werden ihr auch nicht helfen – das ist ein Kampf. Und wenn du auf der Schultreppe stolperst, dann werden dir auch die Lebensexamen nicht helfen. Leider bestätigt das die Lebenserfahrung. Ich hole aus den Geheimfächern der Seele meine Geschichten und glaube, dass sie irgendjemandem zum Nutzen sein werden. Und überhaupt meine Geschichten über die Freundschaft, der ich so treu bin, die ich immer suche, weil ein Freund für mich alles ist. Ich bin in ihm. Er ist in mir. So.

Eine meiner besten Freundinnen, wie ich damals fand, war meine Schulfreundin Gul’mira. Wir beide kamen gleichzeitig in die neue Schule, in der sechsten Klasse. Was mich empört hat beim ersten Treffen? Das war die Dissonanz der groben Stimme mit der schmalen, zarten Figur. Am meisten erinnere ich mich an ihren Kleidungsstil, Sie war immer wie ein Püppchen gekleidet: mit Geschmack, modern und adrett. Doch am meisten unterschied sie sich von den Mitschülern in ihren Schuhen: ausgesucht, aus Leder und sicher nicht aus den lokalen Boutiquen. Sie war das aller luxuriöseste Mädchen in der ganzen Klasse. Ich schaute Gul’mira an und war wirklich neidisch. Meine Mutter kleidete mich ein wie sie nur konnte, wie sie wollte, wie es bei ihr klappte, deswegen schaute ich Gul’mira mit Begeisterung an: neben den anderen Mitschülerinnen, sah sie ganz anders aus. Und dazu hatte sie nicht einen Pickel im Gesicht. Die schneeweiße Haut leuchtete. Zarte Gesichtszüge. Lange, aristokratische Finger. Schwarze Haare. Doch am meisten beeindruckte mich das Leuchten ihrer freundlichen Augen, in denen sich die wunderbaren Bilder ihrer Umgebung spiegelten; die Eindrücke jener leuchtenden Ereignisse, welche ihr Leben betrafen. Ein solches Portrait einer Marmorpuppe legte sich in meiner Erinnerung. Keine äußere Schönheit, sondern eine innere, ihre Weiblichkeit zog wie ein Magnet ihre Freundinnen an.

Man wollte mit Gul’mira befreundet sein, von ihr umgeben sein: ein leichter Charakter zieht immer an. Wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache und konnten uns ein Leben ohne einander nicht vorstellen. Ich, die nach den häuslichen Gesetzen der Mutter lebte, war die Erziehung der delikaten, intelligenten Mutter Gul’miras und ihrer Schwester Gul’zhan eine Neuheit für mich.

Nach der Trennung von einem bekannten Künstler des Landes, erzog Meerim Adamkulova die Mädchen alleine und das klappte vorzüglich, weil sie in die Erziehung der Töchter ihr ganze Liebe legte. Sie setzte den Kindern keine Grenzen, vertraute ihnen und machte sich Sorgen. Die Töchter hatten das allerbeste, denn in den 90ern arbeitete sie in der deutschen Botschaft und fuhr oft zum Arbeiten nach Deutschland und in die Schweiz. Sie brachte ihren Kindern moderne Sachen, ausländische Leckereien. In ihrem Haus gab es eine besondere Atmosphäre der Ordnung und Gastfreundlichkeit. Manchmal nahmen wir an geselligen Abenden teil. Ich berauschte mich am Gespräch: jedes Wort – Gold, der Halbton. Es schien, als ob man mehr mit den Augen sprach. Nun verstehe ich, dass eine solche ruhige Unterhaltung sich durch ein Gespräch über Seelen kennzeichnet, das nicht viele Worte verlangt: für alle ist alles verständlich nur von einem Wort, einem Blick. Das war jene Situation im Haus, die mir in unserem Heim fehlte. Die vielen Menschen, Chaos und grenzenlose Kontrolle riefen den Wunsch hervor, sich zu verstecken und weg zu laufen. Ich hatte mein eigenes Ventil.

Wenn Mama ins Ausland fuhr und der Stiefvater zu seinen Eltern, lud ich Gul’mira und die Hoffreundinnen zu mir ein und wir erfreuten uns an einem freien, unkontrolliertem Gespräch: keiner beeilte sich irgendwohin, man trank Tee und aß Plätzchen, hörte Musik, tanzte und probierte Mutters Schmuck und Stöckelschuhe an.

Und wenn Tante Meerim ins Ausland fuhr, versammelten wir uns bei Gul’mira.

Man schmiedete Pläne, wie man gemeinsam auf Reise durch Europa geht oder ein Ozean umkreisen, bis zu den Niagarafällen fliegen, einen Zwischenstopp in London machen und im Buckingham Palace spazieren gehen, wo die aller wirklichste Königin lebt. Und dann laufen wir zum Treffen mit dem legendären Detektiv Sherlock Holmes, machen Fotos mit der Polizei und den aller echtesten Zofen des 19. Jahrhunderts: Im Spielzugwarengeschäft Hamleys kaufen wir uns fest gekleidete Puppen: denn jedes Mädchen ist immer im Inneren ein Kind.

Ich war bezirzt von den Gesprächen von Tante Meerim über sie Schweiz und wünschte mir, dieses kleine, wunderbare Land zu bereisen. Und noch liebten wir es die Romanze zwischen Meerim und Onkel Hans zu beobachten. Ja, ja. Die Mutter Gul’miras traf sich mit einem Deutschen und wir Schülerinnen fanden es spannend an einem Ort mit einem Ausländer zu sitzen. Wir saßen da, machten den Mund auf und verstanden dabei nicht ein Wort auf deutsch.

Manchmal übersetzte Gul’miras Mutter uns das, was uns im Gespräch bekannt vorkam. Doch wir interessierten uns für alles. Als ich die Romanze der erwachsenen Leute beobachtete, probierte ich an mir die Rolle der Verliebten aus, träumte davon, alle Sprachen zu sprechen und erwartete mit vollem Herzen das Glück der Tante Meerim mit Hans. Doch es war eine kurze Romanze nicht wie im Märchen, sondern wie im Leben: er fuhr fort und sie blieb.

Weil man mich und Gul’mira, als Neue in die deutsche Klasse einstufte und nicht in die englische, freundeten wir uns an. Gul’mira befahl Gott selbst, diese mir verhasste Sprache zu lernen: ihre Mutter arbeitete als Deutschlehrerin in der Botschaft. Doch die Rede aus ihrem Mund zu hören, war ungewohnt, und sie klang sehr rau. Doch wir hatten Glück mit der Deutschlehrerin und es war leicht die Sprache zu lernen. Doch ich beschloss, dass im Institut ich nur englisch lernen würde: eine heilige Naivität…

Eine Sprache wie Sprache, doch in den anderen Fächern hatten wir Probleme. Und deswegen liefen Gul’mira und ich dem Unterricht davon und gingen in den Parks und Geschäften spazieren. In der höheren Klasse transformierte sich unser Treffen. Ich fuhr fort Puppen zu spielen und träumte von einer Karriere als Fotomodel. Gul’mira wurde erwachsen. Sie schmiss die Schule. Gul’mira hatte mich verbittert: ich wurde einfach uninteressant für sie. Modernes Chillout, die ersten Liebhaber. Ich kannte so etwas nicht: jedes Ausreißen aus dem Haus wurde streng kontrolliert, deswegen erfreute ich mich an den seltenen Besuchen der Diskothek.. Ich mache mir große Sorgen, darüber dass Gul’mira mich nicht braucht, und die anderen Mädchen wurden für sie das Zentrum des Universum. Doch man kann nichts machen: wir wissen nicht, was ohne uns geschieht.

Nach dem Abschluss der Schule zog ich nach Alma-Ata und Gul’mira blieb in unserer Heimatstadt. Zu Beginn besuchte sie mich. Nicht oft doch sie tat es. Ich versuchte aus allen Kräfte unsere Freundschaft aufrecht zu halten. Doch all meine Versuche waren umsonst. Zu meinem zwanzigsten Geburtstag lud ich natürlich Gul’mira und die nahen Freundinnen aus dem Institut ein. Sie kam vorbei. Doch die Zeit zeigte, dass sie nicht mich brauchte, sondern ihren Liebhaber, der später ihr Ehemann wurde. Sie kam eigentlich zu mir, doch ging immer nur zu ihm. Und mit blieb nichts anderes als zu warten , wann sie zurück kehrt und ich Zeit habe mit ihr zu sein. Zu dem Treffen mit ihrem Liebsten nahm sie mich natürlich nicht mit. Und mir fehlten jene Minuten, welche für uns beide blieben.

An einem Geburtstag freute ich mich über das Gespräch mit Gul’mira, mir schien, als ob wir uns wieder nah wären und die Freundschaft wieder auflebt. Wir waren eine ganze Woche zusammen. Ich zog mich ehrlich zu ihr und erwartete es auch von ihr. Doch von ihr kam mir nur Kälte entgegen.

Ich spürte es: die vergangene Freundschaft gibt es nicht mehr. Ich bin einfach die, bei der ich Halt machen könnte. Sie hätte jeden Moment zu ihren Liebhabern gehen können und dann zurück kehren wie eine strahlende Sonne und ihre Dinge zu packen und nach hause zu fahren. Ich zog nach Bischkek wegen der Familie und Gul’mira heiratete früh. Die Ehe war nicht erfolgreich, der Mann schlug sie, doch sie gebar ihm Kinder und wurde zu einer guten Hausfrau – der Hüterin des Herdes. „Opfer und Täter“ das ist ihre Wahl. Die Ratschläge der Verwandten und Freunde gingen an ihr vorbei. Jeder Mensch hat ein eigenes Kreuz. Doch ich wünschte ihr ein solches Leben nicht. Ich versuchte sie zu überreden, den Psychopathen und dem Tyrannen-Ehemann wegen der Familie zu verlassen, doch die Versuche waren erfolglos. So trennten sich auch unsere Pfade. Nun unterstützen wir unser Verhältnis mit Briefen, Anrufen an Feiertagen und Likes in den Sozialnetzen , in der Schulgruppe per Whatsap, mit Treffen von Schulabschlussjubiläen. Ich erinnerte mich sehr an das fünfzehnjährige Schuljubiläum, als nach dem Vergnügen im Restaurant, einige der Klassenkameraden sich in die Karaoke-Bar begaben. Der ausgezeichnete Abend brachte uns in die schönsten Schulerinnerungen: als wir die Schule blau machten , die Jungs das Klassenbuch stahlen und verbrannten. Man erinnerte sich auch an die Spitznamen, mit denen wir uns selbst benannten so wie die Lehrer.: unterhaltsam. Und wie dramatisch waren die ersten Vergnügungen der Mädels und Jungs. Es gab in unsrem Leben auch etwas Unerlaubtes: irgendjemand machte die Bekanntschaft mit der Zigarette und jemand anderes traf sich mit Kerlen und Mädels als Erwachsene. Doch man dachte, man traf sich heimlich, doch es wussten alle. Für einen Augenblick schien es uns, als ob wir die selben sind wir früher . Schüler der Zentralschule.

Ich kann nicht sagen dass ich das Schulleben nicht liebte, doch in diesem gab es ausgezeichnete Mitschüler, zu denen zu meinem Glück die Verbindung nicht unterbrach…Doch Gul’mira löste sich auf bei dem Treffen in der Masse und meine schulisch-studentische Verbindung zu ihr wurde schwächer. Alles blieb in der Vergangenheit. Es bleibt bloß ein Knoten in der Erinnerung. Und die Assoziationen mit den uns teuren Menschen, selbst wenn wir nicht zusammen waren, sind ein besonderes Thema So ruft auch das Parfum „Tresor“ von der Parfummarke Lancome in mir angenehme Erinnerungen an Gul’mira. Sie gebrauchte dieses im Jahr 1996 und das Aroma betrat mein Leben und wurde zu meinem Lieblingsduft. Das Herz bewahrt die Erinnerungen an das Mädchen, an die Marmorpuppe, die mir so viel bedeutet doch die Wege trennten sich. Ich möchte mit ganzem Herzen dass Gul’mira glücklich wird, geliebt, gebraucht, dass die Kinder ihre Stütze sind, wenn sie sich über ihre weibliche Rolle bewusst werden. Zwanzig Jahre Leben mit einem Unhold…

Haben wir etwa davon geträumt?

Die studentische Freundschaft

Ich wuchs als unauffälliges Kind auf. Niemand schenkte mir Aufmerksamkeit. Ich war kein Magnet für andere, hatte keinen besonderen Erfolg bei Männern. Und erst in den Studienjahren im dritten Semester, ereignete sich eine Romanze. Diese warf mein ganzes Leben um. Als ob das Universum explodierte und einen neuen Gang der Ereignisse einleitete, welches in Ordnung brachte, was mein leben erfasste, mit der Bewegung gegen den Uhrzeigersinn und es lenkte mich in das Zentrum meiner Lebenswelt, zum eignen Herzen.

Vor diesem Moment fühlte ich nur Schmerz von Liebesverhältnissen, sogar mit Freunden oder Freundinnen. Und ich verstand wirklich nicht, wo man wahre Freunde finden sollte. Deswegen wenn auf dem Horizont Mädels auftauchten, die mir ihr Interesse zeigten und sich ein Verhältnis anbahnte , war meine Freude grenzenlos. Ich hielt mich an diesen Verhältnissen wie eine Ertrinkende am Grashalm . So ist es also, ein ungeliebtes Kind in der Familie zu sein, mit Komplexen, unsicher, das von sich selbst denkt, dass es nichts besseres verdient hat. Als ich die Schule beendete und an die Uni kam, glaubte ich daran, dass die Welt sich mir gegenüber mit der Sonnenseite zuwendet.. Doch Alma-Ata empfing mich Kühle. Doch meine ganze Kindheit verbracht ich in dieser Stadt und hielt sie für meine vertraute Stadt und die Stadt meiner Kindheit .

In der Uni verfolgte mich das selbe Problem wie in der Schule: Meine Kommilitonen distanzierten sich von mir. Nur wenige Menschen wollten mit mir befreundet sein. Das waren Zugezogene, wie ich. Die eingesessen Almatiner redeten nicht mit uns. So teilte sich die Gruppe in Klans auf. Ich glänzte nicht mit Erfolgen im Lernen, war auch keine Schönheit oder Stilfigur. Mein Gewicht war ein realer Grund für das Sich-lustig-machen. Ich hatte starke Komplexe, schämte mich.

Fakten und Ereignisse meines studentischen Lebens, bestätigten mir ständig, dass die Menschen in ihrer Natur sehr böse sind. Keiner achtet auf seine Worte und Taten. Doch diese können zu Triggern der Tragödie werden. So geschah es auch mit dem Kommilitonen Amir: Er hängte sich auf, bevor er das letzte Examen abschließen konnte. Ich verstand seine Sorge und warum er sich so entschieden hat, weil er keine Unterstützung bekam. Die Schuld lag in de Einsamkeit: Das Ausgestoßen-sein von der Gesellschaft, Gleichgültigkeit. Ein junger Mensch ging dahin. Ist es denn keine Tragödie? Er brauchte uns und alle waren mit sich selbst beschäftigt. Ich persönlich habe im fünften Semester allen meine Beleidigern meine Meinung gesagt und erinnerte sie an alle Demütigungen. Ich habe diese überlebt und wurde dadurch stärker. Ich versicherte mich, dass man nicht viele Freunde haben kann und man nur auf sich selbst zählen kann. Und in dieser mir gegenüberliegenden Masse, freundete ich mich mit Ajnur an. Wir waren beide hergezogen. Das vereinigte uns . Sie liebte meine herzzerreißenden Romanzen, meine Liebhaber, dank welchen ich selbstsicher und offener wurde. Ja, dank der Liebhaber fühlte ich mich mehr wert. Ich verstand, dass man mich lieben kann, erkannte meine weibliche Schönheit und erblühte in seiner Nähe.

Liebe ist Liebe. Doch selbst mit Ajnur konnte ich die Freundschaft nicht halten. Es stellte sich heraus, dass man mit einer solchen Freundin auch keine Feinde zu haben braucht. Sie machte sich über mich lustig, indem sie meine potentiellen Liebhaber verführte. Eine solche muss man erst einmal finden; stecke ihr deinen Finger nicht in den Mund, sonst beißt sie deine Hand ab und verschluckt sich daran. Und sie sah aus wie ein Engel, die Ruhe selbst und die Freundlichkeit. Doch das dauerte nur, bis am Horizont ein Mann erscheint.

So machte mich die Freundschaft mit den Klassenkameradinnen stärker. Das Almatinerinstitut blieb als die Schmiede der Freundschaft: jeder für sich; lebe wie du kannst; mein Haus ist am Rande, ich weiß nichts…Eine solche antisoziale Ertüchtigung. Doch als ich mich an der Uni einschrieb, glaubte ich selbst an die studentische Einheit, dass mich hier eine Fülle an Offenbarungen erwartet; die Freiheit vom totalitären Regime der Familie gibt mir das Vergnügungen die Freundschaft mit Gleichgesinnten zu genießen. Doch ich bin ehrlich mit mir selbst: die Studienjahre, vor allen der letzte Kurs waren leuchtend wie der Altweibersommer, von dem du immer träumst und nie möchtest das er zu ende geht. Das war eine Zeit voller Hoffnungen: wenn du das Treffen mit dem aller wichtigsten Menschen deines Lebens erwartest, wenn das Herz erstarrt und du wirklich an ein Wunder denkst. Es gab Treffen, es gab Freude, es gab Fehler.

Doch meine Fehler sind meine Erfahrung. Ich bereue sie nicht, sie waren, ich bin keine Heilige. Die Mehrheit der Menschen wünscht sich ein komfortables Leben, Liebe. Mich nicht ausgeschlossen. Meine Pläne waren es, die Uni ab zu schließen, zu heiraten und eine sorgenvolle Mutter und Ehefrau zu werden. Doch wie man sagt, wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen. Der Schöpfer hatte andere Ideen für mich…

Und noch sagen Menschen, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind. Und dieses Geschenk muss man sich verdienen. Es sieht so aus als ob ich es nicht verdient hätte: der Charakter ist kein Zucker…Der Freund ist ebenfalls ein besonderer Mensch in einem Leben und ich bin sehr vorsichtig mit Freundschaften. Und ich hätte mir nie vorstellen könne, dass die beste Freundin hinter deinem Rücken hinterlistig sein kann, nur um böse zu dir zu sein, sich selbst zu bereichern.

Alles, was das Verhältnis mit Ajnur betraf, ohne auf das andere Geschlecht zu achten, war eine Idylle…Wie mir schien. Wir verbrachten viel Zeit zusammen: wie freundeten uns an und vergnügten uns viel. Das Uni-Leben bedeutet Frivolität, die Unbekümmertheit mit neuen Bekanntschaften. Es schien, als ob diese goldene Zeit ewig dauern würde: du schaust auf das Leben durch eine rosa-rote Brille. Und das Leben erscheint dir in seiner Natur und dann wirst du du selbst…

Nach den Verraten der Lügen-Freundin antwortet ich ihr mit den gleichen Manieren wie sie mir. Und als sie nach hause zurückkehrte um dort zu arbeiten, freute ich mich sogar. Doch sogar aus der Entfernung schaffte sie es, mir zu schaden. Für mich war es ein Rätsel, wie in einer glücklichen Familie, Schlampen zur Welt kommen, ausschweifende Weiber, die eine Freundschaft nicht schätzen können und weitere ehrliche Werte?

Ich war ehrlich begeistert von der Familie Ajnurs. Die wunderbare Tante, welche ihr eigenes Café eröffnet hatte. Und Ajnur warf einen Schatten auf sie mit ihren Ausschreitungen. Die Eltern unterstützten sie sehr. Während sie studierte, schickten sie ihr Geld. Sie lebte bei der Tante und nagte nicht am Hungertuch. Lerne und erfreue deine Nächsten mit den Erfolgen. Ja, in diesen Jahren lernten wir, gingen aus und schwänzten die Schule. Es gab alles. Das war das studentische Leben. Doch was Ajnur und ihrer Schwester fehlte, verstand ich immer noch nicht. Lügen, Stehlen, die Kerle ausspannen, ins Gesicht lächeln und dann verraten? Das alles ist so unvereinbar. Und meine Gedanken zu der Nicht- Adäquatheit Ajnurs wurden nach einer Zeit bestätigt.

Es kam die Nachricht aus ihrer Heimatstadt darüber, dass sie für drei Monate in die Psychiatrie verlegt wurde. Man sollte denken: Die Fakten sprechen für sich.

Als sie zu Gast war, begann sie das Kind ihrer Freundin mit der eigenen Milch zu nähren. Sie unterhielt sich nun mit dem Ehemann der Tante, mit dem sie in einer Firma arbeitete. Das Geheimnis kam ans Licht und es kam zu einem Skandal. Sie ließ sich ohne Scham immer in neue Unanständigkeiten. Und das Ergebnis war das Eingesperrt sein…

Ich erinnere mich, wie ich nach dem Abschluss des Institutes, so freundlich wie ich war, ihrer Schwester Ajgerim bei mir leben ließ und als dank stahl sie mein Handy und einige Sachen. Ich versuchte das Gestohlene zu mir zurück zu nehmen, wandte mich an ihre Tante, und anstatt Entschuldigungen, kamen an meine Adresse Beleidigungen und Drohungen. Die Cousine Ajnurs, sagte mir ehrlich, als ich ihr diese Geschichte erzählte, dass für Ajgerim der Diebstahl eine gewöhnliche Sache sei.

Man gab es zwar zu, doch keiner gab mir das Gestohlene wieder, geschweige denn entschuldigte sich bei mir. Schade. Es heißt: „Mache keine Freude, dann wirst du auch nichts Böses bekommen…“

Nach der Trennung von der Freundin, war ich von der weiblichen Freundschaft enttäuscht. Und es ist schade, dass ich aus der Masse der Studierenden, keine Freundin gewonnen habe, mit der ich durchs Leben hätte gehen könnte und zusammen Freude und Enttäuschungen teilen. Die Kommilitoninnen blieben Bekannte, deren Wege sich mit meinen kreuzten. Die Treffen waren flüchtig, die Gespräche um nichts: der hat abgenommen, die ist dicker geworden, deren Manieren sind nicht gut; dieser hat eine Seele ohne Körper und die einen Körper ohne Seele…Nein, ich kritisiere nicht gerne. Und deswegen werde ich lieber schweigen. Alleine, dann alleine…

Ich bin immer noch die selbe nur stärker, doch ich hätte eine andere werden können. Erinnern Sie sich an die Worte A. Saint – Exuperys:

„Ein Stein kann sich nicht in irgendetwas anderes verwandeln, doch wenn er sich mit anderen Steinen verbindet, wird er zu einer Kirche“?

Doch in dem Fehlen einer echten Freundschaft gibt es auch eigene Pluspunkte. Du musst nicht die Zeit für leere Gespräche verschwenden. Du hast die Möglichkeit die Umgebung zu beobachten und musst nicht anderen erklären, was du gesehen hast. Du kannst viel nachdenken. Du kannst anderen helfen, doch nur ein wenig, weil es eine Falle sein kann, in die du unbedingt gerätst. Sie werden dich vereinnahmen und es bleibt keine Zeit mehr für dich. Wenn du alleine bist, kannst du die anderen beobachten, so dass sie dich nicht bemerken. Du kannst das Leben in seiner ganzen Fülle sehen. Manchmal fliegt das Leben nur so vorbei. Und viele haben es nicht einmal bemerkt.

In den Studentenjahren kam mir das Bewusstsein, dass es keine Beweise gibt, dafür dass wir glücklich wären wenn wir nahe Freunde gefunden hätten. Und ich fand dafür eine Bestätigung. Es gibt zwei Zugänge zu Menschen . Der erste: kritisch, wenn du in allem den Mangel findest. Und der liebende, wenn du den Menschen so annimmst, wie er ist, und sogar die Minuspunkte in Pluspunkte verwandelst. Und nur dann fühlst du dich glücklich.“ Ich nehme das Gefühl des Glückes an und nehme alle, die in mein Leben treten, so an wie sie selbst sind.

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Die Freundschaft zwischen Erwachsenen

Als ich die neue Arbeit antrat, glaubte ich mit Interesse daran, dass inmitten der Kollegen unbedingt auch Freunde sein werden. Zu meinem Glück war es auch so. Die Freunde kamen, doch wenige blieben in meinem Leben. Nach meinem Wechsel in die neue Filiale, begann ich erst nach einem Jahr Freundinnen zu finden, mit denen ich mich auch in der Freizeit traf. Dann begannen wir uns, bei uns zu Hause zu treffen, die Mädels luden uns zu ihren Hochzeiten ein. Der Kreis variierte. Doch ich danke jedem Mädchen für ihre Freundschaft: Darja, Sveta, Vika…

Als ich Darja zum ersten Mal sah, ahnte ich nicht, dass wir Freundinnen sein werden.

Sie war gesprächig und schlau und nahm direkt die Rolle meiner Mutter an. Doch mit der Zeit half ich ihr diese Rolle zu verlassen. Sie war sehr stark, und mir schien, dass sie mit ihrer Autorität ihren Mann unterdrückte. Sie war schmal und zart und schaffte es auf ihren Schulter Haus und Arbeit zu tragen. Und um noch energischer zu werden, befasste sie sich mit der eigenen Entwicklung.

Darja war wach, gesprächig, doch mit mir oft grob. Und mich reizten ihre Durchsetzungsfähigkeit und dass sie die Grenzen nicht wahrte von meinem persönlichen Raum. Ich bin ganz verzaubert von ihren wunderbaren Kindern: sie sind mir wie meine eigenen, seit ihrer Geburt an. Doch Darja wurde mir nicht zu einer Freundin, von der ich Wärme bekommen habe und Verständnis. Egal was ich ihr erzählte, über meine Sorgen, nahm sie als Bajonette wahr. Ich erwartete eine einfache Unterstützung von mir nahen Menschen und nicht Besserwisserei und Kritik.

Ich stieß bereits zuhause auf Unverständnis. Doch mit anderen war sie sehr lieblich. Ich erinnere mich daran, wie Darja vor einem Mitarbeiter sanft lächelte, und mir gegenüber sich grob und rau verhielt. Ich wollte sie so gern ins Gesicht schlagen für ihre hinterlistige Verhaltensweise mir gegenüber. Ich bin selbst schuld daran, dass ich es mir erlaubte, so mit mir zu verhalten. Die ganze Umgebung wurde mir gleichgültig. Ich nutzte die Pause dafür, um mein Leben umzudenken. Dies war eine freiwillige Isolation . Doch zum finalen Punkt in unserer Freundschaft, wie auch in anderen Geschichten , die sich früher ereigneten, wurde ein Ereignis auf der Arbeit. In für mich schweren Augenblicken, zeigte mir Darja ehrlich ihr wahres Gesicht:

Bei der Wahl von Leitern oder Freunden, stand sie auf der Seite des Chefs, wissend dass er nicht recht hat (der Sohn eines Goldbonzen, der zum Direktor ihrer Filiale aufstieg). An ihrer Stelle hätte ich mich für die Freundin eingesetzt. Ich war erfreut über ihre Immigration aus dem Land. Wir schreiben uns selten. Ich denke das ist zum besten, dass uns Kontinente trennen…

Ungefähr zu dieser Zeit freundete ich mich mit einer Marketingfachfrau unserer Firma – Diana, an. Ich freute mich, dass die lächelnde Diana sich sehr unterschied von der frechen Darja, sie wurde zu meiner Gleichgesinnten in der Kunstwelt. Wir besuchten Konzerte , Ausstellungen, Museen. Doch nach traurigen Ereignissen in unserer Firma, distanzierte sie sich von mir. Und auch ich war so blöd, sich mit Asel‘ anzufreunden, welche schon lange die Bekanntschaft mit Diana machen wollte und mich immer wieder überredete gemeinsam spazieren zu gehen, sich zu treffen außerhalb der Arbeit.

Ich war immer selbst schuld daran, dass ich in meiner Gutmütigkeit, meine potentiellen Liebhaber, meinen Freundinnen schenkte und den Freundinnen anderer Freundinnen. Niemand hat mir das seine gegeben, mich mit guten Menschen bekannt gemacht.

Der Amor war ich – ein naiver Dummkopf. Asel‘ zeigte einen sehr großen Einfluss auf Diana. Sie freundeten sich an, und ich blieb allein. Vielleicht war sie immer so. Das war ich, die versuchte das Schöne in den Menschen zu sehen und zog mich an diese, die sich überhaupt nicht für mich interessierten. Die Zeit stellte alles auf seinen Platz. Und wie sagte mein ehemaliger Chef: „Es gibt keine Freundschaften unter Frauen!“

Ich bin einverstanden mit ihm zu hundert Prozent. Die freundschaftliche Ehrlichkeit ist eine Gabe von oben. Doch nur Zeit zeigt, was wertvoll ist und was nicht. Ich bin überzeugt davon.

Epilog

Freundlichkeit ist schlimmer als Diebstahl. Für die Güte und die Treuherzigkeit wurde ich im Leben oft bestraft. Und eines Tages setzte ich Grenzen, in dem ich mich einfach von seelenlosen Menschen distanzierte. Hinter der Grenze war auch die Verwandtschaft. Ich wurde ruhig und begann es zu schätzen. Die Ruhe ist der beste Zustand und ich schätze diesen.

Die Freundschaft bedeutet nicht unbedingt, viele Freunde zu haben. Ich schätze die Freundschaft von jedem, der in mein Leben tritt. Doch es gibt auch eine Kraft in der Einsamkeit. Die Einsiedler sind starke Menschen, die keine pseudo- Freundschaft und giftige Verhältnisse benötigen. Mit den Jahren verstehst du es, dass man auf der Arbeit entweder keine Freunde hat, oder man diese an zehn Fingern abzählen kann. In der Schule und in der Uni hat man eine größere Chance, Freunde zu treffen. Doch auch sie bleiben nicht für immer. Für mich war es schmerzhaft zu hören – ein Geständnis einer ehemaligen Freundin: „Was hast du denn gedacht? Dass ich mit dir bis zum Altwerden befreundet sein werde?“ So stehen die Dinge! Ich konnte mir ein Leben ohne unsere Freundschaft nicht vorstellen: nicht eine Schwester war mir so nahe wie Ira. Nun, ich respektiere die Wahl eines jeden. Ich freue mich darüber, dass ich mich wert schätzen kann, egal was man über mich erzählt.

Ich weiß, das Gerüchte und Neid, Teil des Lebens sind. Eines Tages hörte ich von meiner Lehrerin, der Schauspielerin Veroniki Nasal’skij über einen Dialog mit dem Professor zum Thema „Gerüchte und Neid in intellektuellen Kreisen.“ Sie fragte den Professor darüber, ob es Gerüchte in intellektuellen Kreisen gäbe? Man hörte, dass in den Boheme-Kreisen, immer Konkurrenz, Neid und Intrigen existierten. Darauf antwortete der Professor: „Wir essen uns gegenseitig, ohne zu schmatzen!“ Hier hast du deine Geschichte.

Das Selbe über Freundschaft. Du wartest auf eine Freundschaft wie die von Krokodil Gena und Cheburaschka, dann taucht anstelle von Cheburaschka die freche Shapokljak mit der Ratte Lariska auf und macht Schabernack bis zu dem Punkt, an dem du die Zähne zeigst und sie in den Hintern trittst. Ich machte einen Punkt in den Verhältnissen mit solchen „Freundinnen“ und lebe wunderbar ohne sie, ohne jemanden zu brauchen. Und heute werde ich umgeben von den aller ehrlichsten Freunden, die ich in den Jahren meines Lebens gewann. Ich liebe sie und schätze sie sehr. Doch diejenige, die ich aus meinem Leben gestrichen habe, werden nie in meinem herzen bleiben. Sie gehören alle der Vergangenheit an…Ich danke ihnen für die Erfahrung und die Möglichkeit stärker zu werden und weiser.

Мария [Маша] Буянова – Maria [Mascha] Bujanov Übersetzung: Lena Muchin und PMS – Postmigrantische Störung

Без начала

Это всё было не само собой разумеющимся. Там жили немногие из нас. Незаметно. Распределённые в общежитиях для переселенцев и задержавшиеся там для поиска квартиры. Честолюбие и настойчивость стоили того: нас встретила булыжная мостовая, очаровательно окруженная старыми домами и сочной зеленью. Здесь хочется остаться. Ради этого не жалко никаких стараний и можно подождать.

Вдоль улицы, рассечённой посередине сверкающим ручьём, оставили свои следы собаки с людьми. Если коротенькие детские ножки захотят спуститься к воде, то приблизятся довольно близко к этим следам. Зато вскоре утки, а иногда и рыбы позволят с собой поздороваться. Поход вдоль бурлящего потока приведёт к детским площадкам, исправным, без заноз и ржавчины. Они притягивают ножки как магниты и не отпускают их, пока не стемнеет или желудок не станет пустым. Вот бы всем детям можно было сюда приходить. Они выучивают наизусть все детали улиц. Пока ждёшь родителей, умение хорошо во всём разбираться означает быть сильным. Чтобы остаться, нужно выполнить важные дела. Чтобы наслаждаться, нужно многое освоить и кое-что забыть. Но только чуть-чуть.

Мы едем дальше вдоль бетонных дорог и мимо серых фонтанов. Шумные трамваи, редкие кустарники, ржавые детские площадки. Из маленьких камешек склеенные плиты образуют ровные стены домов, пронзающие высоту. Если у входной двери поднять голову, то большие глаза не увидят края до самого неба. Мы в гостях. Певучий язык, позже почти забыт, выводит трели и акценты, смеётся и поддразнивает. Сколько радости! Вот бы всем детям такого. Но миры опять отделяются друг от друга, когда мы едем трамваем обратно. Это же несправедливо, знакомить других с этим миром, таким далёким и почти недосягаемым? К тому же на обратной стороне у всех такие чудесные игрушки, не заигранные, почти поломанные. Они наверное посмеялись бы над этим. А может и нет.

«На тебе то же самое, что и вчера?» – спросила меня одноклассница в четвёртом классе. К счастью, скоро я перейду в другую школу. В другом месте к этому бы так серьёзно не отнеслись. Тогда я это приняла всерьёз. Почти тринадцать лет спустя при встрече ты сказал_а: «Мы понимаем друг друга так хорошо, потому что у нас есть миграционное прошлое.» Но оно так далеко в прошлом, что его с подругами поначалу совсем не обсуждали, либо забывали до следующей встречи. Обычно я думаю, что это не так уж важно. Мы живём здесь и сейчас, наслаждаемся буднями, которые уже немецкие. Когда я в гостях у бабушки и дедушки в России, то для многих это звучит как приключение. Для меня это поездка к родственникам. Признаюсь: это чудесно – с обыкновенными семейными проблемами и радостями. Это не бэкпэкинг на дикий восток. Жаркое лето и там тяжело переносить. А водку в моей семье пьют три или четыре человека – вещи, которые я не хочу больше объяснять.

Мы с бабушкой работаем в огороде. Неторопливые беседы, натёртая морковка, свежий творог и молоко соседских коров – ей самой уже тяжело содержать своих. Её огород и дом я знаю наизусть, как свои пять пальцев. С самого детства я проводила там почти каждое лето.

Белый дом, с тремя комнатами и лазурными окнами, не такой свежий как раньше, принимал у себя много гостей. Порой нас было восемь, девять или даже десять. Одна из комнат дедушкина, это его территория. А бабушка подстраивается. Приятные запахи висят в воздухе между советскими стенками. Дому повезло, что о нём кто-то заботится. Пока хозяева ментально в состоянии им заниматься. Другие уединяются, ссорятся, сходят с ума, получают мизерные пенсии… знакомые жизненные реалии за разными фасадами.

В саду растут вишня, малина, яблони, ежевика, цветы, смородина, огурцы, берёзы, кабачки, помидоры, морковь, картошка, лук… Я иду через огромный огород к ещё большему озеру. Коровы, рыбаки, бездомные собаки – посреди недели немного людей. На выходные приезжают туристы, ревущие «Джипы», «Жигули» и мусор. Поставили шлагбаум и бочки для мусора. Въезд ограничен. Вот бы детям и с этим познакомиться. Можно ли это рассказывать?

Когда учителя на уроках обсуждают другие страны и культуры, они часто бестактно и тупо задают вопросы моим подругам, чьи родители давно переехали из Вьетнама в Германию. Мы тогда об этом ещё не говорили. Можно подумать, что это же приятно, познакомиться с людьми, чьи реалии не только немецкие: родительский дом, будничные продукты питания, предпочтения, фильмы, музыка, сказки перед сном…

Требования, делиться в интересах образования, не задаваясь вопросом о душевном состоянии. Между строчек, как пометки на полях и комментарии, которым на новой родине не придаётся должного значения. Это по-настоящему интересно, а стоит ли эту историю упомянуть? Возможно, дети это интуитивно лучше понимают.

Я часто была невидимой. Никто не спрашивал, как мы питаемся, играем, что мы поём, как празднуем и я ничего не рассказывала. Ни то, как я воспринимала обеспеченный городской квартал в сравнении с гетто. Ни то, как я сравнивала разный уклад жизни, детские комнаты и игрушки. И ни о том, как я чувствовала уколы, когда видела других Невидимых, Непринятых, имевшие на это свои причины, о том, как подружилась с ними.

Поездка к родственникам не упоминалась ни на утреннем приветствии в школе, ни в разговорах на переменах. Если я рассказывала о каникулах, то я что-нибудь выдумывала. Многие летали на Мальорку, в Швецию, Грецию или Великобританию. Откуда эта стыдливость, которая сейчас постепенно растворяется? Пока родителей не было рядом, меня не замечали. Если дети учат язык, то они на нём говорят чаще всего без акцента. Они как бы между прочим будут поправлять артикли перед существительными, писать письма и переводить, чтобы избежать критики или разоблачения. На протяжении всей жизни будет бурлить надёжный источник для языковых советов и бюрократического опыта – оберегающий от сухи. В любой момент он может пригодиться и испытывает угрызения совести, если начнёт высыхать, чтобы найти своё собственное новое начало.

На перроне вокзала города-миллионника, который тем временем стал известен благодаря удару метеорита, стоят ножки среднего размера. Тёплые ручейки льются до подбородка по ещё маленьким круглым щёчкам, тело дрожит, а поезд совсем скоро отправится обратно.

Kein Anfang

Das war alles andere als selbstverständlich. Dort wohnten nicht viele von uns. Nicht so offensichtlich. Verteilt in Aussiedlerheimen und zur Wohnungssuche angehalten. Ambition und Hartnäckigkeit zahlten sich aus: charmant vom Altbau umsäumtes Kopfsteinpflaster und saftiges Grün empfingen uns. Da möchte man bleiben. Dafür ist keine Mühe zu schade und die dauert an.

Entlang der Straße, die in der Mitte ein funkelnder Bach spaltet, hinterlassen Hunde mit Menschen ihre Spuren. Wenn kurze Kinderbeine zum Wasser möchten, kommt man den Hinterlassenschaften recht nahe. Doch bald lassen sich Enten und manchmal Fische begrüßen. Auf Wanderschaft am reißenden Strom gelangt man zu funktionierenden, splitter- und rostfreien Spielplätzen, die die Beinchen magnetisieren und nicht wieder hergeben, bis es dunkel wird oder der Magen leer. Alle Kinder sollten hierherkommen dürfen. Sie lernen die Straßen in allen Einzelheiten auswendig. Sich bestens auszukennen bedeutet Stärke, während man auf die Eltern wartet. Sie müssen wichtige Dinge erledigen, um zu bleiben. Um zu genießen, muss viel gelernt werden und ein bisschen vergessen. Aber nur ein bisschen.

Wir fahren weiter an Betonstraßen und grauen Brunnen vorbei. Laute Straßenbahnen, wenige Sträucher, rostige Spielplätze. Zusammengeklebte Platten aus vielen Steinchen bilden ebene Hauswände, die in die Höhe stechen. An der Eingangstür den Kopf in den Nacken gelegt, sehen die großen Augen kein Ende bis zum Himmel. Wir sind zu Besuch. Eine singende Sprache, später fast verlernt, spielt Triller und Akzente, lacht und neckt. Wie viel Freude! Alle Kinder sollten diese erleben dürfen. Die Welten sind aber weit auseinander, wenn wir wieder zurückfahren mit der Straßenbahn. Wäre es ungerecht, andere neugierig auf diese Welt zu machen, wenn sie so weit und fast unerreichbar ist? Außerdem haben da drüben doch alle so tolle Spielsachen und nicht benutzte, halb-zerbrochene. Darüber würden sie bestimmt lachen. Vielleicht.

„Hast du etwa das Gleiche an wie gestern?“, fragte mich eine Klassenkameradin in der Vierten. Zum Glück wechselte ich bald die Schule. Anderswo würde das bestimmt weniger ernst genommen werden. Ich nahm es damals ernst und fast dreizehn Jahre später traf ich dich und du sagtest: „Wir verstehen uns so gut, weil wir einen Migrationshintergrund haben.“ Der steckt aber so weit hinten, dass er bei Freundinnen anfangs nicht thematisiert oder bis zum nächsten Mal wieder vergessen war. Meistens denke ich, das macht nichts. Wir leben im Hier und Jetzt, genießen die Alltäglichkeit, die nun mal deutsch ist. Wenn ich meine Großeltern in Russland besuche, klingt es für die meisten nach Abenteuer. Für mich ist es ein Familienbesuch. Zugegeben ein schöner mit normalen familiären Höhen und Tiefen. Kein Backpacking in den wilden Osten. Die heißen Sommer sind auch dort kaum auszuhalten. Wodka trinken drei oder vier Personen aus meiner Familie – Dinge, die ich nicht mehr erklären möchte.

Meine Oma und ich arbeiten auf dem Acker. Geduldige Gespräche, geraspelte Möhren, frischer Quark und Milch von den Kühen der Nachbarn, da sie selbst keine mehr halten kann. Ihren Garten und das Haus kenne ich so gut wie meine eigenen Hände. Seit meiner Kindheit war ich beinahe jeden Sommer dort. Das weiße Haus mit drei Zimmern und azurblauen Fenstern, nicht mehr so frisch wie zuvor, beherbergte viele Gäste. Manchmal waren wir zu acht, neunt oder zehnt. Eins der Zimmer gehört meinem Opa und darin bleibt er auch nur für sich. Meine Oma passt sich an. Wohlige Düfte schweben zwischen sowjetisch-subventionierten Wänden. Ein Haus, das Glück hat, weil sich jemand darum kümmert. Weil die Eigentümer mental in der Lage dazu sind. Andere vereinsamen, zerstreiten sich, werden wahnsinnig, bekommen lächerliche Renten… bekannte Lebensrealitäten hinter unterschiedlichen Fassaden.

Draußen wachsen Kirschen, Himbeeren, Äpfel, Brombeeren, Blumen, Johannisbeeren, Gurken, Birken, Zucchini, Tomaten, Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln… Ich gehe durch den riesigen Garten zum noch größeren See. Kühe, Angler, freie Hunde, unter der Woche nur wenige Menschen. Am Wochenende kommen Touristen, laute Geländewagen, Ladas und Müll. Schranken und Tonnen wurden aufgestellt. Zugang beschränkt. Auch das sollten Kinder kennenlernen dürfen. Konnte das erzählt werden?

Wenn Lehrer*innen andere Länder und Kulturen thematisierten, fragten sie häufig unsensibel und stumpf meine Freundinnen, deren Eltern vor längerer Zeit aus Vietnam nach Deutschland kamen. Wir sprachen damals nicht darüber. Man könnte meinen, es sei nett, Mitmenschen mit nicht-deutschen Realitäten kennenzulernen, Elternhäusern, alltäglichen Lebensmitteln, Prioritäten, Filmen, Musik, Gute-Nacht-Geschichten…

Aufforderungen zum Teilen im Interesse der Bildung, ohne nach Befindlichkeiten zu fragen. Zwischen den Zeilen, als Randbemerkung und Kommentar, welcher in der neuen Heimat nicht von dauerhafter Bedeutung sei. Ist es dann echtes Interesse und die Erzählung erwähnenswert? Vielleicht wissen Kinder das intuitiv besser.

Ich war meist unsichtbar. Niemand fragte, was es bei uns zu essen, spielen, singen, feiern gab und ich erzählte nichts. Nicht, wie ich das wohlbehütete Stadtviertel im Vergleich zu Ghettos wahrnahm. Nicht, wie ich unterschiedliche Haushalte, Kinderzimmer und Spielsachen verglich. Nicht, wie ich Stiche fühlte, wenn ich weitere Unsichtbare oder Unbequeme sah, die ihre eigenen Gründe dafür hatten und mich mit ihnen anfreundete. Der Familienbesuch wurde weder im Morgenkreis noch in Pausengesprächen erwähnt. Wenn ich über Ferien sprach, dachte ich mir etwas aus. Viele flogen nach Mallorca, Schweden, Griechenland oder Großbritannien. Woher diese Scham, die sich heute nach und nach löst? Solange meine Eltern nirgendwo dabei waren, fiel ich nicht auf. Wenn Kinder eine Sprache lernen, sprechen sie diese meistens ohne Akzent. Sie werden ganz nebenbei Artikel vor Substantiven berichtigen, Briefe schreiben und übersetzen, wenn sie Kritik oder Bloßstellung vermeiden wollen. Ihr Leben lang sprudelt eine verlässliche Quelle für sprachlichen Rat und bürokratische Versiertheit und hütet sich vorm Austrocknen. Sie könnte jederzeit gebraucht werden und erfährt Gewissensbisse, wenn sie trockengelegt wird, um sich einen neuen, eigenen Ursprung zu suchen…

Am Bahnsteig der Millionenstadt, die hier mittlerweile für einen Meteoriteneinschlag bekannt ist, stehen mittelgroße Beine. Warme Bäche strömen über noch kleine Pausbäckchen bis zum Kinn, begleitet vom bebenden Körper, und der Zug fährt schon bald wieder zurück.

Ieromonah Averkij: „Poteri“ -„die Verluste“

Daktil‘ No 11, August 2020

Welch unermessliches Thema – der Verlust.

Mehr als vor siebentausend Jahren verlor Adam das Paradies. Das ist eine riesige Tragödie.

Weniger als vor einem Tag wurden fast dreitausend meiner Fotos vom Speicher des Telefons gelöscht. Warum auch immer, doch traurig wurde ich deswegen nicht. Früher dagegen schon. Machte mir Sorgen. Nun denke ich anders.

Vor mir liegen weitere Wanderschaften!

Wenn nur wenigstens drei tausend meiner schlimmen Gedanken verschwänden, Eindrücke, Erinnerungen, Worte, Taten, Ideen, Sorgen! Interessant, dass ich schon ein paar Mal bewusst meine ganzen Gedichte und Fotos vom Speicher des Telefons gelöscht habe, weil ich böse war auf meine Eitelkeit und gewillt, ein neues Leben zu beginnen –  ein ruhiges, bescheidenes, unscheinbares, nicht künstlerisches. Ein solches Leben gelang nicht. Und ich stellte das Gelöschte aus den Archiven der Freunde wieder her.

Diesmal verschwanden die Fotografien nicht weil ich es wollte. Es entstand die Gelegenheit einen Aufsatz zu schreiben zum Thema „Meine Einbußen, meine Verluste…“ Ich werde nicht ausführlich über große Verluste sprechen, welche mein ganzes Leben erbebten: die Scheidung von Mama und Papa, der Zerfall der Pfeiler in den 90er Jahren, der Tod eines Beichtvaters, zeitlicher Verkauf des eigenen Gewissens, der Verrat von Freunden, das Scheitern von Hoffnung, das Nichtwahrnehmen von Möglichkeiten, Nichtrealisierung von Fähigkeiten, das Nichtachten auf die Gesundheit, das Abstumpfen von Talenten, die Täuschung in Menschen, das Verarmen von Liebe.

Ich möchte mich an kleine Verluste erinnern.

Ich weiß nicht, wo ich mein geliebtes Kreuzchen verloren habe. Ein kleines, mit leuchtend-blauer Emaille. Ich ging noch nicht in die Kirche, doch trug es, um besser Fußball zu spielen – und überhaupt, um besser zu leben. Die Schnur riss. Ich verlor das Kreuzchen. Dann fand ich es wieder. Das kam häufiger vor. Dann verschwand es spurlos. Es gibt noch die schwache Hoffnung, dass vielleicht, irgendwann, es wieder auftauchen wird, dann wenn wir das Bett zu Holz verarbeiten, den Teppich neu legen oder bei archäologischen Grabungen des XXIII Jahrhunderts. 

Im Jahr 1994 stand ich auf einem riesigen Kreuzweg. Ich floh aus der kasachischen Universität nach Sergiev Posad: Der Journalismus bedrückte mich. Ich wollte nicht in der Stadt leben, wollte mich nicht zwischen den lauten Studenten aufhalten, ich wollte mich nicht vertiefen in den Nervenkrieg des letzten Jahres an der Universität und in das Schreiben der Diplomarbeit.

Der Älteste Naum segnete mich, damit ich ins Nikitskij Kloster der Jaroslawskaja Diözese fahre, um dort zu arbeiten.

Dort lernte ich beim Gehilfen des Kochs, beim Hirten und dem Ablader der Backsteine. Ich lernte es, auf dem Pferd zu reiten, Kühe zu melken, die Anfälle von schrecklichem Trübsinn zu überstehen, früh auf zu stehen, die russische Kälte zu ertragen. Eines Tages fragte mich der Klostervorsteher, ob ich vorhabe mir, wie es sich bei den Mönchen gehört, den Kopf zu scheren. Das war für mich eine Überraschung, obwohl ich das Mönchstum liebte und verstand, dass ich nicht in der Lage bin, eine Familie zu gründen.

Als der Archimandrit Naum nach Alma-Ata kam und auf der Baustelle der Kirche arbeitete, zur Ehre der Geburt Christi, fragte ich ihn: „Hochwürdiger Herr, darf ich heiraten?“ Der Älteste schaute mich zärtlich, mit einem Lächeln auf mich und schwieg.

Nach ein paar Stunden bauten wir das Altmetall von dem  Laderaum des großen Autos. Ich stand oben. Ich gab die Batterie nach unten und machte es so ungünstig, dass diese runter fiel und der Bruder, welcher die Lasten annahm , sich drehte von dem Schlag des gusseisernen Akkordeons. Alle wurden wach von dem Schrecken. Der Älteste Naum, welcher in meiner Nähe stand, sagte zu mir: „Schau dich an. Du kannst doch so nicht heiraten? Für die Familie muss man alles können: sich anstrengen, sich drehen, überall pünktlich sein, Millionen verdienen. Lese das Gebet Jesu’“

Dieses Ereignis blieb lange in meiner Erinnerung, denn damals stellte sich heraus, wie ich mit meiner Zerstreutheit, Faulheit, Unbeständigkeit, „krummen“ Händen, nervigen Abstürzen, Egoismus, nicht angebrachtem Romantizismus, mich selbst quälen werde, aber auch meine Ehefrau und meine Verwandten, die Beichtvater. Aber ich träumte nie wirklich von Familie. Ich fragte es nur so. Igumen Anatolij erlaubte es mir, in die Troica-Sergiev- Mönchskloster zu fahren zum Ältesten Naum, um zu beraten bezüglich der Haare.

„Hochwürdiger Herr, Igumen hat mir angeboten, die Erlaubnis für die Scherung zu bekommen.“

„Wolltest du nicht heiraten?“

„Nun, eigentlich hatte ich es nicht vor. Doch nur wenn im Geistlichen, wie der heilige Ioan Kronshtadskij, um zusammen zu wandern, das Gebt zu vollführen…“

„Dann lasse dich scheren. Beginne Mönchskleidung zu sammeln oder zu nähen – das ist für dich – für den Beginn…“

Mit diesen Worten ging der Älteste in das Innere der Mönchszelle und brachte mir einen Priesterrock heraus. Wie froh wurde mir zu Mute! Der Priesterrock eines Mönches! Die Segnung für das Mönchstum. Dann kam es dazu, dass ich die Scherung nach einem halben Jahr in Alma-Aty annahm. Mir wurde ein neuer Priesterrock genäht. Und den Priesterrock des Ältesten schenkte ich einem Geistlichen. Warum machte ich das? Ich verstehe es nicht. Für ihn bedeutete er nicht so viel wie für mich. In meiner kranke Seele kommen die Anflüge unvernünftigen Großzügigkeit, nicht gesegneter Wanderschaft, dummer Originalität, sinnloser Aufopferung auf, was  ich im Nachhinein bereue. Wo bist du, gesegneter Priesterrock? Vielleicht ist es wichtig, damit dieser allein in meiner Erinnerung bleibt, sonst würde ich immer alle daran erinnern, dass ich den Priesterrock des hohen Ältesten trage, und diesen beschämen mit meinen eignen, vielfältigen, schrecklichen Fehlern.

Vor langer Zeit las ich, dass es gesund sei, immer das Evangelium bei sich zu haben. Selbst im geschlossenem Zustand, bereichern diese den Menschen mit ihrem Glanz. Und wenn man die heiligen Seiten öffnet und liest, dann kann man weise werden und den Willen Gottes finden. Ich kaufte ein Taschenevangelium im roten Einband und begann dieses in meiner Brusttasche zu tragen. Das beruhigte mich sehr uns stärkte mich.

Im Jahr 2008 hatte ich einen schrecklichen Unfall. Im Moment des Zusammenpralls hielt ich das Evengelium in meinen Händen. Ich las es auf Reisen. Nachdem ich wieder zu Bewusstsein kam und man mich aus dem kaputten Auto heraus holte, wollte ich sofort das rettende Buch finden. Der Einband fiel ab, die Seiten waren angerissen. Ich öffnete den heiligen Text. Das Blut aus den fünf Schnitten auf dem Kopf begann auf die Seiten zu tropfen. Doch es erreichte nicht die Zeilen, sondern floss auf den Feldern zwischen dem Text. Als ich später die Seiten des Evageliums mit den blutigen Flecken durchschaute, kamen in mir sorgenvolle Erinnerungen auf: Ich las den Teil, wo der Erzengel Gabriel dem Heiligen Zacharias, dem Vater Johannes‘ sagt, dass bald Freude und Festlichkeit auftauchen werden. 

„Dann tauchte vor ihm der Engel Gottes auf, auf der rechten Seite des Räucheraltars stehend. Als Zacharias ihn sah, wurde er betrübt und ihn überfiel die Angst. Der Engel sagte zu ihm: habe keine Angst, Zacharias, dein Gebet wurde erhört und deine Ehefrau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären und du wirst ihn Johannes nennen; und du wirst Freude und Festlichkeit haben und viele werden sich über seine Geburt freuen , denn er wird hoch sein vor Gott; er wird keinen Wein trinken und keine starken Getränke und wird schon im Mutterleib vom heiligen Geist erfüllt sein; und viele der Söhne Israels wird er zu Gott führen; Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist“

(Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 1, 11:17).

„All das Mühsame, wird ohne Zweifel zu Frohsinn und Freude führen,“ dachte ich. Genau das geschah. Auf Grund des Unfalls hatte ich das Glück, mich sieben wunderbare Monate neben dem hohen Ältesten Archimandrit Naum zu befinden, jeden Tag mit ihm zu sprechen und seine Aufträge zu erfüllen. Die Ikonenmalerin Valentina reparierte mein Evangelium. Ich trug dieses bei mir fast ein ganzes Jahr, bis ich es verlor.

Nach der Rückkehr aus dem Mönchskloster wurde ich beauftragt, in der Kirche der Geburt der Gottesmutter im Dorf Akzhar, zu dienen. (Übrigens wurde aus dieser Kirche bereits in der ersten Nacht meiner Ankunft die Sammlung der Glocken von der Summe von ein paar tausend Dollar geklaut, welche ich aus dem Jaroslawl-Gebiet mitgebracht habe  – ebenfalls ein Verlust.) Nach der Liturgie ging ich in das Bergkloster der heiligen, klösterlichen Märtyrer Serafim und Theognost, beide aus Alma-Aty. Auf dem Hügel befestigte ich das Evangelium in den Zweigen über mir. Ich ruhte mich aus und ging weiter. Nach ein paar Kilometern entdeckte ich den Verlust.

Ich lief zurück. Doch das Evangelium fand ich nicht. Wie das? Das ist doch die Erinnerung an den Unfall, an das Wunder der Heilung, an das Mönchskloster, auf den Seiten mein Blut. Was ist das? Eine Bestrafung, eine Warnung, eine Entlarvung? Ich hoffe, dass der Engel das heilige Buch den freundlichen Hirten oder Gärtnern gegeben hat. Und diese, während sie es lasen, wurden zu tiefen Kirchenmenschen und nun ist ein Teil von ihnen entweder im Paradies oder im Kloster, sie beten zur Herrscherin des Weltalls für den ehemaligen Eigentümer des Buches, welcher bereits das dritte oder vierte Evangelium in seiner Brusttasche trägt. 

Zum Schluss möchte ich über den Stein erzählen.

Ich mag es, Steine aufzubewahren in Erinnerung an dem Herzen nahe Orte und Ereignisse. Es gibt schöne und außergewöhnliche Steine, manchmal einfache, welche jedoch an ein Wunder erinnern. Jener, über den ich jetzt erzähle, war besonders und verbunden mit der Wanderung des Himmlischen.

Der sechzigjährige Chauffeur Sergej Vasil’evich und ich beschlossen mitten im Sommer die alte Bergstraße aus Taldykorgan nach Zharkent zu erkunden.Wir starteten von der Seite Zharkents, von dem Sanatorium „Zharkent-Arasan“. Zuerst verirrten wir uns und mussten deshalb zwei überflüssige Fels-Hänge umgehen. Dann kamen wir auf den gesuchten Pfad. Wir zweifelten, weiter zu gehen, denn die Entfernung bis zum nächsten Dorf war nach unseren Zählungen, ca. hundert Kilometer entfernt. Plötzlich blieb neben uns ein LKW stehen,  die lustigen Hirten gaben uns frischen Kumys zu trinken und boten an uns ein Stück mit zu nehmen.

Wir willigten unbedacht ein und nach einer Stunde Zittern auf der Abladefläche befanden wir uns auf einer hoch gelegenen Weide, die sich auf unserem Weg befand, Es dämmerte. Dann verstanden wir, dass wir uns entfernt hatten von dem gesuchten Ort und dann uns ca. sechzig Kilometer entfernten und bis zum Ende (Dorf Kalinovka) ist die Anzahl der Kilometer unbekannt. Doch wir beschlossen, nur gerade aus zu gehen. Sergej Vasil’evich war voll jungen Ehrgeizes. Als es ganz dunkel wurde, erinnerten wir uns daran, dass wir seit dem Morgen nichts gegessen hatte, und keine Lebensmittel dabei hatten: wir mochten es, ohne volle Taschen zu wandern. Auf dem Weg sahen wir eine Jurte. Um sie herum liefen und bellten Hunde. Ein junger Kasache näherte sich uns und wir versuchten ihn um ein Abendessen zu bitten.

„Kairly kesh, baurym! (Guten Abend, Bruder!) „Rahmet. (Danke.)“ „Kal kalaj? (Wie geht es dir?)“

„Zhaksy. (Gut.)“ „Kaskyr keledy?) (Kommen Wölfe hier her?)“ „Zhok. (Nein)“ „Magan su ishiniz. (Gib uns Wasser zu trinken.)“ „Mynau su. (Hier ist Wasser).“

Mit diesen Worten zeigte uns der Jüngling auf eine saubere Bergquelle, welche neben unseren Füßen entlang lief. Und uns fiel sie zuerst gar nicht auf. Wir verstanden, dass man uns nicht in die Jurte einladen wollte. Doch da kam aus der Jurte ein alter Hirte heraus und begann uns aus ganzem Herzen, uns zum Abendessen ein zu laden. Er rügte den Jüngeren für seine Unentschlossenheit bei dem Empfang von Gästen, welche man in Kasachstan empfangen muss wie die Boten Gottes.

Wir betraten die Jurte. Wie herzlich man uns empfing! Schmand, Käse, Butter, Marmelade, frisches Brot, Kurt, Kumys, Tee, ein freundliches Gespräch. Wir verneinten den Vorschlag, in der Jurte zu übernachten. Wir wollten die Hausherren nicht beschämen, sondern des nachts weiter wandern.

Wir begaben uns auf den Weg und kamen nach achtzehn Stunden schon am Ort an. In dieser Zeit mussten wir über dreißig Bergströme watten. Ausruhen wollten wir uns nicht – dafür war es zu kalt, Im Mondlicht  glänzten die Gletscher. Drumherum tauchten schreckliche Schatten auf und Silhouetten, nach dem Gebet erkannten wir, dass es Kühe und Pferde waren.

Sergej Vasil’evich erzählte viele interessante Geschichten aus seinem Leben als LKW-Fahrer. Ich verstand, warum die zweite Wurzel dieses Wortes auftauchte. Das Transportieren von Lasten – ein wahrer Kampf. Die Füße waren nass, doch das Gehen wärmte uns. Am Morgen fanden wir in der Quelle eine Plastikflasche von zwei Litern mit Kefir aus Pferdemilch. Es sah so aus, also ob die Quelle diese von Weitem gebracht hatte (es gab keine Jurten in der nähe) und uns beschenkte dank Gottes Befehl.

Um die Mittagszeit herum stießen wir auf eine irdische Anomalie: Die Hänge waren besonders dicht bewachsen mit süßen und aromatischen Beeren. Diese zu essen war besonders bequem im Liegen – zu Beginn haben wir nicht einmal die Hände dafür verwendet. Die Sonne brannte. Die Kräfte ließen nach. In der Ferne zeigte sich das Dorf Aral-Tjube. Um dorthin zu gelangen, musste man durch einen Fluss Kaskenterek watten, dieser hat viel Wasser und ist besonders stürmisch. Schon vor dem Ende des schweren Wattens, fühlte ich, dass der Fluss mich umfallen lässt. Ich warf mich aus allen Kräften nach vorne und fiel bald auf die Steine am Ufer. Ich bleib liegen.

Als ich die Augen öffnete, sah ich ihn – einen zauberhaften, schwarzen Stein, mit dem geraden, symmetrischen Bild eines Herzens. Doch war dieses Bild nicht von Hand erschaffen worden. Irgendeine weiße Farbe schmolz in der schwarzen. Wir nahmen den Stein mit – wie einen Orden, wie eine Erinnerung an das Weiße des Herzens und an eine sehr schwere Wanderung. Der Stein lag nur einige Monate im Koktal‘ und verschwand. Lange Zeit erschien er mir in den Steinen, von welchen es nicht wenige gibt auf dem Territorium der Kirche. Doch leider blieb er mir nur im Gedächtnis. Ich fliehe feige vor schweren Strecken, und mein Herz ist weiß.

Nun, solche Erinnerungen an die Verluste.

Es gibt noch eine Erzählung über ein großes, steinernes Auge in den Felsen auf dem Weg zum Medeo, welches ich sah, fotografierte, doch beim zweiten Mal nicht finden konnte. Nächstes Mal suche ich danach. Ich hoffe, dorthin zu gehen, vielleicht mit einem von Ihnen, um meine Freunde zu erfreuen, wenigstens einen Verlust wieder zu finden. Verschwindet nicht! Verirrt euch nicht!

                                                                                                                                  27 Juli, 2020

Oral Arukenova Der Zwinger

Veröffentlicht in Daktil‘ Nr 11, August 2020

An jenem Morgen, zum ersten Mal im Frühling, erwachte Aziza von dem Trällern der Nachtigall, sie sprang sofort vom Bett auf und schaute aus dem Fenster. Zuerst fiel ihr Blick auf das Nachbargebäude mit einem halbrunden, leeren Speicher, durch welchen man die  glänzende Scheibe der Sonne sehen konnte. Dann schaute sie nach unten auf den Apfelbaum, welcher bereits Blüten trug, auf das klar-grüne, noch winzige Laub des Ahornbaumes, auf die Abzäunung des Vorgartens und einen Haufen welken Laubs vom letzten Herbst. Das Thermometer hinter dem Fenster zeigte fünfzehn Grad, die Uhr halb sieben. Die beste Zeit für einen Spaziergang, solange die Patrouille noch nicht auf den Straßen aufgetaucht ist. 

„Tach. Ist es Ihr Zwinger?“ fragte die Nachbarin aus dem Nachbartreppenhaus, als Aziza in Sportkleidung und Turnschuhen den Hof betrat.

„Guten Tag! Welcher Zwinger?“

Zhazira zeigte mit einem Blick auf die quadratische, teils verrostete, metallische Konstruktion hinter den schrägen Ställen.

„Natürlich nicht. Wozu brauche ich sie? Antwortete Aziza erstaunt.

„Nun, ich weiß  nicht. Vielleicht wollen Sie Hunde züchten, Sie sagten doch einmal, dass Sie sich einen Hund anschaffen wollen.“

Aziza wollte natürlich die Nachbarin umstimmen, doch aus Erfahrung von anderen Gesprächen wusste sie, wie viel Zeit das raubte und überlegte es sich anders. Man hätte sich empören können, das würde auch gehen, doch sie wollte sich nicht schon am Morgen die Stimmung vermiesen. Aziza atmete tief die Morgenluft ein, lächelte und ging weiter. Zhasira schaute ihr hinterher und drehte den Finger an der Schläfe. Noch ein paar weitere Nachbarn fragten Aziza innerhalb dieser einen Woche, ob sie wisse, wem der Zwinger gehöre.

Anna Ivanovna wedelte ihr ein mal mit der Hand aus dem Fenster der ersten Etage und lud sie ein, sie zu besuchen. „Warum nur habe ich bei ihr vorbei geschaut?“ dachte Aziza. Die Alte war nicht langweilig, eher nervig, wobei das kein Problem darstellte. Der Geruch ihrer Wohnung – das bereitete Aziza Sorgen. Wenn man einen stickigen Gestank als Geruch bezeichnen konnte, welcher damals auftauchte, als die Alte neunzig Jahre alt wurde. Dieser Gestank verteilte sich schnell im Treppenhaus, wenn die Hausherrin die Haustür öffnete.

In der Zweizimmerwohnung Anna Ivanovnas herrschte eine ideale Ordnung, die blassblauen, hölzernen Quadrate auf der Decke glänzten, als ob man sie gerade eben gewaschen und poliert hätte. Der höhere Teil der Wände war mit einer Kalkschicht bestrichen, die Paneele mit blauer Farbe. Von der Türschwelle aus sah man die Küche mit dem schwarz-weißen Herd, möglich die erste sowjetische Variante. Töpfchen, Teekannen, Löffel lagen auf dem Tisch bei der  hohen, engen Fensterbank und leuchten in den Sonnenstrahlen. Im Wohnzimmer, rechts über dem Sofa, hing ein Wollteppich, im Glasschrank – Kristall. Auf der Schwelle – ein bunter, synthetischer Teppich, so sauber, dass man sich gar nicht traute, auf diesen zu treten. Doch woher kam diese stickige Luft? Aziza und ihr Ehemann hatten sogar die Theorie aufgestellt, dass es der Geruch des Alters sei – eine Metapher des Unterganges des Lebens, wobei sie noch nie diesen Geruch bei anderen Alten verspürt haben oder es ist ihnen nicht aufgefallen. 

„Hast du etwa vor, Hunde zu züchten?“ Die Alte warf sich von der Schwelle aus auf Aziza.

„Welche Hunde?“ Die Frau krümmte den Mund.

Die Alte grinste heuchlerisch und zeigte ihre kleinen, gelben Zähne.

„Ja, ich habe nicht daran geglaubt, wobei mich Zhazira lange davon überzeugen wollte, dass es dein Zwinger ist, hinter den Ställen. Sie sagt, ihr Mann sei zurück gekehrt, hat das Trinken aufgegeben, und so haben sie beschlossen, auf dem Hof, Hunde zu züchten.“ Die Alte verbarg nicht ihre Neugierde und beobachtete die Reaktion Azizas.

„Anna Ivanna, lassen Sie uns sachlich sprechen,“ die Frau krümmte die Augenbrauen.

„Ähm…Das ist, schau mal, der Zählerstand, dort in der Ecke, ich komme da nicht hin, mein Kopf dreht sich…“

Aziza öffnete das Türchen des Zählers und diktierte der Alten die Ziffern.

„Wenn das alles ist, dann gehe ich. Ich habe keine Zeit,“ sagte sie und öffnete die Eingangstür.

„Nun geh, natürlich, nur diese Seuche, wie nennt sie sich?“ fragte die Alte verwirrt.

„Koronavirus,“ sagte Aziza.

„Ja, man sagt, man habe in der Stadt den Verkehr verboten, der Sohn kann mich nicht besuchen, möchte mich zu sich holen. Ich lasse meine Wohnung allein…“

Aziza sah die Nachbarin zum ersten Mal verwirrt, sie hielt sich noch eine Weile auf der Türschwelle und machte wieder die Tür zu.

„Machen Sie sich nicht zu große Sorgen, Anna Ivanna. Die Quarantäne wird zu ende gehen, Sie werden zurück kehren. Und wir werden nach Ihrer Wohnung schauen.“

„Was wird dann mit dem Zwinger werden. Bitte vertausche du in meiner Abwesenheit nichts, weder im Treppenhaus, noch im Garten,“ sagte die Alte.

„Anna Ivanna, wer braucht schon unser Treppenhaus, Sie sagte ja schon selbst, das seitdem dieses im Jahr 1953 erbaut wurde, hat man es nie renoviert.

„So ist es, man sagt nur, dass man die Ställe abbauen möchte. Höre zu, ohne  mich keinen Abbau, das steht meine Marmelade und ich horte Sachen darin. Wenn sie kommen, dann sage ihnen, dass ich es nicht erlaube, ich bin sechsundneunzig Jahre alt, ich bin ein Arbeiterveteran, sag es ihnen, man kennt mich im Akimat. Ich ahne schon, dass wenn ich weg fahre, sie die Bäume in meinem Vorgarten fällen und die Ställe abreißen…“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Anna Ivanna, lassen Sie mir Ihre Nummer da, ich werde mit Ihnen in Kontakt tretet, wenn was ist.“

„Nein, ich kann Ihnen die Nummer nicht geben, nimm die von der Alten Altynaj aus dem zweiten Treppenhaus. Sonst werden alle anrufen, und ich bin dort bei Gast. Wem wird so etwas gefallen?“

„Gut, Anna Ivanna, ich wünsche Ihnen Gesundheit, wir sehen uns nach der Quarantäne.“ Aziza verließ die Wohnung und eilte auf die Straße, um noch etwas zu atmen.

Auf dem Hof stand der Vertreter des KSK, Vasilij Ivanovich, die Anwohner nannten ihn hinter seinem Rücken Chapaj. Der Alte war nicht hoch von Statur, quadratisch, als ob er in die Breite ginge, anstatt nach oben zu wachsen, mit Glupschaugen und einem eingefrorenem Blick.

„Guten Tag, Vasilij Ivanch!“ grüßte Aziza.

„Guten Tag, wissen Sie zufällig, wem dieser Zwinger hinter den Ställen gehört?“ fragte er,

„Hat man Ihnen auch erzählt, dass ich dort Hunde züchten möchte?“ antwortete die Frau mit einer Gegenfrage.

Die Augen des Vertreters schienen wie aus der Augenhöhle ausgetreten zu sein, in seinem Blick tauchte eine lebendige Bewegung auf.

„Wie, Hunde züchten? In der Wohnung oder auf dem Hof?“

„Im Stall,“ spornte Aziza den Vertreter an.

Er wölbte noch stärker die Augen auf.

„Haben Sie eine Erlaubnis?“

„Nein, ich mache natürlich nur Spaß,“ lächelt die Frau.

„Sie haben vielleicht Späße. Ist es nun ihr Zwinger?“

„Nein, ich habe keine Beziehung zu diesem Zwinger. Was haben sie mit diesem Metallteil? Sie sollten besser einen Hausmeister engagieren, der Hof wurde ein halbes Jahr nicht aufgeräumt. Im Vorgarten ist ein Haufen Laub vom letzten Herbst.

„Einen Hausmeister habe ich schon gefunden, er kommt heute Nachmittag. Dann werde ich auch diesen Zwinger weg bringen, denn er stört hier alle.“

„Wozu brauchen Sie den?“ fragte Aziza

„Ich werde ihn zersägen und zum Altmetall abgeben. Er nimmt die Hälfte des Parkplatzes ein, alle beschweren sich.“

„Dann gebe ich es selbst zum Altmetall ab, ich brauche Geld. Meine Tochter ist behindert, das wissen Sie genau,“ sagte beleidigt die unauffällig herannahende Zhasira.

„Nun bitteschön, nehmen Sie es, nur wie wollen Sie es zersägen?“ fragt Chapaj.

Aziza dreht sich um und geht nach hause, ihren Dialog nicht zu Ende hörend. Der Zwinger stand weiter auf seinem Platz, als ob der Vertreter und die Zhazira ihn nicht geteilt hatten.

Nach einem Monat sah Aziza auf der Tür des Hauses einen Aushang darüber, dass die Ställe abgerissen werden und es notwendig ist, diese innerhalb der nächsten Tage zu leeren. Anna Ivanovna hatte Recht. Die Frau eilte in das Nachbartreppenhaus, stieg in die zweite Etage und klingelte an der Tür der Alten Altynaj.

Die Alte überrumpelte Aziza mit der Nachricht vom Tod Anna Ivanovnas.

„Wie ist sie gestorben? Ich habe doch vor der Quarantäne mit ihr gesprochen und hatte sie besucht.“

„Sie hatte sich das Bein gebrochen, der Sohn brachte sie ins Krankenhaus, und dort infizierte sie sich mit dem Covisrus, ist nach  zwei Tagen gestorben…Nun sitzen alle Verwandten in der Quarantäne. Sie erlaubten es nicht einmal, mich zu verabschieden, ließen mich nicht herein. Sie wissen nicht einmal, wo sie beerdigt wurde,“ die Alte atmete bitter auf.

„Das gibt es doch nicht! Und ich wollte sie anrufen, ihr sagen, dass die Ställe abgerissen werden, sie hat dort doch Marmelade gelagert, sagte sie…“

„Wie, man reißt die Ställe ab?!“ Das Gesicht der Alten wurde vor Neugierde breit.

Da hörte man von der ersten Etage die Stimme Zhaziras:

„Sie haben nicht das Recht, ich werde schreiben, ich werde es ihnen zeigen!“

„Man soll den Chapaj anrufen im KSK, interessant, ob er Bescheid weiß? – fragte Aziza.

„Natürlich weiß dieser Ganove Bescheid. Er hat diesen Aushang angebracht. Hast du etwa nicht gesehen, es stand KSK „Nursulan“,“ antwortete Zhazira.

„Ich werde ihn gleich anrufen,“ sagte Aziza und wählte die Nummer des KSK.

Der Vertreter begann zuerst, sich zu rechtfertigen:

„Ich habe einen Anruf vom Akinat bekommen, man sagte mir unbedingt die Anwohner zu informieren.“

„Haben Sie Dokumente für den Stall?“ fragte Chapaj.

„Man soll es prüfen,“ antwortete Aziza, „auf wessen Seite stehen Sie?“

„Natürlich auf Ihrer,“ sagte der Vertreter.

„Warum haben sie dann den Aushang befestigt ohne die Erlaubnis der Anwohner?

„Das ist die Erlaubnis, ich wurde vom Akimat beauftragt.“ antwortete Chapaj.

„Was hat das Akimat damit zu tun? Sie wurden von den Anwohnern ausgewählt, nicht vom Akimat. Ich werde Sogymtaev schreiben, ich schreibe ihm heute einen Brief, werde es vorbereiten und die Unterschriften der Anwohner sammeln,“ entschied sich Aziza spontan.

„Ja schreiben Sie, nur etwas schneller, und lasst mich wissen, wenn Ihr eine Antwort  bekommt. Nur habe ich Angst, dass der Brief, zur Begutachtung zurück in unser Akimat kommt. Denken Sie, das ist das erste Mal in unserem Bezirk?“ warnte Chapaj.

„Aziza-Apaj, ich heiße Dauren, ich rufe Sie aus dem Akimat an. Wie fühlen Sie sich?“

„Gut,“ murmelte Aziza unzufrieden, eine Falle spürend.

„Ich wollte mich wegen der Ställe unterhalten. Man sagte mir, Ihr seid gegen den Abriss, alle anderen sind einverstanden. Können wir einen Kompromiss finden?

„Wie bin ich die einzige, alle anderen sind auch gegen den Abriss!“ Ich werde keinen Kompromiss mit Ihnen finden, wir haben einen Brief vorbereitet für den Akim der Stadt, er soll erst einmal antworten, dann schauen  wir weiter,“ sagte die Frau beleidigt.

Am nächsten Tag passte Dauren Aziza auf dem Hof ab.

„Guten Tag, sind Sie Aziza-Apaj?“ fragte mit einer priesterlichen Stimme der Mann.

„Ja, wer sind Sie denn?“

„Ich bin Dauren, aus dem Akimat, ich habe Sie gestern angerufen,“ sagte der Mann und zeigte den Schein.

„Ich werde nicht mit Ihnen sprechen, bevor ich nicht Antworte bekomme von dem städtischen Akimat.“

„Gut, Apaj, darf ich eine Frage stellen? Wem gehört dieser Zwinger ?“ fragte er.

„Ich weiß nicht, wem dieser Zwinger gehört und will es auch nicht wissen!“ antwortete die Frau.

„Hören Sie mir bitte zu, ich kann Ihnen helfen, um eine Erlaubnis für die Züchtung der Hunde zu bekommen.“

„Ich habe gar nicht vor, Hunde zu züchten!“ erhöhte Aziza die Stimme.

„Dann werde ich Ihnen einen neuen Stall bauen, einen großen, schönen, nur an einem anderen Ort.“

Die Frau eilte nach Hause, ohne ihm zu Ende zuzuhören.

Wie Chapaj erwartet hatte, gab der Akim der Stadt den Brief für die Begutachtung dem Gebietsakim. Aziza erfuhr davon erst einen Monat später von Dauren. Er selbst tauchte auf dem Hof des Hauses mit einer Brigade von Bauarbeitern auf, als die Quarantäne zu Ende war und das Grün der Bäume bedeckte günstig die Ställe. Er stellte den Anwohnern den Brigadier Zhamil‘ vor und hielt eine kurze Rede.

„Nun, liebe Anwohner, nun ist Ihr Hof an der Reihe. Zhamil‘ und die Brigade werden eine ganze Renovierung machen, von dem Territorium, welches dem Haus angehört. Innerhalb von zwei Wochen wird er hier einen Spielplatz bauen, Sportplätze, Beleuchtung und einen Schlagbaum. Die Ställe werden wir nicht abreißen, da die Meinung der Anwohner – die wichtigste ist für das Akimat.

Wir werden Ihre Ställe renovieren. Noch eine gute Nachricht – wir werden durch Ihren Hof eine Straße führen lassen, da Sie keinen Zugang haben für die Einfahrt eines Feuerwehrwagens.“

„Deswegen der Trubel! Sie möchten durch unseren Hof eine Straße zu diesem Eigenheim legen!“ schrie Zhazira und zeigte auf das Zweietagenhaus hinter den Ställen. „Die Ställe abreißen und ihnen unser Territorium verkaufen!“

„Nein, wir haben nichts mit dem Eigenheim zu tun, wir beschäftigen uns mit der Wohnkultur Ihres Hofes. Und Sie, anstatt uns zu danken und von der Möglichkeit zu profitieren, das Leben zu verbessern, macht hier ein Affentheater!“ setzte plötzlich in das Gespräch der Brigadier Zhamil‘ ein.

Da begann ein Heidenlärm, fast alle Anwohner des Hauses verursachten diesen und unterbrachen einander. Nach einer Stunde der Debatten konnte man am Gesicht des Brigadiers ablesen, dass er es bereut, in den Scharmützel eingetreten zu sein. Aziza bemerkte auf der zweiten Etage des Eigenheimes einen hinter dem Vorhang durch-blinzelnden Schatten, jemand machte das Fenster auf.

„Verehrte Bürger, wir gehen Ihnen entgegen, doch auch Sie müssen uns verstehen. Ich rufe euch zur Teilnahme auf, verzeiht mir, ich werde zur Arbeit berufen, auf dem Platz gibt es ein Problem, das Rohr ist gerissen,“ kündigte Dauren das Treffen an, er blickte vom Bildschirm des Smartphones und eilte zum Auto.

Am nächsten Tag, als Aziza für alle Fälle, die Gegenstände in dem Stall ausräumte, hörte sie unfreiwillig ein Gespräch zwischen Zhazira und dem Brigadier.

„Ist es Ihr Zwinger?“ fragte Zhamil‘ sie.

„Natürlich nicht, ich züchte keine Hunde,“ antwortete die Frau.

„Was haben die Hunde damit zu tun? Wer züchtet hier die Hunde?“ fragte verständnislos Jamil‘.

„Aziza aus der siebten Wohnung.“

„Ich habe sie doch schon gefragt, sie weiß nichts über diesen Zwinger.“

Aziza verließ den Stall und grüßte laut. Zhazira warf einen verwirrten Blick in ihre Richtung, dann näherte sie sich ihr und flüsterte:

„Das habe ich absichtlich gemacht, damit er, wie Chapaj auch, den Zwinger nicht anblicken. Sie sind doch wohlhabend und Ihr Mann verdient gut. Sie verstehen es nicht, aber mir wurde sogar keine Unterstützung angeboten, wie soll ich ein behindertes Kind erziehen?“

Aziza schaute Zhazira direkt in die Augen.

„Hören Sie, wenn Sie materielle Hilfe benötigen, wenden Sie sich an die Sozialhilfe. Und ich bitte Sie, hören Sie auf damit, über mich zu tratschen, als ob ich Hunde züchte,“ sagte sie relativ laut und ging wieder in den Stall.

Zhazira folgte ihr, blieb an der offenen Tür stehen und schaute mit Neugierde hinein:

„Aziza, Sie haben alles falsch verstanden. Ich bin doch alleinerziehende Mutter, meine Tochter ist behindert…“

„Also, was benötigen Sie von mir?“

„Ich wollte diesen Zwinger zum Altmetall bringen…doch muss man diesen zersägen, dafür muss man Leute engagieren, das kostet alles Geld…Kann mit Ihr Mann helfen?“ fragte wehleidig die Frau.

„Er ist doch Programmierer und kein Schweißer, er hat nicht einmal die Werkzeuge dafür, fragen Sie jemand anderen. Und lassen Sie mich endlich in Ruhe mit diesem Zwinger!“ erhöhte Aziza die Stimme.

Doch Zhazira ging nicht weg, sie blieb am Stall stehen und wandte sich wieder an Aziza:

„Was denken Sie, wenn ich diesen an Zhamil‘ verkaufe, um wie viel Geld soll ich bitten?“

„Machen Sie was Sie wollen,“  sagte Aziza und schloss die Tür des Stalls.

Sie führte ein Oline-Seminar mit Studenten durch , als sie auf dem Bildschirm des Smartphones fünf verpasste Anrufe von Zhamil‘ sah. Sie beendete den Unterricht und rief sofort den Brigadier an.

„Aziza-Apaj, guten Tag! Können Sie auf den Hof gehen, hier ist Willkürherrschaft!“ schrie Brigadier in den Hörer.

„Was ist passiert?“

„Die bringen hier den Zwinger weg! Und ich habe Zhazira-Apaj zehn Tausend dafür bezahlt.

„Was habe ich damit zu tun?

„Das ist doch Ihr Zwinger! Sie sagte, dass sie Ihnen das Geld gibt.“

„Hören Sie, ich habe keine Beziehung, weder zum Zwinger, noch zu Zhazira,“ Aziza drückte auf den Knopf für die Freigabe und schaute aus dem Fenster heraus.

Im Spalt des Dachbodens des Nachbarhauses war ein reiner blauer Himmel, auf dem Platz des Vorgartens – schwarzer, frischer Asphalt. Auf dem Thermometer hinter dem Fenster fünfundzwanzig Grad Wärme. Vom Hof fährt geräuschvoll ein Lastwagen und auf  seinem Laderaum – ein riesiger, teils verrosteter Zwinger.

Olga Kapitova Die Kuckucksuhr anhalten

Veröffentlicht in Daktil‘ No 11 August 2020

Ich gebe ehrlich zu, ich hatte seit meiner Kindheit an Angst vor Kuckucksuhren. Sogar jetzt von einer Erinnerung an die Zeit, als meine Eltern mich für das Wochenende zu meiner Oma schickten, muss ich zittern. Dort hing in dem Schlafzimmer eine genau solche Uhr. Wie oft habe ich meine Oma gebeten, den schrecklichen Mechanismus durch einen elektronischen zu ersetzen. Doch sie blieb taub auf meine Bitten, sie für eine Marotte haltend. Und jeden Abend betete ich zu meinen kindlichen Göttern, einzuschlafen bis zu diesem Moment, wenn der Kuckuck begann den Beginn einer neuen Stunde erklingen zu lassen. In dem allen war etwas Hypnotisches, als ob eine Kraft sich ihrem Willen unterwerfen wollte und einen dorthin bringen, von wo aus man nicht mehr zurücktreten kann.

Heute wiederholte sich das halb vergessene Gefühl und wurde um einiges stärker. In dem Zimmer des Hotels, wo ich anhielt, hängt eine Kuckucksuhr – der Schrecken der frühen Kindheit. Als ich mich ins Bett legte, verstand ich, dass es jetzt nicht notwendig ist, das mechanische „Kuckuck“ zu hören, um in den Stupor zu fallen – das Ticken selbst genügt schon. Wegen der verzweifelten Versuche, nicht mit dem Chronometer einstimmig zu atmen, welcher die Minuten und Sekunden zählt, hatte man kaum noch Atem. In der Kehle wurde es kratzig. Um sich abzulenken und den Schlaf herbei zu rufen, begann ich die Ereignisse in den Gedanken zu ordnen, welche am Tag statt fanden. Ein langweiliger, in nichts beachtenswerter Sonntag –  ohne ein winziges Ereignis…

Als ich durch den Innenhof zum Zimmer ging, da bemerkte ich auf meinem Hals irgendein Insekt, ich versuchte dieses abzuwerfen und erdrückte es versehentlich. Auf der Handfläche blieb eine orange Spur, als ob von dem Blütenstaub einer örtlichen Blume (ihren Namen habe ich vergessen). Sogar die Erinnerung an diese rief ein unangenehmes Gefühl hervor, das mich zwang, vom Bett auf zu stehen, um mir die Hände zu waschen, obwohl ich, bevor ich mich schlafen legte, eine Dusche genommen habe.

Ich drückte auf den Lichtschalter, machte die Tür des Badezimmers auf und ging zum Waschbecken. Genau in diesem Augenblick drehte es sich im Kopf zum ersten mal. Die Einbildungskraft zeichnete hilfsbereit ein Bild, als ob ich ein Kuckuck sei, welcher auf dem Pendel der gigantischen Wanduhr schaukelte. Ich musste mich an die Wand anlehnen und mein Gesicht mit kalten Wasser aus dem Wasserhahn bespritzen.

Es wurde leichter. Ich wusch mir gründlich die Hände und dachte, dass ich morgen einen Erholungstag mache. Und heute werde ich als erstes die Uhr anhalten, um das Ticken los zu werden und dieses Geräusch, von welchem eine bestimmte Stunde in das Nirgendwo hin fliegt.

„Das aller einfachste und das aller schwierigste ist es, die Uhr im notwendigen Moment anzuhalten.

Die Zeit – sie ist immer etwas hinter der Grenze. Zum Beispiel geschieht so etwas in der Natur, dass die Stare zu einem späteren Zeitpunkt herfliegen. Dafür bereiten sich die Kuckucks für den längeren Flug vor, welcher immer in Verbindung steht mit der Veränderung der Zeit. Soll es nur das Einstellen der Zeiger sein, bzw. der Wechsel von Tag zu Nacht, doch das ist immer ein Sprung in die parallele Realität.“

So dachte ich noch über Vögel nach, mich mit dem Gedanken beruhigend, dass es vielleicht nicht das zerdrückte Insekt war, welches die Spur auf der Hand hinterließ, sondern dieselben berüchtigten Gefiederten. Ich kratzte gedankenvoll den Hals und fühlte einen kleinen Hubbel.

Ich erzitterte und kehrte in die Realität zurück. Ich hasse Insekten – es bleibt noch übrig, dass dies ein giftiges Mistvieh ist, dessen Stich eine Allergie oder irgendetwas Schlimmeres hervor rufen kann. Von diesem Gedanken trat der Schweiß hervor. Ich wollte in das Badezimmer zurück kehren, um mich noch einmal zu waschen und mit der Hilfe von zwei Spiegeln zu beobachten, was da los ist.

Vielleicht ist es nur ein Muttermal, das ich früher nicht bemerkt habe. Und was ist, wenn das Insekt genau da rein gestochen hat? Kann es gefährlich werden? Besser ist es, die Stelle mit dem Stich mit irgend einem antiseptischen Mittel einzureiben, dachte ich.

„Und das soll man rechtzeitig machen, damit das Gift sich nicht verteilen kann. Es bleibt viel und wenig Zeit, doch wenn du die Uhr anhältst – ist in dem allen etwas Mystisches. Die Zeit soll nicht stehen bleiben, wie die weiße Königin es sagte. In ihr, wie auch im Raum, muss man sich schnell fort bewegen. Und wenn du zu langsam bist, wird dich dieses schreckliche Tier mit dem Namen Zeit auffressen. Er ist wie ein schwarzes Loch, wie die Mündung einer Waffe. Und du bist die Zielscheibe. Eins – und du bist nicht mehr da. Der Schuss kann auch das Ziel verfehlen, wenn du dich dem Tier gegenüber höflich verhältst und nicht vor hast, es zu töten. Und dann eins – und der Frühling ist schon da. Und du hast den ganzen Winter wie ein Bär verschlafen. Und hast dich nicht auf dem weißen Schnee herum getrieben. Wie in irgendeinem schlauen Lied.

Man sollte das Tier nicht antreiben, doch auch selbst soll man sich nicht beeilen. Lebe in deiner Epoche, reise in Gedanken oder Träumen in verschiedenen Zeitschichten – in dunklen Tunneln. Und wenn du den Weg nicht zurück findest, wenn du nicht zu dir zurück kehrst, was geschieht dann? – Der Tod, Unvernunft, ein langer, langer Schlaf oder einfach der Übergang in eine andere Realität? Eine Realität wenn du aufwachst, doch die Welt ist schon anders und du erinnerst dich nicht an die gewohnte Wirklichkeit und fährst fort, in dieser zu leben“ dachte ich und wachte auf.

Unter dem Eindruck dieser Gedanken, wunderte ich mich sogar nicht besonders als ich entdeckte, dass ich mich in einer Kammer befinde, mit solch brüchigen Möbeln, als ob diese am Ende der vorletzten Epoche gebaut wurden. Ich stand auf von dem harten Bett, welches aus gestapelten Brettern bestand und mit Lumpen, die darauf lagen. Der Kopf drehte sich immer noch. Der Hals heulte, es war unmöglich, diesen zu berühren. Ich legte mich wieder auf das improvisierte Bett und fiel in einen Schlaf.

„Und am nächsten Tag gibt es diese Welt nicht mehr, und ich bin wieder ganz neu. Und es ist keine Tatsache, dass du dort der selbe Mensch bleibst. Oder im Allgemeinen.

Das nächste Mal wachte ich am Ufer eines Flusses auf und lag einige Zeit einfach so da, dem langsamen Klang des Flusses lauschend. Ich spürte den Geruch von Algen und warum auch immer den Geschmack von Fisch. Der Hals war ganz entzündet. Und der Kopf drehte sich so stark, dass es schwerer fiel aufzustehen. Der Stich (und nun zweifelte ich nicht daran, dass es ein Stich war) wurde groß und brannte stark. Ich sollte wenigstens zum Fluss kriechen, um die trockenen Lippen zu befeuchten und kühles Wasser zu trinken, doch da verlor ich das Bewusstsein. Vielleicht fiel ich auch in einen Schlaf.

„Sonst wirst du zum eigenen Hund, oder noch schlimmer, zum Stich des verfluchten Insekten auf seinem Hals, oder der Tastatur des Laptops, und die Finger der Vergangenheit oder der Zukunft werden die Muskeln deines Halses polieren.“

Das Erwachen erfreute nicht mit den Pausen zum Besseren. Rundherum war glühender Sand. Ich lag auf dem Rücken, ohne Kraft, mich zu drehen. Der ganze Körper brannte. Besonders unerträglich war der Schmerz im geschwollenen Hals. Was ist das? Eine neue Realität oder einfach ein anderer Traum? Und kann man im Schlaf einschlafen?

„Wer wird mir die Sujets für neue Erzählungen geben: Du oder die Tastatur ( das heißt das jetzige Du) oder eine Stimme hinter dem Fenster, oder deine Freunde? Doch werden es deine Freunde sein? Und haben sie dich und warum benötigt ihr einander?“

Der nächste Ausbruch des Bewusstseins erreichte mich auf dem hügeligen, vertikalen Platz, auf welchem ich mich völlig irrational aufhielt. Die Oberfläche fühlte sich warm an, es roch nach Schweiß und vibrierte rhythmisch, als ob sie atmete. In dieser Realität hatte ich keine Schmerzen – im Gegenteil, in allem war eine angenehme Leichtigkeit. Es schien, als ob man sich nur wegdrücken müsste und ich schwebe in der Luft, wie ein Insekt oder ein Vogel. So handelte ich auch, doch ich schaffte es nicht die neuen Gefühle zu genießen und schnappte mit dem Seitenblick den arabesken Schatten, welcher sich  näherte mit fünf gespreizten Fingern. Ich schwang höher empor und erkannte plötzlich, dass die Situation, mit welcher die Abfolge dieser Realitäten begann, sich auf die andere Seite drehte. Nun war ich selbst das fliegende Mistvieh, und unten ging auf dem Pfad des Gartens ein Mensch, welcher sich den Hals kratzte. Ich beschloss mich fern zu halten vom gefährlichen Nachbarn und flog, flog, immer an Geschwindigkeit zunehmend, bis ich mich im bekannten Zimmer wieder fand, durch das offene Fenster hinein gelangend. Ich wirbelte herum, versuchte in die Freiheit hinaus zu kommen, doch stattdessen stieß ich in die Wanduhr und warf mich ins Innere. Die Falle schnappte zu und ich begann mich an die Wand zu drücken. Und als die bestimmte Stunde herannahte, stieß ich zusammen mit der kindlichen Angst. Und mitnichten im übertragenem Sinne – begann der Kuckuck mit dem Halter des Stunden-Mechanismus sich direkt auf mich zu beugen. Ihr gigantischer, offener Schnabel verdeckte den ganzen Horizont und schrie zum Abschied ein heißeres „Ku“…

Valeria Krutova Der Hühnerschenkel zur Hilfe

Aus dem Geschichtszyklus Das Museum der Freaks

Veröffentlicht: in der Zeitschrift Druzhba Narodov, Nr. 4, 2020

Ich bin dort gestorben. So seltsam. Als ob Sterben – noch kein Grund ist um aufhören zu existieren. So als ob es nicht zu Ende ist.

„Ich bin dort gestorben“. Bereits den dritten Tag tauchte diese Phrase in Dimas Kopf auf. Er erinnerte sich an sie als er zu Mittag aß – hat jemand, der tot ist, Vergnügen am Essen? Er erinnerte sich, wie er zur Arbeit fuhr – zählt Büroarbeit nicht als Tod? Sogar als er mit seiner Frau Sex hatte, erinnerte er sich – stirbt er nicht für eine Sekunde zur Zeit des Orgasmus?

Vor drei Tagen, als Dima aus dem Supermarkt raus ging, stieß er mit einem Kerl zusammen. Nicht groß, hager, die Jeans hängt herunter, er richtet sie die ganze Zeit. Auf dem Kopf ein Cape, es ist schwer das Gesicht zu sehen. Er ist rasiert. Ungefähr ein Dreitagesbart. Dima warf seinen Blick auf ihn, die Details studierend. Eine Angewohnheit des Künstlers. Der Kerl warf sich zuerst zur Seite, ca. einen Schritt weg doch blieb  dann stehen und sagte:

„Bruder…“ das sagte er leise und heiser. Dima verzog das Gesicht. Warum hält man die Anrede „Bruder, Brüderchen,“ für richtig? Warum ruft es den Wunsch hervor, zu antworten oder zu helfen? Aus welchem Anlass erschien dieser Drogensüchtige, Dima hatte keinen Zweifel daran, dass er high war, ihm als Bruder. Bruder für eine Sekunde, Bruder auf Zeit, „Gib mir eine Zigarette, gib mir Kleingeld, gib…“ Ein Bruder, der gibt.

Dima hatte einen Bruder. Noch zur Schulzeit, zum Zeitpunkt eines Kampfes, fiel Oleg ungeschickt hin und stieß mit dem Kopf gegen eine Bordsteinkante. Ein plötzlicher Tod. Und das wichtigste ist, dass keiner Schuld dran hatte. Ja, sie haben gekämpft. Ja sie haben einander geschlagen, doch vor dem Fall wurde er nicht einmal geschubst. Er ist einfach gestolpert. Also warum nimmt anstatt des wahren Bruders dieser Taugenichts den Platz ein? Dima vertrieb die Wut nach einer Sekunde. Der Kerl fuhr fort:

„Ich habe großen Hunger…Hast du zufällig Brot da?  Entschuldige.“

Dima wurde verwirrt. Er schaute auf seine Tüten – Zwiebeln, Salzgurken, Saft für den Sohn, zwei Schachtel Zigaretten und ein Mittel gegen die Stechmücken. Brot stand nicht auf der Liste und er hat es auch nicht gekauft.

„Lass uns gehen,“ er wandte sich wieder in Richtung des Supermarktes. „Wir kaufen dir Brot.“

„Ja, nein…geh du. Bis zum Supermarkt ist es weit. Ich werde später irgendwann…“ antwortete leise der Kerl.

„Wie, irgendwann? Du wirst irgendwann essen? Lass uns gehen, sage ich.“

Der Kerl nickte und machte einen Schritt, doch blieb für einen Moment erstarrt stehen, darauf wartend, bis auch Dima einen Schritt macht. Er ging leise hinter ihm her.

Dima war nicht wohl zu mute. Ein Kerl wie ein Kerl, sieht gesund aus. Warum kann er nicht arbeiten gehen? Warum nicht dort kehren, den Parkplatz vor dem Supermark? Es bringt zwar wenig Geld, aber immerhin etwas. So kann man sich wenigstens beruhigen, dass man eine gute Sache getan hat.

Ist es etwas einfacher zu betteln? Von der anderen Seite bat der Kerl nicht um Geld. Nicht für Alkohol oder Zigaretten. Er fragte nach Essen. Hunger – das ist etwas schlimmes. Es ist nervtötend.

Wenn man ihm keinen Alkohol gibt, gut, aber wenn man ihm das Brot verweigert…Wie soll man dann überhaupt schlafen, wenn man daran denkt, dass irgendjemand vor Hunger stirbt. Hoffen, dass irgendjemand freundlicher war? Hoffen, dass man mit seiner Ablehnung nicht den Wunsch zerstört hat, noch einmal zu bitten?

„Denk du nicht schlecht über mich,“ sagte leise der Kerl. „Ich habe einfach kein Geld, man nimmt mich nicht zum Arbeiten. Ich habe nicht gebettelt. Und irgendwie musste ich mich halten…“

„Warum stellt man dich nicht ein?“

Der Kerl verschnellerte den Schritt, um Dima einzuholen und zog sein Cape aus. Dima konnte sich nicht halten und achte. Es sah so aus, als ob dem Kerl die Hälfte des Nackens fehle. So als ob es ihm jemand heraus gerissen hätte und den Schädel des Kerls in eine Figur von den Bildern Dalis verwandelte. 

„Man hat mich geschlagen. Ich ging von der Arbeit und trug eine große Summe Geld bei mir. Und sie, zu dritt oder zu viert, haben sie mich getroffen. Und geschlagen. Wahrscheinlich wollten sie meinen Tod. Und nun vertraut mit keiner Arbeit oder Geld an. So bin ich ganz in Ordnung, doch habe oft Anfälle und vergesse vieles. Und mein Äußeres stößt auch sofort ab.

Der Kerl lächelte schuldig und zwinkerte mit einem Auge.

Dima bat ihn, kurz zu warten und ging selbst in den Supermarkt. Er kaufte zwei Laibe Brot, ein Päckchen Tee, Kekse, Eier und Milch. Dann kaufte er noch eine Packung Hühnerschenkel. Salz, Zucker, eine Packung Zigaretten. Als er schon an der Kasse stand, kehrte er er zu den Regalen zurück. Er warf ein paar Socken und eine Packung Toilettenpapier in den Korb.

Man kann Jeans finden in den Kleidersammlungen, auch eine Jacke und ein Hemd. Doch niemand gibt  Socken oder Unterwäsche ab. Und wenn man kein Geld hat für Essen, so sind Socken das Letzte, was ein hungriger Mensch kaufen wird. An der Kasse nahm Dima ein paar Schokoladentafeln und einen Rasierer.

Der Kerl wartete brav draußen. Er versuchte nicht in das Licht der Laterne zu geraten und rückte sich an den Zaun des näher stehenden Hauses. Er versuchte auch nicht von einem zufällig Vorbeigehenden erblickt zu werden.

„Nimm,“ Dima stellte die Plastiktüten vor ihn.

„Ach was! Sie! Du….Bruder, ich brauche nur Brot, bitte…“ Der Kerl streckte die Hände aus, zog sie zurück und streckte diesmal eine heraus.

„Nimm. Hast du ein Zuhause? Etwas, worauf du kochen kannst? Fragte Dima.

„Ja, ich habe ein Haus. Das habe ich vom Oma geerbt. Sie zog mich alleine auf. Und dann starb sie.“

„Lebst du alleine?“

„Ja, alleine. Und einen Ofen habe ich auch. Danke Ihnen. Dir…

„Dir. Du hast mich Bruder genannt, also wozu die Festlichkeiten?“ Dima klopfte dem Kerl auf die Schulter.

Zurück gingen sie etwas schneller und der Kerl bleib nicht zurück. Er sprach sogar etwas mutiger. Er erzählte, dass er nicht weit weg wohnt und ab und zu bei der Autowäsche arbeitet. Wenn der Herr gute Laune hat, gibt er ihm irgendetwas zum kehren oder zum waschen. Natürlich keine Autos, aber den Boden zum Beispiel. Und er bekommt auch eine Rente. Das reicht gerade mal für Gas und Wasser aus. Das Licht haben sie schon längst ausgeschaltet.

„Wie hat man dir das mit dem Kopf…?“ – Dima wurde schüchtern, ein erwachsener Mann und kann nicht mal eine normale Frage stellen.

„Ja, sie haben nicht nur auf den Kopf geschlagen. Sie haben mir den Schädel zerbrochen, sind darauf gesprungen. Überhaupt seltsam, dass aus mir kein Depp wurde. Wobei, doch, ich habe ständig diese Anfälle, sie werden das ganze Leben bleiben und wie es weiter geht mit der Gesundheit weiß der Teufel.

Der Kerl wurde auf einmal still. Dima sprach ebenfalls nicht. Er zählte die Schritte und dachte daran, wie viele Schritte bis zu Hause übrig blieben. Sich einschließen und nicht wissen, nicht verstehen. Wie ein Mädchen.

„Ich bin da wirklich gestorben als ich da lag. Ich dachte dies sei das Ende,“ sagte der Kerl leise und blieb bei der Kreuzung stehen.

„Musst du dort lang?“ erriet Dima.

„Ja dort. Danke dir noch einmal. Danke.

Er nahm die Tüten in eine Hand und reichte Dima die andere. Dima drückte sie fest.

Zuhause wurde alles irgendwie anders. Entweder war das Licht heller oder es war wärmer. Dima zog die Jacke aus uns stellte die Tüte auf den Tisch.

„Wo warst du so lange?“ fragte die Frau.

„Ich habe einen Kerl getroffen, einen Ärmsten,“ die Frau machte den Handybildschirm aus und schaute auf Dima, „Stell dir vor, man hat ihn zusammen geschlagen und nun kann er nicht mehr richtig arbeiten. Er bat mich um Essen. Nun, ich habe ihm alles mögliche gekauft. Essen, Socken, Toilettenpapier.“

Die Frau lächelte.

„Was hat er denn?“

„Ihm fehlt der halbe Kopf.“

„Und…hast du ihm Geld gegeben?“ Die Frau stand auf und ging zum Spülbecken.

„Nein, aber ich habe alles gekauft.!

„Du hättest ihm noch Geld geben sollen…Jung?“

„Ja, etwa so alt wie ich.“

„Schrecklich…“

Das Gespräch war zu Ende. Worüber noch reden? Über Mitleid? Wem gegenüber? Mitleid gegenüber dem Kerl? So etwas ist dir zugestoßen, und ich habe Licht zuhause, eine Frau, einen Sohn.  Ich habe Arbeit, verzeih mir, Kerl. Oder aus Mitleid zu sich selbst? So mitleidig wird man nur vor dem fremden Unglück, vor der fremden Sorge. So hilflos. Geld geben. Ein Huhn kaufen. Noch braten und heraus bringen. Hier, iss mal. Heute gebe ich ihm was zu essen, und morgen…wird er jemand anderem Netten begegnen. Den Hühnerschenkel reichen und die Hand, mit Öl voll, an der Hose sauber machen. Seine eigene Hose tut einem nicht leid, die Waschmaschine wird sie waschen.

Wie oft verspürt man die Schuld, wenn es einem selbst gut geht?

„Nun denke ich und denke…“ sagte die Ehefrau. „So schrecklich. Erzähle es mir nicht mehr. Das Herz rutscht mir von der Stelle.

„Erzähl mir so etwas nicht.“ Noch ein Grund um sich zu retten – nicht wissen. Der Mensch ist so unsicher in seinem Glück, dass er sich nicht vorstellen mag, was alles passieren kann. Und was ihm selbst zustoßen kann.

„Ich bin dort gestorben.“ Dima lag schon im Bett und dachte: „Will man nach so etwas etwas leben? Oder wäre es besser zu sterben?“ Was denkt dieser Kerl jetzt? Fragen über Fragen. Solche Fragen verlangen keine Antwort. Sie bitten sogar darum, dass man nie eine Antwort darauf findet. Besser so: ich habe es erfahren, als ob man mich mit dem Kopf in den Schnee stieß, habe es meiner Frau erzählt, teilte die Unsicherheit, vergessen das Morgen. Hauptsache der Kerl hat heute was zu essen.

„Wenn du ihn triffst, gib ihm Geld. Och, er tut einem leid,“ Die Ehefrau drehte sich um und machte den Lichtschalter über dem Bett aus.

Schlafen.

„Ich bin gestorben.“ Und Dima starb nur ein bisschen. Er erstarrte. Gott sei Dank lebt er. Gott sei Dank ist alles gut.

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