Olga Romanova: „Die Makel der Liebe“

Wohin man auch schaut, es kamen Wolken auf, über dem Meer hing ein Nebeldunst. Dieser löschte die Bläue des Meeres, verschloss die violetten Berge und die bunten Häuser. So versteckt sich auch manchmal die Liebe und tut so, als wäre sie unsichtbar. Mal hat man ganz viel von ihr, die mit der ganzen Sonne leuchtet, dem Lächeln des Tages und die Augen sehen ebenfalls. Dieses Wort möchte unsichtbar bleiben, weil es zu oft in mir klingt und der Wunsch ist viel zu groß.

Zwei auf einem Schiff, wo jeder ein Kapitän ist, Wind ins Gesicht, die Welle hinter dem Bord – all die ungelösten Probleme.

Beim Treffen – ein Entflammen des Blickes, seiner grün, meiner blau. Die Nähe, ein Geheimnis, eine Welt, die sich in Wahrheit verwandelt, wo alles wahr ist, und du bist auch darin.

Es reicht, ein wenig zu lügen . Anstatt zu sagen:

Ich möchte heute nicht spazieren gehen, ich möchte alleine sein. Er verlegt das Treffen, löst sich von der Verantwortung den Sohn zum Arzt zu fahren. Ich rufe später an, um zu erfahren, wie es dem Sohn geht. Vielleicht nur um seine Stimme zu hören. Ich erreiche die Ehefrau. Damals gab es noch keine Mobiltelefone. Der Sohn ist gesund, jedoch ist er nicht zu hause. Ich krümme mich zusammen, die Hände sind kalt. Als ob es das Ende sei. Ich beruhige mich mit ausgedachten Erklärungen.

Ich bitte beim Treffen mich nicht zu stören. Ich freunde mich mit seiner Welt an und verliere meinen Betrug. Der Nebel vertauscht die Umrisse, der Dunst ist unsichtbar.

Manchmal fiel der Nebel wie ein Traum.

Damals im Dezember starb die Mutter. Alles geschah so unvorhersehbar. Sie war nie krank, nie. Nur sie distanzierte sich immer mehr von uns im letzten Jahr. Fragte uns nicht nach unseren Ehemännern, unseren Kindern, wenn wir bei ihr zu Gast waren an Geburtstagen oder Feiertagen. Sie wusste nichts von unseren fast zu ende gegangenen Ehen. Ihr war nicht danach. Was hätte die Mutter auch sagen sollen? Ihr seid selbst Schuld an allem. Ihr wählt das falsches aus, und die Falschen. Und noch habe ich euch erzählt. Als ob ich selbst etwas über dieses Leben wusste. Keine Kenntnisse, keine günstigen Eigenschaften. Mir fällt es schwer, für Ordnung im Schrank zu sorgen oder Schachteln zu öffnen, die verschlossen sind.

Wobei ich übrigens ein Ingenieur bin und Akademiker.

Und wovon die Mutter damals gelebt hat, weiß man nicht mehr. Die Fahrten zur Familie waren eine Notwenigkeit. Und plötzlich kam ein Schlaganfall, zwei Wochen ohne Bewusstsein, das Krankenhaus nahm sie nicht auf. Es war ein schwerer Fall, nicht transportierbar. Der Vater war nicht ganz bei Sinnen, verloren ohne Hilfe. Wir saßen abwechselnd bei ihr. Versuchten zu verstehen, ob sie uns erkennt, hielten sie an der Hand, stellten Fragen. Sie ging, ohne wieder zum Bewusstsein zu kommen. Die Beerdigung, Kälte von – 20, Wind, kein Schneefall. Und ich spürte nichts. Die Mutter starb und weiter? Wir konnten nicht über den Tod und die Liebe sprechen. Erst als die gefrorene Erde stumpf und kalt den Sargdeckel berührte, rannen die Tränen, als ob man mich in die Grube legte. Die Tränen waren warm, doch froren sie nicht sofort ein. Als ob ich eines Tages von der Schneekönigin geküsst worden wäre und die mir befahl aus Eisstückchen magische Worte zu legen.

Nach 9 Tagen – zu Mark Chagall, zu seinen Flügen über den Dächern des elterlichen Hauses.

Ich kaufte mir ein Ticket für ein Kupee, und träumte von der Einsamkeit auf dem Weg.

Den Sohn ließ ich bei der Schwester, und sagte, ich müsste dienstlich verreisen. Auf den Ehemann kann man nicht zählen.

Nun auch der Bahnhof. Ich tauche in die Gerüche des Weges, in den Ruß der Gleise, des Staubes im Waggon, des Zitronentees, „lass mich trinken von dem Eisenbahnwasser“…in den Kopfhörern dröhnt Musik von B. G. Ich betrete den Waggon als Erste. Sogar die Beleuchtung ist nicht ganz an. Ein leichtes Dämmern, das ein Geheimnis verrät. Ich denke mir ein Geheimnis aus, fliehe vor der leichten Sorge des Weges.

Der Wagon schaukelt gemütlich vor sich hin, wie ein Schiff vor seinem Abgang. Bis zum Start bleiben noch 20 Minuten, wie immer bin ich alleine im Kupee. Und nun das wichtigste Element des Weges – der Abriss, der Beginn der Bewegung.

An uns vorbei fährt der Gleis, die Lichter der Stadt, des Bahnhofes, die Menschen verschwimmen. Das ähnelt alles den Erinnerungen. Auf dm Weg eröffnen sich Offenbarungen, kommen Antworten. Ich bin lange versunken in den Blick aus dem Fenster. Und bemerke nicht sofort die Frau, welche vor der Tür steht.

„Guten Tag, ich bin Eva…“

Der Zugbegleiter weckt mich aus dem Schlaf und überprüft die Tickets. Ich bitte ihm um einen Zitronentee. Ich saß lange so mit dem Tee, füllte die Tasse mit etwas Cognac und versuchte den Traum weiter zu träumen.

In Witebsk fand ich, nachdem ich mehrere Passanten gefragt habe, versunken im Schnee, jenes Haus. Es war wie all die anderen Häuser, ebenfalls vom Schnee befallen, die Wege waren nicht gefegt, es gab auch keine Museen. Ich stand lange da und schaute in den Himmel Chagalls, versuchte ihn und Bella darin zu entdecken, die durch die Wolken fliegen. Von der Reise blieb nur noch das Gefühl des suchenden Blickes und Eva von der Reise und dem Traum.

Zhenka liebte es, Wolken zu beobachten. Sie ähneln Gedanken oder Träumen. Hier ein Vogel, der seine Flügel ausbreitet, da ein großer Fisch mit dem glänzenden Auge der Sonne. Du senkst den Blick für eine Sekunde auf das Meer und das Bild verändert sich. Man kann die Wolken nicht aufhalten, die Gedanken schon, genauso die Träume. Sie schreibt sie immer mühevoll auf. Während des Aufschreibens verändern sich diese. Doch irgendetwas geschieht mit ihr. Der Fluss des Lebens verändert sich. Sie trennte sich von ihrem Ehemann, traf eine Liebe, gebar einen Sohn, trennte sich von dem Liebsten. Die Schwestern und Freunde wurden ihr näher. Doch der Blick rennt wie gewohnt in Richtung der Wolken und bemerkt einiges nicht, was wichtig ist.

Als sie das Institut für die Psychoanalyse wählte, entschied alles das Museum Freuds in dem Osteuropäischen Institut der Psychoanalyse in St. Petersburg. Das Museum der Traumbilder – wie kann so etwas überhaupt sein? In Piter zu leben und zu studieren war ein langgehegter Wunsch von ihr.

Morgen ist die Abfahrt.

In ihr kribbelte es vor Freude und sie bekam Gänsehaut. Wahrscheinlich war die Liebe zu Veränderungen irgendeine narkotischer Wunsch dieser Befindlichkeit.

Den jüngeren Sohn ließ sie bei der Schwester, der Ältere war bereits verheiratet, und Zhenja wieder Studentin. Und man musste sich von der Freundin verabschieden. Ein Mobiltelefon ist einfach nur Glück, sie wählt Nataljas Nummer.

Man sollte ein Abschiedsabend machen. Sie freut sich, wie Zhenja über alle Treffen.

Ihr Lieblingsgetränk ist Wodka mit Schweppes. Der Geschmack erinnert an Champagner. Auf dem Tisch steht Julien, gebratener Käse, Salate. All das, was sie mögen.

„Unsere turbulente Freundschaft, meine Gegenwart, wo zweifellos Wärme und Liebe herrschen, die man aussprechen sollte. Und in nichts gibt es eine Lüge. Ich bewahre es wie einen Schatz.“

Zu Beginn ein Glas auf das Treffen.

Das zweite Glas für die Erfüllung des Wunsches. So schade, dass er sich bei dir nicht erfüllt hat, Natascha.

Wir wollten gemeinsam lernen, doch Natalja hatte die Familie als höchste Priorität.

„Ich werde alles mit dir teilen, das weißt du selbst.“

„Julien ist sehr köstlich. Ich werde dich vermissen.“

Zhenja lächelt. Das Kochen liegt ihr nicht. Doch sie liebt es, ihre Freundin zu erfreuen und ihre Achtung zu bekommen.

Sie bereitet noch zwei Cocktails zu.

„Ich habe übrigens selbst die Arbeit gekündigt. Der Traum half mir, ich war selbst erstaunt. Ich nahm es an als Zeichen der richtigen Entscheidung.“

Sie teilen oft ihre Träume.

„Ich sitze in dem Empfangsraum von Lenin Vladimir Il’ich. Das Volk vor mir nähert sich mit Bitten.

Er leitet sie an. Und ich sitze hier mit meinen Fragen. In der Realität, erinnerst du dich, wurde ich von einer Mitarbeiterin enttäuscht, man nahm mir meine Auszeichnungen weg, ich bin böse, doch ich beschuldige in allem mich selbst, so ist der Kontext. Und nun der Traum.

Ich stehe auf von dem ungemütlichen Stuhl, blicke mutig in seine Augen, wackele mit dem Kopf in Richtung der übrigen Fragenden, und spreche:

Scheren Sie sich zum T…Vladimir Il’jich! Die anderen Fragenden blicken mich mit Schrecken an. Und ich? Soll sein, was sein soll. Dafür habe ich den Führer des Weltproletariats zum T. Geschickt. Und ich entferne mich langsam.

Beide lachen.

„Morgens ging ich zur Arbeit um zu kündigen. Ich erzählte den Traum Lena. Diese murmelte skeptisch: „Das ist ein wichtiger Grund“

Übrigens hält sie nichts von Träumen!

Der Herbst verwandelte die Straßen Petersburgs mit rot-goldenen Blättern der Ahornbäume.

Der erste Tag des Studiums im Osteuropäischen Institut der Psychoanalyse. Das Institut befindet sich auf dem Petrograder Gebiet. Ein riesiger Platz, 18. Ein altertümliches Gebäude, eine Marmortreppe, auf dem Boden ein Marmormosaik, die Spiegel reflektieren die spielende Sonne.

Die ersten Berührungen dessen, was lange deines sein wird, Wiedergeburt, die eigenen Reflexionen in den Spiegeln der neuen Realität. Die erste Lektion: Einführung in die Psychoanalyse. Ich spüre meine Anteilnahme zu den Geheimnissen der menschlichen Psyche. Ich blicke in die andren Gesichter, hier sind fast 70 Studierenden.

Alle, so sieht es aus, verliefen sich im dunklen Wald mit ihren Fragen.

Ich nahm Platz am ersten Tisch, fühlte mich wie eine Erstklässlerin. Ich erhebe die Hand für eine Frage.

„Sie sagten, dass die Therapie lange dauern kann, einige Jahre. Wie halten es die Patienten aus? Kann man sich nicht etwas ausdenken, damit es schneller vor sich geht?“

„Wohin eilen sie? Gibt es in Ihrem Leben Veränderungen, die schnell vor sich gehen?“

„So ist es. Wenn mir in meinem Leben etwas nicht gefällt, dann tausche ich es aus. Deswegen bin ich hier. Für meine Lieblingsarbeit.“

„Wie alte sind Sie? Eine nicht ganz bescheidene Frage?“

Ich bin…45 (sie nahm 5 Jahre weg, für alle Fälle) Und wozu die Frage?“

„Sie haben aber schnell ihre Lieblingsarbeit gefunden“, antworte MM…

Im Auditorium lachte man.

Damals wusste ich nicht, welch lange Reise vor mir liegt.

Wir suchten uns einen Therapeuten. Zuerst schien die Psychoanalyse ein magischer Kristall zu sein. Du beginnst gemeinsam mit dem Therapeuten auf das eigene Leben zu blicken, in dessen Zentrum das wichtigste Problem liegt. Mit diesem kamst du zu ihm, und dann ging es los, alles wird nun verständlich und davon, dadurch dass alles bewusst wurde, nach Freud, löst sich das Problem auf. Doch es erwies sich als viel schwerer. Für Magie brauchte ich Liebe.

Und eines Tages, während der Vorlesung, spürte ich es. Die Lektorin war eine Fee. Sie war so jung und weise, schön und weiblich. Ihre Stimme lockte einen an, das Thema waren Symbole, Märchen und Träume. Ich tauchte ein, sah nichts um mich herum, beobachtete nur sie, ihren Worten, die mich in ein Märchen führten über den goldenen Teller und den schönen Apfel, über eine weite, ferne Welt, über Eifersucht, Tod und Wiedergeburt. Elena fuhr mit der Vorlesung fort. Machte Witze, lächelte. War so lebhaft, so echt, gar nicht aus seinem Märchen.

Hinter dem Fenster fiel der Schnee, der Wind wirbelte die letzten Blätter auf. Die Vorlesung ging zu Ende.

„Ich möchte mich von ihre therapieren lassen“, sagte ich zur Freundin.

„Die ist zu gut für mich“, bemerkte diese.

„Für mich genau richtig,“ sagte ich und wundert mich über mich selbst.

Ich ging um zu rauchen und traf dort Elena, ebenfalls mit einer Zigarette. Hier schien es einfacher zu sein, einen richtigen Schritt zu machen. Ich machte ein Treffen aus und glaubte nicht an die Möglichkeit.

Über den Fluss Karpovka, entlang der Brücke, links ein Café , rechts – das Psychoanalytische Zentrum. Eine geschmiedete Abzäunung, ein Garten im Hof, Marmortreppe, eine schwere Tür. Die Knie zittern, das Herz schlägt wie ein erschrockener Vogel. Das Kabinett ist freundlich, eine warme Leuchte in der Ecke. Elena, die Schöne, sitzt in dem Sessel, ihr Sessel ist gegenüber der Chaiselongue.

Es begann ein Gespräch – die Psychoanalyse. Es ist ungewohnt über sich selbst zu sprechen. Das Vertrauen kam sofort von ihrem aufmerksamen Blick, dem Schweigen und dem Zuhören. Nie und nirgendwo ist es so. So als ob wir meine verloren gegangenen Puzzle-teile suchen würden. Das was geschah, ähnelte einem Traum, in dem sich mit mir Dinge ereigneten. Elena hielt mich wie an der Hand, und der Traum füllte sich mit Realität.

Wie eine mühsame Wiederherstellung des Textes, bei dem du am Wort den Kontext errätst. Und das Wort Liebe las sich nach einem nicht hiesigen Klang. Eine Stunde ähnelte dem Beginn eines Lebens, durch irgendeinen fremden Punkt der Raum-Zeit, durch ein schwarzes Loch, wo sie die Plätze tauschen.

Ich verließ die Pforte, ging über die Karpovka, sah das Café, rechts die Bezeichnung „Margarita“. Der Name meiner Mutter. Der Blick verschwamm, auf dem Wasser schwammen fünf schwarze, im Licht der Laterne, glänzende Enten, die Ampel schaltete auf grün. Es regnete, es war ein feuchter Abend, oder waren es meine Tränen?

Ich gehe durch St. Petersburg, und hinter der Ecke der mir bekannten Straße, biege ich in einen Torbogen ab und betrete einen Hof. Ich setze mich auf eine Bank, rauche eine und sehe durch den vor mir vorbeifliegenden Rauch, den Hof meiner Kindheit. Und sie ist ein kleines Mädchen, das man in diesem Hof, in der Abenddämmerung, vergessen hat. Das Mädchen stochert gedankenverloren im Sand, ohne den Versuch, etwas bauen zu wollen. Sie nimmt den Sand monoton in die Hände und lässt ihn wieder nach unten rieseln. Und in den Fenstern des Hauses brennt schon das Licht. Dort sitzt man am runden Tisch, mit Piroggen und Süßigkeiten, die sie so liebt.

Ich erinnere mich an diesen Hof und komme nächstes Mal wieder. Nachts, im Traum, umarmt sie das kleine Mädchen, flüstert ihr Märchen zu, in das zärtliche, warme Öhrchen, und sie verspricht ihr, sie nie zu vergessen.

Ich brauche lange für den Nachhauseweg, nachdem, ich weiß nicht wo ich war. So nenne ich meine Treffen mit dem Therapeuten.

Morgens, auf dem Weg ins Institut, beginne ich in die Gesichter der Passanten zu blicken und in ihnen verborgene Geheimnisse zu entdecken, Gedankenverlorenheit, Trauer und Lächeln. Und ich spüre Liebe, darin gibt es nichts Falsches.

Die Wolken ziehen, wie gewohnt, durch den Himmel, die Dächer der Häuser wackeln. Unter den Füßen federt der Weg ab, den ich entlang gehe, nicht eilend, und ich spüre in meiner Hand die warme Hand des Anderen.

Dana Kanafina: „Die Geliebte“

Um die Wohnung zu erreichen, in der du in Prag wohntest, musste ich zuerst die U-bahn nehmen und dann die Tram. Das Warten inbegriffen, nahm der ganze Weg ca. 40 Minuten hin und zurück ein. Als du dir den Arm gebrochen hattest, fuhr ich jeden Tag zu dir. Du strittest immer mit mir, wenn ich sagte, dass die Nacht, in der wir uns zum ersten Mal an den Händen hielten, schneereich war. Doch ich erinnere mich genau daran. Du kamst damals aus Berlin zurück, wo du deinen besten Freund besucht hattest und ich erwartete dich am Bahnhof. Es war später Abend und du sagtest mir, ich soll nicht vorbei kommen, doch ich bestand darauf. Ich hatte damals sowieso nicht viel zu tun. Es war Anfang Januar, die Universität hatte über die Feiertage geschlossen und ich hatte keine Freunde in Prag. Ich hatte dich. Ich konnte damals nicht verstehen, warum du dich mit mir angefreundet hast, denn Freundschaften bei den Europäern waren nicht Gang und Gebe. Es war angebracht sich zu versammeln, was zu trinken und Smalltalk zu halten, doch lange zu zweit zu sitzen war nicht angebracht. Ich hoffte, das alles war, weil du mit mir schlafen wolltest, nicht weil du ein guter Mensch bist, wobei in der Retrospektive das Ganze ganz ulkig klingt.

Du hast mir sehr gefallen. Du gefällst mir immer noch, doch nun spreche ich über die vergangene Zeit.

Es schneite als wir den Bahnhof verließen und zu dir nach Hause zu Fuß gingen. Wir beschlossen, dass ich dir dabei helfe, deine Sachen zu sammeln, das war unsere gemeinsame Ausrede. Dass Schnee fiel, daran erinnere ich mich gut, weil es in Prag sehr selten schneit und ich mich jedes Mal darüber freute.

Der Schnee erinnerte mich an die Kindheit, an die aller frühste Kindheit, als er noch mit uns lebte.
Wir lebten in einem Plattenbau, unweit des Brachlandes. Er sagte, dass das Brachland Boden sei, den irgendjemand gekauft hatte um ein Bürogebäude zu bauen, doch das Projekt wurde abgebrochen. Im Endeffekt blieb das Brachland, wie eine nicht gekonnt angenähte Tasche auf einem alten Mantel.

Im Winter war dieser Platz ganz vom Schnee bedeckt. Dort versammelten sich Kinder und spielten Schneeballschlacht oder bauten Schneemänner. Normalerweise erlaubten es die Kinder nicht, mit ihnen zu spielen und dann spielte er mit mir. Wir hatten zuhause einen alten Schlitten, noch von der Kindheit der Mutter. An solchen Tagen nahm er diese mit. Kaum angekleidet, lehnte er es niemals ab, mich mit dem Schlitten zu fahren. Meine Mutter kam nie mit uns, weder zum Schlittenfahren, noch irgendwohin, sie war im Haus sehr beschäftigt und deswegen gingen wir immer zu zweit.

Jene Tage waren sanft und hell, wie Milch. ER fuhr mich von einer Ecke des Brachlandes in die andere, und ich wollte nie, dass er stehen bleibt, sogar wenn es stark schneite oder meine Finger kalt wurden. Ich liebte es die Finger über die Erde zu streifen während ich auf dem Schlitten saß und es gefiel mir, wenn flockige Schneeflocken an mir klebten wie Haufen von zuckrigem Puder.

Deswegen, als es in jener Nacht schneite, beobachtete ich wie die Schneeflocken sich auf meine Finger legten. Sie schmolzen sobald sie meine Hand berührten.

Wir gingen die Straße entlang und ich sagte, dass ich Angst habe, hinzufallen.

Du blicktest mich verwirrt an und fragtest mich, ob ich langsamer gehen möchte.

„Ich komme schon zurecht“, antwortete ich, unsicher, ob du meine Andeutung verstanden hast. Wir gingen noch etwas weiter, ich tat so, als ob ich fast ausrutschte und nahm deine Hand in meine. Du blicktest mich schnell an und senktest deinen Blick. Dann drücktest du meine Hand. Meine Wangen brannten und die Schneeflocken, die auf ihnen tauten, sahen aus wie Tränen.

Als wir nach der Schlittenfahrt nach Hause zurück kehrten, hielt er immer meine Hand in seiner, weil meine Hände so kalt waren. In der anderen Hand hielt er den Schlitten. Bevor er krank wurde, war er sehr stark und konnte den Schlitten von dem Brachland bis zu unserer Wohnung tragen. Ich liebte es, weil es hieß, dass ich ihn immer an der Hand halten konnte.

Als wir über jene Nacht viele Monate später sprachen, sagtest, du, du wärst sehr glücklcih gewesen, als ich deine Hand nahm.

„Ich wusste nicht, ob ich dir gefalle“, gabst du zu. „Deinem Verhalten nach war das ganz unverständlich.“

Ich wunderte mich. Du bist sechst Jahre älter als ich, hast einen Magister, bist erwachsen. Ich dachte immer, du seist begabter als ich.

Wir ließen die Hände los erst wenn wir das Haus erreichten, in dem du lebtest. Als wir die Treppe hoch stiegen in die zweite Etage, hielten wir immer noch nicht Händchen.
Damals lernte ich zum ersten Mal deinen Wohnungsnachbar kennen. Derjenige, der dir später beibrachte, Skateboard zu fahren. Du stelltest mich nur mit Vornamen vor.

An jenem Tag wolltest du das Gepäck nicht ordnen, doch du machtest mir den Vorschlag gemeinsam zu essen. Du hattest nur Fertigpizza zuhause, deswegen beschlossen wir diese zu essen. Wir saßen auf dem Boden, beobachteten wie der Käse schmilzt und ich dachte nur noch daran, ob du mich an jenem Abend küsst.

Als er begann krank zu werden, war noch alles gut. Sein Zustand gab nur zu bedenken, wenn er feucht hustete, als ob es von Innen schneien würde und diese ganze Flüssigkeit sich in den Lungen angesammelt hätte.

Da begann er viel zu backen. Viel mehr als früher, als ob er das Vergangene aufholen wollte.
Natürlich sage ich nicht, dass er davor nie buk. Doch das war einfach seltener. Er kam spät nach Hause, klopfte und sprach:

„Geliebte, lass uns backen?“

Und ich ging immer mit ihm um zu backen, sogar wenn ich schon ins Bett ging. Mir war nicht nach Piroggen und Keksen, doch ich liebte es, mit ihm zu kochen, und besonderes neben dem Ofen zu sitzen. An solchen Abenden ging von ihm eine Mischung von Gerüchen aus. Normalerweise waren es Zigaretten oder O de Cologne, manchmal ein Parfum. Sie rochen nach Früchten, Blumen und verschiedenen Dingen, ich konnte es oft nicht zuordnen. Meine Mutter benutzte kein Parfum und Freundinnen hatte ich keine, deswegen war er für mich die einzige Möglichkeit, den Duft eines Parfums zu riechen
Manchmal, in solchen Momenten, schlief ich auf seiner Schulter ein, mich wärmend, und er weckte mich, wenn unsere Piroggen oder Kekse fertig waren. Als alles aufgegessen wurde, erlaubte er es mir nicht, die Zähne nicht noch einmal zu putzen, selbst wenn ich diese schon vor meiner Ankunft geputzt hatte. Als seine Krankheit begann, buken wir zwei-drei Mal die Woche. Alles war wie beim Alten, bis auf den Geruch des Parfums, doch mir war es egal.
Als unsere Pizza fertig war, stelltest du diese feierlich auf den Tisch und begannst sie in Stücke zu schneiden. Wir quatschten noch eine Weile und ich sollte schon nach Hause gehen. Ich wollte die letzte U-Bahn erwischen, die bereits um Mitternacht schloss.
Wir hatten uns immer noch nicht geküsst, doch als du mich nach unten zum Ausgang begleitetest, nahmst du meine Hand. Mit der Hans, die du dir gebrochen hast vor ein paar Tagen, als du auf dem Skateboard des Nachbars fuhrst. Ich schlug dir vor, dich zu besuchen und dir mit dem Kochen und der Genesung zu helfen. Wir beide verstanden, was das bedeutet und freuten uns darüber, doch dein Wohnungsnachbar fühlte sich furchtbar schuldig, jedes Mal wenn er mich sah.

Meine Mutter war nicht bereit, auch noch für ihn zu kochen, deswegen gab ich ihm mein Essen, um wieder gesund zu werden, muss man Warmes essen. Er sprach immer zu mir, dass ich nicht die ganze Zeit mit ihm sein soll, doch ich bestand darauf. Ich hatte damals sowieso nichts zu tun.

Wegen der verbundenen Hand hatten wir lange Zeit keinen Sex, doch wir küssten uns oft. Ich kochte dir Suppe, und du aßt diese mit der gesunden Hand, und dann, etwas später streicheltest du mit derselben Hand meine Brust,

Eines Tages, als ich seine Wäsche zum Trocknen aufhängte, sprach er zu mir:

„Deine Mutter will gar nicht nach mir schauen?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.

„Sie hat mit dem Haushalt zu tun“ , sagte ich unsicher.

ER schwieg und fügte leise hinzu:

Der Arzt sagte, du sollst den Gips nur ein paar Wochen tagen, danach wirst du ganz gesund. Das war ein nicht schwerer Bruch.

Du beschwertest dich, dass es unter dem Gips juckte und sagtest, dass du froh bist, wenn er endlich abgenommen wird. Du sprachst von all den Orten, wohin du mit mir gehen wolltest wenn deine Hand wieder gesund wird, und ich glaubte dir nicht. Ich schwieg und hängte die Shirts zum Trocknen auf.

Als es ihm besser ging, verschwand er einfach. Ein Tag zuvor konnte er schon selbst gehen und hustete nicht. Ich war sehr glücklich und fragte ihn, wann wir wieder Schlitten fahren werden. Ich erinnere mich, es war Ende Januar.

Er versprach mir, dass wir es morgen machen. Doch es gab keinen Morgen mehr.

Ich suchte ihn überall, als ich aufwachte, und beschloss, fast weinend, Mama zu fragen.

Mama erlaubte es mir, nur über wichtige Dinge zu reden.

„Mama, wo ist er?“, fragte ich.

Sie kochte etwas und stand mit dem Rücken zu mir. Eine Zeit schwieg sie.

„Er ist nicht da“, antwortete sie.

„Wann kehrt er zurück?“

Sie schwieg wieder, und begann die Zwiebel noch aggressiver zu schneiden.

„Vermisst du Papa?“
Ich antwortete nicht.

„Vermisst seine Spaziergänge? All die süßen Düfte auf seiner Kleidung?“

Ich antwortete wieder nicht.

„Er ist weg.“

Und ich hörte wirklich nichts mehr von ihm. Nie.

Du sagtest, du solltest zum Arzt gehen, um dich vom Gips zu befreien und dass du um vier zu Hause sein wirst. Um vier Uhr ging gerade meine Vorlesung zu Ende und ich war traurig, dass wir nicht gemeinsam gehen können. Du sagtest, ich könnte nach der Vorlesung zu dir kommen, und ich hatte Angst. Ich hatte Angst, dass ich zu dir komme und Tag und Nacht vor deiner Tür stehen werde. Ich hatte Angst, dass dein Wohnungsnachbar sagt: „Er ist nicht mehr da.“ Und weggeht. Und beschäftigt sein wird. Und ich werde weiter vor deiner Tür stehen, Tag und Nacht, Tag und Nacht. Als du mich trafst, winktest du mit der bereits gesunden Hand und lachtest vor Freude.

Und ich, erschrocken, fing an zu weinen.

„Hey, was ist mit dir?“, fragtest du, machtest einen Schritt über die Türschwelle und umarmtest mich vorsichtig.

Langsam fiel der Schnee.

Elena Vovnova: „Die Mandarinen reifen im Dezember“

In der Hoffnung, wenigstens eine noch nicht verfaulte Mandarine zu finden, nahm Jana langsam und nachdenklich aus der großen Holzkiste, das heraus, was von den Mandarinen übrig war und legte die orange Paste auf den Teller auf der Fensterbank. Die Kiste mit den Aufklebern von Fluglinien und Flughäfen stand neben der Wand, von der aus die fröhliche Jana auf das Portrait blickte, welches mit Kohle gezeichnet war und darunter die Aufschrift: მანდარინი დეკემბერში მწიფდება

Der Haufen von auf dem Weg bereits einige Male gefrorenen und dann wieder aufgetauten Mandarinen, die von Saft triefen, mit säuerlicher Haut, gezeichnet von buntem Schimmel, vergrößerte sich immer mehr und sah sehr kunstvoll aus, vor dem Hintergrund des eintönigen Schneefalls vor dem Fenster und den in den Tiefen sich zeigenden Schneebergen.

In der Kiste von der Farbe des immergrünen Baumes lagen Bücher und Dinge Janas, welche sie mit der Eisenbahnpost aus Suhumi nach Almaty zu schicken schaffte. Nach zwei Monaten des Wartens auf das Gepäck und der bereits erlöschenden Hoffnung, war die Ankunft der Kiste wie ein Vorneujahrswunder. Und eine Nachricht von dort.
In Suhumi versammelte sich der ganze Kurs, direkt nach der Beendigung des theatralischen Institutes. Der junge und vielversprechende Regisseur kam, sah und lud ein zur Arbeit in dem Theater Suhumis zehn Schauspieler mit Diplom, die Absolventen des Jahres 1991. Er versprach gute Bedingungen und viel Arbeit, zeigte die Fotografien des Theaters, das zwanzig Meter von dem Meeresufer stand. Alle waren sofort einverstanden. In Almaty gab es keine Perspektiven, man nahm die Schauspieler nicht in die Theater auf, und wenn doch, dann zahlte man nicht, und diejenigen, die man bezahlte, spielten für Niemanden. Die Menschen besuchten die Theater nicht, es war ihnen nicht nach Theater, sondern es ging um das Überleben.
Man beschloss für lange Zeit nach Suhumi zu fahren. Damals brauchte man für die Fahrt, bis auf den Pass des Bürgers der UdSSR und das Flugticket, keine Dokumente mehr. Das war einfach eine Fahrt innerhalb eines großen Landes, von der einen SSR in die andere SSR.

Man beeilte sich, die Sachen zusammenzusammeln, das Gepäck zu verschicken, damit man sich bis zum August, zur Theatersaison einrichten konnte, ankommen, und sich erholen an dem Ort. Wobei der Beginn der Arbeit im Theater den Ort nicht ersetzte.

Jana fiel es einfacher als den anderen. Sie war, seit sie 18 Jahre alt war, sehr selbstständig. Sie musste nicht qualvoll überlegen, was sie mit sich nimmt.
Man musste aus der Mietwohnung alles mitnehmen, was sich innerhalb der vier Jahre des Studentenlebens angesammelt hatte. Deswegen bestellte sie bei einem Bekannten aus dem Theater, eine große Kiste aus Kantholz und großem Funierholz, mit zwei massiven Henkeln.

Der junge und vielversprechende hat meine Erwartungen erfüllt. Das Wohnheim des familiären Typs, mit anderen Worten eine „Kleinfamilie“, genügte allen, mit den getrennten Zimmern mit Sanitäranlagen und einer Dusche für jede Dreizimmersektion. Die gestrigen Klassenkameraden saugten die suhumische Vielfarbigkeit ein, die verschiedenartigen Geschmäcker und die Mehrsprachigkeit. Zwei zugezogene Freunde, die dreiundzwanzig jährigen Agdur und Vaso, wurden zu Guides, Übersetzern und Somelies. Sie dienten zuerst gemeinsam in der Armee, danach lernten sie im Theaterinstitut in Tbilissi und kamen in das russische Theater Suhumi, um hier zu arbeiten. Genauer Suhuma, wie die Einheimischen die Zugezogenen korrigierten.

Adgur war ein Schauspieler, hoch, dürr, mit Brille, immer zurückhaltend und vernünftig. Vaso, der Künstler des Theaters, war untersetzt, gesprächig, immer mit einem Notizblock und Bleistift in der Hand. Hier war alles anders, und all das was man von zuhause kannte, alle Schwierigkeiten und Probleme, berührten diese Welt nicht, so schien es. Das allergrößte Problem war die hohe Luftfeuchtigkeit, wegen der die Wäsche selbst nach zwei Tagen draußen nicht trocknete. Alles andere war ein Fest, ein Feuerwerk der Eindrücke, mit Pausen von interessanten Träumen über alles was man am Tag wahrgenommen und angenommen hat.

Adgur erzählte über den besten abchasischen Wein, führte eine Probe durch, nachdem in den ersten Tagen klar wurde, dass die Einheimischen überhaupt nicht betrunken werden, und die zugezogenen Artisten schnell wackelige Füße bekommen von dem regionalen Wein.

„Alaverdy, ist es ihre Sprache? Das Wort ist einfach schön. Das bedeutet, dass derjenige der den Toast spricht, das Wort weitergibt, damit der Nächste fortfährt und das Thema entfacht. Und erst nachdem man das Thema tot geredet hat, werden die Gläser leer. Und ihr leert sie nach jedem Gesagten. Es ist nicht erstaunlich…

Und die Einheimischen liebten es zu sprechen. Und zu singen. Vaso brachte allen georgische Lieder bei, und schon nach einer Woche erklangen die Worte der Lieder, die man nur an der Melodie erkannte:
„Сакварлиз саплав свэт зэбди
Вэрнахэ дагар гулико
Гула москвинииии встэроди
Садахар чамо Суликооо“

In jedem Hof wuchsen Feigen, nur Jungs kletterten um sie zu pflücken auf wurzelartige Bäume, weil man diese an jeder Ecke kaufen konnten für ganz wenig Geld – schwarzen oder grünen, was nicht die Reife zeigte, sondern den Unterschied der Sorte. Mandarinen aß man in Eimern, bis zur allergischen Reaktion auf den Wangen. Die Lorbeerblätter wuchsen wie ein Dekorationsstrauch am Wegesrand und sein Geruch verleitete dazu, Blätter zu pflücken für die Suppe. Neben der Mimose, die also ein Baum war, konnte man stundenlang stehen und beobachten, wie sich die Blätter von der Berührung zusammenfalten. Bozhole lernte ich zu erkennen von der Ernte des letzten Jahres. Von den Meeresfahrten auf dem Schiffchen wurde ich nicht durchgeschüttelt, wie in den ersten Tagen. Sogar die beginnenden Übungen im Theaterinstitut beendeten die Atmosphäre der Festlichkeit nicht.


Anfang Dezember küssten sie sich zum ersten Mal. Am Ufer des Meeres. Unter dem Baum mit Mandarinen, die bereits gelb zu werden begannen.

„Vaso, so also ist es? Dezember, und sie wachsen“, Jana schaute nach oben auf die Sterne und die Mandarinen.

„ანდარინი დეკემბერში მწიფდება“

„Was hast du gesagt?“
„Ich schlage dir ernsthaft vor, die Sprache zu erlernen“, lächelte Vaso breit und umarmte Jana. Am nächsten Tag zog Jana zu Vaso, in ein Zimmer des Theaterwohnheimes, zusammen mit ihrer Kiste.
Die Reste der Mandarinen lagen im sanften Hintergrund des Fensters. Jana nahm aus der Kiste ein Fotoalbum heraus, das an einigen Stellen durchtränkt war mit dem orangen Saft, sie schlug die Seite auf mit der Fotografie des Theaterkollektivs im Hintergrund eines schönen, alten Gebäudes. „Die Eröffnung der 11. Theatersaison, 1992 Jahr.“
Die Klassenkameraden…Adgur…Vaso…Als man in den Nachrichten zeigten, was vom Gebäude übrig geblieben war, kann man sich gar nicht vorstellen, was dort alles geschieht, da wo die Mandarinen weiter wachsen.
Im November 1992 veränderte sich alles. Abchasier und Georgier trafen sich nicht mehr an einem Tisch. Doch Adgur und Vasa, zusammen mit Jana fuhren fort, die Kleinfamilie zu besuchen. Man bemühte sich, nicht über die politische Situation zu sprechen, damit Adgur und Vaso nicht anfangen zu streiten.
Dann erschienen in der Stadt Panzer und Soldaten, und an das Theater erteilte man den Befehl, dass alle, die keine georgische Staatsbürgerschaft haben, das Territorium Abchasiens verlassen mussten. Bis sich der Konflikt reguliert.
Jana und Vaso saßen auf den Enden der Kiste, in die man nur die aller notwendigsten Dinge gelegt hatte und ein paar grüne Mandarinen. Man versprach, das Gepäck innerhalb von 10 Tagen zuzustellen, sodass die Mandarinen auf dem Weg reifen mussten. Vaso blickte auf Jana, malte irgendetwas in seinem Notizblock mit dem Kohlestift und sprach, dass es keinen militärischen Konflikt geben würde. Dass die Situation Maximum ein Monat anhalten würde, dass Jana ihre Verwandten besucht und wieder zurückkehrt. Jana lächelte und glaubte dem Menschen, den sie den langen Monat sehr vermissen würde.

Nach einem Monat der Rückkehr in Almaty bekam Jana einen Brief von Adgur. „Jana, Vaso ist gestorben. ER trat als Freiwilliger in die georgische Armee ein. Nach der Verletzung lebte er noch einen Tag. Ich schaffte es, ihn im Krankenhaus zu besuchen. ER hat immer nach dir gerufen, redete im Wahn, sprach warum auch immer über Mandarinen…Mein Beileid. Er war mein bester Freund.“

Jana weinte nicht. Sie spürte nur, dass all die Fragen in ihrem Inneren wie Haken stecken blieben.

Und von jeder unnötigen Bewegung oder einem Geräusch hätten sie ihr Inneres zerreißen können. Das konnte sie gerade jetzt nicht zulassen. Jana rief die ehemaligen Klassenkameraden ein und wiederholte leise ein und dieselbe Phrase: „Hallo. Vaso ist gestorben. Hallo. Vaso ist gestorben.“ So als ob sie hoffte, dass mit jedem Anruf, mit jeder Phrase, die Fragen schwächer werden können.

Auf dem Grund der Kiste lagen Bücher, die ebenfalls vom Saft der Mandarinen beschmutzt waren . Jana legte sie in Stapeln auf den Boden. Das letzte war ein kleines Büchlein – russisch-georgisches Wörterbuch. Der Kopf begann sich zu drehen von den häufigen Neigungen nach unten. Jana setzte sich auf den Hocker, berührte mit der Hand den rundlich werdenden Bauch, horchte hin. Dann blätterte sie im Wörterbuch, fand ein Theaterblatt mit der Phrase in georgischer Sprache und flüsterte mit den Lippen „мандарини мципдеба декемберши“.

Aisulu Beken: „Der Weg nach Hause“

Ich blickte pausenlos auf die Uhr. Ich wollte so schnell wie möglich diesen Ort verlassen. Eine halbe Stunde dauerte solange wie eine Ewigkeit. Wir saßen im kleinen Minivan und warteten auf unseren Chauffeur, der mit einem anderen Chauffeur ein Gespräch führte. Sein Passagier war zu spät dran. Meine Mitreisenden waren bestürzt: auf wen warten wir? Endlich konnte ich es auch nicht aushalten. Ich machte die Tür auf und fragte, auf wen wir denn warten.

„Auf niemanden, wie fahren gleich los,“ antwortete der Fahrer und kehrte zum Gespräch zurück.
„Wenn auf niemanden, dann lasst uns los fahren“, sagte ich und machte die Tür so zu, dass diese einfach abfiel. Mir schien, als würde ich gleich anfangen zu weinen.

Der Fahrer ging leise zur Tür und reparierte diese. Als er sich auf seinen Platz setzte, bat ich um Entschuldigung und erklärte, dass die Tür bereits kaputt war. Er zuckte mit den Schultern und wir fuhren auf die Chaussee.
 
Vor uns lag der Nachhauseweg und ich drehte wieder und wieder die Erinnerungen der letzten beiden Tage um und versuchte das Vergangene zu verstehen.

Alles begann damit, dass die Ankunft meiner ausländischen Kollegen darin münden sollte, irgendwohin zu fahren, um sich zu erholen. Und ich als ortskundige Frau, nahm die Verantwortung auf mich. Ich schrieb auf den Zettel die aller schönsten Orte in der Nähe von Almaty auf und beschloss, dass sie beide unbedingt den See Kol’saj und Kajyndy sehen sollten und bei der einheimischen Bevölkerung leben. Den weiten Weg von sechs Stunden Fahrt bewältigen, auf dem Weg im lokalen Café zu essen, wo es keinen Kaffee gibt und die Toiletten draußen zu besuchen. Das war für sie ein wahres Abenteuer. Vor drei Monaten machte ich die gleiche Route.

Die Fahrt begann wie gewohnt. Wir verließen Almaty noch vor dem Sonnenaufgang. Der Weg nervte uns etwas, doch wir waren guter Dinge. Gegen Mittag erreichten wir endlich den ersten See Kol’saj. Die bezaubernde Schönheit des Sees überwältigte nicht nur uns.

Es gab viel Volk. Auf dem Weg bekamen wir großen Hunger und als wir die erste freie Bank sahen, liefen wir zu ihr, um sie zu besetzen. Wir haben gegessen und beschlossen auf der linken Seite des Sees durch den Wald zu gehen. Nach ein paar Stunden von steilen Aufstiegen und Abstiegen, erreichten wir eine Insel, bei deren Ufer wir uns etwas erholen konnten. Wir hatten noch zehn Kilometer vor uns bis zum zweiten See auf einem rutschigen Pfad, doch wir hatten nur wenig Kraft im Kampf mit den nervigen Reitern. Wir beschlossen hier zu bleiben, in des eisige Wasser zu springen und einen Moment der Wärme der Bergsonne einzufangen.

Nach einem solchen Tag waren wir schon bereit zum Ort der Übernachtung zu fahren. Auf dem Weg kauften wir Bier. Das Dorf befand sich zehn Kilometer vom See entfernt, wir erreichten es bald. Ich erkannte das Gasthaus, wo wir das letzte mal nächtigten. Als der Fahrer daran vorbeifuhr, bremste er. Das Nachbarhaus wurde zu unserem Gasthaus. Erstaunlich.

Die Pforte öffnete sich und die Hausherrin kam heraus.
„Sälemetsiz be!“, begrüßte ich sie. Nach einem ganzen Tag mit den Deutschen musste ich die Sprache umswitchen auf die eigene Muttersprache. Ich hätte nie gedacht, dass ich in einem Aul mit Deutschen zusammen leben würde. Die Hausherrin zeigte uns den Weg zum Einetagenhaus. Man konnte feststellten, dass das Haus ganz neu war. Die Hausherrin zeigte uns die Dusche am Ende des Flurs und unsere Zimmer. Ich fragte den Boss, welches Zimmer ihm gefiel: „Die Zimmer sehen so aus. Welches davon nehmen Sie?“

Während wir eines der Zimmer begutachteten, fragte mich die Hausherrin, ob ich auch hier bleibe. Diese Frage überrumpelte mich, doch ich antwortete ruhig, dass er hier mit seiner Tochter nächtigen wird und ich im anderen Zimmer zusammen mit dem Kollegen. Gott sei Dank verstand mein Boss etwas Russisch, doch kein Kasachisch. Er hob die Augenbrauen und blickte mich von der Brille an mit dem Ausdruck von Unverständnis. Ich breitete die Hände aus und gab zu verstehen, dass alles in Ordnung sei. Ich erinnerte mich, dass im nachbarlichen Gästehaus ich ein Zimmer mit meinem Kollegen russischer Herkunft geteilt habe, doch keiner Stellte mir eine Frage. Die Hausherrin gab bekannt, dass das Abendessen innerhalb einer halben Stunde fertig sei und ließ uns alleine.
Wir gingen um uns einzurichten. Im Schlafzimmer standen zwei Betten mit Bettwäsche und ein Schrank. Wir verteilten gerade unsere Sachen als es an der Tür klopfte. Der Boss schlug vor, vor dem Abendessen spazieren zu gehen.

Das Grundstück der Hausherren war groß: zwei Häuser, eine kleine Küche, ein Schuppen, eine Sauna, ein Garten und sogar ein Parkplatz. Wie viel Sorge. Wir stiegen auf den nächsten Hügel. Nach einem Tag am See Kol’saj, umgeben von einer Menge Touristen, war dieser Ort einfach nur friedlich. Der Boss nahm aus der Hemdtasche eine Brille, setzte sie auf und schaute sich um. Ich folgte seinem Blick, auf dem Feld, etwas weiter weg vom Haus, weideten Kühe, daneben spielten Kinder Fußball. Wir atmeten die frische Luft ein und genossen den wunderschönen Blick des Vorgebirges Tjanshan‘. Jeden Morgen an solch einem Ort aufzuwachen, worüber sollte man da noch träumen?!

Bei dem Eingang in das Haupthaus stand ein Waschbecken, ein metallischer Körper mit einem breiten Hals. Der Boss, welcher zwei Meter hoch war, musste sich bücken, er drückte den Knopf hin und her und es rann Wasser. Er drehte sich um und fragte, ob er alles richtig macht. Ich nickte. Auf einem Haken hing ein Baumwolltuch mit Mustern. Beim Eingang stand ein Paar Schuhe. Er bemerkte es, zeigte auf seine Schuhe und fragte:

„Müssen wir unsere Schuhe hier ausziehen?“

Ich dachte, dass er damit Höflichkeit zeigen wollte und alles so machen, wie man das hier gewohnt war.
„Ja, bitte!, nickt ich zur Antwort und zog meine Schuhe aus.

Beim Eintritt in das Haus roch ich mir bekannte Düfte: Bouillon, gebratener Teig und einen kochenden Samowar. Rechts vor uns stand ein Ofen, auf ihm zischte der Kazan und brieten Baursaki. Wir gingen weiter. Im dunklen Flur gab es kein Licht, nur in dem weit entfernten Zimmer brannte Licht. Dorthin gingen wir. Das war das Wohnzimmer, wo der Tisch gedeckt war und im Tiefen des Zimmers saßen bereits andere Gäste und sprachen miteinander. Sie wurden für ein paar Sekunden still und nachdem wir Platz nahmen, fuhren sie mit ihrem Gespräch fort. Sie sprachen schnell und ich konnte die Sprache zuerst nicht zuordnen.

„Wow, sehr schön“, sagte mein Boss als er das Zimmer betrachtete.
Links auf der Wand hing ein Teppich mit nationalen Ornamenten, auf ihm zwei Portraits. Wahrscheinlich die Eltern der Hausherren. Auf der Wand gegenüber stand im Schrank braunes Geschirrservice, außerdem Souvenirs und Fotografien in Rahmen. Das alles war ungewohnt für mich: diese Menschen lebten hier mit ihren Kindern und nahmen gleichzeitig jeden Tag viele Unbekannte ein. In Europa ist es gewöhnlich, doch hier fühlte es sich irgendwie seltsam an. Mir gegenüber saßen der Boss mit seiner Tochter, die so alt war wie ich. Er wollte, dass wir uns besser kennen lernen und sie mehr von unserer Kultur erfährt, deswegen nahm ich sie mit auf die Reise.
Die Situation wehte Erinnerungen zu mir über das Haus um Aul, wo mein Bruder und ich den Sommer verbrachten und wo mein Vater her kam, und ich schien füt eine Minute wieder da zu sein: ein dünnes Mädchen, die Kätzchen jagte und bei der Mutter Baursaki und Bonbons stibitzte. Diese klebten auf den Papierchen. Ich erinnere mich wie ich des nachts in die Nachbarstoilette rannte, also diese mit unserer verwechselte. Mein Magen rumorte weil er nicht gewöhnt war an Hammelfleisch.

Ich beendete die Erinnerung und bemerkte , dass man uns bereits das Essen gebracht hatte, und meine Mitreisenden unterhielten sich mit den Tischnachbarn , jene schienen Gäste aus Australien zu sein. Nachdem man die Teller verteilt hatte, fragte mich der Boss, ob wir uns nun dem Essen widmen können. Auf dem Dastarhan gab es keinen Kurt, den sie alle unbedingt probieren wollten. Und ich freute mich, dass es Lagman gab. Ich liebe Lagman – wenige Fleisch und viel Teig. Wie meine Kollegin, eine blauäugige Frau mit einer Kurzhaarfrisur. Sie fragte mich, ob das eine kasachische Speise sei, ich antwortete, diese sei eine uigurische Speise, die jedoch von den Kasachen sehr gerne gegessen wird.
Während des Essens verteilte die Hausherrin Tee und verteilte die Schalen. Meine Kollegin vergnügte sich mit einer Leckerei und als sie meinen Blick bemerkte, fragte sie mich, was das denn für eine Süßigkeit sei. Später werde ich ihr diese Süßigkeit bei meiner jeden Reise nach Deutschland mitbringen. Das war ein Zhent.

Der Boss trank den Tee zu Ende, wischte sich die Stirn mit einer Servierte und fragte mich:

„Wie sagt man „sehr lecker“ auf Kasaschisch?“

„ Öte dämdi“, übersetzte ich ins Kasachische. Er wiederholte es einige Male und drehte sich zur Hausherrin um, die am Ende des Tisches saß und Tee eingoss
„ Ute damdy“, sagte er und lächelte ihr zu.
„As bolsyn“, lächelte sie zu dem Kompliment und blickte auf mich. Sie fragte mich, woher ich stamme, ich antwortete aus Alamty. Ich fragte interessiert, ob sie viele Gäste jeden Tag empfängt, und sie antwortete, dass es vom Mai bis September viele Gäste gibt. Und in der kalten Saison weniger, dadurch auch weniger Einnahmen. Ich schwieg und sie fragte mich, woher meine Begleiter seien.

„Menimen birge jūmys isteitin kollegalarym, Germaniyadan kelip tūr“, antwortete ich.
„Nemisşe jyrlap tūryp, öz tiliŋde şala söileidi ekensiŋ“,sagte mir die Hausherrin unerwartet. Ich spürte, als ob man mir eine Ohrfeige mit einem nassen, schweren Handtuch gegeben hätte.

„Iä, biraz umytyptym“, konnte ich nur antworten.

Bis zum Ende des Abends veruchte ich mein Gesicht zu wahren. „Du singst auf deutsch, und in deiner Muttersprache redest du nur Kauderwelsch.“ Ich habe gar nicht erwartet, so etwas zu hören, ich habe schließlich Kasachisch mit ihr gesprochen. Vielleicht nicht gut, doch ich rede auf deutsch genauso. Während ich einige Jahre in Deutschland lebte, hörte ich nie Bemerkungen von Einheimischen über meine mangelhaften Kenntnisse des Deutschen.
Ja, selbst in dem Nachbarhaus hat mich nie jemand dafür verurteilt, dass ich mit den Kollegen auf Russisch sprach. Warum tangierte es hier die Hausherrin, dass ich fließend Deutsch sprach?

Richtig ausatmen konnte ich erst, als wie alle in unsere Zimmer gingen. Meine Kollegin versuchte das Wifi einzurichten, um ihren Mann zu kontaktieren, und ich beschloss duschen zu gehen. Ich war, um ehrlich zu sein, sehr angenehm überrascht, dass sich Dusche und Toilette im Haus befanden. Das Badezimmer war groß, auf der rechten Seite die Dusche und gegenüber ein Stühlchen. Darauf legte ich meine Sachen und bemerkte dann erst das Fenster. Das irritierte mich sehr und ich war vorsichtig, dass mich niemand beachtet. Und der Kachelboden war eiskalt. Ich nahm schnell eine Dusche und zog mir warme, saubere Kleidung an, wickelte meine Haare in ein Handtuch.
Mein dichtes Haar war noch nicht trocken, doch ich ging mit der Kollegin gemeinsam nach draußen , um acht Uhr, wie wir es verabredet hatten. Der Boss und seine Tochter saßen bereits im Hof auf den Bänken aus Holz. Wir besprachen die heutige Reise zum See Kol’saj: die Reinheit und Kühle des Wassers, den nicht einfachen Pfad durch den dichten Wald und den Blick auf den See von der Insel aus. Als sie das Thema wechselten, verlor ich den roten Faden. Der Tag war lang und ich wollte schon schlafen. Unauffällig schnell wurde es dunkel und kalt. Der Hausherr erschien und bot uns an, ein Lagerfeuer zu machen. Ich freute mich über diesen liebevollen Vorschlag. Denn ich hatte bereits vor, schlafen zu gehen, doch so konnte man noch eine Weile sitzen bleiben. Oben leuchtende Sterne, daneben der große Mond. Plötzlich unterbrach die Stimme des Nachbarn unser Gespräch, es stellte sich heraus, dass er all die Zeit ein nettes Wort von mir erwartet hatte.

„Myŋ teŋge bolady“, sagte er. Tausend Tenge für das Lagerfeuer.

Ich schwieg und er fragte noch einmal, ob er ein Lagerfeuer machen sollte und wackelte mit den Holzscheiten des Saksauls, die er in seinen Händen hielt.

„ Iä“, sagte ich verwirrt. Meine Begeisterung von dem liebevollen Nachbar löste sich auf.

„Was sagt er?“ fragte mich der Boss. Ich erklärte ihm, dass er für uns ein Lagerfeuer machen möchte und verschwieg die Tausend Tenge.

„So nett“, liebäugelten sie und klatschten zur Antwort. „Rakhmet!“

Der Hausherr brachte noch mehr Saksaul, ein paar Zweige trockenen Grases und entfachte damit das Feuer. Wir hoben die Bank und setzten uns in die Nähe. Mein Haar war immer noch nass. Ich nutzte den Moment und drehte mich mit dem Rücken zum Feuer. Dann dachte ich, dass Tausend Tenge eine Kleinigkeit seien, doch ich war immer noch verwirrt. Ich war gewöhnt an die Preislisten und Genauigkeit. Meine Begleiter nahmen seinen Vorschlag als Geste der Gastfreundlichkeit und ich hatte einfach keine Kraft mehr, zu erklären, dass wir für das Lagerfeuer zahlen mussten. Besser war, zu schweigen und selber zu zahlen.
Die Situation ist nicht neu, so etwas geschieht überall, und ich verstehe die Hausherren. Während wir uns am Feuer wärmten, schaffte es der Herr den Stall sauber zu machen, das Vieh einzutreiben und neue Gäste zu empfangen. Und die Hausherrin deckte den Tisch und räumte auf. Ich verstand, dass landwirtschaftliche Arbeit schwer sei, den ganzen Tag unter der Sonne, ohne normale Bedingungen, dennoch denke ich, dass man sich ausländischen Gästen gegenüber so verhalten sollte.

„Vielen dank für heute!“, dankten mir meine Begleiter als sie bemerkten, dass ich schwieg. Ich sagte, dass es auch mir ein Vergnügen war und wir stießen an mit den Biergläsern.

Am nächsten Morgen wachte ich als erste auf, um die Zeit des Frühstücks zu erfahren. Die Hausherrin nannte mir die Zeit und fügte hinzu, dass ich die Zwei Tausend nicht vergessen sollte.

„Qandai eki myŋ?“, fragte ich erstaunt. Sie sagte, das sei für das gestrige Lagerfeuer. Gestern waren es erst Eintausend. Ich sagte ihr, dass ihr Ehemann von Eintausend sprach und ging weg. Sollen sie selbst Entscheidungen treffen. Ich saß am längsten von allen am Frühstückstisch, trank meinen Tee zu Ende, wobei mein Magen bereit war zu explodieren. Als meine Begleiter weggingen, gab ich Eintausend für das Lagerfeuer.

Der zweite Tag auf dem See Kajyndy verging sehr wunderbar. Der Weg zum See war sehr steinig. Der Weg war fröhlich dich gefährlich. Wir wurden im Bus durchgeschüttelt fast eine Stunde lang, und an einigen Stellen gab es keinen Platz zum Vorbeilassen der anderen Busse. Man hätte die Hand aus dem Fenster halten können und das vorbeifahrende Auto anfassen.

Als wir ankamen, beschlossen wir zu Fuß zum See zu gehen. Auf dem Weg kauften wir Kymyz und machten auf dem Ufer ein Picknick. Ich erinnerte mich, dass sie immer noch keinen Kurt probiert hatten. Um den Kurt zu ersetzen, beschloss ich, ihnen ein saures Getränk aus Stutenmilch anzubieten. Jeder machte einen Schluck, verzog dabei das Gesicht und dann baten sie mich, das Getränk selber zu trinken. Die Farbe des Sees Kajyndy ist ungewöhnlich türkis. Das ist jener See, in dem über der Oberfläche die Spitzen von Tannenbäumen herausragen, die Jahrhundertelang von eisigem Wasser bewahrt werden. Meine Füße wurden just in der Sekunde taub als ich sie bis zu den Fußknöcheln in das Wasser tat.

Zurück beschlossen wir mit Pferden zu fahren. Meine Kollegen hielten sich selbstsicher, und ich kletterte als letzte und krallte mich an den Rücken des Reiters.. Auf dem Weg ins Gästehaus berieten wir, welcher See denn schöner war und kamen zur Schlussfolgerung, dass beide wundervoll sind, jeder auf seine Art. Nach dem Mittagessen hielt mich die Hausherrin auf um mir mitzuteilen, dass wir zu viel Wasser verbraucht habe. Ich sagte, man habe uns nicht vorgewarnt und die Reise sei im Voraus bezahlt worden. Und in dem anderen Haus durften wir sogar die Sauna umsonst nutzen.

Jene zweitägige Reise mit meinen einheimischen Kollegen näherte und gegenseitig an, deswegen beschloss ich hierher zurückzukehren. Doch diesmal mit Ausländern. Ich wollte so sehr die Schönheit unseres Landes zeigen. Wir fuhren bereits die dritte Stunde, ich riss den Blick los von dem Sonnenuntergang und blickte auf die Gesichter der schlafenden Kollegen. Müde, friedlich und zufrieden. Ich glaube, ich habe es geschafft.

Dann fuhr ich fort, die untergehende Sonne zu beobachten und Antworten auf meine Fragen zu finden. Doch diese gab es immer noch nicht…

Natal’ja Löwina: „Der Hase“

Natal’ja Löwina

Ich fand mich zufällig in Tula wieder. Als im Waggon eine Stimme widerhallte, die den Stopp des Zuges in dreiundzwanzig Minuten, ankündigte, da verschnellerte das Adrenalin den Rhythmus des Herzens vom Trab zum Galopp. Ich hielt die Zeit auf dem Handy fest. Dreiundzwanzig Minuten. Wird mir das reichen? Die Stimme am Bahnhof sprach von dem Stopp und der Losfahrt, in das Fenster des Kupees drang blasses Laternenlicht.

Es vergingen fünf Minuten. Die Sachen mitzunehmen, war zu riskant. Die Taschen lagen unter den Bänken. Unter schweren, quietschenden Bänken.

Man verkündete, dass bald ein weiterer Schnellzug kommt. Ich hörte anderen Geräuschen zu. Viel leiser, doch gefährlicher – die Geräusche des Atems von Timur. Er atmete gleichmäßig und tief, wie ein großer, müder Hund.

Ich warf die Decke zur Seite und setzte mich. Ich hätte mich anziehen sollen, doch hatte ich Angst, dass das Rascheln der Sachen den Ehemann weckt.
Wie ein Wachhund, der nicht schläft, sondern schlummert, der bereit ist, jede Sekunde aufzuwachen und sich auf den Fremden zu werfen, so war auch Timur bereit aus dem Traum zu hüpfen, um das zu fassen, was ihm gehört. Mich.

Es vergingen bereits zehn Minuten Aufenthalt, und ich saß immer noch da in meinem langen, weißen Shirt, in der Mitte der Bank, mit angezogenen Knien und verschränkten Fingern. Im Kupee war es stickig, doch ich wurde geschaukelt. Diese Angst, keine Möglichkeit zu haben, nach Außen zu springen, durch den Schrei, den Zorn oder das Lachen, durchdrang meine Haut.

Ich bemühte mich, leiser zu atmen und gleichmäßiger. Ich beugte mich, um meine Turnschuhe zu holen. Ich holte die Socken heraus und zog sie an, dann die Schuhe ohne sie aufzuknöpfen. Vor dem Schlaf legte ich die Sachen zu einem Haufen vor meinen Füßen. Dort stand auch die Tasche.

Ein letzter Blick auf das Telefon, ich hatte nicht vor es mitzunehmen. Fünfzehn Minuten Aufenthalt.

Die Passagiere, die rausgingen um eine zu rauchen oder frische Luft zu atmen, kehrten allmählich in den Waggon zurück. Aus der Tür des Coupes drangen leise Stimmen und Schritte, die durch einen Flurteppich ab gedämmt wurden.

Ein letzter Blick auf Timur. Er schlief mit dem Gesicht zur Wand und sein breiter Rücken hob und senkte sich kontinuierlich.
Ich ging zur Tür und drückte den Griff aus Metall. Ich kniff die Augen zusammen, mir war bange, dass man es hören könnte. Doch das Geräusch vermischte sich mit den Lauten des Bahnhofes und der Passagiere.

Ich hüpfte in den Flur wie ein glitschiger Fisch. Dann drehte ich mich um, machte die Tür zu und ließ das Coupe wieder in der Dunkelheit.

Die Zugbegleiterin war damit beschäftigt, jemanden zurück in den Waggon zu schicken. Ich ging mit betrunkenen Schritten zum Ausgang und spürte den Herzschlag und den Puls, wie diese einer Trommel gleich, klopften.

„Fräulein, der Zug fährt gleich ab, kehren Sie zurück in den Waggon“, die Zugbegleiterin erwartete nicht, mich im Shirt und Turnschuhen zu sehen.

„Ich muss hier her“, flüsterte ich, blickte mir unter die Füße und hatte Angst über die Stufen zu stolpern. Als ich unten war, drehte ich mich abrupt um und schrie zu der Zugbegleiterin.

„Wenn jemand nach mir fragen wird, sagen Sie ihn, ich sei in Moskau ausgestiegen.“

„Wer wird mich das fragen?“ blinzelte sie verständnislos mit ihren getuschten Wimpern.

„Bitte helfen Sie mir“, bat ich wieder und nahm aus der Tasche einen zehntausender Schein heraus.

„Mädel!“, das Geld hat sie verunsichert oder erschrocken. „Lauf, lauf wohin du laufen sollst!“

Ich drehte mich um und vergrößerte die Geschwindigkeit.

Habe ich es wirklich getan? Ich hätte nicht daran gedacht, den Entschluss zu fassen, in dem Zug ST. Petersburg-Vladikawkaz, in drei Minuten vor dem Losfahren auf dem Bahnhof.

Der Bahnhof traf mich mit Leere und dem Echo von Schritten. Ich sollte die Toilette finden, um mich umzuziehen. Dann die Mutter anrufen, um ihr zu sagen, dass bei mir alles gut ist. Nachdem ich einige erstaunte Blick erntete, ging ich durch den Wartesaal, sprang in die Toilette und fand mich in der Stadt wieder. Wohin gehen? Was tun? Ich habe, glaube ich, keine Bekannten in Tula. Inmitten von Vitrinen und Aushängeschildern, schien das Licht nur in der Bäckerei und dem Hotel „Moskva“. Ich wählte das letzte. Ich wollte nicht schlafen, doch über die Pläne nachdenken.

Die Portierdame, ein Dienstgruß, das Scannen des Passports und ich bekam den Schlüssel- Das Einzelzimmer sah bescheiden aus: „Wer ist hier das nicht brave Mädchen? Wer ist von zuhause weggelaufen?“ Ich schaltete das Licht ein und legte mich auf das Bett.

Timur und ich lernten uns vor drei Jahren kennen. Da feierte meine Freundin gerade ihren Geburtstag in einer Karaoke-bar. In der lauten Gesellschaft hob sich mein zukünftiger Ehegatte von allen ab: dunkelblaue Augen, schöne Stimme und Gesang, wovon alle Frauen betrunkener wurden als von Bi2. Wir tanzten zu „Moj rok-n-roll“, als ich das Schaukeln von hundert Flügeln in meinem Bauch spürte. Ich hatte das Gefühl, erbrechen zu müssen, doch das war irgendwie angenehm. Zwischen uns blieb ständig dieses Pulsieren. Zärtlichkeit, Angst, Zorn, Schmerz, alles schlug und erzitterte, verwundet und lebendig, wie ein Hase in der Falle.
Die Blumen füllten meine Wohnung schneller als ich es schaffte, neue Vasen zu kaufen. Die Gespräche zwischen mir und Timur handelten von allem, vom Rezept des Oliv’e-Salates der Mutter bis zum Baader-Meinhof-Phänomen. Nach hundert Abendessen, sechs Vasen und ein halbes Jahr Beziehung, machte Timur mir einen Heiratsantrag.
„Hast du ein Glück, Irka, hast dir solch einen Mann geschnappt!“ wiederholten die gemeinsamen Bekannten. So dachte auch ich, habe ich ein Glück.

Der erste Zweifel kam an jenem Abend, als ich mich zu lange bei einer Schulfreundin aufgehalten habe. Wir quatschten bis zur Mitternacht in der gemütlichen Küche Olgas. Ich rief mir ein Taxi und freute mich auf meinen Ehemann.
„Hier bin ich!“, sprach ich etwas lauter als ich vorhatte, durch die abrupt sich öffnende Türe zu terten. Es schien mir, als würde ich immer noch lächeln, als die Hand Timurs mich packte und mich in den Flur zerrte.

„Wo hast du dich herum getrieben?“, er machte die Eingangstür zu und überfiel mich beinahe.

„Timurchen, was hast du? Ich war bei Olga, das habe ich dir doch schon erzählt,“ gab ich verwirrt zu und verstand nicht, dass es ihn so irritierte.
„Du hättest schon vor einer Stunde zuhause sein sollen! Wie, zum Teufel, sollte ich erraten, wo du dich herumtreibst?“ Er blickte mich mit furchterregenden Augen an. Mit solchen Augen blickte mich einmal ein streunender Hund an, als ich von der Schule zurück kehrte. Nun wurde mir, wie in der Kindheit, bange zumute. Obwohl ich nicht verstand, worin meine Schuld lag.

„Timur, ich war bei Olga. Warum schreist du mich an?“, ich versuchte meine Hand aus seinen Fingern zu befreien.

Irgendeinen Moment blickte er mich an, als ob er mich ohne Hilfe von Streichhölzern verbrennen würde. Dann ließ er abrupt die Hand nach unten und führte die Augen in eine andere Richtung.

„Verzeih mir, Ich weiß selber nicht, was in mich gefahren ist. Ich mache mir zu große Sorgen um dich,“ da nahm er meine Hände in seine und küsste sie oft und schnell.
Das Herz schlug langsamer, ich kam langsam zu mir. Nach ein paar Tagen hatte ich alles vergessen.

Das nächste Mal sah ich seine schrecklichen Augen, als wir über das Treffen mit den Freunden diskutierten.

„Wie findest du Zhenja?“, Timur öffnete den Wein, während ich einen Film im Onlinekino suchte. Unsere gemeinsame Freundin hatte einen neuen Lover, und wir kehrten gerade von ihnen nach hause.
„Ich glaube, ganz gut. Sympathisch, belesen“, antwortete ich, ohne vom Bildschirm zu blicken. Ich erinnere mich nicht daran, was mich dazu zwang, nach links zu blicken, meine Vorahnung oder der pfeifende Ton. Nach einer Sekunde krachte der Teller mit dem Kobaldnetz direkt gegen die Wand hinter mir und zersplitterte in weiß-blauen Scherben auf dem Sofa. Timur blickte auf mich mit einem bösen, gehässigen Blick und atmete laut.

„Wir haben Probleme“, sagte ich und blickte auf die Scherben des Marmors.

Da weinte Timur das erste Mal. Es schien, als würde er die Hände küssen, mit dem Kopf gegen die Knie wischen, wie ein Hund, und versprach alles in die Hände zu nehmen. Das tat er für eine Zeit. Und dann wiederholte sich alles noch einmal. Ich begann immer mehr über ideale Familien nachzudenken. Denn so sahen wir aus für die uns Umgebenden.
„Dieses Lied widme ich Irina, der Königin meines Herzens“, Timur reicht die Hand in meine Richtung, lächelt breit und singt: „Ich liebe dich bis zu den Tränen“. Seit zwei Tagen verstecke ich mich vor ihm in unserer Toilette, bete dass der Türgriff seine Wut aushält.

„Irinushka, meine Liebe, wie soll ich dich erfreuen?“, der Ehemann nimmt meine Hand, küsst sie und lässt sie in seiner Hand liegen. Doch er drückt diese fest zusammen, als ich ihm berichte, dass ich vorhabe, meine Schwester in Pskow zu besuchen.

„Freunde, ich möchte sagen, dass ohne diese Frau, Sie mich nicht so glücklich sehen würden“, der Ehemann stellt sich auf ein Knie und hebt das Weinglas zu meinen Ehren. In jener Nacht verschränkt er mir böse meine Finger und zerrt an meinen Haaren, als ich ihm den Sex mit mir verneine. Es bleiben violette Linien und das Gefühl, dass ich gleich erbrechen soll.

Diesmal ist es unangenehm.
Ich habe es niemanden erzählt. Zuerst, weil ich Timur liebte. Wenn du liebst, findest du für alles eine Rechtfertigung. Er ist einfach müde, ein harter Tag auf der Arbeit, ich bin selbst schuld, hätte ich doch das kurze Kleid nicht tragen sollen. Dann wusste ich nicht zu wem ich sprechen sollte. Ich dachte, dass mir niemand glaube wird. Wie Timur, der Traum aller Freundinnen, zu einem Haustyrannen werden konnte. Ich hätte es auch nicht geglaubt.

Die Scheidung. Dieser Gedanke entfachte in meinem Kopf und erstaunte mich. Zwei Wochen wartete ich darauf, wann mein Ehemann endlich gute Laune haben wird. Ich lud ihn ins Restaurant ein.

„Ich lud dich nicht einfach so hierher ein“, begann ich leise zu sprechen, nachdem wir bestellt hatten.

„Erstens möchte ich sagen, dass ich dich sehr liebe.“

Er schaute mich an, ohne zu blinzeln, so als ob er etwas erwarten würde.

„Ich kann so nicht weiter machen. Unsere Beziehung leidet. Und ich möchte sie heilen, bevor es zu spät ist. Bevor wie Kinder bekommen…Timur, ich will die Scheidung.

Zuerst dachte ich, dass er nicht richtig gehört hat. Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Er blickte mich weiter an und machte mich nervös. Dann nahm er meine Hand und küsste sie. Er zog mich an sich und flüsterte ins Ohr:

„Wenn du die Scheidung einreichst, töte ich dich.“

Er ließ langsam meine Hand los und widmete sich dem Salat, welchen der Kellner gebracht hatte.

„Ich möchte gehen“, sagte ich kaum hörbar.

„Du wirst nirgends wohin gehen“, antwortete Timur so routiniert, als ob wir über das Menü reden würden. „Du isst alles auf, was du bestellt hast, und dann gehen wir nach hause. Weil die Frau nicht eher gehen soll, als der Mann es ihr gestattet. Hast du mich verstanden?“

Er warf mir einen Blick von oben zu, hob seinen Kinn und widmete sich wieder dem Essen. Ich kaute mechanisch das Essen, und spürte den Geschmack von Kupfer.

An jenem Abend hat er mich nicht geschlagen. Doch die Spannung zwischen uns war so fest, dass man sie hätte in Fetzen reißen können und sich in den Rachen stecken.

Die Fahrt nach Wladikavkaz war spontan, als Timurs Bruder einen Sohn bekam. Die ganze Familie versammelte sich in dem Haus. Der Ehemann ließ mich von der Reise wissen, zwei Tage vor der Abreise.

„Schau, welchen Neffen mir Marika geboren hat.“, erörterte der Ehemann als er beobachtete, wie ich die Dinge in den Koffer lege. Über Kinder haben wir nur im ersten Jahr unserer Ehe gesprochen
Die letzten zehn Monate verbarg ich die blauen Flecken unter den lange Ärmeln und trank Arznei. Timur wusste davon. Wie ich davon wusste, dass er meine Tasche kontrolliert.
Nach zwei Tagen, setzten wir uns in den Zug St.Petersburg-Vladikavkaz. Timur kaufte Tickets für ein Coupe.

„Das ist, damit uns niemand stört. Wenn du verstehst, worüber ich spreche“, der Ehemann lächelte breit und blinzelte.

Ich verstand. Das war, damit ihn niemand dabei störte, die eigene Frau zu schlagen, wenn sie ihm die Laune verdirbt. Es verging ca. eine Stunde von dem Moment der Abfahrt, bevor wir begannen zu sprechen.

„Ich möchte mit meiner Mutter auf die Datscha fahren für ein paar Wochen“, ich rieb den Buchdeckel, das Buch hielt ich in den Händen, um das Zittern zu verbergen.

„Wann?“

„Wenn wir zurückkehren.“

„Wir werden nicht zurückkehren. Habe ich dir nicht davon erzählt?“

„Das ist ein Witz. Warum hast du mich nicht gefragt?“

„Ich muss dich nichts fragen. Wenn ein Mann umziehen möchte, hat die Frau ihm zu folgen. Wir werden in der Nähe meiner Eltern wohnen, du wirst Kinder gebären, wie eine gute Ehefrau.“

„Ich werde dir keine Kinder gebären, Timur. Ich will die Scheidung, das weißt du.

Er sprang von der Bank und nahm mich am Hals. Die Finger waren trocken, hart und drückten sich fest in die Wangenknochen.

„Deine Verwandten werden dich nie sehen. Entweder du wirst mit mir in Osetien leben, oder du wirst gar nicht weiter leben.

Gerade da verstand ich, dass ich weglaufen muss. Nur wusste ich noch nicht, wie. Und nun habe ich es geschafft. Endlich bin ich…
„Ein Schnellzug St. Petersburg-Vladikavkaz erreicht den dritten Gleis. Die Nummerierung der Waggons ist vom Ende des Zuges.“

Ich blinzelte verwirrt, um die Quelle des Geräusches zu orten. Durch das Fenster fiel graues Morgenlicht in die Augen.

„Du hast vielleicht geschlafen, Irinushka“, hörte ich von irgendwo links. Im Bauch spürte ich einen Hasen. Gleich werde ich brechen.

„Stehe auf, wir sind fast da. Bald Vladik“, Timur setzte sich auf den Rand meiner Bank.


Olga Kapitova: „Solange der Kafee kocht“

„Möchtest du Kaffee?“

Seröga antwortet nicht und schluckt laut den Speichel herunter.

„Nun, Schweigen ist ein Zeichen der Einverständnis“, ich zucke die Schultern und nähere mich dem Schrank. Ich öffne die Dose – leer. Seltsam, gestern noch, war sie voll. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und nehme von dem höheren Regal eine neue Packung. Ich öffne sie und füge je sechs Gramm in jede Tasse. Ich greife die Zuckerdose, doch da sind nur noch ein paar Krümmel auf dem Boden. Ich muss mich dran erinnern, neuen zu kaufen. Mit der linken, zitternden Hand fülle ich die Kanne mit dem Rest.

Dann, etwas selbstsicherer, füge ich eine kleine Prise Muskatnuss und Ingwer dazu. Die gewohnten Bewegungen sind beruhigend. Ich mache mir fast keine Sorgen mehr, gieße Wasser ein und stelle die Kanne auf das Feuer. Ich atme das bekannte Aroma ein und tauche in Erinnerungen.

Es war am Ufer eines salzigen Bergflusses – jener Kaffee mit dem seltsamen Namen. Seröga und ich konnten uns nie daran erinnern, deswegen sprachen wir es immer falsch aus, nur nicht so, wie die Erfinder ihn genannte hatten. Ich weiß nicht, habe ich richtig das Rezept des Kaffees erraten, der dort gekocht wurde. Doch der Duft war sehr ähnlich. Es schien, als wollte niemand unseren Urlaub betrüben. Nichts betrübte ihn bis, wie aus dem Meeresschaum, auf dem Sonnenstrand, sie erschien…

Tan’ka…so hieß sie, glaube ich. Der Name zeichnete sich auf dem Sand und verschwand dann wieder mit einer Welle aus dem Gedächtnis…Ich lüge, ich werde den Namen sicher vergessen. Und er wird ihn vergessen. Natürlich ist auf dem Sandstrand alles anders als in der Stadt. Bei dem salzigen Bergsee mit seiner Atmosphäre des ewigen Festes, vermischt mit morgendlichen Meditationen, scheinen die alten Verhältnisse nicht mehr unerschütterlich. Sie erinnern an einen auf dem Strand gefundenen Reifen, der ganz verrostet ist und zerfallen in zwei ungleiche Teile, bei dem ersten Versuch, ihn zu heben.

Eines Tages geschah es, dass Serega Opfer der abendlichen Enttäuschung wurde. Und der Abend floss gleichmäßig in den Morgen, und dann, mit einem riesigen, Flussstrom, ertränkte er das Ruder des zukünftigen Lebens. Doch heute ist Serega hier. Man kann natürlich ein Skandal anfangen, mit bitter-salzigen, wie jener See, Vorwürfen…Oder man bietet einfach nur Kaffee an.


„Sie“, Serega fährt das Gespräch fort, als hätte man es schon längst begonnen, „es zeigte sich, dass sie nicht so war wie sie ist, nicht dieselbe…Tanja“, als ob er über den Namen stolpern würde, wird er still und rot im Gesicht. Früher hat Serega nie gestottert und sich nie verteidigt.
„Man sollte fragen, warum er kam. Nein, das wird alles zerstören, was übrig blieb. Das wird die Harmonie stören. Gott, welche Harmonie? Es gibt nichts mehr. Schon lange nicht.“

„Schon lange nicht“, spricht auch Serega, als ob er mit meinen Gedanken einstimmig war. „Tanja“, diesmal gibt er sich zwar Mühe, doch rollt er über ihren Namen, wie ein kleiner Fluss durch scharfe Steine. „Tanja hat mich gar nicht gebraucht…das heißt, sie schien, wie soll ich sagen…Also…sie ist gegangen“, Serega wirft mir einen schnellen Blick zu. Der Glanz der leuchtend grünen Augen zwingt mich, mich zu frösteln.
Seltsam, ich hatte ihn grau-äugig in Erinnerung.

„Ich verstehe, wie ich jetzt aussehe“, sagt Serega, der meine Verwunderung wahrscheinlich mitbekommen hat. In Wirklichkeit ist mit schon lange egal, wer wie aussieht. Sogar ich selbst.
Er atmet auf und geht zum Fenster. Mit einem langen Blick schaut er aus dem Glas auf die Straße. Der bucklige Rücken zeigt die volle Reue.
Ich möchte mich ihm nähern und mit der Stirn in diesen vertrauten Rücken drücken. Doch ich halte mich zurück, erlaube es den Gefühlen nicht, es zu tun. Im Inneren stöhnt alles: Bleibe stehen, dumme Frau…Sonst wird es wieder und wieder geschehen.

Doch mir sind der Stolz und die Stimme der Vernunft bereits egal. Wie unter Hypnose, mache ich einen nicht festen Schritt…Und da höre ich aus der Ecke in der Küche ein warnendes Zischen. Laut, als ob über zehn Schlangen sich auf einmal alle auf die Jagd begaben.

Ich zittere und blicke mich um, suche die Quelle des Geräuschs. Auf der Oberfläche des Herdes zeigt sich eine Kaffeepfütze. Ich schnappe mir einen Lumpen und wackele damit hin und her, ohne zu wissen was ich damit machen soll. Endlich habe ich die Idee, den Herd auszumachen, aus dem Gas strömt, wie eine Schneelawine, die mit ihrem Duft das Kaffeearoma bedeckt.

Nachdem alles erledigt war, begebe ich mich zurück zum Fenster. Draußen ist niemand…Plötzlich treten Tränen auf und ich renne in den Flur, da ist niemand. Ich drehe den Türgriff, abgeschlossen.

Ich blicke auf den heraus steckenden Schlüssel und werfe mit Wut den Lumpen gegen die Wand, der getränkt ist mit der Kaffeeflüssigkeit. Die schwarzen Bäche fließen auf der frisch gestrichenen Wand…




 

Kharaglysh, ein kasachisches Märchen

Kharaglysh – ein kasachisches Märchen

https://skazkibasni.com/karaglysh

Es lebten einmal fünf Brüder. Sie setzten viel Korn neben einem großen Baum.

Als das Korn reif war, merkten die Brüder, dass irgendeiner des nachts kommt und es aufisst. So begannen sie auf das Korn aufzupassen. Als erster begann der große Bruder, doch er hat niemanden bemerkt. Nach ihm begannen die weiteren drei Brüder aufzupassen, und am fünften Tag, der jüngste Bruder, mit dem Namen Kharaglysh.

Als er das Korn beobachtete, flog vom Himmel eine schwarze Stute und begann das Korn zu essen. Kharaglysh fing die Stute. Da begann diese plötzlich zu sprechen:

„Lass mich los, Kharaglysh. Ich habe fünf Fohlen. Wenn du mich gehen lässt, gebe ich sie dir und deinen Brüdern.“

Kharaglysh ließ die Stute gehen. Diese brachte ihm die Fohlen und verteilte sie an die Brüder. Das kleinste Fohlen schenkte sie Kharaglysh.

Als die Brüder die Fohlen laufen ließen, war das Fohlen Kharaglyshs als erstes da. Eines Tages sah Kharaglysh an einem Ort Rauch. Er fuhr näher und sah die Behausung der Hexe. Diese Hexe hatte fünf Töchter. Kharaglysh betrat die Behausung der Hexe: auf dem Boden saßen ihre Töchter und spielten. Als sie Kharaglysh sahen, liefen sie davon. Er versteckte sich unter dem Teppich. Als die Töchter zurück kehrten, schnappte er sich diese: Vier nahm er unter die Achsel, die fünfte auf die Schulter, dann setzte er sich auf das Pferd und ritt davon. Doch die Hexe fing ihn ab und sagte: „Kharaglysh, ich werde dir morgen meine Töchter geben, und nun übernachte bei mir.“

Kharaglysh kehrte zur Hexe zurück und gab ihre ihre Töchter. Des nachts baute die Hexe eine Jurte für Kharaglysh auf. Nach einiger Zeit ging er heraus und bemerkte, dass sein Fohlen weinte.
„Die Hexe möchte dich diese Nacht töten. Sie ging in die Schmiede, um ihren Zahn zu spitzen.“

Kharaglysh hörte sich an, was das Fohlen ihm erzählte und kehrte in die Jurte zurück. Vor Angst konnte er nicht einschlafen. Da kam jemand zu ihm. Das war die Hexe. Sie wollte überprüfen, ob er schläft. Und als sie bemerkte, dass er noch nicht schläft, sprach sie:

„Schlafe, du Guter!“

Doch er konnte nicht schlafen.

Nach einiger Zeit kam die Hexe wieder zu der Jurte, blickte in den Spalt. Und bemerkte wieder, dass Kharaglysh nicht schläft. Da sprach sie:

„Schlafe, du Guter!“
So kam sie einige Male vorbei, bis zum frühen Morgen, doch Kharaglysh schlief nicht. Da musste die Hexe ihre Töchter den Brüdern abgeben, die bald zu Kharaglysh kamen. Als sie ihre Töchter hergab, sprach die Hexe:

„Nicht weit von hier sind drei Berge. Hütet euch davor, auf dem mittleren zu übernachten.“

Als der Abend kam, legten sich die Brüder auf den mittleren Berg, um dort zu schlafen, und Kharaglysh legte sich auf den Berg in der Nähe.

Am nächsten Morgen hörte Kharaglysh, dass seine Brüder weinen, und jemand spricht zu ihnen:

„Führt mich zu eurem Bruder, dann lasse ich euch gehen!“

Kharaglysh betrat die Jurte der Brüder und sah darin eine Schlange, die die Brüder nicht gehen ließ. Er blieb bei der Schlange, und seine Brüder gingen. Da sprach die Schlange zu ihm:

„Ein mächtiger Zar hat eine nicht sterbliche Tochter, führe mich zu ihr! Dann lasse ich dich gehen!“

Kharaglysh war einverstanden und begab sich auf die Reise. Auf dem Weg traf er einen Menschen, der einen Berg auf einen weiteren Berg stieß. Kharaglysh fragte ihn:

„Was machst du hier?“

Jener antwortete ihm:

Ich soll der Begleiter Kharaglyshs sein und warte hier auf ihn.“

Kharaglysh begab sich weiter, gemeinsam mit dem Riesen. Auf der Fahrt trafen sie einen weiteren Menschen. Dieser konnte das ganze Seewasser in den Mund nehmen. Sie nahmen ihn ebenfalls mit sich. Dann trafen sie einen Menschen, der besonders gut hören konnte; dann begegnete ihnen ein guter Schütze und anschließend ein Läufer. Der letztere war flink.

Sie setzten sich alle auf Kharaglyshs Pferd und begaben sich auf die Suche nach der Zarentochter. Sie fuhren lange und erblickten zwei Berge: Von dem einen floss Blut, und von dem anderen Schmutz. Hinter diesen Bergen befand sich ein Aul des Zaren, der die unsterbliche Tochter hatte.

Die Berge bestanden aus Knochen derer, die die Zarentochter zur Braut nehmen wollten und dabei starben. Kharaglysh ging direkt zum Zaren und sprach:

„Ich komme, um deine Tochter zu holen!“

„Gut“, sagte der Zar. „Ich gebe dir fünf Aufgaben. Wenn du diese erfüllst, dann gebe ich dir meine Tochter. Wenn nicht, dann befehle ich, dich zu töten.“

Kharaglysh war einverstanden mit diesen Bedingungen.
Zuerst schickte man die Pferde los: Es ergab sich, dass das erste Pferd, das Fohlen Kharaglyshs war. Dann sollte ein Wettlauf der Menschen statt finden. Kharaglysh ließ seinen Begleiter, den Läufer, laufen, und der Zar irgendeine Alte. Diese nahm einen Eimer Honig mit sich. Auf dem Weg gab sie ihrem Feind etwas Honig und machte ihn betrunken. Der Läufer schlief ein. Die Alte stellte ihren Eimer neben ihm und lief weg…

Kharaglysh befahl seinem Hörer zu erfahren: wie viele Menschen gehen diesen Pfad?“ Jener hörte zu und sprach:

„Nur ein Mensch!“

Da befahl Kharaglysh seinem Begleiter, dem Schützen, in den Eimer zu zielen. Dieser tat es und der Läufer wachte auf. Und als er bemerkte, dass die Alte weit vor ihm war, nahm etwas Sand mit und begann er sie einzuholen. Er schaffte es und sprach zu der Alten:

„Blicke hierher, Alte!“

Und just als sie in die Richtung des Läufers blickte, warf er Sand in ihre Augen. Sie bedeckte mit der Hand die Augen und konnte nicht weiter laufen. Der Läufer war als erster da. Schon wieder gewann Kharaglysh.

Endlich befahl der Zar allen, sich in das Eiserne Haus zu begeben, das auf heißen Kohlen gebaut wurde. Da nahm Kharaglyshs Begleiter Wasser aus dem See in den Mund. Und als das Haus beinahe zu verbrennen begab, ließ er das Wasser darauf und rettete alle vor dem Tod. Der Zar war genötigt, seine Tochter Kharaglysh abzugeben. Dieser nahm sie und kehrte zu der Schlange zurück, seine Begleiter blieben dort, wo sie ihn zum ersten Mal getroffen hatten. Als Abschiedsgeschenk wollte er ihnen seine Kleidung geben, doch diese nahmen sie nicht zu sich.

Kharaglysh gab der Schlange die Tochter des Zaren und kam gesegnet zu den Brüdern zurück.


Olga Romanova: Die Makel der Liebe

Die Makel der Liebe, Olga Romanova

Wohin man auch schaut, es kamen Wolken auf, über dem Meer hing ein Nebeldunst. Dieser löschte die Bläue des Meeres, verschloss die violetten Berge und die bunten Häuser. So versteckt sich auch manchmal die Liebe und tut so, als wäre sie unsichtbar. Mal hat man ganz viel von ihr, die mit der ganzen Sonne leuchtet, dem Lächeln des Tages und die Augen sehen ebenfalls. Dieses Wort möchte unsichtbar bleiben, weil es zu oft in mir klingt und der Wunsch ist viel zu groß.

Zwei auf einem Schiff, wo jeder ein Kapitän ist, Wind ins Gesicht, die Welle hinter dem Bord – all die ungelösten Probleme.

Beim Treffen – ein Entflammen des Blickes, seiner grün, meiner blau. Die Nähe, ein Geheimnis, eine Welt, die sich in Wahrheit verwandelt, wo alles wahr ist, und du bist auch darin.

Es reicht, ein wenig zu lügen . Anstatt zu sagen:

Ich möchte heute nicht spazieren gehen, ich möchte alleine sein. Er verlegt das Treffen, löst sich von der Verantwortung den Sohn zum Arzt zu fahren. Ich rufe später an, um zu erfahren, wie es dem Sohn geht. Vielleicht nur um seine Stimme zu hören. Ich erreiche die Ehefrau. Damals gab es noch keine Mobiltelefone. Der Sohn ist gesund, jedoch ist er nicht zu hause. Ich krümme mich zusammen, die Hände sind kalt. Als ob es das Ende sei. Ich beruhige mich mit ausgedachten Erklärungen.

Ich bitte beim Treffen mich nicht zu stören. Ich freunde mich mit seiner Welt an und verliere meinen Betrug. Der Nebel vertauscht die Umrisse, der Dunst ist unsichtbar.

Manchmal fiel der Nebel wie ein Traum.

Damals im Dezember starb die Mutter. Alles geschah so unvorhersehbar. Sie war nie krank, nie. Nur sie distanzierte sich immer mehr von uns im letzten Jahr. Fragte uns nicht nach unseren Ehemännern, unseren Kindern, wenn wir bei ihr zu Gast waren an Geburtstagen oder Feiertagen. Sie wusste nichts von unseren fast zu ende gegangenen Ehen. Ihr war nicht danach. Was hätte die Mutter auch sagen sollen? Ihr seid selbst Schuld an allem. Ihr wählt das falsches aus, und die Falschen. Und noch habe ich euch erzählt. Als ob ich selbst etwas über dieses Leben wusste. Keine Kenntnisse, keine günstigen Eigenschaften. Mir fällt es schwer, für Ordnung im Schrank zu sorgen oder Schachteln zu öffnen, die verschlossen sind.

Wobei ich übrigens ein Ingenieur bin und Akademiker.

Und wovon die Mutter damals gelebt hat, weiß man nicht mehr. Die Fahrten zur Familie waren eine Notwenigkeit. Und plötzlich kam ein Schlaganfall, zwei Wochen ohne Bewusstsein, das Krankenhaus nahm sie nicht auf. Es war ein schwerer Fall, nicht transportierbar. Der Vater war nicht ganz bei Sinnen, verloren ohne Hilfe. Wir saßen abwechselnd bei ihr. Versuchten zu verstehen, ob sie uns erkennt, hielten sie an der Hand, stellten Fragen. Sie ging, ohne wieder zum Bewusstsein zu kommen. Die Beerdigung, Kälte von – 20, Wind, kein Schneefall. Und ich spürte nichts. Die Mutter starb und weiter? Wir konnten nicht über den Tod und die Liebe sprechen. Erst als die gefrorene Erde stumpf und kalt den Sargdeckel berührte, rannen die Tränen, als ob man mich in die Grube legte. Die Tränen waren warm, doch froren sie nicht sofort ein. Als ob ich eines Tages von der Schneekönigin geküsst worden wäre und die mir befahl aus Eisstückchen magische Worte zu legen.

Nach 9 Tagen – zu Mark Chagall, zu seinen Flügen über den Dächern des elterlichen Hauses.

Ich kaufte mir ein Ticket für ein Kupee, und träumte von der Einsamkeit auf dem Weg.

Den Sohn ließ ich bei der Schwester, und sagte, ich müsste dienstlich verreisen. Auf den Ehemann kann man nicht zählen.

Nun auch der Bahnhof. Ich tauche in die Gerüche des Weges, in den Ruß der Gleise, des Staubes im Waggon, des Zitronentees, „lass mich trinken von dem Eisenbahnwasser“…in den Kopfhörern dröhnt Musik von B. G. Ich betrete den Waggon als Erste. Sogar die Beleuchtung ist nicht ganz an. Ein leichtes Dämmern, das ein Geheimnis verrät. Ich denke mir ein Geheimnis aus, fliehe vor der leichten Sorge des Weges.

Der Wagon schaukelt gemütlich vor sich hin, wie ein Schiff vor seinem Abgang. Bis zum Start bleiben noch 20 Minuten, wie immer bin ich alleine im Kupee. Und nun das wichtigste Element des Weges – der Abriss, der Beginn der Bewegung.

An uns vorbei fährt der Gleis, die Lichter der Stadt, des Bahnhofes, die Menschen verschwimmen. Das ähnelt alles den Erinnerungen. Auf dm Weg eröffnen sich Offenbarungen, kommen Antworten. Ich bin lange versunken in den Blick aus dem Fenster. Und bemerke nicht sofort die Frau, welche vor der Tür steht.

„Guten Tag, ich bin Eva…“

Der Zugbegleiter weckt mich aus dem Schlaf und überprüft die Tickets. Ich bitte ihm um einen Zitronentee. Ich saß lange so mit dem Tee, füllte die Tasse mit etwas Cognac und versuchte den Traum weiter zu träumen.

In Witebsk fand ich, nachdem ich mehrere Passanten gefragt habe, versunken im Schnee, jenes Haus. Es war wie all die anderen Häuser, ebenfalls vom Schnee befallen, die Wege waren nicht gefegt, es gab auch keine Museen. Ich stand lange da und schaute in den Himmel Chagalls, versuchte ihn und Bella darin zu entdecken, die durch die Wolken fliegen. Von der Reise blieb nur noch das Gefühl des suchenden Blickes und Eva von der Reise und dem Traum.

Zhenka liebte es, Wolken zu beobachten. Sie ähneln Gedanken oder Träumen. Hier ein Vogel, der seine Flügel ausbreitet, da ein großer Fisch mit dem glänzenden Auge der Sonne. Du senkst den Blick für eine Sekunde auf das Meer und das Bild verändert sich. Man kann die Wolken nicht aufhalten, die Gedanken schon, genauso die Träume. Sie schreibt sie immer mühevoll auf. Während des Aufschreibens verändern sich diese. Doch irgendetwas geschieht mit ihr. Der Fluss des Lebens verändert sich. Sie trennte sich von ihrem Ehemann, traf eine Liebe, gebar einen Sohn, trennte sich von dem Liebsten. Die Schwestern und Freunde wurden ihr näher. Doch der Blick rennt wie gewohnt in Richtung der Wolken und bemerkt einiges nicht, was wichtig ist.

Als sie das Institut für die Psychoanalyse wählte, entschied alles das Museum Freuds in dem Osteuropäischen Institut der Psychoanalyse in St. Petersburg. Das Museum der Traumbilder – wie kann so etwas überhaupt sein? In Piter zu leben und zu studieren war ein langgehegter Wunsch von ihr.

Morgen ist die Abfahrt.

In ihr kribbelte es vor Freude und sie bekam Gänsehaut. Wahrscheinlich war die Liebe zu Veränderungen irgendeine narkotischer Wunsch dieser Befindlichkeit.

Den jüngeren Sohn ließ sie bei der Schwester, der Ältere war bereits verheiratet, und Zhenja wieder Studentin. Und man musste sich von der Freundin verabschieden. Ein Mobiltelefon ist einfach nur Glück, sie wählt Nataljas Nummer.

Man sollte ein Abschiedsabend machen. Sie freut sich, wie Zhenja über alle Treffen.

Ihr Lieblingsgetränk ist Wodka mit Schweppes. Der Geschmack erinnert an Champagner. Auf dem Tisch steht Julien, gebratener Käse, Salate. All das, was sie mögen.

„Unsere turbulente Freundschaft, meine Gegenwart, wo zweifellos Wärme und Liebe herrschen, die man aussprechen sollte. Und in nichts gibt es eine Lüge. Ich bewahre es wie einen Schatz.“

Zu Beginn ein Glas auf das Treffen.

Das zweite Glas für die Erfüllung des Wunsches. So schade, dass er sich bei dir nicht erfüllt hat, Natascha.

Wir wollten gemeinsam lernen, doch Natalja hatte die Familie als höchste Priorität.

„Ich werde alles mit dir teilen, das weißt du selbst.“

„Julien ist sehr köstlich. Ich werde dich vermissen.“

Zhenja lächelt. Das Kochen liegt ihr nicht. Doch sie liebt es, ihre Freundin zu erfreuen und ihre Achtung zu bekommen.

Sie bereitet noch zwei Cocktails zu.

„Ich habe übrigens selbst die Arbeit gekündigt. Der Traum half mir, ich war selbst erstaunt. Ich nahm es an als Zeichen der richtigen Entscheidung.“

Sie teilen oft ihre Träume.

„Ich sitze in dem Empfangsraum von Lenin Vladimir Il’ich. Das Volk vor mir nähert sich mit Bitten.

Er leitet sie an. Und ich sitze hier mit meinen Fragen. In der Realität, erinnerst du dich, wurde ich von einer Mitarbeiterin enttäuscht, man nahm mir meine Auszeichnungen weg, ich bin böse, doch ich beschuldige in allem mich selbst, so ist der Kontext. Und nun der Traum.

Ich stehe auf von dem ungemütlichen Stuhl, blicke mutig in seine Augen, wackele mit dem Kopf in Richtung der übrigen Fragenden, und spreche:

Scheren Sie sich zum T…Vladimir Il’jich! Die anderen Fragenden blicken mich mit Schrecken an. Und ich? Soll sein, was sein soll. Dafür habe ich den Führer des Weltproletariats zum T. Geschickt. Und ich entferne mich langsam.

Beide lachen.

„Morgens ging ich zur Arbeit um zu kündigen. Ich erzählte den Traum Lena. Diese murmelte skeptisch: „Das ist ein wichtiger Grund“

Übrigens hält sie nichts von Träumen!

Der Herbst verwandelte die Straßen Petersburgs mit rot-goldenen Blättern der Ahornbäume.

Der erste Tag des Studiums im Osteuropäischen Institut der Psychoanalyse. Das Institut befindet sich auf dem Petrograder Gebiet. Ein riesiger Platz, 18. Ein altertümliches Gebäude, eine Marmortreppe, auf dem Boden ein Marmormosaik, die Spiegel reflektieren die spielende Sonne.

Die ersten Berührungen dessen, was lange deines sein wird, Wiedergeburt, die eigenen Reflexionen in den Spiegeln der neuen Realität. Die erste Lektion: Einführung in die Psychoanalyse. Ich spüre meine Anteilnahme zu den Geheimnissen der menschlichen Psyche. Ich blicke in die andren Gesichter, hier sind fast 70 Studierenden.

Alle, so sieht es aus, verliefen sich im dunklen Wald mit ihren Fragen.

Ich nahm Platz am ersten Tisch, fühlte mich wie eine Erstklässlerin. Ich erhebe die Hand für eine Frage.

„Sie sagten, dass die Therapie lange dauern kann, einige Jahre. Wie halten es die Patienten aus? Kann man sich nicht etwas ausdenken, damit es schneller vor sich geht?“

„Wohin eilen sie? Gibt es in Ihrem Leben Veränderungen, die schnell vor sich gehen?“

„So ist es. Wenn mir in meinem Leben etwas nicht gefällt, dann tausche ich es aus. Deswegen bin ich hier. Für meine Lieblingsarbeit.“

„Wie alte sind Sie? Eine nicht ganz bescheidene Frage?“

Ich bin…45 (sie nahm 5 Jahre weg, für alle Fälle) Und wozu die Frage?“

„Sie haben aber schnell ihre Lieblingsarbeit gefunden“, antworte MM…

Im Auditorium lachte man.

Damals wusste ich nicht, welch lange Reise vor mir liegt.

Wir suchten uns einen Therapeuten. Zuerst schien die Psychoanalyse ein magischer Kristall zu sein. Du beginnst gemeinsam mit dem Therapeuten auf das eigene Leben zu blicken, in dessen Zentrum das wichtigste Problem liegt. Mit diesem kamst du zu ihm, und dann ging es los, alles wird nun verständlich und davon, dadurch dass alles bewusst wurde, nach Freud, löst sich das Problem auf. Doch es erwies sich als viel schwerer. Für Magie brauchte ich Liebe.

Und eines Tages, während der Vorlesung, spürte ich es. Die Lektorin war eine Fee. Sie war so jung und weise, schön und weiblich. Ihre Stimme lockte einen an, das Thema waren Symbole, Märchen und Träume. Ich tauchte ein, sah nichts um mich herum, beobachtete nur sie, ihren Worten, die mich in ein Märchen führten über den goldenen Teller und den schönen Apfel, über eine weite, ferne Welt, über Eifersucht, Tod und Wiedergeburt. Elena fuhr mit der Vorlesung fort. Machte Witze, lächelte. War so lebhaft, so echt, gar nicht aus seinem Märchen.

Hinter dem Fenster fiel der Schnee, der Wind wirbelte die letzten Blätter auf. Die Vorlesung ging zu Ende.

„Ich möchte mich von ihre therapieren lassen“, sagte ich zur Freundin.

„Die ist zu gut für mich“, bemerkte diese.

„Für mich genau richtig,“ sagte ich und wundert mich über mich selbst.

Ich ging um zu rauchen und traf dort Elena, ebenfalls mit einer Zigarette. Hier schien es einfacher zu sein, einen richtigen Schritt zu machen. Ich machte ein Treffen aus und glaubte nicht an die Möglichkeit.

Über den Fluss Karpovka, entlang der Brücke, links ein Café , rechts – das Psychoanalytische Zentrum. Eine geschmiedete Abzäunung, ein Garten im Hof, Marmortreppe, eine schwere Tür. Die Knie zittern, das Herz schlägt wie ein erschrockener Vogel. Das Kabinett ist freundlich, eine warme Leuchte in der Ecke. Elena, die Schöne, sitzt in dem Sessel, ihr Sessel ist gegenüber der Chaiselongue.

Es begann ein Gespräch – die Psychoanalyse. Es ist ungewohnt über sich selbst zu sprechen. Das Vertrauen kam sofort von ihrem aufmerksamen Blick, dem Schweigen und dem Zuhören. Nie und nirgendwo ist es so. So als ob wir meine verloren gegangenen Puzzle-teile suchen würden. Das was geschah, ähnelte einem Traum, in dem sich mit mir Dinge ereigneten. Elena hielt mich wie an der Hand, und der Traum füllte sich mit Realität.

Wie eine mühsame Wiederherstellung des Textes, bei dem du am Wort den Kontext errätst. Und das Wort Liebe las sich nach einem nicht hiesigen Klang. Eine Stunde ähnelte dem Beginn eines Lebens, durch irgendeinen fremden Punkt der Raum-Zeit, durch ein schwarzes Loch, wo sie die Plätze tauschen.

Ich verließ die Pforte, ging über die Karpovka, sah das Café, rechts die Bezeichnung „Margarita“. Der Name meiner Mutter. Der Blick verschwamm, auf dem Wasser schwammen fünf schwarze, im Licht der Laterne, glänzende Enten, die Ampel schaltete auf grün. Es regnete, es war ein feuchter Abend, oder waren es meine Tränen?

Ich gehe durch St. Petersburg, und hinter der Ecke der mir bekannten Straße, biege ich in einen Torbogen ab und betrete einen Hof. Ich setze mich auf eine Bank, rauche eine und sehe durch den vor mir vorbeifliegenden Rauch, den Hof meiner Kindheit. Und sie ist ein kleines Mädchen, das man in diesem Hof, in der Abenddämmerung, vergessen hat. Das Mädchen stochert gedankenverloren im Sand, ohne den Versuch, etwas bauen zu wollen. Sie nimmt den Sand monoton in die Hände und lässt ihn wieder nach unten rieseln. Und in den Fenstern des Hauses brennt schon das Licht. Dort sitzt man am runden Tisch, mit Piroggen und Süßigkeiten, die sie so liebt.

Ich erinnere mich an diesen Hof und komme nächstes Mal wieder. Nachts, im Traum, umarmt sie das kleine Mädchen, flüstert ihr Märchen zu, in das zärtliche, warme Öhrchen, und sie verspricht ihr, sie nie zu vergessen.

Ich brauche lange für den Nachhauseweg, nachdem, ich weiß nicht wo ich war. So nenne ich meine Treffen mit dem Therapeuten.

Morgens, auf dem Weg ins Institut, beginne ich in die Gesichter der Passanten zu blicken und in ihnen verborgene Geheimnisse zu entdecken, Gedankenverlorenheit, Trauer und Lächeln. Und ich spüre Liebe, darin gibt es nichts Falsches.

Die Wolken ziehen, wie gewohnt, durch den Himmel, die Dächer der Häuser wackeln. Unter den Füßen federt der Weg ab, den ich entlang gehe, nicht eilend, und ich spüre in meiner Hand die warme Hand des Anderen.

Gedichte von Zauresh Dandybayeva aus dem Buch „Freundschaft“

Grenzen

Du bist zurückgekehrt!

Bist in meiner Nähe!

Wir sind nebeneinander!

Nur dein Blick geht immer an mir vorbei.

Du bist anders, nicht so:

Dein Blick ist stachelig.

Er durchdringt mich wie ein Laser.

Über mich spricht man,

Und du glaubst…

Als ob du nicht dein eigener Hausherr seist.

Ich versuche dein Herz aufzutauen.

Nur vergebens:

Du selbst bist nicht du.

Lass uns niederbrennen,

Ohne Rest.

Wir werden zu Asche.

Wo bist du? Wo bin ich?

Wir sind von einer Blutgruppe,

Das weißt du.

Es gibt genug Zeit:

Schaue in mein Inneres.

Wir sind von einer Blutgruppe:

Einheitlich.

Es gibt bei dir und mir keine Grenzen.

Wir sind von einer Blutgruppe,

Liebster.

Ich habe mich unsterblich in dich verliebt.

Rätsel

Die Strähne fiel mir ins Gesicht

wie die Papierschlange von der Mandarine

Ich wachte auf

Setzte mich wie ein Rad:

zart und körperlos,

Gedanken – Schlamm.

Ich habe meinem Kissen

des nachts Berge zugeflüstert.

Es ist schon lange mein Freund

Genehmigt mir immer meine Kontroversen.

Für was, wann und warum?

Wo ist er und wo?

Nenne mir den Kernpunkt.

Doch das ist ein Geheimnis des Seins.

Nostalgie

Das war gestern:

die Nostalgie.

Ich sammele alles auf, alle Sandkörner.

Sammele alle Gefühle auf einen Faden:

Das, was gelebt wurde, gehört mir.

Ich tauche ganz in das Vergangene,

In die gefütterten Herzen.

In jeder Zeile öffne ich

Mit Liebe

Das, was uns beide verbindet.

Ich erinnere mich an die Sanftheit deiner Umarmungen.

Eine weiche Stimme, wie ein Echo, in der Weite.

Das alles, kann man nicht zurückholen.

Das weiß ich.

Deswegen habe ich

Nostalgie.

Die unerträgliche Leichtigkeit nach Kundera

Abend

in unerträglich leichten Umarmungen

Sprechender Hände

Ein betäubender Blick…

Und das Herz ist wie eine Motte,

Es flattert.

Das Atmen für Beide –

Unendlichkeit.

Ich schreie in der Sprache der Gesten:

„Lasst mich nicht

In der Dunkelheit“

Auf den Zehenspitzen des entgleitenden

Tages,

In den verschwommenen Skizzen

Der Nacht.

Messe nicht die Liebe

Mit den Worten.

Lese in der Lautlosigkeit der Lippen:

„Ich liebe“.

Und suche nicht nach mir in Anderen…

Es schmerzt.

Unerträglich.

Ein Februarmittwoch

In der Galerie der Autorkollektionen

Spiegelt sich

Wie ein Aquarelltauwettertropfen

In den Umrissen des Februars

Der schlitzäugige Mittwoch

So scheu und bescheiden…

Kaum atmend.

Der Winter geschmückt mit Seide

Schmiegt sich an wie ein Köter,

Legt sich in die Beine mit dem Schnee,

Der vom Himmel nach unten fällt.

Kaum verdunkelt sich

Der weiße, weiße Wald.

Der weiße Mond und

Die milchige Ewigkeit…

Der Galeriemittwoch ist atmosphärisch.

Gefühle ohne Antworten

Ich möchte kein Sujet nach Schablonen.

Die verbotene Liebe ist nicht wie guter Ton?

Und was geht euch das an?

Der Sommer vergeht.

Ich wähle meine Lebensweise selbst.

Es ist alles entschieden.

Ich zappele vor Glück,

Vor Liebe,

Ich erfand dich mit Einbildungskraft.

Du betrittst den Garten,

Und darin die Früchte der Liebe.

Sujet,

Den Beweis wert.

Beiße in die Frucht, gehe nicht vorbei.

Wenn wir uns mit den Augen treffen,

Rufe ich dich mit dem Blick: „Schmiege dich an“

Und schenke Liebe

Für die Erinnerung.

8. März

Die gelben Tulpen

Die geben Tulpen überfließen

auf einer Frühlingsleinendecke.

In der Stille rieche ich das Aroma.

Nun sehe ich den Wandel.

Ich stelle die schön bemalten Schalen auf.

Schalte den Film „8. März“ ein.

Er, sie…

Es bleiben noch zwei Sonnenuntergänge

Und ein Sonnenaufgang.

Darauf warte ich besonders.

Der Dezemberschnee

Mit der Berührung der himmlischen Aspersionen

Fällt mit Funkenpuder der Schnee.

Das Himmelsmanna von den dünnen Finger der Feen

Fliegen zärtlich wie Schwanendaunen,

Berührt die Wangen mit Himmelsgeist

Und schmilzt wie eine Feder

In den Handflächen der zarten Hände.

Der Frost malt seine Spitzen.

Das Geschehene schmilzt wie Rosenblüten.

Die Regensaison

Noch ein bisschen,

Nur ein paar Tage,

Das letzte Blatt…

Mach den Glühwein warm.

Ich glaube an den Wind der Veränderungen.

Auf die Dächer fällt Hagel:

Die Regensaison…

Dann das Klopfen des Paars:

Regen und Schnee.

Für das Ausgehen,

Ein Regenschirm in Farbe

Und ein warmer Schal,

Die Stiefel.

Mache die Tür auf.

Lasse mich hinein.

Sonst werde ich noch nass bei dem Regen.

Und zusammen ist uns für nichts.

Odessa

Odessa, du liebliche Zauberin,

Des winters und des sommers

Ruft sie mich und ich träume von ihr.

Eine Stadt mit einer Seele,

Eine Meeresstadt.

Liebliche Höfe:

Man braucht keine Parolen,

Die Männer immer mit dem Domino.

Die Jungs?

Auf den Fahrrädern

Rasen zum Kino.

Auf den Seilen

Hemden und Bettlaken.

Kartoffeln und Speck

auf den Pfannen.

Ganz offen

Sind die freundlichen Fenster

Und Tante Sonja

singt auf dem Balkon.

Wie ist es, Odessa?

Erinnerst du dich an mich?

Ich spreche ehrlich:

Ich bin in dich verliebt.

August

Wie sauber und hoch der azurfarbene Äther.

Doch die Phrasen sind überflüssig, wir schweigen.

Und wir sehen, wie der August

das Taufbecken vorbereitet:

September um in ihm zu taufen.

Es schaukelt auf dem Herbst das Wiegenlied.

Melodisch singt die Grille.

Und die Luft

Aus den Fraktionen

der Beerenweine

Och, August,

Wie lieblich du bist

Der Aprilschnee

Die Natur ist launenhaft:

Der Frühling eilt nicht zu uns,

der Winter beschließt nicht zu erscheinen,

Es scheint, man soll gehen.

Das Frühlingslaub

vom Schnee umhüllt

friert

Sie möchte Wärme.

Auch die Bäume welken,

Atmen aus in Stille:

„Wann werden wir endlich umarmt

Von der Schönheit-Frühling?“

James Bond

Ein Agent mit zwei Nullen,

Als würdest du das Leben auf Null stellen:

Du überlebst die Kugeln

Und du schaust dem Tod in die Augen.

Es ist nicht Zeit, um zu sterben,

Agent mit den zwei Nullen.

Big Ben kündigt wieder an:

Die Aufgabe soll sein!

Und die Uhr schlägt Mitternacht,

Der Fein schläft nicht.

Das Böse hat vielfältige Verkleidungen,

Ein Teil Englands soll man für dich aufbewahren.

Wieder vor dem Treppenhaus „Aston Martin“,

Den Agenten, den man bewahrt,

Bringt er mit zwei Nullen

Dorthin,

Wo man nur eine Null braucht…

Gedanken über das Leben

Die Jahre fliegen in aller Schnelle.

Die Hetze hetzt.

Sorgen, Angelegenheiten, Bekümmernisse…

Die weite Welt ist nicht mehr lieblich.

Wir schämen uns unserer Gefühle,

Auf dem Hals ein Schal…

Ich rufe an.

Keine Antwort.

Es ist leichter, sich zu verschließen

Und zu schweigen:

Das Aufblühen von Engherzigkeit.

Sich öffnen.

Ehrlich werden.

Und es reicht mit dem Schweigen.

Ich würde dich so gern umarmen

Und deinen Winterschal ausziehen.

Eine Postkarte

Ich schenke dir eine Postkarte

Du wirst dich an mich erinnern.

Ich unterschreibe meine Postkarte,

In den Worten – die Liebe zu dir.

Ich lege eine Fotografie in die Postkarte,

Weißt du, was auf dieser abgebildet ist?

Unser Sommer, unser Meer,

Du und ich – zusammen.

Nimm hervor meine Postkarte,

Wärme sie mit der Hand,

Nähere dich mit den Augen den Zeilen,

Sei mit dem herzen bei mir.

Was ich dir nicht sagte,

Wirst du nicht in den Zeilen finden.

Du wirst sich auch an unseren Sommer erinnern.

Und mich vermissen.

Die Liebe

Nach den Sonnenuntergängen die Sonnenaufgänge,

Nach dem Winter der Frühling,

So auch im Herzen:

Hitze und Kälte,

Freude und Trauer.

Mal begrüßt die Seele den Sonnenaufgang,

Mal ist es ganz dunkel,

Mal blühen Rosen in ihr,

Es fällt das Laub.

Mal singt die Seele wie ein Vogel

Und bringt uns ins Paradies.

Doch plötzlich nimmt die Trauer das ganze Herz ein…

Wie tue ich mir leid.

Die Märznacht

Der Tag brannte nieder,

Mit Asche zu den Sternen:

Berührte

Umarmte zärtlich.

Die Sterne sanken in mein Haus

Mit Glückseligkeit

Das Aroma der Nacht

Lud mich ein zu einem Spaziergang

Ich möchte durch

die Gassen wandern.

Och, wie es duftet

die Märznacht!

Für ihn bin ich

Wie ein Vergissmeinnicht.

Er wird mich nicht vergessen

Doch wird er mich auch nicht finden.

Auf den Wangen die Röte.

Im Herzen – Stories.

So ist der Frühlingsternefall:

Webt das Muster der Liebe mit Asche auf dem Herzen.

Derjenige, der liebte, freut sich über den Sternfall.

Die Kindheit (gewidmet an Mama)

Ich wandere in den Winkeln der Erinnerung:

Suche nach dem Mädel in mir,

fröhlich und lustig,

Mit Schleifen und einem Zopf

Ich wandele in den Winkeln der Erinnerung:

Umarme wieder Mama,

Kleide die Puppe festlich ein mit meiner lieben Schwester Olja.

Nun denn!

Icj

Die DKindeDDie III
Ich wandele in den Winkeln der Erinnerung:

Höre die Stimme der Großmutter.

Das Abendbrot ist auf dem Tisch,

Das Omlett brät in der Pfanne.


Ich wandele in den Winkeln der Erinnerung:

Finde nicht jenes Mädel.

Die Jahre fliegen dahin,

Und die Spiegel kann man nicht korrigieren.

Die Spiegel lügen, die Seele hat recht:

Es ist schön, sich an sich selbst zu erinnern.

Mit der Schwester und der Mutter,

Und der Familie.

Die Erinnerungen sind mit mir.

Die Welt um uns herum

Das einundzwanzigste Jahrhundert-

die Zeit der Dekadenz,

der Prunk der Phrasen –

Das Kind der Lügen,

Die Werbung strömt aus jedem Sender:

Was, wo, wann…

Hol es einfach hervor: Kaufe es.

Nur ist das Herz nicht prunkvoll,

Sondern spricht mit geradem Text:

  • Beeile dich Das Leben ist zu kurz

Bei uns allen, Jungs.

Für das Glück braucht man das Wenn,

Sei nicht trübselig.

Bade in den Farben des Lebens,

Genieße es.

Zeige Sorge,

Wenn es schmerzt, halte aus.

Mit einem offenem Herzen

Wärme die Hälfte der Welt.

Und mache das Licht an,

Wo wir uns niederließen.

Wärme mich und gebe mir Nahrung.

Doch nicht faul.

Sondern mit der ganzen Seele, vom herzen.

Gib mir Feuer.

Hebe mich auf, streichele mich.

Sage so lieblich:

„Wie cool du bist“,

„Und wie gut du bist“.

Erinnere alle,

Dass das Leben immer wundervoll ist.

Fühle einfach

Die Atmosphäre des Tages!

Und nun

Eine andere Situation.

Elegant erklären sich die Freunde.

Und das Rohr der Welt verbindet alle.

Der Raucher lebt!

Es gibt kein Rauch ohne Feuer!

Ein wundervolles Anlitz,

Wunderbare Schöpfungen

Die Seele singt eine Romanze

Für das Böse des Tages-

Klarer geht es nicht…

Fließe, du Lied.

Versuche den Unterschied zu sehen

Ohne zu eilen

Frage dich,

Doch nicht geziert,

Frage ganz einfach:

„Gib mir einen Tipp, Seele:

Wir wollen homo sapiens sein,

Verstand?

Oder homo-digital,

Von der Ziffer?

Homo, ja.

Der Knirps

Die Augen – zwei Knöpfe,

Und Grübchen auf den Wangen-

Und ein klnagvolles Stimmchen:

Möchte auf den Arm genommen werden.

So nahm ich ihn zu mir.

Er schmiegte sich an meine Brust.

Die Herze trafen sich:

Welch ein angenehmes Klopfen…

In den Umarmungen der Mutter

Blinzeln zwei Knöpfchen.

Zur Ruhe gekommen ist das Söhnchen.

Die Sommerhitze

In einer Honig-Keks-STille

Hängt die Pause.

Wofür?

Ich lenkte den Atem um.

Warf mich weg von der Stadt.

Immer darüber grübelnd:

Wofür?

Ich fuhr eine Haltestelle mit der Tram,

Mir wurde heiß.

Ich ging heraus…

Und dann zu Fuß.

Und der aufgebrochene Himmel schickte

Einen unerwarteten Donner.

Der Regen floss unter die Füße:

Weg, ihr Sandalen.

Das Wasser steht wie eine Wand:

Barfuß.

Verzweifelt laufe ich den Trotoir entlang,

Und der Regen wäscht die Erinnerung:

Das war es.

Einblick in Zauresh Dandybayevas Roman „Unanständige Menschen“

Daria, die Protagonistin des Romans und Ehefrau eines Bankiers, begibt sich auf die Suche nach dem Schuldigen am Tod ihres Ehemannes. Die zwei Schwestern Sascha und Olga helfen ihr bei der Suche.

Der Roman bietet ein Panorama von Reisen in die westliche Welt.

Nach dem Mord an ihrem Ehemann, begibt sich Daria mit ihren beiden Kindern auf Flucht vor politischer Verfolgung – von Russland in die Hauptstadt Österreichs, um hier ein gänzlich neues Leben zu beginnen.

Sie und ihre Kinder verlieben sich sofort in Wien – sie bestaunen die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Diese gibt sogar Darias „Leben seine Farben zurück“.

Daria ist eine attraktive Frau, die sehr auf ihr Äußeres achtet. Ihre Augen verraten jedoch immer ihre Stimmung und ihre Gedanken.

In Rückblenden erfährt der Leser über die Person Stas Briman, eines erfolgreichen Businessmens und guten Familienvaters.

Daria leidet aufgrund des Verlustes – die Wunden der Seele wollen nicht heilen.

Der nächste Aufenthaltsort Darias ist London. Hier trifft sie auf Olga und spielt mit ihr Sherlock Holmes. Die beiden verstehen sich auf Anhieb und philosophieren gemeinsam über Themen wie das Unterbewusste. Auch Olja war verliebt, auch sie wurde von der Liebe enttäuscht.

Stas Birman, Darias Ehemann, kannte sie von der gemeinsamen Arbeit und ist überzeugt davon, dass zwischen ihm und Daria wahr Liebe existierte. Sie sprechen ständig über Stas. Und „jeder Fakt, den Daria von Olga hörte, öffnete ganze Schichten, Linien, Sujets aus der Vergangenheit“.

Abgesehen von dem Haupthandlungsverlauf, findet ein Exkurs in die Welt der Mode statt, in der die Figur Evelyns eine Rolle spielt. Sie reist nach Italien, „lernt, erarbeitet einen Franchise, eröffnet Boutiquen und kreiert neue Kleider“.

Eine weitere Protagonistin ist Alexandra. Sie fragt sich nach dem Sinn des Lebens: „Wer ist der Regisseur?“ Alexandra will Daria ebenfalls auf der Suche nach dem Täter helfen. Doch nicht nur das, es ist ein Anliegen für sie, einen Roman über Darias Geschichte zu schreiben. Das wichtigste Kind Alexandras ist dieses Buch. Auch hier findet eine Reise in eine Metropole der westlichen Welt statt – Barcelona. Alexandra erlebt einen Kulturschock, doch sie lässt sich auf die Stadt ein. Im Café trifft sie Migel, der ihr die kulinarischen Besonderheiten Spaniens näher bringt. Sie unterhalten sich über Tanz, Schauspiel und vor allem über Gaudi.

Am Ende des Romans trifft Daria Nute, einen Zauberer, der ihr dabei helfen soll, den Schuldigen zu finden und die Lebensharmonie wieder herzustellen. Nach dem Gespräch mit Nute kommt Friede auf und das Verständnis, dass es genug ist, nach dem Schuldigen zu suchen.

Aber es kommt alles anders.

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten