Julia Kim Ein karmisches Ereignis

In der Kindheit war ich davon überzeugt, dass alle Katjas sich aufteilen in schlechte und gute. Gute – das sind meine Cousine, die Eiskunstläuferin Gordeeva und die Großmutter vom Markt, welche die besten Piroggen mit Pilzen macht. Zu den schlechten Katjas in meiner Bekanntschaft zählt nur eine – Samohina, die ich in der Gruppe „Schwalbe“ des Kindergartens traf. Von da an begann der Verdacht zu den Trägerinnen dieses wunderbaren Namens, relativ häufig.

Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt. Ich erwarte keine Tricks mehr mit Grießbrei in Form von Klumpen, und Breie kommen bei mir äußerst selten vor. Ich gieße einen starken Kaffee in meinen Organismus und antworte auf die elektronische Korrespondenz. Das Büro wimmelt von schläfrigen Kollegen. Aus einem monotonen Summen dringt eine dünne Stimme hindurch:

„Guten Tag, der Manager aus dem Personalbüro hat mich zu euch geschickt, das ist doch die Plan-Abteilung?

Ein langer Bob, dunkle Augen, eine Höckernase.

„Arkaij Jur’evich ist heute spät dran,“ antworte ich und denke mir dabei: „…wie an jedem anderen Tag“, „Sie können erst einmal sitzen bleiben und in unserem Portfolio blättern.“

Ich weiß nicht, warum das Weltall es nötig hatte, das karmische Soll mit dem Kredit gerade jetzt zusammen zu führen, doch in dem Moment, als wir  offiziell einander vorgestellt wurden, war ich davon überzeugt, dass sie Katja heißt, sie ist nicht meine Cousine, fährt keine Schlittschuhe und kann wohl kaum Piroggen mit Pilzen braten.

Nach den Erzählungen meiner Mutter, habe ich im Kindergarten nie geweint, ging immer brav schlafen und aß das Mittagessen immer ganz auf. Für meine einmalige Problemlosigkeit, hat das pädagogische Personal meines Kindergartens, mich am Wettbewerb der Stadt „Miss Herbst“ teilnehmen lassen. Die Eltern flüsterten: „Das ist eine seltene Chance,“ ich selbst nahm es als Bestrafung wahr.

Der Rahmen des Herbstballs in unserer Stadt konnte man mit der Eurovision vergleichen. Er fand mit Schwung statt und beinhaltete tägliche Proben. Bei den Elternteilen der Teilnehmer fand ein Kampf statt. Meine Mutter blieb natürlich nicht zurück: sie nähte mir aus ihrer alten Bluse ein Kleid, richtete Lockenwickler aus alten Zeitungen auf und Verbänden, und ein paar Tage vor dem Herbstball brachte sie den Organisatoren eine Schachtel Pralinen.

Es kam der Tag X. Mein Gesicht war geschminkt mit blauem Lidschatten und Rouge. Die Erzieher wunderten sich: „Unsere Malvina“, doch aus dem Spiegel blickte mich ein trauriger Clown an. Die Zeit des Kunstwettbewerbs nahte heran. Ich stand hinter den Kulissen und wiederholte zitternd den Text „Waldelch,“ als auf meinem Kleid plötzlich ein dunkler Fleck süßen Tees auftauchte. Die eiserne Tasse fiel geräuschvoll auf den Boden. Katja Samohina starrte mich an und blinzelte mit den Wimpern. Sie wollte was sagen, doch meine Hände bewegten sich zu ihrer Schleife. Wir fuhren fort, einander zu schubsen, bis wir uns zusammen auf der Bühne wieder fanden. Soll man erwähnen, dass den  Titel „Miss Herbst“ keine von uns beiden bekommen hat?

Katja wurde mir zugeteilt. Unser Direktor Arkadij Jur’evich kündigte mir festlich an, dass dies eine seltenes Chance sei, meine Führungsqualitäten zu entwickeln. Und obwohl Katja sich als schlaue, junge Frau präsentierte und mir super dabei half, die Quartalsabrechnung  aufzugraben, gab ich sie zum Ende ihres Praktikums mit Freude an das Personal ab, mit lobenden Oden.

Donnerstag. Das Ende des Arbeitstages. Arkadij Jur’evich bittet mich, für eine Minute zu ihm zu kommen.

„Sie haben mich gerufen?“

„Setzen Sie sich bitte.“

Er legt irgendwelche Papiere in die Schublade.

„HR-Beauftragte, wie ich einer bin, lasen Ihren Personalbogen und beschlossen, Katharina in unsere Abteilung aufzunehmen. Im letzten Jahr hatten wir mehr Projekte, deswegen wird ein Mensch mehr nicht überflüssig sein. Und Sie werden es einfacher haben.“

Ich nicke zufrieden.

„Nur mit dem Budget haben wir falsch kalkuliert,“ er schaut Richtung Fenster. „Wir haben lange nachgedacht, wie wir vorgehen sollen und beschlossen das Gehalt für die Mitarbeiter um zu denken.“

„Meinen Sie, kürzen?“ Ich glotzte ihn an und klimperte mit den Wimpern.

„Ich verstehe,“ Arkadij Jur’evich breitete die Arme aus, „Machen Sie sich keine Sorgen, das ist nur vorübergehend. Nach dem Neuen Jahr werden wir uns etwas ausdenken.“

So erfuhr ich, dass alle Arkadijs sich aufteilen in gute, wie zum Beispiel der berühmte Schriftsteller Gaidar, und schlechte, so wie unser Jur’evich.

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Meruert Tair: Sonnenaufgang

Rote Mohnblumen

Irgendwo im Wald erklang ein Schuss.

„Und im Schnee erblühten wieder die roten Mohnblumen…“ flüsterte Sjaomin ohne den Blick von dem düsteren Wald abzuwenden.

Die Großmutter machte irgendetwas im Haushalt:

„Sjaomin, hör endlich auf, aus dem Fenster zu blicken, bald kehrt der Herr von der Jagd zurück, und das Abendessen ist noch nicht fertig. Geh und bring etwas Holz aus dem Schuppen.“

Sjaomin ging eilend aus dem Haus. Der Schnee legte sich mit weißen Flocken auf die Erde und stürzte die Welt in eine Illusion der Einheit. Die mit Schnee bedeckten Simse der Dächer schienen massiv zu sein und die Figuren darauf – rätselhaft.

Das Traben der Pferde und die Geräusche der Stimmen lenkten sie von ihren Aufgaben ab – der Herr Kang kehrte von der Jagd zurück. Berauschte  und fröhliche Freunde des Herren stürmten zuerst in das Haus und erklärten einander laut irgend etwas.

Die Nacht bedeckte das Dorf. Doch es schliefen nicht alle. Ein einsamer Reiter im Wald, welcher sich durch die Bäume vordrang, stieß auf Unebenheiten und Gruben. Endlich fand er das, was er gesucht hat. Das war ein Mensch.

Der Reiter beeilte sich und befestigte das Pferd an den Baum. Er nahm aus der Reitertasche einen weißen Stoff heraus und legte diesen dem Menschen in den Mund.

„Ein goldener Pfeil, leider…atmet er nicht,“ wandte er sich an das Pferd.

Er nahm die Leiche am Zaum,  legte sie auf das Pferd und führte dieses zur Wiese.

Er sammelte Holz und zündete ein Lagerfeuer an.

Dann fiel er auf die Knie und begann zu beten.

Und plötzlich entflammte ein riesiges Feuer: Die Feuerzungen berührten fast den Himmel. Im Feuer brannte, möglicherweise jemandes Vater oder Bruder, jemandes Hoffnung oder jemandes Leid – der Reiter fügte immer mehr Holz hinzu und schaute mit leeren Augen auf das Feuer. Das Lagerfeuer war der  letzte Tribut.

Das Feuer erlosch: unwahrscheinlich, doch dieser hinterließ nur saubere Asche. Der Reiter stand auf und sammelte diese in eine selbst gemachte Urne ein. Er vergrub sie so tief, wie es die gefrorene Erde zuließ.

Bevor er weg fuhr, band er an den Baum, welcher in der Nähe stand, ein Tuch…mit einer roten Mohnblume darauf.

***

„Herr, er hat wieder nicht auf Sie gehört, stellen Sie sich vor, wieder!“ Die aufgesperrten Augen des Helfers machten den Anschein, als ob sie es nicht gesehen hätten.

„Warum erzählst du mir das, wenn du immer noch nicht erkennen kannst, um wen es sich handelt. Wie ein Tuch mit Mohnblumen darauf?“ Kang wurde böse.

„Leider ja, mein Herr. Wir fanden ein Rosenkranz,“ er gab Kang einen alten, abgeschabten Rosenkranz aus Sandelholz.

„Solche hat mal meine Witwe gehabt.“ Kang zählte die Perlen, schaute sich jede genau an und versuchte in Gedanken, diese zum Sprechen zu bringen. „Er soll sich nicht bemühen, richte es ihm aus. Er kann nicht alle retten, welche ihre Schulden nicht bezahlen.“ sagte Kang.

Der Helfer entfernte sich leise und ließ Kang mit seinem Zorn allein.

„Sjaomin! Wein!“ schrie Kang.

Sie brachte eine Flasche auf einem silbernen Tablett.

„Schenke ein!“ er deutete auf die Schale.

„Natürlich, Herr!“

Gerade hatten sich ihre schneeweißen Hände zum Wein bewegt, schnappte sich der Herr ihre Handgelenke. Kang riss den Ärmel ihres Kleides bis zu Schulter auf und sah eine Vielzahl an Kratzern.

„Was ist das?“ er ließ ihre Hand nicht los.

„Ich habe Feuerholz gesammelt und mich dabei verletzt,“ versuchte sie sich zu befreien.

Er schnappte ihre Haare und roch daran. Sjaomin befreite sich erfolglos und tat sich noch mehr weh.

Kang ließ sie mit solch einer Kraft los, dass die junge Frau hinfiel und den Kopf an der Wand stieß. Er stand auf und beugte sich über sie:

„Warum riechen deine Haare nach Rauch?“

Sie hat noch nie solch bösen Augen gesehen.

„Herr, ich befinde mich immer beim Ofen…“ Sjaomin begann eilig ihr Kleid zu richten  und hielt sich dabei am Ärmel fest.

„Was soll man dazu sagen, Mistding?“ er warf den Rosenkranz aus Sandelholz in ihr Gesicht, dieser stieß schmerzhaft ihre Wange und fiel vor ihr hin. „Ich erinnere mich, dass meine Frau sie dir geschenkt hat. Wir konntest du uns so verraten?“

Er nahm sein Gewehr und begleitete Sjaomin mit Kraft vor das Tor.

Dann schubste Kang die junge Frau, diese fiel auf die Erde, und dann schrie er: „Lauf!“ Sie stand langsam auf, wackelte und lief in den Wald. Der Schnee schien ihr heiß zu sein. Die Füße hörten auf, die Kälte zu spüren. Kang folgte ihr langsam. Sie stolperte bei jedem Schritt. Sie fiel hin und kroch. Plötzlich sah Sjaomin eine Gartenlaube. Sie sammelte all ihre Kraft zusammen, sprang auf die Füße und kletterte rein. Sie drehte sich um: Noch eines Sekunde konnte sie die Silhouette Kangs erkennen, und dann verlor sie das Bewusstsein. 

Das Schloss Shi Hou

Pfingstrosen und Rosen waren die ersten, die morgens die Sonne begrüßten. Ihre Sonnenstrahlen wärmten die Blumen, die Steinwege und vergoldeten die mystischen Figuren auf den Ziegeln. Die Springbrunnen fielen melodisch mit Tropfen nach unten, um wieder nach oben zu fliegen. Der Garten lebte mit seinen Bewohnern: Irgendwo lief ein, den Schwanz aufgebauschtes, Eichhörnchen, irgendwo ging ein  mit einem weichen Schritt,  auf der Suche nach einem Schatten, weißer Tiger, und irgendwo ein schwarzweißer Bär, welcher das Bambusrohr auf der Flucht genoss.

Sjaomin öffnete halb die Augen. Das Aroma des Jasmintees und irgendeiner scharfen Suppe stieg ihr in die Nase. Eine Decke mit Drachenbildern, seidene Kissen, Früchte auf dem Nachttisch: sie konnte nicht verstehen, war es ein Traum oder haben die Vorfahren sie zu sich geholt.

Die Kraniche im Weiher beobachteten den winzigen Fisch, mit dem Schnabel die breiten Blätter der verwelkten Lotosblume berührend. Auf dem Hof eilten die Bediensteten hin und her.

„Sie werden heute den Herren Shi Hou sehen,“ sagte eine von ihnen, während sie das Zimmer aufräumte, „er wird im Hauptschloss zu Abend essen und lädt sie ein.“

Das Hauptschloss ähnelte anderen Schlössern dieser Epoche. Er zeichnete sich durch eine Vielzahl an Figuren aus, welche verschiedene Tiere darstellten, und die Fassade sowie den Hauptsaal schmückten.

„Sjaomin ging herein und sah einen gedeckten Tisch.

Plötzlich sprang jemand wie von einer Decke direkt auf den Tron.

„Guten Tag,“ lächelte der Herr des Schlosses.

Sjaomin wurde verlegen: Sie kannte ihn aus Märchen und hätte nicht gedacht, dass sie ihn irgendwann treffen würde.

Vor ihr stand „der die Leere kannte“ – Der König der Affen: der selbe Raufbold Shi Hou – der Magier, welcher die Unsterblichkeit suchte, der mutige Kämpfer und ewige Wanderer. Er sah aus wie ein Affe, doch trug er Menschenkleidung und sprach in der Sprache ihrer Vorfahren.

„Herr Shi Hou?“ fragte sie zögerlich.

„Ja,“ lachte er.

Sjaomin fiel auf die Knie  und beugte vor ihm den Kopf:

„Ich danke Ihnen für meine Rettung, wobei ich selbst nicht verstehe, wie dies geschehen ist.“

„Gut-gut, nun steh wieder auf,“ Shi Hou lud sie mit einer Geste zum Tisch ein.

Irgendjemand im Garten spielte eine Flöte: Ihre Klänge, vermischt mit dem Wind flogen bis in den Saal.

Sjaomin unterbrach die Stille:

„Herr Shi Hou, wie haben Sie es geschafft mich zu retten? Ich sah meinen Herren ganz in meiner Nähe als ich in die Gartenlaube sprang…“

„Keiner der Sterblichen kann das Schloss Shi Hou finden, weil sich dieses im Nichts befindet. Und diese Laube ist ein Schutzkreis für diejenigen, denen man helfen soll, und sie wird nur von denen, die reinen Herzens sind, gesehen. Du verschwandest aus der Welt, nachdem du sie betratst und ich schaffte es, dich zu retten,“ antwortete er.

„Gut, dann wissen Sie auch, wie ich zurück komme?“

„Die Welt der Menschen ist ungerecht, ich glaube ihnen nicht, deswegen habe ich diesen Ort erschaffen, du wirst hier bleiben zu deinem Besten,“ er schaute in ihre Augen.

Sjaomins Herz erzitterte wie ein Vogel, welcher bereits im Käfig saß, doch dachte, dass er daraus fliegen kann.

Das Geheimnis Shi Hous

Die Dämmerung ist die aller rätselhafteste Zeit des Tages. Die Zeit, wenn der leuchtende, gesättigte Tag den Stab an die nachdenkliche und weise Nacht übergibt. Eine warme Luft und ein kühler Wind, wie Brüder, spielen miteinander, ohne zu streiten.

In den weit entfernten Zimmern lärmten und lachten laut die jungen Frauen. Sjaomin beschloss zu erfahren, was dort vor sich geht.

Die Frauen standen im Kreis, sprachen sich laut ab und nahmen voneinander den geheimnisvollen  Gegenstand. Sjaomin ging näher und verstand, dass es sich um einen kleinen Spiegel handelte.

„Guten Abend,“ grüßte sie die Helferinnen.

Diese erschraken und begannen den Spiegel zu verstecken.

„Habt keine Angst, das bin nur ich. Warum versteckt ihr den Spiegel?“

Die jungen Frauen schauten sich um: Ihr Blick bedeutete, dass Sjaomin etwas nicht wusste.

„Verboten,“ sprach die Jüngste der Frauen, „Man darf den Spiegel nicht im Schloss aufbewahren. Der Herr sagt, diese seien voller böser Geister, welche von dort ausbrechen können.

Alle nickten.

„Das heißt ihr habt keine Angst vor diesen, wenn ihr in den Spiegel blickt?“ lachte Sjaomin.

„Wir…wir…“ sagten die Frauen, „Wir wollten nur hinein blicken, es ist so lange her, dass wir uns angeschaut haben im Spiegel…“

„Es ist doch nichts schreckliches passiert?“ Sjaomin ging zu ihnen und nahm den Spiegel. „Ich werde diesen aufbewahren, dann werdet ihr nicht bestraft werden, und wenn ihr einen Blick rein werfen wollt – kommt zu mir.“

Die Frauen bedankten sich bei ihr und Sjaomin ging zu sich.

Am nächsten Tag sah sie Shi Hou im Garten. Er spielte mit dem Tiger und streichelte dessen weißes Fell.

„Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?“ fragte Sjaomin plötzlich.

Shi Hou senkte die Augen und  lächelte weich, plötzlich nahm er sie an der Taille  und schmiss sie in den Weiher nebenan.

„Ich habe nur Angst vor Frauen, deren Frisur ruiniert wurde,“ lachte er und ging um nach dem Fuchs zu schauen, welchen er vor kurzem aus der Falle gerettet hat.

Sjaomin war entmutigt: Das heißt, er wird sein Geheimnis nicht einfach so verraten, doch man sollte aus dieser illusorischer Welt irgendwie heraus kommen.

Sie saß am Weiher und entfernte die Algen und Blätter der Lotosblume.

„Die armen Kaulquappen, die dachten, der Himmel hätte sie bestraft und dich geschickt,“ lachte immer noch laut Shi Hou, den Spott von Weitem heraus schreiend.

„Doch sei nicht beleidigt, die Algen verbessern sogar die Gesichtsfarbe,“ konnte er sich nicht beruhigen.

Am Abend rief Shi Hou wieder Sjaomin, um gemeinsam zu speisen.

Sie aßen leise, bis Sjaomin den Kopf hob und fragte:

„Wovor haben Sie denn die größte Angst?“

Er senkte den Kopf und wollte gerade im Scherz antworten, als er sich selbst erblickte. Im Spiegel.

Sjaomin hielt den Spiegel in ihrer ausgestreckten Hand.

Shi Hou erstarrte.

Er erkannte darin seine wahren Ängste und Schmerzen: einen kleinen Affen-Jungen, welcher am Fluss weint und vor Ärger Kieselsteine wirft. Lachende Frauen, welche auf ihn mit dem Finger zeigen. Einen Mönch, welcher ihn für sein schlechtes Verhalten mit dem Stock schlug.

„Gutes Mädchen,“ hörte sie die Stimme einer Alten und sah eine ältere Frau im weißen Umhang. „Ich bin eine der Bediensteten von Jan‘ Van, dem Beherrscher des Königtums der Toten. Danke, dass du uns geholfen hast mit diesem Raufbold Shi Hou. Er ist ein begabter Magier und versteckte eines Tages all seine Ängste in einem Spiegel, nun begegnete er sich selbst. Die Ängste schächten ihn und heute wird Shi Hou mit mit in das Land der Toten gehen.

Shi-Hou saß auf dem Thron und senkte den Kopf au die Brust.

„Er hat dafür bezahlt, dass er die ganze Zeit die Schicksalslinie verdrehte, in dem er alle heilte, die sterben sollten,“ sagte die Alte und hob den Körper Shi Hous wie eine Flocke.

Sjaomin fing an zu schluchzen und verdeckte das Gesicht mit den Händen. Sie hob den Kopf und verstand, dass die auf dem kalten Boden der Laube im Wald sitzt und um sie herum ist nur Schnee.

Der Weg in die Hauptstadt

Sajomin klaute den goldenen Pfeil aus dem Pferdestall Kangs, um zum großem Imperator zu fahren: Wer sonst kann den Landkreisbeherrscher stoppen?

Es begann zu dämmern. Sie ritt aus dem Dörfchen und ließ das Pferd im Schritt gehen. Als sich Sjaomin der Bergstraße näherte, sah sie fünf – sechs Menschen, welche am Lagerfeuer saßen in der Nähe des Pfades.

„Wer bist du? Ein Wanderer?“ zeigten sie Interesse.

Sjaomin bemühte sich, nicht zu antworten, um nicht zu verraten, dass sie eine Frau war. Sie nickte ihnen zu und wollte schneller vorbei reiten, als die Figuren sich vor ihr zeigten und sie von allen Seiten umkreisten.

„Warum beantwortest du nicht unsere Fragen, verehrter Herr? Bist du vielleicht stumm?“

„Nein, doch ich bin hungrig und meine Stimme ist schwach,“ sagte sie

„So sieht es aus. Dann kletter runter zu uns, wir geben dir was zu Essen,“ lud einer der Kerle sie ein und alle fingen an zu lachen.

„Ich danke euch, doch ich bin sehr in Eile.“

„Danach sieht es nicht aus. Du rittst das Pferd im langsamen Schritt und schliefst im Sattel, denkst du wir haben es nicht gemerkt?“

„Bitte lasst mich durch!“

„Nimm sie vom Sattel,“ befahl der Leiter.

„Ich werde Sie enttäuschen, Geld habe ich keines…“ Sjaomin dachte, dass sie Geld brauchten.

„Geld? Mädchen welches Geld, du bist uns teurere als jedes Gold, stimmt es Jungs?“

Einer von ihnen kam ganz nah und berührte mit der rauhen Hand ihre Wange.

„Och, welch eine…“ sagte er und schaute Sjaomin in die Augen.

Diese vergaß fast zu atmen.

„Was heißt, ihr braucht kein Geld? Warum habe ich diesen Sack den ganzen Weg lang mit mir geschleppt?“ sie hörte eine bekannte Stimme. Shi Hou stand daneben, lebendig mit einem großen Sack. Er begann diesen zu drehen, wie eine Feder und stieß damit alle Räuber, ohne Unterschied. Diese verloren das Bewusstsein und fielen auf den Boden.  

„Danke, das wievielte Mal retten Sie mich?“ fragte sie

„Und du, wie es aussieht, wirst mich für jede Rettung töten. Interessant zu wissen, wie du es diesmal machen wirst.“ lachte er.

„Wie haben Sie es geschafft von dort weg zu laufen?“ Sie glaubte immer noch nicht daran, dass Shi Hou lebte.

„Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Skandal ich ihnen bereitete wegen ihrer Lüge um meinen Tod. Sie mussten mich aus dem Buch der Toten wegstreichen. Nun, erlaubst du mir, mich auf dein Pferd zu setzen oder soll ich neben dir laufen?“

Der Weg zur Hauptstadt wurde um vieles einfacher. Shi Hou konnte das Essen aus der Luft her zaubern, manchmal verwandelte er das Wasser in Suppe, Kräuter in Brot und die Kieselsteine in goldene und silberne Münzen.

Der Weg zur Hauptstadt war weit, deswegen nächtigten Shi Hou uns Sjaomin in den Dörfern. An diesen vorbei fahrend, gingen sie in die Häuser von Armen und beschenkten sie mit allem Notwendigen, besänftigten die lokalen Räuber.

Manchmal in den Bergen, trainierte Sjaomin mit den Säbeln  gemeinsam mit Shi Hou, welcher nicht eine Möglichkeit verpasste, sich über ihre schwachen Hände lustig zu machen.

„Ich bin für nichts zu gebrauchen,“ sagte sie einmal, „wenn nicht Sie, würde ich schon längst irgendwo tot liegen.“

„Du bist zu etwas zu gebrauchen, Sjaomin, denn dein Name bedeutet Sonnenaufgang. Du wurdest auch für mich zum Sonnenaufgang, als du mich aus der illusorischen Welt heraus geholt hast, in welcher ich nicht einmal meiner Angst in die Augen blicken konnte. Ich habe nicht darüber gesprochen, doch ich bin dir dankbar. Ich kehrte aus dem Königreich der Toten wegen dir zurück, weil ich deinen Wunsch sehe. Werde zum Sonnenaufgang für dein Volk. Das wird nicht leicht sein: Der Sonnenaufgang legt die Wunden frei, die Ängste, alles was die Nacht mit dem Schlaf verdeckt, deswegen begrüßt der Sonnenaufgang so viele Hindernisse. Doch mach dir keine Sorgen, dass du zu schwach bist, das ist nicht das Wichtigste, dein starker Geist leitet dich und lässt dich nicht fallen,“ dann lächelte er und fuhr fort: „Und wenn die schwachen Beinchen dich wieder im Stich lassen, dann werde ich dich halten.“

Der Ruhm ihrer Handlungen trat bis zu den Ohren des Imperators. Er befahl sie auf seinen Hof zu bringen.

„Ihre imperatorische Hoheit,“ Sjaomin wandte sich an ihn ohne einen Tropfen Angst, „wir sind sehr dankbar für die Einladung auf ihren Hof!“

„Ich danke euch für eure tugendhaften Taten im Verhältnis zu meinen Untergebenen,“ antwortete der Imperator.

Sjaomin erzählte ihm davon, was das Volk zu erdulden hat wegen Kang, worauf hin der Imperator befahl, den Herrscher in die Stadt zu bringen.

„Ihr habt eine imperatorische Auszeichnung verdient. Was hat der Himmel euch noch nicht geschenkt?“ fragte er Sjaomin.

Sjaomin setzte sich auf die Knie und sagte, ohne den Kopf zu heben:

„Ich habe genügend Menschen beerdigt, deswegen würde ich jene retten und heilen, lehren sie mich der Heilkunst.“

***

Sjaomin blieb am Königshof leben, und der Sohn des Waldes Shi Hou begab sich bald auf Wanderschaft.

„Er hat sich schon wieder nicht verabschiedet,“ flüsterte Sjaomin und betrachtete den Spiegel mit der Aufschrift: „ Habe keine Angst davor, der Sonnenaufgang zu sein.“

Oral Arukenova: Vom November zum Nauryz

***

Der November – ein gelber Hals des Herbstes

trocknet mit der Hitze des Altweibersommers

strickt die faule Sprache

mit dem Nachgeschmack der verwelkten Schwüle

die Spinne rundlich-schwarz

bildet Kokons im Spinnennetz

ein Schmetterling flattert im Nicht-linearen

***

der Morgen der Wintersonnenwende

Spuren auf dem frisch gefallenen Schnee –

zwei Zeilen von der Außentreppe

auf der menschenleeren Straße

beschreiben sie Kurven durch den Park bis zum Fluss.

Geräuschlos fliegt ein Rabe vorbei

in der Nacht umgekehrt –

schwarz auf weiß.

Die Laternen sind aus gegangen

matt werden die Umrisse der Tannen.

Schatten schmelzen

fallen ab, verwehen

einsame Spuren

hohe schwammige Ulmen.

Es zirpt eine langschwänzige Elster

Sonne, Sonne –

schreibt leichte Nadelstiche.

***

in den Spiegel blickt eine Frau.

Eine schwimmende Kerze

wirft Schatten in sorgenvoller Stille

gebogen wie die Mondsichel.

aus den Fingern schlüpfen die Vorzeichen

Licht-Funken von beiden Seiten

umarmen den Frühling und den Herbst

mit dem matten Rahmen des Glases.

in den Spiegel blickt die Kerze.

Eine Frau mit aufgedunsenen Lidern

spiegelt sich von drei Seiten

im Gegenlicht der grazilen Flamme

die Sorge das Geknatter die Träne.

Im Ruß der blassen Kerze

der Spiegel…

Solange der Nauryz nicht statt findet

als es noch keine Halogene gab

LEDs

noch Glühbirnen Il’ichs

noch Il’ich selbst

wurde das Leben von einem Shanyrak beleuchtet

mit dem Ausgang zum Kosmos.

Als Tengri fast alles sehen konnte

geschah Schreckliches

meistens im Winter

im Spätherbst

nachts:

Jute

Krieg

Überfälle

Diebstähle –

nimm dich in acht

solange der Nauryz nicht statt findet

der Februar verstärkt die Ängste

der älteren jüngeren

der Dörfer Städte Auls

die Trauer der verflachten Flüsse

wegen der großen Fische

wegen die Atemzüge der kranken Tannen

der Karagachs

wegen der grauen Spatzen –

nimm dich in Acht.

als es noch keine Halogene gab

der energiesparenden

als Il’ich den Ruhm enteignete

bei Edison und Lodygin

geschah Schreckliches

ständig:

Festnahmen

Erschießungen

Entkulakisierung

Deportation

Golodomor.

als kein einziger Gott konnte

sogar nicht Tengri

wegen der Hoffnungslosigkeit der Decken

der tropfenden Decken

die Aruaken retteten

Flucht

Lüge

von den Zügen diejenigen die ausgestiegen sind –

nimm dich in Acht

diejenigen, welche mit den Lastwagen kamen

nimm dich in Acht

solange der Nauryz nicht statt findet

der Februar vermehrt die Ängste

der Erwachsenen, der Jungen

der Dörfer Städte und Auls

mit dem Unsterblichen

auf der Decke

wie Il’ich die Glühbirnen.

Unter der Kuppel

mit den LEDs

nimm dich in Acht

stilisiert nach dem Shanyrak

die Vertreter der Ethnien

großen und kleinen

wie es der Beamte sagt

man liest Gedichte

gute und schlechte

wie es der Klassiker sagt

über die große kleine Heimat.

meistens im Rhythmus

über die schneeweißen Berge Alataus

über die sich in den Traubenähren windenden Zweige

darüber, wie stolz die Bäche fließen

aus den Bergen des riesigen Alataus

auf die wunderschönen Straßen

des großartigen Alma-Aty.

Unter dem künstlichen Shanyrak

aus den Leuchtröhren

die Vertreter der Ethnien

lesen Gedicht vor

in der Sprache Il’ichs –

nimmt euch in Acht…

Talshyn Chukaeva: Dzhigida

Ich erinnere mich selbst nicht daran, warum ich auf diese Dzhigida geklettert war. Ihre Blätter waren grau-blau, und winzig die Früchte – trocken wie Fell. Doch die Dzhigida selbst ist während der Jahrhunderte so gewachsen, dass selbst ein Dutzend Jungs sich in ihrer Krone verstecken konnten.

Ich kletterte immer höher und höher, und da saß ich bereits ganz oben und hielt mich an einem Zweig fest. Ich schaute auf das Wasser. Es war grün und sah klebrig aus: Mama sagte, wenn du eintauchst, dann tauchst du nicht wieder auf. Natürlich glaubte ich der Mutter nicht.

Die Mutter ging zum Bach Wasser holen, und ließ mich auf  der Spitze der Kuppe sitzen, damit ich nirgends wohin verschwinde. Und ich stieg herab und kletterte auf die Dzhigida.

Sie dachte, dass ich Angst vor der Höhe habe. Ich habe sie angelogen, als ich keine Lust hatte die Treppe zum Büro hoch zu steigen. Das war vor fünf Jahren, und sie glaubt es immer noch. Wenn ich ihr erzähle, dass man uns in der Schule leckere Nudeln zu essen gib, wackelt sie ständig mit dem Kopf. Und die Nudeln sind lecker, sogar mit Fleisch und Tomatensauce. Ich weiß genau, was zu tun ist: Ich gehe zur Tante in der blauen Schürze und sage, dass ich hier bin für das Programm der sozialen Vorsorge. Das habe ich gut auswendig gelernt. Die Tante wird direkt freundlicher, sogar ihre Schürze wird heller. Und sie gibt mir mal Nudeln, mal Buchweizenbrei, mal noch irgend etwas.

Davon fühle ich mich irgendwie mulmig. Es wird warm im Bauch und furchtbar peinlich. Ich weiß nicht, warum .

Ja, was kann ich schon wissen? Die Lehrer sagen, ich habe kein Talent. Er wuchs bis er elf Jahre alt wurde, und hat nichts verstanden. Nun bis elf bin ich nicht gewachsen, sondern gekrabbelt: Ich wurde nicht einmal größer. Man verwechselt mich mit Drittklässlern. Und die Nase ist wie ein Knopf, und die Haare stehen in alle Richtungen, und die Augen in solch einer Mäuse – Farbe, als ob ich aus irgendeinem Loch stammte. Und ich bin ganz abgeschabt, dürr: Man hat Mitleid mit mir wenn man mich anschaut. Wahrscheinlich bin ich deswegen auf die Dzhigida geklettert, ich bin ruhiger wenn mich niemand anschaut. Nun sitze ich auf dem Baum und denke: wie weiter? Hügel wie Hügel, Weiden wie Weiden. Unser Dorf ist weit, man sieht es von hier aus nicht. Die Tochter unserer Nachbarn sagt, dass es auf der Erde ein Ort gibt, welcher Hauptstadt heißt. Wenn man in diese Hauptstadt fährt, kann man sich auf den Rand setzen und die Beine in die Schwärze des Kosmos baumeln lassen.  Ich würde sie hängen lassen. Noch besser, ich würde jemanden in diese Schwärze schubsen. Zum Beispiel einen schlitzäugigen Asiaten, welcher mich immer im Unterricht nervt.

Da sitze ich und baumele mit den Füßen und es geht mir so gut. Im See badet eine Ente. Oder sie fängt irgend etwas – man kann es nicht unterscheiden. Platsch! Sie senkt sich ins Wasser. Plumps! Sie taucht wieder nach oben. Genau: im Schnabel hat sie irgend etwas grünes. Wahrscheinlich Algen. Das haben wir in Naturkunde durch genommen.

Die Tochter der Nachbarn sagt, dass Algen –  Gespenster der Pflanzen sind. Sie sind untergetaucht und wurden zu dem was sie sind. Und wenn man in diesen See eintaucht, dann werden dich die Gespenster um-flechten und dich mit auf den Seegrund ziehen, und dann wirst du grün und faltig werden. Wir, die Tochter des Nachbarn, sie heißt Alina, und ich steckten einmal die Hand in den Eimer Wasser und saßen so eine ganze Stunde. Und als wir diese raus holten, waren unsere Finger derart  faltig…bei mir war es schlimmer, doch Alina bestand darauf, dass sie gewonnen hatte. Also war ich einverstanden. Dafür habe ich danach ein Stück Brot mit Johannisbeermarmelade bekommen. Das ist so lecker: Zuerst lecke ich den Sirup ab, und dann beginne ich die Beeren zu essen, und diese platze auf den Zähnen und in ihnen ist Sirup.

Was für eine Schönheit. Ein Windlein weht. Die Blätter flüstern irgend etwas und ich höre hin.

Sie haben, so meine ich von Gästen gesprochen. Mama redet immer über Gäste, fällt eine Gabel hin, so kommt jemand. Wenn ein Teeblatt schwimmt, dann kommt jemand. Und dann sitzen wir ewig, aufgeplustert wie Spatzen und warten auf denjenigen. Unser Haus ist klein, nur zwei Zimmer. Ich sage Mama ständig, dass die Gäste nicht rein passen; und sie antwortet, dass ich draußen schlafen soll.

„Duman!“ rief Mutter. „Du bist ja wieder zurück.“

Ich lehnte mich an den Zweig und versteckte mich soweit ich konnte mit dem Laub. Ich erinnere mich nicht, warum. Ich wollte nicht nach Hause gehen. Vielleicht wegen des Unterrichts, vielleicht wegen der stickigen Luft. Mama liebt es mich fest zu umarmen wenn sie schläft.

„Duman! Wo bist du?!“

Heute ist Dienstag, und dienstags essen wir Reis. Reis mit Tomatensauce – das schlimmste was ich je gegessen habe, doch Mama gibt mir immer einen halben Teller. Sie sagt, dass ich erwachsen werde, doch ich weiß: ohne Fleisch wir man nicht erwachsen. Und Fleisch gibt es bei uns selten, selbst die herunter gefallenen Gabeln locken es nicht an.

„Duman, es ist Zeit, nach hause zu gehen!“

Ich will nicht nach hause gehen. Was soll man da tun? Von einem in das andere Zimmer gehen, und dann wieder zurück – das ist das ganze Vergnügen. Einmal hatten wir einen kleinen, schwarz-weißen Fernseher, doch der ist kaputt gegangen: Das Bild wurde von Streifen unterbrochen direkt in der Mitte der Serie „Zerda“. Etwas langweiligeres habe ich nicht gesehen und Mutter verbrachte jeden Abend vor dem Fernseher. Und ihre Augen leuchteten an solchen Abenden besonders fröhlich.

„Duman, wenn du jetzt nicht auftauchst, werde ich alleine gehen!“

Die Dzhigida war so groß, dass Mutter nicht einmal daran dachte, mich darin zu suchen. Sie schaute nur hindurch, bemerkte nichts und wackelte mit dem Kopf. Von oben sah sie ganz klein aus in ihrem roten Kopftuch, mit der Flasche Brunnenwasser in ihren Händen.

Sie tat mir leid, und ich wollte hinab steigen, doch erschrak ich plötzlich. Ich verstand selbst nicht, wie hoch ich geklettert war. Der Zweig, auf welchen ich vor einer halben Stunde kletterte, schien nun glatt und unsicher zu sein.

In meinem Bauch bildetet sich ein Haufen Sorge. Ich bewegte mich – und der Haufen explodierte: Ich zitterte mit dem ganzen Körper und hielt mich am Zweig fest. Nein, ich konnte nicht herunter klettern.

Es blieb mir nur noch, peinlich, die Mutter zu rufen. Ich hätte es getan, doch sie begann plötzlich zu schimpfen.

„Ich finde dich und peitsche dich aus!  Verdammter Junge! Wozu habe ich dich geboren? Keine Hilfe, kein Mitleid von dir. Sitzt tagelang im Hof und spielst mit Mädchen. Und ich, um dich zu ernähren, arbeite…Arbeite, arbeite…Wo bist du nur hin verschwunden? Wohin soll ich mich verstecken?

Die Mutter stellte die Flasche auf die Erde ab und lehnte sich an den Baumstamm. Es schien, als ob Dzhigida ihr allein etwas zuflüsterte. Vielleicht beruhigte sie sie. Ich kann nie jemanden beruhigen: Eines Tages fing das Nachbarmädchen an zu weinen und ich saß einfach neben ihr, darauf wartend, dass sie mir vorschlägt weiter zu spielen.

Ich berührte einen der kleinen Zweige und dieser brach.

Die Mutter hob direkt den Kopf.

„Duman!“

Sie sah mich noch nicht, doch ahnte sie, dass ich oben sitze. Während Mutter mich suchte, versuchte ich zum Laub zu klettern, doch schaffte ich es nicht.

„Man soll dich… Ich werde dich gleich…Worauf bist du nur gekletter?“

Sie ging immer weiter und weiter weg, ohne den Kopf zu senken. Die Sonne schlug ihr in die Augen, deswegen konnte sie mich nicht finden. Und ich saß da und hatte Angst zu atmen.

Mir schien, als ob in diesem Augenblick, die Zeit beschloss den Lauf zu verändern.Aus fließendem wurde sie zäh, wie dickflüssige Marmelade. Und im dieser Marmelade bewegte sich alles langsam: Meine Hände, Mama, das Laub, die Schafe auf den Hügel…

Die Mutter ging bis zum Abhang, suchte mich immer noch und machte einen Schritt zurück. Sie fiel schrecklich langsam. Doch auch ich bewegte mich langsam und hörte nicht mal den eigenen Schrei. Das Wort blieb in der Marmeladen-Zeit stecken: „Mama!“ Mir kam es vor, als ob der Zweig gebrochen war und ich der Mutter folgend, in diesen grünen See fliege und dann zappeln wir gemeinsam, umwickelt von den Gespenstern der Pflanzen.

„Duman! Zum Teufel, wie lange müssen wir hier noch abhängen?!“

Ich blickte mich, ohne zu verstehen, um. Der selbe Zweig. Der selbe Baum, das selbe grüne, trübe Wasser.

„Nanu!“

Unter dem Baum stand eine dünne, kleine Frau. Nach ein paar Sekunden erkannte ich meine Ehefrau in ihr, und nach einer Minute kehrte ich in die gewohnte Welt zurück. Die Zeit verging wie gewohnt: ohne eine faule Zähflüssigkeit von dem Löffel fließender Marmelade.

Ich kletterte zitternd herunter. Auf der Erde, so schien mir, war alles so prosaisch, dass ich fast anfing zu lachen.

„Was hast du da gemacht?“

„Nichts, Alina. Ich erinnerte mich.“

Sie nahm aus der Tasche ein paar Feuchttücher und reichte mir eines.

„Du hast überall Kratzer. Man hätte dich stoppen sollen.“

„Ich trocknete meine Handflächen ab. Ihre Härte erinnerte mich daran, dass ich schon dreißig Jahre alt bin; bin doch gewachsen und nicht gekrabbelt, doch im Schatten dieser Dzhigida war ich immer noch so, grau –  äugig und unscheinbar.

„Und wenn du mich nicht gerufen hättest…“

Alina grinste,

„Hast du etwa gedöst?“

„Nein…“

Ich konnte keine Worte finden. Auf der Erde war alles anders, doch oben, in der Umarmung des Laubs, könnte ich so viel reden wie ich wollte.

„Verstehst du, das war nicht einfach nur eine Erinnerung…Ich war ich selbst. Das heißt, ich kehrte zurück in die Kindheit. An jenem Tag…Und wusste nicht einmal, was später sein wird: ich saß einfach auf dem Baum.“

Alina nickte mitleidig. Jetzt konnte ich ihr nicht mehr jenes alte Spiel anbieten „wessen Finger schneller Falten bekommen.“

„Ich wäre der Mutter hinter her gerannt, verstehst du? Hättest du mich nicht gerufen, wäre ich ihr hinter her gelaufen und hätte sie gerettet…Damals hatte ich schreckliche Angst, doch jetzt nicht…“

Die falschen Worte. Andere hatte ich nicht, ich senkte schuldbewusst den Kopf, als ob ich eine Straftat zugab.

Anna kam zu mir und umarmte mich.

„Ich wiederhole bereits zwanzig Jahre: Du bist unschuldig.“

„Ja,“ ich war einverstanden, „doch hättest du mich nicht abgelenkt…Verstehst du, es bleib nicht mehr viel übrig. Die Zeit erstarrte. Wie Marmelade. Vielleicht hätte ich es gekonnt…Ich wäre herunter gespungen und ihr hinter her gelaufen… Denn ich rief um Hilfe, doch das reichte nicht aus, keiner schaffte es zu mir zu kommen. Doch wenn…“

Ich verstummte und drückte mich mit der Stirn in ihre Schulter. Die Augen waren halb geschlossen und es schien, als ob ich in zwei Welten gleichzeitig existierte: an mir vorbei schwammen die Wolken und die Erinnerungen. Das rote Kopftuch schimmerte nervig. Ich zitterte und schaute mich um, die Flasche Wasser suchend, doch unter der Dzhigida lag winziger Müll: Zigaretten, zusammengeknüllte Servierten, Fetzen von Tüten.

„Das war es,“ Alina riss sich los und wischte mit der Hand über das Gesicht. „Ich hätte nicht hier her kommen sollen.  Und dieser Psychologe mit seinen Gestalten.

„Nein,“ sagte ich, „Es war alles gut, bis du mich abgelenkt hast.“

Sie blickte gereizt auf.

„Du saßt da anderthalb Stunden. Und starrtest die ganze Zeit auf einen Punkt, wie ein Blödian. Was hätte ich tun sollen?!

Ich wedelte mit der Hand. Sie verstand nicht. Sie versuchte nicht einmal zu verstehen.

Wir gingen zum Auto. Zuerst hielt sich Alina auf Distanz, doch ich selbst näherte mich ihr und nahm ihre Hand. Wir gingen und alles löste sich auf: meine arme Kindheit, die soziale Absicherung, das rote Kopftuch der Mutter, ihr enttäuschtes Schimpfen – ihr Versuch, mich zu locken, oder einfach ein leeres Beleidigt-sein…Ich wuchs heran, wurde stärker, das Dürre verschwand und bei dem Auto war ich wieder ich selbst. Doch machte man einen Schritt zur Dzhigida – hätte ich zurück kehren können zu diesem Augenblick, in meine barfüßigen, einfachen, trostlosen elf Jahre.

Ich blickte zum letzten Mal in die raschelnde Krone und stieg ins Auto

Alma Dzhumanbaeva Ainalajyn, Kasachstan (ein Auszug)

Mit dem Alter verdichtet sich die Zeit, taucht auf mit leuchtenden Bildern in der Erinnerung und es scheint, noch einen Augenblick, und das ganze Leben passt in eine Handfläche, und du wirst es betrachten und es wird dir leid tun, dass du es nicht rechtzeitig geschafft hast, nicht konntest, nicht wolltest…und das Verpasste kann man nicht korrigieren. Es ist zu spät.

In der Kindheit trug ich ein rotes Pionierhalstuch, in den Perestroika 90ern konnte man nur überleben dank des Pendel-Business, und dann kam das Gefühl der Euphorie, rapide alles von der Computerisierung erfassend, es schien, noch einen Ruck – und der Kosmos offenbart seine Geheimnisse. Doch es kam der Frühling des Jahres 2020. Und die Welt…verstummte. Entweder verwirklichten sich die Phantasien der Kinoregisseure über eine gestartete biologische Waffe, oder das Weltall gibt einen fälligen Unterricht, versuchend an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern.

Zu meiner Verwunderung gewöhnte ich mich bald an die menschenleeren Prospekte Nursultans, an die erschreckende Stille der breiten Straßen ohne Busse und Taxen, an Menschen –  Einzelgänger, welche die Gesichter hinter Masken verstecken, ich gewöhnte mich daran, dass keine Flugzeuge mehr fliegen, keine Züge mehr fahren – weder in meiner Stadt noch in der Nachbarstadt – nirgends.

Doch der time-out geht zu ende und es wird sich wieder alles drehen. 

Mich, als introvertierten Menschen, erschreckt etwas die Instabilität des Seins. Du hast dich erst an das ein Szenarium des Lebens gewöhnt, morgen – neue Veränderungen. Und das Leben belächelt dich, wirft dir immer neue neue neue Knobel-spiele zu, saugt ein in den Trichter der Ereignisse und dreht, dreht, du schaffst es gerade so zu bemerken, wie dir Daten im Kalender schimmern, doch es lohnt sich, sich aus dieser Gefangenschaft des Gehetzes zu befreien, es kommt das Bewusstsein dessen, dass alles was dich umgibt ein Trugbild ist, und das Wirkliche, Wahre schlüpfte dir aus den Fingern. Doch vielleicht muss alles so sein?..

***

Nun freue ich mich über den Zerfall der Sowjetunion. Obwohl ich in den 90ern für ihren Erhalt protestiert habe. Ich war stolz auf die Größe meines Landes, schaute auf Moskau auf, welches mir als Zentrum des Weltalls zu sein schien. Und wie groß war meine Verwunderung und meine Enttäuschung, als der  rote Staat in einem Augenblick zerfiel, wie ein Kartenhäuschen.

Ich erinnere mich immer noch an eine morgens an der Bushaltestelle gehörte Phrase:

„Sind wir etwa keine Russen, oder was?“

Diese Worte wurden mit so viel Bitterkeit und Kränkung gesprochen, dass ich irgendwie diese zwei nicht mehr jungen Männer irgendwie unterstützen wollte.

Doch ich ging an ihnen vorbei. Ich bin kein guter Tröster.

Schon wieder tauchte in der Erinnerung der  Artikel Solzhenicyns auf, wo er vorschlug, dass es für eine bessere Situation Russlands, gut wäre, sich von den zentralasiatischen Republiken zu befreien. Dazu kam es auch.

Es stellte sich heraus, dass „D“  überflüssig war

Am 8 September des Jahres 1992 wurde Dzhezkazgan zu Zhezkazgan. Für viele war es bis jetzt unverständlich, warum man den Buchtsabe „D“ an  das ursprünglich kasachische Wort anschloss, welches übersetzt heißt „man grub das Kupfer aus.“ Wahrscheinlich wurde der Buchstabe J, in dem Vorkriegsjahr 1940 , bei der routinemäßigen Übersetzung der nationalen Grafik von Latein zu Kyrillisch  zu „Dzh“

Es schien, als ob ein bedeutungsloses Ereignis geschehen sei – man hat den Namen der Stadt um einen Buchstaben verkürzt.  Doch für die Bevölkerung des Kupfererz- Bezirkes wurde solch ein Wechsel zu einer Bestätigung dessen, dass die Geschichte eine Windung machte und nun roch es nach dem Geist des Imperiums der Nomaden. Manch einer packte schnell die Koffer, mit dem Vorhaben schnell zu verschwinden, bevor er stecken bleibt in den grenzenlosen, asiatischen Steppen, manch einer rieb sich fröhlich die Hände mit dem Vorgeschmack der epochalen Veränderungen, der Rest der Masse nahm eine wartende Position an.

Dzhezkazgan war eine Stadt mit russischem Gesicht, mit sowjetischem Charakter und kasachischen Wurzeln. Dass die Europäer in der Stadt vorherrschen, konnte man an den langen, quälenden Warteschlangen sehen. Die Slawen standen diszipliniert, darauf achtend, wer nach wem kam. Die Kasachen bemühten sich, so schnell wie möglich zur Theke zu kommen.Wenn sie ein bekanntes Gesicht bemerkten, stellten sie sich daneben, das damit begründend, dass sie nahe Verwandte sind. Die Menge war zurecht empört:

„Nun denn, wenn sich einer von denen in die Warteschlange stellt, beginnen sie sich zu vermehren!“

„Wenn man denen zuhört, dann sind sie alle eine große Familie!“

Abgesehen von solchen winzigen Reibungen, sind es zwei vollkommen unterschiedliche Kulturen – Asiaten – Kollektivisten und Europäer – Individualisten, kamen nicht nur gut miteinander aus, sondern bereicherten das gegenseitige Weltbild.

Kommunismus ohne Nationalitäten

Ich lege mein Examen in Politikwissenschaften ab. Die Dozentin – eine schöne, langbeinige Blondine.

„Gibt es im Kommunismus Nationalitäten?“ stellt sie eine zusätzliche Frage.

„In der Zukunft wird eine Verschmelzung aller Nationalitäten in eine einzige kommunistische Gesellschaft folgen. Alle werden die gleiche Sprache sprechen, die Menschen werden gleichberechtigt sein, die Aufteilung in Nationalitäten wird zu Ende sein,“ antworte ich flott und kassiere eine Eins.

Es gab keine Lenins mehr

Davon, dass es in der kleinen Stadt Dzezkazgan zu viele Denkmäler dem Revolutionsführer gibt, schrieb noch der bekannte Poet Jurih Grunin, und verwendete im Text das aufnahmefähige Wortgefüge „der replizierte Lenin.“ Sogar in der Morgenröte der Perestroika, als die einstigen Ideale niederstürzten, war eine solche Erklärung nicht einfach mutig, sondern blasphemisch. Doch es wird nur wenig Zeit vergehen und die zwei steinernen Standbilder des leidenschaftlichen Revolutionärs, welche die zentralen Plätze der Stadt schmücken, werden leise in der Verdeckung der Dämmerung abgebaut werden. Es gab die allmächtigen Il’ichs und dann gab es sie nicht mehr. In diesem Moment verstanden sogar die hartnäckigsten Skeptiker: Die  rote Sowjetunion gibt es nicht mehr.

Die Menge und das Brot

Die Perestroika in Zhezkazgan begann mit den rapid sich leerenden Theken. Die Angst vor der Ungewissheit und dem Hunger zwang alles zu kaufen: Streichhölzer, Nudeln, Salz…

An einem nasskalten Morgen brachte man ins Geschäft zwei Container mit frisch gebackenem Brot. Die Menschen in der Menge fingen an sorgenvoll zu flüstern.

„Ich zuerst! Ich habe das Recht!“ schrie verzweifelt eine vollbusige Mutter mit einem Kind im Arm und bewegte sich zielstrebig zu den Tabletts.

Hinter ihr stürmten zwei alte Frauen, ein Bub mit einer Tasche  und…es begann die Ausgabe. Die Menschen schubsten sich gegenseitig, schnappten sich gierig ein Laib Brot, dann einen weiteren. 

Ein dünner, junger Auslader lief mit lautem Stöhnen in das Geschäft.  Bald rannte daraus eine hochgewachsene Tante mit einer hohen, weißen Haube und kommandierte mit einer donnernden Stimme:

„Das Geld! Her mit dem Geld!“

Die Münzen fielen sofort in ihre Hände.

Die auseinanderfallende „Strickwarenfabrik“

Die Strickwarenfabrik warder Stolz des sowjetischen Dzhzkazgans. Bis heute erinnern sich die Alteingesessenen mit Vergnügen an die Erzählungen der Einheimischen daran, wie zur Zeit der Ausflüge hinter die Grenze , in den dortigen , vornehmen Boutiquen sie Zeugen wurden des Ansturms für hochwertige Strickwaren,  wie sie sich in die Reihe stellten und erst nach dem Kauf  der heiß begehrten, aus-heimischen Sache, auf die Etikette blickend fest stellten, dass die Ware aus der eigenen Stadt stammt. 

Noch zur Sowjetzeit sah die Fabrik relativ düster und wuchtig aus Das Gebäude hatte fünf Stockwerke, eine rechteckige Form, fest umschlossen von hohen Betonplatten, auf den Backsteinwänden schwarzer Ruß, auf den Fenstern Abriegelungen. Doch ging man erst einmal hinein und stieg in eine der Werkstätten, zum Beispiel in die Nähabteilung, dann wurde der Geist abgefangen von dem Gefühl, dass er sich in einem  honig- gelben Bienenkorb befand , wo in einem Arbeitsrhythmus  fünfzig Frauen arbeiteten.

Die Nähmaschinen aus Italien und Japan summten leise, auf den Lesebändern lief ein ununterbrochener Strom von bunten Fitzen, Seidenkleidern mit Pünktchen, Saunamänteln, Kombinationen mit Spitze, Kinderunterhemden mit Bildern und ohne, Röcken, Blusen, Unterhosen, in der Luft lag der leichte Geruch von Kerosin, damit wurden im Eimer die Spulen getränkt, damit die Fäden nicht rissen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hörte man auf Garn aus Weißrussland zu liefern. Die Fabrik wurde leer. Das Gebäude versuchten mehrmals Unternehmer zu kaufen. Doch die von ihnen vorgeschlagene Summe passte dem Verkäufer nicht. Dazu kam, dass die Risse in den Wänden so weit aufgingen, dass die Backsteine begannen, einer nach dem anderen runter zu fallen.

Und nun fahren wir nach China um Strickwaren zu kaufen.

Onkelchen, wir kaufen ein Stärkeres

Es schien, als ob in den Neunzigern die Hälfte Zhzkazgans sich in einen großen, kunterbunten Markt verwandelt hätte. Man handelte fast vor jedem Laden, mit allen, was einem in die Hände kam: mit flüchtig zusammengezimmerten Kisten, mit Karren, mit Kartons, welche man im Müll fand, auf ausgewaschenen Kopftüchern von alten Frauen, welche auf der Erde ausgebreitet waren. Abgesehen davon, dass das Gehalt und die Renten nicht sofort ausgezahlt wurden und jeder dritte arbeitslos war, wurde alles verkauft:  Schokoladenpralinen in buntes Papier eingewickelt, mit verlockenden Namen in lateinischer Schrift: Bounty, Snickers, Luna, Kaugummis, Würfel Hühnerbrühe, Kristall, hohe Stiefel aus den alten Lagern, von Wilderern gelieferte Tierkörper der Saiga – Antilopen.

Die aller gängigste Ware war selbstgemachter Wodka. Die Männer zeigten sich auf dem Markt, und sie erwartete aus allen Richtungen leise und verlegene Frauenrufe „Wollen sie Wodka?“ bis zu einem scherzhaft-rufenden „Onkelchen, kaufen Sie was Starkes.“

Die aller gerissensten schafften es Alkohol in ganzen Kisten zu verkaufen, die glücklosen verkauften ein oder zwei Flaschen am Tag. Zu den letzten gehörte eine Apashka von 75 Jahren.  An ihrem müden, faltigen Gesicht konnte man sehen, wie peinlich es für sie war, in Konkurrenz zu den Jüngeren zu stehen.

Schön gekleidet: Mit einem Kopftuch, in einer taillierten, kasachischen Weste über dem langen Kleid mit Falten, mit der Flasche in den Händen schien sie wie ein Vorbote  des routinemäßigen Ruins nationaler Pfeiler zu sein, ehrfurchtsvoll das Steppenvolk unterstützend, um die eigene nationale Identität nicht zu verlieren.

„Arak,“ von Zeit zu Zeit schüttelte sie mit der Flasche Wodka vor den Gesichtern der von der Arbeit zurück kehrenden jungen Menschen und diese liefen verwirrt von ihr weg.

Der aller flotteste von ihnen sagte der Alten:

„Apa, natürlich raten die Kasachen, Weißes zu trinken, doch die meinen Kumys, Kefir, Milch, Shubat.

Die Frau ertrug leise die Vorwürfe. Auf dem Markt hatte man Mitleid mit ihr, man flüsterte miteinander, dass die Tochter, Apashka zum Verkaufen zwingt – eine arbeitslose, alleinerziehende Mutter.

Wenn man in der Sowjetunion viel trank, mehr aus Langeweil , so nahm zu Perestroika-Zeiten die Anzahl der Alkoholiker zu. Die Menschen, welche daran gewöhnt waren in den Gewächshaus-Bedingungen des Sozialismus zu leben, wurden verwirrt, und die aller schwächsten griffen zur Flasche.

Ana tili.

Die erste Glocke der Unabhängigkeit war für mich persönlich der Aufstieg der kasachischen Sprache. Sogar für mich, den Träger der kasachischen Sprache, klang sie plötzlich neu – funkelnd, singend.

Ich erinnere mich, wie ich in den 70ern in die erste Klasse kam und kein Wort russisch kannte.

Das wichtigste Argument, mich nicht in die kasachische Schule zu schicken, sondern die Sprache der Blauäugigen zu lernen, entstand aus dem Streit meiner Oma mit  dem Vorgesetzten des kommunalen Bezirkes der Tabachkova. Wir lebten damals in einem Dorf namens Akchatau, das eher einer Stadt ähnelte.

Tabachkova war empört, dass irgend eine Rentnerin zu ihr ohne Übersetzer kam und deswegen ihr Problem nicht darlegen konnte, dazu noch mit einem Antrag, welcher nicht in der Staatssprache formuliert war.

Bald war das kommunale Problem gelöst. Und ich mit einem riesigen Bund prunkvoller Dahlien stand  in der Reihe der Erstklässler auf der festlichen Linie und schaute mit zitternder Sorge auf meine erste Lehrerin – Al’bina Sergeevna.

Die Großmutter erklärte den Bekannten die Wahl der Schule und sprach:

„In meinen jungen Jahren habe ich nicht auf die Worte meines Mannes gehört, dass es ohne russische Sprache nicht schwer sein wird, und nun ernte ich die Früchte meiner damaligen Faulheit. Was du auch sagst, die Russen sind eine progressive Nation, nach ihnen kommt die Zukunft. Natürlich wird sich das Kind die ersten zwei Jahre quälen, dafür wenn es die Sprache lernt, wird es nicht dumm aussehen vor solchen Menschen wie Kabashkova.“

„Apa, nicht Kabashkova, sondern Tabachkova,“ korrigiere ich jedes Mal meine liebe Oma, voller Sorge, dass sie wieder den Zorn der rothaarigen Tante aus dem ZHKO verursachen kann, diesmal für eine falsche Nennung des Nachnamens.

 Und gar kein Geldberg

„Wenn ihr plötzlich hört, wie die alten Kasachen anstatt Akchatau, Akshatau sagen, dann lacht nicht. Sie haben Recht. „Aksha“ aus dem kasachischen bedeutet Geld. Als man in dieser Örtlichkeit Molybdän und Wolfram gefunden hatte und unser Dorf aufgebaut wurde. Man nannte es „Geldberg,“ weil in der Verbindung mit der  neuen Entstehung des Ortes, neue Perspektiven eröffnet wurden,“ erklärte uns Drittklässlern ein Mal Al’bina Segeevna.“

Wir glaubten ihr. Dazu kam, dass unsere Klassenlehrerin unrecht hatte, als sie annahm, dass bevor man das Dorf gebaut hatte, es in dieser Gegend nur eine nackte Ebene war und kilometerweit nichts in ihrem Umkreis. Sie ließ nicht einmal den Gedanken zu, dass hier einige Jahrhunderte ein Aul war, dass hier Menschen lebten, das Vieh gehütet wurde und diese kleine Heimat wurde zu Ehren der Berge benannt, welche von der Sonne im weißen Licht schimmerten. Und das Ethnonym „Akshatau“ bedeutete weißlicher Berg.

In den 90ern, als die Perestroika zu Ende ging, wurde die Arbeit im Schacht beendet. Den Menschen war nicht nach Molybdän und Wolfram. Für Elektrizität gab es kein Geld und diese wurde ausgeschaltet. Es lief kein Wasser mehr. Aufgrund von einem Abwandern der Bevölkerung, wurden die komfortablen dreistöckigen Häuser leer, man heizte sie nicht mehr. Es blieben die, welche an dieser Erde hingen. Sie zogen in Cottages und beschäftigten sich mit dem, was ihnen Jahrhunderte lang das Überleben in der Steppe gestattete: Viehzucht.

Computerisierung

Meine Freundin wurde 1959 geboren, sie erzählte, wie ihre Enkelin sie einmal interessehalber fragte:

„Oma, welches Handy hattest du in der ersten Klasse?“

„U-u, Kleines, ich hatte nicht einmal einen Kugelschreiber, sondern schrieb mit der Feder,“ folgte die Antwort.

Das Mädchen schaute verdutzt auf die Oma.:
„Wie?! Du hattest kein Telefon?! Und welches hatten die Klassenkameraden? !

Es sah so aus als ob nur fünf Jahrzehnte vergingen, doch welcher Abgrund zwischen diesen Kindern in der Erschließung der Technologie.

Für mich begann die Computerisierung Zhezkazgans mit dem Vorfall  im der Sparkasse. Es war das Ende der 90er. Zu der Zeit haben die Schalterbeamten  Hefte für jeden Klienten geführt, in welche sie mit ihrer schwungvollen Schrift eintrugen, an welchem Datum des Monats, welche Summe abgehoben, welche bezahlt wurde.

Die Hefte lagen nach dem Alphabet geordnet auf Regalen, die man bequem drehen konnte. Man nennt den Namen und der Beamte dreht das Regal, findet den nötigen Buchstaben, eine oder zwei Minuten vergehen beim Suchen nach deiner Karte, hier ist vor allem wichtig eine lesbare Schrift. Manchmal musste der Beamte aufstehen, um zu einem höheren Regal zu greifen oder sich hin hocken, wenn ein tiefes Regal in Frage kam.

An den Tagen der Rentenauszahlung und anderer sozialer Zuschüsse, bildete sich immer eine lange Schlange, doch an diesem Morgen war das Foyer der Sparkasse vollgestopft. Die Computer hingen: Entweder waren die damaligen Maschinen noch nicht zuverlässig, oder die Beamten kannten sich nicht mit dem Programm aus. Die jungen Frauen riefen Programmierer zur Hilfe. Die Programmierer konnten das entstandene Problem nicht schnell genug lösen. Die Alten, mit vor Wut verzogenen Gesichtern, schrien:

„Bringt die Computer auf die Müllhalde!“

„Gebt uns die Karten zurück!“

Doch es verging nicht mal ein Monat, als die Manager und das Programm sich aufeinander abgestimmt haben. Die Rentner erkannten den Vorteil von der Schnelligkeit der Wunder-Technik.

Um etwas Neues zu zu lassen, musste man den Platz räumen und sich von dem Alten verabschieden. So geschah es auch. Die Welt ändert sich schneller, als der Mensch bereit ist, dies anzunehmen.

Zentrum und Peripherie

Irgendwann Anfang der 2000er fiel mit eine kleine Broschüre in die Augen, den Namen des Büchleins habe ich nicht mehr im Kopf, doch das dort beschriebene Thema „Zentrum und Peripherie“ beschäftigte meinen Geist. Der Sinn der Theorie bestand darin, dass Menschen sich in zwei Kategorien aufteilen: diejenigen, die sich im Zentrum befinden und jene an der Peripherie. Das bezog sich nicht nur auf die Wechselbeziehung der Menschen, sondern auf die uns umgebenden Materie.

Irgendwann einmal im Zug gestand mir eine Frau mit Bitterkeit:

„In den jungen Jahren ging ich vor der Schwiegermutter auf Zehenspitzen, nun bin ich vor der Schwiegertochter befangen, habe Angst sie zu beleidigen. Ich habe mich in ihr wieder erkannt. Soweit ich mich erinnern kann:  ich gebe freiwillig die Gewinner-Positionen ab, gehe in den Schatten. Wahrscheinlich habe ich deswegen heraus gefunden, wie man sie beruhigen kann. Ich bemerkte, dass die Kasachen das zärtliche Wort „ainalajyn“ haben, mit dem sie ihre Bereitschaft ausdrücken, sich um einen Menschen zu drehen, der ihnen am Herz liegt, so demonstriert auch sie ihre Liebe zum Sohn,  beschützt ihr Heim und dreht sich um seine Ehefrau.“

Die Frau nickte verständnisvoll mit dem Kopf, ihre Augen leuchteten fröhlich, als ob sie neuen Mut gesammelt hätte, als ob sie eine Rechtfertigung ihrer Befangenheit vor der jungen Hausherrin in ihrem Haus gefunden hätte.

Ich selbst schaute sie an und dachte, dass ich nun im Verhältnis zu ihr, mich in der Peripherie befinde. Ich kreise um sie herum, versuche sie zu beruhigen, und habe selbst keinen Mut, genau so vor jemandem meine Seele aus zu schütten, weil ich Angst habe, dass ich anfange zu sprechen und ich nicht verstanden werde, oder noch schlimmer, man wird sich langweilen und weg laufen wird mit irgendeiner Ausrede.

Der Ajtys, welcher nach oben ruft

Noch ein Attribut der Unabhängigkeit war für mich der Aufstieg der Ajtys – Kunst in die erste Positionen.

Mich reizt immer die Aussage: „Was ich sehe, darüber singe ich.“  Das ist eine schablonenhafte Äußerung der Menschen, die das für primitiv halten, was sich  in der Ebene ihres Denkens befindet.

Das erste mal habe ich einen Ajtys live gesehen, als ich in Zhezkazgan als Journalistin arbeitete. Ca. zwei Tage befanden sich die Verehrer des Ajtys in unserer kleinen Stadt in Euphorie. Die Ajtys – Sänger der Republik, welche zum Wettbewerb kamen, haben die Erwartungen der Menschen nicht enttäuscht, denn sie demonstrierten Unterhaltung , Dramatik und das wichtigste – die kunstfertige Beherrschung des Wortes.

Als ich eine halbe Stunde vor Beginn des Ajtys den Veranstaltungsort erreichte, konnte man den Zuschauersaal des Kulturpalastes nicht mehr betreten, in den Fluren war es voller Menschen, die sich gegenseitig in den Nacken atmeten. Die Zuschauer waren bereit, fünf bis sechs Stunden zu stehen, nur um die Möglichkeit zu haben, ihre Favoriten zu hören: Rinat Zaitov,  Ajbek Kaliev, Marzhan Eszhanovu, Ajnur Tursynbaeva, Ajtakyn Bulgakov, Sara Toktamysova.

Die Organisatoren haben im Foyer eine riesige Leinwand angebracht, damit sogar diejenigen, die nicht in den Saal gehen konnten, die direkte Translation  der leidenschaftlichen Gesänge auf der Leinwand mit verfolgen konnten.

Nun, womit bezaubert der Ajtys? Mit den sprudelnden Emotionen der Seele mit der direkten, kunstfertigen Rede der Akyns; ihrer Gabe, als Antwort mit einem Gedicht zu kontrahieren und dabei Gelächter und Begeisterung bei den Zuschauern hervor zu rufen; mit der Energie des Saals, mit dm Durst des wahren Wortes, mit der mutigen Kritik. Denn ein echter Ajtys – Sänger blickt nicht auf Positionen, heuchelt nicht. Wenn ihn hunderte von Augen anblicken, ist er begeistert und inspiriert.

Nach der Tradition, wird jeder Vortrag mit der Begrüßung der Zuschauer  begonnen, in dem man die Sehenswürdigkeiten der Stadt lobt oder berühmte Persönlichkeiten dieses Ortes nennt. Ebenso wird ein Kompliment zu Ehren der Herren und Organisatoren des Festes ausgesprochen.

Bei dem Ajtys müssen die Konkurrenten gegenseitig Fragen beantworten und Sticheleien austauschen  in einer scherzenden Form.

„Wenn man den  Gewichtungsfaktor betrachtet, so treten wir nie als Paar auf…“ begrüßte mit einem neckischen Lächeln der schmale Rinat Zaitov Marzhan Eszhanova, eine füllige, starke, selbstbewusste Frau.

Die Etappe Kajmyn – Ajtys verlangt eine besondere Fokussierung der Aufmerksamkeit und Improvisationstalent. Der Ajtys-Sänger, nachdem er sich mit den Herren des Ortes unterhalten hat und die örtlichen Probleme gelernt hat, muss mit geflügelten Worten die Wahrheit ausdrücken, nach welcher sich das Volk dürstet.

…Bevor man keuchend

strebt

in den Kreis der fünfzig

entwickelten Länder.

Sollten wir den fünfzig

Mittellosen Alten helfen

…wenn man einführt

Die Dreisprachigkeit

Soll eingeführt werden

Das Stammeln

…Traurig ist es deshalb

Weil Kasachstan

Manchmal erinnert

ein Auto, bei dem die Räder

sich ständig drehen,

doch nicht fahren

…Wenn das Parlament in den Händen ist

Einer einzigen Partei

Wird nach ihrem Wunsch

eine gelte Kuh abkalben…

…In den Schacht hinuntergestiegen

bin ich eines Tages

Und verstand, wie schwer es ist

An Brot zu kommen

Den Brüdern – Bergarbeitern

Den meinen.

Die Kunst eines Ajtys – Sängers besteht nicht nur darin, sehr wortgewandt zu sein und schön zu singen, es ist auch wichtig, über Artistik und Charisma zu verfügen. Damit glänzten auf der Bühne vor allem Zhansja Musina aus Oral, die die Zuschauer besonders ins Herz schlossen. Sie trat als Paar mit dem hellhaarigen Irangayp Kuzembaev aus Asatna auf, sie sang:

„E-e-e-j! Ira-angajy-y-y-yp!

Ich schaue dich an und kann nicht verstehen,

Warum du so bist

Rothaarig wie eine Orange?

Das ist besonders ungewöhnlich für Kasachen.

Wie eine Sonne hast du dich vor mir nieder gelassen

Und badest in deinen funkelnden Strahlen.

Vielleicht bist du ein Nachfahre Peter des Ersten?

Vielleicht ein lebendiger Doppelgänger

Desjenigen Goldenen Menschen?“

Und als Irangayp sich dafür interessierte, warum sie immer bei den Frauen sitzt, dann tötete Zhansja mit ihrer Antwort den ganzen Saal:

„E-e-e-j! Rotes Kostüm!

Wenn Dzhigiten mich sehen, sind sie befangen,

Keine Kraft, nur zwei Wörter zu verbinden.

Und eine Braut bin ich, bedeutend:

Die Augen schwarz, wie bei einem Kameljungen,

Die Wangen, wie Äpfel, rosa,

Die Beine gerade wie Nudelhölzer

Die Hände greifen wie ein Hammer.

Es sieht so aus als ob ich

Selbst den Dzhigit fange,

Die Kräfte reichen aus, Hauptsache er wird sich nicht  widersetzen.“

Im Ajtys zeichnete wich auch unser Landsmann Tolegen Zhamanov ab. Eine intelligente, selbstbewusste Manier des Vortrages, das Können, die Situation zu beherrschen, der Kontakt mit dem Zuschauersaal brachte ihm natürlich noch extra Punkte von der Jury.

Dazu kam, dass Tolegen versucht hat die Schönheit Asem in unserer Stadt zu lassen und sie zur Heirat mit seinem Verwandten gab.

„Du fragst, ob er ein Heim hat?

Nun, bald wird man in Satpaev Häuser bauen.

Ich hoffe, der Akyn wir uns eines zuweisen.

Du fragst, welches Gehalt hat mein Bergarbeiter?

Nicht schlecht. Doch über seinem Kopf schwebt ein Kredit .

Nun, ich hoffe, dieser Umstand wird dich nicht stören.

Wer von uns hat heutzutage nicht diesen bösen Kredit?

Und wenn du heute den ersten Platz gewinnst,

Kannst du in einem Augenblick deine Schulden bezahlen,

Und dann lädst du zu dir deine Freunde ein,

Den ehrenhaften, hier sitzenden Aksakals,

Und gibst ihnen Nauryz Haut,

Diese rührend, wie Togzhan

Bietest ihnen den Kumys des großen Abajs an.

Dann geben wir dir als Geschenk ein zweistöckiges Haus,

Damit du nicht mehr zu den Gastspielen fährst,

Wir füllen ihn mit Kindern.“

Worauf ihm die junge Frau antwortete:

„Die Menschen sind freundlich, das sage ich euch,

Nur lacht nicht.

Habt nichts mit diesem Kredit zu tun.

Hier ist mein zukünftiger Schwager

Möchte den Kredit meines Bräutigams bezahlen.

Ich werde nicht verneinen. Doch ich fürchte mich, dass als Zugabe

Man mich zwingt die Hypothek zu bezahlen

Für das versprochene Haus.

Vor dem Besuch unserer Stadt, fuhren einige Ajtys-Sänger nach Frankreich, der Einladung der kasachischen Diaspora folgend. Nach dem Besuch teilte Ajnur Tursybbaeva mit uns ihre Eindrücke:

„Obwohl ich hundert Mal

auf den Eiffelturm

stieg.

Kann man dies nicht mit der Schönheit der Berge Ulytau

vergleichen…

Nun was sagt man über ein Volk, der Ajtys ist für die Kasachen – das ist Theater, dessen Szenarium auf dem Weg entsteht, gemeinsam mit den Zuschauern, welche den Ajtys – Sänger mit Lachen beleben, mit Rufen, mit Applaus, mit der Wärme der Herzen und der Energie.

Aurelia Akmullaeva Das Erwachsenwerden

Wenn es an der Tür klopft,

Scheint es mir warum auch immer,

Dass es Chekisten sind.

Wenn es an der Tür klopft,

Scheint es mir warum auch immer,

dass das Jahr 37 noch nicht vorbei ist.

Wenn es an der Tür klopft,

Scheint es mir warum auch immer,

Dass man mich fesseln wird

Für das falsche Denken

Oder für die Küsse

Freundschaftlich

***

In der Küche in der alten Chruschtschowka

Unter der gelben Glühbirne

Schälst du die Haut von der Kartoffel so sehnsüchtig,

Als ob du deine junge Frau entkleidest

Es klingt das Lied „Alles läuft nach Plan“,

Und das Vorhandensein von einem Kilogramm frischen Kartoffeln unter dem Tisch,

Welche man jeden Moment

nackt lassen kann –

Ob sie es möchten oder nicht.

Du schneidest vom Kartoffelkörper alle dunklen Flecke,

So als ob du versuchst alle Wunden in der Seele jener Frau zu beseitigen,

Damit sie nicht über ihrer Traumata nachdenkt,

Wenn du neue anlagern wirst

In der Küche in der alten Chruschtschowka

Unter der gelben Glühbirne…

***

Meine Gedichte bleiben

danach

in der Bushaltestelle Planet Erde leben

danach

sie werden länger leben als ich

danach

und ich zerreiße sie

danach

ich werde jede Seite verbrennen

danach

ich werde jeden Buchstaben töten

danach

ich werde jedes Wort durchstreichen

danach

mit einem schwarzen Marker

danach

und wie lange habe ich versucht zu vernichten

die Gedichte

danach

werden sie trotzdem weiter leben

danach

länger als ich

wobei ich

danach

vernichtet werden kann

von dem ersten

Versuch an

danach

***

Ich habe nicht die Anzahl der Buchstaben in deinem Namen gezählt,

Ich habe sie nicht mit der Anzahl der Buchstaben im Namen meines Lieblingssängers verglichen

Ich habe keine Screenshots gemacht,

Als du meine Fotos geliked hast,

Um unseren Kindern den Beginn unserer Beziehung zu zeigen –

Ich wusste, dass wir keine Kinder haben werden.

Ich fuhr nicht in deinen Bezirk

Und verfolgte dich nicht,

Um zu erfahren,

in welches Geschäft du gehst, um Zigaretten zu kaufen.

Ich machte keine Geschichten auf Insta

Extra, damit du sie siehst.

Ich blätterte nicht deine Storys bis zur letzten

Und likete nicht deine Fotos.

Nach vielen Jahren

Nach vielen Jahren wird sie Kinder haben,

Und du nur Sorgen.

Nach vielen Jahren wird jeder eine Familie haben,

Und du – nur Trennungen.

Zehn Jahre werden vergehen,

Und alle deine Freundinnen

werden plötzlich riechen

Nach Milch und Kinderkacke.

Zehn Jahre werden vergehen,

Und du wirst riechen

Nach Bier, vielleicht nach Wein.

Du wirst nach einem Flughafen riechen,

Vielleicht auch nach Tabak.

Nach fünfzehn Jahren

Auf dem Balkon deiner Freundin

Taucht ein Schlitten auf und viel Kram

Der Dieb wird bloß

Den Aschenbecher finden und einen Notizblock.

Deine erste Liebe trägt nun einen Nerzmantel,

Sie hat zwei Kinder,

Und Venus gleich,

Hat sie eine sehr schöne Figur.

Sie macht sich eine rot leuchtende Maniküre.

Deine erste Liebe –

Das ist ein zartes, junges Mädchen –

Hat sich plötzlich verwandelt  in eine solch reife

Grobe Dame.

Nach siebzehn Jahren

Geben deine Freunde ihre Schösslinge in die Schule ab,

Solid, erwachsen, in Sonnenbrillen,

Sie kaufen Sträuße roter Rosen für den Lehrer.

Nach siebzehn Jahren gebärst du deine erste Tragödie

Nach zwanzig Jahren

Studierst du genau

Die Bhagavadgita und die Bibel,

Und dein bester Freund mit seiner Ehefrau

Kaufen sich ein Cottage  in Baganashyl.

Sie werden ein Haus voller Kinder haben

Und ein großes Familienglück,

Und du wirst viele Zweifel im Herzen haben.

*Baganashyl –  ist ein elitärer Bezirk in Alamty

Juni

Mama sagt, dass ihre Freundin in dem Moment erwachsen wurde,

als sie mit zwanzig und noch was Jahren, mit einem kleinen Kind in den Armen,

Knochen nach Knochen das Skelett ihres Mannes eingesammelt war, nach dem Feuer in der                                                                                                                                        Wohnung.

Er schlief mit einer Zigarette in der Hand ein.

Mama sagt, dass ihre Freundin in diesem Moment erwachsen wurde,

als sie ein totes Kind im sechsten Monat geboren hat,

und dann verstand sie, dass es das Ende war,

Mama sagt, dass ihre Freundin in dem Moment erwachsen wurde,

als sie betrunken nachts zusammengeschlagen wurde.

Mama sagt, dass ihre Freundin in dem Moment erwachsen wurde,

als sie verstand, dass sie keine Kinder in die Welt setzten will, weil diese Welt böse ist.

Mama sagt, dass ihre Freundin in dem Moment erwachsen wurde, als sie eine Flasche                                                                                                               Kognak getrunken hatte.

Ich will nicht erwachsen werden.

Ich will nicht erwachsen werden.

Ich will nicht.

Die Welt wurde zum Flaum

Die Mutter der Physiklehrerin ist gestorben

Und alle sagten zu ihr:

„Dankeschön.“

Danke, dass wir heute keinen Unterricht haben werden.

Danke dieser alten Frau, die wahrscheinlich krank ist,.

Danke, dass wir heute keine Fünfer bekommen.

Die  Physiklehrerin  kam zum Unterrichtet müde und böse

Und eines Tages kam ich zu ihr mit der Frage: „Warum eine drei?“

Sie begann schrecklich zu schreien.

Sie begann zu weinen, ihre Lippen zitterten,

Sie wurde rot im Gesicht.

Sie sagte, noch nie hätte sie jemand so beleidigt.

Mir wurde lustig und schrecklich zumute.

Schrecklich wegen der psychischen Verfassung dieser Frau.

Alle schrieben am Abend vor dem Physikunterricht

Im Klassenchat

„sie soll sterben“

„Sie soll in der Hölle brennen“

Die Physiklehrerin sagte, ihr Sehvermögen verschlechtere sich,

Es wird keine Zwischenprüfung am Ende des Quartals geben.

Sie möchte noch ihre Enkel sehen.

Man solle sie verstehen.

Enkel sind heilig

„Soll sie erblinden“ flüsterte ein Klassenkamerad.

Ich hasse aus ganzem Herzen diese stickige,

Glitschige Frau.

Jede Nacht im Laufe der Woche

Träumte ich,

Wie sie mir eine fünf gibt für die Klassenarbeit.

Ich war so erschöpft.

Die Physiklehrerin gelangte in die Abgründe meiner Seele.

Sie log als ob sie atmete.

Sich aus der unangenehmen Lage vor mir befreiend,

Sie schrie laut.

Sie ist schlau und sehr bedacht.

Doch heute ist ihre Mutter gestorben,

Heute kam sie nicht zum Unterricht

Alle sind jetzt glücklich,

Alle schämen sich für diese Freude.

Für dieses primitive Gefühl,

Doch man soll sich seiner Gefühle nicht schämen!

Bei uns sitzt ein Psychologe,

Doch der ging heraus um eine zu rauchen,

Die Lehrer rauchen hinter der Schule

Die Schüler rauchen im Nachbarhof

Die Mama ist physisch tot.

Manch einer wird sagen

Die Erde werde zu Eisen.

Doch ich denke,

Die Erde wurde zum Flaum.

Zauberhafte Bilder von Margarita Davydova

Ich schnappte mir meinen Rucksack, Trekking – Stöcke, Handschuhe und rannte nach draußen. Ich habe mich vorbereitet, machte heiße Butterbrote, Leckereien und Tee in der Thermoskanne – nun bin ich spät dran. Die Uhr zeigt fast sechs Uhr morgens, die Zeit, in der  die Jungs und ich uns treffen wollten –  bei dem Tor zum Park, an der Bushaltestelle  des Busses Nr. 28. Draußen ist es dunkel, die Stadt schläft, manchmal fährt ein Auto vorbei – ansonsten ist es ruhig. Aus dem Mund entweicht Dampf. Die Laune ist gehoben, mich erwartet eine nicht zu vergessende Wanderung. In dem dämmrigen, grauen Dunst wirkt jeder Baum,  jedes Haus und jede Laterne wie ein fantastisch-interessantes Objekt der Betrachtung; es glänzt, bedeckt mit Raureif, wird düster oder umgekehrt und leuchtet rätselhaft durch der Laken des Nebels. Ich konnte mich nicht zurück halten, um einen leuchtenden Baum zu fotografieren. Es ist schon 6.10 Uhr! Ich bin spät dran, unkameradschaftlich. Deswegen verschnellere ich den Schritt und laufe, ohne auf den schweren Rucksack zu achten.

Gut, dass die Jungs im warmen Auto auf mich warten und nicht draußen. Ich geselle mich bald zu ihnen, alle lächeln, lachen. Wie toll, dass ich das Glück hatte, solche interessanten, Wanderung-begeisterten Menschen zu treffen. Es ist wichtig mit den richtigen Begleitern in die Berge zu gehen, denn manchmal hängt das Leben von einem Freund ab, welcher dich absichert, irgendwo raus holt oder dich einfach ermuntert weiter zu gehen und nicht auf zu geben! Wir fahren bis zum Beginn unserer Strecke, wir lachen und unterhalten uns, warum auch immer, über Feminismus und PR. Ist Feminismus nicht PR? Worüber denken wir nur nach vor der Wanderung?

Wir starten mit dem Aufstieg etwas später als geplant. Über dem Medeo ist es kälter als in der Stadt, doch das merkt man fast gar nicht, weil du immer in Bewegung bist. Das Wetter ist einfach fabelhaft, noch nicht am Erleuchteten angekommen, sprangen wir aus dem grauen Nebel, welcher die Stadt umhüllte und wir stellten fest, dass der Himmel hier ganz rein ist. Die Sonne stieg langsam auf von den Bergen und färbte die Wolken mal in rosa, mal in violetter Farbe. Es sieht so aus, als ob uns ein leichter Aufstieg erwartet, ohne irgendwelche klimatischen Schwierigkeiten. Bis auf den tiefen Schnee und den Frost. Wenn du den aller einfachsten Asphaltweg gehst und am Chimbulak vorbei gehst und an anderen Gebäuden, welche an die Nachbarschaft der Menschen erinnern,  kannst du echten Wundern begegnen. Das kann zum Beispiel ein wilder Jak sein. Im Sommer hört man hier den Kuckuck und Fasane, und in der Höhe, über dem Kopf, kreisen irgendwelche großen Raubvögel. Im Winter ist die Landschaft ganz anders, wild doch besonders schön. Mal sieht man einen Wasserfall, vom Eis umgeben; mal Tannen, vom Schnee umhüllt, welche auf den Felsen ragen; und etwas tiefer beim Abhang, locken irgendjemandes vorsichtige Spuren den Wanderer an.

Und wie unbeschreiblich schön glänzen die Bergspitzen von den Strahlen der aufgehenden Sonne! Irgendwo nach dem Eisberg, welchen alle als kleinen Drachen bezeichnen, sollte man die Kamera nicht aus den Händen legen. Zu oft muss man stehen bleiben und diese immer wider raus holen. Irgendwo hier beginnt meine persönliche  Gebirgskrankheit.

Zuerst nahm ich an, dass meine Krankheit eine einfache Hypoxie oder das Fehlen von Sauerstoff beim Aufstieg in eine Höhe mehr als 2000 Meter, sei. Es ist als ob ich betrunken sei und die Welt um mich herum, wie auf das Hören eines Zauberstabes, sich in ein Märchen verwandelt!

Jedes Mal, wenn wir hier wandern, gehen wir an den selben Objekten vorbei: Steine, Bäume, Flüsse. Um uns herum sind die gleichen Berge, die Hälfte dieser habe ich schon erklommen. Im Himmel die Wolken, welche einander ähneln…Doch jeder Abstieg von einem Berg erscheint mir immer anders, absolut unwiederholbar, einzigartig.

Heute ist es warm und sonnig, und letztes Mal war es frostig und bewölkt, im Sommer ist hier häufig Nebel, Regen und sogar Regenbögen. Und so unerwartet schön stehen die Tannen hier, etwas abseits des Pfades, die durch ihre Zweige die zitternden Sonnenstrahlen durch lassen!

Ich mache meine Kamera an und beginne zittrig Foto für Foto zu knipsen.

Da ist eine Hummel, die auf der Blume eingeschlafen ist, die Sonne hat sie noch nicht gewärmt, und sie schläft, ohne sich zu bewegen und wird zum perfekten Objekt für eine Makro-Aufnahme. Plötzlich leuchtete in der dämmrigen Dunkelheit die Taschenlampe eines Kameraden und erhellte unseren Weg. Das schien mir so wundervoll, dass ich wieder die Handschuhe ausziehen musste und aus der Innentasche das Handy heraus holte. Und während ich unsere unvergesslichen, schneebedeckten Berge der kleinalmatinischen Schluchten fotografierte und die Gruppe für einen Blick aus den Augen verlor, gingen die Jungs weiter, als ob nichts gewesen wäre, den Pfad entlang – und über ihnen erstreckte sich der Felsen „Segel“, an welchem man sich beim Aufstieg zur Bergspitze Amangel’da orientiert.

Die Jungs sind wie Ameisen, wirklich, diesen Anblick muss man einfach fotografieren. Und die Vögel. Manchmal kann man nur ihre Spuren sehen, welche sich im Schnee verlieren oder umgekehrt, die abreißen am Rand vom Abhang. Und manchmal kann man einen klaffenden Raben mit der Kamera einfangen, einen aufgeregten Fasanen und einen hochfliegenden Adler. Und solche verschiedenen, schönen Bilder tauchen vor meinen Augen auf und ich nehme sie mit der Kamera auf…wofür? Um sie zu sammeln, zu bewahren, für die eigene Kollektion einzutrocknen, wie herbstliche Pappelblätter, und sie dann anzuschauen an langen Winterabenden. Eine solche Aufregung macht ein Pilzsammler durch oder ein Zoologe beim Pilze sammeln oder beim Sammeln von Äpfeln, Tomaten und seltener Käfer und Schmetterlinge natürlich. Das ist ein unvergleichbares Vergnügen! Und welch prächtige Tulpen wachsen auf dem Kok-Zhjlau!

Manchmal kann man den Moment einfangen und die zarte, allen Winden geöffnete Tulpe erfassen, vor den dunkel-grünen Bergen, welche sich weit erstrecken und sich im Nebel verbergen. 

Solche Aufnahmen, oft im Knien oder Liegen auf dem nassen Gras geknipst, sind besondere Szenen für mich. Und es macht nichts, dass die Jungs sich beschweren, dass ich wieder hinter her hänge oder irgendwo nach oben oder zur Seite klettere, wo es nicht einmal einen Pfad gibt.

Ich werde ihnen später die Aufnahmen zeigen und sie werden alles verstehen. Man kann an solch einer Schönheit doch nicht vorbei gehen! Das wäre eine echte Schandtat. Und die Wolken erinnern an spitze Damenhüten oder Kopfbedeckungen für Herren. Die Höhe des Berggipfels von Tereshkova sieht mit einem solchen Hut noch anschaulicher aus.

Die Wolken muss man etwas länger jagen, hier muss ein ganzes Ritual vollführt werden, um ein langsames Video auf zu nehmen, auf welchem man sieht, wie sie schimmern, Purzelbäume schlagen und schwimmen, und die Berge stehen ruhig da, nur die Grashalme zittern im Wind. Heute gehen wir nicht weit, zum See Manshuk Mametovo, welcher sich von dem gleichnamigen Gletscher gebildet hatte. Es gibt sehr viel Schnee, manchmal sinkt man bis zur Taille im Schnee ein.

Die Stille drum herum ist unglaublich, man hört wie das Wasser tropft, in Bächen von den Höhen runter läuft. Die Sonne brennt bereits fühlbar, man möchte sich ausziehen und sich auf dem Schnee bräunen. Wir haben es uns auf irgendwelchen eisernen Betten gemütlich gemacht, trinken Tee mit Sanddorn, Hunger haben wir keinen. Nur die Müdigkeit hilft mir zu mir selbst zu finden und meine visuelle Jagd zu beenden.  Wir werden von einem Husky mit seinem Herrchen eingeholt. Doch mir geht es so gut, dass ich nicht einmal den Wunsch verspüre, den Husky vor den schneebedeckten Berge zu fotografieren. Ich streichele faul sein weiches Fell und versuche den Gesprächsfaden nicht zu verlieren. Wie schön ist es in den Bergen! Die Augen kleben zusammen von dem hellen Licht und vor Müdigkeit, so kann man für eine Weile schlummern. Geht unbedingt zum See, ihr werdet es lieben! Doch wir müssen bereits den Rückweg antreten.

Irgendwo, etwas tiefer von Alpingrad, bekomme ich ungewöhnliche Kopfschmerzen. Das ist wohl doch die normale Bergkrankheit, und nichts visuell-ordinäres. Ein langer Aufenthalt in der Höhe und Sauerstoffmangel. Möglich, dass ich deswegen solche zauberhaften Bilder sehe, die Portraits von Vögeln, Menschen und natürlich der Berge. Das ist mein Alibi. In unseren Bergen ist es wirklich unbeschreiblich schön, wunderbar und herrlich. Man muss es nur bemerken und bewundern. Haben Sie gesehen, wie Mohnblumen in der Steppe wachsen?

Witch Daughters von Anna Ganich

Ich gebe zu, das war meine erste Bootsfahrt. Das Kris zu erzählen, war peinlich. Sie führte unser Motorboot sehr gewagt. Ich hielt mich zuerst hinten auf, warum auch immer, war ich dort sicher mit meiner Seekrankheit, dann wurde ich mutiger, ging zum Bug und die Reste der Verlegenheit lösten sich auf in salzigen Spritzern und einer wilden Geschwindigkeit, welche ich mit jeder Zelle meines Körpers spürte.

„Siehst du dieses Kap?“ Kris übertönte fröhlich das Geräusch des Motors. „Wir müssen dahin!“

Ich konnte mich nicht halten und schrie vor Freude. Das Kap sah von hinten wie ein seltenes Tier aus, welches sich hinlegte um sich vor dem Meeres-brausen aus zu ruhen.

Als wir anlegten, sprang ich auf das Ufer, ganz berauscht von der Freiheit, hüpfte auf den großen, antiken Steinblöcken und schaute mich um. Das war ein gänzlich wilder Ort, vom Festland mit riesigen Felsen abgegrenzt. Ich warf einen Seitenblick auf die Steinblöcke neben dem Wasser.

„Ja, ja, sie fallen von Zeit zu Zeit von der Spitze herunter,“ Kris bemerkte meinen Blick und bestätigte meine schreckliche Vermutung. „Nimm es als Meditation wahr: Wenn der Tod immer in der Nähe ist, fällt der Wunsch, das Leben aus zu leben, sofort weg.

Zwischen den Felsen und dem sandigen Strand zog sich das dichte Gestrüpp nach oben. Ein Teil des Lagers befand sich im Dickicht und auf dem Sand erstreckte sich der  sogenannte Gesellschaftsraum: Ein riesiger Platz, bedeckt mit marokkanischen Decken und einem Platz für Lagerfeuer in der Mitte. Jetzt lagen dort lässig ein paar junge Frauen und aßen Wassermelone.

„Hallo! Komm zu uns!“ lockte mich eine von ihnen, eine Blondine mit sonnen-gebräunter Haut, die einer australischen Surferin ähnelte.

In der nächsten halben Stunde machte ich Bekanntschaft mit allen lokalen Frauen. Sie hatten vieles gemeinsam: sie alle waren freundlich, entspannt, alle sie trugen Höschen mit Schnüren und alle sie lachten gleich, wenn ich sie nach dem seltsamen Namen fragte.

„Nun, wir müssen anfangen,“ sagte Milashka, blinzelte mit den blauen Augen und es begannen alle, mit Lächeln auf den Gesichtern, sich in einen Kreis zu stellen.

„Wir reden nichts überflüssiges“, sagte Kris, mich mit einem herben Wohlgeruch umhüllend. „Du wirst gleich alles selbst verstehen. Und sei dir bewusst – wir sind immer in der Nähe.

Ich nickte sorglos und roch an dem Getränk, welches in Gläsern im Kreis herum gereicht wurde, bis  jeder im Kreis ein Glas bekommen hat. Die braune Flüssigkeit roch nach feucht gewordenem Wacholder und ich beschloss den Genuss nicht in die Länge zu ziehen und leerte mit einigen Schlucken das Glas.

„Das hast du gut gemacht! Nun denn, die Einweihung hat begonnen.“

Ich erwartete laute Glückwünsche und Toasts zu meinen Ehren, und kein Wacholder – Smoothie.  Irgendeine kleine Frau in meinem Inneren blies beleidigt die Lippen auf und ich spürte, dass es witzig war, doch konnte nichts mit mir anstellen. Die Enttäuschung kratzte meine nackte Brust. Ich wollte von ihnen weg gehen und alleine sein.

Ich setzte mich auf einen der altertümlichen Steinblöcke, ganz nah am Meer und begann die Strahlen der Sonne auf dem Wasser zu beobachten. Die Enttäuschung löste sich langsam auf in eine mich umkreisende Harmonie. „Ich sitze nicht einfach so hier,“ sagte ich leise zu mir selbst. „Ich bin ein Aufnehmer.“ Von allen Seiten begann der Wind mir Nachrichten von den verschiedensten Frauen zu bringen – einige von ihnen lebten vor Tausend Jahren, und manche schickten mir ihre Botschaften genau jetzt. Mein Atem drehte sich um, doch ich näherte mich weiter dem Wasser. Das ist er – der ideale Kommunikator – Salzwasser, welches in mich dringt, in jede Zelle. Sie sprechen über Beziehungen oder geben kulinarische Tipps, und manche Nachrichten sind besonders intellektuell. Was ist das? Ein geheimnisvoller Chat, wo man mit Frauen aus allen Punkten des Raumes und aus allen Zeiten kommunizieren kann? Das ist pure Begeisterung und ich bekomme eine Gänsehaut, während ich die Signale empfange, Lachen, Tränen, Wörter, und dann schicke ich meine Nachricht:

„Neonfarbene Hunde jagen Hühnerschenkel (ebenfalls neonfarben) – so sehen die Beziehungen aus. Die Frage ist nur die, wessen Hühnerschenkel teurer ist.“

Ich schicke die Nachricht los und warte neben der Höhle, welche durch die Vibration der Wellen entstanden ist. „Ist es Post? Ein Telegramm?“ kichere ich vor mir selbst. Da geht aus der Höhle eine sehr ruhige Frau heraus, schwarze Zöpfe und Federn, und völlig gelassen schlägt sie mich mit einem Stock direkt auf den Kopf, so stark, dass meine Rede unterbrochen wird, und ich fliege, fliege, bis ich in das Masut stoße. Ich verletzte mir das Knie und drumherum finde ich keinen Wegerich, nur Masut und Stalagtiten. Oder Stalagtaten? Also die, die von oben nach unten wachsen.

Ich drücke mich weg von der stickigen Dunkelheit und tauche in einen hässlichen, schmutzigen Teppich, welcher sicher keinen Staubsauger kennt, und nähere mich einem großen Zeh mit alter Maniküre und rauer Haut, inmitten irgendwelcher beschwipster Szenen. Ich fliege hoch, fliege durch tausend Welten, wo mir keiner Aufmerksamkeit schenkt, vielleicht haben sie mich auch nicht bemerkt, denn ich flog so schnell wie eine Rakete, das weiß ich doch gleichzeitig erscheint mir alles wie eine hängende Kassette. Nun bin ich wieder am Meeresufer mit zwei Männern, von denen einer langsam mit einer verzerrten Stimme spricht: „Riiiiiiiiiiiiitaaaaaaaaa, wo sind deine Freundineeeeeeeeeen?“ Ich nehme einen Zug und falle in einer grauenhaften Slowmotion  auf den Sand, mache einen Salto durch weitere tausend Welten, die Neon-Köter folgen mir und ich höre bloß ihr Computer-Bellen in den verzweifelten Versuchen zu fliehen. Doch da blickt auf mich ein wunderschöner Flamingo, er schimmert in einer rosa-lila Farbe, ich verstecke mich in seinen weichen Federn und fühle eine nicht irdische Glückseligkeit.  Jede Hautpore füllt sich mit dem Aroma von Maiglöckchen. Das sind Fibern, Fibern. Fibern… Ich scheine mich im weichen, lila Tüll zu verknoten, und ihre jede Falte ist eine Fiber. Hier wachsen Jasmin, Pfingstrosen und weiße Kater gehen auf den nicht  nicht herabhängenden Fibren und ich verstehe, dass alles eins ist, und alles keine Bedeutung hat. Nichts hat irgendeine Bedeutung.

„Nun bist du eine von uns,“ sagen mir die Kater und einer von ihnen blinzelt vertraut mit seinen Saphir-Augen und murrt so  süß, dass mein ganzer Körper zu schmelzen scheint. „Nun verstehst du, warum Witch Daughters? Muss ich es noch erklären?“

„Musst du nicht,“ erlaube ich und schmelze leicht in dieser schönen Welt der plüschigen Kater, der schimmernden Blumen und der wohlriechenden Aromen.

Der Schlitten, von Oral Arukenova

Danik schaute auf die Uhr, richtete den Halswickel und ging zum Fenster. Von der fünfzehnten Etage aus hatte man einen guten Blick auf das rosa Zweietagenhaus neben dem Park. Ein Auto näherte sich dem Treppenhaus und hupte. Danik stellte das Fernglas richtig ein  und begann das Geschehen hinter der Tür zu beobachten. Bald ging diese auf und ein Dackel kam heraus und darauf hin ein Junge mit einem Schlitten, beide rannten sie zum Auto. Der Junge mit offenem Mantel flog zum Mann. Der Mann fing ihn im Flug, warf ihn in die Luft, fing ihn wieder auf und drückte ihn an sich. Dann setzte der Mann den Jungen auf den Schlitten, riss den Dackel mit sich und fuhr zum Park. Der Dackel wedelte mit den Schwanz und kreiste um sie herum. Danik beobachtete diese, bis sie aus dem Blickfeld verschwanden und setzte sich dann an den Tisch. Seine Mutter hat ihn gebeten einen Wunschzettel zu schreiben. Er nahm einen roten Filzstift und schrieb mit großen Buchstaben: ICH WILL, DASS PAPA MICH MIT  DEM SCHLITTEN FÄHRT. Er hörte Schritte auf der Treppe, knüllte schnell den Zettel zusammen und warf diesen in den Mülleimer. Die Großmutter mochte den Vater nicht.

„Zhanym, warum bist du aus dem Bett aufgestanden?“ fragte die Oma als sie die Wohnung betrat. Sie stellte eine Platte mit dem Abendessen und Arzneien auf den Tisch.

„Mama bat mich, einen Wunschzettel zu schreiben zum Neuen Jahr.“ sagte Danik.

„Gut, Zhanym , lass uns erst einmal essen, die Arznei einnehmen und dann kannst du schreiben. Тәңірі қолдасын – Gott wird helfen!“

Nach dem Essen wusch sich Danik die Hände, gurgelte mit der Mixtur und kehrte in das Zimmer zurück. Er setzte sich an den Tisch und schrieb ordentlich auf der Rückseite der Postkarte:

Ich bitte den Weihnachtsmann um:

  1. Ein Lehrbuch über das Schachspiel „Die Debüte. Der ganze Kurs“
  2. „Einen gestrickten Pullover

Vor ein paar Tagen, als er aus dem Badezimmer heraus ging, hörte er zufällig, wie sich die Mutter und die Großmutter über Geschenke für ihn unterhielten, die Großmutter hatte für ihn einen warmen Pullover gestrickt, mit einem Halskragen, und die Mutter hatte vor ein Tablet zu kaufen. Er dachte kurz nach und fügte hinzu:

      3. Tablet

Dann legte er die Karte in einen  Briefumschlag, klebte diesen zu und legte ihn unter den Tannenbaum auf einen nicht sichtbaren Platz.

***

Makpal schaute nach dem Mittagessen in der Buchhandlung vorbei.

„Guten Tag, ich hatte ein Buch bestellt,“ sagte sie als sie zum Tresen im Zentrum des Geschäfts ging.

„Guten Tag! Die Nummer der Bestellung, bitte.“

„378.“

„Die Debüts. Der ganze Kurs“?

„Richtig!“

Die Verkäuferin packte das Buch in leuchtendes, festliches Papier ein und legte es in eine Tragetasche. Makpal bezahlte den Einkauf, ging heraus und setzte sich in das Auto. Sie hatte gerade den Motor gestartet als ihr Handy anfing zu klingeln.

„Ja, ich höre.“

„Hallo! Wie geht es dir?“

„Alles in Ordnung. Was willst du? Ich bin in Eile.“

„Ich wollte mich mit dir beraten, was ich Danik zum Neuen Jahr schenken soll.“

„Kauf ihm ein Tablet , nur nicht den aller günstigsten, um einfach davon zu kommen, sondern einen ordentlichen.“

„Gut, ich habe gerade mein Honorar bekommen.  Übrigens die Alimente wurden heute transferiert.“

„ Du hast vielleicht ein Glück!“  sagte Makpal und bewegte sich vom Parkplatz weg.

„So ein Dummkopf, kann nicht einmal ein Geschenk für seinen Sohn aussuchen. Was hat mich nur dazu getrieben, solch einem Nichtsnutz zu heiraten! Ich zog ihn, zog ihn, und alles umsonst. Und mein Danik ist klug, ruhig, bleibt zu hause, liest Bücher, spielt Schach. Bittet um nichts. Gut, dass ich mich habe von diesem Nichtsnutz scheiden lassen, wozu braucht er ein solches Vorbild. Das wichtigste ist, dass Danik glücklich ist und von Liebe umgeben. Nur ist er oft krank, das hat er von Saken, meine Mutter hat recht, wenn sie sagt, dass sie vom gleichen Schlag sind. Mal sehen, welches Tablet er kaufen wird?!“

***

Saken wachte nachts auf und öffnete die Augen. Aus dem Fenster fiel ein gemütliches, nebliges Licht. Die Uhr zeigte halb vier Uhr morgens, der Kopf dröhnte von dem Alkohol am Stehempfang.  Er stand auf, schaute aus dem Fenster und pfiff. Die Straße, die Bäume, die Autos – alles leuchtete mit frisch gefallenem Schnee, das Thermometer zeigte  minus achtzehn Grad an. Für eine Sekunde fürchtete er sich, hat er etwa das Neue Jahr verschlafen und Danik kein Geschenk gekauft?! Er schaute auf den Kalender: 29 Dezember, er atmete erleichtert aus. Dann nahm er das Telefon in die Hand und begann die Grafik des Gehaltes zu überprüfen, heute müssten sie den Rest des Honorars auszahlen. Er dachte lange darüber nach, was er dem Sohn kaufen sollte und beschloss dann Makpal zu fragen. Sie hat den Überblick mit den Neujahrsgeschenken, alle müssen ihre Wünsche aufschreiben, in den Umschlag legen und unter dem Tannenbaum verstecken und sie entscheidet im Namen des Weihnachtsmannes, wem man was schenkt. Sie liebt es alles zu kontrollieren, manchmal schien es ihm, dass sie in seine Hirnschale hinein kriecht. Makpal gibt nicht einmal den Untergebenen Ruhe. Sie ruft sie sogar an Wochenenden an und während des Urlaubs, da verlangt sie Rechenschaft. Doch das Schlimmste ist mit Danik, sie wird doch einen Muttersöhnchen aus ihm machen.

Saken bekam das Geld und kehrte zurück nach hause, er trank mit Vergnügen die verdienten hundert Gramm Kognak und fuhr in das Elektrowaren-Geschäft. Dort suchte er das aller letzte Modell heraus doch dann verstand er, dass das Geld nicht ausreichen wird. Dann sollte es halt die mittlere Variante sein. Er nahm das festlich verpackte Tablet in die Hände und ging in den nächsten Raum, um Ausschau nach einer Waschmaschine zu halten. Doch der Raum war mit einem gelben Streifen abgegrenzt, dort wurde gerade neue Ware entladen. Saken beschloss nach den Feiertagen wieder zu kommen. Er drehte sich gerade um, um zu gehen, als er einen Knirps sah, welcher sich hinter der Absperrung aufhielt und sich auf dem Weg zum Elektrowagen befand.  Saken stürzte in seine Richtung, schnappte sich den Jungen und sprang zur Seite. Die Schachtel flog aus seinen Händen, stieß stumpf gegen den metallenen Korpus des Wagens  und fiel auf den Boden. Der Fahrer bremste abrupt ab und starrte sie an. Eine Frau kam mit einem Schrei her gerannt und schnappte sich aus den Händen Sakens den verschreckten Jungen. Saken hob die Kiste vom Boden auf, berührte diese, im Inneren knackste irgendetwas. Er warf die Kiste wieder auf den Boden, verfluchte sein unglückliches Schicksal und verließ das Geschäft. Er fühlte in der Tasche einen letzten Geldschein und beschloss Wodka zu kaufen.

„Söhnchen, hast du Kinder?“ fragte ihn ein alter Mann, welcher mit Schlitten beim Eingang des Supermarktes stand.

„Habe ich, einen Sohn, acht Jahre alt,“ Saken atmete bitter auf.

„Hast du schon ein Geschenk für ihn?“ fragte der Großvater an-teilnehmend. „Hier, kauf ihm einen Schlitten, dieses Jahr haben wir viel Schnee, kannst ihn damit fahren!“

„Sie machen Scherze, wen sieht man heutzutage mit Schlitten? Wie viel kostet er?“

„Ich gebe ihn dir für zwei tausend. Morgens habe ich für drei verkauft. Warum denkst du so? Eine ganze Partie wurde innerhalb von ein paar Stunden verkauft. Das verbreitetste Geschenk dieses Jahr.“

„Gut, ich kaufe ihn!“ erklärte sich Saken einverstanden und gab dem Alten seinen letzten Fünftausendschein .

„Ich glaube, man ruft dich dort,“ sagte der Alte und gab ihm das Restgeld.

„Herr, Herr!“ rief von der Seite des Elektrofachgeschäfts eine Frau und winkte ihm mit der Hand.

„Meinen Sie mich?“ Saken zeigte mit dem Finger auf sich.

„Ja, ja, Sie! Sie haben Ihr Tablet vergessen!“ rief sie ihm zur Antwort.

„Wozu, der ist doch kaputt,“ murmelte er , nahm den Schlitten in die Hände und ging in die Richtung der Frau.

„Nehmen Sie es trotzdem mit. Gut, dass ich Sie eingeholt habe, sonst hätte man in der ganzen Stadt nach Ihnen suchen müssen. Die Aufnahmen zeigten, wie sie das Kind gerettet haben. Die Frau ist noch ganz außer sich, sie bat mich, ihr Ihren Namen und die Telefonnummer zu nennen, sie wird sie später kontaktieren.“

Nach ein paar Stunden klingelte das Telefon, auf dem Monitor stand eine unbekannte Nummer.

„Guten Abend, Saken! Ich heiße Alexej, ich möchte Ihnen für die Rettung meines Sohnes danken.“

***

31 Dezember. Danik beobachtete den ganzen Morgen das Fenster, Kinder, die auf dem Hügel mit dem Schlitten fahren, plötzlich sah er den Vater.. Dieser näherte sich dem Haus, in seinen Händen ein Schlitten. Danik rannte in den Flur und begann sich anzukleiden. Die Großmutter blickte aus der Küche heraus, als er schon die Tür öffnete.

„Wohin gehst du?“ fragte sie.

„Gleich, Azheka, ich komme gleich!“ schrie er und machte die Tür zu. Er drückte mit dem Finger auf den Knopf im Aufzug, dieser ratterte irgendwo unten, blieb ein Stockwerk drunter stehen und fuhr wieder nach unten. Danik hatte keine Geduld mehr zu warten. Er rannte die Treppe herunter. Als er aus dem Treppenhaus heraus lief, betrat der Vater den Hof durch das Tor.

„Papa! Papaaaa!“ schrie Danik, rannte zu ihm und breitete die Arme aus. Saken verschnellerte  ebenfalls den Schritt. Er warf den Schlitten und die Tüte mit dem Tablet auf die Erde, fing den Sohn im Flug auf und drückte ihn an sich.

Danik drückte sich in den Kragen seines Mantels und dachte: Warum haben sich die Erwachsenen diesen seltsamen Alten mit seinem künstlichen Bart ausgedacht, wenn es doch Gott gibt?

Banu Ahmetbekova: Das Haus der Einsamkeit (aus der Sammlung „Der weinende Stern“)

Quelle zum russischen Text:

https://daktilmag.kz/6/prose/banu-akhmetbekova/dom-odinochestva/67

 

Jeder von uns, die wir irdisch und sterblich sind, hat seine eigenen Ängste. Jemand hat Angst vor der Dunkelheit, jemand vor Spinnen, manche haben ganze Labyrinthe von Angst. Doch es gibt die Angst, welche am stärksten ist – die Angst vor der Einsamkeit. Es gibt keine schmerzhafteres Gefühl als das Bewusstsein, dass du allein bist. Alleine einsam und einsam innerhalb anderer, die einsam sind. Es ist traurig darüber zu schreiben und daran zu denken, an die, welche einsam aus dem Fenster blicken, jene die gebeugt an der Pforte des Hauses sitzen, jene, die sich alleine schlafen legen. Die Einsamkeit hat kein Alter – es sind Kinder, Alte, Junge. Doch wie es auch klingt, die Einsamkeit tränkt sie völlig durch. Sie hinterlässt ihre Spuren im Gesicht, in dem Verhalten des Menschen. Ein einsamer Mensch riecht sogar anders. Mein Onkel mütterlicherseits war einsam, zwanzig Jahre lang. Er war ein Mensch  von einfachen Gesetzen. Etwas streng aber für uns alle verständlich. Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, blieb er mit der Großmutter im Haus des Vaters. Damals war er keine vierzig Jahre alt. Meine Großmutter bemühte sich um ihn, wie sie nur konnte. Ich kann jetzt nicht ihre Trauer wiedergeben, welche ich in ihren welken, großmütterlichen Augen erblickt habe. Sie hielt schweigend die Anwandlungen von Melancholie des Onkels aus sowie seine Besäufnisse, darüber trauernd , dass er hier, dass der geliebte Ehemann, unser Großvater nicht in der Nähe war. Sie trauerte wie sie es konnte, weiblich, weise und rührend. Er war ihr Sohn, den sie geboren hatte und in einer solch schwierigen Zeit erzog, die Zeit nach dem Weltkrieg und die Zeit der Hungersnot.

Nach dem Tod des Großmutter blieb der Onkel ganz alleine. Das Haus, in welchem er aufwuchs, wohin er seine Frau brachte und von welchem sie ihre eigenen, liebsten Kinder wegbrachte veränderte sich. Nach ein paar Jahren waren die Pappeln im kleinen Garten abgesägt worden, dort spielten meine Geschwister uns ich mit den Puppen, bereiteten Mittagessen vor aus Gras und Sand.  Die Geräusche des Pappel-Laubes höre ich immer noch obwohl seitdem fünfundzwanzig Jahre vergangen sind. Niemand mehr kümmerte sich um die Blumen, niemand mehr weinte, der seine Knie im Hof aufgeschlagen hatte. Im Haus kehrte Stille ein. Jetzt kann ich noch mehr genau sagen, warum die Kinder den Onkel nicht mehr besuchten. So wird er sterben, ohne sie umarmt zu haben und sie an seine Schulter zu drücken.

Ich irre immer gedankenverloren im Haus des Onkels umher. Dieses ist vertraut und unerträglich traurig. Ich sehe und höre die Stimmen der Vergangenheit und rufe Erinnerungen  hervor aus dem Herz des Hauses.

Doch das Herz antwortet nicht auf mein Rufen. Er, der fast zwanzig Jahre in Einsamkeit gelebt hat, hatte keinen Grund um das alte wieder zu beleben. Er möchte nicht die Wunde des Herren treffen, denn die Wände sind durchtränkt von den Tränen des Alten. Er blickte mit Hoffnung in die Augen des Alten, doch der Herr erwartete keine Pausen. Sein Leben ist eintönig, monoton und charakterlos. Manchmal tauchte er sein Leid in Wein und weinte wie ein Kind, das Schicksal fragend: „Wofür?“ Das Haus nahm schweigend den Schmerz des Onkels an, aber wie soll man ihm helfen?

Der Tod des Onkels war das finale Ereignis in der Einsamkeit des Hauses. Er lag eine ganze Nacht und den ganzen Tag zwischen der Wand und dem Ofen, wohin er fiel, als er zufällig zurück treten wollte.

Er starb vor Angst, vor Schmerz, und vielleicht daher, dass seine Kräfte ihn längst verlassen haben. Er konnte nicht einfach aufstehen … Darüber zu schreiben ist schwer, sowie es auch schwer ist, sich an das letzte Treffen zu erinnern, vor ca. fünf Jahren. Er lief hinter unserem Auto her, und es gab keine Kraft, das zu beobachten. Jetzt bereue ich es, dass ich das Auto nicht angehalten habe und ihn zum Abschied nicht umarmt habe, nicht sein ausgemergeltes Gesicht geküsst habe.

Das Haus meines Onkels – das ist das Haus der Einsamkeit. Das Haus der Tränen, immer noch nicht erfüllt von der Wärme derer, die jetzt in ihm leben. Sie brachten dieses in Ordnung, doch mit der Seele war das Haus treu seinem Herren geblieben. Es ist genau so einsam, wie viele Jahre davor. Nun bitte ich, den Onkel gehen zu lassen. Ihn gehen lassen entlang der Milchstraße in die Unendlichkeit.

Das Haus meines Onkels – das ist das Haus der Einsamkeit, in meiner Vorstellungskraft sehe ich, wie der Onkel das Haus verlässt und sein Blick ist friedlich. In seinen Händen hält er einen Koffer aus braunem Krokodil – Leder. Darin – seine Erinnerungen. Sein ganzes Leben. Kleine, von der Zeit gelb gefärbte Kärtchen: auf diesen ist er jung, lachend – man sieht kein Leiden von der Einsamkeit.

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